24-Kaiserreich - Rheingau

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Der Rheingau zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik
von
Walter Hell
1. Vorbemerkung
Mit dem militärischen Zusammenbruch des deutschen Heeres, der Abdankung
Kaiser Wilhelms II. und der Ausrufung der Weimarer Republik kam es Ende
1918/Anfang 1919 zu einem bis dahin beispiellosen Systemwechsel in
Deutschland.1 Das „lange, bürgerliche Jahrhundert“ ging unweigerlich
seinem Ende entgegen und das „Zeitalter der Extreme“ (Eric J. Hobsbawm)
nahm seinen Lauf. Auch der Rheingau blieb von der historischen Umwälzung
nicht verschont. Im Folgenden sollen die Gemeinsamkeiten mit den
Entwicklungen im Deutschen Reich, aber auch die Rheingauer Besonderheiten
während dieses Umschwungs in vier Aspekten herausgearbeitet werden.
2. Der militärische Zusammenbruch
Bis zum 10. November 1918 erschien unter der Rubrik „Der Krieg“ in dem
„Geisenheimer Lokalanzeiger“ täglich ein schönfärberischer Bericht der
Obersten Heeresleitung (OHL) über das Kriegsgeschehen und die
Kriegslage. Noch Anfang des Monats war die neunte Kriegsanleihe2, mit der
die Fortführung des Krieges finanziert werden sollte, gezeichnet worden. In
Geisenheim brachten 535 Zeichner einen Betrag von zwei Millionen
Reichsmark für diese Kriegsanleihe auf. Allein an der dortigen Volksschule
kamen vor allem durch die Werbetätigkeit der Lehrer 93.971 RM zusammen.
Der Rektor bemerkte dazu: Die IX. Kriegsanleihe zeigte schon viel
Kriegsmüdigkeit. Das Werben war schwieriger und das Ergebnis blieb hinter
dem der XIII. Kriegsanleihe um ein Erhebliches zurück 3 Am Lehrerseminar in
Allgemein zum Begriff des „Systemwechsels“ und im Speziellen zum Systemwechsel 1918/19 vgl. Eckhard
JESSE: Systemwechsel in Deutschland. Köln 2010.
2
Durch ein Gesetz vom 4. August 1914 wurde die Reichsregierung ermächtigt zur Finanzierung des Krieges
ohne Einschränkungen Geld zu leihen. Solche Kriegsanleihen zeichneten die deutschen Staatsbürger, die auf
Zinsgewinne und die Rückzahlung ihrer Anleihen hofften, im Wert von 99 Milliarden Reichsmark,. Die
Rückzahlung und Verzinsung hätte aber einen Sieg der deutschen Waffen und immense Reparationszahlungen
der Besiegten vorausgesetzt. Da der unbegrenzten Geldschöpfung keine adäquaten volkswirtschaftlichen Werte
entgegenstanden, führte dieser Weg direkt in die Hyperinflation von 1923. Die Kriegsschulden von mindestens
156 Milliarden Reichsmark wurden auf die Reichsbürger umgewälzt, die für ihre Kriegsanleihen nach dem Krieg
keinen Gegenwert erhielten und deshalb mitunter verarmten. Dies war eine entscheidende wirtschaftliche
Hypothek für die Weimarer Republik.
3
Geisenheimer Lokalanzeiger (im Folgenden zitiert als LA) Nr. 131 vom 7.11.1918 und Chronik der
Volksschule Geisenheim, Bd. 2. Dort auch das Zitat. Die Chronik ist unveröffentlicht und befindet sich im
Besitz der dortigen Grundschule.
1
Eltville waren Anfang November noch einmal 106.700 RM als Kriegsanleihe
gezeichnet worden.4 In der kleinen Volksschule Hattenheim kamen bei der
neunten Kriegsanleihe nur noch 2.540 RM zusammen, nachdem man bei der
zuvor gezeichneten Kriegsanleihe noch 20.940 RM zusammen gebracht hatte.
Dabei wurde dort auch hemmungslos die Schulsparkasse geplündert.5 In Lorch
„spendierte“ die örtliche Schulsparkasse bei der vorletzten 2.000 RM, während
von den Lehrern noch einmal 52.600 RM vermittelt wurde. Dazu kamen noch
Anteilscheine von 4.220 RM. Die Schüler bekamen dafür einen Tag schulfrei
(sic!).6
Was musste die Bevölkerung denken, als die deutsche Reichsregierung am 11.
November ein Waffenstillstandsangebot der Kriegsgegner annehmen
musste? Darin wurde u. a. binnen 15 Tagen die Räumung Frankreichs, Belgiens,
Luxemburgs und Elsaß - Lothringens durch die deutschen Truppen gefordert.
Außerdem sollten die deutschen Truppen vom linken Rheinufer und von den
Brückenköpfen der Alliierten um Köln, Koblenz und Mainz, die mit einem
Radius von 30 Kilometern auf das rechte Rheinufer hinübergriffen,
zurückgezogen und dort Besatzungstruppen binnen 25 Tagen stationiert werden.
Entlang der Rheines sollte ein entmilitarisierter Gebietsstreifen von zehn
Kilometern verlaufen.
Die jüdische Binger Bürgerin Mathilde Mayer hält in ihren Lebenserinnerungen
fest: Wir wurden von dem plötzlichen Ende (des Krieges, W.H.) sehr
überrascht. Und sie fährt fort: (...) für uns dumme Binger war es ein
plötzlicher Schock, als wir das Ende vernahmen. Sie schildert auch ein kurzes,
dramatisches Zwiegespräch mit ihrer Tante: Hast Du schon von Wilsons 14
Punkten gehört, die wir zu erfüllen haben? Ich war ganz entsetzt. Meine
Antwort war: „Wir haben doch gesiegt, wir haben doch nichts abzugeben, das
ist unmöglich.“ Und sie folgert rückblickend: So dumm war die Bevölkerung,
dass wir von nichts wussten, obwohl in ihrem bürgerlichen Haushalt täglich die
„Frankfurter Zeitung“ gelesen wurde. Selbst nach der Niederlage sei der
Bevölkerung nur das gesagt worden, was angenehm ist, vieles sollte das Volk
nicht wissen.7
Abbildung 1: Das französische Besatzungsgebiet am Mittelrhein (Karte)
Bei der Einrichtung der Brückenköpfe um Mainz und Koblenz entstand ein
kleiner Gebietsstreifen zwischen dem Bodenthal bei Lorch und dem Rossstein
bei Kaub, der die Form eines Flaschenhalses hatte und in dem die
Besatzungsmächte keine Kommandogewalt inne hatten. Das Gebiet blieb Teil
des unbesetzten Deutschen Reiches und erklärte sich selbst inoffiziell zum
4
Vgl. Rheinische Volkszeitung Nr. 263 vom 11.11.1918.
Chronik der Volksschule Hattenheim. Bd. 2. Die Chronik ist unveröffentlicht und befindet sich im Besitz der
örtlichen Grundschule.
6
Vgl. Chronik von Lorch 1866-1918. Abgeschrieben und zusammengestellt von Albert ZELL. Assmannshausen
2007, S. 78.
7
Mathilde MAYER: Die Alte und die Neue Welt. Erinnerungen meines Lebens. Bingen 2003, S. 95-96.
5
Freistaat, in dem auch eigenes Notgeld gedruckt wurde.8 Die Notwendigkeit
Notgeld wie auch andernorts in Deutschland zu drucken, ergab sich, weil viele
Bürger seit 1916 Münzen mit höherem Münzwert aus Silber und Gold
angesichts der unsicheren Zeiten horteten und es deshalb zu einer
Münzgeldknappheit gekommen war.
Über den „Flaschenhals“ schrieb der kommandierende General der
französischen Rheinarmee (30. Armeekorps), General Mordacq (1868-1943), in
seinen Memoiren: Man hatte beim Inkrafttreten des Friedensvertrages
(Januar 1920) den schlimmen Fehler begangen, einige Hektar Land in der
neutralen Zone zu belassen, anstatt die beiden Brückenköpfe vollständig zu
vereinigen. Dieser Lapsus gestaltete die Verbindung zwischen den
Brückenköpfen sehr schwierig, was zu fortwährenden Klagen Anlaß gab.9
Unterstützt wurde diese Position durch den Wiesbadener Regierungspräsidenten
Karl Wilhelm von Meister (1863-1935), der den Gebietsstreifen der
französischen Zone zuschlagen wollte. Selbstverständlich sah dies die deutsche
Reichsregierung ganz anders: Für das Deutsche Reich bestand hier am
Mittelrhein der einzige Zugang zu dem Fluss. Für ihre Unabhängigkeit
plädierten auch die Bürgermeister der in dem Gebiet liegenden zwei Städte
und 30 Landgemeinden mit 17.363 Einwohnern. Zum Sprecher dieser
Gemeinden wurde der Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischek (1883-1954).10
Vom 22. November 1919 bis Ende Juni 1920 unterstand die Verwaltung des
Flaschenhalses dem Landrat von Limburg im Auftrag des preußischen
Oberpräsidenten in Kassel. Da die Besatzungsmächte die Grenzen für den
Waren- und Durchgangsverkehr geschlossen hatten, wurden die Güter aus dem
unbesetzten Teil Deutschlands über Land oder über den Rhein nach Lorch
gebracht und von dort in den Rheingau geschmuggelt. Lorch wurde zum
Sammelplatz der ehrsamen Schmuggler, wie der Chronist der Lorcher
Volksschule zynisch schrieb. Manche dunklen, arbeitsscheuen Existenzen mit
sehr weitem Gewissen und keckem Galgenmute hat sich durch dies ehrsame
Schiebergewerbe in kurzer Zeit ein großes Vermögen erworben, denn
unglaubliche Summen wurden hier täglich umgesetzt und als Wucherpreise den
Menschen im unbesetzten Deutschland aufgebürdet. Auch Lorcher Bürger, die
8
Vgl. Ulrich KLÖPPEL: Notgeld aus dem Flaschenhals. Eine Facette der Geldgeschichte Deutschlands 19141924. In: Rheingau Forum. Heft 2/2009, S. 29-34.
9
General H. MORDACQ: Die deutsche Mentalität. Fünf Jahre Befehlshaber am Rhein. Wiesbaden 1927, S. 45-46.
Mordacq trat am 10. Januar 1920 sein Kommando an, aus dem er fünf Jahre später auf eigenen Wunsch
ausschied, da er mit der französischen Deutschlandpolitik nicht einverstanden war. Seine Einstellung war extrem
deutschfeindlich.
10
Zu Pnischek vgl.: Nassauische Parlamentarier 1868-1933. Bearbeitet von Barbara BURKHARDT und Manfred
PULT. Wiesbaden 2003, S. 257-258. Alle Darstellungen zur Geschichte des „Flaschenhalses“ basieren im
Wesentlichen auf einem Bericht Pnischeks, der abgedruckt ist im: Rheingauer Heimatbrief, Folge 38/1962: Vgl.
auch: Ernst FICK: Vor 50 Jahren: Der Flaschenhals , ein Kaufmannsweg ins unbesetzte Deutschland. In:
Rheingauer Heimatbrief Folge 67/1969, S. 5-7 und Stephanie ZIBELL und Peter Josef BAHLES: Der Freistaat
Flaschenhals. Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923. Frankfurt/Main 2009, S. 91121. Vgl. auch den Bericht des Regierungspräsidenten in Kassel vom 30. November 1919. Abgedruckt in:
Karlheinz MÜLLER: Preußischer Adler und Hessischer Löwe. Wiesbaden 1966, S. 214-215. Vgl. auch die
ergänzenden Zeitzeugennotizen von Lorenz Keiper.
zuvor fast zahlungsunfähig waren, hätten dabei ihr Schäfchen ins Trockene
gebracht.11 Andererseits trieben Rheingauer Bauern ihr Vieh in den unbesetzten
Gebietsstreifen, damit es nicht unter die Zwangsabgabe an die
Besatzungsbehörde fiel. Wein aus Weinbergen des besetzten Gebiet wurden aus
demselben Grund in Lorch gelagert. Auch um das in Lorch herausgegebene
Notgeld gab es Streit, da die Druckerei den anlässlich eines Steinschlags
aufgelegten Geldschein mit folgendem provokanten Aufdruck versah: Als der
Franzmann zog zum Rhein, kam vom Nollig12 viel Gestein. Der Geldschein
musste nach Intervention der Besatzungsbehörde aus dem Verkehr gezogen
werden. An Schikanen der französischen Besatzungsmacht gegenüber der
Bevölkerung des „Flaschenhalses“ fehlte es nicht, um diese mürbe und bereit für
den beabsichtigten Anschluss zu machen. So wurden z. B. die Telefon- und
Telegrafenverbindungen sowie der Briefverkehr in die Besatzungszonen
unterbunden. Bestehende Verkehrswege wurden blockiert. Bis zum 1.
September 1919 hielten keine Züge an den im „Flaschenhals“ gelegenen
Stationen. Den Postverkehr zwischen Lorch und Limburg übernahm Fuhrmann
Perabo für ein Entgeld von 35 RM je Fahrt. Die Versorgungslage in der Region
blieb prekär. Der Pfarrer von Lorchhausen nannte das von seiner Umgebung
abgeschnittene Gebiet eine Falle, denn ein Pass, mit dem man in das besetzte
Gebiet gelangen konnte, war nur unter Schwierigkeiten zu erlangen.13 Im April
1920 wurden Limburg, das für die Verwaltung und Versorgung des
„Flaschenhalses“ Bedeutung erlangt hatte, und der „Flaschenhals“ selbst von
französischen Truppen zum ersten Mal besetzt. Auf Druck der anderen
Alliierten mussten sich aber die Franzosen wieder zurückziehen. Die zum Teil
schikanösen und provokanten Grenz- und Kontrollregelungen für den
„Flaschenhals“ wurden aufgehoben. Im Rahmen der französischen Besetzung
des Rheinlandes wurde der „Flaschenhals“ ab dem 25. Februar 1923
ebenfalls besetzt und damit in die französische Besatzungszone einbezogen.
Damit war der „Freistaat Flaschenhals“ an sein Ende gelangt. Deutsche, die sich
der französischen Besatzung entgegen stellten, wurden ausgewiesen.
Abbildung 2 und 3: Notgeld aus dem so genannten „Freistaaat Flaschenhals“.
Schon ab dem 13. November 1918 zogen sich deutsche Etappenformationen
von der Westfront nach Osten zurück, Fronttruppen folgten zwischen dem
28. November und dem 4. Dezember mit einem Höhepunkt am 1.
Dezember. Diese Truppen durchzogen auch den Rheingau. Insgesamt mussten
über drei Millionen Soldaten zurückgezogen werden. Der Rückmarsch der
Truppen über den Rhein ist eine fast übermenschliche Tätigkeit, meinte die
Chronik der Volksschule Lorch. 1. Weltkrieg – 2. Weltkrieg. Hrsg. von Albert ZELL. Rüdesheim 2005; S. 1920.
12
Berg oberhalb von Lorch.
13
Vgl. Kirchenchronik Lorchhausen. Auszugweise abgedruckt in: Lorchhausen. Hrsg. vom Heimatverein
Lorchhausen. Memmingen 2011. Die Äußerung des Pfarrers S. 304.
11
Lorcher Schulchronik.14 Hauptlehrer Becker (Amtszeit 1901-1930) aus
Hallgarten beschrieb den Rückzug ausführlich: Beim Zurückfluten unserer
tapferen Heere aus Feindesland benützte ein großer Teil derselben die
Hindenburgbrücke bei Geisenheim. Die Eisenbahn konnte den Abtransport
dieser Truppen nur zum kleinsten Teil bewältigen, und da der im
Waffenstillstand festgelegte Brückenkopf von Mainz (30 km Radius) bald von
unseren Truppen geräumt werden musste, waren viele Truppenteile genötigt,
von Geisenheim aus zu Fuß weiter zu marschieren.15 Ein anderer Augenzeuge
berichtet: Stundenlang kamen die Transporte durch: Autos mit aller
erdenklichen Last, Infanterie, Pioniere, Artillerie, Kavallerie, endlose Züge
von Bagagewagen.16 Am 26. November passierte die 15. bayrische Division die
Region. Allein Hallgarten hatte im November/Dezember 1.340 deutsche
Soldaten und 200 Pferde zeitweise unterzubringen und zu verpflegen. In der
Neudorfer (Martinsthaler) Pfarrchronik ist zu lesen: Das deutsche Heer musste
in aller Eile demobilisiert werden, und auf seinem Rückmarsche bekam Neudorf
wie der ganze Rheingau zahlreiche Einquartierung.17 Zerlumpt, zerfetzt,
moralisch auf der niedrigsten Stufe, ohne Disziplin – so kamen sie zurück, die
einst so siegreichen deutschen Truppen.18 Dies war die raue Wirklichkeit.
Der öffentliche Nahverkehr besonders über die Hindenburgbrücke bei
Rüdesheim wurde durch den Rücktransport der Truppen, der 5. Armee des
Generals von Marwitz , bis zum 2. Dezember stark eingeschränkt. Pioniere
mussten über den Rhein zusätzliche Pontonbrücken schlagen, um das
Übersetzen der Truppen zu gewährleisten. Geisenheimer Einwohner kauften bei
dem durchziehenden Militär Effekte und Waffen. In Rüdesheim überließen die
Soldaten der einheimischen Bevölkerung gegen eine geringe Bezahlung ihre
abgemagerten Pferde. So erstand zum Beispiel ein Lorcher Fuhrmann von der
geschlagenen Armee zwei Pferde für 125 RM. Der Hattenheimer Hauptlehrer
beschrieb die Situation so: Durch die Demobilisierung der Truppen nach dem
9. November spielte sich auf dem hiesigen Bahnhofe bei den ankommenden
Zügen aus dem Etappengebiete der reinste Jahrmarkt ab. Alle möglichen
Dinge von der Front wurden von den herbeiströmenden Männern, Weibern
und Kindern gekauft oder gegen Milch, Wein, Kartoffeln etc. eingetauscht,
sogar Pferde, Betten, Tische , Stühle, Klaviere, Grammophone, Kleider,
Schuhe, Decken. In ihrer großen Habgier vergaßen sich einzelne soweit, dass
sie verschlossene Eisenbahnwagen erbrachen u. daraus Mehl, Conserven,
Tabak entwendeten und fortschleppten. Endlich - leider zu spät - wurde durch
Verbot den Bahnsteig zu betreten dem Skandal, weil ein Ärgernis, ein Ende
14
wie Anm. 11, S. 15.
Chronik der Elementarschule Hallgarten. Bd. 2, S. 36-37. Die Chronik ist unveröffentlicht und befindet sich
im Besitz der dortigen Grundschule.
16
Chronik der Volksschule Geisenheim. Die Chronik ist unveröffentlicht und befindet sich im Besitz der
dortigen Grundschule.
17
Zitiert nach: Patrick KUNKEL: Martinsthal 1363-1988. Martinsthal 1988, S. 152.
18
MORDACQ (wie Anm. 9), S. 73.
15
gemacht.19 Ähnliches beschreibt der auch der Chronist Herber für Bad
Schwalbach: (...) Bauern kauften ganze Feldküchen mit Pferd für 150 Mark.
Und: ( ) alles Mögliche sonst wurde billig losgeschlagen.20 Die Autorität der
kaiserlichen Offiziere war dahin, gegen den Ausverkauf ihrer Armee
konnten sie nichts mehr unternehmen.
Die örtliche Presse rief die Geisenheimer Bevölkerung dazu auf, die
„ruhmreichen“ Truppen feierlich zu begrüßen. Anfang Dezember wurde in
der Stadt ein Festausschuss gebildet, der sich um die Ausrichtung einer solchen
Feier kümmern sollte. Am 3. Adventsonntag wurde ein Festgottesdienst
abgehalten, am Sonntag darauf ein Dankamt und am 23. ein Seelenamt für die
Gefallenen. Von den Kanzeln wurde ein Willkommensgruß der deutschen
Bischöfe an die Truppen verlesen. In Niederwalluf und andernorts wurden
Triumphbögen für die deutschen Truppen errichtet. In Geisenheim empfing
man die Soldaten als Sieger mit Fahnen und Triumphbogen. Alle Orte (des
Rheingaus, W.H.) waren mit Fahnen, Girlanden und Ehrenpforten mit
Willkommensgrüßen aufs festlichste geschmückt.21 Sogar die Landstraße durch
den Rheingau war mit Tannengrün und Blumen herausgeputzt. Den Soldaten
wurde alles, was Küche und Keller bot, gebracht. Der Weinhändlerverband in
Wiesbaden bewilligte eine Weinspende für die zurückkehrenden Soldaten, und
auch der Pfarrer von Lorchhausen spendierte nach einem Dankgottesdienst den
heimgekehrten Kriegern am Neujahrstag 100 Liter Wein.22 Durch diesen
Empfang konnte leicht der Eindruck entstehen, als ob der aufgezwungene
Waffenstillstand eigentlich der Beginn eines für Deutschland vorteilhaften
Friedens sei. In der Lorcher Chronik heißt es Ende Oktober 1918 noch in gut
monarchistischer Gesinnung: Kriegsmüdigkeit und Flauheit hinter der
deutschen Front wirken auch nicht vorteilhaft auf die auf die Tatkraft unserer
Truppen. Und so gewinnt die Demokratie an Boden, ja sogar an Macht.23 Die
Soldaten kamen, wie die Tageszeitungen der Bevölkerung weismachten,
schließlich unbesiegt von der Front zurück, sie seien ungeschlagene, unbesiegte
Helden24 wurde verkündet. In diesem Sinne äußerte sich auch der Rektor der
Volksschule Geisenheim: Er sprach von dem bedauerlichen Rückzug unseres
unvergleichlichen Heeres. Wir sind dem Feinde zwar gewichen, aber nicht von
ihm von ihm besiegt (...).Das deutsche Heer habe sich nur mit Widerwillen
dem neuen Regiment (dem Rat der Volksbeauftragten, W.H.), das sich auch
gar zu würdelos benahm, gebeugt.25 In solchen Äußerungen ist der Ursprung
der so verhängnisvollen „Dolchstosslegende“ zu sehen. Allein in Wiesbaden
sollen sich bis 1920 nicht weniger als etwa 2.000 ehemalige kaiserliche
19
wie Anm. 5.
Herber-Chronik, S. 249.
21
Ebenda.
22
Kirchenchronik von Lorchhausen (wie Anm. 13), S. 303..
23
Lorcher Chronik (wie Anm. 6), S. 65.
24
So zum Beispiel der „Mainzer Anzeiger“ vom 28.11.1918.
25
wie Anm. 16.
20
Offiziere niedergelassen haben26, von denen nicht wenige diese Legende
pflegten. Am 7. Dezember war der Durchmarsch des deutschen Militärs durch
den Rheingau beendet, nachdem sogar Feldmarschall von Hindenburg (18471934) sich mit seinem Stab einige Tage zuvor durch diese Region
zurückgezogen hatte. Die deutschen Truppen verabschiedeten sich vom
Rheingau mit dem „Großen Zapfenstreich“. Am 10. Dezember wurde in
Geisenheim im Hotel „Germania“ eine Feier zur Ehre der heimgekehrten
Soldaten der Stadt abgehalten. In der Chronik der Volksschule Hallgarten heißt
es: Sämtliche Truppen wurden hier gastfreundlich aufgenommen und so gut
bewirtet als es die Zeitverhältnisse erlaubten.27 Vor allem russische und
ukrainische Kriegsgefangene, die im Rheingau während des Krieges in der
Landwirtschaft aushelfen mussten, wurden schon Ende November in ihre
Heimatländer zurückgeschickt. In Espenschied wurden z.B. zwölf
kriegsgefangene Franzosen, zwei Engländer und ein Russe wieder in ihre
Heimatländer entlassen. Darüber war man recht froh, denn seit dem
Waffenstillstand waren die Kriegsgefangenen schier unerträglich und
unbotmäßig geworden.28
Zurückkehrende Soldaten, die nun keine Arbeit hatten und sich nur sehr
schwer wieder in das Zivilleben eingewöhnen konnten, wurden im
„Geisenheimer Lokalanzeiger“ durch einen Aufruf für die in Schlesien und
Posen kämpfenden Freikorps angeworben.29
3. Der politische Umsturz
Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens am 11. November
1918 war das Deutsche Kaiserreich an sein unrühmliches Ende gelangt. Der
Kaiser dankte am 28. November ab und ging ins holländische Exil, nachdem
am neunten des Monats in Berlin die Republik ausgerufen worden war. In der
Lorcher Chronik heißt es dazu: Der 9. November ist der Geburtstag einer
neuen Zeit in unserem Vaterlande. 30
Schon seit einiger Zeit hatten sich in dem total demoralisierten deutschen Heer
revolutionäre Gedanken breit gemacht. In der Nacht vom 8. auf den 9.
November trafen einige aufständische Marinesoldaten, die von Köln bzw.
Kiel kamen, mit der Eisenbahn in Wiesbaden ein. Dort schloss sich zuerst die
Bahnhofswache ihrer Meuterei an. Ein Zeitzeuge berichtet: Sie rissen sich selbst
die Achselklappen von den Schultern, ihren Offizieren die Epauletten und
nahmen ihnen die Säbel ab. Die sich Widersetzenden wurden misshandelt. 31
Gemeinsam machte man sich auf den Weg zu den Kasernen des in der Kurstadt
26
Vgl. MORDACQ (wie Anm. 9), S. 65.
wie Anm. 15, S. 37.
28
Lorcher Chronik (wie Anm. 6), S. 81.
29
Vgl. LA Nr. 9 vom 23.1.1919.
30
Lorcher Chronik (wie Anm. 6), S. 66.
31
Herber - Chronik; S. 246.
27
stationierten Ersatzbatallions des Landwehrregiments 80, wo die Mannschaften
mit Kameraden aus dem Füsilierregiment 80, einen Soldatenrat bildeten. Ihm
gehörten Leutnant und Assessor Schlitt (1886-1960), der spätere Landrat des
Landkreises Wiesbaden (Amtszeit 1918-1928)32, Vizefeldwebel Geißler sowie
die Füsiliere Hambach, Augenweich und Bolz an. Mittags gegen 12 Uhr des 9.
Novembers übernahm dieser Soldatenrat das Kommando über die Garnison
Wiesbaden. Die Wache vor der Kaserne erschien jetzt geschmückt mit einer
roten Schleife.33 Achselstücke, Epauletten wurden auch hier den Offizieren
abgenommen, um zu zeigen, dass es jetzt keine Rangunterschiede mehr gäbe.
Alle Waffen waren bei dem Soldatenrat abzuliefern. In einem ersten Aufruf
forderte der Rat die Bevölkerung auf Versammlungen zu vermeiden und
weiterhin ihren gewohnten Beschäftigungen nachzugehen. Dessen hätte es
eigentlich nicht bedurft, denn von Niedergeschlagenheit und Trauer unter der
Bevölkerung war nichts zu merken. Man nahm den Umsturz als eine gegebene
Tatsache hin (...).34 Im Gegenteil: Der Soldatenrat bedankte sich bei der
Bevölkerung, weil diese bisher mustergültige Ordnung und Ruhe bewahrt
habe.35 Am Sonntag, den 10. November, verließen viele Soldaten unerlaubt ihre
Kasernen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Am Abend zuvor hatte die linke
„Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD) im Gewerkschaftshaus in
der Wellritzstraße und in der „Wartburg“ jeweils eine Versammlung einberufen,
auf der man beschloss mit den gemäßigten Mehrheitssozialdemokraten (MSPD)
einen Arbeiterrat für die Stadt und den Landkreis Wiesbaden ins Leben zu
rufen, der sich mit dem Soldatenrat verbünden sollte. Am nächsten Morgen
tagten um 9.30 Uhr beide Räte zu ersten Mal als Vollausschuss zusammen. Dem
vereinigten Arbeiter- und Soldatenrat gehörten von Seiten des Soldatenrates
Leutnant Schlitt als Kommandant des Stadt- und Landkreises Wiesbaden,
Sergeant Lindig und Matrose Spieß sowie von Seiten des Arbeiterrates Otto
Haese und Franz Gröbner an. Abordnungen des Rates wurden jetzt zu allen
Verwaltungsstellen der Stadt geschickt, um dort die Macht zu übernehmen. Für
den 10. wurde auf dem Marktplatz zu einer Volkskundgebung aufgerufen.
Daraufhin besetzten Demonstranten den Schlossplatz und die benachbarten
Straßen. 50 Revolutionären gelang es, in das Schloss und den sich
anschließenden Kavaliersbau einzudringen, um sich dort gelagerte Güter
anzueignen. Am 17. des Monats wurde durch den Arbeiter- und Soldatenrat, der
inzwischen seine Büros im Parterre des Kavaliershauses eingerichtet hatte, die
Errichtung einer deutschen Republik begrüßt. Die Abschaffung des Adels
und seiner Vorrechte wurden gefordert, ein Staatsgerichtshof sollte eingerichtet
werden. Der Rat installierte ein Standgericht gegen Plünderer. Ein
32
Schlitt wurde zwischen dem 12. Februar und dem 1. Oktober 1924 durch die Interalliierte
Rheinlandkommission ausgewiesen, da er mit einem öffentlichen Anschlag in Wiesbaden auf eine amtliche
Mitteilung der Kommission geantwortet und die Reichstreue der deutschen Beamten beschworen hatte. Dies
wurde als Insubordination und Auflehnung gegen die Besatzungsbehörden gewertet.
33
wie Anm. 5.
34
Ebenda.
35
Ebd.
Bürgerausschuss sollte die Verwaltung übernehmen, nachdem der preußische
Landrat des Landkreises Wiesbaden, von Heimburg (1859-1935), Ende
November abgesetzt worden war.36 Die städtischen Behörden und der
preußische Regierungspräsident von Meister (1863-1935) konnten den Arbeiterund Soldatenrat von radikaleren Maßnahmen mit dem Argument abbringen, dass
revolutionäre Verhältnisse nur die erwarteten Badegäste abschrecken würden,
von denen doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wiesbadener Bevölkerung
lebte. Noch im November vereinigten sich in der Kurstadt der Arbeiter- und
Soldatenrat mit dem Vereinigten Frauenverein und dem Nassauischen
Heimatdank. In Wiesbaden ereigneten sich zur Zeit der Revolution (November
1918) keinerlei ernste Unruhen, wie, General Mordacq, in seinen
Erinnerungen schrieb. Er verspottete die Novemberrevolution in
Wiesbaden sogar als eine pflaumenweiche Revolution (...) eine Revolution,
die eben auch nur eine Vortäuschung war.37 Der Publizist Gorrenz bestätigt
diesen Eindruck, wenn er schreibt, dass sich die Revolution in Wiesbaden in
Formen vollzog, die nicht zahmer und harmloser sein konnten. Im Gegenteil
wirkte insbesondere das wichtigtuerische Gebaren einiger Matrosen und
sonstiger A- und S-Räte operettenhaft. Leutnant Schlitt bescheinigte er, dass er
redlich bemüht war, die gröbsten Ausschreitungen zu verhindern.38
In den Rheingaugemeinden entstanden ebenfalls Arbeiter- und Bürgerräte
neben der offiziellen Verwaltung und den Gemeindevertretungen, so zum
Beispiel in Rüdesheim unter dem Vorsitz von Andreas Rückert mit fünf, in
Geisenheim unter Martin Scholl mit 15 Mitgliedern sowie in Kiedrich unter
Peter Krams und Johann Schwed und in Aulhausen unter Peter Schröder.39 In
Lorch kam ein Arbeiter- und Bauernrat unter dem Ingenieur Josef Diel zu
Stande. Zum Schutz der Bürger rief er eine Bürgerwehr ins Leben. Zunächst
wurde das örtliche Lebensmittellager inspiziert und dabei Unregelmäßigkeiten
festgestellt, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Auch gegen die
Wilderei ging der Rat energisch vor. Dem Lorcher Arbeiterrat war kein langes
Leben beschieden, da eine solche Einrichtung in der neutralen Zone nicht
geduldet wurde.40 In Niederwalluf wurde ebenfalls ein Arbeiterrat gebildet und
in Presberg ein Bauernrat ins Leben gerufen. Über den letzteren heißt es: Man
konnte sich nicht einigen. Zwei Parteien gerieten sich in die Haare. Es schien
bald Blut zu fließen.41 In Hattenheim machte sich der Hauptlehrer sogar
über den dort gebildeten Arbeiter- und Bauernrat lustig: Die Revolution in
den ersten Tagen im November 1918 nahm in Hattenheim einen formlosen
Verlauf. Die Sonntagsurlauber aus den Garnisionen in Wiesbaden , Mainz u.
36
Vgl. Wiesbadener Zeitung vom 27.11.1918.
MORDACQ (wie Anm. 9), S. 198 und 200.
38
Heinz GORRENZ: Die Franzosenzeit in Nassau und in Frankfurt am Main. Frankfurt/Main 1930, S. 5. Die
Broschüre muss kritisch gelesen werden, da es sich um eine Kampfschrift handelt.
39
Vgl. Chronik Aulhausen. Hrg. von der STADT RÜDESHEIM. Rüdesheim 2009, S. 403-404. Dort ist auch das
Programm des Rates abgedruckt, dem ein wenig revolutionärer Charakter bescheinigt wird (S.404).
40
Vgl. wie Anm. 11, S. 16.
41
Chronik der Volksschule Presberg. Bd. 2, S. 72. Die Chronik ist unveröffentlicht. Eine Kopie befindet sich im
Besitz des Verf.
37
Darmstadt erschienen ohne Kokarde u. Achselklappen, die ihnen
halbwüchsige Jungen abgeschnitten hatten. Eine Versammlung in der
Gastwirtschaft Noll zwecks Wahl eines Soldaten- und Arbeiterrates war nur
sehr schwach besucht u. verlief in ulkigster Weise wie das Hornberger
Schießen. Die Anwesenden wählten zwar einen Arbeiter- und Bauerrat, von
dessen Existenz man aber nicht weiter gemerkt hat.42 Die Räte wurden auch
im Rheingau in Versammlungen durch Zuruf oder Abstimmung, meist in
offener Wahl gewählt, oder die SPD benannte die Mitglieder, in ländlichen
Gebieten wurden auch Bauern und Bürgerliche gewählt, schreibt Heinrich
August Winkler. Zu ihrer Zusammensetzung heißt es: Die Mehrheit der
örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte neigte der SPD zu, und zwar in Hessen
und im Rheinland eindeutig der Mehrheitssozialdemokratie. In Geisenheim
überwog in dem Rat mit zwei Dritteln industrieller und landwirtschaftlicher
Arbeiter durchaus das proletarische Element. Der Wiesbadener und die
Rheingauer Räte waren politisch eher gemäßigt und strebten keine
Umgestaltung Deutschlands nach dem Vorbild der sowjetischen
Rätebewegung an. Sie betrachteten sich als reine Übergangsorgane, die die
Verwaltungen so lange kontrollieren mussten, bis es aus Wahlen
demokratisch legitimierte, aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene
Volksvertretungen gab.43 Ihnen ging es in erster Linie um die praktische
Gestaltung des schwierigen Nachkriegsalltags im Sinne der arbeitenden
Bevölkerung.
So
kontrollierten
die
Räte
zum
Beispiel
die
Lebensmittelverteilung an die Bevölkerung. Norbert Brühl beschreibt die
Aktivitäten des Arbeiterrates in Niederwalluf: Die Mitglieder des
Arbeiterrates erschienen am 11. November morgens 9 Uhr auf dem Rathaus
(...) und erklärten dem Bürgermeister Jansen (...), dass die Verwaltung der
Gemeinde von jetzt an durch sie geschehe, und dass er nur ihre Anweisungen
zu befolgen habe. Ihr Hauptaugenmerk richteten sie auf die Verteilung der
noch vorhandenen Lebensmittel. Auch die aus- und eingehende Post wurde
von ihnen in abendlichen Sitzungen erledigt. Nach reichlich acht Tagen Die
Franzosen erkannten überhaupt keine „Räte“ mehr an und fegten sie im
Besatzungsgebiete alle weg.44 Die Besatzungsmacht wollte auf keinen Fall
mit revolutionären Forderungen konfrontiert werden oder sich mit einem
unbekannten Machtfaktor auseinander setzen, weshalb sie die Räte auch
rasch auflöste. Der französische Kommandant des Rheingaus, Graf Percin, war
geradezu vor einer irrationalen Bolschewistenfurcht besessen. Allerdings gingen
aus diesen Arbeiter- und Bürgerräten oft die 1918/19 gegründeten
sozialdemokratischen Ortsvereine hervor – so zum Beispiel in Geisenheim
und Kiedrich. In Lorch entstand aus dem Arbeiter- und Bauernrat in harter
Konkurrenz zu der Zentrumspartei ein demokratischer Bürgerverein. Die
42
wie Anm. 5.
Heinrich August WINKLER: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der
Weimarer Republik 1918-1924. Bonn. 2. Auflage 1985, S. 65.
44
wie Anm. 5.
43
Mitglieder des Arbeiter- und Bürgerrates in Geisenheim verweigerten aus ihrer
durch die verheerenden Erfahrungen des Krieges heraus gespeisten
pazifistischen Haltung heraus die Teilnahme an dem Gottesdienst für die
heimkehrenden Soldaten, was zu einem Eklat mit dem dortigen Pfarrer führte.
An der Jahreswende 1918/19 entstanden auch die anderen politischen
Parteien der Weimarer Republik, die die verschiedenen politischen
Strömungen bzw. Parteien der Vorkriegszeit wieder aufnahmen und
weiterführten. Das Zentrum konnte dabei im Rheingau an seine
dominierende Stellung aus der Vorkriegszeit ohne weiteres anknüpfen.
1919 konnte auch die Sozialdemokratie im Rheingau bei den Wahlen einige
Erfolge erzielen.45 Die „Christliche Volkspartei“, eine Absplitterung des
Zentrums, die für einen unabhängigen Rheinstaat eintrat, und die separatistische
„Rheinische Volksvereinigung“, gegründet am 22. Januar 1920 in Boppard,
spielten in unserer Region zu keiner Zeit eine Rolle. Im Gegenteil: Bei einer
Versammlung am 10. März in Amöneburg stieß die „Rheinische
Volksvereinigung“ auf den heftigen Widerstand der dortigen Arbeiterschaft.
Schon Mitte November 1918 gab es Pläne, eine Verfassungsgebende
Nationalversammlung nach Frankfurt (sic!) einzuberufen. Generell erlaubte
die französische Besatzungsmacht die Teilnahme der Bevölkerung des von
ihr besetzten Rheinlandes an der Wahl zur Nationalversammlung, verbot
aber gleichzeitig die Abhaltung von Wahlveranstaltungen in Gemeinden
ohne französische Besatzung, die zuvor auch noch beantragt und genehmigt
werden mussten. Die Wahlreden mussten der Besatzungsbehörde vorgelegt
werden, die sich das Recht vorbehielt, Wahlversammlungen auch
aufzulösen, wenn Äußerungen gegen sie gemacht wurden. Wahlredner aus
dem unbesetzten Deutschen Reich konnten nur mit einem Pass in das
Besatzungsgebiet einreisen. Auch zur Verfassungsgebenden Preußischen
Landesversammlung wurden Wahlen erlaubt.
Tabelle 1: Ergebnisse der Wahl zur Verfassungsgebenden
Nationalversammlung am 19.1.1919 im Rheingau.46
Die Gemeindeparlamente, die noch nach dem undemokratischen preußischen
Dreiklassenwahlrecht zu Stande gekommen waren, sollten durch wirklich
demokratisch legitimierte Gremien abgelöst werden. Ende Januar 1919
wurden die bisherigen Gemeindevertretungen aufgelöst. Eine Neuwahl sollte
am 2. März erfolgen. Diese wurde dann aber von der französischen
Militärbehörde untersagt und auf den 26. November 1919 vertagt. In
Geisenheim traten zu dieser Wahl eine Liste Erhard, die der Deutschen
Volkspartei (DVP) nahe stand und die städtischen Honoratioren repräsentierte,
eine sozialdemokratische Liste Scholl, eine Zentrumsliste Kranz und eine
45
Vgl. Walter HELL: Parteien und Wählervereinigungen im Rheingau zur Zeit der Weimarer Republik. In:
DERSELBE: Vom Mainzer Rad zum Hessischen Löwen. Erfurt 2008, S. 116-122.
46
Vgl. LA Nr. 8 vom 21.1.1919.
linksliberale Liste Badior (Deutsche Demokratische Partei), die die Kleinbürger
vertrat, an. Das Zentrum erreichte einen Sitz (8) mehr als die
Mehrheitssozialdemokraten (7). Ernestine Spitz wurde auf der SPD-Liste als
erste Frau im Rheingau in ein Kommunalparlament gewählt. DVP und DDP
erlangten ein bzw. zwei Mandate. Mehrheiten erzielte die MSPD nur in
Eibingen, Aulhausen, Niederwalluf und Johannisberg. Die Wahlbeteiligung lag
in den einzelnen Orten zwischen 65 und 70%. Die französische Militärbehörde
in Rüdesheim musste im Januar die Rheingauer Pfarrer scharf zurechtweisen, da
sie massiv zu Gunsten des Zentrums in die Wahlkämpfe eingriffen.47
In Köln war am 4. Dezember 1918 in zwei Parallelveranstaltungen des Zentrums
die Gründung einer Rheinisch - Westfälischen Republik beschlossen worden
und zwei Tage später machte die katholische „Kölner Volkszeitung“ einen
Vorschlag zur Gliederung Deutschlands in vier Republiken.48 Der erste
Versuch zur Errichtung einer Rheinischen Republik von Frankreichs
Gnaden fand im Frühjahr 1919 mit dem Höhepunkt am 30.Mai/1.Juni
statt. Am 1. Juni riefen Separatisten in Wiesbaden die Rheinische Republik
aus. Präsident dieser Republik sollte der Jurist und Separatistenführer
Hans Adam Dorten (1880-1963) werden. Drei Tage später versuchten
Anhänger Dortens das Wiesbadener Regierungspräsidium zu besetzen. Sie
stießen dabei auf den erbitterten Widerstand des stellvertretenden
Regierungspräsidenten Springorum (1862-1927) und reichstreuer Beamter.
Tatsächlich gelang es den Separatisten unter dem Schutz französischer Soldaten
einige Amtsräume zu requirieren. Dabei kam es zu einem Handgemenge und
Schlägereien. Daraufhin erschien der oberste Beamte der französischen
Besatzungsbehörde, Oberst Pineau, und erklärte die Neutralität der
Besatzungsmacht in diesem Konflikt. Er stand der Errichtung eines
Separatstaates in Westdeutschland ablehnend gegenüber. Der Aufstand war
damit, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte, schon
zusammengebrochen.49 Die Gründung einer Rheinischen Republik fand
jedoch auch im katholischen Rheingau durchaus Resonanz. In Johannisberg
wurden Flugblätter, mit denen für eine solche Republik geworben wurde,
verteilt. Ein entsprechender Anschlag am Rathaus wird eifrig gelesen und
lebhaft erörtert. Endlich los von Preußen, heißt es in der Pfarrchronik.50 Die
katholischen Pfarrer von Erbach, Neudorf (Martinsthal) und Oberwalluf
vermeldeten auch eine gewisse Zustimmung der Bevölkerung zu diesem
Vorhaben. Der aus Eltville stammende Bischof von Limburg, Augustinus Kilian
47
Zu der Analyse dieser Wahlen vgl.: Walter HELL: Wahlen und Abstimmungen zur Zeit der Weimarer
Republik im Rheingau. In: Nassauische Annalen. Bd. 120 (2009), S. 519-522. Lorchhausen, Lorch, Ransel und
Wollmerschied sind in der Tabelle nicht aufgeführt, da sie zu dieser Zeit nicht im besetzten Rheingau, sondern in
der neutralen Zone zwischen dem Bodental und der Loreley lagen.
48
Vgl. Kölnische Volkszeitung Nr. 961 vom 6.12.1918. Die Gründung einer solchen Republik war nach dem
Blatt angeblich als Abwehrmaßnahme gegen eine französische Annektion des Rheinlandes gedacht.
49
Christoph ZEHLER: Dr. Dortens misslungene Staatsgründung. In: Jahrbuch 2012. Rheingau-Taunus-Kreis, S.
38-40.
50
Chronik der Pfarrgemeinde Johannisberg, S. 44. Die Chronik ist unveröffentlicht und befindet sich im Besitz
der Pfarrgemeinde
(1856-1930), stimmte der Errichtung eines autonomen Rheinstaates im Februar
1919 zu. Eine Haltung, die er am 6. Juni 1919 in einem Brief an den Landrat des
Unterlahnkreises jedoch modifizierte: Er sprach sich darin gegen die Gründung
einer Republik Großhessen und einen Anschluss des einstmals nassauischen
Gebietes an die geplante Rheinisch-Westfälische Republik aus.51 In Eltville
beschloss am 23. Juni 1919 eine Versammlung der Zentrumsvertrauensmänner
des Wahlkreises Rheingau - Wiesbaden - Lahnstein unter ihrem Vorsitzenden,
dem aus Erbach stammenden Geistlichen Wilhelm Schilo (1848-1920), der auch
Vorstandsmitglied im Rheingauer Weinbauverband war, in der Gegend durch
die Geistlichen Stimmen für die Rheinische Republik zu sammeln.52 Dies
gelang in 50 Gemeinden des Wahlkreises. Auf dieser Versammlung ergriff auch
Hans Adam Dorten das Wort. In Geisenheim konnte ein großer Teil der
Katholiken für die Errichtung einer Rheinischen Republik im Verbund des
Deutschen Reiches gewonnen werden, wie Pfarrer Eduard Stähler (1875-1934)
am 9. Juli 1919 festhielt.53 In Lorchhausen gab es ebenfalls Sympathien für den
Rheinstaatsgedanken, auch wenn Pfarrer Gramig von Lorchhausen (Amtszeit
1910-1930) 1923 die Separatisten als gedungene Knechte und hergelaufenes
Gesindel beschimpfte.54 Der Rheinstaatsgedanke fand insbesondere unter den
Rheingauer Winzern, aber auch im Bürgertum Anklang. Der französische
Kreisverwalter Armand55, Nachfolger des Grafen Percin in Rüdesheim, setzte
sich ebenfalls vehement für einen Rheinstaat ein. Die „Rheinische
Korrespondenz“, die sich ebenfalls für eine Rheinische Republik engagierte,
bezogen im Rheingau Pfarrer Jung in Mittelheim, Josef Ehret in Rüdesheim und
die Weinhandlung Wittmann in Assmannshausen.56 Eher zurückhaltend
äußerten sich in der Frage eines unabhängigen Rheinstaates die
Rheingauer Zeitungen. Der in Rüdesheim erscheinende „Rheingauer Bote“
meinte zu dem Separatistenputsch am 1. Juni 1919: Die Tragweite dieser
Vorgänge ist zur Zeit noch nicht zu überschauen (...). Niemand weiß so recht,
wer alles hinter dieser Bewegung steht, welchen Rückgrat sie hat. Selbst wer
die Idee billigt und von ihr Gutes erhofft, kann mit der Art, wie sie jetzt
durchgeführt werden soll, nicht einverstanden sein.57 Die „Eltviller Zeitung“
51
Vgl. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abteilung 405, Nr. 5675.
Vgl. Martin SCHLEMMER: „Los von Berlin“. Die Rheinstaatsbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg. Köln
2007, S. 128-129, 244 und 259 (dort das Zitat). Zu den separatistischen Bestrebungen vgl. auch: Herbert
MÜLLER-WERTH: Die Separatistenputsche in Nassau. In: Nassauische Annalen. Bd. 79 (1968), S. 245-328. Alle
bisherigen Ausführungen zum Separatismus im Rheingau fußen auf GORRENZ (wie Anm. 38) und der von
Rektor BERTRAM in den „Rheingauer Heimatblättern“ Nr. 15 gegebenen Darstellung, behandeln jedoch
vorwiegend die Ereignisse im Jahr 1923.
53
Vgl. Erwin BISCHOF: Rheinischer Separatismus 1918-1924. Berlin 1969, S. 93.
54
Kirchenchronik von Lorchhausen (wie Anm. 13), .307.
55
Zu Armand vgl.: GORRENZ (wie Anm. 38), S. 115. Über ihn heißt es dort: (...), er hatte alle Fäden in der Hand
und ließ die Puppen tanzen, wie er wollte. Gorrenz schreibt weiter: Er war der Schrecken des Rheingaus, weil er
dort die separatistischen Bestrebungen aktiv beförderte. Er habe eine unabhängige Republik im Kleinen im
Rheingau einrichten wollen. Armand war, bevor er sein Amt im Rheingau antrat, Adjutant des Marquis de
Lillers gewesen. De Lillers war zunächst französischer Verbindungsoffizier zum englischen Oberkommando in
Koblenz, bevor er 1923 zum französischen Oberdelegierten in Wiesbaden ernannt wurde.
56
Vgl. SCHLEMMER (wie Anm. 52), S. 194.
57
Rheingauer Bote Nr. 65 vom 4.6.1919.
52
schrieb: Ob sich die Bevölkerung mit den Plänen der Verkünder dieser
Rheinischen Republik einverstanden erklärt, lässt sich vorerst nicht feststellen
(...).58 Die „Geisenheimer Zeitung“ berichtete: Mit großer Verwunderung
haben wohl sämtliche Einwohner des Rheingaus am letzten Sonntagmorgen
die allenthalben angeschlagenen Plakate gelesen, die die Errichtung einer
Rheinischen Republik ankündigen.59 Nur der zentrumsnahe „Rheingauer
Bürgerfreund“
druckte
eine
ausführliche
Stellungnahme
des
60
separatistenfreundlichen „Mainzer Neuesten Anzeiger“ ab. Einzelne
Mitglieder der Zentrumspartei unterstützten zwar dieses Unternehmen, der
Vorstand der Zentrumspartei sei aber von der Ausrufung der Rheinischen
Republik überrascht worden, war aus der „Eltviller Zeitung“ zu erfahren.
Der Pfarrer von Frauenstein, der später in Assmannshausen amtierte,
sandte dagegen eine Solidaritätsadresse an Dorten. Der Pfarrer war noch
1922 überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit des rheinischen Volkes, wie
1919 so auch heute noch für die Errichtung eines Rheinstaates eintreten wird,
sobald ihr Gelegenheit geboten wird (…).61 Dies darf aber dann doch
bezweifelt werden.
Im „Wiesbadener Tageblatt“ hatte der Vorsitzende der „Deutschen
Demokratischen Partei“ in Wiesbaden, Justizrat Alberti (1855-1929), bereits im
Januar die Standpunkte einzelner Parteiein zu den separatistischen
Bestrebungen deutlich gemacht: Tatsächlich aber hat sich die Demokratische
Partei in Rheinland und Westfalen bereits mit aller Entschiedenheit gegen die
Trennung von Preußen verwahrt. Daß auch die Sozialdemokraten einen
Rückfall in die Kleinstaaterei nicht mitmachen werden, kann wohl ebenfalls
erwartet werden. So bleibt lediglich die Zentrumspartei, welche als Trägerin
des Trennungsgedankens erscheint ( ).62 Auch die junge Kommunistische
Partei sprach sich gegen den Separatismus aus. Die Zentrumspartei Wiesbadens
und des Rheingaus vertrat unter dem Einfluss des Zentrumspolitikers und
Chefredakteurs der „Rheinischen Volkszeitung“, in der auch die in Oestrich von
der Witwe Etienne seit 1883 herausgegebene „Rheingauer Volkszeitung“ 1901
aufgegangen war, Dr. Franz Geueke (1887-1942), deutlich eine
preußenfeindliche Position.
Die antipreußische Stimmung unter der katholischen Rheingauer
Bevölkerung kann auf den rabiaten preußischen Militarismus, die
rücksichtslose preußische Zivilverwaltung in den katholischen Gegenden,
die Eingriffe in die Eigentumsrechte der Bürger während des Krieges und
die bestehende Anarchie im Deutschen Reich nach dem verlorenen Krieg
zurückgeführt werden. Sicher hallten in der preußenfeindlichen Haltung
der Rheingauer Bevölkerung auch noch Ressentiments aus dem
58
Eltviller Zeitung vom 4.6.1919.
Geisenheimer Zeitung vom 3.6.1919.
60
Rheingauer Bürgerfreund. (im Folgenden zitiert als RBf) Nr. 64 vom 3.6.1919.
61
Dokument 20 in: SCHLEMMER (wie Anm. 52), S. 771.
62
Wiesbadener Tagblatt Nr. 41 vom 30.1.1919.
59
Kulturkampf nach. Bei der Errichtung einer Rheinischen Republik dachten
deren Befürworter mehrheitlich keineswegs an eine Herauslösung dieses
(Teil)Staates aus dem Verband des Deutschen Reiches, wie dies eine Erklärung
der Geisenheimer Zentrumspartei verdeutlicht.63 Die katholische, dem Zentrum
nahestehende „Rheinische Volkszeitung“, die auch im Rheingau viel gelesen
wurde, hatte schon am 28. Januar die Richtung vorgegeben: Wir wollen
selbstverständlich nicht die Loslösung vom Deutschen Reich, sondern von
Preußen (...).64 Ein Zeitzeuge aus Bingen schreibt in seinen Erinnerungen: Der
rheinische Separatismus war keine homogene Bewegung. Es gab mehrere
Flügel, von denen die Rheinische Republikanische Volkspartei die völlige
Lostretung der Rheinlande vom deutschen Reich verfocht. Eine andere
Gruppierung, die sog. Rheinische Volksvereinigung, wollte eine Art
Autonomie der Rheinlande im Reichsverband durchsetzen. Eine dritte Gruppe
schließlich, der auch einige katholische Geistliche und der eine oder andere
Politiker nahe standen, bezeichnete sich als Christliche Volkspartei. Diese
Gruppe soll vor allem auf dem flachen Land und in den kleineren
überwiegend katholischen Städten eine gewisse Resonanz gefunden haben.65
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurden
die Separatisten von diesen unerbittlich verfolgt. Franz Geuecke wurde zum
Beispiel verhaftet und 1942 in Buchenwald ermordet. Der Rheingauer
Separatistenführer Pleines musste nach Frankreich emigrieren. Im Oestrich
wurden im Juli 1933 vier Separatisten von SA-Männern in so genannte
Schutzhaft genommen. Der dortige Zentrumsbürgermeister Becker (Amtszeit
1910-1933) musste sich gegen den Vorwurf des Separatismus wehren.
Eine besondere Rolle spielte in der Nachkriegszeit im Rheingau das Schloss
Johannisberg, das nicht wie der übrige Rheingau zu Preußen gehörte, sondern
eine österreichische Exklave bildete. Der „Geisenheimer Lokalanzeiger“
schreibt dazu: Bei dem Wandel der Dinge glaubt man jetzt allgemein, dass der
Johannisberg mit Umgebung (25 ha) dem deutschen Rheingaukreis angegliedert
werden soll. Schon am 28. November hatten radikale Kräfte auf dem Schloss die
rote Fahne gehisst, um anzuzeigen, dass der Johannisberg in dem neuen Staat in
Volkseigentum zu überführen sei. Der stockkonservative Pfarrer von
Johanniberg mutmaßte, dass die Fürstlich Metternich´sche Domäne Schloß
Johannisberg in Gedanken von den Radikalen schon aufgeteilt wurde.66 Dabei
offenbarte die auf dem Schloss wohnende Fürstin Metternich, obwohl sie
gegenüber den Franzosen ihre tschecho - slowakische Abstammung betonte, dass
sie sehr gut deutsch geblieben war (...).67
63
SCHLEMMER (wie Anm. 52), S. 131.
Rheinische Volkszeitung Nr. 24 vom 28. 1.1919.
65
Thilo RUPPEL/STRIETH : Mein Schulweg führt durch den Burggraben. Bingen 2000, S. 56.
66
Chronik der Pfarrgemeinde Johannisberg, S. 40.
67
MORDACQ (wie Anm. 9), S. 151.
64
4. Die französische Besatzung
Am 27. November 1918 hatte der französische Oberkommandierende, General
Fayolle (1852-1928), seinen Truppen den Befehl erteilt in Richtung auf den
Rhein vorzurücken. Am 8. Dezember erreichte ein französisches
Vorauskommando bestehend aus zwölf Offizieren mit Mannschaften Mainz.
Am nächsten Tag folgten 1.000 Mann des französischen Infanterieregiments
154 und des 10. Jägerregiments. Die Rheinbrücken, so auch die
Hindenburgbrücke bei Rüdesheim, wurden sofort gesperrt. Ein schwerer Schlag
für das einheimische Wirtschaftsleben. Am 13. marschierten französische
Truppen bei Mainz über der Rhein, um dort ihren rechtrheinischen Brückenkopf
zu installieren. Wiesbaden wurde besetzt. Dabei wurden die
Besatzungstruppen zunächst mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen, da
sie der Nachkriegsanarchie ein Ende setzten. Andererseits herrschte aber auch
die Trauer über den Niedergang Deutschlands vor. Die Jüdin Mathilde Mayer
beschreibt ihre Gefühle beim Einmarsch der Franzosen in Bingen: Es war mir
schrecklich und die Tränen liefen mir die Backen hinunter. Wir waren damals
noch gute Deutsche.68
In der Kreisstadt Rüdesheim richtete die französische Besatzungsmacht am
18. Dezember eine Kreiskommandantur mit drei Offizieren und 150 Soldaten,
die in diversen Hotels, der städtischen Turnhalle und im Gesellenhaus
untergebracht wurden, ein. In Eltville wurden vom Dezember 1918 bis zum Juni
1919 an die 3.000 Mann französische Truppen stationiert. Die
Ortskommandantur wurde im Elzer Hof eingerichtet. Zum letzten Säbelrasseln
kam es in Eltville anlässlich der Unterzeichnung des Versailler Vertrages: Im
Juni rückte nämlich ein schweres Artillerieregiment mit Motorgeschützen in die
Stadt ein. In Neudorf waren zeitweise 600-700 französische Dragoner mit 70-80
Pferden stationiert.69 In Hattenheim durchquerten erste Besatzungstruppen am
13. Dezember das Dorf, am 27. wurden dort bis zum 12. Januar des folgenden
Jahres zwei Kompanien mit etwa 300 Mann einquartiert.70 Am 28. Dezember
wurden kurzzeitig in Stephanshausen französische Dragoner stationiert, von
denen die meisten Anfang Januar 1919 nach Presberg verlegt wurden. Im
August kamen erneut französische Truppen nach Stephanshausen, darunter 8090 Algerier, die dort in den Gastwirtschaften und in der Schule untergebracht
wurden.71 Auf dem Forsthaus „Weißer Turm“ bei Presberg wurden im
Dezember 1919 vier französische Kavalleristen stationiert, die auch nach dem
Ort zu patrouillierten. Noch war es für die Presberger Bevölkerung einfach nach
Lorch in die neutrale Zone zu gelangen. Dann wurden jedoch zwei französische
Grenzposten eingerichtet, die den Warenverkehr überwachen sollten. Diese
68
wie Anm. 7, S. 96.
Vgl. KUNKEL (wie Anm.17).
70
wie Anm. 5.
71
Vgl. 750 Jahre Stephanshausen. 250 Jahre „St. Michael“. Redaktion: Heinz – Dieter MOLITOR. Wiesbaden
1999, S. 80.
69
Posten waren aber leicht mit Zigaretten zu bestechen. Es ist eine verkehrte Welt,
die Welt in und um Presberg herum, schrieb der Lehrer. Presberg war jetzt
Grenzort geworden. Im allgemeinen kann man aber sagen, dass die
französischen Soldaten gegenüber der Bevölkerung sehr anständig waren, ist
in der Presberger Schulchronik zu lesen.72 Dennoch kam es bei einem
Tanzvergnügen zwischen Besatzungssoldaten und der männlichen Jugend des
Ortes zu einer Schlägerei, die mit schweren Verletzungen von zwei Franzosen
endete.
Farbige
Besatzungssoldaten
wirkten
bei
der
tätlichen
Auseinandersetzung mäßigend. Nachdem die umliegenden Rheingaugemeinden
schon einige Wochen zuvor Besatzungstruppen aufnehmen mussten, erhielt
auch Geisenheim am 4. Februar 1919 eine Einquartierung von 200 Mann
französischer Truppen. Diese zogen aber nach 14 Tagen wieder ab. Später kam
es erneut zu einer Stationierung von Truppen in der Stadt. Im Spätsommer des
Jahres war dort kein französischer Soldat mehr zu sehen. In Johannisberg waren
ab dem 7. März 140 französische Soldaten mit Pferden stationiert.
Bürgermeister Brasser von Aulhausen klagte: Der Ort ist ganz von Franzosen
belegt.73 Presberg wurde ab dem 15. des Monats zuerst mit französischer
Infanterie, dann mit Dragonern und anschließend mit einer halben Kompanie
marokkanischer Kolonialsoldaten bis zum 16. September des Jahres belegt. Die
Soldaten wurden dort in der Schule und in der Wohnung der Lehrerin
untergebracht. In Espenschied wurden am 19. Februar 21 französische Soldaten
stationiert, zu denen sich am 8. April noch 22 Algerier mit etwa 30 Pferden
gesellten.
Die Besatzungskosten waren horrend. Leider liegen uns dazu für den
Rheingau keine näheren Angaben vor. Der Landkreis Wiesbaden hatte jedenfalls
1926 noch die immense Summe von 667.772 RM, 313.876 für die französische
und 353.892 für die britische Besatzung aufzubringen.74
Die Schulen trafen die Kriegsfolgen überhaupt sehr hart. Nicht nur, dass
Lehrer im Krieg gefallen oder verwundet worden waren und deshalb
manche Unterrichtstunde ausfallen musste, auch die Einquartierung von
Soldaten erschwerte den Unterrichtsbetrieb. In einem Teil der Volksschule
Rüdesheim waren zuerst im November 1918 zurückströmende deutsche Truppen
untergebracht, anschließend französische und vom August bis zum November
1920 belgische Besatzungstruppen. Die Volksschule Geisenheim beherbergte
Ende 1918 deutsche und vom Februar bis zum September 1919 französische
Truppen. Die Volksschule Hallgarten war schon am 18. Oktober geschlossen
worden, da unter den Schülern eine Grippeepidemie grassierte und das
Gebäude auch nicht mehr beheizt werden konnte. Der am 18. November wieder
beginnende Unterricht musste vom 5. bis zum 9. Dezember wieder eingestellt
werden, da deutsche Truppen in der Schule untergebracht werden mussten. Im
Nachbarort Hattenheim wurde die Räume der dortigen Volksschule vom 23.
72
wie Anm. 41, S. 79. Das Zitat S. 96.
Zitiert nach: Chronik von Aulhausen (wie Anm. 39), S. 31.
74
Vgl. Der ehemalige Landkreis Wiesbaden. Hrg. von Albert HENCHE. Wiesbaden 1930, S. 284.
73
November 1918 bis zum 12. Januar 1919 abwechselnd von deutschen und
französischen Truppen beansprucht.75 Dass der Unterricht ausfiel, wurde von
den Schülern zunächst mit Freude aufgenommen. Selbst Ende 1923 waren noch
531 Schulräume in der französischen Besatzungszone beschlagnahmt. Diese
Maßnahme betraf 18.000 Schüler. In Lorch konnten die Schüler, die die höheren
Schulen in Geisenheim und Rüdesheim besuchten, diese nicht erreichen, da in
dem Städtchen, das in dem freien Teil Preußens lag, keine Züge hielten.
In Wiesbaden waren im Juni 1920 etwa 2.500 Mann französisches Militär in
Kasernen untergebracht, davon ein Schützenbataillion Marokkaner. Dazu kamen
noch Offiziere, Zivilbeamte, Heeres- und Familienangehörige. Insgesamt
stationierte die französische Besatzungsmacht zwischen 120.000 und
155.000 Soldaten in 220 Orten ihres Besatzungsgebietes, darunter etwa
20.000 Farbige. Diese lösten bei der deutschen Bevölkerung geradezu einen
von den französischen Befehlshabern durchaus gewollten Schock aus, da
die ländliche Bevölkerung solche Menschen zuvor noch nie gesehen hatte.76
Über sie schreibt der Presberger Lehrer verständnisvoll: Am anständigsten
waren wohl die marokkanischen Soldaten, die Araber. Es war eine scharf
disziplinierte Truppe. Gutmütige Menschen waren es, diese schwarzen
Mohammedaner, alle von der einen Sehnsucht geplagt, bald wieder ihr sonniges
Afrika zu sehen. Auch sie lieben die Freiheit und haben so schwer unter der
französischen Knute zu tragen.77 In der Tat wurden die Kolonialtruppen von
ihren französischen Offizieren mit drakonischen Strafen bei der geringsten
Unbotmäßigkeit belegt. Die französischen Offiziere hätten vor ihren schwarzen
Soldaten als betes sauvages (wilde Bestien) gewarnt, bemerkt Herber. Die Kerle
sind ganz toll auf weiße Frauen, fährt er fort. Es sei auch zu Diebstählen,
Überfällen und Vergewaltigen im Raum Bad Schwalbach gekommen. 78 Fraglich
bleibt aber, ob diese insgesamt den farbigen oder überhaupt den
Besatzungstruppen anzulasten sind. Im Rheingau wurden die farbigen
Besatzungssoldaten, meist Nordafrikaner, „Utscheböbbes“ oder „Hawwera“,
in Wiesbaden und Mainz auch „Kultebbiddel“79 genannt. Im Dezember 1920
75
Vgl. wie Anm. 5.
General MORDACQ rühmte sich in seinen Memoiren (wie Anm.9), S. 25, dazu beigetragen zu haben, dass
schwarze Soldaten aus dem Senegal in Mainz stationiert wurden.
77
wie Anm. 41, S. 97.
78
Herber- Chronik, S. 252.
79
Die Herkunft und Bedeutung des Begriffes ist umstritten. Bei Carl Zuckmayer wird er in seinem Stück „Der
fröhliche Weinberg“ für die aus Verbindungen zwischen farbigen Soldaten und deutschen Frauen
hervorgegangene Bastardkinder gebraucht. Karl SCHRAMM teilt in seinem Mainzer Wörterbuch. Mainz. 5.
Auflage 1978, S. 262, mit, der Ausdruck sei in seiner Jugend synonym für „Bettpisser“ - so auch Herber in
seiner Chronik - verwendet worden. Schramm zitiert auch den Stadtamtmann Diel, der behauptet, der Ausdruck
sei eine Verballhornung der Namen der nordafrikanischen Garnisionsstädte Oudjidda und Sidi bel Abbes.
„Kultebiddel“ waren nach SCHRAMM, S. 152, die Angehörigen der französischen farbigen Reitertruppen (Spahi),
die kultartige weiße Mäntel zu ihrer Uniform trugen. „Hawwera“ lässt sich möglicherweise aus dem jiddischen
„Chawer“ = „Genosse“, „Kamerad“, „Gefährte“ ableiten. Es könnte über das Rotwelsch, wo es auch „Komplize“
und „Bandenmitglied“ bedeutet, in die deutsche Sprache gelangt sein.
76
waren noch sechs marokkanische Soldaten im Rheingau stationiert.80 Sie galten
den rechtsgerichteten deutschen Politikern und Militärs als die „schwarze
Schmach“. Der Presberger Lehrer argwöhnte in rassistischer Manier, dass deren
Blut in dem Dorf hängen bleiben könnte. Der Chronist Herber bemerkte: Die
holde Weiblichkeit , nicht blos Unverheiratete, verlor ihre Herzen an hübsche
Franzosen und man erfand für diesen Verkehr das prägnante Wort Chocolate –
Promenade (...).81 Im Kreis St. Goarshausen wurden 1930 32 uneheliche Kinder
gezählt, die aus Verbindungen mit Besatzungssoldaten entstammten und die
verächtlich „Rheinlandbastarde“ genannt wurden.82 Der Oestricher Historiker
Dr. Hanns Bibo, später in der NSDAP-Kreisleitung für die Volkstumspflege
zuständig, schrieb in der 1924 vollendeten „Ortsgeschichte des Fleckens
Oestrich im Rheingau“: Pfui, dass es deutsche Männer geben konnte, die mit
diesen Rassenschändern paktierten.83 Gemeint waren damit die
demokratischen Politiker der Weimarer Republik, die gezwungen waren,
den Versailler Vertrag zu unterschreiben. Der Zeitzeuge Herber sah in den
marokkanischen Truppen geradezu Wilde, während er den Franzosen eine gute
Manneszucht bescheinigte . Die Mannschaften waren meist anständig und
benahmen sich in den Häusern ruhig und gesittet, schreibt er.84 Aber auch diese
wurden von der Bevölkerung gemieden, wie sich der Zorner Bürger Albert
Kramer erinnerte.85
Abbildung 4: Französische Besatzungstruppen an der Fasseiche in
Winkel.(Foto Karlheinz Christ).
Den Einmarsch der französischen Truppen erlebten junge Rheingauer so:
Eingeschüchtert und beschämt standen wir halbverdeckt unweit der
Einmündung des Brückenweges (der Hindenburgbrücke, W.H.) in die
Straße nach Geisenheim und erlebten dieses uns junge Deutsche bedrückende
Geschehen (...). Wir hatten den Glanz des Kaiserreiches gesehen und jetzt
sollten wir seinen Untergang erleben. Eine Welt ist in uns
zusammengebrochen86 Der preußische Landrat in Rüdesheim rief die
Bevölkerung dazu auf, die Besatzungstruppen nicht zu provozieren und deren
Vorschriften zu beachten. Ein ähnlicher Aufruf erging an die Schüler der
Realprogymnasiums in Geisenheim. In der Kreisstadt bestimmte der
Bürgermeister, dass alle Fahnen, Kränze und Sonstiges, was für die Feier der
Zu den farbigen französischen Besatzungssoldaten im Rheingau vgl.: Horst DICKEL: „Utscheböbbes“,
„Hawerra“ und „Kultebüttel“ oder Wie der Rheingau einmal richtig schwarz war. In: Wiesbaden. Hinterhof und
Kurkonzert. Hrsg. von Gerhard HONEKAMP. Melsungen 1996, S. 70-71.
81
Herber - Chronik, S. 258.
82
Vgl. RBf Nr. 56 vom 10.5.1930.
83
Die Ortsgeschichte von Oestrich aus der Feder von Alfred HERBER mit Nachträgen von Hanns BIBO wird im
Stadtarchiv Oestrich - Winkel aufbewahrt.
84
Herber- Chronik, S. 251-252.
85
Vgl. Christoph CUNTZ: Kein schöner Land als Flaschenhals. Wiesbadener Kurier vom 19.10.1992.
86
Heinrich DRIES: Der November 1918. In: Rheingauer Heimatbrief, Folge 109/1979; S.8.
80
zurückkehrenden deutschen Truppen bestimmt war, zu entfernen sei, bevor die
Franzosen in die Stadt einmarschierten.87
In einem Aufruf im Dezember 1918 hieß es: Die alliierte Militärbehörde
übernimmt den Oberbefehl im Land.88 Der französische Militärkommandant in
Rüdesheim verhängte sofort Ausgangssperren für die Rheingauer Bevölkerung.
Ab 20 Uhr war der Verkehr auf den Straßen verboten. Mitte Januar 1919 wurde
diese Zeit auf 22.30 Uhr erweitert. Nur über die Weihnachtsfeiertage 1918
wurden die Sperrstunden etwas zurückgenommen. Es kam zu Requisitionen der
Besatzungsmacht, die französische Uhrzeit wurde eingeführt. Alle Waffen,
auch Jagdgewehre, waren innerhalb von zwei Tagen abzugeben. Waffenfähige
Männer zwischen 17 und 50 Jahren durften das Kreisgebiet nicht verlassen,
wenn sie nicht wie Kriegsgefangene behandelt und nach Frankreich deportiert
werden wollten. Der Eisenbahnverkehr auf der rechtsrheinischen Strecke
wurde bis Anfang Januar 1919 unterbunden, dann konnten täglich wieder sechs
Züge zwischen Oberlahnstein und Wiesbaden verkehren. Einschränkungen
waren auf der Schiene noch bis Anfang 1920 zu beobachten. Briefe wurden
zunächst nicht mehr in und aus der besetzten Zone befördert. Selbst im Februar
1919 gab es noch Beschränkungen im Brief-, Telefon- und
Telegrafenverkehr zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiet.
Verschickt werden durften nur zuvor zensierte Geschäftsbriefe und später auch
nur Postkarten mit rein persönlichem Inhalt. Zahlungsverkehr per Postscheck
war nur bis zu einem Betrag von 50 RM zulässig. Die Nassauische Landesbank
wurde von der Besatzungsbehörde mit 20.000 RM bestraft, da sie eingelöste
Coupons im Wert von 3.000.000 RM ins unbesetzte Frankfurt verbracht hatte.
Der Fährverkehr zwischen Rüdesheim und Bingen konnte erst am 20. Januar
wieder aufgenommen werden. Die Bevölkerung musste sich um ab dem März
gültige, neue Legitimationskarten (Carte d`ìdentite) bemühen. Wer ohne eine
solche angetroffen wurde, hatte eine Strafe von zehn Reichsmark zu zahlen. Da
die Legitimationskarte aber ein Lichtbild enthalten musste, entstanden für viele,
besonders ältere, Bürger einige Komplikationen, da sie über ein solches nicht
verfügten. So musste nach Presberg ein Fotograf aus Lorch bestellt werden, der
alles, was noch Beine hatte, vors Objekt nahm89 ,um dort die notwendigen
Lichtbildaufnahmen zu machen. Zunächst durfte die Geisenheimer Bevölkerung
sich nicht außerhalb der Stadtgrenzen bewegen, dann mit einer
Legitimationskarte nach Johannisberg und Rüdesheim und ab dem 15. Februar
1919 in alle Rheingaugemeinden. Pfarrer Fischbach (Amtszeit 1919-1939), der
am 1. Oktober 1919 von Langendernbach nach Hallgarten versetzt worden war,
gelang es erst 18 Tage später seine neue Pfarrstelle im besetzten Rheingau
anzutreten. Seinem Mitbruder, Pfarrer Zentgraf (Amtszeit 1919-1928), erging es
nicht besser. Er bekam ebenfalls erst im Oktober eine Einreiseerlaubnis nach
Presberg. Die Gaststätten durften ab Mitte Januar 1919 wieder bis 22 Uhr
87
Rheingauer Anzeiger vom 7.12.1918.
LA Nr. 150 vom 21.12.1918.
89
wie Anm. 41, S. 75.
88
öffnen. Gastwirte in Erbach wurden schwer bestraft, weil sie französischen
Soldaten den Franc bei der Umrechnung in Reichsmark zu gering berechnet
hatten. Dabei waren sie überhaupt nicht verpflichtet französische Franc als
Zahlungsmittel entgegen zu nehmen. Die Ausfuhr von Waren aus dem
besetzen Gebiet wurde verboten, während die Besatzungszone von zollfreien
französischen Waren überschwemmt wurde. Dies beeinträchtigte
insbesondere den Rheingauer Weinhandel, aber auch die Industrie, wie zum
Beispiel die Maschinenfabrik Johannisberg in Geisenheim und die Chemiefabrik
in Winkel. Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren, die nicht aus den Ländern
der Alliierten kamen, wurden am 23. Dezember 1918 verboten. Durch ein
Entgegenkommen der französischen Militärverwaltung wurde unter bestimmten
Bedingungen und einer vorherigen Zensur die Einfuhr von Büchern in das
Besatzungsgebiet wieder erlaubt. Der Zensur unterlag auch die Rheingauer
Presse, die deshalb an manchen Tagen mit leeren oder geschwärzten Stellen
erscheinen musste. Im Gegenzug gab die Besatzungsmacht ab Mai 1919 in
Mainz das deutsch-französische Presseorgan „Le Rhin illustre“ heraus. In den
drei oberen Klassen der Rheingauer Volksschulen wurde bis 1925 ein
zweistündiger Französischunterricht eingeführt, den Besatzungsoffiziere
inspizierten. Französisch zum Pflichtunterricht in den Volksschulen zu machen,
gelang jedoch nicht. In Geisenheim gab es zunächst drei, später fünf
Französischkurse, an denen bis zu 100 Personen teilnahmen. Die
Besatzungsmacht verteilte an die Kursteilnehmer Geschenke: An die Kinder
Schokolade und an die Erwachsenen Mehl oder sogar Kaffee. Die Lehrer
wurden streng überwacht. Der Geisenheimer Rektor schreibt: In der Schule muß
man sehr vorsichtig sein, da die Besatzung jede Äußerung merkte.90 An dem
Realprogymnasium in Geisenheim wurde die Erlernung der englischen Sprache
zu Gunsten der französischen zurückgedrängt. Überhaupt nahmen französische
Besatzungsoffiziere besonders auf den Deutsch- und Geschichtsunterricht
Einfluss. Schulbücher wurden zensiert und Aufsatzthemen beanstandet.
Mit seiner Besatzungspolitik verfolgte Frankreich die schon lange gehegte
Absicht seine Ostgrenze bzw. Einflussgebiet dauerhaft an den Rhein zu
verlegen. Ein eifriger Verfechter dieser Politik war der französische
Ministerpräsident Clemenceau. Dabei betrieb man gegenüber der Bevölkerung
eine Politik mit Zuckerbrot und Peitsche. Eine Machtdemonstration war der
Truppenbesuch von Marschall Foch am Rhein. Im Mai 1919 fuhr er eskortiert
von zwölf Flusskanonenbooten auf dem Dampfer „Bismarck“ (sic!) den Rhein
entlang. Das Rheingauer Flussufer war dabei menschenleer.91
90
91
wie Anm. 16.
Vgl. Helmut RIENÄCKER: Chronik von Assmannshausen. Geisenheim 1990, S. 106.
5. Die Versorgungslage
Was Hunger und Kälte bedeuteten, wusste die deutsche Bevölkerung spätestens
seit dem so genannten Steckrübenwinter 1916/17. In der Geisenheimer
Schulchronik ist zu lesen: 1918 war das Wildgemüse nicht so sehr begehrt, als
im vorigen Jahr, in dem alles Wintergemüse erfroren war. Aber in anderen
Dingen besserten sich die Ernährungsverhältnisse nicht. Obst gab es sozusagen
keins und wurde zu unerschwinglichen Preisen verkauft. Kochäpfel kosteten bis
100 M d. Zentner, besseres Obst bis 200 M. Auch die Kartoffel lieferte knappe
Erträge.92 Unter der geschwächten Bevölkerung grassierte zu allem Überfluss
im Spätsommer und Herbst 1918 auch noch die spanische Grippe. Im
Rheingau waren es namentlich die Städte Eltville und Lorch, in denen man
täglich mehrere Leichenzüge sehen konnte.93 In dem Wisperstädtchen waren 33
Totesfälle vor allem unter der jüngeren Bevölkerung zu beklagen, im
benachbarten Assmannshausen zwei. In Lorch erlag auch Bürgermeister Travers
im Alter von 39 Jahren der Krankheit. Manche Schulklassen waren kinderleer,
wie der Chronist berichtet.94 Zusätzlich grassierte in Lorch auch immer wieder
die Ruhr. Prekär wurde die Versorgungslage jedoch erst in den letzten
Kriegsmonaten und in der Zeit danach, als die Rohstoff- und
Warenlieferungen aus den von deutschen Truppen besetzten Ländern
ausblieben. Unterernährung und Sterblichkeit waren die Folgen.95
Schon am 27. Dezember 1918 schrieb der Wiesbadener Oberbürgermeister
Glässing (1866-1952) an den französischen Oberadministrator, Oberst Pineau,
dass jede längere Störung, wie sie durch die schon vierzehn Tage dauernde
Störung gegeben ist, bei der geordneten Versorgung der Bevölkerung mit
Lebensmitteln zu einer Katastrophe führen werde.96 Der Rüdesheimer Rektor
Bertram bestätigt dies, wenn er rückblickend schreibt, dass die
Nahrungsmittelnot (…) mit der Besatzung nicht behoben wurde, sondern die
schlimmsten Kriegsjahre übertraf. Besonders die Kinder und Jugendlichen,
die oft die im Feld stehenden Soldaten in der Landwirtschaft ersetzen
mussten, litten unter der Not. Bertram fährt fort: Die mit allen möglichen
Ersatzmitteln aufgezogene, ausgemergelte und bleiche Jugend besaß nicht mehr
die Spannkraft dem Unterricht voll und ganz zu folgen.97 Sein Geisenheimer
Kollege bestätigt dies. Er schreibt: Immer auffälliger tritt jetzt die
Unterernährung der Kriegsjahre zu Tage. Immer mehr bleiche Gesichter
tauchen in der Kinderschar auf. Vielfach klagen die Kinder über Rücken-,
Kopf- und Leibschmerzen, alles Zeichen von Schwäche und Blutarmut. In
Geisenheim wurden 124 Kinder, die dringend eine Aufbesserung der Kräfte
92
wie Anm.16.
Ebenda.
94
Chronik Lorch (wie Anm. 6), S. 79.
95
Kirchenchronik Lorchhausen (wie Anm. 13), S.303.
96
Stadtarchiv Wiesbaden, A XIII c, Bd. 30.
97
Heinrich BERTRAM: Hundert Jahre Rüdesheimer Schule. Beilage zum „Rheingauer Anzeiger“ vom 30.9.1930.
93
nötig haben, den Behörden gemeldet.98 In den Schulen mussten
Schulspeisungen organisiert werden.
Abbildung 5: Schulspeisung in der Volksschule Geisenheim (Foto aus der
Schulchronik)
Der Kreisausschuss des Rheingaukreises legte für die Zeit vom 18. bis zum 24.
November 1918 eine fleischlose Woche fest. Anfang Dezember wurde die
Wochenmenge an Roggenbrot pro Person mit 2.400 Gramm bestimmt.
Gleichzeitig wurde ein Höchstpreis von 65 Pfennigen für 1.200 Gramm
Roggenbrot und 30 Pfennige für ein Kilo Roggenmehl festgesetzt, um so dem
Wucher Einhalt zu gebieten. Am 19. November mussten die Rheingauer
Elektrizitätswerke die Stromversorgung einschränken, da der Nachschub
an Kohle zu gering war. Ab dem 10. Dezember wurden wechselweise der
obere und dann der untere Rheingau ganz von der Stromversorgung
abgeschnitten. Anfang Januar belieferten dann die Franzosen die
Elektrizitätswerke mit Saarkohle, so dass dies wieder Strom erzeugen konnten.
Erst im Februar erreichten den Rheingau wieder einige Waggons Kohle, Koks
und Briketts die Privathaushalte. Zwischen Februar und Ende 1919 stieg der
Preis für Kohle im Rheingau von 4,90 auf neun bis elf Reichsmark für einen
Zentner Kohle: Viele Familien haben nichts zu brennen. Die Lichtlieferung
litt zeitweise. Fabriken müssen ihre Arbeit einstellen.99 Bis zum 31. Dezember
1918 wurden private Schweineschlachtungen ganz untersagt, in Geisenheim
konnte man jedoch auf der Freibank billiges, aber qualitativ minderwertiges
Pferdefleisch kaufen. In Hattenheim meinte eine alleinstehende Frau, als sie aus
der Metzgerei trat: Mein Stück Fleisch ist so groß wie meine Brosche.100 Über
die Lebensmittelverteilung hieß es: In der letzten Zeit haben sich bei der
Lebensmittelverteilung besonders beim Fleischverkauf Übelstände erwiesen
(...). Moniert wurde vor allem, dass die Lebensmittelverteilung zu langsam
vonstatten gehe, zu lange Pausen bei der Ausgabe entstünden und nicht immer
die richtige Reihenfolge der Wartenden eingehalten werde.101 In Geisenheim
ging das Gerücht um, die Stadtverwaltung habe an die ärmere Bevölkerung im
Stadtteil Pflänzer Sonderrationen an Fleischkonserven ausgegeben.
Bei einem Lebensmittelverkauf der 5. deutschen Armee Mitte Dezember in
Bingen hatte die hiesige Bevölkerung das Nachsehen.102 Überhaupt versuchte
die Rheingauer Bevölkerung sich immer wieder mit den nötigsten
Lebensmitteln auf der anderen Rheinseite einzudecken, da in der von der
Monokultur des Weinbaus bestimmten Rheingauer Landwirtschaft nicht
genug Nahrungsmittel produziert werden konnten. Am 14. Januar 1919 bat
98
wie Anm. 16.
Ebenda.
100
Zit. n. der Chronik der Volksschule Hattenheim (wie Anm. 5).
101
LA Nr. 149 vom 19.12.1918. Dort auch das vorhergehende Zitat.
102
Ebenda Nr. 147 vom 14.12.1918.
99
deshalb die Rüdesheimer Stadtverwaltung die Militärbehörde, der Bevölkerung
den Einkauf von Lebensmitteln auf der anderen Rheinseite zu erlauben.
Dagegen wehrte sich aber die Regierung des Volksstaates Hessen. Sie ließ
verlauten: Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß neuerdings die
Hamsterfahrten der Rheingauer Bevölkerung ins linksrheinische Gebiet durch
schärfstes Vorgehen der deutschen (d. h. der hessischen, W.H.) Behörden
unterbunden werden sollen.103 Doch was sollte die hungrige Rheingauer
Bevölkerung machen, die auf die Hamsterfahrten nach Rheinhessen unter
allen Umständen angewiesen war ?104 Der Hattenheimer Hauptlehrer beschrieb
die Situation so: Scharen von Kartoffelnhamstern zogen bis weit in Hessen u. die
Pfalz hinein, um die heißbegehrte Frucht oft für viel Geld – pro Pfund 20-50
Pfennige - zu erbetteln u. mühsam über den Rhein zu bringen.105 Pfarrer Kilb
von Neudorf hielt fest: Mag das Dörfchen auch stundenweit von der Bahn
entfernt sein, über alle Wege ergießt sich ein Strom von Städtern. Man sucht
Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Fleisch, Fett und anderes mehr.106 Der Rektor der
Volksschule Geisenheim schrieb: Geisenheimer Leute gingen über den Rhein
nach Hessen, um Lebensmittel einzukaufen: Man nahm alles, was man
bekam, und bezahlte, was gefordert wurde. Im Jahre 1918/19 stand das
„Hamstern“ in höchster Blüte. Viele machten schließlich ein Gewerbe daraus,
und das war nicht nur verächtlich, sondern auch gemeinschädlich und die
Schule des Wuchers, des Diebstahls und der Bettelei. Aber die meisten gingen
aus Not (...).107 Allgemein bot der um sich greifende Schleichhandel und die
Hamsterei Anlass zur Klage. Bewusst wurden oft auch Lebensmittel
zurückgehalten, um Wucherpreise damit zu erzielen. Doch die Versorgungslage
war auch im linksrheinischen Bingen nicht gerade rosig, wie aus den
Lebenserinnerungen Mathilde Mayers zu entnehmen ist: Nur von bekannten
Bauern und ständigen Lieferanten (ihrer Firma, W.H.) konnte man für viel Geld
und viele gute Worte Kartoffeln und Gemüse, von Fleisch ganz abgesehen,
bekommen. Schon während des Krieges wurden in den Gärten Hühner und
Gänse gezogen (...).108
Im Januar 1919 stieg allein der Preis für einen Zentner Kartoffeln im Rheingau
von 5,50 RM auf 6,75 RM an, da der Kreis nur unzureichend mit diesem
Nahrungsmittel versorgt werden konnte. Mitte Februar 1919 wurde die
tägliche Kartoffelration von 500 auf 400 Gramm abgesenkt. In Hattenheim
stellte sich die Situation so dar: (...) im Frühjahr trat spec. in Hattenheim eine
große Not an Kartoffeln ein. Die Lieferungen aus Norddeutschland blieben aus
u. so hatten viele Familien gegen Ostern keine Kartoffeln mehr, selbst die
Selbstversorger standen im Mai vor leeren Kellern.109 Auch an Futtermitteln
103
Ebd. Nr. 33 vom 2.3.1919. Vgl. auch: Rheingauer Anzeiger vom 17.3.1919.
LA. Nr. 39 vom 3.4.1919.
105
Ebenda.
106
Zit. n. KUNKEL (wie Anm. 17).
107
wie Anm. 16.
108
wie Anm. 7, S. 97.
109
wie Anm. 5.
104
herrschte ein gravierender Mangel. Landwirtschaft und Gartenbau, die
während des Krieges vernachlässigt worden waren, mussten um jeden Preis
wieder in Gang gebracht werden. Zum 1. Februar legte die Kreisverwaltung
die Lebensmittelrationen neu fest. Danach standen einer erwachsenen Person
täglich 40 Gramm Gries, 40 Gramm Haferflocken, 220 Gramm Graupen und 30
Gramm Marmelade zu. Schwerstarbeiter erhielten einmal im Monat eine
Zusatzration von 125 Gramm Reis und 400 Gramm Speck. An Kinder wurden
monatlich drei Pfund Zucker, ein Pfund Weizenmehl, ein Pfund Gerstenmehl
und drei Pakete Kekse ausgegeben. Ende Februar wurde ein Geisenheimer
Fuhrmann, der ohne Erlaubnis der Behörden eine Ladung Gerste nach
Wiesbaden fahren wollte, erwischt. Er wurde hart bestraft und seine Ware
beschlagnahmt. Im März kam es erneut zu einem massiven
Versorgungsengpass: Die Mehlzufuhr stockt. Die Brotversorgung ist deshalb
nur für kurze Zeit gesichert, schrieb der „Geisenheimer Lokalanzeiger“.110
Angesichts dieser Übelstände griff die Bevölkerung zur Selbsthilfe. In
Geisenheim wurden im Februar aus einem Gemeindelager drei Zentner Zucker
gestohlen. Für Kohle wurde ein Höchstpreis von 4,20, für Briketts von 3,00 und
für Koks von 5,10 RM je Zentner von den Behörden bestimmt. Ein
Weinbergarbeiter verdiente zur selben Zeit täglich acht RM, Frauen nur vier.
Anfang April gewährte die französische Armee der Rheingauer Bevölkerung
eine einmalige Sonderzuteilung von 180 Gramm Reis, 1.620 Gramm Mehl und
126 Gramm Speck. Dies belegt, dass die französische Militärverwaltung
keineswegs an einer Aushungerung der deutschen Bevölkerung interessiert
war. Im Gegenteil: Die gezielt ausgegebenen Sonderrationen an
Lebensmitteln und die mancherorts organisierten „soupes populaire“
(„Suppenküchen“) sollten die deutsche Bevölkerung im Sinne einer
„penetration pacifique“ („friedlichen Durchdringung“) für die
Besatzungsmacht und ihre Rheinlandpolitik einnehmen.111 Ein von der
französischen Besatzungsmacht eingerichteter Lesesaal mit französischer
Lektüre im Kurhaus von Bad Schwalbach wurde kaum frequentiert. Zu einem
dort ausgerichteten Bällen oder Militärkonzerten kamen nur Dienstmädchen und
Dirnen. Auch zu der von der Besatzungsmacht betriebenen Volksküche kam
dort so gut wie niemand. Das dort ausgegebene essen bezeichnet Herber als
Schweinefraß.112
Oberst Pineau betonte denn auch schon am 13. Januar 1919: Was die
Versorgung mit Lebensmitteln und Kohlen betrifft, so hat die französische
Behörde ihr niemals im Wege stehen wollen; die deutschen Behörden haben
sich allein damit zu befassen.113 Die Lebensmittelrationen wurden im Frühjahr
110
LA Nr. 30 vom 13.3.1919.
Vgl. Paul TIRARD: La France sur le Rhin. Douz annees d´occcupation rhenane. Paris 1930, S. 281. Tirard war
der französische Oberdelegierte in der 1920 gegründeten „Internationalen Rheinland – Kommission“. Er war
Mitglied des französischen Staatsrats, 1912-14 französischer Zivilgouverneur in Marokko. Er befürwortete
einen französisch beeinflussten Rheinstaat, allerdings pflegte er dabei einen eher diplomatischen Stil.
112
wie Anm. 78.
113
Stadtarchiv Wiesbaden, A XIII c, Bd. 32.
111
1919 heraufgesetzt. Jeder Erwachsene erhielt nun täglich 200 Gramm Reis und
300 Gramm Mehl, dazu 70 Gramm Speck. Im freien Handel kosteten ein Pfund
Reis 1,70, ein Pfund Speck 5,00 und ein Pfund Mehl 1,30 RM. Der
Geisenheimer Volksschulrektor schrieb: Das Jahr 1919 brachte Mehl, Fett und
Fleisch aus Amerika zu einem unerschwinglichen Preise (...). Auch die
Kleiderpreise sind unerschwinglich.114 Da die Preise der arbeitenden
Bevölkerung davonliefen, verlangte diese nach einem Lohn- und
Gehaltsausgleich. Eine Forderung, der sie auch mit Streiks Nachdruck
verlieh. In Lorch streikten zum Beispiel die Weinbergsarbeiter und –
arbeiterinnen am 22. April, um eine Lohnforderung von täglich zehn bzw. fünf
Reichsmark durchzusetzen.115 Eine verhängnisvolle Lohn - Preis - Spirale
wurde in Gang gesetzt.
Tabelle 2: Die Entwicklung der Lebensmittelpreise Mitte 1914- Mitte
1920:(jeweils 500 Gramm in Reichsmark)
In Folge des Krieges ging die Bevölkerungszahl des Rheingaus zurück. Der
Jahresbericht der Kreisverwaltung für das Jahr 1918 meldete 219 gefallene
Ehemänner, 427 im Lazarett verstorbene Soldaten, 54 Vermisste und neun in der
Heimat verstorbene Soldaten.116 Johannisberg erreichte selbst 1939 noch nicht
wieder die Bevölkerungszahl von 1910. Die Bevölkerung Geisenheims nahm
von 4.171 (1910) auf 3.956 Personen (1919) ab. Es gab dort jetzt einen
Überhang von 284 Frauen gegenüber der männlichen Bevölkerung. Die Zahl
der Haushaltungen nahm dagegen um 30 zu. Johannisberg verlor zwischen 1919
und 1925 108 Mitbürger.117
Es kam zu einer allgemeinen Wohnungsnot, der durch Neubauten bei den
heutigen teuren Preisen nicht abgeholfen werden kann, wie der „Geisenheimer
Lokalanzeiger“ schrieb.118 Bedarf bestand insbesondere an preiswertem
Wohnraum für sozial schwache Familien, nachdem der Wohnungsbau schon in
der Vorkriegszeit sträflich vernachlässigt worden war. Verschärft wurde die
Lage auf dem Wohnungsmarkt noch dadurch, dass Ende 1923 in dem
Besatzungsgebiet immer noch 15.-17.000 Privatwohnungen für französische
Offiziere und zivile Beamte der Besatzungsmacht beschlagnahmt waren.
Ein Lichtblick für die Bevölkerung waren die hohen Preise, die die 1918-er
Rheingauer Weine im freien Verkauf erzielten. Ein Halbstück wurde Ende
1918 für 8.000 bis 10.500 Reichsmark verkauft, Ende 1919 sogar für 18.00020.000, und Anfang 1920 schon für 29.000-30.000. Auslesen brachten es im
Viertelstück auf einen Preis von bis zu einer Viertel Million. Eine Flasche eines
solchen Weines kostete versteuert bis zu 1.000 RM. Gewöhnliche Weine
114
wie Anm. 16.
Vgl. wie Anm. 11, S. 18.
116
75 Jahre Rheingaukreis. Hrsg. vom KREISAUSSCHUSS. Rüdesheim 1962, S. 25.
117
Vgl. RBfr. Nr. 27 vom 27.6.1925.
118
LA Nr. 131 vom 11.11.1919.
115
brachten es immerhin noch auf Preise von drei bis fünf Reichsmark je Flasche.
Der steigende Preis ist aber auch ein deutliches Anzeichen für die
zunehmende Inflation. Der gewöhnliche Mann verlernt bei diesen Preisen
das Weintrinken, das kommt nur noch den Kriegsgewinnlern zu,
kommentiert die Geisenheimer Schulchronik.119 Dabei mussten die
Weinhändler auf der Hut sein, dass ihnen nicht gefälschte Reichsbanknoten
angedreht wurden, vor denen in der Presse immer wieder gewarnt wurde.
Überhaupt verlor die Reichsmark rasant an Wert. Der offizielle Kurs betrug
im Februar 1919 einen Franc zu 1,65 Reichsmark, nachdem er im Dezember
1918 noch bei 1:1,40 gelegen hatte. Der Wert des Schweizer Franken lag am 1.
November 1919 noch bei 1,37 RM, ein Jahr später schon bei 6,75.
Nach dem verlorenen Krieg waren zunächst viele Arbeiter ohne Arbeit. So
stellte der Wiesbadener Oberbürgermeister im Januar 1919 fest, dass nunmehr
die Lage der Fremden- und Hotelindustrie nach der Absperrung unhaltbar
geworden sei.120 Dies betraf im Rheingau in erster Linie Rüdesheim und
Assmannshausen. Rheingauer Arbeiter, die in der Rüstungsproduktion
beschäftigt gewesen waren, suchten wieder Arbeit in der zivilen Produktion.
Solche Arbeiter suchte zum Beispiel das Geisenheimer Kaolinwerk. Die Parole
lautete: Arbeiten oder wir gehen zu Grunde.121 Wer keine Arbeit fand, lebte in
Armut. Von der Erwerbslosenfürsorge hatte er Ende Dezember 1918 als
männlicher Erwachsener täglich nur 3,60 RM zu erwarten. Frauen sogar nur
2,20 RM. Für seine Ehefrau erhielt ein Anspruchsberechtigter 1,20, für Kinder
über 14 Jahre denselben Betrag und für solche unter 14 Jahren 0,80 RM. Ein
Hilfsnachtwächter kam zur gleichen Zeit auf einen Tageslohn von sieben RM.
Bei all der Not und dem Elend der Nachkriegszeit ist es nicht verwunderlich,
wenn der „Geisenheimer Lokalanzeiger“ am 4. März 1919 feststellen musste:
Äußerlich erinnerte kaum etwas an den Fastnachtssonntag von einst. 122
6. Zusammenfassung
Der oben dargestellte Systemwechsel fand zunächst mit der Unterzeichnung der
Pariser Vorortverträge am 28. Juni 1919, zu denen auch der Versailler Vertrag
gehörte, der zum 10. Januar 1920 in Kraft trat, einen vorläufigen Abschluss. Er
ist ohne Gefühlsergüsse aufgenommen worden, kommentierte der Geisenheimer
Volksschulrektor den Vertrag.123 Die Tatsache, dass der Rheingau bis 1930 wie
die übrigen Rheinlande noch besetztes Gebiet war, prägte nachhaltig die
Geschichte der Region zur Zeit der Weimarer Republik. Im Rheingau bestand
weiterhin ein katholisch - konservatives Milieu, das politisch von der
119
wie Anm. 16.
Stadtarchiv Wiesbaden (wie Anm. 97).
121
LA Nr. 145 vom 10.12.1918.
122
Ebd. Nr. 26 vom 4.3.1919.
123
wie Anm. 16.
120
Zentrumspartei dominiert wurde. Extremistische Parteien, wie zum Beispiel die
NSDAP, die die Besatzungsmächte bis zum Beginn des Jahres 1926 verboten
hatten, spielten bis 1932 keine Rolle. Die Parteien der so genannten
Weimarer Koalition fanden bis dahin bei Wahlen immer eine Mehrheit.
Wirtschaftlich kam der Rheingau, in dem der Weinbau nach wie vor eine
bedeutende Rolle spielte, nur sehr langsam wieder auf die Beine. Die
Rheingauer Weinwirtschaft und Industrie verloren zum nicht unbedeutenden
Teil ihre Absatzmärkte oder mussten mit ausländischen Produkten, hier
besonders französischen, konkurrieren. Der Weinhandel und der Tourismus
erwiesen sich als extrem krisenanfällig. Die enorm hohen Weinpreise Ende
1919/Anfang 1920 nehmen nur schon die Hyperinflation 1923 vorweg. Auch
Handel und Gewerbe litten unter den wirtschaftlichen Kriegsfolgen. Nicht
zuletzt waren die Kleinrentner, zum Teil ehemals vermögende Leute, die ihr
Vermögen durch die Inflation verloren, eine finanzielle Belastung für die
einzelnen Gemeinden, die deren Renten aufstocken mussten. Unter diesen
Umständen ist es umso erstaunlicher, dass die Rheingauer Bevölkerung in
ihrer Mehrheit die junge Republik nicht ablehnte und bereit war in
schwerer Zeit ihren Weg in dem neuen Staat zu finden.
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