HISTORISCHER WANDEL VON LEBENSLAUF

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HISTORISCHER WANDEL VON LEBENSLAUF
TEIL I EINFÜHRUNG
1. Historisches Kaleidoskop
2. Biografieforschung, Lebenslaufforschung (Begriffsbestimmungen)
TEIL II HISTORISCHER WANDEL VON LEBENSLAUF
1. Von der "unsicheren" zur "sicheren Lebenszeit" - zur Herausbildung von
Lebenslauf als Institution - Arthur E. Imhof
2. Freisetzung und Bindung - aktuelle Diskussionen zum Wandel von
Lebensverläufen
Individualisierung
Institutionalsierung
De-Institutionalisierung
3. Fragestellungen an eine lebenslauforientierte Sozialisationsforschung
4. Historisches Kaleidoskop zum Wandel von Lebensverläufen - Thema:
Beziehungen
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II.1. Von der "unsicheren" zur "sicheren Lebenszeit" - zur Herausbildung
von Lebenslauf als Institution - Arthur E. Imhof
Einige Hinweise zum Epoche, Mitte 17. bis Mitte 18. Jahrhundert (Zeitalter der
Aufklärung):
1648 Ende des 30jährigen Krieges;
1663 August. H. Francke geboren (Erziehungsanstalt in Halle);
1693 John Locke "Einige Gedanken über die Erziehung"
1712 J.J. Rousseau geboren;
1713 Pesteepidemie Norddeutschland (Hamburg 11000 Tote);
1715 Nordischer Krieg (Preußen beteiligt);
um 1730 Pestepidemie in Ostpreußen;
1744 2. Schlesischer Krieg;
1746 Pestalozzi geboren;
1782 F. Fröbel geboren
Mitte 18. Jahrhundert: Erfindung der Dampfmaschine; Zeitalter der Industriellen
Revolution
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Herausbildung von Lebensverläufen als kontinuitätsstiftendes Modell:
"Repräsentative Lebensläufe gibt es erst, seitdem wir alle ein ziemlich gleiches,
hohes Alter erreichen, was noch nicht seit sehr vielen Generationen der Fall ist.
Zuvor starb der eine als Säugling, der andere als Greis, der dritte irgendwann
dazwischen; die eine Mutter starb im ersten Kindbett, die andere, nachdem sie
längst alle eigenen Kinder zu Grabe getragen hatte." (Imhof 1985. 17)
Grafik: "'Mitten wir im Leben / sind von dem Tod umgeben' - im 18. Jahrhundert
ja, heute nein." (Imhof 1985. S. 60)
Für die Menschen der Gegenwart, für uns, ist es selbstverständlich von
"meinem", "unserem" Lebenslauf zu sprechen. Wir haben eine Vorstellung
davon, wie unser Leben verläuft, planen, denken über unsere Zukunft nach.
Gründe für diese selbstverständliche Annahme sind: im Vergleich zu früheren
Jahrhunderten hat sich die durchschnittliche Lebensspanne ausgedehnt, die
Variationsbreite der Sterbealter ist geringer geworden. Kurz: "Wir haben alle
einen Lebenslauf." 1719/1749 war das keineswegs der Fall. Die hohe Anzahl
derjenigen Kinder, die nach wenigen Monaten starben, ganz zu schweigen von
den Totgeborenen, sie wurden begraben, noch bevor ihr "Leben überhaupt
hätte zum Laufen kommen können." (1988. 62)
Gründe waren:
Die Möglichkeiten, gegen Pest, Hunger und Krieg - die großen
lebensbedrohenden Gefahren dieser Zeit -, gegen schlechte Ernten erfolgreich
zu kämpfen, waren begrenzt. Die Erfahrung der ständigen lebensgefährdenden
Bedrohung des Menschen, die Erfahrung, dass Menschenleben in seiner
zeitlichen Ausdehnung nicht berechenbar war, "führten zur Einsicht, daß es
nicht sehr weise gewesen wäre, Stabilitäten ausgerechnet personenzentriert
anzulegen. Wo jedes irdische Leben immer wieder gefährdet und in seiner
Dauer unsicher war, hätten sich hieraus im Gegenteil sehr unstabile
Verhältnisse ergeben. ... Erst von dem Zeitpunkt an, da es gelang,
menschliches Leben in seiner zeitlichen Dauer zu stabilisieren, wirksame
Maßnahmen gegen die lebensbedrohenden Gefahren zu entwickeln; das heißt,
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von dem Zeitpunkt an, wo sozusagen längerfristiger Verlass sowohl auf die
eigene wie auf die Lebensdauer anderer Personen ist, "'lohnt' es sich und
macht Sinn, in Menschenleben zu investieren. In den früheren Zeiten, wo selbst
in friedlichen Zeiten kaum Verlass auf das "Erdendasein" der Personen war, mit
denen man zusammen lebte, mit denen man eine Gemeinschaft bildete, hatten
notgedrungen andere Werte Vorrang". Strategien, die sich auf die Stabilität der
Gemeinschaft richteten, auf diese oder jene Person, auf das verletzbare "EGO"
hin zu richten, wären sinnlos gewesen. (Imhof 1985. 19f)
Im Zentrum der Bemühungen standen Werte, Dinge, welche das einzelne
unsichere Menschenleben überdauerten - wollte man (Familie, Geschlecht,
Dorf, Land) Bestand haben, überleben. So waren nicht der einzelne
Hofbesitzer, sein individuelles Wohlbefinden zum Beispiel das entscheidend
Wichtige, das die Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern das Wohl und
Ansehen des Hofe selbst. "Eine Idee, ein Wert stand im Zentrum, nicht ein Ego.
Unser heute so ausgeprägter Individualismus und Egoismus scheint auch eine
der zahlreichen Folgen der sicherer und länger gewordenen irdischen
Lebensspanne zu sein." (Imhof 1985. 19,20)
Die inviduelle Person, da Ego betrachtete man "bloß als vorübergehenden
Träger einer Rolle, in deren Dienst man sich für eine kürzere oder längere
Lebensspanne stellte." (Imhof 1985. 139,141)
II. 2. Freisetzung und Bindung - aktuelle Diskussionen zum Wandel von
Lebensverläufen
Zitate:
"Die bürgerlich-industrielle Revolution hat die alten Bindungen und verzopften
Gewohnheiten radikal zerstört, sie hat ungeheure Kräfte entfesselt, sie hat das
Individuum aus Bindungen freigesetzt, ja hinausgestoßen." (Weymann 1989. 5)
Kommentar zur gegenwärtigen Diskussion dieser Entwicklung (A. Weymann in
seinem "Essay zur Einführung" zu "Handlungsspielräume im Lebenslauf". S.1):
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"Die gegenwärtige Diskussion um eine Theorie der Moderne entzündet sich an
der Beschreibung wiedersprüchlicher Phänomene: wachsende Freiheiten,
zunehmende Individualisierung, intensive Autonomiebestrebungen einerseits
stehen der Erfahrung von Freisetzung, Bindungslosigkeit, Vereinzelung, aber
auch der Einvernahme durch Großorganisationen, "Systeme" gegenüber; ..."
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Individualisierung von Lebensverläufen (Grundlage Ulrich Beck (1986):
Risikogesellschaft)
Zur Bestimmung des Begriffes:
In dem allgemein gefassten, ahistorischen Modell von Individualisierung sind
drei Dimensionen zu benennen:
"Individualisierung": "Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen
und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und
Versorgungszusammenhänge ("Freisetzungsdimension"), Verlust von
traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und
leitende Normen ("Entzauberungsdimension") und - womit die Bedeutung des
Begriffes gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird - eine neue Art der sozialen
Einbindung ("Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension")." (Beck 1986. 206)
Unter Berücksichtigung der Besonderheiten der Bundesrepublik Deutschland
lassen sich die drei genannten Dimensionen folgendermaßen präzisieren:
zur 1. Dimension Freisetzung
"Herauslösung aus ständisch geprägten sozialen Klassen, die sich weit
zurückverfolgen läßt bis zum Beginn dieses Jahrhunderts, aber in der
Bundesrepublik eine neue Qualität gewinnt."
Festzumachen an:
Veränderungen im Produktionsbereich: allgemeine Anhebung des
Bildungsniveaus und des verfügbaren Einkommens, Verrechtlichung von
Arbeitsbeziehungen u.a.
Veränderungen im privaten Bereich: Wandel der Familienstrukturen,
Wohnverhältnisse, Nachbarschaftsbeziehungen, Freizeitverhalten, Auflösung
von sozialen Milieus;
Veränderung in der Lage der Frauen: Freisetzung von Frauen aus der
"Eheversorgung" (Normalbiografie von Frauen um 1900), damit einhergehend:
Veränderung des familialen Versorgungsgefüges;
zur 2. Dimension Stabilitätsverlust
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Nicht mehr Stand oder soziale Klasse; Klassenbindung (soziales Milieu) oder
Familie sind Bezugsrahmen. "An die Stelle traditionaler Bindungen und
Sozialformen (...) treten sekundäre Instanzen und Institutionen, die den
Lebenslauf des einzelnen prägen und ihn gegenläufig zu der individuellen
Verfügung, die sich als Bewußtseinsform durchsetzt, zum Spielball von Moden,
Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten machen." (Beck 1986. 211)
zur 3: Dimension Kontrolle
"Ständisch geprägte, klassenkulturelle oder familiale Lebenslaufrythmen
werden überlagert oder ersetzt durch institutionelle Lebenslaufmuster: Eintritt
und Austritt aus dem Bildungssystem, Eintritt und Austritt aus der
Erwerbsarbeit, sozialpolitische Fixierungen des Rentenalters, und dies sowohl
im Längsschnitt des Lebenslaufes (Kindheit, Jugend, Erwachsensein,
Pensionierung und Alter) als auch im täglichen Zeitrythmus und Zeithaushalt
(Abstimmung von Familien-, Bildungs- und Berufsexistenz)." (Beck 1986. 211
f.) Letzteres gilt insbesondere für die Lebensverläufe von Frauen:
Doppelexistenz Familie und Beruf.
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Eine Fragestellung wird in der Folgezeit wiederholt aufgegriffen und am Beispiel
ausgewählter Lebensbereiche durchdekliniert:
Die Diskussion um die sog. "Doppelgesichtigkeit von Freisetzungsprozessen"
Die 'Glanzseite' betont die Freisetzung in ihren positiven Auswirkungen für das
Individuum:
"..., daß im Übergang zur Moderne ein Prozeß der Herauslösung des einzelnen
aus traditionellen Bindungen und Bezügen eingeleitet wird. ... In der
Herauslösung aus traditionellen Bindungen ... ist die Chance zu mehr Freiheit
enthalten. Modernisierung wird hier vor allem begriffen als Erweiterung des
Lebensradius, als Gewinn an Handlungsspielräumen und Wahlmöglichkeiten."
(Beck-Gernsheim 1989. 105)
"Die Modernität hat in der Tat eine befreiende Wirkung gehabt. Sie hat die
Menschen von den einengenden Kontrollen der Familie, der Sippe, des
Stammes oder der kleinen Gemeinde befreit. Sie hat dem Individuum vorher
ungekannte Wahlmöglichkeiten und Bahnen der Mobilität eröffnet." (Berger u.a.
19751. 168)
Das Bild des Doppelgesichtes weist daraufhin, "daß auf der Rückseite der
neuen Freiheiten stets auch neue Abhängigkeiten, Kontrollen und Zwänge
aufkommen. Damit verbunden sind dann erhebliche Risiken, Konflikte und
Brüche im Lebenslauf: sei's im sozialen Feld, als Abstieg, Konkurrenzdruck,
Entwurzelung und Isolation; sei's auf der psychischen Ebene, vom Gefühl der
Leere und des Versagens bis zur Zerstörung innerer Autonomie." (BeckGernsheim 1989. 105)
Zur Kehrseite zählen ebenfalls:
- Verlust von vertrauten Milieus;
- Unsicherheiten in der Gestaltung von Lebensverläufen;
- Entwicklung von alternativen Lebensverläufen;
- Fremdheit;
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Berger, P.; Berger, B.; Kellner, H. (1975): Das Unbehagen in der Modernität. Frankfurt
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- instabile soziale Netzwerke; u.a.
Eine viel diskutierte Fragestellung richtet sich auf die Gestaltung von
Beziehungen, das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Titel von E. BeckGernsheim zum Beispiel sind: "Vom Chaos der Liebe" (zusammen mit U. Beck)
oder "Freie Liebe - freie Scheidung. Zum Doppelgesicht von
Freisetzungsprozessen".
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Am Beispiel der Partnerwahl lässt sich formulieren:
Nicht die Beachtung von Erbfolge, Familienstand, soziale Klasse weist der
PartnerInnenwahl ihren Verlauf, die sog. standesgemäße Heirat ist nicht länger
ein "Muß", sondern das einzelne Individuum steht einem anderen Individuum
gegenüber. Ausschlaggebend ist die ganz persönliche Entscheidung von zwei
Menschen für diese Beziehung, zum Beispiel Heirat aus "Liebe". Die eine Seite.
Die andere Seite kann bedeuten: zwei Fremde stehen sich gegenüber, "Die
Fremdheit beruht auf der Tatsache, daß sie, anders als die Heiratskandidaten
früherer Gesellschaftsformationen, aus unterschiedlichen 'face-to-face'Bereichen kommen. ... Sie haben keine gemeinsame Vergangenheit, wenn
auch ihre jeweilige Vergangenheit ähnliche strukturiert ist." (Berger; Kellner
19652. 225)
Berger, P.; Kellner, H. (1965): Die Ehe und die
Konstruktion der Wirklichkeit. In: Soziale Welt. 3. S. 220235
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Ein zweiter Diskussionsstrang, der als konkurrierendes Modell, als Gegenthese
zur Individualisierungsthese oder auch als parallel verlaufende Bewegung (im
Sinne N. Elias, wonach eine Bewegung stets auch eine Gegenbewegung
auslöst) diskutiert wird, befasst sich mit der Institutionalisierung von
Lebensverläufen
In Reaktion auf den Wandel von Lebensverläufen, ihrer Herauslösung als
traditionalen Bindungen entwickelt sich das Konstrukt von "Normalbiografien",
das nunmehr Kontinuität und neue Stabilität bietet, das Individuum und
Gesellschaft in Passung bringt: die Institutionalisierung von Lebenslauf.
Die Institutionalsierung von Lebenslauf leistet zweierlei:
einerseits ist sie als ein "Beitrag zur Herstellung von Biographie und Identität"
zu verstehen; andererseits leistet dieses Modell einen Beitrag "zur
Konstitutierung gesellschaftlicher Strukturen". (Weymann 1989. 1)
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Entsprechend sind in Begriffsbestimmungen zu "Lebenslauf" diese Pole,
subjektive Interessen in der Gestaltung von Lebensverläufen und
gesellschaftliche Strukturen als Rahmen für die Gestaltung in ihrem
Spannungsfeld thematisiert:
Lebensverlauf - eine Definition
"Lebensverläufe sind das Ergebnis einer Vielzahl von Einflüssen: ökonomisch
und politisch bestimmte Gelegenheitsstrukturen, kulturell geprägte
Vorstellungen, gesetzliche Altersnormen, institutionalisierte Positionssequenzen
und Übergänge, individuelle Entscheidungen, Sozialisationsprozesse und
Selektionsmechanismen." (Mayer. 1990. 9)
Diese historisch neue Einrichtung "Lebensverlauf" "ersetzt die
Vergesellschaftung durch Klassen- und Schichtungsstrukturen. An die Stelle
von Klassen und Schichten als objektiv eindeutige und subjektiv bewußte
Sozialkategorien, als Objekte und Subjekte von Sozialpolitik und sozialer
Mobilisierung treten Kategorien von Lebensphasen und des Familienzyklus."
(Mayer. 1990. 14) Wir sprechen heute vom Rentner, von erwerbstätigen Mütter
mit kleinen Kindern, von Jugendlichen, von Studenten. Anstelle von Politik für
Arbeiter oder für das Bürgertum tritt die Politik für eine spezifische Altersgruppe
oder eine Gruppe, die eine gleiche Lebenslage teilt. Langfristig gesehen,
werden Lebensverläufe "zunehmend institutionalisiert und standardisiert". Das
geschieht durch Festlegung von Schulpflicht, von Formen der Ausbildung.
Durch die Festlegung von Erwerbsfähigkeit, von Rentenalter u.a. Die Folge u.a.
ist, eine Sequentialisierung des Lebensverlaufs in klar definierte und in ihrer
Anzahl zunehmende Lebensabschnitt und Übergänge.
Beispiel: "Jugendzeit gleich Schulzeit (Hurrelmann, Rosewitz, Wolf 1985. S. 53)
Zusammenhang von institutionalisierten Lebenslauf und Gesellschaft:
Die Institutionalisierung des Lebensverlaufs, die Herausarbeitung von
Normalbiografien müssen wir als Begleiterscheinung, als Entsprechung einer
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rationalisierten Industriegesellschaft verstehen. Gesellschaftlichen Interessen
funktional ist folgender Aspekt:
durch die Einrichtung von Lebensverläufen, die für alle gleichermaßen
standardisiert sind, ist eine soziale Kontrolle individueller Handlungen
gewährleistet; wurde in früheren Zeiten eine solche Kontrolle direkt von der
Familie, der Gemeinschaft ausgeübt, so geschieht dies heute wesentlich durch
die Vorgabe zeitlicher Regulierung des menschlichen Lebens: für die Individuen
werden dadurch - die eine Seite - die Handlungsspielräume eingeschränkt; auf
der anderen Seite sind die Handlungsspielräume berechenbar und übersichtlich
in ihrem Ablauf, ihrer Gestaltung. Das Individuum hat die Möglichkeit zur
vorausschauender Planung des eigenen Lebens. "Und tatsächlich zeigt sich,
daß die meisten Menschen auch relativ klare Vorstellungen darüber haben,
was in bezug auf Schule, Beruf und Familie noch vor ihnen liegt. Sie glauben
an eine bestimmte Abfolge von Lebensereignissen ..." (Sorensen 1990. 305
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Lebenslauf - eine zweite Definition - Berücksichtigung der Dimension "Zeit" im
Lebensverlauf
Bei dem Lebenslauf als gesellschaftliche Institution handelt es sich um ein
"Handlungsregulativ ..., das am Individuum ansetzt. Der Lebenslauf kann als
ein Regelsystem aufgefasst werden, das die zeitliche Dimension des
individuellen Lebens ordnet. Dieses System ist heute eine der wesentlichen
Vermittlungsinstanzen zwischen Gesellschaft und Individuum. Gesellschaftliche
Strukturbedingungen und Probleme entfalten sich für das Individuum in der
Lebenszeit; individuelles Handeln ist lebenszeitlich orientiert und wird darin
gesellschaftlich erfolgreich." (Kohli 1986. 183,184)
In den folgenden Aspekten sind die zentralen Dimensionen zusammengefasst,
die den Prozess der Institutionalisierung von Lebensverlauf beschreiben (Kohli
1986. 184, 185):
1. "Verzeitlichung" des Lebens: "Von einer Lebensform, in der Alter nur als
kategorieller Status relevant war, hat der Wandel zu einer Lebensform geführt,
zu deren zentralen Strukturprinzipien der Ablauf der Lebenszeit gehört."
"2. Die Verzeitlichung des Lebens hat sich weitgehend am chronologischen
Alter als Grundkriterium orientiert; soziales Alter fällt zunehmend mit
chronologischem zusammen. Durch diese Chronologisierung ist es zu einem
standardisierten "Normallebenslauf" gekommen."
"3. Die Verzeitlichung bzw. Chronologisierung ist ein Teil des umfassenderen
Prozesses der Freisetzung der Individuen aus den (ständischen und lokalen)
Bindungen der vormodernen Lebensform, ... (Individualisierung)."
"4. ... der Lebenslauf ist um das Erwerbssystem herum organisiert; dies gilt
sowohl für seine äußere Gestalt" (Kindheit/Jugend als Vorbereitungsphase;
"aktives" Erwachsenenleben" als Erwerbsphase; Alter als "Ruhe"phase) "als
auch für das ihr zugrundeliegende Organisationsprinzip."
"5. Das lebenszeitliche Regelsystem existiert auf zwei unterschiedlichen
Ebenen der Konstitution der Gesellschaft: zum einen auf derjenigen des
systematisch geordneten Positionssequenzen bzw "Karrieren", die den
Individuen auferlegt sind oder offenstehen, zum anderen auf derjenigen ihrer
biographischen Orientierungsschemata. Lebenslauf als Institution bedeutet also
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zum einen die Regelung des sequentiellen Ablaufs des Lebens ..., zum
anderen die Strukturierung der lebensweltlichen Horizonte, innerhalb derer die
Individuen sich orientieren und ihre Handlungen planen."
Zwischen den letzt genannten beiden Dimensionen - standardisierte
Sequenzierung und biographische Orientierungsschemata - entwickelt sich
zunehmend ein Spannungsfeld.
(Beispiel: Studie Fuchs-Heinritz; Krüger u.a. "Fahrpläne durch die
Jugendbiographie)
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De-Institutionalisierung von Lebensverläufen (Destandardisierung von
Lebensverläufen)
Seit den 68er Jahren lässt sich - im Kontext des Prozesses der Informalisierung
- eine Gegenbewegung beobachten, die als "De-Institutionalisierung"
beschrieben wird.
Die Lebenslauf-Soziologie hat in den letzten Jahren zunehmend eine neue
oder Gegen-Entwicklung konstatiert, die die Vorstellung von einem
gesellschaftlich institutionalisierten Lebenslauf in Frage stellen bzw. relativieren:
Die Gegenbewegung wird als De-Institutionalsierung gefasst. Die Vertreter
dieser Richtung berufen sich auf die beobachtbare Tendenz zur EntStandardisierung von Altersnormen. Nicht nur in der Lebensgestaltung von
Individuen sondern auch in der Gesetzgebung lasst sich ein flexibleres
Umgehen mit Altersnormen feststellen: z.B. Sozial- und Rentengesetzgebung;
Altersnormierung von Lebensereignissen.
Diese Entwicklung, die partielle Entstandardisierung von Lebensverläufen, ist
vor allem für die letzten zwanzig Jahre zu beobachten. Als Tendenz lässt sich
beschreiben: Gestaltung des Lebenslaufes in eigener Regie, weniger gebunden
an vorgegebene Altersnormierungen; flexibleres Umgehen mit Altersnormen.
Dieser Wandel kann als De- Institutionalisierung des Lebenslaufs gefasst
werden.
Zwei Aspekte sind in diesem Prozess hervorzuheben:
- Zum einen findet eine weitere Stufe der Auflösung der zuvor engen
Verbindung zwischen Klassenlage und soziokulturellem Milieu; (Nur
Mittelschichtkinder gehen auf ein Gymnasium);
- zum anderen führen die Spannungen zwischen der Forderung, innerhalb des
privaten Lebensbereiches individuelle Entscheidungen zu treffen diesen nach
eigenen Interessen zu gestalten und der Forderung, die Lebenslaufplanung im
öffentlichen Bereich an normalbiografischen Laufbahnmustern zu orientieren,
allgemein zu einer partiellen Entstandardisierung auch im öffentlichen Bereich.
z. B. Freizeitkarrieren vs. Schulkarrieren)
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Entwicklung in ausgewählten Bereichen:
Bildungsbereich - De-Institutionalisierung:
Die Bildungsinflation, die in den 60er Jahren ihren Beginn hatte, wird allgemein
als entscheidende strukturelle Bedingung für die De- Institutionalisierung von
Bildungsverläufen angenommen. Der Grund: Die Bildungsinflation "führte zu
Fehlentsprechungen zwischen Ausbildungen und Tätigkeiten, zu
Unterbrechungen und Warteschleifen: ..." (Mayer. 1990. 14) (Beispiel:
Studiengang Pädagogik Diplom)
Bereich Familie - De-Institutionalisierung:
Auflösung von Normalbiografien: geringere ökonomische Abhängigkeit von
Frauen; höhere Scheidungsrate u.a.
Bereich Lebensalltag - De-Institutionalisierung (Informalisierung)
Nachlassen der "Prägekraft von Ordnungs-, Pflicht-. Arbeits-, Leistungs- und
Liebeswerten zugunsten von Werten der Selbstentfaltung, des unmittelbaren
Erlebens und Genießens. Das alte Liebes-und-Opfer-Syndrom (für Familie und
Vaterland) zerfällt." (Mayer. 1990. 14,15) (s. Elias, Swann, "Informalisierung"
seit den 1968er Jahren)
Die Rede ist von einem lebenslangen offenen Entwicklungsprozess jenseits
institutioneller Programmierung. (Bohnsack, 1989. 15)
Beispiel: Schule wird zwar als selbstverständlicher Teil des Daseins
Jugendlicher angesehen, sie erscheint Jugendlichen selbst als
Bildungseinrichtung als relativ sinnlos. Jugendliche wählen eigene Wege durch
ihr Jugendleben.
Nach wie vor allerdings zeigen entsprechende empirische Forschungen ein
Vorherrschen altersspezifischer regelhafter Lebensverlaufsmuster in
Lebensverläufen. Auf die Frage, warum sich eigentlich Menschen an solche
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normalbiografischen Muster halten, eine Vorstellung davon haben, welche
Abfolge im Leben "normal" ist und "richtig" betont Heckhausen (1990):
Man könne davon ausgehen, "daß die von den Individuen internalisierten
normativen Vorstellungen vom Lebenslauf die äußeren in gesellschaftlichen
Institutionen verankerten Zwänge bei der Regulation des Lebenslaufes
allmählich ersetzen könnten. Vielleicht ist also das Spannunsgverhältnis
zwischen Institutionalisierung und Deinstitutionalsierung des menschlichen
Lebenslaufs nur eine weitere Erscheinungsform des gleichen Phänomens der
Internalisierung gesellschaftlicher Normen bei gleichzeitigem Funktionsverlust
externaler institutioneller Zwänge?" (Heckhausen 1990. 353)
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