»Der Tod ist ein wunderschönes Erlebnis« Ein Fernsehteam zu Besuch bei der schwer erkrankten Todesforscherin Elisabeth, VON -FRANZ ALT Millionen Menschen in aller Welt hat die Todesforscherin Elisabeth Kübler-Ross mit ihren Büchern die Angst vor, dem Sterben genommen. Die aus der Schweiz stammende, in den USA lebende Autorin hat als Ärztin viele, tausend Menschen beim Sterben begleitet. Sie hat dabei Beobachtungen gemacht, die sie für zutiefst beglückend hält. Bestätigt findet Sie ihre Erkenntnisse auch durch die Schilderungen sogenannter Nahtod-Erfahrungen klinisch gestorbener aber ins Leben zurück geholter Menschen. Ihr Fazit: Der Moment des Todes ist ein einmalig schönes Erlebnis. Im höheren Alter von mehreren Schlaganfällen heimgesucht, ging es Elisabeth Kübler-Ross in den letzten Jahren gesundheitlich nicht gut. Sie weiß: Der Tod steht vor der Tür. Haben diese Jahre ihre Einstellung zum Sterben negativ beeinflußt? Mit dem Fernsehjournalisten Franz Alt fragten sich das viele Menschen, die von den Schlaganfällen » Kübler-Ross « gehört hatten. Alt besuchte kurzerhand mit einem Fernsehteam in ihrem Haus in der Wüste von Arizona, Der so entstandene Film wurde am Anfang und in der Mitte ergänzt um Passagen aus einem 17 Jahre zuvor gefilmten lnterview mit der Todesforscherin, das Alt-Kollege Günther ROLLING geführt hatte, Das Ergebnis war am 26. August ‚98 in der Reihe »Querdenker« in 3sat zu sehen. Im Folgenden, leicht gekürzt, der gesprochene Text: GÜNTHER ROLLING: Fast alle Sprachen kennen den Begriff der Sterbensangst und der Todesangst. Ist das nicht doch ein Zeichen dafür daß dies eine ganz ursprüngliche, eine natürliche Angst ist, Die Angst vor dem Tod, vor dem Sterben? ELISABETH KÜBLER-Ross. Nein, nein, die alten Völker, die alten Indianer, die alten Eskimos, die alten Leute von Hawaii, die alten Aborigines in Australien, unsere alten Bauern in der Schweiz und in Deutschland, die haben ganz ruhig auf ihren Hof geschaut, auf ihr Land geschaut, wußten, daß sie das Leben wirklich gelebt haben, und die hatten keine Angst vor dem Sterben. Das ist erst eine künstliche Angst mit dem Fortschritt, den wir gemacht haben. Mit Technologie und Medizin, mit der Entfremdung in den Familien, mit der ganzen Abwesenheit von einem spirituellen, religiösen Glauben, das ist erst so schlimm geworden in den letzten 100 Jahren. Tiere und Menschen, die in Harmonie leben mit der Natur, erkennen innerlich, daß der Tod gar nichts D:\68616329.doc ist, das man fürchten muß. Daß der Tod nur ein Übergang ist in ein anderes Leben. MODERATION FRANZ ALT. Das waren Sätze der weltbekannten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, Sätze, die sie 1983 in einem Gespräch mit meinem inzwischen verstorbenen Kollegen Günther ROLLING sagte. Für diese »Querdenker«-Sendung habe ich Elisabeth Kübler-Ross im letzten Sommer selbst besucht. Die Schweizerin, die heute in Arizona in den USA lebt, hat für ihre Arbeit mit sterbenden Menschen 23 Ehrendoktortitel erhalten. Sie ist damit wahrscheinlich die wissenschaftlich am höchsten, am meisten ausgezeichnete Frau der Welt. Die Hospizbewegung in vielen Ländern, die Sterbebegleitung und unzählige Selbsthilfegruppen wurden von ihr initiiert. Ihr Buch »Interviews mit Sterbenden« wurde millionenfach in 20 Sprachen verbreitet. In den letzten Jahren hat die Sterbeforscherin selbst sechs Schlaganfälle erlitten, doch sie war noch einmal zu einem Fernsehgespräch bereit. Ich wollte wissen, wie sie im Angesicht ihres eigenen Todes zu ihren früheren Erkenntnissen über Tod und Sterben steht. Zum Einstieg zunächst noch einmal Elisabeth Kübler-Ross in einem früheren Gespräch mit Günther ROLLING: KÜBLER-ROSS: Der Tod ist ja nur ein Übergang in eine andere Form eines anderen Lebens. Auf eine andere Frequenz, eine andere Wellenlänge. ROLLING. und Sie sagen das so sicher, obwohl ... KÜBLER-ROSS: Hundertprozentig, ROLLING: ... wir eigentlich doch da keine Antworten geben können. Woher haben Sie Ihre Antworten? KÜBLER-ROSS: Doch. Das stimmt eben nicht. Wenn die Menschen nicht so verängstigt wären, könnten sie diese Antworten selber finden. Das kann man selber beweisen und erforschen, wenn man offen ist und nicht mit Vorurteilen darangeht. ROLLING Wir müssen vielleicht jetzt präzisieren und unterscheiden zwischen Sterben, also dem Übergang vom Leben zum Tod, und dem Tod also der Zeit danach. Die keine Zeit mehr ist. KÜBLER-ROSS: Ja, der Moment des Todes ist ein ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, das man erlebt ohne Angst, ohne Nöte, bei der vollen Erkenntnis, was ist, auch wenn man kein Bewußtsein mehr hat. Man löst sich von seinem körperlichen Körper, genau wie ein Schmetterling aus einem Kokon kommt. Man ist sich bewußt über den Körper, der im Bett liegt oder beim Autounfall auf der Straße. Man beobachtet es ganz objektiv. ohne Angst, ohne Schmerzen, ohne Heimweh. Man kann keine negativen Gefühle haben, und man merkt dann plötzlich, daß man wieder vollkommen ist. Das heißt Leute, die zum Beispiel ihre Finger verloren haben, bei einem Arbeitsunfall, merken, daß sie alle Finger haben. Ein Amputierter ist sich plötzlich bewußt, daß er seine Beine wieder hat. Ein Bettlägeriger oder jemand, der Multiple Sklerose hat, der in einem Rollstuhl jahrelang gelebt hat, sagt mir dann plötzlich: » Ja, Frau Dr. Ross, jetzt konnte ich wieder tanzen. « Jemand, der nicht hören konnte, kann hören, und ein Blinder kann sehen. Und das können sie verifizieren. ROLLING: Daß die Blinden sehen und daß die Lahmen gehen können, das hört sich biblisch an, aber Sie haben für diese Aussagen, Aussagen von Sterbenden, die man zurückgeholt hat, Beweise, also Aussagen, die, wie Sie meinen, wissenschaftlich verifizierbar wären. KÜBLER-ROSS: Ganz einfach, es kann jedermann beweisen, wenn er keine Angst hat vor der Wahrheit. Da nehmen Sie zum Beispiel Leute, die total blind sind, die nicht einmal Lichtempfindung haben, schwarz-weiß. Und die sterben, und dann bringt man die zurück über Reanimation. ROLLING: Es geht um klinisch Tote, die sie dann zurückholen mit medizinischen Mitteln. KÜBLER-ROSS: Ja. Dann fragen Sie, was die erlebt haben, und die sagen Ihnen in ganz klaren Details, wer ins Krankenzimmer kam oder an die Unfallstation. Die sagen Ihnen, welche Kleider Sie getragen haben, welche Farben diese Bluse hat, was für eine Kette oder ein Armband oder eine Uhr Sie tragen. Die sagen Ihnen die Farben von einem Pullover oder ein Design von einer Krawatte. Und das kann ja ein Blinder nicht sagen, der nichts sieht. Und der sagt Ihnen all diese Details, und das kann jedermann verifizieren, der das möchte. ROLLING. Und diese Farben und diese ganzen Dinge, die Sie eben berichtet haben, die konnte der Sterbende sehen, solange er klinisch tot war? D:\68616329.doc KÜBLER-ROSS: Wenn er aus seinem Körper ist, hat er ja alles. Er kann sehen und hören, wie Sie zum Beispiel im Traum sehen können, wenn Sie Ihre Augen geschlossen haben. ROLLING. Und wenn der Patient dann zurückgeholt worden ist vom Mediziner? KÜBLER-ROSS: Dann ist er wieder blind und ist natürlich wieder in seinem kranken Körper drin. ROLLING. Und das sind nun keine Geschichten, die man sich unter Medizinern oder Mystikern erzählt? KÜBLER-ROSS: Das hat man in Tausenden von Fällen verifiziert, und das habe ich selber verifiziert bei Aborigines in Australien, bei Eskimos, bei Juden, bei Katholiken, bei Atheisten, bei Protestanten, und das hat gar nichts zu tun mit ihrem religiösen Wissen oder Verstehen. Das ist einfach, das ist das Erlebnis des menschlichen Todes, wenn Sie aus ihrem Körper kommen. Dann haben Sie alles Wissen und Verständnis, dann hören Sie, dann sehen Sie, dann wissen Sie auch, was das Leben ist, und dann kommt eine Revue Ihres Lebens, ein ganz kurze Revue, in der Sie alle Momente Ihres Lebens noch einmal erleben. Und vielleicht das Wichtigste, was die Menschen wissen müssen, ist, daß man nicht allein sterben kann. Da könnten Sie zum Beispiel einen Mann in einer Rakete auf den Mond schicken, und der verpaßt seine Richtung und fährt im Weltall herum, bis er alleine in seiner Rakete stirbt. Dann wird er immer, immer erwartet von den Menschen, die er geliebt hat, die vor ihm gestorben sind. ROLLING: Jetzt sind Sie aber einen Schritt weiter gegangen. Wir haben bisher von wissenschaftlich verifizierbaren Berichten gesprochen, die klinisch Tote, die vom Arzt zurückgeholt wurden, Ihnen und vielen andern Ärzten und Wissenschaftlern gegeben haben. Aber jetzt haben Sie eine Grenze überschritten, nämlich die Grenze zwischen klinisch tot, die noch nicht endgültig tot ist, und den Toten, die nicht mehr zurückgeholt werden können. KÜBLER-ROSS: Auch die Toten, die man wieder zurückholt, können Ihnen das ganz ruhig verifizieren. Das habe ich zum Beispiel verifiziert, wenn ich bei sterbenden Kindern sitze. Wie nach so einem Wochenende, wie in der Schweiz der 1. August, in Amerika ist es der 4. Juli. An diesen langen Wochenenden, wo Familien dann mit einem Auto cam- pen gehen oder an einen See fahren. Und dann gibt es einen großen Familienautounfall, wo vielleicht zwei, drei Personen der Familie an der Unfallstelle sterben und vielleicht zwei Kinder noch am Leben sind, aber schwer verletzt. Die kommen ins Krankenhaus, dann setz‘ ich mich in der Intensivstation zu diesen Kindern und ganz kurz, bevor die sterben werden, werden sie ganz, ganz ruhig. Und irgendwie verklärt. Und dann frage ich, ob sie mir mitteilen können, was sie erlebt haben. Und dann sind die ganz ruhig, ganz kurz vor dem Tod. Und dann sagen alle diese Kinder, auf ihre eigene Sprache natürlich: »Jetzt ist alles in Ordnung, meine Mami und der Peter warten schon auf mich. « Und ich weiß, daß die Mutti gestorben ist an der Unfallstation, aber der Peter, der Bruder, wurde einfach in ein anderes Krankenhaus eingeliefert. Und dann akzeptiere ich, was dieses kleine Mädchen mir erzählt, und dann gehe ich ans Telefon, und dann rufen die mich gerade an vom anderen Krankenhaus und sagen: » Ich wollte Ihnen nur sagen, daß der Peter vor zehn Minuten gestorben ist. « In zehn Jahren mit dieser Forschungsarbeit hat mir noch kein einziges kleines Kind einen falschen Namen genannt. Die nennen Ihnen nur Leute, die schon vor ihnen gestorben sind. Manchmal nur fünf oder zehn Minuten. Das kann ja nicht ein Zufall sein, daß 1:000 Kinder im Moment des Todes schon wissen, wer auf sie wartet, und das sind Kinder, die man nicht informiert hat, wer an der Unfallstelle gestorben ist, weil sie ja selber so kritisch verletzt waren. Wir haben über ein Jahrzehnt Forschungsarbeiten gemacht auf diesem Gebiet, und ich kann nur ganz einfach in einem Satz sagen: Für mich ist das nicht eine Sache des Glaubens, sondern eine Sache des Wissens. ROLLING: Hat Dr Elisabeth Kübler-Ross Angst vor ihrem Sterben, vor ihrem eigenen Tod? KÜBLER-ROSS: Nein, gar nicht. Ich freue mich darauf: MODERATION ALT: Ob sich an dieser Einstellung zum Thema Tod und zum Thema Sterben inzwischen etwas geändert hat, wollte ich 17jahre nach diesem Gespräch von Frau Kübler Ross jetzt wissen. Der »Spiegel« hat voriges Jahr eine Reportage über sie gebracht und gemeint, im Angesicht ihres eigenen Sterbens erweisen sich ihre Thesen als Kitsch. Das wollte ich genauer wissen, habe also Frau Kübler-Ross in ihrem großen Haus in der Wüste von Arizona besucht und eine gewaltige Überraschung erlebt. EKR, wie sie immer von D:\68616329.doc Freunden und Verehrern genannt wurde, liegt in einem große dunklen Wohnzimmer voller Blumen von Freunden aus der ganzen Welt, so liegt sie in ihrem Stuhl, sieht fern, telefoniert oft und beobachtet die Vögel. Eine mexikanische Frau hilft ihr im Haushalt. Besonders aber hat ihr ein junger Mann namens Josef, ein indianischer Geistheiler, geholfen. ALT: Frau Kübler-Ross, nach mehreren Schlaganfällen und beinahe drei Jahren Bewegungslosigkeit, hier draußen in der Wüste. Wie fühlen Sie sich heute? KÜBLER-ROSS: Jetzt fühle ich mich super. Weil ich vor einem Jahr einen Helfer gefunden habe, Der hat mir sehr viel geholfen. Ich war total gelähmt auf der linken Seite und hatte wahnsinnige Schmerzen, Tag und Nacht, und dann kam er und hat mir geholfen und kommt jetzt einmal pro Woche und arbeitet so drei, vier Stunden lang mit mir, und es geht mir immer besser. ALT: Sie haben in mehreren Jahrzehnten auf der ganzen Welt immer wieder über Tod und Sterben gesprochen. Von der Phase des totalen Ablehnens über Wut und Haß bis zum Annehmen. Haben Sie in den letzten Jahren während Ihrer Krankheit solche Etappen selber durchgemacht? KÜBLER-ROSS: Durch die Wut bin ich lange gegangen, zwei Jahre lang. Ich habe gefunden, das ist furchtbar ungerecht, daß ich so vielen Leuten geholfen habe, und jetzt geht es mir selbst miserabel, wenn ich endlich mal in den Ruhestand gehen kann. Ich hab‘ doch gehofft, in Arizona kann ich die Indianer besuchen, meine Lieblingsmenschen, und kann ein bißchen privat herumreisen und etwas tun, im Garten arbeiten. Nichts, man ist gelähmt und hat Schmerzen Tag und Nacht. Dann hab ich dem da oben alle Schande gesagt. Aber es hat natürlich nichts genützt. ALT: Und in welcher Phase sind Sie jetzt, in der Phase des Annehmens? KÜBLER-KÜBLER-ROSS: Ja, ja, schon lange. Nur habe ich keine Geduld, und 18 Stunden im Rollstuhl zu sitzen ist mir zu langweilig. ALT.. Sie sind früher im Jahr bis zu 400 000 Kilometer in der Welt herumgedüst. Fällt es Ihnen sehr schwer jetzt einfach hier ruhig zu liegen, hier draußen in der Wüste. KÜBLER-ROSS: Ja, ruhig zu sein fällt mir immer schwer. Wenn‚ man nichts mehr machen kann, nicht reisen kann, keine Patienten besuchen kann. Das fällt mir schwer, das ist nicht mein Ding. ALT: Daß Tausende von Menschen auf der ganzen Welt Anteil nehmen an Ihrem Schicksal, an Ihrer Krankheit. das tröstet Sie? KÜBLER-ROSS. Nein, das hilft nichts, wenn man sich nicht bewegen und überhaupt nichts unternehmen kann. Es ist schon nett zu wissen, daß man etwas gemacht hat mit seinem Leben. Dafür bin ich dankbar und froh, aber ich möchte jetzt noch etwas tun, ich möchte den Dalai Lama sehen, ich möchte Tibet besuchen, ich möchte nach Peru gehen. ALT: Frau Kübler-Ross, nachdem Sie selbst dem Tod nahe gekommen sind, bleiben Sie dabei, daß der Tod ein wunderschönes Erlebnis sei? KÜBLER-ROSS: Ja, wenn man sterben könnte. Aber wenn man nur steckt zwischen dem Leben und dem Sterben und nichts mehr machen kann, das ist nicht das Sterben, das ist eine elende Existenz. ALT: Glauben Sie denn, daß Sie vielleicht selber noch unerledigte Geschäfte haben? Sie haben ja oft gesagt, wenn man unerledigte Geschäfte hat, kann man noch nicht sterben. KÜBLER-ROSS: Ich weiß schon, was Sie von mir wollen. Aber ich möchte dazu öffentlich nichts sagen. Man sollte in sich selbst hineingehen, aber meditieren ist auch nicht mein Ding. ALT: Vielleicht müssen Sie das noch lernen. Vielleicht können Sie deshalb nicht sterben, oder? KÜBLER-ROSS: ja, das sollte ich lernen, aber das ist gar nicht mein Geschmack. ALT: Wenn man sagt, das Sterben ist ein schönes Erlebnis, ist das eine Glaubensfrage, oder wissen Sie das? KÜBLER-Ross. Nein, das weiß ich. ALT: Inwiefern? KÜBLER-ROSS: Es gibt dafür keine Worte. Wenn man den Körper mal verläßt, dann kommt man in eine Phase, wo es nur noch bedingungslose Liebe gibt, und die Menschen kennen das überhaupt nicht, die wissen nicht, was Liebe ist. Und wenn man mal dort bleiben kann, nicht wieder zurückkommen muß, ist es wunderbar, und dann kann man, überall hingehen, man hat keine Begrenzungen. Es gibt keine Zeit, man ist nicht mehr ungeduldig. ALT: Woher wissen Sie das, was Sie uns jetzt gesagt haben? KÜBLER- ROSS. Weil ich dort schon war, schon mehr als einmal. ALT: Das waren Nah-Tod-Erlebnisse? KÜBLER-ROSS. Nur mußte ich immer wieder zurückkommen. ALT.-. Das waren Nah-Tod-Erlebnisse? KÜBLER-ROSS. Ja. ALT: Inzwischen haben wir ja solche Zeugnisse aus der ganzen Welt, und die Menschen haben alle etwas Ähnliches erlebt. Und beschreiben meistens, daß es schön ist. Sind Sie nach wie vor der Meinung, daß man das Leben nicht künstlich verlängern sollte? KÜBLER-ROSS: Hundertprozentig, hundertprozentig. ALT: Warum? KÜBLER-ROSS: Man soll das Leben nicht verkürzen und nicht verlängern. Es gibt einen richtigen Moment für jede Person, wenn es Zeit ist zum Sterben, sonst wäre ich vor drei Jahren schon gestorben, wenn es auf mich ankäme, aber leider ist da noch ein größerer Chef, der etwas zu sagen hat. Mit dem hab ich schon diskutiert, wie schlimm es für mich ist, ich hab ihm alle Namen genannt, aber die lachen nur, die sagen: »ja, wir wissen schon, wenn es Zeit ist. « KÜBLER-ROSS: Ganz, ganz bestimmt. Wenn man selber das erlebt hat, dann kann einem niemand das ausreden. ALT. Da ist noch was? ALT. Was haben Sie da erlebt. Können Sie das beschreiben? ALT: Und das wollen Sie nicht öffentlich sagen? D:\68616329.doc KUBLER-ROSS: ja,- ja. KÜBLER-ROSS: Ja, Geduld lernen und in sich hineinhören. KÜBLER-ROSS: Die meisten, nicht alle, aber die meisten Leute, verändern sich grundsätzlich. Sie wechseln alle ihre Werte. AL: Ja, man muß ganz werden. Ganzheitlich. ALT: Ihre Werte? KÜBLER-ROSS: Ja, und zwar emotionell und mental. ALT: Waren Sie in den letzten Jahren mal selbst in einer Situation, wo Sie selber Schluß machen wollten? KÜBLER-ROSS: Ich war nahe daran, das zu machen, aber ich weiß, daß ich dann wieder zurückkommen müßte, und ich will nicht mehr zurückkommen. Ich habe genug bis hier oben. Jetzt will ich nach Hause gehen, nach Hause da oben! ALT: Warum haben eigentlich viele Ärzte selber so viel Angst vor dem Tod und vor dem Sterben? KÜBLER-ROSS. Weil man die so erzieht, daß ihr Ziel sein soll, Sie gesund zu machen, und wenn man Sie nicht gesund machen kann, sollen sie zumindest Ihr Leben verlängern. Und wenn sie das nicht können, sind sie Versager. KÜBLER-ROSS: Ihre Werte sind nicht mehr so materiell, nicht mehr so streitsüchtig, sie sind einfach andere Menschen. Die haben eine ganz andere Wertsetzung über das Leben und was wichtig ist im Leben. Viele wechseln ihren Beruf Man wird viel spiritueller. Nicht religiös unbedingt, aber spirituell. ALT: Sind solche Erfahrungen nicht so etwas wie die alte Lehre, die alte christliche Lehre vom Weiterleben nach dem Tod? KÜBLER-ROSS: Ja, das ist sowieso eine Tatsache. Nur glauben das viele Leute nicht, aber wenn sie es selbst erlebt haben, dann wissen sie es eben. Und es ist ein großer Unterschied zwischen etwas glauben und etwas wissen. Die wissen es dann eben, die müssen nichts mehr beweisen. ALT. Würden Sie im Rückblick sagen, daß Sie ein schönes, ein erfülltes Leben hatten? ALT.. Für die ist der Tod immer eine Katastrophe? KÜBLIER-ROSS: Ja. KÜBLER-ROSS: Ein Feind. Weil die nicht wissen, daß das Sterben das schönste Erlebnis ist. ALT: Hat Ihnen was gefehlt? ALT: Sie haben selbst viel über Nah-Tod-Erlebnisse geschrieben. Sie haben gesagt, Sie hatten selbst welche gehabt, könnten Sie das noch mal ein bißchen vertiefen, das interessiert viele Menschen. KÜBLER-ROSS: Ja. Richtig bedingungslose Liebe hat mir schon gefehlt, aber es fehlt allen Leuten, das kennen die Leute nicht. ALT: Woran lag das, daß Ihnen das gefehlt hat? KÜBLER-ROSS: Wenn Sie mit Sterbenden arbeiten, dann sehen Sie am Schluß, daß sie mit jemandem sprechen oder ein Gespräch führen oder jemanden sehen. Dann sage ich immer: »Wer wartet denn auf Sie? « Und dann sagen sie: »Luise«, und ich frage: »Luise, wer ist das?« und die sagen nicht, wer das ist. Und dann frage ich die Verwandten, wer ist denn die Luise? Ja, das war die Mutter oder die Tante oder die Großmutter oder so. Und die sehen alle Leute, die sie lange gekannt haben und mit denen ein gutes Verhältnis war, und die warten dann auf sie. Kein Mensch stirbt allein. Man sieht immer jemanden, der auf einen wartet. Mit dem sprechen die schon, bevor sie klinisch tot sind. KÜBLER-ROSS: Weil die Menschen nicht wissen, was bedingungslose Liebe ist. ALT: Solche Nah-Tod-Erlebnisse, was bewirken die denn dann in ihrem weiteren Leben? FILMTEXT: Schmetterlinge sind für die Sterbeforscherin Symbole der Transformation, des Übergangs vom Leben zu einem andern Leben. Nach D:\68616329.doc ALT: Und woran lag es bei Ihnen? KÜBLER-ROSS: Ja, wenn Sie nicht mit Menschen zusammen sind, die das erlebt haben, die so erzogen worden sind, sind Sie eben abhängig von dieser Umgebung. ALT: Was würden Sie denn grundsätzlich anders machen, wenn Sie es noch mal könnten? KÜBLER-ROSS: Nichts. 1945 hatte Elisabeth Kübler-Ross in mehreren KZs viele Schmetterlinge gesehen, welche die Häftlinge vor ihrem Tod in Mauern geritzt hatten. Symbole der Verwandlung. Die Schweizerin hat jahrzehntelang in Großstädten der USA als Ärztin und Sterbeforscherin gearbeitet jetzt, mit 72-Jahren, bevorzugt sie die Einsamkeit und Schönheit der Wüste. ALT: Sie haben jetzt ein Leben lang wissenschaftlich über das Sterben und über den Tod geforscht und gearbeitet. Was ist denn nun der Tod? KÜBLER-ROSS: Der Tod ist ein Übergang von diesem irdischen Leben auf eine andere Wellen- Aus Publik-Forum Nr. 22 1998 S.49-53 D:\68616329.doc länge, auf eine andere Ebene. Und je nachdem, wieviel Sie gearbeitet haben in ihren vielen Leben, kommen Sie auf eine höhere Stufe oder auf eine niedere Stufe. Das hängt nur von Ihnen ab, nicht von irgendjemand anderem. Filmtext. Viele Bücher dokumentieren den eigenen Weg der Sterbeforscherin. Umstritten sind ihre spirituellen Aussagen und Erfahrungen, die sie in ihrer Autobiographie »Das Rad des Lebens« ausführlich beschreibt. Ein spannendes Buch. Die Autobiographie einer mutigen, lebensfrohen Frau. Das Buch einer Querlenkerin. Publik-Forum - 1998 - NR. 22