1 Lehrmaterialien/Blatt 3 Chinesische Sprache und Schrift

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Vorlesung: Problematik der Kommunikation mit Chinesen
Prof. Dr. Zhu Xiaoxue
Chinesische Sprache und Schrift
Überblick
Bezeichnung
Hanyu 汉语: Han-Sprache / Zhongwen 中文: Sprache von China)
 i.w.S. keine einzelne Sprache, sondern Sammelbegriff mit vielen Dialekten
 i.e.S. Beifang Hua 北方话(Nord-Sprache), Guan Hua 官话(Beamtensprache / Mandarin),
Putong Hua 普通话 (allgemeine Sprache/Hochchinesisch)
Gesprochen
Hauptsächlich in China(Taiwan, Hongkong, Maocao), auch in Singapur, Indonesien, Malaysia
Sprecher
1,2 Milliarden als Muttersprachler (Platz 1), darunter
 Beifang Hua 北方话: ca. 850 Millionen (70% der Bevölkerung in China)
 Gan 赣: 20 Mio. Sprecher (2.4%)
 Kejia/Hakka 客家: 30 Mio. Sprecher (4%)
 Jin 晋: 45 Mio. Sprecher (5%)
 Min Bei 闽北: 10 Mio. Sprecher
 Min Nan 闽南: 40 Mio. Sprecher (4.2%)
 Wu 吴 (u.a. Shanghaiisch): 77 Mio. Sprecher (8.4%)
 Xiang 湘: 36 Mio. Sprecher (5%) und
 Yue 粤 (Kantonesisch/Hongkong): mehr als 80 Mio. Sprecher (5%)
Typologie
sino-tibetische Sprachfamilie
Eigenschaften



logographische Schrift / Logogramme: jedes Zeichen steht für ein Wort oder
Bedeutungselement. D. h. sie sind unabhängig von der Aussprache verständlich
Einsilbiges Zeichen
Tonsprache: die Tonhöhe und ihr Verlauf, in der ein Wort / eine Silbe gesprochen wird, ist
bedeutungsunterscheidend.
Amtssprache
in China (Taiwan), Singapur
Arbeitssprache
in UNO
Einflussbereich
Die chinesischen Sprachen haben andere, eigentlich nicht verwandte ostasiatische Sprachen sehr
stark beeinflusst, vor allem Koreanisch, Japanisch und Vietnamesisch. Die Schrift wurde in der
Geschichte von ihnen übernommen.
Geschichte
Archaische Funde

Jiaguwen 甲骨文(Orakelknochenschrift) aus Longshan-Kultur (2000-1850 v.Chr.) in
Anyang (Ausgrabung 1899): die ersten Zeugnisse der chinesischen Schrift. Material:
Schulterblätter von Schweinen, Schafen oder Rindern und Schildkrötenpanzer
Annahme: dass zum damaligen Zeitpunkt bereits 5.000 verschiedene Zeichen
existierten. mehr als 2000 Zeichen bereits entziffert



Jinshiwen 金石文, Zusammensetzung von:
Jinwen 金文 Bronzeschrift
Shiguwen 石鼓文 Steinschrift / Steintrommelschrift
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Hauptschreibstil

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



Vereinigung der Schrift
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

Hauptarten der gedruckten
Stile heute
1)
2)
3)
4)
Prof. Dr. Zhu Xiaoxue
Jiaguwen 甲骨文
Zhuanshu 篆书 (Siegelschrift):
Da Zhuan 大篆(große Siegelschrift) / Xiao Zhuan 小篆 (kleine Siegelschrift)
Lishu 隶书 (Kanzleischrift / offizielle Schrift)
Kaishu 楷书 (Regelschrift)
Xingshu 行书 (Halbkursivschrift)
Caoshu 草书 (Grasschrift) / Kuangcao 狂草(Vollkursivschrift)
Beginn mit vereinigten Schrift unter dem ersten Kaiser Qin Shi Huangdi (秦始皇帝)
mit der chinesischen Reichseinigung ca. 200 v. Chr.
In der Qin-Dynastie: zuerst kleine Siegelschrift, dann auch Kanzleischrift
Ab Han-Dynastie: Kanzleischrift, Wasserscheide der Entwicklungsgeschichte
Später: Regelschrift
Songti 宋体
Kaiti 楷体
Fangsong 仿宋
Heiti 黑体
5) Lishu 隶书
①
汉语 ②汉语 ③汉语
汉语 ⑤汉语 ⑥汉语
④
6) Xingkai 行楷
Eigenschaft des klassischen
Chinesischen der Antike
古汉语/古文/文言文

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

„Literatursprache“, Sprache der klassischen Literatur
ein Zeichen = eine Silbe = ein Wort = ein Morphem
keine Interpunktionen
starke Homophonie
Bewegung der
Durchsetzung der
Umgangssprache
 „Umgangssprache“
 ein- oder mehrsilbige Morpheme / Wörter
 mit Interpunktionen (erst am Anfang letzten Jahrhunderts)
Möglichkeit des Verstehens der gesprochenen Sprache durch Kontext:
 Satzkontext / Kontext der Phrase (Wortgruppe)
 Komposita: Verdopplung, zwei synonyme oder anonyme Zeichen, mit Zusätzlichen
Zeichen
 Zahlwort / Zähl(einheits)wort (Artbestimmer)
 Nachfrage: Wie wird es geschrieben? z. B. bei Namen
Schriftreform in der
Volksrepublik China 1955


Eigenschaft des modernen
Chinesischen
现代汉语/白话文
Verlauf die Schreibrichtung von links nach rechts (statt von oben nach unten)
starke Vereinfachung der am meisten gebrauchten Schriftzeichen
 Übernahme der Schreibungen, die schon bei handschriftlich verfassten Texten
verwendet wurden: 龙 für 龍 (long, Drache)
 Verbindung von Punkten zu Linien (馬 ma, Pferd, wurde zu 马),
 Weglassen von Strichen bzw. Punkten (爲 bzw. 為 wei, tun, wurde zu 为)
 Zusammenfassen von zwei oder drei Langzeichen zu einem Kurzzeichen (復
und 複 fù wurden zu dem vereinfachten Zeichen 复 zusammengefasst).
 Vereinfachung der Radikale
Parallel zu den reformierten Kurzzeichen werden die traditionellen Langzeichen jedoch bis
heute teilweise verwendet, auch in Taiwan, Hongkong und Macao und bei
Überseechinesen, die vor 1949 nach Ausland übersiedelt sind.
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Einführung der Umschrift
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
Wade-Giles-System(19.Jh.)
In der Zeit der Republik China: Zhuyin 注音 / BoPoMoFo ㄅㄆㄇㄈ
Pinyin-System 汉语拼音 aus 50er Jahren in China
Zeichensatz in
Wörterbüchern


Han-Dynastie, Xu Shen《说文解字》9353, Han-Zeichen
Süd-Dynastie, Gu Yewang 顾野王《玉篇》angeblich 16917 Zeichen, darauf
aufgebautes《大广益会玉篇》angeblich 22726 Zeichen
Dann in Song-Dynastie, ein staatlich verfasstes《类篇》31319 Zeichen;das andere
staatlich verfasst《集韵》53525 Zeichen.
das Zeichenbuch von Kangxi (Kanxi zidian《康熙字典》) aus 1716, ca. 50000 (47035)
Zeichen
Hanyu da Zidian / das große chinesische Zeichenbuch《汉语大字典》 (1986-1989)
enthält 54678 Zeichen.
Zhonghua Zihai《中华字海》hat 85000 Zeichen gesammelt.
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Nachschlag-Methode
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
das älteste Wörterbuch
aus dem Jahr 121 n. Chr.
Zidian 字典 (Zeichenbuch),
Cidain 词典 (Wörterbuch)
Zeichensatz in
Computer-Datenbank
wenn man das Wort nicht aussprechen kann: Zuerst Radikale 部首(Bushou) nach
Strichzahl suchen, dann Strichzahl ohne Radikale,
wenn man das Wort aussprechen kann: Nach Pinyin,
Xu Shen 许慎(58-147 n. Chr.): Shuo Wen Jie Zi《说文解字》(Erklärung der einfachen
Zeichen und Erläuterung der zusammengesetzten Zeichen)
 Das erste etymologische Wörterbuch / Zeichenbuch, 9353 Zeichen, geordnet nach
einem System von Elementarzeichen, den sog. Radikalen,
 damals 512 Radikale, heute 214 bis 227 Klassenzeichen bzw. Radikale verwendet
 sechs Kategorien der Zeichen (liùshū 六书/六書) für die Zuordnung der Zeichen,
nicht aber für die neue Bildung der Zeichen
 vier Prinzipien der Zeichenbildung (1-4): 象形、指事、会意、形声,
 zwei Methoden der Zeichenanwendung (5-6): 转注、假借
1. 象形 (Xiàngxíng, dt. Bildzeichen) – Piktogramme, die das Bezeichnete
entsprechend der Erscheinungsform wiedergeben (z. B.山 für Berg).
2. 指事 (Zhǐshì, dt. auf Tatbestände deuten) – Symbole, Ideogramme. (z. B.上 für
oben)
3. 会意/會意 (Huìyì, dt. Vereinigung der Bedeutungen) – Zeichen, die aus zwei
oder mehr Zeichen mit verschiedenen Bedeutungen zusammengesetzt sind und
deren Inhalt mit dem neuen Gesamtinhalt zusammenhängt.
4. 形声/形聲 (Xíngshēng, dt. Form und Ton) – Zeichen, die aus einem laut- und
einem bedeutungsandeutenden Zeichen zusammengesetzt sind (Phonogramme).
Ein Beispiel dafür ist das Zeichen 媽 (mā, Mutter). Die rechte Komponente 馬
(mǎ, Pferd) gibt die Aussprache an, während die linke Komponente 女 (nü,
Frau) den Hinweis auf die Bedeutung gibt. Die bedeutungstragende Komponente
ist oft auch das Radikal, nach dem die Zeichen in Wörterbüchern angeordnet
werden.
5. 转注/轉注 (Zhuǎnzhù, dt. wenden und gießen) – Synonyme.
6. 假借 (Jiǎjiè, dt. unter falschem Namen) – Zeichen, die wegen gleichen Lauts für
eine andere Bedeutung verwendet werden.
Etwa 90% Prozent aller chinesischen Schriftzeichen fallen als Phonogramme in die
Gruppe 4 (形聲 Xingsheng).
Datenbank im Computer
 GB 2312 hat 6763 chinesische Kurzzeichen, 1981
 GBK hat 20912 chinesische Zeichen in Form von Kurzzeichen, Langzeichen bzw. in
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Eingabe-Verfaren mit dem
Tastatur:
Prof. Dr. Zhu Xiaoxue

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Japanisch und Koreanisch
GB 18030 enthält 27533 chinesische Kurzzeichen.
CJK von Unicode enthält 20902 chinesische Zeichen, plus 2 zusätzliche
Erweiterungszonen, hat insgesamt mehr als 70000 Zeichen in der Datenbank.


Pinyin
Fünfstrich-Methode usw.
Struktur der Sprache
Aussprache /
Phonetik

Das gesprochne Hochchinesisch besteht aus 22 Anlauten, 38 Auslauten und rund 400
Silben.
 Die Silben werden aus der Zusammensetzung von optionaler Anlaut + Vokal + optionaler
nasaler Auslaut gebildet.
 Mit Hilfe von vier Haupttönen und einem „leichten“ (neutralen) Ton werden dann über
1300 Silben gebildet.
Jedes Schriftzeichen entspricht einer Silbe. Eine Silbe entspricht aber einem oder mehreren,
manchmal sogar Dutzenden bis über hundert Schriftzeichen, die wiederum jeweils ihre oft
noch differenzierteren Bedeutungen haben.

Zu lernende
Mengen der Zeichen
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Zeichen-Ebene



In der Schule (innerhalb von 6 – 9 Jahren) lernen die Schüler die am häufigsten
verwendeten Schriftzeichen im modernen Chinesisch. Das beträgt etwa 2000 bis 3000.
1000 am häufigsten verwendeten Schriftzeichen decken 92% der schriftlichen Befunde,
2000 Schriftzeichen dann 98%, mit 3000 Zeichen kann man bereits 99% der Schriften
lesen.
Viele Zeichen muss man in Leben und Arbeit weiter lernen.
Die Zeichen-Ebene ist eine Stufe zwischen Buchstaben und Wörtern in westlicher
Sprache.
Die Strichzahl und Strichfolge von Zeichen sind ziemlich fest.
Man muss Radikale kennen, sich Striche merken, Strichbezeichnungen in richtige
Strichfolge aufzählen können
Grundregeln: erst Heng dann Shu, erst Pie dann Na, von oben nach unten, von links nach
rechts, von Außen nach Innen, außen-innen-zumachen, erst Mitte dann beide Seiten.
先横后竖,先撇后捺,从上到下,从左到右,先外后内,先外后内再封口,先中间
后两边。
Grammatik
Das erste grammatische Buch für Chinesisch
Ma Shi Wen Tong《马氏文通》von Ma Jianzhong, Ende des 19. Jh.
Wortarten



analytischer
Sprachbau


Klassifizierung der Wortarten nach Bedeutung, Funktion im Satz und nach den
strukturalistischen Distributionsregeln
Inhaltswörter: Substantive, Adjektive, und Verben bzw. Pronomen; Zahlwörter,
Zählwörter
Inhaltslose Wörter / Funktionswortarten: Adverbien, Präpositionen, Hilfswörter,
Interjektionen
nach Humboldt und Schlegel:
die grammatische Funktion eines Begriffes wird durch unabhängige Einzelwörter deutlich
gemacht.
Gegensatz: synthetische und polysynthetische Sprachen
Alle meine Freunde wollen Eier essen.
wo
de
péngyou men dou yào
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chi dàn.
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Ich possessiv Freund Plural alle wollen essen Ei.
Isolierende Sprache
Die einzelnen Worte stehen als isolierte Einheiten nebeneinander und werden nicht verändert
(z. B. durch Deklination oder Konjugation). Grammatische Merkmale wie Anzahl, Fall oder
Zeit werden durch hinzugefügte kennzeichnende Worte ausgedrückt, wo es nötig ist. Ist der
Gebrauch dagegen aus dem Kontext eindeutig, entfällt die Kennzeichnung gewöhnlich.

Charakterisierung
im Vergleich zu
westlichen Sprachen



Strukturelle
Besonderheiten


Die Verben haben kein Tempus und keinen Modus. Die Substantive und Adjektive haben
keinen Kasus. Die Adjektive und die Adverbien haben keine Steigerungsformen. In der
Schriftsprache gibt es keine Unterscheidung von Groß- und Kleinschreiben. Sowohl in
der paradigmatischen als auch in der syntaktischen Hinsicht bietet Chinesische fast keine
formale „morphologische“ Hinweise als Hilfe für die Sprachforschung.
Unterscheidung der Wortarten in der Schulgrammatik, aber große Probleme bei der
Zuordnung einzelner Wörter zu den Wortarten – Folge: in den meisten Wörterbüchern
fehlen die Angaben der Wortarten für einzelne Wörter teilweise oder völlig.
In der Schrift werden einzelne viereckige Schriftzeichen, die jeweils ein Wort oder ein
Teil des Wortes sein können, zusammengesetzt. Es fehlt daher sogar eine optische
Trennung einzelner Wörter.
Die Anordnung im Wörterbuch erfolgt deshalb meistens nicht nach Wörtern, sonder nach
Zeichen.
Gleiche Bauprinzipien auf der Wortebene, Phrasenebene und Satzebene
Grundkonstruktionen:
 Subjekt-Prädikat-Konstruktion (我吃)
 Verb-Objekt-Konstruktion (吃饭)
 Verb-Komplement-Konstruktion (吃得不错)
 Subordinieungskonstruktion (Attribut + Verb, Adverb + Verb) (快走)
 Koordinierungskonstruktion (我你他)
 Präpositionele Konstruktion (在家)
 Zahlwort-Zählwort-Konstruktion (一个人)
Funktion der chinesischen Schrift
Synchronisch
Chinesische Schriftzeichen
 ermöglichte die Kommunikation zwischen verschiedenen chinesischen
Sprachgemeinschaften miteinander
Diachronisch

ermöglichte die Überlieferung der Literatur und Kultur trotz starken Veränderungen der
gesprochenen Sprache ohne Übersetzung
insgesamt

ermöglichte eine relative Geschlossenheit des chinesischen Kulturraums
Kulturkreis der
chinesischen Zeichen
汉字文化圈

In Japan, Korea und Vietnam gab es eine historische Phase, wo man kein Chinesisch
gesprochen, aber nur auf Chinesisch geschrieben hat.
Einführung der chinesischen Schriftzeichen über Korea nach Japan war im 3. Jh. N. Chr.
Nach Vietnam im 1. Jh. n. Chr.

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