Ein Indianer seiner Zeit

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Nur noch kurz die Welt retten -Ein Indianer seiner Zeit
“Ich wollte schon als Kind Indianer werden”, sagte Angel Inspirev lächelnd. Er ist einer von
80 Mitarbeitern, die im Nationalpark Central Balkan in Bulgarien arbeiten. Der 32 jährige ist
dort schon seit 5 Jahren beschäftigt. Jeden Tag durchquert er er sein 3000 Fussballfelder
großes Revier zu Fuß, zu Pferd oder auf Skiern. Dabei sucht nach Fallen und Jägern, um
seine Bären, Gämsen, Erdmännchen und Steinadler zu schützen. „Weil ich gerne in der Natur
bin“, erklärt der Ranger.
Angel Ispirev absolvierte sein Abitur auf einem Fremdsprachengymnasium, danach studierte
er Forstwirtschaften in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Nach Abschluss seines Studiums
ging er für ein halbes Jahr nach Deutschland und studierte dort in der Toepferakademie. Diese
Chance hat ihm geholfen, sich zu dem Menschen zu entwickeln, der er heute ist. Am meisten
hat ihn die Offenheit der Deutschen beeindruckt. „Was ein Glück ist, denn es gibt überall auf
der Welt gute und böse Menschen.“ Es wird immer gesagt, dass es in Deutschland einfacher
sei, sich erfolgreich für die Umwelt einzusetzen, doch das empfindet der charismatische
Ranger nicht so. „Mir ist klar geworden, dass es egal ist, wo man sich befindet, die Natur zu
schützen ist überall schwierig. (...) Vieles wird sich am Umweltschutz andern, manches nie.“
Sein Ziel ist es, die Natur Bulgariens zu schützen, dies macht er sehr engagiert und
leidenschaftlich.
Die Bewahrung der ökologischen Vielfalt als Menschheitserbe ist für ihn persönlich sehr
wichtig „Die Natur ist ein Teil von jedem von uns und jeder Mensch, der die Natur liebt, soll
sie auch schützen“.
In Bulgarien scheint es schwer zu sein, den Menschen klar zu machen, dass sie
umweltfreundlicher leben mussen, um die Natur zu erhalten. Ispirev ist der Meinung, die
Bildung sei sehr wichtig, denn es sei schwerer Erwachsene zu beeinflussen, als Kinder „die
noch wie leere, unbeschriebene Blätter sind. Die Zukunft der bulgarischen Ökologie liegt also
in den Kindern“.
Auf die Frage, was wir fur die Umwelt tun können, lacht er: „Jeder Mensch kann etwas
machen, zum Beispiel einen Baum pflanzen, wichtig ist nur, dass wir uns vereinigen und es
zusammen machen.“.
Der nachdenkliche Naturranger sieht die ökologischen Herausforderungen in Zukunft eher
größer werden, da die Menschheit die auftretenden Probleme erst zu spät realisieren könnte.
Deshalb sollte sich in seinen Augen auch jeder für diese Thematik interessieren und
engagieren.
Seiner Meinung nach „gibt es keinen Menschen, der Blumen nicht schön findet und die Natur
nicht genießt“. Jeder sollte die noch reichlich vorhandene, unberührte Natur Bulgariens
respektieren und nicht verschmutzen.
In Deutschland bekam Ispirev die Idee für ein Projekt, zusammen mit seinem Freund
Alexander Ivanov (60) rief er “Reflection” ins Leben. Eineinhalb Jahre reisten sie in der Welt
umher, um Natur und deren Zerstörung zu fotografieren. Somit verbindet er sein Hobby mit
seinem Beruf. Durch dieses Projekt und auch durch die Zeit in Deutschland, bereiste Angel
Ispirev bereits die USA, Slowenien, Österreich und Finnland.
Und noch eine Leidenschaft entwickelte sich bei dem einfühlsamen Ranger, er sucht
Orchideen. „Ich war sehr verwundert als ich hörte, dass es hier Orchideen gibt, seit dem suche
ich sie im Nationalpark Central Balkan. Ich habe schon 25 Arten entdeckt“, berichtet er stolz.
Er sagt, „man muss ständig probieren etwas zu verändern“. Sein Beruf macht ihm viel Spass,
er handelt mit viel Leidenschaft, deshalb möchte er diesen Beruf eigentlich nicht aufgeben,
doch er hat eine Freundin, mit der er bald eine Familie gründen möchte. Sie hat kein Problem
mit seinem Beruf und versteht es, wenn er auch mal ein paar Tage und Nächte in einem Zelt
im Nationalpark schläft. Allerdings weiß er nicht, wie er seine zukünftige Familie ausreichend
finanzieren kann, da ein Ranger über kein hohes Einkommen verfügt. Falls er seinen Beruf
wechselt, mochte er weiterhin im Bereich Okologie arbeiten und vielleicht etwas mit
Tourismus machen. Noch hat er die Kraft weiter fur die Umwelt zu kämpfen. Jedoch auf eines
ist er bereits jetzt schon stolz: „Wir in Bulgarien müssen unsere Natur schützen, in anderen
Ländern mussen sie sie wieder aufbauen.“ Denn Bulgarien hat noch viel unberührte Natur.
„Der Naturschutz in Bulgarien ist noch so etwas wie ein Kind, wir hoffen, dass es gesund
erwachsen wird.“
Und mit Angel Ispirevs Arbeit wird ein Stück, auch wenn es nur ein kleines ist, hierfür getan.
Somit verwirklicht er seinen Kindheitstraum und beschützt die Natur- ganz wie ein Indianer.
Von Lena Edelmann, Julia Sauerwein und Felicia Siotto
„Bulgarien macht noch seine Hausaufgaben in Sachen Umweltschutz“
Angel Ispirev ueber Naturschutz im Nationalpark Zentralbalkan
An dem Arbeitsplatz von Angel Ispirev gibt es etwas zu bestaunen, was in Deutschland schon
lange nicht mehr existiert: wilde, von Menschen unberührte Wälder, Wölfe und wildlebende
Bären. Im Nationalpark Zentralbalkan sind sowohl der höchste Wasserfall auf der ganzen
Balkanhalbinsel als auch die tiefste Schlucht Bulgariens zu besichtigen.
Der Park, der 33-mal so groß ist wie der Frankfurter Flughafen, wurde 1991 im
Balkangebirge mit dem Ziel gegründet, die Natur und Artenvielfalt Bulgariens zu schützen
und gehört zu den von der UNO unterstützen und geschützten Naturschutzparks.
Vor allem die Buchenwälder sind ein wichtiger Bestandteil, die es europaweit in diesem
Ausmaß nicht noch einmal gibt. Das Durchschnittsalter der Buchen beträgt 135 Jahre, manche
erreichen sogar ein Alter von 250 Jahren und eine Höhe von 50 Metern.
Beeindruckend ist auch, dass ca. 100% des Wassers im Nationalpark Trinkwasserqualität
aufweist.
Zu den im Park lebenden Tieren gehören viele bedrohte Arten, zum Beispiel Ziesel,
Steinadler und Gämsen. Interessanterweise sind Gämsen die seltenste und am meisten
bedrohte Art des Nationalparks. In Westeuropa treten Gämsen häufiger auf, dafür sind Wölfe
und Bären in der Minderheit. Im Balkangebirge ist man dafür stolz auf etwa 800 wilde
Braunbären.
70% der Natur in dem Park wurde noch nie von Menschen beeinflusst. Damit dies auch so
bleibt, ist es für Einheimische untersagt, innerhalb der Naturreservate zu wohnen, zu angeln,
zu jagen, Heilpflanzen zu sammeln oder Holz zu fällen.
Um die insgesamt 2337 Floraarten und etwa 2500 Tierarten des Ökosystems vor Übergriffen
zu schützen, sind Ranger wie Angel Ispirev in ihren etwa 2000 Hektar großen Territorien
unterwegs und suchen nach verräterischen Spuren. Regelverstöße durch Touristen oder
Einheimische werden geahndet und mit Bußgeldern belegt. Doch nicht nur der Mensch
bereitet den Rangern Probleme, es gibt auch natürliche Gefahren.
Erosion und Verbuschung, ausgelöst durch den Klimawandel, verändern die Landschaft. So
wachsen immer mehr Wachholderbüsche, welche den anderen, geschützten Pflanzen ihren
Lebensraum streitig machen. Früher wurde dieses Problem durch kontrollierte Waldbrände
gelöst, doch durch neue EU Richtlinien ist es inzwischen untersagt.
Die vielen Aufgaben und Herausforderungen werden durch einen Verwaltungsplan geregelt,
der für jeden einzelnen Nationalpark essenziell ist. Im Falle des Nationalparkes Zentralbalkan
besteht dieser aus mehreren Zielen. Erstens will man den natürlichen Zustand erhalten,
zweitens gute Bedingungen schaffen für einen Tourismus, der dem Park nicht schadet.
Drittens wird das Ziel verfolgt, die Kernzone des Parkes auf 10.000 Hektar auszubauen, um
weitere internationale Schutz-Zertifikate zu erlangen. Es wird also viel unternommen, um den
Nationalpark Zentralbalkan zu unterstützen.
Allerdings finden auch die Vertreter wirtschaftlicher Interessen immer wieder Gehör bei den
bulgarischen Politikern. Sie wollen das ökonomische Potential des Parks lieber verwerten als
seine Natur zu schützen. Großes Interesse besteht an den für Skipisten geeigneten Gebieten,
mit welchen der Tourismus in Bulgarien weiter angetrieben werden könnte.
Momentan besuchen nämlich in einem Jahr so viele Touristen den Nationalpark Zentralbalkan
wie in einem vergleichbaren Park in Deutschland an nur einem Wochenende.
Diese Faktoren machen es den Rangern schwer, die unberührte Natur und Artenvielfalt
Bulgariens zu schützen und sie für kommende Generationen zu erhalten. Der Ranger Angel
Inspirev ist sich dessen bewusst und weiß, „Der Kampf ist sehr hart“.
Aileen Kautz, Fanny Zang, Giullia Gentili, Kagan Cakmak, Furkan Cakmak, Lovis Engel,
Ricarda Holzmann, Maarit Pelzer und Helena Raab
Vom verlorenen Erbe der Natur (von Grasgrün und Kackbraun)
“ […] Kein anderes Lebewesen auf der Welt tötet, wenn es nicht muss, oder zum Vergnügen
– wir Menschen sind die einzigen. […]”
So lautet die Bildunterschrift einer Fotografie aus der Ausstellung “Reflections”, ursprünglich
als “Stolen Heritage“ (“verlorenes Erbe”) betitelt, ein gemeinsames Projekt von dem
bulgarischen Fotografen Alexander Ivanov und seinem langjährigen Freund Angel Inspirev,
in dem Naturfotografien zweier Perspektiven, die von Menschen beeinflusste und
unbeeinflusste Natur. Die deutsche Toepferakademie gab Angel Inspirev, der im Nationalpark
“Zentralbalkan” als Ranger tätig ist, die Möglichkeit, das Projekt, dessen Arbeit anderthalb
Jahre andauerte, zu entwickeln und es in mehreren Städten, unter anderem in Bulgarien,
Moskau und Hamburg auszustellen. Zu der Ausstellung gibt es einen gleichnamigen
Bildband, der mit anregenden, bewegenden Bildunterschriften versehen ist.
Die Ausstellung zeigt 58 Fotografien, die jeweils in Paaren dargestellt sind. Überwiegend
stehen sie im Kontrast zueinander, so z.B. folgendes Bildpaar: auf einem kahlen Baum sitzen
einige Störche friedlich im Abendlicht. Daneben die gleiche Szene, in der die Störche
aufgebracht die Flucht ergreifen. Hat sie das Klicken der Kamera an einen Schuss erinnert?
Inspirev und Ivanov wollen durch “Reflections” visuell auf die von Menschen verursachten
Naturzerstörungen aufmerksam machen. Sie kontrastieren hierbei naturbelassene mit den von
Menschen negativ beinflussten Orten. Sie sehen die Fotografie als eine starke Waffe an, die
nie lügt und mit der sie versuchen wollen, das Bewusstsein der Menschen für die Natur zu
wecken. Ein Vorbild für ihr Projekt war der amerikanische Fotograf Ansel Adams, der es
geschafft hat, Menschen zu einem umweltbewussteren Leben zu bewegen.
Die Bilder sind sozialkritisch und naturbezogen. Satte grasgrüne Wiesenlandschaften neben
graubraunen, bebauten Dörfern. Ein strahlend blauer Himmel, das Gefühl von Freiheit
vermittelnd, neben einer Industriegigantomie, dessen Schornsteine graue Abgase hinterlassen.
Fruchtbares Land, durch das sich Wälder ziehen, neben braunen Ackerfeldern, dessen Erträge
zwar hoch sind, aber scheinbar nichts mehr mit der ursprünglichen Natur zu tun haben. Muss
ein Mensch wirklich so naturzerstörend handeln, nur um den äußersten Profit zu gewinnen?
“Wenn man so etwas sieht, fragt man sich, wie man der Natur so etwas antun kann. Man
wundert sich, wozu der Mensch fähig ist”, sagt Inspirev.
Die Bilder sprechen für sich. Sie erzählen von dem Menschen, der die Natur ausbeutet und für
seine Zwecke benutzt, aber auch von natuerlichen Katastrophen, wie Waldbraenden. Sie
ersetzen die Natur durch leblose Dublikate, wie z.B. bei einem Golfplatz mit modifiziertem
Gras. Der Mensch lebt in der Natur. Er ist ein Teil von ihr. Er kann friedlich mit ihr leben,
wenn er sich nicht über sie stellt. “Warum denken wir, dass der Mensch geschaffen wurde,
um die Natur zu erobern, aus der er doch stammt“, so Inspirev.
Der Kontrast der Fotografien weckt einerseits eine überwältigende Faszination der Schönheit
der Natur in dem Betrachter, andererseits wird man sich bewusst, wie destruktiv der Mensch
für die gemeinsame Welt, das Erbe aller Lebewesen, ist. Man nimmt Empörung und
Betroffenheit wahr.
Aber wie lange wird diese Betroffenheit andauern? Werden darauf Taten folgen? Meistens ist
es doch so, dass man sich kurzzeitig ernsthafte Gedanken macht, diese aber im Alltag wieder
verloren gehen. Wir treten unser eigenes Welterbe mit Füßen.
Und hat Angel Inspirev das Gefühl, den Menschen die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit
ihrem Naturerbe vor Augen geführt zu haben und etwas in ihnen bewirkt zu haben? Er habe
wohl nichts Großes bewirkt. Aber: “Wenn wir nichts machen, wird sich auch nichts ändern.”
Carina Nitzling, Sophie Martinez Küpper und Bianca Kreil
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