Der Tod ist ein wunderschönes Erlebnis - RPI

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»Der Tod ist ein wunderschönes Erlebnis«
Ein Fernsehteam zu Besuch bei der schwer erkrankten Todesforscherin Elisabeth, VON -FRANZ
ALT
Millionen Menschen in aller Welt hat die Todesforscherin Elisabeth Kübler-Ross mit ihren Büchern
die Angst vor, dem Sterben genommen. Die aus der
Schweiz stammende, in den USA lebende Autorin
hat als Ärztin viele, tausend Menschen beim Sterben begleitet. Sie hat dabei Beobachtungen gemacht, die sie für zutiefst beglückend hält. Bestätigt
findet Sie ihre Erkenntnisse auch durch die Schilderungen sogenannter Nahtod-Erfahrungen klinisch
gestorbener aber ins Leben zurück geholter Menschen. Ihr Fazit: Der Moment des Todes ist ein
einmalig schönes Erlebnis. Im höheren Alter von
mehreren Schlaganfällen heimgesucht, ging es Elisabeth Kübler-Ross in den letzten Jahren gesundheitlich nicht gut. Sie weiß: Der Tod steht vor der
Tür. Haben diese Jahre ihre Einstellung zum Sterben negativ beeinflußt? Mit dem Fernsehjournalisten Franz Alt fragten sich das viele Menschen, die
von den Schlaganfällen » Kübler-Ross « gehört
hatten. Alt besuchte kurzerhand mit einem Fernsehteam in ihrem Haus in der Wüste von Arizona,
Der so entstandene Film wurde am Anfang und in
der Mitte ergänzt um Passagen aus einem 17 Jahre
zuvor gefilmten lnterview mit der Todesforscherin,
das Alt-Kollege Günther ROLLING geführt hatte,
Das Ergebnis war am 26. August ‚98 in der Reihe
»Querdenker« in 3sat zu sehen. Im Folgenden,
leicht gekürzt, der gesprochene Text:
GÜNTHER ROLLING: Fast alle Sprachen kennen
den Begriff der Sterbensangst und der Todesangst.
Ist das nicht doch ein Zeichen dafür daß dies eine
ganz ursprüngliche, eine natürliche Angst ist, Die
Angst vor dem Tod, vor dem Sterben?
ELISABETH KÜBLER-Ross. Nein, nein, die alten
Völker, die alten Indianer, die alten Eskimos, die
alten Leute von Hawaii, die alten Aborigines in
Australien, unsere alten Bauern in der Schweiz und
in Deutschland, die haben ganz ruhig auf ihren Hof
geschaut, auf ihr Land geschaut, wußten, daß sie das
Leben wirklich gelebt haben, und die hatten keine
Angst vor dem Sterben. Das ist erst eine künstliche
Angst mit dem Fortschritt, den wir gemacht haben.
Mit Technologie und Medizin, mit der Entfremdung
in den Familien, mit der ganzen Abwesenheit von
einem spirituellen, religiösen Glauben, das ist erst
so schlimm geworden in den letzten 100 Jahren.
Tiere und Menschen, die in Harmonie leben mit der
Natur, erkennen innerlich, daß der Tod gar nichts
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ist, das man fürchten muß. Daß der Tod nur ein
Übergang ist in ein anderes Leben.
MODERATION FRANZ ALT. Das waren Sätze
der weltbekannten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, Sätze, die sie 1983 in einem Gespräch mit
meinem inzwischen verstorbenen Kollegen Günther
ROLLING sagte. Für diese »Querdenker«-Sendung
habe ich Elisabeth Kübler-Ross im letzten Sommer
selbst besucht. Die Schweizerin, die heute in Arizona in den USA lebt, hat für ihre Arbeit mit sterbenden Menschen 23 Ehrendoktortitel erhalten. Sie
ist damit wahrscheinlich die wissenschaftlich am
höchsten, am meisten ausgezeichnete Frau der Welt.
Die Hospizbewegung in vielen Ländern, die Sterbebegleitung und unzählige Selbsthilfegruppen wurden von ihr initiiert. Ihr Buch »Interviews mit Sterbenden« wurde millionenfach in 20 Sprachen verbreitet. In den letzten Jahren hat die Sterbeforscherin selbst sechs Schlaganfälle erlitten, doch sie war
noch einmal zu einem Fernsehgespräch bereit. Ich
wollte wissen, wie sie im Angesicht ihres eigenen
Todes zu ihren früheren Erkenntnissen über Tod
und Sterben steht. Zum Einstieg zunächst noch
einmal Elisabeth Kübler-Ross in einem früheren
Gespräch mit Günther ROLLING:
KÜBLER-ROSS: Der Tod ist ja nur ein Übergang
in eine andere Form eines anderen Lebens. Auf eine
andere Frequenz, eine andere Wellenlänge.
ROLLING. und Sie sagen das so sicher, obwohl ...
KÜBLER-ROSS: Hundertprozentig,
ROLLING: ... wir eigentlich doch da keine Antworten geben können. Woher haben Sie Ihre Antworten?
KÜBLER-ROSS: Doch. Das stimmt eben nicht.
Wenn die Menschen nicht so verängstigt wären,
könnten sie diese Antworten selber finden. Das
kann man selber beweisen und erforschen, wenn
man offen ist und nicht mit Vorurteilen darangeht.
ROLLING Wir müssen vielleicht jetzt präzisieren
und unterscheiden zwischen Sterben, also dem
Übergang vom Leben zum Tod, und dem Tod also
der Zeit danach. Die keine Zeit mehr ist.
KÜBLER-ROSS: Ja, der Moment des Todes ist ein
ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, das
man erlebt ohne Angst, ohne Nöte, bei der vollen
Erkenntnis, was ist, auch wenn man kein Bewußtsein mehr hat. Man löst sich von seinem körperlichen Körper, genau wie ein Schmetterling aus einem Kokon kommt. Man ist sich bewußt über den
Körper, der im Bett liegt oder beim Autounfall auf
der Straße. Man beobachtet es ganz objektiv. ohne
Angst, ohne Schmerzen, ohne Heimweh. Man kann
keine negativen Gefühle haben, und man merkt
dann plötzlich, daß man wieder vollkommen ist.
Das heißt Leute, die zum Beispiel ihre Finger verloren haben, bei einem Arbeitsunfall, merken, daß sie
alle Finger haben. Ein Amputierter ist sich plötzlich
bewußt, daß er seine Beine wieder hat. Ein Bettlägeriger oder jemand, der Multiple Sklerose hat, der
in einem Rollstuhl jahrelang gelebt hat, sagt mir
dann plötzlich: » Ja, Frau Dr. Ross, jetzt konnte ich
wieder tanzen. « Jemand, der nicht hören konnte,
kann hören, und ein Blinder kann sehen. Und das
können sie verifizieren.
ROLLING: Daß die Blinden sehen und daß die
Lahmen gehen können, das hört sich biblisch an,
aber Sie haben für diese Aussagen, Aussagen von
Sterbenden, die man zurückgeholt hat, Beweise,
also Aussagen, die, wie Sie meinen, wissenschaftlich verifizierbar wären.
KÜBLER-ROSS: Ganz einfach, es kann jedermann
beweisen, wenn er keine Angst hat vor der Wahrheit. Da nehmen Sie zum Beispiel Leute, die total
blind sind, die nicht einmal Lichtempfindung haben,
schwarz-weiß. Und die sterben, und dann bringt
man die zurück über Reanimation.
ROLLING: Es geht um klinisch Tote, die sie dann
zurückholen mit medizinischen Mitteln.
KÜBLER-ROSS: Ja. Dann fragen Sie, was die
erlebt haben, und die sagen Ihnen in ganz klaren
Details, wer ins Krankenzimmer kam oder an die
Unfallstation. Die sagen Ihnen, welche Kleider Sie
getragen haben, welche Farben diese Bluse hat, was
für eine Kette oder ein Armband oder eine Uhr Sie
tragen. Die sagen Ihnen die Farben von einem Pullover oder ein Design von einer Krawatte. Und das
kann ja ein Blinder nicht sagen, der nichts sieht.
Und der sagt Ihnen all diese Details, und das kann
jedermann verifizieren, der das möchte.
ROLLING. Und diese Farben und diese ganzen
Dinge, die Sie eben berichtet haben, die konnte der
Sterbende sehen, solange er klinisch tot war?
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KÜBLER-ROSS: Wenn er aus seinem Körper ist,
hat er ja alles. Er kann sehen und hören, wie Sie
zum Beispiel im Traum sehen können, wenn Sie
Ihre Augen geschlossen haben.
ROLLING. Und wenn der Patient dann zurückgeholt worden ist vom Mediziner?
KÜBLER-ROSS: Dann ist er wieder blind und ist
natürlich wieder in seinem kranken Körper drin.
ROLLING. Und das sind nun keine Geschichten,
die man sich unter Medizinern oder Mystikern erzählt?
KÜBLER-ROSS: Das hat man in Tausenden von
Fällen verifiziert, und das habe ich selber verifiziert
bei Aborigines in Australien, bei Eskimos, bei Juden, bei Katholiken, bei Atheisten, bei Protestanten,
und das hat gar nichts zu tun mit ihrem religiösen
Wissen oder Verstehen. Das ist einfach, das ist das
Erlebnis des menschlichen Todes, wenn Sie aus
ihrem Körper kommen. Dann haben Sie alles Wissen und Verständnis, dann hören Sie, dann sehen
Sie, dann wissen Sie auch, was das Leben ist, und
dann kommt eine Revue Ihres Lebens, ein ganz
kurze Revue, in der Sie alle Momente Ihres Lebens
noch einmal erleben. Und vielleicht das Wichtigste,
was die Menschen wissen müssen, ist, daß man
nicht allein sterben kann. Da könnten Sie zum Beispiel einen Mann in einer Rakete auf den Mond
schicken, und der verpaßt seine Richtung und fährt
im Weltall herum, bis er alleine in seiner Rakete
stirbt. Dann wird er immer, immer erwartet von den
Menschen, die er geliebt hat, die vor ihm gestorben
sind.
ROLLING: Jetzt sind Sie aber einen Schritt weiter
gegangen. Wir haben bisher von wissenschaftlich
verifizierbaren Berichten gesprochen, die klinisch
Tote, die vom Arzt zurückgeholt wurden, Ihnen und
vielen andern Ärzten und Wissenschaftlern gegeben
haben. Aber jetzt haben Sie eine Grenze überschritten, nämlich die Grenze zwischen klinisch tot,
die noch nicht endgültig tot ist, und den Toten, die
nicht mehr zurückgeholt werden können.
KÜBLER-ROSS: Auch die Toten, die man wieder
zurückholt, können Ihnen das ganz ruhig verifizieren. Das habe ich zum Beispiel verifiziert, wenn ich
bei sterbenden Kindern sitze. Wie nach so einem
Wochenende, wie in der Schweiz der 1. August, in
Amerika ist es der 4. Juli. An diesen langen Wochenenden, wo Familien dann mit einem Auto cam-
pen gehen oder an einen See fahren. Und dann gibt
es einen großen Familienautounfall, wo vielleicht
zwei, drei Personen der Familie an der Unfallstelle
sterben und vielleicht zwei Kinder noch am Leben
sind, aber schwer verletzt. Die kommen ins Krankenhaus, dann setz‘ ich mich in der Intensivstation
zu diesen Kindern und ganz kurz, bevor die sterben
werden, werden sie ganz, ganz ruhig. Und irgendwie verklärt. Und dann frage ich, ob sie mir mitteilen können, was sie erlebt haben. Und dann sind die
ganz ruhig, ganz kurz vor dem Tod. Und dann sagen alle diese Kinder, auf ihre eigene Sprache natürlich: »Jetzt ist alles in Ordnung, meine Mami und
der Peter warten schon auf mich. « Und ich weiß,
daß die Mutti gestorben ist an der Unfallstation,
aber der Peter, der Bruder, wurde einfach in ein
anderes Krankenhaus eingeliefert. Und dann akzeptiere ich, was dieses kleine Mädchen mir erzählt,
und dann gehe ich ans Telefon, und dann rufen die
mich gerade an vom anderen Krankenhaus und
sagen: » Ich wollte Ihnen nur sagen, daß der Peter
vor zehn Minuten gestorben ist. « In zehn Jahren
mit dieser Forschungsarbeit hat mir noch kein einziges kleines Kind einen falschen Namen genannt.
Die nennen Ihnen nur Leute, die schon vor ihnen
gestorben sind. Manchmal nur fünf oder zehn Minuten. Das kann ja nicht ein Zufall sein, daß 1:000
Kinder im Moment des Todes schon wissen, wer
auf sie wartet, und das sind Kinder, die man nicht
informiert hat, wer an der Unfallstelle gestorben ist,
weil sie ja selber so kritisch verletzt waren. Wir
haben über ein Jahrzehnt Forschungsarbeiten gemacht auf diesem Gebiet, und ich kann nur ganz
einfach in einem Satz sagen: Für mich ist das nicht
eine Sache des Glaubens, sondern eine Sache des
Wissens.
ROLLING: Hat Dr Elisabeth Kübler-Ross Angst
vor ihrem Sterben, vor ihrem eigenen Tod?
KÜBLER-ROSS: Nein, gar nicht. Ich freue mich
darauf:
MODERATION ALT: Ob sich an dieser Einstellung zum Thema Tod und zum Thema Sterben
inzwischen etwas geändert hat, wollte ich 17jahre
nach diesem Gespräch von Frau Kübler Ross jetzt
wissen. Der »Spiegel« hat voriges Jahr eine Reportage über sie gebracht und gemeint, im Angesicht
ihres eigenen Sterbens erweisen sich ihre Thesen als
Kitsch. Das wollte ich genauer wissen, habe also
Frau Kübler-Ross in ihrem großen Haus in der
Wüste von Arizona besucht und eine gewaltige
Überraschung erlebt. EKR, wie sie immer von
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Freunden und Verehrern genannt wurde, liegt in
einem große dunklen Wohnzimmer voller Blumen
von Freunden aus der ganzen Welt, so liegt sie in
ihrem Stuhl, sieht fern, telefoniert oft und beobachtet die Vögel. Eine mexikanische Frau hilft ihr im
Haushalt. Besonders aber hat ihr ein junger Mann
namens Josef, ein indianischer Geistheiler, geholfen.
ALT: Frau Kübler-Ross, nach mehreren Schlaganfällen und beinahe drei Jahren Bewegungslosigkeit,
hier draußen in der Wüste. Wie fühlen Sie sich
heute?
KÜBLER-ROSS: Jetzt fühle ich mich super. Weil
ich vor einem Jahr einen Helfer gefunden habe, Der
hat mir sehr viel geholfen. Ich war total gelähmt auf
der linken Seite und hatte wahnsinnige Schmerzen,
Tag und Nacht, und dann kam er und hat mir geholfen und kommt jetzt einmal pro Woche und arbeitet
so drei, vier Stunden lang mit mir, und es geht mir
immer besser.
ALT: Sie haben in mehreren Jahrzehnten auf der
ganzen Welt immer wieder über Tod und Sterben
gesprochen. Von der Phase des totalen Ablehnens
über Wut und Haß bis zum Annehmen. Haben Sie
in den letzten Jahren während Ihrer Krankheit solche Etappen selber durchgemacht?
KÜBLER-ROSS: Durch die Wut bin ich lange
gegangen, zwei Jahre lang. Ich habe gefunden, das
ist furchtbar ungerecht, daß ich so vielen Leuten
geholfen habe, und jetzt geht es mir selbst miserabel, wenn ich endlich mal in den Ruhestand gehen
kann. Ich hab‘ doch gehofft, in Arizona kann ich die
Indianer besuchen, meine Lieblingsmenschen, und
kann ein bißchen privat herumreisen und etwas tun,
im Garten arbeiten. Nichts, man ist gelähmt und hat
Schmerzen Tag und Nacht. Dann hab ich dem da
oben alle Schande gesagt. Aber es hat natürlich
nichts genützt.
ALT: Und in welcher Phase sind Sie jetzt, in der
Phase des Annehmens?
KÜBLER-KÜBLER-ROSS: Ja, ja, schon lange.
Nur habe ich keine Geduld, und 18 Stunden im
Rollstuhl zu sitzen ist mir zu langweilig.
ALT.. Sie sind früher im Jahr bis zu 400 000 Kilometer in der Welt herumgedüst. Fällt es Ihnen sehr
schwer jetzt einfach hier ruhig zu liegen, hier draußen in der Wüste.
KÜBLER-ROSS: Ja, ruhig zu sein fällt mir immer
schwer. Wenn‚ man nichts mehr machen kann, nicht
reisen kann, keine Patienten besuchen kann. Das
fällt mir schwer, das ist nicht mein Ding.
ALT: Daß Tausende von Menschen auf der ganzen
Welt Anteil nehmen an Ihrem Schicksal, an Ihrer
Krankheit. das tröstet Sie?
KÜBLER-ROSS. Nein, das hilft nichts, wenn man
sich nicht bewegen und überhaupt nichts unternehmen kann. Es ist schon nett zu wissen, daß man
etwas gemacht hat mit seinem Leben. Dafür bin ich
dankbar und froh, aber ich möchte jetzt noch etwas
tun, ich möchte den Dalai Lama sehen, ich möchte
Tibet besuchen, ich möchte nach Peru gehen.
ALT: Frau Kübler-Ross, nachdem Sie selbst dem
Tod nahe gekommen sind, bleiben Sie dabei, daß
der Tod ein wunderschönes Erlebnis sei?
KÜBLER-ROSS: Ja, wenn man sterben könnte.
Aber wenn man nur steckt zwischen dem Leben und
dem Sterben und nichts mehr machen kann, das ist
nicht das Sterben, das ist eine elende Existenz.
ALT: Glauben Sie denn, daß Sie vielleicht selber
noch unerledigte Geschäfte haben? Sie haben ja oft
gesagt, wenn man unerledigte Geschäfte hat, kann
man noch nicht sterben.
KÜBLER-ROSS: Ich weiß schon, was Sie von mir
wollen. Aber ich möchte dazu öffentlich nichts
sagen. Man sollte in sich selbst hineingehen, aber
meditieren ist auch nicht mein Ding.
ALT: Vielleicht müssen Sie das noch lernen. Vielleicht können Sie deshalb nicht sterben, oder?
KÜBLER-ROSS: ja, das sollte ich lernen, aber das
ist gar nicht mein Geschmack.
ALT: Wenn man sagt, das Sterben ist ein schönes
Erlebnis, ist das eine Glaubensfrage, oder wissen
Sie das?
KÜBLER-Ross. Nein, das weiß ich.
ALT: Inwiefern?
KÜBLER-ROSS: Es gibt dafür keine Worte. Wenn
man den Körper mal verläßt, dann kommt man in
eine Phase, wo es nur noch bedingungslose Liebe
gibt, und die Menschen kennen das überhaupt nicht,
die wissen nicht, was Liebe ist. Und wenn man mal
dort bleiben kann, nicht wieder zurückkommen
muß, ist es wunderbar, und dann kann man, überall
hingehen, man hat keine Begrenzungen. Es gibt
keine Zeit, man ist nicht mehr ungeduldig.
ALT: Woher wissen Sie das, was Sie uns jetzt gesagt haben?
KÜBLER- ROSS. Weil ich dort schon war, schon
mehr als einmal.
ALT: Das waren Nah-Tod-Erlebnisse?
KÜBLER-ROSS. Nur mußte ich immer wieder
zurückkommen.
ALT.-. Das waren Nah-Tod-Erlebnisse?
KÜBLER-ROSS. Ja.
ALT: Inzwischen haben wir ja solche Zeugnisse aus
der ganzen Welt, und die Menschen haben alle
etwas Ähnliches erlebt. Und beschreiben meistens,
daß es schön ist. Sind Sie nach wie vor der Meinung, daß man das Leben nicht künstlich verlängern
sollte?
KÜBLER-ROSS: Hundertprozentig, hundertprozentig.
ALT: Warum?
KÜBLER-ROSS: Man soll das Leben nicht verkürzen und nicht verlängern. Es gibt einen richtigen
Moment für jede Person, wenn es Zeit ist zum Sterben, sonst wäre ich vor drei Jahren schon gestorben,
wenn es auf mich ankäme, aber leider ist da noch
ein größerer Chef, der etwas zu sagen hat. Mit dem
hab ich schon diskutiert, wie schlimm es für mich
ist, ich hab ihm alle Namen genannt, aber die lachen
nur, die sagen: »ja, wir wissen schon, wenn es Zeit
ist. «
KÜBLER-ROSS: Ganz, ganz bestimmt. Wenn man
selber das erlebt hat, dann kann einem niemand das
ausreden.
ALT. Da ist noch was?
ALT. Was haben Sie da erlebt. Können Sie das
beschreiben?
ALT: Und das wollen Sie nicht öffentlich sagen?
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KUBLER-ROSS: ja,- ja.
KÜBLER-ROSS: Ja, Geduld lernen und in sich
hineinhören.
KÜBLER-ROSS: Die meisten, nicht alle, aber die
meisten Leute, verändern sich grundsätzlich. Sie
wechseln alle ihre Werte.
AL: Ja, man muß ganz werden. Ganzheitlich.
ALT: Ihre Werte?
KÜBLER-ROSS: Ja, und zwar emotionell und mental.
ALT: Waren Sie in den letzten Jahren mal selbst in
einer Situation, wo Sie selber Schluß machen wollten?
KÜBLER-ROSS: Ich war nahe daran, das zu machen, aber ich weiß, daß ich dann wieder zurückkommen müßte, und ich will nicht mehr zurückkommen. Ich habe genug bis hier oben. Jetzt will
ich nach Hause gehen, nach Hause da oben!
ALT: Warum haben eigentlich viele Ärzte selber so
viel Angst vor dem Tod und vor dem Sterben?
KÜBLER-ROSS. Weil man die so erzieht, daß ihr
Ziel sein soll, Sie gesund zu machen, und wenn man
Sie nicht gesund machen kann, sollen sie zumindest
Ihr Leben verlängern. Und wenn sie das nicht können, sind sie Versager.
KÜBLER-ROSS: Ihre Werte sind nicht mehr so
materiell, nicht mehr so streitsüchtig, sie sind einfach andere Menschen. Die haben eine ganz andere
Wertsetzung über das Leben und was wichtig ist im
Leben. Viele wechseln ihren Beruf Man wird viel
spiritueller. Nicht religiös unbedingt, aber spirituell.
ALT: Sind solche Erfahrungen nicht so etwas wie
die alte Lehre, die alte christliche Lehre vom Weiterleben nach dem Tod?
KÜBLER-ROSS: Ja, das ist sowieso eine Tatsache.
Nur glauben das viele Leute nicht, aber wenn sie es
selbst erlebt haben, dann wissen sie es eben. Und es
ist ein großer Unterschied zwischen etwas glauben
und etwas wissen. Die wissen es dann eben, die
müssen nichts mehr beweisen.
ALT. Würden Sie im Rückblick sagen, daß Sie ein
schönes, ein erfülltes Leben hatten?
ALT.. Für die ist der Tod immer eine Katastrophe?
KÜBLIER-ROSS: Ja.
KÜBLER-ROSS: Ein Feind. Weil die nicht wissen,
daß das Sterben das schönste Erlebnis ist.
ALT: Hat Ihnen was gefehlt?
ALT: Sie haben selbst viel über Nah-Tod-Erlebnisse geschrieben. Sie haben gesagt, Sie hatten
selbst welche gehabt, könnten Sie das noch mal ein
bißchen vertiefen, das interessiert viele Menschen.
KÜBLER-ROSS: Ja. Richtig bedingungslose Liebe
hat mir schon gefehlt, aber es fehlt allen Leuten, das
kennen die Leute nicht.
ALT: Woran lag das, daß Ihnen das gefehlt hat?
KÜBLER-ROSS: Wenn Sie mit Sterbenden arbeiten, dann sehen Sie am Schluß, daß sie mit jemandem sprechen oder ein Gespräch führen oder jemanden sehen. Dann sage ich immer: »Wer wartet
denn auf Sie? « Und dann sagen sie: »Luise«, und
ich frage: »Luise, wer ist das?« und die sagen nicht,
wer das ist. Und dann frage ich die Verwandten,
wer ist denn die Luise? Ja, das war die Mutter oder
die Tante oder die Großmutter oder so. Und die
sehen alle Leute, die sie lange gekannt haben und
mit denen ein gutes Verhältnis war, und die warten
dann auf sie. Kein Mensch stirbt allein. Man sieht
immer jemanden, der auf einen wartet. Mit dem
sprechen die schon, bevor sie klinisch tot sind.
KÜBLER-ROSS: Weil die Menschen nicht wissen,
was bedingungslose Liebe ist.
ALT: Solche Nah-Tod-Erlebnisse, was bewirken
die denn dann in ihrem weiteren Leben?
FILMTEXT: Schmetterlinge sind für die Sterbeforscherin Symbole der Transformation, des Übergangs vom Leben zu einem andern Leben. Nach
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ALT: Und woran lag es bei Ihnen?
KÜBLER-ROSS: Ja, wenn Sie nicht mit Menschen
zusammen sind, die das erlebt haben, die so erzogen
worden sind, sind Sie eben abhängig von dieser
Umgebung.
ALT: Was würden Sie denn grundsätzlich anders
machen, wenn Sie es noch mal könnten?
KÜBLER-ROSS: Nichts.
1945 hatte Elisabeth Kübler-Ross in mehreren KZs
viele Schmetterlinge gesehen, welche die Häftlinge
vor ihrem Tod in Mauern geritzt hatten. Symbole
der Verwandlung. Die Schweizerin hat jahrzehntelang in Großstädten der USA als Ärztin und Sterbeforscherin gearbeitet jetzt, mit 72-Jahren, bevorzugt
sie die Einsamkeit und Schönheit der Wüste.
ALT: Sie haben jetzt ein Leben lang wissenschaftlich über das Sterben und über den Tod geforscht
und gearbeitet. Was ist denn nun der Tod?
KÜBLER-ROSS: Der Tod ist ein Übergang von
diesem irdischen Leben auf eine andere Wellen-
Aus Publik-Forum Nr. 22 1998 S.49-53
D:\68616329.doc
länge, auf eine andere Ebene. Und je nachdem,
wieviel Sie gearbeitet haben in ihren vielen Leben,
kommen Sie auf eine höhere Stufe oder auf eine
niedere Stufe. Das hängt nur von Ihnen ab, nicht
von irgendjemand anderem.
Filmtext. Viele Bücher dokumentieren den eigenen
Weg der Sterbeforscherin. Umstritten sind ihre
spirituellen Aussagen und Erfahrungen, die sie in
ihrer Autobiographie »Das Rad des Lebens« ausführlich beschreibt. Ein spannendes Buch. Die
Autobiographie einer mutigen, lebensfrohen Frau.
Das Buch einer Querlenkerin.
Publik-Forum - 1998 - NR. 22
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