Persönlichkeitsentwicklung im kommunikativen Kontext Tilman

Werbung
Persönlichkeitsentwicklung im
kommunikativen Kontext
Tilman Meynig
im Februar 2008
"Einst träumte Zhuang Zhou und wurde ein flatternder Schmetterling, heiter und
seinem Ansinnen angepasst. Er wusste nichts von Zhuang Zhou. Als er plötzlich
erwachte, war Zhuang Zhou voll und ganz da. Nun weiß man nicht, ob ein Zhuang
Zhou im Traum ein Schmetterling wird, oder ein Schmetterling im Traum ein
Zhuang Zhou. Wenn es einen Zhuang Zhou und einen Schmetterling gibt, dann
muss es einen Unterschied dazwischen geben. Dieses nennt man die Wandlung
der Dinge." (Dsi 1972, 51)
Meinen Eltern
Inhaltsverzeichnis:
Abstract(3)
I. Aufgabenstellung(4)
I.1. Persönlichkeitsentwicklung als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Arbeit und
Forschung(6)
I.2. Themenspezifische Strukturierung(8)
I.2.1. Form und Aufbau(9)
I.3. Vorgehensweise(11)
II. Das Ausgangsproblem(12)
II.1. Begriffe und Phänomene 1: Persönlichkeitsentfaltung und
Persönlichkeitsentwicklung(19)
II.1.1.
Die beiden Modelle(19)
II.1.2.
Synthese von „Entfaltung“ und „Entwicklung“(20)
II.2. Begriffe und Phänomene 2: Lernen und Sozialisation(20)
III. Neuformulierung(29)
III.1. Kommunikation als strukturelle Kopplung(33)
III.2. Verstehen und Handeln – Kommunikations-/Sprechaktmodelle(35)
III.2.1. Synthese der Kommunikationsmodelle(37)
III.3. Das System „Gesellschaft“(39)
III.3.1. Person und Identität(40)
III.3.
. Die Konstruktion der Person(42)
III.3.2.1. Entscheidung und Organisation(44)
III.3.3. Die Konstruktion der Identität(45)
III.4. Assimilisation und Akkomodation(47)
IV. Hypothese der doppelten Evidenz der Persönlichkeitsentwicklung im Bewusstsein und in
der Kommunikation(48)
IV.1. Die Personalisierung des Sozialen(48)
IV.2. Interpenetration als Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation(51)
1
IV.3. Leben und Tod(53)
IV.4. Riten 1: Funktion(54)
IV.5. Intentionalität(57)
IV.5.1. Intention, Sprache, Gesellschaft(58)
IV.5.2.
om Aufbau gesellschaftlicher Ordnungen(59)
IV.5.3.
om Aufbau zur sozialen Erscheinungsweise der Persönlichkeit(61)
IV.6. Die Transformation von Ereignissen in Kommunikation(63)
IV.7. Grenzen der Kommunikation(68)
IV.8. Kommunikation als Bewusstseinsinterpunktion(69)
IV.9. Interaktionsmedien(71)
IV.9.1. Macht(72)
IV.9.2.
Liebe(73)
IV.10. Riten 2: Kategorien(74)
IV.11. Liebe als Evidenzkriterium der Persönlichkeitsentwicklung(76)
V. Deduktion(78)
V.1. Konsequenzen und Anwendungen(78)
V.1.1. Das Nicht-Tun der Kommunikation(78)
V.2. Intuition und Vernunft(82)
V.3. Emotion und Verstand(83)
V.4. Instinkt, Intuition und Emotion(84)
V.4.1. Instinkt(84)
V.4.2. Intuition(85)
V.5. Ausblick(86)
V.6. Zusammenfassung(88)
VI. Quellenangaben(88)
Literatur(88)
Links(119)
Filme(122)
Musik(123)
2
Abstract
This paper deals with personal development in it´s social contexts. It demonstrates how personal
development works and appears in communication. Therefore there will be an analysis
implemented which is based on system-theoretical propositions of the social sciences which reveals
the reciprocal relation between consciousness and communication. The evidence of communication
will be explained in different models and under different aspects, e.g. learning and socialization,
paradoxical operations and forms of development. The constructive character of identity and reality
will be discussed in its sociobiological origins. As a result „knowledge“ will be redefined as an
intentionally directed contingent way of perceiving and acting.
It leads to the conclusion that personal development is an irreversible process which becomes
evident by the expansion of personal choices in the code of truth and love as ecological criteria.
3
I. Aufgabenstellung
Die vorliegende Untersuchung beschreibt Modelle prozesshafter1 Veränderungen der Persönlichkeit
bzw. Identität im Rahmen von Theorien des Geistes, der „Philosophy of Mind“ und neueren
epistemologischen Ansätzen (insbesondere der ursprünglich aus der Evolutionsbiologie
entstandenen Evolutionären Epistemologie, der allgemeinen und soziologischen Systemtheorie, der
Kybernetik und des Konstruktivismus). Gehen viele theoretische Ansätze von einer allgemeinen
Begriffsbildung von Identität und/oder Persönlichkeit, einer Art synchronisch dargestellten
Bestandsaufnahme des Bestehenden2 aus, so widmet sich diese Untersuchung einer konzeptuellen
Beschreibung, die die Verwendung von Zeit berücksichtigt und integriert3. Entwicklungen lassen
sich nur als kausale Verkettungen von Veränderungen unter der Bedingung des Vergehens von Zeit
beobachten. Personen als soziale Konstruktionen und Identitäten als Konstruktionen des
Bewusstseins lassen sich, und das ist ein Anliegen dieser Studie, nur im Rahmen von
Veränderungen als zeitlichen Markierungen bzw. Aktualisierungen auf Grundlage des Vergleichs
von vorher und nachher, beobachten und bezeichnen. Das macht es notwendig, dass diese Studie
interdisziplinär betrieben wird4 und auch und insbesondere reziproke Bezüge zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften herstellt. Den Anspruch bildet also weniger der Nachweis der Faktizität der
Grundlagen der hier vorgenommenen Beschreibungen oder gar der Beschreibung als solcher,
1 Lewin, Mitbegründer der Gestaltpsychologie, stellt über (Persönlichkeits-)Prozesse fest, dass „In every process the
forces in the inner and outer environment are changed by the process itself.“ (1935, 48). Aber auch die kausale
Umkehrung dieser Aussage trifft zu: „(...) forces control the course of a process.“. (Hervorhebungen durch den
Verfasser).
2 besonders deutlich bei Heidegger durch die mannigfaltige Verwendung des Begriffes des „Seins“ in
Gegenüberstellung zur „Zeit“ (Heidegger 1960), oder auch die Kategorienlehre und Ausführungen zum Apriori bei
Kant. Dabei wirkt die Heideggersche Differenzierung von So-Sein, Dasein, In-der-Welt-Sein usw. durchaus
entschleunigend und gegenwartsorientiert. Näher liegen den folgenden Ausführungen aber Ansätze wie der von
Prigogine 1992, „Vom Sein zum Werden“. So schreibt er auf S.261: „Das Sein ist in diesem Sinne mit den
Zuständen verknüpft, das Werden mit den Gesetzen, welche diese Zustände umwandeln.“.
3 Piaget (1967) geht so vor, über die Untersuchung von Prozessen zu Begriffen zu gelangen, mit denen sich
Strukturen und letzten Endes dann wieder Prozesse beschreiben lassen. Diesem Erklärungsansatz entspricht in der
erklärenden Soziologie die „Colemansche Badewanne“, in der Phänomene der Makroebene auf die Mikroebene
heruntergebrochen werden, um dort zu Verallgemeinerungen zu gelangen, mit denen sich dann wieder
Erscheinungen der Makroebene beschreiben lassen.
4 In ähnlicher Weise geht auch Bateson (Bateson 1981) vor und trennt allerdings seine Studien disziplinsspezifisch. In
dieser Studie wird im Unterschied dazu eine Synthese aus den Perspektiven und Forschungen verschiedener
Disziplinen zur Untermauerung meiner Konklusion verfolgt.
4
sondern ihre Brauchbarkeit für eine endliche und befristete Bestandsaufnahme5.
Noch vor der Eingrenzung des Gegenstandes und einer Einführung in die Terminologie dieser
Studie wird die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse nach Maturana erklärt. Die Zirkularität
seiner Gedankenführung soll in und mit dieser Untersuchung nachvollzogen werden 6, da sich die
Form der Selbstreferenz zur Verdeutlichung des Themas der Studie anbietet. Escher liefert mit
einigen seiner Bilder Veranschaulichungen dieser Zirkularität: die Ameisenmatrix „Moebius Strip
II“ oder auch das Treppenhaus „Relativitheit“ (als Auflösung von Sinn in der Form, also als
Auflösung des Raumgefüges in Funktionsgefüge rein ästhetischer Natur)7. Auch die Mythologie
liefert mit dem Bild der sich selbst verzehrenden Schlange oder der Hydra, einem Ungeheuer, das
an der Stelle jedes abgeschlagenen Kopfes jeweils zwei neue hervorbringt, bildliche
Entsprechungen von Differenzierung und Zirkularität. Allgegenwärtige Grenze dieser Prozesse
bildet die in Wittgensteins Tractatus8 beschriebene andere Seite, über die sich nur schweigen, nicht
aber reden lässt. „Wissen“ wird im Folgenden scharf unterschieden von den gleichfalls kognitiven
Ahnungen als sprachlich nicht realisierter9 Erkenntnisform ereignishaften Charakters. Manchmal
fehlen einfach nur die Worte. Worte kanalisieren und beschränken auf neuronaler Ebene die
Bewusstseinsprozesse,
deren Struktur sie bilden. Unterschiedliche
Sprachen
generieren
5 Spätestens seit der durch Kuhn (Kuhn 1962) ausgelösten Paradigmendiskussion ist diese Relativierung über die
Erstellung von Theorien notwendig geworden. Fundierender als die Erhebung von Faktizität kraft Reputation oder
gesellschaftlicher Konsensgewohnheiten erscheint dem Autoren der Verweis auf geltende Paradigmen, innerhalb
deren selbstbestätigender Logik sich eine Arbeit einfügt. So auch Deleuze / Guattari (1977), die Erklärungen und
Theorien nicht anhand ihrer „Wahrheit“, sondern anhand ihrer möglichen Verwertbarkeit beurteilen und das zum
Gegenstand/zur methodischen Vorgehensweise des Poststrukturalismus erheben. In der Konsequenz bedeutet das
nichts anderes als die Ersetzung von Strukturanalysen zugunsten von final abgeleiteten Kontingenzanalysen und
daraus gewonnenen entsprechenden Substitutionsvorschlägen. Schließlich geht sogar der Physiker Mach (1968) von
der diskursiven Konstitution von Theorien und ihrer „Wahrheiten“ aus und misst sie anhand ihres jeweiligen
Nutzens als eigentlich relevantes Kriterium der Bewertung von Theorien. So schreibt er: „Wer, wie der
Naturforscher, das menschliche psychische Individuum nicht als ein der Natur gegenüberstehendes isoliertes
Fremdes, sondern als einen Teil der Natur auffaßt, wer das sinnlich-physische und das Vorstellungsgeschehen als
ein untrennbares Ganzes ansieht, wird sich nicht wundern, daß das Ganze nicht durch den Teil zu erschöpfen ist.“
(459). Und noch vorher stellt er die Frage, ob „nun die Naturgesetze als bloße subjektive Vorschriften für die
Erwartung des Beobachters, an welche die Wirklichkeit nicht gebunden ist, wertlos [sind]? Keineswegs! Denn,
wenn auch der Erwartung nur innerhalb gewisser Grenzen von der sinnlichen Wirklichkeit entsprochen wird, so hat
sich erstere doch vielfach als richtig bewährt, und bewährt sich täglich mehr.“ (458).
6 Unabhängig von Maturana hat auch Spencer-Brown (Spencer-Brown, 1997) diese Zirkularität in seinem
Formenkalkül vollzogen. Aufgrund der Linearität der herrschenden Lese- und Denkgewohnheiten mag die Lektüre
dadurch ungewohnt und anstrengend erscheinen. Zur Unterstreichung, Herstellung von Einheitlichkeit in Form und
Inhalt und für ein konsequentes Vorgehen bei der Durchführung der Untersuchung hält es der Autor für erforderlich.
7 Escher 2006, 40 und 67 (siehe Anhang). Weitere Beispiele: die Kompositionen Johann Sebastian Bachs und die
Mathematik Gödels in Hofstadter (1979).
8 Wittgenstein (1984, 85).
9 So gibt es in der Mayasprache (León-Portilla 1988) kein Wort für Zeit. Allerdings gibt es dazu funktionale
Entsprechungen, beispielsweise zu Vereinbarungen von Verabredungen u.ä.. Das „Wissen“ der alten Maya war
sprachlich anders strukturiert und die Bedeutung eines hochabstrahierten Begriffes wie „Zeit“ ist anhand ihres
Gebrauches und ihrer Lösung in der Beschreibung von Phänomenen, die sie zusammenfasst, zu rekonstruieren. Erst
damit sind Übersetzungen und Abstimmungen eines semantischen Bereiches über die „Zeit“ aufstellbar.
5
unterschiedliche Strukturen, wie auch umgekehrt unterschiedliche Semiosphären 10 unterschiedliche
Sprachen und unterschiedliches Sprechen generieren. Das bedeutet aber nicht, dass sich darüber
nicht reden lässt, wofür es in einer Sprache noch nicht die Worte gibt, deren Beschränkungen die
neugewonnenen Freiheiten nicht betreffen. Wird die Erlangung der Sprache als Fortsetzung von
Verhaltenskoordinierungen11 betrachtet, dann ist Sprache im Kognitionsprozess etwas Motorisches,
das die ganze physische Ausformung der Existenz (inklusive der Wahrnehmungskanäle 12 und ordnungen) umfasst. Mindell geht davon aus, dass die Sinne Medien für Ereignisse primär nichtoder vorsprachlicher Natur bilden, die erst zu einem relativ späten Zeitpunkt des
Kognitionsprozesses zu Bedeutungseinheiten synthetisiert werden. Das Wesen der Worte besteht
somit in seiner Kontingenz und das Wesen der (geistigen) Freiheit in der latenten Mitpräsenz
kognitiver
Strukturen
als
Bedingung
der
Möglichkeit
genannter
kontingenter
Verbalisationsprozesse und, damit einhergehend, der sinnhaften Konstitution des Erlebens. Die
lateralen Abläufe, die hier als in den Wahrnehmungskanälen ablaufende Ereignisse bezeichnet
werden, trotzen den Beschreibungen der sie stets voraussetzenden Verbalgerinnungen und
unterstützen die prägnante Formulierung Wittgensteins 13. Allerdings lassen sie sich als
elektrochemische Wellen und Stimulationen durchaus beobachten, wenn auch auf einer Ebene, die
nicht in der Lage ist, sie von anderen (elektrochemischen) Abläufen zu differenzieren und somit als
10 Lotman 1990, zit. nach Artikel Juri Michailowitsch Lotman. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand:
5.
Dezember
2007,
18:25
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Juri_Michailowitsch_Lotman&oldid=39726404 (Abgerufen: 1. Februar
2008, 15:17 UTC).
11 So Piaget 1967, 46, „III. Die Rückführung des Höheren auf das Niedere. (...) Dieser Aufbau oder diese Konstruktion
[der Intelligenz] kennt keine Grenzen (vgl. die unerschöpfliche Fülle der logisch-mathematischen Schemata), ist
aber gleichzeitig einer inneren Organisation verpflichtet, die nicht einfach die Eigenschaften des Objekts
widerspiegelt, sondern vor allem die der Verhaltenskoordinationen.“) und auch Maturana (1994, 209: „Sprache ist
eine Form, Verhalten zu koordinieren.“ Oder Maturana 1985, 55: „Sprachliches Verhalten ist
Orientierungsverhalten; es orientiert den zu Orientierenden innerhalb seines kognitiven Bereiches auf Interaktionen
hin, die unabhängig sind von der Art der orientierenden Interaktionen selbst.“ Und weiter (60): „Natürliche Sprache
ist entstanden als ein neuer Interaktionsbereich, in dem der Organismus durch die Beschreibungen seiner
Interaktionen modifiziert wird. Diese Beschreibungen werden durch Aktivitätszustände des Nervensystems
verkörpert und die Evolution des Organismus wird somit seinen Interaktionen in den Bereichen der Beobachtung
und des (Ich-)Bewußtseins unterworfen.“).
12 So genannt von Mindell, dem Begründer der prozessorientierten Psychologie (1992, 38/55/96 und 1987, 58/59).
Mehr noch geht er davon aus, „daß die Seele des Körpers, der Traumkörper, ein mehrkanaliger Sender ist, der durch
Träume, Körpersymptome und Beziehungsprobleme Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versucht.“ Mindell 1988,
77 (Hervorhebungen durch den Autor).
13 Die Unerreichbarkeit dessen, über das sich nur schweigen lässt, thematisieren auch Fuchs und Luhmann in ganz
anderer Weise in „Reden und Schweigen“ und „Die Religion der Gesellschaft“ (Luhmann 2000, 129 „Jede
Behauptung eines unterscheidungsfrei gegebenen Sinnes (zum Beispiel: eines unnegierbaren Sinnes) läuft demnach
auf eine Paradoxie hinaus. Es wird Sinn behauptet, den es im Medium Sinn nicht geben kann.“ Oder auch: 127:
„Bemerkenswert bleibt, daß die Paradoxie der Einheit des durch den Code different Gesetzten auftaucht und über
den negativen Wert des Codes, über den Reflektionswert, über die Transzendenz aufgelöst wird.“) und „Funktion der
Religion“. Luhmann stellt dabei auf die Einheit der Unterscheidung von Immanentem und Transzendentem ab, die
er als Ausgangsgedanken für eine systemtheoretisch angelegte Beschreibung von Kommunikation innerhalb der
Religionen zugrundelegt. Diese bezeichnet er aufgrund ihrer Unterdrückung auch anders anlegbarer
Unterscheidungsmöglichkeiten als „Kontingenzformel Gott“ (Luhmann 2000, 147-87).
6
irgendwie spezifisch zu charakterisieren.
I.1. Persönlichkeitsentwicklung als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Arbeit und
Forschung
Die
Cognitive
Sciences
geisteswissenschaftlicher
bilden
etwas
wie
einen
großen
Schmelztiegel
Epistemologien.
Die
Kulturwissenschaften
hingegen
natur-
und
schließen
naturwissenschaftliche Ansätze nicht explizit ein. Allerdings ermöglicht die scharfe inter- und
intradisziplinäre Grenzziehung der Kulturwissenschaften eine Form von Korrespondenz zwischen
den Disziplinen, die in den synthetisierenden Cognitive Sciences konzeptuell nicht realisiert werden
kann. Seit Knorr-Cetinas Untersuchungen14 setzt sich mehr und mehr die Perspektive durch, die
Naturwissenschaften nicht als Gegensatz zu den Geisteswissenschaften zu begreifen, sondern als
ethnographisches Feld, sprich als kulturell eigenständiges Milieu, das in der Anwendung seiner
Methodik strenger, in der Überprüfung der in die Arbeit einfließenden Vorannahmen lockerer
operiert als im geisteswissenschaftlichen Milieu15. Insofern ermöglicht es die Kulturwissenschaft,
den Standpunkt des Beobachters in seiner Genese und der durch seine Beobachtung erfolgenden
Modifikation des Beobachteten in den Vordergrund ihrer Disziplin16 zu stellen, was die
Voraussetzung für die vorliegende Studie bildet. Die Arbeit an Prämissen und an
(Kor)relationshypothesen bildet die eigentliche Grundlage für den Versuch der Eingrenzung und
14 Knorr-Cetina (1984).
15 Diese Aussage wird sogar durch Sokals Kritik (Sokal/Bricmont 1998) an geisteswissenschaftlichen Arbeiten der
„Postmoderne“ gestützt. So bemängelt er insbesondere die schwammige Terminologie und generalisierende
Phrasen, die mehrdeutige und beliebige Sinnzusammenhänge zulassen und von der Unkenntnis ihrer Autoren
zeugen würden (Sokal 1998, 229-245). Er übersieht dabei, dass das Studium eines philosophischen Werkes andere
Mittel gelten lässt als die Durchführung(!) eines naturwissenschaftlichen Experimentes. Andere Mittel, andere
Ergebnisse und andere Relevanzen im an und für sich gleichen Medium (Wahrheit). Kreatives Denken bemüht er
sogar selbst („Sokal-Joke“, Sokal 1998, 262ff.), wenngleich ohne explizite Würdigung desselben, was aber die
Grundlage für jede wissenschaftliche Erkenntnis bildet. Besser hat Maturana den Voraussetzungsreichtum
naturwissenschaftlichen Arbeitens reflektiert: durch die Implikation des Standpunktes des Beobachters innerhalb der
naturwissenschaftlichen Forschung denkt er die soziokulturellen Ausgangsbedingungen der die Naturwissenschaft
betreibenden Akteure mit. Im Übrigen sind die von Sokal nichtsdestotrotz teils treffend beschriebenen
Ausdrucksmittel geisteswissenschaftlicher Arbeiten nicht per sé verwerflich. Über die Bedingungen und
Bedeutungen einer mehrdeutigen Sprache äußert sich beispielsweise Adorno im Falle Hegels (Adorno 1996, 326376) auf S. 329: „Die isolierten Momente gehen eben doch nur darum über sich hinaus, weil die Identität von
Subjekt und Objekt schon vorgedacht ist. Die Relevanz der Einzelanalysen wird immer wieder vom abstrakten
Primat des Ganzen gebrochen.“. Und auf S.336: „Weil es nie unmittelbar sich sagen lässt, weil jedes Unmittelbare
falsch – und darum im Ausdruck notwendig unklar – ist, sagt er [Hegel] es unermüdlich vermittelt.“. Statt also das
zu Erklärende zu erklären legt Hegel es demnach darauf an, die wechselseitigen Bezüge von Erklärendem und
Erklärtem (in der Terminologie Oppenheims) aufzuzeigen, um damit die Subjekt-Objekt-Spaltung
naturwissenschaftlicher Erklärungsansätze zu umgehen. Interessanterweise benutzt Sokal bereits für den Buchtitel
unkritisch den umstrittenen Begriff der „Postmoderne“ und subsummiert darunter auch Autoren des beginnenden
20.Jahrhunderts.
16 Kroeber und Kluckhohn (1952) geben alleine schon eine Auswahl von 164 Kulturdefinitionen. Die aktuell auf der
Homepage der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Viadrina verwendete von Cassirer (http://www.kuwi.euvfrankfurt-o.de/de/index.html, 19.11.07) betrachtet Kulturen unter dem Nenner ihres funktionalen Bezuges.
7
Bestimmung
der
Kausalfaktoren
Untersuchungsgegenstände,
wie
von
sie
Phänomenen
vom
Lehrstuhl
im
für
Sinne
wissenschaftlicher
Philosophische
Grundlagen
Kulturwissenschaftlicher Analyse wahrgenommen wird. Die Beibehaltung von Subdisziplinen in
den Kulturwissenschaften erleichtert deren Sondierung und Inanspruchnahme für die Ausarbeitung
wissenschaftlicher Beiträge17.
Dem gegenüber erweist sich nach von Glasersfeld die Kybernetik als eine Art Metawissenschaft
nicht disziplinär zu- oder beizuordnen18. Vielmehr stellt sie Theorien und Methoden für alle
Disziplinen bereit und erkennt darin auch ihre Aufgabe. Insofern kann auch der von Rickert
konstatierte Unterschied von Kulturwissenschaften als idiographisch, besonders, und von
Naturwissenschaften als nomothetisch, allgemein, als überholt angesehen werden19. Die Kybernetik
bzw. Systemtheorie stellt für die Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen valide
Theoriegrundlagen und Termini bereit. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Art der
Fragestellung die naturwissenschaftliche Forschung und ihre möglichen Ergebnisse bereits enthält,
ist auch hier Kreativität im Denken der jeweiligen Forscher gefragt. Darüber hinaus halte ich es im
Hinblick auf die gegen unendlich gehende mögliche Generierung von Wissen für unangemessen,
Forschungen allein inhaltlich und anhand ihres Beitrages im und für den aktuellen Diskurs zu
bestimmen
und
seine
Einfügung
in
das
herrschende
(Wissenschafts-)Paradigma
und
gesamtgesellschaftliche Werden, also alles übrige und weitere, auszublenden20.
I.2. Themenspezifische Strukturierung
Das Thema speziell dieser Untersuchung ist allgemein genug gehalten, unterschiedlichste Ansätze
zulassen zu können und andererseits konkret genug, auf den kybernetischen Charakter ihrer
Ausgangskonzeption hinzuweisen. Weiter stellt diese Untersuchung als solche exemplarisch eine
Selbstreferenz auf, die wissenschaftlich hergeleitet und in ihrer Kontingenz begründet und
17 Ute Daniel (2006, 13; 25) verdeutlicht die Vorteile im Umkehrschluss von der Öffnung der Subdisziplinen (in ihrem
Fall: Kulturgeschichte) gegenüber der allgemeinen Kulturwissenschaft. (25: „...der Erkenntnis nämlich, den ein
Verbleiben in den jeweils eigenen disziplinären vier Wänden gewährt, erkauft würde mit der Unfähigkeit, sich selbst
ein Bild zu machen, wie der Bau, den man professionell bewohnt, von außen aussieht und in welcher Landschaft
und auf welchen Fundamenten er errichtet worden ist.“).
18 Von Glasersfeld (1995, 147 und 1992, 144) zitiert dazu Piaget, „Die Intelligenz organisiert die Welt, indem sie sich
selbst organisiert.“ Die Fragestellung der Selbstreferenz/Selbstregulation kennzeichnet die moderne Kybernetik als
einer Wissenschaft zweiter Ordnung. Es ließe sich auch sagen, dass die Kybernetik eine Modalwissenschaft ist, in
der die Frage nach dem „Was“ durch die Frage nach dem „Wie“ ersetzt, oder doch zumindest vorgeordnet wird.
19 Rickert (1986, 8) selbst hat diese Gegenüberstellung mit Vorsicht gebraucht und sie als relative, graduelle
Abstufungen betrachtet, als Pole, zwischen denen sich die wissenschaftliche Forschung bewegt. Insofern verweist er
auf eine individualisierende und eine generalisierende Methode als Organisationsformen wissenschaftlichen
Arbeitens.
20 Der Physiker Carl-Friedrich von Weizsäcker (2002) wies z.B. nachdrücklich auf die Verantwortung der
Wissenschaften für die aus ihren Entwicklungen und Entdeckungen resultierenden technologischen Anwendungen
hin, konkret z.B. der Physik für die Atombombe.
8
ausformuliert ist. Sie erhebt den Anspruch, sowohl ein stringentes Gerüst für eine
Kontextualisierung
möglicher
Persönlichkeitsentwicklungen
bereitzustellen,
als
auch
als
Katalysemechanismus dergleichen auf der Annahme kognitiver, adaptativ gerichteter und zirkulär
evoluierender Selbstreproduktionen einsetzbar zu sein. Sie ist selbst ein Teil dessen, was sie
beschreibt. Somit lässt sich die Studie in zweierlei Hinsicht lesen: als den Konventionen des
Binnensystems Wissenschaft entsprechende Abhandlung, die bestimmten, noch zu definierenden
Wahrheitskriterien unterworfen ist und auch als Geschichte ihrer eigenen Hervorbringung, als
Mysterium eines Universums, in das sie als sprachliche Endlichkeit ihrer existenzstiftenden
Paradoxien eingeschlossen ist und das sie letztlich nicht wird erklären, wohl aber spüren lassen
können. Dieses zu leisten sind Worte durchaus in der Lage, was im Bereich der Poesie und Literatur
auch gewusst wird21. Der Philosoph Gaston Bachelard betrachtete sowohl Wissenschaft als auch
Kunst als divergierende Möglichkeiten, Methoden und Formen menschlichen Wachstums im Sinne
einer Sensibilisierung für und Praxis von neuartigen Unterscheidungsvollzügen22. Und auch Bieri
sondiert zwischen der Philosophie als einer Inszenierung der Gedanken und der Literatur (Poesie,
Kunst usw.) als einer Vergegenwärtigung von Erfahrung23 als zwei Bereichen, die einander
ergänzen. Eine Form, die beides nicht kombiniert, aber beiden Bereichen zu entsprechen in der
Lage ist, soll die systemtheoretische Auffassung von Wahrheit als Kommunikationsstil und mittel24 verdeutlichen. Damit wird im Erfolgsfall eine Verbindlichkeit der Behandlung ihrer
Themen erreicht, die sich ihrer Grenzen bewusst ist.
I.2.1. Form und Aufbau
21 Vgl. Serres 1987. Der Baron von Münchhausen (vgl. Watzlawick 1985) gibt diesbezüglich eine ebenso klare wie
radikale Linie vor. Die Gesetze von Zeit und Raum, deren Relativität sich unserem Bewusstsein durch die
Zuschreibung der menschlichen Existenz in die vierte Dimension entzieht, werden in voller Absicht außer Kraft
gesetzt und der immer intentional angelegten Erinnerungs- und Repräsentationstätigkeit kommunikativ unterworfen.
Metaphern wie die des „Sich-selbst-aus-dem-Sumpf-Ziehens“ fließen in erfolgreiche therapeutische
Interventionsarbeit ein, die darauf abzielt, den Klienten aus den sich selbst bestätigenden Denk- und
Verhaltensstrukturen zu befreien (vgl. Luhmann / Fuchs 2008, über die Erlangung personaler Freiheit durch
kommunikatives „Paradoxieren“ im Zen (Fuchs) und in der Mystik (Luhmann)). Prägnant formuliert es auch der
seinen Mord vor sich selbst verleugnende Täter in David Lynchs „Lost Highway“: auf die Frage der Polizei,
weshalb er denn die im Haus installierten Videokameras nicht aktivieren würde antwortet er, dass er die eigene
Erinnerung an die Ereignisse als wesentlicher empfindet als die tatsächlichen Umstände ihres Auftretens. Auch die
juristische Aussagekraft stützt sich auf eine ähnliche Priorisierung der Erinnerung vor technisch reproduzierten
Aufzeichnungen. Zur Wirkung von Worten bzw. Zeichen siehe auch Bergen 2000, 168.
22 Den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Kunst beschreibt Bachelard (1988, 9) als den zwischen Vernunft
und Spiel/Experiment: „Wenn sie [die wissenschaftliche Tätigkeit] experimentiert, muß sie auf Vernunftgründe
zurückgreifen; wenn sie von Vernunfterwägungen ausgeht, muß sie experimentieren.“.
23 Deleuze (in Balke/Vogl 1996, 25) geht sogar noch weiter: „Wichtiger als der Gedanke ist das, >was zu denken
gibt<; wichtiger als der Philosoph ist der Dichter.“.
24 Vgl. Luhmann 1992, 241ff. Vergleichbar auch mit Lyotard (1986), der dem szientistischen Wissen der Wissenschaft
mit ungeklärter Legitimation (76) das narrative Wissen mit Selbst- bzw. Alltags- und konversationskontextueller
Legitimation gegenüberstellt (63) und für das szientistische Wissen bestimmte Legitimationserzählungen vorschlägt
(96, 123).
9
Die Fußnoten erfüllen in dieser Studie die Funktion der Veranschaulichung und Spezifizierung
bestimmter Gedanken. Außerdem verweisen sie auf Quellen und weiterführende Forschungen.
Überdies finden sich in den Fußnoten Zitate, die aus strukturellen Gründen im Text keinen Platz
fanden und als Fußnote den Lesefluss zumindest nicht behindern.
Der Bezug der wesentlichen in den Literaturangaben aufgeführten Werke zu dem Thema dieser
Untersuchung wird jeweils durch eine kurze Erläuterung verdeutlicht. Da auch im Text auf jede
Angabe mindestens einmal verwiesen wird, ist somit eine wechselseitige Referenz hergestellt, die
die Einordnung der Untersuchung in ihrer wissenschaftlichen „Nische“ plausibilisiert. Ziel ist es,
die Studie in ihren Bezügen auf die sie speisenden Quellen soweit als möglich transparent zu
gestalten und eine gedankliche Tiefe und Dichte zu erreichen, die nicht auf Kosten ihrer Klarheit
entsteht. Zirkularität und Reziprozität sind nicht nur Themen der Studie, sondern auch Bedingungen
ihres Zustandekommens und Merkmale ihres intendierten kohärenten Aufbaus. Die Untersuchung
wird dadurch gewissermaßen exemplarisch zum Anwendungsfall der hier vorgestellten und
zusammengeführten Theorien.
Der Autor achtet auf sprachliche Dissoziiertheit zu der Studie. Dies soll nicht nur dem
Rezipierenden ermöglichen, das Thema als wissenschaftliche Vorstellung zu erleben, sondern auch
und
vor
allem
eine
Objektivierung
der
vorgestellten
Gedanken
als
Grundlage
des
wissenschaftlichen Interaktionsmodus herzustellen25. Dies hält der Autor umso mehr für notwendig,
da
kybernetische
Überlegungen
zentralistische
Perspektiven
ausschließen 26.
Die
Standpunktgebundenheit des Beobachters und die aus ihm resultierende Relativität seiner
Observationsoperationen bedeutet nicht, dass die von ihm kombinierten und examinierten
Wahrheiten keine Objektivität besitzen könnten. Die Trag- oder Reichweite der Objektivität
besagter Wahrheiten bildet den Gegenstand jedweder wissenschaftlichen Forschung, der sich diese
Studie unterwirft und zu der sie ihren bescheidenen Anteil beitragen möchte. Objektivität wird nicht
in Frage gestellt, wohl aber gründlich in ihren Konstitutionsbedingungen untersucht. Objektivierung
ist eine notwendige Bedingung einer Kontextualisierung der Beobachtung und des Erlebens von
Persönlichkeitsentwicklungen.
Der Autor möchte die Erlebens-und Erfahrungsebene nicht ausschließen27. Im Gegenteil wird ein
Großteil der vorgestellten Untersuchung dafür verwendet, die Bedingungen dieser Ebenen zu
25 Ausgehend von der Peirceschen Zeichentriade (Peirce 1991, 43-63, Bergen 2000, 179, weiter unten) und des von
ihm erklärten Semioseprozesses bezieht der Autor mögliche Wirkungen des von ihm Kommunizierten in seine
Überlegungen mit ein.
26 Wie ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends ist (Nach Blaise Pascals Beschreibung des
Weltalls). Siehe auch Eschers Werk „Relativiteit“. Bergson (1912) betont die Wichtigkeit der Peripherie als
Bedingung der Möglichkeit des Verständnisses des Zentralen.
27 „Science is violence when negating the experience in favor of a translation which attempts to separate observing
from the experience to objectify.“ gefunden auf: http://youtube.com/watch?v=GKwtaCXEM5E (06.11.07).
10
klären. Ziel ist es, eine Beschreibung anzufertigen, die sich als Interaktionsrahmen für
Komplexitätsreduktionen bei kontinuierendem Strukturdrifting verwenden lässt, also wie eine Art
Landkarte28. Daher ist die zugrunde gelegte Leitunterscheidung nicht die Trennung von
Beobachtung und Erfahrung, sondern die von Erscheinung und Wesen (oder Synthese), die aus der
Phänomenologie Edmund Husserls stammt29. Beobachtung und Erfahrung verschmelzen zu ein und
derselben Operation, da das Beobachtete durch die Art der Beobachtung entsteht, die sich aus der
Erfahrung als habitualisierten Verhaltenskoordinationen ergibt.
I.3. Vorgehensweise
Die Vorgehensweise orientiert sich, wie oben angegeben, an Maturanas Definition. Dazu gehört in
der ersten Phase die Auswahl eines zu erklärenden Phänomens und die Beschreibung des
Kontextes, die es etabliert und gegenüber anderem abgrenzt. Im zweiten Schritt wird eine
Neuformulierung des Phänomens auf der Grundlage eines angenommenen generativen
Mechanismus (Hypothese) vorgenommen, die es hervorbringt. Darauf folgt eine Art
Generalisierung oder logische Schlussfolgerung, die durch die Annahme des generativen
Mechanismus als verursachender Faktor zu gelten hat und im vierten Schritt dann die entsprechende
Übertragung auf andere Fälle, auf die es auch zutrifft. Poppers Aussage30 von der Unmöglichkeit
der Verifikation von Theorien steht dazu insofern nicht im Widerspruch, als dass verursachende
Faktoren andere verursachende Faktoren nicht ausschließen und der Beweis eines Zusammenhanges
zwischen Ursachen und Wirkungen für sich Geltung besitzt, ohne die Richtigkeit einer Theorie als
Reflektionen zweiter Ordnung endgültig belegen (wohl aber sie in Frage stellen) zu können, die die
Hypothese dieses Zusammenhanges überhaupt erst nahe legte31. Anspruch auf Geltung erlangt eine
Theorie also nicht nur durch erfolgreich vollzogenes Induzieren (Schritt 1 und 2) und Deduzieren
28 Lewis Carroll (Schindehütte 1993, 106) schildert ein Krockett-Spiel, dessen Schläger und Kugeln Tiere sind, die
auch ein eigenes Leben führen. Für eine „interaktive“ Landkarte des Geistes im Sinne von Kohonens
„Selforganizing Maps“ (Kohonen 2001, 99, „Brain Maps“) oder Minskys „Society of Mind“ einer Mehrzahl quasi
autonom agierender Agenten als Ausführender der mentalen Apparates ist das eine treffende Parabel.
29 Die sogenannte „Eidetische Reduktion“ Husserls beschäftigt sich insofern damit, Erscheinungen auf ihr Wesen
zurückzuführen
und
auf
diese
Weise
Erkenntniskategorien
zu
identifizieren
(Vgl.
dazu
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Eidetische_Reduktion&oldid=34747240).
30 Popper (1997, 397) ersetzt unter Bezugnahme auf Carnap den Begriff „Verifizierbarkeit“ durch den der
„Prüfbarkeit“. Psychologisch betrachtet es James 2001, 133: „Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns zu eigen
machen, beweisen, erhärten und verifizieren können. Falsche Vorstellungen sind solche, bei denen wir dies nicht
können. (...) Ihre [der Vorstellung] Wahrheit ist tatsächlich ein Ereignis, ein Prozess: der Prozess nämlich, in dem
sie sich selbst wahr macht, ihre Veri-fikation. Die Gültigkeit einer Vorstellung ist nichts anderes als eben dieser
Prozess des Sich-geltend-Machens oder der Validierung [valid-ation].“
31 Kuhn 1962 und Fleck 2002 geben dafür Beispiele, wie Kuhn die Einbindung der Newtonschen Gesetze in Einsteins
Relativitätstheorie, Fleck die Identifikation und Behandlungsmethoden von Krankheiten usw.
11
(Schritt 3 und 4), sondern in der Reduktion größerer Komplexität im Vergleich zu konkurrierenden
Theorien, d.h. als Erklärungsmuster eines „Mehr“ an Zusammenhängen, die im Vergleich zu
früheren quantitativ und/oder qualitativ einen größeren Erklärungswert besitzt32. Beschreiben zwei
komplexe Theorien den gleichen Sachverhalt, ist nach dem Prinzip von „Ockhams Rasiermesser“33
die im Vergleich einfachere vorzuziehen.
Um nichts Anderes geht es in der vorliegenden Studie. Die Vorteile eines solchen Vorgehens zeigen
sich im Abgleich z.B. mit der Problemlösungsmethodik des Konnektionismus34. Im ersten von vier
Schritten werden Informationen erhoben, im zweiten wird ein Modell konzipiert, dessen
Modifizierung oder vorläufige Annahme anhand von Prognosen (3) und deren mögliches Zutreffen
anhand der Prüfung der durch Testung dieses Modelles entstehenden Ergebnisse (4) vorgenommen
wird.
Maturana geht in seinem Modell über die unbestreitbar vorhandenen Strukturisomorphien beider
Modelle einen Schritt weiter und fordert die Fähigkeit eines Modelles zu Übertragungsleistungen
(Deduktion).
Wird
die
von
Kuhn
konstatierte
Paradigmenrevolution
als
eine
Art
Wissenschaftsbewusstsein methodisch zusammengezogen, ließe sich ein weiterer Schritt fordern:
jenseits
der
Deduktionen
erfolgreicher
Modelle
als
ökologisch
effizient
operierender
Reduktionsleistungen von Komplexität sollten sich vor allem Grenzen und Widersprüche als
vernachlässigte Größen entsprechender Modelle im „Ausblick“ niederschlagen. Erst dadurch lassen
sich die Leistungen wissenschaftlicher Modelle versuchsweise adäquat einschätzen. Paraphrasiert
ließe sich sagen, dass eine Untersuchung ebenso wie die Vorwegnahme bzw. Andeutung möglicher
Konsequenzen und ihrer Einordnung in den aktuell geltenden wissenschaftlichen Diskurs im
Ausblick zum Widerspruch und zum Aufbau einer kritischen Position anregen sollte.
II. Das Ausgangsproblem
Das Leben der Menschen bringt immer auch Veränderungen mit sich. Vom Standpunkt
32 Bateson spricht in diesem Zusammenhang von einem Erklärungsprinzip als einer „...konventionelle[n]
Übereinkunft zwischen Wissenschaftlern, die dazu dient, an einem bestimmten Punkt mit dem Erklären der Dinge
aufzuhören.“ (Bateson 1981, 74) und in Anlehnung an Whitehead von dem „Fehlschluss der unangebrachten
Konkretheit“ (Bateson 1981, 102). Dieser besteht darin, Theorien geringerer Komplexität zur Erklärung von
Phänomenen größerer Komplexität zu verwenden, d.h. im Grunde nichts anderes, als zu vereinfachen. Als Beispiel
führt Bateson die Einseitigkeiten des marxistischen Historismus an.
33 Bateson 1997, 38.
34 Vgl. Dorffner 1991, 405. Eine besondere Schwierigkeit bei der Modellierung von Kognitionsprozessen bilden die
Intuitionen, die die künstliche Simulation natürlicher Verhältnisse nach wie vor behindern. Dem gegenüber können
Assoziationsvorgänge inzwischen mathematisch und informatisch nachgebildet werden. Siehe auch Kohonen 2001
und Kohonen 1977, 1, „On the Physical Embodiment of Associative Information Structure“ und 3, „Relational
Structure of Knowledge“.
12
beispielsweise des Buddhismus35 ist das Leben / das Sein in ständigem Wandel begriffen 36. Als
erleuchtend werden die Augenblicke erlebt, in denen die Wandlung als solche identitätsstiftend
erfahren wird37.
Eine Welt, die sich, inzwischen auch gestützt auf Erkenntnisse der Quantenphysik 38 und
Chaostheorie39, in Erscheinungen und Illusionen von Endlichkeiten und festen Formen auflöst, ist
der Wandel die einzige Konstante. Sie liegt dem Erleben einer jeden Realität zugrunde und stellt als
Voraussetzung Bedingungen für das Erleben und der Selektion von als beständig und im Wandel
Begriffenem auf.
Gemäß den kybernetischen Grundsätzen von Foersters40 können Wandlungen und Entwicklungen
nur als die Beschreibung eines Beobachters zwischen mindestens zwei Zeitpunkten (bei
35 Mit dem Anatta wird im Buddhismus beispielsweise die Nichtexistenz eines unveränderbaren Ich bezeichnet.
Demnach existiert das Bewusstsein und alles durch das Bewusstsein Konstituierte wie Identität, Welt usw. in
Abhängigkeit von Bedingungen, die ihrerseits stetigem Wandel unterworfen sind. An dieser Stelle werden in einer
bemerkenswerten Analogie zur Kybernetik Subjekt-Objekt-Modelle durch Relationen, bzw. in der buddhistischen
Terminologie durch Bindungen dargestellt. Diese Bindungstypen nennen sich Skandhas und teilen sich ein in
Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesformation und Bewusstsein (Artikel Anatta. In: Wikipedia, Die
freie
Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand:
28.
Januar
2008,
22:05
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Anatta&oldid=41780132 (Abgerufen: 18. Februar 2008, 12:11 UTC) und
Artikel Skandhas. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. Dezember 2007, 19:08 UTC.
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Skandhas&oldid=40030873 (Abgerufen: 18. Februar 2008, 12:13
UTC)).
36 Und auch vom Standpunkt eines Bewusstseinstheoretikers wie William James (2006, 32): „Persönliche Geschichten
sind Prozesse der Veränderung in der Zeit, und die Veränderung selbst ist eines jener Dinge, die unmittelbar
erfahren werden. >Veränderung< meint hier ununterbrochenen Übergang im Gegensatz zum unterbrochenen. (...)
der ununterbrochene Übergang ist eine Art der verbindenden Beziehung (...).“. Bergson (1948, 177) schreibt:
„Bemühen wir uns dagegen, die Veränderung, so wie sie ist, wahrzunehmen, in ihrer natürlichen Unteilbarkeit, so
sehen wir, daß sie die Substanz selbst der Dinge ist.“.
37 Dennett (1996) geht z.B. davon aus, dass das Selbst in ständigem Wandel begriffen ist. Von dieser Warte aus bringt
er die Theorie verschiedener „Minds“ ins Spiel. Ganz ähnlich, bloß empirisch greifbarer, auch Keifenheim (2000,
73-81) über die Seelenwelt der Kashinawa-Indianer, die glauben, dass der Körper von mehreren Geistern beseelt sei
und Merleau-Ponty 2003, 277, über „die assoziierten Leiber“. Konstant bleibt demnach einzig die Leibeskonzeption
(bzw. bei den Kashinawas das shinan als integrierendes Bewusstsein) hinter dem Handeln und Erleben. Dass auch
der Leib selbst sich wandelt und mit ihm die Bedingungen für Handeln und Erleben, schließt diese Konzeption
ausdrücklich ein. Auch Metzinger (2004) geht davon aus, dass es kein einziges „Selbst“ gibt und dass das jeweilige
phänomenale (bzw. emergente) Selbst in einem fortschreitenden Prozess zu sehen ist. Insofern spricht Metzinger
von einem transparenten Selbst-Modell. Schließlich geht auch Gebser (1986, 672 ff.) von Kontinuität als etwas
nachträglich in das Geschehen Hineinkonstruiertem und somit von einer kontingenten Interpunktion von
Übergängen aus.
38 Dazu Prigogine 1992, 263: „Sie [die Welt] ist eine Welt der Ungewißheit, aber auch eine Welt, in der das Handeln
des Einzelnen nicht notwendig zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, eine Welt, die nicht durch eine einzige
Wahrheit zu beschreiben ist.“
39 Walter 1992, 54 schreibt: „Beiden Systemen – dem genetischen Code wie dem I Ging - ist ein Paradigma
gemeinsam: deterministisches, komplementäres Chaos.“ Und auf S.21: „In dem scheinbar zufälligen Chaos von
Ereignissen verbirgt sich ein fraktales Muster, das dafür sorgt, daß sich die Ereignisse dynamisch bis in alle
Ewigkeit fortsetzen.“ Dieses Chaos „hat seine eigenen Wahrheiten: (...) ein zyklisches Verhalten, bei dem ein
Muster beständig mit minimaler Variation wiederholt wird; eine gestufte Ordnung bewirkt, daß ein Muster ins
nächstgrößere paßt wie ineinandergestellte Schachteln.“(29).
40 „1. Beobachtungen sind nicht absolut, sondern relativ zum Standpunkt eines Beobachters (d.h. relativ zu seinem
Koordinatensystem: Einstein); 2. Beobachtungen beeinflussen das Beobachtete und machen so jede Hoffnung des
Beobachters zunichte, Vorhersagen treffen zu können (d.h. seine Unsicherheit ist absolut: Heisenberg).“ (Von
Foerster 1985, 81). Anders ausgedrückt: „Objectivity is the delusion that observations could be made without an
observer.“ (Von Foerster zit. nach von Glasersfeld 1995, v).
13
Entwicklungen
über
Zeiträume)
zum
Gegenstand
einer
wissenschaftlich
geführten
Auseinandersetzung werden. Beobachtungen dieser Art betreffen in Bezug auf die Entwicklung der
Persönlichkeit im Allgemeinen die Physiologie (Genesen wie von der Kindheit zur Adoleszenz,
also Veränderungen der Körpergröße, Motorik usw. und Modifikationen wie Piercings, Tattoos,
Haarschnitte usw.) und das Verhalten/die Kommunikation (wobei hier zwischen Lern- und
Anwendungsverhalten unterschieden werden kann). Beides lässt sich allerdings nicht gänzlich
voneinander separieren41 und dient vor allem dem Zwecke der Veranschaulichung und Übersicht.
Bevor diese Unterscheidung jedoch wieder aufgegeben wird, soll eine andere Art der
Darstellungsweise aufgezeigt werden, die auch die Annahme der Unterscheidung von Genese und
Modifikation einschließt.
Unter dem gleichen Vorbehalt läuft auch die Unterscheidung von willentlich induzierten und
unwillkürlich ablaufenden Entwicklungen. Auch hier wird sich zeigen, dass Ereignis, Handlung und
Erleben mitnichten über den Vollzug der Einteilung in bewusst/unbewusst, die auf die klassische
Psychoanalyse zurückgeht42, in Opposition zueinander stehen als vielmehr als graduelle
Variationen, wie die Farben innerhalb des Spektrums des Regenbogens, zu bewerten sind.
Einen weiteren Bereich der alltagsweltlichen Phänomenologie bilden die Anlässe, die eine
Veränderung induzieren und irgendwie die Persönlichkeitsentwicklung beeeinflussen. Auch hier
wird zunächst unterschieden zwischen soziopersonalen (kommunikativ katalysierten) Fällen, unter
die sich auch Unfälle, Zufälle u.ä. subsummieren, da sie erst in der neuronalen Verarbeitung eine
eigenständige Realität innerhalb des neuronalen Trägersystems erlangen, die eine solche
Kategorisierung ermöglicht43, und den physikalischen Dispositionen44, die prä- bzw. averbal
41 Die Beziehungen zwischen Genese und Modifikation werden insbesondere von Foucault (1994) untersucht. Er geht
von der Instrumentalisierung der Technik zur Disziplinierung der Körper aus (wie in der Architektur beispielhaft
Benthams Panopticon (1994, 251-295). Das Beispiel veranschaulicht auch die Wirkung der Möglichkeit von
Beobachtung auf das Verhalten von Menschen, Wirkungen, die die Unterscheidung von Intimität und Öffentlichkeit
etablieren.). Die Sozialisation steht aus diesem Blickwinkel in einer buchstäblich bezeichnenden Vormachtstellung
gegenüber den genetischen Dispositionen. Die hier eingeführte Unterscheidung schmilzt dadurch im Hinblick auf
die Veränderung von Verhaltenskoordinationen aufgrund von technischen Eingriffen. Es gibt genügend Menschen,
die ohne physiologische Notwendigkeit z.B. mit dem Tragen von Cowboystiefeln auch ihren Gang, ihre Art zu
rauchen und zu sprechen bis hin zu den Bewegungen des Kaugummis im Mund modifizieren. Der Künstler und
Robotiker Arcadiou („Stelarc“) entwickelt in diesem Zusammenhang über die Beziehung von technisch
verlängerten, körperlichen Disziplinierungstechniken des Bewusstseins und der Kommunikation eine Vielzahl von
Performances (siehe Homepage http://www.stelarc.va.com.au/).
42 die ebenfalls häufig dem Fehlschluss der unangebrachten Konkretheit (siehe Anm.) unterliegt. Ein missglückter
Versuch, die psychoanalytischen Axiome unter Rückgriff auf Freud und Lacan in die Systemtheorie einzuflechten,
findet sich in Fuchs (1998). Nach Fuchs eigener Einschätzung ein „Schlingschlangbuch“ (Fuchs 1998, 15) gleicht es
der Zusammensetzung eines Puzzles aus miteinander inkompatiblen Teilen unterschiedlicher Puzzles und wird
infolge dessen lediglich vom Einband zusammengehalten.
43 Rein physiologische Veränderungen, wie z.B. die Amputation eines Gliedes nach einem Unfall, werden erst durch
die Auseinandersetzung des personalen Systems damit und durch die Kommunikation der Gesellschaft über
„körperliche Herausforderungen“ für die vorliegende Untersuchung relevant.
44 wie hormonelle Veränderungen oder elektrochemischen Ausgangsbedingungen innerhalb und außerhalb des
14
wirken. Der Zusammenhang von genetisch-systemischen Vorgaben und phänotypisch evidenter
Kommunikation bildet das Kernstück dieser Untersuchung. Freiheit und Determination werden
damit zu einer Frage des Standpunktes des Beobachters.
In aktuellen Diskursen über personale Transformationen erweisen sich vor allem psychologische
Standpunkte als zunehmend problematisch: ihre transdisziplinären Entsprechungen, wie z.B. die
Mikrosoziologie in den Sozialwissenschaften und hierbei insbesondere der Rational-ChoiceAnsatz45, lösen das Individuum gänzlich aus seinen sozialen Bezügen, die sie als Handlungs- bzw.
Entscheidungsfaktoren nachträglich wieder theoretisch hineinkonstruieren. Entsprechende Theorien
verlieren damit nicht nur ihre intuitive Schlüssigkeit. Sie stehen auch in unverträglicher Weise
(makro)soziologischen Ansätzen gegenüber46. Erst in den vermittelnden Ansätzen von Bourdieu
oder auch Luhmann wird die Eingebundenheit und wechselseitige Bezogenheit von Individuum und
Gesellschaft beleuchtet47. Und erst die Abstrahierungen der Systemtheorie lenken die Diskussion
von Menschenbildern ab auf Handlungshorizonte, Kontexte und Selektionen48. Das hat zwei
weitreichende Konsequenzen: zum Einen werden die Menschenbilder kontingent. Wer sich auf die
eigene gesellschaftliche Prägung beruft, hat genauso recht wie jemand, der eigene Möglichkeiten
wahrnimmt und sie auch als solche betrachtet. Zum Anderen ändert sich damit das Verständnis von
Wahrheit schlechthin49.
45
46
47
48
49
Systems (Pollenflug, Erbkrankheiten, γ-Strahlung, Synapsenaktivität (...)). So lässt sich z.B. das Reaktorunglück in
Tschernobyl in zweifacher Hinsicht betrachten. Die Kommunikation über das Unglück, das u.a. den Exodus aus der
näheren Umgebung des verstrahlten Gebietes bewirkte und die tatsächlich eintretenden Folgen, die die Strahlung auf
die Menschen hatte. Es geht hier also nicht um die Folgen als solche, sondern um den Umgang der Menschen mit
den von ihnen auf das Unglück bezogenen Folgen und es geht somit nicht um das Unglück selbst, sondern um die
Kommunikation der Menschen über das Unglück und seine Folgen, z.B. die Zuschreibung von Krankheitsursachen
auf externe (Strahlung) oder interne, psychosomatische Faktoren.
Esser (1991, 40) benennt dies als Lösungsansatz für das „Problem der ´Tiefenerklärung´“, also die dem Handeln
zugrunde liegenden Motive/Motivation.
Der bekannteste geht natürlich auf Marx zurück, das Klassenbewusstsein in Anlehnung an Hegel, die Klasse an sich
in Unterscheidung zur Klasse für sich. Althusser 1975 baut dieses in seiner psychoanalytisch-materialistisch
geprägten Philosophie noch weiter aus. Durkheim (1984, 105-15) isoliert die Kriterien Allgemeinheit, Äußerlichkeit
und Zwang als gesellschaftliche Strukturen, die das Individuum in seinen Handlungen determinieren. Aber auch
Foucault (1994) tendiert zu der Annahme, dass das Individuum über Disziplinierungsmaßnahmen gänzlich von der
Gesellschaft geprägt wird. In seinen Konsequenzen führt das zum Begriff der Biomacht und einer Dezentralisierung
der Macht. Über ihre Wirkungsmechanismen siehe Serres (1964) und Hardt/Negri (2003, 22-42).
Bezeichnend in diesem Zusammenhang die epistemologischen Ansätze von Lotze und Natorp: so geht Lotze (1879)
vom Denken als einem „beziehenden Vorstellen“ (530) zwischen Begriffen/Dingen/usw., also von der objektiven
Identität von Sachverhalten aus (Lotze 1989, XXI), während Natorp (1974, 40 u. 44 und 1985, 208 in Anlehnung an
den Begriff der Relation, oder genauer der „dynamischen Verknüpfung“ von Kant, Beziehung unter Beziehungen
oder Verhältnis des Bedingens) das Denken als eine Operation betrachtet, die selbst schon in Beziehungen bzw.
Verhältnissen steht. Genau das zeigt die Schwäche des akteurszentrierten Ansatzes und der Psychologie als einer
Wissenschaft der Unzulänglichkeit. Und das ruft die ersten Soziologen (Thönnies, Durkheim, Weber) und ihre aus
heutiger Sicht makrosoziologischen Ansätze auf den Plan. Auch Searle (1986, 68) denkt, bezogen auf
Intentionalität, epistemologisch in diese Richtung: „Jeder intentionale Zustand funktioniert nur als Teil eines Netzes
anderer intentionaler Zustände. Und mit „funktioniert“ meine ich hier, daß er seine Erfüllungsbedingungen nur
relativ zu einer riesigen Menge anderer intentionaler Zustände festlegt.“.
Bateson (1981, 362-400 und 530-549) hat dafür mit der Etablierung von Lernebenen große Vorarbeiten geleistet.
Mit zum Teil gravierenden gesellschaftlichen Konsequenzen, Stichwort Kulturrelativismus (Tibi 2002, 31). Ob es
15
Es wird jetzt nicht mehr über das Gebiet50 gestritten. Vielmehr werden Landkarten abgeglichen,
Theorien synthetisiert und anhand ihrer Brauchbarkeit51 benutzt oder verworfen. Theorien werden
wie Folien übereinandergelegt, deren Komplexität weniger das Gebiet beschreibt als vielmehr die
faktoriellen Variablenkonstitutionen und -kombinationen der sie verwendenden Fragestellungen.
Das führt zu Synergieprozessen und einer zunehmenden Epherimisierung52. Die dadurch
gewonnenen Spielräume versetzen in die Lage, auf immer größere Komplexität zu reagieren, was
eine zunehmende Sensibilisierung und leichtere Irritierbarkeit zur Folge hat. Denn auch das
Störungspotential und die sie konstituierenden Zusammenhänge nehmen proportional zur
Differenzierung
soziopersonaler
Perspektiven
zu.
Gesellschaftliche
Differenzierung,
Vervielfältigung des Denkens und der Perspektiven, Globalisierung und Vernetzung von
Erkenntnisstrukturen, Problembewusstsein, Krankheiten und darauf reagierende Strukturen lassen
einen Raum entstehen, der totalitaristische Strömungen wie Ideologien, Fanatismus u.a.
gleichermaßen sprengt wie entlarvt. Auf der anderen Seite geraten viele Maßstäbe von
Bewertungen zu kulturrelativen Konstruktionen, die sich im Zuge von Säkularisierung und
emanzipatorischen Bestrebungen selbst als adaptationsfähig zu erweisen haben 53. Die Frage, was
normal ist, trennt sich von der Frage, was gesund und was krank ist. Wenn psychotische Symptome,
Besessenheit und Schizophrenie in Kulturen wie Brasiliens oder Nepals Naturreligionen als
besondere Begabungen betrachtet werden, zeigt das einmal mehr die Ethnozentrizität hiesiger
gesellschaftlicher Krankheitsauffassungen. Wird z.B. „Krankheit“ am individuellen Leidensdruck
50
51
52
53
nun darum geht, die Schöpfungsgeschichte der Evolution gegenüberzustellen und im Biologieunterricht (wörtlich!)
zu lehren (wie in einigen Bundesstaaten der USA), oder darum, ob sich Journalisten, Schriftsteller und Künstler
säkularer Staaten für die eventuelle Verletzung kulturreligiös geprägter Empfindlichkeiten zu verantworten haben
(wie beim sog. „Karikaturenstreit“, der Fatwa Rushdies aufgrund seiner „Satanische[n] Verse“, dem Mord an van
Gogh usw.). Von daher besehen sollte es der „Ideologie“ Humanismus nicht so sehr um die bloße Behauptung einer
„Universalität“ der Menschenrechte gehen als vielmehr um eine kulturübergreifende Integralisierung derselben.
Weg von einem „Kampf der Kulturen“ (Huntington 1997, kritisiert von Tibi 1995, 40, 282, 304) zu einer
kulturübergreifenden Verbreitung von Wertvorstellungen (wie Vernunft/Kritikfähigkeit) unter Bezug auf die
eigenen kulturellen Traditionen (das könnte im Islam z.B. der Sufismus sein). Dazu exemplarisch Tibi, 1999, 364.
„A map is not the territory.“ (Korzybski 2000, 750). Das bezieht sich auf den Umstand, dass es nicht eine Wahrheit
gibt, um die gestritten zu werden braucht, sondern jede Wahrheit eine bestimmte und einzigartige neuronale
Repräsentation mit einer Art normativen Evaluierungsfunktion des individuellen Verstandes darstellt. Dazu passt
auch Rorty, der den Wahrheitsbegriff rein linguistisch formuliert und „Wahrheit“ somit vom jeweiligen Vokabular
her bestimmt.
„Models are not true or false. They are more or less useful.“ (Stafford Beer) gefunden bei:
http://youtube.com/watch?v=Qw5sGhZqypY („Models and More“, 05:01, 06.11.07). Vgl. auch Beer 1969, 79,
91ff., 123 u. 157.
Ein Begriff, der auf Buckminster Fuller zurückgeht und natürliche wie zivilisatorische Prozesse der
Multifunktionalisierung und eines „Mehr mit weniger Tun“ bezeichnet. Auch das daraus hervorgegangene
Synergiekonzept wurde von Fuller (Fuller 1997) geprägt. Zur Synergiefunktion und -effekten bezogen auf das
Gedächtnis siehe auch Haken 1991, 190-206.
So zeigt es sich auch, dass die in Deutschland von Bassam Tibi angedachte „Leitkultur“ (Tibi 2002, 203) im
konservativen Modus zu eng gelegt, bzw. parteipolitisch instrumentalisiert und von liberalen und progressiven
Kräften gar nicht erst aufgegriffen wurde. Diese einseitige Vereinnahmung führte einzig dazu, dass sie selbst in den
Parteiprogrammen konservativer Parteien inwischen so gut wie fehlt.
16
gemessen und nicht an einer unreflektierten Auffassung von Konventionalität, individualisiert sich
die Kultur und es entsteht Toleranz. Allerdings sind jetzt die institutionell legitimierten
Katalysanten personaler Transformationen54 auch gefordert, mindestens ebenso individuelle
Lösungen zu finden, die der Komplexität der Probleme selbst wie auch der sie manifestierenden
Personen gerecht werden.
Unter diesen voraussetzungsvollen Verhältnissen können personale Entwicklungen im Prinzip alles
Seiende, alles Vergangene und alles Werdende betreffen. Therapien können sich nicht mehr darauf
beschränken, ein Gebiet vorzugeben und die Landkarte eines „Kranken“ darauf zu konditionieren55.
Stattdessen geht es darum, Kriterien und Orientierungen unter Annahme individueller
Realitätskopplungen
herauszuarbeiten,
die
das
Leiden
sinnhaft
integrieren
und
als
Wachstumschance hervortreten lassen56. Die Bewährung einer erweiterten Landkarte im Alltag
zeugt dann von dem jeweiligen therapeutischen und/oder wissenschaftlichen Erfolg der
Intervention. Daher besteht das Problem nicht darin, eine Realität herauszufinden und ihrer
Wahrheit aufzusitzen, sondern in der Suche nach Kriterien, an denen sich personale
Transformationen entlanghangeln können, um eine individuelle Äquilibration zu erreichen bzw.
aktualisieren und die personalen Adaptationsstrategien ökologisch57 einzubinden58. So gibt die
Stimme des singenden Kashinawa-Schamanen den berauschten Indios den Halt, sich durch die
Visionen und drogeninduzierte Entdifferenzierung der Welt hindurchzufinden59. Es stellt sich also
die Frage, wie sich derart durchgreifende Transformationen in der funktional differenzierten
Gesellschaft generieren und kontrollieren lassen, die die innergesellschaftliche Kommunikation,
wie auch ihren Zusammenhalt nachhaltig stabilisieren und fördern, oder dem zumindest nicht
entgegenwirken.
Ein weiteres Bündel von Problemen ergibt sich aus den quasi inflationären und ubiquitären
Verwendungen von Begriffen wie „Lernen“ und „Sozialisation“ vor allem in der Psychologie und
Soziologie, aber natürlich auch im Alltag, mit denen personale Transformationen/Entwicklungen
54 z.B. Ärzte, Lehrer, Coaches, Psychiater, Dozenten, Mediatoren usw.
55 Man denke an Kubricks „Clockwork Orange“, Orwells „1984“ und an den Behaviorismus, insbesondere Skinners
„Walden Two“ (1998).
56 So Dethlefsen/Dahlke (1990,127).
57 Im Sinne G. Batesons, Ökologie des Geistes (1981, 179-81, 299-301, 636-47).
58 Im Neopragmatismus Richard Rortys wird dies als Zurückstellung der Suche nach Wahrheit zugunsten der Suche
nach und Evidenz von Werten (Rorty 1980, 306) bereits in seinen Konsequenzen gesehen, im Falle der
Wissenschaft: Freiheit und Solidarität (Rorty 1995). Luhmanns Kreation eines eigenen Interaktionsmediums
„Wahrheit“ für die Wissenschaft (Luhmann 1992) in seiner Systemtheorie trägt ebenfalls dieser Sichtweise
Rechnung.
59 Keifenheim (2000, 133) Dieses bewusst gewählte extreme Beispiel soll eine wesentliche systemtheoretische
Annahme demonstrieren, dass im Wandel das zentral ist, was konstant bleibt (Maturana 1997). Im vorliegenden
Beispiel sind es die Stammeslieder, die die Stimme des Schamanen transportiert.
17
benannt und beschrieben werden60. Da sie oftmals unterschiedliche Phänomene bezeichnen und
unterschiedlichen Theorien ihre semantische Tragweite abtrotzen, werden sie mit den diese
Untersuchung liefernden Unterscheidungen untersucht und reformuliert. Ein besonderes Feld bildet
die Gegenüberstellung von Lehren und Lernen. Die Einheit dieser terminologischen Opposition
zerfällt, wenn in Rechnung gestellt wird, dass eine Übermittlung von (Lehr-)Inhalten in
konstruktivistischen Kommunikationsmodellen gar nicht möglich ist und sich nur mit den früheren,
als weitgehend überholt geltenden Überlegungen zur Kommunikation, wie beispielsweise dem
Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver61, begründen lässt62.
Personale Transformationen werden in der Psychologie weitgehend vom Bewusstsein her
verstanden und nicht von der Kommunikation her behandelt. Als Integrationskonstrukt wird dabei
die Psyche betrachtet, ein aus der griechischen Mythologie stammender Begriff, der den
menschlichen Geist und/oder Seele bezeichnen sollte. Die Annahme und Erklärung der Psyche, die
Gegenüberstellung von Geist und Körper/Gehirn und das Verhältnis dieser Seele zu einem
Schöpfer/einem Schöpfungsprinzip sind Themen, die viele Wissenschaftler und möglicherweise
sogar die Wissenschaften als solche zu überfordern scheinen63. Das mag daran liegen, dass in den
genannten Aufgabenstellungen Ebenen vermischt werden, die unterschiedliche Behandlungen und
deren Synthese erst in Darstellungen axiomatisch erweiterter Modelle und Theorien erfordern, die
nach der Modelltheorie ihre Widersprüche aufzulösen oder zu erklären in der Lage sind64.
Die Annahme einer gegen unendlich gehenden Weltkomplexität impliziert die konstante
Unvollständigkeit systemintern reduzierter Komplexität, nicht aber der Widerspruchsfreiheit der ihr
zugrunde
liegenden
Annahmen.
Daher
wird
in
Berufung
auf
das
Gödelsche
Unvollständigkeitstheorem, demnach ein Modell nur entweder unvollständig oder widersprüchlich
sein kann, der Unvollständigkeit der Vorzug gegeben65. Es sollen Widersprüche beschrieben und
ggf. aufgelöst, nicht aber aufgestellt werden66. Deshalb wird im Folgenden von den genannten
60 Meynig (2005) hält es für wahrscheinlich, dass diese Art Beliebigkeit zur häufigen Verwendung genauso
beigetragen hat wie zur Verhinderung der Etablierung der Sozialisationsforschung als eigenständigem
Wissenschaftsbereich.
61 Shannon /Weaver (1963).
62 Lehren ist Lernen (Chott 1996, 17/21) und es geht insofern darum, lernen zu lernen und lernen zu lehren.
63 Insofern können viele Wissenschaften als Kapitulation vor der Hinterfragung ihres spezifischen Ansatzes betrachtet
werden: die Theologie vor dem Zweifel an einem Gott, die Psychologie vor dem Zweifel an einer Seele usw.. Das
gilt natürlich nicht für die Kulturwissenschaften, die mitunter als Erstes fragen, was mit Kultur denn überhaupt
gemeint ist. Das verdeutlicht im übrigen ihre selbstreflexiven Fähigkeiten.
64 So sagte Albert Einstein: „No problem can be solved from the same level of consciousness that created it.“
(http://zitate.net/autoren/34/zitat_1787.html (20.01.08)).
65 Was sich auch mit dem Kritischen Rationalismus Poppers vereinbaren lässt. Zum Unvollständigkeitstheorem von
Gödel vgl. Beer 1963, 93 und ihrer Interpretation Sokal/Bricmont 1998, 200-205.
66 Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt z.B. Nelson Goodmans neues Rätsel der Induktion (Goodman 1988, 97).
Allerdings zeigt sein Rätsel sehr gut, wie aus Kontingenz Redundanz gewonnen und in Selbstverständnis überführt
wird, was noch einmal das prekäre, da oftmals unkritische Verhältnis wissenschaftlicher Disziplinen zu den ihr
18
Themen Abstand genommen und Termini wie „Psyche“ und „Seele“ mit Vorsicht gebraucht. Ihre
Reformulierung ergibt sich implizit aus den weiteren Schritten, ist aber nicht Thema der Studie.
II.1.
Begriffe
und
Phänomene
1:
Persönlichkeitsentfaltung
und
Persönlichkeitsentwicklung
II.1.1. Die beiden Modelle67
Der Cartoonist Erik Liebermann hat für die beiden Modelle von Persönlichkeitsentfaltung und
Persönlichkeitsentwicklung eine bildliche Darstellung gefunden:
zugrundeliegenden Annahmen demonstriert. Widersprüche treten dann auf, wenn bereits von reduzierter
Komplexität ausgegangen wird, also ausschließlich auf der immanenten Seite der „primordialen Fissur“ (Fuchs
1998, 17-21) operiert wird. Personen, gar Menschen werden dann vergleichbar, Werte, Verhalten usw. qualifizierbar
und quantifizierbar. Im gewissen Sinne gibt es auf einer sehr basalen Ebene also zwei Wissenschaften: die
Wissenschaft des Redens und die Wissenschaft des Schweigens (dazu E. Weil nach Deligne 1998). Die
Wissenschaft des Redens bezieht sich immanent auf Immanentes, die des Schweigens immanent auf das
transzendente Andere. Es wird sich zeigen, dass ein solcher metakognitiver Standpunkt eine notwendige Bedingung
zur Induktion personaler Entwicklungen darstellt. Eine Annäherung, die das schon erkannt hat, findet sich auch bei
Levinas 1988 in seiner Erklärung eines Denkens, das mehr denkt, als es denkt (Levinas 1988, 15ff.).
67 Dazu auch Meynig 2005, 24.
19
Abb.1:
(Faulstich-Wieland 2000, 39)
Die Persönlichkeitsentfaltung setzt den Entwurf einer Persona
bereits voraus. Im Laufe des Lebens durchläuft die Person
Situationen, in denen der Facettenreichtum ihrer Fähigkeiten
sichtbar wird. Unbewusste Kompetenzen treten in diesen
Triggersituationen zutage. In der Persönlichkeitspsychologie
wird dabei auch vom Eigenschaftsmodell gesprochen.
Das andere Modell ist das der Persönlichkeitsentwicklung:
Abb.2:
(Faulstich-Wieland 2000, 40)
Die Persönlichkeitspsychologie nennt es das
situationistische Modell. Die Person entwickelt
sich dabei im Laufe des Lebens auf der Grundlage
der Situationen, in denen sie sich bewähren muss.
Die Persönlichkeit misst sich an der Vielfalt der
Situationen und Rollen, die sie bereits durchlaufen
hat.
II.1.2. Synthese des Entfaltungs- und Entwicklungsmodelles
Der interaktionistische Ansatz der Persönlichkeitspsychologie geht von einer Synthese beider
Modelle aus. Auch eine Neurobiologie der Sozialisation stützt sich auf eine Kombination beider
Modelle. Die Person kann kein Verhalten für etwas entwickeln, für das es keine genetische
Disposition gibt. Die genetische Disposition bestimmt die Eigenschaften, die die Ausprägung eines
bestimmten Verhaltens ermöglichen. Umgekehrt bestimmen die Lebenssituationen maßgeblich,
welche Verhaltens- und Wesenszüge sich ausprägen.
20
Diese vor allem von der Entwicklungspsychologie thematisierten wechselseitigen Bezüge sind
allerdings noch nicht erschöpfend erforscht. Roth (2003) meint, dass das Verhältnis von genetischer
Disposition und Sozialisation bei 40 zu 30 liegt, also 40 % Disposition, 30 % Sozialisation in den
ersten drei Lebensjahren und 30% durch Erfahrungen im Laufe des Lebens, die die Fähigkeiten,
Lernräume und Verhaltensmuster als Parameter der Persönlichkeit des Menschen bestimmen.
Festzuhalten ist, dass die Persönlichkeit anteilig entwickelt, anteilig entfaltet wird. Eine
„Persönlichkeitsentfaltung“ impliziert allerdings, dass das, was ent-wickelt wird, vorher schon
„verpackt“ in der Person geschlummert hat. Lernen und Modellierungen von Fähigkeiten /
Eigenschaften / Prozessen in der Umwelt assimilierender Systeme werden durch Zielsetzungen
deutlich erleichtert. Im Folgenden wird dem Begriff der „Persönlichkeitsentwicklung“ der Vorzug
geben, da er dem Autor weniger voraussetzungsvoll erscheint. Vorausgesetzt wird hier, dass
persönliche Ziele und deren methodische Realisierung einen Kontext bilden, in dem Entwicklungen
stattfinden. Es wird gezeigt, dass dieser „Kontext“ der Setzung und Organisation von Zielen und
Wegen/Erfahrungen ein kommunikativer ist. Es wird nicht vorausgesetzt, dass eine Persönlichkeit
vom Menschen quasi mit in die Welt gebracht wird und im richtigen Kontext zur Blüte gelangt.
Diese Perspektive ist wohl zulässig, aber nicht Thema dieser Studie.
II.2. Begriffe und Phänomene 2: Lernen und Sozialisation
Die Aufschlüsselung oder Neubestimmung der mit „Lernen“ und „Sozialisation“ bezeichneten
Prozesse wird mit der Aufstellung der Hypothese von der Geltung der wechselseitigen Bezüge von
Bewusstsein und Kommunikation (in IV.2.) vorangetrieben.
So wird es dadurch ersichtlich, dass die intentionale Steuerung personaler Transformationen
gemeinhin als Lern- bzw. Lehrvorgänge beobachtbar werden. Wünsche und Ziele stellen ganz
allgemein notwendige Bedingungen von Lernprozessen dar. Wünsche und Ziele sind die
Bedingungen der Möglichkeit von Absichten. Und diese Ausrichtung ist für die Kreation und
Entscheidung/Selektion von Strategien und Taktiken68 notwendig.
Wünsche, Ziele, daraus abgeleitete Absichten und Strategien stellen auch präverbale
Voraussetzungen der Genese von Sprache bzw. Kommunikation dar. Genetische Dispositionen
alleine reichen dafür bei weitem nicht aus69. Da das Soziale in seiner biologischen Definition als
Orientierungsverhalten kanalisierend, verstärkend und kondensierend wirkt, entscheidet es über das
68 Sunzi 2001. Das gilt aber nicht nur für die Kriegsführung oder die Künste, es gilt allgemein. Wer sich dessen
bewusst ist, kann es entsprechend kontextuell an- und einpassen.
69 Das wird ersichtlich bei der Entwicklung von begabten Kindern in gestörten Verhältnissen oder noch
offensichtlicher bei geistigen Behinderungen (z.B. der „Kaspar-Hauser-Hospitalismus“. Vgl. Bateson 1981, 332-47
und Laing 1972).
21
Ob und Wie von Ausprägungen genetischer Veranlagungen.
Lernen und Lehren stehen sich in der Alltagsverwendung gegenüber und bezeichnen die
Konzeption einer asymmetrischen Beziehung70. Wird von der Reziprozität menschlicher
Beziehungen aus konstruktivistischer Sicht ausgegangen, dann ergibt sich ein Schema, in dem
Lehren und Lernen in jeder Interaktion stets bei allen an ihr Beteiligten erfolgt. Je nach
Intelligenzgrad und -typ71 und den von Bateson unterschiedenen Lernebenen „lernen“ alle
Interagierenden mit großer Wahrscheinlichkeit in unterschiedlichen Bereichen. So können sich die
Verhältnisse bei genauer definierter Beobachtung sogar vom Lernenden zum Lehrenden
verschieben72. Es bleibt zu differenzieren, wer was auf welcher Ebene voneinander lernt. Und es ist
festzuhalten, dass der intentional strukturierende Repräsentationsaufbau des personalen Systems im
neuronalen Medium Lehrzuschreibungen, -befähigungen, -inhalte sowie die in sie eingehenden
Submodalitäten selbst bestimmt. Die Ausgabebedingungen personaler Systeme werden von
Luhmann in Rückgriff auf von Foerster mit denen nontrivialer Systeme 73 verglichen, über die sich
keine absoluten Aussagen treffen lassen.
Die Lern- und Entwicklungsmethodik des „Nimomashtic“ des Anthropologen Victor Sanchez ist
eine darauf abstellende Praxis des Sich-Selbst-Lehrens74. Trainer werden hier zu Begleitern des
eigenen Weges, der eigenen absichtsvollen Ausrichtung. Sanchez unterteilt in Anlehnung an
Castaneda das Wissen in Erfahrungs- und logisches Wissen (sog. Tonal) auf der einen und
intuitives Wissen oder Praxis (sog. Nágual75) auf der anderen Seite76. Als wirkliche Lehrer werden
70 Komplementär in der Terminologie Watzlawicks (1974, 68-71) unter Verweis auf Bateson (107-108).
71 Wilber (2001 und in „Integral Operating System 1.0“) unterscheidet zwischen fünf bzw. sieben Formen von
Intelligenz: kognitiver, zwischenmenschlicher, moralischer, musikalischer, weltanschaulicher, kinästhetischer
(affektiver) und spiritueller bzw. Wertintelligenz, die in jeweils drei Stadien ausgebildet (ausbildbar) sind:
vorkonventional, konventional und postkonventional. Gardner (1991) unterscheidet in seiner „Theorie der multiplen
Intelligenzen“ die sprachlich-linguistische, die logisch-mathematische, die musikalisch-rhythmische, die bildlichräumliche und die körperlich-kinästhetische. Zusätzlich differenziert er einen weiteren Bereich der „personalen
Intelligenzen“ (218) und ihre Subkategorien der naturalistischen, interpersonalen, intrapersonalen und existenziellspirituellen Intelligenz. Guilford (Gardner 1991, 20) wiederum erweiterte den gängigen Intelligenztest und darauf
abstellenden Begriff zwar nicht, verfeinerte aber seine Konstituenten und gelangte zu einem Raster aus 120
Einzelfaktoren, aus denen sich die Auffassungsgabe ableiten lässt.
72 Wie der Witz von der Ratte zeigt, die dem Wissenschaftler vorgaukelt, sie wäre konditionierbar, weil sie die
experimentelle Fragestellung durchschaut. Als Konsequenz der Einsicht über die Relativität des Wissens und der
Relation des Lehrens und Lernens trifft der Physiker Richard Feynman (http://www.zitate-online.de/autor/feynmanrichard-p/, 19.11.07) die Aussage: „Ich finde es weit interessanter, so zu leben, dass man nichts weiß, anstatt
Antworten zu haben, die möglicherweise falsch sind.“.
73 Luhmann 2002, 77.
74 Dem Autor sind außer Sanchez keine Quellen bekannt, die den Begriff „Nimomashtic“ sonst noch verwenden. Da
Sanchez einen Zusammenhang mit der toltekisch-atztekischen Tradition behauptet, wäre davon auszugehen, dass
der Begriff aus der Atztekensprache Náhuatl (dazu León-Portilla 1988 und 1969, 51) entlehnt wurde.
75 León-Portilla 1969, 31. Laut León-Portilla bedeutet der Begriff „Náhual“ wörtlich „das Alter Ego“, also der
generalisierte Andere. Insofern leitet sich aus ethymologischer Perspektive im Atztekisch-toltekischen die Sprache
(„Náhuatl“) aus der Existenz des/der Anderen („Náhual“) ab.
76 Sanchez 1996, 37. Von der Einteilung geht im übrigen auch Krishnamurti (1992, 48 und 264) aus. Denken
funktioniert demnach nur im Bekannten. Ein kompetenter Umgang mit Unbekanntem bedeutet gerade nicht zu
22
in der von Sanchez beschriebenen Weltsicht der Wirrarika-Indianer Entitäten wie die vier Elemente
betrachtet77. Lernprozesse werden durch die Behandlung überpersonaler Entitäten als Lehrer
abstrahiert
und
von
Zuschreibungsobjektivierungen
befreit.
Ähnlich
geht
auch
der
lernpsychologische Konstruktivismus davon aus, dass Lehrer in Hinsicht auf effizientes Lernen
vielmehr als „Lernprozessberater“ denn als Lehrer auftreten sollten. Als Lernen unterscheidet es
phänomenal
die
Kategorien
Konstruieren
(Erfinden),
Rekonstruieren
(Entdecken)
und
Dekonstruieren (Kritisieren). Das stellt einen Lösungsansatz für das Problem dar, dass Lehr- und
Lernkompetenz in ihrer rollen- bzw. erwartungsgeregelten Aufrechnung, dem Instruktionismus78,
zu knappen Gütern werden, deren zuschreibungshafte Verteilungsaktivitäten auf Lernprozesse
perturbativ einwirken79. Systemtheoretischen Auffassungen am Nächsten liegen Konzepte wie das
des Situierten Lernens, das in der fortwährenden Aushandlung von Bedeutungen besteht 80. Ähnlich
betrachtet auch Schelling soziales Handeln als ständiges Konfligieren81.
Dem gegenüber ist die Sozialisation alles das, was nicht Lernen ist und was das Personale
systemreaktiv erfährt. Bateson spricht diesbezüglich vom Lernen 0. Darunter fallen einfache
Konditionierungen, Reflexe u.ä., Unterschiede, die keinen Unterschied machen, wie Marken und
77
78
79
80
81
Denken. Weisheit beginnt jenseits des Denkens, das stets nur auf Erfahrungen kompensatorisch und organisatorisch
reagieren kann. Weisheit, also Nichtdenken, ist demnach Kompetenz zur Gegenwärtigkeit. Ähnlich argumentiert
auch Baecker (http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/sozialisationsagentur-uni/?src=SE&cHash=90479540a2
(19.11.07)), der (geistes-)wissenschaftliche Kompetenz als Fähigkeit zum Umgang mit Nichtwissen beschreibt. Mit
einem solchen postsokratischen Pragmatismus ausgerüstet wäre Sokrates, konsequent weitergedacht, womöglich der
Schierlingsbecher erspart geblieben.
Bachelard (1978, 188) dachte in die gleiche Richtung: „ (...) So kommt es zu einer postromantischen Theorie von
der absoluten Bedeutung der Elemente, in denen dem Menschen das Wesen seines eigenen Bewußtseins zuteil
werde. Die philosophische Reflexion übergibt sich ganz der Wirklichkeit des Stoffes, der Natur von Feuer, Wasser,
Luft und Erde, in denen sich die Einbildungskraft selbst zuteil werde, und findet hier die Wahrheit, so wie sie in den
Wissenschaften Wahrheit gefunden hatte.“.
Von Foerster spricht von „Trivialisierung“ (von Foerster 1985, 21). Er meint damit die Erwartung eines
berechenbaren Outputs seitens des „Lernenden“. Der Lernende hat dabei zu lernen, eine triviale Maschine zu
spielen, die auf bestimmte Fragen genau festgelegte Antworten zu geben hat. Minsky empfiehlt zur Ausbildung
eigenständigen Denkens entsprechend, „We have to learn not to learn what we learn.“. Er bezieht sich damit
augenscheinlich auf die Akkomodation assimilierter Strukturen bzw. das Lernen II bei Bateson (siehe IV.1.). Magee
(1985) spricht in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Popper von „unintented consequences“, die den
„Outcome“ einer Lernsituation beeinträchtigen.
Weder der staatliche Lehrbetrieb noch alternative Lehranstalten wie die Waldorfschule der Anthroposophie sind in
der Lage, die neuronal faktisch gegebene Einzigartigkeit jedes personalen Systems voll zu berücksichtigen. Am
ehesten ist das noch in der Montessori-Pädagogik (Holtstiege 1994) der Fall. Das Konzept basiert auf der
Befähigung zu intrinsischem Forschen. Über Lehrinhalte entscheiden die Schüler dabei weitgehend selbst. Wird
auch die Nontrivialität der Lehrkräfte in die Überlegung miteinbezogen, wäre es konsequent, wenn sich Schüler und
Lehrer gleichberechtigt füreinander entscheideten, um so die Unterrichtssituation über die Anerkennung der
beidseitigen Freiheit der Individuen zu definieren. Man könnte sagen, dass sich das Wissen des Lernenden an der
Qualität seiner (Forschungs-)Fragen misst, genau wie das Wissen des Lehrenden an der Qualität seiner
Fragestellung und forschungsbezogener Anschlussfragen, die, und das macht die Bescheidenheit eines Lehrers aus,
durchaus offen und über das eigene Wissen hinausreichen dürfen. Der Lehrende ist also bereit, vom Lernenden
etwas Neues zu erfahren. Insofern unterscheidet sich der Lehrende vom Lernenden durch seine Bescheidenheit, das
Bewusstsein um die Begrenztheit des eigenen Wissens.
Lave / Wenger 1991.
Schelling 1960 in Bühl 1972, 9-64.
23
Inskriptionen in der Definition Nelson Goodmans82. Im weiteren Sinne lassen sich auch unvernetzte
Repräsentationen für einen Beobachter als Lernen 0 bezeichnen 83. Das trifft z.B. auf Menschen mit
Kombinationsschwächen wie der Bildung von Syllogismen zu. Die Dianetik, das Dogmengebäude
von Scientology, unterscheidet hierbei den analytischen und den reaktiven Mind84. Der reaktive
Mind erlebt zusammenhanglos wie das kontinuierende Bewusstsein selbst. Der analytische Mind
bildet Kategorien im Sinne Kants oder etabliert Gestalten im Sinne der Gestalttheorie, die das
Erleben sinnhaft ordnen. Es setzt Prioritäten und blendet für zu leicht Befundenes aus. Auf
Grundlage dieser weitläufig einhelligen Unterscheidung von „Sozialisation“ und „Lernen“ wird bis
auf Weiteres davon ausgegangen, dass Sozialisation das Lernen als ihre besondere Form nicht
einschließt, sondern dass es sinnvoll ist, Lernprozesse von bloßer Sozialisation klar abzugrenzen.
Als umfassende Definition eignet sich der Sozialisationsbegriff nur in Gegenüberstellung zur
genetischen Disposition.
In diesen Zusammenhang fallen auch die von Kuhn beschriebenen paradigmatischen Wechsel.
Wilber konstatiert, dass auch auf der personalen Ebene paradigmatisch verfahren wird. So gehen
personale Systeme aufgrund struktureller Notwendigkeiten von Vorannahmen aus, deren
Hinterfragung sich ihnen im Moment ihres Gebrauches entzieht85. Als Konsequenz dieser
Beobachtung schlägt er die Einteilung des menschlichen Erkennens in eine Abfolge von drei
Operationen vor:
die Injunktion bezeichnet einen Befehl der Wahrnehmung von etwas als etwas. Es entsteht eine
Identifikation im Sinne einer Bedeutungszuweisung. Dies bildet den paradigmatischen Grund aller
darauf aufbauenden epistemologischen Operationen. Die Apprehension ist eine Vermutung oder
Eingebung, eine Art Detektor, die in der Confirmation ihre Bestätigung erfährt86. Allerdings
unterscheidet sich die von Wilber vorgenommene Übertragung vom Kuhnschen Originalmodell
insofern, dass Kuhn nicht von Entwicklungen evoluierender Systeme87 ausgeht, sondern vor allem
die radikalen Brüche revolutionärer Paradigmenwechsel in geradezu sozialdarwinistischer Manier
82 Goodman 1993, 82ff. Demnach bestimmen sich Marken rein von ihrer Evidenz her, ihrem phänomenologischem
Auftreten. Inskriptionen hingegen tragen semantisches Potential, welches jeweilig funktional in ihrem semantischem
bzw. kommunikativen Gesamtzusammenhang bestimmt wird.
83 Das wird auch durch Kandels (Kandel 1996, 672-675) Lerndefinition gestützt. Er geht davon aus, dass implizites
(im Gegensatz zu explizitem, erstmaligem) Lernen in einer funktionalen Veränderung der Effektivität vorhandener
Verknüpfungen besteht. Dies wären, um noch einmal auf Fuller zu kommen, Prozesse der Epherimisierung und
Synergienbildung und somit der Möglichkeit der Nutzung von Kapazitäten zur Reduktion zusätzlicher Komplexität.
84 Artikel Scientology. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Februar 2008, 11:38 UTC. URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Scientology&oldid=41919675 (Abgerufen: 12. Februar 2008, 15:13
UTC). Eine kritische Auseinandersetzung mit der Scientology-Philosophie ist angedacht, übersteigt aber den
Rahmen dieser Untersuchung.
85 Der sogenannte blinde Fleck. Luhmann (1998, 62) bezeichnet es in der Besprechung des Spencer-Brownschen
Formenkalküls als das ausgeschlossene Dritte einer jeden Unterscheidungsoperation.
86 Ausführlicher in Kap. III.
87 In Kuhns Fall: des Wissenschaftsbetriebs.
24
betont. Lakatos kritisiert dies an Kuhns Ausführungen88 und hält dem entgegen, dass die folgenden
Paradigmen die Widersprüche des Alten zu integrieren in der Lage sind. Insofern sei denn auch eine
Entwicklung in Hinsicht auf den Erfolg der Reduktion größerer Komplexität festzustellen89.
Wilbers eigenes, evolutionär angelegtes Modell der menschlichen Entwicklung passt daher besser
zu Lakatos Modifikation der Paradigmentheorie als zum Original von Kuhn. Für eine solche
Sichtweise spricht auch Fullers Beobachtung einer Epherimisierung menschlicher Praxis.
Irrational und revolutionär erscheinen diese Brüche denjenigen Vertretern des alten Paradigmas, die
strukturverhaftet operieren und somit keinen Metastandpunkt zu entwickeln in der Lage sind, von
dem aus sie sequentiell dessen Annahmen in Klammern stellen können90. Auf personaler Ebene
kann das bedeuten, dass sich Freunde, Partner, Arbeitgeber usw. einer Person, die einen
Transformationsprozess
persönlicher
Annahmen
durchläuft,
ihre
Erwartungen
und
Erwartungserwartungen gegenüber dieser Person je nach lebens- und alltagsweltlicher Nähe/Ferne
von Grund auf zu reflektieren haben. Der veränderte Kommunikationsmodus, der das neugefundene
Selbst (im Sinne einer Identität) stabilisiert, irritiert die gesamte soziopersonale Umgebung
(Nische), die bereits Erwartungen im Hinblick auf das transformierte System generiert und
personalisiert haben. Die Transformation des personalen Systems bietet daher auch der Umgebung
die Möglichkeit, ihren Informationsapparat in Hinblick auf relevante und irrelevante Irritationen91
neu zu justieren und sich somit Strukturredundanzen zu entledigen92. Insofern kann, um noch
88 Lakatos 1982a, 6.
89 Allerdings grenzt sich Lakatos gegen den aus dem Kritischen Rationalismus Poppers entstandenen
Falsifikationismus/Kritischen Empirismus ab, der wissenschaftliche Theoriebildung und -verwerfung als eine immer
feinere Annäherung an eine letztlich nicht vollständig bestimmbare Realität betrachtete. Bei Lakatos fällt der
Realitätsbegriff bereits aus der Theorie. Das bezeugen schon seine Untersuchungen über den Umgang mit
unendlichem Regress (Lakatos 1982, 3-23), letztlich ein Äquivalentsbegriff zur „Komplexitätsreduktion“, womit er
den Fokus von der „Welt“ und „Wissen“ über die Welt auf das System selbst verschiebt, das die Welt als
Beschreibung jeweilig (in der Terminologie Norbert Wieners) „errechnet“. Konkret wirft er Popper vor, er habe
nicht erkannt, dass Theorien bereits „widerlegt` geboren“ (Lakatos 1982, 196) werden.
90 z.B. können von Rechnern aktuell verwendete Programme nicht deinstalliert werden. Von personalen Systemen
verwendete Axiome als Bedingung der Möglichkeit ablaufender Kommunikationen können nicht ersetzt oder
reflektiert werden, solange die Kommunikation nicht aussetzt oder sich die Position der Interagierenden bewegt
(was z.B. im Harvard-Konzept (Fisher 1996, 39/68) als Anwendung der Unterscheidung von Person und Position
beschrieben wird). In der schriftlichen Kommunikation kann das sie verwendende personale System theoretisch
Pausen und Brüche beliebig bestimmen und muss sich nicht gegenüber anderen Personen (wie in der Interaktion)
durchsetzen. Allerdings verhält es sich bei Texten, die einen „in ihren Bann ziehen“ so, dass die Kommunikation
dabei eine Dynamik gewinnt, die den Leser eben diese Pausen und Brüche zu vermeiden suchen lässt. Zur Spannung
von Texten als paradigmatischem Phänomen emotionaler Kommunikation siehe Anz 1998, 150ff.
91 Luhmann 1998, 46: „(...) die Welt ist [für Sinnsysteme] ein unermeßliches Potential für Überraschungen, ist
virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Informationen zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten
Irritationen den Sinn von Informationen zu geben.“.
92 So kann es für den Chef unwichtig sein, ob der elegante Kleidungsstil seines Angestellten einem lässigeren weicht,
wenn Kleiderordnung im Betrieb keine Rolle spielt. Eine Umgewöhnung bedeutet es trotzdem. Weitere Beispiele
dafür sind auf gesellschaftlicher Ebene die Hochbegabtenförderung oder auch die Möglichkeit des Überspringens
von Klassen im Schulsystem, Integrationsprojekte usw. Auf der anderen Seite kann eine nicht gefestigte Identität,
die nicht in der Lage ist, die sie bedingenden Kommunikationsstrukturen zu stabilisieren, nicht im gleichen Umfeld
bestehen, welches die Notwendigkeit der Transformation ursächlich bedingt hat. Das belegen zahlreiche Studien
25
einmal auf Merleau-Ponty zu kommen, der Körper als der einzige konstante Anker des sich
wandelnden Bewusstseins gelten, nimmt man an, das Bewusstsein sei ein epiphänomenales Produkt
des Körpers, sozusagen naturalisiert. In jedem Fall sind Körper die einzigen unbedingt notwendigen
Konstanten in einer sich wandelnden Kommunikation zwischen Menschen und, im Umkehrschluss
zu Maturana, somit zentral in der Situation soziopersonaler Umbrüche. Das bedeutet, dass einzelne
Veränderungen und ganze Entwicklungen dann erfolgreich und überhaupt beobachtbar sind, wenn
sie sich im Verhalten manifestieren („inkorporieren“, „habitualisieren“ usw.).
Ein Entwicklungsschritt menschlicher Perspektiven ist Wilber zufolge z.B., wenn sich das
Bewusstsein der Nationalität internationalisiert93. Piaget entdeckte in der Entwicklung des Kindes
die Inventarisierung der Körpermöglichkeiten und Grenzen, die mit dem Erkennen beginnt, dass
z.B. die Hand, die nach etwas greift, die Hand ist, mit der nach ihr gegriffen wird. Dies nannte er
die „kopernikanische Wende“. Auf die gleiche Art und Weise ist es demnach ein
Entwicklungsschritt, wenn die Unterschiede, die Nationen kennzeichnen (Sprache, Kultur,
Geographie usw.) und die nationale Identität prägen, im Kontext derjenigen Gemeinsamkeiten
betrachtet werden, die alle Menschen miteinander verbinden94. Wird diese Betrachtung
weitergesponnen, dann wird die Menschheit zu einem kurzlebigen und nicht sehr wichtigen
Epiphänomen eines evoluierenden Universums, das mit großer Sicherheit viele Lebens- bzw.
Bewusstseinsformen generiert. Das entspricht der Stimmung, die sich einstellen kann, wenn in einer
sternklaren Nacht unter günstigen Lichtverhältnissen die Spiralarme der Milchstraße sichtbar
werden. Es kommt zu Veränderungen des Bezugspunktes, denen auf neuronaler Ebene
Bewusstseinsveränderungen
(„states“-
Wilber95)
entsprechen.
Stabilisieren
sich
diese
Veränderungen und werden sie als integraler Bestandteil inventarisiert, dann dehnt sich das
Bewusstsein der eigenen Identität aus und setzt sich über Veränderungen auf personaler und
sozialer Ebene fort. Kommt es zu einer solchen Inventarisierung/Habitualisierung, lässt sich auch
von einer Entwicklung sprechen. Ein geändertes Selbstverständnis führt zu Verhaltensänderungen
und somit auch zu veränderten Erwartungen und Erwartungserwartungen. Die Transformation
äußert
sich
so
schließlich
in
den
Modalitäten
und
der
Kontextualisierung
von
Kommunikationsprozessen. Nach Wilber96 führt dies zur Etablierung von „stages“, die durch
Bereich und Gestalt der Veränderungen bestimmbar sind.
93
94
95
96
über die Sozialisations- und Milieubedingtheit von Süchten, Krankheiten, usw., bzw. der Möglichkeit ihrer Therapie
im Entstehungsumfeld.
Dem Kosmopoliten liegt die globalisierte Welt des 21.Jahrhunderts zu Füßen (Appiah 2007).
Das ist die allgemeine Frage nach der Aufgabe aller Kulturen, wie von Cassirer (http://www.kuwi.euv-frankfurto.de/de/index.html, 19.11.07) gestellt: „Die verschiedenen Formen der Kultur werden nicht durch eine Identität in
ihrem inneren Wesen zusammengehalten, sondern dadurch, daß sich ihnen eine gemeinsame Grundaufgabe stellt.“.
Wilber (2006, 71-84).
Wilber (2006, 50-70).
26
Allerdings spricht auch vieles für Kuhns Darstellung paradigmatischer Wechsel als Brüche bzw.
Revolutionen, da sich Einsichten nicht bzw. nur von einem Beobachter, der diese Einsichten und
ihre Arrangements97 bereits reflektiert hat, vorhersagen lassen. Von der Annahme ausgehend, dass
Vergangenheit und Zukunft Navigationskonstruktionen eines sinnprozessierenden Bewusstseins
sind, lösen sich Entwicklungen in ihre Ereignisabfolgen auf. Vor diesem Hintergrund findet die
Konstruktion von Entwicklungen als prozedural angelegter Strukturprojektionen systeminterner
Erkenntnisprozesse statt, deren Objektivierung die Einheit von Raum und Zeit erzeugt. Sowohl
Kuhn als auch Lakatos beschreiben daher von verschiedenen Bezugspunkten das gleiche
Phänomen. Einsichten treten aus Beobachterperspektive als Unterbrechungen, als Frakturen des
Denkens / des Diskurses in Erscheinung. Auf der anderen Seite lässt sich in der zeitlichen
Dimension auch immer der schrittweise Prozess beobachten. Beobachtungen diachronischer
Verläufe erfordern allerdings eine zeitliche Entkoppelung, genauer: eine Desynchronisation des
Umweltbezuges. Das bedeutet die Entstehung einer Eigenzeit 98, die es ermöglicht, sich selbst als
konstant zu erleben und die Umwelt in Form von chronologisch geordneten Ereignisabfolgen99.
Das Gegenteil ist z.B. im kreativen Prozess der Fall100. Die Umwelt wird als konstant erlebt,
während sich die Ereignisse im eigenen Erleben abspielen. Die eigene Befindlichkeit synchronisiert
sich, wird mit dem Vergehen einer Zeit gekoppelt, die sich in die Gegenwart entlädt101. Dies bezieht
sich auf den Umstand, dass sich die Generierung einer Eigenzeit, von Zeithorizonten als Zukunft
und Vergegenwärtigung von Vertrautem als Vergangenheit, kurz, die Linearisierung des Erlebens,
im Aufbau einer körperlichen Spannung vollzieht102, die körperlich bzw. geistig abgebaut werden
muss, um sich nicht symptomatisch zu manifestieren. Der Gegenwartsbezug verstärkt
demgegenüber die situative Aufmerksamkeit und Befindlichkeitswahrnehmung. So schreibt
Csikszentmihalyi103 über das sogenannte „Flow-Erleben“, es vollziehe sich in vollständiger Passung
von aufgabenbezogener Anforderung, Fähigkeit und Zielklarheit. Die Arbeit vollzieht sich dabei
autotelisch, sie wird also zum Selbstzweck.
Aus systemischer Perspektive lässt sich daher feststellen, dass sowohl Kuhn als auch Lakatos
97 Den Riten. Siehe dazu IV.4.
98 Einstein führte diesen Begriff zur Demonstration der allgemeinen Relativitätstheorie ein. Bergson (1928)
entwickelte ungefähr zeitlich parallel zu Einstein das Konzept der durée, einer Dauer als Abfolge innersystemischer
Veränderungen.
99 Ähnlich beschreibt auch Luhmann 1991, 126-151, die Entstehung von Zeit.
100
Csikszentmihalyi 2003, 63, über „Differenzierung und Integration“.
101
Ähnlich ein Titel des Zenmusikers Michael Vetter, „Ins Wellenspiel hinein sich entsagende Botschaft“.
102
So Reich (1989), der davon ausgehend verschiedene symptomatische Panzerungen als Triebmanifestationen
erklärt und, ganz in der Tradition Freuds, Trieb(ökonomie) und Außenwelt gegeneinander setzt (391). MerleauPonty (2003) stellt in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung die Bedingtheit des Geistigen durch das
Körperliche, den „erlebten Leib“ (75) dar und spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Technik des
Körpers“ (287). „Sie verkörpert und erweitert die metaphysische Struktur unseres Leibes (chair).“
103
Csikszentmihalyi 2003, 61, 103 und zur Autotelie 118.
27
Aspekte eines allgemeinen Phänomens von unterschiedlichen Standpunkten her skizzieren104.
Bühl105 unterscheidet neben der Evolution noch vier weitere Wandlungstypen: Fluktuation,
Oszillation, Katastrophe und Zyklus. Am Beispiel des von Kuhn analysierten Wissenschaftssystems
wäre
eine
Oszillation
der
paradigmenstützende
Diskurs106,
das
von
Fleck
genannte
Denkkollektiv107, das sich mit Auslegungen und Konsequenzen des Paradigmas beschäftigt. Dessen
Verlauf verläuft zyklisch, d.h. die paradigmengesteuerten Bindungskräfte tendieren dazu, sich ins
Gleichgewicht zu bringen. Fluktuationen treten ein, wenn Entkoppelungen stattfinden. Bezogen auf
das
Wissenschaftssystem
kann
es
sich
um
Spezialisierungen
terminologischer
und
methodologischer Art handeln, die inter- und intradisziplinäre Kommunikation letztlich behindern.
Auch die Ausbildung eines eigenen Mediums hat dazu geführt, dass die Wissenschaft sich
gesellschaftlich entkoppelt hat. Insofern lässt sich bei der funktionalen Differenzierung auch von
einer Fluktuation der Subsysteme sprechen, wenn es darum geht aufzuzeigen, wie sich
gesellschaftliche Teilbereiche auf andere ausdehnen, wie z.B. die theoretische Physik auf die
Religion oder die Wirtschaft und Politik durch Budgetrechte und Förderungen Einfluss auf Themen
und Forschungszweige der Wissenschaft nehmen. Katastrophen stellen Systemzusammenbrüche
dar. Der Bruch mit einem Paradigma kann ebenso völlig neue Herausforderungen, wie der
Vereinnahmung der Wissenschaft durch andere gesellschaftliche Bereiche, mit sich bringen. Die
Krise als abgeschwächter Form der Katastrophe stellt einen Zustand verminderter Kontrolle dar.
Demgegenüber steht die Anastrophe als einem stufenweisen Aufschwung, einer Art kulturellen
Konjunktur.
Diese allgemeinen kybernetischen Kategorien sollen nun aus dem Makrobereich Kultur auf den
Mikrobereich personaler Entwicklungen bezogen werden und somit eine Typisierung verschiedener
Formen der Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen.
Evolution ist eine Bedingung jeder Entwicklung. Evolution ist das einer jeden Entwicklung
zugrundeliegende Prinzip. Umgekehrt ist eine Entwicklung immer ein kontingent selektierter
Abschnitt einer spezifischen Evolution. Wer eine Entwicklung beschreibt, geht von einem Anfang
104
Noch ein Beispiel dazu: Ein Mensch, der wie „Stiller“ (Frisch 1986) von einer langen Reise heimkehrt, sieht
sich selbst als letzter Punkt einer Entwicklung, für die die Reise symbolisch steht. Sein Umfeld behandelt ihn nach
altem Muster und erlebt die von ihm vertretene Veränderung seines Standpunktes und Umweltbezuges als
irrationalen Bruch, den es (in der Figur seiner zurückgebliebenen Frau) zu korrigieren gilt. Ähnlich auch bei Nizon
1999. Gemeinsames Thema ist die Entfremdung der Protagonisten aus ihrem vertrauten Umfeld.
Persönlichkeitsentwicklungen werden durch solche Beschreibungen in ihrer Wechselwirkung mit dem sie
bedingenden sozialen Kontext greifbar.
105
Bühl 1987, 73.
106
Im Sinne Foucaults 1994a, 10/11: „Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses
zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch Prozeduren, deren Aufgabe es ist,
die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere
und bedrohliche Materialität zu umgehen.“.
107
Fleck 2002, 129.
28
und einem (mindestens vorläufigen) Ende aus. Für das Alltagsverständnis reicht das aus. Im
wissenschaftlichen Kontext ist dagegen auch die Wahl von Anfang und Ende zu begründen oder auf
die Aufgabenstellung zu beziehen108.
Revolutionen setzen Entwicklungen voraus109. Eine Revolution als solche wird erkennbar dadurch,
dass sie Umbrüche an Stellen verursacht, die mit der die Revolution verursachenden Entwicklung
nicht mehr direkt zusammenhängen. Revolutionen interpunktieren Entwicklungen als Zäsuren.
Fluktuationen sind Entwicklungen, die personal als multiple Denk- und Handlungsmuster
beobachtbar werden. Komplexe und Traumata als psychische, Autoritätshörigkeit und Doppelmoral
als soziale Phänomene der Persönlichkeit bilden Facetten solcher Fluktuationen. In der
Kommunikation treten personale Fluktuationen als unbeabsichtigte Doppelbotschaften auf, die die
Kommunikation verzerren oder randomisieren und damit eine wirkliche Verständigung verhindern.
Eine wirkliche Verständigung, wie z.B. ein gutes Gespräch, oszilliert. Es gibt feste Grenzen, über
die sich verständigt wurde und zwischen denen die Kommunikation pendelt, sie aber nicht
überschreitet. Oszillation bedeutet im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung Feedback.
Feedbacks sind kommunikative oder kommunikativ induzierte110 Rückkopplungen, die nowendig
und hinreichend die Anschlussfähigkeit der Kommunikation gewährleisten und somit
Entwicklungen kanalisieren (z.B. die Entwicklung des Gespräches, das Erleben und Handeln der
Interagierenden usw.).
Zyklen beschreiben die Anschlussfähigkeit von Entwicklungsabfolgen. Die von Csikszentmihalyi
geschilderte Einheit der Unterscheidung von Differenzierung und Integration, die sich gegenseitig
bedingen und ablösen und die die Elemente jeder Persönlichkeitsentwicklung bilden, steht für einen
(kleinstmöglichen) Zyklus. Daher geben Zyklen im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung
Aufschluss über den Stand von Prozessen, deren Vollzug den Abschluss eines Zyklus determiniert.
Zyklen sind die Kapitel der Persönlichkeitsentwicklung, die ihre Finalität aus den gerichteten
Prozessen des jeweiligen Zyklus bezieht. Je nach Zyklus können sich Mittel, Zwecke und sogar
Ziele verändern. Die Persönlichkeitsentwicklung wird von ihrem Zyklus diskriminiert. Diese
Diskriminierung oder Inskribierung erfolgt kommunikativ. Die den Zyklus konstituierenden
Prozesse sind Sozialisation und Lernen.
Bei den hier vorgestellten Entwicklungstypen lassen sich gesellschaftliche Veränderungen
108
z.B. die Entwicklung von Lebensfreude im Zusammenhang mit dem Kennenlernen (Anfang) geliebter
Menschen und ihrer schließlichen Stabilisierung durch die Ereichung einer positiven Lebenseinstellung, die nicht
mehr an Personen und Aktivitäten gebunden ist.
109
Das wird von Kuhn 1962 anhand seiner Beschreibung des Wissenschaftsbetriebs durchaus gestützt.
110
Wie im Falle von Biofeedback und Neurofeedback. Das EEG z.B. ist an und für sich kein kommunikatives
Feedback. Es wird aber kommunikativ vermittelt. Das macht spätestens dann einen Unterschied, wenn es um dessen
Auswertung geht.
29
allgemein beschreiben und sie gelten somit in der soziologischen Systemtheorie auch für die
Kommunikation. Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass Personen Träger oder Medien der
gesellschaftsweiten Kommunikation sind. Jede Person hat daher einen spezifischen Standpunkt.
Dieser gesellschaftsweiten Kommunikation kann sich keine Person entziehen, es sei denn durch
Ausfall des Bewusstseins (Tod, Schlaf, Koma,...) oder partiell durch Entmündigung. Die von Bühl
auf
den
Kulturbegriff
bezogenen
Wandlungstypen
stellen
differenzierte
Beobachtungskonfigurationen bereit, mit denen sich eine Persönlichkeitsentwicklung als Prozess
unterschiedlich angeordneter Ereignisabfolgen untersuchen lässt. Ganz allgemein charakterisieren
die Bühlschen Typen die Beziehungen der Ereignisse einer Entwicklung in ihrer Beziehung
zueinander. Auf personaler Ebene geht es dann um Verhalten im Kontext rollenspezifischer
Erwartungen und Erwartungserwartungen.
Personale Veränderungen einer Entwicklung vollziehen sich im Bereich der Formung des
Verhältnisses
von
Eigen-
und
Fremderwartungen
und
-zuschreibungen.
Diese
sind
sozialisationsbedingt und kulturabhängig.
III. Neuformulierung
Zunächst geht es darum, die dual organisierten Unterscheidungen in analytisch begründete
Differenziale umzustrukturieren. Das Gegensatzpaar Verhalten und Physiologie wird dafür durch
Kommunikation und Bewusstsein ersetzt. Bezeichnetes und Bezeichnendes111 fällt zusammen und
ergibt sich aus der Beobachtung und dem Vollzug von Verhaltenskoordinationen zweiter
Ordnung112. Die Theorie von der Arbitrarität der (symbolischen) Zeichen bricht auseinander und
das Medium wird selbst zur Message113. Erkenntnis vollzieht sich im Prozess der Digitalisierung
analog gelieferter Sinnesreize. Kultur wird zu einer phänomenal kontingenten Kodierung, die ihre
Freiheiten und Zwänge anhand des interkulturellen Vergleiches ermisst. Kultur ist das Feld, auf
dem die wechselseitigen Bezüge von Kommunikation und Disposition bestellt werden 114. Somit ist
die Kultur als solche funktional nichtkontingent, sondern Grundlage einer jeden Lebensrealität als
Produkt
rückbezüglicher
Operationen
zweiter
Ordnung
(Maturana),
die
funktionale
111
Nach de Saussure (1967, 77) Vorstellung und Lautbild.
112
Um im Bereich der Semiotik zu bleiben: einer Semiose als Vollzug der Peirceschen Zeichentriade
(Bezugnahme und Interpretation; siehe Bergen 2000, 60 und 103).
113
„Das Medium ist die Botschaft.“ Marshall McLuhan (1992, 17).
114
Einen Beitrag dazu bildet „Die Ordnung des Diskurses“ von Foucault 1994a, 42. Ein Beispiel ist das, worüber
in einer Kultur geredet und geschwiegen wird, z.B. in Hinblick auf den Umgang mit den Kapiteln ihrer Geschichte.
Ein anderes Beispiel ist die Ablösung der protestantischen Arbeitsethik von der sie ursprünglich hervorbringenden
religiösen Ausrichtung (dazu Max Weber 1993).
30
Substituierbarkeit überhaupt erst ermöglicht.
Nach Maturana ist im Wandel immer das zentral, was erhalten bleibt 115. Im Umkehrschluss sei in
dem Moment, in dem eine Beziehung anfängt, sich selbst zu erhalten, alles andere dem Wandel
unterworfen116. Auf diese Weise etablieren sich Lernebenen117, Abstraktionsvermögen, Standpunkte
usw. Zur Beschreibung von Veränderungen gehört deshalb das Bezeichnen des unverändert
Bestehenden. Es markiert die Beschränkungen, denen eine Entwicklung unterliegt und somit den
entwicklungsbezogenen Spielraum und die Qualität diesbezüglicher Veränderungen.
Das Bestehende wird maßgeblich durch seine inhärente Organisation als System charakterisiert. Es
geht daher nicht darum, die Elemente eines Systems zu analysieren und so das Ganze zu
erschließen, sondern die Elemente in ihrer funktionalen Anordnung als Organisationseinheiten des
Systems zu bestimmen, wobei es zunächst zu vernachlässigen ist, welche wie auch immer gearteten
Funktionen die Elemente bzw. Rekombinationen der Elemente in der Organisation anderer Systeme
einnehmen mögen118.
Da es in dieser Untersuchung zunächst darum geht, die Zusammenhänge von Bewusstsein und
Kommunikation zu klären, wird daher das Eine wie das Andere in seiner jeweiligen Organisation
erklärt. Elemente des einen können aufgrund ihrer funktionalen Doppelwertigkeit 119 niemals
Elemente des anderen sein, solange ihre funktionale Determination Teil ihrer Definition und
Kennung ist.
Bezüglich der personalen Organisation hat Talcott Parsons vor allem mit dem AGIL-Schema in der
Soziologie eine gründliche Vorarbeit geleistet, auf die bis heute in der Erklärung von Sozialisationsbzw. Gesellschaftsprozessen zurückgegriffen wird120. Es soll im Folgenden121 eine kurze
Darstellung des Schemas unter Einbeziehung systemtheoretischer Erweiterungen und Ergänzungen
gegeben werden.
Die Buchstaben der Folge AGIL122 oder LIGA123 stehen, jedes für sich, für eine Ebene der
115
Maturana (1997): „Was im Wandel zentral ist, ist das, was konstant bleibt.“.
116
Maturana (1997): „Wenn in einer Menge von Elementen sich eine Beziehung zu erhalten beginnt, ist alles
andere dem Wandel unterworfen.“.
117
Bateson 1981, 362-400, u. insbes. 371-96.
118
Ein Beispiel für die mögliche Mehrverwendung von Elementen ist das Atmen: seine physiologische Funktion
besteht in der Versorgung der Organe mit Sauerstoff als Teil des Stoffwechsels (Organisation). Innerhalb von
Meditationspraktiken steht die Atmung für ein den Bewusstseinsstrom stets begleitendes, sinnlich erfassbares
Ereignis, welches als Fokussierungsgegenstand der Aufmerksamkeit eine Analogie zum Bewusstseinsstrom selbst
und damit zum Forschungsinstrument Erkenntnissuchender wird.
119
Diese Doppelwertigkeit von Elementen bildet den Schlüsselbegriff zum Verständnis der strukturellen
Kopplung (dazu III.1 und IV.2).
120
Dazu Meynig 2005, 6.
121
Meynig 2005, 8 und 2005a, 14.
122
Dazu Parsons 1976, 172-177.
123
Bühl 1987, 60. Der Autor hält die Erwähnung dieser Umbenennung des Schemas für sinnvoll, um die
Wechselseitigkeit der Beziehungen zwischen den Schemaebenen aufzuzeigen. Die Benennung „AGIL“ ist natürlich
31
Personalität.
Die Adaptationsebene lässt sich, neurobiologisch betrachtet, als Ebene der Reizverarbeitung
bezeichnen, deren Parameter die Reizselektion/Reizweiterleitung und Reizkodierung bzw.
Informationstransformation bilden. Diese Prozesse erfolgen im Hinblick auf Interessen und Ziele,
deren allgemeinstes in der Reduktion von Komplexität besteht, die immer auch auf die Kontingenz
der auf der Adaptationsebene apriori
eingeführten Erkenntnisstrukturen rückverweisen.
Assimilationen im Sinne Piagets finden rein auf der Adaptationsebene statt, während
Akkomodationen die Existenz von Interessen und Zielen als Ordnungs- und Priorisierungsprinzip
der Ebene des „Goal-Attainment“ (Parsons) voraussetzen. Meynig124 ergänzt die Integrationsebene
unter Referenz auf die Habitustheorie Bourdieus125 um das Konzept der Inkorporierung. Dies bietet
sich an, wenn Sprache, wie in der biologischen Systemtheorie, als Verhaltenskoordinierung höherer
Ordnung betrachtet wird. Insofern alle Bewusstseinsprozesse biophysiologisch vermittelt werden,
ist der Terminus Inkorporation treffender und stärker als der der Integration. Beide haben als
unterschiedliche Merkmale des gleichen Prozesses, der auf dieser Ebene stattfindet, jedoch ihre
Berechtigung. Integriert werden Erkenntnisse und Informationen der A- und G-Ebene in
Vorerfahrungen und logisch-mathematisch strukturierten Repräsentationen, die sie bestätigen oder
modifizieren. Auf dieser Ebene finden die reflektierenden Prozesse statt, die gemeinhin als
Ergebnisse der Arbeit der jüngeren Gehirnarreale betrachtet werden.
Personale Identität entwickelt sich erst auf der Ebene des „Latent Pattern Maintenancy“. Parsons
stellt das ganze AGIL-Modell in den Rahmen des von ihm geprägten Strukturfunktionalismus, dem
zufolge die Funktionen im Hinblick auf die Erhaltung der Struktur gewählt werden. Luhmann126
vertauscht dies in dem von ihm geprägten Funktionsstrukturalismus, dem zufolge kontingente
Strukturen im Hinblick auf die Erfüllung von Funktionen entstehen bzw. gewählt werden. Über
Kondensation und Konfirmation werden aber bestimmte Strukturen stabilisiert und, und das geht
über Parsons hinaus, im Hinblick auf die Erfüllung einer oder mehrerer Funktionen organisiert bzw.
metastabilisiert. Kondensation bedeutet dabei die Ausbildung einer Abstraktionsebene bzw. die
Erreichung einer allgemeinen Erkenntnis, die es ermöglicht, das Erlernte zu übertragen.
Konfirmation bedeutet die Selektion von Strukturen gemessen an ihrem Erfolg oder Nutzen127. Sie
semantisch doppeldeutig (agil von lat. agitare - betreiben, verwenden), was Parsons sicher im Blick hatte.
124
Meynig 2005, 8.
125
Bourdieu 1987, 277-86.
126
Luhmann 2005, 114.
127
Dafür gibt es aus dem Bereich der Wissenschaftstheorie verschiedene Strategien: die TOTE-Strategie (TestOperation-Test-Exit; siehe Miller 1991, 34) bildet ein Muster für Try-and-Error Versuche zweiter Ordnung, die die
Durchführung zu ihrem Ergebnis in Beziehung setzt und darauf das Rearrangement vor der Wiederholung des
Versuches abstellt. Das Rearrangement setzt dabei Lernen II (im Sinne Batesons 1981, 378) voraus, also ein
Nachdenken über mögliche Fehlerquellen und die Neukonzeptionierung einer Bandbreite darauf angelegter
32
ermöglicht die Bildung von Gewohnheiten, die sich als etablierte Erfolgsstrategien im Hinblick auf
Zwecke retrospektiv konstruieren lassen, selbst wenn die Handlung von ihrem Nutzen durch
Verselbständigung längst entkoppelt wurde.
Diese Ebene der Erhaltung von Strukturen, die Luhmann als funktional substituierbar beschreibt,
wird von Maturana als Systemorganisation bezeichnet. Die Organisation eines Systems besteht in
der funktional eingerichteten Kombination seiner Elemente und Subelemente. Ist die
Reorganisation eines Systems durch irreversible Strukturveränderungen nicht mehr möglich,
zerbricht das System. Die Kommunikation endet und das Bewusstsein erlischt. Die Autopoiese, also
die Produktion von Elementen durch die Elemente, die sie ersetzen128, sichert als autonomes
Organisationsprinzip den Fortbestand des Systems129. Die Organisation gibt die Spannweite vor,
innerhalb derer Reorganisationen und Substitutionen seiner Strukturen möglich sind. Die
Autopoiese steht für das faktische Geschehen, also die Selektion, Modifikation und Stabilisierung
von Strukturen. Sie folgt der Organisation und verwirklicht sie.
Meynig130 schlägt vor, energetische Prozesse, die sich von A nach L vollziehen, als biologisches
und informationales Feedback, das in der Richtung von L nach A rückläuft, als kulturelles
Evoluieren zu bezeichnen. Dabei dient die biologische Evolution den Strukturgerinnungen und
Informationsgewinnungen
und
die
kulturelle
Evolution
der
Energieverwaltung
und
Energieeffizienzmaximierung. Piaget spricht in diesem Zusammenhang von „Äquilibration“.
Äquilibration geht insofern über eine Ökonomie körperlich-geistiger Reserven hinaus, als dass sie
auch den finalen Zweck der Organisation eines autonomen Systems beschreibt – ihre Einbindung in
die sie betreffende Umwelt, ihre jeweilige ökologische Nische131. Den Mechanismus der
Äquilibration bildet die Adaptation, d.h. soviel wie Selbstregulation durch Anpassung. Die
Parallelen zu Maturana sind hier nicht zu übersehen. Was Maturana vor allem als
Verhaltenskoordinationen zweiter und höherer Ordnungen durch einen Beobachter erklärt,
Versuchsmöglichkeiten und Anordnungen. Die GEO-Strategie stellt das gewünschte Ergebnis („Goal“) an die erste
Stelle: im Hinblick auf das zu erreichende Ziel werden Kriterien gesucht, die das Ziel in seinen Parametern
beschreiben („Evidence“). Erst wenn diese entwickelt sind, kann die Durchführung („Operation“) erfolgen (siehe
Linneweh 1973, 44).
128
Maturana 1985, 157/58 und 1995, XIII.
129
Maturana 1985, 35.
130
Meynig 2005, 8.
131
Piaget (1967, 26) definiert die Äquilibration mit folgenden Worten: „Die Äquilibration stellt einen sehr
allgemeinen Prozeß dar (...), der in großen Zügen darauf hinausläuft, daß den Störungen von außen aktive
Kompensationen entgegengesetzt werden, Kompensationen, die natürlich mit dem Entwicklungsstadium und den
der jeweiligen Person verfügbaren Schemata variieren, die aber immer in Reaktionen auf erlebte oder antizipierte
Störungen bestehen.“ Von Glasersfeld (1992, 194) schließt sich dieser Auffassung an: „Wird Gleichgewicht nicht
bloß als ein stabiler Zustand aufgefaßt, sondern dynamisch als die Regularität rekursiver Prozesse, dann wird jede
Irregularität eine Störung darstellen, und jede Handlung, die eine solche Handlung ausschalten soll, ist ein Akt (oder
zumindest ein Versuch) der Äquilibration.“.
33
beschreibt Piaget gewissermassen von Innen her als Homöostase132. Es geht dabei um ein durch das
funktionale Zusammenwirken seiner Teile entstehendes Gleichgewicht. Er grenzt diese Prozesse
gegen homöorhetische Prozesse ab, die darin bestehen, Entwicklungen genetisch wie auch kognitiv
zu steuern und zu kanalisieren. Dies wird durch Perturbationen der Umwelt notwendig, aber auch
ermöglicht, da Störungen stets die Bedingung der Möglichkeit von Entwicklungen darstellen. Die
Homöorhese ist daher der Homöostase vorgeordnet. Entwicklungsäquilibrierungen finaler Art
bilden die Voraussetzungen der Entstehung eines funktionsregulierten Gleichgewichtsinnes.
Für die Fundierung des AGIL-Modelles lässt sich der Adaptationsprozess (im Sinne Piagets) von A
nach L verlaufend analog setzen, die Homöorhese als von L nach A verlaufender Prozess, die
Assimilierungs- und Akkomodationsebene als Adaptationsebene (A-Ebene im AGIL-Modell), die
Homöostase als Integrationsebene und die Äquilibration als Strukturerhaltungsfunktionsebene.
Piaget133 weist darauf hin, dass die Kognitionsevolution zwischen dem sozialen und dem
genetischen Bereich oszilliert. Das Parsonssche AGIL-Modell kann in den hier vorgenommenen
Modifizierungen als ein veranschaulichendes Stufenmodell134 der wechselseitigen Bezüge von
Genotyp und Phänotyp zunächst verwendet werden.
Bezogen auf das Thema dieser Studie ergibt sich daraus die Konklusion, dass sich die
ursprüngliche, an die systemtheoretische Terminologie angelehnte Aufgabenstellung der
Untersuchung über die Beziehungen von Bewusstsein und Kommunikation durchaus mit der
Entwicklungspsychologie Piagetscher Prägung vereinbaren lässt. Eine Synthese aus beiden
theoretischen Strömungen, die der Komplexität der Ansätze gerecht wird, ergibt sich aus der
thematischen Erweiterung und Einbindung in eine Beschreibung von Persönlichkeitsentwicklungen
in ihren kommunikativen Kontexten.
III.1. Kommunikation als strukturelle Kopplung
Anders als Luhmann betrachtet Maturana Kommunikation als Form wechselseitig aufeinander
bezogener Verhaltenskoordinationen. Ein System ist demnach mit einem Medium gekoppelt. Die
Kopplung selbst beschreibt dabei die Nische des Systems. Zur Nische zählen alle die Faktoren, mit
denen das System direkt gekoppelt ist. Zum Medium zählen zusätzlich auch die indirekten
132
Maturana / Varela (Artikel Selbstregulation. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6.
Dezember 2007, 21:18 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Selbstregulation&oldid=39772383
(Abgerufen: 2. Februar 2008, 09:57 UTC)) empfehlen, den Begriff der Homöostase durch den der Homöodynamik
zu ersetzen und somit das aktive Justieren bei Gleichgewichtsprozessen hervorzuheben.
133
Piaget 1967, wie der Titel „Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven
Prozessen“ schon sagt.
134
Wie das Treppenhaus „Relativiteit“ von Escher (2006, 67; siehe Anhang): AGIL/LIGA also quasi als eine
Treppe, die von beiden Seiten benutzt wird.
34
Faktoren, die nur mittelbar auf das System einwirken135. Ist Kommunikation das Medium, dann
stellt das System in seinem Medium die gleichen wechselseitigen Bezüge fest, mit denen es selbst
auf der Koordinationsebene zweiter Ordnung operiert. Es nimmt gewissermaßen die Welt in sich
hinein und unterstellt dem Kommunikationspartner, Bedeutungen zu generieren und zu selektieren,
wie es selbst es auch tut. Diese Genese wird in seinen Bezügen auf das Verhalten des oder der
jeweils anderen gerichtet136. Maturana vergleicht es mit einem Tanz. Themen und Gegenstände sind
demnach, „which we do together, so that they arise“137. Dadurch wird die „Realität“ zu einer
sozialen Konstruktion138 auf konventionaler Grundlage.
Die geistigen Prozesse wurden in der Tradition der griechischen Philosophie im Dualismus den
körperlichen Prozessen und Befindlichkeiten gegenübergestellt. Die Erklärungsversuche des
Geistes gingen seit Descartes quasi unhinterfragt von der Annahme dieser Unterscheidung aus, an
der sie dann auch regelmäßig scheiterten139. Werden die geistigen Prozesse als Verfeinerungen und
Verlängerungen des physischen Verhaltens und Lernens betrachtet, fügt sich der Mensch wieder in
seine phylogenetische Vorgeschichte ein. Die die Kommunikationswissenschaft betreffenden
Fragen verändern sich aus der Richtung, wie es zu Missverständnissen kommt, in die Richtung, wie
Verständigung überhaupt erst möglich wird140. An Kommunikation ist nichts geistig, da sie sich
über die Beobachtung des Verhaltens vollständig beschreiben lässt. Wenn Menschen ihr Verhalten
135
Siehe Kap.II, Fußnote 44.
136
Hier geht es um Intention, auf die, basierend auf den Forschungen Searles (2004, 104-130 oder auch 1987, 15)
u.a. in IV.5. umfangreicher eingegangen wird.
137
http://youtube.com/watch?v=sdI_Cc3fV_U, „Defining Social“. Maturana gibt diese Definition als
Alternativentwurf zur Aussage von Herbert Brun, „Things are what is said about them in our social worlds.“.
138
Das sieht auch Luckmann (1969) so: „Bewußtsein ist immer intentional.“ (23). Oder auch: „Die Wirklichkeit
der Alltagswelt stellt sich mir ferner als eine intersubjektive Welt dar, die ich mit anderen teile.“ (25). Anders
formuliert es Rapoport (1972, 376) in Anlehnung an Korzybski: „Die Sprache, sagt Korzybski, ist eine Landkarte
von der Wirklichkeit. (...) Die drei Postulate von Korzybskis „nichtaristotelischem System“ lassen sich als Aussagen
über die „Landkarte“ formulieren; sie lauten:
„Die Landkarte ist nicht das Gelände.
Die Landkarte zeigt nicht das ganze Gelände.
Die Landkarte spiegelt sich selbst wieder.“
139
Wie z.B. der Ansatz des „Dualistischen Interaktionismus“ von Popper/Eccles (1991), deutlicher noch bei
Eccles (1994), „Wie das Selbst sein Gehirn steuert“ und sogar Bateson (1997). Bezeichnend der argumentative
Bruch bei Eccles, der das Selbst als „Ghost in the machine“ nicht als neurologisch evident begründet und dabei
belässt, sondern religiös rechtfertigt (Eccles 1994, 70). Ausgangsproblem ist der Bezug auf das Dreiweltenmodell
Poppers (siehe Eccles 1991, 34), bzw. die Behauptung der jeweiligen Eigenständigkeit/Objektiviät der drei Welten.
So verliert die lebendige Seele der Welt 2 mit dem Tod ihres Trägerkörpers ihre Ausdrucksmöglichkeiten in/als der
Welt 3 (Eccles 1991, 296). In dieser Untersuchung wird von dem Modell abgesehen, da Identität in der
Systemtheorie nicht als absolut, sondern relativ bezogen auf das die Identität beobachtende bzw. verwendende
System angenommen wird. Genauer gesagt nimmt der hier vertretene Standpunkt Kontingenz und fundamentale
Wandlungsoptionen eines an und für sich apersonalen Selbst an, das erst in der Kommunikation entsteht und
Permanenz gewinnt oder verliert. Alles darüber Hinausgehende ist in dieser Konzeption eher als spekulativ,
metaphysisch oder theologisch zu betrachten und widerspricht im übrigen Poppers Forderung nach Bescheidenheit
und Versachlichung der Wissenschaft.
140
Es geht hierbei um die Ersetzung des Shannon und Weaver Modells (1963) durch konstruktivistische Ansätze,
wie bei Luhmann (1991, 25-35, „Die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation“).
35
aufeinander abstimmen und beziehen, findet Kommunikation statt141.
Kommunikation besteht in der Beziehung des Bewusstseins zu den es ermöglichenden
Bedingungen. Kommunikation impliziert daher schon eine intentionale Ausrichtung als funktional
obligatorisches Utensil. Kontemplative Übungen lösen oder ersetzen diesen Bezug nicht. Sie
fördern die Bezugnahme auf Bedingungen allgemeinerer oder abstrakterer Ausprägungen 142. Egal,
was die Kommunikation zum Thema hat und welche Information aus dem Verstehen ihrer
Mitteilung selektiert wurde, stellt sie immer einen Bezug des Bewusstseins zu den es
konstituierenden Bedingungen her. Dieses allgemeine Verständnis der Kommunikation als Weg der
Reproduktion des Bewusstseins
über die Aktualisierung ihrer Sinnesbezüge bzw. durch den
Ausdruck ihres Bezugs auf ihre Nische, zeigt ihr Funktionieren als strukturelle Schnittstelle des
Bewusstseins und seiner Nische. Die Intentionalität des Bewusstseins gibt allerdings die
Modalitäten möglicher Kommunikationen vor. Themen können, müssen aber nicht seligiert werden.
Vielmehr ist es die Art der Behandlung der Themen, die die gerichteten Bezüge des Bewusstseins
beschreiben. Die „Mitteilung“, nicht die Information, stellt den Bezug des Bewusstseins zu seinen
Konstitutionsbedingungen auf. Die Mitteilung als komplexes Verhaltensmuster ermöglicht
Rückschlüsse auf die neuronalen Vorgänge wie Repräsentationsbildung, -vernetzung und erweiterung und der daraus resultierenden Vergewohnheitlichung143.
141
Luhmann geht soweit, auch das Lesen und Schreiben als Kommunikation zu bezeichnen, wenn auch als
besondere Form, „weil in diesen Operationen nicht zwischen Laut und Sinn, sondern nur zwischen
Buchstabenkombinationen und Sinn unterschieden werden muß“ (Luhmann 1998, 256). Die Triade aus Information,
Mitteilung und Verstehen wird dabei räumlich und zeitlich auseinandergezogen. Daraus ergibt sich eine dichtere
Vernetzung der Kommunikation der Weltgesellschaft in Abhängigkeit vom Zugang personaler Systeme zu
Kommunikations- bzw. Interaktionsmedien (andere personale Systeme, gesellschaftliche Einbindung, Zugang,
Verständnis und Gebrauch von Massenmedien, Kenntnisse von Zeichensystemen und Codes). Zu den
Konsequenzen siehe Benjamin (1955, 366-405) und McLuhan (1992 u. 1994, 80-95).
142
So erklärt die spirituelle Lehrerfigur Don Juan in Castaneda 2000, 15, seinem Schüler, er könne ihm erklären,
sie seien von Unendlichlichkeit umgeben und es würde für ihn keinen Unterschied machen, solange er keine
persönliche Kraft besäße, die Relevanz dieser Erkenntnis zu begreifen („Es kommt nicht darauf an, was man verrät
oder was man für sich behält (...). Alles, was wir tun, alles, was wir sind, beruht auf unserer persönlichen Kraft.
Haben wir genug davon, dann genügt vielleicht ein einziges Wort, das uns gesagt wird, um unser ganzes Leben zu
ändern. Haben wir aber nicht genug persönliche Kraft, dann mag es sein, daß uns die wunderbarste Weisheit
offenbart wird, und diese Offenbarung würde nicht das geringste bewirken. (...) Weißt du, daß dich genau in diesem
Moment die Ewigkeit umgibt ? Und weißt du, daß du diese Ewigkeit benutzen kannst, wenn du es willst ?“). Auf
der anderen Seite reicht es manchmal aus, überhaupt irgendetwas zu sagen, um tiefe Erleuchtungzustände
auszulösen, wenn ein personales System diesbezüglich Intentionen entwickelt. So fragt der Schüler seinen Meister
in einem Zenkoan „Was ist der Buddha ?“ Und erhält zur Antwort: „Ein getrockneter Scheisshaufen“ (Watts 2002,
99).
143
Die Hebbsche Lernregel besagt, „What fires together, wires together“ (Kohonen 2001, 91 und Dorffner 1991,
31/32). Das besagt, dass miteinander reagierende Neuronen die Tendenz haben, sich miteinander zu verzahnen. So
bilden sich neuronale Trampelpfade, Wege und Straßen, die sich als Verhaltensgewohnheiten und
Konditionierungen beobachten lassen. William James (2006, 20) formuliert es so: „Die Eigenart unserer
Erfahrungen, die darin besteht, daß sie nicht nur sind, sondern man ihrer auch gewahr ist (was zu erklären man ihrer
´bewußten` Beschaffenheit anträgt), wird besser durch die Beziehungen erklärt, die sie miteinander haben und die
überdies selbst Erfahrungen sind.“ S.29: „(...) jene Beziehungen, durch die Erfahrungen miteinander verbunden sind,
[müssen] ihrerseits erfahrene Beziehungen sein, und jede Art von erfahrener Beziehung muß für genauso ´wirklich`
wie alles andere im System auch erklärt werden.“.
36
III.2. Verstehen und Handeln – Kommunikations-/Sprechaktmodelle
Schulz von Thun144 geht in seinem Vier-Seiten-Modell von einer vierfachsynchronen
Verständigung zwischen Menschen aus: auf der Sachebene wird der Bezug auf eine Information
hergestellt. Deren Unterscheidung von der Mitteilung stellt nach Luhmann Verstehen her. Die
Mitteilung splittet sich in drei weitere Ebenen: die Offenbarungsebene, in der der
Kommunizierende etwas sich selbst, also sein Selbstverständnis, seine Person bzw. Identität verrät,
die Beziehungsebene, auf der der Kommunizierende sein soziales Umfeld verrät bzw. arrangiert,
und die Appellebene, die einem Wunsch/einer Aufforderung in irgendeinem Sinne entspricht. Jeder
Ebene wird eine „Seite“ und ein „Ohr“ zugeordnet. Mit der Seite wird der entsprechende Aspekt
seitens des Kommunikators bezeichnet, mit dem Ohr das Verständnis des Kommunikationspartners.
Das Verstehen der Unterscheidung von Information und Mitteilung ist kontingent, d.h. es kann
durch diese Unterscheidung jeweils eine bestimmte der 4 Ebenen Schulz von Thuns selektiert
werden, da alle 4 Ebenen mitschwingen und Kommunikation nach Luhmann vom Verstehenden her
definiert wird. Schulz von Thun geht davon aus, dass in jeder Kommunikation diese Ebenen
vorliegen. Sie stellt sozusagen eine kommunikationswissenschaftlich spezifizierte Pragmatisierung
der von Austin begründeten und von Searle erweiterten Sprechakttheorie dar. Searle (1983)
unterscheidet hierbei Illokution und Proposition145. Der Vollzug illokutionärer Akte zerfällt sowohl
in Austins ursprünglichem, als auch in Searles modifiziertem Sprechaktmodell in einige
grundlegende Kategorien. In Anlehnung an Austins Terminologie nennt Searle hierzu assertive,
kommissive, direktive, expressive und deklarative Akte.
Assertive beziehen sich auf eine Weltobjektivierung, die Searle als intentionale Wort-auf-Welt
Ausrichtung bezeichnet. Das bedeutet, dass mit dem Vollzug des Sprechaktes auf einen Gegenstand
Bezug genommen wird, der als unabhängig von ihm gegeben angenommen und beschrieben
wird146. Dieser Wort-auf-Welt Ausrichtung stellt Searle die Welt-auf-Wort Ausrichtung gegenüber,
die eine Sprechhandlung bezeichnet, die die konsensuelle Realität durch ihren Vollzug zu
modifizieren beabsichtigt. Parallelen zu Piagets Assimilations- und Akkomodationsschemata liegen
144
Schulz von Thun (1996, 26-31).
145
Austin (2002) ging ursprünglich von lokutionären, illokutionären und perlokutionären Akten aus, was ungefähr
Form/Syntax, Inhalt/Absicht und Folge/konventionelle und kontextuelle Einbindung/Verständnis der
Interaktionspartner entspricht. „Diese gesamte Handlung, „etwas zu sagen“, nenne – d.h. taufe – ich den Vollzug
eines lokutionären [locutionary] Aktes (...).“ (S.112). „Der Vollzug einer Handlung in diesem neuen, zweiten Sinne
habe ich den Vollzug eines „illokutionären“ Aktes genannt, d.h. einen Akt, den man vollzieht, indem man etwas
sagt, im Unterschied zu dem Akt, daß man etwas sagt; (...).“ (S.117). „ (...) und die Äußerung kann mit dem Plan, in
der Absicht, zu dem Zweck getan worden sein, die Wirkungen hervorzubringen. (...) Das Vollziehen einer solchen
Handlung wollen wir das Vollziehen eines perlokutionären [perlocutionary] Aktes nennen (...).“ (S.118/119).
146
Im Gegensatz zu Austins performativen Sprechakten, mit denen ein Gegenstand „gemacht“ wird, z.B. heiraten.
Diese fallen in Searles theoretischem Ansatz unter die Welt-auf-Wort Sprechakte (Searle 1987, 23).
37
auf der Hand, die hier allerdings nicht die Persönlichkeit strukturieren, sondern die
Kommunikation, die dann erst wieder auf der Grundlage ihrer Annahme bzw. Ablehnung,
Hineinnahme bzw. Veräußerung/Gestaltung sozialer Realität auf die Persönlichkeit Einfluss nimmt.
Insofern sei auf die Einbindung des Sprechhandelns in allgemeine bzw. neurobiologisch begründete
Verhaltensformen verwiesen. Dabei lassen sich anhand der Analyse von Sprechakten sowie der sie
konstituierenden und begründenden sozialen Kontexte Handlungs- und Erlebenshorizonte der an
ihnen beteiligten personalen Systeme rekonstruieren147. Es ist Searle anzurechnen, mit dieser
einfachen Phrase (Wort-auf-Welt; Welt-auf-Wort) die Einbindung von (Sprach)verhalten in
Verhaltenskorrelierungen zweiter Ordnung, also Mindmaps, Repräsentationen usw. analytisch
dargestellt zu haben, obwohl er die „Welt“ nicht in ihrer mentalen Funktion als neuronal
repräsentierter Wahrheitskonstante der Selbstwahrnehmung durchschaut zu haben scheint.
Direktiven, ein weiterer illokutionärer Typus, bilden Handlungsanweisungen und entsprechen dem
Appell
des
Vier-Seiten-Modells.
Kommissive
sind
Versprechen,
also
autoregulative
Handlungsanweisungen, die sich von Direktiven nur in der referentiellen Ausrichtung
unterscheiden. Beide Akte sind Welt-auf-Wort gerichtet, d.h. auf die Absicht, reale Sachverhalte
durch das Wort zu kreieren.
Expressive sind Ausdrücke, die keine Ausrichtung haben. Sie entstehen als Verbalisierung
psychischer Zustände und entsprechen somit der Selbstoffenbarungsebene Schulz von Thuns.
Eine Deklaration ist eine Feststellung, die unter die illokutionären Akte fällt, weil auch sie
performativer Art ist und die durch ihren Vollzug die sie bestimmende Realität determiniert.
Mit dieser Modifizierung des Austin-Modelles löst Searle die von Austin vorgenommene
Unterscheidung von konstativ (feststellend) und performativ (handelnd) auf. Die Illokution wird zu
etwas Allgemeinen, das alle Sprechakte betrifft. Wer immer etwas sagt, tut damit auch etwas. Damit
wird der soziale Charakter der Sprache betont. Worte dienen nicht nur der Koordination, sondern
auch der Substitution von Handlungen148. In diesem Zusammenhang weist nun Luhmann auf die
zeitliche, sachliche und soziale Kontextualität von Kommunikation hin. Dieses sind die
Dimensionen ihrer Konstitution. Sachlich und sozial meint dabei die Unterscheidung von
Information und Mitteilung unter Verwendung und Abfall von Zeit. Das bedeutet, dass der Vollzug
einer Unterscheidung149 als Handlung der zeitlichen Abfolge von vorher und nachher realisiert wird
und dass durch das Unterscheiden Zeit überhaupt erst innersystemisch entsteht, da Zeit als
147
Das wird z.B. in der Ethnomethodologie von Garfinkel und der ihr verwandten Disziplin der
Konversationsanalyse (Sacks, Schegloff, Jefferson), der Interaktionslinguistik (Selting), vor allem aber der
Sozialpsychologie betrieben.
148
Zum Beispiel wird durch die Androhung von Gewalt, ob nun erfolgreich oder nicht, die Gewalt ersetzt.
149
„Triff eine Unterscheidung.“ Spencer-Brown (1997, 3).
38
chronologisch etablierte Ordnung der Unterscheidung von vorher und nachher innersystemisch
operationalisierbar wird.
III.2.1. Synthese der Kommunikationsmodelle
Auf einige Entsprechungen und Parallelen ist bereits hingewiesen worden. Ein Modell der
Kommunikation für die Beschreibung bzw. Beobachtung von Persönlichkeitsentwicklungen im
jeweiligen kommunikativen Kontext sollte den Standpunkt der Kommunizierenden einbeziehen,
also wie sie sich selbst in Beziehung zu ihrer Umwelt setzen. In diesem Sinne ist die
Selbstoffenbarung ein Teil des Sozialen. Beschleunigt wird die Kommunikation durch den
Beziehungsaspekt, d.h. wie der Kommunikator seine Umwelt in Bezug auf sich selbst wahrnimmt.
Auch dies ist in jeder Kommunikation stets enthalten. Die Reziprozität dieses Bezuges von
Selbstoffenbarungs-
und
Beziehungsaspekt
lässt
sich
anhand
der
Heisenbergschen
Unschärferelation ersehen: hierbei lässt sich entweder der Standort eines Teilchens oder seine
Geschwindigkeit messen. Daher muss sich der Kommunikator wie auch der Verstehende für jeweils
eine Sichtweise entscheiden150. Entsprechend ergibt sich erst aus dieser Entscheidung/Gewohnheit
die Appellfunktion (als „Seite“ und „Ohr“). Searles Kategorien sind unter der Bedingung
verwendbar, dass sie im Sinne Schultz von Thuns synchron laufen und Aspekte einer weniger
explizifizierten als vielmehr einer sozialen Realität konstruktiven Charakters diskriminieren. Auch
reichen die vier Seiten des Schultz-von-Thun-Modelles aus, da Deklarativa eher eine allgemeine
Illokution darstellen und Assertiva, Expressiva, Kommissiva und Direktiva als Aspekte der
Illokution vom jeweiligen Verständnis (Ohr) her entschieden werden. Das bedeutet, dass die
Fortsetzung von Kommunikation unter der Bedingung der Entscheidung bzw. Betonung des
Verständnisses nur einer Sprechaktform stattfinden kann, und das, obwohl die Kommunikation
Charakteristika aller Sprechakte transportiert. Dass Annahme, Verständnis und Fortsetzung von
Kommunikation ohne eigentliche Entscheidbarkeit trotzdem möglich ist, beruht auf der
intentionalen Ausrichtung von Kommunikation auf Kommunikation, auf ihrer Anschlussfähigkeit.
Intentionalität151 bezeichnet die Ausrichtung mentaler Zustände auf Eigenobjektivierungen und
150
Dies ist mit mitunter gravierenden gesellschaftlichen Konsequenzen verbunden: den Selbstoffenbarungsaspekt
zu betonen gilt als „männlich“, den Beziehungsaspekt zu betonen als „weiblich“. Entsprechend werden anhand
dieser Identifizierungen Rollendifferenzierungen vorangetrieben (dazu Weinbach 2005, 39, über „Die
Kontingenzformel ´Geschlechtsrollenidentität`“). Diese sind wiederum mit kulturspezifischen Bewertungen
verknüpft, die in den Interaktionsmedien eine entsprechende Behandlung erfahren. Ein typisches Männerstereotyp
ist es z.B., die Kommunikation auf Digitalität abzustellen und das äquivalente Frauenstereotyp kommuniziert dazu
analog. Der „Mann“ hört insofern aus den Aussagen der „Frau“ zu entscheidende Aspekte heraus. Die Frau widerum
hört die Selbstoffenbarungsebene des Mannes und entscheidet auf der Beziehungsebene.
151
Das Intentionalitätskonzept geht auf den Philosophen Brentano (1982, XIII) zurück und nimmt in der
Phänomenologie Edmund Husserls einen zentralen Platz ein.
39
kennzeichnet die Kommunikation quasi von der Innenseite her. Das Erscheinen einer von uns
unabhängigen Umwelt in der vierten Dimension samt den sie konstituierenden Bedingungen wie
physikalischen Gesetzen ist die Folge intentionaler Operationen, in denen Zustände auf Zustände
bezogen werden. Diese konstruktivistische Erklärung unterscheidet sich von Searles Definition der
Intentionalität dahingehend, dass er von Gegenständen ausgeht, auf die sich Zustände beziehen
können. Dies ist konstruktivistisch insofern zu erweitern, dass diese Gegenstände ebenfalls durch
Intention erzeugte Objektivierungen, Projektionen bzw. Repräsentationen des Geistes darstellen,
was immer diese „Gegenstände“ sonst sein mögen. Die Wirklichkeit wird nicht negiert, aber sie
wird im Hinblick auf die operative Geschlossenheit des Nervensystems ausgeklammert. Die „Welt“
wiederum wird als für die Konstitution des Selbst benötigtes Modell einer das Modell immer
übersteigenden Wirklichkeit verwendet.
III.3. Das System „Gesellschaft“
Luhmann geht von der Systemhaftigkeit der Kommunikation als solcher aus, die er in ihrer
Gesamtheit „Gesellschaft“ nennt. Die Gesellschaft besteht in diesem Sinne aus der Summe aller
Kommunikationen, die sich durch ihre Träger, also die personalen Systeme, äußern. Von diesem
Standpunkt aus sind somit Personen als die Medien gesellschaftlicher Kommunikation zu sehen.
Das weicht erheblich von psychologischen Ansätzen ab und stellt einen vermittelnden Ansatz
zwischen Mikro- und Makrosoziologie dar152. Die Eigenständigkeit eines allübergreifenden
Kommunikationssystems, das alle Kommunikationen umfasst und sich durch personale Systeme
reproduziert, ist kognitiv schlechterdings zu begreifen, da erst die Annahme physiologischer und
kognitiver Autonomie weitere Kognition zuzulassen in der Lage ist. Dass es dennoch so ist belegt
die Beobachtung, dass Kommunikation dort fehlt, wo es an Bewusstsein fehlt.
Im Falle angenommener Kommunikation kommt es zur Bildung von Bewusstsein bzw. zu dessen
Kondensation und Konfirmation153 unter den Interagierenden. Kommunikation ist Voraussetzung
und Folge des Bewusstseins, genau wie Bewusstsein Voraussetzung und Folge der Kommunikation
ist. Was bewusst ist, kann kommuniziert werden und Kommuniziertes führt im Verständnisprozess
152
Die systemische Familientherapie (Sparrer, von Kibed, Simon) geht von diesem Modell aus. Zu seiner
Integration in die Klinische Psychologie siehe Schiepek 1991.
153
Es geht hierbei ganz allgemein um Identitätsbildung, in diesem Fall um die Identität der Kommunikation. Dazu
Luhmann 1998, 47: „Folglich muß jegliche Identität als Resultat von Informationsverarbeitung oder, wenn
zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden. „Identitäten“ bestehen nicht, sie haben nur die Funktion,
Rekursionen zu ordnen, so daß man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurückund vorgreifen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas,
was im Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann.“ Oder S.107: „Das [die Unterscheidung von
Information und Mitteilung in der Kommunikation zu treffen, also: zu verstehen] aber heißt, daß sich entsprechende
sachliche und personale Referenzen bilden. (...), ließe sich auch sagen, daß die Wiederverwendung solcher
Referenzen Personen (bzw. Dinge) kondensiert, nämlich als identische fixiert, und sie zugleich konfirmiert, nämlich
mit neuen Sinnbezügen aus andersartigen Mitteilungen anreichert.“.
40
zur Aktualisierung des Bewusstseins. Überforderungen des einen wie des anderen Systems
verdeutlichen ihre wechselseitigen Bezüge:
Wenn etwas bereits kommuniziert und verstanden wurde, kann es dazu kommen, dass die
Bewusstseinsstruktur das Kommunizierte in seiner Komplexität nicht verarbeiten kann.
Zwanghaftigkeit ist ein Beispiel für das Vorliegen eines Bewusstseins, dessen integrative Struktur
nicht genügend Flexibilität besitzt, die erforderlichen Akkomodationen durchzuführen. Die
Vernunft erfasst einen Handlungsspielraum, der sich mit dem tatsächlichen nicht deckt. Es
entstehen Fehleinschätzungen, die adäquates Handeln im Hinblick auf das der Situation als
angebracht erachtete Verhalten verhindern. Anders formuliert entsteht eine beobachtbare Divergenz
zwischen Selbstzuschreibung und Selektionshorizont. Man denkt, es gehe auch anders, doch man
hat keine Wahl. Man macht sich etwas vor.
Kommunikation lässt sich ablehnen, doch zeugt die Ablehnung bereits von dem Vorliegen eines
Verständnisses. Abgelehnte Kommunikation ist eine Art Plus-Minus-Reaktion. Sie lässt sich nicht
vermeiden, wohl aber ablehnen. Umgekehrt kann dort, wo Bewusstsein als fehlend beobachtet wird,
dennoch kommuniziert werden. Es kann dann als Unwissenheit beobachtet werden.
Als spezieller Fall abgelehnter Kommunikation gilt die Ignoranz etwas oder jemandem gegenüber.
Bewusstsein
einer
Kommunikation
über
etwas
ist
vorhanden
und
wird
aber
als
Kommunikationsthema abgelehnt. So kann es dazu kommen, dass Menschen sich nicht unterhalten
oder ohne dass sie sich wirklich verstehen, und das, obwohl die Kommunikation insgesamt
vollzogen wird und beobachtbar ist, weil die Bewusstseinsinhalte gänzlich unterschiedlich sind.
Dass Kommunikation dennoch stattfinden kann, leistet die Ausdifferenzierung unterschiedlicher,
sogenannter
symbolisch
generalisierter
Interaktionsmedien154,
die
auf
Grundlage
der
Unterscheidung von Erleben und Handeln die Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation
gewährleisten. Auf diese Weise dehnt Luhmann den Verständnisbegriff als Entstehung
intersubjektiver Wahrheit auf alles aus, was sich in der Kommunikation beobachten lässt und
schlägt eine allgemeine Kategorisierung, die vier Interaktionsmedien, vor.
III.3.1. Person und Identität
Ausgehend von der Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein, von Sozialem und
Personalem,
dient
das
Erwartungserwartungen.
154
Konzept
Es
der
impliziert
Person
eine
der
schon
Bildung
vorausgesetzte
Luhmann (1998, 316-96): Macht, Liebe, Wahrheit/Kunst und Geld/Eigentum.
41
von
Erwartungen
Identität,
die
bzw.
die
Erwartungsspielräume bestimmt. In Referenz auf Musil155 verfügt jeder Mensch über einen
Wirklichkeits- und einen Möglichkeitssinn. Das als möglich Erkannte bestimmt dabei quantitativ,
der Zusammenhang zwischen Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit qualitativ das faktisch
Realisierte im Hinblick auf Zwecke156. Smithson entwickelt sogar anhand des Zusammenhanges
von Möglichkeit und Selektion in der Possibilitätstheorie dazu einen Begriff der Handlungsfreiheit,
der sich stochastisch messen lässt157.
Identität als das von Fuchs und Luhmann so bezeichnete psychische System158 ist nur rückbezüglich
konstruierbar und die Person stets anhand ihres Verhaltens prinzipiell beobachtbar159. Im Hinblick
auf die Beschreibung personaler Entwicklung macht die Unterscheidung von Identität und Person
Sinn, um die Veränderungen auf der Verhaltens- und der Bewusstseinsebene abbilden zu können.
Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung als künstlich zu bewerten ist und sowohl
Person als auch Identität als Konzepte vielmehr die Abstufungen des Umwelt- bzw. Systembezuges
des beobachteten Systems darzustellen helfen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass nicht auch
die Identitätseinstellungen eines Systems bei hinreichend geeichter Feineinstellung des
Observierenden beobachtbar sein sollten160. In diesem Sinne denkt auch Piaget: Genotyp und
Phänotyp stehen sich als Sozialisationsschablonen nicht gegenüber, sondern stellen so etwas wie
zwei Bereiche einer Skala von System- bzw. Umweltzugehörigkeiten dar. Auf der anderen Seite ist
Identität auch für das betreffende personale System selbst nicht beobachtbar. Identität strukturiert
das Erleben und generiert das Verhalten161. Sie ist somit, anders als das personale System, dem
Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich. Diese Nubiosität und prinzipielle Unzugänglichkeit der
Identität ermöglicht deren Transformation und Ausrichtung von Adaptationsstrategien bei
155
Musil 1992, 16. Auch Bergson (1948, 110) geht davon aus.
156
Das bildet den Gegenstand der Stochastik.
157
Smithson 1988, 29.
158
„Psychische Systeme [sind] selbstreferentiell geschlossene, strukturdeterminierte Systeme, die das, was ihre
Realität ist, autonom produzieren und auf der Ebene der sie konstituierenden Operationen keinerlei Direktkontakt
mit der Umwelt und mit Systemen in ihrer Umwelt haben.“ (Fuchs 1992, 189).
159
Wie Watzlawick (1974, 50) feststellt, ist es nicht möglich, sich nicht zu verhalten. Und alles Verhalten basiert
auf Erwartungen und Erwartungen von Erwartungen. Verhalten ist immer auch kommunikativ (im Sinne Luhmanns
(1994, 194-195), der Kommunikation als Einheit der Differenz von Information, Mitteilung und Verstehen
betrachtet, betrifft dies allerdings nur die Verhaltenskoordinationen zweiter und höherer Ordnungen. Siehe auch
Kap. III.1).
160
In dem Video „Eyes of the Insane“ (http://youtube.com/watch?v=sOMec-rYTbo (16.01.08)) spiegeln sich
beispielhaft Lebensereignisse eines amerikanischen GI´s in dessen gefilmter Pupille. Dies veranschaulicht die
rückbezügliche Beobachtungsmöglichkeit von Identität. Doch auch ohne Spiegelung kann das Schwarze in den
Augen des Mitmenschen sehr aufschlussreich sein (Vgl. Robbins 2004, 172 über die Wiederspiegelung von
Hirnvorgängen des Abrufs von Repräsentationssystemen in den Augenbewegungen bzw. -mustern.).
161
Und über das Verhalten Kommunikation und Gesellschaft: So schreibt Fuchs 1992, 189: „Die Intransparenz
psychischer Systeme ist deshalb die Bedingung der Notwendigkeit einer emergenten Ebene, des Sozialsystems, das
sich eben nicht auf der Basis von Gedanken, sondern auf der Basis von Kommunikationen reproduziert, die jene
Intransparenzen, jene ihnen unzugängliche psychische Selektivität benutzen, um eigene Selektivität aufzubauen.
[Und] Das gilt auch umgekehrt.“.
42
konstanter Selbstempfindung wie der symbolischen Selbstergänzung162, die die Differenz von
Selbstbild und Selbstideal überbrückt. Die Identitätsschemata gehen weit über den Teil des
Personalen hinaus, der sich in der Kommunikation als Selbstreferenz äußert. Schon Descartes stellte
fest, dass das Ich sich in der Kommunikation gebärt. Es ist durch und durch personalisiert. Die
Identität erschließt sich als Beobachtung auf Grundlage der Unterscheidung von Rede und
Selbstbild auf der einen, von Handlung und Verhalten auf der anderen Seite. Das, was das Ich nicht
ist, gehört genauso zur Beschreibung der Identität wie das, was das Ich ist. Beobachtungen dieser
Art führen zu einer stufenweisen Eingrenzung und Bestimmung der Identität, die sich in ihrer
Totalität aber nicht zeigen kann, da sie ihre Umgebung, ihr ausgeschlossenes Anderes immer
mitbestimmt. Die Identität legt hernach die Grundlagen für eine beständige Nichtauthentizität des
emanierenden Selbst. Authentizität, also die Kongruenz von Rede und Handlung, von Selbstbild
und Selbstideal, findet im Flowerleben statt und basiert auf der Loslösung von identitätsstiftenden
Strukturen. Authentizität ist ein Zustand, der sich als kongruentes Verhalten beobachten lässt, statt
einer Darstellung. Ähnlich betrachtet Judith Butler (1991) im Anschluss an Fichte163 u.a. die
Identität im Kontext ihrer soziokulturellen Verhältnisse als Resultat performativer Akte. Dabei geht
sie davon aus, dass Sprechakte funktional Wirklichkeit stiften und damit ihre Validierung als
Konvention verdecken. Auf diese Weise entsteht die Identität zusammen mit der Wirklichkeit und
nicht vorher, nachher oder separat von ihr. Sie ist aus dem gleichen Stoff wie die Wirklichkeit
selbst. Damit wird sie um Einiges realer erlebt als als Person oder Persönlichkeit, die immer
Gegenstand von Aushandlungsprozessen sozialer Interaktionen164 sind. Mit Fichte entsteht die
Objektwelt zusammen mit der Setzung des Ichs. Identität in Abgrenzung zur Personalität entspricht
hier somit Hegels Definition des Absoluten als Identität der Identität und Nichtidentität165.
III.3.2. Die Konstruktion der Person
Die personale Identität entsteht mit dem Vollzug der Unterscheidung von Selbst- und
Fremdreferenz, dem sich selbst von seiner Umgebung zu unterscheiden. Das ermöglicht darauf
aufbauend die Beobachtung, in der eigenen Umgebung Systeme zu unterscheiden, die sich ebenfalls
162
Gollwitzer und Wicklund (1985, 31).
163
der Handeln und Existieren quasi gleichsetzt und das Erkennen aus dem handelnden Existieren bzw.
existierenden Handeln ableitet (Artikel Johann Gottlieb Fichte. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand:
7.
Februar
2008,
10:53
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Gottlieb_Fichte&oldid=42200193 (Abgerufen: 14. Februar 2008,
00:16 UTC)).
164
Metzinger spricht von Personalität als „Anerkennungsbeziehungen zwischen rationalen Individuen“
(http://www.zeit.de/2007/34/M-Seele-Interview; 20.11.07).
165
Hegel 1999, 46 und 187. Prägnanter und allgemeiner wird dieser Gedanke von Whitehead (1987) formuliert:
„Das Universum erreicht durch sich selbst den Ausdruck seiner Gegensätze.“ (624).
43
selbst von anderem unterscheiden und andere Systeme unterscheiden, die sich ebenfalls von ihrer
Umgebung zu unterscheiden verstehen. Dies bildet die Voraussetzung für darauf bezogene
Verhaltenskoordinationen, der Kommunikation. Durch das Nervensystem erzeugte Relationen
stellen Verhaltenskoordinationen zweiter und höherer Ordnungen dar, also Koordinationen von
Koordinationen usw. Diese Ordnungen wirken in ihrer hierarchischen Aufeinanderfolge wiederum
auf die Kommunikation bis hin zum kleinsten Ereignis als einfachem Verhaltenselement zurück166.
Personen werden sozial, also kommunikativ, konstruiert und sind daher stets beobachtbar167. Sie
treten als unterscheidende und unterschiedene Systeme in den verschiedenen gesellschaftlichen
Bereichen auf, für deren Leitkodierungen sie einen Unterschied machen 168. Ein Angestellter einer
GmbH ist z.B. im Rechtssystem keine Person. Die GmbH/AG selbst ist eine (juristische) Person 169.
Was zur Person gerechnet wird und was nicht, ob und welche Menschen, Organisationen und
Interaktionssysteme als Personen gelten und welche nicht, wird durch gesellschaftliche
Aushandlungsprozesse innerhalb ihrer Subsysteme bestimmt170. Personen in ihrem jeweiligen
gesellschaftlichen Kontext entstehen durch das kommunikative Spiel von konventionell
abgestimmten Erwartungen über Selbst- und Fremdzurechnungen. Diese Kommunikation über die
Geltung von Personalem braucht keine Internalisierung. Die Verinnerlichung von Zurechnungen
und Zurechnungserwartungen ist identitätsstiftend, worauf im nächsten Abschnitt noch eingegangen
wird. Personen können in ihrem Umgang mit Erwartungen und Erwartungserwartungen nur durch
interaktionsmedial
begründete
Unterscheidungen
beobachtet
und
bewertet
werden.
Die
Verabsolutierung der Verwendung der Interaktionsmedien171 führt zur Verdeckung und
166
Dazu genauer Kap. III.4.
167
Luhmann 1994, 155: „Psychische Systeme, die von anderen psychischen oder sozialen Systemen beobachtet
werden, wollen wir Personen nennen.“. An anderer Stelle beschreibt er Personen als Identifikationspunkte der
Kommunikation. Diese Identifikationspunkte sind polykontextural angelegt und insofern eher als Knoten in einem
dreidimensionalen Netz zu verstehen. Dazu auch Fuchs 1992, 43.
168
Diese gedankliche Formulierung geht auf Bateson zurück (Bateson 1981, 582: „Von dieser Unendlichkeit
selektieren wir eine sehr begrenzte Anzahl, die zur Information werden. Was wir tatsächlich mit Informationen
meinen – die elementare Informationseinheit -, ist ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht, und er kann
einen Unterschied ausmachen, weil die Nervenbahnen, auf denen er reist und kontinuierlich transformiert wird,
ihrerseits mit Energie versorgt werden.“) und taucht bei Luhmann als wesentliches Element seiner
gesellschaftstheoretischen Komposition wie ein Leitmotiv oder Refrain immer wieder auf. Zum Mechanismus der
Distinktion siehe auch Spencer-Brown (1997) und Derrida (1986, 69), der den Begriff der „différance“ einführt, mit
dem er in zu Spencer-Browns Formenkalkül analoger Weise Unterscheidungs- und damit auch
Konstruktionsoperationen bezeichnet, die sich selbst als Operator voraussetzen, statt der gegebenen „Welt“ und
„Wirklichkeit“ aus der materialistischen Sicht.
169
Neus 2003, 148.
170
Insofern gibt es auch keine Universalität der Menschenrechte, wohl aber den Anspruch einer Universalisierung
(natürlich wieder und nur durch personale Systeme). Die Erklärung der Menschenrechte als universell stellt bereits
eine ideologische Verfestigung dar, mit der bisher noch keine dauerhaften weltgesellschaftlichen Veränderungen
erreicht wurden. Menschenrechte zu vertreten ist vielleicht schwieriger, aber auch aufrichtiger als sie zu
proklamieren und sich anschließend politisch ständig über deren Definitionen, Spielräume und Einschränkungen
auseinanderzusetzen.
171
Schlagworte wie „Geld regiert die Welt.“ (Wirtschaft); „Alle x wollen nur das eine.“ (Liebe/Sex); „Létat cést
44
Ausgrenzung der jeweils anderen gesellschaftlich wirkenden Medien in ihren Bereichen und
erzeugt soziale Vereinseitigungen, die auf Strukturverhaftungen pathologischer Ausprägungen
zurückzuführen sind. Die ökologische Form besteht darin, die gesellschaftlichen Subsysteme mit
dem Licht der unterschiedlichen Interaktionsmedien anzustrahlen. So kommt es beispielsweise zu
einer
Unternehmensethik172,
zu
Emissionszertifikaten,
zu
Forschungsstipendien,
zur
Demokratisierung der internen Kommunikation politischer Parteien uvm. Durch die Anwendung
der Interaktionsmedien auf sie nicht konstituierende Bereiche wird die wechselseitige Integration
gesellschaftlicher Subsysteme erreicht und es entsteht gesellschaftliche Identität.
Personen sind von solchen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen insofern betroffen, als dass
die wechselseitige Integration oder die Vereinseitigung der Kommunikation durch die
Interaktionsmedien Menschenbilder und Gesellschaftsmodelle generiert, denen die Menschen in
ihren gesellschaftlichen Bezügen ausgesetzt sind. Persönlichkeitsentwicklung findet eben immer in
einem
gesellschaftlichen
Rahmen
statt,
der
den
kommunikativen
Kontext
von
Persönlichkeitsentwicklungen determiniert. Kommunikative Spielräume der Personen, sich selbst
zu organisieren und Identitäten zu (er)finden, werden ihnen von der Gesellschaft angeliefert. Die
Befähigung, anderen Menschen die personale Identität als einer Art Befindlichkeit zu vermitteln,
basiert auf einem Austausch, in dem jeder Interagierende sowohl zum Kommunikator als auch
Adressat von Kommunikationen werden kann und dies auch bei seinen Interaktionspartnern
voraussetzt173.
III.3.2.1. Entscheidung und Organisation
moí.“ (Macht); „Religion ist Opium für das Volk“ (Wahrheit).
172
Was beispielsweise in der Nachkriegszeit ganz selbstverständlich für deutsche Firmen war, da, so würde
Luhmann wohl schlussfolgern, die funktionale Differenzierung noch nicht abgeschlossen war. Bei genauerer
Analyse ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Hitler konnte die deutschen Großfirmen vor allem deshalb auf seine
Seite ziehen, weil er ihnen reiche Beute bei der „Verbreitung des deutschen Wesens“ versprach (Stichwort
„Gefälligkeitsdiktatur“- Verführen und Sanktionieren). Adenauer wiederum bediente sich in einem Akt politischer
Nötigung dieses Vorwissens der Verstrickung der Großfirmen in das NS-System, um sie im Sinne eines
Wiederaufbaus Deutschlands zu engagieren. Eine wirkliche Unternehmensethik wiederum baut auf die Identität der
Organisation und damit auf Erwartungen der Entscheidungsweise der sie realisierenden personalen Systeme. Hier
wird die Intransparenz der Identität (der Organisation) zum Problem, da sie von Personen kommunikativ realisiert
zu werden hat, da sich Ethik nicht an Personen beobachten lässt, sondern Identitäten unterstellt werden muss.
Entsprechend werfen beobachtete Inkongruenzen eines Verhaltens, das also nicht die Erwartungen der unterstellten
Ethik erfüllt, Fragen bzw. Misstrauen auf.
173
Parsons und Luhmann nennen diese Verdoppelung der Möglichkeiten, die sich in der Konversation anhand der
turn-takings oder auch schon an der Organisation einer zufälligen Begegnung mit einem Bekannten auf der Straße
beobachten lässt, „Doppelte Kontingenz“. So Luhmann 1998, 332: „[Die Terminologie Ego/Alter will] gerade zum
Ausdruck bringen (...), daß jeder Mensch immer beides ist, wenn (und nur wenn) er sich an Kommunikation
beteiligt.“ Und auf S. 643: „Personalität wird anscheinend immer dort verliehen, wo doppelte Kontingenz
wahrgenommen wird und zu regulieren ist. Weitgehend heißt dies, daß Personalität mit
Kommunikationsmöglichkeiten korreliert. (...) Personalität entsteht, wo immer das Verhalten anderer als gewählt
vorgestellt wird und durch eigenes Verhalten kommunikativ zu beeinflussen ist.“
45
Luhmann174 definiert eine Organisation als entscheidungsdeterminierte Struktur. Ihr Aufbau und
ihre Reproduktion stützt sich auf die Entscheidungsgeschichte und ihre Modifikation auf
gegenwärtig getroffene Entscheidungen, die frühere Entscheidungen bestätigen175, generalisieren,
spezifizieren oder exstinguieren. Luhmann konstruiert Entscheidungen in Anlehnung an den
kybernetischen (digitalen) Informationsbegriff176: demnach stellt eine Entscheidung eine Selektion
aus einer Menge von Alternativen dar. Je größer diese Menge, desto potenter die Entscheidung.
Entscheidungssysteme, also Organisationen, werden hierarchisch strukturiert. Organisierte
Entscheidungen sind einander über- oder untergeordnet. Die Organisation als Entscheidungssystem
wirkt autoregulativ und erlangt ihre Etablierung und Autonomie durch ihre Anerkennung der sie
konstruierenden personalen und sozialen Systeme.
Luhmann betrachtet somit Organisationen als primär soziale Systeme. Organisationen sind
wechselseitig aufeinander bezogene Kommunikationen durch Entscheidungen. Entscheidungen sind
durch andere Entscheidungen begründbare verbindliche Vorgaben der Behandlung von
Sachverhalten. Die Verbindlichkeit wird durch das oder die von der Organisation verwendete
Interaktionsmedium hergestellt177.
Das Bewusstsein wird aber nicht durch Entscheidungen, sondern durch Unterscheidungen bzw.
Ereignisse organisiert. Das, was einen Unterschied macht, aktualisiert die Reproduktion des
Bewusstseins. Unterscheidungen zeichnen Ereignisse, die als Bausteine von Repräsentationen in die
neuronale Realitätskonstitution integriert werden. Personale und soziale Organisationen
unterscheiden sich fundamental voneinander. Ihre Elemente unterliegen gänzlich unterschiedlichen
Bedingungen und sind separat zu untersuchen. Insbesondere die Inkommunikabilität bestimmter als
Ereignisse rezipierter Unterscheidungen weist auf ihren von Kommunikation divergierenden
Charakter hin.
Wird die Persönlichkeit jedoch als Organisation von personbezogener Kommunikation betrachtet,
ergibt sie sich aus der Summe ihrer Entscheidungen. Anders als das Bewusstsein, dessen mysteriöse
Evidenz als Qualiaproblem diskutiert wird, ist sie nicht mehr als die Summe seiner Teile – die
Persönlichkeit ist genau die Summe ihrer Entscheidungen.
Ergibt sich die Persönlichkeit aus der Summe ihrer Entscheidungen und hängen diese
Entscheidungen und ihre Horizonte, aus denen sie selektiert werden, von ihrer internalen
Organisation ab, dann hängt laut Bergson (1989, 106) die persönliche Freiheit bzw. das, was die
174
Luhmann 2000a, 63.
175
Konfirmation trägt als verstärkende Handlung zur Habitualisierung von Entscheidungen und somit zur
Modifikation der sie einbindenden Organisation bei.
176
Dazu Klaus (1969, 269).
177
Macht, Liebe, Wahrheit oder Geld, Luhmann (1998, Kap.2).
46
Person als Freiheit erlebt, eben von der internalen Organisation ihrer Entscheidungen und
Entscheidungsspielräume bzw. -nischen ab. Bergson selbst spricht in diesem Zusammenhang von
Freiheit als „Organisation der Bewusstseinszustände“.
III.3.3. Die Konstruktion der Identität
Internalisierungen von Kommunikationen178 stiften Identität. Das Vorliegen persönlicher
Präferenzen, die alle Ebenen des AGIL-Schemas durchdringen, manifestiert sich erst in
Anwendungen (Goal-Attainment), dann Übertragungen (Integration) und schließlich in der Bildung
von Werten als holistisch eminenten Abstraktionen durch die wechselseitige Integration von
Repräsentationen unterschiedlicher Ebenen und Bereiche. Die Erkenntnis- und Realitätsstruktur
wird dadurch maßgeblich modifiziert. Was bewusst ist und was bewusst wird dient stets der
Bestätigung
des
den
Erkenntnisprozess
konstituierenden
Wertes179.
Die
unzureichende
Herausbildung von Werten erscheint als Anpassung (nicht: Anpassungsfähigkeit). Wer keine Werte
zu vertreten hat, passt sich an. Es bleibt dann offen, ob diese Anpassung eine vorübergehende oder
dauerhafte ist. Werden Lernprozesse vorausgesetzt, dann wird eine dauerhafte Anpassung als
Opportunismus und Stromlinienförmigkeit beobachtbar und die vorübergehende als Sachkunde,
Meinungsführerschaft und kommunikativ legitimierte Reputation. Ausdifferenzierte Werte schaffen
personale Integrität und Verlässlichkeit. Erwartungen und Erwartungserwartungen gewinnen eine
konsistente Transparenz, da sich vieles wie von selbst versteht. Entsprechend schränkt die Identität
in ihrer Funktion als Reduktor von Komplexität die Auswahl und die Behandlung von
Kommunikationsthemen ein und setzt die Annahme dieser Einschränkungen voraus. Die
Nichtbeachtung dieses Anspruches verletzt das Ansehen im öffentlichen und demütigt im privaten
Raum180.
178
„Inkorporationen“ bei Bourdieu (1987, 729-34, über „Inkorporierte soziale Strukturen“), „gesellschaftliche
Disziplinierung“ bei Foucault (1994).
179
Wilson (1993, 19) „(...) was immer der Denker denkt, wird der Beweisführer beweisen.“.
180
Zur Aufrechterhaltung der identitätsbezogenen Integrität in schwierigen Zeiten schreibt Brecht über den
Umgang mit der vergesellschafteten Androhung von Gewalt: Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale
vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte
sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt."Was sagtest du?" fragte ihn die Gewalt. "Ich sprach mich für die
Gewalt aus", antwortete Herr Keuner. Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem
Rückgrat. Herr Keuner antwortete: "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die
Gewalt." Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte: In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu
sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im
Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören soll jede Wohnung, in die er seinen
Fuß setzte, ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen,
den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem
Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?" Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb
die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer
er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren
und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent.
47
Die Identität manifestiert sich personal und sozial. Auf der personalen Ebene dient sie als ein
Selektionskriterium. Welche Person jemand darstellt und warum diese Darstellung gewählt wurde
und nicht eine andere, lässt sich nur durch den Bezug auf die personale Identität begründen 181. Die
kommunikativ erschlossene Identitätsstruktur einer Person fällt mit dem Begriff der Persönlichkeit
zusammen. Die Persönlichkeit ist das, was der Person in ihren verschiedenen sozialen Bezügen
gemein ist, das „Menschliche“ an ihr.
Auf der sozialen Ebene gibt eben diese Rolle und der ihr zugrundeliegenden Realisierung von
Werten Handlungs- bzw. Kommunikationsspielräume vor.
Das schließt auch die Verständnismöglichkeiten und den Realitätsaufbau mit ein, die als
innerweltliche Außenwelt182 das Setting für darauf bezogene Handlungen/Kommunikationen bildet.
Das „Menschliche“ zeigt sich so in doppelter Hinsicht: als Allgemeines der Person und als
Allgemeines der Situation.
III.4. Assimilisation und Akkomodation
Um die Beziehungen zwischen den Bereichen des Personalen und Sozialen zu beschreiben, führt
Piaget die Begriffe der Assimilisation und Akkomodation ein. Der Begriff der Adaptation in der
durch Lorenz183 beschriebenen Weise wird dadurch in funktionaler Hinsicht dekomponiert. Sie
bilden einen wesentlichen Bestandteil von Piagets Entwicklungspsychologie. Allerdings finden sich
Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die
Wände, atmete auf und antwortete: "Nein." (Bert Brecht 2006, 28: „Maßnahmen gegen die Gewalt“).
Auf nationaler Ebene stolpert das sog. Nation-building nur zu oft über die Identitätskrisen von Völkern und
Nationen. Das gilt nicht nur für völkisch und religiös zusammengewürfelte ehemalige Kolonialstaaten wie den Irak
oder die meisten Länder Afrikas, in denen sich gar nicht oder nur rudimentär nationale Identitäten ausgebildet
haben, sondern auch Staaten wie Kambodscha, das sich seit der Diktatur in einer Art Kollektivtrauma befindet,
dessen Aufarbeitung nur über die Anerkennung des Leides und der Wiederherstellung der Würde seiner Bürger
erfolgen kann. Armut, Statuslosigkeit in der Weltgemeinschaft und die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses
durch die Roten Khmer behindern jedoch die Rückbesinnung auf ein Leben in Menschlichkeit und Würde.
181
Entsprechend wird in der Themenzentrierten Interaktion TZI (Cohn 2004, 120) der Mensch als eine Person
beschrieben, der seine Vergangenheit kennt, seine Zukunft entwickelt und in der Gegenwart handelt. In der
Gegenwart stehen „Störungen“ (im Sinne von Irritationen) für Lernherausforderungen der Person, an denen sie
wachsen kann und denen sie daher nicht ausweichen sollte.
182
In Anlehnung an Peter Handkes Gedichtsband „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (Handke, 1993).
Jeder Text des Bandes liefert eine Beschreibung einer Außenwelt bei gleichzeitigen Strukturisomorphien bis hin zu
Phrasen und Wörtern mit den anderen Texten, die die Innenwelt der Beschreibung der Außenwelt beschreiben.
Ähnlich auch die Beatles „Your inside is out, and your outside is in.“ (White Album).
183
„Diese zentralnervöse Apparatur schreibt keineswegs der Natur ihr Gesetz vor, sie tut das genau so wenig, wie
der Huf des Pferdes dem Erdboden seine Form vorschreibt. Wie dieser stolpert sie über nicht vorgesehene
Veränderungen der dem Organ gestellten Aufgabe. Aber so wie der Huf des Pferdes auf den Steppenboden paßt, mit
dem er sich auseinandersetzt, so paßt unsere zentralnervöse Weltbild-Apparatur auf die reichhaltige reale Welt, mit
der sich der Mensch auseinandersetzen muß und wie jedes Organ, so hat auch sie ihre arterhaltend zweckmäßige
Form in äonenlangem stammesgeschichtlichem Werden durch diese Auseinandersetzung von Realem mit Realem
gewonnen.“ (Lorenz 1975, 166; oder auch Radnitzky / Bartley 1993, 85).
48
ähnliche Konzepte auch bei Popper und Eccles184 in ihrer Darstellung der wechselseitigen Bezüge
von Welt 2 und 3.
Eine Assimilation bezeichnet eine faktische Substitution eines oder mehrerer Elemente eines
Systems gegen andere. So ist ein sättigendes Frühstück auch mit Brötchen anstatt mit Brot oder, wie
bei den Briten, auch mit überbackenen Bohnen möglich. Assimilationen, die die Funktion des
Zusammenwirkens der Komponenten des Systems verändern, werden dadurch zu Akkomodationen,
die wiederum die anschlussfähigen Assimilationsmöglichkeiten aktualisieren. Statt zu frühstücken
ließe sich auch fasten, beten und meditieren. Hier findet die Substitution auf einer viel höheren
Ebene statt: die Herstellung physischer und psychischer Energien erfolgt auf eine ganz andere
Weise und lässt andere Anschlussmöglichkeiten des Handelns und Erlebens zu. Akkomodationen
bilden also eine Art Rückkopplung erfolgreicher Assimilationsschemata. Die Herstellung eines
energetischen Zustandes am Morgen als ein Schema lässt sich auch auf andere Weise herstellen als
durch die physische Funktion der Nahrungsaufnahme. Die erfolgreiche Akkomodation kann erneut
durch Assimilation modifiziert werden: Statt Meditation Yoga, veränderte Adressaten der Gebete,
andere Gebete, statt Gebeten Visualisierungen usw..
IV. Hypothese der doppelten Evidenz der Persönlichkeitsentwicklung
im Bewusstsein und in der Kommunikation
IV.1. Die Personalisierung des Sozialen
Die in der Neuformulierung angedeutete unterschiedliche Auffassung der Systemtheoretiker
Luhmann und Maturana bezüglich einer Unterscheidung von personal und sozial soll hier
aufgegeben werden. Bewusstsein ist zwar Medium von Kommunikation/Verhalten, kann aber,
gerade weil es als Medium fungiert, nicht personalisiert werden. Für das Bewusstsein spezifisch ist,
184
Popper/Eccles 1985, 55 in Meynig 2005a, 12. Auch Bourdieu (1987, 279: „Der Habitus ist nicht nur
strukturierende, die Praxis wie deren Wahrnehmung organisierende Struktur, sondern auch strukturierte Struktur...“)
geht im Habituskonzept von der Wechselseitigkeit der Bezüge, von Beeinflussungen und Beeinflussbarkeiten des
Habitus im Feld aus. Von Glasersfeld (1992, 158) formuliert es im Anschluss an Piaget so: „Assimilation ist, wie
wir gesagt haben, die Anwendung eines ausgebildeten invarianten Musters oder Schemas auf eine gegenwärtige
Erfahrung ohne Rücksicht auf Abweichungen. In der Akkomodation dagegen führt eine Abweichung zur Bildung
eines neuen Musters (entweder zur Modifikation eines alten oder zum Aufbau eines neuen), das hernach eine neue
Invariante werden kann.“ Oder kybernetisch ausgedrückt, „ (...) können wir sagen, daß Assimilation, insofern sie
sensorische Signale gleichrichtet, die Erzeugung von Störungsmeldungen reduziert. Die Akkomodation andererseits
tritt nur dann auf, wenn es eine Diskrepanz oder eine Störung gibt, für die der Organismus noch kein bewährtes
Verfahren der Abhilfe besitzt.“.
49
dass
es
kontinuiert185.
Referenzziehungen
und
Personalisiert
wird
-zuweisungen186.
Kommunikation
Identitäten
sind
durch
systemoperative
kommunikativ
induzierte187
Strukturgerinnungen, die zwar auf basale Ebenen und sogar ihre genetischen Bedingungen
durchschlagen können, aber immer von ihrer kultursozialisatorischen Entstehungsgeschichte her
betrachtet werden müssen. Die Identität kann nur in der Kommunikation als eigenständige Einheit
diskriminiert werden. Identifikationen sind stets kommunikativ induziert. Identität gewinnt das
Identifizierte
durch
repräsentationalen
die
Verselbständigung
Vernetzungen
und
vor
der
allem
Diskriminierungsoperation
der
sie
funktional
samt
ihrer
bestimmenden
Metakognitionen188. Das bedeutet, dass Identitäten im Sinne des Funktionsstrukturalismus Niklas
Luhmanns von ihrer Funktion her bestimmt werden müssen. Das Bewusstsein kann der Identität
allerdings nicht die Funktion diktieren, da es selbst nichts tut, beabsichtigt, denkt oder will. Es
aktualisiert sich pausenlos und entzieht sich den Ereignissen der Kommunikation, die das
Bewusstsein für seine Fortsetzung utilisiert. Das lenkt die Frage auf die Beziehungen zwischen
Person und Identität. Personale Konstruktionen bilden Erwartungsstrukturen als Bedingung der
Möglichkeit von Kommunikation. Die Generierung solcher Strukturen und ihrer jeweiligen
kontextuellen Rahmenbezüge fällt damit in den Bereich der Identität. Identität ist daher ein
kommunikativ etablierter, aber vor allem Kommunikation generierender Standpunkt. Bateson
bezeichnet dies als Lernen II, dem sogenannten Deutero-Lernen189. In Bezug zum Thema
Persönlichkeitsentwicklung im strengen Sinne bedeutet das, dass eine Verkettung von
Veränderungen der Alternativen und von Veränderungen der Modalitäten von Erfahrungen darunter
fallen. Eine psychologisch angelegte Abhandlung des Themas stellt auf diese Lernebene ab. Lernen
III und IV übersteigen eine solche Abhandlung und werden in Kap.V. nur ansatzweise dargestellt.
Da Bewusstsein und Kommunikation unterschiedliche Ebenen darstellen, sind personale und
soziale Transformationen separat zu behandeln. Das Bewusstsein lässt sich durch seine Kopplung
mit kommunikativen Prozessen zwar erreichen und irritieren, aber keinesfalls determinieren. Daher
185
„Consciousness is continuous.“ (William James, zitiert nach http://youtube.com/watch?v=GKwtaCXEM5E
(06.11.07)).
186
Daraus ergeben sich kulturinterne Verfahrensformen von Disziplinierung und Haftung, deren Feststellung und
Objektivierung (auf Basis der „Kontingenzformel Gerechtigkeit“ Luhmann 1993, 214ff. und zur juristischen Person
292) Gesetzesbücher füllen und richterliche Urteile bestimmen, oder auch einfach nur Common Sense und Etikette
generieren und locker kodieren. Dazu auch Foucault 1994, Luhmann 1993 und Luhmann 1983, 250.
187
Siehe Kap. III. und Luhmann 1998, 107.
188
Ein Begriff, der aus dem Konzept der Theory of Mind in den Kognitionswissenschaften stammt und
Selbstreflexionen bezeichnet, also das Denken über das Denken (Artikel Theory of Mind. In: Wikipedia, Die freie
Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand:
31.
Januar
2008,
12:37
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Theory_of_Mind&oldid=41881328 (Abgerufen: 14. Februar 2008, 13:19
UTC)).
189
„Lernen II ist Veränderung im Prozess des Lernens I, z.B. eine korrigierende Veränderung in der Menge von
Alternativen, unter denen die Auswahl getroffen wird, oder es ist eine Veränderung in der Art und Weise, wie die
Abfolge der Erfahrung interpunktiert wird.“ (Bateson 1981 , 379).
50
appellieren erfolgreiche Kommunikationen an die Freiheit und faktische Eigenständigkeit von
Personen, statt in behavioristischer Manier auf Konditionierungs- bzw. Programmierungsmethoden
zu setzen190. Von Foersters Unterscheidung von trivialen und nontrivialen Maschinen trägt diesem
Umstand Rechnung191. Demnach lassen sich bei nontrivialen Maschinen aus dem Input keine
validen Vorhersagen über das Output errechnen. Die Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und
Kommunikation entsprechen nicht der von Gleichungen mit Leerstellen und Variablen, in die nur
Werte eingesetzt zu werden brauchen. Vielmehr sind Feinwahrnehmungen erforderlich, die die sich
im Verhalten spiegelnde Systemhaftigkeit der Bewusstsein inanspruchnehmenden personalen
Strukturen voraussetzen und als rezeptive Komplexität in dieser Hinsicht reduziert werden, ohne
dass dem Bewusstsein seine Trägerfunktion einer kommunikativ induzierten Tiefenstruktur
abgesprochen wird192. Auf diese Weise entstehen kontingente Annäherungen als intentional
gerichtete Wege der Initiierung von Kommunikation. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die
Forderung nach der Wahrung der Würde des Menschen zu sehen. Immer vorausgesetzt, dass die
Komplexität der Vorgänge des menschlichen Gehirns/des Nervensystems für einen Beobachter193
zu gewaltig sind, um eins zu eins rezipiert und verarbeitet werden zu können, stellen alle darauf
bezogenen Reduktionen kontingente und nichtsdestotrotz für die Kommunikation notwendige
Prozesse dar. Nur über die Anerkennung des Gegenübers als soziopersonalem System, das
intentional soziale Komplexität kontingent reduziert, findet Kommunikation als Bedingung der
Möglichkeit einer tatsächlichen Verständigung statt194.
190
Insofern sind theoretische Ansätze des Programmierens oder Konditionierens des Menschen auch begrifflich
nicht optimal gewählt. Die ökologische oder „spirituelle“ Komponente als Evidenzkriterium erfolgreicher personaler
Transformationen lässt sich damit nicht einfangen. Es handelt sich vielmehr um systematische soziopersonale
Irritationen. Von Foerster nennt dieses Phänomen Anthropomorphia Inversa, das alltagssprachlich beispielsweise
Menschen „Programme abspulen“ und an anderen Menschen die „Austaste“ suchen lässt. Im Forschungszweig der
AI, der Artificial Intelligence, wird die Diskussion schon seit längerer Zeit geführt (Searle und die
„Turingmaschine“).
191
Von Foerster (1985, 12), siehe auch Luhmann (2002, 77).
192
„A map is not the territory.“ Korzybski (2000, 750). Es gibt insofern keine 1:1 Entsprechungen von
Symptomen (Im Sinne von Verhaltenseinheiten) und Interpretationen, die in bestimmten Kontexten auf jeden
Menschen zutreffen. So wehrt sich der Autor beispielsweise gegen Traumdeutungen mit feststehender Symbolik und
Archetypik, wie sie von Jung vertreten wurde, als einer groben Vereinfachung. Anders als Fuchs 1998 und die
Schüler Lacans (Zizek u.a.) betrachtet der Autor auch die Leitunterscheidung der Psychoanalyse zwischen bewusst
und unbewusst im Anschluss an Erickson (1976) nur als Arbeitsinstrument. Das Paradox des ausgeschlossenen
Dritten löst sich in die Zeit auf. Was eben noch unbewusst war kann jetzt reflektiert werden. Das ehemals
Unbewusste ist daher eher als reduktionsverdeckte Anschlussmöglichkeit der Fortsetzung von Kommunikation und
Reproduktion des Bewusstseins zu beschreiben, denn als die berühmen 9/10 des Eisbergs „Bewusstsein“. Der
Irrtum, die Unterscheidung von bewusst /unbewusst als faktisch zu setzen basiert wahrscheinlich auf dem tradierten
Glauben an die historische Festschreibung und Unveränderbarkeit psychischer „Fakten“. Sartre ging so auch mit der
Psychoanalyse eher spielerisch um. So behauptete er aufgrund des Umstandes, seinen Vater nicht kennengelernt zu
haben, deshalb auch kein Über-Ich entwickelt zu haben. Die Unterscheidung von „Ich“ und „Es“ stellte er aber nicht
in Frage.
193
Der auch nichtmenschlich sein kann, z.B. Gott.
194
Diese gleiche Augenhöhe ist Maturana zufolge auch Bedingung der Möglichkeit von Liebe und entsprechend
ihre Außerachtlassung Bedingung der Möglichkeit von Macht, der Herstellung von Autorität und der Ausübung von
51
Es ist also unbestritten, dass Kommunikation das Bewusstsein erreicht. Es lassen sich nur vorweg
keine Aussagen über die Modalitäten der Repräsentation der Kommunikation machen. Die
Modalitäten entscheiden wiederum über den Aufbau und die Prozessierung der Repräsentation von
Kommunikationen, d.h. über das Anschlussverhalten195. Auch kommt Kommunikation nicht ohne
Bewusstsein aus. Minimales Bewusstsein ist die Voraussetzung jeder Kommunikation. Personen
können in völlig unterschiedlichen mentalen Zuständen dennoch miteinander kommunizieren, was
die Autonomie des sozialen Systems von den es reproduzierenden Personen als dessen Medien
demonstriert.
Eine Separierung und Erforschung der wechselseitigen Bezüge von Bewusstsein und
Kommunikation wirft die Frage auf, wie das Bewusstsein zum Medium der Kommunikation und
wie umgekehrt die Kommunikation zum Medium des Bewusstseins wird. Es gibt daher zwei
Erklärungsansätze, die von grundlegend unterschiedlichen Positionen her begründet werden. Daraus
ergibt sich die Hypothese, dass sich soziopersonale Transformationen auf beiden Ebenen abbilden
und Frage 1 sich auf die Erreichbarkeit des Bewusstseins durch Kommunikation und Frage 2 sich
auf die Bewusstseinsprozesse per sé bezieht. Das bedeutet, dass bestimmte Kommunikationen das
Bewusstsein iritieren und andere nicht. Es bedeutet, dass einige Einsichten auf die Kommunikation
durchschlagen und andere nicht. Die persönliche Geschichte ist daher nicht mehr als eine
kommunikativ habitualisierte Feedbackschlaufe im Endlosloop der Realitätsstabilisierung.
Kommunikation entwickelt eine Eigendynamik, die als ökologisch evidentes funktionales Substitut
diese Feedbackschlaufen aufbrechen kann, indem sie diesen Elemente untermischt, deren
Inkompatibilität mit den verselbstständigten Strukturen zur Auflösung derselben und zur
Wiederentstehung der Möglichkeit einer Äquilibration führt, deren selbstgenerierte Verkrustungen
sie daran hinderte, sich als zentrales Ordnungsprinzip des Bewusstseins zu etablieren 196. Die volle
und ungehinderte Entfaltung des Äquilibrationsprinzips erzeugt ein metastabiles personales System,
das nicht nur den Anforderungen der kommunikativen Dynamik gewachsen ist, sondern als ihr
integrierter Bestandteil und sie prozessierendes Betriebssystem diese Dynamik fordert und fördert.
So kommt es zur Kongruenz von Bewusstsein und Ausdruck als Kommunikat, die von einem
Gewalt. Dabei geht es um die erzwungene mediale Verlängerung des Willens des Mächtigen durch den Folgsamen,
der in der Ausführung von Befehlen sich selbst verleugnet.
195
Noch einmal Marshall McLuhan, „Das Medium ist die Botschaft.“ („The Medium is the Message.“) Später
stellt McLuhan (McLuhan 1994) das Zitat noch einmal um und die Botschaft wird zur Massage („The Medium is
the Massage“), um auf die inkorporative Kraft der Medien hinzuweisen, die sich im Nutzer (System) habitualisiert.
Dadurch, dass das Medium bereits die Botschaft ist, ist die Wirkung durch das Medium bedingt, statt nur durch die
Information.
196
Dies ist als allgemeine Bedingung personaler Entwicklung zu betrachten. Eine pathologische Homöostase, wie
z.B. das Suchtverhalten, durchläuft natürlich auch eine Entwicklung, aber keine nachhaltige. Der Autor schlägt
daher vor, Lernen als obligatorischen Bestandteil von Persönlichkeitsentwicklungen zu betrachten. Die
Persönlichkeit eines Alkoholikers entwickelt sich nicht – sie zerfällt.
52
Beobachter als Authentizität wahrgenommen wird.
IV.2. Interpenetration als Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation
Gemäß den Erläuterungen in III.1. über strukturelle Kopplungen im Sinne Maturanas fällt auch die
sogenannte Interpenetration darunter. Der Begriff geht auf Talcott Parsons 197 zurück und wurde von
ihm zur Darstellung der Beziehung zwischen den verschiedenen Ebenen des AGIL-Modelles und
ihren Umwelten verwendet. Luhmann gebraucht ihn für den speziellen Fall der Beziehung von
Bewusstsein und Kommunikation198, weist aber das Symbiotische dieser Beziehung als
Definitionskriterium des Begriffes „Interpenetration“ aus. Strukturelle Kopplung basiert auf dem
Mechanismus von wechselseitig aufeinander bezogenen Assimilationen und Akkomodationen, sich
gegenseitig einschränkender Strukturselektionen. Bewusstsein und Kommunikation bedingen sich
wechselseitig. Bewussstsein kann ohne Kommunikation genausowenig auskommen wie
Kommunikation ohne Bewusstsein, auch wenn, oder gerade weil Maturana anders als Luhmann
möglicherweise
diese
beiden
Begriffe
zusammenfassen
würde.
Luhmann
erklärt
die
Kommunikation zum primären Forschungsgegenstand der Soziologie. Die Erforschung des
Bewusstseins lokalisiert er im Bereich der Psychologie und Phänomenologie, bezieht es aber als
Kausalfaktor der Kommunikation mit in seine Überlegungen ein. So ermöglicht das Bewusstsein
der Kommunikation, sich selbst zu kanalisieren und fortzusetzen und die Kommunikation dem
Bewusstsein, sich zu reflektieren199. Nur die Inhalte des Bewusstseins können auch zum
Gegenstand der Kommunikation werden. Was zum Inhalt der Bewusstwerdung wird, entscheiden
die kommunikativen Strukturen, die Selektionen von Inhalten überhaupt ermöglichen200. Henne-Ei197
Parsons 1976, 74: „Mit der Feststellung z.B., daß die Handlungssysteme „Persönlichkeit“ und „Sozialsystem“
füreinander Umwelten sind und es einen Energie-Input vom Persönlichkeitssystem in das Sozialsystem gibt, wird
nicht die analytische Integrität und Eigenständigkeit dieser beiden Systeme geleugnet. „Persönlichkeit“ und
„Sozialsystem“ sind nach unserer Auffassung nicht zu einem System verschmolzen, noch ist das eine Epiphänomen
des anderen; sie stellen vielmehr zwei analytisch unabhängige Subsysteme eines Systems (des allgemeinen
„Handlungs“-Systems) dar, die in Interaktion und Interpenetration miteinander stehen.“.
198
Dazu Luhmann (1998, 108).
199
Fuchs (1998). Diese Beziehung wird auch in den Reflektionen der Religionen rekapituliert. So braucht Gott
den Menschen, sich seiner selbst in seinen Aspekten bewusst zu werden und der Mensch Gott, um die Rückbindung
an seinen Ursprung, seine ursprüngliche All-einheit zu vollziehen. In der Mystik findet dies im Dialog mit Gott, also
Gebeten und Meditationen, statt. Die Abgrenzung des Menschen wird zunächst als gegeben genommen und erfährt
ihre Transzendierung durch die Berührung und das Wort Gottes. Im Buddhismus geschieht es durch die
Verschmelzung mit Gott. Meditierende werden sich ihres göttlichen Anteils bzw. Ursprunges bewusst. Dazu auch
Luhmann/Fuchs 2008.
200
Das „leere“ Bewusstsein ist der gegengelagerte Fall: ein leeres Bewustsein, wie das eines Babys in den ersten
Lebensmonaten, verfügt über ein inhaltsfreies Bewusstsein. Das Bewusstsein ist hierbei in jeder Beziehung offen
und schließt sich erst mit dem bewussten Vollzug der Unterscheidung von angenehm und unangenehm.
Entsprechend setzt der Zen-Buddhismus auf die Rücknahme eben dieser Ausgangsunterscheidung menschlicher
Lern- und Lebensprozesse. Der Psychologe Stanislav Grof (1991, 106-24) untersucht die pränatalen Einflüsse
(„perinatalen Matrizen“), die zur Entstehung von bedürfnisgeprägten Bewusstseins- und somit auch zur Selektion
darauf reagierender Kommunikationsstrukturen führen.
53
Fragen lassen sich im Hinblick auf Kommunikation und Bewusstsein klar beantworten: vor jeder
Kommunikation gibt es immer schon Bewusstsein201.
Die Relativität der Seinsdimensionen Zeit und Raum bildet den Gegenstand der allgemeinen und
speziellen Relativitätstheorie. Sie nimmt
damit
die kybernetische Annahme von der
Standpunktbezogenheit der Erkenntnisse des Beobachters in Form eines physikalischen Gesetzes
vorweg.
Diesem
neuen
Paradigma
der
Physik
entspricht
auch
die
Heisenbergsche
Unschärferelation: mathematisch betrachtet geht es um den Umgang mit zwei variablen Größen,
von denen die eine zur Bestimmung des anderen immer einen festen Wert braucht. Analog verhält
es sich mit den Beziehungen der Bestimmungen der Lokalität zu denen der Geschwindigkeit. Es ist
dabei nicht möglich, gleichzeitig Ort und Geschwindigkeit einer Entität in der Raumzeit zu messen.
In eine Analogie dazu stellt Wilber die Unterscheidung einer inneren und einer äußeren
Wissenschaft. Diese bezieht sich auf den Umstand zweier Bereiche des Wirklichkeitsempfindens:
den Bewusstseins- und den Kommunikationsmodus. Die innere Wissenschaft beschäftigt sich mit
Methoden der Einkehr und Meditation. Die Kommunikation wird dabei ausgeklammert, so dass
sich das Bewusstsein von den kommunikativ gerichteten Einschränkungen dissoziieren kann. Es
zeigt sich in seinem Fluss und seiner Kontinuität und trägt an die Kommunikation die Kontingenz
seiner Ereignishaftigkeit heran.
Die Kommunikation wird dabei durch unlösbare Aufgaben,
Paradoxien, Koans oder Mantren fixiert, damit das Bewusstsein ins Driften gerät. Das Sein wird
zum Werden. Emotionen werden zum Emotionieren. Realität wird zur Realisierung. Wahrheit wird
zur Wahrnehmung.
Umgekehrt wird in der äußeren Wissenschaft das Bewusstsein durch Nominalisierung der
Erkenntnisvorgänge konstant gesetzt. Das Werden wird zum Sein, zur Befindlichkeit.
Kommunikation wird zum Vorgang des Konversierens. Die Kommunikation kontinuiert und
aktualisiert sich, während das Bewusstsein fortlaufend auf personale Erwartungen und
Identitätsstrukturen festgezurrt wird. Emotion, Realität, Wahrheit und andere Größen 202 entstehen
als Themen und Medien darauf bezogener Kommunikationen. So entstehen zwei Erkenntnisformen,
Instinkt und Intuition auf der einen, Vernunft und Verstand auf der anderen Seite. Beide Formen
leiten sich von der ihnen jeweils zugrundeliegenden Systemreferenz her und erfordern gesonderte
Untersuchungen203. Ihre Verschränkung, Gewichtung und Bezugnahme durch kognitive Prozesse ist
201
„1 Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott , und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang
bei Gott.“ Johannes 1, 1-2. bezeichnet somit die Entstehung der Welt aus einem Sprechakt und die Rückführung
dieser Kommunikation auf Bewusstsein. Die Möglichkeit der Schöpfung wird gedeutet als das Vermögen des alleinigen Bewusstseins zur Kommunikation.
202
Luhmann (1998, 1136, siehe auch III.2.) unterscheidet drei Dimensionen, in denen Themen und Medien
generiert werden: in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht.
203
Kapitel V.2-V.4.
54
das Resultat der Interpenetration von Bewusstsein und Kommunikation.
IV.3. Leben und Tod
Als Bewusstsein werden im Allgemeinen die kontinuierenden Zustände bezeichnet, durch die sich
ein lebendes System reproduziert und aktualisiert. Ohne Leben ist kein Bewusstsein mehr möglich
und viel spricht dafür, dass es auch umgekehrt so ist. Die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tode
trägt diesem Umstand Rechnung204, sofern das Bewusstsein in irgendeiner Weise fortbesteht. Dass
das Leben und das Bewusstsein aus dem toten Körper tritt, lässt sich beobachten. Die
physikalischen Energieerhaltungssätze weisen darauf hin, dass sich das Bewusstsein im
Sterbeprozess transzendiert. Auf dieser basalen physikalischen Ebene sind Leben und Tod keine
relevanten Kategorien der Beschreibung. Leben und Tod spielen nur im Bewusstsein eine Rolle und
dienen der Bewertung persönlicher Schicksale, das sich auf die Beobachtung jeder früher oder
später auftretenden Auflösung individuellen Bewusstseins stützt. Wer sich seiner eigenen ewigen
Anteile bewusst ist weiß auch, dass diese „Anteile“ als formlose Berührungspunkte des Alleinsseins
weitaus weniger Anteil der Individualität sind als vielmehr die Individualität Anteil bzw. Ereignis
der Ewigkeit, ein kurz aufglimmender Funken des Feuers der Welt205. Mit Feuer wird der Mensch
gezeugt, auf der Erde empfangen, mit Luft ins Leben gerufen und mit Wasser gesegnet. Ähnlich
bringt Bachelard206 die vier Elemente mit dem Leben in Verbindung. Demnach entwickelte der
Mensch in seiner Phylogenese eine Meisterschaft im Umgang mit den Elementen, z.B. mit dem
Feuer. Diese Umgangsfähigkeit setzte sich in Bilder und Träume um und führte schließlich zur
Entstehung der Sprache. Entsprechend variieren die Sprachmodalitäten mit den Anteilen der
Elemente im Sprachverhalten und natürlich den Bildern und dem Abstraktionsgrad des Inhaltes. Es
sei einmal dahingestellt, ob das auch naturwissenschaftlich haltbar ist.
Eine weitere Skizze liefert der Soziologe Oevermann, der das Leben mit Endlichkeit und
Zukunftsoffenheit als seinen Fundamentalaspekten verbindet, auf deren Bewältigung die Religionen
abstellen.
Etwas anders sieht der Schweizer Systemkritiker Jean Ziegler den Tod als Antipode des Lebens, die
zur Bilanz zwingt207. Die Vergegenwärtigung des Todes unterscheidet Menschen von anderen
204
Eccles (1991) erörtert vom Standpunkt der Neurobiologie her die Möglichkeit oder Vorstellung eines Lebens
nach dem Tod bzw. der Unsterblichkeit einer wie auch immer beschaffenen Seele.
205
Auch Levinas (1996, 117) zieht in solcher Weise diesen Umkehrschluss: so denkt er die Zeit nicht mehr
ausgehend vom Tod, sondern den Tod ausgehend von der Zeit.
206
Bachelard 1987. Der Mensch wird damit zum Alchemisten auf der Suche nach einer für sein Leben guten
chemischen Formel, z.B. der Formel für Liebe (100).
207
Und das meint er nicht nur in Bezug auf den eigenen. Vielmehr hält er gerade den Tod von Tausenden von
Menschen infolge von Hunger und Armut für das Thema des beginnenden 21.Jahrhunderts (Ziegler 2007). Mindell
(1987, 22) resümmiert unter Verweis auf das Fortleben des „Traumkörpers“ über den Tod hinaus: „Vielleicht ist der
55
Lebewesen und ermöglicht dem Menschen, das eigene Schicksal in größeren Zusammenhängen zu
sehen. An dieser Stelle beginnt die Spiritualität, die sich in letzter Konsequenz als gelebte
Nächstenliebe ausdrückt. Die Bewältigung des Lebens beginnt insofern mit der Vergegenwärtigung
des Todes und das, was Oevermann als Zukunftsoffenheit des Lebens betrachtet, wird zu einer
Frist208, die diktiert, wie sich die Zwischenzeit einigermaßen sinnvoll ausfüllen lässt.
Bachelard beschreibt in seiner „Psychoanalyse des Feuers“209, dass das Bewusstsein transzendiert
wie das Feuer, das maßlos und letztlich selbstverzehrend in seinem Hunger nach immer neuer
Nahrung ist.
Es bleibt festzuhalten, dass das Leben eine Art Ritus der Schöpfung, ein Übergangsritual, das
zwischen Geburt und Tod stattfindet, darstellt. Diese natürliche Form der Existenz führt zu
entsprechenden Ausprägungen und Strukturen, die der Empfindung einer kontinuierlichen
Bewegung allen Lebens von der Geburt bis zum Tod nachgebildet sind: den Riten210.
IV.4. Riten 1: Funktion
Geburt und Tod als Begrenzungsmarken des Lebens sind die wichtigsten semantischen Bausteine
für die Erzeugung von Mythen und Riten211. Die Riten, die immer den Übergang von etwas zu
etwas kennzeichnen, ihn beschreiben und bereiten212, sind auf der kulturellen Ebene, wie die
Evolution auf der biologischen, Mechanismen der Transformation und der Sozialisation213.
Ganz allgemein interpunktieren Riten Konversation und Kommunikation. Sie bilden funktionale
Analogien zu dem, was Goffman in der Konversationsanalyse als Klammerfunktion oder noch
allgemeiner, bezogen auf kommunikative Kontexte, als Rahmen214 („Frames“) bezeichnet hat. Ein
Ritus wäre demnach eine spezifisch definierte Klammer, die einen besonderen semantischen bzw.
kommunikativen Kontext vorgibt, innerhalb dessen Themen und Medien der Kommunikation
konventional selektiert werden, und zwar im Hinblick auf Entwicklungen.
Tod die letzte Grenze, an der wir so zu leben beginnen, wie wir wirklich sind.“
208
Heiner Müller (1998, 249): „(...) Was du nicht wissen wolltest ZEIT IST FRIST / Die Bäume auf der
Heimfahrt schamlos grün (H. Müller 21.08.1992, „Herzkranzgefäß“).
209
Bachelard 1990, 75. Dort zitiert er Rodin aus einem Werk Schelers, „Jedes Ding ist nur die periphere Grenze
und Grenzgestalt der Flamme, die es ins Dasein setzt.“.
210
Dazu Turner 2000, 9/47.
211
Oevermann (1995, 27-102) spricht, wie in Kap.IV.3. schon angeführt, von der steten Zukunftsoffenheit und
Endlichkeit des Lebens und einem damit auftretenden Bewährungsproblem, auf das Bewährungsmythen (Religionen
u.ä.) mit einer je spezifischen Praxis reagieren.
212
Van Gennep 1909, 374.
213
Turners Ritenkonzept unterscheidet sich nur unwesentlich von der Beschreibung van Genneps. Erwähnenswert
ist Turners Begriff der „Liminalität“ (von limes (lat.) - Grenze in Turner 1982, 28/40 und 2000, 94), mit der der
Schwellenzustand nach der Trennungsphase und der stattfindenden Vefremdung des Vertrauten bezeichnet wird.
214
Goffman 1977, 31ff.
56
Ausgehend von Luhmanns Konzept positiven und negativen Evoluierens 215 lassen sich progressive
und konservative Riten unterscheiden: konservative Riten, wie z.B. Feiertage, Abklatschen oder
Tischsitten dienen der „Kondensation und Konfirmation“, der Be- und Verstärkung des
Bestehenden, z.B. einer Freundschaft. Progressive Riten, wie z.B. Therapien, Wettkämpfe oder
Wahlen
kanalisieren
Entwicklungen,
die
möglicherweise
konventionale/kommunikative
Veränderungen nach sich ziehen, oder mehr noch bewusst darauf angelegt sind. Es bleibt
festzuhalten, dass auch konservative Riten Entwicklungen thematisieren. Der Erhalt z.B. von
Freundschaften mittels konservativer Riten kann Entwicklungen katalysieren und unterstützen, die
im Hinblick auf deren Erhaltung nicht anders möglich wären.
Ein Ritus gliedert sich in drei Phasen: der Trennungs- oder Loslösungsphase, der Übergangsphase
und der Reintegrationsphase. In der Trennungsphase wird das Alte verabschiedet, Arbeiten beendet,
ein Schlussstrich gezogen. Damit einher gehen die Vorbereitungen zur Initiierung des Ritus, durch
den einerseits die Schwelle zu etwas Anderem markiert wird und andererseits, bei aller
Unbestimmtheit und Freiheit gegenüber den personalen Transformationen, eine ökologische
Einbindung von Veränderungen („Homöorhese“ in der Terminologie Piagets) zwecks einer
ungefähren Kontrolle des Entwicklungsprozesses beabsichtigt wird. Die Übergangsphase ist ein
personaler und sozialer Ausnahmezustand. Gesellschaftlich werden die Initianden ausgesondert. Es
gelten andere und nur für den Ritus gültige Regeln. Alle kommunikativen Gewohnheiten werden
durch die besondere Situation außer Kraft gesetzt und durch eine besondere, rituell festgelegte Form
des Umganges ersetzt. Für das Bewusstsein bleibt das nicht ohne Folgen. Oftmals werden die
sozialen Besonderheiten des Rituals noch durch direkt auf das Bewusstsein bzw. die Gehirntätigkeit
wirkende Maßnahmen ergänzt und gestützt216. In der Übergangsphase zeigen sich besonders
deutlich die Zusammenhänge von Bewusstsein und Kommunikation in Hinsicht einer Ausrichtung
auf die das Ritual begründenden Zwecke. Die Konstruktion einer Ausnahmesituation verhindert die
im Alltag vollzogene Gleichsetzung der Realität mit der (als überindividuell angenommenen)
Wirklichkeit. Die Wirklichkeit erscheint hernach dem Bewusstsein in der vollen Tragweite ihrer
Kontingenz. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen in den Augenblick. Alles ist es selbst
und auch etwas anderes. Wirklichkeit und Möglichkeit entstehen und verschmelzen als Gegensatz
zur erkenntnisbezogen vorstrukturierten Interpretation einer als unwirklich erkannten Realität.
Unwirklich deshalb, da sie im Übergang von ihren konventionalen Bezügen losgelöst ist. Dies löst
die Orientierung an zeitlichen, sachlichen und sozialen Aspekten der Identität des Bewusstseins auf.
215
Meynig 2005a, 21.
216
z.B. körperliche und geistige Überforderungen, Drogen, Provokationen und symbolische Vefremdungen, der
„Schamanenkrankheit“ uvm.
57
Dieser personalen Transformation, deren Prozessierung stets individuell verläuft und die in der
Übergangsphase eine besondere Relevanz erfährt, damit sie sich entfaltet, steht eine an spezifische
Erwartungen gebundene und dazu synchron verlaufende soziale Transformation gegenüber. Der
Sinn gesellschaftlich etablierter und institutionalisierter Übergangsriten besteht darin, dem
personalen System Rollenzuschreibungen und die damit verbundenen Erwartungen verbindlich
anzutragen. Die Freiheit der Art und Form der Internalisierung dieser veränderten Erwartungen ist
dabei die Bedingung der Möglichkeit ihrer Annahme. Die Freiheit persönlicher Selbstbestimmung
steht somit im Dienst sozialer Stabilisierungen, die in der dritten, der Reintegrationsphase, in den
Blickpunkt rücken.
Auch Lewin217 hat im Rahmen der Organisationstheorie ein abstraktes Konzept eines
Veränderungsprozesses entwickelt, der sogenannten „Pioniertheorie“. Die Phasen nennen sich bei
ihm
„Unfreezing“, „Moving“
und „Refreezing“.
Interessant
ist
hierbei,
dass
er
als
Ausgangsbedingung für Veränderungsprozesse Dislokationen von Erwartungen bzw. Referenzen
angibt. Wichtige Veränderungen sind daher schon vor dem eigentlichen Ritus gegeben, die es
notwendig werden lassen, kommunizierte Erwartungen und Haltungen anzupassen bzw. zu
aktualisieren. Eine weitere Bedingung besteht in der Voraussetzung von Flexibilität bei den den
Veränderungsprozess durchlaufenden Systemen. Anders ausgedrückt geht es um die Kapazität, die
im „Moving“ erfolgende Flexibilisierung der Systeme auszuhalten. Das ist ein wichtiger Punkt, den
von Gennep wohl noch nicht gesehen hat. Denn Flexibilität als Sinn und Zweck von Riten
vorauszusetzen und zu erweitern bedeutet auch, dass sich damit der Einfluss transformierender
Systeme vergrößert. Flexibilisierung ist somit ein Indikator von Persönlichkeitsentwicklungen. Und
damit erübrigt es sich auch, bei pathologischen Prozessen noch von Persönlichkeitsentwicklung zu
sprechen. Dort, wo die Flexibilität ab- statt zunimmt, handelt es sich um Verkrustungen,
Einschränkungen, Stillstand. Es wäre zynisch zu sagen, der Heroinabhängige entwickele seine
Flexibilität, auf bestimmte Dosisabweichungen resistent zu reagieren. Beobachtbar sind an
Krankheiten, dass sie Personen einschränken und bei einer Krankheitsgenese sogar in
zunehmendem Maße. Es wäre unsinnig, den anhand zunehmender Einschränkungen beobachtbaren
Verlauf von Krankheiten als Entwicklung zu betrachten. Für diese Untersuchung gilt, dass eine
Entwicklung zu weniger Flexibilität keine Entwicklung ist, was immer es sonst sein mag. Ein
weiteres Beispiel: eine Person, die körperlich herausgefordert ist, z.B. durch eine Behinderung,
kann das als Einschränkung oder als Herausforderung erleben: im ersteren Fall verdoppelt sich die
217
Lewin 1947, 5-41. Zit. nach Artikel Veränderungsmanagement. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
Bearbeitungsstand:
23.
Januar
2008,
17:45
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ver%C3%A4nderungsmanagement&oldid=41553388 (Abgerufen: 30.
Januar 2008, 18:10 UTC).
58
Behinderung: das bewusste Erleben der Einschränkung verhindert die Entwicklung eines
Umganges, einer Flexibilisierung. Im letzteren Fall ist es umgekehrt. Die Einsicht, dass eine
körperliche Einschränkung nicht zwingend eine geistige nach sich zieht, erweitert in diesem Fall die
Möglichkeiten auf der Suche nach einem Umgang damit. Das Interessante an Lewins Ansatz ist
also, dass er, bezogen auf das Beispiel, die erlebte Einschränkung als Bedingung der Möglichkeit
eines Trennungsritus betrachtet: die (in diesem Fall an den Körper gerichteten) Erwartungen passen
nicht mehr auf die Realität, personalisieren aber nach wie vor das Bewusstsein und konfirmieren
seine Identität.
Das Loslassen dieser alten Erwartungen und der Aufbau neuer, die Identität durch Praxis
bestätigender Erwartungen, kommt einem Sterben und einer (Neu-)Geburt gleich.
Das Sterben wird im Ritus simuliert und als stärkster transformierender Prozess utilisiert. Tod und
Leben symbolisieren dem Initiierten, dass die Identität, wie er sie bisher verstanden hat, nur eine
Reflektion im Spiegel seiner Seele ist, die er im Hinblick auf die Integration von
Elementen/Internalisierung von Werten, die er im Laufe der Übergangsphase kennenlernt,
aufzugeben hat218.
Gesellschaftliche Institutionalisierung entkoppelt die soziale von der personalen Transformation.
Inwieweit die Erlangung von Bildungstiteln, Berufszulassungen und das Verfolgen gesellschaftlich
etablierter Laufbahnen in den Zusammenhang einer personalen Transformation gestellt wird, bleibt
dem Einzelnen überlassen. Die funktionale Differenzierung erfordert von den an ihr
Partizipierenden nur auf das jeweilige Subsystem bezogene Qualifizierungen (z.B. bezogen auf eine
politische Laufbahn Ambition und den Umgang mit Macht).
Zusammenfassung: Riten als Sozialstrukturen richten Entwicklungen der Persönlichkeit im Sinne
einer lockeren („fuzzy“) Kontrolle des Entwicklungsprozesses unter Einhaltung bestimmter
Vorgaben. Der Vollzug von Riten stellt auf die Weise ab, wie intern Erfahrungen generiert und
strukturiert werden.
IV.5. Intentionalität
218
Dazu Campbell (1991, 284). Die alten Kulturen Mesopotamiens und Ägypens dachten diesbezüglich so weit,
dass sie den Tod als solchen für einen Übergangsritus hielten. Das bezeugt die ganze, auf den Tod hin orientierte
Lebensweise und der mythologisch untermauerte Todeskult. Wie auch immer der biologische Tod zu bewerten ist,
stellt dies eine durchaus wirksame Form der Vorbereitung auf das Ableben dar. Es ist anzunehmen, dass dies die
(Vorformen der) Hospizarbeit in dieser alten Kultur erleichterte. (Campbell 1991, 447ff.) Ganz anders die
Schamanen Zentralasiens: für sie ist der Tod ein lebendiger Teil der Gegenwart. Der Schamane stirbt schon während
der Initiation einen symbolischen, doch durchaus als real erlebten Tod und sein weiteres Leben im Stamm ist ein
zweites, durch den Tod gereinigtes und bestätigtes, nichtselbstverständliches Leben in der durch die Allgegenwart
des Todes ausgelösten demütigen Hingabe an das Leben und die Menschen (Paulson 1960, 238 ff., Schröder 1955,
313, Vitebsky 1998, 94).
59
Der Intentionalität, also der Ausrichtung von Handlungen, kommt in diesem Zusammenhang eine
besondere Bedeutung zu219. Bezugnahme lässt sich, neurologisch betrachtet, immer nur als
Relationierung und Relationierung von Relationen beobachten220. Intentionalität ist als biologisches
Phänomen am ehesten mit den von Piaget als Homöorhese bezeichneten Vorgängen in
Zusammenhang zu setzen. In erster Linie demonstriert die Homöorhese allerdings die (genetischkombinatorische) Aufstellung von Erfüllungskriterien und nicht deren tatsächliche Erfüllung, wie
von
Searle
gefordert.
Wahrnehmung
basiert
auf
Vorwissen
als
erkenntnistechnischer
Vorstrukturierung. Entscheidungen (z.B. über die „Vogeligkeit“ eines geflügelten Lebewesens 221)
trifft das Bewusstsein dort, wo kein oder nicht genug Wissen angenommen wird. Alle anderen
Prozesse folgen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsgewohnheiten, die allerdings intentional
aufgebaut sind und in Beziehung zueinander gebracht werden können 222. Intentional ist daher nicht
die Sprache als erlernbares Instrument der Verständigung, sondern die Absicht, sich zu
verständigen, die sich ihre Formen anhand der Aufstellung von Erfüllungskriterien sucht. Absichten
liegen aus biologischer Sicht neurologische Verknüpfungsprozesse zugrunde. Die Sprache wird
daher als Aufbau, Verknüpfung und Modifikation von Repräsentationen im Hinblick auf ein
Interesse an Verständigung erlernt. Verständigung stellt dabei eine an den Erfüllungskriterien
gemessene erfolgreiche Verhaltenskoordination samt ihrer darauf bezogenen Relationierungen dar.
Komplexe Prozesse wie das Denken als Teil der Kognition entwickeln sich aus (physiologischen)
Verhaltensmustern, die sich gewissermaßen nach innen fortsetzen und die Ebene der Konstruktion
mentaler Repräsentationen als emergentem System etablieren223.
219
Searle (2004, 104-34, 1987) ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Seine Intentionstheorie ist hier um den
Konstruktionscharakter individueller Realität erweitert worden. Daher beziehen sich viele seiner Ausführungen
nicht auf „die Dinge“ an sich, sondern auf die funktional entstandenen Repräsentationen als einer kreativen Leistung
des Gehirns bzw. Nervensystems („Intentionalität naturalisieren“: Searle 2004, 108). Auch Merleau-Ponty (1976,
190) hat den Bereich der Intentionen als eine Art Leim der Wahrnehmung analysiert „(...) sie [die Wahrnehmung]
heftet sich eher an menschliche Intentionen als an Objekte und erfährt eher Realitäten, als daß sie Wahrheiten
erkennt.“ und kommt zu dem gleichen Schluss wie Searle, dass mehrere Intentionsarten das Bewusstsein jeweils
operativ verwenden, also so etwas wie die Operationsmodi oder Zustände des Bewusstseins darstellen.
220
Es sei noch einmal auf das Semiosekonzept des Chemikers, Mathematikers und Philosophen Charles Peirce
hingewiesen, das diese jüngeren Erkenntnisse der Neurobiologie in seiner Zeichenlehre vorweggenommen hat
(siehe Bergen 2000, 55, „Bausteine des Zeichens“).
221
Der sogenannten Prototypentheorie von Aitchison (Aitchison 1987, 51) u.a. mangelt es leider an
neurowissenschaftlichen Befunden. Da rudimentäre Teile des Gehirns assoziativ arbeiten stellt sich die Frage, nach
welchen jeweiligen Kriterien sich das Gehirn verschaltet. Das schränkt dann entsprechend die Menge möglicher
Verknüpfungen ein. Die Prototypentheorie basiert wie die Archetypentheorie Jungs nach Sichtweise des Autors auf
dem gängigen Irrtum, von Identität statt von Differenz auszugehen. Es ist also nicht die Frage, was einen Vogel
„vogelig“ macht, sondern mit welchen angelernten Unterscheidungen man Vögel von allem anderen unterscheidet.
Und da gibt das Kind andere Unterscheidungen an als der Ornithologe, so wie der Neurokybernetiker den
repräsentationalen Aufbau des Geistes anders beschreibt als der Linguist.
222
Erneut sei auf die GEO-Strategie als eine andere Beschreibung des gleichen Sachverhaltes hingewiesen.
223
Entsprechend betrachtet Bergson (1948, 140) die Generierung von Sinn als gedankliche und gerichtete
„Bewegung“. Insofern betonen Searle und Bergson zwei Charakteristika desselben Phänomens: Bergson die
Bewegtheit, Searle die Gerichtetheit des kognitiven Prozesses.
60
IV.5.1. Intention, Sprache, Gesellschaft
Diese an Maturana angelehnten Gedankengänge lassen sich mit der Geschichte des Turmbaus zu
Babel illustrieren. Jeder Mensch spricht eine andere Sprache, da jeder Mensch ein einzigartiges
Wesen ist. Trotzdem erfolgt Verständigung. Es erheben sich daher die Fragen, was es denn
bedeutet, dass vorher alle Menschen die gleiche Sprache gesprochen haben und warum trotz
unterschiedlicher bzw. einzigartiger Sprachen erfolgreiche Verständigung stattfindet. Die erste
Frage bezieht sich auf die Evolution des Menschen. Es ist davon auszugehen, dass sich mit dem
Gebrauch von Werkzeugen, der reflexiven Objektivierung der Umwelt und der Verortung subjektiv
erkennender Systeme in der Umwelt und der daraus resultierenden Möglichkeit der Etablierung von
als nützlich erachteten Unterscheidungen in der Außenwelt der Innenwelt (z.B. der Bezeichnung
von Gegenständen, Lebewesen, Pflanzen und Menschen) das soziale System operativ isolierte und
verselbständigte.
Die Fertigstellung des Turmbaus platzte. Der Mensch stand nun vor der Aufgabe, die
Verständigung neu zu erlernen und erlangte aber die Fähigkeit, sich über die Wolken zu träumen,
eine Nebenwirkung der Verselbstständigung der Kommunikation. Der abstrakte Kern dieser
Geschichte besteht indes darin, dass der Mensch, der sich Gott gleichstellen möchte, mit
Unverständnis gegenüber seinen Mitmenschen geschlagen wird. Die Metapher lässt sich
evolutionsepistemologisch in der Weise verstehen, dass der Mensch, der Gott gleich werden
möchte, zunächst die Nichtselbstverständlichkeit der Kommunikation feststellt. Dies ist somit die
Geburtsstunde der Wissenschaft, insbesondere der Philosophie. Wie die Vertreibung aus dem
Paradies kann dieses Ereignis ein Hinweis auf die Freiheit und Selbstverantwortung des Menschen
sein224. Es liegt nunmehr im Bereich des Menschen, Verständigung herzustellen und zu
stabilisieren, Kommunikationsthemen zu wählen oder auch abzulehnen. Es ist daher nicht zuviel
gesagt, diese Freiheit als wesentlichen Unterschied zu den anderen Lebensformen auf diesem
Planeten aufzustellen225. Die Intentionalität ist also als ein ursprünglich soziales Phänomen zu
224
Dazu Sartre (1994, 117) „Der Existenzialismus ist ein Humanismus.“ und auch Camus 1992, der das Verhalten
verschiedener Menschen am Beispiel des Eintretens einer Katastrophensituation (Pest) unter ethischen
Gesichtspunkten klassifiziert.
225
Das ist nicht als Herabwürdigung anderer Lebensformen zu verstehen. Die Unterschiede sind in der Regel
graduell und nur in diesem Zusammenhang offenkundig. Auch Delfine kommunizieren über Freiheit (Lilly 1975).
Sie sind allerdings zu Verneinungen nicht in der Lage. Es ließe sich auch sagen: entweder sie umgehen die
Verneinung oder wir Menschen die Bejahung. Allen Entwicklungen lebendiger Organismen gemein ist, dass der
evolutionäre Drive die Wand des einzelligen Lebens als kleinstmöglicher Lebensform besitzt und zwischen dieser
Wand und größerer Komplexität/Adaptabilität „torkelt“ (So Gould 1994 und 1988, der das Modell der Evolution
des Lebens als eines hierarchischen, stratifizierten Differenzierungsvorganges ablehnt). Den Begriff „torkeln“
verwendet Gould, um klarzustellen, dass diese Richtung keinesfalls vorgegeben und somit kontingent ist und die
Wege der Phylogenese nicht geradlinig, sondern verschlungen.
61
sehen, welches auf einem Interesse an Verständigung beruht und durch dessen Wirken die kognitive
Autonomie des Individuums gewährleistet wird.
IV.5.2. Vom Aufbau gesellschaftlicher Ordnungen
Zum Verständnis der historischen Gegebenheiten ist die besondere gesellschaftliche Struktur der
Stadtstaaten Mesopotamiens zu berücksichtigen226. Diese waren, anders als die Nomadenstämme
der Region und der Vorzeit, stratifikatorisch und nicht mehr segmentär organisiert. Gegenüber dem
Stammesleben war das Stadtleben anonymer, hierarchisch und durch die Verteilung von Rechten
und Privilegien qua Amt gegliedert, auch wenn die Herkunft und Verwandtschaft nach wie vor eine
Grundlage für die Erlangung von Ämtern war. Mit der Umstellung der Struktur von segmentär auf
stratifikatorisch veränderten sich auch Weltbild und Kosmos. Die Götterwelt bildete und zeichnete
die gesellschaftliche Strukturierung nach. Der Gott Israels, ein zorniger Gott, dem die Stämme auf
Gedeih und Verderb ausgeliefert waren, verkörpert eine Naturerfahrung, die in der Organisation der
Stadtstaaten und großen Reiche ganz anders erlebt wurde. Verschiedene Faktoren wie
Landwirtschaft, Handel, militärische Stärke usw. drückten dem Schicksal dieser Gesellschaft in
unterschiedlichem Maße ihren Stempel auf. Gesellschaftliche Stratifikation (der Turmbau) ließ aber
ein wesentliches Problem unberücksichtigt, nämlich die Einführung von Ämtern, die nicht aufgrund
von Qualifikation, sondern aufgrund von Herkunft oder despotischer Gnade227 vergeben wurden. So
haftet den stratifikatorisch organisierten Gesellschaften bis heute etwas Künstliches an, das nur als
eine deduktiv begründete Übergangslösung so viele Möglichkeiten schuf, wie es kosmologischreligiöse Widersprüche zu erklären hatte. Da die Generalisierung von Einfluss gesellschaftliche
Asymmetrien (zwischen oben und unten) erzeugt, verhinderte dies den Fortbestand von Vertrauen
als soziales Bindemittel, wie es im Stammesleben praktiziert wurde. Diese Form lebte als
öffentliche Bedrohung der Ordnung geschmäht in der Gestalt nepotistischer, oligarchischer und
später aristokratischer bzw. bourgeoiser Strukturen weiter und stellt sogar in den auf funktionale
Differenzierung umgestellten Gesellschaften eine beträchtliche Herausforderung dar.
Die allmähliche Herausbildung der Kommunikationscodes oder, in Luhmanns Terminologie, die
Entstehung der symbolisch generalisierten Interaktionsmedien, ist als die Antwort auf die Existenz
der unterdrückten segmentären Anteile an der gesellschaftlichen Organisation zu verstehen. Die
Etablierung der Codes erleichtert die Artikulation von und die Verständigung über Interessen und
abstrahiert
von
den
Umwelteinflüssen,
deren
Zusammenhänge
durch
die
Ergebnisse
226
Dazu Luhmann 1993a, 65-149.
227
Der von Weber (1968, 475) in Abgrenzung zur charismatischen und rationalen Herrschaft beschriebene
traditionale Herrschaftstyp. So spricht Weber denn auch von den reinen Typen der Herrschaft. Das bedeutet, dass
die meisten Gesellschaften Mischformen dieser drei Typen sind. Es wird darauf noch weiter eingegangen.
62
wissenschaftlicher Forschungen evident werden. Gott zieht sich auf eine Beobachterposition zurück
und verweist auf die von ihm gegebene Freiheit des Willens, die auch denen gegeben ist, die nicht
die Tragweite seiner Empfehlungen ermessen wollen228.
Doch egal wo und wie weit die gesellschaftliche Entwicklung steht und geht, bleiben diese
strukturellen Bezüge Parameter der kognitiven Entwicklung jedes Menschen. Darauf weist das
magische Weltbild des Kindes hin229.
Darauf weist auch die stratifizierte Organisation der psychischen Welten hin230. Und das bezeugt
auch die Organisation von Familien und Kommunen, öffentlichen Institutionen und Organisationen.
Funktionale Differenzierung ist eine Art gesellschaftlicher Einigung auf den kleinsten gemeinsamen
Nenner. Gemeinschaften und Organisationen steht es frei, innerhalb ihres Bereiches und jenseits
ihrer gesellschaftlichen Interaktionen ihre eigenen Formen zu kultivieren. In der Anlage schafft
funktionale Differenzierung die Freiheiten des gesellschaftlichen Verkehrs, die notwendig sind,
Menschen ihre personalen Freiheiten zu vergegenwärtigen und sie personal (nicht sozial) zu
realisieren. Deren soziale Realisierung besteht in der wahrgenommenen Möglichkeit der Ausübung
von Macht und dem daraus abgeleiteten Verzicht ihrer Anwendung als Einschränkung der
Freiheiten anderer. Erst durch die Etablierung dieses Verhaltens wird es möglich, nach dem durch
die funktionale Differenzierung erzeugten sozialen Driften wieder zusammenzurücken. Dass das in
der Natur der Sache liegt, lässt sich so nicht sagen. Rein deskriptiv: nein. Dennoch haben in diesem
Zusammenhang die Interessen der Träger von Kommunikation und somit der an Gesellschaft
Partizipierenden in Prognosen und Tendenzen über die gesellschaftsstrukturelle Veränderungen
eingerechnet zu werden231. Alles darüber Hinausgehende fällt in den Bereich von Glaube und
Religion. Allerdings ist es möglich, Absichten und Interessen quantitativ und qualitativ zu
bestimmen. Zwei Ansätze werden diesbezüglich stellvertretend für viele untersucht:
Ken Wilbers Integralnetwork als Kommunikations- und Interaktionskonzept und Marvin Minskys
„Society
of
Mind“
der
Persönlichkeit
als
Aushandlungsmodell
interagierender
228
Luhmann, Die Religion der Gesellschaft, 2000, 250-78, 162-63.
229
Das magische Weltbild des Kindes besteht in der Annahme des Kindes, durch Versprechen und Handlungen
Einfluss auf Beziehungen und Sachverhalte nehmen zu können (Vgl. Hellinger 2000 und 2006). Wie stark (und
verheerend) diese Glaubenssätze sein können, zeigt die familiensystemische Konstruktion pathologischer Störungen
wie der Magersucht. So glaubt das Kind, durch seinen eigenen Weggang die Trennung eines der beiden Elternteile
vom anderen verhindern zu können. Es löst sich buchstäblich auf. Magie dieser Art ist an und für sich Teil des
Weltbildes segmentärer Gesellschaften, die von dem Mysterium und der Unergründlichkeit ihrer Umwelt ausgehen,
in der geheimnisvolle Kräfte wirken, deren Teil und Träger sie sind.
230
Im schamanischen Weltbild die Aufteilung in Unterwelt, Mittelwelt und Oberwelt (Vitebsky 1998, 17) und in
der Psychoanalyse die Existenz von Es, Ich und Über-Ich.
231
So spricht Bühl (1987) in Bezug auf Kultursysteme von Mehrebenensystemen (67), die lose (im Sinne der aus
der Kybernetik und Artificial Intelligence stammenden „fuzzy functions“) oder strikt mehrfach (62) gekoppelt sein
können. Etwas konkreter vollzieht sich die Gesellschaft ebenso auf individueller wie auf kollektiver (z.B.
staatlicher) Ebene und ihre spezifischen Kopplungen werden in der Sozialwissenschaft sowohl qualitativ als auch
quantitativ erforscht.
63
Persönlichkeitsanteile im Sinne eines erweiterten, funktional differenzierten sozialen Panoramas232.
IV.5.3. Vom Aufbau zur sozialen Erscheinungsweise der Persönlichkeit
Minsky beschäftigt sich hierbei mit dem Problem der Entstehung und Beschreibung von Intelligenz
mit dem Ergebnis, dass die Intelligenz nicht einfach die Eigenschaft einer einzigen Entität sei.
Vielmehr seien vielerlei Prozesse, die sich untereinander beeinflussen, an der Generierung und
Koordinierung von Verhalten beteiligt. Er diskriminiert diese Prozesse (270) und bezeichnet sie als
Agenten, die die „Society“ des Geistes bilden, die Stadt „Mentopolis“ bevölkern. Es gibt Ober- und
Unterfunktionen, deren Gewichtung von den Einigungs- bzw. Koordinationsprozessen der
beteiligten Agenten der jeweiligen Funktionsebene abhängt. Minskys Modell beschreibt daher nicht
so sehr das Was der Absichten, Interessen und Entscheidungen als vielmehr ihr Zustandekommen,
ihr Wie und die Akzentuierung ihrer Anteile.
Wilber geht einen anderen Weg. Er bestimmt Absichten und Interessen in Hinsicht auf ihre
Generalisierung und gesellschaftsstiftende Qualität („States“ und „Stages“). Hierbei stellt er das
Bewusstsein, also die stetig kontinuierende Bewusstwerdung sich abwechselnder Zustände, ihrer
soziokommunikativen Etablierung voran. Ein verändertes Bewusstsein ist, von diesem Modell her
gedacht, eine notwendige innere Bedingung, um einen Entwicklungsschritt zu vollziehen. Seine
Etablierung erfolgt aber kommunikativ. Zustandsveränderungen, die keine Veränderungen der
Kommunikation bewirken, sind sozial indifferent. Umgekehrt sind Veränderungen der Rollen oder
Kommunikationen, die keine Veränderung des Bewusstseins stiften, Lügen oder Institutionen. Das
bedeutet, dass eine Lüge darin besteht, sich gegenüber anderen auf Konventionen zu beziehen,
deren Einhaltung nur von den anderen erwartet wird. Die Ausübung von Macht ist das beste
Beispiel für diese Ungleichheit, die kommunikativ aufgebaut wird und gleichermaßen
strukturstabilisierend wie funktionsunterwandernd wirkt. Sie stabilisiert Strukturen, da Handlungen
erwartbar und wahrscheinlich gemacht werden. Sie unterwandert Funktionen, die von der
faktischen Freiheit und Selbstdeterminierung des Menschen ausgehen und damit von
Selbstverpflichtung und Freiwilligkeit233. Das führt z.B. zu Korruption und Lobbyismus. Die
Unterordnung wird immer nur soweit nachvollzogen, wie sie noch mit den eigenen Interessen
kongruent ist. Jenseits dessen wird die eigene Freiheit wieder wahrgenommen, soweit die
232
Das auf Derks (2005) zurückgehende Konzept des sozialen Panoramas stellt eine Differnzierung von Meads
„Generalisiertem Anderen“ dar: Personale Identität bricht sich demnach in den Bezügen zu seiner direkten Umwelt
(z.B. zu anderen Menschen) Bahn, einer Art Gesellschaft des Geistes, die im inneren Dialog evident wird.
233
Pestalozzi (1979, 87) folgert im Umkehrschluss mit dem Zitat des Unternehmers Duttweiler, Freiwilligkeit sei
der Preis der Freiheit. Dies ist im Zusammenhang seiner Strategie der „positiven Subversion“ zu sehen, die auf eine
Lösung des Problems des Lobbyismus in demokratischen Gesellschaften abzielt.
64
Unterordnung nicht so diffus234 ist, dass der Einfluss als höher bewertet wird als sich dem
beobachteten sozialen Setting durch einen ideal informierten Beobachter entnehmen lässt235.
Das Kalkül der Macht erhebt die Lüge zur Konvention, denn beide gehen von der Ungleichheit des
Menschen aus. Die Konventionalisierung der Lüge wiederum nennt sich Institutionalisierung. Sie
hebt die Macht und die sie implizierende Lüge in den Bereich des Legitimen und Angemessenen.
Sie schafft eine Wirklichkeit, die nur zwischen Menschen gilt, die auf den entsprechenden Konsens
eingetrimmt sind. Für den Beobachter, der der Lüge die Wirklichkeit (und nicht die „Wahrheit“)
gegenüberstellt, ist und bleibt sie – eine Lüge.
Gebser236, auf den sich Wilber mit seinen integralen Denkmodellen immer wieder beruft, erklärt
anhand der gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse als „Manifestationen der aperspektivischen
Welt“ die Auflösung patriarchaler und matriarchaler237 Strukturen zugunsten von integralen. Die
jeweils bemühten Unterscheidungen werden in diesem Prozess genau definiert, legitimiert und auch
institutionalisiert238. Die u.a. von Butler (1991) im wissenschaftlichen Diskurs behandelte
Unterscheidung von Sex und Gender sowie ihre Konzeption der Konstruktion von Geschlechtern
(die sogenannten Gender Studies) stellen auf den Ansatz ab, dass die Geschlechterkonstruktionen
ein Mittel zur Individualisierung werden und sich die ihnen angehefteten Stereotypen davon
ablösen.
Ein integrales Strukturmodell der Gesellschaft impliziert daher eine integrierte Persönlichkeit, die
sich dadurch auszeichnet, dass sie Unterscheidungen in bestimmten Kontexten organisiert und
deren konstruktiven Charakter anerkennt. Das bedeutet in Anlehnung an Bateson eine mentale
Ökologie. Es ist überdies die einzige Möglichkeit, interpersonale, intragesellschaftliche und
staatliche sowie national-kulturelle Gegensätze und Widersprüche dauerhaft auszuhalten.
IV.6. Die Transformation von Ereignissen in Kommunikation239
Das
Bewusstsein
aktualisiert
und
reproduziert
sich
durch
Ereignisse
als
einer
Art
Selbstvergegenwärtigung durch anderes. Die Inhalte des Bewusstseins sind vom Bewusstsein
234
Bezogen auf Analysen politischer Unterstützungsformen siehe auch die Unterscheidung diffus/spezifisch durch
Easton (1975, 435-453).
235
Die Unterscheidung von Furcht und Angst stellt darauf ab. Furcht ist demnach konkret, situativ und funktional,
Angst abstrakt, diffus und psychisch.
236
Gebser 1986, 698.
237
Maturana (1994a, 20) würde „matristisch“ sagen, um auf die weniger von Autorität als mehr von
Weiblichkeitskult geprägten gesellschaftliche Organisation bestimmter Ackerbaugesellschaften hinzuweisen.
238
Da die amerikanische Verfassung Frauen und Farbige nicht vom Präsidentenamt ausschließt, bewarben sich für
die Wahl 2008 in den USA auf Seiten der Demokraten zwei solche Kandidaten. Dass das einen Unterschied
macht(e), zeigen die bisherigen 43 WASPs (White Anglo Saxon Protestants) mit Ausnahme von Kennedy, der ein
Katholik war, obwohl das Geschlecht, die Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit weder Einstellung noch
Qualifikation anzeigen.
239
Dazu Mindell (1987), der dieses Kapitel inspirierte.
65
unterschieden und Anker des Bewusstseins, das sich stetig asynchronisiert, um Weltkomplexität
reduzieren zu können240. Diese Asynchronisation erfolgt nicht durch Entscheidungen, sondern einer
intentionalen Ausrichtung der Ereignisabfolge des Erlebens, durch die Erzeugung linearer
Chronologizität. Synchrones Welterleben besteht in der Erfahrung, Kontingenz und nicht Formen
zu erleben241. Die sogenannten Kippbilder, also Bilder, die je nach Blickinterpunktion
Unterschiedliches zeigen, demonstrieren die Asynchronisation des Bewusstseins gegenüber der
Wirklichkeit: es ist möglich, zwischen der Wahrnehmung der einen und der anderen Gestalt hinund herzuwechseln. Es ist dem Bewusstsein aber nicht ohne weiteres möglich, beides gleichzeitig
zu sehen oder womöglich noch etwas ganz anderes zusätzlich, das Phänomen der sogenannten
„Binokularen Rivalität“. Es bezeichnet aber weniger eine Rivalität als den seit „Schrödingers
Katze“ problematisierten quantentheoretischen Ansatz, dass das jeweils Wirkliche bzw. wirklich
Gewordene nicht gleichzeitig das Mögliche sein kann242. Durch solch eine Asynchronisation
erzeugen personale Systeme Eigenzeit, deren Elemente Ereignisse sind, die chronologisch und
linear gerichtet werden. Für die Etablierung von Lernerfahrungen als Gewohnheitsbildung von
Verhaltenskoordinationen stellt die Asynchronisation von Selbst und Wirklichkeit die
Voraussetzung dar. Anders gesagt führt die Einführung der Unterscheidung von System und
Umwelt und die laufende Wiederkehr dieser Unterscheidung in das von ihr Unterschiedene (nach
Luhmann) zur Entstehung von Zeit als Produkt und Indikator des Erlebens sich abwechselnder
Ereignisse. Dass die chronologische Anordnung von Ereignissen wie auch ihrer durch
Unterscheidungen getroffenen Konstitution kontingent ist, zeigen die Modalitäten der Träume.
Träume entbehren in der Regel des bewussten Willens der Sondierung von Innen und Außen im
Sinne einer funktional gerichteten System-Umwelt-Differenzierung. Träume sind, mit Bachelard
gesprochen, pure Subjektivität243. Die Innenwelt verwendet keine Energie darauf, Aspekte der
Innen- und der Außenwelt zu sortieren. Das Träumen generiert latente Verknüpfungen zwischen
Repräsentationen als reizspezifisch konstruierten Funktionseinheiten des Bewusstseins. Das
Träumen ist eine Form der Diffusion durch Assoziation zwecks Metaphorisierung von Ereignissen,
240
Luhmann 1991, 142ff.
241
Dazu Keifenheim (2000, 69) über die Mythologie der Kashinawa-Indianer („Zeit war Gleichzeitigkeit, in der
alles es selbst und etwas anderes sein konnte. Somit erscheint das Prinzip generalisierter Transformativität als das
Merkmal der Urschöpfung schlechthin.“). Alle Gestaltwahrnehmungen sind gleichzeitig sie selbst und auch anderes.
Möglichkeit und Wirklichkeit verschmelzen, die Welt entdifferenziert sich. Dazu auch William Blake, zitiert in
Huxleys „Pforten der Wahrnehmung“ (1996, 9): „Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene dem
Menschen alles, wie es ist: unendlich.“
242
Die Quantenphysik behauptet das aber aufgrund der Beobachtung der Unvorhersagbarkeit des Zerfalls von
Atomen trotzdem.
243
Und weiter: „(...) eher als der Wille, eher als der „elan vital“ ist die Einbildungskraft die treibende Kraft der
psychischen Produktion. Psychisch werden wir durch unsere Träumerei erschaffen. Durch unsere Träumerei
erschaffen und in Schranken verwiesen, denn die Träumerei steckt die äußersten Grenzen unseres Geistes ab. Die
Einbildungskraft arbeitet an ihrem äußersten Ende wie eine Flamme (...).“ (Bachelard 1990, 143/144).
66
dem Bindemittel zur Integration und Utilisierung von Erfahrungskonstruktionen. Am Ende bleiben
einem, und das wissen ältere Menschen am besten, nur Geschichten. Die Metaphorisierung als
evaluierendes Moment bei der Integration von Ereignissen und ihrem Auf- und Einbau in und zu
Repräsentationen ist als kognitive Funktion der Wirkungsweise homöorhetischer Vorgänge ähnlich.
Es werden Kräfte und Informationen gebündelt und kanalisiert. Das Bewusstsein operiert als
gleichzeitiger Protagonist und Erzähler von Geschichten.
Mindell244 skizziert die drei Ebenen der Wirklichkeit, des Traumzustandes und der Traumzeit245 als
einen Strudel. An der Oberfläche, also der Wirklichkeit bzw. „Konsensusrealität“ (Mindell), werden
die Gestalten und Erlebnisse in die Träume gezogen und wie bei einem schwarzen Loch in die
Traumzeit komprimiert, die an ihrem tiefsten Punkt keine Gestalten mehr kennt. Dort sind alle
Ereignisse reizspezifisch dekomponiert und flottieren als beliebig verknüpfbare Modalitäten im
Unbewussten. Kreative Prozesse bestehen in der Leistung der entsprechenden (Re)kombination von
Reizen bei minimalen strukturellen Vorgaben. Diese treten dann in den Traum ein und verdichten
und verknüpfen sich zu Gestalten, die vom kreativen Traumbewusstsein semantisch bestimmt
werden.
Im Traumzustand gibt es nur zwei relevante Koordinaten der Erfüllung von Funktionen von
Äquilibrationsprozessen: Absicht und Wille. Der Kognition sind somit im Traum keine Grenzen
gesetzt. Intention und Volition entscheiden über Verlauf und Richtung des Traumgeschehens.
Grundsätzlich ist damit im Traum nichts ausgeschlossen. Der Traum ist eine Art Land der
unbegrenzten Möglichkeiten des Geistes246.
Auf der Suche nach einer basalen Ebene des Bewusstseins gerät die Traumzeit ins Blickfeld. In der
Traumzeit gibt es Prozesse, die im Traumzustand performativ gerinnt. Die gleichzeitige Ein- und
Ungebundenheit alles Ereignishaften im Bewusstsein ist die Bedingung der Möglichkeit der
Kommunikation zwischen Entitäten. Auf dieser Ebene sind aber, wie schon am Beispiel des NishiPae Rituals der Kashinawa-Indianer ausgeführt, alle Gestalten und konstituierten Wesenheiten nur
244
Mindell 1987, 58/59 und 2004, 27.
245
„Traumzeit“ (Alerjinga) geht begrifflich auf die Riten der Aborigine-Kulturen über die Entstehung der Welt
zurück (Petri 1950, Borsboom 1998, 78, Campbell 1991, 109). Diese Riten bestehen in Gesängen und Tänzen zu
Ehren der Schöpfung. Diese ist, ähnlich dem Pantheismus, gänzlich belebt. Jeder Stein, jede Pflanze und jedes Tier
verfügt demnach über Bewusstsein. Die Lieder und Tänze der Entstehung der Welt sind das Allerheiligste der
Aborigines. Aus diesen Riten leiten sich auch die Songlines und ihre Themen her. Die Songlines sind Lieder, die
bestimmte geographische Gegebenheiten metaphorisch behandeln. Statt auf eine Karte zu schauen lernten die
Aborigines Lieder, nach deren Angaben sie dann den Weg suchten. Ein Netz von Songlines überspannte den ganzen
australischen Kontinent. Vgl. auch Serres (1964) über das Kommunikationsnetz Penelope, eine gelungene
Beschreibung kommunikativ generierter und gesteuerter Mindmaps, die sich von Unter- zur Überdetermination
entwickeln.
246
Das wurde auch schon im alten Griechenland gewusst. In Epidauros konnten Kranke in speziellen
Unterkünften übernachten. Im Traum erschien ihnen, wie es überliefert ist, Asklepios, der Gott der Heilung, der
ihnen die Schritte zur Gesundung vorgab. Mindell (2004) behauptet denn auch, „Die Realität kommt vom Träumen“
(27) und noch pointierter „Träumen ist die mystische Quelle der Realität“ (1).
67
als kontingente und gleichwertige Sinnesreize erfassbar. Kommunikation im Sinne Luhmanns
findet auf dieser Ebene nicht statt. Sie besteht aus reinem Bewusstsein, das alles zulässt und, anders
als im Wachbewusstsein, nichts unterdrückt.
Die Ebene des Traumes etabliert sich gegenüber der Traumzeit durch die Ausprägung von Gestalten
und Formen. Kommunikation wird durch den Vollzug der Unterscheidung von Selbst- und
Fremdreferenz simuliert. Dabei kann es tatsächlich zu Informations-, Mitteilungs- und
Verstehensprozessen kommen. Dies wird als Verhaltenskoordination für einen Beobachter über
EEG´s als sogenannte REM (Rapid-Eye-Movement)247-Schlafphase beobachtbar.
Die Traumebene ließe sich auch die Ebene der symbolischen Formen248 nennen. Dabei ist
hinzuzufügen, dass die von Mindell differenzierten Ebenen an und für sich analoge Vor- bzw.
Übergänge
darstellen.
Neurowissenschaftlich
betrachtet
sind
alle
Ebenen
verschiedene
Aktivitätszustände des Gehirns. So geht z.B. Tart249 auch von verschiedenen Trancezuständen des
Gehirns aus. Die Alltags- oder Konsensustrance entspricht dabei dem „Wachzustand“. Erickson
ging in seinen hypnotherapeutischen Studien ebenfalls davon aus. Diese Trancezustände werden
dabei jeweils kommunikativ induziert. Gewohnheiten sind demnach Stimuli, mit denen sich
Menschen in ihrer Alltagstrance halten. Es ist nicht notwendig und unbedingt praktisch, das
Autofahren jeden Morgen neu zu lernen. Es ist aber möglich.
Die „Traumkommunikation“ unterliegt anderen Bedingungen als die Kommunikation im
Wirklichkeitsbewusstsein, obwohl beide auf der Grundlage von Verhaltenskoordinationen zweiter
und höherer Ordnungen entstehen. Zeit und Raum bieten keinerlei Orientierungsmöglichkeiten. Die
Funktion von Kommunikation besteht immer in der Generierung von Sinn250 im Hinblick auf die
Herstellung oder Stabilisierung des seelischen Gleichgewichtes, der Äquilibration. Es geht um die
Exploration und Erweiterung der holistischen Landschaft des Geistes 251. Verhaltenskoordinationen
247
Der Autor hat bis zum Abschluss der Studie keine Untersuchungen über einen möglichen Zusammenhang von
Augenbewegungen und der sinnesspezifischen Verarbeitung von Sachverhalten gefunden. Da Augenbewegungen in
der Kommunikation Gehirnaktivitäten dokumentieren, die Rückschlüsse auf den Repräsentationsmodus der
Information ermöglichen (Robbins 2004, 172), hält der Autor einen Zusammenhang für plausibel. Eine
Aufzeichnung der genauen Bewegungen ließe sich für eine Erfassung der Konstruktion, Modifikation und des
sinnesspezifischen Modus von im Traum aktivierten Repräsentationen verwenden.
248
In Anlehnung an Cassirer (2001, „Die Philosophie der symbolischen Formen“, 15): „(...)die Begriffe des
Raumes und der Zeit, der Masse und der Kraft, des materiellen Punktes und der Energie, des Atoms oder des Äthers
sind freie „Scheinbilder“, die die Erkenntnis entwirft, um die Welt der sinnlichen Erfahrung zu beherrschen und als
gesetzlich geordnete Welt zu sehen, denen aber in den sinnlichen Daten selbst unmittelbar nichts entspricht.“ Und
S.21: „Die Reproduzierbarkeit des Inhalts selbst ist an die Produktion eines Zeichens für ihn gebunden, in welcher
das Bewußtsein frei und selbstständig verfährt.“.
249
Tart 1985, 227-243.
250
Luhmann 1994, 92: „Die Co-Evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von
psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide
ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese
evolutionäre Errungenschaft „Sinn“.“
251
Minsky (1994) bevorzugt eine andere Darstellung: basierend auf einer Analyse der funktionalen Bestandteile
68
dienen der Selbstorientierung in der Welt. Alles, was deren Funktionieren bedroht oder in Frage
stellt, wird als Problem für den Bestand des personalen Systems wahrgenommen. Starke Reaktionen
als deren Folge betreffen auch bzw. gerade das Geschehen und die internen Interaktionen in
Träumen. Die Identität des personalen Systems wird in der Besetzung an bestimmte
Repräsentationsstrukturen fixiert und verhindert daher jede auf sie bezogenen Modifikationen, die
als Bestandsbedrohungen erlebt werden. Erst wenn die Identität auf ihre mentale Funktion bezogen
wird, ist die Prozessualisierung von Selbst- und Weltkonstruktionen möglich252, die zu den
emissionierenden253 Identitätshorizonten254 bei gleichzeitig zunehmender Selektionsverengung der
Handlungsspielräume des personalen Systems geführt hat.
Modaloperative Kleinstereignisse, ins neuronale System eingespeiste bzw. generierte Reize,
entwickeln sich also in der Traumzeit zu Repräsentationen und Erlebnissen. Unterschiede werden
zu Unterscheidungen, die einen Unterschied machen255. Die aufgebauten Repräsentationen werden
in Traumzuständen zu Gestalten und Formen, die somit schon Realitätscharakter besitzen. Je nach
Beobachtungsstandpunkt erzeugt oder imitiert diese Ebene Wirklichkeit. Intrapersonal erzeugt das
System diese Realität und interpersonal bezieht es sich auf die Wirklichkeit, an der es partizipiert,
wie der Beobachter dieser Partizipation auch. Träume sind die von Platon256 beschriebenen Wände,
an die sich die Schatten der Seele werfen. Alle Aprioris von Handlungen (im Sinne der Konstitution
von Selektionshorizonten und entsprechender Selektionskriterien) und Erfahrungen durchlaufen in
ihrer Genese diese Ebenen, während sie sich in der Koordinierung des Verhaltens manifestieren257.
Brouwer258
entwickelte
ein
ähnliches
Konzept
der
Bedeutungs-,
Bewusstseins-
und
der Gehirntätigkeit wählt er das Bild einer Gesellschaft des Geistes („Society of Mind“), auf deutsch Mentopolis,
also Stadt des Geistes. Dass ein solches Bild Sinn macht, ist unbestritten. Die Traumagenten treten ja im Setting der
Träume als Entitäten auf, die sich teils wie eigenständige Wesen verhalten. Und das Bewusstsein täuscht sich
darüber. Siehe Kap. IV.5.3.
252
Auf der Grundlage der Transformationsgrammatik Chomskys (2002) lassen sich Substantive durch Verben
ersetzen, die Sprachgerinnungen in Prozesse bringen und katalysieren können, was neuronale Neuverknüpfungen
ermöglicht. So geht es von der Identität zum sich identifizieren mit, vom Ärger auf jemanden zum sich Ärgern über
etwas, vom Gefühl haben zum sich fühlen. Auch Maturana ersetzt Substantive durch Aktionen (Konversieren,
Emotionieren, „Languaging“(Linguieren)). Watts (1995, 73) geht sogar noch weiter. Er betrachtet in allem
Erkannten und sogar dem Gegenständlichen die ihm zugrundeliegende Aktivität: ein Haus wird zum „housing“, eine
Katze zum „cating“ usw..
253
Jung spricht von inflationären, konkreter, von „psychischer Inflation“ (1991, 26). Das ist natürlich eine
Beschreibung. Als einer Erklärung müsste es heißen: inflationierenden. Jung bringt dazu das Beispiel der
Identifikation von Behördenbediensteten mit ihrem Amt, statt mit der Erfüllung ihrer Aufgaben und Wahrnehmung
der behördlichen Funktionen. Maßnahmen wie die Umbenennung des Arbeitsamtes in „Bundesagentur für Arbeit“
sind auch auf eine entsprechende Ausrichtung bzw. Umorientierung ihrer Mitarbeiter gerichtet.
254
Ausdehnung bzw. Einengung des imaginierten („imaginären“ - Lacan) Selbst über seine Funktion hinaus auf
Strukturen.
255
wie Bateson (1981, 582) es auf den Punkt bringt.
256
Natorp (1994).
257
Claßen 2002, 67 schreibt mit dem Verweis auf Schuster und von Franz von den Naskapi-Indianern Kanadas,
die erst dann auf Jagd gehen, wenn der Jäger in einem Traum das Wild bereits erlegt hat.
258
Von Stigt 1990, 137 zit. nach Artikel Luitzen Egbertus Jan Brouwer. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
69
Kommunikationsgenese: er unterschied dabei die naive, die wissenschaftliche und die soziale Phase
des Bewusstseins.
Die naive Phase besteht in reinen, analog (schwellengebunden) kodierten Sinnesempfindungen.
Sie werden in der „isolierten kausalen Phase“ schablonenartig digitalisiert und in eine Abfolge
gebracht, was Brouwer auch als mathematische Phase nennt (und sich mit Piagets Aufbau der
logisch-mathematischen Strukturen in der Entwicklung des Kindes deckt).
Die soziale Phase des Bewusstseins bemächtigt es zur ostentativen Kodierung, also zu
Übertragungsleistungen wie Metaphorisierungen u.a..
IV.7. Grenzen der Kommunikation
Das Verhalten integriert als letzte bzw. erste Elemente zeitliche und räumliche Dimensionen als
grundlegende Parameter. Verhalten manifestiert sich in Zeit und Raum als Wahrnehmung und
Kommunikation. Dies sind die Organisationsprinzipien der vierten Dimension. Jede weitere
mögliche
Dimension
unterwirft
das
Verhalten
demnach
noch
spezifischeren,
noch
unwahrscheinlicheren Bedingungen seines Zustandekommens259. Die Ausbalancierung basalerer
Ebenen
wird
dadurch
einfacher,
die
Äquilibration
des
Gesamtsystems
in
größeren
Zusammenhängen jedoch exponentiell zunehmend komplizierter. Denn so, wie Unterscheidungen
der Form die Elemente der Traumzeit, Unterscheidungen von Ereignissen die Elemente des
Träumens und Unterscheidungen der Kommunikation, also die Einheit aus Information, Mitteilung
und Verstehen Elemente der (konsensgebundenen) Wirklichkeit darstellen, sind sie auch als eine
Rückkopplung des Bewusstseins mit den unterschiedlichen Bedingungen dieser personalen
Realitätsebenen zu verstehen. Ändern oder erweitern sich diese Bedingungen, dann wirkt das direkt
auf die die Realitätsebenen konstituierenden Bedingungen zurück. Das im Beginn des
21.Jahrhunderts geltende Paradigma der Standpunktabhängigkeit des Beobachters 260 ist insofern als
eine Lobpreisung der Vorgaben der vierten Dimension zu verstehen. Und da sich die
Wissenschaften als kommunikatives System ebenfalls nur auf die vierte Dimension beziehen
können, schränken sie ihren evolvierfähigen Bereich ein, da sie Erkenntnisse höherer Dimensionen
solange nicht als valide gelten lassen können, wie sie sich nicht den Annahmen über die
Beschaffenheit der vierten Dimension fügen, d.h. solange sie inkommunikabel sind. Aus genau
Bearbeitungsstand:
29.
Dezember
2007,
14:29
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Luitzen_Egbertus_Jan_Brouwer&oldid=40551692 (Abgerufen: 31. Januar
2008, 09:41 UTC).
259
Bateson (1985, 389-95) dachte in den Ausführungen zu Lernen III und IV nicht an ihre Bedingungen, wohl
aber an die Möglichkeit ihres Erreichens. Erst in seinem Spätwerk (Bateson 2002) thematisiert er (bzw. seine
Tochter als Lektorin nach seinem Ableben) diese Ebenen ausführlicher.
260
welches eine Konsequenz der Relativitätstheorie und der Heisenbergschen Unschärferelation (Hawking 1993,
48ff., 75ff.) darstellt.
70
diesem Grund lässt sich im Rückgriff auf Wittgenstein über vieles tatsächlich nur schweigen, wenn
auch beredt, wie Einstein zeigte.
Abschließend ist festzustellen, dass die Transformation von Ereignissen in Kommunikation ein
kreatives, um nicht zu sagen konstruktives Verfahren ist, das von den neuronalen und
innersystemischen Vorbedingungen abhängt. Auch wird deutlich, dass sich der Übergang vom
Ereignis zur Kommunikation als ein gradueller beschreiben lässt. Die Konstituierung eines
personalen und eines sozialen Systems ist nichtsdestotrotz im Hinblick auf die Unterscheidung
verschiedener Existenzdimensionen samt ihrer Bedingungen sinnvoll.
IV.8. Kommunikation als Bewusstseinsinterpunktion
Die systemtheoretische Beobachtungsweise der Kommunikation dezentralisiert die Perspektiven.
Kommunikation äußert sich vermittels personaler Systeme. Die kontextuelle und strukturelle
Konstitution personaler Systeme gibt die Spannweite jeweils möglicher Kommunikationen vor. Den
Rest besorgt die Kommunikation selbst. Beobachter ordnen die Kommunikationen durch
bezugnehmende Referenz personaler Systeme, die die Geschichte des personalen Systems bildet261.
Die Operation des Setzens von Referenzen etabliert Welt und Selbst. Sie setzt sich ins Bewusstsein
fort und wird kommunikativ entkoppelt. Kommunikation als Ermöglichung von Verständigung in
der vierten Dimension (als Folge und Voraussetzung der Kommunikation, deshalb: vierfache
Dimensionierung) behält ihre Ordnungs- und Organisationsfunktion. Da sich das Bewusstsein
reflexiv durch die kontinuierende Setzung sich gegeneinander abgrenzender, kontingenter
Ereignisse, die ständig entstehen und vergehen, reproduziert262, erscheinen die Ereignisse mitunter
wie Kommunikationen des Bewusstseins mit sich selbst263. Sie wird zu einer bloßen Form der
Prozessierung von Reizinformationen, die auch anders möglich ist. Auf basaleren Ebenen des
Bewusstseins wie der Traumzeit gibt es gar keine Formen. Diese Ebene kommt der bloßen
Rezeption elektrochemischer Ladungen am Nächsten. Bewusstsein wird zum Prozess, zur
intentional gesteuerten Bewusstwerdung, anhand der sich das Bewusstsein fortlaufend über die
261
Wer hat was gesagt/mitgeteilt ? Was habe ich selbst gesagt/getan ?
262
Luhmann spricht hierbei von einer „Temporalisierung der Letztelemente“ (1994, 77). De Saussure (1967, 137)
benutzt eine ganz ähnliche Beschreibung für die Sprachstruktur, die „langue“. Zeichen als semantisch-syntaktische
Elemente von Ereignissen sind demnach stets arbiträr und negativ gebaut. Sie erreichen ihre positive Bestimmung
durch Abgrenzung gegeneinander im gleichen Medium, dem gleichen Kode, der Kommunikation/Parole. Tholen
2002, 26 und 2005, 150-172 sieht die Funktion von Medien insgesamt darin, als strukturelle Kopplung informativ zu
wirken.
263
Wie in den Träumen, dem magischen Theater Hesses (2004, 166).
71
Etablierung von Distinktionen aktualisiert.
Goodman unterscheidet in Analogie zur Peirceschen Unterscheidung von „types“ und „tokens“
zwischen „inscriptions“ und „marks“. Marken sind potentielle Bedeutungsträger. Inskriptionen
bilden die Kleinstelemente syntaktischer Relevanz. Ein Token ist ein Zeichenvorkommnis, also eine
Unterscheidung, die einen Unterschied macht. Und Types sind die Signifikanten, die Bedeutungen
als solche264. Inskriptionen sind Elemente analoger Systeme. Analogie leitet sich aus der
Indetermination seiner Elemente ab, d.h. der Möglichkeit und nicht der Wirklichkeit, zum
Bedeutungsträger zu werden. Kontingenz stellt in analogen Systemen kein Konstruktionsprinzip als
kognitiver
Funktionsanalyse
dar,
sondern
eine
Evidenz,
eine
phänomenologische
Bestimmungsgrundlage. Analoge Systeme generieren die Bedingungen der Möglichkeit
verschiedener Interpretationen. In Opposition dazu stehen die digitalen Systeme mit einem
hierarchisch geordneten, disjunkten (entscheidbaren) Modus265. Die logisch-mathematischen
Funktionen der Kognition (Piaget) stellen Digitalität her. Entscheidungen und Unterscheidungen
basieren nach dem Formenkalkül Spencer-Browns auf den gleichen Grundlagen. Es sind
Operationen, die Digitalität in das sie verwendende System einführen, um Komplexität zu
reduzieren266. Umgekehrt wird ebenfalls weitere Komplexität reduziert, wenn z.B. in der FuzzyLogik
Definitionen
Abstraktionsleistungen
unscharf
und
die
formuliert
Erkennung
werden.
von
Dies
stellt
eine
Strukturisomorphien
Bedingung
für
(Assimilation
und
Akkomodation, Welt-auf-Geist, Geist-auf-Welt) dar, die die Analogizität ihres Ursprungsbestandes
für ihre Autopoiesis notwendigerweise zu berücksichtigen hat.
Scholz bemüht die Zeichentheorie zur Begründung seines Bildbegriffes und ihrer ästhetischen bzw.
linguistischen Dimensionen Syntax, Semantik und Pragmatik. Diese bilden die drei psychischen
Ebenen Mindells funktional ab. Aus der kontingenten und synchronen Reizgleichzeitigkeit
entstehen Inskriptionen als Folge der Generierung von Marken. Träume sind ihrem Wesen nach
bereits syntaktisch vollwertig. Ihre Aufgabe ist die Herstellung einer Semantik durch
Tokenkompositionen. Deren An- und Verwendungen ist Gegenstand und Grundlage des
Wachbewusstseins, der Genese der Realität. Sinn misst sich immer an der Funktion des ihn
verwendenden Systems. In der Realität macht es Sinn, Chronologie und Referenzen zu stabilisieren.
264
Goodman nach Scholz 2004, 109.
265
Luhmann 1998, 101: „(...), kann man auch festhalten, daß strukturelle Kopplungen analoge Verhältnisse
digitalisieren. Da die Umwelt und in ihr die anderen Systeme stets gleichzeitig mit dem jeweiligen Bezugssystem
der Beobachtung operieren, sind zunächst nur analoge (parallellaufende) Verhältnisse gegeben. Daraus können die
beteiligten Systeme keine Information ziehen, denn dies setzt Digitalisierung voraus. Strukturelle Kopplungen
müssen daher zunächst analoge in digitale Verhältnisse umformen, wenn über sie die Umwelt Einfluß auf ein
System gewinnen soll. Das ist, im Verhältnis des Kommunikationssystems zu den Bewußtseinssystemen, eine
Funktion der Sprache, die ein kontinuierliches Nebeneinander in ein diskontinuierliches Nacheinander verwandelt.“.
266
Luhmann 1998, 101.
72
Im Traum macht es „Sinn“, Erlebens- und Handlungshorizonte zu (re)produzieren. In der Traumzeit
macht es „Sinn“, Gestalten und Formen zu generieren. Daher ist es nicht notwendig, Mythen wie
der Schöpfungsgeschichte oder der Todesreise der ägyptischen Pharaonen Wahrheit abzusprechen.
Sie referieren auf basalere Ebenen unserer Existenz, die anderen Bedingungen unterliegen und
somit unterschiedliche Wahrheitsqualitäten hervorheben267, andere verdecken. So bezieht sich die
Mythologie auf die Funktionsweise der Traumzeit (Schöpfung), die Kunst auf die Träume (Formen)
und Technik und Strategien auf die Realität (Sinn). Insofern kann beispielsweise eine symbolische
Traumdeutung
nachträglich
Bedeutungen
generieren
und
dadurch
die
Integration
des
Traumgeschens in die Realitätsempfindung fördern. Die künstlerisch-kreative Auseinandersetzung
mit Trauminhalten wiederum kann analog dazu eine Intensivierung des Traumgeschehens anregen.
Putnam und Fodor268 vergleichen Geist und Gehirn mit der Hardware und der Software eines
Computers. Im Kapitel II wurde diese Unterscheidung als für diese Untersuchung irrelevant
begründet. Anders verhält es sich, wenn das Bewusstsein als Hardware und Kommunikation als
Software betrachtet wird. Dadurch wird der inskribierende Zug der Kommunikation nachvollzogen,
die sich ins Bewusstsein einschreibt wie der Laser auf einen CD-Rohling. Vernachlässigt wird dabei
der prozessuale Charakter des Bewusstseins, seiner ständigen Genese, die in den Modellen der
Studien zur Künstlichen Intelligenz (AI) weitaus schwieriger zu berücksichtigen ist. Das
Bewusstsein erhebt sich aus den physiologischen Ressourcen und Kapazitäten. Die es
konstituierenden Prozesse sind aktiv und kreativ, auch in der Rezeption und erst recht in der
Perzeption. Die das Bewusstsein konstituierenden Prozesse sind aber keine Kommunikationen, es
sind Ereignisse269. Die das Bewusstsein konstituierenden Ereignisse sind kontingent, arbiträr und
disjunkt. Ereignisse entstehen aus der Überführung analoger elektrochemischer Prozesse in digitale
Prozesse, aus denen Gestalten und Formen synthetisiert werden. Wohlfahrt spricht in diesem
Zusammenhang von einer Aktualgenese270, der stufenweisen Entwicklung einer Gegebenheit. Das
267
Idries Schah (1996, 41) erzählt in diesem Zusammenhang eine Sufiparabel: „Ein Wanderzirkus hatte seinen
Elefanten in einem Stall in der Nähe einer Stadt untergebracht, in der man noch nie einen Elefanten gesehen hatte.
Vier neugierige Bürger hörten von dem verborgenen Wunder und machten sich auf, um vielleicht im voraus einen
Blick darauf zu erhaschen. Als sie jedoch zu dem Stall kamen, fanden sie, daß es kein Licht darin gab. Sie mußten
ihre Untersuchung also im Dunkeln vornehmen. Der eine bekam den Rüssel des Elefanten zu fassen und meinte
folglich, das Tier müsse einer Wasserpfeife ähneln; der zweite erfühlte ein Ohr und schloß, es sei eine Art Fächer;
der dritte, der ein Bein anfaßte, konnte es nur mit einer lebenden Säule vergleichen; und der vierte schließlich, der
seine Hand auf den Rücken des Elefanten legte, war überzeugt, eine Art Thron vor sich zu haben. Keiner von ihnen
konnte sich ein vollständiges Bild machen, und den Teil, den ein jeder erfühlte, konnte er nur in Begriffen
beschreiben, die ihm bekannte Dinge bezeichneten. (...)“
268
Putnam 1999. Dieses Werk des „Mentalismus“ diskutiert die Computeranalogie des Bewusstseins sowohl in
Anlehnung als auch Abgrenzung zu Fodor.
269
Schon Whitehead 1987, 389, wies auf Ereignisse als fundamentale Elemente der „Welt“ hin. Und: „Jedes
wirkliche Ereignis grenzt seine eigene wirkliche Welt ab, aus der es entsteht. Zwei Ereignisse können niemals
identische wirkliche Welten haben.“.
270
Artikel Aktualgenese. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Februar 2006, 17:00 UTC.
73
Bewusstsein, das eigentlich ein Werden ist, entsteht als Einheit nur in der Kommunikation, also in
der Möglichkeit, Gegenstände zu linguieren, sprachlich zu erzeugen und festzuschreiben. Für
Kohonen zerfällt das Bewusstsein in „Selforganizing Maps“. In dieser Selbstorganisation wird das
Bewusstsein für einen Beobachter als Verhalten sichtbar. Wohlfahrt beschreibt den vorgenannten
Zerfall wiederum als Aktuallyse, als Entdifferenzierung des digital organisierenden Bewusstseins.
IV.9. Interaktionsmedien
Ein weiterer Unterschied zwischen der Kommunikation und der innerpsychischen Wiederkehr der
Form der Kommunikation stellt die Ausdifferenzierung und symbolische Generalsierung der
Interaktionsmedien dar. Luhmann271 unterscheidet vier Medien. Macht, Liebe, Eigentum/Geld und
Wahrheit/Kunst auf der Grundlage der Kombination beobachtbaren Erlebens und Handelns
zwischen Interaktionspartnern.
Da Eigentum/Geld sich aus Personalisierung ableiten und selbst apersonal funktionieren, werden sie
aus dieser Untersuchung ausgeklammert. Wahrheit ist Medium dieser Studie als wissenschaftlichem
Erzeugnis, wie schon dem ersten Kapitel zu entnehmen ist, weshalb sie hier nicht noch einmal
gesondert aufgeführt ist. Es bleiben Macht und Liebe.
IV.9.1. Macht
Macht272 basiert auf der Generalisierung von Einfluss. Es geht darum, durch die Möglichkeit von
Gewalt im Sinne einer für den jeweils anderen zu vermeidenden Alternative eine diffuse oder
spezifische Handlungsausrichtung des Gegenübers zu erreichen.
Wenn Menschen aufgrund des Handelns anderer handeln, sind sie von eben diesen Handlungen
beeinflusst. Das gilt für Konkurrenzsituationen und eskalierende Konflikte, aber auch für bestimmte
Partnerschaften und Zusammenarbeit. Einfluss kann in vielen Formen erscheinen. Maturana und
Levinas (in seiner „Philosophie des Anderen“) sprechen im Zusammenhang von ausgeübter Macht
vom Verlust der Subjektivität. Der eigene Standpunkt wird aufgegeben oder in bestimmten
Kontexten unterdrückt.
Holloway (2006) unterscheidet anders als Vorgenannte zwischen kreativer und instrumenteller
Macht. Instrumentelle Macht basiert auf der Negation des anderen im Glauben an und Benutzung
von der Macht der Gewalt273. Sie ist das, was Canetti als Entfremdung von den eigenen
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Aktualgenese&oldid=13266556 (Abgerufen: 14. Februar 2008,
22:44 UTC).
271
Luhmann (1998, 336).
272
Dazu Luhmann (1998, 328-329 und 1988, 74ff.).
273
Der berühmte Sozialdemokrat Kurt Schumacher charakterisierte die NS-Ideologie als alleinigen Glauben an
74
Handlungen, von sich selbst beschreibt274.
Kreative Macht ist dagegen gesellschaftlich und dient der Entfaltung des Subjekts275. Kreative
Macht ist die Kultur des Einzelnen. Im Anschluss an McMillan, der einen etwas neutraleren
Machtbegriff vertritt, wäre instrumentelle Macht „das Vermögen, tatsächliche Situationen
umzustrukturieren“ und kreative Macht Einfluss als „Vermögen, die Wahrnehmung anderer Leute
zu kontrollieren und zu verändern.“276.
Levinas wie Maturana begreifen Machtausübung als letzten Endes problematisches und defizitäres
Verhalten, dessen Veränderung nur durch Liebeskonstellationen wie Partnerschaft und Familie
gelingen kann, also durch die Wiedergewinnung der Würde, die sich immer im Umgang mit dem
bzw. den jeweils anderen zeigt.
IV.9.2. Liebe
Liebe als Interaktionsmedium generiert Handeln in Bezug auf das Erleben anderer. Luhmann
konstatiert ihre Ausdifferenzierung277 als Folge des höfischen Verhaltens, des Plaisiere. Plaisiere
gilt somit als höflich und unverbindlich. Amour ist hingegen eine Strategie der Kommunikation von
der Verbindlichkeit des auf das Erleben des anderen bezogenen Verhaltens. Motiv des Handelns im
Medium der Liebe ist die Wahrnehmung und Anerkenntnis der physischen und mentalen
Befindlichkeit, deren offener Ausdruck die Sexualität ist. Liebe ist ein Beziehungsmedium. Die
Orientierung an der Befindlichkeit des anderen dezentriert das Ego und eröffnet den spirituellen
Raum für die Wahrnehmung von Zusammenhängen, die die eigene Endlichkeit übersteigen, da sich
Liebe als generalisierte Form an allem ausrichten kann, dem Leben zugeschrieben wird 278.
Maturana betrachtet die Liebe, anders als Luhmann, aus phylogenetischer Sicht279. Demnach stellt
Gewalt, die nicht zu verwechseln sei mit echtem Patriotismus. Was er selbst unter Patriotismus verstand
demonstrierte er mit einem mehr als neunjährigen KZ-Aufenthalt ohne Abrückung von seinen Positionen, was ihn
geistig nicht brechen konnte.
274
Canetti 1976, 29. „Die älteste Wirkungsform des Befehls ist die Flucht. Sie wird dem Tier von einem
Stärkeren, einem Geschöpf außer ihm, diktiert.“. Das umfasst auch, was Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“
bezeichnete: So war für einen Eichmann die Vernichtung europäischer Bevölkerungsteile eine Frage von Zahlen und
Ressourcen, für Himmler eine Frage der psychischen Belastbarkeit seiner Leute, für einen Höß ein
verantwortungsvoller Job und für viele seiner SS-Schergen hart verdientes Brot im Dienste der deutschen
Allgemeinheit. Wen wundert es da, dass viele von ihnen ihre Lebenslügen mit ins Grab nahmen.
275
So spricht der Gegenwartskünstler Jonathan Meese von der Diktatur der Kunst, die durch ihn proklamiert
werde: Dies sei „weder gut, noch schlecht. Das ist neutral. Das ist auch nichts Besonderes.“
(http://www.zeit.de/video; 17.01.08).
276
McMillan 1978, zit. nach Artikel Macht. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 30. Januar
2008, 10:41 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Macht&oldid=41835558 (Abgerufen: 30. Januar
2008, 20:31 UTC).
277
Luhmann 1994a, 21ff.
278
Auch an in die Zukunft oder Vergangenheit projizierten Entitäten, wie z.B. die Welt unserer Enkelkinder.
279
Maturana 1997: „Wir sind liebende Tiere.“. Das stellt eine konsequente Neuvermessung des Menschen dar,
75
sie Möglichkeiten des Konversierens und Emotionierens280 bereit, die sich in Hinsicht auf die
Überlebenswahrscheinlichkeit von Stammesgesellschaften bewährt und evolutionär ausdifferenziert
haben. Liebe dient dem Zusammenhalt von Menschen und Gruppen in zeitweiligen oder
permanenten Gefahrensituationen und stabilisiert und ordnet ihn in friedlichen Zeiten. Ihre soziale
Erscheinungsform ist der Altruismus, in dem sie sich als kommunikatives Ordnungsprinzip
verwirklicht.
Im theoretischen Gebäude Maturanas nimmt die Liebe daher einen exklusiven Platz ein, während
Luhmann ihr Geld, Macht und Wahrheit als Mittel sozialer Organisation gleichrangig
gegenüberstellt. Als Beobachtung von Kommunikationen funktional differenzierter Gesellschaften
mag das gerechtfertigt sein. Neurologisch betrachtet ist Liebe im Prozess des Emotionierens indess
fundamental und Hass, Depressionen oder auch chronische Angstzustände dessen kommunikativ
verfestigte Störungen.
Die Übernahme
gesellschaftlicher Realität als
Koordinaten der
Selbstdefinition kann denn auch zu Problemen führen. Die Interaktionsmedien stellen
überindividuelle Lösungen dar, deren Generalisierungen keineswegs realer sind als die Heilslehren
der Religionen. Man muss nicht an sie glauben, um sie erfolgreich zu benutzen. Die Verleugnung
oder Relativierung der Liebe führt jedoch auf der personalen Ebene zur Abkapselung von
originären Motivationen bei gleichzeitiger Überschätzung gesellschaftlicher Bewegungen wie z.B.
Marktregulierungen281, Machtausübung und der Institutionalisierung und Technisierung von
Wissen. Die Abbindung von Liebe kommt somit einer Selbstentmündigung gleich, in der das
Vertrauen auf die eigene Kraft und die Eingebundenheit der eigenen Handlungen in das Wirken und
die Ordnung kosmischer Kräfte zugunsten einer unreflektierten Gesellschaftsinternalisierung
aufgegeben wird. Durch diese Entscheidung oder Vergewohnheitlichung entsteht das Böse als
kommunikative Umwelt der Liebe, zu der es als Folge in neuronaler Hinsicht keine Alternative
gibt282. Es kann zu Motivationsstörungen, psychosomatischen Erkrankungen 283, Sucht- bzw.
Konsumverhalten kommen.
Die Liebe richtet sich im Sozialisationsprozess zunächst auf die direkten Bezugspersonen, also die
Mutter, dann die Eltern, Familie, Freunde usw.. Das Familiensystem ist als emergente Form sozialer
wie sie Gould (1988) vermutlich auch im Sinn hat.
280
Maturana 1994a, 30.
281
im Sinne fremdreferentiell bestimmter Schwarmintelligenz als biopolitischer Produktionsbedingungen
(Hardt/Negri 2000, 22-42). Das personale Modell dazu wäre demgegenüber die „Society of Mind“ Minskys (1994),
die auf das Zusammenwirken und -treffen verschiedenster innerpsychischer Faktoren abstellt.
282
Der Satan in Miltons „Das Verlorene Paradies“ (1985) ist eine tragische, hyperaktive Figur mit einer
offenkundigen emotionalen Störung. Er ist hier nicht der Vertreter eines Gegenprinzips, als der er z.B. in Goethes
Faust dargestellt wird, sondern ein intriganter Profilneurotiker mit Autoritäts(Vater-)komplex.
283
Norbert Claßen (1995), Dethlefsen (1990).
76
Organisation durch Liebe evident284. Entlang der sozialisierten Umgangsformen entstehen Wege,
Störungen und Krankheiten als Ausprägungen der Kultivierung liebevollen Miteinanders.
Besonderes Augenmerk verdient dabei die magische Weltsicht des Kindes und der
Kommunikationsstil der Bezugspersonen285.
Das Kind glaubt beispielsweise daran, dass es stellvertretend für andere Bürden auf sich nehmen
kann. Es sucht den Ausgleich in Hinsicht auf die früh erfolgende Ausdifferenzierung einer
moralischen Überinstanz, die es objektiviert und deren Regeln es sich unterwirft.
IV.10. Riten 2: Kategorien
Riten beruhen als magische Praktiken auf dieser Weltsicht. Van Gennep (1909, 376ff.) differenziert
in seinen Übergangsriten einige grundsätzliche Kategorien: So unterscheidet er zwischen
sympathetischen und kontagiösen (Kontakt-) Riten, animistischen und dynamistischen, direkten und
indirekten und schließlich zwischen positiven und negativen Riten. Sympathetische Riten
implizieren die Annahme der Reziprozität aller Ereignisse, die Beziehungen vom Teil zum Ganzen,
vom Beinhaltenden zum Beinhalteten, vom Gegensätzlichen und Gleichen usw.. Sie sind
metaphorisch zu verstehen. Kontaktriten gehen von der Annahme der Übertragbarkeit aus: der
Zauberer, Schamane oder die Hexe nimmt ein Haar für die Zeremonie und meint dessen
(ehemaligen) Besitzer. Ein direkter Ritus ist z.B. eine Verzauberung im Gegensatz zur Anrufung
eines Hilfsgeistes, die indirekt die gewünschte Wirkung herbeiführen soll. Willensäußerungen und
Affirmationen fallen unter die positiven, Tabus unter die negativen Riten.
Dynamismus und Animismus betreffen die Personalisierung oder Objektivierung der Welt. Der
Glaube an die Rettung durch einen Gott oder Götter und darauf bezogene Praktiken sind demnach
animistisch. Dynamistische Riten implizieren die Annahme unpersönlicher Zusammenhänge. Naive
Wissenschaftsgläubigkeit fällt ebenso darunter wie viele Praktiken des „New Age“, also Tarot,
Astrologie usw286. Auch die Naturwissenschaften gehen von dynamistischen Annahmen aus:
allerdings gelten diese Annahmen unter genau definierten Bedingungen. Erst die Generalisierung
und Übertragung des naturwissenschaftlichen Modelles auf lebensweltliche Zusammenhänge bringt
284
Fritz Simon 1984, 129ff..
285
Dazu die Studie von Bateson (1984, 263ff.) über Kommunikationsstrukturen in Familien mit einem
schizophrenen Mitglied, auf die sich auch Simon (1984) beruft.
286
Wenn Menschen eifrig einen Glauben vertreten, lassen sich die kategorialen Annahmen dahinter gut erraten: in
der Diskussion zwischen Kreationisten und aufgeklärten Atheisten (z.B. Dawkins und die Brights-Bewegung),
stehen die Atheisten für einen dynamistischen Glauben an eine Wissenschaft, die die unpersönlichen
Wirkungskräfte der Welt erforscht und die Kreationisten für einen animistischen Glauben an einen Gott. Solange der
Glaube als solcher nicht als eine mächtige kommunikative Kraft verstanden wird, die in der Lage ist, das
Bewusstsein basal zu prägen, wird es weiterhin Kämpfe um eine fiktive Glaubensvorherrschaft geben, die sich mit
einer definitiven Festlegung auf ein dynamistisches oder animistisches Weltbild weiterer Möglichkeiten beraubt.
77
wirkliche dynamistische Riten hervor287288.
Geht man mit Gebser289 von verschiedenen subjektiven Zeiten aus, die das Bewusstsein in seiner
Entwicklung durchläuft, lassen sich die meisten Ritustypen, also der Annahmen über das Auftreten
und die Wirkungsweise transzendentaler Kräfte, der magischen Zeit zuordnen. Der Animismus
entspricht dem mythischen und der Dynamismus dem mentalen Bewusstsein. Mit Gebser könnte
man daher meinen, die Ritentypen indizierten den Entwicklungsstand des jeweiligen es
verwendenden Bewusstseins.
In den Riten werden diese Weltannahmen der Wirkungsweise transzendentaler Kräfte reaktiviert
und absichtsvoll arrangiert. Sie integrieren und beziehen sich auf die Prozessierung von
Reizinformationen in der Traumzeit bis zu den Formen und Gestaltbildungen während des
Träumens. Da das Bewusstsein die Negation nicht kennt und sie aber logisch-mathematisch
einrechnen kann290, erkennt es auf der basalen Ebene der Traumzeit keinen Unterschied zwischen
Realität und Fiktion. Performative Inszenierungen, die Bewusstseinszustände thematisieren und
auch erzeugen291, wirken direkt auf die Traumzeit des Bewusstseins und beeinflussen die
Strukturierung der Gestalten und Formen der Träume.
IV.11. Liebe als Evidenzkriterium der Persönlichkeitsentwicklung
Das Kind spricht deshalb auf Liebesriten in besonderer Weise an, da es zu Abstraktionsleistungen
287
Ein Beispiel dafür wäre die Entscheidung eines Zugreisenden, die Mitte des Zuges aufzusuchen, weil dort,
statistisch gesehen, der sicherste Platz im Falle eines Unglückes wäre. Frisch (1992) thematisiert diese Art von
Weltsicht in seinem „Homo Faber“.
288
Jaynes (1993) stellte mit dem Konzept der „bikameralen Psyche“ eine weitere dynamistische Theorie des
Bewusstseins auf. Demnach mussten die Menschen ihre Subjektivität erst lernen, da sie Teile ihres internalen
Dialoges als göttliche Eingebungen interpretierten, als „objektiv“. Entsprechend weist Jaynes dem Bewusstsein drei
Attribute zu: die Fähigkeit zu Narratisation, zu glaubwürdigen und fragwürdigen Erzählungen (und auf dieser Ebene
erklärt er das Problem der bikameralen Psyche), zur Konzentration im Sinne wahrnehmender Aufmerksamkeit
(Rezeption) und zur Consilience, von assimilierender bzw. integrierender Aufmerksamkeit (Perzeption). Siehe auch
Artikel Julian Jaynes. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. Januar 2008, 21:58 UTC. URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Julian_Jaynes&oldid=40954044 (Abgerufen: 1. Februar 2008, 15:57
UTC).
289
Gebser 1986, 234ff. und 379ff.. Dies ist zumindest teilweise von Piaget und sogar Freud gedeckt. Interessant
ist, dass Gebser das dem mentalen Bewusstsein folgende integrale Bewusstsein als Rekonkretisierung abstrakter
Inhalte darstellt. Dem liegt zugrunde, dass Abstraktionen stets Annahmen enthalten, die (mentale) Beweisführungen
nach sich ziehen. Integrales Bewusstsein besteht somit in der steten Suche nach empirischen Befunden durch die
Wahrnehmung selbst. Die Evidenz des integralen Bewusstseins besteht darin, dass Abstraktionen nicht bewusst
gebildet (der großen evolutionären Errungenschaft des mentalen Bewusstseins), sondern bewusst identifiziert und an
der Wirklichkeit gemessen werden.
290
Wittgenstein 1984 versucht dies in seinen Tagebüchern 1914-16. Im weiteren Sinne kann auch der Tractatus
als ein sprachphilosophisch elaborierter Versuch über das Wesen der Negation verstanden werden.
291
wie z.B. von Grotowski, 2006, 142, „für ein armes Theater“, gefordert: „Der Schauspieler muß jene
Widerstände und Hindernisse entdecken, die ihn in seiner schöpferischen Aufgabe behindern. (...) Durch eine
Anpassung der Übungen an die jeweilige Persönlichkeit muß eine Lösung zur Beseitigung dieser Hindernisse
gefunden werden, die sich von Schauspieler zu Schauspieler unterscheiden. (...) Die meisten [Übungen] wurden
mehr auf Kontaktsuche hin orientiert: das Empfangen äußerlicher Stimuli und die Reaktion darauf (das ist der schon
an anderer Stelle erwähnte Prozeß von „geben und nehmen“.)“.
78
wie der Generalisierung von Liebe erst im Verlauf der Ausbildung der logisch-mathematischen
Strukturen gelangen kann und auch das nur, wenn Intensität und Quantifizierbarkeit liebevoller
Erfahrungen oberhalb einer genetisch bestimmten Schwelle liegen. Erst im Erwachsenenalter wird
es möglich, einzelne Erfahrungen repräsentativ zu justieren und so selbst einer insgesamt freudlosen
Kindheit das wenige abzuringen und in emotionale Ressourcen zu verwandeln292.
Krishnamurti geht davon aus, dass sich Spiritualität in Organisationen auflöst und dass die
Wahrheit denjenigen „Jüngern“ abhanden kommt, die einfach folgen. Damit lehnt er auch mehr
oder weniger offen Religionen und die Institutionalisierung des Glaubens ab, die auf Formen von
Autorität und damit des Gebrauches von Macht abstellen. Festzuhalten ist, dass auch die Liebe sich
nicht in festgefügte Formen binden lässt. Sie wächst in Freiheit und nicht in Ketten. Bündnisse wie
die Ehe wären also unter dem Gesichtspunkt des Verständnisses der Eheschließenden zu
überprüfen. Des Weiteren sind Formen sozialer Organisation durch Liebe als Interaktionsmedium
an dem Grad der Freiheit zu messen, den sich die daran Beteiligten zugestehen. Auch die
Sanktionierungsmöglichkeiten bei Verfehlungen lassen sich im Code der Liebe anwenden 293. Liebe
stellt daher Möglichkeiten der Personalisierung von Kommunikation bereit, die sie dadurch
verdichtet und deren Annahme sie damit erleichtert. Das unterscheidet sie von dem Medium Geld,
das gerade auf die Depersonalisierung der Kommunikation abstellt. Das unterscheidet sie von dem
Medium Macht, das auf Unfreiheit aufgrund fehlender Wahlalternativen abstellt 294. Und das
unterscheidet sie von dem Medium Wahrheit, das auf Erleben anstatt auf Handlung abstellt. Liebe
als Interaktionsform ist daher frei, personalisierend und aktiv.
Diese Charakteristika des Mediums qualifizieren es für Eingriffe in die Beziehungen von
292
Erickson (1979, 401) schildert einen Fall, in dem er eine Patientin hypnotisch eine Vertrauensperson (den
„Februarmann“) erleben/imaginieren lässt, die die Kindheit der Patientin liebevoll begleitet. Dies stellt den
umgekehrten Fall dar, der zeigt, dass es auch möglich ist, emotionale Ressourcen aus der Gegenwart (das
Vertrauensverhältnis der Patientin zu ihrem Therapeuten) in die persönliche Geschichte einzubringen und damit die
Vergangenheit nachträglich zu verändern. Das zeigt ein weiteres Mal die neuronale Kodierung und kommunikative
Erreichbarkeit persönlicher Erfahrungen.
293
Hellinger 2000 und 2006, 54, empfiehlt einen Ausgleich, einem Täter (z.B. bei einem Seitensprung) nicht in
der vollen Härte das gleiche wiederfahren zu lassen, sondern etwas milder. Das bildet demnach eine gute Grundlage
für die Wiederherstellung einer Ordnung in Liebe.
294
Ein Sonderfall ist die Definition von Politik als „Nächstenliebe an die Welt“, von Johannes Rau in Anlehnung
an Hannah Arendt, „Politik ist angewandte Liebe zum Leben.“. Dabei geht es um eine generalisierte Form von
Liebe, das sich auf die Passage der Bergpredigt über Nächstenliebe bezieht. Es ist ein großes Thema des Neuen
Testamentes, den Sprung individuell gerichteter Liebe prinzipiell zu generalisieren. Das schlägt sich z.B. in dem
Anspruch nieder, die Feinde zu lieben. Das bedeutet, ihnen Motive und Befindlichkeiten zu unterstellen, die sich
von den eigenen nicht notwendigerweise unterscheiden. Der Musiker Sting fasste diese Erkenntnis zu Zeiten des
Kalten Krieges in der Phrase, „The Russians love their children, too.“ zusammen. Gut und Böse löst sich dadurch in
edle und niedere Motive auf, deren Differenzierung die Grundlage jeder Moral bildet. Jesus empfiehlt nun, diese
Erkenntnis des Menschseins des jeweils anderen in das eigene Handeln einzurechnen. Levinas (1987) entwickelt auf
der Grundlage einer Philosophie des Unendlichen im Anderen eine Moral, die eben das zum Gegenstand hat und
insofern von der sozialen Interaktion her bestimmt wird und somit zur Konzeption eines personalierenden,
generalisierten Interaktionsmediums passt. Maurice Blanchot übernahm diesen Ansatz in seine Dichtung.
79
Bewusstsein und Kommunikation. Personale Integrität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die
eigenen Bezüge ein Handeln in Liebe und Hingabe erlauben. Sie muss daher hinreichend
ausdifferenziert und reflexiv sein. Dies stützt sich auf die Unterscheidung von Motiven und
Techniken/Pragmatik/Taktik, so dass ein Feedback nicht den Kanal stört und ohne Ansehung der
Person geäußert werden kann. Diesbezüglich ist auf die Konfliktforschung hinzuweisen, die mit
Brun295 davon ausgeht, dass die Erscheinung von Streit Anzeichen für Frieden ist. Die Entwicklung
einer Streitkultur ist somit ein Stabilisator des Friedens aufgrund einer immer vorhandenen
Diversität von Meinungen. Ein eskalierender Konflikt äußert sich im umgekehrten Fall in einer
zunehmenden Wortlosigkeit (kalter Konflikt)296 oder eruptiven und ungesteuerten Ausbrüchen
(heißer Konflikt).
Rapoport297 hat in seinen Konflikt- und Kooperationsforschungen die Möglichkeiten der
Generalisierung im Kode Liebe zur Konfliktlösung gesehen. So empfiehlt er, Partei A den
Standpunkt der Partei B so vollständig erklären zu lassen, bis Partei B dem voll zustimmt und
umgekehrt. Insofern steckt in den Begriffen Achtsamkeit und Nächstenliebe auf allgemeiner Ebene
ein Anspruch, den generalisierten Anderen mindestens soweit in seinen Motiven zu verstehen, dass
er sich verstanden fühlt. Das kann bisweilen skurrile Formen annehmen298.
Ein weiterer Aspekt personaler Integrität kann es sein, personale Annahme und Respekt in einer
Weise zu kommunizieren, das gezielte Grenzüberschreitungen erlaubt, um Prozesse personaler
Transformation anzustoßen299, ohne dass diese zu Verletzungen oder unkontrollierten
Verstimmungen führen, sondern im Gegenteil dem personalen System neue Wahlmöglichkeiten
bewusst machen. Gemäß von Foersters ethischem Imperativ 300 stellt das ein Ziel nicht nur in der
Therapie, sondern überdies unter der Annahme ethischer Kriterien im alltäglichen Leben und
natürlich erst recht unter der Voraussetzung eindeutig definierter Kriterien in der wissenschaftlichen
Arbeit dar. In diesem Kontext ist Liebe nicht nur ein ökologisch erfolgreiches Interaktionsmedium,
sondern auch als Evidenzkriterium einer Äquilibration personaler Transformationen von hohem
295
http://youtube.com/watch?v=FcnurB40uWI (15.02.08).
296
„Cold silence has a tendency to atrophy any sense of compassion.“ (Tool, „Schism“) Zur Unterscheidung von
kalt und heiß Meynig 2003, 6 nach Thiel und Widder 2003, 75.
297
Artikel Anatol Rapoport. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. August 2007, 12:37
UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Anatol_Rapoport&oldid=36095980 (Abgerufen: 15. Februar
2008, 00:43 UTC).
298
Wie der Präsidentenberater und Altnazi Dr. Strangelove in Kubricks „Dr. Seltsam oder als ich lernte, die
Bombe zu lieben“.
299
Wie in der provokativen Therapie Frank Farrellys (http://youtube.com/watch?v=kfOxS6pCObk „History of
Provocative Therapy“ 20.11.07) und auch Farrelly 1986, 43ff.
300
„Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“. Artikel Ethischer Imperativ. In:
Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Juli 2007, 04:12 UTC. URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ethischer_Imperativ&oldid=34726622 (Abgerufen: 30. Januar 2008,
21:02 UTC).
80
Potential. Dasjenige, was die Fähigkeit oder die Bedingungen zum Lieben erweitert und
verstärkt301, kann hernach als Erfolg bewertet werden. Darunter fällt natürlich auch Wahlfreiheit als
Bedingung der Möglichkeit von Liebe.
Liebe als Form sozialer Organisation bedeutet also, die Befindlichkeit des Generalisierten
Anderen302 als Ausrichtungspunkt eigenen Handelns zu bestimmen. Ein anderer Begriff dafür wäre
– Achtsamkeit. Dies gilt auch dann, wenn bei Differenzen der eigene Standpunkt als richtig
befunden und vertreten wird.
Wut, Furcht, Freude usw. sind demgegenüber Expressiva des Emotionierens und keineswegs dessen
pathologische Ausprägungen. Sie setzen das Emotionieren fort und gewährleisten navigatorische
Korrektheit auch in kontextuellen Schieflagen.
V. Deduktion
V.1. Konsequenzen und Anwendungen
V.1.1. Das Nicht-Tun der Kommunikation
Das Nicht-Tun ist ursprünglich ein Begriff aus dem Daoismus („Wu wei“303) und des ZenBuddhismus und bezeichnet Techniken, in der das Bewusstsein von der Fokussierung auf das
Verfolgen von Zwecken gelöst wird. Das Nicht-Tun wird ganz allgemein zur Auflösung von
Gewohnheiten eingesetzt. Die besten Beispiele dafür bilden die sogenannten Koans,
Meditationssätze304, die Paradoxien enthalten und damit das logische Denken sprengen. In anderen
Traditionen wird das Kreieren von Widersprüchen als solches zum Nicht-Tun. Auch in der
therapeutischen Praxis kommen sogenannte Double-Binds305 zur Anwendung. Diese ist natürlich
von
pathologischen
Erscheinungen
unreflektierten
Gebrauchs
zu
trennen.
Ob
derlei
Kommunikationen massive Störungen wie Schizophrenie auslösen und manifestieren können, gilt
als unbewiesen306. Dass die Form als solcher den Kommunikationsverlauf sabotiert, lässt sich aber
nicht von der Hand weisen. Das von Bateson etablierte Lernen III bezieht sich auf ein Lernen der
Änderung einer Auswahl von Alternativen. Diese Definition deckt sich mit der von Lernen II307.
Genaugenommen müsste es sich also um eine Veränderung der Kriterien für eine Veränderung
301
Fromm (1984, 17): „Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz“.
302
Mead 1987, 295 ff.
303
Watts 2002, 44.
304
Watts (2002, 26), spricht von „Meditationsproblemen“.
305
Bateson (1984, 301), Erickson (1979, 39-44, 1976, 27-83) und natürlich auch Watzlawick (1969, 194-203).
306
In der Psychologie wird gegenwärtig nicht mehr davon ausgegangen. Schizophrenie wird in der Regel als eine
genetisch bedingte Stoffwechselkrankheit betrachtet.
307
Bateson (1984, 378).
81
einer Auswahl von Alternativen handeln. Dies könnten Veränderungen sein, die nicht nur auf
Veränderungen des Verhaltens und der personalen Zuschreibungen durchschlagen, sondern auch
die Prägungen der Identität einbeziehen und somit die ganze Persönlichkeit einer Entwicklung
aussetzen, die sie selbst übersteigt. Dies ist überhaupt nur denkbar durch die Lösung von der
Annahme, die Identität sei der Kern von lebenden Wesen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Identität
ist
integraler
Bestandteil
eines
kontingent
verfahrenden
Bewusstseinsprozesses
als
Kommunikationsgenerator. Seelenkonzepte lassen sich aus dieser Sicht nicht mehr halten, solange
sie sich selbst voraussetzen. Ersetzen lässt sich diese Annahme durch die symbiotische und
intentional gesteuerte Reziprozität des Bewusstseins und der Kommunikation. Kriterien für eine
Veränderung der Auswahl von einer Menge von Alternativen lassen sich nur intrinsisch motiviert
erfolgreich reformulieren. Bedürfnisse als Kriterien des Veränderns von Alternativmengen (Lernen
II) sind im Prinzip selbst alternativlos308. Mögliche Kompatibilitätsprobleme dieser aus
Bedürfnissen gewonnenen Kriterien lassen sich aber nur unter Bezugnahme auf einen noch höheren
kognitiv-emotionalen Abstraktionsgrad lösen. Die Forderung der Ideologien nach oder die
Annahme der Religionen von einer geistigen Entwicklung des Menschen trägt dem Umstand
Rechnung, dass im Lernen II Widersprüche generiert werden, die im gesamten gesellschaftlichen
Kommunikationsnetz auftreten und die sich nur durch Lernen III lösen lassen. Denn es kann nicht
nur darum gehen, sich über die eigenen Ziele klar (Flow) und den generalisierten Anderen
verstehen gewillt zu sein309. Vielmehr entstehen wirkliche Führungsqualitäten in der Annahme sich
gegenseitig
ausschließender
Standpunkte
bzw.
der
aus
ihrer
Spannung
gewonnenen
Integrationskraft310.
Gewohnheiten und Kommunikation lassen sich nicht sauber voneinander trennen 311. Besser eignen
sich auch in diesem Fall Assimilations- und Akkomodationsschemata als Koordinaten der
Beschreibung von Aktivitäten des Nicht-Tuns. Dadurch wird eine exakte Beschreibung der
Parameter des Nicht-Tuns im Hinblick auf die Generierung des Bewusstseins als Bedingung der
Möglichkeit -und nicht als Folge- von Identität ermöglicht. Es ist dieser sich selbst bestätigende
Trugschluss des Bewusstseins, Identität ermögliche Bewusstsein als Folge der Unterscheidung von
308
Darauf stellt auch Maslow (1991, 62ff.) mit dem Modell einer Bedürfnispyramide (von den „grundlegenden“,
physiologischen bis hin zu höheren (66ff.) wie Lieben und Selbstverwirklichung) ab.
309
Dazu Emmanuel Levinas (1987), der die Bedeutung des Anderen als einem letztlich irreduziblen, unendlichen
(„nontrivialem“ -v.Foerster) Gegenüber in und für die jeweils eigene Wirklichkeitskonstitution untersucht.
310
Ein Beispiel dafür bildet die von Buckminster Fuller und Applewhite (1997, 700.00) kreierten TensegrityArchitekur. Tensegrity ist ein Kunstwort, das sich aus Tension (Spannung) und Integrity (Integrität) zusammensetzt.
311
Watzlawick (1969) setzt Verhalten und Kommunikation praktisch gleich. Luhmann und Maturana, obwohl
von entwicklungspsychologischen Annahmen über die Genese von Kommunikation als Verhaltenskoordinationen
informiert, trennen dennoch beides voneinander. Bei Maturana führt das zur Beobachtung von Koordinationen
zweiter Ordnung, bei Luhmann zur Distinktion von Inhalt und Mitteilung.
82
System- und Umweltreferenz, die in das durch sie Unterschiedene zurückkehrt312, von dem die
menschliche Existenz die Möglichkeit ihrer Selbstreflektion bezieht.
Nicht-Tun auf der Assimilationsebene bezieht sich auf all diejenigen Schemata, die die
Zusammenfügung der Systemelemente verändern, d.h. Akkomodationen bewirken. Die erzeugten
Akkomodationen können zwar durch einen Beobachter als kontingent gesetzt werden, sind aber
auch immer durch die sie bedingenden Adaptationsstrukturen als Voraussetzung ihrer Möglichkeit
determiniert. Wie eingangs313 gesagt stellt der stete Wandel die Essenz allen Lebens dar. Aus dieser
Sicht ist somit die Evolution nicht nur das Lebensprinzip, sondern auch Wesen und Gegenstand
ihrer Selbstschau314. Dieser Gedanke lässt sich am besten mit der Polykontextualitätstheorie
Gotthard Günthers erklären: dieser Theorie legt er die Vorstellung zugrunde, dass sich kausale
Determinanten der Welt im Individuum brechen und Subjektivität als eine vermittelte
Rückkopplungsschlaufe der Welt zu bewerten ist, die aber gegenüber physiologischen Vorgängen
ungleich komplexer ausfällt315.
Bezogen auf die dem Nicht-Tun zugrundeliegende Intention bedeutet das, dass es immer die
Ereignisse und Erfahrungen sind, die den eigenen Konzepten widersprechen, sie sabotieren 316, die
ein Fenster öffnen auf das Phänomen des Lebens. So kann unkonventionelles Verhalten
gewohnheitsverstärkend wirken oder im Umkehrschluss sogar Konformität erleuchtend, wenn die
Personal- und Identitätskonzeptionen entsprechend gebaut sind317.
312
So geschildert von Luhmann (1998, 58) bezogen auf das Formen-Kalkül Spencer-Browns in Anwendung auf
die systemtheoretische Darstellung von Kommunikation und Bewusstsein.
313
Siehe Kap. II.
314
Es handelt sich um einen Reflexionsstil, der die Reduktion durch jede Aktualisierung neu entstehender
Komplexität erkannt hat und in dem von Gennepschen Sinne Zeitpunkte für Handlungen wie im/als Ritus vorgibt.
Daraus ergibt sich Flexibilität, sich verändernde Umstände kognitiv einzurechnen und Handlungsprämissen auf
struktureller Ebene zu modifizieren. Wenn im Gegenschluss Struktur und Intention gleichgesetzt werden, kommt es
zu Doppelmoral und pathologischen Verfestigungen, die von den Umständen überholt werden. Luhmann hat dies als
Schwäche in der Soziologie von Talcott Parsons erkannt und auf Parsons Strukturfunktionalismus mit der Prägung
eines Funktionsstrukturalismus reagiert (Luhmann 2005). Zu dem Code „progressiv“ vs. „konservativ“ siehe auch
Luhmann (1991, 267-87). Es ist interessant, dass gerade die USA mit ihrem geflügelten Wort von den
„unbegrenzten Möglichkeiten“ eine gesellschaftliche Beweglichkeit aufweisen wie die katholische Kirche in ihren
besten Zeiten. Möglicherweise stellt gerade diese gesamtgesellschaftliche Verhaftung, die nicht mit Stabilität
verwechselt werden sollte, einen Faktor der Erkennung des eigenen Handlungsspielraumes dar.
315
Fuchs 1992, 37 beschreibt diese Komplexität, die Günther (und vor ihm Schopenhauer) als Wille bezeichnet,
im Rückgriff auf Luhmann als „Notwendigkeit des Durchhaltens einer nur selektiven Verknüpfung der Elemente“
und weist darauf hin: „Wie rigide nämlich das Selektionsmuster sein muß oder sein kann, hängt von den
Funktionskomponenten der verknüpften Elemente ab. Diese infrasystemischen, subelementaren Komponenten
haben ihre eigene Komplexität, deren zusammenschließende Reduktionen Formen ergeben, die einerseits die
Verknüpfungsfähigkeit der Elemente limitieren, andererseits eben diese Fähigkeit generieren.“. Dies deckt sich auch
mit den Ausführungen in Kap. IV.6..
316
„Life is what happens while you are busy making other plans.“ John Lennon.
317
Diesbezüglich spricht Wilson (1993, 82) von Realitätstunneln und rät dazu, die Tunnelwände anderer
Realitäten kennenzulernen, z.B. durch Lektüre von Zeitungen verschiedener politischer Ausrichtung usw.. Noch
weiter geht der Psychologe Timothy Leary (2006): er schlägt vor, sich unter dem Gebrauch psychedelischer Drogen
bzw. Kontemplationstechniken in verschiedene Kulturen einzuarbeiten, also in ihre Medien, Religion, Politik,
Wissenschaft, usw. Die Ethnologie erfüllt in ihrer Methodik der teilnehmenden Beobachtung ebenfalls den Bedarf
83
Ziel der Meditation ist es, die transzendente Seite des Seienden zu erreichen. Über diese lässt sich
tatsächlich und buchstäblich - wie in der Wittgensteinschen Formulierung - nur schweigen. Die
Problematik dessen wird zudem auch schon im Gedanken 6.4311 ausgedrückt: demnach sei unser
Leben ebenso endlos wie unser Gesichtsfeld grenzenlos. Krishnamurti beschreibt es als Verlangen
und dem darauf beruhenden Denken, das der Gegenwart stets hinterherhängt. Wird das Verlangen
als Ursache des Denkens ganz losgelassen, dann richten sich die erst dadurch möglichen echten
Handlungen auf immanente Kriterien, die nicht von Wissen und Erfahrung im herkömmlichen
Sinne bestimmt werden, sondern von der Gegenwart und den Korrelationen aller das System
irritierenden Bedingungen318. Handlungen werden spontan, einfach319 und intuitiv. Herrigel spricht
in
diesem
Zusammenhang von einer sogenannten Prajna-Intuition. „Prajna kann
als
„transzendentale Weisheit“ bezeichnet werden. (...) [Prajna] ist eine Intuition, die sofort die
Totalität und Individualität aller Dinge erfasst. Es ist eine Intuition, die ohne irgendwelche
Meditation erkennt, dass Zero unendlich ist (-) und Unendlichkeit Zero ist (-); und dies ist nicht
symbolisch und mathematisch gemeint, sondern ist eine unmittelbar wahrnehmbare Erfahrung.“
Und weiter: „Satori ist deshalb, psychologisch gesprochen, ein Jenseits der Grenzen des Ichs.
Logisch betrachtet ist es Einblick in die Synthese von Bejahung und Verneinung, metaphysisch
gesprochen intuitives Erfassen, dass das Sein Werden und das Werden Sein ist.“ (Herrigel 1964, 8).
Handlungen dieser Qualität vollziehen sich in vollständiger Harmonie mit der Umwelt. Sie
vollziehen sich ohne persönliche Einmischung. Personen als Adressaten, Imaginierende und
Erwartungverflechtende werden als Konstruktionen transparent und obsolet. Handlungen auf dieser
Ebene finden ohne Einmischung des Selbst statt. Körper und Geist bilden eine Einheit und ein
Medium für dasjenige, das den Körper lebt, den Traum, der das Leben und die Welt träumt. Das
Selbst wird als eine komplexe Empfindung erlebt, die sich als prä- oder postverbale Eigenschaft der
neuronalen Funktionstätigkeiten nicht beschreiben lässt.
Wesentliches Kriterium der Bewertung von Anwendungen des Nicht-Tuns sind also die
kommunikativen Zusammenhänge, innerhalb derer sie verwendet werden. Ein Beobachter kann
diese anhand der Wirkungen, die diese Anwendungen auslösen oder verstärken, bestimmen.
V.2. Intuition und Vernunft
Die Intuition lässt sich in doppelter Hinsicht abgrenzen: zum Einen gegenüber dem Instinkt und
einer Erweiterung der Auswahl von Erkenntnisstrukturen. Prägnant formuliert es auch der Musiker Heinz Rudolf
Kunze: „Wäre ich ein Redner, dann wählte ich das Schweigen, wäre ich ein Heiliger, dann wählte ich die Welt.“
(Kunze, „Der schwere Mut“).
318
Genaueres siehe Kap. V.4.2..
319
Baso Matsu sagt in einem Zitat von Herrigel (1964, 9): „Zen ist „das tägliche Bewusstsein“ (...). Dieses
„tägliche Bewusstsein“ ist nichts anderes als „schlafen, wenn man müde ist, essen, wenn man hungert.“.
84
zum Anderen gegenüber der Vernunft. In der Alltagsbedeutung stehen Instinkt und Intuition als
rational unbegründete, aber im Hinblick auf Zwecke und Ziele durchaus erfolgreiche
Handlungsfaktoren der „Doppelgottheit“ (Luhmann 1998, 22) der Aufklärung, Vernunft und Kritik,
auf Grundlage einer sprachlich eingefassten Logik gegenüber. Der Instinkt wird dabei mit den
rudimentären und die Intuition mit den höheren kognitiven Funktionen bzw. jüngeren
Gehirnarrealen in Verbindung gebracht. Die atztekische Mythologie liefert das Bild einer
gefiederten Schlange, Quetzalcoatl320. Sie steht metaphorisch für die Einheit zweier Prinzipien. Die
Fortbewegung am Boden (Schlange) wird ergänzt durch die Möglichkeit zum Fliegen (Federn).
Dies kann als Analogie zum intuitiven und Instinktwissen verstanden werden. Die phylogenetische
Herkunft des Menschen bleibt in der Funktion der älteren Gehirnregionen erhalten. Diese erkennen
instinktiv, nicht rational oder intuitiv. Dieses Wissen erweist sich jedoch als nicht weniger valide in
Bezug auf die ihm gestellten Aufgaben. Das intuitive Wissen erwächst aus den jüngeren
Gehirnregionen. Beide Erkenntnisformen generieren unterschiedliche Sorten von Wissen, deren
Einheit und wechselseitige Integration Voraussetzung einer Äquilibration, eines mentalen und
physischen Gleichgewichtszustandes, bilden. Intrinsische Motivation lässt sich nur durch eine
solche Ausbalancierung erreichen. Selbstbestimmung setzt eigenständiges Handeln, Reflektion und
emotionale Selbstresonanz voraus. Ist eine der Instanzen Ratio, Intuitio oder Instinkt den anderen
gänzlich untergeordnet, bedeutet das eine Erblindung gegenüber möglichem Wissen. Dies kann
durch Vertrauen (z.B. in Autorität, Reputation, Institutionen, persönliche Beziehungen)321
abgefedert werden. Doch damit wird auch ein Stück Kontrolle, Urteilskraft und mögliche Freiheit
aufgegeben, umso ausgeprägter, je weiter der Vollzug der wechselseitigen Integration von Intellekt,
Vernunft und Instinkt.
Auch Bergson schreibt über ein elán vital, einer Art Lebensenergie ähnlich dem Orgon 322 von
Wilhelm Reich, das sich auf intuitive statt rationale Erkenntnis bezieht.
320
León-Portilla 1969 und Artikel Quetzalcoatl. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 20.
Januar 2008, 14:31 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Quetzalcoatl&oldid=41420184
(Abgerufen: 30. Januar 2008, 21:41 UTC).
321
Bei Luhmann (2000b) verlängert sich die Liste um Vertrauen in Vertrauen (85), Vertrauen in Misstrauen (92)
usw. Vertrauen ist demnach ein integraler Mechanismus der Reduktion von Komplexität, und dies gilt sowohl auf
inter- als auch auf intrapersonalen Ebenen. „Vertrauen“ als Lösung des Problems von Informationsasymmetrien ist
auch Gegenstandsbereich der Neuen Institutionenökonomik (Neus 2003, 530). Die Principal-Agent-Theory stellt
einige Möglichkeiten zur Überbrückung von Informationsasymmetrien zwischen Verantwortlichem (Principal) und
dem Verantwortendem (Agent) bereit, z.B. Signaling, das Anzeigen von Vertrauenswürdigkeit seitens des Agenten,
Screening, die Bildung eines Urteiles seitens des Principals und Self-Selection als vom Principal getroffene
Auswahl und vom Agent ausgewähltes (vertragliches) Verhältnis.
322
Die sogenannte „primordiale kosmische Energie“. Weitere Begriffe sind Qi (aus der Traditionellen
Chinesischen Medizin), Prana (hinduistische Mythologie), Mana (King 1993, 107. Zum Begriff des Mana in
Abgrenzung zur und Definition von Macht vgl. von der Leeuw 1956), élan vital (Bergson) usw..
85
V.3. Emotion und Verstand
Geistesfunktionen wie Intuition und Vernunft beruhen auf wesentlich basaleren Prozessen des
zentralen Nervensystems. Maturana spricht in diesem Zusammenhang vom „Emotionieren“ und
„Konversieren“323.
Das
Konversieren
folgt
dabei
der
Faktoren
internalisierenden
und
externalisierenden, isolierenden und zusammenfassenden Logik, die ihre synthetisierten Elemente
im Alltagsverhalten nicht benennt, von denen sie ausgeht. Das Emotionieren kanalisiert die
psychischen Energien324 und selektiert die kognitiv erreichbaren Fokussierungshorizonte. Damit
bilden die Emotionen auch die Grundlage für Entscheidungen. Entscheidungshandeln auf
Konversationen zurückzuführen, also das gemeinhin als „Rationalisieren“ Bezeichnete, bedeutet
somit nichts anderes als Ursachen mit Wirkungen zu verwechseln und sich der eigenen Wurzeln zu
berauben325. Der Emotivismus geht darin sogar noch weiter. Demnach basieren alle Werturteile auf
Emotionen und sind darauf angelegt, wieder spezifische Emotionen auszulösen. Insofern sind auch
Konversierungen (Maturana) bzw. Konversationen immer latent emotional, auch wenn sie sachlich
ausfallen sollten. Denn Sachlichkeit ist vom Emotivismus her als Kommunikationsstil angelegt, der
auf einer emotional getroffenen Entscheidung mit der Absicht basiert, eine bestimmte Form von
Resonanz hervorzurufen.
Allerdings fallen Assimilierungen in den Bereich des Konversierens, das somit einen notwendigen
und wesentlichen Teil
der adaptiven Kognitionsfunktion,
der Kommunikation, bildet.
Demgegenüber bestimmen die Emotionen darüber, in welcher Weise und Ausrichtung die
Aktualisierung der kognitiven Elemente, also Themen und Wahrnehmungen, organisiert werden
(Akkomodation). Die Internalisierung der Welt, die Bildung und Integration von Erfahrungen
erfolgt daher emotional, d.h. in der Klärung und dem Umgang mit den Emotionen, die Ereignisse
mit sich bringen und nach sich ziehen. Dies aktualisiert die Qualität der sich anschließenden
Konversierungen, die wiederum Elemente (Themen, Wahrnehmungen) berücksichtigen oder
ausschließen. Dissoziationsprozesse bestehen in der Lösung von Ereignisspuren von den sie
begleitenden Emotionen. Dies verändert Erinnerungsvorgänge, die meistens von der Stabilität der
mit den Ereignissen verbundenen Emotionen ausgehen. Da Emotionen als Brücke konstant gehalten
323
Maturana (1994a, 30ff.). Emotionieren geht dabei auf Emotion, konversieren auf Konversation zurück.
Watzlawick hat sicher an dem Begriff des Konversierens Freude gehabt, geht er doch von der Entstehung aller
Wahrheit und Wirklichkeit im Gespräch aus (1974, 243/244), welches er als allgemeines Konzept für die
therapeutische Praxis empfiehlt.
324
„Energy flows where attention goes“ (King 1993, 215) umschreibt das Wirkungsprinzip dieses Emotionierens.
325
Ehrlichkeit in Selbstreflektionen besteht also nicht im bloßen Nachdenken über Handlungsgründe oder der
Einschätzung von Zweck-Mittel-Aufwendungen, was den Gegenstand der Ökonomie bildet, sondern auch und vor
allem Klarheit gegenüber den eigenen Werten. Dies ist die Grundlage einer geistigen Ökologie (Bateson), der dann
die ökonomischen Abwägungen zu folgen haben. Auch hier führt die Umkehrung des Verhältnisses auf der
ökonomischen Ebene zur Beschädigung von Besitz (denn was anderes besitze ich als Werte?) und auf der
ökologischen Ebene zu einem Verlust des Gleichgewichtes.
86
werden,
verändert
sich proportional
zur
Stärke der Empfindungen
die Schärfe der
Ereignisbeobachtung bzw. -erinnerung. Durch Dissoziierung verändern sich aber die Emotionen
selbst. Die Theory of Mind326 geht diesbezüglich von einer Metakognition als Fähigkeit, sich in
Anderes hineinzuversetzen (z.B. Personen, Ereignisse, Sachen, Umstände) aus, die Selbstreflexion,
also das Denken über das Denken ermöglicht. Sogenannte Spiegelneurone feuern in der gleichen
Weise, wenn andere bei Handlungen beobachtet werden, wie wenn es die eigenen Handlungen
wären. Dadurch bilden sich Metarepräsentationen, die die Komplexität sich in der (fiktiven und
realen) Umwelt der Person befindlicher anderer Systeme zu berücksichtigen in der Lage sind.
Insofern leistet die Empathie einen wesentlichen Beitrag zur Ausbildung der Kognition. In
Anwendung auf Dissoziationsprozesse entsteht eine Form von Metaemotion, die die Empfindungen
in ihrem Kontext, ihrem situativen Arrangement, erlebt und daher loslassen kann. Das Entstehen
und Vergehen von Ereignissen parallelisiert sich zum ständigen Wechsel der Emotionen, die nicht
mehr responses auf Erlebtes bilden, sondern den Flow des Bewusstseins anzeigen und für einen
Schritt der Entwicklung der Persönlichkeit in Richtung einer Äquilibration stehen. Es räumt ein
mögliches Missverständnis des kausalen Weltbildes aus dem Weg, objektive Ereignisse
verursachten subjektive Emotionen.
Da die Objektivierung der Welt genauso Konstruktionsprozess ist wie subjektive Bezugnahme,
stellt die kausale Aufeinanderbeziehung von Ereignis und Emotion einen Ordnungszusammenhang
her, der auch anders möglich ist.
V.4. Instinkt, Intuition und Emotion
V.4.1. Instinkt
Instinktives Handeln lässt sich auf Prozesse der phylogenetisch älteren Hirnregionen zurückführen.
Es geht hierbei um die Verarbeitung unterschwelliger, also präsynaptischer Ladungen327. Dendriten
rezipieren elektrochemische Ladungen, die nicht synaptisch kodiert, sondern gleich in das Netz der
Kollateralneuronen eingespeist werden. Gleichzeitig kann in Abhängigkeit von der Überschreitung
bzw. Unterschreitung des axiomatischen Schwellenwertes eine reguläre Verarbeitung als Reiz
erfolgen. In dem Fall erreicht die Ladung die kritische Schwelle und überschreitet sie. Der Reiz
wird durch das Axiom weitergeleitet und synaptisch kodiert. Dendriten anderer Nervenzellen
werden durch die chemische Katalysation der Synapsendköpfchen gereizt. Zu dem Zeitpunkt, an
dem die Synapsen den Reiz erstmalig kodieren, findet bereits die Aufwertung des Reizes zur
Information statt. Die Bedeutung der Information ergibt sich nun aus der Wahrscheinlichkeit des
326
327
Dazu Förstl 2006.
Meynig 2005, 13.
87
Eintretens derselbigen bzw. aus der Menge der Einschränkungen, die die Information im Verlauf
ihrer Verarbeitung in den Bau oder die Modifikation einer Repräsentation erfährt328.
Instinktives Handeln speist sich aber genau nicht aus diesem Weg der Funktionsweise des
Nervensystems, sondern über eine Art Ho-Chi-Minh-Pfad des ZNS. Dies ist eine elektrische
Standleitung des Nervensystems. Von Dendriten rezipierte Ladungen können direkt jeden
beliebigen Ort des Nervensystems erreichen und so direkt die rudimentären Arreale stimulieren, die
sofortige, wenngleich unscharfe Verhaltensreaktionen auslösen können. Im Falle von Ahnungen
oder unbestimmten Empfindungen können sich diese Ladungen über ihre elektrische Stimulation
des entsprechenden Gehirnbereichs zur Reizinformation summieren.
V.4.2. Intuition
Aus Sicht der Neurologie macht es kaum Sinn, Intuition und Instinkt zu vergleichen 329. Denn
während der Instinkt auf den älteren stammesgeschichtlichen Ausprägungen und Besonderheiten
des menschlichen Erkenntnis- und Wahrnehmungsapparates beruht, bezieht die Intuition als
neuronaler
Prozessierungsmechanismus
alle
Funktionen
bzw.
Arreale
des
Gehirns/des
Nervensystems ein. Eine Intuition resultiert aus dem reibungslosen Zusammenspiel des gesamten
ZNS samt seiner Instinkte, seines Verstandes und auf Grundlage seiner Vernunft. Die Intuition
impliziert das aus den Instinkten gewonnene Wissen ebenso wie die aus den logischmathematischen Funktionen (Piaget) und den emotiv330 erzeugten Erfahrungen gewonnenen
Erkenntnisse. Sie wird als höhere Funktion nur durch das Funktionieren und Zusammenwirken aller
phylogenetischen „Vorgänger“ ermöglicht. Sie setzt das geistige Gleichgewicht voraus und kann es
sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit projizieren und somit die Voraussetzungen
ihrer eigenen Stabilität schaffen331.
Bergson332 stellt der Intuition den Verstand gegenüber. Das Analysieren des Verstandes versteht er
als eine Sezieroperation, die Begrifflichkeiten im Sinne von Vereinfachungen und kontingenten
328
Meynig 2005, 14 nach Klaus 1969, 269.
329
Die gängige Gegenüberstellung ist natürlich die von Intellekt und Intuition. Als einer der ersten hat Scotus
(2002, 25-27) darüber gearbeitet. So wusste er die abstraktive Begriffsbildung als Arbeit des Intellekts („intellectus
passim agens“) von der holistischen Wahrnehmungsweise von Sachverhalten („intellectus passim possibilis“) als
Tätigkeit der Intuition zu unterscheiden.
330
emotiv - emotionsgeladen; wird hier verwendet, um auf den aktiven Charakter der Emotionen hinzuweisen.
331
Tatsächlich arbeiten Therapien damit, unaufgearbeitete Erfahrungen durch Wiedererleben und Veränderung
des „Plots“ wie auch durch die Manipulation des Zeiterlebens selbst der als geschichtlich begründeten Wahrheit
wirkenden Repräsentation in ihrer emotionalen Bewertung zu befördern (vgl. Andreas/Andreas 1993, 21.).
332
Bergson 1988, 49: „Die Beweise, die zum Nachweis der Relativität unseres Wissens gegeben wurden, werden
also durch einen ursprünglichen Mangel beeinträchtigt: sie setzen, wie der Dogmatismus, den sie bekämpfen,
voraus, daß jedes Wissen notwendigerweise von fest umrissenen Begriffen ausgehen müsse, um mit ihnen die
ablaufende Realität zu erfassen.“
88
Verknüpfungen der Weltkomplexität voraussetzt. Der gängige Intelligenzbegriff stellt demnach auf
diese analytischen Fähigkeien ab. Analyse geht auf Struktur, auf Synchronie. Intuition geht nach
Bergson vom Absoluten aus und ist folglich unscharf und „in Bewegung“ (Bergson 1988, 45).
Begriffe werden verflüssigt und transformiert und verändern dadurch das personale Erleben333.
Beispielhaft schildert er die moderne Mathemaik als einen „Versuch, dem bereits Gemachten das
sich Machende zu substituieren.“ (Bergson 1988, 49).
V.5. Ausblick
Gelungen ist eine Studie dann, wenn sie eher Fragen aufwirft als Antworten liefert und somit
vielmehr ein Bewusstsein der Komplexität ihrer Ausgangsfrage bzw. Aufgabenstellung vermittelt.
Fragen und Suchprozesse sind Antworten evolutionär vorgeordnet. Antworten sind als
Festlegungen und Festschreibungen stärker als Fragen mit Annahmen und Glaubensmustern
verknüpft. Überspitzt gesagt sind Fragen Sache der Wissenschaft und Antworten Sache der
Religionen. Da Fragen in diesem Sinne Bedingungen der Möglichkeit der Erweiterung des
Horizontes darstellen hofft der Autor, mit dieser Studie beim Leser viele neue Fragen aufgeworfen
zu haben oder alte Fragen aus einer anderen Sichtweise ins Bewusstsein zurückgerufen zu haben.
Persönlichkeitsentwicklung kann ohne Fragen und ihr emotionales Äquivalent, der Neugierde, nicht
stattfinden.
Gerade die letzten Kapitel werfen Fragen auf, die in den aktuellen Diskussionen zwischen Naturund Geisteswissenschaftlern nach letztem Stand des Autoren in dieser Weise noch nicht gestellt
wurden. Die Frage ist, wie sich kognitive Erkenntnisformen (Vernunft, Verstand und Intuition)
synthetisieren und kontrollieren lassen können. Mögliche Wege wären ebenso unkonventionell wie
unbequem, solange Nachweis und Förderung intuitiver Erkenntnisformen von den Neuro- und
Kognitionswissenschaften nicht oder nur am Rande thematisiert werden. Wenn Menschen sich nach
ihrem Instinkt oder ihrer Intuition entscheiden, kann das keine Letzterklärung sein. Ein
Handlungsmodell wie das der „Bounded Rationality“ lässt diese irrationalen, weil nicht rationalen,
Faktoren außen vor334. Die meisten Handlungstheorien machen vor Intuition und Instinkt halt.
Insofern ist danach zu fragen, wie sich intuitives Wissen evaluieren lässt und vor allem, in welchen
333
Bergson 1988, 49 „ (...) Er [der Geist] kann sich in die bewegliche Realität versetzen, sich der stetig
wechselnden Richtung anpassen, kurz, sie intuitiv erfassen. Es ist dazu nötig, daß er sich bezwingt, daß er den Sinn
der Operation, durch die er üblicherweise denkt, umkehrt, daß er unablässig seine Kategorien umkehrt oder völlig
umarbeitet. Aber er wird so zu flüssigen Begriffen kommen, die fähig sind, der Realität mit all ihren Windungen zu
folgen und sich der Bewegung des inneren Lebens der Dinge anzupassen.“
334
Im analog verfahrenden Nervensystem des Menschen liegen, wie gezeigt, Intuitionen (zu komplex) oberhalb,
Instinkte (zu basal) unterhalb der Schwelle, an der das Nervensystem Reize digital kodiert und als Informationen
erfährt.
89
Kontexten sie sich bewährt bzw. pragmatisch unabdingbar ist. Denkbar wären in diesem
Zusammenhang Untersuchungen des Verhaltens der Aktienanlieger an Börsen oder das Verhalten
von Menschen in Extremsituationen, z.B. Wildnisaufenthalte fernab von zivilisatorischen
Einflüssen.
Pragmatisch gesehen geht es also letzten Endes darum, die Kriterien für das, was als „Wissen“
gesellschaftlich legitimiert ist, so zu erweitern, dass Erkenntnisformen höherer Hirnfunktionen wie
der Intuition und als Mitteilungsverhalten beobachtbaren averbalen Wissen im wissenschaftlichen
Lehrbetrieb systematisch modifiziert wird.
Von Foerster335 plädiert denn auch dafür, den Wissenschaftsbegriff von „Science“ (lat. Sciencia –
das Wissen) auf „Systemics“ umzustellen. Die Wissenschaft würde damit als eine stringente
(„systematische“) Methode beschrieben, als Möglichkeit der Modulation eines Wissens, das von
jedem Individuum anders konstruiert und repräsentiert wird. Das wäre gewissermaßen ein Wandel
von der Betonung des Gegenstandes und seiner Charakteristika zur Methode der Exploration
kontingenter Sachverhalte. Ein solches Wissenschaftsverständnis ist dann auch in der Lage
auszuhalten, Wissen und daraus abgeleitetes Handeln als etwas zu begreifen, was den Verstand
übersteigen und sich dennoch bewähren kann. Es würde gerade die Geisteswissenschaften
gesellschaftlich erheblich aufwerten, wenn sie eine erfahrungs- und anwendungsorientierte
Ausbildung anbieten kann und das bedeutet hier, die Kognition in ihren Teilaspekten zu fördern336.
Daran schließt sich die Frage an, welche Art oder Qualität von Erfahrungen Menschen dazu bringt,
etwas wie ihre innere Stimme zu entdecken, ihr zu vertauen und auf sie zu hören. Es kann nicht der
Sinn eines Studiums sein, die Schulzeit um einige Jahre zu verlängern. Wichtiger wäre es, die
Kompetenz und Bereitschaft zu erlangen, Verantwortung zu übernehmen, Positionen zu besetzen.
Es wäre auch eine Anerkennung des Umstandes, dass es heute praktisch häufig schon der Fall ist,
dass nicht mehr auf multiple-choice getestetes Wissen abgestellt wird, sondern auf Kompetenz im
Umgang mit Autoritäten, auf die Befähigung, den eigenen Standpunkt zu vertreten, die eigenen
Interessen eigenständig zu verfolgen und sich eigene Ziele zu setzen und zu realisieren.
Wenn Minsky „We have to learn not to learn what we learn.“ 337 fordert, lässt sich das im Anschluss
an Wilber auch als ein „We have to learn to unlearn what we learn“ lesen. Es geht darum, dass
335
Siehe „Das Netz“ - Interview mit Heinz von Foerster.
336
Wilber bemüht in diem Kontext die Unterscheidung von Foersters zwischen den Systemics, also der
Wissenschaft im Sinne von Analysen und Generierungen von Struktur auf der einen und dem erfahrungsorientierten
Lernen, dem „gelebten Leben“ auf der anderen Seite. Es geht insofern darum, eine Balance zwischen beiden
Bereichen herzustellen, Sachkenntnis und -kompetenz auf der einen, (Re-)Organisation von Erfahrungen auf der
anderen Seite.
337
Artikel Marvin Minsky. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. Dezember 2007, 18:20
UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Marvin_Minsky&oldid=40376577 (Abgerufen: 17. Februar
2008, 19:12 UTC).
90
Lernen (als Teil der Persönlichkeitsentwicklung) auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfindet und
Annahmen und Überzeugungen von Zeit zu Zeit aktualisiert zu werden haben, um das sie
verwendende System im Gleichgewicht zu halten. Es geht darum, das generalisierte Wissen in
seinen Kontext zurückzustellen, um sich Offenheit, Unbefangenheit und Neugierde zu erhalten.
V.6. Zusammenfassung
„A plausible argument could be made that evolution is the control of
development by ecology“338.
Persönlichkeitsentwicklung bedeutet Lernen in einem fortwährenden Sozialisationsprozess, das
selektiv und kontextgebunden verfährt. Entwicklung wird durch eine Erweiterung der Wahl- und
Entscheidungsmöglichkeiten beobachtbar. Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung und der sich
daraus ergebenden Erweiterungen von Handlungs- und Erlebensspielräumen sind Wahrheit und
Liebe als Kommunikationsmedien.
VI. Quellenangaben
Die Literaturangaben sind keineswegs repräsentativ und in keiner Weise umfassend. Auf viele der
vorliegenden Quellen ist der Autor bei seiner systematischen Recherche gestoßen, die sich noch um
einiges hätte ausdehnen lassen. In Anlehnung an das von Deleuze und Guattari (1977) beschriebene
Rhizommodell hat der Autor die Quellen im Hinblick auf ihre thematische Relevanz und unter
Einschätzung und Verweis auf ihren Gehalt und ihre mögliche Geltung verwendet. Bei
ausgewählten Quellen findet sich ein Kommentar, der ihren thematischen Bezug nennt.
Literatur:
Adorno, Theodor (1996): „Gesammelte Schriften – Band 5 – Zur Metakritik der Erkenntnistheorie
– Drei Studien zu Hegel“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Aitchison, Jean (1987): „Words in the Mind – An Introduction to the Mental Lexicon“. Blackwell.
Oxford/Cambridge.
338
Van Valen zit durch Gould 1990, 1.
91
Althusser, Louis (1975): „Elemente der Selbstkritik“. VSA. Berlin (West).
Andreas, Connirae/Andreas, Steven (1993): „Gewußt wie - Arbeit mit Submodalitäten und weitere
NLP-Interventionen nach Maß“. Junfermann. Paderborn.
Appiah, Kwame Anthony (2007): „Der Kosmopolit – Philosophie des Weltbürgertums“. Beck.
Appiah geht hier ganz praktisch der Frage nach den Bedingungen kosmopolitischen Bewusstseins
nach, das der Autor in Übereinstimmung mit Appiah als (zunehmend) zeitgemäß betrachtet.
Austin, John L. (2002): „Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words)“. Reclam.
Stuttgart.
Dieses Werk thematisiert allgemeine Sprachmodalitäten und zeigt damit, dass derlei Strukturen
jeder sozialen Realität zugrundeliegen.
Bachelard, Gaston (1978): „Die Philosophie des Nein – Versuch einer Philosophie des neuen
wissenschaftlichen Geistes“. Heymann. Wiesbaden.
Bachelard beherrschte es, nicht nur über den Rand der Philosophie, sondern über den Rand der
Wissenschaften überhaupt zu blicken und Erkenntnisweisen zu beschreiben und erforschen, die
nicht nur wissenschaftliche, sondern auch und vor allem personale Integrität erfordern.
Bachelard, Gaston (1987): „Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes – Beitrag zu einer
Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Bachelard, Gaston (1988): „Der neue wissenschaftliche Geist“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Bachelard, Gaston (1988a): „Die Flamme einer Kerze“. Hanser Verlag. München/Wien.
Bachelard, Gaston (1990): „Psychoanalyse des Feuers“. Fischer. Frankfurt/Main.
Baecker, Dirk (2007): „Sozialisationsagentur Uni“.
http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/sozialisationsagenturuni/?src=SE&cHash=90479540a2 (21.01.08).
92
Baecker plädiert dafür, den Umgang mit Komplexität als Ziel universitärer Schulung stärker und
eindeutiger in den Vordergrund zu rücken.
Balke, Friedrich / Vogl, Joseph (1996): „Gilles Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie“. Fink.
München.
Bateson, Gregory (1981): „Ökologie des Geistes – Anthropologische, psychologische, biologische
und epistemologische Perspektiven“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Das Werk zeigt in exakter interdisziplinärer Arbeit zwischen „lockerem“ und „strengem“ Denken
einen Ansatz, der auf Bezugnahme, Einbindung und Integration augenscheinlich sehr weit
auseinanderliegender Bereiche abzielt.
Bateson, Gregory (1997): „Geist und Natur – Eine notwendige Einheit“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
Bateson, Gregory / Bateson, Mary C. (2002): „Wo Engel zögern – Unterwegs zu einer
Epistemologie des Heiligen“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Beer, Stafford (1963): „Kybernetik und Management“. Fischer. Frankfurt/Main.
Beer zeigt hier, dass erfolgreiche Führung nicht in einer Abkopplung, sondern in bestimmten
Rückkopplungseinrichtungen besteht, die sich nicht auf den eigenen Verantwortungsbereich
beschränken.
Beer, Stafford (1969): „Management – Die Praxis der Unternehmensforschung“. Deutsche
Verlags-Anstalt. Stuttgart.
Benjamin, Walter (1955): „Schriften“. Daraus: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit“. 366-405. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Medien und Techniken, Mitteilungen und Informationen bilden fundamentale Bestandteile
kommunikativer
Kontexte
und
deren
Wandel
verändert
auch
die
Kontexte,
Entwicklungsbedingungen und Möglichkeiten der Persönlichkeit.
Bergen, Ira-Astrid (2000): „Realität in den Geisteswissenschaften: Hermeneutikkritik und
neurobiologisch fundierte Semiotik zur Darstellung und Analyse des mentalen Realitätsaufbaus
93
beim
Lesen
und
Schreiben“.
http://www.sbg.ac.at/hai/publikationen/realitaet_bergen.pdf
(14.11.2004).
Bergen stellt in ihrer Synthese aus semiotischer Theorie nach Peirce und neurobiologischer
Forschung Sprach- und Weltaufbau als intentional erzeugt dar und betont die Wirkungen (und ihre
Unterscheidungsformen) als evidente Wahrheit dieses so allgemeinen wie auch kreativen
Vorganges.
Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas (1969): „Die gesellschaftliche Konstruktion der
Wirklichkeit“. Fischer. Frankfurt/Main.
Wahrheit wird in der von Berger und Luckmann vertretenen Wissenssoziologie zu einer besonderen
Form innerhalb sozialer Konventionen und wirft insofern ein Licht auf Bedingungen und Grenzen
wissenschaftlichen Arbeitens.
Bergson, Henri (1912): „Schöpferische Entwicklung“. Diederichs. Jena.
Bergson, Henri (1928): „Die seelische Energie – Aufsätze und Vorträge“. Diederichs. Jena.
Bergson beschreibt in einem eher intuitiven als streng definiertem Rahmen Modalitäten
unterschiedlicher Erkenntnisformen und -möglichkeiten.
Bergson, Henri (1948): „Denken und schöpferisches Werden“. Westkulturverlag. Meisenheim.
Bergson, Henri (1988): „Einführung in die Metaphysik“. Junghans-Verlag. Cuxhaven.
Bergson, Henri (1989): „Zeit und Freiheit“. Athenaum. Frankfurt/Main.
Borsboom, Ad (1998): „Mythen und Spiritualität der Aborigines“: Diederich. München.
Bourdieu, Pierre (1987): „Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Inkorporationen, Habitualisierung und die wechselseitigen Determinierungen von Habitus und
sozialem Feld als großen Themen dieses Bandes eröffnen eine differenzierte Sicht auf die
Freiheiten und Beschränkungen der Persönlichkeit in ihrem sozialen Kontext.
Brecht, Bertold (2006): „Geschichten vom Herrn Keuner“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
94
Brentano, Franz (1982): „Deskriptive Psychologie“. Meiner Verlag. Hamburg.
Bühl, Walter (1987): „Kulturwandel – Für eine dynamische Kultursoziologie“. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft. Darmstadt.
Kultur als sozialer und auch kommunikativer Kontext beeinflusst in seinen Wandlungsformen
Entwicklungsbedingungen der an ihr partizipierenden Personen als ihrer Träger.
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Die Konstruktion, Verfremdung und Attribuierung von und zu Geschlechtern wirkt auf die
Wahrnehmung des am anderen als anders Wahrgenommenen und bildet ein Kriterium für die
Beobachtung von Persönlichkeitsentwicklung.
Cassirer, Ernst (2001): „Philosophie der symbolischen Formen – Erster Teil – Die Sprache“.
Meiner Verlag. Hamburg.
Castaneda, Carlos (2000): „Der Ring der Kraft – Don Juan in den Städten“. Fischer.
Frankfurt/Main.
Castanedas Lehrer-Schüler-Gespräche brechen die Komplexität einer kommunikativ eingebundenen
Persönlichkeitsentwicklung auf ein literarisch eingängiges Level.
Campbell, Josef (1991): „Die Masken Gottes – Mythologie der Urvölker“. Sphinx. Basel.
Camus, Albert (1992): „Die Pest“. Rowohlt. Hamburg.
Das Verhalten von Personen in Extremsituationen bildet den Stand ihrer Entwicklung deutlich ab,
wie Camus in diesem Roman zeigt.
Canetti, Elias (1976): „Masse und Macht“. Hanser. Regensburg.
Der Umgang mit und die Möglichkeit von Gewalt als Bedingung von Macht fordert eine auf diese
Problematik abstellende Persönlichkeitsentwicklung heraus, da Macht den Selektionshorizont der
Beteiligten verengt und Entwicklung im hier definierten Sinne immer auf eine Erweiterung der
Wahlmöglichkeiten abzielt.
Chomsky, Noam (2002): „Syntactic Structures“. De Gruyter. Berlin.
95
Chomskys Transformationsgrammatik kann neurowissenschaftlich als teilweise widerlegt gelten
und dennoch dadurch Möglichkeiten für sprachlich-induzierte Veränderungen und Entwicklungen
der Persönlichkeit bereitstellen, dass die Grammatik selbst eine Struktur für die Generierung
unbegrenzter Ausdrucksmöglichkeiten und Inhalte und somit der Evidenz personaler Freiheit
darstellt.
Chott, Peter O. (1996): „Schulkonzepte zum „Lehren des Lernenes“ - Analysen zur Grundlegung
und zur Revision von Lehrplänen“. Schuch. Weiden.
Claßen, Norbert (1995): „Das Krebsprinzip – Zivilisation und Krankheit“. Nietsch. Freiburg.
„Sinn“ als Medium von Bewusstsein und Kommunikation zeigt sich in Habitualisierungen und
Inkorporationen und steht somit auch hinter gesellschaftlichen und persönlichen Symptomen und
Krankheiten.
Claßen, Norbert (2002): „Das Wissen der Tolteken – Carlos Castaneda und die Philosophie des
Don Juan“. Nietsch. Freiburg.
Zentral in diesem Sekundärwerk zu Castaneda stehen für eine Persönlichkeitsentwicklung relevante
und förderliche (Re-)Interpretationsmöglichkeiten über den Umgang mit Personen und Situationen.
Cohn, Ruth (2004): „Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion – Von der
Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle“. Klett-Cotta. Stuttgart.
Ruth erkannte die Bedeutung von Irritationen/Störungen für die Entwicklung der Persönlichkeit und
stellt in der von ihr begründeten „Themenzentrierten Interaktion“ deren Integration ins Zentrum.
Csikszentmihalyi, Mihaly (2003): „Flow – Das Geheimnis des Glücks“. Clett-Kotta. Stuttgart.
Die Identität und Einheit von Prozessen und Zuständen ist kommunikativ ebenso eingebunden wie
die Persönlichkeitsentwicklung insgesamt.
Daniel, Ute (2006): „Kompendium Kulturgeschichte – Theorien, Praxis, Schlüsselwörter“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Deleuze, Gilles / Guattari, Felix (1977): „Rhizom“. Merve. Berlin.
Ein erfolgreicher Umgang mit Komplexität besteht nach Deleuze und Guattari in der Demut eines
Lumpensammlers, der nach für sich Verwertbarem sucht und alles andere beiseite lässt.
96
Deligne, Alain (1998): „Eric Weil - Ein zeitgenössischer Philosoph: Einführung in das Werk,
Anthologie von Erstübersetzungen aus dem Französischen nebst Erstveröffentlichung eines
Typoskripts, Bibliographie“. Romanistischer Verlag. Bonn.
Dennett, Daniel (1996): „Kinds of Minds – Toward an Understanding of Consciousness“. Basic
Books, Inc. New York.
Dennett spielt den Ball neurowissenschaftlicher Forschungen zur Erkenntnistätigkeit von
Gehirnregionen und neuronal verknüpfter Konstellationen der konnektivistischen Sichtweise über
die
Beobachtung
und
Beschreibung
unterschiedlicher
Bewusstseinstätigkeiten
und
Erscheinungsformen zurück.
Derks, Lucas (2005): „Social Panoramas – Changing the Unconscious Landscape with NLP and
Psychotherapy“. Crown House Publishing. Carmarthen.
Derrida, Jaques (1986): „Positionen – Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis
Houdebine, Guy Scarpetta“. Böhlau. Graz/Wien.
Derridas „differánce“ als Etablierung von Unterscheidungen, die Unterschiede machen und
Kommunikationen ermöglichen wie limitieren, bildet einen integralen Bestandteil der Untersuchung
von kommunikativen Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung.
De Saussure, Ferdinand (1967): „Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft“ . De Gruyter.
Berlin.
De Saussures Unterscheidung von Lautbild und Bedeutung nimmt sich in einer Theorie des in das
ursprünglich instrumentelle Handeln eingeschobenen Mitteilungsverhaltens in der gleichen Weise
künstlich aus wie das Denken selbst als inversierter Mitteilungsoperationen und leistet einen
grundlegenden Beitrag zur Kategorisierung von Mitteilungen in ihren spezifischen Modalitäten.
Dethlefsen, Thorwald / Dahlke, Rüdiger (1990): „Krankheit als Weg – Deutung und Be-deutung
der Krankheitsbilder“. Bertelsmann. München.
Die personalen Manifestationen von gesellschaftlich angelieferten Sinn-Strukturen als Symptomen
und
Krankheiten
lassen
sich
semantisch
Entwicklungsmöglichkeiten dar.
97
transformieren
und
stellen
somit
Dorffner, Georg (1991): „Konnektionismus – Leitfäden der angewandten Informatik“. Teubner.
Stuttgart.
Der
Konnektionismus
erhebt
nicht
Wahrheiten,
sondern
effizient
operierende
Verknüpfungskonstellationen zum Kriterium erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeitens, das sich
auf personaler Ebene als Kriterium der Evaluierung von Persönlichkeitsveränderungen und entwicklungen einsetzen lässt.
Dsi, Dschuang (1972): „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“. Anaconda. Köln/Düsseldorf.
Durkheim, Emile (1984): „Die Regeln der soziologischen Methode“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Easton, David (1975): „A Re-Assessment of the Concept of Political Support“. In: „British Journal
of Political Science 5“. S.435-453.
Eccles, John C. / Robinson, Daniel N. (1985): „Das Wunder des Menschseins – Geist und Gehirn“.
München. Piper.
Eccles, John C. (1991): „Die Psyche des Menschen – Das Gehrin-Geist-Problem in neurologischer
Sicht“. Piper Verlag. München.
Eccles, John C. (1994): „Wie das Selbst sein Gehirn steuert“. Springer Verlag. Heidelberg.
Erickson, Milton / Rossi, Ernest & Sheila (1976): „Hypnotic Realities – The Induction of Clinical
Hypnosis and Forms of Indirect Suggestion“. Irvington Publishers, Inc.. New York.
Erickson erkannte wie kaum ein anderer Möglichkeiten, den kommunikativen Kontext von
Persönlichkeitsentwicklungen (mit-)zugestalten und wusste um die prinzipiell unbegrenzte
Sensibilisierungsfähigkeit der eigenen Wahrnehmungsfunktion.
Erickson, Milton / Rossi, Ernest (1979): „Hypnotherapy – An Exploratory Casebook“. Irvington
Publishers Inc.. New York.
Escher, M.C. (2006): „Graphik und Zeichnungen“. Taschen. Köln.
Escher veranschaulicht in vielen seiner Werke die Paradoxien, mit denen sich das Bewusstsein
fängt und händelt, um operationsfähig im Sinne der Konstitution und Aktualisierung von Kontexten
98
und Identitäten zu sein.
Esser, Hartmut (1991): „Alltagshandeln und Verstehen – Zum Verhältnis von erklärender und
verstehender Soziologie am Beispiel von Alfred Schütz und ´Rational Choice´“. Mohr (Paul
Siebeck). Tübingen.
Esser zeigt in seinem akteurszentrierten Handlungsmodell den internalisierten Kontext für die
Konstitution von Handlungen auf, wodurch sich der kommunikative Kontext als systeminterne und
systemexterne Umwelt der Persönlichkeit verdoppelt.
Farrelly, Frank (1986): „Provokative Therapie“. Springer. Heidelberg.
Farrelly geht
von
Irritationen und Störungen
(„Provokationen“)
als
Möglichkeit
der
Persönlichkeitsentwicklung aus und zeigt die Bedingungen ihrer Wirksamkeit in kommunikativen
Zusammenhängen auf.
Faulstich-Wieland, Hannelore (2000): „Individuum und Gesellschaft – Sozialisationstheorien und
Sozialisationsforschung“. Oldenbourg. München.
Die Sozialisation umfasst ganz allgemein den kommunikativen Kontext, innerhalb dessen
Entwicklungen (im Sinne von „Mutationen“ bzw. positiven, also beobachtbaren, progressiven
Veränderungen) stattfinden oder auch nicht (im Sinne negativen, konservativen Evoluierens als
Stabilisierung von Kontinuität, als Affirmierung).
Fisher, Roger / Ury, William / Patton, Bruce (1996): „Das Harvard-Konzept – Sachgerecht
verhandeln – erfolgreich verhandeln“. Frankfurt. Campus Verlag.
Die Gleichsetzung von Person und Position erzeugt Identität, die sich kommunikativ zerlegen lässt
und damit die Wahlmöglichkeiten der Interakteure erweitert.
Fleck, Ludwig (2002): „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache –
Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Fleck zeigt, dass Konventionen nicht nur Themen und Tabus vorgeben, sondern auch die
Modalitäten ihrer Behandlung, die fälschlicherweise oftmals als „objektiv“ statt als kontingent
angenommen werden.
Förstl, Hans (2006): „Theory of Mind – Soziologie sittlichen Verhaltens – Neurologie und
Psychologie sozialen Verhaltens“. Springer. Berlin.
99
Die Tätigkeit der Spiegelneuronen für den Aufbau von Metarepräsentationen als Fähigkeit, sich in
Zustände, Dinge, Personen, Geschichten usw. hineinzuversetzen, ermöglicht ein Verstehen, dessen
Tiefe prinzipiell keine Grenzen gesetzt sind.
Foucault, Michel (1994): „Überwachen und Strafen – die Geburt des Gefängnisses“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
Die gesellschaftlichen Disziplinierungstechniken ermöglichen den sozialen Zusammenhalt und
schränken
gleichzeitig
die
personalen
Freiheiten
erheblich
ein,
weshalb
sich
Persönlichkeitsentwicklung stets im Spannungsfeld interner und externer Dispositionen und
Vorgaben vollzieht.
Foucault, Michel (1994a): „Die Ordnung des Diskurses“. Fischer. Frankfurt/Main.
Frisch, Max (1986): „Stiller“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Frischs Figuren veranschaulichen Persönlichkeitsentwicklung im Zuge einer Entfremdung vom
sozialen Kontext und den dadurch induzierten Wirkungen auf deren Identität.
Frisch, Max (1992): „Homo Faber“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Fromm, Erich (1984): „Die Kunst des Liebens“. Ullstein. Stuttgart.
Fromm bringt das Lieben als Tätigkeit im Zuge einer Sinngebung des Lebens ins Spiel und ist ein,
wenn nicht der wichtigste Faktor für den positiven Verlauf einer Persönlichkeitsentwicklung.
Fuchs, Peter (1992): „Die Erreichbarkeit der Gesellschaft – Zur Konstruktion und Imagination
gesellschaftlicher Einheit“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Die internalisierte Gesellschaft auf der einen, die externe Gesellschaft auf der anderen Seite stellen
Schleusen der Anlieferung von Irritationen als Bausteinen der Persönlichkeitsentwicklung dar, die
sich in ihrem Vollzug rückkoppelt und auf diese Weise wiederum die personalen Erwartungen
anderer irritieren kann.
Fuchs, Peter (1998): „Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie – Die Herrschaft der
Verlautbarung und die Erreichbarkeit des Bewusstseins“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Das Bewusstein als Träger und mediales Substrat von Kommunikationsoperationen bildet das ab,
was in der Kommunikation als Persönlichkeit beobachtet wird, nämlich einen dynamischen
100
Verbund aus assoziativ attribuierten Selbst- und Fremdreferenzen.
Fuller, R. Buckminster / Applewhite, E. J.(1997): „Synergetics – Explorations in the Geometry of
Thinking“. Macmillan Publishing Co.Inc. Estate of Buckminster Fuller (Online-Ausgabe).
Persönlichkeitsentwicklungen
lassen
sich
anhand
des
Auftretens
von
Synergie-
und
Ephemerisierungseffekten als ökologisch wirkenden Stabilisierungen beobachten.
Gardner, Howard (1991): „Abschied vom IQ – Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen“.
Klett-Cotta. Stuttgart.
Intelligenz wird von Gardner zu einem multifaktoriell bedingten Konstrukt erklärt, das sich in
vielen Bereichen des Lebens manifestieren kann.
Gebser, Jean (1986): „Ursprung und Gegenwart – 1.Teil: Die Fundamente der aperspektivischen
Welt – Beitrag zu einer Geschichte der Bewußtwerdung“. DTV. München.
Gebser entwirft eine Art paradigmatisches Gesellschaftsmodell und leitet daraus gesellschaftliche
Anschlussmöglichkeiten ab, die das gängige Verständnis von Persönlichkeitsentwicklungen zu
beurteilen und erweitern in der Lage sind.
Gebser, Jean (1986): „Ursprung und Gegenwart – 2.Teil: Die Manifestationen der
aperspektivischen Welt“. DTV. München.
Goffman, Erving (1977): „Rahmen-Analyse – Ein Versuch über die Organisation von
Alltagserfahrungen“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Goffman demonstriert die Eingebundenheit von personalen Systemen in ihrem jeweiligen
kommunikativen Kontext und zeigt Grundlagen eines Programmes der empirischen Analyse von
Wahrnehmung, Kommunikation und Interaktion auf.
Goodman, Nelson (1988): „Tatsache - Fiktion - Voraussage“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Gould, Stephen Jay (1988): „Der falsch vermessene Mensch“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Gould,
Stephen
Jay (1990):
„Ontogeny
and
Cambridge/London.
101
Phylogeny“.
Harvard
University Press.
Gould, Stephen Jay (1994): „Zufall Mensch – Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur“. DTV.
München.
Gould macht klar, dass Evolution Kontingenz und Kausalität Notwendigkeit nach sich zieht und
sich Entwicklungen somit entweder als kontingent oder als verursacht beobachten und darstellen
lassen.
Grof, Stanislav (1991): „Geburt, Tod und Transzendenz – Neue Dimensionen in der Psychologie“.
Rowohlt. Hamburg.
Grof geht davon aus, dass die Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung sowie die Spielräume
ihrer Entfaltung bis vor die Geburt und bis nach dem Tod reichen.
Grotowski, Jerzcy (2006): „Für ein armes Theater“. Alexander. Berlin.
Die Arbeit an der bewussten Initiierung, Steigerung und Prozessierung von Zuständen und ihrer
Gerinnung zu Erfahrungen betrachtete Grotowski als Bedingung echter Ausdruckskraft, an deren
Stärke er die Qualität des Schauspiels maß.
Haken, Hermann (1991): „Konzepte und Modellvorstellungen der Synergetik zum Gedächtnis“.
Erschienen in: Schmidt, Siegfried J. (Hrsg.) (1991): „Gedächtnis – Probleme und Perspektiven der
interdisziplinären Gedächtnisforschung“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Handke, Peter (1993): „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Handke veranschaulicht die Repräsentationsweise menschlicher Erfahrung und ihre prinzipielle
Austauschbarkeit und Strukturbedingtheit.
Hardt / Negri (2003): „Empire“. Harvard University Press. London.
„Empire“ zeigt, wie Machtverhältnisse in Gesellschaften organisiert werden und somit die
Einflussmöglichkeiten des Einzelnen wie auch dessen Einschränkungen und Inanspruchnahme
durch die Gesellschaft auf.
Hawking, Stephen (1993): „Eine kurze Geschichte der Zeit – Die Suche nach der Urkraft des
Universums“. Rowohlt. Hamburg.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1999): „Wissenschaft der Logik II – Die subjektive Logik“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
102
Heidegger, Martin (1960): „Sein und Zeit“ . Max Niemeyer Verlag. Tübingen.
Heidegger separiert mit seinen „Existenzialen“ Aspekte des menschlichen Lebens, die für eine
Definition und Beschreibung von Persönlichkeitsentwicklungen verwendbar sind.
Hellinger, Bert (2000): „Religion – Psychotherapie – Seelesorge“. Kösel. München.
Hellinger trägt durch sein profundes Wissen über Menschen und deren Einbindung in Familie,
Gesellschaft und andere Systeme zur Erfassung der Reich- und Tragweite des kommunikativen
Kontextes von Persönlichkeitsentwicklungen bei.
Hellinger, Bert (2006): „Liebes-Geschichten zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, uns
und der Welt“. Kösel. München.
Herrigel, Eugen (1964): „Zen in der Kunst des Bogenschießens“. Barth-Verlag. Weilheim.
Der Philosoph Herrigel stellt hier einen Erfahrungsbericht über seine Persönlichkeitsentwicklung im
Kontext des japanischen Zen vor.
Hesse, Hermann (2004): „Sämtliche Werke – Band 4 - Der Steppenwolf/Narziß und Goldmund/die
Morgenlandfahrt“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Viele Figuren Hesses finden sich im Verlauf der Rahmenhandlungen in größeren Kontexten des
Lebens wieder und erfahren darin ihre Bestimmung.
Hofstadter, Douglas (1979): „Gödel, Escher, Bach: an Eternal Golden Braid“. Basic Books, Inc.
New York.
Die Matrix als Symbol des in sich geschlossenen Zyklus zeigt Hofstadter in verschiedenen
Erscheinungsformen wie Mathematik, Kunst und Musik und passt sich in das kybernetischkonstruktivistische Paradigma der Geschlossenheit von Nervensystemen ein.
Holloway, John (2006): „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“. Westfälisches
Dampfboot. Münster.
Holloway betont, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme und Gestaltung vor allem bei denen
liegen, deren gesellschaftliche Funktionen nicht oder nur sehr allgemein bestimmt sind, womit sich
die Macht vom Politiker zum Wähler, vom Wirtschaftskonzern zum Konsumenten usw. verlagert.
103
Holtstiege, Hildegard (1994): „Montessori-Pädagogik und soziale Humanität – Perspektiven für
das 21. Jahrhundert“. Herder Verlag. Freiburg.
Die Montessori-Pädagogik liefert den Ansatz intrinsischen Lernens als Bedingung der Möglichkeit
einer positiven Sozialisation, die Autonomie und Gesellschaftsfähigkeit als zwei sich bedingende
Aspekte einer Persönlichkeitsentwicklung begreift.
Husserl, Edmund siehe Links: Artikel Eidetische Reduktion.
Husserl hat mit seiner Phänomenologie einen epochalen Ansatz der Erforschung des Bewusstseins /
der Persönlichkeit in ihren mannigfältigen Bezügen aufgestellt.
Huntington, Samuel (1997): „Der Kampf der Kulturen – The Clash of Civilizations – Die
Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“. Europaverlag. München/Wien.
Huxley, Aldous (1996): „Die Pforten der Wahrnehmung – Himmel und Hölle – Erfahrungen mit
Drogen“. Piper. München.
Huxleys Werk durchzieht ein tiefes Interesse an Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlicher
Aufklärung.
James, William (2001): „Pragmatismus – Ein neuer Name für einige alte Denkweisen“.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.
Die Psychologie von James folgt einem induktiven Ansatz, der Modelle anhand ihrer Fähigkeit der
folgerichtigen Beschreibung und darauf abstellenden Behandlung von personalen Entwicklungen
bewertet.
James, William (2006): „Pragmatismus und radikaler Empirismus“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Jaynes, Julian (1993): „Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen
Psyche“.
Rowohlt.
Hamburg.
Online-Ausgabe
unter:
http://www.conspiracyresearch.org/forums/index.php?act=attach&type=post&id=347.
Jaynes theoretische Annahme der bikameralen Psyche gilt als unwahrscheinlich, lenkt aber die
Aufmerksamkeit auf unkonventionelle Erklärungmuster der Entwicklungsstadien des menschlichen
Bewusstseins, die durchaus plausibel geschildert werden.
Jung, Carl Gustav (1991): „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten“. DTV.
104
München.
Den Ausgleich der „männlichen“ und „weiblichen“ Anteile des Menschen beschreibt Jung hier als
Bedingung der Möglichkeit einer Äquilibration und Entwicklung („Individuation“) der „ManaPersönlichkeit“, die die gesellschaftlichen Rolleninteraktionen ohne Identitätsverhaftungen zu
durchlaufen in der Lage ist.
Kandel, Eric R. / Schwartz, James H. / Jessell, Thomas M. (1996): „Neurowissenschaften – Eine
Einführung“. Spektrum. Berlin.
Keifenheim, Barbara (2000): „Wege der Sinne – Wahrnehmung und Kunst bei den KashinawaIndianern Amazoniens“. Campus. Frankfurt/Main.
Sowohl das Gemeinschafts- als auch das personale Konzept der Kashinawa-Indianer fallen im
interkulturellen Vergleich aus dem Rahmen und verdeutlichen den kontingenten Charakter des
„Selbstverständlichen“ in der Alltagskultur.
King, Serge (1993): „Begegnung mit dem verborgenen Ich – Ein Arbeitsbuch zur Huna-Magie“.
Aurum. Braunschweig.
Kings Arbeiten zu einer hawaiianischen Ausgabe von Selbsterfahrungswegen sind gleichermaßen
interessant wie wissenschaftlich fragwürdig.
Klaus, Georg (1969): „Wörterbuch der Kybernetik“. Fischer. Frankfurt/Main.
Knorr-Cetina, Karin (1984): „Die Fabrikation von Erkenntnis – Zur Anthropologie der
Naturwissenschaft“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Knorr-Cetina verdeutlicht den konstruktiven, sozial bedingten Charakter von „Wissen“ und
„Wahrheit“ im Kontext des naturwissenschaftlichen Wisssenschaftsbetriebs.
Kohonen, Teuvo (1977): „Associative Memory – A system theoretical approach“. Springer Verlag.
Berlin/Heidelberg.
Kohonen liefert mit seinen assoziativ und intuitiv arbeitenden selbstorganisierenden (Mental)Karten ein kybernetisches Modell der Repräsentationstätigkeit des Geistes.
Kohonen, Teuvo (2001): „Self-organizing Maps“. Springer. Heidelberg.
105
Korzybski, Alfred (2000): „Science and Sanity – An Introduction to Non-Aristotelian Systems and
General Semantics“. Institute of General Semantics. New York.
Korzybski entwirft in diesem Werk einen neuen Begriff „Objektiviät“, der von der Relativität und
Einzigartigkeit des eigenen Standpunktes ausgeht und ihn begründet.
Krishnamurti, Jiddu (1992): „LEBEN!“. Fischer. Frankfurt/Main.
Kroeber, Alfred / Kluckhohn, Clyde (1952): „Culture - A Critical Review of Concepts and
Definitions“. New York: Random House.
Kuhn, Thomas (1962): „The Structure of Scientific Revolutions“. The University of Chicago Press.
Chicago and London.
Der kommunikative Kontext, innerhalb dessen sich die Persönlichkeitsentwicklung vollzieht,
besteht aus einem Netz sich ergänzender und bestätigender Annahmen, die Kuhn am Beispiel der
Wissenschaftsgeschichte analysiert und deren Substitution („Paradigmenwechsel“) veränderte
Rahmenbedingungen für die betroffenen evoluierenden personalen Systeme darstellen.
Laing, Robert D. (1972): „Das geteilte Selbst“. Kiepenheuer und Witsch. Köln.
Laing erbringt hier eine phänomenologisch angelegte Beschreibung des schizophrenen
Krankheitsverlaufes.
Lakatos, Imre (1982): „Mathematik, empirische Wissenschaft und Erkenntnistheorie“. Vieweg &
Sohn. Braunschweig/Wiesbaden.
Lakatos, Imre (1982): „Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme“. Vieweg
& Sohn. Braunschweig/Wiesbaden.
Lave, Jean/Wenger, Etienne (1991): „Situated Learning – Legitimate Peripheral Participation
(Learning in Doing)“. Cambridge University Press. New York.
Leary, Timothy (2006): „Info-Psychologie – Ein Handbuch für den Gebrauch des menschlichen
Nervensystems gemäß den Instruktionen der Hersteller“. Phänomen-Verlag. Neuenkirchen.
Anders als beispielsweise Maslow geht Leary nicht von Bedürfnishierarchien, sondern von
Schaltkreishierarchien aus, die jeweils bestimmte Möglichkeiten des Umgangs mit den
Bedürfnissen des Menschen und den Herausforderungen des Lebens eröffnen.
106
León-Portilla, Miguel (1969): „Pre-Columbian Literatures of Mexico“. University of Oklahoma
Press. Norman.
León-Portilla, Miguel (1988): „Time and Reality in the Thought of the Maya“. University of
Oklahoma Press. Venture Drive.
Lewin, Kurt (1935): „A Dynamic Theory of Personality“. McGraw-Hill. New York.
Der
Begründer
der
Gestalttheorie
beschreibt
hier
Formen
und
Möglichkeiten
von
Persönlichkeitsentwicklung und ihrer Förderung in Interaktion und Kommunikation.
Lewin, Kurt (1947): „Frontiers in Group Dynamics 1 – Concept, Method and Reality in Social
Science“. Erschienen in der Zeitschrift „Human Relations“.
Levinas, Emmanuel (1987): „Totalität und Unendlichkeit – Versuch über die Exteriorität“. Alber.
Freiburg/München.
Levinas „Philosophie des Anderen“ ist gerade angesichts der aktuellen Diskussionen über die
Spiegelneuronentätigkeit als Lernbedingung insofern für das Thema Persönlichkeitsentwicklung
interessant, als dass sich die Evidenz, Legitimation und Etablierung von personalen Entwicklungen
immer auch aus der Art des Umganges mit den Mitmenschen ergibt.
Levinas, Emmanuel (1988): „Wenn Gott ins Denken einfällt – Diskurse über die Betroffenheit von
Transzendenz“. Alber. Freiburg/München.
Levinas, Emmanuel (1996): „Gott, der Tod und die Zeit“. Passagen-Verlag. Wien.
Lilly, John C. (1975): „Lilly on Dolphins – Humans of the Sea“. Doubleday. New York.
Lillys Forschungsergebnisse, die teils bis an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft gingen,
ordnen die Erfahrungen einer tiefen Selbstexploration, die er in den Bereichen der Delfinforschung,
Partnerschaft und experimentellen Selbstversuchen unternahm.
Linneweh, Klaus (1973): „Kreatives Denken – Techniken und Organisation innovativer Prozesse“.
Verlag Nadolski. Karlsruhe.
107
Lorenz, Konrad (1975): Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen
Erkennens. München. Piper.
Eine menschliche Erkenntnisfähigkeit, die eine phylogenetische Errungenschaft ist, welche sich an
Selektionsvorteilen ausrichtet, stellt sowohl Grundlage als auch Folge von Entwicklungen im
Rahmen von Ontogenese und Sozialisation dar.
Lotman, Jurij M. (1990): „Universe of the Mind - A Semiotic Theory of Culture“. I. B. Tauris & Co
Ltd. London/New York.
Lotmans „Semiosphären“ liefern eine prägnante Beschreibung der kultursemiotischen Bedingtheit
von Persönlichkeitsentwicklungen in ihrem jeweiligen kommunikativen Kontext.
Lotze, Rudolf Hermann (1879): „Metaphysik – Drei Bücher über Ontologie, Kosmologie und
Psychologie“. Verlag von S. Hirzel. Leipzig.
Lotze, Rudolf Hermann (1989): „Logik – Drittes Buch. Vom Erkennen (Methodologie)“. Meiner
Verlag. Hamburg.
Luhmann, Niklas (1983): „Legitimation durch Verfahren“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Luhmann beleuchtet hierbei den Zusammenhang der Legitimierung von gerichteten Entwicklungen
bzw. Prozessen durch in bestimmter Weise angeordnete Verfahren, die ihrerseits auf
Kommunikation basieren.
Luhmann, Niklas (1988): „Macht“ . Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Luhmann, Niklas (1991): „Soziologische Aufklärung 3 – Soziales System, Gesellschaft,
Organisation“. Westdeutscher Verlag. Opladen.
Daraus: „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“ . 25-35;
„Temporalstrukturen des Handlungssystems : Zum Zusammenhang von Handlungs- und
Systemtheorie“. 126-51;
„Der politische Code: „Konservativ“ und „Progressiv“ in systemtheoretischer Sicht“. 267-87.
Luhmann, Niklas (1992): „Die Wissenschaft der Gesellschaft“ . Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Luhmann, Niklas (1993): „Das Recht der Gesellschaft“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
108
Luhmann, Niklas (1993a): „Gesellschaftsstruktur und Semantik“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Nicht nur bestimmen die kommunikativ angelieferten Unterscheidungsweisen, was sich dem
Beobachter als Person und deren Entwicklung darstellt, sondern auch, was überhaupt als eine
Entwicklung gilt.
Luhmann, Niklas (1994): „Soziale Systeme“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Dem Werk wurden Gedanken über System- und Umweltbezüge, die Definition und Kopplung von
Bewusstsein und Kommunikation und die Unterscheidung von Handeln und Erleben entnommen.
Luhmann, Niklas (1994a): „Liebe als Passion - Zur Codierung von Intimität“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
„Liebe“ als Interaktionsmedium lässt die Konzeption eines darauf abstellenden dynamischen
Prozesses zu, dem alle ökologisch immanenten möglichen Persönlichkeitsentwicklungen
unterliegen.
Luhmann, Niklas (1998): „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Die Gesellschaft als Kommunikationsgebilde liefert den Rahmen für die Konstruktion von Personen
sowie der Konstitution, Entwicklung und Erweiterung der Persönlichkeit.
Luhmann, Niklas (2000): „Die Religion der Gesellschaft“ . Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Die Herausforderung des menschlichen Lebens bezieht sich auf ein Navigieren im Unbekannten
jenseits des sich seine Grenzen mitdiktierenden Wissens im Mysterium als letztlich unlösbarem
Rätsel der Existenz.
Luhmann, Niklas (2000a): „Organisation und Entscheidung“. Westdeutscher Verlag. Opladen.
Personen sind, im Verlauf betrachtet, die Summe ihrer Entscheidungen, weshalb deren Organisation
und Reorganisation eine pragmatische Beschreibung der Entwicklung der Persönlichkeit bietet.
Luhmann, Niklas (2000b): „Vertrauen – Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“.
Lucius & Lucius. Stuttgart.
Vertrauen, worin oder worauf auch immer gerichtet, ist ein Baustein jeder Entscheidung und als
Teil des menschlichen Selbstbewusstseins auch des geistigen Wachstums.
109
Luhmann, Niklas (2002): „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Erziehung/Pädagogik
stellt
die
Asymmetrisierung einer
auf
Lernvorgänge
abstellenden
Kommunikationssituation dar und liefert einen spezifischen Kontext für die Unterscheidung von
beabsichtigten und unbeabsichtigten Entwicklungen.
Luhmann, Niklas (2005): „Soziologische Aufklärung I - Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme“.
VS – Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.
Luhmann, Niklas / Fuchs, Peter (2008): „Reden und Schweigen“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Die Wirkung kommunikativen Paradoxierens auf das Bewusstsein und die bei jeder psychischen
Operation mitlaufende transzendente andere Seite schaffen nicht Bedingungen, aber Leerstellen
oder Brüche, die Möglichkeiten für andersartige (mutierte) Selektionen von Anschlussoperationen
ermöglichen
und
insofern
Entwicklungen
als
Veränderungen
in
der
Abfolge
von
Bewusstseinoperationen beschreiben.
Lyotard, Jean-Francois (1986): „Das postmoderne Wissen – Ein Bericht“. Passagen. Graz/Wien.
Wissen als für die Begründung eines Standpunktes verwertbare Informationsselektion hebt nicht die
höchst kontingente Information selbst, sondern die Integrität des Standpunktes und die Motive des
ihn beziehenden in den Bereich des wissenschaftlich zu prüfenden.
Mach, Ernst (1968): „Erkenntnis und Irrtum – Skizzen zur Psychologie der Forschung“.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.
Mach hebt hier die Begrenzung des physikalisch Erforschbaren aufgrund der begrenzten
Kapazitäten menschlicher Erkenntniskategorien hervor und koppelt diese im Umkehrschluss an die
Wichtigkeit von personalem Wachstum für deren Erweiterung wie auch an die Aufforderung zur
Demut vor dem Größeren, das die Erkenntnisfähigkeit des Menschen übersteigt.
Maslow, Abraham (1991): „Motivation und Persönlichkeit“. Rowohlt. Hamburg.
Maslow sichtet den Zusammenhang von Motivation und Persönlichkeitsentwicklung und
differenziert dabei menschliche Bedürfnisse als Motivationsfaktoren und Strategien ihrer
Bewältigung.
Maturana, Humberto (1985): „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“.
Vieweg & Sohn. Braunschweig/Wiesbaden.
110
Maturanas Systemtheorie wirft ein Licht auf die Unterscheidungen, mit denen ein Beobachter
Entwicklungen entdeckt und beschreibt und differenziert zwischen selbstreproduktiven, zyklischen
und geschlossenen Entwicklungen, der „Autopoiesis“ auf der einen und offenen, linearen
Entwicklungen (Prozessen, Maschinen usw.), der „Allopoiesis“, auf der anderen Seite.
Maturana, Humberto (1994): „Was ist Erkennen ?“. Piper. München.
Maturana, Humberto/Verden-Zöller, Gerda (1994a): „Liebe und Spiel - Die vergessenen
Grundlagen des Menschseins“. Carl Auer Verlag. Heidelberg.
Maturana hebt die Liebe in den Rang eines Kriteriums wirklicher Kommunikation zwischen
Lebewesen und schließt Macht als Kommunikationsform aufgrund der Fremdbestimmungsleistung
des Mediums aus.
Maturana, Humberto R. (1995): „La realidad: ¿objetiva o construida? I. Fundamentos biológicos
de la realidad“. Editorial Anthropos. Barcelona.
Maturana, Humberto R. (1997): „Biologie des Erkennens: Vortrag während des Kongress
"Visionen menschlicher Zukunft", Bremen 1997“ [Audiobook]. Auditorium. Hamm.
Magee, Brian (1985): „Philosophy and the Real World – An Introduction to Karl Popper“. Open
Court Publishing Company. Chicago.
McLuhan,
Marshall/Fiore,
Quentin
(1994):
„Das
Medium
ist
Massage“.
Ullstein.
Kommunikation als Medium der Katalysierung, Prozessierung und Legitimierung von
Persönlichkeitsentwicklung zeigt die Bedeutung ihrer Modalisierung und Spezifizierung zur
Steigerung der Wahrscheinlichkeit ihrer Annahme.
McLuhan, Marshall (1992): „Die Magischen Kanäle – Understanding Media“. ECON Verlag.
Düsseldorf.
Mead,
George
H.
(1987):
„Gesammelte
Aufsätze“.
Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
Mead zeigt mit seiner Konzeption des „Generalisierten Anderen“, wie das internalisierte soziale
Panorama identitätssstiftend wirkt und baut darauf seine Sozialisationstheorie auf.
111
Merleau-Ponty, Maurice (1976): „Die Struktur des Verhaltens“. DeGruyter. Berlin.
Merleau-Pontys körperbezogene Epistemologie zeigt, dass Erfahrungen als Elemente der
Persönlichkeitsentwicklung etwas durch und durch Leibliches sind und sogar Gedanken und
Intuitionen vom Menschen „verkörpert“ werden und sich auf die bloße Existenz des Leibes (als
Medium) zurückführen lassen.
Merleau-Ponty, Maurice (2003): „Das Auge und der Geist – Philosophische Essays“. Meiner
Verlag. Hamburg.
Metzinger, Thomas (2004): „Being No One – The Self-Model Theory of Subjectivity“. MIT Press.
Cambridge.
Metzinger zeigt, dass sich die menschliche Identität in bloße Kategorien des Handelns zerlegen lässt
und daher eher als Orientierungsfunktion denn als Entität zu behandeln ist.
Meynig, Tilman (2003): „Kommunikations- und Systemtheoretische Grundlagen von Konflikten
und ihrer Behandlung in Mediationsverfahren“. http://www.grin.com/de/fulltext/kul/28626.html
(26.01.08).
Meynig, Tilman (2005): „Neurobiologische Grundlagen von Sozialisationsprozessen und ihre
Entsprechungen in Soziologie und Systemtheorie“. http://www.grin.com/de/fulltext/kul/28632.html
(26.01.08).
Meynig, Tilman (2005a): „Der erkenntnistheoretische Ansatz der ´Evolutionären Epistemologie`“.
http://www.grin.com/de/fulltext/kul/28633.html (26.01.08).
Miller, George A. / Galanter, Eugene / Pribram, Karl H. (1991): „Strategien des Handelns – Pläne
und Strukturen des Verhaltens“. Klett-Cotta. Stuttgart.
Milton, John (1985): „Das Verlorene Paradies“. Rütten und Loening. Berlin.
Mindell, Arnold (1987): „Der Leib und die Träume – Prozeßorientierte Psychologie in der Praxis“.
Junfermann. Paderborn.
Mindell wirft einen Blick auf die basalen Ebenen der Konstruktion und Transformation personaler
Realitäten und die Möglichkeiten der Bespielbarkeit des Bewusstseins zwischen Ereignis und
112
Kommunikation.
Mindell, Arnold (1992): „Traumkörper und Meditation – Arbeit an sich selbst“. Patmos.
Düsseldorf.
Mindell, Arnold (2004): „24 Stunden luzid träumen – Techniken, um den nichtdualistischen,
träumenden Hintergrund der Alltagsrealität wahrzunehmen“. Via Nova. Petersberg.
Minsky, Marvin (1994): „Mentopolis“. Klett-Cotta. Stuttgart.
Minsky entwirft ein Modell der psychischen Wirklichkeit als Aushandlungsprozess und
Zusammenwirken verschiedener Elemente, die zusammen die „Society of Mind“ (engl. Titel)
bilden und deren jeweilige Gewichtung über den Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung
entscheidet.
Müller, Heiner (1998): „Die Gedichte“ . Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Musil, Robert (1992): „Der Mann ohne Eigenschaften“. Rowohlt. Hamburg.
Natorp, Paul (1974): „Sozialpädagogik“. Schöningh. Paderborn.
Natorp, Paul (1985): „Pädagogik und Philosophie“. Schöningh. Paderborn.
Natorp, Paul (1994): „Platos Ideenlehre“. Meiner Verlag. Hamburg.
Neus Werner (2003): „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre aus institutionenökonomischer
Sicht“. Mohr Siebeck. Tübingen.
Nizon, Paul (1999): „Untertauchen – Protokoll einer Reise“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Oevermann, Ulrich (1995): „Ein Modell der Struktur von Religiosität - Zugleich ein Strukturmodell
von Lebenspraxis und von sozialer Zeit“. In: Wohlrab-Sahr, Monika (Hrsg.), „Biographie und
Religion - Zwischen Ritual und Selbstsuche“. Campus. Frankfurt/Main.
Orwell, George (2007): „1984“. Ullstein. Stuttgart.
113
In Orwells Roman werden Möglichkeiten der Persönlichkeitszerstörung evaluiert, was ein Licht
wirft auf das, was vom Menschen bleibt, wenn er seiner Würde und seines Selbstrespektes beraubt
wird – ein Mensch.
Parsons, Talcott (1976): „Zur Theorie sozialer Systeme“. Westdeutscher Verlag. Opladen.
Parsons AGIL-Modell der Persönlichkeits- und Sozialebenen ergänzt sich hervorragend zu Piagets
Assimilations- und Akkomodationsschemata.
Paulson, Ivar (1960): „Seelenvorstellungen und Totenglaube bei nordeurasischen Völkern“. In:
Schmitz, Carl August (Hrsg.) (1964): „Religions-Ethnologie“. Akademische Verlagsgesellschaft.
Frankfurt/Main.
Peirce, Charles S. (1991): „Vorlesungen über Pragmatismus“. Meiner Verlag. Hamburg.
Die Semiotik nach Peirce ist in der Lage, den systemtheoretischen Kommunikationsbegriff (als
Semiose) zu erklären und liefert auch eine Beschreibung möglicher Wirkungen durch in dieser
Weise klassifizierter Zeichen und eignet sich somit für eine allgemeine Beschreibung von
Kommunikationsvorgängen.
Pestalozzi, Hans A. (1979): „Nach uns die Zukunft – Von der positiven Subversion“. Kösel.
München.
Petri, Helmut (1950): „Kult-Totemismus in Australien“. Erschienen in: Schmitz, Claus August
(Hrsg.) (1964): „Religions-Ethnologie“. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt/Main.
Piaget, Jean (1967): „Biologie und Erkenntnis – Über die Beziehungen zwischen organischen
Regulationen und kognitiven Prozessen“. S.Fischer Verlag. Frankfurt/Main.
Piaget erörtert hier die biologischen und psychologischen Bedingungen und Gestaltungsspielräume
menschlicher Entwicklungen, wie auch ihre Grenzen und Beschränkungen.
Popper, Karl (1997): „Vermutungen und Widerlegungen – Das Wachstum der wissenschaftlichen
Erkenntnis“. Mohr (Siebeck). Tübingen.
Popper, Karl R. / Eccles, John C. (1991): „Das Ich und sein Gehirn“. Piper Verlag. München.
Es wird hier ein interdisziplinärer Ansatz vorgestellt, wie sich Erkenntnisse der Neurobiologie
114
(Eccles) und der Philosophie verbinden lassen, der zeigt, dass Natur- und Geisteswissenschaften
sich ergänzen und verstärken können, wenn Vertreter beider Disziplinen eine gemeinsame Sprache
entwickeln.
Prigogine,
Ilya
(1992):
„Vom Sein
zum
Werden
–
Zeit
und Komplexität
in
den
Naturwissenschaften“. Piper. München.
Prigogine stellt zeitinvariante Strukturen, das „Sein“, der Irrversibilität von Prozessen, dem
„Werden“ gegenüber und liefert damit ein wesentliches Kriterium der Identifikation von
Entwicklungen – deren Irreversibilität.
Putnam, Hilary (1999): „Repräsentation und Realität“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Radnitzky, Gerard / Bartley, W. W. (1993): „Evolutionary Epistemology, Rationality, and the
sociology of knowledge“. Peru (Illinois). Open Court.
Rapoport, Anatol (1972): „Bedeutungslehre – Eine semantische Kritik“. Darmstädter Blätter.
Darmstadt.
Reich, Wilhelm (1989): „Charakteranalyse“. Kiepenheuer und Witsch. Köln.
Reich geht von einer Inkorporation von Triebstrukturen aus, die den charakterlichen Ausdruck und
das Verhalten formen („Charakterpanzer“), weshalb sich Persönlichkeitsentwicklung primär nicht
im kommunikativen Kontext, sondern in der Körpertherapie vollzieht.
Rickert (1986): „Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft“. Reclam. Stuttgart.
Robbins, Anthony (2004): „Grenzenlose Energie – Das Power Prinzip – Wie Sie Ihre persönlichen
Schwächen in positive Energie verwandeln“. Ullstein. Stuttgart.
Dieser Ratgeber nennt die Zuordnung von Repräsentationsmodi zu Augenmustern, verrät aber nicht
seine Quellen.
Rorty, Richard (1980): „Philosophy and the Mirror of Nature“. Princeton University Press.
Princeton, New Jersey.
Rorty misst Prozeduren und Verfahren wie das wissenschaftliche Arbeiten an ihrem normativen
Anspruch, an ihrer Zielsetzung und regt dazu an, Entwicklungen an einer unscharfen oder auch
115
expliziten Zielvorgabe / Ausrichtung zu legitimieren.
Rorty, Richard (1995): „Contingency, irony and solidarity“. Cambridge University Press. New
York.
Roth, Gerhard (2003): „Fühlen, Denken, Handeln – Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Sanchez, Victor (1996): „Die Lehren des Don Carlos – Praktische Anwendung der Lehren Carlos
Castanedas“. Synthesis. Essen.
Sanchez
geht
von
der
Persönlichkeitsentwicklung
Wirkung
aus
und
tiefer,
kritisiert
„unkonventionaler“
die
ausschließlich
Erfahrungen
rational
für
die
verfahrenden
Wissenschaften.
Sartre, Jean-Paul (1994): „Gesammelte Werke – Philosophische Schriften I – Der Existentialismus
ist ein Humanismus – Materialismus und Revolution – Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis“.
Rowohlt. Hamburg.
Sartres Manifest des Existentialismus als Humanismus zeigt die Möglichkeit einer Ethik auf, die
nicht wie Religionen an Mythen, sondern vielmehr direkt an eine Gemeinschaftsbildung gekoppelt
ist, die auf der Selbstbestimmung der an ihr Partizipierenden basiert.
Schah, Idries (1996): „Die Sufis – Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier“. Diederichs
Verlag. München.
Schelling, Thomas (1960): „Versuch über das Aushandeln“. In Bühl, Walter L.(Hrsg.), (1972):
„Konflikt und Konfliktstrategie – Ansätze zu einer soziologischen Konflikttheorie“. Nymphenburger
Verlagshandlung. München.
Schiepek, Günter (1991): „Systemtheorie der Klinischen Psychologie – Beiträge zu ausgewählten
Problemstellungen“. Vieweg. Braunschweig/Wiesbaden.
Schindehütte, Albert (1993): „Album für Alice – Eine Huldigung für Lewis Carroll und „Alice im
Wunderland““. Gutenberg. Hamburg.
116
Scholz, Oliver R. (2004): „Bild, Darstellung, Zeichen – Philosophische Theorien bildlicher
Darstellung“. Klostermann. Frankfurt/Main.
Schröder, Dominik (1955): „Zur Struktur des Schamanismus“. Erschienen in: Schmitz, Carl August
(Hrsg.) (1964): „Religions-Ethnologie“. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt/Main.
Scotus, Johannes Duns (2002): „Die Univozität des Seienden – Texte zur Metaphysik“.
Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen.
Searle, John R. (1983): „Sprechakte – Ein sprachphilosophischer Essay“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
Kommunikation besteht nach Searle immer aus intentional gerichteten Sprechakten, mit denen die
Welt geordnet (gerichtet) wird und die somit auch bestimmen, in welche Richtung die eigene
Entwicklung verläuft und wie sie geordnet und interpunktiert wird.
Searle, John R. (1986): „Geist, Hirn und Wissenschaft“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Searle, John R. (1987): „Intentionalität – Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Searle, John R. (2004): „Geist, Sprache und Gesellschaft – Philosophie in der wirklichen Welt“.
Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Serres, Michel (1964): „Das Kommunikationsnetz Penelope“. Erschienen in: Engell, Lorenz
(Hrsg.): „Kursbuch Medienkultur – die massgeblichen Theorien von Brecht bis Beaudrillard“.
DVA. Stuttgart.
Serres, Michel (1987): „Der Parasit“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Shannon, Claude E. / Weaver, Warren (1963): „The Mathematical Theory of Communication“.
University of Illinois. Urbana/Chicago.
Simon, Fritz B. (1984): „Der Prozess der Individuation – Über den Zusammenhang von Vernunft
und Gefühlen“. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen.
117
Skinner, Burrhus Frederic (1998): „Walden Two“. Prentice Hall. New Jersey.
Smithson, Michael (1988): „Possibility Theory, Fuzzy Logic, and Psychological Explanation“. In
Zétényi, Tamás (Hrsg.): „Fuzzy sets in psychology“. Amsterdam.
Sokal, Alan / Bricmont, Jean (1998): „Eleganter Unsinn – Wie die Denker der Postmoderne die
Wissenschaften mißbrauchen“. C.H.Beck. München.
Spencer-Brown, George (1997): „Gesetze der Form“. Bohmeier Verlag. Lübeck.
Mit Spencer-Browns mathematischem Kalkül lässt sich die Unterscheidungen prozessierende
Tätigkeit des Nervensystems in einer Weise beschreiben, in der sich Entwicklungen als Abfolgen
von Unterscheidungen und Veränderungen in den Abfolgen der Unterscheidungen präzise
beobachten und darstellen lassen.
Schulz von Thun, Friedemann (1996): „Miteinander Reden – Allgemeine Psychologie der
Kommunikation“. Rowohlt. Hamburg.
Ein kommunikativer Kontext, der auf Persönlichkeitsentwicklung abstellt, ist in besonderer Weise
gefordert, die vier Seiten der Kommunikation nach Schulz von Thun zu berücksichtigen.
Sunzi (2001): „Die Kunst des Krieges“. Droemer Knaur. München.
Tart, Charles (1985): „Bewußtseinszustände und zustandsspezifische Wissenschaften“. In:
Walsh, Ronald N. / Vaugham, Francis E. (Hrsg.): „Psychologie in der Wende“. Scherz. Bern.
Nach Tart ist die Welt und das Selbst eine Abfolge von Zuständen des operierenden personalen
Systems, deren Erscheinungsweise durch den Zustand (die jeweilige „Trance“) eingefärbt bzw.
determiniert ist.
Thiel, Svenja / Widder, Wolfgang (2003): „Konflikte konstruktiv lösen – Ein Leitfaden für die
Teammediation“. Wolters Kluwer. München.
Tholen, Georg C. (2002): „Die Zäsur der Medien – Kulturphilosophische Konturen“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
118
Tholen, Georg C. (2005): „Medium, Medien“. In: Roesler, Alexander / Stiegler, Bernd (Hrsg.):
„Grundbegriffe der Medientheorie“. Fink. Stuttgart.
Tibi, Bassam (1995): „Krieg der Zivilisationen – Politik und Religion zwischen Vernunft und
Fundamentalismus“. Hoffmann und Campe. Hamburg.
Tibi plädiert für die Unterscheidung von Werthaltungen und Einstellung auf der einen und
jeweiliger kultureller, religionsspezifischer und nationaler Ausprägungen auf der anderen Seite,
womit die Unterscheidung nach Werten quer durch alle Gesellschaften und nicht mehr zwischen
Gesellschaften (Nationen, Religionen usw.) verläuft.
Tibi, Bassam (1999): „Die neue Weltunordnung – Westliche Dominanz und islamischer
Fundamentalismus. Propyläen. Berlin.
Tibi, Bassam (2002): „Die fundamentalistische Herausforderung – Der Islam und die Weltpolitik“.
C.H. Beck. München.
Turner, Victor (1982): „Vom Ritual zum Theater – der Ernst des menschlichen Spiels“. Campus.
Frankfurt/Main.
Riten sind eine besondere und wirkungsvolle Form der Ausrichtung von personalen und sozialen
Entwicklungen, welche evolutionär angelegte Prozesse auf kommunikativer Ebene imitieren.
Turner, Victor (2000): „Das Ritual – Strktur und Anti-Struktur“. Campus. Frankfurt/Main.
Van Gennep, Arnold (1909): „Die Übergangsriten“. Erschienen in: Schmitz, Carl August (Hrsg.)
(1964): „Religions-Ethnologie“. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt/Main.
Van Gennep zeigt, dass die Herstellung von Sinnzusammenhängen im Ritual auf besonderen
Zuschreibungsweisen der Wirkung transzendenter Kräfte beruht.
Vitebsky, Piers (1998): „Schamanismus – Reisen der Seele – Magische Kräfte – Ekstase und
Heilung“. Knaur. München.
Der Schamanismus rückt die Persönlichkeitsentwicklung sowohl bei der Initiation, Stellung und
Aufgabe des Schamanen wie auch bei den von ihm Behandelten an zentrale Stelle.
Von der Leeuw, Gerardus (1956): „Macht und theoretisierte Macht“. Erschienen in: Schmitz,
119
Claus August (1964). Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt/Main.
Von Foerster, Heinz (1985): „Sicht und Einsicht – Versuche zu einer operativen
Erkenntnistheorie“. Vieweg. Braunschweig/Wiesbaden.
Von Glasersfeld (1992): „Wissen, Sprache und Wirklichkeit – Arbeiten zum Radikalen
Konstruktivismus“. Vieweg. Braunschweig/Wiesbaden.
Von Glasersfeld (1995): „Radical Constructivism – A Way of Knowing and Learning“. Falmer
Press. London/Washington.
Von Weizsäcker, Carl-Friedrich (2002): „Carl Friedrich von Weizsäckers Wanderungen ins
Atomzeitalter - Ein dialogisches Selbstporträt“. Mentis. Paderborn.
Von Weizsäcker betrachtet es als Teil seiner eigenen Entwicklung, dass Menschen auch für die von
ihnen nicht explizit beabsichtigten Folgen ihrer Handlungen (mit)verantwortlich sind.
Walter, Katya (1992): „Chaosforschung, I Ging und Genetischer Code – Das Tao des Chaos“.
Diederichs. München.
In der ostasiatischen Philosophie wie auch in Teilbereichen der Physik stehen weniger
Entwicklungen als Zyklen im Fokus, woraus sich ein Bild von stabilen Entwicklungen als
Wiederkehr von Mustern in Variationen ergibt.
Watts, Alan (2002): „Zen Zen – Die Weisheit des Nichtstuns. Herder. Freiburg.
Watts löst in seiner Zen-Philosophie nicht nur Kategorien der Identität, sondern mit ihr auch der
Welt auf, die er beide als sprachlich verursacht wie auch als sprachlich dekonstruierbar betrachtet,
was die Fragilität des kommunikativen Kontextes aufzeigt und Entwicklungen als Folge
sprachlichen Operierens erscheinen lässt.
Watts, Alan (1995): „Das Tao der Philosophie“. Theseus. Berlin.
Watzlawick, Paul (1974): „Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien“.
Verlag Hans Huber. Bern.
Watzlawicks
Ansatz
geht
konform
mit
dem
Thema
dieser
Studie,
dass
Persönlichkeitsentwicklungen in ihrem kommunikativen Kontext stattfinden und auch davon
120
abhängen.
Watzlawick, Paul (1985): „Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und „Wirklichkeit“. Piper.
München.
Weber, Max (1968): „Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft“. In: „Gesammelte Aufsätze
zur Wissenschaftslehre“. Mohr (Siebeck). Tübingen.
Weber, Max (1993): „Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus“. Mohr
(Siebeck). Tübingen.
Weinbach, Christine (2004): „Systemtheorie und Gender – Das Geschlecht im Netz der Systeme“.
VS Verlag. Wiesbaden.
Die Genderforschung demonstriert wie kaum ein anderer wissenschaftlicher Zweig die
kommunikative Determination von Sachverhalten, in ihrem Fall des biologischen Geschlechtes,
dessen soziale Kontextualisierung eine Art traditionsbezogen legitimierter Kategorienfehler
darstellt.
Whitehead, Alfred North (1987): „Prozeß und Realität – Entwurf einer Kosmologie“. Suhrkamp.
Frankfurt/Main.
Whitehead zeigt, dass Erkenntnis sich immer prozessual, in Entstehung und Entwicklung vollzieht
und die Erkennung von Wahrheit(en) eine Frage der Ausrichtung des Apriori ist.
Wicklund, Robert. A. / Gollwitzer, Peter. M. (1985): „Symbolische Selbstergänzung“. In Frey,
Dieter / Irle, Martin (Hrsg.): „Theorien der Sozialpsychologie. Band 3: Motivations- und
Informationsverarbeitungstheorien“. (S. 31-55). Hans Huber. Bern.
Wilber, Ken (2001): „Integrale Psychologie – Geist – Bewußtsein – Psychologie – Therapie“.
Arbor Verlag. Freiamt.
Wilber betrachtet die Würdigung und Einbeziehung sehr unterschiedlicher Modelle und
theoretischer Ansätze in eine „integrale“ Synthese als eine Aufgabe der Wissenschaft wie auch als
Möglichkeit der Erweiterung und Entwicklung des eigenen Horizontes.
Wilber, Ken (2006): „Integral Spirituality – A Startling New Role for Religion in the Modern and
121
Postmodern World“. Integral Books. Boston & London.
Wilson, Robert Anton (1993): „Der neue Prometheus – Die Evolution unserer Intelligenz“.
Rowohlt. Hamburg.
Das Schaltkreismodell des Bewusstseins von Leary und Wilson geht nicht von Entwicklungen,
sondern von Quantensprüngen zwischen den Schaltkreisen aus, die sich durch Gewohnheiten
stabilisieren lassen.
Wittgenstein, Ludwig (1984): „Tractatus logico-philosophicus – Tagebücher 1914-1916 –
Philosophische Untersuchungen“. Suhrkamp. Frankfurt/Main.
Nach Wittgenstein ist das möglich, was sprachlich möglich ist, weshalb der kommunikative
Kontext die Möglichkeiten von Entwicklungen vorgibt.
Yao, Zhihua (2005): „The Buddhist Theory of Self-Cognition“. Routledge. London/New York.
Ziegler, Jean (2007): „Das Imperium der Schande – Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung“.
Pantheon. München.
Ziegler behauptet, dass sich die zivilisatorische Entwicklung des Menschen insgesamt am Schicksal
der Situation der jeweils schwächsten Menschen und Gesellschaften messen lassen muss und sich
im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung auch der Verantwortungsbereich nicht auf das
Personale und Nationale reduzieren lässt.
Links:
http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/de/index.html (19.11.07) „Kulturdefinition nach Cassirer“.
http://www.stelarc.va.com.au (30.01.08) „Stelarc“.
http://www.wikipedia.de:
Artikel Aktualgenese. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Februar 2006,
17:00
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Aktualgenese&oldid=13266556
(Abgerufen: 14. Februar 2008, 22:44 UTC).
122
Artikel Anatol Rapoport. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. August
2007,
12:37
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Anatol_Rapoport&oldid=36095980
(Abgerufen:
15.
Februar 2008, 00:43 UTC).
Artikel Anatta. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Januar 2008, 22:05
UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Anatta&oldid=41780132 (Abgerufen: 18.
Februar 2008, 12:11 UTC).
Artikel Eidetische Reduktion. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Juli
2007,
15:36
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Eidetische_Reduktion&oldid=34747240 (Abgerufen: 30.
Januar 2008, 10:23 UTC).
Artikel Ethischer Imperativ. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Juli
2007,
04:12
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ethischer_Imperativ&oldid=34726622 (Abgerufen: 30.
Januar 2008, 21:02 UTC).
Artikel Johann Gottlieb Fichte. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7.
Februar
2008,
10:53
UTC.
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Gottlieb_Fichte&oldid=42200193
URL:
(Abgerufen:
14. Februar 2008, 00:16 UTC).
Artikel Julian Jaynes. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. Januar 2008,
21:58
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Julian_Jaynes&oldid=40954044
(Abgerufen: 1. Februar 2008, 15:57 UTC).
Artikel Juri Michailowitsch Lotman. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5.
Dezember
2007,
18:25
UTC.
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Juri_Michailowitsch_Lotman&oldid=39726404
(Abgerufen: 1. Februar 2008, 15:17 UTC).
123
URL:
Artikel Luitzen Egbertus Jan Brouwer. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand:
29.
Dezember
2007,
14:29
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Luitzen_Egbertus_Jan_Brouwer&oldid=40551692
(Abgerufen: 31. Januar 2008, 09:41 UTC).
Artikel Macht. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 30. Januar 2008, 10:41
UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Macht&oldid=41835558 (Abgerufen: 30.
Januar 2008, 20:31 UTC).
Artikel Marvin Minsky. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. Dezember
2007,
18:20
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Marvin_Minsky&oldid=40376577
(Abgerufen:
17.
Februar 2008, 19:12 UTC).
Artikel Scientology. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Februar 2008,
11:38
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Scientology&oldid=41919675
(Abgerufen: 12. Februar 2008, 15:13 UTC).
Artikel Selbstregulation. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. Dezember
2007,
21:18
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Selbstregulation&oldid=39772383
(Abgerufen:
2.
Februar 2008, 09:57 UTC).
Artikel Skandhas. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. Dezember 2007,
19:08
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Skandhas&oldid=40030873
(Abgerufen: 18. Februar 2008, 12:13 UTC).
Artikel Theory of Mind. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 31. Januar 2008,
12:37 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Theory_of_Mind&oldid=41881328
(Abgerufen: 14. Februar 2008, 13:19 UTC).
Artikel Veränderungsmanagement. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23.
Januar
2008,
17:45
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ver%C3%A4nderungsmanagement&oldid=41553388
124
(Abgerufen: 30. Januar 2008, 18:10 UTC).
Artikel Quetzalcoatl. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 20. Januar 2008,
14:31
UTC.
URL:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Quetzalcoatl&oldid=41420184
(Abgerufen: 30. Januar 2008, 21:41 UTC).
http://www.youtube.com:
http://youtube.com/watch?v=GKwtaCXEM5E (06.11.07) „Violence in Science“.
http://youtube.com/watch?v=Qw5sGhZqypY (06.11.07) „Models and More“.
http://youtube.com/watch?v=sdI_Cc3fV_U (14.11.07) „Defining Social“.
http://youtube.com/watch?v=kfOxS6pCObk (20.11.07) „History of Provocative Therapy“.
http://youtube.com/watch?v=sOMec-rYTbo (16.01.08) „Eyes of the Insane“.
http://youtube.com/watch?v=FcnurB40uWI (15.02.08) „How will I know peace“.
http://www.zeit.de/2007/34/M-Seele-Interview (20.11.07) „Der Riss im Selbstmodell“.
http://www.zeit.de/video (17.01.08) „Messe in Aktion“.
http://www.brainyquote.com/quotes/quotes/j/johnlennon137162.html (26.01.08) „John Lennon
Quote“.
http://www.zitate-online.de/autor/feynman-richard-p/ (19.11.07); „Feynman-Zitat“.
http://zitate.net/autoren/34/zitat_1787.html (20.01.08); „Einstein-Zitat“.
Filme:
Dammbeck, Lutz „Das Netz – Adorno, LSD und Internet“.
Kubrick, Stanley „Clockwork Orange“.
Kubrick, Stanley „Dr. Seltsam oder Als ich lernte, die Bombe zu lieben“.
125
Lynch, David „Lost Highway“.
Wilber, Ken „Integral Operating System 1.0“.
Musik:
The Beatles: „White Album“.
Kunze, Heinz Rudolf: „Der schwere Mut“.
Slayer: „Eyes of the Insane“(http://youtube.com/watch?v=sOMec-rYTbo (16.01.08)).
Sting: „Russians“.
Tool: „Schism“ aus „Lateralus“.
Vetter, Michael: „Offene Geheimnisse“.
126
Herunterladen
Explore flashcards