Predigt von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Jubiläum 900 Jahre

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„Zukunft braucht Herkunft“
Predigt beim Pontifikalamt zu 900 Jahre Klosterkirche Hamersleben am 22. Juli 2012
(Neh 8,2-4a.5-6.8-10; 1 Petr 2,4-9; Lk 19,1-10)
„Die Zukunft war früher auch schon mal besser!“ Dieser ironische Satz von Karl
Valentin gilt wohl all denen, die sich in Nostalgie flüchten und die Vergangenheit
verklären: „Früher, ja – da war alles besser: die gesellschaftlichen Verhältnisse,
Moral und Sicherheit, das menschliche Zusammenleben, ja sogar die Jugend“, und
– so könnte man schließen – selbst die Zukunft.
Mit seiner Bemerkung löst Karl Valentin aber auch noch eine tiefere Frage aus: Wie
steht es eigentlich um unser Verhältnis zur Zukunft, unsere sehr persönliche, aber
auch die unserer Gesellschaft, unserer Kirche, ja der ganzen Schöpfung? Erfüllt uns
der Blick darauf mit Zuversicht – oder eher mit Sorge?
Kritische Beobachter des Zeitgeschehens machen darauf aufmerksam, dass es
heute vor allem an tragenden Perspektiven für die Zukunft fehle; und das sogar in
einem doppelten Sinn: Viele wissen nicht, wie sie ihr ganz konkretes Leben meistern
und in Würde bestehen können; vielen mangelt es aber auch an Perspektiven über
das irdische Leben hinaus. „Früher“ – so beschreibt es die Autorin eines Buches mit
dem bezeichnenden Titel „Das Leben als letzte Gelegenheit“ – lebten die Menschen
„40 Jahre plus ewig“ und „heute leben sie nur noch 90 Jahre“.
Ist es also doch so, wie Karl Valentin sagt, dass die Zukunft früher auch schon mal
besser war? Unversehens bekommt dieser Satz nun sogar einen tödlichen Ernst. Wo
es aber keine tragenden Zukunftsaussichten gibt, kann das menschliche Leben
sinnlos erscheinen. Dann ist es auch nur noch ein kleiner Schritt zu Resignation,
Verzweiflung oder auch gewalttätigen Reaktionen.
Wie können wir diesem Verlust an Zukunft gegensteuern? Einer der wichtigsten
Schritte besteht sicher darin, nach den eigenen Wurzeln zu suchen. „Zukunft braucht
Herkunft“, sagt der Philosoph Bodo Marquardt. Wir müssen wissen, wo wir
herkommen und wo unsere Wurzeln sind. Die Erinnerung gehört zu unserem Leben
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und stiftet Identität: die Erinnerung an eigene Erlebnisse und die gemeinsame
Vergangenheit, an Höhen und Tiefen, Schicksalsschläge und Glücksmomente,
Erfolge und Versagen, besonders auch an die Überwindung von Krisen, an
Aufbrüche und Neuanfänge. Konkret heißt das für uns in dieser Region auch, sich
ihrer religiösen Prägung und wechselvollen Kirchengeschichte bewusst zu bleiben.
Schließlich ist unsere Kultur ja ohne das jüdisch-christliche Erbe gar nicht denkbar.
1. Romanik
Dafür steht auch die Klosteranlage Hamersleben mit ihrer St. Pankratius geweihten
ehemaligen Stiftskirche der Augustiner Chorherren, einem wahren „Kleinod
romanischer Baukunst“1. Menschen verschiedenster Generationen, Prägung und
Herkunft werden nach wie vor von ihr und der ganzen Anlage in Bann gezogen: den
aufragenden Türmen, der Monumentalität und Gliederung des Gotteshauses, der
reichen Bauornamentik mit den wunderbaren Würfelkapitellen, die sicher zu den
schönsten Europas gehören.
Für den mittelalterlichen Menschen hat sich in einem solchen sakralen Bauwerk
etwas von der Ordnung widergespiegelt, die der ganzen Schöpfung zugrunde liegt.
Ja, es war ein Hinweis auf Gott selbst. Es „ist offenkundig“ – so schreibt einmal der
heilige Bonaventura – „wie in einem jeden Ding, das empfunden oder erkannt wird,
auf seinem Grund verborgen Gott selbst ruht“. Darum ging es der Romanik: nicht
Bestehendes zu verändern, sondern Verborgenes aufzudecken. Ein Gebäude wie
die Klosterkirche von Hamersleben hat die Menschen der damaligen Zeit also
unmittelbar mit dem Geheimnis Gottes in Berührung gebracht.
Und nicht nur das: in diesem Geheimnis Gottes haben die Menschen auch sich
selbst erkannt. Durch Bilder und Skulpturen wurde ihnen Jesus Christus vor Augen
geführt, in dem Gott Mensch geworden ist. An ihm konnten sie ablesen, wer sie
selbst sind: das Ebenbild Gottes. In immer neuen Facetten haben die Künstler der
Romanik versucht, dieses verborgene Ziel jedes Menschen auszudrücken. Und jeder
Einzelne hatte Zugang zu dieser Erkenntnis; sie wurde ihm in den Sakralbauten
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Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt.
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bildlich vor Augen geführt. So hat gerade die Romanik in unübertroffener Weise das
dargestellt, was zu den Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Menschenbildes
gehört: die unantastbare Würde jedes Menschen, die für uns Christen in der
Ebenbildlichkeit Gottes gründet.
2. Religion und Bildung
Auch in anderer Hinsicht bezeugt gerade das Kloster Hamersleben, wie sehr es zu
seinem „Programm“ gehörte, der Würde des Menschen zu dienen. Nach den Wirren
des Investiturstreits suchte Bischof Reinhard von Halberstadt für seine Kleriker eine
Lebensform, in der sich das klösterliche Leben mit der Seelsorgetätigkeit verbinden
ließ. Als er dann das Kloster Hamersleben gründete, gab er ihm darum die Regel der
Augustiner-Chorherren. Diese setzten sich nämlich bewusst für eine Reform der
Seelsorge in den Städten und auch auf dem Land ein. Entscheidend war für sie,
dass der Zugang zur Bildung für alle möglich sein sollte, nicht nur für diejenigen, die
eine geistliche Laufbahn anstrebten, sondern auch für das ganz „normale“ Volk in
den Städten und Dörfern. Und sich selbst betrachteten sie nicht „in erster Linie als
Gottsucher“, sondern „vor allem als Lehrer ihrer Mitbrüder und Mitmenschen … in
Wort und Tat“.
So beschreibt es jedenfalls einer der berühmtesten Schüler von Hamersleben, Hugo
von St. Victor, der später in Paris lehrte. Zur Bildung gehörten für ihn sowohl
handwerkliche Fertigkeiten als auch alles, was man damals wissenschaftlich
erforschen konnte. Besonders wichtig war ihm aber das Studium der Bibel. In allem
ging es ihm darum, den christlichen Glauben vernünftig zu begründen. Denn er hielt
es „für einen untragbaren Zustand, wenn sich ein Christ darauf beschränkt, dem
Glauben nicht zu widersprechen“, wenn er nur gewohnheitsmäßig zur Kirche geht
und sich keine weiteren Gedanken darüber macht, „worin die christliche Hoffnung
besteht und was das Christsein mit dem Menschsein zu tun hat“2.
Es ist geradezu aufregend aktuell, wie schon damals jemand einen so großen Wert
darauf legte, dass Religion und Bildung zusammengehören. Schon damals gab es
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Peter Knauer
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offensichtlich das Gespür dafür, welche Folgen es haben kann, wenn sich eine
Frömmigkeit nicht mit der Vernunft auseinandersetzt. In den letzten Jahren ist es ja
auch Papst Benedikt XVI., der nicht müde wird, vor solchen Gefahren zu warnen:
„Religion wird entstellt“ – so mahnte er einmal (2009 in Jordanien) – „wenn sie in den
Dienst der Ignoranz oder des Vorurteils, der Verachtung, der Gewalt und des
Missbrauchs gepresst wird". Demgegenüber ist gute Bildung für ihn „ein Sprungbrett
für die persönliche Entwicklung wie auch für Frieden und Fortschritt“. Nur auf dieser
Basis kann auch der Dialog zwischen den unterschiedlichen Kulturen, Religionen
und Weltanschauungen gelingen.
3. Europa
Es ist also durchaus aktuell, was die romanische Klosteranlage Hamersleben
auszustrahlen vermag. Ohne Christentum – so ihre Botschaft – würde Europa nicht
das sein, was es ist, würde seine Geschichte und Kultur nicht verstanden werden.
Was aber wäre Europa ohne eine Architektur und eine Bildgestaltung, die auf das
Geheimnis Gottes und auf die tiefste Bestimmung des Menschen als Gottes Ebenbild
hinweisen? Was wäre es ohne die pädagogische Leistung von Orden wie dem der
Augustiner-Chorherren, für die Religion und Bildung so tief zusammengehörten?
Die Frage dessen, was Europa eigentlich ausmacht, ist zurzeit ja tatsächlich eine
ganz drängende Frage geworden. In der Krise um eine gemeinsame Währung wird
besonders deutlich, dass wirtschaftliche Faktoren nicht ausreichen, um Gemeinschaft
zu stiften. Und genauso deutlich zeigt sich, dass es Menschen braucht, die ihren
Glauben begründen können, um so mit Menschen anderer Religionen und Kulturen
in Frieden und Freiheit zusammenleben zu können.
Zukunft braucht Herkunft. Das gilt gerade auch für die Zukunft Europas. Darum
erscheint es nicht nur hilfreich, sondern geradezu notwendig, sich wieder verstärkt
auf das zu besinnen, was die Grundlage der europäischen Kultur geworden ist: das
christliche Bild vom Menschen. Denn „Europa braucht eine Seele. Europa braucht
Werte und Orientierungen, es braucht Quellen der Hoffnung und der Begeisterung“.
Ich bin deshalb davon überzeugt – so schreibt Kardinal Walter Kasper – dass „das
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moderne Europa … auf die Dauer … nur Bestand haben“ wird, „wenn es seine
religiöse und insbesondere seine christliche Seele wiederentdeckt. Aus dem Geist
der Ehrfurcht vor Gott und der Anbetung Gottes müssen wir wieder die geschöpfliche
Demut und die dem Menschen gesetzten Maße lernen, die Ehrfurcht vor dem
Menschen und vor der Natur. Wir müssen die Hybris des Absolutheitswahns, die
Einbildung, wir seien gleichsam Götter und Herren der Welt … überwinden, wieder
ehrfürchtig und fromm werden. Wir müssen die Dimension des Heiligen
wiederentdecken“.
Dies gilt nicht nur den anderen, sondern auch oder besonders uns, die wir Christen
heißen. So ruft uns auch der 1. Petrusbrief zu: „Lasst euch als lebendige Steine zu
einem geistigen Haus aufbauen …, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der
euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ Manche in unserer
Gesellschaft – vielleicht auch viele – sind wie Zachäus im heutigen Evangelium auf
der Suche nach einem tieferen Sinn für ihr Leben und mehr Heil. Versperren wir
ihnen nicht die Sicht! So wie der Menschensohn gekommen ist, „um zu suchen und
zu retten, was verloren ist“, sollten auch wir uns nicht selbst genügen, sondern
„einladend, offen und dialogbereit“ auf unsere Zeitgenossen zugehen. Die 900Jahrfeier des Klosters Hamersleben könnte dazu ein guter Anstoß sein. Zukunft
braucht Herkunft – braucht aber auch überzeugte und geistvolle Christen, die sich
konstruktiv den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft stellen.
+ Gerhard Feige
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