Neujahrsbegrüssung Bischof Ivo Fürer, 5

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Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen – Amtsbericht 2004
Vorwort des Kirchenratspräsidenten
Die Wertediskussion in der Schweiz ist neu lanciert
Unser Auftrag als Volkskirche, „nahe bei Gott – nahe bei den
Menschen“, bezieht sich sowohl auf das Glaubensleben der
Menschen als auch auf die Gestaltung des gesellschaftlichen
Alltags. Wir wissen, dass jede Gesellschaft dringend angewiesen ist
auf gemeinsame Grundsätze, auf Werte und Normen, die von allen
ihren Mitgliedern getragen sind. Gerade als reformierte Christen
wollen und müssen wir sie wirksam mitgestalten.
Das Jahr 2004 zeigte, dass die Wertediskussion in der Schweiz neu
lanciert ist. Noch nicht alle erkennen sie als Wertediskussion. Die
einen sehen sie bloss als Entscheide in einzelnen Sachfragen oder
bei Businessangelegenheiten. Andere glauben, die entscheidenden
Verwerfungen verliefen zwischen dem christlichen Glauben und
anderen Weltreligionen, namentlich dem Islam; Kampf der
Religionen und Kulturen also. Was sind aktuelle Themen, bei denen
es um elementare Grundwerte unseres Lebens und unserer
Gesellschaft geht? Um Werte, die der christliche Glaube
massgeblich mitgeprägt hat und weiter mitprägen will?
Solidarität auf der einen Seite, Ausgrenzung auf der anderen
Die Flutwellenkatastrophe in Asien, der Tsunami, hat Ende Jahr
eine riesige Hilfsbereitschaft ausgelöst. Schweizerinnen und
Schweizer haben weltweit pro Kopf am meisten gespendet. St.
Galler Regierung, Kantonalkirche und Kirchgemeinden haben sich
massgeblich beteiligt. Ein eindrückliches Beispiel des Gewichtes
der Werte Solidarität und Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft.
Nur einige Monate zuvor, im September 2004, waren vom
Stimmvolk zwei Einbürgerungsvorlagen, darunter auch jene
zugunsten von bereits in zweiter und dritter Generation hier
lebenden Jungen, bachab geschickt worden – mit besonders
deutlichen Mehrheiten im Kanton St. Gallen. Der Kirchenrat hatte
sich im Rahmen seines Engagements für gesellschaftliche
Integration befürwortend eingesetzt.
Kurz darauf, im November 2004, drückte der Rat in einem
Pressecommuniqué seine tiefe Besorgnis aus über die Neuregelung, dass Asylsuchende mit Nichteintretensentscheid kein
Anrecht auf Sozialhilfeleistungen mehr haben und stattdessen im
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Status von illegal Anwesenden auf die Strasse gezwungen werden.
Er warnte vor den zunehmend sichtbar werdenden Konsequenzen
in menschlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. In der Folge erwies
sich, dass verschiedene St. Galler Gemeinden in einer ersten
Phase diesen Menschen selbst die verfassungsmässig garantierte
Nothilfe verweigerten. Kirchliche Kreise und ein Solidaritätsnetz
wurden in Form von praktischer Überlebenshilfe und politischen
Aktionen auf eindrückliche Weise aktiv. Indessen beantragte die
Staatspolitische
Kommission
des
Ständerates,
bisherige
Beschlüsse von Bundesrat und Nationalrat deutlich verschärfend,
unter anderem, den Sozialhilfestopp künftig auch auf im
ordentlichen
Asylverfahren
Abgelehnte
auszudehnen,
schutzbedürftige Personen wie Frauen, Kinder, Jugendliche und
alte Menschen inbegriffen. Als Folge würden allein im Kanton
St. Gallen mehrere hundert Menschen als illegal Anwesende auf die
Strasse gestellt – samt dem Recht, ihnen auch die in Artikel 12 der
Bundesverfassung garantierte Nothilfe vorzuenthalten. Der
Ständerat folgte am 17. März 2005 seiner vorberatenden
Kommission. Der Entscheid des Nationalrates steht noch aus.
Weitere die Öffentlichkeit beschäftigende Themen, hinter denen
fundamentale Wertentscheide stehen, sind die sich zunehmend
öffnende
Schere
zwischen
exzessiven
Managerund
Verwaltungsratslöhnen auf der einen und neuer Armut, unter
anderem mit Armutsrisiko „Kinder“, auf der anderen Seite. Oder die
Pressekontroverse um einen Walliser Nationalrat, der im
Zusammenhang mit einer ausländerfeindlichen Plakataktion die
Aussage gemacht haben soll: „Eine schön präsentierte Lüge ist
besser als eine schlecht formulierte Wahrheit.“ Oder die illegale
Beschäftigung
von
ausländischen
Hausangestellten
und
landwirtschaftlichen Hilfskräften samt deren Konsequenzen in der
Sans Papiers Diskussion. Nicht zu vergessen sind auch die
dramatisch ansteigenden Fälle von aggressiver Gewaltanwendung
und Kriminalität, oder Autoraser, die wissentlich das Sterben
Unschuldiger in Kauf nehmen.
Man mag zu diesen Themen im Einzelnen stehen wie man will.
Hinter all den unterschiedlichen Erscheinungen stehen letztlich
bewusste oder unbewusste ethische Grundwerturteile und
Wertegewichtungen. Die Meinungen laufen überhaupt nicht immer
entlang der Grenzen von Parteien, Religionen oder Kulturen,
wiewohl diese natürlich einen nicht zu unterschätzenden Einfluss
haben. Sie sind Ausdruck von tief verankerten persönlichen und
kollektiven Werturteilen. Wie sie ausfallen, ob und wie sie in Politik,
Familie, Wirtschaft und Gesellschaft wirksam werden, damit hat
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unser christlicher Glaube und die Art der Tätigkeit unserer Kirchen
sehr viel zu tun.
Die Verantwortung von Christen und Kirche
Unsere christlichen Kirchen sind gesellschaftlich nicht mehr
dominant. Sie sind keine politischen Parteien. Sie sind bezüglich
der politischen Einstellungen ihrer Mitglieder sehr heterogen, von
links bis rechts, von konservativ bis liberal. Sie haben auch
keineswegs immer valable oder gar die besten Lösungsvorschläge
für die heute meist sehr komplexen und oft nur durch eine
sorgfältige Güterabwägung und ausgewogene Kompromisse
handhabbaren Problemstellungen. In vielen Fragen gibt es auch
nicht einfach schwarz-weiss eine „christliche“ und eine
„unchristliche“ Position. Trotzdem sind Wahrheit und christliche
Grundwerte weder relativ noch verhandelbar. Jesus Christus hat mit
seinem Leben und Sterben den in seinem Namen Handelnden
deutlich die Richtung gewiesen. Christen und Kirchen sollen sich
deshalb mit ihren Werten und Gesichtspunkten vernehmbar in die
gesellschaftliche Debatte einbringen. Nicht autoritär die Wahrheit
nur für sich beanspruchend. Aber engagiert und bekennend.
Wie kann das geschehen?
Falls die hier vorgetragene These richtig ist, dass die
Wertediskussion in der Schweiz neu lanciert ist – wenn auch nicht
immer als solche erkannt –, müssen sich jeder Christ, jede Christin,
jede Familie, jede Kirchgemeinde und wir alle als Kantonalkirche
fragen, wie wir uns auf der Basis unserer Glaubensüberzeugungen
wirksam in diesen für die Gestaltung unserer Zukunft so wichtigen
Diskurs einbringen. Vertreter von Kantonsregierung, Wirtschaft und
Politik haben uns auch im Berichtsjahr öffentlich und im
persönlichen Gespräch aufgerufen und ermutigt, durch
angemessene Aktivitäten auf vielfältige Weise sichtbar und wirksam
zu sein. Die Menschen von heute seien in vieler Beziehung
verunsichert. Was Not tue, sei nicht, als Kirche fertige Lösungen zu
propagieren, sondern wirksam Werte und Denkanstösse
einzubringen, die sie befähigen, ihrer Verantwortung als Christinnen
und Christen, als Bürgerinnen und Bürger gerecht zu werden.
Unsere Möglichkeiten sind vielfältig. Sie reichen von der
Wertefundamente legenden Arbeit mit jungen Menschen in
Sonntagschule,
Religionsunterricht,
Jugendarbeit
über
Gottesdienste und Erwachsenenbildungsveranstaltungen bis hin zu
mannigfachen Formen dialogischen Gesprächs, öffentlichen
Stellungnahmen und konkreten Aktionen. Es geht darum,
Plattformen zu schaffen, wo sich Menschen treffen und sich als
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gleichberechtigte Partnerinnen und Partner bewusst und bewusst
machend mit Situationen und Werten auseinander setzen und diese
in Beziehung bringen zu den Grundüberzeugungen des christlichen
Glaubens. Eine für die Menschen und die Gesellschaft relevante
Kirche wird dazu immer wieder viel Sensibilität, Kreativität und
Engagement brauchen – vor allem aber ein Glaubensfeuer, das
wärmt und ansteckend auf andere Menschen überspringt.
Lasst uns alle miteinander mit klarer Identität und an den
christlichen Grundwerten orientiert unterwegs bleiben, „nahe bei
Gott – nahe bei den Menschen“, begleitet vom Segen Gottes.
St. Gallen, 25. April 2005
Pfr. Dr. theol. Dölf Weder, Kirchenratspräsident
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