Kurzfassung von 2010 des Offenen Briefs von Professor Dr

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Kurzfassung des Offenen Briefs von Professor Dr. Gerhard Amendt zur
Plakataktion "Mehr Respekt vor Kindern" der damaligen Bundesministerin für
FSFJ, Dr. Christine Bergmann im Jahre 1999
Ihre Plakataktion Mehr Respekt vor Kindern hat meine ungeteilte kritische Unterstützung….
Im Wesentlichen geht es mir um die Plakate Ihrer Kampagne, die überall im Land zu sehen
sind… Die Plakate zeigen Kinder, die von Verletzungen gezeichnet sind. …. Das Bild des
Jungen trägt die Angst einflößende Unterschrift Wer Schläge einsteckt, wird Schläge
austeilen. Das Plakats mit dem Mädchen hingegen den leicht resignativen Titel Man muss
ein Kind nicht schlagen, um es zu verletzten.
Mein erster Eindruck vom Plakat mit dem Jungen: Hier werden Jungen von etwas
Wesentlichem ausgeschlossen. Wovon?...
So heißt es auf dem Plakat mit dem Jungen: Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen!
Ein Junge ist zu sehen, der sich trotzig-verbissen mit beiden Händen nach hinten abstützt.
Sein Gesicht zeigt eine Mischung aus gegen sich selber gewendeter Aggressivität und
hoffnungsvoller Bockigkeit.….
Wohlgemerkt, Sie plädieren für Mehr Respekt vor Kindern! Nur frage ich mich, ob der Titel:
Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen! wirklich diesem Ziel gerecht wird? …
Denn wo bleibt auf diesem Plakat die Einfühlung für den Jungen, der geschlagen wird? Wo
bleibt die Empathie für seine seelische Zerrissenheit und sein heimatloses Leid über seine
Mutter oder seinen Vater, die er liebt. Ist Ihr Plakat nicht die entgegengesetzte Seite der
Einfühlungsfähigkeit? Besteht die Quintessenz Ihres Plakats nicht gerade darin, dass Jungen
nur deshalb ein Anrecht haben, nicht geschlagen zu werden, weil sie zurückschlagen und
weil sie nach Ihrer Ansicht automatisch zur nächsten Generation von Schlägern werden? Ist
diese Logik nicht selber Ausdruck einer Respektlosigkeit, auf die Sie mit Ihrer Kampagne
aufmerksam machen möchten? Ist das, was ich hier verzeichne, nicht geradezu ein
sadistisches Beispiel für jene mangelnde Empathie, die das Leid von geschlagenen Jungen
als unerheblich verwirft? Sie bringen unumwunden zum Ausdruck, dass Sie sich nicht für die
Seelen der Jungen in der Gegenwart interessieren, sondern nur dafür, wie geschlagene
Jungen zu gefährlichen Männern der zukünftigen Generation werden könnten. Nur, wie
wollen Sie weniger Gewalt in der Erziehung erreichen, wenn Ihr sinnvoller Versuch,
humanere Verhältnisse zu schaffen, sich jenes Mittels bedient, das sie auf dem Plakat mit
dem Mädchen bekämpfen? Dort heißt charakteristisch für den von Ihnen wieder erweiterten
Begriff des Schädlichen für Kinder: Man muss Kinder nicht schlagen, um sie zu verletzten!
Sie schlagen in Ihrer Aktion die Jungen nicht, aber Sie verletzen sie zutiefst, indem Sie ihr
Leiden an ihren schlagenden Müttern und Vätern wie ein Naturereignis unerörtert
vorbeiziehen lassen. Und die zu Ende gedachte Logik des Plakats gipfelt dann darin, dass
Jungen eigentlich geschlagen werden dürften, wenn nicht die Gefahr damit verbunden wäre,
dass sie als Männer weitergeben würden, was ihnen angetan wurde. …
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Im § 1631 Abs.2 BGB heißt es: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.
Körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen
sind unzulässig. Ihre Plakate sind unzulässig, weil sie seelisch verletzen und Jungen
entwürdigen. …
Wenn sie nicht funktionieren, dann muss man etwas ändern, damit sie wieder funktionieren.
Also schlagt sie nicht, denn das stört ihre Funktionalität. ….
Es wird so getan, als sei das Heroische im Leben der Männer etwas Selbstgewolltes mit dem
Frauen um alles in der Welt nichts zu tun haben wollen, weil es ihnen immer nur Nachteile
gebracht habe. Sie, Frau Dr. Bergmann, lehren Jungen eine ganz moderne Variante von
Konservativismus. Sie erwarten nämlich, dass das Heroische zukünftig stillschweigend ohne
Anzeichen von Überforderung, Unleidlichkeit und schon gar nicht von Leid erbracht wird. Sie
halten als Ministerin das Reden über das Leidvolle am Heroischen für überflüssig. Damit
sagen sie den Mädchen zugleich, wie sie die Jungen sehen sollen und was sie von ihnen
erwarten dürfen. Fazit des alten Weins in neuen Fässern: Eine Junge weint auch in Zukunft
nicht!? Nur die Mädchen dürfen das weiterhin tun! ……
Dass leidvolle Erfahrungen von Jungen in Ihrer Kampagne keine Rolle spielen, steht außer
Frage. Das ist der hohe Preis, der für einen pervertierten Respekt zu entrichten ist. ….
Die Dehumanisierung von Männlichkeit in Ihrer Kampagne wird daran erkennbar, dass Sie
Jungen unterstellen, sie würden mechanisch wie Roboter an anderen ablassen, was Ihnen
selber angetan wurde. … Letztlich behaupten Sie von Männern, dass sie unfähig sind,
sowohl aus ihrer familiären Leidensgeschichte und der Geschichte ihrer Kultur zu lernen.
Wer geschlagen wurde, wird zwangsläufig wieder zum Schläger! …
Nur: schicksalhafte Zwangsläufigkeit gibt es nicht. … Denn nichts muss wiederholt werden.
….. Jeder hat die Möglichkeit, sich seiner Chancen zu besinnen. … es nicht nachvollziehbar,
dass Sie sich gerade mit den Mächten des Dunklen identifizieren. … Deshalb verklären Sie
den Mechanismus der Wiederholung zum Schicksal von Männern. Frauen wollen sie
hingegen davon freihalten….
Wenn Ihr Plakat vor allem den Wiederholungszwang den Jungen unterstellt, dann zeugt das
von Realitätsblindheit, weil sie Jungen nicht in ihrer Individualität wahrnehmen wollen. Das
wiederum kann nur in eine feindliche Gesinnung gegen Jungen abdriften. Das ist die
voraussagbare Folge einer gespaltenen Weltsicht: Entmenschlichung von Männlichkeit!* …
gez. G. Amendt
*Wie das zwischenzeitlich im Parteiprogramm der SPD steht
Der vollständige Text als Download unter www.gerhard–amendt.at
Ebenfalls veröffentlicht in:
Gerhard Amendt: Mehr Respekt vor Kindern. Offener Brief an Christine Bergmann,
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in: Leviathan, 1/2001, 3-10
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