Zimbardo Übersetzungsvorlage

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Eine situationsbedingte Perspektive der Psychologie des
Bösen oder: Wie gute Menschen zu Übeltätern werden.
Philip G. Zimbardo, Ph. D. (Department für Psychologie, Stanford University)
Auszug aus: Arthur Miller (ED). The social psychology of good and evil: Understanding our
capacity for kindness and cruelty. New York: Guilford. (Erscheinungsdatum 2004).
Einführung
Ich verfolge einen situationsbedingten Ansatz, mit dessen Hilfe sowohl antisoziales Verhalten
von Einzelpersonen als auch staatlich sanktionierte Gewalt verstanden, behandelt und
verhindert werden können. Meine Analyse bezieht sich auf den gegenwärtigen Wissensstand
der sozialpsychologischen Forschung und Theorie. Sie steht im Kontrast zur traditionellen
Sichtweise der veranlagungsbestimmten Erklärungsversuche abweichenden Verhaltens. Die
Suche nach internen bestimmenden Faktoren von antisozialem Verhalten lokalisiert das Böse
innerhalb der einzelnen Veranlagungen - genetischem Erbgut, Persönlichkeitsmerkmalen,
pathologischen Gefahrenfaktoren und anderen organischen Variablen. Die situationsbedingte
Herangehensweise verhält sich dabei zur veranlagungsbestimmten wie die Modelle des
öffentlichen Gesundheitswesens der Krankheitsbekämpfung zu den medizinischen Modellen.
Sie folgt darin den Grundprinzipien der Lewinischen Theorie, welche die situations- oder
umstandsbedingten bestimmenden Faktoren des Verhaltens in den Vordergrund der
Betrachtung rückt statt lediglich Hintergrundumstände zu erhellen. Eine Besonderheit dieses
situationsbedingten Ansatzes ist die Verwendung experimenteller Labor- und Feldforschung
als Demonstrationen der lebenswichtigen Phänomene, welche andere Ansätze nur mündlich
analysieren. Das grundlegende darzustellende Paradigma veranschaulicht die relative
Mühelosigkeit, mit der "normale", ansonsten unauffällige Männer und Frauen dazu gebracht
werden, Böses zu tun, indem bestimmte situationsbedingte soziale Variablen ein- und
ausgeschaltet werden.
Ich beginne mit einer Reihe bewährter Daten - meinen Labor- und Felduntersuchungen über
Entpersönlichung, Aggression, Vandalismus, dem Gefängnisexperiment von Stanford, der
Prozessanalyse der Gehorsamstudien Milgrams sowie Banduras Analyse "der moralischen
Entkopplung bzw. Loslösung". Meine Analyse bezieht das Übel der unterlassenden
Hilfeleistung gegenüber Menschen in Bedrängnis ebenfalls in den Gegenstand der
Betrachtung ein. Diese Forschungsergebnisse zeigen die meist unterschätzte Energie von
sozialen Situationen oder Faktoren, die Einstellungen und Verhalten von Einzelpersonen,
Gruppen und Nationen verändern können. Schließlich erforsche ich extreme Fälle "bösen"
Verhaltens auf ihre veranlagungsbestimmten oder situationsbedingten Grundlagen hin Folterer, Angehörige von Todesschwadronen und terroristische Selbstmordattentäter.
Das Böse zielt darauf ab - oder veranlasst andere, so zu handeln -, dass unschuldige Dritte
gedemütigt, entmenschlicht, geschädigt, zerstört oder getötet werden. Diese
verhaltensorientierte Definition macht Einzelne oder Institutionen für gezielte,
interessengelenkte Handlungen verantwortlich, die eine Reihe negativer Konsequenzen für
andere Menschen zur Folge haben. Die Definition schließt dabei sowohl die versehentlichen
oder unbeabsichtigten schädlichen Resultate von Handlungen als auch die erweiterten Formen
des institutionalisierten Bösen wie Armut, Diskriminierung oder Klimazerstörung durch
wirtschaftliche Ausbeutung aus. Sie umfasst andererseits die korporative Verantwortlichkeit
von Menschen für Marketing und Verkauf von Produkten mit bekannten
krankheitsverursachenden und todbringenden Eigenschaften, wie etwa Zigarettenhersteller
oder Verkäufer anderer Drogen. Dabei geht sie auch - wie die Erforschung interpersonaler
Gewalt zeigt - über die Frage nach dem/den Erstverursacher/n der Aggression hinaus, um die
Verantwortlichen in der höheren Autorisierungsinstanzen einzubeziehen, deren Aufträge oder
Pläne von untergeordneten Beamten ausgeführt werden. Dies gilt für militärische
Befehlshaber und nationale Verführer wie Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Idi Amin und andere
Tyrannen, welche die Geschichte für ihre Schuld am Tode von Millionen Unschuldiger
verantwortlich macht. Auch über die üble Rolle von Präsident Bush im aggressiven und in
seinen Motiven zweifelhaften Erstschlag-Krieg gegen den Irak im März 2002, welcher der
gesamten Region Tod, Verletzung, Zerstörung und anhaltendes Chaos brachte, wird die
Geschichte ihr Urteil sprechen. Eine griffige volkstümliche Definition des Bösen har mein
Kollegen Irving Sarnoff vorgeschlagen: „Böse ist, das Bessere zu wissen, aber das
Schlechtere zu tun.“
Wir leben in einer Welt, in der sich das Böse in zwischenstaatlichen Kriegen und
Bürgerkriegen, hausgemachtem wie exportierten Terrorismus, Mord, Vergewaltigung,
häuslicher Gewalt, Kindmissbrauch und anderen Formen der Zerstörung manifestiert. Der
gleiche menschliche Verstand, der die schönsten Kunstwerke und die außerordentlichsten
Wunder der Technologie hervorbringt, ist gleichermaßen für die Perversion seiner eigenen
Perfektion verantwortlich. Dieser dynamischste aller Organismen im Universum ist über die
Jahrhunderte hinweg zu einer scheinbar unerschöpflichen Quelle für die Erfindung immer
schlimmerer Folterkammern und Instrumente der Grausamkeiten geworden. Das Beispiel der
bestialischen Maschinerie der Vergewaltigungen chinesischer Frauen durch japanische
Soldaten in Nanking (siehe Iris Chang, 1997) zeigt dies genauso wie die neue Demonstration
„des kreativen Bösen“ durch einige zu Waffen umfunktionierte kommerzielle Flugzeuge bei
der Zerstörung des World Trade Centers. Wir hören nicht auf, nach dem „Warum“ zu fragen.
Wie in aller Welt konnte so etwas passierten? Wie kann das Unvorstellbare so schnell
vorstellbar werden? Die gleichen Fragen haben schon Generationen vor uns gestellt.
Ich wünsche, ich hätte sichere Antworten auf diese profunden Fragen, aber kann mich ihnen
hier nur in einem sehr begrenztem Rahmen widmen. Mein Interesse besteht darin, zu
untersuchen, wie gute und ansonsten unauffällige Menschen zum Tun des Bösen rekrutiert
und verführt werden. Im Gegensatz zur traditionellen Herangehensweise, "böse Menschen"
zu brandmarken, um das Böse in unserer Mitte zu erklären, konzentriere ich mich auf den
Versuch der Beschreibung einiger zentralen Bedingungen, welche die Verwandlung von
ansonsten unauffälligen Menschen in Übeltäter mitbestimmen.
Die Lokalisierung des Bösen in bestimmten Menschen: Der Hang zum Dispositionalen
"Wenn Gott allmächtig, allwissend, aber auch allgütig ist: wer ist dann für das Böse in der
Welt verantwortlich?“ Diese Vexierfrage entstand auf den intellektuellen Schafotten der
Inquisition im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Wie das Malleus Maleficarum
(Handbuch der deutschen Inquisition der römisch-katholischen Kirche) feststellt, ist der
Teufel die Quelle alles Übels. Jedoch argumentierten die Theologen der Inquisitionszeit, dass
der Teufel das Böse nur durch Vermittler, niedere Dämonen und selbstverständlich durch
menschliche Hexen ausübe. So konzentrierte sich die Jagd nach dem Bösen auf jene
marginalisierten Leute, die eben anders aussahen oder handelten als die Normalbevölkerung.
Diese erwiesen sich unter der rigorosen „Prüfung der Gewissen“ in den Folterkammern
meistens schnell als Hexen und wurden zum Tode verurteilt. In der Regel waren die Opfer
Frauen - eine leichte Beute für die Inquisitoren, da sie keine juristischen Möglichkeiten zur
Verteidigung hatten, insbesondere dann, wenn sie über begehrswerte konfiszierbare
Ressourcen verfügten. Eine genaue Analyse dieses Vermächtnisses der institutionalisierten
Gewalttätigkeit gegen Frauen legt die Historikerin Anne Barstow (1994) in ihrem Buch
„Witchcraze“ vor. Paradoxerweise brachten die frühe Bemühungen der Inquisition, die
Ursprünge des Bösen zu verstehen und dagegen Interventionsmöglichkeiten zu entwickeln,
wiederum neue Formen des Bösen hervor, die alle Facetten meiner oben genannten Definition
erfüllten. Aber sie illustrieren damit auch das Problem, den komplizierten Prozess der
Erklärung und Bekämpfung des Bösen auf die Brandmarkung von angeblich schuldigen
Einzelpersonen zu reduzieren, die für ihre (vermeintlich) schlechten Taten bezahlen müssen.
Wie die traditionelle Psychiatrie lokalisiert auch die psychodynamische Theorie die Wurzeln
individueller Gewalt und anti-sozialen Verhaltens in der Psyche gestörter Personen, indem sie
die Gewalt bis zu den frühen Wurzeln ungelöster infantiler Konflikte zurückverfolgt. Wie bei
der genetischen Sichtweise der Pathologie führen solche psychologischen Analyseverfahren
das abweichende, von der Gesellschaft als pathologisch angesehene Verhalten auf
pathologische Ursprünge zurück: auf defekte Gene, "schlechten Samen“, oder krankhafte
Persönlichkeitsstrukturen. Die gleichen Resultate können jedoch von sehr unterschiedlichen
Leuten erzeugt werden, die zunächst keine Hinweise auf schlechte Veranlagungen geben.
Meine Kollegen und ich (Schutze, Zimbardo u. Berthoff, 1973) interviewten und prüften
neunzehn Insassen verschiedener kalifornischer Gefängnisse, die alle vor kurzem des
Totschlags überführt worden waren. Die Hälfte der Mörder hatte bereits eine lange
gewalttätige Lebensgeschichte hinter sich. Diese Männer zeigten gewaltige Defizite
bezüglich ihrer Impulskontrolle (auf dem MMPI). Im Blick auf in ihre sexuelle Identität
waren die Mörder entschieden machohaft und extrovertiert. Die anderen zehn Mörder zeigten
dagegen völlig unterschiedliche Profile. Sie hatten vor dem aktuellen Totschlag nie eine
kriminelle Handlung begangen - ihre Morde waren völlig unvoraussehbar und standen in
großem Gegensatz zu ihrer ansonsten zurückhaltenden Art und freundlichen Disposition. Ihr
Problem war eine übermäßige Impulskontrolle, die den Ausdruck aller möglichen Gefühle
hemmte. Ihre sexuelle Identität war weitgehend feminin oder androgyn, und die Mehrheit
von ihnen war eher schüchtern. Diese "schüchternen impulsiven Mörder" aber töteten mit der
gleichen Vehemenz wie die gewohnheitsmäßigen Verbrecher, und ihre Opfer starben an den
gleichen starken Gewalteinwirkungen. Es wäre jedoch unmöglich gewesen, dieses Resultat
aus der zuvor gewonnenen Kenntnis ihrer Persönlichkeiten abzuleiten, da sie sich so deutlich
von den gewohnheitsmäßigen Verbrechern unterschieden.
Im Jahr 1950 wurde von einem Psychologenteam um Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson
und Sanford das so genannte „autoritäre Persönlichkeitssyndrom“ konstatiert, um das
Phänomen des Holocausts und der weit verbreiteten Faszination des Nationalsozialismus und
der Person Hitlers zu erklären. Allerdings verführte eine veranlagungsbestimmte
Voreingenommenheit die Autoren dazu, ihre Untersuchungen nur auf bestimmte
Persönlichkeitsfaktoren zu richten, die gewöhnlich faschistoider Mentalität zugrunde liegen.
Sie übersahen jedoch dabei jedoch die vielen Prozesse, die auf den politischen,
ökonomischen, gesellschaftlichen und historischen Ebenen funktionieren müssen, um so viele
Millionen Menschen zu einem derartigen Hassverhalten gegenüber Juden einerseits und zur
abgrundtiefen Bewunderung der offenbaren Stärke ihres Diktators andererseits zu bewegen.
Die Tendenz, beobachtetes Verhalten veranlagungsbestimmt zu erklären, aber gleichzeitig
die Auswirkung der situationsbedingten Variablen zu ignorieren oder minimieren, sind von
meinem Kollegen Lee Ross als „grundlegende Zuerkennungsstörung“ (englisch: Fundamental
Attribution Error) benannt worden (1977). Gerade wenn wir multi-kausale und mehrdeutige
Szenarios verstehen wollen, neigen wir in der Mehrzahl dazu, dispositionale Analysen zu
bevorzugen und situationsbedingte Erklärungen zurückzustellen. Wir erliegen diesem Effekt,
weil so vieles in unserer Ausbildung, unserem sozialen und professionellen Training, aber
auch in unseren gesellschaftlichen Institutionen auf individuelle, dispositionale
Bestimmungen ausgerichtet ist. Veranlagungsbestimmte Analysen sind ein zentrales
Merkmal von Kulturen, die auf individualistischen anstatt kollektiven Werten basieren (siehe
Triandis, 1994). So sind es Einzelpersonen, die Lob und Ruhm und Reichtum für ihre
Errungenschaften erhalten und so für ihre Einzigartigkeit geehrt werden, aber es sind auch
Einzelpersonen, die für die Krankheiten der Gesellschaft verantwortlich gemacht bzw.
geächtet werden. Unsere rechtlichen, medizinischen, pädagogischen und religiösen Systeme
basieren alle auf dem Grundprinzip des Individualismus. Veranlagungsbestimmte Analysen
von antisozialem oder non-konformen Verhalten umfassen immer Strategien zur
Verhaltensänderung, die abweichende Einzelpersonen durch spezielle Weiterbildung oder
Therapie besser an ihre Mitwelt anpassen wollen oder sie von der Gesellschaft durch
Gefangenschaft, Exil oder Hinrichtung ausschließen. Die Lokalisierung des Übels innerhalb
der ausgewählten Einzelpersonen oder Gruppen hat jedoch immer die fragwürdige
Konsequenz, die Gesellschaft als ganze, sowie gesellschaftliche Strukturen und politische
Entscheidungsgremien im Besonderen von ihrer Mitverantwortung für die grundlegenden
Umstände zu entlasten, die Armut, Marginalisierung bestimmter Randgruppen, Rassismus,
Sexismus und Elitismus verursachen.
Was sind andere Eigenschaften dieser veranlagungsbestimmten Definition des Bösen? Ich
denke, dass eins ihrer hervorstechenden Merkmale die Einteilung der Welt in zwei Kategorien
impliziert –in eine Welt der guten Menschen (natürlich Bürger der USA), und in eine Welt
der schlechten Menschen, die Welt der „Anderen“. Diese klar bestimmte Dichotomie wird
durch eine Trennlinie von Gut und Böse definiert. Wir nehmen dann Zuflucht zu der Illusion,
dass diese Linie undurchlässig sei und damit das Überwechseln in jede Richtung begrenze.
So können wir uns nie vorstellen, wie die Anderen zu sein, so undenkbar schmutzige Taten
wie sie zu vollbringen. Daher verwehren wir ihnen auch den Zutritt zu uns, weil sie
grundsätzlich so völlig und unumkehrbar anders sind als wir. Das bedeutet auch, dass wir
kein Interesse haben, verstehen zu wollen, was sie zu so abweichendem Verhalten veranlasst
hat. Ich möchte vielmehr an die geopolitische Analyse des russischen Schriftstellers
Alexander Solscheniz yn erinnern, eines Opfers der Verfolgung durch den Sowjetischen
KGB, der davon sprach, dass die Linie zwischen Gut und Böse mitten durch jedes
menschliche Herzens geht.
Über die Transformation guter Menschen in Agenten der Zerstörung
Dass meine Grundeinstellung zugegebenermaßen mehr in Richtung der situationsbedingten
als der veranlagungsbestimmten Verhaltensanalyse geht, hängt sicherlich mit meinem
Training in experimenteller Sozialpsychologie, aber auch mit meiner Herkunft zusammen: ich
bin in der Armut der Süd-Bronx, einem New Yorker Ghetto, aufgewachsen. Meines
Erachtens sind veranlagungsbestimmte Orientierung und Reichtum wahrscheinlich enger
aufeinander zu beziehen, als dies bisher getan wird, da die Reichen sich ihren Erfolg
individuell als Verdienst anrechnen, während situationsorientierte Analytiker sich eher aus
den unteren Einkommensschichten rekrutieren, die die Gründe für die offensichtlich
dysfunktionalen Lebensumstände der Menschen in ihrer Umgebung auf externe Umstände
und Faktoren zurückführen.
Aber hier möchte ich mich hauptsächlich dem Verstehen der psychologischen und sozialen
Dynamiken und damit der Fragestellung widmen, wann ansonsten unauffällige "gute"
Menschen beginnen, anti-sozial zu handeln und sich extrem zerstörerisch gegenüber dem
Eigentum, Leib und Leben anderer Menschen zu verhalten. Ich habe es selbst miterlebt, wie
meine Freunde aus ersten Kindertagen solche Verwandlungen durchliefen. Ich habe mich
gewundert, wie sie sich so verändern konnten, und mich dann gefragt, ob dies auch mir hätte
passieren können. In ähnlicher Weise war als Kind fasziniert von Roberts Louis Stevensons
berühmter Geschichte der Verwandlung des guten Dr. Jekyll in den mörderischen Herrn
Hyde. Was war in seiner chemischen Formel, das so eine sofortige und tiefgreifende
Auswirkung haben konnte? Selbst als Kind fragte ich mich schon, ob es noch andere
Möglichkeiten gäbe, solche Änderungen zu verursachen, da meine Freunde eben keinen
Zugang zu Dr. Jekylls Elixier des Bösen hatten, bevor sie den Leute solche schlimme Dinge
antaten. Erst später sollte ich entdecken, dass die Sozialpsychologie Rezepte für solche
Umwandlungen besitzt.
Unsere Aufgabe ist es, besser zu verstehen, wie praktisch jeder Mensch dazu gebracht werden
könnte, so zu handeln, dass andere Menschen ihrer Würde, Menschlichkeit und ihres Leben
beraubt werden. Die Dispositionsanalyse veranlasst diejenigen, die noch nicht Falsches getan
haben, selbstgerecht zu erklären: „Mir könnte das nicht passieren; ich bin völlig anders
gestrickt als die Menschen, die so etwas Böses tun können!“ Indem wir diese „Wir-gegenSie“ Unterscheidung festschreiben, leben wir in einer Art fälschlicher moralischer
Überlegenheit. Sie entspringt meines Erachtens der Ignoranz und der Nicht-Wahrnehmung
situationsbedingter und struktureller Faktoren, die andere - genau wie uns selbst – verführen
können, eben das Übel anzurichten, dessen wir uns unfähig zu tun dünken. Es ist falscher
Stolz, wenn wir glauben, dass wir „dazu nicht imstande“ seien.
Der menschliche Verstand ist erstaunlich: er kann sich praktisch jedem bekannten Wandel der
Verhältnisse anpassen, um zu überleben, zu erschaffen und wenn nötig auch zu zerstören. Wir
werden nicht mit einer Neigung zum Gutem oder Bösen geboren, wohl aber mit geistigen
Schablonen oder Mustern, entweder wunderbarer oder schrecklicher zu handeln als je
Menschen es vor uns getan haben.
Keine/r von uns ist eine Insel. Niemand von uns ist unverwundbar. Nur wenn wir dies
anerkennen, wird Demut den Platz unbegründeten Stolzes einnehmen. Wenn wir
Mechanismen zur Bekämpfung solcher Transformationen entwickeln wollen, scheint es mir
wesentlich, das Ausmaß der Verführbarkeit ganz normaler Leute zum Tun des Bösen richtig
einschätzen zu lernen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, die Mechanismen der kausalen
Faktoren aufzudecken, die so viele Menschen auf der ganzen Welt zum Tun des Bösen
veranlassen. (Vergleichen Sie dazu auch den weiten Bereich von Konzepten und Ideen, die
von den sozialpsychologischen Kollegen dargestellt worden sind: Baumeister, 1997; Darley,
1992; Staub, 1989; Waller, 2002.)
Die Milgram Experimente zum Gehorsam
Die offensichtlichste Kraft der experimentellen Demonstration blinden Gehorsams gegenüber
einer Autorität durch Stanley Milgram (1974) liegt in der unerwartet hohen Rate der
Befehlsbefolgung: zwei Drittel der Beteiligten gingen buchstäblich „bis zum Letzten“, indem
sie ihren Opfern Stromstöße von offensichtlich tödlicher Dosis verabreichten. Milgrams
Forschungsergebnisse entsetzten in der Tat die meisten Personen, die darüber lasen oder die
Filmversion seiner Studie sahen, weil sie aufdeckten, dass eine Vielzahl gewöhnlicher
amerikanischer Bürger freiwillig dazu gebracht werden könnte, „einen netten Fremden zu
exekutieren.“ Aber der bedeutendere Wert seiner Forschung liegt darin, was Milgram nach
Abschluss dieser klassischen Erststudie mit Hochschulstudenten von Yale tat. Die meisten
Menschen wissen nicht, dass Milgram insgesamt achtzehn experimentelle Variationen mit
mehr als tausend Versuchspersonen durchgeführt hat, die eine große Bandbreite der Herkunft,
des Alters, beider Geschlechter und aller Bildungsniveaus aufwiesen. In jeder dieser Studien
veränderte er eine psychologische Sozialvariable und beobachtet ihre Auswirkung auf den
Umfang des Gehorsams gegenüber dem Druck, den eine illegitime Autorität auf die
Testpersonen ausübte, um das Experiment fortzusetzen. Er war in der Lage, zu zeigen, dass
die Befolgungsrate der Testpersonen bis auf neunzig Prozent ansteigen konnte, welche das
Maximum von vierhundertfünfzig (!) Volt an das unglückselige Opfer austeilte, aber dass die
gleiche Befolgungsrate durch das Vorstellen von nur einer Variable in dem Befolgungsrezept
auch auf weniger als zehn Prozent Gesamtgehorsam verringert werden konnte.
Die Ergebnisse des Experiments zeigen, dass Gehorsam nach vorheriger Beobachtung anderer
Testpersonen maximiert wurde, die mit fraglosem Gehorsam reagiert hatten. Drastisch
verringerte sich die Gehorsamsrate jedoch, wenn die Testpersonen sich gegen den Testleiter
auflehnten oder wenn das Opfer wie ein Masochist agierte. An diesem letzten Resultat
interessieren mich besonders die Daten, die Milgram bezüglich der Vorhersagen des
Resultates durch vierzig Psychiater zur Verfügung gestellt hat, denen die grundlegende
Beschreibung des klassischen Experimentes zuvor gegeben worden war. Ihre
durchschnittliche prozentuale Voreinschätzung der Testpersonen, die die volle „Strafe“ von
vierhundertfünfzig Volt austeilen würden, betrug weniger als ein Prozent. Sie glaubten, dass
nur Sadisten ein solch brutales Verhalten an den Tag legen würden. Allein an dieser
Einschätzung der Psychiater wird die Ungeheuerlichkeit der Forschungsergebnisse Milgrams
deutlich. Selbst diese Experten der Untersuchung menschlichen Verhaltens lagen in ihren
Voraussagen total falsch, weil sie die situationsbezogenen bestimmenden Faktoren des
Verhaltens in der Verfahrensbeschreibung des Experimentes ignorierten und sich aufgrund
ihres professionellen Trainings zu sehr auf die veranlagungsbestimmte Perspektive verließen.
Ihr Irrtum ist ein klassischer Fall von grundlegender Zuerkennungsstörung (FAE).
Es war Milgrams Absicht, mit dem Experiment ein Paradigma zur Verfügung zu stellen, das
es ihm ermöglichte, "Böses" quantitativ durch die Differenzierung der Tasten zu bestimmen,
die auf einem Stomschlaggenerator betätigt wurden, um (angebliche) Stromstöße an einen
freundlichen Testteilnehmer weiterzugeben, der die Rolle der Schülers oder des Anfängers
spielte, während die andere Testperson die Lehrerrolle einnahm. Lassen Sie uns nun einige
der Verfahren in diesem Forschungsparadigma umreißen, das viele gewöhnliche Bürger zur
Mittäterschaft in diesem bösen Spiel verführte. Ich möchte damit Ähnlichkeiten zu den
Befolgungsstrategien aufzeigen, die von den Werbungsfachleuten in der real existierenden
Welt verwendet werden, wie Verkäufern, Sektenwerbern und unseren politischen
Führungskadern (sehen Sie Cialdini, 2001).
Zehn Prinzipien zur Verhaltenskonditionierung
Unter Milgrams grundsätzlichen Prinzipien der Verhaltenskonditionierung zum Tun des
Bösen sind die folgenden zehn:
1. Die Präsentation einer akzeptierbaren Rechtfertigung des Strafverhalten. Im
vorliegenden Experiment ist es der Wunsch, Menschen durch vernünftigen Einsatz von
Bestrafungsstrategien zu helfen, ihr Gedächtnis verbessern. Allgemein heißt diese Form der
Rechtfertigung in der experimentellen Forschung „Cover Story", weil sie eine
Scheinrechtfertigung für ein Verfahren aufstellt, das in sich selbst nicht sinnvoll oder hilfreich
ist. Ihr Äquivalent in der real existierenden Welt ist beispielsweise die ideologische Rede von
der „Staatssicherheit“, einer netten großen Lüge für das Einleiten einer Reihe von schlechten,
illegalen, unmoralischen politischen Entscheidungen.
2. Das Unterschreiben einer Vereinbarung, die entsprechendes Strafverhalten vorsieht.
3. Die Delegierung von Rollen/Funktionen (Lehrer, Schüler), die eine grundsätzlich
wichtige (positive) gesellschaftliche Wertung tragen.
4. Die Aufstellung eines Regelkodex, der grundsätzlich logisch erscheint, aber subjektiv
zur willenlosen Ausführung verleitet. „Die Weigerung zu reagieren, muss als Fehler/
Versagen betrachtet werden“; so lautete eine von Milgrams Regeln, Auslassungen genauso
mit Stromstößen zu bestrafen wie falsche Antworten. Aber was geschieht dann, wenn der
Schüler über Herzbeschwerden klagt, das Experiment abbrechen möchte und später laut
schreit, gefolgt von einem dumpfen Fallgeräusch und einer Stille? Die Unfähigkeit des
Schülers, auf den Lehrer wegen des Eintritts des Todes oder der Bewusstlosigkeit zu
reagieren, muss zur fortwährenden Bestrafung führen, da Auslassungen als Fehler betrachtet
werden. Der anfangs scheinbar logische Regelkodex ist längst ad absurdum geführt: Wie
sollte ein Lehrer einem Schüler helfen, sein Gedächtnis zu verbessern, wenn letzterer absolut
außer Gefecht gesetzt oder sogar schon tot ist? Viel zu viele Teilnehmer hörten unter
zunehmendem Stress auf, sich solche ursprünglichen, offensichtlichen und kritischen Fragen
zu stellen.
5. Die euphemistische Beschreibung des Strafverhaltens: vom „Verletzen der Opfer“ zum
„Schülern helfen, sich durch Bestrafung zu ändern“.
6. Das Erstellen einer Hierarchie der Weitergabe von Verantwortlichkeiten: „Ich bin nur
ausführendes Organ; andere sind verantwortlich“.
7. Tabubruch und Grenzüberschreitung in scheinbar „harmlosen“ kleinen Schritten
(fünfzehn Volt).
8. Graduelle, stufenweise und stetige Erhöhung des Aggressionslevels (dreißig Volt),
allerdings ohne Kommentar und Möglichkeit der Reflexion.
9. Die Veränderung der gerechtfertigten Einflussnahme hin zur ungerechtigfertigten
Einflussnahme, von rationaler Autorität zur irrationalen Autorität.
10. Das Erschweren der Ausstiegsbedingungen; normale verbale Weigerungen werden
nicht akzeptiert oder überhört.
Solche Verfahren werden in vielfältigen Situationen der Verhaltenskonditionierung
verwendet, in denen Autoritätspersonen wünschen, dass andere ihr Wünsche ausführen, aber
gleichzeitig wissen, dass nur wenige sich darauf einlassen würden, bis zum Äußersten zu
gehen, ohne erst richtig psychologisch darauf vorbereitet zu sein. Ich lade die Leser ein,
gedanklich die genannten Befolgungsgrundregeln an den Taktiken durchzuspielen, die von
der Busch-Regierung verwendet hat, um Amerikaner zum Kriegseintritt gegen den Irak zu
veranlassen.
Der Herr der Fliegen und die Psychologie der Entpersönlichung
William Goldings vortrefflicher und mit dem Nobel-Preis für Literatur ausgezeichneter
Roman von der Umwandlung guter britischer Chorjungen in mörderische Tiere (1962) richtet
das Augenmerk auf die Veränderung des körperlichen Aussehens, die zu einer Änderung des
Geisteszustandes und des Verhaltens führt. Das Bemalen der eigenen Person, die Änderung
des Äußeren macht es einigen Jungen möglich, dem zuvor zurückgehaltenen Trieb
nachzugeben, ein Schwein zu töten. Sobald dieser zuvor fremde Akt des Tötens eines
anderen Geschöpfs enttabuisiert ist, können die Jungen sowohl Tiere und auch Menschen
zunehmend lustvoll töten. Ist es psychologisch zutreffend, dass äußeres Aussehen sich auf
interne Verhaltensprozesse auswirken kann? Bei meiner Antwortsuche auf diese Frage habe
ich mich in einer Reihe von Experimenten und Felduntersuchungen mit der Psychologie von
Entpersönlichung/Deindividuation (Zimbardo, 1970) auseinandergesetzt.
Das grundlegende Verfahren involvierte dabei junge Frauen, die eine Reihe schmerzlicher
elektrischer Schläge an je eine von zwei anderen jungen Frauen austeilten, die sie durch einen
Einwegspiegel hindurch sehen und hören konnten. Die Hälfte von ihnen befand sich in einem
Zustand der Anonymität oder Deindividuation, die andere Hälfte war in einem Zustand der
Unverwechselbarkeit oder Individuation. Die vier Studentinnen der Deindividuationsgruppe
hatten ihr Aussehen verborgen und trugen Nummern anstelle ihrer Namen als Kennzeichen.
Die Testpersonen der Vergleichsgruppe wurden beim Namen genannt. Ihnen wurde das
Gefühl gegeben, einzigartig zu sein, obgleich auch sie eine Vierergruppe bildeten und gebeten
wurden, die gleichen Strafen an jeder der zwei „Opfer“ zu vollziehen – all dies unter dem
Vorwand einer angemessenen „Cover Story“, einer „großen Lüge“, die nie hinterfragt wurde.
Die Resultate waren eindeutig: Die Frauen im entpersönlichten Zustand verabreichten
zweimal so viele Stromschläge an die beiden Opfer wie die Frauen in der
Individuationsgruppe. Darüber hinaus verabreichten sie beiden Opfer - der Person, die ihnen
vorher als unproblematisch und angenehm vorgestellt worden war, wie auch der zunächst als
unangenehm vorgestellten Person - im Verlauf der zwanzig Versuche zunehmend intensivere
Stromschläge, während die Individuationsgruppe im Verlauf des Experiments das als
angenehm bezeichnete Opfer weniger bestrafte als das unangenehme. Aus diesem
Experiment und seinen verschiedenen Reproduktionen und Veränderungen können wichtige
Schlussfolgerungen gezogen werden, etwa für militärisches Personal. Alles, was Menschen
entpersönlicht, was ihnen das Gefühl gibt, niemand wisse, wer sie sind, erhöht das Potential,
Gewalt auszuüben, wenn die Situation es erlaubt.
Halloween-Verkleidungen und Aggression in Kindern.
Wir wissen, dass Leute sich zu besonders fröhlichen Anlässen verkleiden, wie z.B. bei den
Karnevalsritualen in vielen katholischen Ländern. In Amerika setzen sich Kinder zu
Halloween Masken auf und ziehen besondere Kostüme an. Scott Fraser (1974) arrangierte
einmal eine spezielle, experimentelle Halloween-Party für Grundschulkinder, die von ihrer
Lehrerin veranstaltet wurde. Es wurden viele Spiele durchgeführt, und für jedes gewonnene
Spiel wurden Chips erworben, die am Ende der Party gegen Geschenke ausgetauscht werden
konnten. Die Hälfte der Spiele war nicht wettbewerbsorientiert; die andere Hälfte aber
involvierte aggressives Verhalten bzw. körperliche Konfrontationen zwischen zwei Kindern,
um zu gewinnen bzw. das Ziel zu erreichen. Das experimentelle Design dieser Spiele war das
so genannte A-B-A-Format: keine Kostüme zuerst, während die Spiele gespielt wurden; dann
kamen an die Kostüme und wurden während der folgenden Spiele getragen; schließlich
wurden die Kostüme entfernt und die Spiele gingen in einer dritten Phase weiter. Jede Phase
dauerte ungefähr eine Stunde lang.
Die Daten sind ein beredtes Zeugnis für die Macht der Anonymität. Die Aggression erhöhte
sich nämlich erheblich, sobald die Kostüme getragen wurden, ja, sie verdoppelte sich sogar
gegenüber der niedrigen Erstrate. Aber als die Kostüme entfernt wurden, fiel der
Aggressionslevel weit unter die niedrige Erstrate. Genauso interessant war das zweite
Resultat, dass nämlich diese Aggression negative Konsequenzen für die Gewinnung von
Chips hatte: es kostete Geld, aggressiv und konkurrenzfähig zu sein, und dabei machte nicht
aus, ob die Kinder beim Erreichen der Chips kostümiert und anonym waren. Die geringste
Zahl der Chips wurde während der zweiten, der Anonymitätsphase, gewonnen, in der der
Aggressionslevel am höchsten war.
Die kulturelle Tradition der Kriegsbemalung
Lassen wir das Labor und die Kinderparties beiseite, um in die Welt zurückzukehren, in der
die Fragen von Anonymität und Gewalt von lebenswichtiger Bedeutung sein können. Einige
Gesellschaften ziehen in den Krieg, ohne das Äußere ihrer Krieger zu verändern, während
andere immer rituelle Umwandlungen des Aussehens vollziehen, indem sie die Krieger
bemalen oder verkleiden (wie im Herrn der Fliegen). Macht diese Änderung im Aussehen
einen Unterschied in der Behandlung von Feinden?
Der Harvardanthropologe John Watson (1974) warf diese Frage auf, nachdem er die
Forschungsergebnisse meines Nebraska- Chapter-Symposiums gelesen hatte. Er benutze die
„Human Area Akten“ als Datenquelle zum Sammeln von zwei Arten von Daten a) bezüglich
der Gesellschaften, die das Aussehen der Krieger vor Kriegsbeginn änderten bzw. nicht
änderten und b) bezüglich dem Umfang der Fälle, in dem die jeweilige Gruppe ihre Opfer
tötete, quälte oder verstümmelte.
Die Resultate bestätigen deutlich die zuvor geäußerte Vermutung, dass Anonymität
gewalttätiges Verhalten fördert - wenn die Erlaubnis erteilt wird, sich in einer aggressiven
Weise zu benehmen, die gewöhnlich tabuisiert ist. Insgesamt lagen zwei Datensätze von
dreiundzwanzig Gesellschaften vor. Danach war die Mehrheit (12 von 15, 80 %) der
Gesellschaften, in denen Krieger ihr Aussehen änderten, auch diejenigen, deren Handlungen
am destruktivsten erfahren wurden, während dasselbe von nur für eine der acht Gesellschaften
zutraf, in denen die Krieger ihr Aussehen vor der Schlacht nicht änderten. So scheint es
kultureller Überlieferungsweisheit zu entsprechen, dass alte Männer normale friedliche junge
Männer leichter dazu bringen können, andere junge Männer wie sie selbst in einem Krieg zu
schädigen und zu töten, wenn sie dazu zuerst ihr Aussehen ändern, indem die ihre übliche
externe Fassade durch das Anziehen von Uniformen, das Aufsetzen von Masken oder das
Bemalen ihrer Gesichter ändern. Mit dieser Anonymität verschwindet gewissermaßen auch
ihr übliches Mitleids und Interesse für andere.
Das theoretische Modell des Entpersonalisierung und Banduras Modell der moralischen
Entkopplung/Ablösung
Die psychologischen Mechanismen, die bei der Transformation von guten Menschen in
Übeltäter ablaufen, werden in zwei theoretischen Modellen dargestellt. Das erste wurde 1970
von mir ausgearbeitet und dann durch den Einfluss weiterer Varianten meiner
Deindividuationstheorie, besonders durch Diener, geändert (1980). Das zweite Modell ist
Banduras Modell der moralischen Entkopplung oder Ablösung (1988), welches die
Bedingungen spezifiziert, unter denen Menschen dazu gebracht werden können, unmoralisch
zu handeln, selbst diejenigen, die sich normalerweise einem hohen Sittlichkeitsstandard
verpflichtet fühlen.
Banduras Modell zeigt, wie es möglich ist, sich moralisch von zerstörendem Handeln zu
entkoppeln oder zu lösen, indem man einen Reihe kognitiver Mechanismen verwendet, die
folgende Resultate verursachen:
1. Änderung bisher gehegter Vorstellungen von verabscheuungswürdigen Verhalten (durch
Gebrauch moralischer Rechtfertigungen, euphemistischer Beschreibungen, Minimierung
durch Vergleich mit schwereren Vergehen),
2. Änderung der Wahrnehmung der schädlichen Effekte des Handelns (durch
Herunterspielen, Ignorieren oder Missdeutung der Konsequenzen),
3. Änderung der Wahrnehmung der eigenen Verantwortlichkeit für die Verbindung
zwischen verabscheuungswürdigem Handeln und dessen schädlichen Folgen (Abwälzen
oder Vernebelung von Verantwortlichkeit) und
4. Änderung der persönlichen Einstellung gegenüber dem Opfer (indem er oder sie
entmenschlicht wird und ihm/ihr die Schuld für das Resultat zugeschrieben wird).
Entmenschlichung in Aktion: Die „Tiere“ sind eigentlich andere Hochschulstudenten!
Ein bemerkenswertes, von Bandura, Underwood und Fromson 1975 durchgeführtes
Experiment deckt auf, wie leicht Studenten dazu gebracht werden können, die
entmenschlichende Etikettierung anderer zu akzeptieren und auf der Basis stereotyper
Bezeichnung ihnen gegenüber aggressiv zu handeln. So wurde einer Gruppe von vier
Testpersonen (entsprechend den Regeln einer angemessenen „Cover Story“) gesagt, dass
Kursteilnehmer von einer anderen Hochschule anwesend seien, um eine Studie zu beginnen,
in der ihnen elektrische Schläge der unterschiedlichen Intensität verabreicht würden. In
einem der drei zufällig zugewiesenen Versuche hörten die Kursteilnehmer den Assistenten
zum Leiter des Experiments sagen, die anderen Studenten schienen „nett“ zu sein." In einer
zweiten Versuchsanordnung hörten sie, dass die anderen Kursteilnehmer wie „Tiere“ seien,
während für eine dritte Gruppe fremder Studenten keine Etikettierung verwendet wurde.
Die abhängige Variable der Stomstoßstärke offenbart sehr deutlich diese situationsbedingte
Manipulation. Die Versuchspersonen gaben die meisten Stromstöße an diejenigen ab, die in
der entmenschlichenden Weise als „Tiere“ bezeichnet worden waren, und die Intensität der
Stromschläge erhöhte sich linear über die gesamten 10 Versuche. Diejenigen, die als "nett"
eingestuft worden waren, erhielten die wenigsten Stromschläge, während die nicht-etikettierte
Gruppe genau in der Mitte zwischen diesen zwei Werten lag. So genügte ein einzelnes Wort
– „Tiere“ - , um durchschnittlich intelligente Studenten so zu beeinflussen, andere zu
behandeln, wie es dem Etikett entsprach; als ob sie sie wüssten, dass die anderen diese Strafe
verdienten hätten. Auf der Plusseite führte diese willkürliche Etikettierung dazu, dass andere
Testteilnehmer mit größerem Respekt behandelt wurden, wenn jemand in autorisierter
Position sie als „nett“ bezeichnete.
Interessanterweise zeigt die nähere Prüfung der graphisch dargestellten Daten auch, dass es
beim ersten Versuch keinen Unterschied im Stromschlagniveau gab, dass aber bei jeder
folgenden Gelegenheit die Stromschlagwerte stark auseinander drifteten. Diejenigen, die die
so genannten "Tiere" mit Stromstößen bestraften, taten dies im Laufe der Zeit mehr und mehr;
ein Resultat, das mit dem entwickelnden Stromschlagniveau der weiblichen Kursteilnehmer
in meiner früheren Studie vergleichbar ist. Dieser Anstieg in aggressivem dauerhaften
Verhalten zeigt den Selbstverstärkereffekt der aggressiven oder gewalttätigen Reaktion - es
wurde in zunehmendem Maße als angenehm oder luststeigernd empfunden.
Was mein Modell diesem Bedingungs-Mix hinzufügt, ist die Betonung der Rolle der
kognitiven Kontrollmechanismen, die üblicherweise das Verhalten zu sozial
wünschenswertem und persönlich annehmbarem Verhalten machen. Dies kann erreicht
werden, indem man diese Steuerprozessen aussetzt, sie blockiert oder neu orientiert.
Geschieht dies, so werden Gewissenhaftigkeit, Selbstreflexion, persönliches
Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl, Verbindlichkeit, ethische Bedenken und
Kosten/Nutzen-Kalkulation der gegebenen Handlung außer Kraft gesetzt.
Die zwei allgemeinen Strategien zum Ereichen dieses Zieles sind: a) Vermeidung aller Reize
oder Stichworte, die an die soziale Verantwortung des Akteurs appellieren (niemand weiß,
wer ich bin, noch interessiert sich jemand dafür) und b) die Reduzierung der Impulse zur
Selbstauswertung durch den Akteur. Ersteres verhindert ein Interesse an sozialer Wertung
durch andere, an sozialer Zustimmung. Dies funktioniert, wenn man in einem Klima arbeitet,
das Anonymität vermittelt und persönliche Verantwortlichkeit in der Situation diffus hält.
Die zweite Strategie stoppt die kontinuierliche Selbstüberwachung, indem sie Taktiken
einsetzt, die den Bewusstseinszustand des Akteurs ändern (etwa durch Drogen, durch das
Wecken starker Gefühle, die hyperintensive Handlungen hervorrufen, und durch das
Hineinversetzen in einen erweiterten Gegenwartszustand, in dem es kein Interesse für Letztes
oder Zukunft gibt), und durch die Projektion von Verantwortlichkeit auf andere.
Meine Forschung und die anderer Sozialpsychologen auf dem Gebiet der Entpersönlichung
(sehen Sie Prentice-Dunn u. Rogers, 1983), unterscheidet sich von der Versuchsanordnung in
den Studien Milgrams dahingehend, dass es hier anders als dort keine Autoritätspersonen gibt,
die die Testpersonen zum Gehorsam drängen. Eher ist die Ausgangssituation so angelegt,
dass die Testpersonen sich in Übereinstimmung zu den Möglichkeiten oder Wegen verhalten,
die ihnen zugänglich gemacht werden, ohne die Bedeutung oder die Konsequenzen jener
Handlungen zu durchdenken. Ihre Handlungen sind nicht kognitiv bestimmt, wie sie es für
gewöhnlich sind, sondern werden durch die Handlungen anderer in der Nähe, durch ihre stark
geweckten emotionalen Zustände oder durch situationsabhängig vorhandene Reize bestimmt,
wie etwa das Vorhandensein von Waffen.
Eine anonyme Umwelt begünstigt Vandalismus
Bestimmte Umgebungen vermitteln den dort lebenden und handelnden Menschen ein Gefühl
der Anonymität. Wo das geschieht, haben die Menschen keinen Sinn und kein Gefühl für
Gemeinschaft. Vandalismus und Graffiti können als Versuch eines Individuums gedeutet
werden, Bedeutung in einer Gesellschaft zu gewinnen, die sie entpersönlicht. Ich habe eine
einfache Feldstudie durchgeführt, um die ökologischen Unterschiede zwischen den Plätzen zu
demonstrieren, in denen die Anonymität herrscht, gegenüber denen, in denen ein
Gemeinschaftsgefühl die Szene bestimmt. Ich ließ benutzte, aber gute gebrauchte Autos in
der Bronx, New York City und in Palo Alto, Kalifornien, stehen, nur einen Block entfernt
jeweils von der Universität von New York und von der Universität von Stanford. Die
Nummernschilder wurden entfernt und Kühlerhauben wurden etwas angehoben - um als
ethologische "Stichwortgeber" für eine mögliche Aggression zu dienen. In der Bronx
funktionierte es rasend schnell, während wir von einem günstigen Punkt auf der
gegenüberliegenden Straßenseite aus aufpassten und filmten. Innerhalb von zehn Minuten
seit Testbeginn tauchten die ersten Vandalen auf. Ihre Aktionen verteilten sich über den
Zeitraum von zwei Tagen, bis es nichts mehr von Wert gab, abzubauen und mitzunehmen;
dann fingen die Vandalen an, die Überreste zu zerstören. In achtundvierzig Stunden notierten
wir dreiundzwanzig verschiedene Zerstörungsversuche durch Einzelperson oder Gruppen, die
entweder etwas vom verlassenen Träger nahmen oder etwas zerstörten, was noch zu zerstören
war. Seltsamerweise bezog sich nur eine dieser Episoden auf Jugendliche, der Rest waren
Erwachsene - viele gut angezogen und Autobesitzer, sodass sie mindestens als unterste
Mittelklasse durchgehen konnten. Anonymität kann aus uns allen offene, unverschämt
agierende Vandalen machen.
Aber was war mit dem verlassenen Autos in Palo Alto geschehen? Unser Film deckte auf,
dass über einen fünftägigen Zeitraum hinweg niemand irgendeinen Bestandteil des Autos
entnahm oder zerstörte. Als wir das Auto entfernten, riefen drei Bewohner des Stadtteils die
Polizei an, um mitzuteilen, dass ein verlassenes Auto gestohlen worden sei (die lokale Polizei
war über unserer Feldstudie informiert). Hier existierte ein Sinn für Gemeinschaft, der
Menschen dazu animierte, darauf achten, was auf ihrem Grundstück, aber auch auf dem
Rasen des Nachbarn oder mit dem Eigentum Fremder geschieht, in der wechselseitigen
Annahme, dass auch diese sich für sie einsetzen würden.
Ich bin der Ansicht, dass alle ökologischen und gesellschaftlichen Bedingungen, die
Mitglieder der Gesellschaft in dem Glauben lassen, sie seinen anonym, (niemand wisse, wer
sie sind, niemand kenne ihre Individualität und folglich ihre Menschlichkeit) potentielle
Mörder und Vandalen hervorbringen, die eine Gefahr für meine Person und mein Eigentum,
aber auch für sich selber darstellen (Zimbardo, 1976).
Die Gesichter des "Feindes:" wie Propagandabilder Männer zum Töten von
Abstraktionen konditionieren
Wir müssen unserem „Waffenarsenal“ noch einige funktionierende Auslöserfaktoren
hinzufügen. Wir können etwas über diese Grundregeln lernen, indem wir betrachten, wie
Nationen ihre jungen Männer auf tödliche Kriege vorbereiten und ihre Bürger darauf
einstellen, sie beim Ausrufen eines Krieges, besonders eines Angriffskriegs, zu unterstützen.
Diese schwierige Umwandlung wird durch eine spezielle Form der kognitiven
Konditionierung erreicht. Bilder des "Feindes" werden von der nationale Propagandamaschinerie erschaffen, um die Soldaten und Bürger des Landes darauf vorzubereiten, die zu
hassen, die in die neue Kategorie ihres Feindes passen. Diese geistige Konditionierung ist die
stärkste Waffe eines Soldaten, ohne die er vermutlich seine Waffe nie abfeuern könnte, um
einen anderen jungen Mann im Fadenkreuz seines Gewehrs zu töten.
Eine faszinierende Beschreibung davon, wie diese "feindliche Phantasie" im Verstand der
Soldaten und ihrer Familien geweckt wird, stellt das Buch und das Begleitvideo „In den
Gesichtern des Feindes“ von Sam Keen (1991) dar. Archetypische Bilder von Feinden - aller,
die als „gefährlich“, als "Außenseiter," als "Feinde" anzusehen sind - werden von den
Propagandaabteilungen der Regierungen der meisten Nationen kreiert. Diese Bilder stellen
eine allgemeine gesellschaftliche Paranoia her, die auf den Feind gerichtet wird, der den
Frauen, Kindern, Häusern, Gott der Nation, aber auch den Soldaten, der Lebensart des Landes
u.s.w. schweren Schaden zufügen würde. Keens Analyse dieser Propaganda deckt auf einer
weltweiten Skala auf, dass es eine auserwählte Anzahl von Kategorien gibt, die von dem
"homo hostilis" verwendet werden, um einen bösen Feind im Denken der guten Mitglieder
des gerechten Stammes zu erfinden. Der Feind ist: Angreifer, gesichtslos, ein Vergewaltiger;
gottlos, barbarisch, gierig, kriminell, ein Folterer, der Tod, ein entmenschlichtes Tier oder nur
eine Abstraktion. Schließlich gibt es den Feind als ein angemessener, heroischer und im
Todkampf - wie im Videospiel des gleichen Namens („Mortal Combat“) - zu zerquetschender
Konkurrent.
Gewöhnliche Männer ermorden gewöhnliche Männer, Frauen und Kinder - jüdische
Feinde.
Eine der klarsten Illustrationen meines grundlegenden Themas, wie normale Leute zu
Verbrechern werden können, stammt aus der analytischen Feder des britischen Historikers
Christopher Browning. Er erzählt in dem Buch „Ordinary Men – Police Battalion 101 and the
Final Solution in Poland“ (1993), dass im März 1942 ungefähr achtzig Prozent aller Opfer des
Holocaust noch lebten, aber nur elf Monate später ungefähr achtzig Prozent tot waren. In
diesem kurzen Zeitabschnitt wurde die Endlösung Hitlers mittels einer intensiven Welle von
beweglichen Massenmordkommandos in Polen durchgezogen. Dieser Genozid erforderte die
Mobilisierung einer großräumigen Tötungsmaschine, während zur gleichen Zeit kerngesunde
Soldaten auf der russischen Frontseite benötigt wurden. Da die meisten polnischen Juden in
den kleinen Städten und nicht in den großen Städte lebten, warf Browning folgende Frage
bezüglich der deutschen Obergefechtsleitung auf: „Wo fanden sie die menschlichen
Arbeitskräfte für solch eine verblüffende logistische Ausführung des Massenmords während
dieses entscheidenden Kriegsjahrs (P. xvi)?“.
Seine Antwort fand er in den Archiven der Nazi-Kriegverbrechen, und zwar in den Einsätzen
des Reservebataillons 101, einer Einheit von ungefähr fünfhundert Männern aus Hamburg.
Sie waren ältere Familienmänner, die - zu alt für die Armee - aus der Arbeiterklasse und aus
der unteren Mittelschicht stammten, und nun als rohe Rekruten - ohne militärpolizeiliche
Erfahrung, ohne Information über oder irgendeine Vorbereitung auf ihre geheime Mission nach Polen geschickt wurden, um die Ausrottung aller Juden durchzuführen, die in den
entfernten Dörfern Polens lebten. In nur vier Monaten hatten sie mindestens
achtunddreißigtausend Juden erschossen und ließen weitere fünfundvierzigtausend Juden ins
Konzentrationslager Treblinka deportieren. Zuerst erklärte ihnen der Kommandant, dass
dieses eine schwierige Aufgabe sei, die vom Bataillon befolgt werden müsse; doch jeder
könnte es zuvor ablehnen, diese Männer, Frauen und Kinder umzubringen. Aufzeichnungen
zeigen an, dass zuerst ungefähr die Hälfte die Männer ablehnten und es den anderen
überließen, den Massenmord auszuführen. Aber nach einer gewissen Zeit zeigten die
beispielhaften sozialen Prozesse ihre Wirkung, wie auch jede schuldbesetzten
Überzeugungsmanöver von Freunden, die die Tötungen vollzogen hatten, sodass am Ende bis
zu neunzig Prozent der Männer in Bataillon 101 in die Tötungen miteinbezogen waren und
sogar stolz Nah-Fotographien von ihrem persönlichen Erschießungen der Juden machten.
Browning macht klar, dass es keine spezielle Auswahl dieser Männer gab. Sie waren so
„normal“, wie man sie sich üblicherweise vorstellt - bis sie in eine Situation gerieten, in der
sie die „amtliche“ Erlaubnis und Ermutigung hatten, sadistisch und brutal gegen die
vorzugehen, die willkürlich als der „Feind“ etikettiert worden waren. Lassen Sie uns vom
Abstrakten zum Persönlichen gehen: Stellen Sie vor sich, es sei Ihr Vater, der eine hilflose
Mutter und ihr Säuglingskind erschießt, und überlegen Sie sich dann seine Antwort auf Ihre
Frage, "Warum hast du das getan, Papa?"
Die Erschaffung des Mythos vom bösen Terroristen und der Verbreitung nationaler
Ängste bis zum Angriff auf dem Irak
Wenden wir uns der Gegenwart zu, und damit der Terrorismusfurcht, welche die Zerstörung
der Doppeltürme des Welthandelzentrums an jenem unvergesslichen 11. September 2001
ausgelöst hat. Ursprünglich wurden die Täter in den Medien und offiziellen politischen
Verlautbarungen als "Entführer", "Mörder“, und "Verbrecher“ bezeichnet. Bald aber wurden
die Bezeichnung "Terroristen" eingeführt und die kriminellen Handlungen als „Taten des
Bösen“ gebrandmarkt. Überhaupt wurde „das Böse“ in der Folgezeit zum Kampfbegriff und
zum Stichwort, das von den Medien und der politischen Führung immer öfter und mit einer
immer größeren Begriffsausdehnung verwendet wurde. Osama bin Laden, der Drahtzieher
des 11. September, wurde als erster als „böse“ (evil) bezeichnet. Als er sich aber als schwer
fassbar erwies und faktisch aus der Kriegzone in Afghanistan verschwand, musste die AntiTerrorismuskampagne der Regierung dem Terrorismus ein neues Gesicht und einen neuen Ort
zu geben. Natürlich erzeugt Terrorismus mit seiner Gesichts- und Namenlosigkeit überall
Furcht und Angst. Dieses nutzend, wurden einige Länder von unserem Präsidenten als die
„Achse des Bösen“ bezeichnet. Dazu gehörte es auch, Saddam Hussein als Präsidenten des
Irak als so „böse“ darzustellen, dass er mit allen möglichen Mitteln gestürzt werden musste.
Um einen Erstschlag-Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen, wurde ein Propagandafeldzug
gestartet, der eine unmittelbare Bedrohung der Staatssicherheit der Vereinigten Staaten durch
angeblich vorhandene Massenvernichtungswaffen des Saddam-Regimes behauptete. Dann
wurde eine willkürliche Verbindung zwischen Saddam Hussein und bestimmten
Terroristennetzwerken hergestellt, an die er diese angeblichen Massenvernichtungswaffen
verkaufen oder verschenken wolle. Viele Amerikaner begannen den unbewiesenen
Behauptungen Glauben zu schenken, Saddam Hussein sei erstens in die Terrorangriffe vom
11. September verwickelt, zweitens sei er ein Verbündeter und Mittäter Osama bin Ladens,
und verfüge drittens über ein Arsenal betriebsbereiter Massenvernichtungswaffen. Bilder und
Berichte in Zeitschriften sowie sensationell aufgemachte Fernsehsendungen trugen zur
Dämonisierung Saddam Husseins im Laufe eines Jahres bei. Bei vielen Amerikanern stellte
sich ein Gefühl der Verunsicherung und der Verwundbarkeit ein, das sie persönlich sehr tief
berührte und zum Teil durch mehrfache (falsche) Warnungen vor einem unmittelbar
drohenden Terroristenangriff auf die USA durch die Regierung noch verstärkt wurde. Dieses
Gefühl der Verunsicherung sollte nun erfolgreich bekämpft werden, indem man in den Krieg
zog. Die Öffentlichkeit und der Kongress sicherten der Regierung ihre Unterstützung in
einem asymmetrischen Krieg zu, der den Irak von den gefürchteten
Massenvernichtungswaffen reinigen und Husseins Regime zerstören sollte. So glaubten die
Vereinigten Staaten von Amerika zum ersten Mal in ihrer Geschichte, sie seien berechtigt,
einen Angriffskrieg zu führen, der ungezählten Soldaten und Zivilisten das Leben und der
Wirtschaft Milliarden Dollar kosten, ein Land total zerstören, die UNO schwächen und die
US in einen langem und ausweglosem Vietnam-ähnlichen Krieg verwickeln sollte. Als dann
trotz angeblich bester Intelligenzreports und vom Außenminister der USA vor der UNO
präsentierten Luftfotos keine Massenvernichtungswaffen aufgedeckt wurden, glaubte die
Öffentlichkeit weiterhin daran, dass es sich doch um einen notwendigen und gerechtfertigten
Krieg gegen das Böse (Festinger, 1957) handele.
Wen interessieren also die wahren trügerischen Gründe für den Kriegseinsatz, wenn die
Vereinigten Staaten dadurch im Nachhinein jetzt sicherer erscheinen und ihr Präsident sich als
durchsetzungsfähiger Oberbefehlshaber darstellen konnte, wie ihn seine Imageberater
geschickt in den Medien portraitiert haben? Dieses nationale Experiment propagandistischer
Umerziehung verdient das spezielle Augenmerk und eine besondere Dokumentation durch
unparteiische Sozialhistoriker, um der gegenwärtigen wie auch zukünftigen Generationen die
gewaltige Macht der Bilder, der Worte und ihres Gestaltungsrahmens vor Augen zu führen,
die eine demokratische Nation veranlassten, einen undenkbar geglaubten üblen Angriffskrieg
zu unterstützen und sogar daran Geschmack zu finden.
Die Sozialisierung zum Bösen - wie die Nazi-Propagandisten deutsche Jugendlicher zum
Judenhass erzogen.
Die zweite große Kategorie operationaler Grundregeln, welche normale Menschen zum Tun
des Bösen verführen, basiert auf Prozessen, die – von der jeweils herrschenden Regierung
sanktioniert – durch Schulprogramme verordnet und durch Eltern und Lehrern gestützt
werden. Ein besonderes Beispiel ist die schulische Erziehung, mittels derer deutsche Kinder
in den 30er und 40er Jahren systematisch zum Judenhass verführt und indoktriniert wurden,
um die Juden zum Haupt- und Allzweckfeind der neuen deutschen Nation zu machen.
Es ist hier nicht der Ort für ein volle Dokumentation dieses Prozesses; aber ich will doch
einige Beispiele dafür anführen, welche Verantwortung die Regierungen für die
Sanktionierung des Bösen haben. Als die Nazis 1933 die Macht in Deutschland übernahmen,
wurde keiner Angelegenheit höhere Priorität eingeräumt als der Umerziehung der deutschen
Jugend. Hitler schrieb: „Ich bin kein Intellektueller und habe keine höhere Bildung. Bildung
ruiniert die deutschen Männer. Eine brutale und aktive Jugend ist es, die ich brauche.“ (Die
neue Ordnung, 1989, S. 101-102) Für die Schulen, besonders die ersten Grundschuljahre,
wurden spezielle Propagandaschriften geschrieben (Brooks, 1989), um Kinder in Geographie
und Rassenkunde zu unterrichten. Diese hasserfüllten „Zündschriften“ waren grellfarbige
Comics, die schöne blonde Arier mit entsetzlich hässlich karikierten Juden kontrastierten. Sie
wurden zu Hunderttausenden verkauft. Einer dieser Comics trug den Titel: „Glauben Sie
keinem Fuchs auf der grünen Wiese und keinem Juden seinen Eid.“ Das Heimtückischste an
dieser Hasskonditionierung war, dass die rassistischen Vorurteile wie zu erlernende und zu
prüfende Tatsachen dargestellt wurden, mithilfe derer Lesen und Schreiben erlernt werden
sollten. In der mir vorliegenden Kopie des Comics veranschaulichen eine Reihe von
Karikaturen die verschiedenen Tricks, mit denen Juden Arier betrügen, dadurch reich und fett
werden, böse und mitleidslos gegen arme und ältere Arier handeln und sich ein schönes
Leben machen. Zum Schluss werden bildlich die Belohnungen dargestellt, die arische Kinder
erhalten, wenn sie jüdische Lehrer und Kinder zur „Wiederherstellung von Recht und
Ordnung“ aus der Schule, aus den öffentlichen Anlagen und schließlich aus ganz Deutschland
vertreiben. Der Wegweiser in der Karikatur trägt die bedeutungsvolle Aufschrift
„Einbahnstraße“. In der Tat war es eine Einbahnstraße, die schließlich zu den
Konzentrationslagern und Verbrennungsöfen führte, die das Kernstück von Hitlers Endlösung
für den Genozid an den Juden darstellten. So wurde diese institutionalisierte Böse
heimtückisch und allumfassend in den Köpfen von Kindern installiert, indem man die
Schulbildung von kritischer Reflektion löste und pervertierte. Damit wurde den Schülern der
kognitive Weg verschlossen, sich der gezielten Dämonisierung von Juden als Staatsfeinde zu
widersetzen. Durch die Steuerung der Schulbildung und der propagandistischen Medien kann
jeder nationale (Ver)Führer die Szenarios produzieren, die im erschreckenden Roman von
George Orwell „1984“ veranschaulicht werden.
Das institutionalisierte Übel, das Orwell plastisch in seiner fiktiven Beschreibung der
Zwangsherrschaft des Staates über seine Bürger schildert, geht jedoch über die
Vorstellungskraft des Schriftstellers hinaus, wenn seine prophetische Visionen durch
mächtige Führer einer Sekte oder durch Agenturen und Abteilungen der gegenwärtigen USAdministration in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Ich habe bereits die direkten
Ähnlichkeiten zwischen den Strategien zur Sinnessteuerung beschrieben, die Orwell in
seinem Buch der „Partei“ zuschreibt und die der Reverend Jim Jones verwendete, um die
Mitglieder seiner frommen-politischen Sekte zu disziplinieren (Zimbardo 2003 a). Jones
Indoktrinierung führte gegen Ende seines großen Experiments institutionalisierter
Sinnessteuerung vor fünfundzwanzig Jahren zum Selbstmord von neunhundert (!)
amerikanischen Sektenmitgliedern in den Dschungeln von Guyana. Wie ich von ehemaligen
Mitgliedern dieser Sekte erfuhr, hatte Jones nicht nur Orwells „1984“ gelesen, sondern sprach
auch oft darüber. Ja, er hatte eigens ein Lied vom dazu autorisierten Sänger der Kirche
komponieren lassen (1984), das alle Sektenanhänger während der Gottesdienste singen
mussten. Ich überlasse es dem Leser, die Ähnlichkeiten zwischen den manipulativen
Praktiken in Orwells Buch und den Methoden herzustellen, die an US-Staatsbürgern in den
letzten Jahren ausgeübt wurden (s. Zimbardo 2003 b).
Das Gefängnis-Experiment von Stanford
Das Stanford Experiment erinnert fast an die Inszenierung einer griechischen Tragödie, in der
das Geschick der Akteure durch von außen auferlegte göttliche und schicksalsmächtige Kräfte
bestimmt wird. Wir können bereits das unmenschliche Ende erahnen. Psychologisch
ausgedrückt, bringt diese Gefängnisstudie viele Prozesse und Variablen zur Synthese, die wir
bereits früh umrissen haben: sie beschreibt die Anonymisierung von Orten und Personen, die
zur Entpersönlichung und Entmenschlichung von Opfern beitragen. In der
Versuchsanordnung von Stanford wird einigen Experimentteilnehmern (Wärter) die Erlaubnis
gegeben, andere Teilnehmer (Gefangene) zu kontrollieren und dies an einem besonderen Ort
(Gefängnis) zu tun, der in den meisten Gesellschaften in der ganzen Welt als Ort
institutionalisierter Gewaltausübung zur Bestrafung des Bösen durch Kontrolle und Macht
akzeptiert wird. 1971 entwarf ich diese drastische Experiment, das sich über einen
zweiwöchigen Zeitraum erstreckte, um den Teilnehmern genügend Zeit zu geben, sich voll
mit den ihnen zugewiesenen Rollen als Wächter oder als Gefangene zu identifizieren. Indem
die Teilnehmer sich diesem Lebenssetting als Gefangene Tag und Nacht oder als Wärter im
Rahmen eines achtstündiger Arbeitstags aussetzten, war genug Zeit gegeben, in der sich
situationsbedingte Normen und Muster sozialer Interaktion entwickeln, ändern und
kristallisieren konnten.
Das zweite Merkmal dieser Studie bestand darin, sicherzustellen, dass alle am Experiment
Beteiligten physisch und psychisch gesund waren und keine gewalttätige oder drogenbelastete
Vorgeschichte hatten. Dies war von essentieller Wichtigkeit, wenn wir die
situationsbedingten von den veranlagungsbestimmten Faktoren des Experiments
unterscheiden wollten.
Das dritte Merkmal der Studie war das Fehlen jeglicher Vorerfahrungen mit den nach dem
Zufallsprinzip zugewiesenen Rollen von Wärtern und Gefangenen. Es blieb den Teilnehmern
und ihren im früheren gesellschaftlichen Leben erworbenen Assoziationen der
gegensätzlichen Rollen von Gefangenen und Wärtern überlassen, über die vorgegebenen
Regeln hinaus das Gefängnisleben und das damit verbundene Verhalten zu gestalten.
Das vierte Merkmal des Experiments bestand darin, das Setting so realitätsnah wie möglich
zu gestalten, um die funktionale psychologische Situation einer echten Gefangenschaft
herzustellen. Detaillierte Angaben zum Setting sind in einer Reihe von Artikeln beschrieben,
die ich über die Studie Stanford-Experiment veröffentlicht habe (s. Zimbardo et al, 1973;
Zimbardo, 1975).
Im Zentrum des Experiment standen die Themen Macht und Machtlosigkeit, Herrschaft und
Unterordnung, Freiheit und Versklavung, Kontrolle und Rebellion, Identität und Anonymität,
Zwangskontrollen und restriktive Maßnahmen. Allgemein ausgedrückt hatten die
sozialpsychologischen Konstrukte eine realitätsgestaltende Wirkung. Alle Beteiligten wurden
mit passenden Uniformen und verschiedenen Gegenständen (Handschellen, Schlagstöcke,
Pfeifen) ausgestattet. Die Hallentüren wurden durch Gefängnistüren mit entsprechenden
Aufschriften ersetzt, um die Atmosphäre von fensterlosen und zeitlosen Gefängniszellen
herzustellen. Es wurden Regeln verordnet, die die Namen durch Nummern für Gefangene
oder durch Dienstbezeichnungen für das Bewachungspersonal (Justizvollzugsbeamter,
Gefängnisleiter) ersetzten und den Wärtern Machtbefugnisse über die Gefangenen gaben.
Die Beteiligten wurden aus den fast hundert Bewerbern ausgewählt, die auf unsere Anzeigen
in der lokalen Stadtzeitung geantwortet hatten. Sie wurden einer Evaluierung des persönlichen
Backgrounds unterzogen, welche aus einer Serie von fünf psychologischen Tests, der
Untersuchung der Lebensgeschichte und intensiven Interviews bestand. Die vierundzwanzig
Personen, die sich in jeder Hinsicht als die normalsten und gesündesten herausstellten,
wurden nach dem Zufallsprinzip zur Hälfte zu Gefangenen und zur Hälfte zu Wärtern
gemacht. Die neuen „Gefangenen“ machten eine realistische Gefangennahme durch Offiziere
der Palo Alto Polizeistation durch, die mit uns zusammenarbeiteten. Der diensthabende
Offizier führte einen formalen Arrest durch, indem er die Täter zur Aufnahme der Personalien
in die Polizeistation brachte und alle anschließend in unser Gefängnis im umgebauten Keller
unserer Psychologieabteilung einwies. Die Uniform der Gefangenen bestand aus einem Kittel
mit einer Identifikationsnummer. Die Wächter trugen militärische Uniformen und
reflektierende Sonnenbrillen, um den Status der Anonymität zu wahren. Zu allen Zeiten
waren neun Gefangene auf dem Gelände, jeweils drei pro Zelle, sowie drei Wärter, die im
Acht-Stunden-Takt arbeiteten. Daten wurden durch systematische Videoaufnahmen,
verdeckte Audioaufnahmen von Gesprächen der Gefangenen in ihren Zellen, durch Interviews
und Tests zu verschiedenen Zeiten der Studie, Auswertungen nach Abschluss des
Experiments sowie durch direkte, versteckte Beobachtungen gesammelt. Zu einer
ausführlichen Chronologie und umfassenden Beschreibung von Verhaltensreaktionen seien
die Leser auf die oben genannten Literaturhinweise, auf Zimbardo, Maslach und Hamey
(1999) sowie unsere neue Internetseite www.prisonexp.org verwiesen.
Für die gegenwärtige Studie genügt es, festzuhalten, dass die negativen situationsbedingten
Kräfte die positiven veranlagungsbestimmten Tendenzen völlig verdrängten. Das Böse der
Situation triumphierte über das Gute in den Männern. Unser auf zwei Wochen angelegtes
Experiment musste aufgrund der pathologischen Situation nach nur sechs Tagen abgebrochen
werden. Ursprünglich friedfertige junge Männer benahmen sich sadistisch in ihrer Rolle als
Wärter, indem sie die Gefangenen erniedrigten und ihnen Leid und Schmerz zufügten. Einige
Wächter gaben in Interviews sogar zu, diese Erniedrigung genossen zu haben. Andere
eigentlich intelligente und gesunde Hochschulstudenten erlitten emotionale Zusammenbrüche.
Fünf von ihnen zeigten derart extreme emotionale Störungssymptome, dass sie das
Experiment innerhalb der ersten Woche abbrechen mussten. Die Mitgefangenen, die sich
besser der Situation angepasst hatten, waren diejenigen, die unreflektiert und blind Befehle
befolgten und den Wärtern erlaubten, sie jeden Tag mehr zu entmenschlichen und zu
degradieren. Die einzige bedeutende Persönlichkeitsvariable, die einen bedeutenden
vorhersehbaren Wert hatte, war die der F-Skala der Akzeptanz autoritären Verhaltens. Je
höher dieser Wert war, desto länger überlebten Gefangene in diesem total autoritären Klima.
Ich beendete das Experiment nicht nur aufgrund des eskalierenden Niveaus von
Gewaltausübung und menschenunwürdigem Verhalten gegenüber den Gefangenen, das in den
Videobändern deutlich zutage trat, sondern auch, weil ich mir der persönlichen
Veränderungen bewusst wurde, die ich selbst während dieses Experiments durchmachte
(siehe Analyse von Christina Maslach, deren Intervention das Experiment beendete, in
Zimbardo et al 1999). Neben meiner Rolle als Hauptverantwortlicher des Experiments war
ich zum Gefängnisleiter geworden. Ich hatte begonnen, so zu reden, zu gehen und zu agieren
wie eine rigide Autoritätsfigur, die sich mehr um die Sicherheit „ihres Gefängnisses“ sorgte
als um die Bedürfnisse der jungen Männer, die meiner Obhut als Experimentsleiter anvertraut
waren. In gewisser Weise wurde mir die Gefährlichkeit und Gewalttätigkeit dieser Situation
an dem Ausmaß deutlich, in dem sie mich verwandelt hatte. Gegen Ende der Studie hatten
wir schließlich ausgedehnte Auswertungsgespräche mit allen Wärtern und Gefangenen sowie
periodische Überprüfungen über eine Reihe von Jahren hinweg. Glücklicherweise gab es
keine negativen dauerhaften Folgeerscheinungen dieser intensiven und machtvollen
Erfahrung.
Bevor ich den Gedankengang fortsetze, möchte ich einige Sätze aus einem Brief zitieren, den
ich kürzlich von einem jungen Psychologiestudenten bekam, der gerade aus dem Militärdienst
entlassen worden war (Email vom 18.Oktober 2002). Er zeigt einige direkte Ähnlichkeiten
zwischen bestimmten Aspekten unserer Gefängnissimulation vor vielen Jahren und
gegenwärtigen verabscheuungswürdigen Praktiken in unserer militärischen Grundausbildung.
Er zeigt aber auch die positiven Effekte, die Forschung und Ausbildung haben können. „Ich
bin ein 19jähriger Psychologiestudent, der eine Diavorführung ihres Gefängnisexperimentes
miterlebt hat, die mir fast die Tränen in die Augen getrieben hat.... Als ich dem Marinekorps
der Vereinigten Staaten beitrat, erfüllte sich ein Kindheitstraum. Um es kurz zu machen: Ich
wurde Opfer wiederholter illegaler physischer und psychischer Misshandlungen. Eine
Untersuchung zeigt, dass ich mehr als vierzig unprovozierte Schlagattacken von Ausbildern
erdulden musste. Soviel ich auch dagegen ankämpfte, wuchsen in mir Selbstmordgedanken,
die zu einer Entlassung aus dem Ausbildungslager führten ...Was ich versuche zu sagen, ist
Folgendes: die Art und Weise, wie ihre Wachen in Ihrem Experiment und die militärischen
Ausbilder im meiner Erfahrung ihre Aufgaben ausführten, spottet jeder Beschreibung.... Ich
staune über die parallelen Verhaltensweisen Ihrer „Wärter“ und eines bestimmten Ausbilders,
an den ich denken muss. Ich wurde in der gleichen Weise und manchmal sogar noch
schlechter behandelt wie im Stanford-Experiment. Ein besonders herausstehendes Ereignis
war ein Versuch, die Solidarität der Auszubildenden im Boot Camp zu brechen. Ich wurde
gezwungen, im Zentrum unseres Gemeinschaftsraums zu sitzen und einen Rekruten nach dem
anderen anzuschreien: „Wenn ihr Typen schneller gewesen wärt, würden wir das hier nicht
stundenlang machen müssen!“, während jeder einzelne Rekrut ein schweres Fußschließfach
über seinem Kopf hochhalten musste. Der Fall war den Gefangenen #819 im Stanford
Experiment sehr ähnlich, der vor allen anderen schreien musste, dass er ein schlechter
Gefangener sei. Noch Monate nach diesem Ereignis - ich war bereits sicher wieder zuhause
angelangt -, war alles, das ich denken und fühlen konnte von dem Verlangen geprägt, den
anderen Rekruten sagen zu können, dass ich kein so schlechter Rekrut war, wie es der
Ausbilder der Gruppe weisgemacht hatte. Ich erinnere mich an andere Strafmaßnahmen wie
Liegestützen, rasierte Köpfe und keine andere Identität als die des "Rekruten So-und-so",
genauso, wie Sie es in Ihrer Studie beschrieben haben. Auf den Punkt gebracht: Auch wenn
Ihr Experiment nun schon 31 Jahre zurückliegt, hat mir geholfen, ein Verständnis für meine
Situation zu gewinnen, das ich trotz Therapie und Beratung bisher nicht hatte. Was Sie darin
beschrieben haben, gab mir zentrale Einsichten in Dinge, mit denen ich mich fast ein Jahr
lang herumgeschlagen habe. Obgleich es zweifellos keine Entschuldigung für sein Verhalten
ist, kann ich jetzt das sadistische und machthungrige Grundprinzip hinter den Methoden des
Ausbilders verstehen.“
Das Versagen des US-Gefängnissystems
Ich wollte immer mit meiner psychologische Forschung das Leben von Menschen zum
Positiven verändern. Daher bereiten mir persönliche Reaktionen wie die eben beschriebene
viel Freude. Gleichzeitig aber bedauere ich zutiefst die fehlende Auswirkung des StanfordExperiments auf das Gefängnissystem in den Vereinigten Staaten. Als Craig Haney und ich
vor kurzem eine zurückblickende Analyse unserer Studie vornahmen und sie mit
kontrastierenden Einblicken in die Gefängnispolitik der USA und des Staates Kalifornien
während der letzten 30 Jahre verglichen, waren unser Ergebnisse (Haney u. Zimbardo, 2000)
niederschmetternd.
US-Gefängnisse folgen weiterhin den längst überholten Methoden sozialen Experimentierens
mit veranlagungsbestimmten Modellen von Bestrafung und Isolierung von Straftätern. Um
die hartnäckig hohe Rate von Wiederholungstätern zu verringern, hätten sie stattdessen die
längst mögliche Reform hin zu einer grundlegenden Rehabilitationspraxis vornehmen
müssen. Bereits jetzt sind die Vereinigten Staaten mit ihren mehr als zwei Millionen
inhaftierten Bürgern das Gefängniszentrum des Universums. Unsere Analyse zeigt, dass sich
die Zustände in US-Gefängnissen in den Jahrzehnten seit unserer Studie als Folge des
Politisierung der Gefängnisse noch verschlechtert haben, weil Politiker, Staatsanwälte,
Richter und anderer Beamte auf eine harte Linie in der Verbrechensbekämpfung setzen, um
sich die Gunst der durch die übertriebene Berichterstattung der Medien verunsicherten
Wählerschaft zu sichern. Eine irregeleitete Politik überhöhter Strafen hat eine
überproportionale Zahl von Afroamerikanern und Hispanics hinter Gitter gebracht. Der Anteil
der Afroamerikaner, die im Gefängnissystem der USA ihre Zeit vergeuden, ist weit höher als
der Anteil derer, die ihre Potentiale im höheren Bildungssystem wahrnehmen.
Das Übel der unerlassenen Hilfeleistung
Unsere tägliche Aufmerksamkeit gegenüber dem Bösen richtet sich meist auf brutale, zerstörerische Handlungen. Doch auch Untätigkeit kann böse Folgen haben, wenn stattdessen
Einschreiten, Widerspruch und Ungehorsam gefordert sind. Sozialpsychologen horchten auf,
als der schreckliche Tod von Kitty Genovese in den ganzen USA für Schlagzeilen sorgte. Als
sie verfolgt, mit einem Messer verletzt und schließlich ermordet wurde, hörten
neununddreißig Mitbewohner ihre Hilfeschreie, taten aber nichts, um ihr zu helfen. Nach
Meinung vieler Journalisten war dies nur weiteres herausragendes Beispiel für die
Gefühlskälte der New Yorker. Widerspruch gegenüber dieser veranlagungsbestimmten
Analyse kam jedoch in Form einer Reihe klassischer Studien von Bibb Latan und John Darley
(1970) zur Relevanz von Interventionen von zufälligen Zeugen eines Geschehens. Ein
Schlüsselergebnis dieser Studie bestand darin, dass die Wahrscheinlichkeit von helfendem
Eingreifen größer ist, wenn Menschen allein sind, als wenn sie sich in einer Gruppe befinden.
Die Gegenwart Anderer entlässt den Einzelnen aus der persönlichen Verantwortung.
Eine eindrucksvolle Demonstration der unterlassenen Hilfeleistung wurde von Darley und
Dan Batson im Jahr 1974 inszeniert. Stellen Sie vor sich, Sie seien als Theologiestudent
gerade auf dem Weg, eine Predigt über den barmherzigen Samariter zu halten, die für eine
psychologische Untersuchung über wirkungsvolle Kommunikation auf Video aufgenommen
werden soll. Stellen Sie weiter vor, Sie begegneten - gerade aus der theologischen Fakultät
kommend - einen Fremden in einer Gasse, der gerade in schrecklicher Bedrängnis ist und Ihre
Hilfe braucht. Unter welchen Bedingungen würden Sie nicht anhalten, um diesem Menschen
als guter Samariter zu helfen? Ist es vielleicht der Zeitdruck? Würde es für Sie einen
Unterschied bedeuten, wenn Sie zu spät kämen, um Ihre Predigt aufnehmen zu lassen? Ich
wettete, Sie glauben, dies wäre Ihnen egal; Sie würden unter allen Umstände anhalten und
helfen. Habe ich Recht? Erinnern Sie sich: Sie sind Theologiestudent und denken gerade über
das Hilfeleistung gegenüber dem bedürftigen Nächsten nach - eine guten Tat, die in der
biblischen Geschichte reichlich belohnt wird. Die Forscher wiesen Kursteilnehmern des
Princeton Theological Seminary nach dem Zufallsprinzip drei Bedingungen zu, die jeweils
den Zeitabstand zwischen den Aufgabestellung der Forscher und dem Aufnahmetermin der
Predigt über den Barmherzigen Samariter auf Video veränderten. Ich mache es kurz: Seien
Sie ja nicht „Opfer in Bedrängnis“, wenn Leute in Eile sind! Der Wahrscheinlichkeitsquotient
derer, die an Ihnen vorbeilaufen und Ihnen keine Hilfe anbieten, beträgt sage und schreibe
neunzig (!) Prozent! Je mehr Zeit die Seminaristen glaubten zu haben, um anzuhalten und zu
helfen, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass diese es auch tun würden. So erklärte
die situationsbedingte Variable des Zeitdrucks die Hauptabweichung beim Helfen, ohne auf
veranlagungsbedingte Erklärungen über möglichen Zynismus oder eventuelle
Gleichgültigkeit der Theologiestudenten zurückzugreifen, wie es bei den Mitbewohnern von
Kitty Genovese angenommen wurde.
Der „schlechteste Apfel im Fass des Bösen“: Folterknechte und Henker?
Es steht außer Frage, dass die systematische Folter von Menschen durch Mitmenschen
(Männer und Frauen) eine der dunkelsten Seiten der menschlichen Natur darstellt. Meine
Kollegen und ich kamen zu dem Schluss, dass spätestens hier das veranlagungsbestimmte
Böse offenkundig zu Tage treten musste - unter diesen Folterknechten, die als
Geheimpolizisten in Brasilien jahrelang ihre schmutzige Arbeit unter dem Schutz der
Regierung taten, um den Feinden des Staates gewaltsam Geständnisse zu entlocken. Wir
konzentrierten uns zunächst nur auf diese Folterer, indem wir versuchten, sowohl ihre
psychische Disposition als auch die situationsbedingten Umstände zu verstehen, die sie
geformt hatten. Aber wir mussten unser analytisches Netz um weitere Waffenbrüder erweitern
– die Mitglieder von Todesschwadronen oder Tötungskommandos. Sie hatten einen
„gemeinsamen Feind“ - Männer, Frauen und sogar Kinder - die, obgleich Bürger ihres
Landes, von den „Behörden" zu Bedrohungen der Staatssicherheit erklärt worden waren.
Einige wurden unauffällig beseitigt, während andere mit vermuteten Geheiminformationen
dazu gezwungen werden mussten, diese preiszugeben und sich zu ihrem Verrat zu bekennen.
In der Durchführung der Folter konnten diese Folterer nur teilweise auf das "kreative Böse"
von Folterinstrumenten und -techniken zurückgreifen, die im Laufe der Jahrhunderte seit der
Inquisition von den Beamten der Kirche und später von den Nationalstaaten verfeinert worden
waren. Aber sie mussten auch ein Maß an Improvisation aufbringen, um mit gewissen
Hindernissen und der Widerstandskraft des Feindes fertig zu werden, der vor ihnen seine
Unschuld beteuerte, seine Mittäterschaft bestritt oder sich nicht einschüchtern ließ. Im
Gegensatz zu den Todeskommandos, die anonym und gut getarnt, mit erstklassigen Waffen
und Gruppenunterstützung, schnell und unpersönlich ihre Aufgaben erledigten, brauchten die
folternden Geheimpolizisten Zeit und wachsende Kenntnisse menschlicher Schwächen, um
ihre perfiden Fertigkeiten zu perfektionieren. Für Folterknechte gibt es kein „business as
usual“. Folterung bezieht immer ein persönliches Verhältnis mit ein, das für das Verständnis
der Aufgabe wesentlich ist: welche Art der Folterung diesmal anzuwenden ist, welche
Intensität bei der Folterung dieser Person verwendet werden muss. Falsche Anwendung oder
zu geringe Dosis bedeuten kein Geständnis. Eine zu intensive Anwendung kann den
vorschnellen Tod des Opfers herbeiführen. In beiden Fällen hat der Folterer versagt. Das
Erlernen der rechten Art und richtigen Dosierung der Folter, die die gewünschten
Informationen zu Tage fördert, bringt lobende Anerkennung und Belohnungen von den
Vorgesetzten.
Welche Art von Menschen konnten solche Grausamkeiten vollbringen? Auf welche
sadistischen Triebe und auf welche soziopathische Lebenserfahrungen mussten sie
zurückgreifen, um jahrelang tagein und tagaus Menschen stückweise das Fleisch vom Leib zu
reißen? Waren diese Gewaltarbeiter eine eigene Brut, gewissermaßen „schlechter Same“, von
defizitärer Abstammung, getrennt von dem Rest der Menschheit? Oder konnten sie mittels
bestimmter identifizierbarer und wiederholbarer Trainingskurse dazu programmiert werden?
Könnte ein Reihe externer Bedingungen identifiziert werden, die zur Ausbildung dieser
Folterknechte und Mörder beitrugen, zum Beispiel bestimmte umstandsbezogene Variablen?
Wenn ihre schlechten Taten nicht inneren Defekte zuzuschreiben waren, sondern äußeren
Kräften, die auf sie Druck ausübten – z. B. die politischen, ökonomischen, sozialen,
historischen und erfahrungsmäßigen Komponenten ihrer Polizeiausbildung - dann konnten
wir in der Lage sein, über die Grenzen von Kultur und Einstellung hinweg jene Grundregeln
herauszuarbeiten, die für diese bemerkenswerte Umwandlung verantwortlich sind. Martha
Huggins, Mika Haritos-Fatouros und ich führten eingehende Interviews mit einigen Dutzend
dieser Folterer und veröffentlichten vor kurzem eine Zusammenfassung unserer Methoden
und Entdeckungen (Huggins, Haritos-Fatouros u. Zimbardo, 2002). Mika hat eine ähnliche
frühere Studie von Folterern erstellt, die von der früheren griechischen Militärjunta
ausgebildet worden waren. Unsere Resultate stimmten im Großen und Ganzen mit ihren
überein. (Haritos-Fatouros, 2003).
Sadisten werden übrigens von Trainern aus dem Trainingsprozess herausgefiltert, weil sie
nicht kontrollierbar sind, am Zufügen von Schmerzen Vergnügen haben und sich folglich
nicht auf die Aufgabe der Geständnisfindung konzentrieren.
Auf der Basis unserer Datensammlung zeigten die oben beschriebenen Männer vor dem
Ausüben Ihrer Folterungen im Geheimdienst weder irgendwelche Auffälligkeiten oder sonst
abweichendes Verhalten. Auch in den Jahren, die auf ihre Arbeit als Folterer und Angehörige
von Todeskommandos folgten, gab es keine auffälligen Tendenzen oder kontinuierliche
Pathologien. Ihre Umwandlung war Folge ihres Trainings, Folge des Gruppengeistes, der
Übernahme der Ideologie der Staatssicherheit und des Feindbildes von Sozialisten und
Kommunisten als Bedrohung des Staates. Ihnen wurde vermittelt, dass sie sich als etwas
Besonderes fühlen dürften, als Elite gegenüber gleichrangigen Beamte im öffentlichen Dienst,
weil sie zur Geheimhaltung ihrer Aufgaben verpflichtet waren und unter konstantem Druck
standen, gewünschte Resultate unabhängig von Ermüdung oder persönlichen Problemen zu
produzieren. Wir verfügen über viele ausführliche Fallstudien, die die Gewöhnlichkeit dieser
Männer dokumentieren, die an so schrecklichen Taten beteiligt waren. Sie sind Teil der
Geschichte ihres Landes und wurden unterstützt von ihrer damalige Regierung. Gerade heute
aber sind sie wieder aktuell und reproduzierbar, aufgrund der Besessenheit aller möglichen
Staaten mit der Frage der Staatssicherheit und der Furcht vor Terrorismus, welche die
Aufhebung der grundlegenden Freiheitsrechte des Einzelnen ermöglichen.
Selbstmordattentäter: Sinnlose Fanatiker oder Märtyrer für eine Sache?
Erstaunlicherweise sind die Veränderungen, die die oben beschriebenen Gewalttäter durchlebt
haben, mit den Verwandlungen junger Palästinenser von Studenten in Selbstmordattentäter
vergleichbar. Neue Medienberichte beziehen sich auf die Ergebnisse systematischer
Analysen des Werdegangs von Selbstmordattentätern (sehen Sie Atran, 2003; Bennet, 2003;
Hoffman, 2003; Merari, 1990, 2002; Myer, 2003). Seit September 2000 hat es mehr als
fünfundneunzig Selbstmordattentate von Palästinensern gegen Israelis gegeben. Ursprünglich
und am häufigsten waren die Selbstmordattentäter junge Männer, aber vor kurzem hat ein
halbes Dutzend Frauen Selbstmordattentate verübt. Was jedoch von den Angehörigen der
Opfer und äußeren Beobachtern als unverständlicher, abstruser Mord verurteilt wird, ist für
diejenigen, die damit auf der Täterseite zu tun haben, alles andere als sinnlos. Man glaubte
lange, es handele sich nur um arme, verzweifelte, sozial isolierte, unwissende junge Leute
ohne Beruf und ohne Zukunft, die diese fatalistische Rolle annähmen. Die tatsächlichen
Portraits dieser jungen Männer und Frauen allerdings zerstören dieses Klischee. Viele von
ihnen sind Studenten mit Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, intelligent, attraktiv, eng mit
ihren Familien und ihrer Gemeinschaft verbunden.
Ariel Merari, ein israelischer Psychologe, der dieses Phänomen viele Jahre studiert hat,
umreißt die generellen Stationen auf dem Weg zu diesen Selbstmordattentaten. Ältere
Mitglieder einer extremistischen Gruppe kennzeichnen zuerst bestimmte junge Leute, die eine
intensive patriotische Begeisterung an den Tag legen, sei es aufgrund ihrer Ansprachen auf
einer öffentlichen Protestveranstaltung gegen Israel, oder aufgrund ihrer Unterstützung einer
islamischer Sache oder palästinensischen Aktion. Diese Einzelpersonen werden zu einer
Besprechung eingeladen, bei der sie befragt werden, wie ernst sie es mit der Liebe zu ihrem
Land und mit dem Hass auf Israel meinen. Dann werden sie gebeten, sich einer Ausbildung
zu unterziehen, um zu lernen, wie sie ihre Flüche in die Tat umsetzen können. Diejenigen,
die diesen Schritt machen, werden in kleinen Gruppen von drei bis fünf ähnlich motivierten
Jugendlichen untergebracht, die im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Stadien zu Agenten
des Todes ausgebildet werden. Sie erlernen das Handwerk des Terrors von den Ältesten: den
Bombenbau, die Tricks der Tarnung und Verkleidung. Die Ältesten beraten sie in der
Auswahl der Ziele und des Zeitpunkts. Dann machen sie ihren privaten Entschluss in der
Öffentlichkeit kund, indem sie ein Video aufnehmen und darin erklären, “lebendige Märtyrer"
für den Islam und für ihre Liebe zu Allah werden zu wollen. In der einen Hand halten sie den
Koran, in der anderen ein Gewehr. Die Inschrift ihres Kopfbandes verkündet ihren neuen
Status. Dieses Video verpflichtet sie nun dazu, ihre Worte in die Tat umzusetzen, da es an
ihre Familie nach Hause geschickt wird, bevor sie den abschließenden Plan durchführen. Die
Rekruten wissen, dass sie mit ihrer Tat nicht nur einen Platz neben Allah erwerben, sondern
durch ihren Märtyrertod auch ihren Verwandten einen hohen Platz im Himmel sichern.
Daneben gibt es auch einen beträchtlichen finanziellen Betrag, der an ihre Familie als
Geschenk für ihr Opfer geht. Ihr Foto wird auf Plakaten gedruckt, die ihnen zu Ehren auf
Wänden überall in der Gemeinschaft aufgehängt werden, sobald sie ihren Auftrag
durchgeführt haben. So werden sie zu inspirierenden Vorbildern für andere, die ihnen folgen
werden. Um die Angst vor den Schmerzen beim Attentat zu ersticken, wenn die Bombe aus
Nägel und andere Bombenteilen explodiert, wird ihnen erklärt, dass sie bereits an der Seite
Allahs sitzen werden, bevor der erste Tropfen ihres Bluts den Boden berührt, und sie keinen
Schmerz, sondern nur Freude spüren werden. Ein entscheidender Ansporn für die jungen
Männer ist das Versprechen himmlischer Vergnügungen mit Scharen von Jungfrauen im
kommenden Leben. Sie werden zu Helden und Heldinnen, zu Rollenmodellen der
Selbstaufgabe für die nächste Generation junger Selbstmordattentäter.
Wir können sehen, dass dieses Programm eine Vielzahl psychologischer und motivierender
Prinzipien enthält, welche kollektiven Hass und allgemeine Wut in ein entschlossenes, genau
kalkuliertes Programm zur Ausbildung für jugendliche Märtyrer umwandeln. Es ist weder
abstrus noch sinnlos; nur beruht es auf einem sehr anderen Wertesystem und völlig anderen
Vorstellungen, als wir sie von jungen Erwachsenen in unserem Land gewohnt sind. Ein
kürzlich ausgestrahlte Fernsehsendung über weibliche Selbstmordattentäter stellte sogar die
Behauptung auf, diese Mädchen seien eher mit dem „Mädchen nebenan“ vergleichbar als mit
ausländischen Fanatikern. Genau dies ist das Erschreckende an dem neuen Sozialphänomen,
dass so viele intelligente junge Leute dazu verführt und gebracht werden können, es sich
vorzustellen und letztlich sogar zu begrüßen, ihr Leben in einem selbstmörderischen großen
Knall zu beenden.
Diesen wirksamen Rekrutierungstaktiken müssen sinnvolle, lebensbejahende Alternativen für
die kommenden Generationen entgegengesetzt werden. Dazu braucht es ein neues
gesamtstaatliches Leitungsteam, das alle vermittelnde Strategien erforscht, die zum Frieden
und nicht zu Tod führen könnten. Gleichzeitig erfordert es junge Leute, die ihre Werte, ihre
Ausbildung, ihre Ressourcen miteinander teilen, um ihre Gemeinsamkeiten eher als ihre
Unterschiede zu erforschen. Jeder Selbstmord, jeder Mord an einem jungen Menschen ist
eine klaffende Wunde im Gewebe des menschlichen Organismus, und damit etwas, was wir
Ältere aller Nationen im gemeinsamen Tun verhindern müssen. Ich sehe es aus einer weiteren
Perspektive, welche die lokale Politik und althergebrachte Strategien transzendiert, als eine
Form des Bösen an, die Jugend um der Macht der alten Ideologien willen zu opfern.
Zusammenfassung
Es gibt eine alte Wahrheit in der Psychologie, die besagt, dass Persönlichkeit und Situationen
wie Pole einer Ellipse aufeinander einwirken, um ein bestimmtes Verhalten zu erzeugen,
genauso wie kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse. Ich habe jedoch in meiner Forschung
während der letzten 30 Jahren zu zeigen versucht, dass Situationen größeren Einfluss auf
menschliche Tätigkeiten haben als dies allgemein von den meisten Psychologen angenommen
oder von der Öffentlichkeit erkannt wird. Zusammen mit einem harten Kern
experimentierender Sozialpsychologen habe ich daher Untersuchungen durchgeführt, die
teilweise als ausgleichendes Korrektiv zur allgemein in Öffentlichkeit und Forschung
vorherrschenden grundlegenden Zuerkennungsstörung (FAE) entworfen worden waren.
Trotzdem wird die situationsbedingte Betrachtungsweise in der Forschung weiter von der
traditionellen veranlagungsbestimmten Perspektive beherrscht, sicher auch aufgrund des
immer noch ungebrochenen Vertrauens in das Individualprinzip in der angloamerikanischen
Psychologie. Dies gilt in gleicher Weise von unseren medizinischen, schulischen,
psychiatrischen, juristischen und theologischen Einrichtungen. Die Anerkennung der
Wirksamkeit situationsbedingter Kräfte entschuldigt natürlich nicht das Verhalten, das durch
sie gesteuert wird. Eher stellt sie eine Wissensbasis dar, welche die Aufmerksamkeit weg
vom stark vereinfachten "Tadeln des Opfers" und der damit verbundenen erfolglosen
individualistischen Behandlungsmethodik auf profundere Versuche hinlenkt, die kausale
Vernetzungen und Querverbindungen aufdecken, welche geändert werden sollten.
Sensibilität gegenüber den umstandsbezogenen bestimmenden Faktoren des Verhaltens führt
auch zu verstärkter Alarmbereitschaft, um zukünftigen Situationen von Verwundbarkeit
auszuweichen oder sie zu verändern zu können
Betrachten Sie bitte dieses kleine Zimbardo-Gleichnis, das den essentiellen Unterschied
zwischen veranlagungsbestimmten und situationsbedingten Lagebestimmungen verdeutlicht:
"Während einige schlechte Äpfel möglicherweise ein gesamtes Fass voller guter Früchte
verderben können, verwandelt ein Essigfass süße Gurken immer in saure Essiggurken unabhängig von den besten Absichten, der Beweglichkeit und die genetische Natur jener
Gurken." Ist es also sinnvoller, Ressourcen dafür auszugeben, um schlechte Äpfel zu
kennzeichnen, zu lokalisieren und zu zerstören oder zu verstehen, wie Essig wirkt, und
Gurken zu unterrichten, wie man ungeliebte Essigfässer vermeidet?
Mein situationsbedingtes Gleichnis hat mehrere aufeinander bezogene Dimensionen. Zuerst
sollten wir beachten, dass eine Reihe anscheinend einfacher umstandsbezogener Faktoren sich
deutlicher und effektiver auf unser Verhalten auswirkt als bisher angenommen. Die
Forschungsergebnisse, die ich zusammen mit meinen anderen Kollegen in diesem Aufsatz
umrissen habe, verweisen auf die einflussreiche Kraft von Rollenspielen, Richtlinien,
Gegenwart von Anderen, neu auftauchenden Gruppennormen, Gruppenidentität, Uniformen,
Anonymität, Vorhandensein von Autoritäten, Machtsymbolen, Zeitdruck, semantischem
Modulieren, stereotypen Bildern und Aufklebern, u.a.m.
Zweitens definiert die situationsbedingte Betrachtungsweise das Phänomen des Heroismus
neu. Wenn die Mehrheit normaler Menschen durch situativen Druck dazu gebracht werden
kann, bestimmten falschen Befehlen zustimmen und sie auszuführen, sollte die Minorität, die
widersteht, als heroisch gelten. Die spezielle Natur dieses Widerstandes zu bestätigen
bedeutet, dass wir von ihrem Beispiel lernen können und sollten, indem wir studieren, was sie
in die Lage versetzt hat, einem solchen starken Druck zu widerstehen
Drittens sollte die situationsbedingte Herangehensweise meines Erachtens uns persönlich
weitaus demütiger und vorsichtiger bei den Versuchen machen, solche Taten des Bösen
einzuordnen und verstehen zu wollen, die bisher als "undenkbar“ und "sinnlos" galten.
Anstatt sich sofort aufs hohe moralische Ross zu setzen, welches uns „gute“ Völker von jenen
„schlechten“ abgrenzt und dadurch in der Analyse der verursachenden Faktoren zu
Kurzschlüssen führt, ermöglicht die situationsbedingte Herangehensweise allen anderen
ebenfalls einen Zugang, weil sie weiß, dass jede Handlung, sei sie gut oder schlecht, die
jemals von irgendeinem menschliches Wesen getan wurde, so auch von Ihnen oder mir getan
werden könnte. Wenn dem so ist, müssen wir unsere sofort hervorbrechende moralische
Empörung im Zaum halten, die auf Rache gegen den Übeltäter sinnt, und statt dessen die
verursachenden Faktoren aufdecken, die sie in diese anomalen Richtung geführt haben
könnten.
Im öffentlichen Diskurs scheint gegenwärtig offensichtlich die Grundtendenz zu sein,
Terroristen und Selbstmordattentäter zu brandmarken, anstatt die psychologischen,
ökonomischen und politischen Bedingungen zu betrachten und zu verstehen, wie sie solchen
allgemeinen Hass einer feindlichen Nation, einschließlich unserer selbst, fördern. Wir
müssen die essentielle Frage stellen und beantworten, was junge Leute dazu treibt, ihr Leben
zu opfern und andere Menschen zu ermorden. Der "Krieg gegen den Terrorismus" kann nie
durch die Pläne der gegenwärtigen Regierung gewonnen werden, die darin bestehen,
Terroristen aufzuspüren und zu zerstören, da jeder Einzelne überall und zu jeder Zeit zum
aktiven Terroristen werden kann. Nur wenn wir die umstandsbezogenen bestimmenden
Faktoren des Terrorismus begreifen, können Programme entwickelt werden, um die Herzen
und Sinne möglicher Terroristen von destruktivem Verhalten abzuwenden und auf
schöpferische Gestaltungskraft hin auszurichten. Dies ist keine einfache, aber eine essentiell
wichtige Aufgabe. Aus sozialpsychologischer Sicht benötigt sie die Implementierung der
situationsbedingten Perspektive und Methodik in einem umfassenden, langfristig umsetzbaren
Programm, das eine Haltungs-, Werte- und Verhaltensänderung erfordert.
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