4.2.1. Problem - Edu-Uni-Klu - Alpen-Adria

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Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
-Institut für Medien- und KommunikationswissenschaftStudienrichtung Publizistik und Kommunikationswissenschaft
Proseminar:
180.084 Psychologie der Kommunikation
SS08
Dipl. Psych. Beisswingert Stefan
Arbeitsgemeinschaft:
180.322 Elektronisches Präsentieren und Publizieren
SS09
Mag. Leustik Hermann
Thema: Geschlechtsspezifische Kommunikation
Katharina Krainer
Matrikel-Nr.: 0760231
[email protected]
Abgabedatum: 14. 05. 2009
1
EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG
Ich versichere ehrenwörtlich, dass ich den vorliegenden Text selbst verfasst habe,
dass ich außer den angegebenen Quellen keine anderen benutzt habe, dass jede
Quelle gekennzeichnet ist, und dass ich diese Arbeit an keiner anderen Stelle
eingereicht habe.
Unterschrift aller Verfasser/Verfasserinnen
Datum
I
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung _________________________________________________________________ 1
2.
Mann-Frau-Gespräch als Interkulturelle Kommunikation ___________________________ 2
3.
Unterschiede im Kindesalter __________________________________________________ 3
3.1. Bubenspiele _____________________________________________________________________ 3
3.2. Mädchenspiele ___________________________________________________________________ 4
3.3. Studie von Amy Sheldon ___________________________________________________________ 4
4.
Intimität und Unabhängigkeit ________________________________________________ 5
4.1. Definition _______________________________________________________________________ 5
4.2. Beispiel 1 - Wochenendpläne _______________________________________________________ 6
4.2.1.
Problem ______________________________________________________________ 7
4.2.2.
Fazit _________________________________________________________________ 7
5.
Symmetrie vs. Asymmetrie ___________________________________________________ 8
5.1. Gleich vs. Anders ________________________________________________________________ 8
5.2. Beispiel 2 – Mitgefühl _____________________________________________________________ 9
5.3. Beispiel 3 – Beförderung ___________________________________________________________ 9
5.4. 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun _______________________________________________ 10
6.
Der Mann – Der Beschützer__________________________________________________ 10
7.
Geschlechtsspezifische Schwerpunktsetzung ____________________________________ 11
8.
Geschlechtsunterschiede in der Sprache _______________________________________ 12
8.1. Sprachliche Darstellung der Geschlechter _____________________________________________ 12
8.2. Nutzung von Sprache_____________________________________________________________ 13
8.2.1.
Die Selbstenthüllung___________________________________________________ 14
8.2.2.
Konversationsmuster in Gruppengesprächen _______________________________ 14
9.
Sprachmythen ____________________________________________________________ 15
9.1. Mythos 1: Frauen reden zu viel _____________________________________________________ 15
9.2. Mythos 2: Wie Männer klingen – wie Frauen klingen ___________________________________ 16
10. Weibliche und Männliche Aggression _________________________________________ 16
11. Kritische Anmerkungen _____________________________________________________ 17
12. Literaturverzeichnis ________________________________________________________ 18
13. Index ____________________________________________________________________ 19
II
1. Einleitung
Missverständnisse kommen in allen möglichen Situationen vor und prägen unseren Alltag. Wenn
wir beispielsweise mit jemandem sprechen, der aus einer unterschiedlichen Region des Landes
stammt oder mit jemandem, der einer anderen ethnischen Gruppe angehört, dann kommt es nicht
selten vor, dass unsere Worte nicht so verstanden werden, wie von uns ursprünglich beabsichtigt.
Doch Missverständnisse treten nicht nur dann auf, wenn unser Gesprächspartner aus einer
anderen Kultur stammt, es reicht oft schon aus wenn er / sie dem anderen Geschlecht angehört.
Missverständnisse sind beinah unumgänglich und nur schwer zu vermeiden. Die Diskussion über
Sprache und Geschlecht und inwiefern diese beiden Aspekte zusammenhängen und sich
gegenseitig beeinflussen beschäftigt immer mehr Wissenschaftler. Zweifellos gibt es immer noch
jene Wissenschaftler, die den Wunsch hegen, die Gleichheit von Männern und Frauen zu
bestätigen, doch unzählige Forschungsergebnisse und nicht zuletzt unsere eigenen alltäglichen
Erfahrungen zeigen, dass es einfach nicht so ist.1
Jeder Mensch ist ein Individuum mit seiner individuellen Persönlichkeiten und seinen
individuellen Vorlieben, dennoch gibt es geschlechtstypische Gesprächsstile und somit
Unterschiede in der Kommunikation von Männern und Frauen. Um diese Unterschiede empirisch
zu belegen, haben wir uns vorrangig an den Büchern Du kannst mich einfach nicht verstehen von
Deborah Tannen sowie an Körperstrategien. Geschlecht, Macht und nonverbale Kommunikation
von Nancy Henley orientiert. Ziel von Tannens Buch ist es sinnlos scheinende Missverständnisse
in unsere Beziehungen einen Sinn zu geben und zu zeigen, dass ein Mann und eine Frau dieselbe
Unterhaltung oft ganz anders auffassen. Ziel von Henleys Buch ist es die Bedeutung der Sprache
bzw. der Körpersprache unter Beachtung von Machtunterschieden - vor allem zwischen den
Geschlechtern – herauszuarbeiten. Ziel dieser Proseminararbeit ist es nun die Unterschiede in der
Kommunikation zwischen Männern und Frauen erkennbar, verständlich und nachvollziehbar
darzustellen.
1
Vgl. Tannen (1991:16).
1
2. Mann-Frau-Gespräch als Interkulturelle Kommunikation
Ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen ist die Art und Weise wie sie
sich der Welt nähern. Männer nähern sich der Welt als Individuen in einer „hierarchischen
sozialen Ordnung, in der [sie] entweder unter- oder überlegen [sind]“2. Gespräche werden in der
Welt der Männer als Verhandlungen gesehen, bei denen man die Oberhand gewinnen und
behalten will und sich gegen andere verteidigt. Frauen wiederum nähern sich der Welt als
Individuen in einem „Netzwerk zwischenmenschlicher Bindungen.“3 Gespräche werden hier als
Verhandlungen über Nähe gesehen, deren Ziel es ist, Bestätigung und Unterstützung zu geben
und zu erhalten sowie Übereinstimmung zu erzielen.
Wenn man nun die Art und Weise wie sich Männer und Frauen der Welt nähern berücksichtigt,
ist eine unterschiedliche Einstellung sowie Auffassung zum bzw. vom Leben zu erkennen. Für
Männer ist das Leben ein Wettkampf; ein Kampf um die Erhaltung von Unabhängigkeit und um
die Vermeidung von Niederlagen. Für Frauen wiederum ist das Leben eine Gemeinschaft; ein
Kampf um die Erhaltung von Intimität und um die Vermeidung von Isolation. 4
Diese Unterschiede zwischen Männern und Frauen tragen nun auch dazu bei, dass die beiden
Geschlechter differenzierende Gesprächsstile haben. Während Männer eine Status- und
Unabhängigkeitssprache sprechen, sprechen Frauen eine Bindungs- und Intimitätssprache.5 Auf
den Inhalt bzw. auf die Bedeutung dieser unterschiedlichen Gesprächsstile wird in Kapitel 4 und
5 dieser Arbeit näher eingegangen. Aufgrund dieser unterschiedlichen Gesprächsstile, kann die
Kommunikation zwischen Männern und Frauen auch als interkulturelle Kommunikation
bezeichnet werden. Dies mag im ersten Moment absurd klingen, da man üblicherweise unter
interkultureller
Kommunikation
die
soziale
Interaktion
zwischen
Individuen
aus
unterschiedlichen Kulturen versteht, doch tatsächlich kann auch die Interaktion zwischen
Männern und Frauen zur interkulturellen Kommunikation werden, da diese oft am
unterschiedlichen Gesprächsstil scheitert.6 Bedenkt man dies, erscheint auch plötzlich der
berühmt berüchtigte Satz Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus in einem neuen Licht.
2
Tannen (1991:20).
Tannen (1991:20).
4
Vgl. Tannen (1991:20).
5
Vgl. Tannen (1991:40).
6
Vgl. Tannen (1991:40).
3
2
Doch warum haben Männer und Frauen einen unterschiedlichen Gesprächsstil? Wo lernen
Frauen und Männer unterschiedlich zu sprechen? Um diese unterschiedlichen Gesprächsstile auf
den Grund zu gehen, muss dahin zurückgegangen werden, wo alles beginnt; zurück in das
Kindesalter.
3. Unterschiede im Kindesalter
Nicht selten wird behauptet, dass Männer und Frauen bzw. Buben und Mädchen in
unterschiedlichen Welten aufwachsen. Diese Aussage mag völlig paradox klingen, da ja
beispielsweise Brüder und Schwestern in derselben Familie aufwachsen und im selben Umfeld
zusammenleben. Doch selbst wenn Buben und Mädchen in derselben Wohngegend, im selben
Wohnhaus oder gar im selben Haus groß werden, wachsen sie in verschiedenen sprachlichen
Welten auf. Grund für diese unterschiedlichen Sprachwelten ist die Tatsache, dass mit Buben
anders gesprochen wird als mit Mädchen und es wird ebenso erwartet, dass sie anders antworten.7
Ein weiterer Grund für die unterschiedlichen sprachlichen Welten von Männern und Frauen mag
sein, dass Kinder nicht nur von ihren Eltern lernen zu sprechen und Gespräche zu führen, sondern
vor allem von ihren Spielkameraden. Untersuchungen haben ergeben, dass Buben und Mädchen
den größten Teil ihrer Freizeit in gleichgeschlechtlichen Spielgruppen verbringen. 8 Mädchen und
Buben haben unterschiedliche Lieblingsspiele und vor allem liegen „zwischen dem
Sprachgebrauch bei ihren Spielen (…) Welten“.9 Um diesen Unterschied zu verdeutlichen gehen
wir nun näher auf typischen Buben- und typische Mädchenspiele ein.
3.1. Bubenspiele10
Buben spielen vorzugsweise im Freien und in großen, hierarchisch strukturierten Gruppen. Der
Anführer der Gruppe sagt den anderen was zu tun, wie es zu tun ist und weigert sich Vorschläge
anderer zu akzeptieren. Bubenspiele drehen sich sehr stark um Status, denn mittels der Erteilung
von Anweisungen wird Status gewonnen. Eine weitere Form der Statusgewinnung ist das
Erzählen von Witzen und Geschichten. Bei den Spielen der Buben gibt es Gewinner und
Verlierer, es kommt oft zu Auseinandersetzungen und Buben prahlen mit ihrer Fähigkeiten und
streiten, wer denn nun der Beste sei.
7
Vgl. Tannen (1991:40).
Vgl. Tannen (1991:41).
9
Tannen (1991:41).
10
Vgl. Tannen (1991:41).
8
3
3.2. Mädchenspiele11
Anders als die Buben, spielen Mädchen in kleinen Gruppen oder gar nur zu zweit. Intimität, Nähe
und Verbundenheit sind für Mädchen von großer Bedeutung und auch der Grund weshalb
Mädchenfreundschaften häufig zahlenmäßig begrenzt sind. Viele der Mädchenaktivitäten, wie
beispielsweise das Mutter-Kind-Spiel haben keine Verlierer oder Gewinner. Im Gegensatz zu den
Buben, prahlen Mädchen nicht mit ihren Fähigkeiten und zeigen auch nicht, dass sie besser sind
als andere. Sie geben auch keine Befehle oder Anweisungen; sie äußern eher Vorschläge. Den
Mädchen geht es somit nicht so sehr um Statusgewinnung, sondern viel mehr darum gemocht zu
werden.
Immer mehr Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Kindesalter bzw. mit dessen Einfluss auf
geschlechtsspezifische
Kommunikation.
Geschlechtsspezifische
Unterschiede
in
der
Kommunikation sowie in der Sprechweise konnten von Wissenschaftlern bereits bei dreijährigen
Kindern beobachtet werden. Folgend wollen wir auf eine Studie eingehen, durchgeführt von Amy
Sheldon, welche deutlich zeigt wie sehr sich Buben und Mädchen bereits im Kindesalter
voneinander unterscheiden.
3.3. Studie von Amy Sheldon12
In der Untersuchung von Amy Sheldon wurden zwei Dreiergruppen, jeweils drei Mädchen und
drei Buben im Alter von drei bis 4 Jahren, in einer Kindertagesstätte gefilmt und beobachtet. In
beiden Gruppen kam es zu Streitereien über dasselbe Spielzeug; eine Plastikgurke. Obwohl beide
Gruppen um denselben Gegenstand stritten, hatten sie ganz unterschiedliche Strategien um den
Konflikt zu lösen.
Bei den Mädchen ging es in erster Linie darum den Konflikt abzuschwächen und Harmonie zu
bewahren. Sie taten dies, indem sie Kompromisse eingingen; es wurde sogar der Vorschlag
gemacht die Gurke auseinander zu schneiden.
Bei den Buben hingegen weitete sich der Konflikt weiter aus. Sie beharrten auf ihrem Standpunkt
und drohten sogar mit körperlicher Gewalt.
11
12
Vgl. Tannen (1991:41).
Vgl. Tannen (1991:42).
4
Diese Untersuchung zeigt
deutlich dass
geschlechtsspezifische
Unterschiede in
der
Kommunikation nicht etwa erst in der Pubertät entstehen, sondern tatsächlich von Anfang an
gegeben beobachtbar sind.
4. Intimität und Unabhängigkeit
Im vorrangegangen Kapitel haben wir gehört, dass Männer und Frauen bzw. Buben und Mädchen
bereits im Kindesalter verschieden zu sprechen lernen. Dieser geschlechtsspezifische
Gesprächsstil entwickelt sich somit schon sehr früh und prägt die Kommunikation der beiden
Geschlechter ein Leben lang. Wie schon in Kapitel 2 erwähnt, sind die geschlechtsspezifischen
Kommunikationsstile Grund dafür weshalb die Kommunikation zwischen Männern und Frauen
so schwierig und nicht selten zum scheitern verurteilt ist. Während Frauen eine Bindungs- und
Intimitätssprache sprechen, sprechen Männer eine Status- und Unabhängigkeitssprache. In
diesem Kapitel wollen wir nun näher auf die Aspekte der Intimität sowie der Unabhängigkeit
eingehen. Neben den unterschiedlichen sprachlichen Welten, sind es nämliche unter anderem
diese beiden Aspekte, welche die Kommunikation der beiden Geschlechter oft so kompliziert
gestalten.
4.1. Definition
Zunächst wollen wir die beiden Begriffe Intimität und Unabhängigkeit erklären, um deren
Bedeutung in der geschlechtsspezifischen Kommunikation deutlicher und besser verständlich zu
machen.
Intimität wird als der Schlüssel in einer Beziehungswelt gesehen, wo
„Individuen über Komplexe Netzwerke von Freundschaften verhandeln,
Unterschiede minimieren, nach Übereinstimmung streben und den Anschein
von Überlegenheit (…) vermeiden wollen.“13
Das heißt Aspekte wie Freundschaft, Bindung, Zusammengehörigkeit und Gleichheit spielen hier
eine wesentliche Rolle. Während Intimität somit als Schlüssel einer Beziehungswelt gesehen
wird, ist Unabhängigkeit der Schlüssel in einer Statuswelt, wo das Erteilen von Befehlen als
Zeichen von hohem Status und die Entgegennahme von Befehlen als Zeichen von niedrigem
13
Tannen (1991:21).
5
Status angesehen wird.14 In einer Statuswelt dreht sich somit, wie der Name schon vermuten
lässt, alles um Status bzw. um Statusgewinnung.
Wenn man nun diese beiden Begriffe mit geschlechtsspezifischer Kommunikation in Verbindung
bringt, muss vorab erwähnt werden, dass natürlich jeder Mensch sowohl das Bedürfnis nach
Intimität als auch nach Unabhängigkeit hat. Dennoch kann gesagt werden, dass Frauen eher auf
den Aspekt der Intimität und Männer eher auf den Aspekt der Unabhängigkeit fixiert sind.15
Deborah Tannen hat es geschafft, diesen wesentlichen Unterschied zwischen Männer und Frauen
sehr treffend darzustellen; „Es ist so, als ob ihr Herzblut in verschiedene Richtungen fließen
würde“.16
Die Aspekte der Intimität sowie der Unabhängigkeit sind somit von unterschiedlicher Bedeutung
für Männer und Frauen. Dieser Unterschied trägt dazu bei, dass Männer und Frauen dieselben
Situationen oft ganz anders wahrnehmen.17 Um dies zu verdeutlichen, möchten wir diese
unterschiedliche Auffassung von Situationen an Hand eines Beispiels erklären.
4.2. Beispiel 1 - Wochenendpläne18
Das Ehepaar Joshua und Linda sind glücklich verheiratet. Joshua wird in der Arbeit von einem
alten Schulkollegen angerufen, welcher gerade in der Stadt ist. Joshua freut sich und lädt ihn fürs
Wochenende zu sich und Linda nach Hause ein. Daheim angekommen, erzählt Joshua Linda,
dass sein alter Schulfreund zum Abendessen kommen wird und anschließend wollen die beiden
losziehen und über alte Zeiten reden.
Linda reagiert daraufhin verärgert; sie ärgert sich, dass Joshua die Einladung nicht vorher mit ihr
besprochen hat – er hat sie einfach vor vollendeten Tatsachen gestellt. Im Gegensatz zu Joshua,
würde Linda nie Pläne machen ohne vorher mit ihrem Ehemann darüber zu sprechen. Sie versteht
nicht, warum er ihr Gegenüber nicht auch so höflich und rücksichtsvoll handelt. Als Linda Joshua
ihren Ärger schildert, meint dieser: „Ich kann doch nicht zu meinen Freund sagen: ‚Ich muss
zuerst meine Frau um Erlaubnis bitten!‘“19
14
Vgl. Tannen (1991:22).
Vgl. Tannen (1991:22).
16
Tannen (1991:22).
17
Vgl. Tannen (1991:22).
18
Vgl. Tannen (1991:22).
19
Tannen (1991:22).
15
6
4.2.1. Problem
Das Problem ist, dass die geschilderte Situation von beiden sehr unterschiedlich aufgefasst und
verstanden wird. Im Gegensatz zu seiner Ehefrau, möchte Joshua nicht über seine
Wochenendpläne sprechen, denn das wäre für ihn so, als müsse er sie um Erlaubnis bitten. Er
würde sich somit nicht frei und unabhängig fühlen, sondern wie ein Kind oder Untergebener.20
Für Linda wiederum hat das gemeinsame Abstimmen über Wochenendpläne nichts mit Erlauben
zu tun. Sie setzt voraus, dass Partner ihre Pläne besprechen, schließlich hat das Handeln des
Einen auch Konsequenzen für den Anderen. Im Gegensatz zu Joshua, würde es Linda auch nichts
ausmachen jemanden sagen zu müssen: ‚Ich muss das noch mit meinem Mann besprechen‘ –
ganz im Gegenteil, es ist etwas was sie gerne sagt, denn mit dieser Aussage zeigt sie, dass sie
eine Beziehung hat und dass ihr Leben mit dem eines anderen eng verbunden ist.21
4.2.2. Fazit
Fazit der Situation ist, dass sich beide Seiten, also sowohl Joshua als auch Linda, in etwas
gekränkt und verletzt fühlen was ihnen sehr wichtig ist. Joshua ist gekränkt, weil Linda ihn den
Eindruck vermittelt als wolle sie ihn kontrollieren und ihn seine Freiheit wegnehmen und Linda
fühlt sich ebenso gekränkt, da sie das Gefühl hat, dass es in ihrer Beziehung zu Joshua an Nähe
fehlt und ihm sein Freund wichtiger sei als sie.22
Solche Situationen kommen zwischen Männern und Frauen sehr häufig vor und sind wohl
Bestandteil einer jeden Beziehung. Der Grund dafür ist ein unterschiedliches Verständnis von
Entscheidungsprozessen. Viele Frauen erwarten, dass Entscheidungen zunächst besprochen und
dann gemeinsam beschlossen werden. Für sie ist die Diskussion ein Ausdruck der Verbundenheit
und Kommunikation.23 Während es für viele Frauen selbstverständlich ist jede Kleinigkeit mit
ihrem Partner zu besprechen, finden es Männer oft ganz normal, Entscheidungen alleine zu
treffen. Männer fühlen sich oft eingeengt und unterdrückt, wenn sie langwierige Diskussionen
über etwas führen sollen, dass sie für nebensächlich halten, und erst besprechen müssen was sie
vorhaben.
20
Vgl. Tannen (1991:22).
Vgl. Tannen (1991:23).
22
Vgl. Tannen (1991:23).
23
Vgl. Tannen (1991:23).
21
7
5. Symmetrie vs. Asymmetrie
Es wurde erwähnt, dass Frauen eine Bindungs- und Intimitätssprache sprechen und Männer eine
Status- und Unabhängigkeitssprache. Im vorrangegangen Kapitel sind wir auf die Intimität und
Unabhängigkeit eingegangen. Es wurde besprochen inwiefern diese beiden Aspekte von Männern
und Frauen unterschiedlich verstanden und angewandt werden. Desweiteren wurde auf die Rolle
der Intimität sowie der Unabhängigkeit in der geschlechtsspezifischen Kommunikation
eingegangen. In diesem Kapitel wollen wir uns nun den Aspekt der Bindung sowie den des Status
näher ansehen, inwieweit sie mit den Aspekten der Intimität und der Unabhängigkeit verbunden
sind und inwieweit sie die Kommunikation von Männern und Frauen beeinflussen.
5.1. Gleich vs. Anders
Das entscheidende Merkmal von Bindung ist Symmetrie; „Die Menschen sind gleich und fühlen
sich gleichermaßen verbunden“.24 Der Begriff Intimität ist für viele gleichbedeutend mit „Wir
sind uns nah, und wir sind gleich“.25 Es ist somit leicht verständlich, dass Bindung und Intimität
eng zusammenhängen.
Das entscheidende Merkmal von Status ist Asymmetrie; das heißt „die Menschen sind nicht
gleich; sie nehmen unterschiedliche Plätze in einer hierarchischen Ordnung ein“.26 Der Begriff
Unabhängigkeit wird oft mit „Wir sind getrennt und anders“27 gleichgesetzt. Auch hier ist der
enge Zusammenhang zwischen den Begriffen Status und Unabhängigkeit leicht erkennbar.
Bindung bzw. Symmetrie und Status bzw. Asymmetrie spielen eine große Rolle in unseren
täglichen Gesprächen. Sie sind besonders dann von Bedeutung wenn Leute Einem Sympathie
oder Mitgefühl entgegenbringen, denn Sympathie oder Mitgefühl kann immer zweideutig
interpretiert
werden.
Solche
Äußerungen
können
als
symmetrisch,
also
Ausdruck
freundschaftlicher Gefühle oder als asymmetrisch, als Ausdruck von Überlegenheit oder als
Anspielung auf bestimmte Schwächen verstanden werden.28 Inwiefern sich das auf den Alltag
auswirken kann, wollen wir anhand eines Beispiels näher zeigen.
24
Tannen (1991:23).
Tannen (1991:23).
26
Tannen (1991:24).
27
Tannen (1991:24).
28
Vgl. Tannen (1991:24).
25
8
5.2. Beispiel 2 – Mitgefühl
Zwei Studierende, Andrea und Lukas, treffen sich auf dem Gang und unterhalten sich über eine
wichtige Prüfung. Während Andrea die Prüfung bereits bestanden hat, hat Lukas sie noch nicht
geschafft. Wissend, dass Lukas die Prüfung nicht bestanden hat, fragt sie dennoch wie die
Klausur für ihn gelaufen ist. Nun stehen Lukas zwei Möglichkeiten offen diese Frage zu
interpretieren.
Möglichkeit 1:
Lukas fasst die Frage als Ausdruck menschlicher Verbundenheit auf. Andrea interessiert sich für
ihn, sie nimmt Anteil und zeigt Verständnis und Mitgefühlt. Würde Lukas diese Möglichkeit
wählen, fasst er die Frage als symmetrisch auf.
Möglichkeit 2:
Lukas fasst die Frage als Ausdruck von Überlegenheit auf. Andrea weiß über seine Situation
Bescheid, dennoch fragt sie nach. Lukas denkt Andrea macht sich über ihn lustig und fasst die
Frage als Herablassung und Beleidung aus. Würde sich Lukas für diese Möglichkeit entscheiden,
interpretiert er die Frage als asymmetrisch.
In der Realität würde sich Lukas mit hoher Wahrscheinlichkeit für Möglichkeit zwei entscheiden.
Er würde die Frage als Ausdruck von Überlegenheit verstehen, denn viele Männer reagieren auf
diese Art wenn ihnen Sympathie oder Mitgefühl entgegengebracht wird. Der Grund dafür ist die
Statusorientiertheit von Männern und wie bereits erwähnt ist Status das wichtigste Merkmal von
Asymmetrie. Mit dem Wissen, dass Männer sehr statusorientiert sind und Status eine wesentliche
Rolle in Männerbeziehungen einnimmt, lassen sich viele unverständliche Verhaltensweisen
nachvollziehen und erklären. Ein weiteres Beispiel soll diese spezielle Bedeutung von Status
aufzeigen.
5.3. Beispiel 3 – Beförderung
Deborah Tannen schreibt in ihrem Buch über eine Frau, dessen Mann sich weigerte, mit seinem
Chef über eine potentielle Beförderung zu sprechen, weil er sich im Falle eines negativen
Bescheids nach einer neuen Stelle umsehen würde (1991:26). Doch anstatt einfach zu fragen,
schlief ihr Mann unruhig und sorgte sich um seine Zukunft. Die Frau konnte das Handeln ihres
Mannes nicht nachvollziehen, denn sie kennt ihn sonst als durchaus selbstbewussten Mann.
9
Berücksichtigt man die Wichtigkeit von Status in Männerbeziehungen, ist die eben geschilderte
Situation sehr viel leichter nachvollziehbar. Würde der hier beschriebene Mann seinen
Vorgesetzten nach einer möglichen Beförderung fragen, so betone er damit die hierarchische
Ordnung und würde beide daran erinnern, dass der Vorgesetzte die berufliche Zukunft des
Mannes in der Hand hält. Der niedrigere Status macht den Mann zu schaffen und ist gleichzeitig
auch Grund für dessen Unsicherheit.
Folgend wollen wir nun auf die Präsentation Kommunikationstheorien eingehen und den engen
Zusammenhang zwischen der Status- bzw. Bindungsorientiertheit von Männern und Frauen und
dem 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun aufzeigen.
5.4. 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun
Die Bindungsorientiertheit ist unter anderem ein Grund weshalb Frauen Gesprächsinhalte
vorrangig mit dem Beziehungsohr aufnehmen. Da sich Frauen, wie in Kapitel 2 bereits erwähnt,
der Welt als Individuen in einem Netz zwischenmenschlicher Beziehungen nähern, ist der direkte
Zusammenhang mit dem Beziehungs-Ohr deutlich, denn nach dem Modell von Schulz von Thun
nimmt das Beziehungs-Ohr zwischenmenschliche Töne wahr.
Die Statusorientiertheit von Männern hingegen ist eng mit dem Sachohr verbunden. Wie in
Kapitel 2 bereits erläutert, sehen Männer die Welt in einer hierarchischen Ordnung, in der sie
nach Überlegenheit streben. Dieses Verlangen nach Überlegenheit wird unterstützt durch das
Sach-Ohr, welches nicht so leicht angreifbar ist und zwischenmenschliche Töne auslässt.
6. Der Mann – Der Beschützer
Die Bedeutung von Status in der Männerwelt kann an vielen alltäglichen Beispielen gezeigt
werden. Eine dieser alltäglichen Situation ist jene, in der der Mann die Beschützerrolle einnimmt.
Männer gelten ganz automatisch als die Beschützer von Frauen; Frauen hingegen werden nie als
die Beschützerinnen von Männern gesehen. Grund dafür mag die körperliche Kraft Seitens der
Männer sein, doch selbst starke Frauen werden nicht mit der Beschützerrolle in Verbindung
gebracht. Die beschützende Geste eines Mannes ist für viele Frauen etwas ganz Normales,
Traditionelles und beinahe Selbstverständliches, doch die „beschützende Geste einer Frau weckt
andere Assoziationen mit einem anderen Szenario: mit Müttern, die ihre Kinder beschützen“.29
29
Tannen (1991:32).
10
Aus diesem Grund widerstrebt es vielen Männern von Frauen beschützt zu werden; beschützt zu
werden würde ihnen ein Gefühl der Unterlegenheit vermitteln.30 Für viele Frauen hingegen ist die
Beschützerrolle des Mannes etwas Selbstverständliches. Viele Frauen lassen sich ohne Widerrede
von Männern beschützen. Grund dafür ist ihre Bindungsorientiertheit. Für sie sind
zwischenmenschliche Beziehungen viel wichtiger als Status. Sie sehen das Leben als eine
Gemeinschaft.
7. Geschlechtsspezifische Schwerpunktsetzung
Die bislang erwähnten Unterschiede zwischen Männern und Frauen laufen immer wieder darauf
hinaus, dass Männer eine Status- und Unabhängigkeitssprache und Frauen eine Bindungs- und
Intimitätssprache sprechen. Es wurde erwähnt dass dieser Unterschied dazu beiträgt, dass Männer
und Frauen unterschiedliche sprechen und dieselbe Situation oft ganz anders auffassen. In diesem
Kapitel wollen wir nun darauf eingehen, dass dieser Unterschied auch dazu führt, dass Männer
und Frauen eine ungleiche Auffassung von einer Beziehung haben.
Männer thematisieren
„in Beziehungen häufiger den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit
(…), während Frauen in Beziehungen oft stärker auf gegenseitige
Abhängigkeit und Verbundenheit konzentriert sind.“31
Folglich heißt das, dass Männer und Frauen eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung in ihrem
Leben haben. Gut zu erkennen sind auch hier wieder die Parallelen zu den vorangegangen
Kapiteln, denn auch hier konzentrieren sich die Männer auf Aspekte der Freiheit und
Unabhängigkeit, während die Frauen eher auf Verbundenheit bedacht sind. Anhand einer
Untersuchung, durchgeführt von The Chronicle of Higher Education wollen wir darstellen in
welcher Art und Weise diese unterschiedliche Schwerpunktsetzung das Leben von Frauen und
Männer beeinflusst.32
Sechs Universitätsprofessoren/innen, davon vier Männer und zwei Frauen, wurden gefragt
weshalb sie sich für eine Lehrtätigkeit entschieden haben. Die Antworten der zwei Frauen bzw.
die
der
Männer
wiesen
untereinander
viele
Gemeinsamkeiten
und
jeweils
wenig
30
Vgl. Tannen (1991:32).
Tannen (1991:38).
32
Vgl. Tannen (1991:38).
31
11
Gemeinsamkeiten mit den Antworten des jeweils anderen Geschlechts auf. Während die Frauen
in ihren Antworten sehr auf den Aspekt des Unterrichtens eingingen sowie auf die Möglichkeit
Studierende positiv beeinflussen zu können, gaben die Männer den Wunsch nach Unabhängigkeit
sowie die Möglichkeit frei forschen zu können als Hauptmotiv für ihre Berufswahl an. 33 Diese
Studie zeigt, dass Frauen und Männer ihren Beruf unterschiedlich thematisieren; während die
Frauen in erster Linie das Unterrichten sowie die Beziehung zu den Studierenden betonten,
gingen die Männer vorrangig auf ihre Unabhängigkeit ein.
8. Geschlechtsunterschiede in der Sprache
Im weiteren Verlauf der Arbeit, werde wir uns vorrangig auf Henley beziehen, die in ihrem Buch
Körperstrategien: Geschlecht, Macht und nonverbale Kommunikation versucht die Bedeutung
der Sprache bzw. der Körpersprache unter Beachtung von Machtunterschieden - vor allem
zwischen den Geschlechtern – herauszuarbeiten. Denn Sprache ermöglicht es nicht nur
gegenseitige Zuneigung, Abneigung oder Gleichgültigkeit auszudrücken, sondern auch Macht
auszuüben und das Gegenüber zu manipulieren.34 Dies alles findet auch bei Konversationen
zwischen Männern und Frauen statt. So weisen Männer und Frauen einerseits einen
unterschiedlichen Sprachgebrauch auf, andererseits wird über beide Geschlechter auch
verschieden kommuniziert.
Im Folgenden soll aufgezeigt werden, dass bestimmte sprachliche Formen entweder Über- oder
Unterlegenheit demonstrieren und dass gewisse Sprachstile eher einem Geschlecht zuzuordnen
sind.
8.1. Sprachliche Darstellung der Geschlechter
Schon bei der Darstellung beziehungsweise Verwendung der Geschlechter in der Sprache ist es
offensichtlich, dass Frauen anders behandelt werden als Männer. Die generische Verwendung des
Männlichen zeigt, dass das weibliche Geschlecht in der Sprache abgegrenzt und teilweise sogar
ignoriert wird.35 Vor allem im Englischen sind maskuline Formen – wie beispielsweise
spokesman oder chairman – alltäglich; aber auch das Deutsche kommt ohne die Begriffe man
33
Vgl. Tannen (1991:39).
Vgl. Henley (1999:104ff).
35
Vgl. Henley (1999:120).
34
12
oder jedermann nicht aus.36 Die genannten Wörter demonstrieren, dass oftmals das Weibliche in
eindeutig männlichen Bezeichnungen integriert ist. Diese sprachliche Ausgrenzung der Frauen
spiegelt deren untergeordneten Status wieder und fördert zudem die Gewohnheit, dass Frauen in
erster Linie durch die Zuordnung zu einer Gruppe definiert werden, erkennbar in Erläuterungen
wie XY, Frau eines Rechtsanwaltes und Mutter von zwei Kindern.37
Darüber hinaus ist es auch heute noch - vor allem in der alltäglichen Umgangssprache - üblich,
die männliche Bezeichnung zu verwenden, wenn auch beide Geschlechter angesprochen werden
sollen. Mittlerweile werden zwar zahlreiche eigene Benennungen für Frauen konstruiert, indem
dem ursprünglichen maskulinen Wort schlichtweg
die feminine Endung -in angehängt wird.38 Hier ist
erneut zu erkennen, dass die weibliche Form von
der männlichen abhängig und alles andere als
eigenständig ist. Dieser Versuch einer für beide
Geschlechter ausgeglichenen Sprache wird bis dato
nur in der Schriftsprache und in gehobener oder
zumindest
bewusst
verwendeter
gesprochener
Sprache gehandhabt. Wie folgende Abbildung
zeigt, wird die teilweise krampfhafte Anwendung
gendergerechter Sprache gerne parodiert.39
Abbildung: Gendergerechte Sprache
8.2. Nutzung von Sprache
Wie
vorhin
bereits
erwähnt,
können
gewisse
Kommunikationsstrukturen
die
zwischenmenschlichen Machtbeziehungen darstellen und sie sogar beeinflussen. So werden
informelle Anreden mit dem Vornamen und ein Sich-gegenseitig-Duzen als Zeichen von
Solidarität und symmetrischen Beziehungen gesehen. Höfliche und formelle Anreden zeugen
jedoch von einer von Statusunterschied geprägten Asymmetrie.40 Des Weiteren zählen
Herumkommandieren, Unterbrechen und Widersprechen zu sprachlichen Formen, die
Überlegenheit demonstrieren; Selbstzweifel, Rechtfertigungen und Unsicherheit charakterisieren
36
Vgl. Henley (1991:120).
Vgl. Henley (1999:120f).
38
Vgl. Henley (1999:121).
39
Quelle: URL: http://www.rhetorik.ch/Feministisch/frauinnen.gif [24.4.2008].
40
Siehe dazu Kap. 5.
37
13
jedoch den Sprachstil von Untergebenen.41 Laut Henley (1999: 106) zeigt eine Studie von Eakins
und Eakins deutlich, dass Frauen häufiger unterbrochen werden als Männer, was wiederum
verdeutlicht, dass das weibliche Geschlecht einen niedrigere Stellung einnimmt.
Auch die Selbstenthüllung und das Preisgeben persönlicher Informationen beruhen auf Machtund Statusunterschiede. Fakten, die eigene Person betreffend, werden ausschließlich
Mitmenschen auf gleicher Ebene oder Ranghöheren mitgeteilt. Letzteres dient wahrscheinlich
dazu Intimität herzustellen, stärkt aber wiederum die Machtposition des Höhergestellten.42
Bezüglich dessen wurden im Referat Das Selbst in der sozialen Kommunikation die Themen des
Selbstwertgefühles beziehungsweise das damit eng verbundene Gefühl der Schüchternheit sowie
der Selbstoffenbarung ausführlich beschrieben.
8.2.1. Die Selbstenthüllung
Bei der Offenlegung von Gefühlen und persönlichen Angelegenheiten lässt sich erneut ein
geschlechtsspezifischer Unterschied feststellen. Demnach geben Frauen weitaus mehr
Informationen von sich selbst preis als Männer. Das liegt daran, dass das weibliche Geschlecht
über die Jahre hinweg daraufhin sozialisiert wurde seine Gedanken und Emotionen offen zu
zeigen und sie nicht nur für sich zu behalten. Wie vorhin bereits erwähnt, bringt diese Tatsache
zwar einige negative Auswirkungen mit sich, trotzdem zeigt sie, dass Frauen es zulassen
(können) sich anderen gegenüber zu öffnen und ihre wahren Gefühle zu offenbaren.43
8.2.2. Konversationsmuster in Gruppengesprächen
Auf Grund ihres höheren Status neigen Männer eher dazu, das Gegenüber zu unterbrechen.
Zudem wird dem männlichen Geschlecht, das als handlungsorientiert gilt, das so genannte
instrumentelle Sprechen zugeordnet, welches durch Argumentieren, Diskutieren, das Vorgeben
von bestimmten Richtungen und Vermitteln von Informationen gekennzeichnet wird. Frauen
hingegen, die man eher als personenorientiert bezeichnet, tendieren dazu sich gefühlvoll sowie
begeistert zu äußern, den Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin zu verstehen beziehungsweise
41
Vgl. Henley (1999:104ff).
Vgl. Henley (1999:110f).
43
Vgl. Henley (1999:118f).
42
14
dessen/deren Ansichten zu akzeptieren, Spannungen zu verringern und Einverständnis sowie
Beifall zu geben.44
Durch die Gewohnheit von Frauen, sich zu entschuldigen, zu zögern und den eigenen
Bemerkungen eine geringere Bedeutung zuzuschreiben, was alles charakteristisch für einen
unterordnenden Sprachstil ist, die Vorliebe der selbigen dafür, den Aussagen des Gegenübers
meist zuzustimmen und den Hang von Männern, ständig zu unterbrechen, schaffen es Letztere
immer wieder das Thema eines Gesprächs vorzugeben.45
Hierzu möchten wir uns auf die Präsentation Kommunikation und Persönlichkeitsstile beziehen.
Somit lassen sich Männer im Allgemeinen demnach tendenziell eher dem sich beweisenden oder
dem bestimmend-kontrollierenden Kommunikationsstil zuordnen. Jener von Frauen entspricht
mehr dem des bedürftig-abhängigen oder des selbstlosen Stils.
9. Sprachmythen
Um stereotypische Vorstellungen der Sprache von Männern beziehungsweise von Frauen zu
verdeutlichen, werden in diesem Kapitel zwei Mythen beispielhaft aufgegriffen und näher
betrachtet. Im Zuge der Erläuterungen wird aufgezeigt, dass gewisse in der Gesellschaft
verbreitete und anerkannte Annahmen nicht der Wahrheit entsprechen und schlichtweg als
Vorurteile zu bezeichnen sind. Nach dem Sender-Empfänger Modell können solche
Vorannahmen und bestimmte Erwartungen Aussagen behindern und verfälschen.
9.1. Mythos 1: Frauen reden zu viel
Dieser erste Sprachmythos besagt, dass Frauen generell mehr und über eine längere Dauer
sprechen
als
Männer.
Diese
Behauptung
stimmt
jedoch
nicht.
Wie
zahlreiche
Forschungsergebnisse belegen, sprechen in Wahrheit Männer öfter und länger. Darüber hinaus
unterbrechen diese – wie bereits mehrmals erwähnt – häufiger als ihr weibliches Pendant. All
diese Merkmale können als ein Zeichen von Machtdemonstration verstanden werden, weil sich
ein höherer Status unter anderem darin äußert ein Gespräch zu dominieren beziehungsweise den
Verlauf desselbigen vorzugeben.46
44
Vgl. Henley (1999:115f).
Vgl. Henley (1999:117).
46
Vgl. Henley (1999:112).
45
15
9.2. Mythos 2: Wie Männer klingen – wie Frauen klingen
Diesem zweiten Vorurteil zu Folge ist die Anatomie des Kehlkopfes für die hohe Stimmlage von
Frauen verantwortlich. Doch auch diese Annahme entspricht nicht restlos der Wahrheit. Zwar
weist der Kehlkopf zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht geringe
Unterschiede auf, diese sind jedoch bei Weitem nicht groß genug um derart verschiedene
Stimmnuancen herbeizuführen. Tatsächlich ist die Tonlage der Stimme ein Geschlechtsmerkmal,
das zum Teil durch Erwartungen entsteht, die an die jeweilige soziale Rolle gestellt werden.
Diese Erwartungshaltung ist sogar so stark, dass sich die Stimmlagenabweichung bei Kindern
noch vor dem männlichen Stimmbruch entwickelt. Somit wird in unserer Gesellschaft eine tiefe
Stimme mit Männlichkeit gleichgesetzt, die für größere Autorität steht.47
10.Weibliche und Männliche Aggression
Frauen fällt es um einiges schwerer, ihren Zorn lautstark zu äußern, als das der Fall bei Männern
ist. Wenn eine derartige Situation schon einmal eintritt, folgen sofort Schuldgefühle, auch wenn
sie genau wissen, dass sie grundsätzlich im Recht sind. Bevorzugt geben Frauen sich jedoch
geschlagen, als dass sie andere angreifen. Folglich finden sie sich in aussichtslosen und passiven
Emotionen – wie Enttäuschung, Verletzt sein und Selbstanklagen, oft in Verbindung mit Tränen
– wieder. Dies rührt daher, dass es als unweiblich gesehen wird sich aggressiv zu verhalten.48
Beim weiblichen Geschlecht werden körperliche Aggressionen oft durch verbale ersetzt, meist in
subtiler Form verpackt in schmeichlerischen und freundlichen Worten. Das Ausdrücken von
Feindseligkeiten ist für Frauen insofern schwierig, dass sie über kein schlagfertiges Vokabular
verfügen. Das Verwenden von Schimpfwörtern sowie obszönen und beleidigenden Gestiken ist
Frauen untersagt und nur Männern vorbehalten.49
Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch, dass man vorwiegend die Aggression von
Männern gegenüber Frauen, nie aber umgekehrt oder nur unter Frauen, vor Augen hat.
Ausschlaggebend dafür dürfte die „Körper-Herrschaft von Männern über Frauen“50 sein. In
alltäglichen Situationen lässt sich ständig beobachten, dass das männliche Geschlecht die
47
Vgl. Henley (1999:113f).
Vgl. Henley (1999:209f).
49
Vgl. Henley (1999:210).
48
50
Henley (1999:214).
16
Bewegungen des weiblichen leitet, sei es beim Überqueren der Straße, wo der Mann die Frau
hinter sich herführt oder beim Durchtreten von Türen, wo der Mann der Frau den Vortritt lässt.
Diese Herrschaft, gekennzeichnet durch Aufmerksamkeiten, kann aber auch bis zu Gewalt
gehen.51
11.Kritische Anmerkungen
Sämtliche Ausführungen dieser Arbeit scheinen auf den ersten Blick durchaus plausibel zu sein,
weil uns einige der erwähnten Annahmen aus dem Alltag bekannt sind und vieles tatsächlich auf
dieselbe Art und Weise wie hier geschildert, gehandhabt und angewandt wird. Dies zeugt davon,
dass tagtäglich geschlechtsspezifische Kommunikation und deren Merkmale von uns
wahrgenommen werden können, auch wenn dies größtenteils unbewusst geschieht.
Dennoch sollte darauf hingewiesen werden, dass nicht alle dieser Theorien vollständig zutreffen.
Denn immerhin gibt es– gerade in der heutigen Gesellschaft – Frauen, die sehr wohl dominant
sein können und ihre Überlegenheit über andere gekonnt zum Ausdruck bringen. Daneben sollten
auch die zahlreichen Homosexuellen beider Geschlechter nicht außer Acht gelassen werden, von
denen manche scheinbar Gewohnheiten sowie Eigenschaften von sich zeigen beziehungsweise
annehmen, die der alltäglichen Erfahrung zufolge dem gegensätzlichen Geschlecht zugeordnet
werden.
Auch wenn tatsächlich Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern die Kommunikation
betreffend existieren, sollte dabei beachtet werden, dass etwaige Gesprächsstile oder
Verhaltensweisen von verschiedensten Faktoren abhängig sein können. So beeinflussen
sicherlich auch persönliche Charaktereigenschaften, die elterliche Erziehung in der Kindheit,
Erfahrungen in der Vergangenheit und Ähnliches die Art der Kommunikation von Männern und
Frauen.
51
Vgl. Henley (1999:213f).
17
12.Literaturverzeichnis
Henley, Nancy M. (1999): Körperstrategien: Geschlecht, Macht und Nonverbale
Kommunikation. Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag.
Tannen, Deborah (1991): Du kannst mich einfach nicht verstehen: Warum Männer und Frauen
aneinander vorbeireden. Hamburg: Kabel.
18
13.Index
A
Aggression
Asymmetrie
17
8, 9, 10, 14
G
Geschlechter
Gesprächsstil
2, 5, 13, 14, 18
3, 5
H
Henley
1, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19
I
Intimität
2, 4, 5, 6, 8, 14
K
Kommunikation
Körpersprache
1, 2, 4, 5, 6, 8, 13, 15, 16, 18, 19
1, 13
S
Schulz von Thun
Symmetrie
10, 11
8, 9
T
Tannen
1, 2, 3, 4, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 19
U
Unabhängigkeit
2, 5, 6, 8, 9, 12
19
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