Die Abb.20, aus Fassmann und Hatz entnommen

Werbung
Seminar aus Humangeographie
Ws 06/07
Leitung:
Univ. Prof. Dr. Peter Weichhart
Räumliche Disparitäten anhand ausgewählter
Beispiele.
vorgelegt von:
Glavanics Patrick
0107098, A190 482 456
Haiden Markus
0005875, 482 456
Hofer Christoph
0306655, A190 344 456
Seminar Humangeographie
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
4
Teil 1
Haiden Markus
1.
Begrifflichkeit
5
1.1
Regionale Disparität
6
1.2
Was ist eine Region?
7
2.
Theorien der räumlichen Entwicklung
9
2.1
Konvergenzansätze – die neoklassische regional
2.2
Wachstumstheorie
9
Divergenzansätze
10
2.2.1 Polarisationstheorien oder Divergenztheorien
11
2.2.2 Wachstumspolkonzept von LASUEN
12
2.2.3 Zentrum–Peripherie–Modell
13
2.2.4 Modell globaler Fragmentierung
15
2.2.5 Theorie der Langen Wellen
17
2.2.6 Regionale Produktzykustheorie
18
2.2.7 Regulationstheorie
20
2.2.8 Netzwerke und Innovative Milieus
21
3.
Kritik an der Regulationstheorie
22
3.1
Schwachstellen und konzeptionelle Defizite der
Regulationstheorie
22
4.
Indikatoren zur Messung regionaler Disparitäten
23
4.1
Thematische Einführung
23
4.2
Methodische Einführung
24
4.3
Kriterien für die Auswahl und Bildung von Indikatoren
25
Seite 2 von 110
Seminar Humangeographie
Teil 2
Hofer Christoph
5.
Regionale Disparitäten in Europa
5.1
Die Messung bzw. die Erfassung von Armutserscheinungen
in der EU
5.1.1 Das Dateninstrumentarium (ECHP, EU-SILC)
27
29
31
5.1.2 Methodik - Indikatoren, Variablen und multidimensionale
Aspekte
5.1.3 Definitions- und Messschwierigkeiten
5.2
35
39
Der Integrationsprozess und regionale Entwicklungen
in Europa
40
5.2.1 Entwicklung regionaler Disparitäten (seit 1960 bis zum
Ende der 1990er Jahre)
46
5.2.2 Ost-Europa und die EU-Erweiterung
53
5.3
56
EU-Länder im Vergleich
5.3.1 Das BIP je Einwohner
57
5.3.2 Das Einkommensgefälle
62
5.3.2.1 Stadt-Land-Gefälle
64
5.3.3 Divergierende Ausprägung der Arbeitslosigkeit
66
5.3.3.1Bildung in der EU
71
5.3.4 Lebensverhältnisse – Armut und Materielle Deprivation
74
5.4
78
Herausforderungen an den Sozialstaat
5.4.1 Die EU-Regional- und Stukturpolitik
81
Seite 3 von 110
Seminar Humangeographie
Teil 3
Glavanics Patrick
6.
Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene
88
6.1
Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern
88
6.1.1 Statistische Analyse von Administrativdaten
89
7.
Sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene
92
7.1
Sozialraumanalyse anhand der Stadt Wien
92
7.1.1 Der soziale Faktor
95
7.1.2 Der ethnische Faktor
100
7.1.3 Der demographische Faktor
102
8.
105
Literaturverzeichnis
Seite 4 von 110
Seminar Humangeographie
Vorwort
Historisch bedingte Gegebenheiten, die Lage und Distanz zu Arbeits-, Produktionsund Absatzmärkten, aber auch ungleiche quantitative und qualitative Ausstattungen
mit Produktionsfaktoren können Ursache dafür sein, warum manche Regionen als
arm und rückständig, andere wiederum als reich und prosperierend einzustufen sind.
Da die Geographie eines Landes mit den vorhandenen Unterschieden nicht völlig
auslöschbar ist, können arme und reiche Regionen, auch durch massive politische
Interventionen, niemals restlos beseitigt werden. Tatsache ist, dass regionale
Disparitäten den inneren Zusammenhalt einer Region gefährden.
Im dritten Teil der Arbeit werden nach Analysen auf internationaler und
interregionaler
Maßstabsebene,
sozialräumliche
Differenzierungen
auf
Bundesländer- und Bezirksebene interpretiert. Räumliche Disparitäten auf nationaler
Ebene wie zum Beispiel die Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern und
Differenzierungen auf regionaler Ebene, Unterschiede zwischen den Bezirken der
Stadt Wien sind die Problemstellungen, die darin ihre Lösung finden.
Wie groß sind die regionalen Unterschiede innerhalb einer ausgewählten Region?
Sind diese Unterschiede gesellschaftlich noch akzeptabel, oder vergrößern sich die
Disparitäten? Im Verlauf dieser Arbeit soll daher der Versuch unternommen werden,
auf diese Fragen eine mögliche Antwort zu finden.
Seite 5 von 110
Seminar Humangeographie
1.
Begrifflichkeit
Die Wortkombination „Regionale Disparität“ lässt sich in zwei zentrale Begriffe –
„Disparität“ und „Region“ – trennen. Es handelt sich dabei um gängige
Terminologien, die trotz differenzierter Zugänge meist ganz selbstverständlich
verwendet werden. Wahrscheinlich liegt es gerade daran, dass eine umfassende
Definition, weder den Begriff „Disparität“ noch jenen der „Region“ betreffend, nicht
möglich ist.
1.1
Regionale Disparität
Im Handbuch der Raumordnung ist folgende Definition zu regionalen Disparitäten
nachzulesen:
„Unter regionalen Disparitäten werden Abweichungen von einer gedachten, je nach
Fragestellung auf unterschiedliche räumliche Maßstabsebenen (Regionsabgrenzung)
bezogenen Referenzverteilung von als relevant erachteten Merkmalen verstanden.“
(vgl. Arl 1995, S. 185).
Im Gegensatz zu dieser genannten allgemeinen Definition, wird der Terminus
„regionale Disparität“ im Diercke Wörterbuch der Allgemeinen Geographie (2001)
folgendermaßen definiert:
„Unausgeglichenheit der Raumstrukturen in einer bzw. in verschiedenen Regionen.
Regionale Disparitäten äußern sich in unterschiedlichen Lebensbedingungen sowie
in ungleichen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Der Stadt-Land-Gegensatz
kann als eine Form der räumlichen Disparität aufgefasst werden.“
Die zweite Definition wird schon etwas genauer spezifiziert, eröffnet aber zugleich
wieder eine neue Liste an erklärungsbedürftigen Begriffen. Erklärungsbedarf besteht
unter anderem in Bezug auf
den Begriff
„Region“ und „unterschiedliche
Lebensbedingungen“.
Seite 6 von 110
Seminar Humangeographie
Bei der Bewertung von Lebensbedingungen spielt immer auch eine subjektive
Komponente
eine
erhebliche
Rolle.
Sind
für
den
einen
Bildungs-
und
Ausbildungschancen, vielfältige Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und dergleichen
entscheidend, haben für den anderen möglicherweise ganz andere Faktoren
Priorität, wie etwa günstigere Wohnverhältnisse oder eine bessere Umweltqualität.
Das Dilemma ist klar ersichtlich: Eine umfassende Erklärung regionaler Disparitäten
unter Berücksichtigung aller Einflussgrößen ist nicht möglich. Die Auseinadersetzung
mit regionalen Disparitäten erfordert eine Segmentierung der Fragestellung und die
Auswahl adäquater Indikatoren (vgl. Vorauer 1996, S. 17).
Unabhängig vom sozialen Status, sondern allein durch die räumliche Lage des
Wohnortes, können sich strukturelle Benachteiligungen von Personen ergeben.
Regionen weisen innerhalb eines Landes eine ungleiche Verteilung und Ausstattung
an
sozialer,
wirtschaftlicher,
technologischer,
ökologischer
und
kultureller
Infrastruktur und Entwicklungspotentialen auf. So variieren z.B. zwischen einzelnen
Regionen die Chancen der Erwerbspersonen, auf dem Arbeitsmarkt einen ihrer
Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Auch die durchschnittlichen
Einkommen, Gesundheitsbelastungen, Möglichkeiten zum Besuch von höheren
Schulen oder auch beruflichen und sozialen Aufstiegschancen sind jeweils von
Region zu Region unterschiedlich.
1.2
Was ist eine Region?
Das Diercke Wörterbuch der Allgemeinen Geographie definiert Region als eine
größere Raumeinheit, die mehrere Landschaften umfasst und als ein historisch oder
administrativ abgegrenztes Territorium mittlerer Größe. Region bedeutet, laut
Diercke, immer die Zusammenfassung von zusammengehörigen Raumeinheiten.
Wie die Zusammengehörigkeit definiert wird und welche Merkmale dazu verwendet
werden, wird nicht beschrieben.
Seite 7 von 110
Seminar Humangeographie
Der Europarat definiert eine Region als „eine menschliche Gemeinschaft, die
innerhalb der größten gebietsmäßigen Einheit eines Landes liegt. (…) Eine solche
Gemeinschaft ist gekennzeichnet durch eine geschichtliche oder kulturelle,
geographische oder wirtschaftliche Homogenität oder eine Kombination dieser
Kennzeichen, die der Bevölkerung eine Einheit verleiht in der Verfolgung
gemeinsamer Ziele und Interessen“ (Erklärung von Bordeaux 1978 cit. in Vorauer
1996, S. 17).
Beide Definitionen gehen davon aus, dass die Zusammengehörigkeit aufgrund der
Gleichartigkeit bestimmter Phänomene gegeben ist (Homogenitätsansatz). Eine
Region ist durch eine gemeinsame, gleichartige Geschichte bestimmt. Eine Region
kann aber auch als kulturell oder ethnisch homogen und damit zusammengehörig
interpretiert werden.
Ein zweiter Ansatz geht davon aus, dass die Zusammenfassung von Raumeinheiten
zu einer Region nicht durch Ähnlichkeit, sondern durch funktionelle Beziehungen
bestimmt wird. Die Stadt bildet mit dem Pendlereinzugsbereich eine funktionelle
Region. Absatzmarkt und Herkunftsland bestimmter Produkte bilden ebenfalls eine
funktionelle Region.
Erfolgt die Abgrenzung von Regionen weder aufgrund des Homogenitätsansatzes
noch aufgrund der funktionellen Verflechtung, dann liegt sehr häufig eine politisch –
administrative Regionsbildung vor. Regionen werden normativ geschaffen, sie
werden aufgrund politischen Willens festgelegt, ob sie aufgrund objektiver Kriterien
nun zusammengehören oder nicht.
Bemerkenswert ist, dass die EU, obwohl sie den Begriff der Region an vielen Stellen
verwendet, keine eigene Regionsdefinition besitzt. Dies ist aber gerade darauf
zurückzuführen, dass die faktischen Regionen als tragende Basiseinheiten der EU
aufgrund ihrer ungleichen bzw. fehlenden Kompetenzausstattung nicht in Frage
kommen.
Seite 8 von 110
Seminar Humangeographie
Kurz zusammengefasst: Eine Region ist in der Regel unscharf definiert. Der
Homogenitätsansatz, der funktionale Ansatz und der politisch – normative Ansatz
führen zu gänzlich unterschiedlichen Resultaten. Ebenso ist die Frage des Maßstabs
sehr häufig ungeklärt (vgl. Vorauer 1996, S. 17–22).
2.
Theorien der räumlichen Entwicklung
In den aktuellen Untersuchungen über künftige Entwicklungsperspektiven sind die
Wachstumstheorien von Bedeutung. Im Wesentlichen wird die Diskussion über die
künftige Entwicklung von Regionen innerhalb ökonomisch integrierter Räume von
zwei gegensätzlichen Paradigmen geleitet:
1.
Den neoklassisch orientierten Ansätzen, die eine konvergente Entwicklung
zwischen Regionen aufgrund von interregionalem Handel und Faktormobilität
postulieren und
2.
den Divergenz – Ansätzen, die von einer Zunahme bestehender Disparitäten
aufgrund von Skalenvorteilen, Technologieunterschieden, Unterschieden in
den Marktzugängen oder dgl. ausgehen (vgl. RAMMER et al. 1994, S. 102).
2.1
Konvergenzansätze – die neoklassische regionale
Wachstumstheorie
Neoklassische Modellansätze wie die Konvergenztheorie zeigen auf, wie die
Knappheit von Produktionsfaktoren zu räumlich ausgeprägten Ungleichgewichten
führt, und welche Prozesse dem entgegenwirken. Grundhypothese dabei ist, dass
interregionale Faktorpreisunterschiede durch Faktorwanderungen ausgeglichen
werden  Ausgleich durch Marktmechanismen (vgl. Bathelt et al. 2002, S. 67).
Tondl
(1994,
S.
249)
führt
aus:
„Die
Grundhypothese
der
regionalen
Wachstumstheorie der Neoklassik besagt, dass Freihandel bei Faktormobilität
(Kapital- und Arbeitskräftemobilität) zu einem Ausgleich der Faktoreinkommen bzw.
Seite 9 von 110
Seminar Humangeographie
zu einem Ausgleich regionaler Unterschiede führt. Arbeit wandert in Regionen ab, wo
Arbeitsplätze frei sind und höhere Löhne vorherrschen.“
Als entscheidende Ursachen für die Existenz interregionaler Disparitäten werden
unter anderem räumliche Mobilitätshemmnisse und unzureichende interregionale
Integration genannt. Zur Überwindung ungleicher Raumstrukturen tragen daher der
Abbau
von
Mobilitätshemmnissen
und
die
Intensivierung
der
Verflechtungsbeziehungen bei. Dazu zählen Maßnahmen, wie bspw. der Aufbau
eines interregionalen Kommunikations- und Infrastruktursystems oder etwa die
Förderung des interregionalen Handels (vgl. Richter 1994, S. 53).
Diese
Theorie
geht
allerdings
von
sehr
vereinfachten
Annahmen,
wie
Vollbeschäftigung, vollkommene Konkurrenz, freie Mobilität der Produktionsfaktoren
oder interregionale Transportkosten von Null aus. Gerade in den Annahmen liegen
aber auch die Schwächen des Modells, denn in der Realität bestimmen die
angeführten
Voraussetzungen
entscheidend
mit.
Trotz
den
grundlegender
räumlichen
Einwände
Differenzierungsprozess
ist
die
neoklassische
Wachstumstheorie nicht vollständig zu verwerfen (vgl. Vorauer 1996, S. 31).
2.2
Divergenzansätze
Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie mit der Kernthese, dass jede Störung
eines in der Ausgangssituation bestehenden Gleichgewichts Gegenkräfte hervorruft,
die wiederum ein erneutes Gleichgewicht anstreben, erwarten Anhänger der
Divergenz-Ansätze eine Zunahme bestehender Disparitäten. Es wird davon
ausgegangen,
dass
steigende
Skalenerträge
zur
räumlichen
Konzentration
ökonomischer Aktivitäten führen. Zentrale Regionen sind demzufolge tendenziell
begünstigt. Im Gegensatz zu peripheren Regionen sind diese in der Regel mit
besseren Verkehrs- und Kommunikationsnetzen, welche wiederum in besseren
Marktzugängen und geringen Transport- und Transaktionskosten resultieren,
ausgestattet.
Seite 10 von 110
Seminar Humangeographie
Entscheidende Bedeutung für wirtschaftliches Wachstum nimmt, innerhalb der
Divergenz–Ansätze hinaus, die Innovation und Diffusion von neuen Technologien
ein, wobei wiederum den Zentren die dafür günstigsten Rahmenbedingungen
zugesprochen werden (vgl. Vorauer 1996, S. 33-36).
2.2.1 Polarisationstheorien oder Divergenztheorien
Unter dem Überbegriff „Polarisationstheorien“ wird eine Vielzahl von alternativen
Ansätzen zur neoklassischen Konvergenztheorie zusammengefasst. Im Unterschied
zur neoklassischen Theorie bilden die Divergenz–Ansätze keine streng aufgebaute,
geschlossene Wachstumstheorie, sondern eine Reihe von aus empirischen
Beobachtungen gewonnenen Theoremen. Den wahrscheinlich umfassendsten
Beitrag zu den Divergenz–Ansätzen liefern die polarisationstheoretischen Ansätze.
Ihre Kernaussage ist, dass sich einmal aufgetretene Ungleichgewichte kumulativ
verstärken, d. h. zu einer sektoralen und/oder regionalen Polarisation führen.
Aufbauend auf den Ergebnissen unter anderem von SCHUMPETER, PERROUX
oder KONDRATIEFF, entstand eine Vielzahl polarisationstheoretischer Arbeiten.
Exemplarisch sei an dieser Stelle auf das Wachstumspolkonzept von LASUEN, die
Zentrum–Peripherie–Modelle von FRIEDMANN und in weiterer Folge auf gängige
regionale Wachstums- und Entwicklungstheorien, wie die Theorie der Langen
Wellen,
die
regionale
Produktzyklustheorie,
die
Regulationstheorie,
die
Netzwerktheorie und die Innovativen Milieus, die auf weiten Strecken auf
polarisationstheoretischen Ansätzen Bezug nehmen, zu verweisen.
Das sektorale Polarisationsargument geht auf SCHUMPETER zurück und wurde
Anfang der 50er Jahre von PERROUX wieder aufgegriffen. SCHUMPETER geht von
der
zentralen
Annahme
aus,
dass
wirtschaftliches
Wachstum
sektoral
ungleichgewichtig verläuft. Eine zentrale Position nehmen dabei Innovationen ein.
Auch PERROUX geht davon aus, dass Innovationen von Nettoinvestitionen und der
Bildung neuer führender Branchen begleitet werden. Er bezeichnet diese als
„motorische Einheiten“, die wiederum „sektorale Wachstumspole“ bilden.
Seite 11 von 110
Seminar Humangeographie
Unter motorischen Einheiten versteht man Unternehmungen oder Gruppen von
Unternehmungen, mit einem hohen Grad an industrieller Verflechtung. Der
Verflechtungsgrad mit anderen Wirtschaftsbereichen wird an der Summe der
Vorwärts- und Rückkoppelungseffekte gemessen (vgl. Salzer 1999, S. 9-10).
Der Ansatz von Perroux kann als Pionierarbeit über Raumwirtschaft und als
Grundlage regionaler Wirtschaftsplanung bezeichnet werden. Er entwirft ein
alternatives Paradigma zum neoklassischen Marktmodell, das aber große begriffliche
Unschärfen aufweist. Perroux, wie viele nach ihm, unterscheidet nämlich nicht klar
zwischen Polarisation als einen sektoralen und einen räumlichen Prozess. Ob aber
die Konzentration von Hochtechnologiefirmen räumlich ist, die Eigentumsstruktur
oder die Handelsbeziehungen betrifft, macht einen bedeutsamen Unterschied (vgl.
Becker 2002, S. 208).
2.2.2 Wachstumspolkonzept von LASUEN
Eine umfangreiche Erweiterung und Vertiefung der Polarisationsansätze geht unter
anderem auf das Wachstumspolkonzept von Lasuen zurück. Er unternimmt den
Versuch, sektorale und regionale Polarisationstheorien mit Erkenntnissen der
Standorttheorien und anderen regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien zu
verknüpfen. Das Ziel ist die Erstellung einer allgemeinen Theorie über langfristiges
Wirtschaftswachstum und Urbanisierung.
Auch in der Theorie von Lasuen nehmen, wie schon bei Schumpeter und Perroux,
Innovationen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung sektoraler und regionaler
„clusters“ ein. Aus der Interaktion zwischen sektoralen und regionalen „clusters“
entstehen
wiederum
die
einzelnen
Systeme
von
Wachstumspolen.
Der
Innovationsprozess wird in drei Subprozesse gegliedert, die Invention, die Diffusion
und die Adaption. Lasuen geht davon aus, dass sich die Inventionen (=Erfindungen)
auf große, offene Städte in hoch entwickelten Ländern konzentrieren (vgl. Vorauer
1996, S. 36-37).
Seite 12 von 110
Seminar Humangeographie
Wachstumspole
sind
Orte,
an
denen
durch
diverse
Verflechtungen
eine
Entwicklungsdynamik in Gang gesetzt wird. Unterentwickelte Regionen hingegen
sind durch die Abhängigkeit zu zentralen Ökonomien gekennzeichnet. Zusammen
bilden Zentrum und Peripherie das, was später in der Grenobler Schule der
Regulationstheorie als Produktivsystem, d.h. als ein integrierter Raum von
Akkumulation und Regulation, bezeichnet wird (Becker 2002, S. 209).
2.2.3 Zentrum – Peripherie – Modell
Forschungsgegenstand der Wachstumspolkonzepte sind primär die Industrieländer.
Die Zentrum–Peripherie–Modelle wenden sich demgegenüber vornehmlich Ländern
mit Entwicklungsrückstand bzw. der Entwicklungsproblematik zu. Vertreter der
Zentrum–Peripherie–Modelle gehen davon aus, dass strukturelle Unterschiede
zwischen Zentrum (z.B. Industrieländer) und Peripherie (z.B. Entwicklungsländer)
eine tendenzielle Verschlechterung der Terms of Trade der Peripherie gegenüber
dem Zentrum und einem Realeinkommenstransfer von der Peripherie in das Zentrum
verursachen.
Das Zentrum–Peripherie–Modell erfährt durch Friedmann eine Erweiterung um
soziologische, psychologische und politische Kriterien. Menschliche Aktivitäten und
soziale Interaktionen rücken ins Zentrum des Interesses. Sie werden sowohl als
raumformend als auch als raumabhängig angesehen. Friedmann legt auch die
Hypothese zu Grunde, dass in großen und dynamischen wachsenden urbanen
Systemen die Bedingungen für Innovationen besonders günstig sind. Regionen mit
hoher Innovationsdichte bezeichnet er als Zentren, alle übrigen Gebiete als
Peripherie. Eine genauere Abgrenzung bleibt jedoch aus (vgl. Vorauer 1996, S.3738).
Im
Zentrum-Peripherie-Modell
von
Friedmann
werden
auch
soziologische,
psychologische und politische Kriterien berücksichtigt. Friedmann geht davon aus,
dass Innovationsprozesse räumliche und sektorale Ungleichgewichte nach sich
ziehen und zu einer strukturellen Transformation des sozialen Systems führen.
Seite 13 von 110
Seminar Humangeographie
Daraus entstehende Zentren üben Macht und Einfluss auf die Peripherie aus. Die
Entwicklung des Zentrum-Peripherie-Musters lässt sich nach Friedmann (1966) in 4
Stufen darstellen: (1) Die prä-industrielle Stufe, (2) Mit der beginnenden
Industrialisierung, (3) Mit fortschreitender Industrialisierung und die (4) Postindustrielle Phase (vgl. Bathelt et al. 2002, S. 72).
Abbildung
1:
Modell
der
Veränderung
der
Raumstruktur
im
Entwicklungsverlauf
Quelle: Schätzl 2001, S.177
Seite 14 von 110
Seminar Humangeographie
2.2.4 Modell globaler Fragmentierung
Ausgangspunkt des Modells
Der Nationalstaat tritt seine Handlungskompetenz an territoriale und funktionale
Fragmente (Orte) ab.
 fungieren der Fragmente als räumliche Handlungscluster; funktional-hierarchische
Verflechtung der Handlungscluster, gesteuert von Wettbewerb und globalem Markt;
Teilung der Welt in:
„Globale Orte“ (acting global cities): Schaltstellen des wettbewerbgesteuerten
Weltgeschehens;

Kommandozentralen
der
„global
player“
(transnational
agierende
Unternehmen)

High-Tech-Produktions- und Forschungsinnovationszentren

Fordistische Industriezonen für Güter höchster Qualität; Bsp. New York,
Silicon Valley oder London
„Globalisierte Orte“ (exposed global cities): „Hinterhöfe der Metropolen“; eng
verbunden
mit
den
dominierenden
Schaltstellen
und
ihnen
hierarchisch
nachgeordnet;

Standorte / Zonen der High-Tech-Dienstleistung

Auslagerungsindustrie

Billiglohn- und Massenkonsumgüterproduktion

Informeller Sektor / Kinderarbeit / Prostitution

Freizeit- und Tourismusgewerbe; Bsp. Dhaka, Bangalore, Mexiko-City
„Ausgegrenzte Restwelt” (die marginalistischen Zwischenräume, die „new periphery“,
der „Neue Süden“)  Masse der Weltbevölkerung
Seite 15 von 110
Seminar Humangeographie
Auch „globale Orte“ und „globalisierte Orte“ können sich nicht ausruhen, sondern
unterliegen einem permanenten Konkurrenzdruck. Am globalen Wettbewerb und
seinen Segnungen partizipieren nicht Länder oder Staaten, sondern nur bestimmte
Orte bzw. Zonen – und auch dort nur bestimmte Teile der Bevölkerung. Nach der
Wettbewerbslogik können nie ganze Staaten oder Regionen in die höheren Ligen der
globalen Ökonomie aufschließen. Strukturell bieten sich der „ausgegrenzten
Restwelt“ wenig Alternativen. Der neue Süden wird mehrheitlich abgekoppelt und
sich selbst überlassen.
Abbildung 2: Modell globaler Fragmentierung
Quelle: Scholz 2002b, S. 11
Seite 16 von 110
Seminar Humangeographie
2.2.5 Theorie der Langen Wellen
Die Theorie der Langen Wellen geht in ihren Grundaussagen auf die Arbeiten von
KONDRATIEFF
und
SCHUMPETER
zurück.
Nach
SCHUMPETER
setzen
Innovationen eine wellenförmige Wachstumsdynamik in Gang. Demzufolge treten
Basisinnovationen in zyklischen Abständen gehäuft auf und lösen aufgrund ihrer
Verflechtung mit anderen Wirtschaftsbereichen Wachstumsschübe (Wellen) aus.
SCHUMPETER kann damit neben KONDRATIEFF als Begründer der Theorie der
„Langen Wellen“ angesehen werden. Allerdings bleibt der Ansatz bei beiden
Vertretern ohne Bezug zur regionalen Ebene. Der Aufschwung einer Langen Welle
wird durch eine Gruppe zum Teil verknüpfter Basisinnovationen verursacht. Die
Basisinnovationen schaffen als Produktinnovationen neue Wachstumsindustrien und
bewirken
als
Prozessinnovationen
grundlegende
Veränderungen
in
schon
bestehenden Wirtschaftszweigen. Der Abschwung tritt ein, wenn sich die
Innovationskraft der neuen Technologien erschöpft. (vgl. Vorauer 1996, S.38).
Abbildung 3: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung der langen Wellen
Quelle: Schätzl 1993, S.30
Seite 17 von 110
Seminar Humangeographie
Rückblickend betrachtet zählen zu den herausragenden Basisinnovationen die
Dampfkraft und Fortschritte in der Textil- und Eisenindustrie zu Beginn des 19.
Jhdts., Neuerungen im Verkehrswesen (Eisenbahn, Dampfschiffe) und die Eisenund Stahlindustrie in der 1. Hälfte des 19 Jhdts., Automobilindustrie, chemische
Industrie und Elektrizität zur Jahrhundertwende sowie Elektronik und Petrochemie
Mitte des 20. Jhdts. Als letzte und künftige Basisinnovationen werden neben
Mikroelektronik die Bio- und Gentechnologie angesehen. Obwohl die Existenz langer
Wellen
heute
weitgehend
unumstritten
ist,
gibt
es
erhebliche
Auffassungsunterschiede hinsichtlich der Ursachen, der Zyklenlänge und der Anzahl
der Wellen. So ist bspw. nicht unumstritten, ob die Aufschwungphasen langer Wellen
wirklich nur durch technologische Innovationen verursacht werden oder ob nicht
vielmehr andere Faktoren, wie Krieg oder historische Zufälligkeiten, von größerer
Bedeutung sind (vgl. Vorauer 1996, S.38-39).
2.2.6 Regionale Produktzyklustheorie
Im Gegensatz zu den großräumigen Verschiebungen der langen Wellen leistet die
Regionale Produktzyklustheorie einen Beitrag zur Verlagerung wirtschaftlicher
Aktivitäten
aus
mikroökonomischer
Sicht.
Im
Rahmen
der
Regionalen
Produktzyklustheorie wird davon ausgegangen, dass Produkte und Industrien
Lebenszyklen mit den Phasen Entwicklung und Einführung, Wachstum, Reife und
Schrumpfung durchlaufen, wobei sich beim Übergang von einer zur nächsten Phase
nicht
nur
die
Produktions-
und
Absatzbedingungen,
sondern
auch
die
Standortvoraussetzungen verändern. Im Einzelnen wird argumentiert, dass die
Einführungsphase humankapitalintensiv ist und hohe Investitionen im Bereich
Forschung und Entwicklung erfordert. Die entsprechenden Voraussetzungen sind
generell in den Zentren von Agglomerationen hoch entwickelter kapitalistischer
Länder gegeben.
Seite 18 von 110
Seminar Humangeographie
Die zahlreichen empirischen Überprüfungen produktzyklustheoretischer Hypothesen
kommen
allerdings
keineswegs
zu
einheitlichen
Ergebnissen.
Die
daraus
resultierende Kritik konzentriert sich unter anderem auf strikte Annahmen, wie jener
der Verlagerung von Produkten bzw. Betrieben im Zuge des Alterungsprozesses
vom Zentrum in die Peripherie oder jener der Gültigkeit der Zyklusphasen für alle
Industrieprodukte (Sternberg 1995, S. 49).
Produktzyklus-Theorie
von
Vernon
(1966)
und
Hirsch
(1967):
Erklärung
wirtschaftlicher Entwicklungen ausgehend von der Produktebene mit einem kurz- und
mittelfristigen Zeithorizont. Annahme: Produkte verfügen über eine begrenzte
Lebensdauer. Im Laufe der Zeit ergeben sich bei einem Produkt Veränderungen
hinsichtlich Produktgestaltung, Produktionsbedingungen und Absatzbedingungen.
Lebenszyklus-Konzept mit vier Stadien:
1. Entwicklungs- und Einführungsphase
2. Wachstumsphase
3. Reifephase
4. Schrumpfungsphase
Abbildung 4: Phasen des Produktzyklus
Quelle: Schätzl 2001, S.210-217
Seite 19 von 110
Seminar Humangeographie
2.2.7 Regulationstheorie
Weder die Theorie der Langen Wellen und die Regionale Produktzyklustheorie (aus
mikroökonomischer Sicht) noch andere traditionelle Erklärungsansätze können die
derzeitigen Strukturkrise der wesentlichen Industriestaaten mit ihren äußeren
Anzeichen, wie stagnierendes Wirtschaftswachstum, sinkende Reallöhne, Kürzungen
staatlicher
Sozialleistungen,
Massenarbeitslosigkeit,
Deindustrialisierung,
Staatsverschuldung, Umweltzerstörung sowie soziale Konflikte hinreichend erklären.
Angesichts der vorhandenen Theorieansätze werden in den letzten Jahren verstärkt
so
genannte
regulationstheoretische
Erklärungsansätze
diskutiert,
die
demgegenüber einen umfassenden Anspruch erheben. Im Unterschied zur Theorie
der Langen Wellen wird in der Regulationstheorie die langfristige Entwicklung von
Volkswirtschaften
als
eine
nicht
deterministische
Aufeinanderfolge
stabiler
Entwicklungsphasen (Formationen) angesehen, deren Struktur sowohl durch
wirtschaftliche und technologische als auch durch gesellschaftliche und politische
Einflüsse geprägt sind. Der Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase erfolgt
durch eine Krise (Formationskrisen oder Krisen der Akkumulation). Die wirtschaftlichgesellschaftliche Struktur einer Volkswirtschaft wird dabei zu jedem beliebigen
Zeitpunkt in zwei Teilkomplexe unterteilt, die sich wechselseitig beeinflussen,
gleichzeitig
aber
auch
eine
Eigendynamik
besitzen:
Wachstumsstruktur
(Akkumulationsregime) und Koordinationsmechanismus (Regulationsweise) (vgl.
Bathelt 1994, S. 65).
Die Wachstumsstruktur lässt Parallelen zur Theorie der Langen wellen erkennen. Sie
entsteht im Wesentlichen durch das Zusammenwirken von Produktionsstruktur und
Konsummuster. Zu den wichtigsten Bestandteilen der Produktionsstruktur zählt das
industrielle
Paradigma,
gekennzeichnet durch
vorherrschende
Produkt- und
Prozesstechnologien, welche wiederum spezifische Produktionskonzepte bzw. eine
entsprechende Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung bewirken. Das Ergebnis ist
eine spezifische Industrie- und Produktionsstruktur. Dem steht ein Konsummuster,
welches unter anderem von Präferenzen, der Einkommensverteilung, den Haushaltsund Familienstrukturen sowie den kulturellen Traditionen abhängt, mit einer nach
Höhe und Zusammensetzung differenzierten Nachfragestruktur gegenüber.
Seite 20 von 110
Seminar Humangeographie
Produktion und Konsum stehen über marktbedingte und nicht marktbedingte
Austauschprozesse miteinander in Beziehung. Im Unterschied zur Theorie der
Langen Wellen kommt in der Regulationstheorie neben der Wachstumsstruktur dem
Koordinationsmechanismus,
der
den
wirtschaftlichen,
gesellschaftlichen
und
politischen Handlungsrahmen definiert, eine bedeutende Rolle zu. Erst durch den
Koordinationsmechanismus wird das Verhalten von Individuen und Gruppen so
geregelt,
dass
konsistente
makroökonomische
Produktions-
und
Konsumbeziehungen möglich sind. Indem die Regulationstheorie den Anspruch auf
eine umfassende Theorie zur Erklärung komplexer Entwicklungszusammenhänge
erhebt, sind aber auch Teilbereiche so allgemein formuliert, dass sich eine
empirische
Überprüfung
schwierig
gestaltet,
andererseits
aber
auch
eine
Widerlegung praktisch ausgeschlossen ist (vgl. Bathelt 1994, S. 74).
2.2.8 Netzwerke und Innovative Milieus
Die Analyse von Netzwerken ist älter als die Milieuidee: Sie geht in ihren
Grundzügen auf PERROUX und sein sektorales Polarisationsargument zurück.
Allerdings
werden
in
dessen
Rahmen
die
Netzwerke
nur
auf
einer
mikroökonomischen Ebene, verstanden als Zulieferverflechtungen eines Betriebes,
behandelt. Erst als integraler Bestandteil des Milieu-Ansatzes gewinnt der
Netzwerkgedanke
an
Erklärungsgehalt
hinsichtlich
der
regionalen
Innovationsprozesse.
Der Milieu-Ansatz wurde von der französischen GREMI-Gruppe („Groupe de
recherche europeen sur les milieux innovateurs“) geprägt. Als Milieu einer Region
werden Interaktionen von Unternehmen, Institutionen und Arbeitskräften verstanden,
die durch gemeinsames, kooperatives Lernen die Unsicherheiten während
technologischer Paradigmenwechsel reduzieren helfen sollen. Vertreter des MilieuAnsatzes gehen davon aus, dass kleine Unternehmen den größten Nutzen aus, auf
solche Art organisierten regionalen Netzwerken ziehen (vgl. Sternberg 1995, S. 52).
Seite 21 von 110
Seminar Humangeographie
3.
Kritik an der Regulationstheorie
In der Regulationstheorie wird die langfristige Entwicklung von Volkswirtschaften als
eine
nicht-deterministische
Aufeinanderfolge
stabiler
Entwicklungsphasen
angesehen, deren Strukturen im Unterschied zur Theorie der Langen Wellen sowohl
durch wirtschaftliche und technologische als auch durch gesellschaftliche und
politische Einflüsse geprägt sind. Der Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase
erfolgt durch eine Krise. Trotz der hohen Akzeptanz, die die Regulationstheorie
erfahren hat, gibt es einige Schwachstellen und konzeptionelle Defizite, die eine
empirische
Überprüfbarkeit
erschweren,
die
grundlegende
Bedeutung
der
Regulationstheorie aber nicht in Frage stellen.
3.1
Schwachstellen und konzeptionelle Defizite der
Regulationstheorie

die Regulationstheorie hat einen metatheoretischen Charakter und ist in
Teilbereichen so allgemein formuliert, dass eine Widerlegung praktisch
ausgeschlossen ist

die Regulationstheorie gibt keine eindeutigen Hinweise darauf, wie die
verschiedenen
Entwicklungsphasen
empirisch
voneinander
abgegrenzt
werden können

ähnlich
den
anderen
Theorien
der
langfristigen
wirtschaftlich-
gesellschaftlichen Entwicklung erliegt auch die Regulationstheorie einen
gewissen Determinismus

in der Regulationstheorie findet eine Vermischung von mikro-, meso- und
makroökonomischen Aspekten statt

die Regulationstheorie ist historisierend, denn es wird unterstellt, dass
Krisenprozesse phasenspezifisch ablaufend; eine allgemeine Erklärung für
das Entstehen von Entwicklungskrisen und neuen Entwicklungsphasen
unterbleibt weitgehend
Seite 22 von 110
Seminar Humangeographie

die Veränderung der Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen werden in der
Regulationstheorie
durch
die
Abfolge
von
Entwicklungsphasen
und
Entwicklungskrisen erklärt, jedoch wird das Vorhandensein langfristiger
Trends, die unabhängig von bestimmten Entwicklungszusammenhängen
anhalten, weitgehend ausgeschlossen

an der Theorie der langen Wellen wird bemängelt, dass sie den technischen
Fortschritt als exogene Größe betrachtet und somit nicht in der Lage ist, die
Ursachen des langfristigen wirtschaftlichen Wandels theorieintern zu erklären;
demgegenüber leidet die Regulationstheorie an einer zu starken Integration
und Internalisierung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse

aus
wirtschaftsgeographischer
Sicht
ist
festzustellen,
dass
der
Regulationsansatz keinen direkten räumlichen Bezug aufweist; da die
Raumstrukturen lediglich eine abgeleitete Teilkomponente bilden, lassen sich
nur indirekt Schlussfolgerungen ziehen
4.
Indikatoren zur Messung regionaler Disparitäten
4.1
Thematische Einführung
Der Begriff des Indikators und seine Bedeutung für die Wirtschaftsgeographie:
Im Diercke Wörterbuch Allgemeine Geographie (2001) werden Indikatoren „…als
ermittelbare Merkmale oder Daten verstanden, mit deren Hilfe man auf indirektem
Wege nicht unmittelbar erfassbare Aspekte der Raumstruktur und raumprägende
Prozesse
ermitteln
Wirtschaftsgeographie
und
mit
analysieren
der
kann.“
Erklärung,
Da
sich
Beschreibung
nun
gerade
und
die
Gestaltung
ökonomischer Raumsysteme befasst, sollte gemäß seiner Definition der Indikator ein
ideales Handwerkzeug für die Interessen und Ziele der Wirtschaftsgeographie sein.
Doch wie muss der Indikator beschaffen sein, um regionale Disparitäten zu
erfassen?
Seite 23 von 110
Seminar Humangeographie
Im „Lexikon der Geographie“ (2002) ist zu dem Stichwort „Regionale Disparitäten“
nachzulesen,
dass
sie
„…die
Ungleichheiten
(Disparitäten)
der
regionalen
Lebensbedingungen, die als räumlicher Ausdruck sozialer Disparitäten verstanden
werden“ thematisieren. Folglich soll der Indikator in der Lage sein, die
„Lebensbedingungen“ in einer Region zu messen, die definitionsgemäß sozial
geprägt sind. Dies bedeutet nicht nur eine Konzentration auf rein sozioökonomische
Themen, sondern es muss auch die Beziehung Mensch-Umwelt miteinfließen.
Gerade wenn man bedenkt, dass beispielsweise allein in der Frage der nachhaltigen
Nutzung nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen die Lebensbedingungen
zukünftiger
Generationen
doch
stark
von
der
weiteren
Entwicklung
der
naturräumlichen Ausstattung abhängig sein wird. Daher soll der Begriff der
„Lebensbedingungen“
und
noch
vielmehr
dessen
Abstraktion,
nämlich
„Lebensqualität“, quasi als Leitmotiv der gesamten Diskussion um die Indikatoren als
Messinstrument für regionale Disparitäten dienen.
4.2
Methodische Einführung
Schon in dieser ersten Annäherung an das Thema fällt auf, das mal von dem
Indikator und ein andermal von den Indikatoren die Rede ist. Ist es nun ein einziger
Indikator, der womöglich sämtliche Merkmale in sich trägt, oder sind es mehrere, die
alle nur Teilaspekte beleuchten? Diese Frage wird von den beiden Prinzipien der
Indikatorbildung, „Partialität“ und „Substituierbarkeit“ wieder aufgegriffen. Das Prinzip
der Partialität weist darauf hin, dass ein Indikator nie für sich alleine einen gesamten
Sachverhalt beschreiben kann und daher auch nie in voller Abhängigkeit zu dem
jeweiligen Phänomen, welches er nur partiell beschreibt, steht.
„Ein gut geputzter Teppich ist ein guter Indikator für eine saubere Hausfrau, durch
das Putzen des Teppichs wird aber die Hausfrau nicht sauberer.“ Im konkreten Fall
bedeutet dies, dass die durchschnittliche Lebenserwartung sehr wohl ein Indikator für
den allgemeinen Gesundheitszustand ist und darüber hinaus sogar noch ein so
genannter „repräsentativer Indikator“, wie in der Fachliteratur diejenigen Indikatoren
genannt
werden,
die
bezüglich
eines
bestimmten
Sachverhaltes
(z.B.
Gesundheitszustand) ein Maximum an Informationen aufweisen.
Seite 24 von 110
Seminar Humangeographie
Der Indikator „Durchschnittliche Lebenserwartung“ behandelt aber nur einen
Teilaspekt des Gesundheitszustandes, nämlich die Lebensdauer. Ist es daher nicht
notwendig vorerst festzulegen was den Gesundheitszustand überhaupt ausmacht? In
dieser Fragestellung liegt die Kritik, die vor allem häufig gegenüber den sozialen
Indikatoren laut wird, nämlich dass sie subjektiv und manipulierbar seien. Die
Eigenschaft, dass Indikatoren ähnlichen Informationsgehalt haben können und somit
gegeneinander austauschbar sind, wird als Substituierbarkeit bezeichnet.
Neben der durchschnittlichen Lebenserwartung beschreibt auch der Indikator
„Säuglingssterblichkeit“ den Gesundheitszustand. Diese Ähnlichkeit ist eine wichtige
Voraussetzung bei der Bildung von Indizes. Sie erlaubt es, repräsentative, oder in
der Sprache der Statistik, hoch signifikante Indikatoren, die eine hohe Korrelation,
d.h.
einen
hohen
gemeinsamen
Informationsgehalt,
aufweisen,
zu
Indizes
zusammenzufassen. Die Auswahl geeigneter Raumeinheiten, auf deren Basis die
Daten verglichen werden sollen, sind von entscheidender Bedeutung. Ist das
gewählte Raster zu weitmaschig, werden die eigentlichen räumlichen Disparitäten
möglicherweise durch die Mittelwerte verdeckt; ist es zu engmaschig werden die
Disparitäten überbetont. Die räumliche Ausprägung regionaler Ungleichgewichte ist
somit nicht nur eine Frage der untersuchten Inhalte, sondern ebenso eng verknüpft
mit dem Betrachtungsmaßstab.
4.3
Kriterien für die Auswahl und Bildung von Indikatoren
Bei der Auswahl und Bildung von Indikatoren sind folgenden Kriterien zu beachten:

das Kriterium der Datenverfügbarkeit, weil auch das beste Maß nichts messen
kann, wenn die Daten nicht in ausreichender Menge vorliegen;

das Kriterium der länderübergreifenden und intertemporalen Vergleichbarkeit,
um historische Vergleiche und Trendanalysen zu ermöglichen;

das Kriterium der Konsistenz, Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten;
Seite 25 von 110
Seminar Humangeographie

das Kriterium der Validität, das sicherstellt, dass die ausgewählten Indikatoren
in ein theoretisches Konzept passen und wirklich das messen, was sie
messen sollen;

das Kriterium der begrifflichen Signifikanz, das anzeigt, ob der Indikator
wirklich wichtige Aspekte erfasst;

das Kriterium der Unterscheidungskraft, das sicherstellen soll, dass mit dem
Indikator Unterschiede aufgezeigt werden können;
Seite 26 von 110
Seminar Humangeographie
5.
Regionale Disparitäten in Europa
Nachdem in den vorigen Kapiteln der theoretische Rahmen des Begriffs der
regionalen Disparitäten abgesteckt wurde, wird in Folge versucht, das Phänomen in
der
Vielseitigkeit
seiner
Erscheinungsformen
zu
beleuchten
und
anhand
ausgewählter Darstellungen greifbar zu machen. Dabei wird das Augenmerk auf
Europa gerichtet, da angesichts der fortschreitenden Integration unterschiedlicher
Länder in einen Gemeinschaftsraum, der Europäischen Union, der Wahrnehmung
von Ungleichheiten auf räumlicher Ebene eine besondere Bedeutung zukommt. Dies
betrifft sowohl die Messung (der Zustände und der Entwicklungen), als auch die
Darstellung von, sowie den Umgang (wie Maßnahmen zur Reduktion) mit
Disparitäten.
Bei globalen Betrachtungen von Unterschieden hinsichtlich der gesellschaftlichen
Entwicklung und Wirtschaftsleistung und in Folge auch der Ausprägung von
Wohlstand, können europäische Staaten durchwegs dem „Spitzenfeld“ zugeordnet
werden. Diese grundsätzliche starke Positionierung Europas im weltweiten Vergleich
kann durch graphische Darstellungen wie der folgenden veranschaulicht werden:
Abbildung 5: Die Welt-Einkommenspyramide 1994
Quelle: Huster 1996, S. 37
Seite 27 von 110
Seminar Humangeographie
Derartige Globaldarstellungen lassen jedoch nicht erkennen, dass auch Europa
deutlich binnenstrukturiert ist und das Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern und
den Regionen - sowie innerhalb derer – stark ausgeprägt ist. Doch schon in der
Nachkriegszeit
im
letzten
Ungleichheiten
(vor
allem
Forschungsinhalt.
In
Folge
Jahrhundert
wurde
wirtschaftlicher
wurden
die
Natur)
theoretische
Bedeutung
erkannt
und
Konzepte
zur
regionaler
zu
einem
regionalen
Entwicklung, wie die „blaue Banane“ oder der „Sunbelt“, entwickelt, die aufgrund
eines politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandels nur eine begrenzte Zeit eine
gewisse Gültigkeit besaßen. Gerade nach der Wende in Osteuropa Ende der 1980er
Jahre
massive
Umstrukturierungsprozesse
im
Gang
gebracht,
welche
der
Entwicklung der regionalen Disparitäten auf dem Kontinent eine besondere Dynamik
verleihen. Als Konsequenz wurde erstmals versucht, den Strukturwandel Europas im
Kontext der europäischen Integration und Entwicklung zu erklären.
In diesem Kapitel wird nun versucht, die regionalen Disparitäten auf europäischer
Ebene in Hinsicht auf unterschiedliche sozioökonomische Faktoren (Armut, bzw.
soziale Segregation und im Zusammenhang damit: BIP, Arbeitslosigkeit, etc.) zu
beleuchten.
Diese
werden
zwar
in
einen
weitreichenden
politischen
und
gesellschaftlichen Kontext gesetzt, doch es müssen gewisse (vor allem strukturelle,
demographische und volkswirtschaftliche) Grundlagen bewusst unberücksichtigt
bleiben, um nicht den thematischen Rahmen der Problematik regionaler (also primär
räumlicher) Aspekte ökonomischer Disparitäten zu sprengen. Dabei wird auf diverse
(vor allem EU-weite) Datenerhebungen Bezug genommen. Nachdem in einem ersten
Schritt Initiativen, inklusive der Probleme, die sich bei den gemeinsamen
Anstrengungen (zur Vereinheitlichung) der Erfassung von Ungleichheiten entstehen,
vorgestellt werden, wird auf die allgemeine historische Entwicklung regionaler
Disparitäten in Europa (in den letzten 50 Jahren) eingegangen. Danach werden
gesondert
einige
Teilbereiche
herausgegriffen
und
aktuelle
Ausprägungen
dargestellt. Letztlich werden noch die Herausforderungen, die sich für die
europäische Regionalpolitik und die Sozialsysteme ergeben, untersucht und in den
Kontext
der
gesamteuropäischen
Integrationsbemühungen
gestellt.
Die
Darstellungen enthalten dabei stets (trans-)nationale, sowie (groß-)regionale Bezüge.
Seite 28 von 110
Seminar Humangeographie
5.1
Die Messung bzw. die Erfassung von Armutserscheinungen in der EU
Während international häufig verwendete Indikatoren zur Messung von Wohlstand,
wie
das
BIP
pro
Einwohner,
Kaufkraft-Indizes
oder
Arbeitslosenquoten
vergleichsweise einfach zu erheben sind, stellt die Feststellung von Armut,
Deprivation und sozialer Ausgrenzung eine besondere Herausforderung an die
Methodik dar.
Wie bereits erwähnt wurde, sind soziale Disparitäten als ein in verschiedenen
regionalen Dimensionen und in unterschiedlichen Ausprägungen existierendes
(problematisches) Phänomen zu betrachten. In Europa wurde das Bestehen sozialer
Unterschiede relativ bald nach den Erweiterungsschritten der EU als ein Problem
erkannt, das nicht nur in den einzelnen Ländern des Kontinents bekämpft, sondern
angesichts von Integrationsbemühungen über nationalstaatliche Grenzen hinweg als
gemeinsame Angelegenheit behandelt werden muss. Allerdings blieben die ersten
Versuche, dieses Problem zu erfassen, eher in ihren Ansätzen stecken und so waren
erst einige Anläufe notwendig, um die Problematik auf einer länderübergreifenden
Forschungsebene operationalisierbar zu machen. So wurde bereits in den 1970er
Jahren ein erstes europäisches Anti-Armutsprogramm ins Leben gerufen, welches
von
1975
bis
1980
lief
und
neun
nationale
Berichte
zu
Armut
und
Armutsbekämpfungspolitik umfasste. Ein zweites Programm, von 1986 bis 1989
enthielt kein Forschungselement und konzentrierte sich stattdessen auf lediglich
nationale politische Maßnahmen, um des Phänomens Armut Herr zu werden.
Während dieses Programms arbeitete das statistische Amt der EU-Kommission
namens Eurostat zusammen mit nationalen Statistikbehörden sowohl an der
langzeitlichen Verbesserung von Armutsindikatoren, als auch an einer Einigung über
die Mittelaufwendung für die Datenerfassung von Gruppen mit einem geringen
Einkommen. Erst im Zuge eines dritten Programms wurde von 1990 bis 1994 an eine
Reihe von europaweiten Studien gearbeitet. Dabei konnten massive Fortschritte
hinsichtlich der Armutskonzepte erzielt und Länderrankings in Bezug auf den
Armenanteil an der Gesamtbevölkerung erstellt werden.
Seite 29 von 110
Seminar Humangeographie
Es
wurden
neben
Einkommensvariablen
auch
nicht-monetäre
Indikatoren
berücksichtigt, wie die Verfügbarkeit von Mitteln und Einrichtungen, die Beteiligung
an bestimmten Aktivitäten und inwieweit die Menschen finanziellen Druck
unterworfen waren. (vgl. Barnes 2002, S. 12ff).
Im Rahmen dieses dritten Armutsprogramms richtete die Generaldirektion V der
Europäischen Kommission für „Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale
Angelegenheiten“ so genannte „Beobachtungsstellen“ (Observatories) ein, welche
über nationale Politiken und soziale Entwicklungen der Mitgliedsstaaten berichteten
(vgl. Huster 1996, S. 7). Zu diesen gehörte ein „Observatory on National Policies to
Combat Social Exclusion“, dessen Arbeit nach einer Ministerratsentscheidung gegen
ein weiteres Programm wieder eingestellt wurde. Dennoch wurden im Zuge dieser
Anstrengungen umfassende Informationen zusammengetragen und das Wissen
europäischer Experten gesammelt. Allerdings bestand ein Problem in der
Vergleichbarkeit der Daten, da neben Unterschieden bei den Erhebungsmethoden
auch teilweise ein zu geringer Befragungsumfang vorlag. Nach der Überprüfung der
verwendeten Indikatoren und Verbesserungsvorschlägen seitens Eurostat, wurden
erstmals Household panel surveys durchgeführt und im Rahmen des „The Panel
Comparability Project“ in eine internationale Datenbank integriert. Diese Ansätze sind
als Vorläufer der im nächsten Abschnitt vorgestellten Datenerhebungen zu
betrachten.
Schon bei der Weiterentwicklung der Programme zeichnete sich der Trend ab, im
EU-Kontext die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung gegenüber der Bekämpfung
absoluter Armut (Unterscheidung siehe Abschnitt 5.1.1.) als vorrangiges politisches
Ziel zu behandeln. So sollte der Deprivationsbegriff in seiner Multidimensionalität der
Gegenstand der Analyse und der Politik sein. Zusätzlich zur Frage nach der Teilhabe
am materiellen Wohlstand rückte die gesamtgesellschaftliche Partizipation in
Bereichen wie Wohnung, Bildung, Gesundheit und Zugang zu Dienstleistungen in
den Mittelpunkt des Interesses (vgl. Huster 1996, S. 56f).
Seite 30 von 110
Seminar Humangeographie
So stellte die EU-Kommission im Jahr 2004 fest:
„Eine absolute Vorstellung [von Armut] ist für die EU vor allem aus zwei
Gründen weniger relevant. Zum einen besteht für Europa die wichtigste
Aufgabe nicht darin, einen grundlegenden Lebensstandard zu erreichen,
wie in den weniger entwickelten Regionen der Welt, sondern vielmehr
darin, die gesamte Bevölkerung der Segnungen eines Wohlstands auf
hohem Niveau teilhaftig werden zu lassen. Zum anderen hängt das, was
als
annehmbarer
Mindest-Lebensstandard
gilt,
weitgehend
vom
allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsniveau ab, das
zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten oft erhebliche Unterschiede
aufweist“
(Guio 2005, S. 1)
Im Rahmen der Verträge von Amsterdam (Treaty establishing the European
Community, Artikel 136) und von Lissabon im März 2000 wurde die Bekämpfung von
Armut und sozialer Ausgrenzung von den EU-Mitgliedsstaaten zum wesentlichen Ziel
erklärt, wobei sowohl ökonomische, als auch soziale und politische Entwicklungen in
diverse Anstrengungen mit einbezogen werden (vgl. Heady 2002, S. 150). Im
ehrgeizigen Bestreben, Armut in Europa bis 2010 zu beseitigen, wurde auf dem EUGipfel desselben Jahres in Nizza beschlossen, an der Koordination gemeinsamer
Aktionspläne zur Erreichung vereinbarter Zielsetzungen, sowie der periodischen
Berichterstattung und der Überprüfung von Fortschritten zu arbeiten (vgl. Amt für
amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 65).
5.1.1 Das Dateninstrumentarium (ECHP, EU-SILC)
Beim internationalen Vergleich der (Armuts-)Berichtserstattung bestanden in Europa
bis zur Mitte der 1990er Jahre die Probleme, dass die vorhandenen Sozialstatistiken
eine unterschiedliche Qualität aufwiesen, Begriffe wie „Armut“ und „soziale
Ausgrenzung“ in den einzelnen Ländern höchst konträr aufgefasst wurden und dass
die Gewichtung von Haushalten (bei Berechnung des Einkommens), sowie
Seite 31 von 110
Seminar Humangeographie
politische
Aktivitäten
(z.B.
in
Bezug
auf
Festlegung
der
Ansprüche
von
Sozialleistungen) nicht einheitlich geregelt waren (vgl. Huster 1996, S. 29).
Im Jahr 1994 wurde bei einem Seminar der University of Bath erstmals darauf
gedrängt, dass Eurostat das Konzept der „social exclusion“ weiter fassen, und diesen
nicht lediglich mit Armut gleichsetzen sollte, sondern auch fünf Schlüsselfaktoren zu
berücksichtigen hätte (vgl. Barnes 2002, S. 5). So ist der Begriff:
1. multi-dimensional und über den Einkommensaspekt hinausgehend;
2. dynamisch und als Prozess zu verstehen;
3.
in
Nachbarschaftsdimensionen
reichend
und
wird
auch
durch
eine
unzureichende Infrastruktur bewirkt;
4. im Gegensatz zum Armutsbegriff, der sich über Verteilung von und Teilhabe an
Ressourcen definiert, relational, da auf Teilnahme am sozialen Leben, Integration
in Gemeinschaft und Mangel an Macht bezieht;
5. eine eklatante Diskontinuität in Verhältnissen zu dem Rest der Gesellschaft
implizierend
Lamei unterscheidet drei Begriffsebenen: „Armut“ als „Mangel an Ressourcen“,
„Deprivation“ als „beschränkter Zugang zu einem gewissen Lebensstandard und
damit verbundnen Gütern“ und „soziale Ausgrenzung“, die als „Ausgrenzung aus
notwendig erachteten gesellschaftlichen Bereichen“ (ohne dass unbedingt ein
Zusammenhang mit monetärer Armut gegeben sein muss) (vgl. Lamei 2005, S. 352).
Dabei versuchen
letztere
beide Begriffe,
das Armutsphänomen
auf
einer
multidimensionalen Ebene zu erfassen (und werden aufgrund der weitgehenden
Übereinstimmung ihrer Konzepte
in
den
weiteren
Betrachtungen
synonym
aufgefasst). Sie unterscheiden sich vor allem dadurch, dass bei sozialer
Ausgrenzung noch eine dynamische Komponente mit einfließt:
Seite 32 von 110
Seminar Humangeographie
Tabelle 1: Konzeptualisierung und Messung von Armut, Deprivation und Sozialer
Ausgrenzung
Quelle: Barnes 2002, S. 7
Eurostat griff diese Anregungen auf und präsentierte mit dem European Community
Household Panel (ECHP) eine Erhebung, die erstmals wirklich Vergleiche der
Mikrodaten innerhalb der EU zuließ, wobei das Hauptaugenmerk immer noch auf
Einkommensarmut gerichtet wurde, da davon ausgegangen wurde, dass diese nichtmonetäre Deprivationsformen bewirkt. Die multi-dimensionale Berichterstattung sollte
vielseitige Zwecke verfolgen und die Forschung, Ausarbeitung und Überwachung
von europäischen Armutsbekämpfungsansätzen ermöglichen. Sie basierte auf einem
harmonisierten Fragenkatalog, der in bestimmten Fällen erweitert und an nationale
Besonderheiten angepasst wurde. Das zweiteilige Panel Survey (Befragung einer
repräsentativen
(demographische,
persönlichen
Gruppe)
bestand
ökonomische,
Interview,
welches
aus
etc.)
auf
einer
Befragung,
Haushaltsaspekte
individuelle
die
bezog,
sich
und
Informationen
über
auf
einem
den
Gesundheitszustand, den Arbeitsmarkt oder das Einkommen aufgerichtet war (vgl.
Barnes 2002, S. 14f und S. 17ff).
Seite 33 von 110
Seminar Humangeographie
Das Projekt wurde 1994 in 12 der damaligen 15 EU-Mitgliedsstaaten begonnen und
seit 1995 in Österreich (bei ungefähr 3.000 Haushalten, bzw. 8.000 Personen)
durchgeführt (vgl. Tentschert 2001, S. 2 und S. 4). Die Befragung berücksichtigte
neben Einkommensgrößen auch folgende Bereiche der sozialen Ausgrenzung (vgl.
Lamei 2005, S. 353):
1. grundlegende Bedürfnisse (nach Konsumgütern)
2. Wohnen
3. Bildung
4. Gesundheit
5. Soziale Beziehungen
6. Soziale Teilhabe
7. Finanzielle Situation eines Haushaltes
Bis 2003 galt das EHCP als Grundlage für die EU-weite Berichterstattung über
Armutsgefährdung (in Österreich zuletzt bis 2001 durchgeführt) und wurde dann von
der
weiterentwickelten
statistischen
Nachfolgeerhebung
EU-SILC
(European
Community Statistics on Income and Living Conditions) abgelöst, welche auf
vereinbarte zentrale Indikatoren diverser Dimensionen von Armut und sozialer
Ausgrenzung fokussiert ist (vgl. Lamei 2005, S. 350).
Um eine bessere Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten, wurden für EU-SILC
(deutsch:
„Leben
in
Europa“)
in
allen
EU-Mitgliedstaaten
einheitliche
Begriffsdefinitionen und methodische Mindeststandards vereinbart und auch
subjektive Einschätzungen der Lebensbedingungen in den Befragungskatalog mit
einbezogen. Die Basis stellten 18 Indikatoren dar, welche vom Europäischen Rat in
Laeken 2001 verabschiedet wurden, um Verbesserungen bei der Messung der Ziele
des Europäischen Rates von Lissabon zu herbeizuführen (vgl. Amt für amtliche
Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 65). Die Statistik wird
seit 2005 in sämtlichen EU-Ländern, sowie in Norwegen und Island erhoben (vgl.
Statistisches Bundesamt 2006).
Seite 34 von 110
Seminar Humangeographie
5.1.2 Methodik - Indikatoren, Variablen und multidimensionale Aspekte
Bei der EU-Berichterstattung der Armutsgefährdung mit den oben erwähnten
statistischen Erhebungen stellt das jährliche Haushaltseinkommen den zentralen
Armutsindikator
dar,
wobei
ein
gewichtetes
Pro-Kopf-Einkommen
(Äquivalenzeinkommen) berechnet wird. Als standardisiertes Haushaltseinkommen
werden sämtliche Einkommensbezüge und Einkünfte eines Haushaltes zu einem
gesamten verfügbaren Haushaltseinkommen aufsummiert. Dieses setzt sich wie folgt
zusammen (vgl. Tentschert, 2001, S. 6):
(selbständige
und
unselbständige)
Erwerbseinkommen
+
Sozialleistungen
(Transfers) + Pensionen + Private Einkünfte (aus Vermögen)
Da Jahreshaushaltseinkommen wird in Folge mittels einer Äquivalenzskala
gewichtet, damit
die Vergleichbarkeit von Haushalten unterschiedlicher Größe
zulässig wird (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 20f). Eurostat verwendet die
modifizierte Version einer OECD-Skala, welche den Haushaltsvorstand mit 1, jeden
zusätzlichen Erwachsenen mit 0,5, sowie zusätzliche Kinder (unter 14 Jahren) mit
0,3 gewichtet. Danach wird die Summe der Gewichte errechnet, welche auch zur
Bedarfsermittlung dient (z.B. zur Bestimmung der Sozialhilfehöhe).
Da über dieses Gesamteinkommen Armut nur indirekt erfasst werden kann, wird bei
der Berichterstattung von Armutsgefährdung gesprochen. Aufgrund der Vielfalt an
Interpretationsmöglichkeiten dieses Begriffs (zuvor existierten in unterschiedlichen
Ländern mehrere Armutsgrenzen), wurden, um Validitätsprobleme bei der Messung
zu vermeiden, 60 % des Median (die Verteilung wird in zwei gleich große Hälften
geteilt) des gewichteten Jahreseinkommens als kritischer Wert festgelegt, wobei der
monetäre Schwellenwert jedoch für jede Beobachtung neu bestimmt werden muss
(vgl. Lamei 2005, S. 349). Der Median wurde aus Gründen der statistischen
Robustheit ausgewählt, da (im Gegensatz zum statistischen Mittelwert) Verzerrungen
durch Extremwerte entfallen. Dieser Indikator wird insofern als aussagekräftig
erachtet, als dass die Höhe des Einkommens die Aufrechterhaltung eines gewissen
(gesellschaftlich erstrebenswert erachteten) Lebensstandards ermöglicht.
Seite 35 von 110
Seminar Humangeographie
Des Weiteren können Aussagen über die Intensität der Armutsgefährdung getroffen
werden, indem die so genannte Armutsgefährdungslücke bestimmt wird. Diese wird
als Differenz zwischen dem Medianeinkommen der Armutsgefährdeten und der
Armutsgefährdungsschwelle in Prozent der Schwelle ausgedrückt. Beispielsweise
verfügen armutsgefährdete Haushalte in Österreich über ein mittleres Einkommen,
das um rund 20 % unter dem Schwellenwert liegt (vgl. Lamei 2005, S. 350). Anders
ausgedrückt müssten diese Haushalte ein um ein Fünftel höheres Einkommen
aufweisen, um nicht als armutsgefährdet zu gelten. Dieser Sachverhalt wird bei
Betrachtung der folgenden Grafik verständlich:
Abbildung 6: Armutsgefährdung 2003
Quelle: Lamei S. 350
Neben den Einkommensgrößen wurden auch Indikatoren der nicht-monetären
Benachteiligung bestimmt. Auf Basis der ECHP-Daten wurde diese in fünf
Lebensbereichen klassifiziert und der einkommensbezogenen Armutsgefährdung
gegenübergestellt (vgl. Lamei 2005, S. 353).
Seite 36 von 110
Seminar Humangeographie
Dabei wird eine Unterscheidung von primärer Benachteiligung (Unvermögen, sich
grundlegende
Dinge
leisten
zu
können)
und
sekundärer
Benachteiligung
(erzwungener Verzicht auf als erstrebenswert geltende Güter) in der Lebensführung,
sowie von den drei zusätzlichen Dimensionen „Wohnungsprobleme“, „unzureichende
Wohnausstattung“ und „Wohnumgebungsprobleme“ möglich. In einigen Fällen
entstanden jedoch auch Probleme bei der Indikatorenzuteilung zu Dimensionen oder
es wurden bei der Erhebung zu geringe Fallzahlen erreicht. Als Beispiele können
„starke Belastung durch Wohnkosten“, „große Schwierigkeiten, mit Einkommen
auszukommen“, „Überbelag“, etc. genannt werden. Bei Vereinheitlichung der
Indikatoren
für
die
EU-Staaten
waren
Kompromisse
notwendig,
um
die
Vergleichbarkeit zu garantieren. Zudem wurden einige geplante Items aufgrund
kultureller Spezifika (soziale Beziehungen, subjektives Empfinden, etc.) bewusst
ignoriert.
Die fünf Dimensionen gestalten sich wie folgt (vgl. Lamei 2005, S. 353f):
-
primäre Benachteiligung der Lebensführung
Kann sich ein Haushalt leisten…
…einmal im Jahr Urlaub zu machen?
…die Wohnung angemessen warm zu halten?
…bei Bedarf neue Kleider zu kaufen?
…Fleisch, Fisch (oder eine gleichwertige vegetarische Speise) jeden zweiten
Tag zu
essen?
…unerwartet anfallende Ausgaben zu tätigen?
bzw. Ist der Haushalt mit Zahlungen im Rückstand?
Seite 37 von 110
Seminar Humangeographie
-
sekundäre Benachteiligung
Es können folgende langlebige Gebrauchsgüter aus finanziellen Gründen
nicht angeschafft werden:
-

PC

Handy

Internet-Anschluss

DVD-Player

Geschirrspülmaschine

PKW/Fahrzeug
Personen
über
16
Jahren
wurden
über
folgende
gesundheitliche
Einschränkungen befragt:

Person befindet sich in einem sehr schlechten Gesundheitszustand

Ist seit mindestens einem halben Jahr durch eine Behinderung stark
beeinträchtigt

-
-
Leidet unter einer chronischen Krankheit
Es treten folgende Wohnungsprobleme auf:

Kein Bad oder WC in der Wohnung

Schimmel oder Feuchtigkeit

Dunkle Räume

Keine Waschmaschine
Es treten folgende Probleme im Wohnumfeld auf:

Lärmbelästigung

Luft- oder Wasserverschmutzung durch Verkehr oder Industrie

Kriminalität, Gewalt, Vandalismus
Für EU-SILC wurden einige ECHP-Indikatoren entfernt und stattdessen neue, wie die
„Leistbarkeit unerwarteter Ausgaben“ oder die „Leistbarkeit eines notwendigen
Arztbesuchs“ hinzugefügt. Die Liste der Items muss regelmäßig bewertet werden, um
die Repräsentativität für die aktuellen Verbrauchsmuster in allen Mitgliedstaaten
sicherzustellen (vgl. Guio 2005, S. 3).
Seite 38 von 110
Seminar Humangeographie
Da das Fehlen eines einzelnen der oben erwähnten Indikatoren noch keine Aussage
über gesellschaftliche Benachteiligung zulässt, wurde auch hier ein Kriterium für eine
Deprivationsschwelle vereinbart. So müssen in den Bereichen der primären und
sekundären Benachteiligung zumindest drei Probleme, sowie in den anderen drei
Dimensionen
zwei
Bevölkerung
wurden
Probleme
auftreten.
addiert
und
Die
durch
Gewichtungen
die
Summe
der
des
gesamten
Durchschnitts-
„Zufriedenheits“-Ergebnis dividiert.
5.1.3 Definitions- und Messschwierigkeiten
Bei der Datenerfassung im Zuge der ECHP-Berichterstattung traten einige
methodische Probleme auf (vgl. Heady 2002, S.153f). Aufgrund der niedrigen
Befragungsbreite
und
somit
des
geringen
Datenumfangs
waren
präzisere
Rückschlüsse durch die Bildung von Untergruppen von gefährdeten Personen kaum
möglich. Als Panel-Befragung wurde somit die Dynamik des Prozesses der sozialen
Ausgrenzung unzureichend dargestellt. Zudem wurden soziale Beziehungen,
Familienverbünde oder Ausbildungsfragen zu ungenau erfasst. Wenngleich bei der
Neuorientierung
im
Zuge
von
EU-SILC
wesentliche
Überarbeitungen
und
Verbesserungen vorgenommen wurden, bleibt die Frage, inwieweit unterschiedliche
Kostenstrukturen (nach Alter, Geschlechtm Region, etc.), die durchaus die
Armutsschwellendefinition auf Basis des Einkommens beeinflussen, berücksichtigt
werden sollen oder können (vgl. Tentschert 2001, S. 7).
Zudem ergeben sich grundlegende Probleme durch den Umstand, dass Armut, bzw.
„Wohlfahrt“ nur indirekt empirisch erfassbar ist. In Europa setzte sich eine relative
Sicht von Armut durch, bei der das mittlere Wohlstandsniveau als Orientierungspunkt
gilt. Armut wird angenommen, wenn die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen,
um den in einer Gesellschaft üblichen Lebensstandard zu erreichen. Dabei wird der
Begriff zwar direkt über den Lebensstandard definiert, doch nur indirekt über das
Ausmaß an verfügbaren Ressourcen (wie Konsumgütern) gemessen (vgl. Lamei
2005, S. 352).
Seite 39 von 110
Seminar Humangeographie
Somit liegt einkommenszentrierten Ansätzen die faktisch unrealistische Annahme
zugrunde, dass ein identisches Einkommen die gleiche Wirkung erzielt. Dabei
werden beispielsweise die subjektive Wahrnehmung von Bedürfnissen (nach
Ressourcen), sowie Kostenstrukturen (wie ein Stadt-Land-Gefälle, etc.) und
bestimmte
Rahmenbedingungen
(wie Wohnverhältnisse
oder
eingeschränkte
Handlungskompetenzen aufgrund von Krankheiten, Sucht, etc.) außer Acht
gelassen.
Zu beachten ist auch, dass es sich beim Äquivalenzeinkommen um eine fiktive
Rechengröße handelt. Somit kann eine Annäherung an den Begriff nur gelingen,
wenn dieser nicht allein über Einkommen- oder Ausgabengrößen, sondern auch
durch Miteinbeziehung der Verfügbarkeit von Ressourcen – beispielsweise in den
Bereichen Gesundheit, Bildung und Wohnumständen – bestimmt wird (vgl.
Tsakloglou 2002, S. 25f). Damit steht die tatsächliche Wirkung von Ressourcen im
Vordergrund. Als Konsequenz stellt sich die Frage nach der Möglichkeit, Wohlfahrt
direkt durch Befragung zu messen, indem diese als Nutzen oder Zufriedenheit
verstanden, bzw. indem umgekehrt das Ausmaß von Mangel und Entbehrung von
Individuen (und in weiterer Folge von Haushalten) beurteilt wird (vgl. StrengmannKuhn 2003, S. 14ff). Wenn ein anzustrebendes „optimales“ Güterbündel“ von außen,
gesellschaftlich
definiert
wird,
müssen
Übereinkünfte
über
materielle
und
immaterielle Indikatoren getroffen werden. Doch die Zusammensetzung dieser
Dimensionen ist in Bezug auf ihre Zulässigkeit genauso in Frage zu stellen, wie die
Festlegung des erstrebenswerten Input-Output-Verhältnis (Input: die Ressourcen,
über die ein Haushalt verfügt, und Output: die Nutzen stiftenden Güter). Gerade
angesichts unterschiedlicher Ansprüche diverser Haushaltsformen aufgrund der
Lebenssituationen
und
ihrer
Alterszusammensetzung
sind
wiederum
auch
Unterteilungen und Gewichtungen kritisch zu betrachten. Die Erfassung von
Humankapital oder sozialem Kapital ist empirisch kaum möglich. Zudem müssen
einkommensrelevante Aspekte, wie die Versorgung mit öffentlichen Gütern, der
Ausbau
des
Sozialsystems,
das
Bestehen
einer
Schattenwirtschaft
und
unterschiedliche Anforderungen an Wohlfahrtsstandards (z.B. hinsichtlich der
Haushaltsausstattung) in Betracht gezogen werden.
Seite 40 von 110
Seminar Humangeographie
Außerdem muss die Armutgefährdungsschwelle insofern hinterfragt werden, als dass
nur schwer festgestellt werden kann, ab welchen Einkommen die Teilhabechancen
deutlich reduziert sind. Es sollte in diesem Kontext auch darauf hingewiesen werden,
dass bei Verwendung des Medians die Armutsgefährdungsquote nicht über einen
Prozentsatz von 50 % ansteigen kann und dass bei Anstieg aller Einkommen um
einen konstanten Faktor Armutsgefährdung unverändert bleibt (vgl. Lamei 2005, S.
351). Zudem bleiben Inflationsanstiege unberücksichtigt.
5.2
Der Integrationsprozess und regionale Entwicklungen in Europa
Vor Betrachtung des aktuellen Zustandes von räumlichen Ungleichheiten in der
Ausprägung unterschiedlicher sozioökonomischer Phänomene, erscheint es sinnvoll,
kurz die wesentlichsten regionalen Konzepte vorzustellen, mit denen versucht wurde,
die strukturelle Entwicklung Europas zu erfassen. Anschließend wird das Augenmerk
auf die tatsächliche Veränderung regionaler Disparitäten vor allem wirtschaftlicher
Natur
im
Zusammenhang
mit
Erweiterungsschritten
und
den
Integrationsbemühungen der EU gerichtet und die Osterweiterung gesondert
beleuchtet.
In der Forschung wird schon länger versucht, einen klaren sozioökonomischen
Schwerpunkt Europas auszumachen. Vor der EU-Erweiterung 1995 galt eine
Verdichtungszone als Zentrum der Entwicklung, welche sich von Südostengland über
die Benelux-Staaten, West- und Süddeutschland, Nordost- und Südfrankreich bis zur
Schweiz und Norditalien erstreckte. Diese Achse umfasste rund die Hälfte der
Bevölkerung, welche wiederum mehr als die Hälfte des BIP der EU produzierte. Die
Zone wurde von französischen Autoren aufgrund der geographischen Gestalt als
„blaue Banane“ bezeichnet und galt als das bekannteste Modell der jüngeren und
zukünftigen urbanen und regional-ökonomischen Struktur Westeuropas (vgl. Meyer
1997, S.11).
Seite 41 von 110
Seminar Humangeographie
Der französische Raumwissenschaftler Brunet, welcher den Begriff prägte, hatte bei
einer Untersuchung von 168 westeuropäischen Städten die Existenz eines
„Mègalopole“ in dem Raum von London über Frankfurt bis Mailand erkannt. Die
relativen Anteile daran teilten sich folgendermaßen auf: Deutschland 30,6 %,
Benelux 20,6 %, GB 18 %, Italien 16 %, Schweiz 7,7 % (vgl. Meyer 1997, S. 90).
Dieses Gebiet war zwar in seiner wirtschaftlichen und sozialen Erscheinung
keineswegs homogen, doch es war eine supranationale Region darstellbar, welche
einen
vergleichsweise
einheitlichen
Entwicklungsstand
und
relativ
ähnliche
demographische, ökonomische, kulturelle, politisch-administrative Strukturen aufwies
(vgl. Meyer 1997 S. 91). Sie wurde als eine Zentrumsregion identifiziert, die als hoch
entwickelt, polykephal strukturiert und stark urbanisiert eingestuft wurde und einen
Großteil der ökonomischen, politisch-administrativen, kulturellen Funktionen Europas
erfüllte (vgl. Meyer 1997, S. 266).
Abbildung 7: Die europäische Schwerpunktstruktur und Entwicklungstendenzen
Quelle: Meyer 1997, S. 24
Als Beleg für die Existenz dieser Struktur konnte beispielsweise die Verteilung der
Unternehmenszentralen
(ähnliches
gilt
für
andere
ökonomische
Schwerpunktstrukturen) im westeuropäischen Raum angeführt werden.
Seite 42 von 110
Seminar Humangeographie
So waren im Jahr 1992 die meisten der 500 größten EU-europäischen
Gesellschaften im Bereich des traditionellen Zentrums, des „Goldenen Dreiecks“
(„core triangle“) mit Begrenzungen London, Paris und Amsterdam/Bonn/Ruhrgebiet
angesiedelt (vgl. Meyer 1997, S. 69f). Dies betraf vor allem folgende Regionen:
London und SO-England (216), Paris und Ile de France (131), Rhein- und Ruhrgebiet
(51), Randstad Holland (39), Frankfurt (32). Die starke Konzentration der
geographischen Lage der Zentralen basierte auf traditionellen Industriegebieten,
besaß aber aufgrund des hohen Anteils an Innovationstätigkeiten, Forschung und
Entwicklung,
sowie
einer
überdurchschnittlichen
Produktivität
eine
gewisse
Selbsterneuerungskraft (vgl. Meyer 1997, S. 106). Zudem wurde häufig als
wesentliche Wachstumsregion der sogenannte „Sunbelt“ genannt, der sich von
Norditalien
über
Südfrankreich
bis
nach
Nordostspanien
erstreckte,
wo
wirtschaftliche Aktivitäten stark konzentriert waren (und freilich auch noch immer
sind) (vgl. Huster 1996, S. 43).
Allerdings hatten sich die regionalökonomischen Verteilungen innerhalb der EU seit
den
1970er
Jahren
Produktionssektoren
tiefgreifend
mit
Kernen
verändert.
aus
Neue
ausgewählten
Komplexe
flexibler
High-Tech-Industrien,
produktions- und firmenbezogenen Dienstleistungen entstanden in zuvor wenig
industriell besetzten Räumen, wie in Südostfrankreich, Nordostspanien, Südbayern
oder dem „Dritten Italien“ (im Norden). Dadurch folgten Verschiebungen bei der
Standortwahl
und
somit
Disparitätsrückgänge
zwischen
den
ehemaligen
Kerngebieten und neuen Zentren (vgl. Arnold 1995, S. 29).
Es wurde also erkannt, dass sich in der europäischen Wirtschaftsentwicklung eine
regionale Schwerpunktbildung stattfand. Konzepte, wie die „blaue Banane“ oder das
„goldene Dreieck“, boten jedoch auch reichlich Angriffspunkte und waren nur bis zu
einem gewissen Grad haltbar. Einerseits stellen sie eine starke Vereinfachung eines
sehr komplexen Zusammenhangs dar. Zudem war nur eine begrenzte Homogenität
innerhalb dieser Regionalstruktur gegeben.
Seite 43 von 110
Seminar Humangeographie
Des weiteren ist die Gültigkeit dieser Ansätze angesichts rapider Entwicklungen –
nicht zuletzt angesichts der Integrationsprozesse innerhalb der EU – zum heutigen
Zeitpunkt in Frage zu stellen, wenngleich eine gewisse Schwerpunktstruktur in den
erwähnten Gebieten sicherlich noch gegeben sein mag.
Der norwegische Sozialwissenschaftler Stein Rokkan bot mit seinen Überlegungen
eine weitere Erklärungsskizze für die strukturelle Schwerpunktbildung bei der
innereuropäischen Städtekonkurrenz (vgl. Meyer 1997, S. 189ff). Er sprach von
einem „polykephalen Städtegürtel“ und bezog sich dabei auf eine historische
Komponente von politischen, kulturellen und ökonomischen Dimensionen bei der
Erklärung der Staatenbildung. Stein Rokkan ging dabei von Interaktionsprozessen
zwischen Systemen aus, und bezog auch geographische Gegebenheiten mit ein, um
Schwerpunktstrukturen zu erklären. Durch historische Prozesse kam es laut Stein
Rokkan auf einer Nord-Süd-Achse zur Entwicklung eines „Gürtels freier Städte“,
einer Ansammlung von zentralen Orten, die zueinander im Wettbewerb stehen. In
Folge entstand ein ökonomisch dominantes und gleichzeitig politisch fragmentiertes
Gebiet mit einem Handels- und Städtenetzwerk. Jenseits dieses Städtegürtels, vor
allem östlich und westlich, war die politisch-administrative Zentrumsbildung leichter
möglich. Somit erfolgte sowohl eine Strukturerhaltung durch eine bestehende
Dominanz, welche aber gleichzeitig impulsgebend auf nachfolgende Entscheidungsund Handlungssequenzen wirkte. Dadurch wurden ein gewisser Wandel und die
Entwicklung
neuer
Zentren
bewirkt.
Im
Zuge
der
aktuell
fortschreitenden
europäischen Integrationsbemühungen wird der Wettbewerb zwischen Städten und
Regionen erneut verschärft, da nationalstaatlich definierte Grenzen an Bedeutung
verlieren aber gleichzeitig massive Anstrengungen zur Strukturerhaltung und –
verfestigung geschehen.
In den 1990er Jahren wurde der Ansatz der „New Economic Geography“ entwickelt,
bei welchem versucht wird, Aspekte des Handels mit geographischen zu
kombinieren (vgl. Terrassi 2006, S. 216f). Dieser stellt ein wichtiges Feld für
experimentelle Studien im Kontext der europäischen Integration dar.
Seite 44 von 110
Seminar Humangeographie
In Bezug auf eine klar definierte Zentrum-Peripherie-Unterscheidung, welche
angesichts der europäischen Haushaltspolitik bereits seit den frühen 1960er Jahren
im Zentrum der Beobachtungen der EU steht, stellt der Ansatz Zusammenhänge zu
(und
zwischen)
unterschiedlichen
Entwicklungsphasen
der
regionalen
Wirtschaftsentwicklung in Europa her. Dabei wird die EU-Regionalpolitik als
Integrationsmechanismus
zur
Reduktion
der
Zentrum-Peripherie-Dichotomie
verstanden.
Die Wirkung von Integrationsbemühungen spielt bei diesem Forschungsansatz also
eine essentielle Rolle. Einen Hintergrund dafür stellt die These dar, dass
sozialökonomische Vernetzungen und Verdichtungen dadurch entstehen, dass
politisch-administrative und kulturelle Grenzen von ökonomischen Akteuren auf der
Suche nach besten Erträgen überschritten werden und dass gleichzeitig in Europa
Schwerpunkträume existieren, welche über nationalstaatliche Grenzen hinausreichen
(vgl. Meyer 1997, S. 26). Mit einem Binnenmarkt für Güter, Kapital und Personen,
wird angestrebt, gemeinsam Chancen in einer globalisierten Welt zu nützen. In Folge
kommt es zu einer neuen Intensität des Wettbewerbs zwischen Städten und
Regionen und es entstehen „European Areas of Cross-Regional Cooperation“ (vgl.
Meyer 1997, S. 35).
In dem Forschungsfeld der „new economic geography“ wird der Integrationsprozess
erstmals hinsichtlich Faktoren, wie der Reduktion der Transportkosten analysiert (vgl.
Terrassi 2006, S. 218f). Damit ist nicht nur der Gütertransport zwischen Orten
gemeint,
sondern
auch
Verwaltungskosten,
die
Senkung
unterschiedlichen
oder
der
Wegfall
Qualitätsstandards,
von
Steuern,
Kommunikations-
schwierigkeiten und kulturellen Unterschieden. In Folge werden aufgrund der
Integration steigende Erträge erwartet. Somit bauen die Überlegungen auf der These
auf, dass mit der Senkung der Transportkosten auch eine Diffusion von
Produktionsstandorten
einhergeht.
Diesen
folgt
das
Entstehen
neuer
Agglomerationszentren, worauf wieder eine Bewegung in Richtung peripherer
Regionen stattfindet, wo die Produktionskosten niedriger ausfallen.
Seite 45 von 110
Seminar Humangeographie
Im Zuge dessen entstehen auch „Intermediate Regions“ zwischen den Zentren und
der Peripherie, die von diesen Bewegungen mit einem hohen Marktwachstum
profitieren.
5.2.1 Entwicklung regionaler Disparitäten (seit 1960 bis zum Ende der 1990er
Jahre)
Die folgende Analyse der Entwicklung regionaler Disparitäten hinsichtlich des
Wohlstandes innerhalb Europas beginnt sinnvollerweise während der ersten
Integrationsphase um ca. 1960 und verfolgt das stetige Wachstum der EU von der
Aufnahme von Großbritannien, Irland und Dänemark in den 1970er Jahren, über die
Beitritte Griechenlands, Spaniens und Portugals in den 1980er Jahren, bis hin zur
Erweiterung um Österreich, Finnland, Schweden und Ostdeutschland im Laufe der
1990er
Jahre.
Es
sei
allerdings
angemerkt,
dass
die
zuletzt
erwähnte
Erweiterungsrunde (mit der Ausnahme der deutschen Wiedervereinigung) kaum zur
Veränderung regionaler Disparitäten beitrug.
Terrassi führte eine Betrachtung der Entwicklung anhand des so genannten TheilIndex durch, der folgendermaßen berechnet wird (vgl. Terrassi 2006, S. 238):
T = ∑ yr log(yr/xr)
r
Die Formel kann wie folgt interpretiert werden: T bezeichnet die gesamte
Ungleichheit („total inequality“) zwischen den Regionen und yr die regionalen Anteile
der (europäischen) Bevölkerung, sowie xr jene der Bruttowertschöpfung (BWS,
englisch: Gross Value Added, GVA) oder des Bruttoinlandsprodukts (BIP, Gross
Domestic Product, GDP). Diese Variablen werden zueinander in Beziehung gesetzt.
Somit wird jede Region nach ihrem demographischen Potential, welches als
wesentlicher Faktor der Ausprägung von Disparitäten angenommen wird, gewichtet.
Seite 46 von 110
Seminar Humangeographie
Der Index kann in weiterer Folge auch dahingehend abgewandelt werden, dass auch
Unterschiede zwischen oder innerhalb von Raumtypen und Gruppierungen (hier:
Länder und Makroregionen) dargestellt werden können. Zudem können durch
Zerlegung bzw. Erweiterung des Index die Beiträge unterschiedlicher Faktoren (hier:
regionale Unterschiede der Arbeitsproduktivität und der Beschäftigungsrate) zu der
gesamten Ungleichheit berechnet werden.
Die ersten sechs Länder (EU-6) beschlossen in den 1950er Jahren, die Entwicklung
eines gemeinsamen Marktes voranzutreiben. Damals wurden von Molle et al. für 61
Regionen Bevölkerungsdaten, wie das BIP in US$ und Beschäftigungszahlen,
erhoben (vgl. Terrassi 2006, S. 220). Um die Regionen nach ihrem ökonomische
Potential zu unterscheiden, wurde mit diesen Daten der Theil-Index für Jahre 1950,
1960 und 1970 berechnet und in mehrere Komponenten aufgeteilt, wodurch
Vergleiche innerhalb eines Landes und zwischen den Ländern, sowie innerhalb einer
Makroregion und zwischen Makroregionen möglich sind. Die Makroregionen wurden
nach ihrem Potential in „Central“ (umfasste drei Benelux-, vier deutsche und sieben
französische Regionen), „Peripheral“ (zwölf italienische, sieben französische
Regionen) und „Intermediate“ (alle, die nicht in die anderen beiden Klassifizierungen
fallen) unterteilt. Es ergeben sich für die oben genannten Jahre folgende Werte:
Tabelle 2: EU-6, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen,
1950 - 70
Tabelle 3: EU-6, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und
Beschäftigungsraten, 1950 - 70
Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 221
Seite 47 von 110
Seminar Humangeographie
Somit wird ersichtlich, dass im Zuge des Integrationsprozesses die Disparitäten im
Bereich der verwendeten Wohlstands-Indikatoren im Verlauf der betrachteten 20
Jahre sowohl zwischen den Mitgliedsstaaten, als auch zwischen den unterschiedlich
klassifizierten Regionen zurückgingen, und sich die Räume sowohl in Bezug auf ihre
Bevölkerungs- und BIP-Werte insgesamt, als auch in Bezug auf die einzelnen
Komponenten der Arbeitsproduktivität aneinander anglichen, während bei der
Beschäftigungsrate immer größere Diskrepanzen ausgewiesen wurden. Daraus ist
zu schließen, dass die schwächeren Regionen aufzuholen begannen, und im Bereich
der Wirtschaftskraft eine gewisse Diffusion in periphere Gebiete erfolgte. Gleichzeitig
entstanden aber auch neue Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt. Nach den nächsten
Erweiterungsrunden ergibt sich in der weiteren Betrachtung folgendes Bild:
Tabelle 4: EU-9, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen,
1975 – 97
Tabelle 5: EU-9, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und
Beschäftigungsraten, 1975 – 97
Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 223
Es muss hierbei angemerkt werden, dass ab 1975 auf die regionale Datenbank von
Eurostat (mit Verwendung von NUTS-Einheiten, National Units of Territorial
Statistics) zurückgegriffen werden kann. Die Einheiten sind nach regionalen
Größenordnungen gestuft, wie am Beispiel Deutschlands veranschaulicht werden
kann: NUTS-1: z.B. Bundesländer; NUTS-2: z.B. Regierungsbezirke; NUTS-3: z.B.
Landkreise.
Diese
bilden
fortan
den
regionalen
Bezugsrahmen
für
die
Seite 48 von 110
Seminar Humangeographie
Berechnungen, wobei nun 67 Regionen (NUTS-2-Einheiten, in manchen Fällen auch
NUTS-1) in neun Ländern (EU-9) in Betracht gezogen werden. Die ursprüngliche
Aufteilung in drei Makroregionen verliert ihre Gültigkeit, und wird durch die
Unterscheidung von „Central“, „Intermediate“, „Northern Periphal“ und „Southern
Periphal“ Regionen abgelöst. Bei der Betrachtung des drei-Jahres-Durchschnitts der
Theil-Koeffizienten werden die Daten des BIP in EUR (Wert von 1985) dargestellt.
Über gesamten Beobachtungszeitraum stellt sich die Produktivität im Vergleich zur
Beschäftigung als der Hauptfaktor für Ungleichheiten heraus, wenngleich sie als
Ursache für die Disparitäten im BIP etwas an Bedeutung verlor. Dies ist auf einen
Rückgang der Produktivitäts-Unterschiede bei einem gleichzeitigen Anstieg der
Beschäftigungs-Ungleichheiten
zwischen
den
Ländern
und
Makroregionen
zurückzuführen.
Bei der ersten Beitrittsrunde nahm die Zentrum-Peripherie-Dimension durch eine
Ausdehnung des Raumes um drei nördliche Länder eine klarere Struktur an (vgl.
Terrassi 2006, S. 224). In Folge konnten innerhalb der Makroregionen neue
Diffusions- und auch Konzentrationsprozesse stattfinden. Dennoch die Ergebnisse
des Integrationsprozesses eher auf regionaler als auf nationaler Ebene zu erkennen,
da die Beitrittsländer eine wirtschaftlich starke Ausgangsposition innehatten. Im
Gegensatz dazu vergrößerten sich die Disparitäten auf Länderebene bei der zweiten
EU-Erweiterung beachtlich, da sich die drei aufgenommenen Mittelmeerländer auf
einem geringeren Entwicklungsniveau befanden. Da folglich ein verstärkter
Integrationsfortschritt nötig wurde, setzte die EU ein „Single Market Programme“ um,
welches den neuen Mitgliedsstaaten mehr Chancen im innereuropäischen
Wettbewerb ermöglichen sollte. Dies wird bei der Analyse der folgenden Tabelle
augenscheinlich:
Seite 49 von 110
Seminar Humangeographie
Tabelle 6: EU-9, EU-12, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der
Gruppen, 1985 – 97
Tabelle 7: EU-12, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und
Beschäftigungsraten, 1985 – 97
Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 226
Es ist deutlich erkennbar, dass die Unterschiede zwischen den Ländern weit höher
ausfielen als jene zwischen den Makroregionen, wenngleich sich die beiden Werte
bis zum Ende des Betrachtungszeitraums bis auf annähernd gleichem Niveau
befanden. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass durch die zweite Erweiterung
stärkere Disparitäten innerhalb der Länder und zwischen diesen entstanden, als dies
auf der Ebene von Makroregionen der Fall war. Neuerlich wird auch die Rolle von
Produktivitätsunterschieden offensichtlich.
Die EU-12 umfassten nun 101 Regionen, welche für die Berechnungen von 1985 bis
1997 relevant sind. Im Vergleich zu den EU-9-Betrachtungen, als vor allem die
Makroregionen „Central“ und „Intermediate“ mit enormen Abstand den Hauptanteil
der Bevölkerung ausmachten (jeweils mehr als 40 % im Vergleich zu etwa 15 % in
den anderen beiden Regionsklassen zusammen), wuchs nun der Bevölkerungsanteil
Seite 50 von 110
Seminar Humangeographie
in der „Southern Periphery“ auf gut ein Viertel der Gesamtbevölkerung an und
erreicht beinahe die Werte der beiden bisher dominanten Regionstypen (beide rund
35 % der Bevölkerung) (vgl. Terrassi 2006, S. 224f).
In den drei letzten Betrachtungsjahren nimmt die Disparität zwischen den Staaten
(die EU-15, umfassten 124 Regionen) einen wesentlich geringeren Anteil an der
gesamten Disparitätenausprägung ein als zuvor (rund 20 %), während bei der
Betrachtung der Disparitäten zwischen den Makroregionen deren Anteil auf einem
relativ gleichen Niveau blieb (um 50 %).
Auch andere Studien belegen die in diesem Abschnitt bisher erwähnten Trends (vgl.
Arnold 1995, S.3ff). So nahm etwa das Einkommensgefälle von 1960 bis zur Mitte
der 1970er Jahre innerhalb der EU im Ländervergleich kontinuierlich ab. In den
1980er Jahren setzte sich diese Entwicklung jedoch kaum fort. Selbst in einer Phase
des Beginns einer zielgerichteten EU-Regionalpolitik in
diesem
Jahrzehnt,
verringerten sich die regionalen Einkommensdisparitäten (im Bereich des BIP) nicht
wesentlich. Innerhalb der einzelnen Staaten fanden durchaus erhebliche regionale
Veränderungen statt, doch zwischen den Staaten blieb das Ausmaß der
Ungleichheiten auf nahezu gleichem Niveau. So veränderten sich die Unterschiede
im Pro-Kopf-BIP bis zum Anfang der 1990er Jahre sowohl zwischen den
Mitgliedsstaaten (1980: 19 %, 1993: 17 %), als auch zwischen den Regionen (mit ca.
Anfang der Vgl. 1980: ca. 27 %, 1993: 28 %) unwesentlich (vgl. Arnold 1995, S. 19).
Die Disparitäten in der registrierten Arbeitslosigkeit in der EU zeigen ähnlichen
zeitlichen Verlauf wie BIP-Unterschiede, nach einem Rückgang bis zur Mitte der
1970er Jahre erfolgte ein Anstieg bis etwa 1984. Von 1985 bis 1990 sanken die
regionalen Arbeitslosenquoten zwar insgesamt, während die Disparitäten innerhalb
der Staaten kontinuierlich zunahmen.
Seite 51 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 8: Disparitäten in den regionalen Arbeitslosenquoten 1983 – 1990
Quelle: Arnold 1995, S. 9
Es sollte allerdings auch bedacht werden, dass in dem Zeitraum von der Mitte der
1970er Jahre bis zur Mitte der 1980er Jahre die ökonomische Situation insgesamt
durch einen massiven Strukturwandel beeinflusst wurde, welcher durch den Beginn
einer neuen technologischen Revolution gekennzeichnet war (als innovative
Informations- und Kommunikationstechnologien neue Agglomerationsprozesse in
Gang setzten) (vgl. Terrassi 2006, S. 224). Weiters fanden zur Zeit des Übergangs
von den 1980er zu den 1990er Jahren massive politische Umbrüche statt, welche
auch die gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation grundlegend
veränderten. Insofern erscheint eine genauere Betrachtung des vergangenen
Jahrzehnts unter besonderer Berücksichtigung der Osterweiterung der EU durchaus
sinnvoll.
Seite 52 von 110
Seminar Humangeographie
5.2.2 Ost-Europa und die EU-Erweiterung
Nach Angaben der Unicef (1994) lebten in den Jahren 1993 und 1994 (also etwa 5
Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs) in den Ländern Osteuropas (die
heutigen EU-Mitglieder, sowie einige weitere Staaten der ehemaligen Sowjetunion)
insgesamt 110 Millionen Menschen in einer sozialen Position zwischen einem
Niedrigeinkommen und Armut (bei einer Armutsgrenze von 60 % der jeweiligen Höhe
des damaligen Niedrigeinkommens) und somit in etwa doppelt so viele wie in der EU
(vgl. Huster 1996, S. 184). Da demnach noch längere Zeit eine massive WohlstandsSchere zwischen West- und Osteuropa zu erkennen war, erscheint der
Aufholprozess zahlreicher osteuropäischer Staaten im sozio-ökonomischen Bereich
besonders bemerkenswert. Dennoch brachte die Erweiterungsrunde 2004 um 10
Mitglieder (Tschechien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen,
Slowenien, Zypern und Malta) in der EU nicht nur eine Flächenvergrößerung um 23
% und einen Bevölkerungszuwachs um 20 %, sondern nach Angaben der EUKommission vor allem „an unprecedented widening of economic disparities within the
Union and the geographical shift in the pattern of disparities“ (Terrassi 2006, S. 217).
Die Aufnahme von 8 osteuropäischen Staaten (in der folgenden Tabelle als EU-8
bezeichnet) bewirkte also wesentliche Verschiebungen im Muster der der
europäischen „Disparitäten-Landkarte“. Dies veranschaulichen die Werte in Tabelle
8. Es sei angemerkt, dass die EU-Beitritte Zyperns und Maltas für die folgende
Analyse der Veränderung regionaler Disparitäten als weniger relevant erachtet
werden.
Die Darstellung erfolgt anhand von Daten des BIP pro Kopf, der BWS und des BIP in
Kaufkraftstandards (KKS, engl.: PPS, unter Einbeziehung der Preisniveaus in den
Ländern), welche von Eurostat in der Regio-Datenbank für Vergleichszwecke in Euro
angeführt werden. Für Berechnung des ökonomischen Potentials wurde die bisherige
Unterteilung (von 39 Regionen, nach Eurostat 2003) in Makroregionen erweitert und
in „Central“, „Northern“, „Intermediate“, „Southern Periphal“ und „Acceding Countries“
untergliedert.
Seite 53 von 110
Seminar Humangeographie
Diese weisen relativ homogene Bevölkerungsanteile von jeweils rund 20 % auf (nur
„Central“ stellt mit 29 % eine Ausnahme dar) (vgl. Terrassi 2006, S. 227).
Tabelle 8: EU-8, EU-15, EU-23, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb
der Gruppen; BWS, BIP in KKS und BIP in Euro, 1999
Tabelle 9: EU-8, EU-15, EU-23, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten
Produktivität und Beschäftigungsraten, BWS, 1999
Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 228
Die
Unterschiede
zwischen
dem
BIP
und
höheren
Disparitäten
bei den
Kaufkraftindizes sind mit unterschiedlichen Preisniveaus in den Mitgliedsstaaten zu
erklären (da die KKS im Falle der EU-23 höher ausfallen, ist darauf zu schließen,
dass die Preisindizes der ärmeren Staaten im Verhältnis höher sind
–
gegensätzliches gilt im Falle der EU-15). Es erscheint sehr auffällig, dass sich der
Theil-Index (total) nach der Erweiterung 2004 in den Bereichen des BWS und des
BIP fast vervierfachte und bei den KKS verdreifachte, was im Vergleich zur
Erweiterungsrunde in den 1980ern (als ebenfalls signifikante Disparitätenzuwächse
auftraten) einen
wesentlich
stärkeren
Anstieg bedeutet.
So erfolgte
beim
Zusammenschluss der EU-12 im Vergleich zu den EU-9 ein 2,7-facher Anstieg der
BWS.
Seite 54 von 110
Seminar Humangeographie
Deutliche Sprünge in der Ausprägung der Disparitäten sind sowohl auf der Ebene
zwischen den Staaten und den Makroregionen, als auch innerhalb der beiden
Raumgrößen wahrnehmbar. Wie in Tabelle 9 zu sehen ist, können die
Ungleichheiten fast zur Gänze auf Produktivitätsabweichungen (starker Anstieg von
rund 75 % bei den EU-15 auf gut 94 %) zurückgeführt werden. Insgesamt sind einige
Parallelen zu der Erweiterung in den 1980er Jahren zu erkennen (siehe auch
Abschnitt 5.2.1.), doch sind die neu entstehenden Unterschiede zwischen den
Ländern im Fall der letzten Erweiterungsrunde bei weitem deutlicher ausgeprägt.
Das Marktforschungsinstitut RegioData stellte 2006 eine Studie vor, in der die
Kaufkraftkennziffern für 22 (mittel- und) osteuropäische Länder (CEE-Länder, central
and eastern europe countries) berechnet und steigende Kaufkraftunterschiede im
gesamten östlichen Europa festgestellt wurden (vgl. RegioData Research 2006, S.
1). Die Untersuchung belegt, dass im Gegensatz zu Westeuropa teilweise sogar
dramatische Anstiege der Unterschiede zu verzeichnen waren, und dass die
regionalen Wohlstandsunterschiede mit dem Landwirtschaftsanteil eines Landes
zunahmen (siehe Abschnitt 5.3.2.1.).
Im Zuge der fortschreitenden Integration der EU-Staaten und der Etablierung eines
funktionierenden Binnenmarktes, wird ein Hauptziel darin bestehen, die weiterhin
bestehenden massiven Disparitäten zwischen den Regionen abzubauen. Dies gilt in
einem ersten Schritt vor allem für den zwischenstaatlichen Bereich, da sich mit der
EU-Erweiterung 2004 die Kluft zwischen den Mitgliedsstaaten in Bezug auf
Wohlstandsfaktoren und die Wirtschaftsentwicklung auf eine einzigartige Weise
vergrößerte; darüber hinaus müssen sehr wohl aber auch Ungleichheiten auf der
Ebene der Regionen innerhalb der Länder beseitigt werden. Nach dem Modell der
„new economic geography“ (siehe Abschnitt 5.2.) kann davon ausgegangen werden,
dass in Zukunft aufgrund der Reduktion der Transportkosten (auch verstanden als
Abbau von Handelsbarrieren, etc.) und der unterschiedlichen Faktorenpreisen (z.B.
Arbeitskosten, etc.) neuerliche Diffussionsprozesse zu erwarten sind.
Seite 55 von 110
Seminar Humangeographie
In
Folge
derer
können
Wirtschaftsverbindungen
zwischen
Regionen
unterschiedlicher Staaten, die historisch und kulturell miteinander verknüpft sind,
wieder belebt werden (vgl. Terrassi 2006, S. 229f). Als Beispiele für derartige
zwischenstaatliche Gebiete mit dynamischen Integrationsvorgängen können die
skandinavisch-baltische Region und die (nord-)östliche Grenzregion Österreichs
angeführt werden. Innerhalb der Länder und der Makroregionen werden hingegen –
wie auch schon bei vorangegangenen Erweiterungen - verstärkte Ausprägungen von
Disparitäten
vorausgesagt.
Zudem
noch
nicht
absehbar,
inwieweit
die
strukturschwachen südlichen Peripherie-Regionen (z.B. in Süditalien) von der neuen
Standort-Konkurrenz betroffen sein werden, zumal die neuen Beitrittsländer aufgrund
eines beachtlichen Bildungsniveaus ein nicht zu unterschätzendes Standortpotential
aufweisen. Auf jeden Fall ergeben sich neue Herausforderungen für die EURegionalpolitik hinsichtlich einer ausgewogenen Strukturentwicklung (siehe auch
Abschnitt 5.4.1.).
5.3
EU-Länder im Vergleich
Wie bereits in den vorigen Abschnitten verdeutlicht wurde, ist der Wohlstand
zwischen den einzelnen Staaten und auch innerhalb der EU-Länder stark
binnenstrukturiert. Sowohl Länder, als auch Regionen weisen eine unterschiedliche
Wirtschaftkraft und ein unterschiedliches sozio-ökonomisches Potential auf.
Die folgenden Betrachtungen sollen aktuelle innereuropäische Disparitäten anhand
einzelner ausgewählter Phänomene, sowohl ökonomischer, als auch sozialer Natur,
veranschaulichen. Dabei wird primär auf Daten von Eurostat (also auch auf die in
Abschnitt 5.1.1. erwähnten statistischen Erhebungen) Bezug genommen. Eine
weitere
Detailbetrachtung
diverser
Hintergründe,
wie
den
Ursachen
der
Ungleichheiten oder zeitliche Entwicklungen, werden dabei bewusst ausgespart, da
dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Selbiges gilt für Untersuchungen
unterschiedlicher sozialpolitischer Kontexte, wie Vergleiche des Gesundheitswesens
der Mitgliedsstaaten, oder demographischer Aspekte, wie der Alters- und
Geschlechtsstruktur der europäischen Bevölkerung.
Seite 56 von 110
Seminar Humangeographie
Darüber hinaus können auch volkswirtschaftliche Grundlagen und Daten nur
oberflächlich berücksichtigt werden, da diese aufgrund des thematischen Umfangs
einer eigenen Darstellung bedürfen würden. Es soll allerdings darauf hingewiesen
werden, dass diese Facetten bei der Betrachtung regionaler Disparitäten durchaus
von Relevanz sind.
5.3.1 Das BIP je Einwohner
Das BIP je Einwohner etablierte sich – wohl aufgrund seiner relativ einfachen
Messbarkeit und der weltweiten Vergleichsmöglichkeit – zu einem international
anerkannten Indikator von Wohlstand, wenngleich die Aussagekraft dieser
Messeinheit angesichts zahlreicher weiter Aspekte, die bei einem derart komplexen
Phänomen zu beachten sind, sehr begrenzt ist. Aus diesem Grund werden neben
einer Darstellung des Wohlstandsgefälles in Europa in den nächsten Abschnitten
auch einige weitere als wesentlich erachtete Dimensionen von Disparitäten
betrachtet.
Nach Angaben des auf Amts für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen
Gemeinschaften ergab sich für die EU-27 (auch Bulgarien und Rumänien wurden
schon vor ihren Beitritten berücksichtigt) im Jahr 2003 folgende regionale Verteilung
des BIP je Einwohner, wobei die Darstellung in Kaufkraftstandards erfolgt und somit
auch unterschiedliche Preisniveaus in die Berechnung mit einbezogen werden:
Seite 57 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 9: BIP pro Einwohner in KKS in % von EU-25, 2003
Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2006, S. 32
Wie zu erkennen ist, ergibt sich zwischen den Regionen eine beachtliche
Spannweite. So reichen die Werte von 4.721 KKS je Einwohner im rumänischen
Nord-Est bis zu 60.342 KKS je Einwohner in der britischen Hauptstadtregion Inner
London.
Seite 58 von 110
Seminar Humangeographie
Die in früheren Abschnitten erwähnte Vergrößerung der regionalen Disparitäten
durch die jüngsten Erweiterungsschritte wird dadurch belegt, dass die meisten
Regionen der neuen Mitgliedstaaten und Kandidatenländer lediglich ein BIP je
Einwohner in KKS von weniger als zwei Dritteln des gesamten EU-25-Durchschnitts
erreichen
(vgl.
Amt
für
amtliche
Veröffentlichungen
der
Europäischen
Gemeinschaften 2006, S. 29f). Prag kann als Ausnahmeerscheinung unter den 2004
neu hinzugekommenen Regionen erachtet werden (wenngleich Hauptstadtregionen
allgemein eher stärker positioniert sind), da dort mit 30.052 KKS je Einwohner ein
Wert vorliegt, der 138 % des EU-25-Durchschnitts entspricht. Somit nimmt die
Region mit Rang 19 bereits eine Spitzenposition unter den 268 NUTS-2-Regionen
der betrachteten Länder ein.
Zudem verschärften sich mit der Erweiterung die Unterschiede zwischen den
Regionen innerhalb der Länder. So umfassten 19 der dargestellten Länder mehrere
NUTS-2-Regionen. Bei 12 von diesen wurden beim BIP je Einwohner mehr als
doppelt so hohe Werte bei der stärksten Region im Vergleich zur schwächsten
erreicht. Während dies bei 5 der 6 neuen Mitgliedstaaten zutrifft, war es nur bei 7 der
13 EU-15-Länder der Fall.
Dennoch weist Großbritannien mit einem Faktor von 3,7 zwischen den beiden
Extremwerten die massivsten regionalen Unterschieden, während in Irland und
Schweden sehr geringe Differenzen erkennbar werden (Faktoren von jeweils 1,6).
Darüber hinaus wird auch eine starke Konzentration der wirtschaftlichen Tätigkeit auf
Hauptstadtregionen deutlich (höchstes BIP je Einwohner im jeweiligen Land) (vgl.
Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 2006, S.
32f).
Seite 59 von 110
Seminar Humangeographie
Ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen in einer Region kann auf folgende Faktoren
zurückgeführt werden (vgl. ec.europa.eu 2, S. 11):

ein niedriger Wert für das BIP je Beschäftigten;

ein geringes Bildungs- und Qualifikationsniveau;

geringe Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten;

eine geringe Zahl von Innovationen und die verzögerte Einführung neuer
Informations- und Kommunikationstechnologien.
Auch in der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung weisen die Regionen innerhalb
der Länder eklatante Ungleichheiten auf (selbiges gilt im Übrigen für die Entwicklung
der Regionen unterschiedlicher Länder). So traten im Zeitraum von 1999 bis 2003
folgende regionale Entwicklungsunterschiede auf:
Seite 60 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 10: BIP pro Einwohner in KKS in % von EU-25, 2003 im Vergleich zu 1999
Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2006, S.34
Interessanterweise treten beachtliche Divergenzen in der Entwicklungsdynamik in
den jüngeren Beitrittsländern wie in den Staaten der EU-15 gleichermaßen auf. So
nahm das BIP je Einwohner in den Niederlanden und Rumänien über den
Betrachtungszeitraum
in
der
jeweils
dynamischsten
Region
um
rund
20
Prozentpunkte, in Großbritannien um 17 Prozentpunkte, sowie in Portugal um 15
Prozentpunkte stärker zu, als in der schwächsten. Im Gegensatz dazu weisen
Schweden und Belgien mit regionalen Unterschieden von jeweils rund 8
Prozentpunkten und Polen mit 3,6 Prozentpunkten die geringsten Werte auf.
Seite 61 von 110
Seminar Humangeographie
Wieder spielen in den neuen Mitgliedstaaten bei der Regionalentwicklung die
Hauptstadtregionen, welche generell ein sehr dynamisches Wachstum aufweisen,
eine entscheidende Rolle.
Damit werden die Aussagen von Abschnitt 5.2. belegt, wonach innerhalb der EU
zuminderst im Bereich des BIP je Einwohner – gemessen in Kaufkraftstandards –
massive Unterschiede vorherrschen. Dies gilt nach den letzten Erweiterungsschritten
ganz besonders auf Länderebene; aber auch in den meisten neuen Regionen
werden im EU-Vergleich unterdurchschnittliche Werte erreicht. Somit sind in diesen
Bereichen
verstärkte
Disparitäten
zu
erkennen.
Nur
hinsichtlich
der
Regionalentwicklung innerhalb der Länder kann nicht behauptet werden, dass
interregionale Unterschiede ein Kennzeichen der Beitrittsländer wäre, da diese
ebenfalls in einem beträchtlichen Ausmaß in den älteren EU-Staaten vorkommen.
5.3.2 Das Einkommensgefälle
Doch Einkommensdisparitäten können nicht nur zwischen Regionen, sondern auch
Wenngleich sich die der EU-15 im Laufe der 1990er Jahre verringerten (vgl.
ec.europa.eu 2, S. 11), waren zum Jahrtausendwechsel noch deutliche Unterschiede
beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der einzelnen Mitgliedsstaaten zu
erkennen. Bei Untergliederung des Einkommens in Quintile wurden nach Angaben
von Eurostat (ECHP 2002) im Jahr 1999 sogar deutliche Ungleichheiten in der
Verteilung
des
verfügbaren
(Äquivalenz-)Einkommens
erkennbar
(vgl.
Diamantopoulou 2003, S. 30):
Seite 62 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 11: Einkommensniveau und Einkommensunterschiede, 1999
Quelle: Diamantopoulou 2003, S. 30
Demnach fiel auf jene 20 % der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen im EUDurchschnitt ein Anteil am Gesamteinkommen, der um 4,6 Mal größer war, als jener
der 20 % der Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen. Die geringsten
Unterschiede zwischen diesen Gruppen bestanden in skandinavischen Ländern
(Dänemark, Schweden und Finnland), während in südlichen Mitgliedstaaten
(Portugal und Griechenland und Spanien) eher eine große Einkommensspanne
bestand. Es erscheint außerdem bemerkenswert, dass in jenen Ländern, wo die
größte Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten vorherrschte, auch der
niedrigste Medianwert des Äquivalenzeinkommens erreicht wird. Umgekehrt wies
Luxemburg den mit Abstand höchsten Medianwert, jedoch mit einem Faktor von 3,9
ein leicht unterdurchschnittliches Einkommensgefälle auf.
Hanesch et al. (2000:31) betonten in Hinblick auf derartige Unterschiede zwischen
den Mitgliedsstaaten, „dass die Länder des liberalen und des rudimentären
Wohlfahrtsstaatsmodells besonders ungünstige Armutsrisiken vor dem Hintergrund
einer starken Ungleichheit der Einkommensverteilung aufweisen. Umgekehrt sind die
Länder des sozialdemokratischen und des kontinentaleuropäischen Modells durch
relativ niedrige Werte zu Einkommensungleichheit und -armut gekennzeichnet.“
(GTZ 2003, S. 23). In diesem Zusammenhang ist auch zu bemerken, dass 9
Mitgliedsstaaten der EU-15 mit 2003 Mindestgehälter einführten. Diese variierten von
416 Euro pro Monat (Portugal) bis 1.369 Euro pro Monat (Luxemburg) – siehe
Abbildung 12.
Seite 63 von 110
Seminar Humangeographie
Bei Betrachtung der Kaufkraftstandards (englisch: PPS), bei welchen der wahre
Geldwert ausgedrückt wird, gehen diese Differenzen allerdings zurück (von einem
Faktor von 3,3 zwischen den höchsten und den niedrigsten Mindestgehältern auf
einen Faktor von 2,5 zwischen den Werten in Kaufkraftstandards).
Abbildung 12: Monatliche Mindesteinkommen, in Euro und in KKS, 2003
Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 63
5.3.2.1 Stadt-Land-Gefälle
Angesichts des zu beobachtbaren Urbanisierungstrends wird damit gerechnet, dass
im Jahre 2020 weltweit rund 52 % der Menschen in städtischen Gebieten leben
werden, während heute noch ländliche Gebiete stärker besiedelt sind (vgl. GTZ
2003, S.29 und 30). So ist auch in der EU der landwirtschaftliche Sektor schon über
längere Zeit kontinuierlich am schrumpfen (z.B. 1960: 21 %, 1970: 13 % Anteil an
gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung), wobei doch starke regionale Unterschiede
existieren (vgl. Meyer 1997, S. 68). Wie bereits im Abschnitt 5.3.1. dargestellt,
gehören Hauptstadtregionen in Bezug auf das BIP zu den entwicklungsstärksten
Regionen in Europa.
Seite 64 von 110
Seminar Humangeographie
Dieser Umstand ist nicht nur auf die bloße Konzentration der Bevölkerung in den
zentralen Gebieten zurückzuführen, sondern auch auf einen überproportional großen
Anteil an Arbeitsplätzen mit hohen Qualifikationsanforderungen in Branchen der
wissensbasierten
Wirtschaft,
an
Bildungseinrichtungen
und
einer
besseren
Infrastruktur (vgl. ec.europa.eu 2, S. 13).
In Folge ist der Anteil von Stadtbewohnern tendenziell höher in höheren
Einkommensgruppen. So kann für Österreich bei Auswertung der ECHP-Daten von
1998 folgende Verteilung dargestellt werden:
Abbildung 13: Die regionale Verteilung in den Einkommensgruppen
Quelle: Tentschert 2001, S. 11
Während im Jahr 1998 demnach in der untersten Einkommensgruppe nur rund 17 %
der Personen in Wien lebten, war der Anteil der Wiener Bevölkerung im obersten
Einkommensbereich beinahe doppelt so hoch. Umgekehrt gehörte rund ein Fünftel
der in ländlichen Regionen (also in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern)
lebenden Personen mehr den niedrigsten Einkommenszehntel an, als dem höchsten
(wobei bei Betrachtung der Unterschiede auch unterschiedliche Kosten- und
Familienstrukturen im ländlichen und städtischen Bereich berücksichtigt werden
sollten).
Seite 65 von 110
Seminar Humangeographie
Derartige Stadt-Land-Disparitäten im Einkommensbereich sind jedoch nicht nur in
Österreich auszumachen. So weisen stark agrarisch geprägte Volkswirtschaften
tendenziell größere Unterschiede im verfügbaren Einkommen auf. Wie auch aus der
bereits
erwähnten
RegioData-Studie
hervorgeht,
sind
speziell
in
den
osteuropäischen Ländern (z.B. in Polen oder Rumänien) starke Ausprägungen
solcher Wohlstandsunterschiede zwischen armen Regionen mit einem hohen
Landwirtschaftsanteil und reichen urbanen Regionen erkennbar, da in diesen
Ländern (eine in Westeuropa weitgehend abgeschlossene) Entwicklungsdynamik in
Städten bei einer relativen Stagnation in ländlichen Räumen stattfindet (vgl.
RegioData Research 2006, S. 2f). In Polen etwa beträgt die Quote jener
Bevölkerungsgruppen, die unter der Armutsgrenze leben, in manchen Regionen primär im ländlichen Raum mit einer agrarisch strukturierten Bevölkerung - bis über
35 %. Gleichzeitig bilden sich in den städtischen Bereichen „urbane Eliten" heraus
und im Zuge eines starken Wirtschaftswachstums (z.B. aufgrund vermehrter
ausländischer Investitionen) steigen auch die Einkommen der Stadtbewohner.
Allerdings sollte auch angemerkt werden, dass in städtischen Gebieten der
Wohlstand der Bevölkerung nicht ausschließlich ansteigt, da in diesen auch verstärkt
mit dem Problem der Arbeitslosigkeit umgegangen werden muss.
5.3.3 Divergierende Ausprägung der Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit wird als bedeutender sozialer Indikator für regionale Unterschiede
angesehen, da diese (bzw. umgekehrt, die Beschäftigung) in einem engen
Zusammenhang mit dem Einkommen und somit dem Wohlstand der Bevölkerung
steht. Bei den folgenden Betrachtungen wird das Augenmerk lediglich auf
Entwicklungen (in der EU) in der jüngeren Vergangenheit (etwa die vergangenen 15
Jahre) gerichtet, da ein weitergehender historischer Abriss im Kontext konjunktureller
Veränderungen bei weitem zu umfangreich für diese Arbeit wäre, zumal der Fokus
auf die Darstellung von regionalen Disparitäten gerichtet ist.
Seite 66 von 110
Seminar Humangeographie
Zu Beginn der 1990er Jahre war im westeuropäischen Raum ein starkes Nord-Süd-,
bzw. Ost-West-Gefälle zu verzeichnen (vgl. Meyer 1997, S. 66). So waren
annähernd der gesamte Mittelmeerraum und ein Großteil der Atlantikküste von einer
hohen Arbeitslosigkeit betroffen, während diese in Mittel- und Nordeuropa sehr
niedrig ausfiel. Das Niveau der Arbeitslosigkeit war also in den einzelnen EURegionen sehr unterschiedlich ausgeprägt, wobei die regionalen Disparitäten nach
Jahren mit hohem Beschäftigungswachstum in den späten 1980er Jahren aufgrund
einer wirtschaftlichen Rezession wieder zunahmen (vgl. ec.europa.eu 1, S.14f). Zur
Mitte des Jahrzehnts fand in Europa eine konjunkturelle Erholung statt, welche 1999
mit dem höchsten Beschäftigungswachstum der 1990er Jahre (1,4 %) einen
Höhepunkt erreichte. Dennoch betrug die Arbeitslosenquote in einigen Teilen
Südeuropas und in einigen sich im Strukturwandel befindenden Gebieten in
Nordeuropa (mitunter weit) über 15 %. Generell konnten Mitgliedsstaaten mit einem
überdurchschnittlichen BIP-Wachstum auch auf ein hohes Beschäftigungswachstum
verweisen. Wie die folgende Abbildung zeigt, herrschten zwar zwischen den
Mitgliedsstaaten
mitunter
erhebliche
Unterschiede
bei
den
nationalen
Arbeitslosenquoten vor (so waren die Raten in ganz Österreich oder in Irland sehr
niedrig, während Spanien, Polen und die baltischen Staaten durchwegs eine hohe
Arbeitslosigkeit
verzeichneten),
doch
viel
bemerkenswerter
erscheinen
die
Disparitäten zwischen den Regionen innerhalb vieler Länder:
Seite 67 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 14: Arbeitslosenquoten in den Regionen, 1999
Quelle: ec.europa.eu 1, S. 19
Die Tatsache, dass das Ausmaß der regionalen Disparitäten der Arbeitslosigkeit von
Mitgliedsstaat zu Mitgliedstaat sehr unterschiedlich ausfiel, demonstriert auch diese
Abbildung:
Seite 68 von 110
Seminar Humangeographie
Abbildung 15: Arbeitslosenquoten nach Ländern und nationalen Extremen, 1999
Quelle: ec.europa.eu 1, S.20
In den Regionen mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit (10 % der Gesamtbevölkerung),
wurden 1999 Werte von durchschnittlich 3 % erreicht, während die am stärksten von
diesem
Problem
betroffenen
Regionen
sogar
Arbeitslosenquoten
von
durchschnittlich 23 % aufwiesen (vgl. ec.europa.eu 1, S. 19). Hier werden demnach
extreme Divergenzen deutlich. Die auffälligsten Unterschiede innerhalb der Länder
sind in Italien und in Deutschland ersichtlich. So musste der strukturschwache Süden
Italiens mit einer Arbeitslosigkeit zurecht kommen, die um gut 25 Prozentpunkte
höher war, als jene in den entwicklungsstarken Regionen im Norden (dessen
wirtschaftliches Potential bereits in Abschnitt 5.2. angesprochen wurde). Im Fall von
Deutschland
gehörten
die
ostdeutschen
Bundesländer,
die
nach
der
Wiedervereinigung noch massive Strukturprobleme zu bewältigen hatten (und zum
Teil noch haben), zu der Gruppe der Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit
Europas, während in den süd-westlichen Regionen im Bereich Bayerns und BadenWürttembergs sehr niedrige Arbeitslosenquoten erkennbar sind.
Seite 69 von 110
Seminar Humangeographie
Dass die Arbeitslosenquote auch in sämtlichen Regionen Portugals unter dem EUDurchschnitt lag, erscheint umso bemerkenswerter, wenn man sich vor Augen führt,
dass in dem Land ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen und auch relativ hohe
Armutsraten zu beobachten sind, wie den in Abschnitten 5.3.2. und 5.3.4. erläutert
wird.
Bei den neuen EU-Mitgliedsländern ist zu erkennen, dass einige Staaten, wie
Ungarn, die Tschechische Republik und auch Rumänien schon 1999 sehr niedrige
durchschnittliche Arbeitslosenraten erreichten. Doch während in einigen Staaten,
allen voran Rumänien, die sehr geringe Unterschiede bei den Extremwerten
zwischen Regionen beobachtbar sind, fielen in anderen, wie Polen und die Slowakei
massive Disparitäten auf. Interessant erscheint allerdings, dass die an Österreich
angrenzenden Regionen schon damals niedrige Arbeitslosenquoten aufwiesen.
Daraus kann geschlossen werden, dass in diesen Grenzregionen ein beachtliches
Entwicklungspotential für wirtschaftliches Wachstum herrschte.
Auch bei Betrachtung hochaktueller Daten sind regionale Disparitäten in der
Arbeitslosigkeit zu erkennen. Gerade zwischen den Staaten vergrößerten sich
mitunter
die
Ungleichheiten,
da
einige
der
neuen
EU-Mitglieder
hohe
Arbeitslosenquoten aufweisen. Da jedoch auch einige der älteren Mitgliedsländer
weiterhin mit einer stark ausgeprägten Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten, waren die
(harmonisierten) Arbeitslosenquoten in der Eurozone (7,6 %) und in den EU-25 (7,7
%) nach Angaben von Eurostat im November 2006 annähernd gleich (vgl. Eurostat
2007, S.1). Die niedrigsten Quoten verzeichneten Dänemark, die Niederlande, Irland,
Estland und Österreich (Quoten zwischen 3 % und 5 %). Die höchsten
Arbeitslosenquoten meldeten Polen und die Slowakei mit beachtlichen 13,6%, bzw.
12,3%. Doch auch Griechenland, Frankreich und Spanien wiesen Werte weit über 8
% auf. In den meisten der Mitgliedstaaten (immerhin in 20) konnte dabei im
Jahresvergleich mit 2005 ein Rückgang festgestellt werden, wobei neben Estland
(von 7,4% auf 4,5%) und Dänemark (von 4,3% auf 3,3% im Oktober), auch die
Slowakei (von 15,7% auf 12,3%) und Polen (von 17,1% auf 13,6%) massive
Rückgänge vorweisen konnten.
Seite 70 von 110
Seminar Humangeographie
Da
auf
europäischer
Ebene
häufig
Beschäftigungsmaßnahmen
als
ein
Schlüsselfaktor bei der Bekämpfung von sozialen Disparitäten gewertet werden,
sollte darauf hingewiesen werden, dass Armut auch trotz Erwerbstätigkeit entstehen
kann. Dies belegten Berechnungen von Wolfgang Strengmann-Kuhn für 14 EULänder, welche auf Basis des erfragten Haushaltsnettoeinkommens (ECHP-Daten
1996) erfolgten, wobei eine 50%-Armutsgrenze angenommen wurde (er stellt fest,
dass andere Armutsgrenzen an den Ergebnissen wenig ändern würden) (vgl.
Strengmann-Kuhn
2003,
S.
56f).
Wenngleich
Erwerbstätige
generell
unterdurchschnittlich von Armut betroffen waren, betrug deren Durchschnitt der
Armutsquote in den betrachteten Ländern immerhin 9 % (insgesamt 16,4 %). Dabei
variierten die Armutsquoten der Erwerbstätigen zwischen hohen Werten in Portugal
und Griechenland (21,8 % bzw. 16,2 %)
und niedrigen Werten in Dänemark,
Deutschland, Belgien und Österreich (rund 5 % bis etwa 6 %). Auch der Anteil der
erwerbstätigen Armen an der Gesamtbevölkerung („working poor“) fiel beträchtlich
aus (EU-14: 3,6 %, bei Einschränkung auf Vollerwerbstätige: 2,5 %).
Auch die Art der Erwerbstätigkeit war nicht unbedingt gleichermaßen entscheidend,
bzw. aussagekräftig in Bezug auf den Anteil der erwerbstätigen Armen (vgl.
Strengmann-Kuhn 2003, S. 107). Eine mögliche Ursache hierfür könnte darin
gesehen werden, dass der individuelle Lohn unterhalb der Armutsgrenze liegt.
Allerdings kann der Haushaltskontext erhebliche Veränderungen bewirken (etwaige
Zusatzeinkommen, Kinder als Kostenfaktor, etc.). So können durch im gesamten
Haushaltsarbeitseinkommen (bei mehreren Haushaltsmitgliedern) positive Effekte
beobachtbar sein und die Armenanteile in Folge sinken. Zudem verringert sich beim
Übergang vom Haushaltsarbeitseinkommens zum Haushaltseinkommen mitunter die
Armutsquote im EU-Durchschnitt um etwas mehr als die Hälfte (von 15 % auf 7 %
der Erwerbstätigen), da weitere Einkommen - besonders staatliche Transfers – eine
armutssenkende Wirkung ausüben. Dies ist beispielsweise in Österreich besonders
stark zu beobachten.
Seite 71 von 110
Seminar Humangeographie
5.3.3.1 Bildung in der EU
Wie im vorigen Abschnitt angemerkt wurde, herrscht ein Zusammenhang zwischen
Erwerbstätigkeit und Armut. Dabei ist auch die Höhe des Einkommens als
entscheidender Faktor zu betrachten. Das Erwerbseinkommen orientiert sich unter
anderem an den Bildungsabschlüssen, weswegen auch dieser Aspekt einer kurzen
Betrachtung bedarf. So behauptete schon der Vizepräsident des Statistischen
Bundesamtes,
Walter
Radermacher,
bei
einem
Pressegespräch
in
Berlin:
„Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse“
(Statistisches Bundesamt 2006). So ergab beispielsweise die Studie „Leben in
Europa“ (EU-SILC), dass in Deutschland im Jahr 2004 nicht nur 40 % der
Arbeitslosen, sondern darüber hinaus jeweils ein Viertel der Personen ohne
abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung armutsgefährdet waren.
Ein Zusammenhang zwischen Ausbildung und Arbeitslosigkeit wurde auch im
Rahmen der Arbeitskräfteerhebung der EU im Jahr 2002 für die EU-15-Länder
festgestellt:
Abbildung 16: Arbeitslosenquoten und Bildungsniveau der Erwerbsbevölkerung (25
bis 64 Jahre) nach Geschlecht, EU-15, 2002
Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 55
Seite 72 von 110
Seminar Humangeographie
Wenngleich diese Wechselwirkung zwischen Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit
nicht in allen EU-Staaten im gleichen Ausmaß ausgeprägt ist, kann doch der
eklatante Unterschied je nach Ausbildungslevel, der im Durchschnitt der EU-15 zu
erkennen war (Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen 4,2 %, bei Menschen
ohne
Sekundarstufe
II-Abschluss
9,5
%),
im
Allgemeinen
für
sämtliche
Mitgliedsstaaten angenommen werden (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der
Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 55). Dennoch variierten die Spannen
zwischen Menschen mit den höchsten und jenen mit den niedrigsten (der
dargestellten) Bildungsabschlüssen von 10.7 Prozentpunkten in Deutschland und 7
Prozentpunkten in Finnland. In Griechenland, Spanien and Italien, wo die
Arbeitslosenraten mehr als 9 % betrugen, konnte hingegen aufgrund der geringen
Arbeitslosenunterschiede
zwischen
den
Bildungsniveaus
nur
geringe
Zusammenhänge beobachtet werden. Als europaweiter Trend kann außerdem ein
Anstieg des Bildungsniveaus in den Mitgliedsstaaten festgestellt werden:
Abbildung 17: Bildungsanteil, der zumindest die Sekundarstufe II abgeschlossen hat,
nach Altersgruppe, 2001
Quelle: Diamantopoulou 2003, S. 25
Seite 73 von 110
Seminar Humangeographie
Wie aber auch schon im vorigen Fall, ergeben sich zwischen den EU-Staaten zum
Teil erhebliche Unterschiede einerseits im Ausbildungsniveau insgesamt und
andererseits im Anstieg über den beobachteten Zeitraum. So stiegen bis 2001
beispielsweise in Portugal die Anteile der „besser Ausgebildeten“ bei den jüngeren
Menschen beinahe um das Vierfache. Dennoch erreichte deren Gesamtanteil an der
Bevölkerung mit 38 % den mit Abstand niedrigsten Wert innerhalb der EU-15 (nur
rund die Hälfte des damaligen Durchschnitts).
Somit sind innerhalb der EU durchaus massive Disparitäten im Bildungsbereich zu
erkennen, welche in Folge als eine der Ursachen für Einkommens- und
Arbeitslosigkeitsunterschiede, sowie eine divergente Entwicklung von Armut
interpretiert werden können. Da die Förderung des Bildungswesens von den EUMitgliedsstaaten als ein essentieller Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung und die
Steigerung des Wohlstandes erkannt wird, werden mitunter hohe Anteile des BIP für
diesen Bereich aufgewendet. Jedoch treten auch hier zwischen den Mitgliedsstaaten
mitunter große Ungleichheiten auf. Während dieser Anteil nach Angaben der EUKommission im Jahr 2000 bei den EU-15 insgesamt 4,9 % des BIP ausmachte, fielen
die (relativen) Ausgaben in manchen skandinavischen Ländern (Denmark: 8,3 %)
and (Schweden: 7,4 %) fast doppelt so hoch aus, als beispielsweise in Griechenland
(nur 3,8 % des BIP) (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen
Gemeinschaften 2004, S. 41).
5.3.4 Lebensverhältnisse – Armut und Materielle Deprivation
Wie bereits in Abschnitt 5.1. erläutert, wird Wohlstand (bzw. umgekehrt Armut) in der
EU nicht nur als Phänomen aufgefasst, welches anhand von rein ökonomischen
Größen, wie dem Pro-Kopf-Einkommen oder Arbeitslosenzahlen zu messen,
sondern in einen weiteren Kontext zu stellen ist. Dabei wird zwar durchaus auf das
Haushaltseinkommen als Basisgröße zurückgegriffen; doch dieses wird nach
unterschiedlichen Haushaltsformen gewichtet und in Relation zu anderen Aspekten
materieller und sozialer Ausgrenzung gestellt.
Seite 74 von 110
Seminar Humangeographie
Die statistischen Daten, welche bei den EU-Erhebungen gewonnen werden, lassen
weitere Berechnungen und Bewertungen von Wohlstandsfaktoren zu. Da bislang
keine
Übereinkunft
über
die
Gewichtung
der
Indikatoren
und
Deprivationsdimensionen getroffen wurde, ist keine Darstellung eines Gesamtindex
nichtmonetärer Deprivation möglich. Doch es wird im Allgemeinen davon
ausgegangen, dass Armut und Ausgrenzung bei fehlender Teilhabe in mehreren
Bereichen und einem sehr geringem Einkommen (also niedriger als 60 % des
Medianeinkommens) auftritt (vgl. Lamei 2005, S. 355).
Beispielsweise erstellte die Belgierin Anne-Catherine Guio im Jahr 2005 für Eurostat
auf Basis von ECHP- und EU-SILC-Daten von 2003 eine Studie zur „Materiellen
Entbehrung in der EU“ (vgl. Guio 2005, S. 1ff). Dafür wurden einige der in Abschnitt
5.1.2. aufgelisteten Indikatoren mit Hilfe einer Faktoranalyse in drei Dimensionen (mit
korrelierenden Items) unterteilt und eine Dimensionsstruktur herausgebildet, welche
die Maße (Dimensionen) „ökonomische Anspannung“, „unfreiwilliger Mangel an
Gebrauchsgütern“ und „Wohnen“ umfasst.
Abbildung 18: Dimensionsstruktur
Quelle: Guio 2005, S. 3
Seite 75 von 110
Seminar Humangeographie
Die Datengrundlage bildete dabei folgende Verteilung der einzelnen Items:
Tabelle 10: Anteil der Bevölkerung, der von materieller Entbehrung betroffen ist, für
alle Items und Armutsrisiken, EU-15- Mitgliedstaaten
Quelle: Guio 2005, S. 10
Schon hier wird ersichtlich, dass in den einzelnen Mitgliedsstaaten Disparitäten
vorherrschen, was die ökonomische Anspannung, den Verzicht auf erstrebenswert
erachtete Gebrauchsgüter und die Wohnverhältnisse anbelangt. So müssen
beispielsweise in Portugal wesentlich mehr Menschen jährlich auf einen Urlaub
verzichten
als
in
Luxemburg;
oder
es
treten
in
Griechenland
häufiger
Zahlungsschwierigkeiten (Miete, etc.) auf, als dies in den Niederlanden der Fall ist.
Zudem
tragen
die
einzelnen
Items
teilweise
unterschiedlich
stark
zum
Gesamtausmaß an Deprivation in den einzelnen Dimensionen bei. So kann ein
eigenes Fahrzeug seltener als auf ein Telefon oder ein Farbfernseher angeschafft
werden.
Guios Untersuchung ergab, dass die Bevölkerungsanteile, welche von den
verschiedenen Dimensionen materieller Entbehrung betroffen waren, je nach EUMitgliedsland sehr unterschiedlich stark ausgeprägt waren. Dies verdeutlicht die
folgende Tabelle:
Seite 76 von 110
Seminar Humangeographie
Tabelle 11: Anteil der in jeder Dimension von materieller Entbehrung betroffenen
Bevölkerung
Quelle: Guio 2005, S. 4
So werden zum Teil große Disparitäten in allen Dimensionen sichtbar. So waren
weitaus geringere Anteile der Bevölkerung durch ökonomische Anspannung in den
Niederlanden und Luxemburg belastet (rund 15 % der Bevölkerung in Bezug auf
mindestens einen Item), als dies in Portugal (mit gut 70 %) der Fall war. Der hohe
europäische Lebensstandard zeigt sich bei Betrachtung der Angaben über einen
unfreiwilligen Mangel an mindestens einem Gebrauchsgut, da hier nur sehr geringe
Werte erreicht werden. Bei dieser Dimension beträgt der Anteil der Bevölkerung,
welche Entbehrung in mindestens einem Bereich hinnehmen muss, nur in den
wenigsten Staaten (Griechenland, Irland und Portugal) mehr als 10 %. Auch in
Bezug auf die Wohnverhältnisse weist Portugal im Vergleich mit Abstand das
höchste Deprivationsrisiko auf (40 % der Bevölkerung klagen über mindestens ein
Problem in diesem Bereich). In den skandinavischen Ländern scheint der
Wohnkomfort jedoch relativ hoch zu sein (rund 90 % der Bevölkerung Dänemarks
und Finnlands nicht von Entbehrung betroffen).
Seite 77 von 110
Seminar Humangeographie
Es lässt sich überdies ein Zusammenhang zwischen dem Deprivationsniveau und
der Armutsrate herstellen (vgl. Guio 2005, S. 4). So wiesen jene Länder, bei denen
das nationale Medianeinkommen am weitesten unter dem durchschnittlichen
Medianeinkommen der EU-15-Länder lag, die höchsten Deprivationsraten auf
(Portugal, Griechenland, Spanien). Umgekehrt tendierten allerdings die Länder mit
dem höchsten Medianeinkommen (Luxemburg, Dänemark, Österreich) zu einem
Deprivationsniveau, welches höher als die Armutsrate ausfiel. Somit war auch in
diesen Ländern ein beachtlicher Bevölkerungsanteil von Entbehrung betroffen,
welche nicht durch die ursprüngliche Armutsmessung erfasst wurde.
In Bezug auf die neuen EU-Mitgliedsländer muss angemerkt werden, dass diese
zwar ähnliche Situationen hinsichtlich der relativen monetären Armut wie die alten
Mitgliedsstaaten, gleichzeitig aber auch extrem unterschiedliche Lebensstandards
aufweisen
(vgl.
Guio
2005,
S.
10).
So
liegen
beispielsweise
die
Armutsgefährdungsschwellen mit Ausnahme von Malta, Zypern und Slowenien weit
unter jenen der EU-15. Doch auch in einigen Bereichen der materiellen Entbehrung
herrschen Unterschiede vor, wie das European Quality of Life Survey von 2003
zeigte. So mussten etwa in den meisten neuen Mitgliedstaaten rund 30 % der
Bevölkerung auf ein Fahrzeug verzichten, während bei den alten Mitgliedern Portugal
mit 17 % den Höchstwert verzeichnete. Im Bereich der Wohnausstattung fällt weiters
auf, dass in den baltischen Staaten etwa 20 % der Bevölkerung keine Toilette mit
Wasserspülung in der Wohnung besaßen, was einem Prozentsatz entsprach, der
etwa dreimal höher war als der bei den EU-15 gemessene Höchstwert (in Portugal 6
%).
5.4
Herausforderungen an den Sozialstaat
Im vorigen Abschnitt wurde anhand von unterschiedlichen sozio-ökonomischen
Faktoren
demonstriert,
dass
innerhalb
von
Europa
trotz
fortgeschrittener
Integrationsanstrengungen auf zahlreichen Ebenen Disparitäten vorherrschen.
Seite 78 von 110
Seminar Humangeographie
In Hinblick auf einen weiter zusammenwachsenden Gemeinschaftsraum ergeben
sich somit vielseitige Herausforderungen im Sozialbereich, da eine Erhöhung des
Wohlstandes nicht nur innerhalb der einzelnen Staaten, sondern auch EU-weit
angestrebt wird.
Denn wird ein soziokulturelles Minimum auf die tatsächlich gegebene Lebenslage
von einzelnen Personen bezogen, verbindet man damit die staatliche Aufgabe, dafür
zu sorgen, dass jede Person die Mindeststandards erreicht. Die Erweiterung des
Konzepts von Armut trägt zu einem veränderten Denken über Eingriffsmöglichkeiten
und Strategien bei (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 180). Je mehr Dimensionen und
Aspekte von Armut eine Rolle spielen, desto mehr politische Ansätze und
Maßnahmen zur Armutsbekämpfung kommen in Frage.
Aus einer Entschließung des Europaparlaments vom September 2006 über ein
zukünftiges europäisches Sozialsystem wird ersichtlich, dass die Problematik
durchaus wahrgenommen wird (EU-Parlament 2006). So werden
„die Mitgliedstaaten [aufgefordert], Reformen zur Gewährleistung der
nationalen Sozialsysteme durchzuführen, wobei erworbene Rechte, die
gegenseitige
Unterstützung
und
die
Solidarität
zwischen
den
Generationen nicht gefährdet werden und der Wandel der Gesellschaft
und des Arbeitsmarkts, der demografische Wandel, die Globalisierung
und die technologischen Entwicklungen berücksichtigt werden; weist
darauf hin, dass einige der erfolgreichsten Mitgliedstaaten bereits solche
Reformen durchgeführt haben, wobei sie die Nachhaltigkeit und Effizienz
ihrer Sozialsysteme erhalten haben; hält es daher für wichtig,
vergleichende
Analysen
der
bereits
durchgeführten
Reformen
vorzunehmen wie auch Analysen über Stärken, Schwächen, Chancen
und Gefahren der noch durchzuführenden Reformen; betont die
Bedeutung, herausragende Leistungen unter anderem durch den
Austausch bewährter Verfahren hervorzuheben;“
Seite 79 von 110
Seminar Humangeographie
und gleichzeitig
„ist sich [das Europaparlament] bewusst, dass in einigen Mitgliedstaaten
die derzeitigen Beiträge zum Sozialsystem nicht ausreichen können, um
die Erwartungen der Bürger zu erfüllen; ist der Auffassung, dass die
Mitgliedstaaten
unter
Achtung
des
Solidaritäts-
und
Subsidiaritätsprinzips über alternative Möglichkeiten zur Finanzierung
solcher Systeme, die dynamische und lohnneutrale Reformen fördern
würden, nachdenken sollten, z.B. durch Nutzung des von den
Unternehmen erzeugten Mehrwerts, indem sie das vertikale und
horizontale Subsidiaritätsprinzip zwischen den Institutionen und der
Bevölkerung fördern;“
Somit werden die Mitgliedsstaaten in die Verantwortung genommen, da diese – im
Sinne des Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzips – mit politischen Anstrengungen
gemeinsam dazu beizutragen haben, die Entwicklung eines chancengleichen
Europas zu ermöglichen. Darüber hinaus nimmt aber auch die EU als übergeordnete
Instanz eine nicht unwesentliche Rolle, nicht nur bei der Bewertung und Kontrolle der
nationalstaatlichen
Bemühungen,
sondern
auch
bei
der
Förderung
von
(wirtschaftlichen und sozialen) Strukturen ein. So soll mit der Bereitstellung von
Fördermitteln im Rahmen der Regionalpolitik ein wesentlicher Beitrag zur Erhöhung
des Wohlstands geleistet werden. Die EU-Regionalpolitik ist darauf ausgerichtet,
eine harmonische Entwicklung in der gesamten Union zu fördern, da der europäische
Binnenmarkt, sowie die Wirtschafts- und Währungsunion nicht zufrieden stellend
funktionieren können, wenn zu große regionale Ungleichgewichte in Bezug auf
Wohlstand, Beschäftigung, Produktivität, Infrastruktur, etc. vorherrschen (vgl. Arnold
1995, S.1).
Seite 80 von 110
Seminar Humangeographie
Bis heute wird über die regionale Verteilung und Verwendung der EU-Gelder
allerdings heftig diskutiert. Der folgende Abschnitt stellt die Regionalpolitik der EU
schemenhaft dar. Eine umfassende Beschreibung der europäischen Regional- und
Sozialpolitik ist nicht nur aufgrund der weitreichenden Thematik im Rahmen dieser
Arbeit nicht möglich, sondern eine detaillierte Untersuchung des (sozial-)politischen
Eingriffsystems würde
Ungleichheiten
nicht
auch
mehr
den
Kern der Fragestellung nach
betreffen.
Dennoch
erscheint
es
regionalen
sinnvoll,
den
regionalpolitischen Aspekt als Werkzeug zur Reduktion von Disparitäten auf
europäischer Ebene zu beleuchten.
5.4.1 Die EU-Regional- und Stukturpolitik
EU-Regionalpolitik begann in systematischer Form im Jahr 1975. Sie ist als
reagierende und keine aktive Politik konzipiert, welche auf die ungleiche Verteilung
materiellen Reichtums ausgleichend Einfluss nehmen soll (vgl. Arnold 1995, S. 106).
Sie
basiert
auf
dem
Subsidiaritätsprinzip,
welches
der
Zentralisierung
entgegenwirken und die Entscheidungsmöglichkeiten auf mittleren und unteren
Ebenen (z.B.: der Regionen) erhalten soll. Daher fördert die EU nur in jenen
Bereichen, wo in Absprache mit den Mitgliedstaaten erkannt wurde, dass eine
Förderung auf EU-Ebene zweckdienlicher ist, als wenn diese auf der Ebene der
Mitgliedstaaten erfolgen würde (vgl. Euro Info Centres). EU-Fördermittel werden nur
in Verbindung mit nationaler Kofinanzierung vergeben, und über nationale
Förderstellen verteilt. Die Strukturpolitik muss mit der gesamtwirtschaftlichen und
geldpolitischen Stabilitätspolitik abgestimmt werden, wobei die Einführung einer
einheitlichen Währung die stabilitätspolitische Aufgabe erleichtert.
Die
EU-Regional-
Maßnahmenträger
und
Strukturpolitik
organisiert,
welche
wird
an
durch
der
drei
Strukturfonds
Schaffung
als
struktureller
Entwicklungsgrundlagen arbeiten (vgl. Arnold 1995, S. 33).
Seite 81 von 110
Seminar Humangeographie
Diese sind:

der Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)

der Europäische Sozialfonds (ESF)

der Europäische Ausrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft,
Abteilung Ausrichtung (EAGFL/A) – ab 2007: der Kohäsionsfonds (vgl.
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit 2007)
Als weitere Mitwirkende können die Europäische Investitionsbank (EIB) als
darlehensgebende Finanzierungsinstitution (neben der Direktförderung von EUStaaten unterstützt sie auch mit Darlehen die Umstrukturierung und Modernisierung
von Industrie und Infrastruktur in europäischen Nicht-EU-Ländern), sowie die
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und unterschiedliche
Gemeinschaftsinitiativen.
Das Fördersystem umfasst mehrere Phasen (Arnold 1995, S. 41ff):
1. der europäische Rat legt auf Initiative der EU-Kommission die Finanzmittel,
Inhalte und die Funktionsweise (für eine Förderperiode) fest;
2. lokale und regionale Instanzen entwickeln gemeinsam mit nationalen
Behörden der Staaten Entwicklungspläne, aus denen in Übereinstimmung mit
der EU-Kommission gemeinschaftliche Förderkonzepte (GFK) werden. Dabei
wird auf innere Stimmigkeit und Ausrichtung auf die Prioritäten der
gemeinschaftlichen Förderkonzepte geachtet;
3. Die GFK enthalten Festlegungen über Förderschwerpunkte, Projektarten,
Finanzmittel und Vorschriften zur Durchführung und Begleitung;
4. Umsetzung der GFK über operationelle Programme, Einzelanträge für
Großvorhaben, Globalzuschüsse oder Kofinanzierungen;
5. jedes einzelne Projekt wird durch eine institutionalisierte Begleitung und
abschließende Bewertung anhand der Übereinstimmung mit den Zielen der
EU-Regionalpolitik durch Zusammenarbeit von EU-Kommission, Staat, Region
und lokale Stellen beurteilt.
Seite 82 von 110
Seminar Humangeographie
Ein Großteil der EU-Förderungen aus den EU-Strukturfonds kommt benachteiligten
Regionen,
so
genannten
„Zielgebieten“
zugute,
da
regionale
Entwicklungsunterschiede ausgeglichen werden sollen. Grenzregionen wird dabei
ein besonderer Förderbedarf zugeschrieben, da diese häufig Probleme im Bereich
der Infrastruktur aufweisen und gleichzeitig über ein hohes Entwicklungspotential
verfügen. So werden durch Schaffung eines funktionierenden Binnenmarktes und die
(mit
Mitteln
aus
den
EU-Fonds
bewerkstelligte)
Unterstützung
von
grenzüberschreitenden Kooperationsprogrammen Divergenzen zwischen den EUinternen Grenzregionen und auch zwischen den EU-Regionen insgesamt (z.B. im
Bereich des Pro Kopf-Einkommens und der Arbeitslosigkeit) schrittweise abgebaut
(vgl. ec.europa.eu 2, S. 14).
In Österreich werden Programme momentan in folgenden Zielgebieten durchgeführt
(vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit 2007):
 Ziel 1-Gebiet (Unterstützung von Regionen mit Entwicklungsrückstand):
Burgenland;
 Ziel
2-Gebiete
(Unterstützung
der
Umstellung
von
Regionen
mit
Strukturproblemen: bestimmte Regionen in allen Bundesländern außer
Burgenland;
 Ziel 3-Gebiete (Unterstützung der Anpassung und Modernisierung der
Bildungs- Ausbildungs- und Beschäftigungspolitiken): ganz Österreich außer
Burgenland.
Seite 83 von 110
Seminar Humangeographie
Zusätzlich
zu
den
Strukturfonds
existieren
auch
noch
folgende
Gemeinschaftsinitiativen, im Rahmen derer Förderungen vergeben werden:

Leader+ (zur Unterstützung der Entwicklung des ländlichen Raumes);

Interreg III (zur Unterstützung der regionalen Zusammenarbeit zwischen
Grenzregionen und zur Förderung einer ausgewogenen Raumordnung
überregionaler Gebiete);

Urban II (zur Wiederbelebung krisenbetroffener Städte und Stadtviertel).
Darüber hinaus veröffentlichte die Kommission im Jahr 1999 das Europäischen
Raumentwicklungskonzept (EUREK), mit dem versucht wird, die Merkmale der
wichtigsten regionalen Ungleichgewichte in der gesamten EU zu bestimmen und
Grundprinzipien der Gemeinschaftspolitik zu formulieren und verbreiten (vgl.
ec.europa.eu 2, S. 13 und S. 22). Damit wurden transparente Kriterien eingeführt,
welche der Vereinheitlichung der Regionalförderung in den Mitgliedsstaaten dienen
und die am meisten benachteiligten Gebiete verstärkt berücksichtigt.
Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass sich die staatlichen Förderungen
der Mitgliedsstaaten signifikant auf die regionale Verteilung der wirtschaftlichen
Aktivitäten auswirken und ihnen insgesamt eine größere Bedeutung als der EUStrukturpolitik zukommt. So betrug von 1996 bis 1998 der Anteil der nationalen
Förderungen am BIP der EU mehr all 1 %, während der Anteil der EU-Strukturpolitik
am BIP im selben Zeitraum nur 0,45 % ausmachte (vgl. ec.europa.eu 2, S. 16).
Seite 84 von 110
Seminar Humangeographie
Im Frühjahr 2005 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs, an den
Wachstumszielen
der
Lissabon-Strategie
festzuhalten
(vgl.
Deutsche
Bundesregierung 2006). Somit soll verstärkt an:

der Förderung von Investitionen in den Bereichen Forschung, Bildung und
Innovation;

der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte;

auf Beschäftigungswachstum ausgerichteten Sozialsystemen;

der Öffnung der Dienstleistungsmärkte;

dem Bürokratieabbau zu Entlastung von Unternehmen;

der Förderung von Umweltschutz und Innovationen im Umweltbereich
gearbeitet werden.
Im Bereich der Beschäftigung wird eine horizontale Politik verfolgt (vgl. ec.europa.eu
2, S. 17). So wird den Mitgliedsstaaten grundsätzlich die Verantwortung für die
Entwicklung und Umsetzung der Beschäftigungspolitik überlassen. Um die
unterschiedlichen Ansätze jedoch zu koordinieren, wurde 1997 die Europäische
Beschäftigungsstrategie in Leben gerufen, welche aktive Arbeitsmarktmaßnahmen
forciert. Eine wesentliche Komponente dieser Strategie stellt der Luxemburg-Prozess
dar, welcher auf die Verringerung von Arbeitslosigkeit und Beschäftigungswachstum
ausgerichtet
ist.
Diese
Ziele
sollen
durch
Beschäftigungsfähigkeit
der
Erwerbsbevölkerung, Förderung des Unternehmensgeistes, Anpassungsfähigkeit
von Unternehmen und Angestellten und Förderung der Chancengleichheit erreicht
werden.
Der
Luxemburg-Prozess
sieht
vor,
dass
jedes
Jahr
vereinbarte
Beschäftigungsrichtlinien in „Nationale Aktionspläne“ (NAP) in den einzelnen
Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Diese werden in einem „Gemeinsamen
Beschäftigungsbericht“ bewertet, der von der Kommission und dem europäischen
Rat angenommen wird.
Seite 85 von 110
Seminar Humangeographie
Zum Abschluss dieses Abschnitts sollen noch kurz zwei unterschiedliche Ansätze
der Kritik der europäischen Strukturpolitik vorgestellt werden, die beide auf
umstrittenen Grundgedanken aufbauen. Da eine umfassende kritische Betrachtung
für diese Arbeit zu umfangreich wäre, sollen die folgenden Darstellungen bloß als
exemplarisch verstanden werden.
Wie zu erkennen ist, wird auf EU-Ebene versucht, mittels gezielter Maßnahmen
Wachstumseffekte zu bewirken und damit regionale wie soziale Ungleichheiten zu
reduzieren. Dies geschieht stets in enger Zusammenarbeit mit den einzelnen
Mitgliedsländern. Doch genau das Subsidiaritätsprinzip stellt den Bezugspunkt einer
Kritik dar, die auf einer neoliberalen, subsidiaritätsorientierten Sichtweise aufbaut
(Arnold 1995, S.93f). Diese neoliberale Kritik umfasst drei Thesen:

Die Geldthese: demnach werden zu hohe Geldsummen aufgewendet;

Die Kompetenzthese: die EU-Kompetenzen fallen für die Struktur- und
Regionalpolitik zu stark aus und somit kommt es zur Behinderung der
nationalen regionalen Wirtschaftsförderungsmaßnahmen;

Die Subventionsthese: das EU-Fördersystem produziert in benachteiligten
Regionen Subventionsmentalität anstatt Innovationsgeist.
Daher vereinen nach dem neoliberalen Kritikansatz die EU-Behörden zu viel Einfluss
und Befugnisse auf sich; die EU-Kommission nimmt eine zu dominante Stellung ein.
Es wird argumentiert, dass aufgrund der Zentralisierung Fehlplanungen geschehen
und
eine
unzureichende
Entscheidungs-,
Umsetzungs-,
Aufsichts-
und
Bewertungspraxis vorhanden ist. In Folge käme es zu einem FördermittelMissbrauch und Konsistenzproblemen mit nationalen Wirtschaftspolitiken. Zudem
seien sowohl der Zahlungsumfang, als auch der administrative Aufwand zu hoch.
Daraus entstehe mangelnde Effizienz der aufgewendeten Mittel, was aufgrund von
zu vielen Gemeinschaftsinitiativen (zu wenig Eigenbeteiligung und regionale
Mitverantwortung) noch verstärkt wird.
Seite 86 von 110
Seminar Humangeographie
Des Weiteren seien die EU-Angaben zu makroökonomischen Auswirkungen
unrealistisch. Daher wird von neoliberal orientierten Kritikern eine regionalpolitische
Dekonzentration gefordert, welche auf eine verstärkte (wachstumsabhängige)
Förderung der Peripherie abzielt.
Einen völlig konträren Ansatzpunkt sucht die vor allem sozial ausgerichtete Kritik der
EU-Regionalpolitik (vgl. Arnold 1995, S. 97). Nach dieser sind die materiellen
Fördermittel der EU für einen regionalen Ausgleich unzureichend. Die EURegionalpolitik könne lediglich abmildernd wirken, Ungleichheiten allerdings nicht
gestaltend ausgleichen. Für die Bevölkerung entstünden kaum Chancen zur
Partizipation an der EU-Politik, da eine mangelnde Transparenz vorhanden ist.
Zudem wird ein massives Demokratiedefizit konstatiert. Die Kohäsionspolitik sollte
auf einen fairen Regionalwettbewerb ausgerichtet sein und die Steigerung der
regionalen Autonomie - vor allem in der endogenen Entwicklung – fördern.
Seite 87 von 110
Seminar Humangeographie
Nachdem im vorigen Teil der Arbeit räumliche Disparitäten auf internationaler und
interregionaler Maßstabsebene bearbeitet wurden, wird im folgenden Abschnitt auf
Bundesländer- und Bezirksebene analysiert.
Räumliche
Disparitäten
auf
nationaler
Ebene
wie
zum
Beispiel
die
Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern und Differenzierungen auf
regionaler Ebene, Unterschiede zwischen den Bezirken der Stadt Wien sind die
Problemstellungen, die im Folgenden bearbeitet werden.
Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird der erste Teil des Abschnitts die
eher kürzere Analyse der Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern
Österreichs
darstellen.
Anschließend
folgt
eine
spezielle
Analyse
der
sozialräumlichen Strukturdifferenzierungen der Stadt Wien, welche auch den
Hauptteil des Abschnitts darstellen wird.
6.
Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene
6.1
Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern
Regionale Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern sind allerdings
vergleichsweise gering, dennoch kommt es regelmäßig zu politischen als auch
medialen Diskussionen.
Wie sieht dennoch die Einkommenssituation der unselbstständigen Erwerbstätigen in
den östlichen Bundesländern vergleichsweise zu denen im Westen aus?
Gibt es überhaupt räumliche Verdienstunterschiede zwischen Beamten bzw.
Arbeitern untereinander?
Unter anderem wird versucht diese Fragestellungen anhand von Daten der Statistik
Austria auf Bundesländerebene zu beantworten. Weniger klar ist, wie die in diesen
Darstellungen feststellbaren regionalen Unterschiede zu interpretieren sind, denn
diverse Bundesländer- Rankings führen des Öfteren zu öffentlichen Diskussionen.
Um diese Fragen beantworten zu können, müsste eigentlich das statistische
Instrument der Kovarianzanalyse herangezogen werden, auf welches im Folgenden
aber nicht genauer eingegangen werden kann, da dies einen eigenen Teil der Arbeit
darstellen würde.
Seite 88 von 110
Seminar Humangeographie
6.1.1. Statistische Analyse von Administrativdaten
Somit wird als Datenquelle zur Analyse der Verdienstunterschiede zwischen den
Mit Hilfe der Tabelle 11 werden Verdienste, dass sind Löhne und Gehälter aus
unselbstständiger Erwerbstätigkeit analysiert. Durch die Auswertung der Daten aus
der obigen Tabelle wird ersichtlich, dass die höchsten Verdienste sowohl durch
Männer als Frauen in der Bundeshauptstadt Wien erzielt werden, gefolgt vom
Bundesland Niederösterreich und Vorarlberg. Insgesamt gesehen stehen die
Steiermark, Salzburg und Tirol am unteren Ende. Das Ranking weist aber für Frauen
und Männer durchaus Unterschiede auf, vor allem ist bei den Frauen ein hoher
Abstand der arithmetischen Mittel von Wien und den übrigen Bundesländern
feststellbar.
Bundesländern das standardisierte Bruttojahreseinkommen des Jahres 2003
verwendet, welches in den statistischen Nachrichten der Statistik Austria
veröffentlicht wurde.
Tab.12:
Bruttojahresverdienste der unselbstständig Erwerbstätigen nach
Bundesländern 2003
Bundesland
Österreich
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien
Standardisierte Bruttojahreseinkommen
(arithmetisches Mittel)
Insgesamt
Männer
Frauen
In Euro
Rang In Euro Rang In Euro Rang
27.229
33.453
19.904
26.650
4
32.716
6
18.891
5
26.618
5
32.987
5
18.997
3
28.153
2
34.658
2
20.249
2
26.441
6
33.079
4
18.258
7
25.950
8
32.355
7
18.894
4
26.192
7
32.296
8
18.678
6
25.199
9
31.620
9
17.774
9
27.063
3
34.621
3
18.187
8
29.573
1
34.925
1
23.815
1
Quelle: Statistik Austria
Seite 89 von 110
Seminar Humangeographie
Tab. 13:
Bruttojahresverdienste der Arbeiter, Angestellten und Beamten
nach Bundesländer im Jahre 2003
Bundesland
Österreich
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien
Standardisierte Bruttojahreseinkommen
(arithmetisches Mittel)
Arbeiter
Angestellte
Beamte
Ran
In Euro
In Euro Rang In Euro Rang
g
19.691
31.091
40.522
20.532
1 29.502
7 38.848
9
19.761
6 30.493
4 40.018
6
19.838
5 31.984
2 39.403
7
20.532
1 29.837
5 39.214
8
19.366
8 29.450
8 41.375
4
20.171
3 29.685
6 40.924
5
19.575
7 28.622
9 42.284
2
19.988
4 31.884
3 43.123
1
18.162
9 33.653
1 41.527
3
Quelle: Statistik Austria
In Tabelle 13 finden sich spezifisch sozialstatistisch orientierte Auswertungen der
Lohnsteuerstatistik.
Dabei
werden
alle
Bezüge
in
voller
Höhe
erfasst.
Vergleichsweise zur Verdienststatistik des Hauptverbandes des österreichischen
Sozialversicherungsträgers (HV) auch jene Bezugsbestandteile, die über der
Höchstbeitragsgrundlage liegen. Es werden alle Personen erfasst, die im Bezugsjahr
jemals lohnsteuerpflichtige Einkommen erhalten haben. Im Unterschied zur
Verdienststatistik des Hauptverbandes werden auch geringfügig Betätigte und alle
Beamten in die Statistik aufgenommen. Dennoch wird im Folgenden auf die Tabelle
12 verwiesen, denn die zeigt die Bruttojahresverdienste der Arbeiter, Angestellten
und der Beamten
auf, die zum Teil Unterschiede zwischen den Bundesländern
erkennen lassen. Jeweils gemessen am Bruttojahreseinkommen im Jahr 2003,
betrug die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert bei den
Arbeitern 2.370 €, bei den Angestellten 5.031€ und bei den Beamten 4.275€.
Seite 90 von 110
Seminar Humangeographie
Bei den Richtsätzen für Arbeiter weisen das Burgenland und das Bundesland
Oberösterreich weit über dem Durchschnitt liegende Werte auf. Am unteren Ende der
Verdiensttabelle befinden sich in der Kategorie der Arbeiter die Bundesländer Tirol,
Salzburg und Wien. Im Unterschied dazu finden sich bei den Verdiensten der
Angestellten, Wien gefolgt von Niederösterreich an der Spitze. Bei den Verdiensten
der Arbeiter eben noch an der Spitze, zeigt Tirol bei den Einkommen der
Angestellten erhebliche Differenzen gegenüber den anderen Bundesländern.
In der dritten Kategorie zum Vergleich der Bundesländer in Bezug an das
Bruttojahreseinkommen werden die räumlichen Verdienstunterschiede zwischen den
Beamten herangezogen. Hierbei weisen Vorarlberg, Tirol und Wien die höchsten
Werte auf, wobei Niederösterreich, Oberösterreich und das Burgenland am anderen
Ende der Tabelle stehen.
Zusammenfassend kann kurz gesagt werden, dass Arbeiter im Burgenland im
Vergleich zu den anderen Bundesländern am besten verdienen, aber Angestellte und
Beamte vergleichsweise ein geringes Einkommen aufweisen. Ein ähnliches Bild kann
das Bundesland Oberösterreich aufweisen. Gegensätzlich dazu verfügen die Arbeiter
in Wien über ein unter dem Durchschnitt liegendes Einkommen. Hingegen dazu
erhalten die Angestellten und Beamten in der Bundeshauptstadt dennoch gute Löhne
und Gehälter.
Abschließend muss dennoch erwähnt werden, dass die Verdienstunterschiede
zwischen den Bundesländern allerdings vergleichsweise gering sind. Diese
Unterschiede zwischen den Bundesländern durch Daten relativ schwierig darstellbar
sind und diese Ergebnisse zu interpretieren noch größere Probleme darstellen. Wie
schon erwähnt führen vor allem Bundesländer- Rankings regelmäßig zu politischen
und medialen Diskussionen, was aus diesem Grund zu einem vorsichtigeren
Umgang mit den Analysen erfordert. Damit kann die Analyse auf Bundesländerebene
als abgeschlossen gesehen werden.
Seite 91 von 110
Seminar Humangeographie
Im anschließenden Abschnitt der Arbeit wird auf Grundlage der von Fassmann und
Hatz dargestellten „Fragmentierten Stadt“ auf folgenden Fragen eingegangen.

Wie verteilt sich die Bevölkerung in der Stadt?

Nach welchen grundsätzlichen Prinzipien erfolgt die „Entmischung“ der
Bevölkerung?

Wie kann die sozialräumliche Differenzierung vereinfacht dargestellt
werden?
Mit diesen drei Fragen beschäftigt sich die geographische Stadtforschung bereits seit
einigen Jahrzehnten.
Wie bereits mit den Fragestellungen angedeutet, setzt die folgende Analyse noch
eine Maßstabsebene darunter an und es werden Daten auf Bezirksebene analysiert.
Die Darstellung der sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene wird anhand
der räumlichen Strukturunterschiede der Stadt Wien genauer beleuchtet.
7.
Sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene
7.1
Sozialraumanalyse anhand der Stadt Wien
Beginnen werde ich diese Aufgabe mit theoretischem Basiswissen, um diese vorhin
genannten Fragen mit einen der zentralen Ansätze der Stadtforschung, der
Sozialraumanalyse beantworten zu können.
Die Sozialraumanalyse wurde Ende der 1940-er Jahre von Eshref Shevkef und
Wendel Bell entwickelt und geht davon aus, dass die Gesamtstadt in viele kleine, in
sich abgeschlossene „Welten“ zerfällt. Diese eben genannten „Welten“ werden als
Natural Areas bezeichnet und sind, wie der Name schon verrät, „natürliche
Einheiten“ der Stadt. Sie sind nach Außen abgeschottet und nach Innen sorgen sie
für soziale Kontrolle, anzusehen als Biotope, die natürliche Einheiten der
Naturlandschaft sind.
Gleichzusetzen sind die Natural Areas mit den „Neighborhoods“, den Wohnvierteln in
den US- amerikanischen Großstädten.
Seite 92 von 110
Seminar Humangeographie
Die Sozialraumanalyse sieht die Stadt als ein Mosaik und geht von den einzelnen
kleinen Bausteinen aus, um diese Neighborhoods abzugrenzen und schließlich den
Bauplan der Stadt zu verstehen.
Anhand zahlreicher Analysen von Brian Berry und anderen Autoren hat sich
bestätigt, dass für die Differenzierung der Stadt drei Faktoren notwendig sind, die wie
folgt lauten: ein sozialer Faktor, der die berufliche Position und das Einkommen
darstellt, ein demographischer Faktor, der das Alter und den Familienstand aufzeigt
und ein ethnischer Faktor, der die ethnische Herkunft bestimmt.
Jeder dieser soeben genannten Faktoren zeigt nicht nur die „Entmischung der
Bevölkerung“, sondern ist auch mit einer spezifischen Raumstruktur verbunden, die
jeweils ein spezifisches räumliches Muster aufweisen.
Der soziale Faktor dokumentiert eine sektorale Differenzierung der Stadt und teilt
diese in einzelne „Tortenstücke“, wobei die Teuersten dieser Sektoren von den
sozialen Gruppen mit dem höchsten Einkommen in Besitz genommen werden.
Weiters zeigt der demographische Faktor die Gliederung der Bevölkerung nach
unterschiedlichen Altersgruppen und den Familienstand auf. Dabei entsteht ein
zonales, konzentrisches Anordnungsmuster, welches aufzeigt, dass sich am
Stadtrand durch die hohe Neubautätigkeit die vergleichsweise junge Bevölkerung mit
hohem Kinderanteil ansiedelt. In erster Linie werden eben neu erbaute Stadteile von
jungen Bevölkerungsgruppen aufgesucht und besiedelt. Da in den Stadtteilen, die
näher zum Stadtkern liegen, die Bautätigkeit schon einige Jahre oder Jahrzehnte
zurückliegt, wurde auch die Bevölkerung älter. Aus diesem Grund lassen sich
„Wachstumsringe“ der Stadt, die der demographischen Alterung entsprechen,
aufzeigen.
Schließlich führt der ethnische Faktor zu einer räumlichen Klumpung der
Wohnstandorte der zugewanderten Bevölkerung. Die Verteilung dieser Bevölkerung
in der Stadt ist abhängig von sozialen Netzwerken und den Bedingungen des
Wohnungsmarktes und entwickelt sich um bestimmte Konzentrationskerne herum.
Solche Konzentrationskerne können entweder durch frühere Zuwanderungen bzw.
durch Standorte von ethnischen Institutionen gebildet werden, sowie in Stadtteilen
mit vergleichsweise billigen Wohnungen.
Seite 93 von 110
Seminar Humangeographie
Abb. 19: Räumliche Prinzipien der Segregation
Die Abb. 19, von Murdie (1969), aus Fassmann und Hatz zeigt die räumliche
Verteilung der drei oben genannten Faktoren. An der Spitze wird die Klumpung der
Wohnstandorte durch den ethnischen Faktor dargestellt. Eine Ebene darunter
werden die „Wachstumsringe“ der Stadt und dann das sektoriale Anordnungsmuster
des sozialen Faktors dargestellt. Schließlich befindet sich am unteren Ende der
Abbildung eine Darstellung des physischen Raums, der in der Regel keine explizite
Beachtung findet. Aus diesem Grund in der folgenden Arbeit ebenso keine weitere
Berücksichtigung findet. Der im letzten Abschnitt erwähnte theoretische Hintergrund
gibt
den
Rahmen
für
die
Auswahl
der
Indikatoren
der
sozialräumlichen
Differenzierung vor. Folglich sind die vorhin genannten Faktoren: der soziale,
ethnische und demographische Faktor zur Gliederung der Stadt zu verwenden. Es
kann nur das dargestellt werden, was empirisch und datentechnisch als Material
vorhanden ist. Demnach werden für die weitere Darstellung des sozialen Faktors
Daten
der
Volkszählung
2001
von
Statistik
Austria,
teilweise
von
der
Magistratsabteilung 5 überarbeitet, verwendet. Die räumliche Bezugsebene sind die
23 Wiener Gemeindebezirke, die für die folgende Analyse der sozialenräumlichen
Gliederung der Stadt dienen.
Seite 94 von 110
Seminar Humangeographie
7.1.1 Der soziale Faktor
Die Indikatoren für die soziale Differenzierung der Bevölkerung und des
Stadtgebietes sollten in erster Linie deren ökonomische Leistungsbereitschaft und
gesellschaftliche Position darstellen.
Eines der wichtigsten Steuerungsgrößen ist das Kapital jeder Person, denn wer
Kapital besitzt, kann sich in bestimmten Stadtgebieten niederlassen, wer keines in
Besitz hat, der wird verdrängt und muss auf weniger attraktivere Siedlungen
ausweichen.
Da
durch
die
Volkszählungen
keine
Einkommenssituationen
veröffentlicht werden, wird im Folgenden mit bestimmten Merkmalen, stellvertretend
für den Faktor Einkommen, weiteranalysiert: Die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt
und der Anteil der Sozialhilfeempfänger dienen zur sozialen Gliederung der
Bevölkerung sowie der Stadtgebiete.
Der Indikator „Anteil der Selbstständigen“ steht im Normalfall für ein höheres
Einkommen und gesellschaftliches Prestige. Die Berufe wie Unternehmer. Ärzte,
Rechtsanwälte u.v.a. werden in der Gruppe der Selbstständigen zusammengefasst
und diese bilden in der Gesellschaft zweifelsohne die „obere“ Schicht.
Ein weiterer Indikator „Anteil der angelernten ArbeiterInnen und HilfsarbeiterInnen“
kennzeichnet genau das Gegenteil, denn diese Arbeitergruppe verfügt in der Regel
über ein geringes Einkommen und wenig gesellschaftlicher Macht.
Seite 95 von 110
Seminar Humangeographie
Tab.14:
Berufstätige nach sozioökonomischer Gliederung und Bezirken
2001
Bezirk
Selbständige
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
Wien
Männlich
Weiblich
2.196
3.889
4.387
2.189
2.545
2.260
2.405
1.968
2.783
4.332
2.014
2.769
3.059
3.382
2.466
3.199
2.269
2.840
3.982
2.210
3.670
4.329
3.462
68.605
44.288
24.317
Sozioökonomische Einheit
angelernte
Hilfsarbeiter
%
%
ArbeiterInnen
/innen
24,3
5,1
464
378
8,0
13,7
6.686
5.756
10,0
9,9
4.337
3.826
14,6
7,4
1.116
868
9,4
13,1
3.533
3.214
14,2
8,1
1.294
1.024
14,6
8,5
1.391
1.168
15,3
6,4
825
586
13,7
8,1
1.655
1.337
5,5
12,9
10.061
9.109
4,8
12,4
5.156
4.372
6,7
13,1
5.361
4.582
13,4
4,6
1.050
806
8,4
9,1
3.696
3.123
6,9
14,0
4.979
5.459
7,0
13,0
5.963
6.545
9,1
11,7
2.928
3.087
12,5
8,1
1.842
1.726
13,2
6,9
2.071
1.507
5,5
14,4
5.849
5.243
5,5
10,5
6.947
5.471
5,8
9,8
7.233
4.815
7,9
7,8
3.410
2.399
87.847
76.401
8,4
10,8
10,2
10,9
47.220
40.134
6,4
10,6
40.627
36.267
%
4,2
11,8
8,8
5,8
11,9
6,4
7,1
4,6
6,6
11,7
10,5
11,2
3,5
7,7
15,4
14,2
12,3
7,6
5,0
12,9
8,2
6,5
5,5
9,4
9,2
9,5
Beschäftige
zusammen
9.048
48.637
43.714
15.026
27.046
15.968
16.440
12.840
20.325
78.064
41.625
41.029
22.871
40.478
35.491
45.945
25.048
22.735
30.058
40.498
66.427
74.138
43.581
817.032
434.506
382.526
Überdurchschnittlich hoher Wert
Unter dem Durchschnitt liegender Wert
Quelle: Statistik Austria (Volkszählung 01), bearbeitet von der MA 5
Anhand der Volkszählungsdaten von 2001 gab es laut Statistik Austria in Wien
817.032 Berufstätige. Darunter waren 68.605 Selbstständige, 87.847 Berufstätige mit
angelernter Arbeit und 76.401 Hilfsarbeiter, prozentuell gesehen wäre dies ein Wert
von 8,4, 10,8 bzw. 9,4.
Absolut gesehen gibt es laut der obigen Tabelle im 3.Bezirk die meisten
Selbstständigen (4.387), in Bezug zu den restlichen Berufstätigen weist der 1.Bezirk
(Innere Stadt) den höchsten Anteil der Selbstständigen auf.
Seite 96 von 110
Seminar Humangeographie
Besonders auffallend sind beim Indikator der Selbstständigen die Bezirke mit unter
dem Durchschnitt liegenden Werten, diese wie folgt lauten: 2., 10., 11., 12., 15., 16.,
20., 21., 22., und 23.Bezirk
Betrachtet
man
die
Indikatoren
der
„angelernten
ArbeiterInnen
und
der
HilfsarbeiterInnen“ so lässt sich behaupten, dass es eine Übereinstimmung dieser
Gruppen in Bezug auf die räumliche Verteilung in Wien kommt.
Herausstechend sind hier die Bezirke mit überdurchschnittlich hohen Werten.
Betroffen sind hiermit die Bezirke 2., 5., 10., 11., 12., 15., 16., 17. und 20.
Den so genannten Spitzenreiter mit dem höchsten Anteil der angelernten
ArbeiterInnen weist hiermit der 20. gefolgt vom 15.Bezirk auf. Ein fast identisches
Beispiel beim Anteil der Hilfsarbeiter, denn hier befindet sich der 15.Bezirk an der
Spitze und der 16. Bezirk weist den zweithöchsten Anteil auf.
Auf Grund dieser Werte lässt sich bereits eine Tendenz feststellen, wo, welche
Berufsgruppe tätig ist. Weiters wird noch der Indikator „Sozialhilfeempfänger“ auf
Bezirksebene in Wien hinzugenommen um eine „klare“ Gliederung vornehmen zu
können. Selbstverständlich verschaffen solche sozialräumlichen Analysen keine
hundertprozentige Gliederung der Bevölkerung und Stadt, dennoch lassen sich
markante Unterschiede erkennen.
Es ist zu erwarten, dass die räumliche Verteilung der Sozialhilfeempfänger in Wien
mit den beiden Merkmalen, die die Platzierung am Arbeitsmarkt gemessen haben,
korreliert.
Seite 97 von 110
Seminar Humangeographie
Tab. 15: Sozialhilfedichte 2004 - Wien auf Bezirksebene
Sozialhilfedichte nach Personen 2004
Bezirk
Personen mit
Wohnsitz in Wien
Personen mit
Sozialhilfeleistung
1
17.272
2
90.396
3
82.129
4
28.424
5
49.575
6
27.702
7
28.183
8
21.918
9
36.976
10
150.956
11
81.031
12
78.103
13
50.664
14
78.083
15
64.532
16
86.317
17
47.852
18
44.066
19
63.888
20
75.906
21
130.519
22
143.797
23
86.160
Wien
1.564.449
gesamt
Überdurchschnittlich hoher Wert
Sozialhilfedichte in %
267
5.604
3.755
872
3.018
1.135
1.116
557
1.415
8.596
4.763
5.680
1.018
3.194
3.428
4.721
2.593
1.588
1.883
4.615
6.844
5.122
2.401
1,5
6,2
4,6
3,1
6,1
4,1
4,0
2,5
3,8
5,7
5,9
7,3
2,0
4,1
5,3
5,5
5,4
3,6
2,9
6,1
5,2
3,6
2,8
74.185
4,7
Quelle: MA 5
Laut den Angaben der Magistratsabteilung 5 lebten 2004, 1.564.449 Personen in
Wien. Aus diesen rund 1.5 Millionen Menschen waren 74.185 Sozialhilfeempfänger,
was einen Prozentwert von 4,7 ergibt. Betrachtet man die Verteilung der Sozialhilfe
auf die 23 Wiener Gemeindebezirke, soll lässt sich feststellen, dass zehn Bezirke
einen höheren Prozentsatz an Sozialhilfeempfänger aufweisen, als der Durchschnitt
von Wien beträgt. Den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfänger weist der 12.Wiener
Gemeindebezirk, mit 5.680 Empfängern auf. Im Verhältnis zu den dort lebenden
Personen erhalten 7,3% der Bevölkerung soziale Unterstützung.
Abgesehen davon, dass das Datenmaterial für die sozialökonomische Gliederung
der Berufstätigen von der Volkszählung 2001 stammt und die Darstellung der
Sozialhilfeempfänger aus dem Jahre 2004, wird im Folgenden angenommen, dass
keine gravierenden Veränderungen der Verteilung zwischen 2001 und 2004
vorgefallen sind. (Zum Zeitpunkt der Analyse konnten leider keine Daten der beiden
Indikatoren des selbigen Jahres aufgetrieben werden.)
Seite 98 von 110
Seminar Humangeographie
Betrachtet man nun das Ergebnis der Sozialhilfedichte nach Personen in Bezug auf
die Wiener Gemeindebezirke so lassen sich Gemeinsamkeiten mit den vorhin
besprochenen Indikatoren „Platzierung am Arbeitsmarkt“ erkennen. Die Gruppe der
Selbstständigen weist demnach eine hohe Konzentration im Zentrum (1.Bezirk) und
den zentrumsnahen Bezirken sowie in den westlichen Stadtteilen, insbesondere in
den Stadtrandgebieten der Bezirke 13, 18 und 19.
Hingegen müssen sich die Gruppen der „angelernten Arbeiter und HilfsarbeiterInnen“
mit den weniger noblen Stadtteilen und somit mit billigeren Wohnungen zufrieden
geben. Eine hohe Korrelation bestätigt sich in den zentrumsnahen Bezirken im
Bereich des Gürtels, der die inneren von den äußeren Bezirken im westlichen
Stadtteil trennt in Bezug auf den hohen Anteil der angelernten Arbeiter und
Hilfsarbeiter sowie den hohen Anteil der Sozialhilfeempfänger.
Abb.20: Angelernte und
Hilfsarbeiter Wien 2001
Die Abb.20, aus Fassmann und
Hatz entnommen, soll
ausschließlich der kartografischen
Darstellung der räumlichen
Verteilung der Angelernten und
Hilfsarbeiter dienen. Die Intervalle
in der Karte stimmen nicht mit den
Werten der bis jetzt verwendeten
Analysedaten überein.
Auf Datenbasis von Statistik Austria wird im Folgenden die zweite Gruppe von
Merkmalen, die ethnische Struktur der Bevölkerung in Wien aufgezeigt.
Seite 99 von 110
Seminar Humangeographie
7.1.2 Der ethnische Faktor
In die Analyse werden folgende Merkmale miteinbezogen:
Anteil der Staatsbürger aus Serbien und Montenegro, der Anteil türkischer
Staatsbürger und schließlich auch die Daten der Bürger aus den EU 15 Staaten.
Immerhin beträgt der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Wien fast 19 Prozent.
Tab. 16: Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit in Wien 2005
Österreich
2005
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
1.342.253
14.085
68.980
66.373
23.890
38.755
23.582
23.146
18.718
30.427
133.405
69.787
67.126
45.767
70.028
48.100
69.469
39.136
37.909
57.534
60.184
122.006
133.020
80.826
Staatsangehörigkeit
Serbien u.
Türkei
Montenegro
76.666
39.901
374
61
6.638
2.884
4.167
1.882
1.024
340
3.618
1.744
1.051
450
1.422
490
833
236
1.768
574
9.260
6.591
3.029
1.867
4.810
2.609
717
254
3.591
1.493
6.732
3.328
7.487
4.120
4.165
1.440
2.054
743
1.291
780
5.689
4.439
3.134
1.663
2.289
1.186
1.523
727
übrige EU
15 Staaten
17.359
661
1.419
1.438
851
751
602
619
683
1.051
775
377
573
588
540
547
603
551
912
1.300
610
594
844
470
Bevölkerung
gesamt
1.651.437
17.289
93.862
84.465
30.041
52.348
29.322
30.282
23.657
39.264
167.111
82.555
84.167
51.095
82.626
70.214
93.393
52.234
47.197
67.178
81.505
136.321
146.616
88.695
ausländische
Bev. gesamt
309.184
3.204
24.882
18.092
6.151
13.593
5.740
7.136
4.939
8.837
33.706
12.768
17.041
5.328
12.598
22.114
23.924
13.098
9.288
9.644
21.321
14.315
13.596
7.869
ausländische
Bev. in %
18,7
18,5
26,5
21,4
20,5
26,0
19,6
23,6
20,9
22,5
20,2
15,5
20,2
10,4
15,2
31,5
25,6
25,1
19,7
14,4
26,2
10,5
9,3
8,9
Quelle: Statistik Austria
Absolut gesehen weist der 10. Bezirk den höchsten Ausländeranteil aller Wiener
Gemeindebezirke auf. Mit einem Höchstwert von 167.111 AusländerInnen, gefolgt
vom 22.Bezirk, mit 146.616 Personen nicht österreichischer Staatsbürger, liegt
Favoriten mit klarem Abstand an der Spitze. Sowohl beim Anteil der aus Serbien und
Montenegro als auch der Türkei stammenden Personen lässt sich ein identisches
Bild erkennen.
Seite 100 von 110
Seminar Humangeographie
Betrachtet man nun die Verteilung der ausländischen Bevölkerung im Verhältnis der
österreichischen Staatsbürger, so erhält man kleine Unterschiede. Prozentuell
gesehen weist nämlich der 15.Gemeindebezirk einen Spitzenwert von 31,5 auf, dies
bedeutet, dass fast jeder Dritte mit Wohnsitz im 15.Bezirk ausländischer
Staatsbürger ist. In den Bezirken 2., 5., 16., 17.und 20 leben bereits mehr als ein
Viertel AusländerInnen.
Komplementär dazu verfügen die Bezirke 1., 11., 13., 14., 19., 21., 22. und 23. über
einen unter dem Durchschnitt liegendem Wert. Die geringsten Ausländeranteile in
Wien weisen Liesing (23.Bez.), Donaustadt (22.Bez.) und Hietzing (13.Bez.) auf.
Abb.21: Verteilung des
ethnischen Faktors
Die linke Karte wurde aus
Fassmann
und
Hatz
entnommen
uns
soll
ausschließlich
der
kartografischen Darstellung
der räumlichen Verteilung
des ethnischen Faktors
dienen. Die Intervalle in der
Karte stimmen nicht mit
den Werten der bis jetzt
verwendeten Analysedaten
überein.
Quelle: Fassmann und Hatz
Betrachtet man die obige Karte, so lässt sich feststellen, dass der charakteristische
Kranz rund um den Gürtel das Kartenbild prägt. Die dunkel eingezeichneten Gebiete
verfügen über hohe Faktorwerte, dort finden sich hohe Ausländeranteile, hohe
Anteile an Substandardwohnungen aus der Gründerzeit und dafür sehr wenige
Neubauten. Hohe Anteile von Personen aus Serbien und Montenegro und der Türkei
finden sich demnach in den innenstadtnahen Gebieten der westlichen Außenbezirke,
niedrige in den Bezirken östlich der Donau. Überall dort, wo der Anteil an schlecht
ausgestatteten Wohnungen hoch ist, ist der Anteil dieser ethnischen Gruppierungen
ebenfalls hoch.
Ein weiteres Merkmal, die sozialräumliche Verteilung der Bevölkerung in der Stadt
darzustellen, bietet der demographische Faktor.
Seite 101 von 110
Seminar Humangeographie
7.1.3. Der Demographische Faktor
Der Faktor fasst die demographischen Merkmale zusammen und beschreibt die
Tendenz der Entmischung nach Altersgruppen. Die junge Bevölkerung und
Familienhaushalte wohnen wie vorhin schon gehört in anderen Stadtteilen als die
Gruppe der älteren Bevölkerung. Ausschlaggebend für diese Gliederung ist nicht die
soziale noch die ethnische Differenzierung sondern die Tendenz der Besielung von
Neubauwohnungen.
In Wien, sowie in anderen Großstädten dominiert der Geschosswohnbau. Wenn ein
so eben erwähnter Bau in einem Bezirk erstellt wird, dann werden die Wohnungen
meist von jungen Familien mit Kindern bezogen, die damit die Altersstruktur des
Bezirks deutlich beeinflussen.
Weiterhin kann die Altersstruktur eines Bezirks durch das Vorhandensein von vielen
Altersheimen kleinräumig gestört werden, denn dann bleibt der Stadtteil immer „alt“.
Komplementär
dazu
können
jene
Stadtteile,
die
einen
hohen
Anteil
an
Studentenheimen oder Wohnungen für Berufseinsteiger aufweisen, immer „jung“
bleiben.
Seite 102 von 110
Seminar Humangeographie
Tab.17: Wohnbevölkerung nach Altersgruppen und Bezirken (absolut und in %)
Bezirk
0 - 15
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
Wien
1.622
13.732
10.711
3.498
6.997
3.226
3.417
2.566
4.444
25.173
14.002
12.819
6.612
11.358
10.409
13.727
7.448
6.412
8.681
12.105
22.023
26.401
13.120
240.503
%
20 - 55
%
9,4
10625
14,6
60.573
12,7
54.966
11,6
19.486
13,4
35.574
11,0
20.362
11,3
21.341
10,8
16367
11,3
26.628
15,1
104.507
17,0
52.515
15,2
53.145
12,9
28.293
13,7
51.167
14,8
47.151
14,7
60.467
14,3
33.932
13,6
29.328
12,9
38.602
14,9
52.708
16,2
83.684
18,0
92.281
14,8
53.795
14,6 1.047.497
61,5
64,5
65,1
64,9
68,0
69,4
70,5
69,2
67,8
62,5
63,6
63,1
55,4
61,9
67,2
64,7
65,0
62,1
57,5
64,7
61,4
62,9
60,7
63,4
60 – 85
+
5042
19.557
18.788
7.057
9.777
5.734
5.524
4.724
8.192
37.431
16.038
18.203
16.190
20.101
12.654
19.199
10.854
11.457
19.895
16.692
30.614
27.934
21.780
363.437
%
gesamt
29,2
17.289
20,8
93.862
22,2
84.465
23,5
30.041
18,7
52.348
19,6
29.322
18,2
30.282
20,0
23.657
20,9
39.264
22,4
167.111
19,4
82.555
21,6
84.167
31,7
51.095
24,3
82.626
18,0
70.214
20,6
93.393
20,8
52.234
24,3
47.197
29,6
67.178
20,5
81.505
22,5
136.321
19,1
146.616
24,6
88.695
22,0 1.651.437
Überdurchschnittlich hoher Wert
Quelle: Statistik Austria
Im Anblick der obigen Tabelle kann man sagen, dass die Verteilung der Bevölkerung
in Bezug auf deren Alter relativ gleichmäßig verteilt ist. Der Anteil der unter 15Jährigen weist in den südlichen und östlichen Bezirken der Stadt Wien über dem
Durchschnitt liegende Werte auf. Allen voran der 22. und der 11. Bezirk, die mit 18%
bzw. 17% weit über den anderen Bezirken hohe Anteile der jungen Bevölkerung
aufweisen. Auch in den innenstadtnahen Bereichen der äußeren Bezirken, also
diejenigen Gebiete, wo der Anteil der Staatsbürger aus Serbien und Montenegro und
der Türkei relativ hoch ist, werden auch von der jüngeren Bevölkerung bevorzugt.
Seite 103 von 110
Seminar Humangeographie
Es ist weiters bemerkenswert, dass die Wohnstandorte der jungen Bevölkerung als
auch die der älteren so gut wie keine Segregation aufweisen, denn die sie sind über
die Stadt verteilt. Im Vergleich dazu bevorzugt die ältere Bevölkerung (60 Jahre +)
die Bezirke Hietzing, Döbling und die Innere Stadt. Rückblickend lässt sich
zusammenfassen, dass die innerstadtnahen Bereiche der äußeren Bezirke über
hohe Anteile der jungen Bevölkerung, Staatsbürger aus Serbien und Montenegro
und Türkei. In diesen Gebieten vorwiegend kostengünstigere Wohnungen vorhanden
sind und deshalb von diesen eben genannten Bevölkerungsgruppen bevorzugt
werden. Der Anteil der älteren Bevölkerung, die bereits über entsprechendes Kapital
verfügen, können sich an Stadtgebieten ansiedeln, wo sie es für richtig empfinden,
denn sie können ihr Wohngebiet auswählen. Das Zentrum sowie die Bezirke 13, 18,
und 19 werden vorwiegend von den Älteren und den Selbstständigen bevorzugt.
Abb. 22 : Muster der Segregation in
Wien
Stellvertretend für die Analysen davor
werden die Faktoren abschließen noch
einmal grafisch dargestellt. Die Karte des
ethnischen Faktors zeigt den Kranz rund
um den Gürtel, die des demographischen
Faktors,
die
erhöhte
Ansiedlung
der
Bevölkerung am Stadtrand. Der sektorale
Status spiegelt die sektorale Verteilung
wider und der Gemeindewohnungsstatus
zeigt die Verstreuung über die gesamte
Stadt.
Quelle: Fassmann, Hatz
Seite 104 von 110
Seminar Humangeographie
8.
Literaturverzeichnis
Arnold, H., 1995, Disparitäten in Europa. die Regionalpolitik der Europäischen Union;
Analyse, Kritik, Alternativen. - Basel (u.a.).
Barnes, M., 2002, Social exclusion and the life course. – In Elgar, E., Hrsg., Poverty
and Social Exclusion in Europe. – Cheltenham (u.a.), S. 1 – 23.
Bathelt,
H.
1994.
Die
Bedeutung
der
Regulationstheorie
in
der
Wirtschaftsgeographischen Forschung. Geographische Zeitschrift 82/2. Stuttgart.
Bathelt, H. und Glückler, J.: Wirtschaftsgeographie: Ökonomische Beziehungen in
räumlicher Perspektive. Stuttgart 2002
Becker, J. 2002. Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion
der französischen Regulationstheorie. Marburg: Metropolis
Diercke Wörterbuch Allgemeine Geographie (2001); hrsg. von Hartmut Leser;
Deutscher Taschenbuch Verlag, München
Fassmann H., Hatz G. (2004): Fragmentierte Stadt? Sozialräumliche Struktur und
Wandel in Wien 1991 – 2001. In: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen
Gesellschaft, Band 146/2004. S.61-92. A fragmented city? Vienna socio-economic
structure and its dynamics 1991 - 2001
Fuhse, J. A. und G. S. Schaal, 2005, Politische Institutionen und die Generalisierung
von Vertrauen. – In: Geis, Anna und D. Strecker, Hrsg., Blockaden staatlicher Politik.
– Frankfurt und New York, S. 54 – 66.
Heady, C. und G. Room, 2002, Patterns of social exclusion. Implications for policy
and research. – In Elgar, E., Hrsg., Poverty and Social Exclusion in Europe. –
Cheltenham (u.a.), S. 146 – 154.
Seite 105 von 110
Seminar Humangeographie
Huster, E.-U., 1996, Armut in Europa. – Opladen, (= Reihe: Analysen 58).
Klotz J. (2005):Einkommen und Löhne. Verdienstunterschiede zwischen den
Bundesländern – eine Folge von Struktureffekten? In: Statistische Nachrichten: Band
11/2005. S. 1003 – 1007.
Lamei, N. und U. Till-Tentschert, 2005, Messung von Armutsgefährdung und
Deprivation. - In: Statistische Nachrichten 4/2005, S. 349 – 359.
Lexikon der Geographie (2002); Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg,
Berlin
Meyer,
M.,
1997,
Die
Dynamik
der
Regionen.
Geoökonomische
Schwerpunktbildungen in Europa. - Baden-Baden.
Neyer, J., 2005, Demokratisches Regieren in einem post-pathetischen Europa. In:
Geis, Anna und D. Strecker, Hrsg., Blockaden staatlicher Politik. – Frankfurt und New
York, S. 169 – 184.
Richter, U. 1994. Geographie der Arbeitslosigkeit in Österreich. Theoretische
Grundlagen – Empirische Befunde.
Schätzl, L. 1993. Wirtschaftsgeographie der Europäischen Gemeinschaft. Pederbom.
Schätzl, L.: Wirtschaftsgeographie 1: Theorie. Paderborn, München, Wien und Zürich
82001 2001
Scholz, F. (2000b): Perspektiven des Südens im Zeitalter der Globalisierung. In:
Geographische Zeitschrift. 88. Jg. H. 1. S. 1-20.
Seite 106 von 110
Seminar Humangeographie
Sternberg, R., 1995. Wie entstehen High-Tech Regionen? Theoretische Erklärungen
und empirische Befunde aus fünf Industriestaaten. Geographische Zeitschrift 83/1: S.
48-63.
Strengmann-Kuhn,
W.,
2003,
Armut
trotz
Erwerbstätigkeit.
Analysen
und
sozialpolitische Konsequenzen. - Frankfurt am Main (u.a.).
Terrasi, M., 2006, Regional Inequalities and EU enlargement. The macrospatial
dimension. – In: Vertova, G., Hrsg., The changing economic geography of
globalization. Reinventing space. - London (u.a.), S. 216 – 241.
Tondl, G., 1994. Die Regionalpolitik der Europäischen Gemeinschaft. Ein Beitrag zur
Verringerung der Wohlstandsdifferenzen zwischen Zentrum und Peripherie? In: M.
Haller und Schachner-Blazizek (Hg.). Europa wohin? Wirtschaftliche Integration,
soziale Gerechtigkeit und Demokratie: S. 247-266.
Tsakloglou, P. und F. Papadopoulos, 2002, Poverty, material deprivation and multidimensional disadvantage during four life stages. Evidence from the ECHP. – In:
Elgar, E., Hrsg., Poverty and Social Exclusion in Europe. – Cheltenham (u.a.), S. 24
– 52.
Vorauer, K. 1996 Europäische Regionalpolitik – Regionale Disparitäten. Theoretische
Fundierung, empirische Befunde und politische Entwürfe. Dissertation an der
Universität Wien.
Seite 107 von 110
Seminar Humangeographie
Internetrecherchen:
http://www.bmsg.gv.at/
Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz
(zuletzt besucht 12. 1. 2007).
http://www.statistik.at/
Statistik Austria (zuletzt besucht 12. 1. 2007).
Deutsche
Bundesregierung,
2006,
Die
Lissabon-Strategie:
http://www.bundesregierung.de/nn_87716/Content/DE/Artikel/2005/11/2005-11-21europa-dossier-die-lissabon-strategie.html (zuletzt besucht 12. 1. 2007).
Eurostat, 2007, November 2006. Arbeitslosenquote in der Eurozone auf 7,6 %
gesunken. EU25 auf 7,7 % gefallen. - Euro-Indikatoren. Pressemitteilung 4/2007 vom
5. Januar 2007:
http://www.eds-destatis.de/de/downloads/news/news_release004.pdf
(zuletzt
besucht 12. 1. 2007).
Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 2006,
Regionen: Statistisches Jahrbuch 2006. Daten 2000 – 2004. Kapitel 2:
http://www.eds-destatis.de/downloads/publ/de1_regionen06_02.pdf (zuletzt besucht
12. 1. 2007)
Bundesministerium
für
Wirtschaft
und
Arbeit,
2007,
EU-Förderungen:
http://www.help.gv.at/Content.Node/90/Seite.900002.html (zuletzt besucht 12. 1.
2007).
Euro
Info
Centres,
k.
A.,
Arten
von
EU-Förderungen:
http://www.eubusiness.at/index.php?set_language=de&cccpage=foerderungen_intro
&set_z_foerderungen=4 (zuletzt besucht 12. 1. 2007).
Seite 108 von 110
Seminar Humangeographie
EU-Parlament, 2006, vom Parlament angenommene Texte. Entschließung des
Europäischen Parlaments zu einem Europäischen Sozialmodell für die Zukunft:
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P6-TA2006-0340+0+DOC+XML+V0//DE (zuletzt besucht 12. 1. 2007).
Guio, A.-C., 2005, Materielle Entbehrung in der EU. (= Statistik kurz gefasst.
Bevölkerung und soziale Bedingungen 4/2005):
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-NK-05-021/DE/KS-NK-05021-DE.PDF (zuletzt besucht 12. 1. 2007).
Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 2004, Living
Conditions in Europe. Statistical pocketbook. Data 1998 – 2002:
http://www.eds-destatis.de/downloads/publ/en3_living_cond.pdf (zuletzt besucht 12.
1. 2007)
Tentschert, U., 2001,
Europäisches Haushaltspanel – Forschungsberichte.
Querschnittsbericht 5. Welle 1999 (Zahlen für 1998):
http://www.iccr-international.org/echp/docs/endbericht5.pdf (zuletzt besucht 12. 1.
2007)
Statistisches Bundesamt, 2006, Erstmals EU-weit vergleichbare Daten zu Armut,
Pressemitteilung vom 5. Dezember 2006:
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p5050530.htm (zuletzt besucht 12. 1.
2007)
RegioData Research, 2006, Regionale Kaufkraftunterschiede in CEE-Ländern.
Presseaussendung vom 1. 6. 2006:
http://www.regiodata.at/download/PRA_KKI_CEE_01_06_06.pdf (zuletzt besucht 12.
1. 2007)
Seite 109 von 110
Seminar Humangeographie
ec.europa.eu 2, k. A., Teil I: Lage und Entwicklungen. Verringerung der
Einkommensdisparitäten in der EU-15:
http://ec.europa.eu/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/pdf/conclu2_de.pd
f (zuletzt besucht 12. 1. 2007)
Diamantopoulou, A. und P. Solbes Mira, 2003, Die soziale Lage in der Europäischen
Union 2003. Kurzfassung:
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KE-51-03-261/DE/KE-51-03261-DE.PDF (zuletzt besucht 12. 1. 2007)
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), 2003. Abteilung 42.
Staat und Demokratie, Hrsg., Armut in Städten. Definitionen und Konzepte in der
Internationalen Zusammenarbeit:
http://www2.gtz.de/dokumente/bib/03-0218.pdf (zuletzt besucht 12. 1. 2007)
Seite 110 von 110
Herunterladen