EVELYNE PICHENOT: KOMMENTARE Evelyne Pichenot KOMMENTARE Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen vom Ausschuss, verehrte Freunde von der ILO, ich möchte diesen Teil der Veranstaltung zum Anlass nehmen, um zunächst, wie es der Titel nahelegt, einige Worte zu dem Zusammenhang zwischen Identität und Sozialmodell zu sagen. Auch wenn nicht zu leugnen ist, dass die Europäische Union derzeit in einer Krise steckt, bleibt doch unbestreitbar, dass sie weltweit als Vorbild gilt, und dies vor allem aufgrund des europäischen Gesellschaftsmodells, das die Schaffung von Wohlstand mit seiner Umverteilung verbindet. Wir stehen am Anfang des 21. Jahrhunderts, und unsere europäische Identität, die aus einer bewegten, von Tragödien, Leid und Erneuerung geprägten Geschichte sowie aus einer durch viele unterschiedliche Einflüsse geformten Kultur hervorgegangen ist, hat ihren Niederschlag in der Grundrechtecharta gefunden, die 2000 in Nizza angenommen wurde. Die Tatsache, dass bürgerliche und politische, wirtschaftliche und soziale Rechte in einem einzigen Text zusammengefasst wurden, stellt nicht nur für Europa, sondern für die gesamte Menschheit ein Ereignis von großer historischer Tragweite dar. Die Verankerung unserer Identität in einem rechtlichen Rahmen ist ein gewaltiger qualitativer Schritt nach vorn, dessen Bedeutung wir noch nicht ganz ermessen können: Es ist ein kulturelles Ereignis. Die fünf wesentlichen Grundsätze der Charta – Würde, Gleichheit, Solidarität, Bürgerrechte und justizielle Rechte – bekräftigen erneut die grundlegenden Werte des Gesamtprojekts und geben den verschiedenen einzelstaatlichen Sozialsystemen eine Richtung vor. Vergegenwärtigt man sich diese Grundwerte, so wird erneut deutlich, dass die Union und die ILO ein gemeinsames Erbe teilen, das uns heute mit dem Ziel zusammenführt, das Sozialmodell in Europa zu stärken und es mit dem enormen Bedürfnis nach sozialem Zusammenhalt in aller Welt in Einklang zu bringen. Diese Verbindung zwischen Europa und der Welt ist ein Aspekt, der sich aus dem ILO-Bericht über die soziale Dimension der Globalisierung ableiten lässt. Es gehörte durchaus zu den Aufgaben der ILO, diese Botschaft in die internationalen Organisationen und Einrichtungen zu tragen. Ich werde es voll und ganz der Verantwortung der Sozialpartner überlassen, sich nach Maßgabe ihrer vertragsmäßigen Zuständigkeiten mit der Weiterentwicklung dieses Modells zu befassen. 1 EVELYNE PICHENOT: KOMMENTARE In dieser Einführung werde ich mich darauf beschränken, drei Grundpfeiler dieses mit dem europäischen Projekt verknüpften Modells aufzuzeigen: erstens beruht dieses System vielmehr auf Regeln und Normen als auf einer erzwungenen Durchsetzung; zweitens ist es ein Gebilde, das sich auf der Grundlage des Dialogs weiterentwickelt (hier kommt z.B. der EWSA ins Spiel …), und schließlich wird mit dem europäischen Einigungswerk die Verwirklichung einer solidarischen Entwicklung angestrebt. Regeln und Normen, Dialog, Solidarität – das sind die Eckpfeiler unserer gemeinsamen Identität, die im Sozialmodell zum Ausdruck kommt. Wie kann die Kommunikation über das europäische Sozialmodell verbessert werden? Wie können die Bürgerinnen und Bürger mehr an der Weiterentwicklung dieses Modells teilhaben? Es ist festzustellen, dass die nicht in den autonomen sozialen Dialog, der überall in der Europäischen Union auf dem Vormarsch ist, und den von der ILO geförderten Dreiparteiendialog einbezogenen Kräfte der Zivilgesellschaft, die in Gruppe III dieses Ausschusses vertreten sind, die Erwartung hegen, dass ein echter ziviler Dialog in Gang kommt, der über eine einfache Anhörung hinaus geht und die Entwicklung einer partizipativen Demokratie zum Ziel hat. Die Akteure der Zivilgesellschaft haben tatsächlich an Einfluss gewonnen. Befinden wir uns noch im Stadium der grauen Theorie und der leeren Worte? Meiner Ansicht nach nicht. Es wird bereits am Aufbau dieser partizipativen Demokratie gearbeitet. Anhand von Beispielen können die erzielten Fortschritte verdeutlicht werden. Lassen Sie mich einige Schlüsselmomente des zivilen Dialogs bzw. der offenen Partizipation in Erinnerung rufen: das Experiment des ersten Konvents, mit dem die Charta entwickelt und das Ende der Geheimdiplomatie eingeläutet wurde; ferner das Experiment des zweiten Konvents, bei dem neben den gewählten Vertretern auch Beobachter aus den Reihen der Zivilgesellschaft, darunter der Ausschuss und die Sozialpartner, hinzugezogen wurden; nicht zu vergessen ist außerdem das europäische Stakeholder-Forum, an dem eine Vielzahl von Akteuren – sowohl Vertreter der Sozialpartner als auch sonstiger interessierter Kreise – teilnahm und das sich fast zwei Jahre lang mit dem Thema der sozialen Verantwortung von Unternehmen beschäftigte; 2 EVELYNE PICHENOT: KOMMENTARE auch spreche ich von der hier geschaffenen Kontaktgruppe zwischen den wichtigsten NGOPlattformen, deren Einrichtung vom Ausschuss unterstützt wurde; nicht unerwähnt lassen möchte ich schließlich im Bereich Außenbeziehungen die Gemischten Beratenden Ausschüsse sowie die in allen Regionen der Welt veranstalteten Konferenzen der Zivilgesellschaft zur Förderung des sozialen Zusammenhalts; als aktuelles Beispiel kann zudem die erste Bürgerkonferenz angeführt werden, die vergangene Woche zum Thema Nanowissenschaften veranstaltet wurde und in Frankreich auf positive Resonanz stieß. All dies sind nur erste Schritte, doch die Grundlagen für eine Bürgerbeteiligung sind gelegt. Unser Ausschuss wird sich weiter mit diesem Thema sowie mit der Repräsentativität der Organisationen der Zivilgesellschaft und den Verfahren zur demokratischen Partizipation befassen. An dieser Stelle möchte ich die in diesem Bereich geleistete Arbeit unserer hier anwesenden Kollegen Anne-Marie Sigmund und Jan Olsson würdigen, die der europäischen Kultur den Weg zur partizipativen Demokratie gebahnt haben. Kommen wir nun zu den weiteren Fragen, die die sonstigen in Gruppe III vertretenen Akteure betreffen; zusätzlich zu der Frage der noch nicht voll entwickelten Bürgerbeteiligung möchte ich auf zwei weitere Debatten eingehen, die für die Interessengruppen des Ausschusses im Zusammenhang mit dem europäischen Sozialmodell von zentraler Bedeutung sind. Der Platz der Sozialwirtschaft im europäischen Entwicklungsmodell Neben der unternehmerischen Initiative, die die öffentlich-privaten Partnerschaften darstellen, gibt es weitere Formen der Unternehmertätigkeit, die unter dem Begriff Sozialwirtschaft zusammengefasst werden. Dieses Schlagwort beinhaltet ein buntes Spektrum an Landwirtschafts- und Handwerksbetrieben, Krankenkassen auf Gegenseitigkeit, Hauspflegediensten, NGO, internationalen Solidaritätsorganisationen usw., die alle zusammen das Wesen des europäischen Sozialmodells ausmachen und an seiner Ausgestaltung beteiligt sind. Die soziale Dimension der Globalisierung müsste sich auf den Geist der genossenschaftlichen Zusammenarbeit, den daraus erwachsenden Innovationssinn und die damit verbundene Erfahrung wirtschaftlicher und sozialer Effizienz stützen. Zur Förderung des sozialen Zusammenhalts in der Welt, in den von Ungleichheit oder absoluter Unsicherheit geprägten Regionen, muss die Europäische Union erneut auf diesen dritten Sektor bauen. Will man in den Entwicklungsländern die Ziele des sozialen Zusammenhalts erreichen, so kommt es darauf an, die unbedingt erforderliche Soforthilfe mit dem Aufbau autonomer und dauerhaft tragfähiger Sozialdienste in Einklang zu bringen. 3 EVELYNE PICHENOT: KOMMENTARE Mit Unterstützung der lokalen Gebietskörperschaften dürfen wir uns nicht damit zufrieden geben, lediglich Unterstützung zu leisten, sondern müssen gemeinsam mit den Krankenkassen, anderen Einrichtungen auf Gegenseitigkeit und den im Sozialbereich tätigen NGO an der Einführung sozialer Dienste arbeiten, die nach dem Gegenseitigkeitsprinzip funktionieren. Ferner sollte in der Debatte über innovative Finanzierungsmöglichkeiten die gemeinsame Entwicklung von Gesundheitsdiensten nach dem Muster der Einrichtungen auf Gegenseitigkeit eine zentrale Rolle spielen. Über die partizipative Demokratie und den Geist der genossenschaftlichen Zusammenarbeit hinaus besteht ein dritter Beitrag unseres Sektors darin, dass er ein ethisches Verständnis der nachhaltigen Entwicklung in den Vordergrund stellt. Dieses Axiom kommt zuerst einmal in der Forderung nach einem Gleichgewicht zwischen den drei Säulen der Lissabon-Strategie zum Ausdruck. Gleichgewicht zwischen Wettbewerbsfähigkeit und sozialem Zusammenhalt, Gleichgewicht zwischen den heutigen Bedürfnissen und den legitimen Ansprüchen der künftigen Generationen. Diesem Ansatz nach ist die europäische Integration von wesentlicher Bedeutung in einer Situation der Globalisierung, die die Errungenschaften des Sozialmodells über den Haufen wirft und Ängste und Hoffnungen weckt, den Menschen jedoch auch das Gefühl vermittelt, Teil einer eng verwobenen Weltgemeinschaft zu sein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die soziale Frage, die nun eine globale Tragweite erlangt hat, auf neue Art und Weise. Der ILO kommt bei der Suche nach einem neuen Gleichgewicht eine zentrale Rolle zu. Doch stehen in diesem Zusammenhang alle Akteure in der Verantwortung. Nach und nach gewinnt die Notwendigkeit eines ethischen Ansatzes im Bereich der sozialen und ökologischen Rechte die Unterstützung der Verbraucher und Sparer. Und dies hört nicht beim fairen Handel auf. Immer mehr internationale Unternehmen machen die soziale Verantwortung zu einem festen Bestandteil ihrer Tätigkeit. Es sollte erneut darauf hingewiesen werden, dass die ILO mit ihrer Erklärung aus dem Jahr 1977 zum Thema multinationale Unternehmen hier eine entscheidende Rolle gespielt hat. Diese Initiative sollte sie aufrechterhalten. Aus Sicht der außerhalb des Unternehmens stehenden Interessengruppen besteht ein hoher Bedarf an Dialog, Transparenz und Verantwortungsübernahme. In ihrer jüngsten Mitteilung über die soziale Verantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responsibility – CSR) im Jahr 2006 erklärt die Kommission die Unterstützung für CSR zu einem Bestandteil des europäischen Sozialmodells. 4 EVELYNE PICHENOT: KOMMENTARE Bei der handelspolitischen Verhandlungsrunde in Doha wurde mit der Entscheidung für Entwicklung eine echte Wende herbeigeführt. Es wird schwieriger, die Weiterentwicklung unseres Sozialmodells von der Zukunft der Menschheit zu trennen. Gleichwohl wäre es vollkommen illusorisch, unser Sozialmodell exportieren zu wollen, da es allzu sehr von einem Wirtschaftssystem abhängt, das nicht überall funktionieren kann. Dies ist ein Problem, das die nachhaltige Entwicklung möglicherweise gefährdet. Die optimistische Antwort auf dieses Problem orientiert sich an den Inhalten, an den Millenniumszielen. In der Festlegung dieser Ziele und dem Versuch, sie zu erreichen, spiegelt sich das Bestreben wider, die Werte unseres Sozialmodells zu verbreiten und in die restliche Welt zu tragen. Als einen Schritt zur Verwirklichung dieses Ziels möchte ich an dieser Stelle die Arbeit des Ausschusses zum 'sozialen Zusammenhalt' würdigen, mit deren Hilfe dieses Engagement tatsächlich in der Außenpolitik der Union zum Ausdruck gebracht werden kann. Abschließend lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen: Der von der ILO angestoßene Bericht über die soziale Dimension trägt dazu bei, die internationale Gemeinschaft auf dem Weg zur Erreichung der bis 2015 gesetzten Ziele einen großen Schritt weiter zu bringen. Der Bericht strahlt die Überzeugung aus, dass die Entwicklung der Menschheit und der Menschen im Mittelpunkt der Globalisierung stehen muss. Diese ethische Dimension, die auf der Verantwortung aller Akteure auf allen Ebenen beruht, ist in zahlreichen Empfehlungen der Stellungnahmen zur Außenpolitik der Union wieder zu finden. Der EWSA bekräftigt das von ihm vertretene Konzept einer nachhaltigen und solidarischen Entwicklung. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen. ► Evelyne Pichenot is a member of the European Economic and Social Committee 5