Erfahrungsbericht Казань

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Name:
Martin Stadlbauer
Anschrift:
Hans-Böckler-Str. 77
46236 Bottrop
Telefon:
02041 / 26937
Email:
[email protected]
Abschlussbericht
über die Stipendienzeit
von September 2002 bis Januar 2003
in Kazan’ in der Russländischen Föderation
Programm: Semesterstipendium für Slavisten
Referat:
325
Ich bin mit der Weitergabe meines Namens, meiner Anschrift, meiner
Telefonnummer und Email-Adresse an künftige Stipendiaten des DAAD
einverstanden, um eine eventuelle Kontaktaufnahme zu ermöglichen.
Datum
Unterschrift
Inhaltsverzeichnis
Besuch (Visum Reise)
Einige wichtige Regeln zu Beginn
§1 Papier ist geduldig
§2 Über alles lässt sich reden
§3 Glaube niemandem etwas, das du dir nicht selbst vorstellen kannst
§3 Ну видешь. Всё будет хорошо!
Dies dürften wohl die wichtigsten Regeln sein, wenn man zu einem Stipendium
in die RF aufbricht. Egal ob die Botschaft, die Bahn, das Ausländerbüro in
Kazan’
(Mezhdunarodnyj
otdel’),
die
Miliz,
egal
ob
Reisepass,
Visum,
Registrierung oder Gesundheitszeugnisse – wer mit obigen Regeln ans Werk
geht und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt wird bald auch die
scheinbar größten Komplikationen mit Leichtigkeit meistern.
Daher: KEINE PANIK!
Visum
Die ersten Komplikationen traten bei der Visumsbeschaffung auf. Die
Einladungen aus Kazan’ trafen erst Mitte/Ende August in Deutschland ein. In
Deutschland heißt zunächst auf dem heimischen Computer als Email. Damit
bin ich natürlich sofort zum Konsulat nach Bonn gefahren um mein Visum zu
beantragen. Leider benötigt das Konsulat bei Halbjahresvisen die Einladung als
Telex auf ihren eigenen Computern – und das dauert ca. drei Tage länger als zu
mir auf den Rechner. Außerdem behauptete der Mitarbeiter zu Studienzwecken
könnten nur Monatsvisen erteilt werden und ich solle Kazan’ bitten eine neue
Einladung in Auftrag zu geben. Dazu siehe §3 oben. Auf Rat von Frau Moritz
wandte ich mich an den Vizekonsul, der dem DAAD als wohlgesonnen gilt,
wandte §2 an, und es erfüllte sich §4: Zwei Tage später hielt ich mein Visum in
meinen Händen.
Es sei noch erwähnt, das ein Einreisevisum ebenfalls eine Überlegung wert ist,
da es deutlich günstiger ist und Aus- und Wiedereinreisen ins Land durchaus
möglich sind, diese jedoch wenigstens eine Woche vorher geplant sein müssen.
Kosten:
Mehrfachvisum
140 €
Einreisevisum
40 €
Aus- und Wiedereinreise
mit Einreisevisum
150 Rubel (5 €)
Anreise
Wie die meisten Stipendiaten kam ich mit der Gruppe mit dem Zug nach
Kazan’. Ein Stipendiat war bereit die Fahrkarten und die Transitvisen für
Weißrussland zu besorgen (für beides gibt es Gruppentarife). Es gibt Züge ab
Berlin (dreimal die Woche, Ankunft ca. 23 Uhr) und Züge ab Köln (täglich,
Ankunft 9 Uhr), die nonstop bis Moskau fahren. Dort wurde uns beim
Umsteigen mit all unserem Gepäck durch den DAAD und die Kazaner Uni
geholfen, auch waren die Fahrkarten Moskau-Kazan bereits gekauft worden.
Natürlich könnte man auch fliegen, doch um einen Kulturschock zu vermeiden
(bei Flugreisenden fast die Regel) und weil’s einfach schön ist, plädiere ich für
den Zug.
Kosten:
Zugfahrt Köln-Moskau
145 €
Transitvisum Weißrussland
20 €
Zugfahrt Moskau-Kazan’
17 €
Flug Deutschland-Moskau
ca. 220 €
Flug Deutschland-Kazan’
ca. 500 €
Unterkunft
Im wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten in Kazan’ unterzukommen: das
Wohnheim, die eigene Wohnung oder die Gastmutter. Bereits auf dem
Vortreffen in Bonn sollte man sich überlegen, welche der Möglichkeiten man in
Erwägung zieht.
Obwohl das russische Wohnheim kein besonders guten Ruf geniest, haben sich
fünf Stipendiaten (darunter auch ich) dazu entschieden. Und ich muss sagen:
Echt ganz in Ordnung. Es wurde keine einzige lebendige Kakerlake gesehen,
die Duschen befanden sich zwar im Keller, waren aber sehr gut, es war immer
warm und die Küche auch immer sauber. Die einzigen Nachteile waren, dass
es kein Telefon gab (nur eins bei der Wachtjorka, auf dem man sich täglich drei
Minuten anrufen lassen kann) und wir Jungen mussten das Zimmer zu dritt
teilen. Diese sind dafür aber auch sehr groß, wenigstens 25 m². Die zwei
Mädchen wohnten zu zweit, und das schien auch sehr unproblematisch zu
sein.
Eine andere Möglichkeit war die Wohnung (in der Regel für Zweier-WGs
ausgelegt). In Bonn sah es so aus, als gäbe es zunächst nur eine, doch in
Kazan’ angekommen war ersichtlich, das dies kein so großes Problem darstellt.
Zwei
von
uns
wohnten
zunächst
bei
einer
Gastmutter,
bevor
sie
zusammenzogen. Eine lettische Austauschstudentin wohnte auch eine ganze
Weile bei einer Gastmutter, bis sie es einfach nicht mehr aushielt und eine
Wohnung suchte. Zunächst schaute ich mir die Wohnung nur aus Spaß an,
doch da konnte ich nicht nein sagen, so zog ich mit in die Wohnung ein.
Übrigens ein Tipp für alle, die ebenfalls die Wohnung bevorzugen: Falls es
nicht
von
vornherein
klappt
–
Geht
erst
ins
Wohnheim,
dann
das
Mezhdunarodnyj otdel’ fragen, die vermitteln Wohnungen - und sich die
Wohnung in Ruhe anschauen.
Von der dritten Möglichkeit, das Leben bei einer Gastmutter, würde ich eher
abraten. Freiheitseinbußen (nicht nur bezüglich des eigenen Magens) und
ständig gut gemeinte Ratschläge sind Geschmackssache. Es ist gar einmal
vorgekommen, das eine Gastmutter Wochen nicht mehr mit einem geredet hat,
nachdem sie herausgefunden hatte, das man die Wäsche in die Wäscherei statt
in ihre erfahrenen Hände gegeben hatte. Zu mehr Sprachpraxis führt diese
Wohnform übrigens nicht – worüber will man sich ein halbes Jahr lang schon
mit einer älteren Dame unterhalten?
Kosten:
Wohnheim (6 Monate)
1076,94 Rubel (35 €)
Wohnung
100 €
pro Monat/Person
Gastmutter pro Monat
200 €
incl. Verpflegung u. Gesellschaft
Geld
Wer nicht im Wohnheim wohnt sollte das Geld für die Miete bar in Euro
mitnehmen. Der Umtausch in Dollar ist sinnlos, da im Moment der Euro
stärker ist und auch als es umgekehrt war, zwischen Dollar und Euro nicht
besonders unterschieden wurde. Zwar können auch Dollar im Prinzip am
Automaten gezogen werden, die waren aber immer gerade aus, als ich welche
brauchte. Außerdem sollte man immer einige Euro als Notreserve besitzen.
Rubel können immer mit der EC-Karte am Automaten gezogen werden. Der
Automat im Hotel Tatarstan ist bereits DAAD-erprobt und machte nie
Probleme, empfehlenswert. In Moskau ist einer Stipendiatin die EC-Karte vom
Automaten gefressen worden. Automaten sind Vertrauenssache! Ich würde
nicht aus einem x-beliebigen ziehen, sondern nur aus wohlbekannten.
VISA- und sonstige Kreditkarten nie in einen Automaten stecken! Das ist nicht
sicher!
Wer Dollar kauft, sollte darauf achten, das sie nicht beschädigt sind und ihr
Ausgabedatum sollte 1996 oder später sein.
Sonst noch nützlich ist es, sein Girokonto onlinefähig zu machen, um
gegebenenfalls auch von Kazan’ aus agieren zu können. Ich habe davon öfter
Gebrauch gemacht und es macht einen sicheren Eindruck.
Reiseschecks sind in Russland ein Fluch, man bekommt sie
nur schwer
eingelöst, Euro-Reisechecks werden nur in einer einzigen Kazaner Bank
angenommen.
Am besten ist wohl die EC-Karte, ausserdem ist der Kurs hier am besten.
100 Euro sind ungefähr 3500 Rubel. Faustregel zur Umrechnung: Rubel mal
drei und Null abstreichen gleich Euro.
Versorgung
Zwar gibt es genügend Apotheken in Kazan’ doch sollte man seine gewohnten
Mittelchen (besonders gegen Erkältung usw.) selbst mitbringen.
Bekleidung gibt es günstig auf den Märkten (Moskovskyj und Zentral’nyj
rynok), jedoch von miserabler Qualität. Für Jacken usw. lohnt es sich da schon
mal nach Moskau zu fahren.
Produkte zur Körperpflege können gut auf jedem beliebigen Markt gekauft
werden.
Lebensmittel, besonders Obst, Gemüse, Fleisch usw. gibt’s auf dem Zentral’nyj
rynok, etwas teurer ist da der Chekhovskyj rynok. Ein guter Supermarkt sind
der ‚Subcontinent’ an der Pushkin ur. Und der ‚Merian’ am Park pobedy.
Während bis Oktober Gemüse sehr gut und günstig noch zu bekommen sind,
wird es im Dezember und Januar schwieriger. Gescheites Gemüse gibt es dann
in den Kellerräumen des Zentral’nyj rynok. Fisch gibt es immer und das auch
sehr preiswert.
Leitungswasser kann abgekocht getrunken werden, schmeckt jedoch noch
immer gewöhnungsbedürftig. Es gibt Firmen, die Trinkwasser in großen
Kanistern bis nach Hause liefern (siehe z.B. gelbe Seiten), 19 Liter kosten 95
Rubel.
Außer den beiden eben erwähnten Märkten ist vor allem noch der Vietnamskyj
rynok zu erwähnen. Dort gibt es zwar keine Lebensmittel, dafür aber alles
andere. Liegt außerhalb und ist am besten mit der Marshrutka zu erreichen
(Die Endstation heißt auch Vietnamskyj rynok). Habe mir dort Winterschuhe
für 550 Rubel geholt, die waren auch echt gut und halten noch immer, von den
Hausschlappen dort (80 Rubel) bekamen aber alle die sich dort noch damit
eingedeckt hatten spätestens nach zwei Tagen Fußschmerzen (vermutlich von
der Schaumstoffsohle, bei deren Anblick jeder Orthopäde aufschreien dürfte).
Und nicht nur einige Küchenartikel vom Markt leisten mir in Deutschland gute
Dienste, ein Muss sind die wohlbekannten karierten Plastiktaschen in allen
möglichen Größen.
Ein- und Ausfuhrliste
Ein kleiner Überblick über die Sachen, die man nach Russland mitnehmen
sollte, und die, die man unbedingt nach Deutschland mitbringen sollte.
Nach Russland:
Passbilder
(ca. 4 Stück für den Anfang)
Badeschlappen und zur Sicherheit Fußpilzmittel
(unbedingt)
Packung Glühfix
(für kalte Wintertage)
Wecker
(für Langschläfer)
Nach Deutschland:
Ein Karierte-Taschen-Komplekt
Gewürze (für Plov, Sazivi, usw.)
Banja-Artikel wie Machalka
Das Klima
Bei der Ankunft Anfang September kann es durchaus noch +30°C sein, doch
im Dezember kann aus dem ‚+’ schon ein ‚-’ geworden sein. Das ist wegen des
kontinentalen Klimas nicht so schlimm wie es klingt, doch sollte man daher
warme Sachen nicht vergessen (z.B. lange Unterhosen)
Kazan
Obwohl Kazan über eine Million Einwohner hat, herrscht eine gemütliche
Kleinstadtatmosphäre. Das liegt daran, dass das Zentrum recht alt und klein
ist, die meisten Menschen aber in der Platte in weit entfernten Rayons leben.
Nach einiger Zeit scheint einem die Decke auf den Kopf zu fallen. Eine
Kurzreise nach Moskau kann da Abhilfe schaffen – nach der Rückkehr ist man
einfach froh dort und nicht in einer russischen Riesenmetropole gelandet zu
sein.
Die Universität, Märkte und Geschäfte, Kunst und Kultur, Bierklausen und
Beatschuppen, das Leben spielt sich in der Altstadt ab.
Verkehr
Dorthin gelangt man recht einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das
Straßenbahnnetz ist zwar übersichtlich und hinreichend, doch sollte kann
man mit den Bussen und besonders Marshrutken viel Zeit sparen. Die Kosten
liegen für die Straßenbahnmonatskarte bei 120 Rubel für Studenten,
Einzelfahrt 4 Rubel, Marshrutka 7 Rubel. Der öffentliche Verkehr fährt bis 11,
im Winter bis 10 abends. Danach kann man sich ein ‚Auto fangen’. Da geht
recht einfach und kostet auch nicht viel. Man sollte nur ein paar
Sicherheitsregeln beachten.
Kulturelles Leben
Das kulturelle Leben in Kazan ist sehr vielfältig. Eine Übersicht über
Veranstaltungen kann im Mezhdunarodnyj otdel’ eingesehen werden. Karten
für Konzerte, Theater und Oper sollte man sich rechzeitig besorgen, da diese
häufig ausverkauft sind. Mag auch manch eine Inszenierung Geschmacksache
sein, besonders das Theater auf der Bauman ur. spaltet da die Gemüter, doch
war ich z.B. von der zeitgenössischen Version der Dreigroschenoper einfach
begeistert – wer in Russland lebt, wird sehen wie aktuell das Stück auch heute
noch ist (und daher eine zeitgenössische Inszenierung verdient).
Nachtleben
Während im September sich das Leben auf der Bauman ur. abspielt,
verstummt es dort auch mit Einbruch der kalten Tage. Die meisten Kneipen
sind schnell aufgefunden, etwas versteckt aber empfehlenswert ist das Baltika:
an der Pushkin ur. die Treppen zum Wohnheim der Pädagogen hoch.
Restaurants
Zum täglichen Mittagstisch eignen sich die Mensa im Hochhaus der Uni, die
nach einiger Zeit abhängig macht und sehr günstig ist (ca. 40 Rubel), die
‚Luxusmensa’ im Hauptgebäude (ca. 80 Rubel), das Dom Chaja (ca. 80 Rubel,
gute Auswahl), Sytyj papa u.a. Ein kulinarisches Muss ist der ‚Shvedskyj stol’’:
Für 200 Rubel Schlemmen und sich nach Hause rollen. Leider nicht ganz
leicht zu finden: auf der Kreml ur. Richtung Kremel, kurz davor führt eine
Treppe rechts auf eine Strasse in schlechtem Zustand. Nach 300 Metern ist der
Shwedskyj stol’ schon zu sehen.
Verbindung mit der Außenwelt
Telefonieren kann man zum einen beim Hauptpostamt oder im Telefonladen in
der Kabine. Von der normalen Telefonzelle aus kann man auch in andere
Städte und ins Ausland anrufen, ist jedoch sehr teuer. Von einem heimischen
Telefon zahlt man den Preis wie im Telefonladen. Wer die Möglichkeit hat sollte
sich die ‚Nju-Ton’-Karten holen: Telefonieren von daheim ohne Rechnung auf
Telefonkarte, und das viel günstiger. Bei Auslandsgesprächen am besten
durchrufen und anrufen lassen (Vor-Vorwahlen wie 010012 ca. 9 cent/Min.).
Zwar wird ein Telefon mit Tonwahlmöglichkeit benötigt, doch falls nicht
vorhanden: Ab 300 Rubel gibt’s schon welche.
Das Internet kann man im Prinzip auch in der Uni nutzen, doch sind die
Rechner dort viel zu langsam. Internetsalons finden sich aber reichlich und
kosten auch nicht so viel (30 Rubel/Stunde), z.B. im Uniks-Gebäude. Man
sollte sich auch mal auf nichtrussischen Medien über die Ereignisse in der
Welt informieren. (Vaterländische Zeitungen gibt es viele, solche wie die
Nezavisymaja gazeta habe ich in Kazan dagegen nicht gefunden).
Wer seinem Wohnungsbriefkasten mistraut kann Post und Päckchen auch an
das Mezhdunarodnyj otdel’ schicken lassen.
Uni
Das Mezhdunarodnyj otdel’
Am ersten Tag stehen Eröffnungsfeier und Begrüssung im Mezhdunarodnyj
otdel’ auf dem Plan. Hier sollte man gleich seine Unterlagen mitnehmen:
Reisepass, Versicherungsnachweis (am besten Kopie), HIV-Test (ebenfalls
Kopie), 6 Passbilder (kann man preiswert in der Stadt machen lassen ca. 60
Rubel 6 St.). Passbilder braucht man ständig, habe glaub ich über ein Duzend
in Russland verbraucht. Registrierung und alles weitere macht die Uni. Man
bekommt eine beglaubigte Ausweiskopie. Statt des richtigen Reisepasses habe
ich immer diese mit mir geführt. Das ist Geschmackssache, und man sollte
abschätzen wie einbruchsicher die eigene Unterkunft ist. Selbst bei der
Moskauer Miliz hatte ich aber mit der Kopie keine Probleme.
Sonst bietet das otdel’ eine Vielzahl von Serviceleistungen (Adressen,
Theaterkarten etc.). Bei Auskünften aber nicht vergessen: keine Gewähr.
Genaue Zugfahrpläne, Öffnungszeiten usw. weiß selbst Nina Vassiljevna nicht
genau auswendig, auch wenn sie sonst ein zuverlässiger Ansprechpartner ist.
Der Stundenplan
Außer den obligatorischen Veranstaltungen konnten wir uns weitere aus den
verschiedensten Fakultäten aussuchen und diese besuchen. Kommentierte
Vorlesungsverzeichnisse gibt es zwar nicht, doch hängen an den Fakultäten die
Veranstaltungen aus. Anmelden muss man sich in der Regel nicht, doch sollte
man im Lehrstuhl mal nachfragen, ob die ausgewählte Veranstaltung denn das
richtige sei, eventuell mit dem Dozenten sprechen. So wurde ich im Lehrstuhl
für Algebra allerherzlichst beraten (oh, ein Student aus Deutschland, wie lange
haben wir das nicht mehr gehabt!), die Dozentin einer Vorlesung in
Kunstgeschichte verteilte extra für uns Deutsche ein kleines Skript.
Beim Lehrstuhl für russische Sprache wünschten wir und zum obligatorischen
Programm noch einen Phonetikkurs, der dann auch eingerichtet wurde. (Ob
ein Phonetikkurs sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Auch wer in Deutschland
nie speziell Phonetik gemacht hat: Die Aussprache lernt man woanders, nicht
im Kurs – und vor manch einer russischen Intonationskonstruktion sollte man
besser verschont bleiben!)
Sehr
begeistert
war
ich
von
dem
Sprachpraxiskurs,
Stilistik
der
Umgangssprache, und -mein absoluter Favorit- russische Lieder. Der Kurs
Obuchenie pis’mo war zwar sehr arbeitsintensiv, dafür habe ich dort aber sehr
viel für meine Schriftsprache getan. Nur der Grammatikkurs hat leider keine
bleibende Wirkung hinterlassen, auch wenn die Dozentin sehr gut war. Zwei
Stunden
lang
nur
zwischen
vollendetem
und
unvollendetem
Aspekt
unterscheiden zu müssen führte bald Konzentrationsschwächen und der
Aufnahme des 50/50-Prinzips. Auch wenn der Lehrstuhl bedauerte, dass
gerade die Grammatik in diesem Jahr von drei auf eine Veranstaltung gekürzt
wurde: ich bedauerte sicher nicht.
Freizeit
Wer bezüglich Theater, Oper und Konservatorium informiert sein will, fragt
zum einen im Mezhdunarodnyj otdel’ oder an den Veranstaltungsorten nach,
und sollte sich die Zeitschrift ‚Ofisha’ kaufen.
Im September bietet die Uni einige Exkursionen in die Umgebung an, im
Oktober in Museen. Den Den’ filfaka sollte man sich auch nicht entgehen
lassen.
Wenn man die Stadt einwenig erkundet, ob zu Fuß oder mit der Straßenbahn,
findet man bald einige nette Plätze, der Park Gorkogo, Park Pobedy, das
Eislaufstadion (Schlittschuhe können geliehen werden). Man darf nur nicht
vergessen, dass das Erkunden ab Mitte November auf Grund der Witterung
immer unangenehmer wird.
Ich habe außerdem Gitarrenunterricht genommen, an den Lehrer bin ich über
eine Gastmutter eines Studenten gekommen, aber da kann man auch in der
Veranstaltung ‚russische Lieder’ nachfragen, der Preis (5$) ist für unsere
Verhältnisse sehr günstig. Übrigens ein weiterer Grund mit dem Zug zu fahren:
so konnte ich meine Gitarre mitnehmen.
Es ist möglich im Uniks Sportkurse zu besuchen, doch war weder etwas
passendes für mich dabei, noch waren diese günstig. Auch ist Joggen (vom
Radfahren
ganz
abgesehen)
eher
schwer
möglich.
Da
ich
mich
auf
Schlittschuhen leider nicht halten kann musste ich in Kazan auf Sport
verzichten.
Doch um dennoch ins Schwitzen zu kommen gibt es glücklicherweise die
Banja. Ob’jazatel’no! Schlappen und Handtuch nicht vergessen, Machalka vom
Markt. Banja No3 (in der Nähe des Pl. Svobody) ist sehr empfehlenswert, das
Kombinat Zdorovija gefiel mir nicht so gut.
Reisen
Reisen im Lande sind besonders mit dem Zug günstig durchzuführen. Nach
Moskau und St. Petersburg gibt es Direktzüge. Man sollte die Karten
wenigstens eine Woche vorher besorgen, am besten vor 9 Uhr morgens, so
braucht man nicht lange warten. Zwar gibt es auch Agenturen die die Karten
ohne anstehen zu müssen verkaufen, doch die nehmen kräftig Provision. Ich
persönlich bevorzuge den Platzkartnyj, denn man kommt schnell mit
interessanten Leuten ins Gespräch. Wichtig: Personen ab 1,60m Körpergröße
sollten nicht den Platz an der Seite wählen, auch wenn dieser ein paar Rubel
günstiger ist (in der Fachsprache: на боку bzw. дешёвое место). Flugtickets
gibt es z.B. an der ул. Правобулачная, dafür muss man nicht zum Flughafen. I
Lande fliegen ist auch relativ günstig (z.B. 150$ Moskau - Baikal-See, eine Idee
für den Februar). Auf jeden Fall sollte man sich nicht entgehen lassen, die
Dimensionen und Unterschiede in diesem Lande kennen zu lernen.
Besuch
Das Visum sollten sich die Besucher am besten in einem russischen Reisebüro
besorgen. Das Touristenvisum gibt es für zwei und für vier Wochen. Mein
Favorit:
Natascha Reisen, Hamburger Str. 4 , 48155 Münster Tel: 0251/
14 Tage: 55 €, 4 Wochen 65 €
Einfach anrufen und Pass und Bild hinschicken.
Die Registrierung bekommt man in Kazan bei FranzTours, Levobulochnaja für
20 €. Ob der Stempel eine ‚echte’ Registrierung ist, das weiß niemand, doch
bislang hatte niemand damit Probleme, im Gegenteil: dem Grenzbeamten,
Milizionär usw. muss man nur das Zauberwort ‚Tatarstan’ nennen und er wird
ganz schnell wieder verschwinden und ‚Gute Reise’ wünschen.
Rückreise
Noch ein Tipp für die Rückreise. Ich bin über das Baltikum zurückgefahren
und war hellauf begeistert. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für ein Besuch
dort als nach fünf Monaten Russland, obwohl – oder gerade weil – Russland
und das Baltikum nach der Wende so verschiedene Wege gegangen sind.
Es gibt zwar eine Fähre von Riga nach Deutschland, die war aber einfach
grausig. Ich empfehle daher eine andere Route als ich sie gefahren bin:
Kazan-Moskau-Riga-Tallinn-(St.Petersburg –gut ein Mehrfachvisum zu haben!)Helsinki. Auf der Fähre ab Helsinki sind andere Stipendiaten gefahren und
waren sehr zufrieden (www.finnlines.fi).
Andere Möglichkeit: Kazan-St. Petersburg-Tallinn-Riga-Vilnius-Kaliningrad
Im Baltikum gibt es übrigens keine Bahnlinien zwischen den Hauptstädten,
dafür schnelle und günstige Buslinien, die mehrmals täglich verkehren.
(www.ecolines.lv)
Und: die Zollkontrollen im Zug- und Flugverkehr sind zwar bei Deutschen sehr
human (‚Ach, Sie sind det? Na, dann noch jute Reise, wa!’) doch an deutschen
Fährhäfen wird man ordentlich gefilzt(‚Ist dos etwo Kovioar?!’), also Freimengen
nicht überziehen!
Schluss
Die Zeit in Kazan hat mir unheimlich Spass gemacht, ich habe viel gelernt,
nicht nur was die Sprache oder das Land angeht. Ich bin froh in einer Stadt
wie Kazan gewesen zu sein (auch wenn man sich nicht davor scheuen sollte
über den Tellerrand der Republik Tatarstan zu blicken). Das Programm das der
DAAD mit der Uni Kazan vereinbart hat, hat mir auch sehr gefallen. Die
organisatorischen Probleme lösten sich nach anfänglichen Hürden alle
überraschend schnell, und selbst dem oft als chaotisch verschriebenen
Mezhdunarodnyj otdel’ möchte ich hier mal danken.
Ich habe sehr viele angenehme Erfahrungen mit den Menschen im Lande
gemacht, die deutlich überwiegen, auch wenn man als Ausländer leider
manchmal die schlimmsten Idioten an sich zieht.
Ich kann nur jedem raten eine solche Gelegenheit zu nutzen, wenn es nur
irgend möglich ist, und danke dem DAAD für das Stipendium und wünsche
allen künftigen Stipendiaten alles Gute!
Adressen
Botschaften
Unterkünfte
St. Petersburg, International YH, ул. 3-ая Советская 28, [email protected]
+7 812 3298018 (390 Rubel)
Tallinn: Merevaik YH, Sopruse Str. 182 [email protected] ++372 6553767 (ca. 7€)
Riga: Hostel ‘Turiba’, 26 Nicgales iela ++371 7549012 (4 Lats ca. 6€)
(Wohnheim der Lebensmittelproduzenten)
Visa und Registrierung
KGU
Sonstiges
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