Sport und Religion - 29. Deutscher Evangelischer Kirchentag 2001

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Pressezentrum
Dokument:
2/084 PF
Sperrfrist:
Donnerstag, 14.Juni 2001; 10:30 Uhr
Programmbereich:
Themenbereich 2: In Würde leben
Veranstaltung:
Die Vielfalt der Religionen und der Zauber der Bewegung
Referent/in:
Prof. Dr. Erich Geldbach, Bochum
Ort:
Eissporthalle, Am Bornheimer Hang (Bornheim)
Sport und Religion
Auf den ersten Blick mag vielen die Verbindung von Sport und Religion eigentümlich
erscheinen. Liegen beide Größen nicht weit voneinander entfernt? Was haben sie
gemeinsam? Hat nicht das Eine mit der Seele, das Andere mit dem Körper zu tun? Ist das
Eine nicht himmlisch, das Andere irdisch? Ist Religion nicht durch eine tiefgreifende
Säkularisierung gefährdet, während Sport geradezu Ausdruck dieser Säkularisierung ist?
„Ich turne, darum bin ich“ oder „ich gehe ins Fitness-Studio, darum bin ich“ – so und in
unzählig anderen Variationen könnte man das berühmte Zitat von Descartes abwandeln.
Das bedeutet: Indem ich mich ganz dem Sport hingebe, werde ich mir meiner selbst
bewusst. Die sportliche Betätigung verhilft mir zu der Einsicht, wer ich bin. Auf diese Weise
wird Sport zur Religion.
Das betrifft nicht nur die aktiven Menschen; denn auch für viele Zuschauer gilt, dass sie ihr
Herz so sehr an ihre Sporthelden binden, dass diese die Funktion kleiner Götter
übernommen haben. Heil und Unheil, überschwengliche Freude und grenzenlose
Enttäuschung hängen vom Ergebnis eines Spiels ab, und wenn buchstäblich in letzter
Sekunde durch einen Schuß die deutsche Meisterschaft entschieden wird, dann kann dies
nur so erklärt werden, dass der angebliche Fußball-Gott nicht gerecht ist und der
Vorsitzende des unterlegenen Clubs nicht mehr an ihn glauben kann. Gibt es also doch eine
unterschwellige oder gar eine offene Verbindung von Religion und Sport? Ist Sport die
Religion unserer westlichen Gesellschaft? Ist Sport die säkularisierte Religion? Tritt der Sport
an die Stelle des christlichen Glaubens, weil dieser antiquiert ist?
Die Wissenschaft ist sich heute einig: Der Sport, hier verstanden als zusammenfassender
Begriff für alle Formen körperlicher Übungen, ist in religiös-rituellen, in religiös-mythischen
und in religiös-meditativen Zusammenhängen begründet. Der Ursprung des Sports weist in
die Bereiche religiöser Erfahrungen des Menschen. Ganz gleich, ob die Leistung des Pharao
in Ägypten als Tat, die noch nie getan worden war, eingestuft wird, d.h. als Rekord, der nur
dem göttlichen Pharao vorbehalten ist und der von niemandem überboten werden darf, oder
ob man das sakrale Ritual der olympischen Feier zu Ehren des Zeus Olympios in
Griechenland betrachtet oder die kultische Nachahmung des Kampfes zwischen den
Mächten des Lichtes, also des Sonnengottes, und den Mächten der Finsternis, also der
Mondgöttin und ihrer Brüder, der Sterne, durch das Spiel zweier Mannschaften mit einem
Kautschukball, der durch einen Ring zu werfen ist, wobei der Flug des Balles den Lauf der
Sonne symbolisiert und die Zielringe die Ein- und Ausgänge der Unterwelt, wie bei einigen
indianischen Stämmen in Amerika, oder ob man an die Kunst des Bogenschießens und an
die Yogapraktiken im Fernen Osten denkt – in allen Fällen gelten die praktizierten Sportarten
– Wettlauf, Ringkampf, Faustkampf, Wagenrennen, Pfeilschießen, Steinheben, Weitsprung,
Laufen, Schwimmen, Schwertkampf, Bogenschießen, Ballspiel – als religiös eingebunden.
Text wie von Autor/in bereitgestellt.
Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
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Dass dies so ist, zeigt letztlich auch das Verbot der olympischen Spiele durch den Kaiser
Theodosius im Jahre 393. Es war eben jener Kaiser, der das Christentum zur einzigen
Staatsreligion im römischen Reich erhoben hatte, was, nebenbei gesagt, fatale Folgen
zeitigen sollte, was ihn aber auch dazu zwang, das Verbot auszusprechen, weil die
olympischen Spiele als Ausdruck heidnischer Religiosität galten.
Der Apostel Paulus ist an dieser Stelle viel unbefangener als der christliche Kaiser. Er kann
in seinem ersten Brief an die Kor. (9, 24-27) ganz selbstverständlich das Leben von
Christinnen und Christen mit einem Wettlauf im Stadion oder einem Faustkampf vergleichen,
wie es seine Leser von den Isthmischen Spielen in Korinth kannten: „Ihr wisst doch, dass an
einem Wettlauf viele Läufer teilnehmen. Aber nur einer von ihnen kann den Preis gewinnen.
Lauft so, als ob ihr den Preis gewinnen wolltet. Jeder Sportler, der trainiert, unterwirft sich
strengen Regeln. Er tut es, um einen Siegeskranz zu erhalten, der verwelkt. Aber wir tun es
für einen Kranz, der nicht verwelkt. Darum laufe ich geradewegs auf die Ziellinie zu. Darum
bin ich wie ein Boxer, der seine Schläge nicht in die Luft hinein vergeudet.“ Christinnen und
Christen gleichen durch ihre Lebensweise Wettkämpfern oder Athletinnen. Man muss jedoch
auch gleich hinzufügen, dass Paulus gewissermaßen aus seinem Vergleich herausspringt;
denn anders als im Stadion oder beim Faustkampf sind die christlichen Wettkämpferinnen
und Athleten nicht angetreten, damit nur einer gewinnt. Nein, hier gilt die olympische
Grundregel: „Dabei sein ist alles“, und so kann jeder Gottes Heil erlangen. Gottes Bestenliste
kennt nicht nur Goldmedaillengewinner, sondern das Buch des Lebens verzeichnet alle, die
den guten Kampf gekämpft und ihren Körper eingebracht haben.
Der Vergleich des Christenlebens mit dem Leben eines Sportlers, wie ihn Paulus gebraucht,
ist uns heute noch oder wieder unmittelbar einleuchtend, weil auch wir mit dem
Vergleichspunkt vertraut sind. Es gibt aber Kulturen, die keine Kampfbahn kennen, in der
jemand läuft, oder die den Boxkampf nicht pflegen. Für Menschen, sagen wir einmal im
Regenwald Brasiliens, machen diese Vergleiche keinen Sinn. Ihre Kinder und Jugendlichen
üben sich körperlich vielleicht dadurch, dass sie behend auf Bäume klettern. Was Sport ist
und wie man ihn versteht, ist daher von der jeweiligen Umwelt und Kultur abhängig.
In unserem Kulturraum sind wir trotz des Verbots des Kaiser Theodosius von der
griechischen Antike abhängig. So hatte der Begründer der modernen olympischen Spiele,
der Franzose Pierre de Coubertin (1863-1937) das Ziel, auch den religiösen Geist der
antiken Spiele wiederzubeleben. Er sprach von der „Religion der Athleten“ und davon, dass
das Internationale Olympische Komitee die Priesterkaste sei. Carl Diem hat bei der
Organisierung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin die religiöse Dimension durch eine
olympische Hymne, eine olympische Glocke, die olympische Fahne und durch den feierlich,
gottesdienstartigen Eröffnungsvorgang noch zusätzlich überhöht und die olympische
Religion dem nationalen Mißbrauch durch die Nazi-Ideologie, die ja auch eine Ersatzreligion
war, ausgesetzt.
Coubertin war zutiefst von England und dem Konzept des „muscular Christianity“, des
muskulären Christentums“, wie es in englischen Privatschulen vertreten wurde, beeinflußt.
England wird vielfach und mit recht als Land des Sports bezeichnet. Die griechische Antike
und der englische Sport markieren wesentlich den Wurzelgrund unserer Sportkultur heute.
Aus England wird ein besonderes, christlich geprägtes Zeitgefühl in den Sport eingetragen.
Christen wissen, dass die Zeit begrenzt ist, die uns Menschen zur Verfügung steht. Sie
sollen, wie das Neue Testament sie auffordert, die Zeit auskaufen. Dieses Zeitverständnis
kam in sportlichen Wettkämpfen zur Anwendung, und man brauchte schon früh die Uhr und
das Bandmaß, um sportliche Leistungen zu messen und sie in Listen einzutragen. Dieses
Eintragen heißt im Englischen „to record“, so dass mit der Eintragung zugleich auch die
Möglichkeit gegeben ist, die Bestleistung, den Rekord, festzuhalten. Sport erfordert den
Kampf, die Agonalität, den ganzen Einsatz, der sich im Steigern der Rekorde zu Buche
schlägt.
Neben die Zeitdimension und das Messen treten zwei weitere, für unseren Kulturraum
wichtige Aspekte: Der Körper wird durch das Sporttreiben als Bestandteil des Menschen
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Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.
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entdeckt, der nicht etwa der unsterblichen Seele unterlegen ist, sondern der uns Menschen
als Geschenk übereignet ist, um mit ihm verantwortlich umzugehen. Wir tragen für unseren
Körper Verantwortung und werden dieser Verantwortung nicht gerecht, wenn wir liederlich
mit unserem Körper umgehen. Daher gilt: Körperliche Gesundheit als Grundlage zum Feiern
und Genießen des Lebens lässt sich zwar nicht erzwingen, aber doch erheblich durch
Sporttreiben fördern. Sport ist nicht nur leistungs-, sondern auch körperbezogen. Schließlich
vollzieht sich Sport innerhalb bestimmter Regeln. Sie sollen die Sporttreibenden zum
ethischen Gebot der Fairneß anleiten. Gerade im Mannschaftssport gilt die Regel der
Fairneß. Sie gilt aber auch in den Individualsportarten und nicht zuletzt meinem eigenen
Körper gegenüber. Sport ist somit leistungs-, körper- und regelbezogen.
Wenn sich dazu noch der Glaube an Christus als dem entscheidenden Heil gesellt, hat man
das, was muscular Christinity genannt wird. Ein Beispiel soll dies alles verdeutlichen: Das
heute überall auf der Welt so beliebte Basketballspiel wurde ausgangs des 19. Jahrhunderts
in den Christlichen Vereinen Junger Männer in den USA durch den Athletik-Direktor James
Naismith und den Arzt Luther Gulick am grünen Tisch entwickelt. Das Spiel sollte den
besonderen Anforderungen der Vereine und den Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder
entsprechen. Es war leistungsbezogen, denn bei dem Spiel geht es um Sieg oder
Niederlage. Es war körperbezogen, weil die Erfinder bewusst darauf achteten, dass alle Teile
des Körpers durch die Notwendigkeit des Laufens, Springens, Werfens, Körpertäuschens
und genauen Hinsehens gefordert waren. Und es war regelbezogen, weil durch die Regeln
sichergestellt werden sollte, dass der Gegner nicht der Feind, sondern der Gegenüber ist,
mit dem man die Kräfte mißt und an dem jeder Spieler durch Einhaltung der Regeln zu
einem christlichen gentleman heranwächst.
Von daher relativiert sich sogar die Leistungsbezogenheit; denn es ging nicht um das
Siegen-Müssen um jeden Preis, sondern es ging um Charakterbildung: Charakter steht über
dem Sieg – character above victory. Diese von ihren Ursprüngen typisch protestantischen
Kriterien der Leistungs-, Körper- und Regelbezogenheit des modernen Sports, wie sie
exemplarisch das Basketballspiel vor Augen führen kann, sind vor Mißbrauch freilich nicht
gefeit. Das Leistungsprinzip kann zu einem Fetisch werden, dem bedenkenlos alle Opfer
gebracht werden. Kurz- und Langzeitschäden werden um kurzfristiger Höchstleistungen
willen in Kauf genommen, Körper und Psyche anstrengendsten Strapazen ausgesetzt – und
dies von frühester Kindheit an.
Das Streben nach immer neuen Höchstleistungen verknüpft sich eng mit dem Wahn, alles
machen zu müssen und zu können. Dazu werden auch die Wissenschaften eingespannt. Die
Wissenschaften und die Menschen werden dem Leistungsterror unterworfen, so dass sich z.
B. die absurde Situation ergibt, dass auf dem Rücken von Athletinnen und Athleten ein
Wettkampf zwischen Wissenschaftlern um das beste Doping einerseits und die beste
Dopingkontrolle andererseits abspielt. Der eine Wissenschaftler versucht, den anderen
auszutricksen, um Medikamente zur Leistungssteigerung zu entwickeln, während der andere
Wissenschaftler versucht, den Nachweis zu erbringen, dass eine Leistungsmanipulation
durch den Mißbrauch von Medikamenten vorliegt.
Es ist einleuchtend, dass ein solcher Mißbrauch des Sports durch Doping nicht nur das
Leistungs- und Chancengleichheitsprinzip verletzt, sondern dass dadurch auch die Körperund Regelbezogenheit des Sports in Mißkredit gerät. Wenn aber eine umfassende
Maßlosigkeit um sich greift, erhebt sich um so dringlicher die Frage nach den letzten Werten,
die sich im Sport zeigen.
Dazu in aller gebotenen Kürze einige Andeutungen zum Schluss:
1. Unbestreitbar ist, dass die Regelbezogenheit auf das ethische Prinzip des fair play, der
Fairneß, hinweist. Im Zusammenspiel mit der Chancengleichheit ist Fairneß eine
ethische Grundhaltung, die über den Sport hinaus zur Anwendung kommen kann, ja
vielleicht sogar kommen muss, um ein gelingendes Miteinander von Menschen
unterschiedlicher Prägung zu ermöglichen.
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2. Unbestreitbar ist auch, dass ungeachtet des eben beschriebenen Mißbrauchs Wettkampf
und Leistung den Sport auszeichnen. Ohne sie ist keine sportliche Betätigung, wie
rudimentär auch immer, möglich. Das bedeutet, dass zum Einüben von Fairneß,
Wettkampf und Leistung der Breitensport noch viel breiter werden muss als gegenwärtig.
3. Der Wert eines Menschen richtet sich nicht nach seiner sportlichen Leistung; er richtet
sich überhaupt nicht nach Leistung. Hier gilt, was eingangs von Paulus gesagt wurde:
Mitmachen, dabeisein, sich engagieren ist alles. Denn das haben Sport und christlicher
Glaube gemein: Laufen oder Schwimmen lernt man nur durch Laufen oder Schwimmen,
nicht aber durch zuschauen. Glauben lernt man nur durch Glauben, nicht aber durch
kritisches Distanzieren. Gott eröffnet uns völlig umsonst die Chancen eines Neuanfangs;
er rechtfertigt uns aber nicht zur Untätigkeit, sondern zum Glauben, zum Lieben und zum
Hoffen.
4. Zum gelingenden Leben gehören daher die Erfahrungen des Glaubens und die
Erfahrungen der Körperlichkeit, des Anstrengens und des sich Wohlfühlens, und zugleich
die Erfahrung, dass uns unser Körper geschenkt ist wie ein uns anvertrautes Gut. Das
bedeutet Anerkennung und nicht Verachtung der Leiblichkeit des Menschen.
5. Damit ist ein Körperkult ausgeschlossen. Sportlich-sein ist inzwischen vor allem durch die
Medien auch identisch mit jung-, gut aussehend-, schlank-, muskulös-, dynamisch-sein.
Das Modell eines perfekten Körpers wird transportiert, den man sich in Fitneß-Studios
erarbeitet, unter den Händen von Schönheitschirurgen operativ beibringen lässt, durch
Einhalten von erfolgversprechenden Diäten, durch Pillen oder durch andere
Medikamente erzwingt. Dieser Kult wird durch den christlichen Glauben als
Meinungsterror und als Tyrannei des knackigen Körpers entlarvt. Es gibt Grenzen des
Machbaren, und es gilt ältere, schwächere, ärmere, gebrechliche Menschen, die sich
dieser Tyrannei nicht unterwerfen können und die gerade deshalb unsere besondere
Achtung verdienen.
Ich komme zum Schluss. Ein römisch-katholischer Theologe sagt mir immer, wenn er mich
sieht, den Satz: „Sportler sterben gesünder“. Dieser Satz enthält nicht nur Häme, wie es
oberflächlich erscheinen mag, sondern auch ein Stück neidische Anerkennung, weil der
Sprechende sich nicht dazu verstehen kann, seinen eigenen Körper durch ein wenig
Sporttreiben fit zu halten, er es aber bei dem Angeredeten vermutet und auch irgendwie
bewundert. Der Satz ist aber noch in anderer Hinsicht richtig. Wir können letztlich nur bedingt
unser Leben selbst steuern. Auch Gesundheit ist ein Geschenk. Dennoch: Wenn
Sporttreibende wirklich „gesünder“ sterben, hat es sich dann nicht doch gelohnt, den Körper
zu bewegen?
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