Seminar aus Humangeographie Ws 06/07 Leitung: Univ. Prof. Dr. Peter Weichhart Räumliche Disparitäten anhand ausgewählter Beispiele. vorgelegt von: Glavanics Patrick 0107098, A190 482 456 Haiden Markus 0005875, 482 456 Hofer Christoph 0306655, A190 344 456 Seminar Humangeographie Inhaltsverzeichnis Vorwort 4 Teil 1 Haiden Markus 1. Begrifflichkeit 5 1.1 Regionale Disparität 6 1.2 Was ist eine Region? 7 2. Theorien der räumlichen Entwicklung 9 2.1 Konvergenzansätze – die neoklassische regional 2.2 Wachstumstheorie 9 Divergenzansätze 10 2.2.1 Polarisationstheorien oder Divergenztheorien 11 2.2.2 Wachstumspolkonzept von LASUEN 12 2.2.3 Zentrum–Peripherie–Modell 13 2.2.4 Modell globaler Fragmentierung 15 2.2.5 Theorie der Langen Wellen 17 2.2.6 Regionale Produktzykustheorie 18 2.2.7 Regulationstheorie 20 2.2.8 Netzwerke und Innovative Milieus 21 3. Kritik an der Regulationstheorie 22 3.1 Schwachstellen und konzeptionelle Defizite der Regulationstheorie 22 4. Indikatoren zur Messung regionaler Disparitäten 23 4.1 Thematische Einführung 23 4.2 Methodische Einführung 24 4.3 Kriterien für die Auswahl und Bildung von Indikatoren 25 Seite 2 von 110 Seminar Humangeographie Teil 2 Hofer Christoph 5. Regionale Disparitäten in Europa 5.1 Die Messung bzw. die Erfassung von Armutserscheinungen in der EU 5.1.1 Das Dateninstrumentarium (ECHP, EU-SILC) 27 29 31 5.1.2 Methodik - Indikatoren, Variablen und multidimensionale Aspekte 5.1.3 Definitions- und Messschwierigkeiten 5.2 35 39 Der Integrationsprozess und regionale Entwicklungen in Europa 40 5.2.1 Entwicklung regionaler Disparitäten (seit 1960 bis zum Ende der 1990er Jahre) 46 5.2.2 Ost-Europa und die EU-Erweiterung 53 5.3 56 EU-Länder im Vergleich 5.3.1 Das BIP je Einwohner 57 5.3.2 Das Einkommensgefälle 62 5.3.2.1 Stadt-Land-Gefälle 64 5.3.3 Divergierende Ausprägung der Arbeitslosigkeit 66 5.3.3.1Bildung in der EU 71 5.3.4 Lebensverhältnisse – Armut und Materielle Deprivation 74 5.4 78 Herausforderungen an den Sozialstaat 5.4.1 Die EU-Regional- und Stukturpolitik 81 Seite 3 von 110 Seminar Humangeographie Teil 3 Glavanics Patrick 6. Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene 88 6.1 Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern 88 6.1.1 Statistische Analyse von Administrativdaten 89 7. Sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene 92 7.1 Sozialraumanalyse anhand der Stadt Wien 92 7.1.1 Der soziale Faktor 95 7.1.2 Der ethnische Faktor 100 7.1.3 Der demographische Faktor 102 8. 105 Literaturverzeichnis Seite 4 von 110 Seminar Humangeographie Vorwort Historisch bedingte Gegebenheiten, die Lage und Distanz zu Arbeits-, Produktionsund Absatzmärkten, aber auch ungleiche quantitative und qualitative Ausstattungen mit Produktionsfaktoren können Ursache dafür sein, warum manche Regionen als arm und rückständig, andere wiederum als reich und prosperierend einzustufen sind. Da die Geographie eines Landes mit den vorhandenen Unterschieden nicht völlig auslöschbar ist, können arme und reiche Regionen, auch durch massive politische Interventionen, niemals restlos beseitigt werden. Tatsache ist, dass regionale Disparitäten den inneren Zusammenhalt einer Region gefährden. Im dritten Teil der Arbeit werden nach Analysen auf internationaler und interregionaler Maßstabsebene, sozialräumliche Differenzierungen auf Bundesländer- und Bezirksebene interpretiert. Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene wie zum Beispiel die Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern und Differenzierungen auf regionaler Ebene, Unterschiede zwischen den Bezirken der Stadt Wien sind die Problemstellungen, die darin ihre Lösung finden. Wie groß sind die regionalen Unterschiede innerhalb einer ausgewählten Region? Sind diese Unterschiede gesellschaftlich noch akzeptabel, oder vergrößern sich die Disparitäten? Im Verlauf dieser Arbeit soll daher der Versuch unternommen werden, auf diese Fragen eine mögliche Antwort zu finden. Seite 5 von 110 Seminar Humangeographie 1. Begrifflichkeit Die Wortkombination „Regionale Disparität“ lässt sich in zwei zentrale Begriffe – „Disparität“ und „Region“ – trennen. Es handelt sich dabei um gängige Terminologien, die trotz differenzierter Zugänge meist ganz selbstverständlich verwendet werden. Wahrscheinlich liegt es gerade daran, dass eine umfassende Definition, weder den Begriff „Disparität“ noch jenen der „Region“ betreffend, nicht möglich ist. 1.1 Regionale Disparität Im Handbuch der Raumordnung ist folgende Definition zu regionalen Disparitäten nachzulesen: „Unter regionalen Disparitäten werden Abweichungen von einer gedachten, je nach Fragestellung auf unterschiedliche räumliche Maßstabsebenen (Regionsabgrenzung) bezogenen Referenzverteilung von als relevant erachteten Merkmalen verstanden.“ (vgl. Arl 1995, S. 185). Im Gegensatz zu dieser genannten allgemeinen Definition, wird der Terminus „regionale Disparität“ im Diercke Wörterbuch der Allgemeinen Geographie (2001) folgendermaßen definiert: „Unausgeglichenheit der Raumstrukturen in einer bzw. in verschiedenen Regionen. Regionale Disparitäten äußern sich in unterschiedlichen Lebensbedingungen sowie in ungleichen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Der Stadt-Land-Gegensatz kann als eine Form der räumlichen Disparität aufgefasst werden.“ Die zweite Definition wird schon etwas genauer spezifiziert, eröffnet aber zugleich wieder eine neue Liste an erklärungsbedürftigen Begriffen. Erklärungsbedarf besteht unter anderem in Bezug auf den Begriff „Region“ und „unterschiedliche Lebensbedingungen“. Seite 6 von 110 Seminar Humangeographie Bei der Bewertung von Lebensbedingungen spielt immer auch eine subjektive Komponente eine erhebliche Rolle. Sind für den einen Bildungs- und Ausbildungschancen, vielfältige Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und dergleichen entscheidend, haben für den anderen möglicherweise ganz andere Faktoren Priorität, wie etwa günstigere Wohnverhältnisse oder eine bessere Umweltqualität. Das Dilemma ist klar ersichtlich: Eine umfassende Erklärung regionaler Disparitäten unter Berücksichtigung aller Einflussgrößen ist nicht möglich. Die Auseinadersetzung mit regionalen Disparitäten erfordert eine Segmentierung der Fragestellung und die Auswahl adäquater Indikatoren (vgl. Vorauer 1996, S. 17). Unabhängig vom sozialen Status, sondern allein durch die räumliche Lage des Wohnortes, können sich strukturelle Benachteiligungen von Personen ergeben. Regionen weisen innerhalb eines Landes eine ungleiche Verteilung und Ausstattung an sozialer, wirtschaftlicher, technologischer, ökologischer und kultureller Infrastruktur und Entwicklungspotentialen auf. So variieren z.B. zwischen einzelnen Regionen die Chancen der Erwerbspersonen, auf dem Arbeitsmarkt einen ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Auch die durchschnittlichen Einkommen, Gesundheitsbelastungen, Möglichkeiten zum Besuch von höheren Schulen oder auch beruflichen und sozialen Aufstiegschancen sind jeweils von Region zu Region unterschiedlich. 1.2 Was ist eine Region? Das Diercke Wörterbuch der Allgemeinen Geographie definiert Region als eine größere Raumeinheit, die mehrere Landschaften umfasst und als ein historisch oder administrativ abgegrenztes Territorium mittlerer Größe. Region bedeutet, laut Diercke, immer die Zusammenfassung von zusammengehörigen Raumeinheiten. Wie die Zusammengehörigkeit definiert wird und welche Merkmale dazu verwendet werden, wird nicht beschrieben. Seite 7 von 110 Seminar Humangeographie Der Europarat definiert eine Region als „eine menschliche Gemeinschaft, die innerhalb der größten gebietsmäßigen Einheit eines Landes liegt. (…) Eine solche Gemeinschaft ist gekennzeichnet durch eine geschichtliche oder kulturelle, geographische oder wirtschaftliche Homogenität oder eine Kombination dieser Kennzeichen, die der Bevölkerung eine Einheit verleiht in der Verfolgung gemeinsamer Ziele und Interessen“ (Erklärung von Bordeaux 1978 cit. in Vorauer 1996, S. 17). Beide Definitionen gehen davon aus, dass die Zusammengehörigkeit aufgrund der Gleichartigkeit bestimmter Phänomene gegeben ist (Homogenitätsansatz). Eine Region ist durch eine gemeinsame, gleichartige Geschichte bestimmt. Eine Region kann aber auch als kulturell oder ethnisch homogen und damit zusammengehörig interpretiert werden. Ein zweiter Ansatz geht davon aus, dass die Zusammenfassung von Raumeinheiten zu einer Region nicht durch Ähnlichkeit, sondern durch funktionelle Beziehungen bestimmt wird. Die Stadt bildet mit dem Pendlereinzugsbereich eine funktionelle Region. Absatzmarkt und Herkunftsland bestimmter Produkte bilden ebenfalls eine funktionelle Region. Erfolgt die Abgrenzung von Regionen weder aufgrund des Homogenitätsansatzes noch aufgrund der funktionellen Verflechtung, dann liegt sehr häufig eine politisch – administrative Regionsbildung vor. Regionen werden normativ geschaffen, sie werden aufgrund politischen Willens festgelegt, ob sie aufgrund objektiver Kriterien nun zusammengehören oder nicht. Bemerkenswert ist, dass die EU, obwohl sie den Begriff der Region an vielen Stellen verwendet, keine eigene Regionsdefinition besitzt. Dies ist aber gerade darauf zurückzuführen, dass die faktischen Regionen als tragende Basiseinheiten der EU aufgrund ihrer ungleichen bzw. fehlenden Kompetenzausstattung nicht in Frage kommen. Seite 8 von 110 Seminar Humangeographie Kurz zusammengefasst: Eine Region ist in der Regel unscharf definiert. Der Homogenitätsansatz, der funktionale Ansatz und der politisch – normative Ansatz führen zu gänzlich unterschiedlichen Resultaten. Ebenso ist die Frage des Maßstabs sehr häufig ungeklärt (vgl. Vorauer 1996, S. 17–22). 2. Theorien der räumlichen Entwicklung In den aktuellen Untersuchungen über künftige Entwicklungsperspektiven sind die Wachstumstheorien von Bedeutung. Im Wesentlichen wird die Diskussion über die künftige Entwicklung von Regionen innerhalb ökonomisch integrierter Räume von zwei gegensätzlichen Paradigmen geleitet: 1. Den neoklassisch orientierten Ansätzen, die eine konvergente Entwicklung zwischen Regionen aufgrund von interregionalem Handel und Faktormobilität postulieren und 2. den Divergenz – Ansätzen, die von einer Zunahme bestehender Disparitäten aufgrund von Skalenvorteilen, Technologieunterschieden, Unterschieden in den Marktzugängen oder dgl. ausgehen (vgl. RAMMER et al. 1994, S. 102). 2.1 Konvergenzansätze – die neoklassische regionale Wachstumstheorie Neoklassische Modellansätze wie die Konvergenztheorie zeigen auf, wie die Knappheit von Produktionsfaktoren zu räumlich ausgeprägten Ungleichgewichten führt, und welche Prozesse dem entgegenwirken. Grundhypothese dabei ist, dass interregionale Faktorpreisunterschiede durch Faktorwanderungen ausgeglichen werden Ausgleich durch Marktmechanismen (vgl. Bathelt et al. 2002, S. 67). Tondl (1994, S. 249) führt aus: „Die Grundhypothese der regionalen Wachstumstheorie der Neoklassik besagt, dass Freihandel bei Faktormobilität (Kapital- und Arbeitskräftemobilität) zu einem Ausgleich der Faktoreinkommen bzw. Seite 9 von 110 Seminar Humangeographie zu einem Ausgleich regionaler Unterschiede führt. Arbeit wandert in Regionen ab, wo Arbeitsplätze frei sind und höhere Löhne vorherrschen.“ Als entscheidende Ursachen für die Existenz interregionaler Disparitäten werden unter anderem räumliche Mobilitätshemmnisse und unzureichende interregionale Integration genannt. Zur Überwindung ungleicher Raumstrukturen tragen daher der Abbau von Mobilitätshemmnissen und die Intensivierung der Verflechtungsbeziehungen bei. Dazu zählen Maßnahmen, wie bspw. der Aufbau eines interregionalen Kommunikations- und Infrastruktursystems oder etwa die Förderung des interregionalen Handels (vgl. Richter 1994, S. 53). Diese Theorie geht allerdings von sehr vereinfachten Annahmen, wie Vollbeschäftigung, vollkommene Konkurrenz, freie Mobilität der Produktionsfaktoren oder interregionale Transportkosten von Null aus. Gerade in den Annahmen liegen aber auch die Schwächen des Modells, denn in der Realität bestimmen die angeführten Voraussetzungen entscheidend mit. Trotz den grundlegender räumlichen Einwände Differenzierungsprozess ist die neoklassische Wachstumstheorie nicht vollständig zu verwerfen (vgl. Vorauer 1996, S. 31). 2.2 Divergenzansätze Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie mit der Kernthese, dass jede Störung eines in der Ausgangssituation bestehenden Gleichgewichts Gegenkräfte hervorruft, die wiederum ein erneutes Gleichgewicht anstreben, erwarten Anhänger der Divergenz-Ansätze eine Zunahme bestehender Disparitäten. Es wird davon ausgegangen, dass steigende Skalenerträge zur räumlichen Konzentration ökonomischer Aktivitäten führen. Zentrale Regionen sind demzufolge tendenziell begünstigt. Im Gegensatz zu peripheren Regionen sind diese in der Regel mit besseren Verkehrs- und Kommunikationsnetzen, welche wiederum in besseren Marktzugängen und geringen Transport- und Transaktionskosten resultieren, ausgestattet. Seite 10 von 110 Seminar Humangeographie Entscheidende Bedeutung für wirtschaftliches Wachstum nimmt, innerhalb der Divergenz–Ansätze hinaus, die Innovation und Diffusion von neuen Technologien ein, wobei wiederum den Zentren die dafür günstigsten Rahmenbedingungen zugesprochen werden (vgl. Vorauer 1996, S. 33-36). 2.2.1 Polarisationstheorien oder Divergenztheorien Unter dem Überbegriff „Polarisationstheorien“ wird eine Vielzahl von alternativen Ansätzen zur neoklassischen Konvergenztheorie zusammengefasst. Im Unterschied zur neoklassischen Theorie bilden die Divergenz–Ansätze keine streng aufgebaute, geschlossene Wachstumstheorie, sondern eine Reihe von aus empirischen Beobachtungen gewonnenen Theoremen. Den wahrscheinlich umfassendsten Beitrag zu den Divergenz–Ansätzen liefern die polarisationstheoretischen Ansätze. Ihre Kernaussage ist, dass sich einmal aufgetretene Ungleichgewichte kumulativ verstärken, d. h. zu einer sektoralen und/oder regionalen Polarisation führen. Aufbauend auf den Ergebnissen unter anderem von SCHUMPETER, PERROUX oder KONDRATIEFF, entstand eine Vielzahl polarisationstheoretischer Arbeiten. Exemplarisch sei an dieser Stelle auf das Wachstumspolkonzept von LASUEN, die Zentrum–Peripherie–Modelle von FRIEDMANN und in weiterer Folge auf gängige regionale Wachstums- und Entwicklungstheorien, wie die Theorie der Langen Wellen, die regionale Produktzyklustheorie, die Regulationstheorie, die Netzwerktheorie und die Innovativen Milieus, die auf weiten Strecken auf polarisationstheoretischen Ansätzen Bezug nehmen, zu verweisen. Das sektorale Polarisationsargument geht auf SCHUMPETER zurück und wurde Anfang der 50er Jahre von PERROUX wieder aufgegriffen. SCHUMPETER geht von der zentralen Annahme aus, dass wirtschaftliches Wachstum sektoral ungleichgewichtig verläuft. Eine zentrale Position nehmen dabei Innovationen ein. Auch PERROUX geht davon aus, dass Innovationen von Nettoinvestitionen und der Bildung neuer führender Branchen begleitet werden. Er bezeichnet diese als „motorische Einheiten“, die wiederum „sektorale Wachstumspole“ bilden. Seite 11 von 110 Seminar Humangeographie Unter motorischen Einheiten versteht man Unternehmungen oder Gruppen von Unternehmungen, mit einem hohen Grad an industrieller Verflechtung. Der Verflechtungsgrad mit anderen Wirtschaftsbereichen wird an der Summe der Vorwärts- und Rückkoppelungseffekte gemessen (vgl. Salzer 1999, S. 9-10). Der Ansatz von Perroux kann als Pionierarbeit über Raumwirtschaft und als Grundlage regionaler Wirtschaftsplanung bezeichnet werden. Er entwirft ein alternatives Paradigma zum neoklassischen Marktmodell, das aber große begriffliche Unschärfen aufweist. Perroux, wie viele nach ihm, unterscheidet nämlich nicht klar zwischen Polarisation als einen sektoralen und einen räumlichen Prozess. Ob aber die Konzentration von Hochtechnologiefirmen räumlich ist, die Eigentumsstruktur oder die Handelsbeziehungen betrifft, macht einen bedeutsamen Unterschied (vgl. Becker 2002, S. 208). 2.2.2 Wachstumspolkonzept von LASUEN Eine umfangreiche Erweiterung und Vertiefung der Polarisationsansätze geht unter anderem auf das Wachstumspolkonzept von Lasuen zurück. Er unternimmt den Versuch, sektorale und regionale Polarisationstheorien mit Erkenntnissen der Standorttheorien und anderen regionalen Wachstums- und Entwicklungstheorien zu verknüpfen. Das Ziel ist die Erstellung einer allgemeinen Theorie über langfristiges Wirtschaftswachstum und Urbanisierung. Auch in der Theorie von Lasuen nehmen, wie schon bei Schumpeter und Perroux, Innovationen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung sektoraler und regionaler „clusters“ ein. Aus der Interaktion zwischen sektoralen und regionalen „clusters“ entstehen wiederum die einzelnen Systeme von Wachstumspolen. Der Innovationsprozess wird in drei Subprozesse gegliedert, die Invention, die Diffusion und die Adaption. Lasuen geht davon aus, dass sich die Inventionen (=Erfindungen) auf große, offene Städte in hoch entwickelten Ländern konzentrieren (vgl. Vorauer 1996, S. 36-37). Seite 12 von 110 Seminar Humangeographie Wachstumspole sind Orte, an denen durch diverse Verflechtungen eine Entwicklungsdynamik in Gang gesetzt wird. Unterentwickelte Regionen hingegen sind durch die Abhängigkeit zu zentralen Ökonomien gekennzeichnet. Zusammen bilden Zentrum und Peripherie das, was später in der Grenobler Schule der Regulationstheorie als Produktivsystem, d.h. als ein integrierter Raum von Akkumulation und Regulation, bezeichnet wird (Becker 2002, S. 209). 2.2.3 Zentrum – Peripherie – Modell Forschungsgegenstand der Wachstumspolkonzepte sind primär die Industrieländer. Die Zentrum–Peripherie–Modelle wenden sich demgegenüber vornehmlich Ländern mit Entwicklungsrückstand bzw. der Entwicklungsproblematik zu. Vertreter der Zentrum–Peripherie–Modelle gehen davon aus, dass strukturelle Unterschiede zwischen Zentrum (z.B. Industrieländer) und Peripherie (z.B. Entwicklungsländer) eine tendenzielle Verschlechterung der Terms of Trade der Peripherie gegenüber dem Zentrum und einem Realeinkommenstransfer von der Peripherie in das Zentrum verursachen. Das Zentrum–Peripherie–Modell erfährt durch Friedmann eine Erweiterung um soziologische, psychologische und politische Kriterien. Menschliche Aktivitäten und soziale Interaktionen rücken ins Zentrum des Interesses. Sie werden sowohl als raumformend als auch als raumabhängig angesehen. Friedmann legt auch die Hypothese zu Grunde, dass in großen und dynamischen wachsenden urbanen Systemen die Bedingungen für Innovationen besonders günstig sind. Regionen mit hoher Innovationsdichte bezeichnet er als Zentren, alle übrigen Gebiete als Peripherie. Eine genauere Abgrenzung bleibt jedoch aus (vgl. Vorauer 1996, S.3738). Im Zentrum-Peripherie-Modell von Friedmann werden auch soziologische, psychologische und politische Kriterien berücksichtigt. Friedmann geht davon aus, dass Innovationsprozesse räumliche und sektorale Ungleichgewichte nach sich ziehen und zu einer strukturellen Transformation des sozialen Systems führen. Seite 13 von 110 Seminar Humangeographie Daraus entstehende Zentren üben Macht und Einfluss auf die Peripherie aus. Die Entwicklung des Zentrum-Peripherie-Musters lässt sich nach Friedmann (1966) in 4 Stufen darstellen: (1) Die prä-industrielle Stufe, (2) Mit der beginnenden Industrialisierung, (3) Mit fortschreitender Industrialisierung und die (4) Postindustrielle Phase (vgl. Bathelt et al. 2002, S. 72). Abbildung 1: Modell der Veränderung der Raumstruktur im Entwicklungsverlauf Quelle: Schätzl 2001, S.177 Seite 14 von 110 Seminar Humangeographie 2.2.4 Modell globaler Fragmentierung Ausgangspunkt des Modells Der Nationalstaat tritt seine Handlungskompetenz an territoriale und funktionale Fragmente (Orte) ab. fungieren der Fragmente als räumliche Handlungscluster; funktional-hierarchische Verflechtung der Handlungscluster, gesteuert von Wettbewerb und globalem Markt; Teilung der Welt in: „Globale Orte“ (acting global cities): Schaltstellen des wettbewerbgesteuerten Weltgeschehens; Kommandozentralen der „global player“ (transnational agierende Unternehmen) High-Tech-Produktions- und Forschungsinnovationszentren Fordistische Industriezonen für Güter höchster Qualität; Bsp. New York, Silicon Valley oder London „Globalisierte Orte“ (exposed global cities): „Hinterhöfe der Metropolen“; eng verbunden mit den dominierenden Schaltstellen und ihnen hierarchisch nachgeordnet; Standorte / Zonen der High-Tech-Dienstleistung Auslagerungsindustrie Billiglohn- und Massenkonsumgüterproduktion Informeller Sektor / Kinderarbeit / Prostitution Freizeit- und Tourismusgewerbe; Bsp. Dhaka, Bangalore, Mexiko-City „Ausgegrenzte Restwelt” (die marginalistischen Zwischenräume, die „new periphery“, der „Neue Süden“) Masse der Weltbevölkerung Seite 15 von 110 Seminar Humangeographie Auch „globale Orte“ und „globalisierte Orte“ können sich nicht ausruhen, sondern unterliegen einem permanenten Konkurrenzdruck. Am globalen Wettbewerb und seinen Segnungen partizipieren nicht Länder oder Staaten, sondern nur bestimmte Orte bzw. Zonen – und auch dort nur bestimmte Teile der Bevölkerung. Nach der Wettbewerbslogik können nie ganze Staaten oder Regionen in die höheren Ligen der globalen Ökonomie aufschließen. Strukturell bieten sich der „ausgegrenzten Restwelt“ wenig Alternativen. Der neue Süden wird mehrheitlich abgekoppelt und sich selbst überlassen. Abbildung 2: Modell globaler Fragmentierung Quelle: Scholz 2002b, S. 11 Seite 16 von 110 Seminar Humangeographie 2.2.5 Theorie der Langen Wellen Die Theorie der Langen Wellen geht in ihren Grundaussagen auf die Arbeiten von KONDRATIEFF und SCHUMPETER zurück. Nach SCHUMPETER setzen Innovationen eine wellenförmige Wachstumsdynamik in Gang. Demzufolge treten Basisinnovationen in zyklischen Abständen gehäuft auf und lösen aufgrund ihrer Verflechtung mit anderen Wirtschaftsbereichen Wachstumsschübe (Wellen) aus. SCHUMPETER kann damit neben KONDRATIEFF als Begründer der Theorie der „Langen Wellen“ angesehen werden. Allerdings bleibt der Ansatz bei beiden Vertretern ohne Bezug zur regionalen Ebene. Der Aufschwung einer Langen Welle wird durch eine Gruppe zum Teil verknüpfter Basisinnovationen verursacht. Die Basisinnovationen schaffen als Produktinnovationen neue Wachstumsindustrien und bewirken als Prozessinnovationen grundlegende Veränderungen in schon bestehenden Wirtschaftszweigen. Der Abschwung tritt ein, wenn sich die Innovationskraft der neuen Technologien erschöpft. (vgl. Vorauer 1996, S.38). Abbildung 3: Modell der wirtschaftlichen Entwicklung der langen Wellen Quelle: Schätzl 1993, S.30 Seite 17 von 110 Seminar Humangeographie Rückblickend betrachtet zählen zu den herausragenden Basisinnovationen die Dampfkraft und Fortschritte in der Textil- und Eisenindustrie zu Beginn des 19. Jhdts., Neuerungen im Verkehrswesen (Eisenbahn, Dampfschiffe) und die Eisenund Stahlindustrie in der 1. Hälfte des 19 Jhdts., Automobilindustrie, chemische Industrie und Elektrizität zur Jahrhundertwende sowie Elektronik und Petrochemie Mitte des 20. Jhdts. Als letzte und künftige Basisinnovationen werden neben Mikroelektronik die Bio- und Gentechnologie angesehen. Obwohl die Existenz langer Wellen heute weitgehend unumstritten ist, gibt es erhebliche Auffassungsunterschiede hinsichtlich der Ursachen, der Zyklenlänge und der Anzahl der Wellen. So ist bspw. nicht unumstritten, ob die Aufschwungphasen langer Wellen wirklich nur durch technologische Innovationen verursacht werden oder ob nicht vielmehr andere Faktoren, wie Krieg oder historische Zufälligkeiten, von größerer Bedeutung sind (vgl. Vorauer 1996, S.38-39). 2.2.6 Regionale Produktzyklustheorie Im Gegensatz zu den großräumigen Verschiebungen der langen Wellen leistet die Regionale Produktzyklustheorie einen Beitrag zur Verlagerung wirtschaftlicher Aktivitäten aus mikroökonomischer Sicht. Im Rahmen der Regionalen Produktzyklustheorie wird davon ausgegangen, dass Produkte und Industrien Lebenszyklen mit den Phasen Entwicklung und Einführung, Wachstum, Reife und Schrumpfung durchlaufen, wobei sich beim Übergang von einer zur nächsten Phase nicht nur die Produktions- und Absatzbedingungen, sondern auch die Standortvoraussetzungen verändern. Im Einzelnen wird argumentiert, dass die Einführungsphase humankapitalintensiv ist und hohe Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung erfordert. Die entsprechenden Voraussetzungen sind generell in den Zentren von Agglomerationen hoch entwickelter kapitalistischer Länder gegeben. Seite 18 von 110 Seminar Humangeographie Die zahlreichen empirischen Überprüfungen produktzyklustheoretischer Hypothesen kommen allerdings keineswegs zu einheitlichen Ergebnissen. Die daraus resultierende Kritik konzentriert sich unter anderem auf strikte Annahmen, wie jener der Verlagerung von Produkten bzw. Betrieben im Zuge des Alterungsprozesses vom Zentrum in die Peripherie oder jener der Gültigkeit der Zyklusphasen für alle Industrieprodukte (Sternberg 1995, S. 49). Produktzyklus-Theorie von Vernon (1966) und Hirsch (1967): Erklärung wirtschaftlicher Entwicklungen ausgehend von der Produktebene mit einem kurz- und mittelfristigen Zeithorizont. Annahme: Produkte verfügen über eine begrenzte Lebensdauer. Im Laufe der Zeit ergeben sich bei einem Produkt Veränderungen hinsichtlich Produktgestaltung, Produktionsbedingungen und Absatzbedingungen. Lebenszyklus-Konzept mit vier Stadien: 1. Entwicklungs- und Einführungsphase 2. Wachstumsphase 3. Reifephase 4. Schrumpfungsphase Abbildung 4: Phasen des Produktzyklus Quelle: Schätzl 2001, S.210-217 Seite 19 von 110 Seminar Humangeographie 2.2.7 Regulationstheorie Weder die Theorie der Langen Wellen und die Regionale Produktzyklustheorie (aus mikroökonomischer Sicht) noch andere traditionelle Erklärungsansätze können die derzeitigen Strukturkrise der wesentlichen Industriestaaten mit ihren äußeren Anzeichen, wie stagnierendes Wirtschaftswachstum, sinkende Reallöhne, Kürzungen staatlicher Sozialleistungen, Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung, Staatsverschuldung, Umweltzerstörung sowie soziale Konflikte hinreichend erklären. Angesichts der vorhandenen Theorieansätze werden in den letzten Jahren verstärkt so genannte regulationstheoretische Erklärungsansätze diskutiert, die demgegenüber einen umfassenden Anspruch erheben. Im Unterschied zur Theorie der Langen Wellen wird in der Regulationstheorie die langfristige Entwicklung von Volkswirtschaften als eine nicht deterministische Aufeinanderfolge stabiler Entwicklungsphasen (Formationen) angesehen, deren Struktur sowohl durch wirtschaftliche und technologische als auch durch gesellschaftliche und politische Einflüsse geprägt sind. Der Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase erfolgt durch eine Krise (Formationskrisen oder Krisen der Akkumulation). Die wirtschaftlichgesellschaftliche Struktur einer Volkswirtschaft wird dabei zu jedem beliebigen Zeitpunkt in zwei Teilkomplexe unterteilt, die sich wechselseitig beeinflussen, gleichzeitig aber auch eine Eigendynamik besitzen: Wachstumsstruktur (Akkumulationsregime) und Koordinationsmechanismus (Regulationsweise) (vgl. Bathelt 1994, S. 65). Die Wachstumsstruktur lässt Parallelen zur Theorie der Langen wellen erkennen. Sie entsteht im Wesentlichen durch das Zusammenwirken von Produktionsstruktur und Konsummuster. Zu den wichtigsten Bestandteilen der Produktionsstruktur zählt das industrielle Paradigma, gekennzeichnet durch vorherrschende Produkt- und Prozesstechnologien, welche wiederum spezifische Produktionskonzepte bzw. eine entsprechende Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung bewirken. Das Ergebnis ist eine spezifische Industrie- und Produktionsstruktur. Dem steht ein Konsummuster, welches unter anderem von Präferenzen, der Einkommensverteilung, den Haushaltsund Familienstrukturen sowie den kulturellen Traditionen abhängt, mit einer nach Höhe und Zusammensetzung differenzierten Nachfragestruktur gegenüber. Seite 20 von 110 Seminar Humangeographie Produktion und Konsum stehen über marktbedingte und nicht marktbedingte Austauschprozesse miteinander in Beziehung. Im Unterschied zur Theorie der Langen Wellen kommt in der Regulationstheorie neben der Wachstumsstruktur dem Koordinationsmechanismus, der den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Handlungsrahmen definiert, eine bedeutende Rolle zu. Erst durch den Koordinationsmechanismus wird das Verhalten von Individuen und Gruppen so geregelt, dass konsistente makroökonomische Produktions- und Konsumbeziehungen möglich sind. Indem die Regulationstheorie den Anspruch auf eine umfassende Theorie zur Erklärung komplexer Entwicklungszusammenhänge erhebt, sind aber auch Teilbereiche so allgemein formuliert, dass sich eine empirische Überprüfung schwierig gestaltet, andererseits aber auch eine Widerlegung praktisch ausgeschlossen ist (vgl. Bathelt 1994, S. 74). 2.2.8 Netzwerke und Innovative Milieus Die Analyse von Netzwerken ist älter als die Milieuidee: Sie geht in ihren Grundzügen auf PERROUX und sein sektorales Polarisationsargument zurück. Allerdings werden in dessen Rahmen die Netzwerke nur auf einer mikroökonomischen Ebene, verstanden als Zulieferverflechtungen eines Betriebes, behandelt. Erst als integraler Bestandteil des Milieu-Ansatzes gewinnt der Netzwerkgedanke an Erklärungsgehalt hinsichtlich der regionalen Innovationsprozesse. Der Milieu-Ansatz wurde von der französischen GREMI-Gruppe („Groupe de recherche europeen sur les milieux innovateurs“) geprägt. Als Milieu einer Region werden Interaktionen von Unternehmen, Institutionen und Arbeitskräften verstanden, die durch gemeinsames, kooperatives Lernen die Unsicherheiten während technologischer Paradigmenwechsel reduzieren helfen sollen. Vertreter des MilieuAnsatzes gehen davon aus, dass kleine Unternehmen den größten Nutzen aus, auf solche Art organisierten regionalen Netzwerken ziehen (vgl. Sternberg 1995, S. 52). Seite 21 von 110 Seminar Humangeographie 3. Kritik an der Regulationstheorie In der Regulationstheorie wird die langfristige Entwicklung von Volkswirtschaften als eine nicht-deterministische Aufeinanderfolge stabiler Entwicklungsphasen angesehen, deren Strukturen im Unterschied zur Theorie der Langen Wellen sowohl durch wirtschaftliche und technologische als auch durch gesellschaftliche und politische Einflüsse geprägt sind. Der Übergang zu einer neuen Entwicklungsphase erfolgt durch eine Krise. Trotz der hohen Akzeptanz, die die Regulationstheorie erfahren hat, gibt es einige Schwachstellen und konzeptionelle Defizite, die eine empirische Überprüfbarkeit erschweren, die grundlegende Bedeutung der Regulationstheorie aber nicht in Frage stellen. 3.1 Schwachstellen und konzeptionelle Defizite der Regulationstheorie die Regulationstheorie hat einen metatheoretischen Charakter und ist in Teilbereichen so allgemein formuliert, dass eine Widerlegung praktisch ausgeschlossen ist die Regulationstheorie gibt keine eindeutigen Hinweise darauf, wie die verschiedenen Entwicklungsphasen empirisch voneinander abgegrenzt werden können ähnlich den anderen Theorien der langfristigen wirtschaftlich- gesellschaftlichen Entwicklung erliegt auch die Regulationstheorie einen gewissen Determinismus in der Regulationstheorie findet eine Vermischung von mikro-, meso- und makroökonomischen Aspekten statt die Regulationstheorie ist historisierend, denn es wird unterstellt, dass Krisenprozesse phasenspezifisch ablaufend; eine allgemeine Erklärung für das Entstehen von Entwicklungskrisen und neuen Entwicklungsphasen unterbleibt weitgehend Seite 22 von 110 Seminar Humangeographie die Veränderung der Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen werden in der Regulationstheorie durch die Abfolge von Entwicklungsphasen und Entwicklungskrisen erklärt, jedoch wird das Vorhandensein langfristiger Trends, die unabhängig von bestimmten Entwicklungszusammenhängen anhalten, weitgehend ausgeschlossen an der Theorie der langen Wellen wird bemängelt, dass sie den technischen Fortschritt als exogene Größe betrachtet und somit nicht in der Lage ist, die Ursachen des langfristigen wirtschaftlichen Wandels theorieintern zu erklären; demgegenüber leidet die Regulationstheorie an einer zu starken Integration und Internalisierung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse aus wirtschaftsgeographischer Sicht ist festzustellen, dass der Regulationsansatz keinen direkten räumlichen Bezug aufweist; da die Raumstrukturen lediglich eine abgeleitete Teilkomponente bilden, lassen sich nur indirekt Schlussfolgerungen ziehen 4. Indikatoren zur Messung regionaler Disparitäten 4.1 Thematische Einführung Der Begriff des Indikators und seine Bedeutung für die Wirtschaftsgeographie: Im Diercke Wörterbuch Allgemeine Geographie (2001) werden Indikatoren „…als ermittelbare Merkmale oder Daten verstanden, mit deren Hilfe man auf indirektem Wege nicht unmittelbar erfassbare Aspekte der Raumstruktur und raumprägende Prozesse ermitteln Wirtschaftsgeographie und mit analysieren der kann.“ Erklärung, Da sich Beschreibung nun gerade und die Gestaltung ökonomischer Raumsysteme befasst, sollte gemäß seiner Definition der Indikator ein ideales Handwerkzeug für die Interessen und Ziele der Wirtschaftsgeographie sein. Doch wie muss der Indikator beschaffen sein, um regionale Disparitäten zu erfassen? Seite 23 von 110 Seminar Humangeographie Im „Lexikon der Geographie“ (2002) ist zu dem Stichwort „Regionale Disparitäten“ nachzulesen, dass sie „…die Ungleichheiten (Disparitäten) der regionalen Lebensbedingungen, die als räumlicher Ausdruck sozialer Disparitäten verstanden werden“ thematisieren. Folglich soll der Indikator in der Lage sein, die „Lebensbedingungen“ in einer Region zu messen, die definitionsgemäß sozial geprägt sind. Dies bedeutet nicht nur eine Konzentration auf rein sozioökonomische Themen, sondern es muss auch die Beziehung Mensch-Umwelt miteinfließen. Gerade wenn man bedenkt, dass beispielsweise allein in der Frage der nachhaltigen Nutzung nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen doch stark von der weiteren Entwicklung der naturräumlichen Ausstattung abhängig sein wird. Daher soll der Begriff der „Lebensbedingungen“ und noch vielmehr dessen Abstraktion, nämlich „Lebensqualität“, quasi als Leitmotiv der gesamten Diskussion um die Indikatoren als Messinstrument für regionale Disparitäten dienen. 4.2 Methodische Einführung Schon in dieser ersten Annäherung an das Thema fällt auf, das mal von dem Indikator und ein andermal von den Indikatoren die Rede ist. Ist es nun ein einziger Indikator, der womöglich sämtliche Merkmale in sich trägt, oder sind es mehrere, die alle nur Teilaspekte beleuchten? Diese Frage wird von den beiden Prinzipien der Indikatorbildung, „Partialität“ und „Substituierbarkeit“ wieder aufgegriffen. Das Prinzip der Partialität weist darauf hin, dass ein Indikator nie für sich alleine einen gesamten Sachverhalt beschreiben kann und daher auch nie in voller Abhängigkeit zu dem jeweiligen Phänomen, welches er nur partiell beschreibt, steht. „Ein gut geputzter Teppich ist ein guter Indikator für eine saubere Hausfrau, durch das Putzen des Teppichs wird aber die Hausfrau nicht sauberer.“ Im konkreten Fall bedeutet dies, dass die durchschnittliche Lebenserwartung sehr wohl ein Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand ist und darüber hinaus sogar noch ein so genannter „repräsentativer Indikator“, wie in der Fachliteratur diejenigen Indikatoren genannt werden, die bezüglich eines bestimmten Sachverhaltes (z.B. Gesundheitszustand) ein Maximum an Informationen aufweisen. Seite 24 von 110 Seminar Humangeographie Der Indikator „Durchschnittliche Lebenserwartung“ behandelt aber nur einen Teilaspekt des Gesundheitszustandes, nämlich die Lebensdauer. Ist es daher nicht notwendig vorerst festzulegen was den Gesundheitszustand überhaupt ausmacht? In dieser Fragestellung liegt die Kritik, die vor allem häufig gegenüber den sozialen Indikatoren laut wird, nämlich dass sie subjektiv und manipulierbar seien. Die Eigenschaft, dass Indikatoren ähnlichen Informationsgehalt haben können und somit gegeneinander austauschbar sind, wird als Substituierbarkeit bezeichnet. Neben der durchschnittlichen Lebenserwartung beschreibt auch der Indikator „Säuglingssterblichkeit“ den Gesundheitszustand. Diese Ähnlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung bei der Bildung von Indizes. Sie erlaubt es, repräsentative, oder in der Sprache der Statistik, hoch signifikante Indikatoren, die eine hohe Korrelation, d.h. einen hohen gemeinsamen Informationsgehalt, aufweisen, zu Indizes zusammenzufassen. Die Auswahl geeigneter Raumeinheiten, auf deren Basis die Daten verglichen werden sollen, sind von entscheidender Bedeutung. Ist das gewählte Raster zu weitmaschig, werden die eigentlichen räumlichen Disparitäten möglicherweise durch die Mittelwerte verdeckt; ist es zu engmaschig werden die Disparitäten überbetont. Die räumliche Ausprägung regionaler Ungleichgewichte ist somit nicht nur eine Frage der untersuchten Inhalte, sondern ebenso eng verknüpft mit dem Betrachtungsmaßstab. 4.3 Kriterien für die Auswahl und Bildung von Indikatoren Bei der Auswahl und Bildung von Indikatoren sind folgenden Kriterien zu beachten: das Kriterium der Datenverfügbarkeit, weil auch das beste Maß nichts messen kann, wenn die Daten nicht in ausreichender Menge vorliegen; das Kriterium der länderübergreifenden und intertemporalen Vergleichbarkeit, um historische Vergleiche und Trendanalysen zu ermöglichen; das Kriterium der Konsistenz, Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten; Seite 25 von 110 Seminar Humangeographie das Kriterium der Validität, das sicherstellt, dass die ausgewählten Indikatoren in ein theoretisches Konzept passen und wirklich das messen, was sie messen sollen; das Kriterium der begrifflichen Signifikanz, das anzeigt, ob der Indikator wirklich wichtige Aspekte erfasst; das Kriterium der Unterscheidungskraft, das sicherstellen soll, dass mit dem Indikator Unterschiede aufgezeigt werden können; Seite 26 von 110 Seminar Humangeographie 5. Regionale Disparitäten in Europa Nachdem in den vorigen Kapiteln der theoretische Rahmen des Begriffs der regionalen Disparitäten abgesteckt wurde, wird in Folge versucht, das Phänomen in der Vielseitigkeit seiner Erscheinungsformen zu beleuchten und anhand ausgewählter Darstellungen greifbar zu machen. Dabei wird das Augenmerk auf Europa gerichtet, da angesichts der fortschreitenden Integration unterschiedlicher Länder in einen Gemeinschaftsraum, der Europäischen Union, der Wahrnehmung von Ungleichheiten auf räumlicher Ebene eine besondere Bedeutung zukommt. Dies betrifft sowohl die Messung (der Zustände und der Entwicklungen), als auch die Darstellung von, sowie den Umgang (wie Maßnahmen zur Reduktion) mit Disparitäten. Bei globalen Betrachtungen von Unterschieden hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung und Wirtschaftsleistung und in Folge auch der Ausprägung von Wohlstand, können europäische Staaten durchwegs dem „Spitzenfeld“ zugeordnet werden. Diese grundsätzliche starke Positionierung Europas im weltweiten Vergleich kann durch graphische Darstellungen wie der folgenden veranschaulicht werden: Abbildung 5: Die Welt-Einkommenspyramide 1994 Quelle: Huster 1996, S. 37 Seite 27 von 110 Seminar Humangeographie Derartige Globaldarstellungen lassen jedoch nicht erkennen, dass auch Europa deutlich binnenstrukturiert ist und das Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern und den Regionen - sowie innerhalb derer – stark ausgeprägt ist. Doch schon in der Nachkriegszeit im letzten Ungleichheiten (vor allem Forschungsinhalt. In Folge Jahrhundert wurde wirtschaftlicher wurden die Natur) theoretische Bedeutung erkannt und Konzepte zur regionaler zu einem regionalen Entwicklung, wie die „blaue Banane“ oder der „Sunbelt“, entwickelt, die aufgrund eines politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandels nur eine begrenzte Zeit eine gewisse Gültigkeit besaßen. Gerade nach der Wende in Osteuropa Ende der 1980er Jahre massive Umstrukturierungsprozesse im Gang gebracht, welche der Entwicklung der regionalen Disparitäten auf dem Kontinent eine besondere Dynamik verleihen. Als Konsequenz wurde erstmals versucht, den Strukturwandel Europas im Kontext der europäischen Integration und Entwicklung zu erklären. In diesem Kapitel wird nun versucht, die regionalen Disparitäten auf europäischer Ebene in Hinsicht auf unterschiedliche sozioökonomische Faktoren (Armut, bzw. soziale Segregation und im Zusammenhang damit: BIP, Arbeitslosigkeit, etc.) zu beleuchten. Diese werden zwar in einen weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Kontext gesetzt, doch es müssen gewisse (vor allem strukturelle, demographische und volkswirtschaftliche) Grundlagen bewusst unberücksichtigt bleiben, um nicht den thematischen Rahmen der Problematik regionaler (also primär räumlicher) Aspekte ökonomischer Disparitäten zu sprengen. Dabei wird auf diverse (vor allem EU-weite) Datenerhebungen Bezug genommen. Nachdem in einem ersten Schritt Initiativen, inklusive der Probleme, die sich bei den gemeinsamen Anstrengungen (zur Vereinheitlichung) der Erfassung von Ungleichheiten entstehen, vorgestellt werden, wird auf die allgemeine historische Entwicklung regionaler Disparitäten in Europa (in den letzten 50 Jahren) eingegangen. Danach werden gesondert einige Teilbereiche herausgegriffen und aktuelle Ausprägungen dargestellt. Letztlich werden noch die Herausforderungen, die sich für die europäische Regionalpolitik und die Sozialsysteme ergeben, untersucht und in den Kontext der gesamteuropäischen Integrationsbemühungen gestellt. Die Darstellungen enthalten dabei stets (trans-)nationale, sowie (groß-)regionale Bezüge. Seite 28 von 110 Seminar Humangeographie 5.1 Die Messung bzw. die Erfassung von Armutserscheinungen in der EU Während international häufig verwendete Indikatoren zur Messung von Wohlstand, wie das BIP pro Einwohner, Kaufkraft-Indizes oder Arbeitslosenquoten vergleichsweise einfach zu erheben sind, stellt die Feststellung von Armut, Deprivation und sozialer Ausgrenzung eine besondere Herausforderung an die Methodik dar. Wie bereits erwähnt wurde, sind soziale Disparitäten als ein in verschiedenen regionalen Dimensionen und in unterschiedlichen Ausprägungen existierendes (problematisches) Phänomen zu betrachten. In Europa wurde das Bestehen sozialer Unterschiede relativ bald nach den Erweiterungsschritten der EU als ein Problem erkannt, das nicht nur in den einzelnen Ländern des Kontinents bekämpft, sondern angesichts von Integrationsbemühungen über nationalstaatliche Grenzen hinweg als gemeinsame Angelegenheit behandelt werden muss. Allerdings blieben die ersten Versuche, dieses Problem zu erfassen, eher in ihren Ansätzen stecken und so waren erst einige Anläufe notwendig, um die Problematik auf einer länderübergreifenden Forschungsebene operationalisierbar zu machen. So wurde bereits in den 1970er Jahren ein erstes europäisches Anti-Armutsprogramm ins Leben gerufen, welches von 1975 bis 1980 lief und neun nationale Berichte zu Armut und Armutsbekämpfungspolitik umfasste. Ein zweites Programm, von 1986 bis 1989 enthielt kein Forschungselement und konzentrierte sich stattdessen auf lediglich nationale politische Maßnahmen, um des Phänomens Armut Herr zu werden. Während dieses Programms arbeitete das statistische Amt der EU-Kommission namens Eurostat zusammen mit nationalen Statistikbehörden sowohl an der langzeitlichen Verbesserung von Armutsindikatoren, als auch an einer Einigung über die Mittelaufwendung für die Datenerfassung von Gruppen mit einem geringen Einkommen. Erst im Zuge eines dritten Programms wurde von 1990 bis 1994 an eine Reihe von europaweiten Studien gearbeitet. Dabei konnten massive Fortschritte hinsichtlich der Armutskonzepte erzielt und Länderrankings in Bezug auf den Armenanteil an der Gesamtbevölkerung erstellt werden. Seite 29 von 110 Seminar Humangeographie Es wurden neben Einkommensvariablen auch nicht-monetäre Indikatoren berücksichtigt, wie die Verfügbarkeit von Mitteln und Einrichtungen, die Beteiligung an bestimmten Aktivitäten und inwieweit die Menschen finanziellen Druck unterworfen waren. (vgl. Barnes 2002, S. 12ff). Im Rahmen dieses dritten Armutsprogramms richtete die Generaldirektion V der Europäischen Kommission für „Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten“ so genannte „Beobachtungsstellen“ (Observatories) ein, welche über nationale Politiken und soziale Entwicklungen der Mitgliedsstaaten berichteten (vgl. Huster 1996, S. 7). Zu diesen gehörte ein „Observatory on National Policies to Combat Social Exclusion“, dessen Arbeit nach einer Ministerratsentscheidung gegen ein weiteres Programm wieder eingestellt wurde. Dennoch wurden im Zuge dieser Anstrengungen umfassende Informationen zusammengetragen und das Wissen europäischer Experten gesammelt. Allerdings bestand ein Problem in der Vergleichbarkeit der Daten, da neben Unterschieden bei den Erhebungsmethoden auch teilweise ein zu geringer Befragungsumfang vorlag. Nach der Überprüfung der verwendeten Indikatoren und Verbesserungsvorschlägen seitens Eurostat, wurden erstmals Household panel surveys durchgeführt und im Rahmen des „The Panel Comparability Project“ in eine internationale Datenbank integriert. Diese Ansätze sind als Vorläufer der im nächsten Abschnitt vorgestellten Datenerhebungen zu betrachten. Schon bei der Weiterentwicklung der Programme zeichnete sich der Trend ab, im EU-Kontext die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung gegenüber der Bekämpfung absoluter Armut (Unterscheidung siehe Abschnitt 5.1.1.) als vorrangiges politisches Ziel zu behandeln. So sollte der Deprivationsbegriff in seiner Multidimensionalität der Gegenstand der Analyse und der Politik sein. Zusätzlich zur Frage nach der Teilhabe am materiellen Wohlstand rückte die gesamtgesellschaftliche Partizipation in Bereichen wie Wohnung, Bildung, Gesundheit und Zugang zu Dienstleistungen in den Mittelpunkt des Interesses (vgl. Huster 1996, S. 56f). Seite 30 von 110 Seminar Humangeographie So stellte die EU-Kommission im Jahr 2004 fest: „Eine absolute Vorstellung [von Armut] ist für die EU vor allem aus zwei Gründen weniger relevant. Zum einen besteht für Europa die wichtigste Aufgabe nicht darin, einen grundlegenden Lebensstandard zu erreichen, wie in den weniger entwickelten Regionen der Welt, sondern vielmehr darin, die gesamte Bevölkerung der Segnungen eines Wohlstands auf hohem Niveau teilhaftig werden zu lassen. Zum anderen hängt das, was als annehmbarer Mindest-Lebensstandard gilt, weitgehend vom allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsniveau ab, das zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten oft erhebliche Unterschiede aufweist“ (Guio 2005, S. 1) Im Rahmen der Verträge von Amsterdam (Treaty establishing the European Community, Artikel 136) und von Lissabon im März 2000 wurde die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung von den EU-Mitgliedsstaaten zum wesentlichen Ziel erklärt, wobei sowohl ökonomische, als auch soziale und politische Entwicklungen in diverse Anstrengungen mit einbezogen werden (vgl. Heady 2002, S. 150). Im ehrgeizigen Bestreben, Armut in Europa bis 2010 zu beseitigen, wurde auf dem EUGipfel desselben Jahres in Nizza beschlossen, an der Koordination gemeinsamer Aktionspläne zur Erreichung vereinbarter Zielsetzungen, sowie der periodischen Berichterstattung und der Überprüfung von Fortschritten zu arbeiten (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 65). 5.1.1 Das Dateninstrumentarium (ECHP, EU-SILC) Beim internationalen Vergleich der (Armuts-)Berichtserstattung bestanden in Europa bis zur Mitte der 1990er Jahre die Probleme, dass die vorhandenen Sozialstatistiken eine unterschiedliche Qualität aufwiesen, Begriffe wie „Armut“ und „soziale Ausgrenzung“ in den einzelnen Ländern höchst konträr aufgefasst wurden und dass die Gewichtung von Haushalten (bei Berechnung des Einkommens), sowie Seite 31 von 110 Seminar Humangeographie politische Aktivitäten (z.B. in Bezug auf Festlegung der Ansprüche von Sozialleistungen) nicht einheitlich geregelt waren (vgl. Huster 1996, S. 29). Im Jahr 1994 wurde bei einem Seminar der University of Bath erstmals darauf gedrängt, dass Eurostat das Konzept der „social exclusion“ weiter fassen, und diesen nicht lediglich mit Armut gleichsetzen sollte, sondern auch fünf Schlüsselfaktoren zu berücksichtigen hätte (vgl. Barnes 2002, S. 5). So ist der Begriff: 1. multi-dimensional und über den Einkommensaspekt hinausgehend; 2. dynamisch und als Prozess zu verstehen; 3. in Nachbarschaftsdimensionen reichend und wird auch durch eine unzureichende Infrastruktur bewirkt; 4. im Gegensatz zum Armutsbegriff, der sich über Verteilung von und Teilhabe an Ressourcen definiert, relational, da auf Teilnahme am sozialen Leben, Integration in Gemeinschaft und Mangel an Macht bezieht; 5. eine eklatante Diskontinuität in Verhältnissen zu dem Rest der Gesellschaft implizierend Lamei unterscheidet drei Begriffsebenen: „Armut“ als „Mangel an Ressourcen“, „Deprivation“ als „beschränkter Zugang zu einem gewissen Lebensstandard und damit verbundnen Gütern“ und „soziale Ausgrenzung“, die als „Ausgrenzung aus notwendig erachteten gesellschaftlichen Bereichen“ (ohne dass unbedingt ein Zusammenhang mit monetärer Armut gegeben sein muss) (vgl. Lamei 2005, S. 352). Dabei versuchen letztere beide Begriffe, das Armutsphänomen auf einer multidimensionalen Ebene zu erfassen (und werden aufgrund der weitgehenden Übereinstimmung ihrer Konzepte in den weiteren Betrachtungen synonym aufgefasst). Sie unterscheiden sich vor allem dadurch, dass bei sozialer Ausgrenzung noch eine dynamische Komponente mit einfließt: Seite 32 von 110 Seminar Humangeographie Tabelle 1: Konzeptualisierung und Messung von Armut, Deprivation und Sozialer Ausgrenzung Quelle: Barnes 2002, S. 7 Eurostat griff diese Anregungen auf und präsentierte mit dem European Community Household Panel (ECHP) eine Erhebung, die erstmals wirklich Vergleiche der Mikrodaten innerhalb der EU zuließ, wobei das Hauptaugenmerk immer noch auf Einkommensarmut gerichtet wurde, da davon ausgegangen wurde, dass diese nichtmonetäre Deprivationsformen bewirkt. Die multi-dimensionale Berichterstattung sollte vielseitige Zwecke verfolgen und die Forschung, Ausarbeitung und Überwachung von europäischen Armutsbekämpfungsansätzen ermöglichen. Sie basierte auf einem harmonisierten Fragenkatalog, der in bestimmten Fällen erweitert und an nationale Besonderheiten angepasst wurde. Das zweiteilige Panel Survey (Befragung einer repräsentativen (demographische, persönlichen Gruppe) bestand ökonomische, Interview, welches aus etc.) auf einer Befragung, Haushaltsaspekte individuelle die bezog, sich und Informationen über auf einem den Gesundheitszustand, den Arbeitsmarkt oder das Einkommen aufgerichtet war (vgl. Barnes 2002, S. 14f und S. 17ff). Seite 33 von 110 Seminar Humangeographie Das Projekt wurde 1994 in 12 der damaligen 15 EU-Mitgliedsstaaten begonnen und seit 1995 in Österreich (bei ungefähr 3.000 Haushalten, bzw. 8.000 Personen) durchgeführt (vgl. Tentschert 2001, S. 2 und S. 4). Die Befragung berücksichtigte neben Einkommensgrößen auch folgende Bereiche der sozialen Ausgrenzung (vgl. Lamei 2005, S. 353): 1. grundlegende Bedürfnisse (nach Konsumgütern) 2. Wohnen 3. Bildung 4. Gesundheit 5. Soziale Beziehungen 6. Soziale Teilhabe 7. Finanzielle Situation eines Haushaltes Bis 2003 galt das EHCP als Grundlage für die EU-weite Berichterstattung über Armutsgefährdung (in Österreich zuletzt bis 2001 durchgeführt) und wurde dann von der weiterentwickelten statistischen Nachfolgeerhebung EU-SILC (European Community Statistics on Income and Living Conditions) abgelöst, welche auf vereinbarte zentrale Indikatoren diverser Dimensionen von Armut und sozialer Ausgrenzung fokussiert ist (vgl. Lamei 2005, S. 350). Um eine bessere Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten, wurden für EU-SILC (deutsch: „Leben in Europa“) in allen EU-Mitgliedstaaten einheitliche Begriffsdefinitionen und methodische Mindeststandards vereinbart und auch subjektive Einschätzungen der Lebensbedingungen in den Befragungskatalog mit einbezogen. Die Basis stellten 18 Indikatoren dar, welche vom Europäischen Rat in Laeken 2001 verabschiedet wurden, um Verbesserungen bei der Messung der Ziele des Europäischen Rates von Lissabon zu herbeizuführen (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 65). Die Statistik wird seit 2005 in sämtlichen EU-Ländern, sowie in Norwegen und Island erhoben (vgl. Statistisches Bundesamt 2006). Seite 34 von 110 Seminar Humangeographie 5.1.2 Methodik - Indikatoren, Variablen und multidimensionale Aspekte Bei der EU-Berichterstattung der Armutsgefährdung mit den oben erwähnten statistischen Erhebungen stellt das jährliche Haushaltseinkommen den zentralen Armutsindikator dar, wobei ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen (Äquivalenzeinkommen) berechnet wird. Als standardisiertes Haushaltseinkommen werden sämtliche Einkommensbezüge und Einkünfte eines Haushaltes zu einem gesamten verfügbaren Haushaltseinkommen aufsummiert. Dieses setzt sich wie folgt zusammen (vgl. Tentschert, 2001, S. 6): (selbständige und unselbständige) Erwerbseinkommen + Sozialleistungen (Transfers) + Pensionen + Private Einkünfte (aus Vermögen) Da Jahreshaushaltseinkommen wird in Folge mittels einer Äquivalenzskala gewichtet, damit die Vergleichbarkeit von Haushalten unterschiedlicher Größe zulässig wird (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 20f). Eurostat verwendet die modifizierte Version einer OECD-Skala, welche den Haushaltsvorstand mit 1, jeden zusätzlichen Erwachsenen mit 0,5, sowie zusätzliche Kinder (unter 14 Jahren) mit 0,3 gewichtet. Danach wird die Summe der Gewichte errechnet, welche auch zur Bedarfsermittlung dient (z.B. zur Bestimmung der Sozialhilfehöhe). Da über dieses Gesamteinkommen Armut nur indirekt erfasst werden kann, wird bei der Berichterstattung von Armutsgefährdung gesprochen. Aufgrund der Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten dieses Begriffs (zuvor existierten in unterschiedlichen Ländern mehrere Armutsgrenzen), wurden, um Validitätsprobleme bei der Messung zu vermeiden, 60 % des Median (die Verteilung wird in zwei gleich große Hälften geteilt) des gewichteten Jahreseinkommens als kritischer Wert festgelegt, wobei der monetäre Schwellenwert jedoch für jede Beobachtung neu bestimmt werden muss (vgl. Lamei 2005, S. 349). Der Median wurde aus Gründen der statistischen Robustheit ausgewählt, da (im Gegensatz zum statistischen Mittelwert) Verzerrungen durch Extremwerte entfallen. Dieser Indikator wird insofern als aussagekräftig erachtet, als dass die Höhe des Einkommens die Aufrechterhaltung eines gewissen (gesellschaftlich erstrebenswert erachteten) Lebensstandards ermöglicht. Seite 35 von 110 Seminar Humangeographie Des Weiteren können Aussagen über die Intensität der Armutsgefährdung getroffen werden, indem die so genannte Armutsgefährdungslücke bestimmt wird. Diese wird als Differenz zwischen dem Medianeinkommen der Armutsgefährdeten und der Armutsgefährdungsschwelle in Prozent der Schwelle ausgedrückt. Beispielsweise verfügen armutsgefährdete Haushalte in Österreich über ein mittleres Einkommen, das um rund 20 % unter dem Schwellenwert liegt (vgl. Lamei 2005, S. 350). Anders ausgedrückt müssten diese Haushalte ein um ein Fünftel höheres Einkommen aufweisen, um nicht als armutsgefährdet zu gelten. Dieser Sachverhalt wird bei Betrachtung der folgenden Grafik verständlich: Abbildung 6: Armutsgefährdung 2003 Quelle: Lamei S. 350 Neben den Einkommensgrößen wurden auch Indikatoren der nicht-monetären Benachteiligung bestimmt. Auf Basis der ECHP-Daten wurde diese in fünf Lebensbereichen klassifiziert und der einkommensbezogenen Armutsgefährdung gegenübergestellt (vgl. Lamei 2005, S. 353). Seite 36 von 110 Seminar Humangeographie Dabei wird eine Unterscheidung von primärer Benachteiligung (Unvermögen, sich grundlegende Dinge leisten zu können) und sekundärer Benachteiligung (erzwungener Verzicht auf als erstrebenswert geltende Güter) in der Lebensführung, sowie von den drei zusätzlichen Dimensionen „Wohnungsprobleme“, „unzureichende Wohnausstattung“ und „Wohnumgebungsprobleme“ möglich. In einigen Fällen entstanden jedoch auch Probleme bei der Indikatorenzuteilung zu Dimensionen oder es wurden bei der Erhebung zu geringe Fallzahlen erreicht. Als Beispiele können „starke Belastung durch Wohnkosten“, „große Schwierigkeiten, mit Einkommen auszukommen“, „Überbelag“, etc. genannt werden. Bei Vereinheitlichung der Indikatoren für die EU-Staaten waren Kompromisse notwendig, um die Vergleichbarkeit zu garantieren. Zudem wurden einige geplante Items aufgrund kultureller Spezifika (soziale Beziehungen, subjektives Empfinden, etc.) bewusst ignoriert. Die fünf Dimensionen gestalten sich wie folgt (vgl. Lamei 2005, S. 353f): - primäre Benachteiligung der Lebensführung Kann sich ein Haushalt leisten… …einmal im Jahr Urlaub zu machen? …die Wohnung angemessen warm zu halten? …bei Bedarf neue Kleider zu kaufen? …Fleisch, Fisch (oder eine gleichwertige vegetarische Speise) jeden zweiten Tag zu essen? …unerwartet anfallende Ausgaben zu tätigen? bzw. Ist der Haushalt mit Zahlungen im Rückstand? Seite 37 von 110 Seminar Humangeographie - sekundäre Benachteiligung Es können folgende langlebige Gebrauchsgüter aus finanziellen Gründen nicht angeschafft werden: - PC Handy Internet-Anschluss DVD-Player Geschirrspülmaschine PKW/Fahrzeug Personen über 16 Jahren wurden über folgende gesundheitliche Einschränkungen befragt: Person befindet sich in einem sehr schlechten Gesundheitszustand Ist seit mindestens einem halben Jahr durch eine Behinderung stark beeinträchtigt - - Leidet unter einer chronischen Krankheit Es treten folgende Wohnungsprobleme auf: Kein Bad oder WC in der Wohnung Schimmel oder Feuchtigkeit Dunkle Räume Keine Waschmaschine Es treten folgende Probleme im Wohnumfeld auf: Lärmbelästigung Luft- oder Wasserverschmutzung durch Verkehr oder Industrie Kriminalität, Gewalt, Vandalismus Für EU-SILC wurden einige ECHP-Indikatoren entfernt und stattdessen neue, wie die „Leistbarkeit unerwarteter Ausgaben“ oder die „Leistbarkeit eines notwendigen Arztbesuchs“ hinzugefügt. Die Liste der Items muss regelmäßig bewertet werden, um die Repräsentativität für die aktuellen Verbrauchsmuster in allen Mitgliedstaaten sicherzustellen (vgl. Guio 2005, S. 3). Seite 38 von 110 Seminar Humangeographie Da das Fehlen eines einzelnen der oben erwähnten Indikatoren noch keine Aussage über gesellschaftliche Benachteiligung zulässt, wurde auch hier ein Kriterium für eine Deprivationsschwelle vereinbart. So müssen in den Bereichen der primären und sekundären Benachteiligung zumindest drei Probleme, sowie in den anderen drei Dimensionen zwei Bevölkerung wurden Probleme auftreten. addiert und Die durch Gewichtungen die Summe der des gesamten Durchschnitts- „Zufriedenheits“-Ergebnis dividiert. 5.1.3 Definitions- und Messschwierigkeiten Bei der Datenerfassung im Zuge der ECHP-Berichterstattung traten einige methodische Probleme auf (vgl. Heady 2002, S.153f). Aufgrund der niedrigen Befragungsbreite und somit des geringen Datenumfangs waren präzisere Rückschlüsse durch die Bildung von Untergruppen von gefährdeten Personen kaum möglich. Als Panel-Befragung wurde somit die Dynamik des Prozesses der sozialen Ausgrenzung unzureichend dargestellt. Zudem wurden soziale Beziehungen, Familienverbünde oder Ausbildungsfragen zu ungenau erfasst. Wenngleich bei der Neuorientierung im Zuge von EU-SILC wesentliche Überarbeitungen und Verbesserungen vorgenommen wurden, bleibt die Frage, inwieweit unterschiedliche Kostenstrukturen (nach Alter, Geschlechtm Region, etc.), die durchaus die Armutsschwellendefinition auf Basis des Einkommens beeinflussen, berücksichtigt werden sollen oder können (vgl. Tentschert 2001, S. 7). Zudem ergeben sich grundlegende Probleme durch den Umstand, dass Armut, bzw. „Wohlfahrt“ nur indirekt empirisch erfassbar ist. In Europa setzte sich eine relative Sicht von Armut durch, bei der das mittlere Wohlstandsniveau als Orientierungspunkt gilt. Armut wird angenommen, wenn die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen, um den in einer Gesellschaft üblichen Lebensstandard zu erreichen. Dabei wird der Begriff zwar direkt über den Lebensstandard definiert, doch nur indirekt über das Ausmaß an verfügbaren Ressourcen (wie Konsumgütern) gemessen (vgl. Lamei 2005, S. 352). Seite 39 von 110 Seminar Humangeographie Somit liegt einkommenszentrierten Ansätzen die faktisch unrealistische Annahme zugrunde, dass ein identisches Einkommen die gleiche Wirkung erzielt. Dabei werden beispielsweise die subjektive Wahrnehmung von Bedürfnissen (nach Ressourcen), sowie Kostenstrukturen (wie ein Stadt-Land-Gefälle, etc.) und bestimmte Rahmenbedingungen (wie Wohnverhältnisse oder eingeschränkte Handlungskompetenzen aufgrund von Krankheiten, Sucht, etc.) außer Acht gelassen. Zu beachten ist auch, dass es sich beim Äquivalenzeinkommen um eine fiktive Rechengröße handelt. Somit kann eine Annäherung an den Begriff nur gelingen, wenn dieser nicht allein über Einkommen- oder Ausgabengrößen, sondern auch durch Miteinbeziehung der Verfügbarkeit von Ressourcen – beispielsweise in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Wohnumständen – bestimmt wird (vgl. Tsakloglou 2002, S. 25f). Damit steht die tatsächliche Wirkung von Ressourcen im Vordergrund. Als Konsequenz stellt sich die Frage nach der Möglichkeit, Wohlfahrt direkt durch Befragung zu messen, indem diese als Nutzen oder Zufriedenheit verstanden, bzw. indem umgekehrt das Ausmaß von Mangel und Entbehrung von Individuen (und in weiterer Folge von Haushalten) beurteilt wird (vgl. StrengmannKuhn 2003, S. 14ff). Wenn ein anzustrebendes „optimales“ Güterbündel“ von außen, gesellschaftlich definiert wird, müssen Übereinkünfte über materielle und immaterielle Indikatoren getroffen werden. Doch die Zusammensetzung dieser Dimensionen ist in Bezug auf ihre Zulässigkeit genauso in Frage zu stellen, wie die Festlegung des erstrebenswerten Input-Output-Verhältnis (Input: die Ressourcen, über die ein Haushalt verfügt, und Output: die Nutzen stiftenden Güter). Gerade angesichts unterschiedlicher Ansprüche diverser Haushaltsformen aufgrund der Lebenssituationen und ihrer Alterszusammensetzung sind wiederum auch Unterteilungen und Gewichtungen kritisch zu betrachten. Die Erfassung von Humankapital oder sozialem Kapital ist empirisch kaum möglich. Zudem müssen einkommensrelevante Aspekte, wie die Versorgung mit öffentlichen Gütern, der Ausbau des Sozialsystems, das Bestehen einer Schattenwirtschaft und unterschiedliche Anforderungen an Wohlfahrtsstandards (z.B. hinsichtlich der Haushaltsausstattung) in Betracht gezogen werden. Seite 40 von 110 Seminar Humangeographie Außerdem muss die Armutgefährdungsschwelle insofern hinterfragt werden, als dass nur schwer festgestellt werden kann, ab welchen Einkommen die Teilhabechancen deutlich reduziert sind. Es sollte in diesem Kontext auch darauf hingewiesen werden, dass bei Verwendung des Medians die Armutsgefährdungsquote nicht über einen Prozentsatz von 50 % ansteigen kann und dass bei Anstieg aller Einkommen um einen konstanten Faktor Armutsgefährdung unverändert bleibt (vgl. Lamei 2005, S. 351). Zudem bleiben Inflationsanstiege unberücksichtigt. 5.2 Der Integrationsprozess und regionale Entwicklungen in Europa Vor Betrachtung des aktuellen Zustandes von räumlichen Ungleichheiten in der Ausprägung unterschiedlicher sozioökonomischer Phänomene, erscheint es sinnvoll, kurz die wesentlichsten regionalen Konzepte vorzustellen, mit denen versucht wurde, die strukturelle Entwicklung Europas zu erfassen. Anschließend wird das Augenmerk auf die tatsächliche Veränderung regionaler Disparitäten vor allem wirtschaftlicher Natur im Zusammenhang mit Erweiterungsschritten und den Integrationsbemühungen der EU gerichtet und die Osterweiterung gesondert beleuchtet. In der Forschung wird schon länger versucht, einen klaren sozioökonomischen Schwerpunkt Europas auszumachen. Vor der EU-Erweiterung 1995 galt eine Verdichtungszone als Zentrum der Entwicklung, welche sich von Südostengland über die Benelux-Staaten, West- und Süddeutschland, Nordost- und Südfrankreich bis zur Schweiz und Norditalien erstreckte. Diese Achse umfasste rund die Hälfte der Bevölkerung, welche wiederum mehr als die Hälfte des BIP der EU produzierte. Die Zone wurde von französischen Autoren aufgrund der geographischen Gestalt als „blaue Banane“ bezeichnet und galt als das bekannteste Modell der jüngeren und zukünftigen urbanen und regional-ökonomischen Struktur Westeuropas (vgl. Meyer 1997, S.11). Seite 41 von 110 Seminar Humangeographie Der französische Raumwissenschaftler Brunet, welcher den Begriff prägte, hatte bei einer Untersuchung von 168 westeuropäischen Städten die Existenz eines „Mègalopole“ in dem Raum von London über Frankfurt bis Mailand erkannt. Die relativen Anteile daran teilten sich folgendermaßen auf: Deutschland 30,6 %, Benelux 20,6 %, GB 18 %, Italien 16 %, Schweiz 7,7 % (vgl. Meyer 1997, S. 90). Dieses Gebiet war zwar in seiner wirtschaftlichen und sozialen Erscheinung keineswegs homogen, doch es war eine supranationale Region darstellbar, welche einen vergleichsweise einheitlichen Entwicklungsstand und relativ ähnliche demographische, ökonomische, kulturelle, politisch-administrative Strukturen aufwies (vgl. Meyer 1997 S. 91). Sie wurde als eine Zentrumsregion identifiziert, die als hoch entwickelt, polykephal strukturiert und stark urbanisiert eingestuft wurde und einen Großteil der ökonomischen, politisch-administrativen, kulturellen Funktionen Europas erfüllte (vgl. Meyer 1997, S. 266). Abbildung 7: Die europäische Schwerpunktstruktur und Entwicklungstendenzen Quelle: Meyer 1997, S. 24 Als Beleg für die Existenz dieser Struktur konnte beispielsweise die Verteilung der Unternehmenszentralen (ähnliches gilt für andere ökonomische Schwerpunktstrukturen) im westeuropäischen Raum angeführt werden. Seite 42 von 110 Seminar Humangeographie So waren im Jahr 1992 die meisten der 500 größten EU-europäischen Gesellschaften im Bereich des traditionellen Zentrums, des „Goldenen Dreiecks“ („core triangle“) mit Begrenzungen London, Paris und Amsterdam/Bonn/Ruhrgebiet angesiedelt (vgl. Meyer 1997, S. 69f). Dies betraf vor allem folgende Regionen: London und SO-England (216), Paris und Ile de France (131), Rhein- und Ruhrgebiet (51), Randstad Holland (39), Frankfurt (32). Die starke Konzentration der geographischen Lage der Zentralen basierte auf traditionellen Industriegebieten, besaß aber aufgrund des hohen Anteils an Innovationstätigkeiten, Forschung und Entwicklung, sowie einer überdurchschnittlichen Produktivität eine gewisse Selbsterneuerungskraft (vgl. Meyer 1997, S. 106). Zudem wurde häufig als wesentliche Wachstumsregion der sogenannte „Sunbelt“ genannt, der sich von Norditalien über Südfrankreich bis nach Nordostspanien erstreckte, wo wirtschaftliche Aktivitäten stark konzentriert waren (und freilich auch noch immer sind) (vgl. Huster 1996, S. 43). Allerdings hatten sich die regionalökonomischen Verteilungen innerhalb der EU seit den 1970er Jahren Produktionssektoren tiefgreifend mit Kernen verändert. aus Neue ausgewählten Komplexe flexibler High-Tech-Industrien, produktions- und firmenbezogenen Dienstleistungen entstanden in zuvor wenig industriell besetzten Räumen, wie in Südostfrankreich, Nordostspanien, Südbayern oder dem „Dritten Italien“ (im Norden). Dadurch folgten Verschiebungen bei der Standortwahl und somit Disparitätsrückgänge zwischen den ehemaligen Kerngebieten und neuen Zentren (vgl. Arnold 1995, S. 29). Es wurde also erkannt, dass sich in der europäischen Wirtschaftsentwicklung eine regionale Schwerpunktbildung stattfand. Konzepte, wie die „blaue Banane“ oder das „goldene Dreieck“, boten jedoch auch reichlich Angriffspunkte und waren nur bis zu einem gewissen Grad haltbar. Einerseits stellen sie eine starke Vereinfachung eines sehr komplexen Zusammenhangs dar. Zudem war nur eine begrenzte Homogenität innerhalb dieser Regionalstruktur gegeben. Seite 43 von 110 Seminar Humangeographie Des weiteren ist die Gültigkeit dieser Ansätze angesichts rapider Entwicklungen – nicht zuletzt angesichts der Integrationsprozesse innerhalb der EU – zum heutigen Zeitpunkt in Frage zu stellen, wenngleich eine gewisse Schwerpunktstruktur in den erwähnten Gebieten sicherlich noch gegeben sein mag. Der norwegische Sozialwissenschaftler Stein Rokkan bot mit seinen Überlegungen eine weitere Erklärungsskizze für die strukturelle Schwerpunktbildung bei der innereuropäischen Städtekonkurrenz (vgl. Meyer 1997, S. 189ff). Er sprach von einem „polykephalen Städtegürtel“ und bezog sich dabei auf eine historische Komponente von politischen, kulturellen und ökonomischen Dimensionen bei der Erklärung der Staatenbildung. Stein Rokkan ging dabei von Interaktionsprozessen zwischen Systemen aus, und bezog auch geographische Gegebenheiten mit ein, um Schwerpunktstrukturen zu erklären. Durch historische Prozesse kam es laut Stein Rokkan auf einer Nord-Süd-Achse zur Entwicklung eines „Gürtels freier Städte“, einer Ansammlung von zentralen Orten, die zueinander im Wettbewerb stehen. In Folge entstand ein ökonomisch dominantes und gleichzeitig politisch fragmentiertes Gebiet mit einem Handels- und Städtenetzwerk. Jenseits dieses Städtegürtels, vor allem östlich und westlich, war die politisch-administrative Zentrumsbildung leichter möglich. Somit erfolgte sowohl eine Strukturerhaltung durch eine bestehende Dominanz, welche aber gleichzeitig impulsgebend auf nachfolgende Entscheidungsund Handlungssequenzen wirkte. Dadurch wurden ein gewisser Wandel und die Entwicklung neuer Zentren bewirkt. Im Zuge der aktuell fortschreitenden europäischen Integrationsbemühungen wird der Wettbewerb zwischen Städten und Regionen erneut verschärft, da nationalstaatlich definierte Grenzen an Bedeutung verlieren aber gleichzeitig massive Anstrengungen zur Strukturerhaltung und – verfestigung geschehen. In den 1990er Jahren wurde der Ansatz der „New Economic Geography“ entwickelt, bei welchem versucht wird, Aspekte des Handels mit geographischen zu kombinieren (vgl. Terrassi 2006, S. 216f). Dieser stellt ein wichtiges Feld für experimentelle Studien im Kontext der europäischen Integration dar. Seite 44 von 110 Seminar Humangeographie In Bezug auf eine klar definierte Zentrum-Peripherie-Unterscheidung, welche angesichts der europäischen Haushaltspolitik bereits seit den frühen 1960er Jahren im Zentrum der Beobachtungen der EU steht, stellt der Ansatz Zusammenhänge zu (und zwischen) unterschiedlichen Entwicklungsphasen der regionalen Wirtschaftsentwicklung in Europa her. Dabei wird die EU-Regionalpolitik als Integrationsmechanismus zur Reduktion der Zentrum-Peripherie-Dichotomie verstanden. Die Wirkung von Integrationsbemühungen spielt bei diesem Forschungsansatz also eine essentielle Rolle. Einen Hintergrund dafür stellt die These dar, dass sozialökonomische Vernetzungen und Verdichtungen dadurch entstehen, dass politisch-administrative und kulturelle Grenzen von ökonomischen Akteuren auf der Suche nach besten Erträgen überschritten werden und dass gleichzeitig in Europa Schwerpunkträume existieren, welche über nationalstaatliche Grenzen hinausreichen (vgl. Meyer 1997, S. 26). Mit einem Binnenmarkt für Güter, Kapital und Personen, wird angestrebt, gemeinsam Chancen in einer globalisierten Welt zu nützen. In Folge kommt es zu einer neuen Intensität des Wettbewerbs zwischen Städten und Regionen und es entstehen „European Areas of Cross-Regional Cooperation“ (vgl. Meyer 1997, S. 35). In dem Forschungsfeld der „new economic geography“ wird der Integrationsprozess erstmals hinsichtlich Faktoren, wie der Reduktion der Transportkosten analysiert (vgl. Terrassi 2006, S. 218f). Damit ist nicht nur der Gütertransport zwischen Orten gemeint, sondern auch Verwaltungskosten, die Senkung unterschiedlichen oder der Wegfall Qualitätsstandards, von Steuern, Kommunikations- schwierigkeiten und kulturellen Unterschieden. In Folge werden aufgrund der Integration steigende Erträge erwartet. Somit bauen die Überlegungen auf der These auf, dass mit der Senkung der Transportkosten auch eine Diffusion von Produktionsstandorten einhergeht. Diesen folgt das Entstehen neuer Agglomerationszentren, worauf wieder eine Bewegung in Richtung peripherer Regionen stattfindet, wo die Produktionskosten niedriger ausfallen. Seite 45 von 110 Seminar Humangeographie Im Zuge dessen entstehen auch „Intermediate Regions“ zwischen den Zentren und der Peripherie, die von diesen Bewegungen mit einem hohen Marktwachstum profitieren. 5.2.1 Entwicklung regionaler Disparitäten (seit 1960 bis zum Ende der 1990er Jahre) Die folgende Analyse der Entwicklung regionaler Disparitäten hinsichtlich des Wohlstandes innerhalb Europas beginnt sinnvollerweise während der ersten Integrationsphase um ca. 1960 und verfolgt das stetige Wachstum der EU von der Aufnahme von Großbritannien, Irland und Dänemark in den 1970er Jahren, über die Beitritte Griechenlands, Spaniens und Portugals in den 1980er Jahren, bis hin zur Erweiterung um Österreich, Finnland, Schweden und Ostdeutschland im Laufe der 1990er Jahre. Es sei allerdings angemerkt, dass die zuletzt erwähnte Erweiterungsrunde (mit der Ausnahme der deutschen Wiedervereinigung) kaum zur Veränderung regionaler Disparitäten beitrug. Terrassi führte eine Betrachtung der Entwicklung anhand des so genannten TheilIndex durch, der folgendermaßen berechnet wird (vgl. Terrassi 2006, S. 238): T = ∑ yr log(yr/xr) r Die Formel kann wie folgt interpretiert werden: T bezeichnet die gesamte Ungleichheit („total inequality“) zwischen den Regionen und yr die regionalen Anteile der (europäischen) Bevölkerung, sowie xr jene der Bruttowertschöpfung (BWS, englisch: Gross Value Added, GVA) oder des Bruttoinlandsprodukts (BIP, Gross Domestic Product, GDP). Diese Variablen werden zueinander in Beziehung gesetzt. Somit wird jede Region nach ihrem demographischen Potential, welches als wesentlicher Faktor der Ausprägung von Disparitäten angenommen wird, gewichtet. Seite 46 von 110 Seminar Humangeographie Der Index kann in weiterer Folge auch dahingehend abgewandelt werden, dass auch Unterschiede zwischen oder innerhalb von Raumtypen und Gruppierungen (hier: Länder und Makroregionen) dargestellt werden können. Zudem können durch Zerlegung bzw. Erweiterung des Index die Beiträge unterschiedlicher Faktoren (hier: regionale Unterschiede der Arbeitsproduktivität und der Beschäftigungsrate) zu der gesamten Ungleichheit berechnet werden. Die ersten sechs Länder (EU-6) beschlossen in den 1950er Jahren, die Entwicklung eines gemeinsamen Marktes voranzutreiben. Damals wurden von Molle et al. für 61 Regionen Bevölkerungsdaten, wie das BIP in US$ und Beschäftigungszahlen, erhoben (vgl. Terrassi 2006, S. 220). Um die Regionen nach ihrem ökonomische Potential zu unterscheiden, wurde mit diesen Daten der Theil-Index für Jahre 1950, 1960 und 1970 berechnet und in mehrere Komponenten aufgeteilt, wodurch Vergleiche innerhalb eines Landes und zwischen den Ländern, sowie innerhalb einer Makroregion und zwischen Makroregionen möglich sind. Die Makroregionen wurden nach ihrem Potential in „Central“ (umfasste drei Benelux-, vier deutsche und sieben französische Regionen), „Peripheral“ (zwölf italienische, sieben französische Regionen) und „Intermediate“ (alle, die nicht in die anderen beiden Klassifizierungen fallen) unterteilt. Es ergeben sich für die oben genannten Jahre folgende Werte: Tabelle 2: EU-6, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen, 1950 - 70 Tabelle 3: EU-6, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und Beschäftigungsraten, 1950 - 70 Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 221 Seite 47 von 110 Seminar Humangeographie Somit wird ersichtlich, dass im Zuge des Integrationsprozesses die Disparitäten im Bereich der verwendeten Wohlstands-Indikatoren im Verlauf der betrachteten 20 Jahre sowohl zwischen den Mitgliedsstaaten, als auch zwischen den unterschiedlich klassifizierten Regionen zurückgingen, und sich die Räume sowohl in Bezug auf ihre Bevölkerungs- und BIP-Werte insgesamt, als auch in Bezug auf die einzelnen Komponenten der Arbeitsproduktivität aneinander anglichen, während bei der Beschäftigungsrate immer größere Diskrepanzen ausgewiesen wurden. Daraus ist zu schließen, dass die schwächeren Regionen aufzuholen begannen, und im Bereich der Wirtschaftskraft eine gewisse Diffusion in periphere Gebiete erfolgte. Gleichzeitig entstanden aber auch neue Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt. Nach den nächsten Erweiterungsrunden ergibt sich in der weiteren Betrachtung folgendes Bild: Tabelle 4: EU-9, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen, 1975 – 97 Tabelle 5: EU-9, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und Beschäftigungsraten, 1975 – 97 Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 223 Es muss hierbei angemerkt werden, dass ab 1975 auf die regionale Datenbank von Eurostat (mit Verwendung von NUTS-Einheiten, National Units of Territorial Statistics) zurückgegriffen werden kann. Die Einheiten sind nach regionalen Größenordnungen gestuft, wie am Beispiel Deutschlands veranschaulicht werden kann: NUTS-1: z.B. Bundesländer; NUTS-2: z.B. Regierungsbezirke; NUTS-3: z.B. Landkreise. Diese bilden fortan den regionalen Bezugsrahmen für die Seite 48 von 110 Seminar Humangeographie Berechnungen, wobei nun 67 Regionen (NUTS-2-Einheiten, in manchen Fällen auch NUTS-1) in neun Ländern (EU-9) in Betracht gezogen werden. Die ursprüngliche Aufteilung in drei Makroregionen verliert ihre Gültigkeit, und wird durch die Unterscheidung von „Central“, „Intermediate“, „Northern Periphal“ und „Southern Periphal“ Regionen abgelöst. Bei der Betrachtung des drei-Jahres-Durchschnitts der Theil-Koeffizienten werden die Daten des BIP in EUR (Wert von 1985) dargestellt. Über gesamten Beobachtungszeitraum stellt sich die Produktivität im Vergleich zur Beschäftigung als der Hauptfaktor für Ungleichheiten heraus, wenngleich sie als Ursache für die Disparitäten im BIP etwas an Bedeutung verlor. Dies ist auf einen Rückgang der Produktivitäts-Unterschiede bei einem gleichzeitigen Anstieg der Beschäftigungs-Ungleichheiten zwischen den Ländern und Makroregionen zurückzuführen. Bei der ersten Beitrittsrunde nahm die Zentrum-Peripherie-Dimension durch eine Ausdehnung des Raumes um drei nördliche Länder eine klarere Struktur an (vgl. Terrassi 2006, S. 224). In Folge konnten innerhalb der Makroregionen neue Diffusions- und auch Konzentrationsprozesse stattfinden. Dennoch die Ergebnisse des Integrationsprozesses eher auf regionaler als auf nationaler Ebene zu erkennen, da die Beitrittsländer eine wirtschaftlich starke Ausgangsposition innehatten. Im Gegensatz dazu vergrößerten sich die Disparitäten auf Länderebene bei der zweiten EU-Erweiterung beachtlich, da sich die drei aufgenommenen Mittelmeerländer auf einem geringeren Entwicklungsniveau befanden. Da folglich ein verstärkter Integrationsfortschritt nötig wurde, setzte die EU ein „Single Market Programme“ um, welches den neuen Mitgliedsstaaten mehr Chancen im innereuropäischen Wettbewerb ermöglichen sollte. Dies wird bei der Analyse der folgenden Tabelle augenscheinlich: Seite 49 von 110 Seminar Humangeographie Tabelle 6: EU-9, EU-12, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen, 1985 – 97 Tabelle 7: EU-12, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und Beschäftigungsraten, 1985 – 97 Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 226 Es ist deutlich erkennbar, dass die Unterschiede zwischen den Ländern weit höher ausfielen als jene zwischen den Makroregionen, wenngleich sich die beiden Werte bis zum Ende des Betrachtungszeitraums bis auf annähernd gleichem Niveau befanden. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass durch die zweite Erweiterung stärkere Disparitäten innerhalb der Länder und zwischen diesen entstanden, als dies auf der Ebene von Makroregionen der Fall war. Neuerlich wird auch die Rolle von Produktivitätsunterschieden offensichtlich. Die EU-12 umfassten nun 101 Regionen, welche für die Berechnungen von 1985 bis 1997 relevant sind. Im Vergleich zu den EU-9-Betrachtungen, als vor allem die Makroregionen „Central“ und „Intermediate“ mit enormen Abstand den Hauptanteil der Bevölkerung ausmachten (jeweils mehr als 40 % im Vergleich zu etwa 15 % in den anderen beiden Regionsklassen zusammen), wuchs nun der Bevölkerungsanteil Seite 50 von 110 Seminar Humangeographie in der „Southern Periphery“ auf gut ein Viertel der Gesamtbevölkerung an und erreicht beinahe die Werte der beiden bisher dominanten Regionstypen (beide rund 35 % der Bevölkerung) (vgl. Terrassi 2006, S. 224f). In den drei letzten Betrachtungsjahren nimmt die Disparität zwischen den Staaten (die EU-15, umfassten 124 Regionen) einen wesentlich geringeren Anteil an der gesamten Disparitätenausprägung ein als zuvor (rund 20 %), während bei der Betrachtung der Disparitäten zwischen den Makroregionen deren Anteil auf einem relativ gleichen Niveau blieb (um 50 %). Auch andere Studien belegen die in diesem Abschnitt bisher erwähnten Trends (vgl. Arnold 1995, S.3ff). So nahm etwa das Einkommensgefälle von 1960 bis zur Mitte der 1970er Jahre innerhalb der EU im Ländervergleich kontinuierlich ab. In den 1980er Jahren setzte sich diese Entwicklung jedoch kaum fort. Selbst in einer Phase des Beginns einer zielgerichteten EU-Regionalpolitik in diesem Jahrzehnt, verringerten sich die regionalen Einkommensdisparitäten (im Bereich des BIP) nicht wesentlich. Innerhalb der einzelnen Staaten fanden durchaus erhebliche regionale Veränderungen statt, doch zwischen den Staaten blieb das Ausmaß der Ungleichheiten auf nahezu gleichem Niveau. So veränderten sich die Unterschiede im Pro-Kopf-BIP bis zum Anfang der 1990er Jahre sowohl zwischen den Mitgliedsstaaten (1980: 19 %, 1993: 17 %), als auch zwischen den Regionen (mit ca. Anfang der Vgl. 1980: ca. 27 %, 1993: 28 %) unwesentlich (vgl. Arnold 1995, S. 19). Die Disparitäten in der registrierten Arbeitslosigkeit in der EU zeigen ähnlichen zeitlichen Verlauf wie BIP-Unterschiede, nach einem Rückgang bis zur Mitte der 1970er Jahre erfolgte ein Anstieg bis etwa 1984. Von 1985 bis 1990 sanken die regionalen Arbeitslosenquoten zwar insgesamt, während die Disparitäten innerhalb der Staaten kontinuierlich zunahmen. Seite 51 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 8: Disparitäten in den regionalen Arbeitslosenquoten 1983 – 1990 Quelle: Arnold 1995, S. 9 Es sollte allerdings auch bedacht werden, dass in dem Zeitraum von der Mitte der 1970er Jahre bis zur Mitte der 1980er Jahre die ökonomische Situation insgesamt durch einen massiven Strukturwandel beeinflusst wurde, welcher durch den Beginn einer neuen technologischen Revolution gekennzeichnet war (als innovative Informations- und Kommunikationstechnologien neue Agglomerationsprozesse in Gang setzten) (vgl. Terrassi 2006, S. 224). Weiters fanden zur Zeit des Übergangs von den 1980er zu den 1990er Jahren massive politische Umbrüche statt, welche auch die gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation grundlegend veränderten. Insofern erscheint eine genauere Betrachtung des vergangenen Jahrzehnts unter besonderer Berücksichtigung der Osterweiterung der EU durchaus sinnvoll. Seite 52 von 110 Seminar Humangeographie 5.2.2 Ost-Europa und die EU-Erweiterung Nach Angaben der Unicef (1994) lebten in den Jahren 1993 und 1994 (also etwa 5 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs) in den Ländern Osteuropas (die heutigen EU-Mitglieder, sowie einige weitere Staaten der ehemaligen Sowjetunion) insgesamt 110 Millionen Menschen in einer sozialen Position zwischen einem Niedrigeinkommen und Armut (bei einer Armutsgrenze von 60 % der jeweiligen Höhe des damaligen Niedrigeinkommens) und somit in etwa doppelt so viele wie in der EU (vgl. Huster 1996, S. 184). Da demnach noch längere Zeit eine massive WohlstandsSchere zwischen West- und Osteuropa zu erkennen war, erscheint der Aufholprozess zahlreicher osteuropäischer Staaten im sozio-ökonomischen Bereich besonders bemerkenswert. Dennoch brachte die Erweiterungsrunde 2004 um 10 Mitglieder (Tschechien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Polen, Slowenien, Zypern und Malta) in der EU nicht nur eine Flächenvergrößerung um 23 % und einen Bevölkerungszuwachs um 20 %, sondern nach Angaben der EUKommission vor allem „an unprecedented widening of economic disparities within the Union and the geographical shift in the pattern of disparities“ (Terrassi 2006, S. 217). Die Aufnahme von 8 osteuropäischen Staaten (in der folgenden Tabelle als EU-8 bezeichnet) bewirkte also wesentliche Verschiebungen im Muster der der europäischen „Disparitäten-Landkarte“. Dies veranschaulichen die Werte in Tabelle 8. Es sei angemerkt, dass die EU-Beitritte Zyperns und Maltas für die folgende Analyse der Veränderung regionaler Disparitäten als weniger relevant erachtet werden. Die Darstellung erfolgt anhand von Daten des BIP pro Kopf, der BWS und des BIP in Kaufkraftstandards (KKS, engl.: PPS, unter Einbeziehung der Preisniveaus in den Ländern), welche von Eurostat in der Regio-Datenbank für Vergleichszwecke in Euro angeführt werden. Für Berechnung des ökonomischen Potentials wurde die bisherige Unterteilung (von 39 Regionen, nach Eurostat 2003) in Makroregionen erweitert und in „Central“, „Northern“, „Intermediate“, „Southern Periphal“ und „Acceding Countries“ untergliedert. Seite 53 von 110 Seminar Humangeographie Diese weisen relativ homogene Bevölkerungsanteile von jeweils rund 20 % auf (nur „Central“ stellt mit 29 % eine Ausnahme dar) (vgl. Terrassi 2006, S. 227). Tabelle 8: EU-8, EU-15, EU-23, Theil-Koeffizient, insgesamt, zwischen und innerhalb der Gruppen; BWS, BIP in KKS und BIP in Euro, 1999 Tabelle 9: EU-8, EU-15, EU-23, Theil-Koeffizient inklusive der Komponenten Produktivität und Beschäftigungsraten, BWS, 1999 Quelle (beide Tabellen): Terrassi 2006, S. 228 Die Unterschiede zwischen dem BIP und höheren Disparitäten bei den Kaufkraftindizes sind mit unterschiedlichen Preisniveaus in den Mitgliedsstaaten zu erklären (da die KKS im Falle der EU-23 höher ausfallen, ist darauf zu schließen, dass die Preisindizes der ärmeren Staaten im Verhältnis höher sind – gegensätzliches gilt im Falle der EU-15). Es erscheint sehr auffällig, dass sich der Theil-Index (total) nach der Erweiterung 2004 in den Bereichen des BWS und des BIP fast vervierfachte und bei den KKS verdreifachte, was im Vergleich zur Erweiterungsrunde in den 1980ern (als ebenfalls signifikante Disparitätenzuwächse auftraten) einen wesentlich stärkeren Anstieg bedeutet. So erfolgte beim Zusammenschluss der EU-12 im Vergleich zu den EU-9 ein 2,7-facher Anstieg der BWS. Seite 54 von 110 Seminar Humangeographie Deutliche Sprünge in der Ausprägung der Disparitäten sind sowohl auf der Ebene zwischen den Staaten und den Makroregionen, als auch innerhalb der beiden Raumgrößen wahrnehmbar. Wie in Tabelle 9 zu sehen ist, können die Ungleichheiten fast zur Gänze auf Produktivitätsabweichungen (starker Anstieg von rund 75 % bei den EU-15 auf gut 94 %) zurückgeführt werden. Insgesamt sind einige Parallelen zu der Erweiterung in den 1980er Jahren zu erkennen (siehe auch Abschnitt 5.2.1.), doch sind die neu entstehenden Unterschiede zwischen den Ländern im Fall der letzten Erweiterungsrunde bei weitem deutlicher ausgeprägt. Das Marktforschungsinstitut RegioData stellte 2006 eine Studie vor, in der die Kaufkraftkennziffern für 22 (mittel- und) osteuropäische Länder (CEE-Länder, central and eastern europe countries) berechnet und steigende Kaufkraftunterschiede im gesamten östlichen Europa festgestellt wurden (vgl. RegioData Research 2006, S. 1). Die Untersuchung belegt, dass im Gegensatz zu Westeuropa teilweise sogar dramatische Anstiege der Unterschiede zu verzeichnen waren, und dass die regionalen Wohlstandsunterschiede mit dem Landwirtschaftsanteil eines Landes zunahmen (siehe Abschnitt 5.3.2.1.). Im Zuge der fortschreitenden Integration der EU-Staaten und der Etablierung eines funktionierenden Binnenmarktes, wird ein Hauptziel darin bestehen, die weiterhin bestehenden massiven Disparitäten zwischen den Regionen abzubauen. Dies gilt in einem ersten Schritt vor allem für den zwischenstaatlichen Bereich, da sich mit der EU-Erweiterung 2004 die Kluft zwischen den Mitgliedsstaaten in Bezug auf Wohlstandsfaktoren und die Wirtschaftsentwicklung auf eine einzigartige Weise vergrößerte; darüber hinaus müssen sehr wohl aber auch Ungleichheiten auf der Ebene der Regionen innerhalb der Länder beseitigt werden. Nach dem Modell der „new economic geography“ (siehe Abschnitt 5.2.) kann davon ausgegangen werden, dass in Zukunft aufgrund der Reduktion der Transportkosten (auch verstanden als Abbau von Handelsbarrieren, etc.) und der unterschiedlichen Faktorenpreisen (z.B. Arbeitskosten, etc.) neuerliche Diffussionsprozesse zu erwarten sind. Seite 55 von 110 Seminar Humangeographie In Folge derer können Wirtschaftsverbindungen zwischen Regionen unterschiedlicher Staaten, die historisch und kulturell miteinander verknüpft sind, wieder belebt werden (vgl. Terrassi 2006, S. 229f). Als Beispiele für derartige zwischenstaatliche Gebiete mit dynamischen Integrationsvorgängen können die skandinavisch-baltische Region und die (nord-)östliche Grenzregion Österreichs angeführt werden. Innerhalb der Länder und der Makroregionen werden hingegen – wie auch schon bei vorangegangenen Erweiterungen - verstärkte Ausprägungen von Disparitäten vorausgesagt. Zudem noch nicht absehbar, inwieweit die strukturschwachen südlichen Peripherie-Regionen (z.B. in Süditalien) von der neuen Standort-Konkurrenz betroffen sein werden, zumal die neuen Beitrittsländer aufgrund eines beachtlichen Bildungsniveaus ein nicht zu unterschätzendes Standortpotential aufweisen. Auf jeden Fall ergeben sich neue Herausforderungen für die EURegionalpolitik hinsichtlich einer ausgewogenen Strukturentwicklung (siehe auch Abschnitt 5.4.1.). 5.3 EU-Länder im Vergleich Wie bereits in den vorigen Abschnitten verdeutlicht wurde, ist der Wohlstand zwischen den einzelnen Staaten und auch innerhalb der EU-Länder stark binnenstrukturiert. Sowohl Länder, als auch Regionen weisen eine unterschiedliche Wirtschaftkraft und ein unterschiedliches sozio-ökonomisches Potential auf. Die folgenden Betrachtungen sollen aktuelle innereuropäische Disparitäten anhand einzelner ausgewählter Phänomene, sowohl ökonomischer, als auch sozialer Natur, veranschaulichen. Dabei wird primär auf Daten von Eurostat (also auch auf die in Abschnitt 5.1.1. erwähnten statistischen Erhebungen) Bezug genommen. Eine weitere Detailbetrachtung diverser Hintergründe, wie den Ursachen der Ungleichheiten oder zeitliche Entwicklungen, werden dabei bewusst ausgespart, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Selbiges gilt für Untersuchungen unterschiedlicher sozialpolitischer Kontexte, wie Vergleiche des Gesundheitswesens der Mitgliedsstaaten, oder demographischer Aspekte, wie der Alters- und Geschlechtsstruktur der europäischen Bevölkerung. Seite 56 von 110 Seminar Humangeographie Darüber hinaus können auch volkswirtschaftliche Grundlagen und Daten nur oberflächlich berücksichtigt werden, da diese aufgrund des thematischen Umfangs einer eigenen Darstellung bedürfen würden. Es soll allerdings darauf hingewiesen werden, dass diese Facetten bei der Betrachtung regionaler Disparitäten durchaus von Relevanz sind. 5.3.1 Das BIP je Einwohner Das BIP je Einwohner etablierte sich – wohl aufgrund seiner relativ einfachen Messbarkeit und der weltweiten Vergleichsmöglichkeit – zu einem international anerkannten Indikator von Wohlstand, wenngleich die Aussagekraft dieser Messeinheit angesichts zahlreicher weiter Aspekte, die bei einem derart komplexen Phänomen zu beachten sind, sehr begrenzt ist. Aus diesem Grund werden neben einer Darstellung des Wohlstandsgefälles in Europa in den nächsten Abschnitten auch einige weitere als wesentlich erachtete Dimensionen von Disparitäten betrachtet. Nach Angaben des auf Amts für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften ergab sich für die EU-27 (auch Bulgarien und Rumänien wurden schon vor ihren Beitritten berücksichtigt) im Jahr 2003 folgende regionale Verteilung des BIP je Einwohner, wobei die Darstellung in Kaufkraftstandards erfolgt und somit auch unterschiedliche Preisniveaus in die Berechnung mit einbezogen werden: Seite 57 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 9: BIP pro Einwohner in KKS in % von EU-25, 2003 Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2006, S. 32 Wie zu erkennen ist, ergibt sich zwischen den Regionen eine beachtliche Spannweite. So reichen die Werte von 4.721 KKS je Einwohner im rumänischen Nord-Est bis zu 60.342 KKS je Einwohner in der britischen Hauptstadtregion Inner London. Seite 58 von 110 Seminar Humangeographie Die in früheren Abschnitten erwähnte Vergrößerung der regionalen Disparitäten durch die jüngsten Erweiterungsschritte wird dadurch belegt, dass die meisten Regionen der neuen Mitgliedstaaten und Kandidatenländer lediglich ein BIP je Einwohner in KKS von weniger als zwei Dritteln des gesamten EU-25-Durchschnitts erreichen (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2006, S. 29f). Prag kann als Ausnahmeerscheinung unter den 2004 neu hinzugekommenen Regionen erachtet werden (wenngleich Hauptstadtregionen allgemein eher stärker positioniert sind), da dort mit 30.052 KKS je Einwohner ein Wert vorliegt, der 138 % des EU-25-Durchschnitts entspricht. Somit nimmt die Region mit Rang 19 bereits eine Spitzenposition unter den 268 NUTS-2-Regionen der betrachteten Länder ein. Zudem verschärften sich mit der Erweiterung die Unterschiede zwischen den Regionen innerhalb der Länder. So umfassten 19 der dargestellten Länder mehrere NUTS-2-Regionen. Bei 12 von diesen wurden beim BIP je Einwohner mehr als doppelt so hohe Werte bei der stärksten Region im Vergleich zur schwächsten erreicht. Während dies bei 5 der 6 neuen Mitgliedstaaten zutrifft, war es nur bei 7 der 13 EU-15-Länder der Fall. Dennoch weist Großbritannien mit einem Faktor von 3,7 zwischen den beiden Extremwerten die massivsten regionalen Unterschieden, während in Irland und Schweden sehr geringe Differenzen erkennbar werden (Faktoren von jeweils 1,6). Darüber hinaus wird auch eine starke Konzentration der wirtschaftlichen Tätigkeit auf Hauptstadtregionen deutlich (höchstes BIP je Einwohner im jeweiligen Land) (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, 2006, S. 32f). Seite 59 von 110 Seminar Humangeographie Ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen in einer Region kann auf folgende Faktoren zurückgeführt werden (vgl. ec.europa.eu 2, S. 11): ein niedriger Wert für das BIP je Beschäftigten; ein geringes Bildungs- und Qualifikationsniveau; geringe Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten; eine geringe Zahl von Innovationen und die verzögerte Einführung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Auch in der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung weisen die Regionen innerhalb der Länder eklatante Ungleichheiten auf (selbiges gilt im Übrigen für die Entwicklung der Regionen unterschiedlicher Länder). So traten im Zeitraum von 1999 bis 2003 folgende regionale Entwicklungsunterschiede auf: Seite 60 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 10: BIP pro Einwohner in KKS in % von EU-25, 2003 im Vergleich zu 1999 Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2006, S.34 Interessanterweise treten beachtliche Divergenzen in der Entwicklungsdynamik in den jüngeren Beitrittsländern wie in den Staaten der EU-15 gleichermaßen auf. So nahm das BIP je Einwohner in den Niederlanden und Rumänien über den Betrachtungszeitraum in der jeweils dynamischsten Region um rund 20 Prozentpunkte, in Großbritannien um 17 Prozentpunkte, sowie in Portugal um 15 Prozentpunkte stärker zu, als in der schwächsten. Im Gegensatz dazu weisen Schweden und Belgien mit regionalen Unterschieden von jeweils rund 8 Prozentpunkten und Polen mit 3,6 Prozentpunkten die geringsten Werte auf. Seite 61 von 110 Seminar Humangeographie Wieder spielen in den neuen Mitgliedstaaten bei der Regionalentwicklung die Hauptstadtregionen, welche generell ein sehr dynamisches Wachstum aufweisen, eine entscheidende Rolle. Damit werden die Aussagen von Abschnitt 5.2. belegt, wonach innerhalb der EU zuminderst im Bereich des BIP je Einwohner – gemessen in Kaufkraftstandards – massive Unterschiede vorherrschen. Dies gilt nach den letzten Erweiterungsschritten ganz besonders auf Länderebene; aber auch in den meisten neuen Regionen werden im EU-Vergleich unterdurchschnittliche Werte erreicht. Somit sind in diesen Bereichen verstärkte Disparitäten zu erkennen. Nur hinsichtlich der Regionalentwicklung innerhalb der Länder kann nicht behauptet werden, dass interregionale Unterschiede ein Kennzeichen der Beitrittsländer wäre, da diese ebenfalls in einem beträchtlichen Ausmaß in den älteren EU-Staaten vorkommen. 5.3.2 Das Einkommensgefälle Doch Einkommensdisparitäten können nicht nur zwischen Regionen, sondern auch Wenngleich sich die der EU-15 im Laufe der 1990er Jahre verringerten (vgl. ec.europa.eu 2, S. 11), waren zum Jahrtausendwechsel noch deutliche Unterschiede beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der einzelnen Mitgliedsstaaten zu erkennen. Bei Untergliederung des Einkommens in Quintile wurden nach Angaben von Eurostat (ECHP 2002) im Jahr 1999 sogar deutliche Ungleichheiten in der Verteilung des verfügbaren (Äquivalenz-)Einkommens erkennbar (vgl. Diamantopoulou 2003, S. 30): Seite 62 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 11: Einkommensniveau und Einkommensunterschiede, 1999 Quelle: Diamantopoulou 2003, S. 30 Demnach fiel auf jene 20 % der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen im EUDurchschnitt ein Anteil am Gesamteinkommen, der um 4,6 Mal größer war, als jener der 20 % der Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen. Die geringsten Unterschiede zwischen diesen Gruppen bestanden in skandinavischen Ländern (Dänemark, Schweden und Finnland), während in südlichen Mitgliedstaaten (Portugal und Griechenland und Spanien) eher eine große Einkommensspanne bestand. Es erscheint außerdem bemerkenswert, dass in jenen Ländern, wo die größte Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten vorherrschte, auch der niedrigste Medianwert des Äquivalenzeinkommens erreicht wird. Umgekehrt wies Luxemburg den mit Abstand höchsten Medianwert, jedoch mit einem Faktor von 3,9 ein leicht unterdurchschnittliches Einkommensgefälle auf. Hanesch et al. (2000:31) betonten in Hinblick auf derartige Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten, „dass die Länder des liberalen und des rudimentären Wohlfahrtsstaatsmodells besonders ungünstige Armutsrisiken vor dem Hintergrund einer starken Ungleichheit der Einkommensverteilung aufweisen. Umgekehrt sind die Länder des sozialdemokratischen und des kontinentaleuropäischen Modells durch relativ niedrige Werte zu Einkommensungleichheit und -armut gekennzeichnet.“ (GTZ 2003, S. 23). In diesem Zusammenhang ist auch zu bemerken, dass 9 Mitgliedsstaaten der EU-15 mit 2003 Mindestgehälter einführten. Diese variierten von 416 Euro pro Monat (Portugal) bis 1.369 Euro pro Monat (Luxemburg) – siehe Abbildung 12. Seite 63 von 110 Seminar Humangeographie Bei Betrachtung der Kaufkraftstandards (englisch: PPS), bei welchen der wahre Geldwert ausgedrückt wird, gehen diese Differenzen allerdings zurück (von einem Faktor von 3,3 zwischen den höchsten und den niedrigsten Mindestgehältern auf einen Faktor von 2,5 zwischen den Werten in Kaufkraftstandards). Abbildung 12: Monatliche Mindesteinkommen, in Euro und in KKS, 2003 Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 63 5.3.2.1 Stadt-Land-Gefälle Angesichts des zu beobachtbaren Urbanisierungstrends wird damit gerechnet, dass im Jahre 2020 weltweit rund 52 % der Menschen in städtischen Gebieten leben werden, während heute noch ländliche Gebiete stärker besiedelt sind (vgl. GTZ 2003, S.29 und 30). So ist auch in der EU der landwirtschaftliche Sektor schon über längere Zeit kontinuierlich am schrumpfen (z.B. 1960: 21 %, 1970: 13 % Anteil an gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung), wobei doch starke regionale Unterschiede existieren (vgl. Meyer 1997, S. 68). Wie bereits im Abschnitt 5.3.1. dargestellt, gehören Hauptstadtregionen in Bezug auf das BIP zu den entwicklungsstärksten Regionen in Europa. Seite 64 von 110 Seminar Humangeographie Dieser Umstand ist nicht nur auf die bloße Konzentration der Bevölkerung in den zentralen Gebieten zurückzuführen, sondern auch auf einen überproportional großen Anteil an Arbeitsplätzen mit hohen Qualifikationsanforderungen in Branchen der wissensbasierten Wirtschaft, an Bildungseinrichtungen und einer besseren Infrastruktur (vgl. ec.europa.eu 2, S. 13). In Folge ist der Anteil von Stadtbewohnern tendenziell höher in höheren Einkommensgruppen. So kann für Österreich bei Auswertung der ECHP-Daten von 1998 folgende Verteilung dargestellt werden: Abbildung 13: Die regionale Verteilung in den Einkommensgruppen Quelle: Tentschert 2001, S. 11 Während im Jahr 1998 demnach in der untersten Einkommensgruppe nur rund 17 % der Personen in Wien lebten, war der Anteil der Wiener Bevölkerung im obersten Einkommensbereich beinahe doppelt so hoch. Umgekehrt gehörte rund ein Fünftel der in ländlichen Regionen (also in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern) lebenden Personen mehr den niedrigsten Einkommenszehntel an, als dem höchsten (wobei bei Betrachtung der Unterschiede auch unterschiedliche Kosten- und Familienstrukturen im ländlichen und städtischen Bereich berücksichtigt werden sollten). Seite 65 von 110 Seminar Humangeographie Derartige Stadt-Land-Disparitäten im Einkommensbereich sind jedoch nicht nur in Österreich auszumachen. So weisen stark agrarisch geprägte Volkswirtschaften tendenziell größere Unterschiede im verfügbaren Einkommen auf. Wie auch aus der bereits erwähnten RegioData-Studie hervorgeht, sind speziell in den osteuropäischen Ländern (z.B. in Polen oder Rumänien) starke Ausprägungen solcher Wohlstandsunterschiede zwischen armen Regionen mit einem hohen Landwirtschaftsanteil und reichen urbanen Regionen erkennbar, da in diesen Ländern (eine in Westeuropa weitgehend abgeschlossene) Entwicklungsdynamik in Städten bei einer relativen Stagnation in ländlichen Räumen stattfindet (vgl. RegioData Research 2006, S. 2f). In Polen etwa beträgt die Quote jener Bevölkerungsgruppen, die unter der Armutsgrenze leben, in manchen Regionen primär im ländlichen Raum mit einer agrarisch strukturierten Bevölkerung - bis über 35 %. Gleichzeitig bilden sich in den städtischen Bereichen „urbane Eliten" heraus und im Zuge eines starken Wirtschaftswachstums (z.B. aufgrund vermehrter ausländischer Investitionen) steigen auch die Einkommen der Stadtbewohner. Allerdings sollte auch angemerkt werden, dass in städtischen Gebieten der Wohlstand der Bevölkerung nicht ausschließlich ansteigt, da in diesen auch verstärkt mit dem Problem der Arbeitslosigkeit umgegangen werden muss. 5.3.3 Divergierende Ausprägung der Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit wird als bedeutender sozialer Indikator für regionale Unterschiede angesehen, da diese (bzw. umgekehrt, die Beschäftigung) in einem engen Zusammenhang mit dem Einkommen und somit dem Wohlstand der Bevölkerung steht. Bei den folgenden Betrachtungen wird das Augenmerk lediglich auf Entwicklungen (in der EU) in der jüngeren Vergangenheit (etwa die vergangenen 15 Jahre) gerichtet, da ein weitergehender historischer Abriss im Kontext konjunktureller Veränderungen bei weitem zu umfangreich für diese Arbeit wäre, zumal der Fokus auf die Darstellung von regionalen Disparitäten gerichtet ist. Seite 66 von 110 Seminar Humangeographie Zu Beginn der 1990er Jahre war im westeuropäischen Raum ein starkes Nord-Süd-, bzw. Ost-West-Gefälle zu verzeichnen (vgl. Meyer 1997, S. 66). So waren annähernd der gesamte Mittelmeerraum und ein Großteil der Atlantikküste von einer hohen Arbeitslosigkeit betroffen, während diese in Mittel- und Nordeuropa sehr niedrig ausfiel. Das Niveau der Arbeitslosigkeit war also in den einzelnen EURegionen sehr unterschiedlich ausgeprägt, wobei die regionalen Disparitäten nach Jahren mit hohem Beschäftigungswachstum in den späten 1980er Jahren aufgrund einer wirtschaftlichen Rezession wieder zunahmen (vgl. ec.europa.eu 1, S.14f). Zur Mitte des Jahrzehnts fand in Europa eine konjunkturelle Erholung statt, welche 1999 mit dem höchsten Beschäftigungswachstum der 1990er Jahre (1,4 %) einen Höhepunkt erreichte. Dennoch betrug die Arbeitslosenquote in einigen Teilen Südeuropas und in einigen sich im Strukturwandel befindenden Gebieten in Nordeuropa (mitunter weit) über 15 %. Generell konnten Mitgliedsstaaten mit einem überdurchschnittlichen BIP-Wachstum auch auf ein hohes Beschäftigungswachstum verweisen. Wie die folgende Abbildung zeigt, herrschten zwar zwischen den Mitgliedsstaaten mitunter erhebliche Unterschiede bei den nationalen Arbeitslosenquoten vor (so waren die Raten in ganz Österreich oder in Irland sehr niedrig, während Spanien, Polen und die baltischen Staaten durchwegs eine hohe Arbeitslosigkeit verzeichneten), doch viel bemerkenswerter erscheinen die Disparitäten zwischen den Regionen innerhalb vieler Länder: Seite 67 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 14: Arbeitslosenquoten in den Regionen, 1999 Quelle: ec.europa.eu 1, S. 19 Die Tatsache, dass das Ausmaß der regionalen Disparitäten der Arbeitslosigkeit von Mitgliedsstaat zu Mitgliedstaat sehr unterschiedlich ausfiel, demonstriert auch diese Abbildung: Seite 68 von 110 Seminar Humangeographie Abbildung 15: Arbeitslosenquoten nach Ländern und nationalen Extremen, 1999 Quelle: ec.europa.eu 1, S.20 In den Regionen mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit (10 % der Gesamtbevölkerung), wurden 1999 Werte von durchschnittlich 3 % erreicht, während die am stärksten von diesem Problem betroffenen Regionen sogar Arbeitslosenquoten von durchschnittlich 23 % aufwiesen (vgl. ec.europa.eu 1, S. 19). Hier werden demnach extreme Divergenzen deutlich. Die auffälligsten Unterschiede innerhalb der Länder sind in Italien und in Deutschland ersichtlich. So musste der strukturschwache Süden Italiens mit einer Arbeitslosigkeit zurecht kommen, die um gut 25 Prozentpunkte höher war, als jene in den entwicklungsstarken Regionen im Norden (dessen wirtschaftliches Potential bereits in Abschnitt 5.2. angesprochen wurde). Im Fall von Deutschland gehörten die ostdeutschen Bundesländer, die nach der Wiedervereinigung noch massive Strukturprobleme zu bewältigen hatten (und zum Teil noch haben), zu der Gruppe der Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit Europas, während in den süd-westlichen Regionen im Bereich Bayerns und BadenWürttembergs sehr niedrige Arbeitslosenquoten erkennbar sind. Seite 69 von 110 Seminar Humangeographie Dass die Arbeitslosenquote auch in sämtlichen Regionen Portugals unter dem EUDurchschnitt lag, erscheint umso bemerkenswerter, wenn man sich vor Augen führt, dass in dem Land ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen und auch relativ hohe Armutsraten zu beobachten sind, wie den in Abschnitten 5.3.2. und 5.3.4. erläutert wird. Bei den neuen EU-Mitgliedsländern ist zu erkennen, dass einige Staaten, wie Ungarn, die Tschechische Republik und auch Rumänien schon 1999 sehr niedrige durchschnittliche Arbeitslosenraten erreichten. Doch während in einigen Staaten, allen voran Rumänien, die sehr geringe Unterschiede bei den Extremwerten zwischen Regionen beobachtbar sind, fielen in anderen, wie Polen und die Slowakei massive Disparitäten auf. Interessant erscheint allerdings, dass die an Österreich angrenzenden Regionen schon damals niedrige Arbeitslosenquoten aufwiesen. Daraus kann geschlossen werden, dass in diesen Grenzregionen ein beachtliches Entwicklungspotential für wirtschaftliches Wachstum herrschte. Auch bei Betrachtung hochaktueller Daten sind regionale Disparitäten in der Arbeitslosigkeit zu erkennen. Gerade zwischen den Staaten vergrößerten sich mitunter die Ungleichheiten, da einige der neuen EU-Mitglieder hohe Arbeitslosenquoten aufweisen. Da jedoch auch einige der älteren Mitgliedsländer weiterhin mit einer stark ausgeprägten Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten, waren die (harmonisierten) Arbeitslosenquoten in der Eurozone (7,6 %) und in den EU-25 (7,7 %) nach Angaben von Eurostat im November 2006 annähernd gleich (vgl. Eurostat 2007, S.1). Die niedrigsten Quoten verzeichneten Dänemark, die Niederlande, Irland, Estland und Österreich (Quoten zwischen 3 % und 5 %). Die höchsten Arbeitslosenquoten meldeten Polen und die Slowakei mit beachtlichen 13,6%, bzw. 12,3%. Doch auch Griechenland, Frankreich und Spanien wiesen Werte weit über 8 % auf. In den meisten der Mitgliedstaaten (immerhin in 20) konnte dabei im Jahresvergleich mit 2005 ein Rückgang festgestellt werden, wobei neben Estland (von 7,4% auf 4,5%) und Dänemark (von 4,3% auf 3,3% im Oktober), auch die Slowakei (von 15,7% auf 12,3%) und Polen (von 17,1% auf 13,6%) massive Rückgänge vorweisen konnten. Seite 70 von 110 Seminar Humangeographie Da auf europäischer Ebene häufig Beschäftigungsmaßnahmen als ein Schlüsselfaktor bei der Bekämpfung von sozialen Disparitäten gewertet werden, sollte darauf hingewiesen werden, dass Armut auch trotz Erwerbstätigkeit entstehen kann. Dies belegten Berechnungen von Wolfgang Strengmann-Kuhn für 14 EULänder, welche auf Basis des erfragten Haushaltsnettoeinkommens (ECHP-Daten 1996) erfolgten, wobei eine 50%-Armutsgrenze angenommen wurde (er stellt fest, dass andere Armutsgrenzen an den Ergebnissen wenig ändern würden) (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 56f). Wenngleich Erwerbstätige generell unterdurchschnittlich von Armut betroffen waren, betrug deren Durchschnitt der Armutsquote in den betrachteten Ländern immerhin 9 % (insgesamt 16,4 %). Dabei variierten die Armutsquoten der Erwerbstätigen zwischen hohen Werten in Portugal und Griechenland (21,8 % bzw. 16,2 %) und niedrigen Werten in Dänemark, Deutschland, Belgien und Österreich (rund 5 % bis etwa 6 %). Auch der Anteil der erwerbstätigen Armen an der Gesamtbevölkerung („working poor“) fiel beträchtlich aus (EU-14: 3,6 %, bei Einschränkung auf Vollerwerbstätige: 2,5 %). Auch die Art der Erwerbstätigkeit war nicht unbedingt gleichermaßen entscheidend, bzw. aussagekräftig in Bezug auf den Anteil der erwerbstätigen Armen (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 107). Eine mögliche Ursache hierfür könnte darin gesehen werden, dass der individuelle Lohn unterhalb der Armutsgrenze liegt. Allerdings kann der Haushaltskontext erhebliche Veränderungen bewirken (etwaige Zusatzeinkommen, Kinder als Kostenfaktor, etc.). So können durch im gesamten Haushaltsarbeitseinkommen (bei mehreren Haushaltsmitgliedern) positive Effekte beobachtbar sein und die Armenanteile in Folge sinken. Zudem verringert sich beim Übergang vom Haushaltsarbeitseinkommens zum Haushaltseinkommen mitunter die Armutsquote im EU-Durchschnitt um etwas mehr als die Hälfte (von 15 % auf 7 % der Erwerbstätigen), da weitere Einkommen - besonders staatliche Transfers – eine armutssenkende Wirkung ausüben. Dies ist beispielsweise in Österreich besonders stark zu beobachten. Seite 71 von 110 Seminar Humangeographie 5.3.3.1 Bildung in der EU Wie im vorigen Abschnitt angemerkt wurde, herrscht ein Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Armut. Dabei ist auch die Höhe des Einkommens als entscheidender Faktor zu betrachten. Das Erwerbseinkommen orientiert sich unter anderem an den Bildungsabschlüssen, weswegen auch dieser Aspekt einer kurzen Betrachtung bedarf. So behauptete schon der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, bei einem Pressegespräch in Berlin: „Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse“ (Statistisches Bundesamt 2006). So ergab beispielsweise die Studie „Leben in Europa“ (EU-SILC), dass in Deutschland im Jahr 2004 nicht nur 40 % der Arbeitslosen, sondern darüber hinaus jeweils ein Viertel der Personen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung armutsgefährdet waren. Ein Zusammenhang zwischen Ausbildung und Arbeitslosigkeit wurde auch im Rahmen der Arbeitskräfteerhebung der EU im Jahr 2002 für die EU-15-Länder festgestellt: Abbildung 16: Arbeitslosenquoten und Bildungsniveau der Erwerbsbevölkerung (25 bis 64 Jahre) nach Geschlecht, EU-15, 2002 Quelle: Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 55 Seite 72 von 110 Seminar Humangeographie Wenngleich diese Wechselwirkung zwischen Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit nicht in allen EU-Staaten im gleichen Ausmaß ausgeprägt ist, kann doch der eklatante Unterschied je nach Ausbildungslevel, der im Durchschnitt der EU-15 zu erkennen war (Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen 4,2 %, bei Menschen ohne Sekundarstufe II-Abschluss 9,5 %), im Allgemeinen für sämtliche Mitgliedsstaaten angenommen werden (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 55). Dennoch variierten die Spannen zwischen Menschen mit den höchsten und jenen mit den niedrigsten (der dargestellten) Bildungsabschlüssen von 10.7 Prozentpunkten in Deutschland und 7 Prozentpunkten in Finnland. In Griechenland, Spanien and Italien, wo die Arbeitslosenraten mehr als 9 % betrugen, konnte hingegen aufgrund der geringen Arbeitslosenunterschiede zwischen den Bildungsniveaus nur geringe Zusammenhänge beobachtet werden. Als europaweiter Trend kann außerdem ein Anstieg des Bildungsniveaus in den Mitgliedsstaaten festgestellt werden: Abbildung 17: Bildungsanteil, der zumindest die Sekundarstufe II abgeschlossen hat, nach Altersgruppe, 2001 Quelle: Diamantopoulou 2003, S. 25 Seite 73 von 110 Seminar Humangeographie Wie aber auch schon im vorigen Fall, ergeben sich zwischen den EU-Staaten zum Teil erhebliche Unterschiede einerseits im Ausbildungsniveau insgesamt und andererseits im Anstieg über den beobachteten Zeitraum. So stiegen bis 2001 beispielsweise in Portugal die Anteile der „besser Ausgebildeten“ bei den jüngeren Menschen beinahe um das Vierfache. Dennoch erreichte deren Gesamtanteil an der Bevölkerung mit 38 % den mit Abstand niedrigsten Wert innerhalb der EU-15 (nur rund die Hälfte des damaligen Durchschnitts). Somit sind innerhalb der EU durchaus massive Disparitäten im Bildungsbereich zu erkennen, welche in Folge als eine der Ursachen für Einkommens- und Arbeitslosigkeitsunterschiede, sowie eine divergente Entwicklung von Armut interpretiert werden können. Da die Förderung des Bildungswesens von den EUMitgliedsstaaten als ein essentieller Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung und die Steigerung des Wohlstandes erkannt wird, werden mitunter hohe Anteile des BIP für diesen Bereich aufgewendet. Jedoch treten auch hier zwischen den Mitgliedsstaaten mitunter große Ungleichheiten auf. Während dieser Anteil nach Angaben der EUKommission im Jahr 2000 bei den EU-15 insgesamt 4,9 % des BIP ausmachte, fielen die (relativen) Ausgaben in manchen skandinavischen Ländern (Denmark: 8,3 %) and (Schweden: 7,4 %) fast doppelt so hoch aus, als beispielsweise in Griechenland (nur 3,8 % des BIP) (vgl. Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 2004, S. 41). 5.3.4 Lebensverhältnisse – Armut und Materielle Deprivation Wie bereits in Abschnitt 5.1. erläutert, wird Wohlstand (bzw. umgekehrt Armut) in der EU nicht nur als Phänomen aufgefasst, welches anhand von rein ökonomischen Größen, wie dem Pro-Kopf-Einkommen oder Arbeitslosenzahlen zu messen, sondern in einen weiteren Kontext zu stellen ist. Dabei wird zwar durchaus auf das Haushaltseinkommen als Basisgröße zurückgegriffen; doch dieses wird nach unterschiedlichen Haushaltsformen gewichtet und in Relation zu anderen Aspekten materieller und sozialer Ausgrenzung gestellt. Seite 74 von 110 Seminar Humangeographie Die statistischen Daten, welche bei den EU-Erhebungen gewonnen werden, lassen weitere Berechnungen und Bewertungen von Wohlstandsfaktoren zu. Da bislang keine Übereinkunft über die Gewichtung der Indikatoren und Deprivationsdimensionen getroffen wurde, ist keine Darstellung eines Gesamtindex nichtmonetärer Deprivation möglich. Doch es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass Armut und Ausgrenzung bei fehlender Teilhabe in mehreren Bereichen und einem sehr geringem Einkommen (also niedriger als 60 % des Medianeinkommens) auftritt (vgl. Lamei 2005, S. 355). Beispielsweise erstellte die Belgierin Anne-Catherine Guio im Jahr 2005 für Eurostat auf Basis von ECHP- und EU-SILC-Daten von 2003 eine Studie zur „Materiellen Entbehrung in der EU“ (vgl. Guio 2005, S. 1ff). Dafür wurden einige der in Abschnitt 5.1.2. aufgelisteten Indikatoren mit Hilfe einer Faktoranalyse in drei Dimensionen (mit korrelierenden Items) unterteilt und eine Dimensionsstruktur herausgebildet, welche die Maße (Dimensionen) „ökonomische Anspannung“, „unfreiwilliger Mangel an Gebrauchsgütern“ und „Wohnen“ umfasst. Abbildung 18: Dimensionsstruktur Quelle: Guio 2005, S. 3 Seite 75 von 110 Seminar Humangeographie Die Datengrundlage bildete dabei folgende Verteilung der einzelnen Items: Tabelle 10: Anteil der Bevölkerung, der von materieller Entbehrung betroffen ist, für alle Items und Armutsrisiken, EU-15- Mitgliedstaaten Quelle: Guio 2005, S. 10 Schon hier wird ersichtlich, dass in den einzelnen Mitgliedsstaaten Disparitäten vorherrschen, was die ökonomische Anspannung, den Verzicht auf erstrebenswert erachtete Gebrauchsgüter und die Wohnverhältnisse anbelangt. So müssen beispielsweise in Portugal wesentlich mehr Menschen jährlich auf einen Urlaub verzichten als in Luxemburg; oder es treten in Griechenland häufiger Zahlungsschwierigkeiten (Miete, etc.) auf, als dies in den Niederlanden der Fall ist. Zudem tragen die einzelnen Items teilweise unterschiedlich stark zum Gesamtausmaß an Deprivation in den einzelnen Dimensionen bei. So kann ein eigenes Fahrzeug seltener als auf ein Telefon oder ein Farbfernseher angeschafft werden. Guios Untersuchung ergab, dass die Bevölkerungsanteile, welche von den verschiedenen Dimensionen materieller Entbehrung betroffen waren, je nach EUMitgliedsland sehr unterschiedlich stark ausgeprägt waren. Dies verdeutlicht die folgende Tabelle: Seite 76 von 110 Seminar Humangeographie Tabelle 11: Anteil der in jeder Dimension von materieller Entbehrung betroffenen Bevölkerung Quelle: Guio 2005, S. 4 So werden zum Teil große Disparitäten in allen Dimensionen sichtbar. So waren weitaus geringere Anteile der Bevölkerung durch ökonomische Anspannung in den Niederlanden und Luxemburg belastet (rund 15 % der Bevölkerung in Bezug auf mindestens einen Item), als dies in Portugal (mit gut 70 %) der Fall war. Der hohe europäische Lebensstandard zeigt sich bei Betrachtung der Angaben über einen unfreiwilligen Mangel an mindestens einem Gebrauchsgut, da hier nur sehr geringe Werte erreicht werden. Bei dieser Dimension beträgt der Anteil der Bevölkerung, welche Entbehrung in mindestens einem Bereich hinnehmen muss, nur in den wenigsten Staaten (Griechenland, Irland und Portugal) mehr als 10 %. Auch in Bezug auf die Wohnverhältnisse weist Portugal im Vergleich mit Abstand das höchste Deprivationsrisiko auf (40 % der Bevölkerung klagen über mindestens ein Problem in diesem Bereich). In den skandinavischen Ländern scheint der Wohnkomfort jedoch relativ hoch zu sein (rund 90 % der Bevölkerung Dänemarks und Finnlands nicht von Entbehrung betroffen). Seite 77 von 110 Seminar Humangeographie Es lässt sich überdies ein Zusammenhang zwischen dem Deprivationsniveau und der Armutsrate herstellen (vgl. Guio 2005, S. 4). So wiesen jene Länder, bei denen das nationale Medianeinkommen am weitesten unter dem durchschnittlichen Medianeinkommen der EU-15-Länder lag, die höchsten Deprivationsraten auf (Portugal, Griechenland, Spanien). Umgekehrt tendierten allerdings die Länder mit dem höchsten Medianeinkommen (Luxemburg, Dänemark, Österreich) zu einem Deprivationsniveau, welches höher als die Armutsrate ausfiel. Somit war auch in diesen Ländern ein beachtlicher Bevölkerungsanteil von Entbehrung betroffen, welche nicht durch die ursprüngliche Armutsmessung erfasst wurde. In Bezug auf die neuen EU-Mitgliedsländer muss angemerkt werden, dass diese zwar ähnliche Situationen hinsichtlich der relativen monetären Armut wie die alten Mitgliedsstaaten, gleichzeitig aber auch extrem unterschiedliche Lebensstandards aufweisen (vgl. Guio 2005, S. 10). So liegen beispielsweise die Armutsgefährdungsschwellen mit Ausnahme von Malta, Zypern und Slowenien weit unter jenen der EU-15. Doch auch in einigen Bereichen der materiellen Entbehrung herrschen Unterschiede vor, wie das European Quality of Life Survey von 2003 zeigte. So mussten etwa in den meisten neuen Mitgliedstaaten rund 30 % der Bevölkerung auf ein Fahrzeug verzichten, während bei den alten Mitgliedern Portugal mit 17 % den Höchstwert verzeichnete. Im Bereich der Wohnausstattung fällt weiters auf, dass in den baltischen Staaten etwa 20 % der Bevölkerung keine Toilette mit Wasserspülung in der Wohnung besaßen, was einem Prozentsatz entsprach, der etwa dreimal höher war als der bei den EU-15 gemessene Höchstwert (in Portugal 6 %). 5.4 Herausforderungen an den Sozialstaat Im vorigen Abschnitt wurde anhand von unterschiedlichen sozio-ökonomischen Faktoren demonstriert, dass innerhalb von Europa trotz fortgeschrittener Integrationsanstrengungen auf zahlreichen Ebenen Disparitäten vorherrschen. Seite 78 von 110 Seminar Humangeographie In Hinblick auf einen weiter zusammenwachsenden Gemeinschaftsraum ergeben sich somit vielseitige Herausforderungen im Sozialbereich, da eine Erhöhung des Wohlstandes nicht nur innerhalb der einzelnen Staaten, sondern auch EU-weit angestrebt wird. Denn wird ein soziokulturelles Minimum auf die tatsächlich gegebene Lebenslage von einzelnen Personen bezogen, verbindet man damit die staatliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass jede Person die Mindeststandards erreicht. Die Erweiterung des Konzepts von Armut trägt zu einem veränderten Denken über Eingriffsmöglichkeiten und Strategien bei (vgl. Strengmann-Kuhn 2003, S. 180). Je mehr Dimensionen und Aspekte von Armut eine Rolle spielen, desto mehr politische Ansätze und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung kommen in Frage. Aus einer Entschließung des Europaparlaments vom September 2006 über ein zukünftiges europäisches Sozialsystem wird ersichtlich, dass die Problematik durchaus wahrgenommen wird (EU-Parlament 2006). So werden „die Mitgliedstaaten [aufgefordert], Reformen zur Gewährleistung der nationalen Sozialsysteme durchzuführen, wobei erworbene Rechte, die gegenseitige Unterstützung und die Solidarität zwischen den Generationen nicht gefährdet werden und der Wandel der Gesellschaft und des Arbeitsmarkts, der demografische Wandel, die Globalisierung und die technologischen Entwicklungen berücksichtigt werden; weist darauf hin, dass einige der erfolgreichsten Mitgliedstaaten bereits solche Reformen durchgeführt haben, wobei sie die Nachhaltigkeit und Effizienz ihrer Sozialsysteme erhalten haben; hält es daher für wichtig, vergleichende Analysen der bereits durchgeführten Reformen vorzunehmen wie auch Analysen über Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren der noch durchzuführenden Reformen; betont die Bedeutung, herausragende Leistungen unter anderem durch den Austausch bewährter Verfahren hervorzuheben;“ Seite 79 von 110 Seminar Humangeographie und gleichzeitig „ist sich [das Europaparlament] bewusst, dass in einigen Mitgliedstaaten die derzeitigen Beiträge zum Sozialsystem nicht ausreichen können, um die Erwartungen der Bürger zu erfüllen; ist der Auffassung, dass die Mitgliedstaaten unter Achtung des Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzips über alternative Möglichkeiten zur Finanzierung solcher Systeme, die dynamische und lohnneutrale Reformen fördern würden, nachdenken sollten, z.B. durch Nutzung des von den Unternehmen erzeugten Mehrwerts, indem sie das vertikale und horizontale Subsidiaritätsprinzip zwischen den Institutionen und der Bevölkerung fördern;“ Somit werden die Mitgliedsstaaten in die Verantwortung genommen, da diese – im Sinne des Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzips – mit politischen Anstrengungen gemeinsam dazu beizutragen haben, die Entwicklung eines chancengleichen Europas zu ermöglichen. Darüber hinaus nimmt aber auch die EU als übergeordnete Instanz eine nicht unwesentliche Rolle, nicht nur bei der Bewertung und Kontrolle der nationalstaatlichen Bemühungen, sondern auch bei der Förderung von (wirtschaftlichen und sozialen) Strukturen ein. So soll mit der Bereitstellung von Fördermitteln im Rahmen der Regionalpolitik ein wesentlicher Beitrag zur Erhöhung des Wohlstands geleistet werden. Die EU-Regionalpolitik ist darauf ausgerichtet, eine harmonische Entwicklung in der gesamten Union zu fördern, da der europäische Binnenmarkt, sowie die Wirtschafts- und Währungsunion nicht zufrieden stellend funktionieren können, wenn zu große regionale Ungleichgewichte in Bezug auf Wohlstand, Beschäftigung, Produktivität, Infrastruktur, etc. vorherrschen (vgl. Arnold 1995, S.1). Seite 80 von 110 Seminar Humangeographie Bis heute wird über die regionale Verteilung und Verwendung der EU-Gelder allerdings heftig diskutiert. Der folgende Abschnitt stellt die Regionalpolitik der EU schemenhaft dar. Eine umfassende Beschreibung der europäischen Regional- und Sozialpolitik ist nicht nur aufgrund der weitreichenden Thematik im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, sondern eine detaillierte Untersuchung des (sozial-)politischen Eingriffsystems würde Ungleichheiten nicht auch mehr den Kern der Fragestellung nach betreffen. Dennoch erscheint es regionalen sinnvoll, den regionalpolitischen Aspekt als Werkzeug zur Reduktion von Disparitäten auf europäischer Ebene zu beleuchten. 5.4.1 Die EU-Regional- und Stukturpolitik EU-Regionalpolitik begann in systematischer Form im Jahr 1975. Sie ist als reagierende und keine aktive Politik konzipiert, welche auf die ungleiche Verteilung materiellen Reichtums ausgleichend Einfluss nehmen soll (vgl. Arnold 1995, S. 106). Sie basiert auf dem Subsidiaritätsprinzip, welches der Zentralisierung entgegenwirken und die Entscheidungsmöglichkeiten auf mittleren und unteren Ebenen (z.B.: der Regionen) erhalten soll. Daher fördert die EU nur in jenen Bereichen, wo in Absprache mit den Mitgliedstaaten erkannt wurde, dass eine Förderung auf EU-Ebene zweckdienlicher ist, als wenn diese auf der Ebene der Mitgliedstaaten erfolgen würde (vgl. Euro Info Centres). EU-Fördermittel werden nur in Verbindung mit nationaler Kofinanzierung vergeben, und über nationale Förderstellen verteilt. Die Strukturpolitik muss mit der gesamtwirtschaftlichen und geldpolitischen Stabilitätspolitik abgestimmt werden, wobei die Einführung einer einheitlichen Währung die stabilitätspolitische Aufgabe erleichtert. Die EU-Regional- Maßnahmenträger und Strukturpolitik organisiert, welche wird an durch der drei Strukturfonds Schaffung als struktureller Entwicklungsgrundlagen arbeiten (vgl. Arnold 1995, S. 33). Seite 81 von 110 Seminar Humangeographie Diese sind: der Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) der Europäische Sozialfonds (ESF) der Europäische Ausrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft, Abteilung Ausrichtung (EAGFL/A) – ab 2007: der Kohäsionsfonds (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit 2007) Als weitere Mitwirkende können die Europäische Investitionsbank (EIB) als darlehensgebende Finanzierungsinstitution (neben der Direktförderung von EUStaaten unterstützt sie auch mit Darlehen die Umstrukturierung und Modernisierung von Industrie und Infrastruktur in europäischen Nicht-EU-Ländern), sowie die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und unterschiedliche Gemeinschaftsinitiativen. Das Fördersystem umfasst mehrere Phasen (Arnold 1995, S. 41ff): 1. der europäische Rat legt auf Initiative der EU-Kommission die Finanzmittel, Inhalte und die Funktionsweise (für eine Förderperiode) fest; 2. lokale und regionale Instanzen entwickeln gemeinsam mit nationalen Behörden der Staaten Entwicklungspläne, aus denen in Übereinstimmung mit der EU-Kommission gemeinschaftliche Förderkonzepte (GFK) werden. Dabei wird auf innere Stimmigkeit und Ausrichtung auf die Prioritäten der gemeinschaftlichen Förderkonzepte geachtet; 3. Die GFK enthalten Festlegungen über Förderschwerpunkte, Projektarten, Finanzmittel und Vorschriften zur Durchführung und Begleitung; 4. Umsetzung der GFK über operationelle Programme, Einzelanträge für Großvorhaben, Globalzuschüsse oder Kofinanzierungen; 5. jedes einzelne Projekt wird durch eine institutionalisierte Begleitung und abschließende Bewertung anhand der Übereinstimmung mit den Zielen der EU-Regionalpolitik durch Zusammenarbeit von EU-Kommission, Staat, Region und lokale Stellen beurteilt. Seite 82 von 110 Seminar Humangeographie Ein Großteil der EU-Förderungen aus den EU-Strukturfonds kommt benachteiligten Regionen, so genannten „Zielgebieten“ zugute, da regionale Entwicklungsunterschiede ausgeglichen werden sollen. Grenzregionen wird dabei ein besonderer Förderbedarf zugeschrieben, da diese häufig Probleme im Bereich der Infrastruktur aufweisen und gleichzeitig über ein hohes Entwicklungspotential verfügen. So werden durch Schaffung eines funktionierenden Binnenmarktes und die (mit Mitteln aus den EU-Fonds bewerkstelligte) Unterstützung von grenzüberschreitenden Kooperationsprogrammen Divergenzen zwischen den EUinternen Grenzregionen und auch zwischen den EU-Regionen insgesamt (z.B. im Bereich des Pro Kopf-Einkommens und der Arbeitslosigkeit) schrittweise abgebaut (vgl. ec.europa.eu 2, S. 14). In Österreich werden Programme momentan in folgenden Zielgebieten durchgeführt (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit 2007): Ziel 1-Gebiet (Unterstützung von Regionen mit Entwicklungsrückstand): Burgenland; Ziel 2-Gebiete (Unterstützung der Umstellung von Regionen mit Strukturproblemen: bestimmte Regionen in allen Bundesländern außer Burgenland; Ziel 3-Gebiete (Unterstützung der Anpassung und Modernisierung der Bildungs- Ausbildungs- und Beschäftigungspolitiken): ganz Österreich außer Burgenland. Seite 83 von 110 Seminar Humangeographie Zusätzlich zu den Strukturfonds existieren auch noch folgende Gemeinschaftsinitiativen, im Rahmen derer Förderungen vergeben werden: Leader+ (zur Unterstützung der Entwicklung des ländlichen Raumes); Interreg III (zur Unterstützung der regionalen Zusammenarbeit zwischen Grenzregionen und zur Förderung einer ausgewogenen Raumordnung überregionaler Gebiete); Urban II (zur Wiederbelebung krisenbetroffener Städte und Stadtviertel). Darüber hinaus veröffentlichte die Kommission im Jahr 1999 das Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK), mit dem versucht wird, die Merkmale der wichtigsten regionalen Ungleichgewichte in der gesamten EU zu bestimmen und Grundprinzipien der Gemeinschaftspolitik zu formulieren und verbreiten (vgl. ec.europa.eu 2, S. 13 und S. 22). Damit wurden transparente Kriterien eingeführt, welche der Vereinheitlichung der Regionalförderung in den Mitgliedsstaaten dienen und die am meisten benachteiligten Gebiete verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass sich die staatlichen Förderungen der Mitgliedsstaaten signifikant auf die regionale Verteilung der wirtschaftlichen Aktivitäten auswirken und ihnen insgesamt eine größere Bedeutung als der EUStrukturpolitik zukommt. So betrug von 1996 bis 1998 der Anteil der nationalen Förderungen am BIP der EU mehr all 1 %, während der Anteil der EU-Strukturpolitik am BIP im selben Zeitraum nur 0,45 % ausmachte (vgl. ec.europa.eu 2, S. 16). Seite 84 von 110 Seminar Humangeographie Im Frühjahr 2005 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs, an den Wachstumszielen der Lissabon-Strategie festzuhalten (vgl. Deutsche Bundesregierung 2006). Somit soll verstärkt an: der Förderung von Investitionen in den Bereichen Forschung, Bildung und Innovation; der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte; auf Beschäftigungswachstum ausgerichteten Sozialsystemen; der Öffnung der Dienstleistungsmärkte; dem Bürokratieabbau zu Entlastung von Unternehmen; der Förderung von Umweltschutz und Innovationen im Umweltbereich gearbeitet werden. Im Bereich der Beschäftigung wird eine horizontale Politik verfolgt (vgl. ec.europa.eu 2, S. 17). So wird den Mitgliedsstaaten grundsätzlich die Verantwortung für die Entwicklung und Umsetzung der Beschäftigungspolitik überlassen. Um die unterschiedlichen Ansätze jedoch zu koordinieren, wurde 1997 die Europäische Beschäftigungsstrategie in Leben gerufen, welche aktive Arbeitsmarktmaßnahmen forciert. Eine wesentliche Komponente dieser Strategie stellt der Luxemburg-Prozess dar, welcher auf die Verringerung von Arbeitslosigkeit und Beschäftigungswachstum ausgerichtet ist. Diese Ziele sollen durch Beschäftigungsfähigkeit der Erwerbsbevölkerung, Förderung des Unternehmensgeistes, Anpassungsfähigkeit von Unternehmen und Angestellten und Förderung der Chancengleichheit erreicht werden. Der Luxemburg-Prozess sieht vor, dass jedes Jahr vereinbarte Beschäftigungsrichtlinien in „Nationale Aktionspläne“ (NAP) in den einzelnen Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Diese werden in einem „Gemeinsamen Beschäftigungsbericht“ bewertet, der von der Kommission und dem europäischen Rat angenommen wird. Seite 85 von 110 Seminar Humangeographie Zum Abschluss dieses Abschnitts sollen noch kurz zwei unterschiedliche Ansätze der Kritik der europäischen Strukturpolitik vorgestellt werden, die beide auf umstrittenen Grundgedanken aufbauen. Da eine umfassende kritische Betrachtung für diese Arbeit zu umfangreich wäre, sollen die folgenden Darstellungen bloß als exemplarisch verstanden werden. Wie zu erkennen ist, wird auf EU-Ebene versucht, mittels gezielter Maßnahmen Wachstumseffekte zu bewirken und damit regionale wie soziale Ungleichheiten zu reduzieren. Dies geschieht stets in enger Zusammenarbeit mit den einzelnen Mitgliedsländern. Doch genau das Subsidiaritätsprinzip stellt den Bezugspunkt einer Kritik dar, die auf einer neoliberalen, subsidiaritätsorientierten Sichtweise aufbaut (Arnold 1995, S.93f). Diese neoliberale Kritik umfasst drei Thesen: Die Geldthese: demnach werden zu hohe Geldsummen aufgewendet; Die Kompetenzthese: die EU-Kompetenzen fallen für die Struktur- und Regionalpolitik zu stark aus und somit kommt es zur Behinderung der nationalen regionalen Wirtschaftsförderungsmaßnahmen; Die Subventionsthese: das EU-Fördersystem produziert in benachteiligten Regionen Subventionsmentalität anstatt Innovationsgeist. Daher vereinen nach dem neoliberalen Kritikansatz die EU-Behörden zu viel Einfluss und Befugnisse auf sich; die EU-Kommission nimmt eine zu dominante Stellung ein. Es wird argumentiert, dass aufgrund der Zentralisierung Fehlplanungen geschehen und eine unzureichende Entscheidungs-, Umsetzungs-, Aufsichts- und Bewertungspraxis vorhanden ist. In Folge käme es zu einem FördermittelMissbrauch und Konsistenzproblemen mit nationalen Wirtschaftspolitiken. Zudem seien sowohl der Zahlungsumfang, als auch der administrative Aufwand zu hoch. Daraus entstehe mangelnde Effizienz der aufgewendeten Mittel, was aufgrund von zu vielen Gemeinschaftsinitiativen (zu wenig Eigenbeteiligung und regionale Mitverantwortung) noch verstärkt wird. Seite 86 von 110 Seminar Humangeographie Des Weiteren seien die EU-Angaben zu makroökonomischen Auswirkungen unrealistisch. Daher wird von neoliberal orientierten Kritikern eine regionalpolitische Dekonzentration gefordert, welche auf eine verstärkte (wachstumsabhängige) Förderung der Peripherie abzielt. Einen völlig konträren Ansatzpunkt sucht die vor allem sozial ausgerichtete Kritik der EU-Regionalpolitik (vgl. Arnold 1995, S. 97). Nach dieser sind die materiellen Fördermittel der EU für einen regionalen Ausgleich unzureichend. Die EURegionalpolitik könne lediglich abmildernd wirken, Ungleichheiten allerdings nicht gestaltend ausgleichen. Für die Bevölkerung entstünden kaum Chancen zur Partizipation an der EU-Politik, da eine mangelnde Transparenz vorhanden ist. Zudem wird ein massives Demokratiedefizit konstatiert. Die Kohäsionspolitik sollte auf einen fairen Regionalwettbewerb ausgerichtet sein und die Steigerung der regionalen Autonomie - vor allem in der endogenen Entwicklung – fördern. Seite 87 von 110 Seminar Humangeographie Nachdem im vorigen Teil der Arbeit räumliche Disparitäten auf internationaler und interregionaler Maßstabsebene bearbeitet wurden, wird im folgenden Abschnitt auf Bundesländer- und Bezirksebene analysiert. Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene wie zum Beispiel die Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern und Differenzierungen auf regionaler Ebene, Unterschiede zwischen den Bezirken der Stadt Wien sind die Problemstellungen, die im Folgenden bearbeitet werden. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird der erste Teil des Abschnitts die eher kürzere Analyse der Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern Österreichs darstellen. Anschließend folgt eine spezielle Analyse der sozialräumlichen Strukturdifferenzierungen der Stadt Wien, welche auch den Hauptteil des Abschnitts darstellen wird. 6. Räumliche Disparitäten auf nationaler Ebene 6.1 Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern Regionale Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern sind allerdings vergleichsweise gering, dennoch kommt es regelmäßig zu politischen als auch medialen Diskussionen. Wie sieht dennoch die Einkommenssituation der unselbstständigen Erwerbstätigen in den östlichen Bundesländern vergleichsweise zu denen im Westen aus? Gibt es überhaupt räumliche Verdienstunterschiede zwischen Beamten bzw. Arbeitern untereinander? Unter anderem wird versucht diese Fragestellungen anhand von Daten der Statistik Austria auf Bundesländerebene zu beantworten. Weniger klar ist, wie die in diesen Darstellungen feststellbaren regionalen Unterschiede zu interpretieren sind, denn diverse Bundesländer- Rankings führen des Öfteren zu öffentlichen Diskussionen. Um diese Fragen beantworten zu können, müsste eigentlich das statistische Instrument der Kovarianzanalyse herangezogen werden, auf welches im Folgenden aber nicht genauer eingegangen werden kann, da dies einen eigenen Teil der Arbeit darstellen würde. Seite 88 von 110 Seminar Humangeographie 6.1.1. Statistische Analyse von Administrativdaten Somit wird als Datenquelle zur Analyse der Verdienstunterschiede zwischen den Mit Hilfe der Tabelle 11 werden Verdienste, dass sind Löhne und Gehälter aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit analysiert. Durch die Auswertung der Daten aus der obigen Tabelle wird ersichtlich, dass die höchsten Verdienste sowohl durch Männer als Frauen in der Bundeshauptstadt Wien erzielt werden, gefolgt vom Bundesland Niederösterreich und Vorarlberg. Insgesamt gesehen stehen die Steiermark, Salzburg und Tirol am unteren Ende. Das Ranking weist aber für Frauen und Männer durchaus Unterschiede auf, vor allem ist bei den Frauen ein hoher Abstand der arithmetischen Mittel von Wien und den übrigen Bundesländern feststellbar. Bundesländern das standardisierte Bruttojahreseinkommen des Jahres 2003 verwendet, welches in den statistischen Nachrichten der Statistik Austria veröffentlicht wurde. Tab.12: Bruttojahresverdienste der unselbstständig Erwerbstätigen nach Bundesländern 2003 Bundesland Österreich Burgenland Kärnten Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Steiermark Tirol Vorarlberg Wien Standardisierte Bruttojahreseinkommen (arithmetisches Mittel) Insgesamt Männer Frauen In Euro Rang In Euro Rang In Euro Rang 27.229 33.453 19.904 26.650 4 32.716 6 18.891 5 26.618 5 32.987 5 18.997 3 28.153 2 34.658 2 20.249 2 26.441 6 33.079 4 18.258 7 25.950 8 32.355 7 18.894 4 26.192 7 32.296 8 18.678 6 25.199 9 31.620 9 17.774 9 27.063 3 34.621 3 18.187 8 29.573 1 34.925 1 23.815 1 Quelle: Statistik Austria Seite 89 von 110 Seminar Humangeographie Tab. 13: Bruttojahresverdienste der Arbeiter, Angestellten und Beamten nach Bundesländer im Jahre 2003 Bundesland Österreich Burgenland Kärnten Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Steiermark Tirol Vorarlberg Wien Standardisierte Bruttojahreseinkommen (arithmetisches Mittel) Arbeiter Angestellte Beamte Ran In Euro In Euro Rang In Euro Rang g 19.691 31.091 40.522 20.532 1 29.502 7 38.848 9 19.761 6 30.493 4 40.018 6 19.838 5 31.984 2 39.403 7 20.532 1 29.837 5 39.214 8 19.366 8 29.450 8 41.375 4 20.171 3 29.685 6 40.924 5 19.575 7 28.622 9 42.284 2 19.988 4 31.884 3 43.123 1 18.162 9 33.653 1 41.527 3 Quelle: Statistik Austria In Tabelle 13 finden sich spezifisch sozialstatistisch orientierte Auswertungen der Lohnsteuerstatistik. Dabei werden alle Bezüge in voller Höhe erfasst. Vergleichsweise zur Verdienststatistik des Hauptverbandes des österreichischen Sozialversicherungsträgers (HV) auch jene Bezugsbestandteile, die über der Höchstbeitragsgrundlage liegen. Es werden alle Personen erfasst, die im Bezugsjahr jemals lohnsteuerpflichtige Einkommen erhalten haben. Im Unterschied zur Verdienststatistik des Hauptverbandes werden auch geringfügig Betätigte und alle Beamten in die Statistik aufgenommen. Dennoch wird im Folgenden auf die Tabelle 12 verwiesen, denn die zeigt die Bruttojahresverdienste der Arbeiter, Angestellten und der Beamten auf, die zum Teil Unterschiede zwischen den Bundesländern erkennen lassen. Jeweils gemessen am Bruttojahreseinkommen im Jahr 2003, betrug die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert bei den Arbeitern 2.370 €, bei den Angestellten 5.031€ und bei den Beamten 4.275€. Seite 90 von 110 Seminar Humangeographie Bei den Richtsätzen für Arbeiter weisen das Burgenland und das Bundesland Oberösterreich weit über dem Durchschnitt liegende Werte auf. Am unteren Ende der Verdiensttabelle befinden sich in der Kategorie der Arbeiter die Bundesländer Tirol, Salzburg und Wien. Im Unterschied dazu finden sich bei den Verdiensten der Angestellten, Wien gefolgt von Niederösterreich an der Spitze. Bei den Verdiensten der Arbeiter eben noch an der Spitze, zeigt Tirol bei den Einkommen der Angestellten erhebliche Differenzen gegenüber den anderen Bundesländern. In der dritten Kategorie zum Vergleich der Bundesländer in Bezug an das Bruttojahreseinkommen werden die räumlichen Verdienstunterschiede zwischen den Beamten herangezogen. Hierbei weisen Vorarlberg, Tirol und Wien die höchsten Werte auf, wobei Niederösterreich, Oberösterreich und das Burgenland am anderen Ende der Tabelle stehen. Zusammenfassend kann kurz gesagt werden, dass Arbeiter im Burgenland im Vergleich zu den anderen Bundesländern am besten verdienen, aber Angestellte und Beamte vergleichsweise ein geringes Einkommen aufweisen. Ein ähnliches Bild kann das Bundesland Oberösterreich aufweisen. Gegensätzlich dazu verfügen die Arbeiter in Wien über ein unter dem Durchschnitt liegendes Einkommen. Hingegen dazu erhalten die Angestellten und Beamten in der Bundeshauptstadt dennoch gute Löhne und Gehälter. Abschließend muss dennoch erwähnt werden, dass die Verdienstunterschiede zwischen den Bundesländern allerdings vergleichsweise gering sind. Diese Unterschiede zwischen den Bundesländern durch Daten relativ schwierig darstellbar sind und diese Ergebnisse zu interpretieren noch größere Probleme darstellen. Wie schon erwähnt führen vor allem Bundesländer- Rankings regelmäßig zu politischen und medialen Diskussionen, was aus diesem Grund zu einem vorsichtigeren Umgang mit den Analysen erfordert. Damit kann die Analyse auf Bundesländerebene als abgeschlossen gesehen werden. Seite 91 von 110 Seminar Humangeographie Im anschließenden Abschnitt der Arbeit wird auf Grundlage der von Fassmann und Hatz dargestellten „Fragmentierten Stadt“ auf folgenden Fragen eingegangen. Wie verteilt sich die Bevölkerung in der Stadt? Nach welchen grundsätzlichen Prinzipien erfolgt die „Entmischung“ der Bevölkerung? Wie kann die sozialräumliche Differenzierung vereinfacht dargestellt werden? Mit diesen drei Fragen beschäftigt sich die geographische Stadtforschung bereits seit einigen Jahrzehnten. Wie bereits mit den Fragestellungen angedeutet, setzt die folgende Analyse noch eine Maßstabsebene darunter an und es werden Daten auf Bezirksebene analysiert. Die Darstellung der sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene wird anhand der räumlichen Strukturunterschiede der Stadt Wien genauer beleuchtet. 7. Sozialräumlichen Differenzierung auf Bezirksebene 7.1 Sozialraumanalyse anhand der Stadt Wien Beginnen werde ich diese Aufgabe mit theoretischem Basiswissen, um diese vorhin genannten Fragen mit einen der zentralen Ansätze der Stadtforschung, der Sozialraumanalyse beantworten zu können. Die Sozialraumanalyse wurde Ende der 1940-er Jahre von Eshref Shevkef und Wendel Bell entwickelt und geht davon aus, dass die Gesamtstadt in viele kleine, in sich abgeschlossene „Welten“ zerfällt. Diese eben genannten „Welten“ werden als Natural Areas bezeichnet und sind, wie der Name schon verrät, „natürliche Einheiten“ der Stadt. Sie sind nach Außen abgeschottet und nach Innen sorgen sie für soziale Kontrolle, anzusehen als Biotope, die natürliche Einheiten der Naturlandschaft sind. Gleichzusetzen sind die Natural Areas mit den „Neighborhoods“, den Wohnvierteln in den US- amerikanischen Großstädten. Seite 92 von 110 Seminar Humangeographie Die Sozialraumanalyse sieht die Stadt als ein Mosaik und geht von den einzelnen kleinen Bausteinen aus, um diese Neighborhoods abzugrenzen und schließlich den Bauplan der Stadt zu verstehen. Anhand zahlreicher Analysen von Brian Berry und anderen Autoren hat sich bestätigt, dass für die Differenzierung der Stadt drei Faktoren notwendig sind, die wie folgt lauten: ein sozialer Faktor, der die berufliche Position und das Einkommen darstellt, ein demographischer Faktor, der das Alter und den Familienstand aufzeigt und ein ethnischer Faktor, der die ethnische Herkunft bestimmt. Jeder dieser soeben genannten Faktoren zeigt nicht nur die „Entmischung der Bevölkerung“, sondern ist auch mit einer spezifischen Raumstruktur verbunden, die jeweils ein spezifisches räumliches Muster aufweisen. Der soziale Faktor dokumentiert eine sektorale Differenzierung der Stadt und teilt diese in einzelne „Tortenstücke“, wobei die Teuersten dieser Sektoren von den sozialen Gruppen mit dem höchsten Einkommen in Besitz genommen werden. Weiters zeigt der demographische Faktor die Gliederung der Bevölkerung nach unterschiedlichen Altersgruppen und den Familienstand auf. Dabei entsteht ein zonales, konzentrisches Anordnungsmuster, welches aufzeigt, dass sich am Stadtrand durch die hohe Neubautätigkeit die vergleichsweise junge Bevölkerung mit hohem Kinderanteil ansiedelt. In erster Linie werden eben neu erbaute Stadteile von jungen Bevölkerungsgruppen aufgesucht und besiedelt. Da in den Stadtteilen, die näher zum Stadtkern liegen, die Bautätigkeit schon einige Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt, wurde auch die Bevölkerung älter. Aus diesem Grund lassen sich „Wachstumsringe“ der Stadt, die der demographischen Alterung entsprechen, aufzeigen. Schließlich führt der ethnische Faktor zu einer räumlichen Klumpung der Wohnstandorte der zugewanderten Bevölkerung. Die Verteilung dieser Bevölkerung in der Stadt ist abhängig von sozialen Netzwerken und den Bedingungen des Wohnungsmarktes und entwickelt sich um bestimmte Konzentrationskerne herum. Solche Konzentrationskerne können entweder durch frühere Zuwanderungen bzw. durch Standorte von ethnischen Institutionen gebildet werden, sowie in Stadtteilen mit vergleichsweise billigen Wohnungen. Seite 93 von 110 Seminar Humangeographie Abb. 19: Räumliche Prinzipien der Segregation Die Abb. 19, von Murdie (1969), aus Fassmann und Hatz zeigt die räumliche Verteilung der drei oben genannten Faktoren. An der Spitze wird die Klumpung der Wohnstandorte durch den ethnischen Faktor dargestellt. Eine Ebene darunter werden die „Wachstumsringe“ der Stadt und dann das sektoriale Anordnungsmuster des sozialen Faktors dargestellt. Schließlich befindet sich am unteren Ende der Abbildung eine Darstellung des physischen Raums, der in der Regel keine explizite Beachtung findet. Aus diesem Grund in der folgenden Arbeit ebenso keine weitere Berücksichtigung findet. Der im letzten Abschnitt erwähnte theoretische Hintergrund gibt den Rahmen für die Auswahl der Indikatoren der sozialräumlichen Differenzierung vor. Folglich sind die vorhin genannten Faktoren: der soziale, ethnische und demographische Faktor zur Gliederung der Stadt zu verwenden. Es kann nur das dargestellt werden, was empirisch und datentechnisch als Material vorhanden ist. Demnach werden für die weitere Darstellung des sozialen Faktors Daten der Volkszählung 2001 von Statistik Austria, teilweise von der Magistratsabteilung 5 überarbeitet, verwendet. Die räumliche Bezugsebene sind die 23 Wiener Gemeindebezirke, die für die folgende Analyse der sozialenräumlichen Gliederung der Stadt dienen. Seite 94 von 110 Seminar Humangeographie 7.1.1 Der soziale Faktor Die Indikatoren für die soziale Differenzierung der Bevölkerung und des Stadtgebietes sollten in erster Linie deren ökonomische Leistungsbereitschaft und gesellschaftliche Position darstellen. Eines der wichtigsten Steuerungsgrößen ist das Kapital jeder Person, denn wer Kapital besitzt, kann sich in bestimmten Stadtgebieten niederlassen, wer keines in Besitz hat, der wird verdrängt und muss auf weniger attraktivere Siedlungen ausweichen. Da durch die Volkszählungen keine Einkommenssituationen veröffentlicht werden, wird im Folgenden mit bestimmten Merkmalen, stellvertretend für den Faktor Einkommen, weiteranalysiert: Die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt und der Anteil der Sozialhilfeempfänger dienen zur sozialen Gliederung der Bevölkerung sowie der Stadtgebiete. Der Indikator „Anteil der Selbstständigen“ steht im Normalfall für ein höheres Einkommen und gesellschaftliches Prestige. Die Berufe wie Unternehmer. Ärzte, Rechtsanwälte u.v.a. werden in der Gruppe der Selbstständigen zusammengefasst und diese bilden in der Gesellschaft zweifelsohne die „obere“ Schicht. Ein weiterer Indikator „Anteil der angelernten ArbeiterInnen und HilfsarbeiterInnen“ kennzeichnet genau das Gegenteil, denn diese Arbeitergruppe verfügt in der Regel über ein geringes Einkommen und wenig gesellschaftlicher Macht. Seite 95 von 110 Seminar Humangeographie Tab.14: Berufstätige nach sozioökonomischer Gliederung und Bezirken 2001 Bezirk Selbständige 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. Wien Männlich Weiblich 2.196 3.889 4.387 2.189 2.545 2.260 2.405 1.968 2.783 4.332 2.014 2.769 3.059 3.382 2.466 3.199 2.269 2.840 3.982 2.210 3.670 4.329 3.462 68.605 44.288 24.317 Sozioökonomische Einheit angelernte Hilfsarbeiter % % ArbeiterInnen /innen 24,3 5,1 464 378 8,0 13,7 6.686 5.756 10,0 9,9 4.337 3.826 14,6 7,4 1.116 868 9,4 13,1 3.533 3.214 14,2 8,1 1.294 1.024 14,6 8,5 1.391 1.168 15,3 6,4 825 586 13,7 8,1 1.655 1.337 5,5 12,9 10.061 9.109 4,8 12,4 5.156 4.372 6,7 13,1 5.361 4.582 13,4 4,6 1.050 806 8,4 9,1 3.696 3.123 6,9 14,0 4.979 5.459 7,0 13,0 5.963 6.545 9,1 11,7 2.928 3.087 12,5 8,1 1.842 1.726 13,2 6,9 2.071 1.507 5,5 14,4 5.849 5.243 5,5 10,5 6.947 5.471 5,8 9,8 7.233 4.815 7,9 7,8 3.410 2.399 87.847 76.401 8,4 10,8 10,2 10,9 47.220 40.134 6,4 10,6 40.627 36.267 % 4,2 11,8 8,8 5,8 11,9 6,4 7,1 4,6 6,6 11,7 10,5 11,2 3,5 7,7 15,4 14,2 12,3 7,6 5,0 12,9 8,2 6,5 5,5 9,4 9,2 9,5 Beschäftige zusammen 9.048 48.637 43.714 15.026 27.046 15.968 16.440 12.840 20.325 78.064 41.625 41.029 22.871 40.478 35.491 45.945 25.048 22.735 30.058 40.498 66.427 74.138 43.581 817.032 434.506 382.526 Überdurchschnittlich hoher Wert Unter dem Durchschnitt liegender Wert Quelle: Statistik Austria (Volkszählung 01), bearbeitet von der MA 5 Anhand der Volkszählungsdaten von 2001 gab es laut Statistik Austria in Wien 817.032 Berufstätige. Darunter waren 68.605 Selbstständige, 87.847 Berufstätige mit angelernter Arbeit und 76.401 Hilfsarbeiter, prozentuell gesehen wäre dies ein Wert von 8,4, 10,8 bzw. 9,4. Absolut gesehen gibt es laut der obigen Tabelle im 3.Bezirk die meisten Selbstständigen (4.387), in Bezug zu den restlichen Berufstätigen weist der 1.Bezirk (Innere Stadt) den höchsten Anteil der Selbstständigen auf. Seite 96 von 110 Seminar Humangeographie Besonders auffallend sind beim Indikator der Selbstständigen die Bezirke mit unter dem Durchschnitt liegenden Werten, diese wie folgt lauten: 2., 10., 11., 12., 15., 16., 20., 21., 22., und 23.Bezirk Betrachtet man die Indikatoren der „angelernten ArbeiterInnen und der HilfsarbeiterInnen“ so lässt sich behaupten, dass es eine Übereinstimmung dieser Gruppen in Bezug auf die räumliche Verteilung in Wien kommt. Herausstechend sind hier die Bezirke mit überdurchschnittlich hohen Werten. Betroffen sind hiermit die Bezirke 2., 5., 10., 11., 12., 15., 16., 17. und 20. Den so genannten Spitzenreiter mit dem höchsten Anteil der angelernten ArbeiterInnen weist hiermit der 20. gefolgt vom 15.Bezirk auf. Ein fast identisches Beispiel beim Anteil der Hilfsarbeiter, denn hier befindet sich der 15.Bezirk an der Spitze und der 16. Bezirk weist den zweithöchsten Anteil auf. Auf Grund dieser Werte lässt sich bereits eine Tendenz feststellen, wo, welche Berufsgruppe tätig ist. Weiters wird noch der Indikator „Sozialhilfeempfänger“ auf Bezirksebene in Wien hinzugenommen um eine „klare“ Gliederung vornehmen zu können. Selbstverständlich verschaffen solche sozialräumlichen Analysen keine hundertprozentige Gliederung der Bevölkerung und Stadt, dennoch lassen sich markante Unterschiede erkennen. Es ist zu erwarten, dass die räumliche Verteilung der Sozialhilfeempfänger in Wien mit den beiden Merkmalen, die die Platzierung am Arbeitsmarkt gemessen haben, korreliert. Seite 97 von 110 Seminar Humangeographie Tab. 15: Sozialhilfedichte 2004 - Wien auf Bezirksebene Sozialhilfedichte nach Personen 2004 Bezirk Personen mit Wohnsitz in Wien Personen mit Sozialhilfeleistung 1 17.272 2 90.396 3 82.129 4 28.424 5 49.575 6 27.702 7 28.183 8 21.918 9 36.976 10 150.956 11 81.031 12 78.103 13 50.664 14 78.083 15 64.532 16 86.317 17 47.852 18 44.066 19 63.888 20 75.906 21 130.519 22 143.797 23 86.160 Wien 1.564.449 gesamt Überdurchschnittlich hoher Wert Sozialhilfedichte in % 267 5.604 3.755 872 3.018 1.135 1.116 557 1.415 8.596 4.763 5.680 1.018 3.194 3.428 4.721 2.593 1.588 1.883 4.615 6.844 5.122 2.401 1,5 6,2 4,6 3,1 6,1 4,1 4,0 2,5 3,8 5,7 5,9 7,3 2,0 4,1 5,3 5,5 5,4 3,6 2,9 6,1 5,2 3,6 2,8 74.185 4,7 Quelle: MA 5 Laut den Angaben der Magistratsabteilung 5 lebten 2004, 1.564.449 Personen in Wien. Aus diesen rund 1.5 Millionen Menschen waren 74.185 Sozialhilfeempfänger, was einen Prozentwert von 4,7 ergibt. Betrachtet man die Verteilung der Sozialhilfe auf die 23 Wiener Gemeindebezirke, soll lässt sich feststellen, dass zehn Bezirke einen höheren Prozentsatz an Sozialhilfeempfänger aufweisen, als der Durchschnitt von Wien beträgt. Den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfänger weist der 12.Wiener Gemeindebezirk, mit 5.680 Empfängern auf. Im Verhältnis zu den dort lebenden Personen erhalten 7,3% der Bevölkerung soziale Unterstützung. Abgesehen davon, dass das Datenmaterial für die sozialökonomische Gliederung der Berufstätigen von der Volkszählung 2001 stammt und die Darstellung der Sozialhilfeempfänger aus dem Jahre 2004, wird im Folgenden angenommen, dass keine gravierenden Veränderungen der Verteilung zwischen 2001 und 2004 vorgefallen sind. (Zum Zeitpunkt der Analyse konnten leider keine Daten der beiden Indikatoren des selbigen Jahres aufgetrieben werden.) Seite 98 von 110 Seminar Humangeographie Betrachtet man nun das Ergebnis der Sozialhilfedichte nach Personen in Bezug auf die Wiener Gemeindebezirke so lassen sich Gemeinsamkeiten mit den vorhin besprochenen Indikatoren „Platzierung am Arbeitsmarkt“ erkennen. Die Gruppe der Selbstständigen weist demnach eine hohe Konzentration im Zentrum (1.Bezirk) und den zentrumsnahen Bezirken sowie in den westlichen Stadtteilen, insbesondere in den Stadtrandgebieten der Bezirke 13, 18 und 19. Hingegen müssen sich die Gruppen der „angelernten Arbeiter und HilfsarbeiterInnen“ mit den weniger noblen Stadtteilen und somit mit billigeren Wohnungen zufrieden geben. Eine hohe Korrelation bestätigt sich in den zentrumsnahen Bezirken im Bereich des Gürtels, der die inneren von den äußeren Bezirken im westlichen Stadtteil trennt in Bezug auf den hohen Anteil der angelernten Arbeiter und Hilfsarbeiter sowie den hohen Anteil der Sozialhilfeempfänger. Abb.20: Angelernte und Hilfsarbeiter Wien 2001 Die Abb.20, aus Fassmann und Hatz entnommen, soll ausschließlich der kartografischen Darstellung der räumlichen Verteilung der Angelernten und Hilfsarbeiter dienen. Die Intervalle in der Karte stimmen nicht mit den Werten der bis jetzt verwendeten Analysedaten überein. Auf Datenbasis von Statistik Austria wird im Folgenden die zweite Gruppe von Merkmalen, die ethnische Struktur der Bevölkerung in Wien aufgezeigt. Seite 99 von 110 Seminar Humangeographie 7.1.2 Der ethnische Faktor In die Analyse werden folgende Merkmale miteinbezogen: Anteil der Staatsbürger aus Serbien und Montenegro, der Anteil türkischer Staatsbürger und schließlich auch die Daten der Bürger aus den EU 15 Staaten. Immerhin beträgt der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Wien fast 19 Prozent. Tab. 16: Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit in Wien 2005 Österreich 2005 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 1.342.253 14.085 68.980 66.373 23.890 38.755 23.582 23.146 18.718 30.427 133.405 69.787 67.126 45.767 70.028 48.100 69.469 39.136 37.909 57.534 60.184 122.006 133.020 80.826 Staatsangehörigkeit Serbien u. Türkei Montenegro 76.666 39.901 374 61 6.638 2.884 4.167 1.882 1.024 340 3.618 1.744 1.051 450 1.422 490 833 236 1.768 574 9.260 6.591 3.029 1.867 4.810 2.609 717 254 3.591 1.493 6.732 3.328 7.487 4.120 4.165 1.440 2.054 743 1.291 780 5.689 4.439 3.134 1.663 2.289 1.186 1.523 727 übrige EU 15 Staaten 17.359 661 1.419 1.438 851 751 602 619 683 1.051 775 377 573 588 540 547 603 551 912 1.300 610 594 844 470 Bevölkerung gesamt 1.651.437 17.289 93.862 84.465 30.041 52.348 29.322 30.282 23.657 39.264 167.111 82.555 84.167 51.095 82.626 70.214 93.393 52.234 47.197 67.178 81.505 136.321 146.616 88.695 ausländische Bev. gesamt 309.184 3.204 24.882 18.092 6.151 13.593 5.740 7.136 4.939 8.837 33.706 12.768 17.041 5.328 12.598 22.114 23.924 13.098 9.288 9.644 21.321 14.315 13.596 7.869 ausländische Bev. in % 18,7 18,5 26,5 21,4 20,5 26,0 19,6 23,6 20,9 22,5 20,2 15,5 20,2 10,4 15,2 31,5 25,6 25,1 19,7 14,4 26,2 10,5 9,3 8,9 Quelle: Statistik Austria Absolut gesehen weist der 10. Bezirk den höchsten Ausländeranteil aller Wiener Gemeindebezirke auf. Mit einem Höchstwert von 167.111 AusländerInnen, gefolgt vom 22.Bezirk, mit 146.616 Personen nicht österreichischer Staatsbürger, liegt Favoriten mit klarem Abstand an der Spitze. Sowohl beim Anteil der aus Serbien und Montenegro als auch der Türkei stammenden Personen lässt sich ein identisches Bild erkennen. Seite 100 von 110 Seminar Humangeographie Betrachtet man nun die Verteilung der ausländischen Bevölkerung im Verhältnis der österreichischen Staatsbürger, so erhält man kleine Unterschiede. Prozentuell gesehen weist nämlich der 15.Gemeindebezirk einen Spitzenwert von 31,5 auf, dies bedeutet, dass fast jeder Dritte mit Wohnsitz im 15.Bezirk ausländischer Staatsbürger ist. In den Bezirken 2., 5., 16., 17.und 20 leben bereits mehr als ein Viertel AusländerInnen. Komplementär dazu verfügen die Bezirke 1., 11., 13., 14., 19., 21., 22. und 23. über einen unter dem Durchschnitt liegendem Wert. Die geringsten Ausländeranteile in Wien weisen Liesing (23.Bez.), Donaustadt (22.Bez.) und Hietzing (13.Bez.) auf. Abb.21: Verteilung des ethnischen Faktors Die linke Karte wurde aus Fassmann und Hatz entnommen uns soll ausschließlich der kartografischen Darstellung der räumlichen Verteilung des ethnischen Faktors dienen. Die Intervalle in der Karte stimmen nicht mit den Werten der bis jetzt verwendeten Analysedaten überein. Quelle: Fassmann und Hatz Betrachtet man die obige Karte, so lässt sich feststellen, dass der charakteristische Kranz rund um den Gürtel das Kartenbild prägt. Die dunkel eingezeichneten Gebiete verfügen über hohe Faktorwerte, dort finden sich hohe Ausländeranteile, hohe Anteile an Substandardwohnungen aus der Gründerzeit und dafür sehr wenige Neubauten. Hohe Anteile von Personen aus Serbien und Montenegro und der Türkei finden sich demnach in den innenstadtnahen Gebieten der westlichen Außenbezirke, niedrige in den Bezirken östlich der Donau. Überall dort, wo der Anteil an schlecht ausgestatteten Wohnungen hoch ist, ist der Anteil dieser ethnischen Gruppierungen ebenfalls hoch. Ein weiteres Merkmal, die sozialräumliche Verteilung der Bevölkerung in der Stadt darzustellen, bietet der demographische Faktor. Seite 101 von 110 Seminar Humangeographie 7.1.3. Der Demographische Faktor Der Faktor fasst die demographischen Merkmale zusammen und beschreibt die Tendenz der Entmischung nach Altersgruppen. Die junge Bevölkerung und Familienhaushalte wohnen wie vorhin schon gehört in anderen Stadtteilen als die Gruppe der älteren Bevölkerung. Ausschlaggebend für diese Gliederung ist nicht die soziale noch die ethnische Differenzierung sondern die Tendenz der Besielung von Neubauwohnungen. In Wien, sowie in anderen Großstädten dominiert der Geschosswohnbau. Wenn ein so eben erwähnter Bau in einem Bezirk erstellt wird, dann werden die Wohnungen meist von jungen Familien mit Kindern bezogen, die damit die Altersstruktur des Bezirks deutlich beeinflussen. Weiterhin kann die Altersstruktur eines Bezirks durch das Vorhandensein von vielen Altersheimen kleinräumig gestört werden, denn dann bleibt der Stadtteil immer „alt“. Komplementär dazu können jene Stadtteile, die einen hohen Anteil an Studentenheimen oder Wohnungen für Berufseinsteiger aufweisen, immer „jung“ bleiben. Seite 102 von 110 Seminar Humangeographie Tab.17: Wohnbevölkerung nach Altersgruppen und Bezirken (absolut und in %) Bezirk 0 - 15 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. Wien 1.622 13.732 10.711 3.498 6.997 3.226 3.417 2.566 4.444 25.173 14.002 12.819 6.612 11.358 10.409 13.727 7.448 6.412 8.681 12.105 22.023 26.401 13.120 240.503 % 20 - 55 % 9,4 10625 14,6 60.573 12,7 54.966 11,6 19.486 13,4 35.574 11,0 20.362 11,3 21.341 10,8 16367 11,3 26.628 15,1 104.507 17,0 52.515 15,2 53.145 12,9 28.293 13,7 51.167 14,8 47.151 14,7 60.467 14,3 33.932 13,6 29.328 12,9 38.602 14,9 52.708 16,2 83.684 18,0 92.281 14,8 53.795 14,6 1.047.497 61,5 64,5 65,1 64,9 68,0 69,4 70,5 69,2 67,8 62,5 63,6 63,1 55,4 61,9 67,2 64,7 65,0 62,1 57,5 64,7 61,4 62,9 60,7 63,4 60 – 85 + 5042 19.557 18.788 7.057 9.777 5.734 5.524 4.724 8.192 37.431 16.038 18.203 16.190 20.101 12.654 19.199 10.854 11.457 19.895 16.692 30.614 27.934 21.780 363.437 % gesamt 29,2 17.289 20,8 93.862 22,2 84.465 23,5 30.041 18,7 52.348 19,6 29.322 18,2 30.282 20,0 23.657 20,9 39.264 22,4 167.111 19,4 82.555 21,6 84.167 31,7 51.095 24,3 82.626 18,0 70.214 20,6 93.393 20,8 52.234 24,3 47.197 29,6 67.178 20,5 81.505 22,5 136.321 19,1 146.616 24,6 88.695 22,0 1.651.437 Überdurchschnittlich hoher Wert Quelle: Statistik Austria Im Anblick der obigen Tabelle kann man sagen, dass die Verteilung der Bevölkerung in Bezug auf deren Alter relativ gleichmäßig verteilt ist. Der Anteil der unter 15Jährigen weist in den südlichen und östlichen Bezirken der Stadt Wien über dem Durchschnitt liegende Werte auf. Allen voran der 22. und der 11. Bezirk, die mit 18% bzw. 17% weit über den anderen Bezirken hohe Anteile der jungen Bevölkerung aufweisen. Auch in den innenstadtnahen Bereichen der äußeren Bezirken, also diejenigen Gebiete, wo der Anteil der Staatsbürger aus Serbien und Montenegro und der Türkei relativ hoch ist, werden auch von der jüngeren Bevölkerung bevorzugt. Seite 103 von 110 Seminar Humangeographie Es ist weiters bemerkenswert, dass die Wohnstandorte der jungen Bevölkerung als auch die der älteren so gut wie keine Segregation aufweisen, denn die sie sind über die Stadt verteilt. Im Vergleich dazu bevorzugt die ältere Bevölkerung (60 Jahre +) die Bezirke Hietzing, Döbling und die Innere Stadt. Rückblickend lässt sich zusammenfassen, dass die innerstadtnahen Bereiche der äußeren Bezirke über hohe Anteile der jungen Bevölkerung, Staatsbürger aus Serbien und Montenegro und Türkei. In diesen Gebieten vorwiegend kostengünstigere Wohnungen vorhanden sind und deshalb von diesen eben genannten Bevölkerungsgruppen bevorzugt werden. Der Anteil der älteren Bevölkerung, die bereits über entsprechendes Kapital verfügen, können sich an Stadtgebieten ansiedeln, wo sie es für richtig empfinden, denn sie können ihr Wohngebiet auswählen. Das Zentrum sowie die Bezirke 13, 18, und 19 werden vorwiegend von den Älteren und den Selbstständigen bevorzugt. Abb. 22 : Muster der Segregation in Wien Stellvertretend für die Analysen davor werden die Faktoren abschließen noch einmal grafisch dargestellt. Die Karte des ethnischen Faktors zeigt den Kranz rund um den Gürtel, die des demographischen Faktors, die erhöhte Ansiedlung der Bevölkerung am Stadtrand. Der sektorale Status spiegelt die sektorale Verteilung wider und der Gemeindewohnungsstatus zeigt die Verstreuung über die gesamte Stadt. Quelle: Fassmann, Hatz Seite 104 von 110 Seminar Humangeographie 8. Literaturverzeichnis Arnold, H., 1995, Disparitäten in Europa. die Regionalpolitik der Europäischen Union; Analyse, Kritik, Alternativen. - Basel (u.a.). Barnes, M., 2002, Social exclusion and the life course. – In Elgar, E., Hrsg., Poverty and Social Exclusion in Europe. – Cheltenham (u.a.), S. 1 – 23. Bathelt, H. 1994. Die Bedeutung der Regulationstheorie in der Wirtschaftsgeographischen Forschung. Geographische Zeitschrift 82/2. Stuttgart. Bathelt, H. und Glückler, J.: Wirtschaftsgeographie: Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive. Stuttgart 2002 Becker, J. 2002. Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion der französischen Regulationstheorie. 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