23.11.2010_Noch-Sinn-im-Leben

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Kurier 23. November 2010
Noch Sinn im Leben sehen
Wenn es keine Heilung mehr gibt, ist neben Schmerz-Therapien spirituelle und
auch soziale Begleitung wichtig
Hallohallo! Grüß Gott Schwester!" Eine fröhliche Männerstimme durchbricht die Ruhe im
freundlich-gelb gestrichenen Gang der Palliativstation im Wiener AKH. Ein älterer Herr
marschiert, begleitet von seiner Ehefrau, zielstrebig auf den Schwesternstützpunkt zu
und schüttelt die Hände der Mitarbeiterinnen: "Ich bin wieder da", sagt er und lächelt
dabei.
Der schwer Krebskranke wird seit Kurzem wegen anfangs unerträglicher Schmerzen hier
betreut. So gut, dass er das Wochenende bereits wieder zu Hause verbringen konnte.
Bald wird er wieder ganz in sein gewohntes Umfeld entlassen werden können. Damit ist
er so etwas wie ein Musterpatient für das Betreuungsteam.
Palliativmedizin heißt, schwerst kranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase - wenn
keine Heilung mehr möglich ist - zu begleiten. Also medikamentös, sozial und spirituell so
zu betreuen, dass ihre Lebensqualität besser wird, als vor der Aufnahme auf die
Palliativstation. "Die Patienten sollen so viel Unterstützung auf allen Ebenen erhalten,
dass sie wieder entlassen werden können. Wir sind keine Sterbestation", sagt Leiter
Univ.-Prof. Herbert Watzke über das Wesen der Palliativmedizin. 90 Prozent der
Betreuten sind Krebspatienten. Er räumt auch gleich mit anderen falschen Vorstellungen
auf: "Wir begleiten die Menschen bestmöglich, aber wir verkürzen nicht ihr Leben."
Palliativmedizin gewinnt
seit
einigen Jahren zunehmend an Bedeutung.
"Die
Notwendigkeit dieser Betreuung wird gesehen, auch an der MedUni gibt es Verständnis
dafür", betont er. Seit Mai 2010 gibt es die neue, freundlich gestaltete Palliativstation mit
zwölf Betten. "Das scheint für so ein großes Haus wie das AKH wenig, entspricht aber
internationalen Standards. Wartelisten haben wir trotzdem." Zuvor war die Station mit
fünf Betten kleiner und auf einer Normalpflegestation untergebracht. Die Patienten sind
zwischen 22 und 94 Jahre alt.
Schmerztherapie
"Die meisten Menschen haben Angst vor Schmerzen am Lebensende. Aber gerade
diesen Aspekt können wir gut in den Griff kriegen. Niemand muss heute mehr höllische
Schmerzen erleiden." Zur Schmerzbekämpfung werden meist Medikamente aus drei
Gruppen gleichzeitig eingesetzt: Entzündungshemmer, Nervenschmerzmittel und Opiate.
"Schmerz entsteht im Gehirn, dort wirken die Medikamente und blockieren den
Schmerz", erklärt Watzke. Mit Schmerz-Pumpen (Infusion) oder Tabletten, die über die
Mundschleimhaut viel rascher aufgenommen werden, können Schmerzspitzen zudem
immer besser behandelt werden.
"Wichtig ist, dass auch im verbleibenden Leben noch ein Sinn gesehen wird", betont
Christiane Cap, ehrenamtliche katholische Seelsorgerin der Palliativstation. "Meine
Tätigkeit sehe ich aber ganzheitlich, nicht konfessionell. Unser Angebot wird nur selten
abgelehnt." Gerade im spirituellen Bereich werde vieles wieder ein Thema: "Irgendwann
stellt sich jeder auf seine Art die Sinnfrage."
Hilfe in der letzten Lebensphase
Palliative Care Der Begriff "palliativ" leitet sich vom lateinischen "pallium" für
"Mantel" ab. Laut österreichischem Spitalsgesetz sind Palliativstationen in
Akutspitälern untergebracht. Die Patienten sollen dort einige Wochen lang so
unterstützt werden, dass sie wieder nach Hause entlassen werden können.
Hospiz Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort für "Herberge" ab. Hier soll ein
würdiges Leben bis zuletzt ermöglicht werden (inkl. Schmerztherapie, psychischer
und sozialer Begleitung). Es gibt in Österreich einige wenige stationäre Hospize
und rund 200 mobile Dienste. Mehr Info: www.hospiz.at
"Mehr Zeit, auf die Bedürfnisse unserer Patienten einzugehen"
Nein", sagt Stationsschwester Anna Huber bestimmt und ihre blauen Augen blitzen hinter
ihren Brillengläsern auf, "das ist keine furchtbar traurige Arbeit, wie viele glauben. Es gibt
sehr viele positive Erlebnisse. Wir bekommen auch wirklich viel von unseren Patienten
zurück."
Die
51-jährige
Diplomkrankenschwester
ist
seit
rund
sechs
Jahren
in
der
Palliativbetreuung tätig. "Ich hab' mir das nicht bewusst ausgesucht, sondern bin
sozusagen hineingewachsen und habe dann einen Zusatzkurs für Palliativpflege
absolviert. Die Entscheidung bereue ich keinesfalls, ich mache es sehr gern." Für die
gute Stimmung sei auch die Teamarbeit der insgesamt 25 Personen - von Ärzten über
Psychologen bis zu Physio- und Ergotherapeuten - verantwortlich.
Die Arbeit auf einer Palliativstation unterscheidet sich für Huber von anderen Stationen.
"Ich komme ursprünglich von einer Akutstation auf der Internen Abteilung. Hier habe ich
viel mehr Zeit, auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen." Im Palliativbereich ist eine
Pflegeperson durchschnittlich für vier Patienten zuständig. "Wir können deshalb viel
flexibler agieren. Wir nehmen zum Beispiel auch Rücksicht darauf, wenn ein Patient
länger schlafen will und die Körperpflege lieber am Nachmittag hätte." Dieser intensivere
Kontakt zu den Patienten heißt aber auch: "Man muss sich mehr einlassen, sein eigenes
Tun immer wieder hinterfragen und es braucht auch etwas Fingerspitzengefühl." Und
professionelle Distanz, um sich nicht selbst auszubrennen. Mein Motto heißt: mitfühlen,
aber nicht mitleiden." Erlebnisse, die auch den Profis nahe gehen, werden regelmäßig im
Team aufgearbeitet.
Einen wesentlichen Teil ihrer Arbeit sieht Schwester Anna darin, "Dinge zu ermöglichen,
die dem Patienten noch sehr wichtig sind". Das kann ein bestimmtes Ausflugsziel, ein
Schmuckstück oder auch nur ein Gläschen Sekt sein. Sogar amtlich kann es auf der
Palliativstation zugehen, wenn ein Standesbeamter organisiert werden muss: "Es kommt
immer wieder vor, dass Paare hier auf unserer Station noch heiraten."
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