TK 8 Kirche

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Kirche - Ökumene (TK 8)
2007 - Moltmann
Jürgen Moltmann
Wer ist Christus für uns heute?
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Nicht um ihrer selbst willen, sondern um der „Sache Jesu“ willen ist die Kirche
da. Alle Eigeninteressen der Kirche – Bestandswahrung, Ausbau des
Einflusses – müssen dem Interesse des Reiches Gottes nachgeordnet
werden, sonst sind sie unberechtigt. Entsprechen der Geist und die
Einrichtung der Kirche dem Reich Gottes, dann handelt es sich um Christi
Kirche. Widersprechen sie dem Reich Gottes, dann verliert die Kirche jede
Existenzberechtigung und wird zu einer überflüssigen Religionsgemeinschaft.
Reich-Gottes-Orientierung der Kirche heißt heute: Evangelisation und
Befreiung. Die göttliche Sendung der Kirche besteht darin, das Evangelium
vom Reich Gottes allen Menschen und zuerst den Armen in dieser Welt zu
verkündigen, um den Glauben zu wecken, der hier aufrichtet und des ewigen
Lebens dort gewiss macht. Die göttliche Sendung der Kirche besteht zugleich
darin, den Unterdrückten ihre Freiheit, den Erniedrigten ihre Menschenwürde
und den Rechtlosen ihr Recht zu bringen. Evangelisation und Befreiung
ergänzen einander so wie die Erhebung der gebeugten Seelen durch Glauben
und die Heilung der geschundenen Körper. Das ist die Botschaft der
Basisgemeinden und der Gemeinden im Volk in Lateinamerika, Asien und
Afrika, dass beide untrennbar zusammen gehören: der Missionsauftrag Christi
und der revolutionäre Imperativ, die Bekehrungspredigt und die Umwandlung
ungerechter Verhältnisse in Wirtschaft und Politik zur besseren Gerechtigkeit,
der Frieden mit Gott und der Kampf für eine friedliche Welt. Wo das Reich
Gottes nahe herbeikommt, da sammelt sich das Volk Gottes. Dann verkündigt
es die Botschaft vom Reich und führt die Welt in die rettende Umkehr hinein.
Die Kirche ist eine evangelisierende und eine befreiende Gemeinschaft, sonst
ist sie weder Christi Kirche noch überhaupt eine Kirche.
Jürgen Moltmann, Wer ist Christus für uns heute?, Gütersloh, ²1997, S. 28.
Teilaufgaben:
1.
Geben Sie wieder, was Jürgen Moltmann unter „Reich-Gottes-Orientierung
der Kirche“ (Z. 7f.) versteht.
2.
Erläutern Sie Aufgabe und Funktion der Kirche an zwei Texten aus dem
Neuen Testament.
3.
„Entsprechen der Geist und die Einrichtung der Kirche dem Reich Gottes,
dann handelt es sich um Christi Kirche. Widersprechen sie dem Reich Gottes,
dann verliert die Kirche jede Existenzberechtigung und wird zu einer
überflüssigen Religionsgemeinschaft.“ (Z. 4-7)
Stellen Sie kirchliches Handeln an einem Beispiel aus der Geschichte dar und
beurteilen Sie es nach dem im Zitat genannten Kriterium.
Kirche - Ökumene (TK 8)
2007 - Moltmann
Lösungsvorschlag
1.
Der Schüler / die Schülerin sollte folgende Punkte herausarbeiten:








2.
Aufgabe und Funktion der Kirche könnten z.B. an folgenden Texten aus dem
Neuen Testament aufgezeigt werden:





3.
Kirche bezieht ihre Legitimation nicht aus sich selbst; sie
gründet in der Verkündigung Jesu vom Anbruch des
Gottesreiches.
Diese Botschaft hat Vorrang vor institutionellen Interessen
(Besitzstandswahrung, Machtentfaltung usw.)
„Reich–Gottes-Orientierung“ heißt nach Moltmann die Botschaft
Jesu von der Liebe Gottes in Wort und Tat in die Welt zu
bringen.
Kirche wird überflüssig, wenn sie der Reich-Gottes-Botschaft
nicht entspricht.
Die Kirche muss primär die Armen und Entrechteten in den Blick
nehmen.
Missionsauftrag und Bekämpfung ungerechter Verhältnisse
gehören zusammen („Evangelisation und Befreiung“).
Frieden mit Gott und Kampf für eine friedliche Welt sind
untrennbar.
„Reich-Gottes-Orientierung“ heißt mitzuarbeiten an einer Welt,
in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen.
Mt 6, 9-13; Vaterunser: Die Bitte um das Kommen des Gottesreiches,
die sich darin konkretisiert, dass nicht Eigennutz, sondern Gottes Wille
Denken und Handeln leiten, dass Menschen satt werden, Vergebung
das Miteinander bestimmt und Menschen ermutigt werden dem Bösen
zu widerstehen.
Mt 25, 31-46; Gleichnis vom Weltgericht: Gottesglaube und –liebe
entfalten sich in der Nächstenliebe; vgl. dazu auch Joh 17,20-26.
Lk 10, 25-37; Das wichtigste Gebot, der barmherzige Samaritaner:
Gottesliebe und die Liebe zum Mitmenschen werden zum Doppelgebot
der Liebe miteinander verbunden; die landläufige Vorstellung, dass der
Nächste der Angehörige des eigenen Volkes und der Religion ist wird
korrigiert und überboten: jeder Mensch wird mir zum Nächsten, wenn
er meine Hilfe braucht.
Apg 2, 42-47; Leben der ersten Gemeinde: Glaubensgemeinschaft
äußert sich im Gottesdienst und konkretisiert sich im Dienst am
Nächsten, d.h. in der Verantwortung füreinander und im gerechten
Verteilen der Güter.
Mt 20, 1-16; Arbeiter im Weinberg: Gegenentwurf zum Modell der
Entlohnung nach Leistung: Jeder bekommt was er braucht.
Erwartet wird, dass die Schülerin / der Schüler ein Beispiel aus der
Kirchengeschichte darstellt und prüft, ob Eigeninteressen für das
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Kirche - Ökumene (TK 8)
Handeln der Kirche leitend waren oder ob Kirche in der Nachfolge Jesu
ihre Stimme erhoben hat für die, die Hilfe brauchen. Hierbei kann sich
die Schülerin / der Schüler auf das Handeln einzelner und / oder auf
wichtige historische Ereignisse beziehen.
Beispiele:










Konstantinische Wende
Franz von Assisi
Kreuzzüge
Martin Luther
Reformation
Dietrich Bonhoeffer
Kirche im Nationalsozialismus, Deutsche Christen
Barmer Theologische Erklärung
Theologie der Befreiung
u.a.
Entscheidend für die Bewertung wird sein, ob das Beispiel inhaltlich
richtig, auf die Fragestellung pointiert präsentiert wird, ob die Schülerin /
der Schüler das in der Frage angeführte Kriterium sachgemäß zur
Beurteilung heranzieht und wie differenziert und überzeugend das Urteil
begründet wird.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
2007 - Rau
Johannes Rau
Kirche und Demokratie
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Wir brauchen nicht nur Institutionen, die dem Recht und der Gerechtigkeit
verpflichtet sind. Wir brauchen neben der rationalen auch die emotionale Bindung
der Menschen an die Einrichtungen des Gemeinwesens, die Recht, Freiheit und
Gerechtigkeit sichern.
Kirche und Religionsgemeinschaften mischen sich nach ihrem eigenen Anspruch
auch in die öffentlichen Angelegenheiten ein. Sie suchen – nach dem
Prophetenwort – „der Stadt Bestes“. Was haben uns die Kirchen in Staat und
Gesellschaft heute also zu sagen? Handelt es sich nur - wie ich das neulich einmal
gelesen habe – um Funktionärsvereine ohne Unterbau? Sind es Gruppen, die im
Mantel der Nächstenliebe eigene Privilegien und überkommene Rechte
verteidigen? Kirchen und Glaubensgemeinschaften begleiten die Menschen vor
allem an den Übergängen des Lebens. Die Kirchen sind dann gefragt, wenn es
darum geht, den Schwachen Hilfe und den Stummen eine Stimme zu geben.
Diakonie und Caritas sind keine Ersatzhandlungen für Gottesdienst und Liturgie,
sondern zentraler Ausdruck kirchlichen Handelns in der Welt. Die Kirchen sollten
sich in ihrem eigenen Interesse aber nicht darauf beschränken oder beschränken
lassen, nur Retter in der Krise und in der Not zu sein.
Ich weiß, dass es auch für die Kirchen nicht leicht ist, ihren Ort in unserer sich
ständig verändernden Gesellschaft zu bestimmen. Mir steht es wahrlich nicht zu,
ihnen ihren Ort zuzuweisen. Ich weiß aber, dass eine Kirche, die die
Orientierungslosigkeit der Gesellschaft nur noch einmal verdoppelt, sich selber
überflüssig macht. Eine Kirche, die glaubte, auf jedem Gebiet kompetenter zu sein
als die jeweils Zuständigen, die dürfte sich nicht wundern, wenn sie eines Tages
auch in den Fragen nicht mehr ernst genommen würde, auf die sie wirklich
tragfähige Antworten hat.
Johannes Rau, Auszug aus seiner Dankesrede „Will euch die Welt furchtsam machen“,
gehalten am 6. September 2005 anlässlich der Verleihung des Karl Barth Preises
der Union Evangelischer Kirchen. In: Zeitzeichen, 11/2005, S.55.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
Teilaufgaben:
1.
Zeigen Sie auf, welche Rolle Johannes Rau der Kirche in Gesellschaft und Staat
zuweist.
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2.
„Die Kirchen sind dann gefragt, wenn es darum geht, den Schwachen Hilfe und
den Stummen eine Stimme zu geben.“ (Z.12 ff. )
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Begründen Sie anhand von mindestens zwei Beispielen, dass sich der Autor mit
dieser Aussage auf das Neue Testament berufen kann.
3.
Stellen Sie dar, wie die rechtliche Stellung der Evangelischen Kirche in der
Bundesrepublik Deutschland geregelt ist und entfalten Sie dies an einem Beispiel.
2007 - Rau
kein Lösungsvorschlag !
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Kirche - Ökumene (TK 8)
2010 July
Frank Otfried July
Der Glaube ist keine Privatsache
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Meine Vision und zugleich meine Hoffnung bestehen darin, dass es der
Kirche auch in Zukunft gelingen möge, sich stark, deutlich und klar
theologisch zu orientieren und somit sprachfähig zu sein im Blick auf die sich
verändernde Welt. Die Kirche, die ich mir vorstelle, ist sich dessen bewusst,
dass sie sich nicht selbst mit der Verkündigung des Evangeliums beauftragt
hat, dass sie in ihren Gottesdiensten nicht sich selbst feiert, sondern den
dreieinigen Gott. Sie versucht, in all ihrem Tun dem von Gott erhaltenen
Auftrag, dem sie sich verdankt, zu entsprechen: Sie möchte den Menschen
die heilende Nähe Gottes zusprechen, die er uns in Jesus Christus gezeigt
hat. Dabei ist sie grundsätzlich und von ihren Anfängen an von dem
Gedanken der Gemeinschaft bestimmt. (…) Weil Kirche vom
Gemeinschaftsgedanken bestimmt ist, darum kann der Glauben keine
Privatsache sein. Auch wenn immer mehr Kirchenmitglieder davon ausgehen,
dass sie für ihren Glauben den Gottesdienstbesuch gar nicht nötig haben, ist
hier deutlich zu widersprechen. Glaube und Kirche brauchen sich gegenseitig,
auch in Zukunft. Der Glauben ist auf Gemeinschaft angewiesen. (…) Der
Gemeinschaftsgedanke bedeutet ferner, dass die Kirche auch in Zukunft
gesellschaftliche Mitverantwortung hat. Sie und ihre Mitglieder sind Teil der
Gesellschaft. Sie mischen sich produktiv z.B. da ein, wo Menschen
benachteiligt werden. Sie fordern durch ihre Interpretation des Evangeliums
zu einem Diskurs über das Verständnis der Wirklichkeit auf. Sie bringen sich
in die Wertediskussion dezidiert christlich ein. Sie zeigen Solidarität mit den
so genannten Verlierern. Sie machen sich die Aufgaben der Diakonie und der
Bildung zu Eigen. Eine Kirche, die vom Gemeinschaftsgedanken bestimmt ist,
ist eine vielgestaltige Kirche. Pluralismus ist gleichsam etwas
Urprotestantisches, existiert der Protestantismus doch in mehreren
reformatorischen Kirchen. Die Kirchen müssen jedoch darauf Acht haben,
dass sie in der Pluralität unverwechselbar sind. Es geht um ein evangelisches
Selbstbewusstsein, das sich insbesondere in der Begegnung mit anderen
Konfessionen und Religionen zeigt und sich ihnen gegenüber als tolerant
erweist. In diesem Zusammenhang hoffe ich, dass sich unsere Kirche an
einem gelingenden Dialog der Religionen beteiligt, der die Wahrheitsfrage
gerade nicht ausklammert. Das bedeutet, dass die christliche Kirche im Dialog
mit anderen Religionen ihren christlichen Blickwinkel als Maßstab bewusst
beibehält. Sie setzt sich zugleich für Religionsfreiheit ein und erwartet, dass
Übertritte in alle Richtungen akzeptiert werden, ohne dass die betroffenen
Menschen dadurch Nachteile erleiden.
Aus: Zukunft wagen! Träume und Visionen deutscher Bischöfinnen und Bischöfe,
Gütersloh, 2006, S. 67f. (Text gekürzt).
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Kirche - Ökumene (TK 8)
Teilaufgaben
1.
Geben Sie wieder, welche Vision und Hoffnung Bischof July für die Kirche hat.
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2.
Entfalten Sie das reformatorische Grundverständnis von Kirche.
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3.
Die Kirche „möchte den Menschen die heilende Nähe Gottes zusprechen, die
er uns in Jesus Christus gezeigt hat. Dabei ist sie grundsätzlich und von ihren
Anfängen an von dem Gedanken der Gemeinschaft bestimmt.“ (Z.8 ff.)
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Setzen Sie sich anhand von mindestens zwei Beispielen kirchlichen Handelns
in der Gegenwart auseinander, wie die Kirche dem Gemeinschaftsgedanken
Rechnung trägt.
Lösungshinweise
1.
Geben Sie wieder, welche Vision und Hoffnung Bischof July für die Kirche
hat.
Bischof July geht in seiner Vision und Hoffnung für die Kirche zunächst auf den
Verkündigungsauftrag ein:
 Kirche soll sich klar theologisch orientieren, um sprachfähig zu bleiben
und um Orientierung in der sich verändernden Welt zu geben.
 Sie hat den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, den dreieinigen
Gott zu feiern und den Menschen die heilende Nähe Gottes zu
zusprechen.
Kirche ist vom Gedanken der Gemeinschaft bestimmt. Deshalb:
 brauchen Glauben und Kirche sich gegenseitig,
 nimmt Kirche gesellschaftliche Mitverantwortung war,
 bringt sie christliche Positionen in den gesellschaftlichen Diskurs ein,
 setzt sich für Benachteiligte ein.
Pluralismus ist ein Kennzeichen des Protestantismus. In der Pluralität soll die
Kirche ein klares evangelisches Selbstbewusstsein zeigen. Aus dieser
Perspektive soll sie in einen toleranten Dialog mit anderen Konfessionen und
Religionen treten und sich für Religionsfreiheit einsetzen.
2.
Entfalten Sie das reformatorische Grundverständnis von Kirche.
Das reformatorische Kirchenverständnis entstand in der Auseinandersetzung
mit der römischen Kirche des Spätmittelalters.




Orientierung ist die reformatorische Erkenntnis "sola gratia, sola fide,
sola scriptura" und die Lehre vom Priestertum aller Gläubigen.
Mittelpunkt des Gottesdienstes ist die Bibel und ihre Auslegung.
Der Absolutheitsanspruch des Papstes wird abgelehnt.
Der einzelne Christ ist selbst Gott und seinem Gewissen gegenüber
verantwortlich.
Kirche - Ökumene (TK 8)






3.
Evangelische Geistliche werden nicht zum Priester geweiht, sondern
ordiniert, d.h. beauftragt zu Predigt und Sakramentsverwaltung.
Als Sakramente gelten nur Taufe und Abendmahl, weil nur diese vom
HERRN eingesetzt sind.
Laut M. Luther ist die Kirche ein „Geschöpf des Evangeliums“.
Nach CA VII gibt es „eine heilige christliche Kirche“; Kirche ereignet sich
als "Versammlung aller Gläubigen“, ... „ bei denen das Evangelium rein
gepredigt und die heiligen Sakramente gemäß dem Evangelium gereicht
werden“;
ihre Einheit hängt nicht an einheitlichen Zeremonien.
Kirche ist "semper reformanda"; sie ist nicht unfehlbar. Die (sichtbare)
Kirche ist unvollkommen und braucht die Gnade genauso wie die
einzelnen Christen.
u.a.
Die Kirche „möchte den Menschen die heilende Nähe Gottes zusprechen,
die er uns in Jesus Christus gezeigt hat. Dabei ist sie grundsätzlich und
von ihren Anfängen an von dem Gedanken der Gemeinschaft bestimmt.“
(Z.8 ff.)
Setzen Sie sich anhand von mindestens zwei Beispielen kirchlichen
Handelns in der Gegenwart damit auseinander, wie die Kirche dem
Gemeinschaftsgedanken Rechnung trägt.
Der Schüler/die Schülerin soll zwei Beispiele kirchlichen Handelns in der
Gegenwart darstellen und ein begründetes eigenes Urteil dazu entwickeln.
Denkbar ist:







Vesperkirche
Seelsorge in Betrieb, Krankenhaus, Altenheim ...
Hospizarbeit
Diakonische Arbeit mit benachteiligten Menschen
Kirchliche Entwicklungshilfe
Gottesdienst
u.a.
Die Reflexion darf ergebnisoffen sein.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
2010 – Rosien
Peter Rosien
Die Kirche muss sich neu erfinden
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Wir haben in Europa religiös eine historisch noch nie dagewesene Situation.
Geht es um Gott, haben die meisten Leute eine „Ich-weiß-nicht-Haltung“.
Philosophisch wird sie Agnostizismus genannt. Solche Haltung ist heute die
Regel. Daneben gibt es aber auch religiöse Sehnsucht. Eine Kirche, die unter
solchen Umständen die Menschen wieder ansprechen will, muss sich heute
im Grunde neu erfinden. Sie muss aus ihren äußeren Organisationsstrukturen
ebenso ausbrechen wie aus den inneren Strukturen ihrer Lehre und
Verkündigung. (...)
Die Verantwortlichen haben die Lage scheint es noch gar nicht wirklich
begriffen. Sie haben aber auch kaum jemanden, der ihnen einen Spiegel
hinhält, in dem sie ihre Kirche einmal von außen betrachten könnten. (…) So
wird diese Kirche wohl in ein, zwei Generationen zu einer Sekte verkommen
sein. Mit dem früheren Dekan Herbert Koch zu sprechen: Sie wird sich
darstellen als „ein Zusammenschluss von Menschen, der ein `Wissen` pflegt,
das in hohem Maße abweicht von dem, was sonst in der Gesellschaft auf
Grund von breiter Zustimmung als Wissen in Geltung steht.“
Ich bin wenig zuversichtlich, dass es anders kommt. Aber träumen darf man ja
mal. Was müsste sich denn wohl im Einzelnen ändern, damit Kirche wieder
wirksam von Gott reden kann und darin gehört und anerkannt wird?
Ändern müssten sich zunächst die äußeren Kirchenstrukturen: Sie müssten
entschlossen aufgerissen werden, damit Nicht-Theologen, Laien, wirklich
mitreden können und den Insidern klarmachen, wie es draußen bei den
normalen Kirchenmitgliedern tatsächlich aussieht. (…)
Geht es um die inneren Strukturen von Lehre und Verkündigung, so müsste in
der Kirche ein deutlicher Perspektivenwechsel eingeübt werden. Gilt doch
offiziell immer noch dies: Das Evangelium von der Liebe Gottes wird von
außen an die Menschen herangetragen, in Texten, Symbolen und Lehre.
…Einige Menschen haben die Offenbarung erhalten und verstanden. Nun
wollen sie sie anderen weitergeben: Sender an Empfänger. Diese Art der
Kommunikation funktioniert heute aber überhaupt nicht mehr (…).
Eine Kirche, die dem gerecht werden will, kann heute nur eine dialogische
Kirche sein. Als Gnadenanstalt und dogmatische Bekenntniskirche hat sie
längst ausgespielt. Was wir brauchen, ist eine gottoffene Gemeinschaft, in der
sich Menschen ungezwungen über ihren Glauben, ihre Zweifel und Fragen
austauschen können.
Peter Rosien, Mein Gott, mein Glück, Publik-Forum, 2007, S.175 ff.(Text gekürzt).
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Kirche - Ökumene (TK 8)
Teilaufgaben
1.
„Die Kirche muss sich neu erfinden“. Stellen Sie dar, wie Peter Rosien diesen
Gedanken im Text ausführt.
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2.
Erläutern Sie an einem Beispiel aus Geschichte oder Gegenwart das
Verhältnis von Kirche und Staat.
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3.
Entfalten Sie das Verständnis von Kirche, wie es in Mt 28 und Apg 2, 1-18
zum Ausdruck kommt.
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Lösungshinweise
1.
„Die Kirche muss sich neu erfinden“. Stellen Sie dar, wie Peter Rosien
diesen Gedanken im Text ausführt.
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Der Schüler/die Schülerin sollte folgende Punkte herausarbeiten:







2.
In Europa herrscht im Blick auf die Frage nach Gott die Haltung des
Agnostizismus vor.
Daneben gibt es aber tiefe Sehnsucht nach Religion.
Die real existierende Kirche erreicht die Menschen nicht mehr mit ihrer
Botschaft. Die Verantwortlichen haben diese Tatsache noch nicht voll
erfasst, da sie im Glashaus sitzen.
Wenn nichts passiert, dann verkommt die Kirche zur Sekte.
Kirche muss sich deshalb neu erfinden. Dies geschieht im Blick auf
äußere Kirchenstrukturen, d.h. konkret, dass mehr Nicht-Theologen in der
Kirche Verantwortung bekommen müssen.
Kirche muss aber auch die inneren Kirchenstrukturen verändern und damit
einen Perspektivenwechsel mitsamt einer Veränderung der
Kommunikationsstruktur vornehmen.
Das Ziel dieser Kirche, die sich neu erfindet, ist eine dialogische Kirche, in
der sich Menschen über ihren Glauben, ihre Fragen und Zweifel offen
austauschen können.
Erläutern Sie an einem Beispiel aus Geschichte oder Gegenwart das
Verhältnis von Kirche und Staat.
Das Verhältnis von Kirche und Staat in Deutschland ist durch das
Grundgesetz geregelt, das den christlichen Kirchen verfassungsrechtlich
einen hohen Stellenwert zugesteht.
Die Kirchen haben den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“;
damit verbunden sind eine Reihe von Privilegien.
Grundsätzlich besteht eine Trennung von Staat und Kirche; der Staat verhält
sich in religiösen und weltanschaulichen Fragen neutral.
Kirche und Staat kooperieren jedoch in einigen Bereichen.
Als ein konkretes Beispiel für das Verhältnis von Staat und Kirche in der
Gegenwart könnte der Religionsunterricht (RU) an öffentlichen Schulen
gewählt werden:


RU ist „ordentliches Lehrfach“ (Art.7 GG).
RU wird auf konfessioneller Grundlage „unbeschadet des staatlichen
11
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Kirche - Ökumene (TK 8)





3.
Aufsichtsrechts ... in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der
Religionsgemeinschaften“ erteilt. Kirche und Staat arbeiten zusammen
bei der Gestaltung von Lehrplänen, Prüfungen, Schulbüchern etc.
Es besteht grundsätzlich Teilnahmepflicht; durch die in Art.4 GG
garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit kann aber niemand zur
Teilnahme am RU gezwungen werden. Eine Abmeldung vom RU ist
daher möglich.
RU soll auf wissenschaftlicher Grundlage und in Freiheit des
Gewissens im Rahmen der geltenden Schulgesetze unterrichtet
werden.
In einzelnen Bundesländern gelten Sonderregelungen.
Mögliche andere Beispiele könnten sein:
Geschichte: Kirche in der Minderheit, Konstantinische Wende,
Landesherrliches Kirchenregiment u.a.
Gegenwart: Militärseelsorge, Gefangenenseelsorge, Kirchensteuer
u.a.
Entfalten Sie das Verständnis von Kirche, wie es in Mt 28 und Apg 2, 118 zum Ausdruck kommt.
Mt 28, 1-20
Matthäus berichtet vom Ostergeschehen in einem gewaltigen
Naturschauspiel. Dadurch soll verdeutlicht werden, dass Gott am Werk ist und
die verheißene Heilszukunft beginnt. Die Jünger erhalten den Auftrag zur
Mission. Sie sollen das Evangelium in die ganze Welt tragen, alle Menschen
auf den dreieinigen Gott taufen und im Glauben unterweisen. Der
Welthorizont einer heidenchristlichen Kirche wird hierin angedeutet.
Apg 2, 1-18
Lukas schildert die Zungenrede als Zeichen der Ausgießung des heiligen
Geistes an Pfingsten in Jerusalem. Symbolisch werden hier Sprachgrenzen
überwunden und die Völker durch den Heiligen Geist miteinander verbunden.
Die Jünger, allen voran Petrus, wehren den Vorwurf der Trunkenheit ab. Er
deutet das Pfingstgeschehen mit einem Zitat des Propheten Joel. Darin
erscheint die Geistbegabung als Ausgießung des prophetischen Geistes, der
für die Endzeit verheißen ist.
Insgesamt will die Erzählung das Bekenntnis an eine heilige apostolische
Kirche veranschaulichen, in dem sie aufzeigt, dass die Kirche ihren Ursprung
in der Tat Gottes hat. Sie hat von Gott den Geist erhalten, der sie befähigt,
das Evangelium in die ganze Welt zu tragen. Die Weltkirche wird als Erfüllung
der Geschichte des Volkes Israel verstanden.
In beiden biblischen Texten kommt zum Ausdruck, dass:
 die Kirche ihren Ursprung in der Tat Gottes hat,
 es der Geist Gottes ist, der sie befähigt das Evangelium in die ganze
Welt zu tragen und alle Völker zu taufen und im Glauben zu
unterweisen,
 die heidenchristliche Kirche sich als Weltkirche versteht, die die Heilsgeschichte Israels vollendet.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
2013 Kopp
Eduard Kopp
Wie missionarisch darf die Kirche sein?
Es gibt TV-Werbespots, die innerhalb kürzester Zeit Kultstatus erreichen. Die Spots über neue
Elektroherde gehören dazu. Da streift Gemüse, zum Anbeißen frisch, vor den Augen der
Betrachter vorbei, das Ceranfeld des Herdes leuchtet rot auf, der Panzer eines Hummers...
zerbricht - und während sich die Iris des Auges lustvoll verkleinert, stellen sich, alles in
Nahaufnahme, die Härchen auf den Armen des Kochs auf. Noch bevor das Logo des
Elektrokonzerns auftaucht, ist der Zuschauer gewonnen, durch eine Werbung, die Emotion, Lust,
Erlebnisse verheißt...
Auf solche Weise werben können die Kirchen aus einem einfachen Grund nicht: Ob jemand Glück
und Segen in der Kirche findet, hängt nicht von der Perfektion des Angebots, sondern von jedem
Menschen selbst - und von Gott ab.
Wie missionarisch darf Kirche also sein? Unbegrenzt. Es ist ihr Kernmerkmal: Mission bedeutet
Sendung. Nach den Berichten der Evangelien erschien Jesus nach seiner Auferstehung seinen
Anhängern und trug ihnen auf: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes..." (Mt 28). Diese Aufforderung wird
traditionell als Missionsbefehl Jesu bezeichnet. Zu den Menschen zu gehen, -ihnen die Botschaft
vom Reich Gottes zu überbringen, in dem jeder zu seinem Recht kommt, das ist die Aufgabe der
Kirche.
Vorbei ist die Zeit, in der Mission verknüpft war mit religiösem Zwang und barocker Strafpredigt,
mit Kolonisation. Zum Glauben, so forderten schon die Reformatoren, sollte man niemanden
zwingen - ein Grundsatz, der im Augsburgischen Bekenntnis von 1530 seinen Niederschlag fand:
Die Weitergabe des Glaubens muss „sine vi, sed verbo", also „ohne Gewalt, sondern durch das
Wort" erfolgen. .... Heute ist Kirche eine einladende Kirche. …
Eine einladende Kirche belagert andere Menschen nicht mit ihrer Botschaft, aber in ihr geben die
Menschen offen darüber Auskunft, was für sie wichtig ist und was sie zum Handeln motiviert. Hier
tauschen sich Menschen über ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen aus und versuchen, andere
dafür zu interessieren. Solche Mission ist nicht nur eine Sache der Worte, sondern auch des
beispielhaften Handelns. Eine unerwartete Hilfe für Nachbarn, eine liebevolle Betreuung von
Kindergartenkindern, eine behutsame Pflege im Krankenhaus, ein verantwortungsvoller Umgang
mit wissenschaftlichen Erkenntnissen: All dies kann Menschen einen Eindruck davon vermitteln,
was Christen wichtig ist.
Es ist heute Konsens, dass Mission nur dialogisch sein darf, dass die, die ihre Botschaft
anbringen, persönlich bereit sein müssen, sich anderen Ansichten zu öffnen. ... Die Kirche der
Zukunft wird plural sein: In ihr werden die Glaubenserfahrungen der vielen integriert. Eine
missionarische Kirche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie souverän die vielen Fäden
zusammenknüpft.
Kopp, E., Wie missionarisch darf die Kirche sein? chrismon 11/2011. www.chrismon.evangelisch.de/artikel/2011/wiemissionarisch-darf-die-kirche-sein-12659 (gekürzt und leicht verändert).
Aufgaben
1. Geben Sie den Gedankengang des Autors wieder. (9 P.)
2. Entfalten Sie einen Brennpunkt der Kirchengeschichte. (12 P.)
3. „Mission ist nicht nur eine Sache der Worte, sondern auch des beispielhaften Handelns." (Z. xx
f.). Entwickeln Sie Perspektiven für das Handeln der Kirche heute. (9 P.)
Kirche - Ökumene (TK 8)
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Lösungshinweise
Zu Aufgabe 1
Geben Sie den Gedankengang des Autors wieder.
Die Teilaufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich l. Der Operator „wiedergeben" verlangt
von den Schülerinnen / den Schülern, dass sie den Inhalt des Textes unter Verwendung der
Fachsprache in eigenen Worten ausdrücken.
Eduard Kopp setzt sich in seinem Artikel „Wie missionarisch darf die Kirche sein?" mit dem
Verkündigungsauftrag der Kirche auseinander, grenzt dabei Werbung und Mission voneinander ab
und stellt abschließend sein Missionsverständnis dar.
Fernsehwerbung und kirchliche Mission:
Werbung spreche Sinne und Emotionen der Zuschauer an und verspreche
Lust, Erlebnisse und vor allem Glück.
Solch ein Versprechen könnten die Kirchen nicht abgeben, da es nicht von
einem Produkt, sondern vom einzelnen Menschen sowie von Gott abhänge,
was die Kirche bewirke.
Kernaufgabe der Kirche:
Kopp betont, dass es Kernaufgabe der Kirche sei, das Reich Gottes zu
verkünden. Mission bedeute Sendung. Der Verfasser begründet dies mit Jesu
Auftrag in Mt 28.
Mission dürfe aber, wie schon im Augsburger Religionsbekenntnis festgehalten,
nicht mit Zwang und der Androhung von Strafe verbunden sein. Kirche soll eine
einladende Kirche sein.
Mission - eine Sache der Worte und des Tuns:
Gerade christliches Handeln in verschiedenen Lebensbereichen, wie z. B. sozialen und
wissenschaftlichen Einrichtungen, solle anderen Menschen zeigen, was Christen wichtig ist. Dabei
werde sowohl das Reden über wichtige Glaubensinhalte sowie Lebens- und Glaubenserfahrungen
als auch das helfende und Verantwortung übernehmende Handeln als zentral angesehen.
Mission dialogisch:
Die Träger der Mission müssten sich persönlich mit den Ansichten der anderen auseinandersetzen
und sie hätten für den Verfasser die Aufgabe, die Glaubenserfahrungen von vielen zu integrieren.
Die Kirche der Zukunft werde plural sein.
Zu Aufgabe 2
Entfalten Sie einen Brennpunkt der Kirchengeschichte. 12
Die Teilaufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich II.
Der Operator „entfalten" verlangt von den Schülerinnen / den Schülern, dass sie
einen Sachverhalt mit Informationen und Beispielen nachvollziehbar
veranschaulichen.
Die Schülerin / der Schüler wählt einen Brennpunkt aus den Bereichen „Frühe Kirche", „Mittelalter"
oder „Kirche im Widerstand" bzw. „Kirche im Sozialismus" und führt diesen aus, z.B.:
Auf dem Weg zur Reichskirche:
Das Beispiel der frühen Kirche zeigt einerseits, wie frühchristliche Gemeinden immer wieder unter
Verfolgung litten (z.B. durch Nero, Trajan, Diokletian) und mit dieser umgingen, andererseits aber
auch, wie die gewachsene Kirche infolge der Konstantinischen Wende sich veränderte, so dass
Kirche - Ökumene (TK 8)
14
am Ende des 4. Jhdts. unter Kaiser Theodosius das Christentum Staatsreligion wurde und
ihrerseits Andersgläubige unterdrückte. Aus einer verfolgten Religion war eine verfolgende
Religion geworden.
Kirche im Mittelalter:
Investiturstreit, Kreuzzüge, Inquisition: Am Beispiel der Kirche des Mittelalters lassen sich sowohl
(innerkirchliche) Machtkämpfe als auch der Kampf gegen andere Religionen (Kreuzzüge)
veranschaulichen und problematisieren.
Kirche im Zeitalter der Reformation:
Der Einsatz der Reformatoren für die Freiheit in Glaubensfragen und die
dadurch ausgelöste Entwicklung zeigen eine heftige Auseinandersetzung um
Glaubensinhalte und verdeutlicht, wie sich Christen gegen Widerstände
behaupten.
Kirche im Nationalsozialismus:
An der Entwicklung der Kirche im Nationalsozialismus lässt sich zeigen und problematisieren, wie
sich große Teile der Kirche durch Politik instrumentalisieren lassen. Gleichzeitig kann am Beispiel
der Bekennenden Kirche oder einer Einzelperson (z.B. Bonhoeffer) auch dargestellt werden, wie
Christen ihren Glauben trotz extremer Zwänge lebten und verteidigten.
u.a.
Zu Aufgabe 3
„Mission ist nicht nur eine Sache der Worte, sondern auch des
beispielhaften Handelns." (Z. 30 f.).
Entwickeln Sie Perspektiven für das Handeln der Kirche heute.
Die Teilaufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich III.
Der Operator „Perspektiven entwickeln" verlangt von den Schülerinnen / den Schülern, dass sie für
das Handeln der Kirche Schlussfolgerungen ziehen, Handlungsmöglichkeiten, Modelle u.a.
entfalten.
 Es können sowohl eigene Erfahrungen aus der Kirche, das Grundverständnis kirchlichen
Handels (Diakonia, koinonia, martyria, leiturgia) wie auch ein ekklesiologischer Entwurf in
die Antwort einfließen.

Ebenso könnte die Antwort von einem konkreten Projekt z.B.: „Brot für die Welt" entwickelt
werden, in dem die Kirche ihren missionarischen Auftrag gleichzeitig mit der Verbesserung
der Lebensbedingungen und Hilfe zur Selbsthilfe verbindet. Neben der konkreten
Darstellung gehört die Reflexion des Projektes und davon ausgehend das Entwickeln von
Perspektiven zur Beantwortung der Aufgabe.
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u.a.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
2013 Mawick
Reinhard Mawick
Glaube ohne Kirche - kann das gehen?
Wer aber die biblische Tradition ernst nimmt, kommt an der Kirche nicht vorbei. Zwar offenbart sich
der biblische Gott auch regelmäßig einzelnen Menschen, doch immer steht die Gemeinschaft im
Mittelpunkt der Beziehung zwischen Gott und Mensch ...
Die beiden grundlegenden Sakramente des Christentums verweisen auf die Gemeinschaft. Mit der
Taufe wird jeder Mensch in den Kreis der Glaubenden, die Kirche, aufgenommen.
Ein sinnfälligeres Symbol für die Gemeinschaft im Glauben ist das Abendmahl. Und außerdem
heißt es im wichtigen apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an die heilige christliche
Kirche." Damit ist ausgedrückt, dass Kirche und christlicher Glaube nicht nur organisatorischpraktisch, sondern wesentlich zusammengehören.
Den christlichen Glauben können Menschen nicht nur allein leben. Um ihn zu bekennen und zu
festigen, benötigen sie, wenn auch nicht immer, die Gemeinschaft. Die Erfahrung zeigt: Nur das zu
tun, zu denken und zu glauben, was einem selbst in den Sinn kommt, ist vielleicht eine Zeit lang,
aber nicht ein Leben lang befriedigend. Eine „Erschöpfung von der Liebesaffäre mit sich selbst"
diagnostiziert der evangelische Theologe Fulbert Steffensky beim modernen Menschen.
Allen Lebenssinn aus sich selbst zu ziehen, das macht unglücklich. Deshalb plädiert er für einen
Glauben mit der Kirche. Er ist überzeugt: „Man lernt seinen Glauben, seine Lebenshoffnung und
das Vertrauen auf die Güte des Lebens, indem man nachsprechen lernt, was man erst halb
glauben kann." Glaube braucht eben Vorbilder und gemeinsame Erfahrungen.
Die Kirchen verlangen keinen bedingungslosen Gehorsam mehr. Sie haben gelernt, die
Individualität des modernen Menschen zu achten und zu respektieren. Zum Glück kann heute
jeder Mensch selbst bestimmen, wie viel Nähe oder Distanz zur Kirche er will. Das gibt ihm die
Möglichkeit, sich in aller Freiheit dem Schatz der kirchlichen Tradition zu nähern. Ob nur auf
Sichtweite oder ganz nah dran - das bleibt jedem selbst überlassen.
http://www.evangelisch.de/kompass/glauben-und-leben/glaube-ohne-kirche-kann-das-gehen612;
02.12.2011, 16.23 Uhr.
Aufgaben:
1. „Wer aber die biblische Tradition ernst nimmt, kommt an der Kirche nicht vorbei." (Z. 1).
Zeigen Sie auf, wie der Verfasser diese These entwickelt. (9 P.)
2. Erläutern Sie das Verhältnis von Kirche und Staat an einem Beispiel. (12 P.)
3. Die Kirche hat den Auftrag das Evangelium Jesu Christi in Wort und Tat einladend zu
bezeugen.
Entwerfen Sie Perspektiven, wie die Kirche diesem Auftrag insbesondere für junge Menschen
gerecht werden kann. (9 P.)
Kirche - Ökumene (TK 8)
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Lösungshinweise:
Zu Aufgabe 1
"Wer aber die biblische Tradition ernst nimmt, kommt an der Kirche nicht vorbei" (Z. 1).
Zeigen Sie auf, wie der Verfasser diese These entwickelt.
Die Aufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich l.
Der Operator „aufzeigen" verlangt von den Schülerinnen / den Schülern, dass
sie den Gedankengang des Verfassers mit eigenen Worten darlegen.
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Gemeinschaft steht im Mittelpunkt der Beziehung zwischen Gott und Mensch
Zwei Sakramente sind im Zusammenhang mit Gemeinschaft zu sehen: Taufe: Aufnahme in
die Gemeinschaft, Abendmahl: Symbol für Gemeinschaft.
Glaubensbekenntnis verweist auf die "Kirche" (Gemeinschaft)
Glaube ohne Gemeinschaft geht nicht,
weil er sich schnell erschöpft und unglücklich macht,
weil man Vorbilder braucht,
weil man gemeinsame Erfahrungen braucht.
Es bleibt jedem selbst überlassen, wie viel Nähe oder Distanz er zur Kirche haben will.
Zu Aufgabe 2
Erläutern Sie das Verhältnis von Kirche und Staat an einem Beispiel. 12
Die Aufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich II.
Der Operator „erläutern" verlangt von den Schülerinnen / den Schülern, dass
sie das Verhältnis von Staat und Kirche an einem Beispiel nachvollziehbar
veranschaulichen.
Dies kann an folgenden Beispielen geschehen:
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Verhältnis von Kirche und Staat im NT (Urchristentum), etwa am Beispiel von Mk 12.
Verhältnis von Kirche und Staat in der Reformation, am Beispiel von Luthers Lehre von den
zwei Regimenten.
Verhältnis von Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland, etwa am Beispiel des
Religionsunterrichts.
u.a.
Zu Aufgabe 3:
Die Kirche hat den Auftrag das Evangelium Jesu Christi in Wort und Tat 9 einladend zu
bezeugen.
Entwerfen Sie Perspektiven wie die Kirche diesem Auftrag insbesondere für junge
Menschen gerecht werden kann.
Die Aufgabe bezieht sich auf den Anforderungsbereich III.
Der Operator „entwerfen" verlangt von den Schülerinnen / den Schülern, dass sie sich mit der
Aufgabenstellung kreativ auseinandersetzen. Dabei kann auch Bewährtes aufgenommen und
weiter entwickelt werden.
Punkte, die genannt werden können, sind:
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Integration der Jugendlichen in die Kirche durch:
Kirche - Ökumene (TK 8)
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moderne Liturgie / Lieder / Sprache /... Themen der Jugendlichen ansprechen und
verständlich aufbereiten
Gestaltungsmöglichkeiten für Jugendliche innerhalb der Gemeinde (Jugendarbeit, u.a.)
Kirche öffnen für die Kritik Jugendlicher und zum Dialog einladen
Kirche erschließt sich moderne Kommunikationsformen und - wege
Kirche sein bedeutet für den Menschen da zu sein, nicht umgekehrt (Bonhoeffer)
u.a.
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Kirche - Ökumene (TK 8)
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