Mamma Carzinom - Barbara und Reinhard Luszcz

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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis .......................................................................................................... 2
Personen ......................................................................................................................... 3
Vorwort .......................................................................................................................... 4
Da stimmt was nicht....................................................................................................... 5
Vorstellung im Krankenhaus ......................................................................................... 6
Es gab so unendlich viel zu regeln................................................................................. 7
Im Krankenhaus ............................................................................................................. 8
Nun doch Chemotherapie? ........................................................................................... 10
Besuche ........................................................................................................................ 11
Entlassung und jede Menge Termine........................................................................... 12
Der Port ........................................................................................................................ 14
Ein bisschen Alltag ...................................................................................................... 15
Die nächsten Termine .................................................................................................. 15
Wieder „auf Arbeit“ ..................................................................................................... 16
Die Perückenschau, Teil 1 ........................................................................................... 17
Die erste Chemotherapie .............................................................................................. 17
Die Perückenschau, Teil 2 ........................................................................................... 18
Hitzewellen oder hochsommerliche Temperaturen? ................................................... 19
Schwerbehinderung...................................................................................................... 20
Abschied von meinen Haaren ...................................................................................... 20
Die zweite und dritte Chemo und Alltagsgeschichten................................................. 21
Urlaub........................................................................................................................... 23
Die vierte Chemo und erste Gedanken an eine Kur .................................................... 24
Durst und Körpergeruch .............................................................................................. 24
Die sechste Chemo und eine Woche Urlaub ............................................................... 25
Die Bestrahlungen ........................................................................................................ 26
Wieder eine Beule im Rücken ..................................................................................... 27
Mein 50. Geburtstag..................................................................................................... 28
Die Kur ist genehmigt .................................................................................................. 29
Ein geplatztes Blutgefäß .............................................................................................. 29
Der dritte Therapie-Abschnitt ...................................................................................... 30
Zweites Kurangebot und weitere Ereignisse ............................................................... 30
Vorbereitung für die Kur ............................................................................................. 31
Kuranfang..................................................................................................................... 32
Freizeit ......................................................................................................................... 33
Kur-Alltag .................................................................................................................... 34
Nach der Kur ................................................................................................................ 35
Schlussworte ................................................................................................................ 36
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Personen
Name
Reinhard
Wer ist das?
Mein Mann.
Svenia
Das Kind.
Lukas, Tara
Die Enkelkinder.
Dr. Greven
Mein Frauenarzt.
Dr. Bloch
Ärztin der Strahlenambulanz im Friederikenstift.
Dr. Mao
Die zweite Meinung...
Prof. Dr. Dr. Hohlweg-Majert
Begnadeter Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum Nordstadt,
Hannover.
Alice
Kollegin, die mit mir im Zimmer sitzt.
Gaby
Mitpatientin, die ich im Krankenhaus kennen lernte.
Brigitte, Benita
Ehemalige Kolleginnen.
Christina
Meine Schulfreundin.
Inge
Unsere Nachbarin.
Bettina
Meine Schwester.
TUrsel
Kurzform für: Tanta Ursel.
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Vorwort
Donnerstag, 6. Mai 2004
Seit gestern gehe ich ohne Perücke los. Heute Morgen habe ich sie in den Karton
gelegt und in den Schrank gestellt. Den „Perückenständer“ habe ich heute Abend zu
den gesammelten Dosen und Schachteln für unsere Enkelkinder gelegt. Damit ist
für mich das Thema Krebs eigentlich abgeschlossen.
…. Du solltest Deine Geschichte aufschreiben, meinte meine Schulfreundin
Christina, als ich sie im Dezember nach ihrem 50. Geburtstag besuchte. Daran
gedacht hatte ich schon öfter. Aber für wen? Im Internet gibt es sicher genügend
Lebensberichte zu dem Thema.
Mir war zwischendurch sogar schon ein Mal der Titel dieser Geschichte eingefallen. Fällt
mir auch bestimmt wieder ein.
Auch wenn ich mich mit meinen eigenen Haaren noch nicht so ganz wohl fühle (wegen
der Fehlstellung meiner Ohren), ist es vielleicht doch ein guter Anlass, meine Geschichte
doch aufzuschreiben.
Sie ist somit kein Tagebuch, in dem die täglichen Gedanken festgehalten sind, sondern ein
„Rückblick“ von den vergangenen 10 Monaten. Ich habe zunächst hintereinander den Ablauf
aufgeschrieben, um auch aufzuzeigen, wie viel in der Zeit passiert ist. Das war natürlich sehr
unübersichtlich. Ich finde den chronologischen Ablauf recht wichtig, deshalb sind die eingefügten
Überschriften für eine bessere Übersicht eingefügt. Aber nicht immer passt der Text nur zu dem
Thema in der Überschrift.
Reinhard meinte schon immer, dass ich meine Geschichte ins Internet stellen sollte. Wir haben noch
genug Platz auf unserem Server. Nachdem ich im Internet nach weiteren Erfahrungsberichten von
anderen betroffenen Frauen recherchiert hatte und kaum welche gefunden hatte, gefiel mir der
Gedanke doch. Deshalb habe ich eine Woche Urlaub genommen, um die Geschichte fertig zu stellen.
Das Wochenende reicht nicht dafür, dann bräuchte ich noch Monate dafür. Es gibt aus der Zeit
verschiedene Fotos, die ich in die Geschichte eingefügt habe.
Ich habe diese Geschichte nicht nur für mich aufgeschrieben, um die „Sache zu verarbeiten“. Sie hat
mich nicht derart belastet, wie viele Außenstehende vielleicht meinen. Sie könnte aber anderen
betroffenen Frauen Mut machen, weil ich diese Erkrankung recht gut überstanden habe und aufzeige,
dass das Leben weiter geht. Und sie ist gedacht für meine Familie und andere Interessierte, die mich in
dieser Zeit begleitet haben. Nun ist dieser Rückblick doch sehr groß geworden, aber ich finde alles
wichtig. Für Interessierte ohne Internet werden wir wohl diese Seiten ausdrucken.
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Da stimmt was nicht
Juni 2003
Nachdem wir im März 2003 ein paar Schnuppertage auf Langeoog verbracht hatten, waren wir wieder
für 7 Tage dort hin gefahren. Es war zwar das gleiche Hotel wie im März, nur unser Zimmer mit
Badewanne bekamen wir nicht. Trotzdem hatten wir schönes Wetter, die Fahrräder waren im Preis
enthalten, und eigentlich war alles gut. Wie immer machten wir uns fertig für das Abendessen und
mein Reinhard würde sagen: “Frauen brauchen halt etwas länger“. Also lag er auf dem Bett und
wartete, dass ich mit dem Aufhübschen fertig werde.
Als ich mich mit Deo versorgte, sah er die Verformung meiner linken Brust. „Mach’ das noch mal“,
sagte er. „Was?“ „Heb’ noch Mal den linken Arm, da ist was nicht in Ordnung“. Meine linke Brust
zog sich unten nach innen. „Da sollten wir zu Hause gleich zum Arzt“. Damit war für mich die
Angelegenheit erledigt.
Nachdem wir wieder zu Hause waren, war für mich die Angelegenheit irgendwie erledigt, der Alltag
mit Wäschewaschen und Haushalt war wieder eingekehrt. Ich hatte noch ein paar Tage Urlaub. Am
Mittwoch griff Reinhard zum Telefon, um meinen Frauenarzt anzurufen. „Das kann ich auch selber“
sagte ich und vereinbarte dann gleich für Donnerstagvormittag einen Termin. Reinhard kam wie
immer mit. Eigentlich fand ich diesen Termin für übertrieben, aber wenn er meinte……
Beim Arzt erzählte Reinhard von seiner Beobachtung und mein Frauenarzt machte zunächst eine
Ultraschall-Untersuchung. Nun waren wir inzwischen geübt im Erkennen von den Ultraschallbildern.
In der Vergangenheit gab ist immer mal wieder Zysten, die dann punktiert wurden. Diesmal war das
Bild anders, länglich und an den Rändern zerfetzt. Da merkte selbst ich, dass dies nicht normal war.
Auch mein Arzt meinte nur „das ist nicht normal, wir machen noch eine Mammografie.“
Als ich wieder zu ihm hereingerufen wurde, musste Reinhard gerade das Auto umparken, deshalb kam
er später zu dem Gespräch. Auf dem Röntgenbild waren weiße Flecken zu erkennen, die irgendwie
aber auch bei der letzten Mammografie im Dezember 2002 da waren. Aber lt. meinem Arzt waren sie
diesmal anders. „Das gehört da nicht hin, dass muss raus“, waren seine Worte.
„Wie jetzt, heißt das Krankenhaus? Wann war ich das letzte Mal im Krankenhaus? Wie stelle ich das
an? Eigentlich wollte ich Montag doch wieder arbeiten gehen. Mein Arzt empfahl uns die Frauenklinik
im Nordstadtkrankenhaus und bot an, dass sich seine „Damen“ mal darum kümmern. Also nahmen wir
draußen Platz und warteten. Nachdem wir auf Nachfrage bestätigt hatten, dass ich z .Z. kein Aspirin
nehme, machten die Damen der Praxis für Freitag einen Termin zur „vorstationären Aufnahme“ klar.
Wir bekamen Telefon-Nummer des Krankenhauses und Termin für Freitag sowie die Röntgenbilder
ausgehändigt und fuhren nach Hause.
Ich glaube, dass Reinhard jetzt ziemlich sicher war, dass es sich um Krebs handelt. Ich ahnte nur, dass
es nicht normal war und raus musste. „Na gut, dann lassen wir es eben „herausschneiden“. Richtig
begriffen hatte ich es nicht.
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Vorstellung im Krankenhaus
Freitag, 27.6.2003
Um 9:00 Uhr meldeten wir uns in der Aufnahme der Frauenklinik. Meine Daten wurden aufgenommen
und ich erhielt eine Menge Papiere. Die Operation war für Montag vorgesehen. Anschließend noch
EKG, Blutabnehmen und dann melden beim Chefarzt Prof. Dr. Dr. Hohlweg-Majert.
Mein erster Eindruck: Na, ob ich mit dem wohl warm werde? Für ihn vielleicht ungewöhnlich, dass
der Partner dabei ist. Kann ich aber nicht abschließend beurteilen. Reinhard übernahm dann auch die
Gesprächsführung für uns. Inzwischen hatte der Professor die Röntgenbilder aufgehängt und erklärte
dann: „die untere Hälfte muss weg, der Tumor ist zu groß.“
Da fing die Angelegenheit an, für mich unangenehm zu werden. Diese Dimension hatte ich nicht
erwartet. Auch hier fiel zunächst das Wort „Krebs“ nicht. Oder habe ich es so nicht verstehen wollen?
Der Professor zeigte uns dann die verschiedenen Möglichkeiten einer Operation auf.
Die untere Hälfte entfernen, die Brustwarze verpflanzen (auf Bauch oder Oberschenkel), um die Brust
später wieder aufzubauen. Die Totalentfernung, aber dafür sei ich ja noch zu jung. Oder aus dem
Rücken mit dem Muskel das entfernte Stück wieder aufzubauen. Der Bauch kam für den Aufbau nicht
in Frage, da ich leidenschaftliche Raucherin bin. Die Bauchmasse hatte er beim Ultraschall zwar
überprüft, schied aber aus. Es holte dann noch eine Puppe hervor, an der er die Technik der Operation
demonstrierte.
Er machte uns klar, dass der Tumor, der im Ultraschall und (für ihn) im Röntgenbild zu erkennen war,
entfernt werden musste. Er ging in dem Gespräch auch davon aus, dass der Tumor zu 80 % bösartig,
also Krebs war. Dazu bot er uns den so genannten Schnellschnitt an, damit wir uns moralisch darauf
einstellen konnten. Er zählte dann auch die weiteren Behandlungen wie Bestrahlungen und
Chemotherapie auf. Bei dem Wort „Chemotherapie“ erinnere ich mich noch, dass Reinhard da
plötzlich ziemlich blass wurde. Ich habe dass irgendwie noch nicht geglaubt.
Für welche Methode also entscheide ich mich? Also, wenn schon Mal unter dem Messer, dann gleich
richtig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich die Brust später wieder aufbauen lassen wollte. Ohne
weitere Diskussion entschied ich mich für die „Latissimus-Methode“, also gleichzeitiger Aufbau mit
dem Rückenmuskel. Die Operation war für Montagmorgen um 8:00 Uhr geplant. Der Professor
meinte, dass ich ihn als Privatpatient „gekauft hätte“ und er somit den frühen Termin entscheiden
konnte.
Dann entschieden wir uns auch noch für den Schnellschnitt, den der Professor selbst vornahm. Dafür
musste ich in den ersten Stock in einen OP-Raum, wo ich von einer sehr netten OP-Schwester
vorbereitet wurde. Die Brust wurde betäubt, der Professor erklärte jeden Schritt. Es wurden zwei
Gewebeproben entnommen, die er mir auch zeigte. Danach meldeten wir uns auf der Station 40, um
die Modalitäten für die Aufnahme zu klären und das Gespräch mit den Anästhesisten zu führen. Ich
entschied mich dafür, erst am Montagmorgen um 6:30 Uhr zu kommen mit der Auflage, ab
Mitternacht nicht mehr zu essen, trinken und zu rauchen und vorher noch die Abführtablette zu
nehmen. Ich wollte die letzte Nacht noch zuhause verbringen.
Danach gingen wir wieder zum Professor, um das Ergebnis des Schnellschnitts zu erfahren. Er bat uns
nicht ins Behandlungszimmer sondern setzte sich zu uns in den Warteraum. Er fragte uns, ob wir den
Italiener in der Paulstrasse kennen. Dort sollten wir heute Abend essen gehen. Wir sollten dort sagen,
dass wir von ihm kämen. Ein Glas Wein würde auch nicht schaden. Das Ergebnis der Untersuchung
wäre leider positiv. Ich meinte dann, dass wir sehr gut selbst italienisch kochen können und lieber zu
hause essen. Damit waren wir für den Tag entlassen und fuhren nach Hause.
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Es gab so unendlich viel zu regeln
Zunächst rief ich meine Kollegin Alice an, nachdem ich meinen Stellenleiter nicht erreicht hatte. Sie
freute sich über meinen Anruf und erzählte, dass sie mich schon sehnsüchtig erwarten würde.
Entsprechende Akten hätte sie schon zur Seite gelegt. Den Zahn musste ich ihr leider ziehen. Ich
erklärte ihr, dass ich am Montag ins Krankenhaus gehen würde und an Brustkrebs operiert werde.
Danach Funkstille. Als sie sich wieder gefangen hatte, fragte sie als erstes, ob und wann sie mich
besuchen könne. Das konnte ich nicht abschließend beantworten. Ich sagte ihr, dass wir doch zunächst
die Operation abwarten wollen. Mein Mann würde sich schon bei ihr melden.
Erst später habe ich dann erfahren, welchen Schock diese Mitteilung bei ihr ausgelöst hat. Ich wusste
nicht, dass ihre Mutter vor zwei Jahren an Krebs (Magenkrebs) gestorben war und sie deshalb
ziemliche Ängste um mich hatte. Da ich mich bisher mit dem Thema Krebs nicht weiter beschäftigt
hatte, versuchte ich sie zu beruhigen und mich für Montag bis auf weiteres erst einmal krank zu
melden.
Irgendwie passte das alles nicht in meinen geplanten Ablauf. Ich ging davon aus, dass meine Kollegen
auf meine Wiederkehr warteten, damit ich ihre Fragen auf kurzem Weg beantworten konnte.
Außerdem lief die Orga-AG, die sich mit einer Umstellung der Arbeitsabläufe beschäftigte und in der
ich mich stark engagiert hatte. Deshalb hatte ich den Professor auch gefragt, wie lange ich denn
ausfallen würde. „Also, Beamte würden diese Erkrankung bis zum Höchstmaß ausweiten, Selbständige
würden nach drei Wochen wieder arbeiten. Aber 10 Tage Krankenhaus sollte ich bei dieser Operation
schon mal einplanen.“ Das gab mir ja Hoffnung, dass ich nicht so lange ausfallen würde.
Inzwischen hatte Reinhard im Internet schon mal recherchiert und diverse Seiten ausgedruckt. Unsere
erste Information dazu war, dass jährlich ca. 48.000 Frauen neu an Brustkrebs erkranken. Ein
Zusammenhang schien auch mit der Einnahme von Hormontabletten zur Linderung von
Wechseljahrbeschwerden zu bestehen. Diese Hormone nahm ich seit Mitte 1999 und fühlte mich damit
wieder sehr gut.
Wir haben von Anfang an nicht mit meinem Schicksal gehadert, sondern es so hingenommen.
Irgendwo müssen die 48.000 Frauen ja wohnen, die jährlich neu an Brustkrebs erkranken. Wir haben
immer gleich die Erkrankung (nicht Krankheit) bei ihrem Namen genannt und dieses Argument mit
den 48.000 Frauen als Erklärung gegeben.
Reinhard hat dann seitenweise Informationen aus dem Internet ausgedruckt, mit denen ich mich dann
beschäftigt habe. Ich hatte aber nie Todesangst oder Befürchtungen. Ich ging nach wie vor davon aus,
dass der Tumor herausgeschnitten wird und alles gut sein wird. Aber ich überlegte doch, ob wir an
diesem Wochenende nicht doch noch ein Testament machen sollten. Eigentlich haben wir ja alles
geregelt, bis auf die Art der Beerdigung. Irgendwie sind wir im Laufe des Wochenendes aber doch zu
dem Ergebnis gekommen, dass alles gut gehen wird und deshalb keine besonderen schriftlichen
Verfügungen notwendig sind.
Was braucht man alles für einen Krankenhausaufenthalt von 10 Tagen? Mein Bademantel, den ich seit
..nn Jahren im Schrank habe, eignete sich nicht dafür. Also gingen wir Samstagvormittag noch in die
Stadt und kauften einen neuen Morgenrock mit weiten Ärmeln und ein Nachthemd. Ich habe nur zwei
Schlafanzüge und ein kurzes Nachthemd.
Wenn sollten wir über die bevorstehende Operation informieren? Meine Schwester habe ich am
Sonntag angerufen. Sie war doch ziemlich entsetzt. Ich musste auch sie beruhigen, dass es doch
vielleicht gar nicht so schlimm werden würde. Wann sagen wir es unseren Kindern? Wir waren am
Samstagnachmittag sowieso dort zum Grillen eingeladen, weil sich Donna und Al aus Amerika
angesagt hatten. Der Verband vom Schnellschnitt war ab und wir wollten abwarten, ob sich eine
Möglichkeit ergibt. Aber zwei Kleinkinder und sich verspätetende Ami’s ergaben nie die Chance, mit
Svenia eine ruhige Minute zu haben. Außerdem, warum sollten wir sie unnötig beunruhigen, das Kind
hatte so viel um die Ohren. Allerdings wollte ich meinen täglichen Weinkonsum langsam
herunterschrauben, deshalb habe ich bei den Kindern ein Glas Wein abgelehnt. Ich konnte es mit der
relativ frühen Mittagsstunde (zumindest damals) begründen. Nachdem Donna und Al dann doch noch
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eintrafen, haben wir uns von dort verabschiedet und entschieden, dass es die Kinder dann eben später
erfahren werden. Am Sonntag rief Svenia vormittags an und fragte, ob wir uns mit ihnen beim
Schützen-Ausmarsch treffen wollten. Das hat Reinhard mit fehlender Zeit abgelehnt, das Kind hat
nicht weiter nachgefragt.
Ich habe am Sonntag (wie immer) den Haushalt auf Vordermann gebracht, noch mal die Treppe
geputzt und dann den Koffer für das Krankenhaus gepackt. Reinhard hat dann abends meine linke
Achsel rasiert, ich habe zu der angegebenen Zeit die Abführpille genommen, wir haben noch
ferngesehen und um Mitternacht habe ich meine letzte Zigarette geraucht. Wir waren doch beide
ziemlich aufgeregt und haben die Nacht schlecht geschlafen.
Im Krankenhaus
Montag, 30. Juni 2003
Wir mussten um 6:30 Uhr in der Klinik sein. Reinhard lieferte mich dort ab, und dann war ich allein in
meinem Zimmer. Dort lagen das OP-Hemd und die Thrombosestrümpfe, die ich anziehen musste.
Dann passiert erst mal gar nichts. Gegen 7:30 Uhr kam eine Schwester. Ich sollte noch mal zur Toilette
gehen (wovon nur?) und mich dann im Behandlungszimmer melden. Dort traf ich den Professor, der
mich an der Brust und im Rücken mit Edding anmalte, eine Kommunikation fand diesen Morgen nicht
statt. Dann zurück ins Zimmer und die Beruhigungspille nehmen. Danach durfte ich nicht mehr
aufstehen und wurde kurz danach von zwei Schwestern in den OP-Bereich gefahren. Mein größtes
Problem war, dass meine Zähne evtl. verloren gehen und ich bat Schwester Michaela, unbedingt
darauf aufzupassen und sie mir nach der OP wieder zukommen zu lassen. Dann kam der Anästhesist,
sprach ein paar freundliche Worte, legte mir die Infusion…
…auf der Wachstation bin ich gegen 11:30 Uhr wieder aufgewacht, aber wohl nur kurz. Eigentlich
wollte ich meine Zähne gleich wieder haben, das wurde aber auf später verschoben. Gegen 15:00 Uhr
hatte ich ausgeschlafen. Es herrschte ein Kommen und Gehen auf der Wachstation und mir war
langweilig. Meine Zähne hatte man mir freundlicherweise wieder gegeben, zu essen bekam ich noch
nichts. Für den Durst fand sich auf der Station noch ein Teebeutel Roibuschtee, den man mir brühend
heiß brachte mit dem Hinweis, diese Schnabeltasse voll muss für die nächsten Stunden reichen.
Mir war einfach nur langweilig. Keine Zeitung, kein Radio. Deshalb durfte ich Reinhard anrufen,
damit er mir ein paar bunte Blätter mitbringen kann, wenn er mich besucht. Ich möchte heute noch
gern sein Gesicht sehen, als ich ihn angerufen habe. Ihm sind wahrscheinlich Tonnen von Steinen vom
Herzen gefallen, als er meine Stimme hörte. Und natürlich hatte er bei seinem Besuch mindestens vier
bunte Blätter mit. Inzwischen war ich aber auch von den Schwestern der Wachstation mit Zeitungen
und einem Walkman vorsorgt worden. Ich will nicht behaupten, dass ich durchgehend wach war, aber
ich hatte viele wache Phasen und habe mich natürlich über Reinhards Besuch um 18:00 Uhr sehr
gefreut. Inzwischen hatte ich auch Hunger, aber das half nichts. Den Tee habe ich mir mühsam
eingeteilt. In der Nacht gab es noch eine zweite Schnabeltasse voll. Man hatte mir schon gesagt, dass
ich die Nacht auf der Wachstation verbringen müsse. Meine Schwester Bettina schlug noch abends um
20:00 Uhr auf.
Die Wachstation hat den Namen zu Recht, so richtig bin ich dort nicht zur Ruhe gekommen. Entweder
piepste irgendein Apparat, oder der Blutdruckmesser pumpte sich auf, dann stöhnte die Frau
gegenüber oder die Schwester kam zum Blutabnehmen. Morgens kam der Professor, um sich „sein
Werk“ anzusehen. Er meinte, dass es doch sehr gut aussehen würde und die kleine Beule würden wir
später richten. Dann entschwand er wieder und ich bekam ein Tablett mit Frühstück.
Welche Freude! Ein ausgetrocknetes Schwarzbrot(!) wellte sich auf dem Teller, begleitet von einer
ausgetrockneten Scheibe Käse (ohne Marmelade). Aber wenn man Hunger hat… Gegen 9:00 Uhr kam
ich wieder auf Station. Und dann kehrte Ruhe ein und ich konnte endlich schlafen. Dies hatten mir die
Stationsschwestern, die mich abholten, aber auch prophezeit. Und dann wartete ich auf Reinhard, der
gegen Mittag kam. Froh, dass er überhaupt kommen konnte. Er hatte den ganzen Morgen auf und über
der Toilette verbracht, Er sah wirklich mitgenommen aus. Aber er hatte die Telefonkarte mitgebracht,
damit mein Telefon aktiviert werden konnte. Schwester Anne brachte mir dann den Speiseplan und
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erklärte uns den Ablauf der Mahlzeiten. Mittagessen bekam ich auch, war noch ein bisschen
beschwerlich. Den Dienstag habe ich komplett im Bett liegend verbracht.
Die Chef-Visite fand immer morgens um 7:15 Uhr statt, außer Sonntags. Also stellte ich mir den
Wecker auf 6:30 Uhr. Am Mittwochmorgen gab es noch eine Katzenwäsche, aber die Wimpern konnte
ich mir schon tuschen, und Lippenstift trug ich auch auf. Dann kam der Professor und meinte, ich
sollte mal aufstehen. Gut gesagt, links drei Drainagen, die am Bett festgeklebt waren und rechts noch
der Katheter. Den fand der Professor allerdings übertrieben „bei so einer jungen Frau“. Seiner
Meinung sah das alles schon gut aus und dann ging er wieder. Den Katheter wurde ich dann auch los
und musste dann selbst zur Toilette gehen.
Vormittags kam die Krankengymnastin und erzählte mir dann, auf was ich mich da eingelassen hätte.
Durch die Entfernung einiger Lymphknoten ist der Lymphabfluss gestört. Das bedeutete, dass ich
zukünftig, und zwar für immer, vorsichtig sein muss, mich vor Verletzungen schützen muss und mich
zukünftig nicht mehr überanstrengen darf. Keine schweren Lasten tragen und Fensterputzen ist auch
geknickt. So etwas erfährt man erst nach der OP. Die ganzen Erklärungen gab es auch noch schriftlich,
damit ich es nicht vergesse. Dann übten wir das Aufstehen und die ersten Schritte um das Bett. Als das
einigermaßen klappte, gingen wir noch ein Stück auf dem Flur entlang. Die Beutel von der Drainage
steckte ich in einen Thrombosestrumpf. Wir gingen bis zum Schwesternzimmer und ich konnte das
Raucherzimmer schon sehen. Ich konnte Frau Diehl allerdings nicht überreden, mit mir dort hin zu
gehen. Das habe ich dann nachmittags mit Reinhard erklommen und die erste Zigarette nur gepafft, die
zweite schmeckte dann schon.
Ein Glück, dass das Raucherzimmer auf meiner Station war und ich somit auf Treppensteigen noch
nicht angewiesen war. Abends übte ich den Gang zum Raucherzimmer schon allein und es klappte
schon ganz gut. Das Raucherzimmer war wirklich der vernachlässigste Raum auf der Station. Aber es
war ja Sommer und das Fenster stand den ganzen Tag auf. Und so trafen sich auch andere Patientinnen
von der Station und man kam ins Erzählen. So gesehen, ersetzt das Raucherzimmer jede
Selbsthilfegruppe. Es kamen selbst Nichtraucher dahin, weil Raucher halt kommunikativer sind und
man immer jemanden zum Reden findet.
Und so traf ich auch Gaby, die am Mittwochabend einrückte. Sie wurde Donnerstagmorgen operiert
und hat die erste Zigarette gleich abends wieder probiert.
Inzwischen war Reinhard auf dem Amt gewesen, hatte die Aufnahmebestätigung des Krankenhauses
abgegeben und meinen Kollegen den bisherigen Ablauf erzählt. Er hatte auch meine Telefonnummer
da gelassen, und ich erhielt Anrufe von meinem Stellenleiter, dem Abteilungsleiter und meiner
Kollegin Alice, die mit mir unbedingt einen Besuchstermin verabreden wollte. Da ich ja 10 Tage im
Krankenhaus bleiben musste, verabredeten wir uns für die nächste Woche. Außerdem hat Reinhard
noch unsere Nachbarn im Haus (wir sind wie eine große Familie) informiert. Sie waren alle völlig
erschrocken. Inge hatte sogar mitgekriegt, dass ich noch die Treppe gemacht hatte. Auch sie rief mich
natürlich an und wollte mich unbedingt besuchen. Sie hatte vor vielen Jahren selbst einen Knoten in
der Brust und wurde damals auch in diesem Krankenhaus operiert.
Am Donnerstagmorgen erhielt ich die gute Nachricht, dass der Tumor vollständig entfernt wurde und
keiner der Lymphknoten befallen war. Na also, alles halb so schlimm und alles wird gut. An diesem
Tag hatte ich auch eine Untersuchung in einer auswärtigen Praxis, zu der ich mit der Taxe gefahren
wurde. Da keine Zeit mehr für die Zigarette nach dem Frühstück war, durfte ich im Taxi eine rauchen.
Für das Knochenszintigramm und das Lungenröntgen war ich den kompletten Vormittag unterwegs.
Aber auch bei diesen Untersuchungen war alles gut, es wurden keine weiteren Metastasen festgestellt.
So gesehen, hatte ich mal wieder Glück gehabt. Deshalb entschied Reinhard, am Donnerstag meine
Familie zu informieren. Das braucht eigentlich nur einen Anruf in Berlin und einen in Essen. Innerhalb
dieser beiden Städte funktioniert der Rundruf bei den anderen. Außerdem hat er noch TUrsel in
Hildesheim angerufen. Und dann klingelt mein Telefon im Krankenhaus Sturm. Wenn ich zwischen
den Zigaretten mal im Zimmer war, hing ich nur am Telefon. Aber ich konnte insgesamt ja nur
positive Nachrichten weitergeben. Allerdings wusste ich bald keine Antwort mehr auf die
Anfangsfrage: „Sag’ mal, was machst Du denn für Sachen“.
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Am Freitag hatte ich vormittags einen Termin zum Herzecho auf dem Gelände des
Nordstadtkrankenhauses. Dazu musste ich das erste Mal raus und über die Straße. Die Schwestern
hatten mir meine Krankenakte in die Hand gedrückt und losgeschickt. Da noch Zeit war, habe ich mir
erst mal bei einer Zigarette meine Akte in Ruhe durchgelesen. Ich bin allerdings Fahrstuhl gefahren,
denn ganz so fit war ich ja doch noch nicht.
Inzwischen war ich zwei Drainageschläuche los, nur die dritte Drainage hörte nicht auf. Die
Morgenwäsche fand am Waschbecken im Zimmer statt, Duschen war noch nicht angesagt. Das Haare
waschen habe ich mit Reinhards Hilfe auch am Waschbecken vollzogen. Tagsüber zog ich mich an
und übte meine Kondition mit Treppesteigen und Spazierengehen zusammen mit Reinhard.
Dazwischen musste ich mal eine rauchen und so vergingen die Tage. Ich war zwar in einem
Zweibettzimmer, aber bis auf einen Vormittag in der zweiten Woche hatte ich keine weitere
Mitpatientin. Die Raucherinnen trafen sich auch abends noch auf eine Gute-Nacht-Zigarette,
manchmal wurde es ganz schön spät. Ich hatte mir zwei Bücher mitgenommen, ein Buch habe ich
knapp geschafft.
Der Tag war also ausgefüllt, ich erholte mich zusehends. Die ersten drei Nächte reichten mir auch nur
ein Schmerzzäpfchen, doch dann reichten die auch zusammen mit Schmerztropfen nicht mehr aus. Es
war, als ob jemand mit einem Messer in meinem Rücken herumrührt. Nach Rücksprache mit dem
dienst habenden Oberarzt bekam ich dann eine leichte Form vom Morphium und so konnte ich gut
schlafen. Dieses Medikament benötigte ich zwei Nächte, danach ging es wieder besser. Ach ja, die
Oberärzte. Als Privatpatient hatte ich Anspruch auf eine Visite am Abend. Manchmal war ich auch da.
In der Rechnung kann man nachlesen, dass ich an einigen Abenden nicht angetroffen wurde (weil im
Raucherzimmer!).
Nun doch Chemotherapie?
Und dann lag Samstagmittag die Einverständniserklärung über das Einsetzen eines Port auf meinem
Tisch. Der Port sollte am Dienstag eingesetzt werden. Wie jetzt? Wieso Port? Wofür ist der gut? Schon
wieder eine OP? Wieso eine Chemotherapie, es ist doch alles gut?
Es traf sich, dass die Oberärztin Zeit hatte. Reinhard war da und sie klärte uns in einem längeren
Gespräch darüber ausführlich auf. Der Tumor war mit 3,5 cm und G2 zu groß, um auf eine
Chemotherapie zu verzichten. Nach allen Studien ist bei dieser Konstellation eine Chemotherapie und
eine anschließende Bestrahlung die sicherste Methode, um eine Wiedererkrankung auszuschließen.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war doch alles gut. Die Oberärztin hatte natürlich auch die
Einverständniserklärung über die Chemotherapie mit, die Nebenwirkungen erläuterte sie uns
ausführlich. Und sie gab zu, dass bei dieser Chemo die Haare, und zwar alle, ausfallen werden.
Abgesehen von den 1½ Seiten sonstiger Nebenwirkungen war das für mich das größte Problem. Es
konnte mich keiner zu einer Chemotherapie zwingen. Wenn ich mich dagegen entscheide, hätte ich ein
5% höheres Risiko, wieder an Krebs zu erkranken. Sollte ich für diese geringe Prozentzahl das Risiko
mit allen Nebenwirkungen auf mich nehmen? Ich war doch bisher ein Glückskind, warum sollte das
jetzt nicht auch so sein. Der Tumor war doch schließlich draußen. Reinhard hat mich in meiner
Entscheidung nicht beeinflusst. Er hat nur die Prozentzahl genannt und sich sonst neutral verhalten.
Auch er stand dieser Situation irgendwie hilflos gegenüber. Er hatte sich über das Internet sowieso
wesentlich intensiver mit dem Thema Brustkrebs befasst als ich. Aber er betonte immer wieder, dass
es allein meine Entscheidung sei, wir aber alles gemeinsam durchstehen werden. Das half mir
allerdings auch nicht weiter.
Natürlich war dies auch Thema im Raucherzimmer. Gaby hatte ihr Ergebnis noch nicht, meinte aber,
dass sie sich für eine Chemo entscheiden würde, wenn es bei ihr auch notwendig ist. Ihre größte Sorge
war aber die Übelkeit, weniger der Haarausfall. Die Entscheidung konnte mir niemand abnehmen. Ich
sprach mit mir vertrauten Schwestern, die aufgrund ihrer Erfahrungen überwiegend natürlich für eine
Chemo waren. Wenn ich morgens aufwachte, war ich für „hopp oder topp“, ich mache keine Chemo
und alles wird gut gehen, aber ich war mir noch nicht sicher. Mein Professor war dann bei der Visite
nicht erfreut, dass ich noch keine abschließende Entscheidung getroffen hatte.
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Um mir noch eine andere Meinung einzuholen, hatte ich einen Termin bei meinem Hausarzt
vereinbart. Ich bekam Urlaub und fuhr mit Reinhard dorthin. Nun ist unser Hausarzt kein
Krebsspezialist und er war zunächst auch für eine Chemotherapie. Nach dem Argument mit den 5%
kam auch er ins Grübeln und rief einen Onkologen (Dr. Mao) an, der auch gleich für uns Zeit hatte. Ich
hatte das Operationsprotokoll und die Ergebnisse vom Krankenhaus mitbekommen, die sich der
Onkologe auch durchlas. „Sie sind noch zu jung, der Tumor war zu groß, eine Chemotherapie ist
erforderlich“. Das war nicht das, was ich hören wollte. Er zeigte uns dann aber noch einen Port und
somit hatte ich zumindest eine Vorstellung von dem Teil, was man mir einsetzen wollte. Aus der
Zeichnung auf der Einverständniserklärung konnte ich mir dazu kein ausreichendes Bild machen.
Nun hatte ich also zwei weitere Meinungen, konnte aber immer noch keine Entscheidung treffen.
Wieder im Raucherzimmer saß ich mit Gaby und ihrem Mann zusammen und wir sprachen darüber.
Gaby hatte inzwischen auch eine Empfehlung für eine Chemotherapie und hatte sich dafür
entschieden. Es tauchte eine weitere Frau im Raucherzimmer auf, die noch schnell eine Zigarette
rauchen wollte und unser Gespräch mitbekam. Sie schaltete sich ein und erzählte uns, dass sie vor
knapp einem Jahr auch hier auf der Station war. Es wurde bei ihr eine Brust amputiert und auch die
Lymphknoten waren befallen. Sie hatte die Chemo bereits überstanden, die Haare waren wieder die
eigenen und die Brust war inzwischen wieder aufgebaut. Sie meinte, dass die Chemo durchaus zu
überstehen ist, sie wäre das blühende Beispiel dafür. Man müsse nur positiv an die Sache herangehen.
Nun hatte ich das erste Mal jemanden kennen gelernt, der eine Chemo überstanden hatte. Sollte das
vielleicht doch nicht so schlimm sein? Wenn 48.000 Frauen jährlich an Brustkrebs erkranken,
brauchen doch genau so viele auch eine Chemotherapie. Und dass die Haare wieder wachsen, hatte
bisher jeder bestätigt.
Na gut, wenn es dann sein soll. Ich ging auf die Station und teilte Schwester Michaela mit, dass ich
mich doch für die Chemotherapie entscheiden werde. Danach ging ich im Krankenhaus Richtung
Onkologie in die Abteilung, in der die Chemotherapie durchgeführt wurde. Dort lag auch diverses
Material zu diesem Thema aus, mit dem ich mich dann versorgte. Ich wurde von einer Schwester dort
angesprochen und ziemlich unfreundlich aus dieser Station verwiesen. Ich ging vor die Tür, um eine
zu rauchen und traf wieder auf die Frau aus dem Raucherzimmer, die mit ihrer Therapie fertig war. Sie
hieß Erika und drückte mir ihre Visitenkarte in die Hand (Handlesen-Pendeln-Tarot-Karten). Sie
schaute mir in die Augen und meinte, ich hätte so lebendige Augen, ich würde das schaffen. Auch
wenn ich von so was nicht viel halte, bestätigte sie mich in meiner Entscheidung. Der Termin für den
Einsatz des Port war nun allerdings verstrichen, das konnte erst nach der Entlassung ambulant
vorgenommen werden.
Besuche
Ich wurde von einer jungen Frau angesprochen, ob ich für eine Teilnahme an einer Studie bereit wäre.
Der Termin wurde für Montag 9:30 Uhr abgemacht. Es handelt sich um eine Studie zum Einfluss
lebensverändernder Ereignisse auf den Verlauf von Krankheiten. Geplant waren knapp 2 Stunden, es
wurden aber 3½ Stunden, unterbrochen von meinem Mittagessen und einer Zigarettenpause. Die
Fragen behandelten mein persönliches Umfeld zwei Jahre vor Ausbruch der Krankheit. Irgendwie gab
es keine besonderen Vorkommnisse, die mit dem Ausbruch der Krebserkrankung in Verbindung
stehen könnten. Sie wird sich nach einem Jahr wieder bei mir melden, ist ja demnächst.
Meine Nachbarin Inge (eigentlich heißt sie Ingeborg) bestand darauf, mich im Krankenhaus zu
besuchen. Sie wollte sich wohl überzeugen, dass es mir wieder besser geht. Meine ehemalige Kollegin
Brigitte war vor ca. 1½ Jahren selbst an Brustkrebs operiert worden und hatte von mir irgendwie erfahren. Auch sie hatte vorher telefonisch einen Besuchstermin bei mir vereinbart. Und natürlich besuchte
mich auch meine Kollegin Alice, begleitet von Agnes, die noch länger „im Wohngeld“ ist als ich. Mit
den beiden hatte ich mich für Mittwoch gleich im Raucherzimmer als Treffpunkt verabredet. Alice
brachte eine Tasche voll Geschenke mit. Das Buch hatte einen neuen Einband „Wohngeldgesetz 2001“
erhalten, der von Cordulas Mann eingescannt und auf die entsprechende Größe gebracht wurde.
Außerdem hatten die Kollegen eine „Wohngeldakte“ mit interessanten Fällen und Vermerken zusammengestellt, über die ich mich sehr gefreut habe. Dann gab es noch eine „Trost-Schokolade“ und viele
gute Wünsche von allen. Von Agnes bekam ich auch ein Buch, beide habe ich bisher aus Zeitmangel
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noch nicht lesen können. Alice war frisch verliebt. Sie hatte über das Internet ihren Traummann Oliver
kennen gelernt und schwärmte in den höchsten Tönen von ihm.
Die dritte Drainage tröpfelte immer noch vor sich hin, es lief noch zu viel Wundwasser ab. Es
zeichnete sich ab, dass ich mit dieser Drainage entlassen werde. Die Thrombosestrümpfe konnte ich
nach acht Tagen auch ausziehen, aber sie waren schön warm gewesen. Nach und nach wurden auch die
anderen Patientinnen, die sich im Raucherzimmer trafen, entlassen. Somit trafen wir uns abends nach
dem Heute-Journal auf eine Abschiedszigarette. Die „Abschiedsfeten“ dauerten ausnahmslos immer
bis Mitternacht. Auf dem Rückweg bat ich die Nachtschwester, mir mein Bett für die Nacht
herunterzustellen, das kriegte ich selbst noch nicht geregelt.
Mit Gaby verband mich gleich eine besondere Sympathie. Wir sind etwa gleich alt, hatten das gleiche
Problem und standen vor einer Chemotherapie. Wir verabredeten an meinem letzten Abend, dass wir
versuchen wollten, die Chemos gemeinsam durchzuführen. Da ich vermutlich eher den Termin in der
Chemo-Ambulanz hatte, wollte ich die Weichen dafür stellen. Wir tauschten noch die Adressen und
Telefonnummern aus. Auch Reinhard hatte Gaby bereits kennen gelernt. Er ging bei seinen Besuchen
immer erst am Raucherzimmer vorbei, ob ich evtl. dort sei. Einmal stand eine blonde Frau am Fenster,
gleich Größe, gleiche Figur, gleiche Haarlänge und im Gegenlicht. Er ging auf die Frau zu, um sie zu
küssen und merkte im letzen Moment, dass sie die falschen Schuhe anhatte. So hat er Gaby kennen
gelernt.
Am Mittwochabend hat Reinhard unsere Kinder telefonisch informiert. Er erreichte nur Andreas, dem
er, wie unter Männern üblich, kurz den Sachverhalt schilderte. Als Svenia später nach Hause kam,
sollte sie als erstes ihre Arme heben, dann erzählte ihr Andreas von Reinhards Anruf. Natürlich rief sie
ihren Vater sofort zurück. Nur Besuchen lohnte nicht mehr, ich wurde ja den nächsten Tag entlassen.
Entlassung und jede Menge Termine
10. Juli 2003
Entlassung am Donnerstag, immer noch einen Drainageschlauch. Reinhard holte mich ab. Ein netter
Willkommensgruß von meiner Nachbarin Inge an der Tür. Danach sind wir gleich zu meinem
Frauenarzt gefahren, um das weitere Verfahren zu regeln. Wir wurden dort sehr nett empfangen und
brauchten nicht lange zu warten.
Natürlich war mein Frauenarzt gespannt auf die Narbe an der
Brust und er sang ein Loblied auf den Operateur.
Ich hatte von dem Professor eine Überweisung für Krankengymnastik und Lymphdrainagen
bekommen, von meinem Frauenarzt erhielt ich nun noch Überweisungen für die Bestrahlung und das
Rezept für die Perücke sowie eine Krankmeldung für eine Woche. Danach sprachen wir in der Praxis
für Krankengymnastik auf dem Engelbosteler Damm vor. Da ich bisher keinerlei Erfahrungswerte auf
diesem Gebiet hatte, schien es mir sinnvoll, die nächstgelegene Möglichkeit zu nehmen. Dort
vereinbarten wir ab 15. Juli die Termine für Krankengymnastik und Lymphdrainage.
Nachmittags um 14:00 Uhr hatte ich einen Termin in der Chemo-Ambulanz. Dort erhielten wir
umfangreiche Informationen von der sehr netten Frau Becker zu der bevorstehenden Chemotherapie.
Sie zeigte uns auch den „Port“, den ich ja bereits bei Dr. Mao gesehen hatte. Wir regten dazu an, dass
man diesen Port den zukünftigen Patientinnen bereits bei der Erläuterung zu der Chemotherapie zeigen
sollte.
Es folgten spezielle Hinweise zu meinem Verhalten während der Chemotherapie. Da die Abwehrkräfte
erheblich herunter gefahren werden, sollte ich mich vor größeren Menschenansammlungen schützen.
Wie vereinbare ich das mit dem Publikumsverkehr? Die Nahrungsmittel sollte ich sehr gut waschen
oder besser noch geschält verwenden. Beim Essen im Restaurant sollte ich auf frischen Salat besser
verzichten. Reinhards Gesicht hellte sich auf. Das nächste halbe Jahr also kein „Grünfutter“, damit
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konnte er auf jeden Fall leben. Von jetzt an war jede Woche Blutabnahme angesagt, das Ergebnis
sollte immer an die Chemo-Ambulanz gefaxt werden. Der gemeinsame Termin mit Gaby stellte
überhaupt kein Problem dar. Und so vereinbarte ich also für Donnerstag, den 24. Juli 2003 den ersten
Termin für Gaby und mich. In dieser Woche musste die Blutabnahme am Dienstag erfolgen, damit das
Ergebnis am Mittwoch vorlag. Außerdem musste ich mich Mittwochmorgen wiegen und nachmittags
ab 15:00 Uhr anrufen und das Gewicht mitteilen. Dann erfuhr ich, ob ich am Donnerstag zur Chemo
kommen kann. Die Blutabnahmen in den zwei Wochen dazwischen waren nicht wochentagsabhängig.
Deshalb meldeten wir uns auch noch bei unserem Hausarzt auf dem E-Damm, ob er die wöchentlichen
Blutabnahmen durchführen würde. Auch dass sollte zunächst kein Problem sein.
Endlich wieder im eigenen Bett. Auf der linken Seite konnte ich noch nicht liegen. Wie sollte ich dann
noch lesen? Den Drainageschlauch mussten wir auch irgendwie am Bett festkleben. Trotzdem war es
schön, am nächsten Tag neben Reinhard aufzuwachen.
Da es sich abzeichnete, dass wir in den nächsten Wochen viele Termine hatten, druckte Reinhard aus
dem Outlook einen Vier-Wochen-Plan aus. Das Original hing in der Küche an der Therme, die
Zweitschrift trug ich mit mir rum, um ggf. weitere Termine einzutragen. In diesem Plan standen auch
alle wichtigen Telefonnummern für die nächste Zeit. Wir haben versucht, diese Pläne zu sammeln, sie
dienen mir jetzt dazu, meine Geschichte aufzuschreiben. Da ich aber großzügiger bin mit dem
Vernichten von Unterlagen, wird sich herausstellen, ob alle wichtigen Informationen erhalten sind.
Der Freitag war irgendwie frei von Terminen. Ich konnte ausschlafen, wir haben gemütlich
gefrühstückt. Reinhard kümmerte sich um die Wäsche, ich räumte etwas auf. Irgendwie stellte sich die
Frage, welche Art von BH’s für mich sinnvoll sind. Die Rückennarbe liegt genau auf der Höhe, wo der
untere Abschluss ist. Da noch alles sehr geschwollen war, hatte ich mich für einen Bustier entschieden.
Wir fuhren nach Soltendieck und wurden dort sehr gut beraten. Die Verkäuferin, die mir mehrere
Modelle zum Anprobieren brachte, war über mein Aussehen ziemlich entsetzt. War ja auch noch alles
sehr frisch und ein Drainageschlauch hing auch noch drin. Abends gab es, wie meistens freitags,
Nudeln mit Tomatensoße.
Die letzte Drainage sollte Samstag entfernt werden. Wir fuhren vormittags ins Krankenhaus, direkt auf
Station 40. Danach gingen wir auf den Markt und erklärten diversen Händlern, warum ich eine Woche
nicht da war. Ich war aber voller Optimismus, das alles wieder gut wird. Am Wochenende habe ich
sogar gebügelt, dazwischen aber größere Pausen eingelegt. Das Saubermachen und Wischen ging noch
nicht so gut, aber es konnte ja nur besser werden.
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Der Port
Montag, 14. Juli 2003
Da ich mit der Chemo so lange „rumgezickt“ hatte, musste der Port ambulant eingebaut werden. Ein
Erlebnis für sich. Ich hatte für 8:00 Uhr einen Termin in der chirurgischen Ambulanz im Nordstadtkrankenhaus.
Für Außenstehende sollte ich erklären, dass dies Krankenhaus bereits vor dem Krieg in einem
Pavillonsystem erbaut wurde, Besucher dieses Krankenhauses erhalten nach Bedarf einen Lageplan.
Mit diesem Plan versehen suchten wir das Gebäude, in dem wir uns zu melden hatten. Bei der Anmeldung war mein Termin bekannt, ich sollte also Platz nehmen. Die Ambulanz füllte sich zusehends,
Mitarbeiter wuselten geschäftig über den Gang hin und her. Nach einer Dreiviertel Stunde wurde ich
aufgerufen, man führte uns in einen Raum, in dem ein Krankenbett stand, darauf lag das berühmte
„OP-Hemd“. Man bat mich, dieses Hemd anzuziehen, ich würde dann abgeholt. Meine Sachen
verstaute ich in einem Spind, kurz darauf kam ein Pfleger, um mich in den OP zu bringen.
Aber nicht im gleichen Gebäude. Reinhard begleitete mich über das Gelände, zwischendurch wurde
die herausgefallene Schraube am Rad des Bettes wieder eingeschraubt. In das OP-Gebäude durfte er
mich nicht begleiten. Mit meiner Handtasche in der Hand fräste er dann ca. eine Stunde Rillen in den
Asphalt, während er auf mich wartete. In dem OP-Gebäude geschäftiges Hin- und Herwuseln von grün
bekleidetem Personal. Man erklärte mir, dass sich mein Termin etwas verschieben würde und gab mir
freundlicherweise ein paar bunte Blätter zum Lesen. Patienten in Betten wurden hin und her geschoben, irgendwann holte man mich. Ich wurde durch enge Gänge geschoben, musste auf eine OP-Liege
umsteigen, mein rechter Arm wurde durch ein darunter liegendes Frottehandtuch am Körper fixiert.
Eine wirksame Methode, wenn der Patient während der OP nicht eingreifen soll. Dann wurde ich in
den OP-Saal geschoben. Ich wurde mit verschiedenen Folien beklebt und an ein EKG angeschlossen.
Dann hängte man ein grünes Tuch vor mein Gesicht, es kam ein „Grünbekittelter“, der mir ins Gesicht
sah und dann ein fröhliches Lied vor sich hin trällerte. Der Chefarzt, wie sich später herausstellte,
begann mit der Betäubungsspritze, die wirklich unangenehm war. Dann summte er vor sich hin und
sagte dann irgendwann: „Marlies, du kannst den Port schon mal auspacken“.
Der Port:
Der Port ist ein mit einer Silikonmembran
ausgestattetes kleines Hohlsystem, das mit
dem Venenverweilkatheder verbunden ist.
Der Port wird komplett in das
Unterhautfettgewebe eingepflanzt, er wird
bei Bedarf durch die Haut punktiert. In
den Behandlungspausen ist der Patient in
seiner Beweglichkeit nicht eingeschränkt.
Kurze Zeit später riss man mir die grünen selbstklebenden Tücher wieder ab, entfernte den Vorhang
vor meinem Gesicht und erklärte mir, dass alles gut verlaufen sei. Versehen mit den Unterlagen über
den Port wurde ich aus dem OP wieder heraus geschoben. Ich stieg um in mein Bett und wurde
glücklicherweise gleich abgeholt. Auf dem Weg über das Gelände fing ich meinen sorgenvoll
dreinblickenden Reinhard auch wieder ein, zog mich an und ging mit Reinhard auf die nächste Bank,
um erst mal eine zu rauchen.
Unser Mittagessen haben wir im La Locanda auf dem E-Damm eingenommen. Da unser Hausarzt
genau gegenüber ist, habe ich mir noch bis Ende der Woche eine Krankmeldung abgeholt. Gegen
Nachmittag ließ die Betäubungsspritze nach und die Schmerzen setzten ein. Wir haben entschieden,
dass ich mich da nicht weiter quäle und so nahm ich doch einige Schmerztabletten. Abends konnte ich
mich mit Ach und Krach abschminken, aber ich war nicht in der Lage, mich abzutrocknen. So musste
mich Reinhard unterstützen und ich sagte ihm immer wieder, dass ich mich „echt Scheiße“ fühle.
Links lahm wegen der Operation und rechts lahm wegen des Port. Kein anderes Wort beschreibt meine
Situation besser.
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Ein bisschen Alltag
Ich war zwar noch krankgeschrieben, bin aber trotzdem am Dienstag zur Teamsitzung ins Amt
gegangen. Da für die Woche darauf ein weiterer AG-Termin bezüglich unserer Organisation anstand,
waren die bisherigen Erfahrungen von meinen Kollegen für mich sehr wichtig. Außerdem war ich ja
nun über fünf Wochen nicht dort gewesen. Ich erzählte meinen Kollegen im Team noch mal kurz den
Ablauf der letzten zwei Wochen und lernte unsere neuen Kolleginnen Bärbel und Nadine kennen.
Nachmittags um 17:00 Uhr hatte ich meine erste Anwendung Krankengymnastik und Lymphdrainage.
Es war meine erste Lymphdrainage überhaupt und so hatte ich dazu noch einige Fragen. Es wurde mir
auch hier gesagt, dass ich mich zukünftig vor Überanstrengung schützen muss, weniger Akten auf ein
Mal tragen kann und mich vor einem Lymphödem hüten soll.
Woran merkt man ein Lymphödem? Ich sollte peinlich darauf achten, dass mein linker Arm nicht
anschwillt. Dann wären regelmäßige Lymphdrainagen fällig, außerdem müsste man einen
Drainagestrumpf tragen. Die Drainage selbst war sehr behutsam und tat nicht weh. Ich konnte mir gar
nicht vorstellen, dass diese Streicheleinheiten etwas bewirken sollen.
Aber schließlich waren die ja die Fachleute. Die Krankengymnastik beschränkte sich auf leichte
Bewegungsübungen der Arme, die noch nicht über Kopfhöhe gehoben werden sollten, weil die Narbe
im Rücken doch noch sehr frisch war.
Die nächsten Termine
Mittwoch, 16. Juli 2003
Um 8:00 Uhr hatten wir den nächsten Termin in der Strahlenambulanz im Friederikenstift. Wir sind in
das Krankenhaus über den Haupteingang gegangen. Dort sitzen ältere Ordensschwestern, die sich als
Lotsen durch das Krankenhaus zur Verfügung stellen. Durch diverse Kellergänge wurden wir von der
Schwester in die Ambulanz geführt. Mit Frau Dr. Bloch hatten wir ein längeres Gespräch, in dem wir
über Risiken und Auswirkungen der Bestrahlung informiert wurden. Sie war angenehm begeistert
darüber, wie positiv denkend wir mit der Situation umgingen. Die Bestrahlungen sollten aber erst nach
Abschluss der Chemotherapie beginnen. Weshalb sollten wir dann jetzt schon vorsprechen? Aber so ist
wohl der allgemeine Ablauf.
Danach war Zeit, das Thema Perücke anzugehen. Wir hatten von der Chemoambulanz einen Flyer
vom Friseur Plaschke bekommen, der auch eine Filiale am Klagesmarkt hat. Wir hatten dort einen
Termin um 10:30 Uhr abgemacht, um uns über Perücken zu informieren. Die Mitarbeiterin dort war
sehr einfühlsam und legte uns diverse Kataloge von Perücken vor, aus denen wir einige Modelle
bestellten. Die Bestellung war völlig unverbindlich. Ich hatte zu der Zeit etwa schulterlange Haare, die
leicht rötlich gefärbt waren. Diese Form und Farbe wollte ich eigentlich auch als Perücke haben. Es
war schon etwas schwierig, geeignete Modelle in den Katalogen zu finden. Eine Echthaarperücke
schied von vorn herein aus. Die Herstellung dauert ca. vier Wochen, so viel Zeit hatte ich nicht mehr.
Der Preis betrug ab 1.500 Euro, das hätten meine Kostenträger nie übernommen. Außerdem war dieses
Hilfsmittel ja nur für einen übersehbaren Zeitraum notwendig.
Danach stand für mich noch ein Termin auf dem Plan. Bereits vor meinem Urlaub hatte ich mich mit
meinen ehemaligen Kolleginnen an diesem Tag zu einem Mädelstreff bei Brigitte verabredet. Reinhard
brachte mich mit dem Auto dorthin und bestand darauf, dass ich auf jeden Fall mit der Taxe nach
Hause komme. Einige Kolleginnen kannten meine Geschichte noch gar nicht, insgesamt hatten wir
aber einen netten Nachmittag, bzw. Abend und Benita brachte mich mit dem Auto bis vor die Haustür.
Reinhard rieb jeden Morgen und Abend meine diversen Narben mit Olivenöl ein. Diesen Tipp hatten
wir von der Ärztin im Krankenhaus erhalten. Dabei stellte er dann fest, dass sich im Rücken eine Blase
gebildet hatte. Wir hatten deshalb am Donnerstag um 10:30 Uhr einen Termin beim Professor
bekommen. Nachdem er den Rücken und die operierte Brust mit Ultraschall untersucht hatte, wurde
ich sowohl im Rücken als auch an der Brust punktiert, weil sich wieder Wundwasser gebildet hatte.
Nun ist eine Punktion an sich nichts Ungewöhnliches. Aber mein Professor machte da eine Ausnahme.
Nachdem er die erste Spritze voll abgezogen hatte, entleerte er den Inhalt dieser Spritze in einen
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kleinen Blechtreteimer (vermutlich aus den sechziger Jahren), um dann die nächste Ladung
abzuziehen. Beim ersten Mal wiederholte er diese Prozedur im Rücken wohl dreimal. Deshalb mussten
wir am Samstag erneut zur Untersuchung kommen.
Mit viel Glück hatten wir für diesen Donnerstag Karten für das „Kleine Fest im Großen Garten“
(Herrenhäuser Gärten in Hannover) bekommen. Dieser Termin stand schon lange fest, und so
verbrachten wir gemeinsam mit unseren Kindern und Enkelkindern einen schönen Abend an frischer
Luft. Lukas hatte höllische Angst vor den Robotermännern und Tara war an allen Vorstellungen sehr
interessiert und sie hat ihren Opa ständig auf Trapp gehalten. Bis zum Beginn des Feuerwerks haben
sich die beiden Kleinen krampfhaft wach gehalten, einen Teil dann aber doch verschlafen. Am Ende
waren wir alle ganz schön geschafft. Den Freitag habe ich mich dann wohl erholt, der Terminkalender
enthält keine besonderen Eintragungen.
Am Samstag sprachen wir um 11:00 Uhr wieder in der Klinik vor, auch diesmal wurde punktiert. Am
Wochenende erhielt ich diverse Anrufe von meinen Verwandten aus Berlin, Essen und Hildesheim.
Eigentlich ging es mir ja wieder recht gut, von den Nachwehen der Operation mal abgesehen, und dies
gab ich auch so weiter.
Wieder „auf Arbeit“
Juli 2003
Wir hatten uns am Wochenende überlegt, wie ich zukünftig arbeiten kann. Da ich während der Chemo
ja erheblich gefährdet war, bestand Reinhard darauf, dass ich in dieser Zeit kein Publikumsverkehr
machen soll. Da ich vor meinem Urlaub ungefähr zehn Tage Überstunden angesammelte hatte, wollte
ich zunächst über Überstundenabbau meine Arbeitszeit regeln. Ich wollte erst mal sehen, wie viel ich
körperlich überstehen konnte und wollte von offiziellen Arbeitszeitverringerungen absehen. Außerdem
wollte mich Reinhard jeden Tag zur Arbeit bringen und auch wieder abholen, damit ich in dieser Zeit
nicht mit Öffis fahren musste.
Mit diesen Vorschlägen ging ich am Montag, den 21. Juli 2003 wieder arbeiten und sprach darüber mit
meinem Stellenleiter. Ich konnte ihm ja auch die Termine für die Chemos mitteilen, die schon
feststanden. Er erklärte sich mit jeder Regelung, die ich vorschlug, einverstanden. Er hatte nur
Bedenken, dass ich mir evtl. wieder zu viel zumute. Meine Kollegen waren ebenfalls sehr froh, mich
wieder zu haben, hatten sich doch so viele Fragen angesammelt. Ich fühlte mich „wieder zu Hause“,
meine Kollegen versprachen und gaben mir jede Unterstützung, die ich brauchte. Sie zogen meine
Akten und hängten sie auch wieder weg. Eigentlich sollten am Montagnachmittag die Fäden von dem
Porteinbau gezogen werden, doch mein Hausarzt meinte, es wäre noch zu früh.
Am Dienstag fuhr Reinhard mich morgens zur Arbeit, holte mich aber um 10:30 Uhr wieder ab, da ich
zum Hausarzt zur Blutentnahme für die erste Chemo musste. Anschließend brachte er mich wieder
zum Amt und holte mich um 16:00 Uhr ab, weil dann wieder Krankengymnastik und Lymphdrainage
anstanden. Anschließend fuhren wir in die Klinik, wo ich wieder punktiert wurde, gleichzeitig zog der
Professor die Fäden.
Mittwoch morgens stieg ich auf die Waage, um das Gewicht festzustellen. Da ich an diesem Tag die
nächste Orga-AG hatte und kein Telefon hatte, musste sich Reinhard um den Anruf bei der ChemoAmbulanz kümmern. Vorher rief er gegen 11:00 Uhr noch bei unserem Hausarzt an, um sicher zu
stellen, dass die Blutwerte an die Chemo-Ambulanz gefaxt wurden. Alles war klar und ich „durfte“ am
Donnerstag zu meiner ersten Chemo kommen.
Wegen des Friseurtermins musste ich die Orga-AG etwas eher verlassen, dafür hatten aber alle
Verständnis. Mein Stellenleiter wünschte mir noch alles Gute für den nächsten Tag und dass ich alles
gut überstehe. Seine Frau ist als Krankenschwester in der Onkologie beschäftigt und so ahnte er, was
auf mich zukommen würde. Er meldete mich für Donnerstag und Freitag krank. Das hat er auch alle
anderen Chemo-Termine von sich aus gemacht. Ich brauchte dafür keine extra Krankmeldungen.
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Die Perückenschau, Teil 1
Juli 2003
Ich hatte mit meiner Kollegin Alice über meine Angst vor dem Haarausfall und dem Tragen der
Perücke gesprochen. Ihre Schwester Christine kennt sich mit den Problemen aus und sie bot mir an,
dass sie und ihre Schwester mich beim Aussuchen der Perücke begleiten wollten. Dies Angebot nahm
ich gerne an und wir verabredeten uns für Mittwoch beim Friseur Plaschke, bei dem ich ja einige
Modelle bestellt hatte.
Reinhard und ich gingen im strömenden Regen zum Friseur, Alice und Christine kamen auch gerade
an. Mit so viel Unterstützung begann die „Perückenschau“. Reinhard hielt sich im Hintergrund, Alice
und Christine schüttelten immer nur den Kopf. Eine Perücke schlimmer als die andere, egal, welche
Länge und welche Farbe. So viele eigene Haare hatte ich nie, es sah einfach alles nur schrecklich aus.
Nach einer Stunde brach ich das Unternehmen ab und versprach, mich dort wieder zu melden. Ich
musste das alles erst mal verdauen. Reinhard verabschiedete sich nach Hause und ich ging mit Alice
und Christine noch eine Kleinigkeit essen. Die beiden bestätigten, dass die Perücken wirklich nur
schrecklich waren und empfahlen mir ein Spezialgeschäft auf der Lister Meile. Christine wollte dort
für Freitag einen Termin vereinbaren und sie versprachen mir, wieder dabei zu sein.
Abends rief ich Gaby an und erzählte ihr von meinem Fiasko. Sie hatte für Samstag einen Termin bei
besagtem Friseur. Ich schlug ihr vor, am Freitag mit zur Lister Meile zu kommen, vielleicht würde sie
dort ja auch was finden. Außerdem sahen wir uns ja am nächsten Tag zu unserer ersten Chemo.
Die erste Chemotherapie
Donnerstag, 24. Juli 2003
Wir sollten um 10:00 Uhr in der Chemo-Ambulanz sein. Wasser bekam ich dort, aber Tee oder Kaffee
sollte ich von zu Hause mitbringen, ebenso etwas zu essen. Also kochte ich mir eine Kanne Tee,
schmierte mir ein Brot und packte meine Tageszeitung ein. Wir waren rechtzeitig da und so
organisierte ich schon mal einen Raum für Gaby und mich. Ich traf weitere bekannte Gesichter von
meinem Krankenhausaufenthalt.
Die Räume sind für zwei Patientinnen vorgesehen, manchmal wird nach Bedarf eine dritte Frau „dazu
gesetzt“. Bei unserer ersten Chemo waren wir aber zu zweit. Reinhard verabschiedete sich und so
harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Die Ständer mit den vorbereiteten Beuteln wurden
hereingerollt. Die Infusionsnadel wurde in den Port gestochen. Das klappte bei mir recht gut, bei Gaby
hat es leider nicht gleich funktioniert und es war für sie recht schmerzhaft. Als erstes gab es einen
Beutel mit einem Magenmedikament, damit die weiteren Flüssigkeiten besser vertragen werden.
Gleichzeitig lief aber immer ein Beutel Kochsalzflüssigkeit mit. Wenn der erste Beutel durch war, gab
es das erste durchsichtige Medikament, danach die rote Flüssigkeit.
Die ganze Prozedur dauerte ca. drei Stunden. Beim ersten Mal haben wir immer brav abgewartet, bis
eine Schwester kam. Später erfuhren wir, dass wir uns melden sollten, wenn die Beutel leer waren.
Dazu gab es zwei Tabletten zum Schutz der Blase. Die erste mussten wir um 12:00 Uhr nehmen, die
zweite um 14:00 Uhr zu Hause. Bei unserer ersten Sitzung hatten wir noch ein Arztgespräch, in dem
noch einige Fragen beantwortet wurden. Außerdem kam immer eine Schwester mit einem Block, um
unsere Wünsche (Taxischein, Tabletten, etc.) zu notieren. Ja, und die andere Zeit haben wir uns
unterhalten, über unsere Erlebnisse der letzten Tage, Befürchtungen und weitere Pläne.
Auch Gaby hatte wieder vor, zu arbeiten. Sie konnte teilweise zu Hause arbeiten, ihr Chef hatte ihr
extra einen Notebook dafür gekauft. Die Lymphdrainage bei ihr wurde viel umfangreicher
durchgeführt als bei mir. Und plötzlich war die Zeit um und unsere Männer tauchten auf, um uns
abzuholen. Wir fühlten uns beide noch relativ gut, bekamen noch Rezepte und Anweisungen für die
nächsten Tage und gingen dann gemeinsam erst mal eine rauchen. Wir verabredeten uns für Freitag
16:00 Uhr beim Perückengeschäft auf der Lister Meile.
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Reinhard und ich fuhren nach Hause. Es war schönes Wetter und wir gingen auf dem E-Damm noch
einkaufen, damit wir abends was zu essen haben. Unser Reinigungsmann war ganz erstaunt, uns um
diese Zeit gemeinsam zu sehen und wir erzählten ihm den Grund dafür. Er war ziemlich entsetzt und
wünschte uns alles Gute. Die verschriebenen Tabletten mussten von der Apotheke erst bestellt werden,
aber ich hatte die erste Tablette ja von der Chemo-Ambulanz mitbekommen. Da ich Selbstzahler bin,
muss ich die Medikamente gleich bezahlen. Deshalb fragte ich vorsichtig nach dem Preis und bezahlte
dann die Packung mit acht(!) Tabletten mit EC-Karte, da ich die erforderlichen 234,80 € gerade nicht
im Portemonnaie hatte. Die Paspertintabletten waren vorrätig, die nahm ich gleich mit.
Wir kauften eingelegte Lammkoteletts, Salat hatte ich noch zu Hause (der letzte, bevor wir diese
Ernährungsform einstellten), außerdem hatte ich Appetit auf ein Stück Kuchen. Das habe ich auch mit
Genuss zu Hause gegessen. Dann habe ich die Tageszeitung gelesen und irgendwie abgewartet, was so
passiert. Wird mir schlecht? Was macht der Kreislauf? Kriege ich jetzt Kopfschmerzen? Alles nicht
wirklich. Ich nahm deshalb die Magentablette nicht, weil ich irgendwie keinen Bedarf sah. Die
Lammkoteletts und der Salat gingen allerdings schon recht langsam runter, abends nahm ich dann
doch die Magentablette. Der Appetit war auch verflogen, auf das Glas Wein habe ich an diesem Abend
vorsichtshalber verzichtet. Ich habe mich nicht übergeben, hatte keine nennenswerten
Kreislaufprobleme, aber richtig gut habe ich mich auch nicht gefühlt.
Da ich mich für den Freitag von vorne herein krank gemeldet hatte, konnte ich erst einmal ausschlafen.
Wir haben dann gemütlich gefrühstückt und die verschriebenen Tabletten von der Apotheke abgeholt.
Mir war latent übel, aber nicht richtig schlecht. Die Zigarette hat übrigens immer geschmeckt, also
wirklich krank war ich nicht.
Die Perückenschau, Teil 2
Juli 2003
Für den Nachmittag stand der Termin im Perückengeschäft an. Reinhard hatte es von vorne herein
abgelehnt, mitzukommen. Da sich Alice und ihre Schwester schon angemeldet hatten, fuhr er mich in
die Lister Meile. Ich war kurz vor 16:00 Uhr da und sah mir die Perücken im Schaufenster an. Die
Auswahl sagte mir wesentlich mehr zu als beim Friseur. Die eine auf dem Ständer gefiel mir recht gut,
sie war vielleicht etwas dunkel, hatte aber hellere Strähnen. Gaby und ihr Mann kamen dazu, Alice
und ihre Schwester kamen dann auch. Mit fünf Personen „überfielen“ wir den Laden. Frau Hirsch
schien sehr überrascht, wir erklärten ihr die Situation.
Ich kam als Erste „auf den Stuhl“ und Frau Hirsch griff zielsicher zu der Perücke im Schaufenster, mit
der ich mich bereits angefreundet hatte. Die Haare waren kürzer als damals meine eigenen, aber der
Schnitt sagte uns allen zu. Frau Hirsch bot an, noch eine andere Farbe zu bestellen, damit war meine
Angelegenheit schon erledigt. Dann war Gaby dran. Ihre eigenen Haare waren gut mittellang, sehr
dick und hellblond, sie trug einen Pony. Wir stöberten alle durch den Laden und fanden eine
mittellange Perücke, allerdings in rot, aber mit fast dem gleichen Schnitt wie ihre eigenen Haare.
Selbst wenn die Perücke aufgrund der vorhandenen eigenen Haare noch nicht richtig saß, fanden wir
sie alle toll. Gaby zwar auch, aber sie musste noch eine Nacht darüber schlafen. Sie wollte auch noch
den Termin beim Friseur am Klagesmarkt wahrnehmen, den sie am Samstag hatte. Damit war auch der
Programmpunkt erledigt, ich fuhr zum vorläufig letzten Mal mit der U-Bahn nach Hause.
Am Wochenende überlegten wir uns, wie wir meine Arbeitszeit den veränderten Gegebenheiten
anpassen konnten. Da ich aufgrund der Chemo nun doch gefährdet war, verlegte ich meine
Arbeitszeiten außerhalb der Publikumszeiten. Mein Teammitglieder und auch mein Stellenleiter waren
mit meinem Vorschlag einverstanden. So begann ich montags, donnerstags und freitags erst um 12:30
Uhr, dienstags war mein Tag kurz vor 15:00 Uhr zu Ende, mittwochs hatte ich so gesehen keine
Einschränkungen. So konnte ich zumindest an drei Tagen in der Woche morgens ausschlafen und in
Ruhe frühstücken. Aber mein Feierabend verschob sich natürlich auch nach hinten, aber das Amt war
bis 20:00 Uhr geöffnet. Am Anfang hatte ich das Trauma, dass die den Laden eher zuschließen und ich
nicht mehr raus komme. Reinhard brachte mich jeden Tag morgens bzw. mittags hin und holte mich
jeden Tag wieder ab. Außerdem sorgte er auch noch dafür, dass abends das Essen auf dem Tisch stand.
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Außerdem hatte ich die Termine für Krankengymnastik und Lymphdrainage auch in meine
arbeitsfreien Zeiten gelegt. Also richtig Zeit hatte ich die nächsten Wochen nicht wirklich.
Da in meiner Rückenwunde immer noch Wundwasser nachlief, war für Montagnachmittag wieder ein
Termin beim Professor angesagt, der wieder einige ccm punktierte.
Am Dienstag, den 29. Juli habe ich meine Perücke abgeholt. Diesmal kam Reinhard mit, die etwas
hellere Farbe gefiel uns beiden gut. Somit war sie gekauft, dazu noch das notwendige Zubehör wie
Spezialbürste, Shampoo, Balsam und Spezialspray sowie eine Anleitung zu der Pflege. Das „Haare
waschen“ fand zukünftig im Waschbecken statt. 10 Minuten Shampoo, 10 Minuten Spülung, aber über
Nacht trocknen. Dafür aber nicht jeden Tag, wie es bei den eigenen Haaren erforderlich war. In dem
Gesamtpreis von 557,00 € war die Anpassung nach dem Haarausfall enthalten.
Abends traf ich mich mit meinen Teamkollegen im Waterloo-Biergarten. Ich fühlte mich körperlich
sehr gut. Aber die Hygiene beim Gläserspülen dort ließ in mir leichte Zweifel aufkommen und ich
beschloss, dass solche Lokalitäten in der nächsten Zeit für mich tabu sind. Trotzdem war es ein netter
Abend und Alice brachte mich mit dem Auto nach Hause. Der Mittwoch enthält irgendwie keine
Eintragungen, war wohl ein ganz normaler Tag. Für Donnerstagvormittag stand wieder eine
Blutabnahme an.
Außerdem mussten Gaby und ich uns irgendwie auf die Zeit ohne Haare vorbereiten. Tagsüber würden
wir sicherlich mit Perücke herumlaufen, aber wie lebt man damit zu Hause? Meine Nachbarin Inge
hatte sich angeboten, mit uns einen „Tücherbindekurs“ zu machen. Sie ist künstlerisch begabt und
wollte mit uns einige Techniken ausprobieren. Deshalb kam Gaby pünktlich um 10:00 Uhr zu uns, ich
war natürlich noch einkaufen.
Inge hatte sich professionell auf ihre Aufgabe vorbereitet und kam mit einem Tuch nach Türkenart
bekleidet an. Sie brachte einige Broschen und Clips mit. Gaby hatte ihre eigenen Tücher mitgebracht,
ich hatte meinen Schrank auch ausgeräumt. In unserem engen Flur hängt ein großer Spiegel, Gaby und
ich setzten uns auf Stühlen davor, Inge zwängte sich dahinter. Dann versuchten wir beide mit unseren
lahmen Armen (eine Seite tat weh wegen der entfernten Lymphknoten, die andere wegen des
eingesetzten Port) die Tücher irgendwie zu binden. Und wir wussten beide, dass die kommende Zeit
nicht einfach werden würde. Auch Inge empfand für uns beide großes Mitleid und Trauer speziell um
Gabys schöne Haare. Und für mich entwickelte sie „mütterliche Gefühle“, wie sie später immer wieder
sagte. Bei der anschließenden Zigarette haben Gaby und ich dann das „Du“ eingeführt.
Hitzewellen oder hochsommerliche Temperaturen?
August 2003
Es war inzwischen Anfang August mit den hochsommerlichen Temperaturen des Sommers. Die
Hormontabletten, die meine Hitzewellen so schön gestoppt hatten, durfte ich nicht mehr nehmen.
Waren es nun die hochsommerlichen Temperaturen oder die wiederkehrenden
Wechseljahrbeschwerden? Vielleicht auch beides.
Deshalb verschrieb mir der Professor ein pflanzliches Präparat, welches ich nach seiner Aussage
bedenkenlos nehmen könnte. Natürlich war die Wirkung nicht so gut wie bei den „richtigen“
Hormontabletten, und man brauchte laut Begleitzettel 4-6 Wochen, bis eine Wirkung überhaupt
einsetzt. Es war schon unangenehm, wenn ich bei der Lymphdrainage auf der Liege lag und gegen das
„Oberflächenwasser“ gar nichts tun konnte.
In meinen Büro kam nachmittags die Sonne rum und es war fast unerträglich heiß. Aber wenn ich über
meinen Akten saß, war ich ja abgelenkt. Wenn die Kollegen so nach und nach Feierabend machten,
hatte ich die gesamte Etage für mich allein. Die Putzfrau schaute abends noch mal rein, bevor sie in
den nächsten Stock ging.
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Schwerbehinderung
Als Brustkrebspatientin hat man die Möglichkeit, eine „Minderung der Erwerbsfähigkeit“, im
allgemeinen Sprachgebrauch als Schwerbehinderung bekannt, zu beantragen. Nicht, dass ich mich so
fühlte, doch es gibt einen Freibetrag bei der Einkommenssteuer. Und den kann man ja mitnehmen. Der
Antrag wird auf Anruf zugesandt. Da ich die Operationsergebnisse in Kopie zu Hause hatte, hatte ich
Kopien davon mit dem Antrag eingereicht. Das war wohl ausreichend, denn ca. sechs Wochen später
hatte ich meine Anerkennung auf 50%. Die Feststellung ist befristet auf fünf Jahre und wurde
rückwirkend ab Operationstermin festgesetzt.
Einen Ausweis wollte ich mir aus Prinzip nicht ausstellen lassen. Eine Kopie des Bescheides hatte ich
nachrichtlich meiner Personalstelle zukommen lassen. Gute Idee, denn nun habe ich fünf Tage mehr
Urlaub pro Jahr. Allerdings bestanden die Kollegen auf einen Ausweis, weil darin die Befristung zu
erkennen ist. Der Hinweis im Bescheid ist dafür nicht ausreichend. Also habe ich mir (schweren
Herzens) einen Ausweis ausstellen lassen, der allerdings zu Hause im Schrank liegt. Ich kann mich
nicht daran gewöhnen, mit einem Schwerbehindertenausweis in der Tasche herum zu laufen. Und mit
50% hat man eigentlich keine weiteren Vorteile oder Ermäßigungen.
Abschied von meinen Haaren
Und nach dem Duschen waren immer mehr Haare im Sieb. Ich schlug das Handtuch nur noch
vorsichtig um den Kopf, ließ die Haare lufttrocknen und fönte nur noch die Spitzen rund. Es war ein
eigenartiges Gefühl. Die Haare hatten kaum noch Spannung und ich bewegte meinen Kopf nur noch
ganz vorsichtig. Ich stellte mich seelisch darauf ein, dass am Wochenende wohl der entscheidende
Schritt fällig wird. Reinhard meinte, er würde mir die Haare mit dem Bartschneider abrasieren, dafür
bräuchte ich nicht zum Friseur.
Samstag, 9. August 2003
Am Samstagvormittag gingen wir wie immer auf den Markt. An unserem Obststand demonstrierte ich
dann, wie ich die Haare büschelweise vom Kopf ziehen konnte. Und nachmittags war es dann soweit.
Ich saß in der Küche auf dem Stuhl und Reinhard rasierte mir die Haare Strähne für Strähne ab und
legte die Haare in einen Karton. Ihm haben dabei nicht mal die Hände gezittert. Der Bartschneider war
so eingestellt, dass noch ½ cm stehen blieb. Trotzdem war ich nicht in der Lage, danach in den Spiegel
zu schauen.
Ich holte meine Perücke aus dem Karton und setze sie auf. Im Geschäft hatte mir Frau Hirsch gezeigt,
wie die Perücke aufgesetzt wird. Trotzdem saß der Scheitel irgendwie nicht dort, wo er sein sollte und
ich versuchte mit der Bürste eine Frisur hinzukämmen. Im Garten saßen Anni, Fini und Inge. Es wurde
schon dunkel, doch sie winkten mich noch runter. Also steckte ich meine Perlenstecker ein (ich
erwähnte schon, dass ich nicht eitel bin...), nahm mir ein großes Glas Weißwein mit Eiswürfeln, meine
Zigaretten und den Aschenbecher mit und ertränkte mein Leid im Garten. Die drei bestätigten mir
zwar, dass die Perücke wie echt aussieht und dass mir die Frisur gut steht. Und sie versuchten, mich zu
trösten, dass die Haare ja wieder wachsen würden.
Als ich wieder hoch kam, hatte ich einen Ohrstecker verloren, war etwas „angetüddert“ und psychisch
nicht so gut drauf. Am Sonntagmorgen war das Kopfkissen voll mit den kurzen Haaren, deshalb
rasierte Reinhard am Sonntag den restlichen ½ cm auch noch ab. Dann habe ich auch vorsichtig einmal
in den Spiegel geguckt, irgendwie musste ich mich die für nächste Zeit daran ja gewöhnen. Und dann
habe ich die Perücke auch richtig herum aufgesetzt und der Scheitel war gleich an der richtigen Stelle.
Das war das amüsante Erlebnis zu diesem Thema.
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Selbst wenn es hochsommerlich warm war, war es
ohne eigene Haare ungewohnt kalt am Kopf,
deshalb lief ich zu Hause nicht nur wegen der
Optik mit einem Tuch herum. Übrigens haben wir
den Karton mit den abgeschnittenen Haaren bis
heute nicht wieder gefunden.
Als Perückenständer diente die
Schmuckverpackung einer Whiskey-Flasche samt
Inhalt. Das Wappen auf der Packung sah fast aus
wie ein Gesicht. Der Ständer stand auf meinem
Schreibtisch im Schlafzimmer.
Am Montag ging ich also mit meinen „neuen“ Haaren zur Arbeit. Als erstes begegnete mir mein
Stellenleiter. „Ach, ist es soweit?“, fragte er voller Mitleid. Meine Teamkollegen fanden mein neues
Outfit ganz O.K. Abends traf ich mich mit ehemaligen Kollegen, die mich zunächst nur an meinen
Gang, aber nicht an den Haaren erkannten. Da die Perücke noch nicht angepasst war, saß sie noch
nicht richtig. Die Brille drückte und es war noch ungewohnt.
Die zweite und dritte Chemo und Alltagsgeschichten
Ja, und dann stand in der Woche auch schon wieder die nächste Chemo an. Als ich Mittwoch im
Krankenhaus wegen der Werte anrief, erfuhr ich, dass dort noch kein Fax angekommen war. Beim
Rückruf beim Hausarzt erfuhr ich, dass sie es wegen Renovierung im Erdgeschoß noch nicht absenden
konnten. Deshalb fuhr Reinhard zum Hausarzt, holte die Werte ab und brachte das Ergebnis selbst ins
Krankenhaus. Da die Werte O.K. waren, durfte ich am Donnerstag zur nächsten Chemo kommen.
Dieser Vorfall führte dann allerdings dazu, dass ich in der Woche der Chemo am Mittwoch morgens
direkt ins Krankenhaus zur Blutabnahme fuhr.
Zu der zweiten Chemo habe ich erst gar keine Zeitung mitgenommen. Diesmal waren wir zu dritt, die
Patientin hatte ihre sechste und letzte Chemo und hatte schon mehr Erfahrungen mit den
Nebenwirkungen. So erfuhren wir auch, dass wir uns bei der Schwester per Telefon melden konnten,
wenn eine Flasche „ausgetrunken“ war. Das verkürzte die Einnahmezeit. Gaby hatte nach der ersten
Chemo doch erheblich mehr Schwierigkeiten als ich. Bei ihr war die befürchtete Übelkeit eingetreten.
Deshalb bekam sie bei der zweiten Chemo ein anderes Magenmedikament, gepaart mit etwas
Kortison. Mit dieser Mischung hat sie die Chemo dann wesentlich besser überstanden.
Wir rauchten danach vor dem Krankenhaus noch eine Zigarette, Schwester Anne von Station 40
machte gerade Feierabend und so klönten wir noch ein wenig. Reinhard hatte eigentlich keine Zeit,
weil er um 14:00 Uhr einen Termin beim Kunden ausgemacht hatte. Er fuhr mich nach Hause und ich
lenkte mich mit Zeitung lesen und ein bisschen Computerspielen ab. Da ich Appetit auf was Frisches
hatte, habe ich auf den Nachmittag verteilt einen Apfel gegessen. Sonst sind Äpfel bestimmt nicht
mein Lieblingsobst, aber nach der Chemo hatte ich Appetit darauf. In weiser Voraussicht hatte ich ein
magenfreundliches Putenragout vorgekocht, das ich abends auch mit Appetit gegessen habe. Ich hatte
auch auf Anraten der Schwestern eine Magentablette genommen, trotzdem habe ich mich abends
übergeben. Das war das aber das einzige Mal, dass ich mich übergeben habe.
Aus Termingründen konnte ich erst am Freitag in den Perückenladen, um meine Perücke anpassen zu
lassen. Wir hatten für vormittags einen Termin vereinbart, das „Einnähen“ dauerte ungefähr 30
Minuten. Ich hatte mein buntes Tuch mitgenommen, das mir Frau Hirsch kunstvoll um den Kopf band.
So ging ich das erste Mal nur mit einem Tuch auf dem Kopf „unter die Leute“. Wir gingen die Lister
Meile entlang und suchten einen Laden, weil ich mir ein paar neue Perlenohrstecker kaufen wollte. Bei
dem Juwelier auf der Lister Meile sind wir fündig geworden. Sie waren recht teuer, aber ich brauchte
welche und wollte mich wohl auch damit trösten. Auf dem Rückweg kamen wir an einem Hutladen
vorbei, der Strohhüte im Angebot hatte. Mit Blick auf den bevorstehenden Urlaub suchte ich mir aus
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mehreren Modellen einen witzigen roten Strohhut mit einem bunten Band aus. Nach dem Anpassen
saß die Perücke nun viel besser, und die Brille drückte auch nicht mehr.
Laut meinen Aufzeichnungen begann sich der Alltag zu normalisieren, soweit man in dieser Phase von
Normalität reden kann. Ich ging weiter auf dem Damm einkaufen, Reinhard fuhr mich zur Arbeit,
wöchentliche Blutabnahmen, Krankengymnastik und Lymphdrainagen hatten ihre festen Termine in
unserem Tagesablauf.
Da unsere Kinder und Enkelkinder ständig erkältet waren, schieden Besuche aus. Bei einem Telefonat
mit Svenia wollte mich auch Lukas sprechen. Völlig unvermittelt fragte er mich, was denn meine
Haare machen? Er muss bei unserem letzten Gespräch irgendwie wohl mitbekommen haben, dass
etwas mit meinen Haaren sein könnte. Ich erklärte ihm, dass sie jetzt etwas kürzer seien und ich wieder
blond wäre. Damit gab er sich zufrieden.
Meine Narben begannen zu heilen. Reinhard rieb sie jeden Morgen und jeden Abend mit Olivenöl,
natürlich erste Pressung, ein und beobachtete aufmerksam meine Rückennarbe. Aber es schien sich
kein Wundwasser mehr zu bilden, das hatte ich also überstanden.
Meine Wimpern und Augenbrauen wurden immer weniger. Als ich dies feststellte, tröstete mich
Reinhard mit den Worten: „Dann geben wir den Wimpern eben Namen und beerdigen sie einzeln“.
Auch die Haare in den Achseln und die Schamhaare waren fast völlig weg.
Die Augenbrauen zog ich mit der Wimperntuschenbürste nach. Einige wenige waren ja noch da. Eine
weitere Standardfrage am Morgen war: „Hast Du schon gefönt?“
Meine Maniküre musste nun wesentlich sanfter sein, als ich sie bisher durchgeführt hatte. Bisher ging
es nicht ohne einige Blutstropfen ab, da ich die Nagelhaut mit der Schere abgeschnitten hatte. Das war
nun vollständig verboten, da ich auch kleinste Verletzungen vermeiden musste. Also probierte ich
verschiedene Techniken aus (Rosenholzstäbchen, wachsen lassen) und bin bis heute nicht so recht
glücklich damit. Auch das Lackieren der Fingernägel fiel für die nächsten Monate vollständig aus.
Außerdem habe ich mich nie so häufig an den Händen verletzt, wie zu dieser Zeit, weil man sich ja
besonders vorsieht! Es trat glücklicherweise keine Entzündung auf.
Meine Kollegen unterstützten mich, in dem sie meine Akten für mich zogen. Alice heftete meine
Bescheide ab und hängte meine Akten auch selber wieder weg.
Den Abend vor der Chemo nahm ich vorsichtshalber eine Baldriantablette, bevor ich schlafen ging. Ich
wusste inzwischen, was mich erwartet, doch das Unterbewusstsein lässt sich nicht unterdrücken. Und
eine gewisse Angst bzw. Unruhe ist eben doch da. Die dritte Chemo verlief ohne Zwischenfälle. Wir
wurden wie immer von den Schwestern gut betreut und mit Quatschen verging der Vormittag recht
schnell. Die berühmte Abschlusszigarette vor dem Krankenhaus schafften wir gerade noch, bevor
Gabys Taxi kam. Sie wünschte uns noch einen schönen Urlaub.
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Urlaub
September 2003
Wir hatten bei unserem Juni-Aufenthalt auf Langeoog ein anderes Hotel mit einem sehr schönen
Zimmer (Badewanne, Balkon) gefunden und damals schon ab 7. September für zwei Wochen gebucht.
Nachdem ich die Diagnose erfahren hatte, wollte ich unbedingt absagen. Es war ja nicht abzusehen,
was auch uns zukam. Reinhard bestand damals auf Abwarten und er hatte Recht. Terminlich gesehen
passte der Urlaub genau zwischen zwei Chemos und bei unserem ersten Gespräch in der
Chemoambulanz hatte man uns dazu geraten, den Urlaub ruhig zu machen. Reinhard versprach mir,
mich notfalls vom Bahnhof zum Hotel mit der Kutsche zu fahren, falls es mir nicht gut geht.
Also packte ich am Samstag die Koffer und wir fuhren Sonntagmorgen los. Und ich bestand darauf,
auf der Fahrt meine Perücke aufzubehalten. Die Fahrt verlief reibungslos und wir kamen gut an. Zu
Fuß und ohne Kutsche erreichten wir das Hotel. Es war ja doch eine gute Idee. Mein Appetit brauchte
erfahrungsgemäß vier Tage nach der Chemo, bis er einigermaßen wieder da war. Somit aß Reinhard
die ersten Tage meine Reste auf, später schaffte ich die Portionen allein.
Wir hatten durchgehend schönes Wetter und machten in der ersten Woche zunächst kleinere
Spaziergänge. Da ich meinen Arm vor starker Sonneneinstrahlung schützen musste, ging ich eben mit
einer leichten Strickjacke. Da ich wöchentlich zur Blutentnahme musste, fiel das natürlich auch im
Urlaub nicht aus. So sprachen wir beim Inselarzt vor. Die Entnahme und das Faxen des Ergebnisses an
das Krankenhaus machte keine Probleme. Natürlich wollte der Arzt mich auch sehen, so verbrachten
wir eine gewisse Zeit in der Praxis. Nach seiner Auffassung schadete ein Glas Wein am Abend nicht.
Das haben mir auch alle anderen behandelnden Ärzte zugestanden.
Meine Kondition nahm zu und so fuhren wir die zweite Woche mit dem Fahrrad größere Strecken über
die Insel. Um die Perücke zu schonen (ein Ratschlag von Frau Hirsch aus dem Perückengeschäft), fuhr
ich teilweise auch nur mit meinem Hut los, allerdings hatte ich sicherheitshalber immer ein Tuch
darunter. Wenn ich mit Perücke unterwegs war, hatte ich immer ein Tuch in der Tasche, mit dem ich
die Haare festbinden konnte. Und ich lernte, wie viel Windstärken der „Skalp“ aushält.
Weil das Tuchbinden immer so aufwändig war, kaufte ich mir auf der Insel ein „Mützchen“, mittlere
Kindergröße. Das war wesentlich einfacher zu handhaben und abends auch wärmer. Da wir meinen
Perückenständer samt Inhalt mitgenommen hatten, gönnten wir uns abends ein Schlückchen von dem
Whiskey. Die Flasche hat den zweiten Urlaub dann nicht mehr überstanden.
Unser Hotel hatte eine Sauna, weil ich früher im Urlaub gerne in die Sauna gegangen bin. Das war
nach dem Eingriff erst einmal geknickt. Da wir ein Zimmer mit Badewanne hatten, gönnte sich
Reinhard abends ein Wannenbad, danach bin ich auch für eine kurze Zeit in die Wanne. Aber so
richtig habe ich es nicht genießen können. Wie reagiert der Arm? Ich habe mir in diesem Urlaub zwei
zusätzliche Lymphdrainagen gegönnt, die im Kurmittelhaus durchgeführt wurden.
Nach der ersten Behandlung war ich sehr überrascht, was eine Lymphdrainage alles sein kann. Es
wurde nicht nur der Arm, sondern auch die Leiste und die Seite sowie die Finger behandelt. Das ist
halt das Problem, wenn man so etwas das erste Mal bekommt. Man muss sich auf die behandelnden
Personen verlassen, dass sie es richtig machen. Auf der einen Seite ist es richtig, die Situation nicht zu
harmlos darzustellen, andererseits führt zu viel Vorsicht und Gerede darum zu einer gewissen Panik,
mit der die Betroffenen auch nicht richtig umgehen können. Ich habe deshalb lange Zeit meinen Arm
abends beim Fernsehen hoch gelagert (Kopfkissen auf der Lehne), um einem möglichen Lymphödem
vorzubeugen. Es hat zumindest nicht geschadet. Reinhard war bei meiner zweiten Lymphdrainage
dabei, damit er so eine Behandlung ansehen konnte. Nach meiner Auffassung konnte er es bei Bedarf
bei mir durchführen, dafür brauchte ich keine weiteren Termine bei den Therapeuten.
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Die vierte Chemo und erste Gedanken an eine Kur
Bei unserer vierten Chemo nahm ich Gabys Vorschlag auf, es doch mit dem Magenmedikament zu
versuchen, das sie bekommt. Gesagt, getan und ich habe die Chemo relativ gut überstanden. Das hieß
aber auch, die nächsten 250,00 € in die Apotheke zu tragen.
Dienstag, 30. September 2003
Ich hatte nachmittags einen Termin zum Herzecho. Als wir mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock
fuhren, trafen wir völlig überraschend Gaby, die ebenfalls einen Termin hatte. Und dann erlebten wir
wieder den praktischen Vergleich zwischen Privatpatient und Kassenpatient. Wir hatten beide den
Termin um 15:15 Uhr, doch ich war als Erste fertig. Wir hatten diese Vergleiche öfter und haben uns
eigentlich einen Spaß aus dem Vergleich gemacht, ohne dass ernsthafte Probleme auftraten.
Danach gingen wir gemeinsam durch den Park zum Auto. Und da brachte Gaby dann den Vorschlag
auf. Bei ihrem Abschlussgespräch in der Chemoambulanz wäre ihr doch geraten worden, eine Kur zu
machen und sie hätte sich inzwischen mit dem Gedanken angefreundet. Und deshalb sollten wir die
Kur gemeinsam machen. Dazu sollte ich noch erwähnen, dass wir bereits im Krankenhaus meinten,
dass wir keine Kur (aus den verschiedensten Gründen) machen wollten. Und nun das.
Reinhard war sofort Feuer und Flamme dafür und zählte die Vorzüge einer solchen Maßnahme auf.
Der Antrag für diese Kur wurde für Gaby im Krankenhaus aufgenommen und sollte von dort an die
BfA weitergeleitet werden. Nun musste ich mich darum kümmern, wie so etwas bei mir abläuft. Die
Beihilfestelle schickte mir einen Antragsvordruck zu, die Allianz schrieb ich zu dem Thema an. Die
Antwort der Allianz begann wie schon öfter mit der Einleitung: ...also eigentlich hätte ich diese
Leistung nicht mit versichert, aber angesichts der Erkrankung erkläre man sich bereit, die Kosten für
eine Maßnahme für drei Wochen zu übernehmen. Ich solle zu gegebener Zeit Datum und Anschrift der
Klinik mitteilen. Den Antrag für die Beihilfe musste mein Gynäkologe ausfüllen und unterschreiben.
Für die fünfte Chemo musste ich mir eine neue Mitpatientin suchen, was allerdings kein Problem war.
Für sie war es die erste Chemo und ich konnte ihr einige praktische Hinweise geben. Und hier zeigte
sich auch die unterschiedliche Handhabung von notwendigen Lymphdrainagen. Sie hatte z.B. noch
keine verschrieben bekommen und hatte am Wochenende erst mal ihre Garage gestrichen. Ihr Arm
war aber auch nicht geschwollen, war meiner übrigens auch nie. Wir verabredeten uns in drei Wochen
wieder, leider konnte sie den Termin dann nicht wahrnehmen, weil sie erhebliche Nebenwirkungen
hatte. Inzwischen hatten sich die Nachmittage nach der Chemo bei mir eingespielt. Ich aß meinen
Apfel, beschäftigte mich irgendwie und kam ganz gut darüber hinweg. Übers Wochenende erholte ich
mich relativ gut, dass ich montags wieder fit für meine Arbeit war.
Durst und Körpergeruch
Ich habe schon immer behauptet, dass bei meinen Vorfahren ein Kamel in der Linie vorhanden
gewesen sein muss. Nicht was die Menge der Wasseraufnahme angeht, sondern das Auskommen mit
wenig Flüssigkeit. Das war seit meiner ersten Chemo anders. Ich kochte mir inzwischen jeden zweiten
Tag eine Kanne Tee, die ich zusätzlich zu meinem Kaffe auf der Arbeit trank.
Ich hatte eigentlich immer einen trockenen Mund und das Bedürfnis nach Trinken. Bei längeren
Autofahrten hatte ich immer eine Flasche Wasser dabei. Ein wenig gegen den trockenen Mund halfen
auch die Sanddorn-Bonbons, die ich mir auf Langeoog gekauft hatte. Dieses Phänomen kannte ich
noch nicht an mir.
Bei jeder Chemo bekam ich ungefähr 2½ Liter Flüssigkeit, die rote sah man und die konnte ich auch
riechen. Und nach meinem Empfinden schied ich diesen Geruch in der ganzen Zeit über die Poren
wieder aus. Gepaart mit hochsommerlichen Temperaturen und Hitzewellen aufgrund der
Wechseljahrbeschwerden konnte ich mich selbst kaum riechen. Da halfen auch kein Deo oder Parfüm.
Reinhard hat es allerdings nicht so empfunden.
Und auch mein Urin enthielt diese Duftnote, außerdem schäumte es dazu noch. Das hat sich aber nach
Ende der Chemo wieder vollständig gegeben.
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Die sechste Chemo und eine Woche Urlaub
November 2003
Ja, und dann stand schon die sechste und letzte Chemo am 6. November an. Irgendwie waren die
letzten Wochen wie im Flug vergangen. Gaby hatte mir erzählt, dass man die letzte Chemo viel
entspannter angeht. Und es war auch wirklich so. Ich war zwar noch angespannt, doch es war das
letzte Mal und dann war es überstanden.
Ich hatte mir vorgenommen, für die Mitarbeiter der Chemoambulanz als Dankeschön ein kleines
Gedicht zu verfassen und mir dies natürlich bis Mittwoch vorher „aufgehoben“. Unser Sparladen hatte
diese Woche Martini im Angebot. Als Erinnerung an frühere Jugendjahre hatte Reinhard zwei
Flaschen davon mitgebracht und wir probierten den Stoff unserer Jugend. Nachdem Inge und Fini
wegen irgendeiner Frage bei uns aufgeschlagen waren und zu einem Drink eingeladen wurden, wurde
der Abend immer später, die Flasche immer leerer und mein Gedicht stand immer noch nicht. Aber ich
habe es noch hingekriegt und mit Corel Draw ein buntes Blatt verfasst. Ich habe die letzte Nacht vor
meiner letzten Chemo recht gut überstanden.
Bei dieser Chemo saß ich mit einer jüngeren Frau zusammen, die stark erkältet war und ihre zweite
Chemo hatte. Sie erzählte mir von ihren erheblichen Schwierigkeiten nach der ersten Sitzung und dass
das mit zwei kleinen Kindern nur schwer zu bewältigen ist. Auch daran merkte ich, dass ich ein
Glückskind bin, weil ich diese Prozedur relativ gut überstanden hatte. Wir hatten an diesem Tag noch
das Abschlussgespräch mit der Ärztin. Da meine Prognose aufgrund aller Daten positiv war, konnte
ich den Port, wenn ich wollte, wieder rausnehmen lassen. Normalerweise bleibt der Port zwei Jahre
drin, falls weitere Maßnahmen oder Chemos erforderlich werden. Na, was ich sage, alles wird gut!
Nun standen nur noch die Bestrahlungen an.
Vorher sind wir aber auf meinen Wunsch noch eine Woche nach Langeoog gefahren. Das Zimmer
hatten wir bereits bei unserem Septemberurlaub gebucht. Wenn auch der November sicherlich nicht
der ideale Nordseeurlaubsmonat ist, haben wir uns noch einmal erholt und konnten ausspannen. Auch
für Reinhard waren die vergangenen Wochen und Monate genauso anstrengend wie für mich, auch
wenn er körperlich vielleicht nur mit gelitten hat. Ich habe mit dort noch ein zweites „Mützchen“
gekauft.
Außerdem war eine weitere Blutabnahme nach der letzten Chemo doch erforderlich und so besuchte
ich ein weiteres Mal den Arzt auf Langeoog. Dort lag die Zeitschrift Ökotest aus, in der ein Artikel
über die pflanzlichen Mittel für Wechseljahrbeschwerden stand. Inzwischen war eine öffentliche
Diskussion zu den Hormonpräparaten entstanden und die pflanzlichen Mittel kamen auch nicht so gut
dabei weg. Mein Mittel, das ich nahm, wurde mit mangelhaft bewertet. Der Beipackzettel enthielt
keinen Hinweis darauf, dass dieses Mittel bei hormonpositiven Tumoren nicht genommen werden
durfte.
Da mein Tumor hormonpositiv war, war dieses Thema für mich damit erledigt. Insgesamt waren
meine Beschwerden geringer geworden. Ob das nun auf das pflanzliche Mittel oder auf die allgemeine
Änderung zurückzuführen war, kann ich nicht sagen. Die Beschwerden sind aber nach Absetzen des
Medikaments nicht erheblich schlimmer geworden.
Am 17. November wurde Svenia 30 Jahre alt und wir sind zum Geburtstagsfrühstück dort hin
gefahren. Wir konnten aber nur bis mittags bleiben, weil Reinhard ab 17. November für drei Wochen
einen Auftrag als Dozent hatte und Montagmittag dort anfangen musste. Das hieß für mich dann,
wieder mit Öffis zur Arbeit zu fahren.
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Die Bestrahlungen
November 2003
Am 18. November hatte ich meinen ersten Termin in der Strahlenambulanz im Friederikenstift. Dort
wurde ich „angezeichnet“, d.h. die Punkte des Bestrahlungsfeldes wurden mit Edding-Kreuzen
markiert. Und ich erhielt die neuen Verhaltensmaßregeln. Brigitte hatte mir im Vorfeld erzählt, dass
sie nicht duschen durfte. Und das bei meinem Körpergeruch. Bei Gaby wurden drei winzige Punkte
tätowiert und sie durfte duschen. Ich hatte Glück, das Duschen wurde nicht verboten, wohl aber
Duschlotion und Deo, auch Parfüm. Das Bestrahlungsfeld sollte ich mit Babypuder behandeln.
Gleichzeitig wurden auf der grünen Karte die 28 Bestrahlungstermine eingetragen. Da die Abteilung
bis abends 22:00 Uhr geöffnet war, passte ich die Termine meiner jeweiligen Arbeitszeit an. Wegen
möglicher Nebenwirkungen (Müdigkeit, Unwohlsein) legte ich die Termine an meinen langen Tagen
erst danach um 19:45 Uhr. Jeden Tag, außer am Wochenende. Wenn alles gut ging, wäre ich am 31.
Dezember 2003 fertig gewesen.
Abends fuhren wir nach Algermissen, weil die Berliner da waren. Sie sollten sich überzeugen, dass es
mir recht gut geht und sie sich keine Sorgen machen sollten. Zu der Bestrahlung konnte ich ja noch
nichts sagen, aber ich war zuversichtlich, dass das, gemessen an der Chemo, das kleinere Übel war.
Am nächsten Tag fand die entscheidende Orga-AG statt, in der das neue Organisationsmodell für alle
Teams festgelegt wurde. Abends traf ich mich mit den ehemaligen Kollegen zum sogenannten
Mädelstreff. Das Leben ging also weiter, zukünftig angereichert durch die Bestrahlungstermine.
Am 20. November fand die erste Bestrahlung statt. Natürlich hatte ich mir von Gaby Informationen
dazu geholt, sie war ja schon fast fertig. Die Bestrahlung selbst tut nicht weh, dauert nur 2½ Minuten.
Die Verbrennungserscheinungen treten erst nach zwei bis drei Wochen auf, eine gewisse Müdigkeit ist
auch auf die tägliche Behandlung zurückzuführen.
Die Mitarbeiter der Strahlenambulanz waren sehr nett und erklärten mir den Ablauf. Ich musste ein
Handtuch mitbringen, auf das ich mich legte. Die Arme musste ich hinter den Kopf legen, ruhig
weiteratmen und vor allem durfte ich mich, nachdem sie mich auf der Liege eingestellt hatten,
möglichst nicht mehr bewegen. Dann verließen die Mitarbeiter den Raum und es summte und surrte.
Ich habe nie richtig begriffen, wann der Apparat strahlt, wärmt oder misst. Das erste Mal kamen die
Mitarbeiter wieder rein um den Apparat auf die Bestrahlung von der Seite einzurichten. Später ging die
Prozedur von oben und von der Seite ohne Unterbrechung völlig automatisch.
Ja, und dann konnte ich wieder gehen. Das längste war die Anfahrt und das Warten im Wartezimmer.
In dieser Zeit war ich immer auf dem neuesten Stand in den Königshäusern und bei den anderen
Prominenten, da die neuesten Ausgaben der bunten Blätter im Wartezimmer auslagen. Bis dahin hatte
ich es aufgrund aller Vorsichtsmaßnahmen geschafft, die Zeit ohne Erkältungen zu überstehen. Nun
fuhr ich zumindest morgens bzw. mittags wieder mit Öffis, das Wartezimmer in der Strahlenambulanz
war teilweise sehr voll und ich fühlte mich schon noch etwas unwohl dort. Aber abends holte mich
Reinhard von der Arbeit ab, wir fuhren zur Bestrahlung und waren teilweise erst gegen 20:30 Uhr zu
Hause. Da er zu der Zeit noch den Kurs hatte, konnten wir dann erst unser Essen kochen. Die Tage
waren schon recht lang für uns beide.
Dazwischen telefonierte ich immer mal wieder mit Gaby, wir tauschten Erlebnisse und Erkenntnisse
aus. Uns so verabredeten wir uns gemeinsam mit unseren Männern beim Chinesen zum Essen. Das
Essen war nicht so gut, aber wir vier haben uns stundenlang, und nicht nur über unsere Erkrankung,
nett unterhalten.
Von der Kur hatte Gaby noch keine Nachricht erhalten. Da war ich besser. Ich hatte inzwischen auch
die Zusage von meiner Beihilfestelle erhalten. Die wollten mich allerdings nach Bad Oeynhausen
schicken. Ich hatte aber im Vorfeld geklärt, dass ich, je nach dem, wohin Gaby geschickt wird, den Ort
ändern kann.
Meine vorab festgemachten Bestrahlungs-Termine wurden bei Bedarf nach meinen Wünschen auch
geändert, z.B. für Kaffeeklatsch, Geburtstagsfeiern oder auch Kurzurlaub bei meiner Schulfreundin.
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Und nach drei Wochen stellten sich auch bei mir gewisse Erschöpfungserscheinungen ein. Gepaart mit
erheblichen Rötungen des Bestrahlungsfeldes waren die Tage insgesamt einfach zu lang. So überlegte
ich mir, meine Arbeitszeit nun doch aufgrund der geänderten Bedingungen vorübergehend zu
verringern. Ich wollte täglich fünf Stunden arbeiten, aber meine Überstunden waren nun fast
aufgebraucht und Minusstunden wollte ich deshalb nicht anhäufen.
Damit war mein Stellenleiter natürlich einverstanden, aber wie regelt man das? Die Rechtsstelle wies
mich auf Konsequenzen bezüglich meiner Pension hin, so kompliziert wollte ich das doch gar nicht.
Nachdem ich ihr die Situation geschildert hatte, fragte sie mich, warum ich mich nicht auf die
verringerte Arbeitszeit krankschreiben lasse. Daran hatte keiner gedacht. Und es war doch so einfach.
Die Krankmeldung bestellte ich telefonisch bei meinem Frauenarzt. Auch das ging ohne Probleme.
Meine Schulfreundin Christina, die jetzt in Eschwege wohnt, hatte am 12. Dezember ihren 50.
Geburtstag und feierte ihn am Sonntag, den 13. Dezember in einer Gaststätte in Eschwege. Zunächst
bestand die Überlegung, am Sonntag für ein paar Stunden dorthin zu fahren. Den Gedanken ließ ich
aber wieder fallen und entschied mich dafür, sie am Montag für eine Übernachtung zu besuchen.
Da ihr Mann beruflich unterwegs war, hatten wir die zwei halben Tage und eine Nacht nur für uns, in
der wir dann ausgiebig geredet und dabei 2½ Flaschen Rotwein geleert haben. Ich fuhr mit dem Zug
dorthin und sie holte mich am Bahnhof ab. Wir hatten uns schon längere Zeit nicht mehr gesehen,
haben uns aber doch wieder erkannt. Bei Kaffeetrinken fragte sie mich dann, ob das schon wieder
meine eigenen Haare waren. So gut war meine Perücke, dass sie als solche nicht erkannt wurde.
Natürlich musste ich meine Geschichte etwas ausführlicher erzählen und von ihr kam der Vorschlag,
meine Geschichte doch aufzuschreiben. Ich hatte zwar auch schon daran gedacht, doch bisher noch
nicht den richtigen Anfang gefunden. Wir hatten einen netten, sehr langen Abend und haben ihn sehr
genossen. Am Dienstag fuhr ich wieder nach Hause, meine Bestrahlung hatte ich auf später verlegt.
Wieder eine Beule im Rücken
Dezember 2003
In meinem Rücken hatte sich eine Beule entwickelt. Ich vermutete, dass sich dort wieder Wundwasser
gebildet hatte und ich glaubte, dass dies eine Auswirkung der Bestrahlung war, was aber von den
Ärzten dort verneint wurde. Da der Professor so kurz vor Weihnachten keine freien Termine mehr
hatte, sollte ich zu meinen Gynäkologen gehen. Mein Hausarzt ist näher dran. Also bin ich Freitag, den
19. Dezember morgens zu meinem Hausarzt gegangen, damit er mir das Teil punktiert. Natürlich war
ich insgesamt etwas abgespannt und sah auch nicht aus wie das blühende Leben. Er hört mich ab und
bemerkte, dass meine Lunge etwas rasselt und dass er mich eigentlich krankschreiben wollte. Und das
im Rücken wäre ein Lymphödem, das könne man nicht punktieren. Er schrieb mir Lymphdrainagen
auf. Insgesamt war das alles nicht das, was ich hören wollte und ich ging zur Arbeit.
Weihnachten stand vor der Tür. Heiligabend hatte ich vormittags noch eine Bestrahlung. Da aufgrund
technischer Probleme zwei oder drei Bestrahlungen ausgefallen waren, schaffte ich es nicht, Ende des
Jahres mit den Bestrahlungen fertig zu werden. Deshalb sollte eigentlich Heiligabend und Silvester als
Termin ausfallen, doch dann wäre ich auch an meinem Geburtstag noch dabei gewesen.
Unsere Kinder hatten uns für den ersten Feiertag eingeladen, wir brachten Käsekuchen und Zutaten für
Kochen im Wok mit. Am zweiten Feiertag kam meine Schwester Bettina zum Essen. Da unsere beiden
süßen Enkelkinder wohl doch etwas erkältet waren, hatte ich mir nun auch eine Erkältung eingefangen.
Die kam dann am Wochenende auch richtig durch, aber wirklich nur Schnupfen, an einen Husten kann
ich mich nicht erinnern. Natürlich bin ich zwischen den Feiertagen zur Arbeit gegangen, weil wir nur
knapp besetzt waren und erfahrungsgemäß an diesen Tagen nicht so viel Publikum kam. Deshalb bin
ich zu den normalen Zeiten arbeiten gewesen.
Die Beule im Rücken wurde nicht kleiner. Deshalb sind wir am Montag nach Weihnachten
nachmittags zu meinem Frauenarzt gefahren, der dann insgesamt 80 ccm punktiert hat. Die Flüssigkeit
war reines Blut, was er auf Nachfrage von Reinhard dann auch bestätigte. Er hatte keine Erklärung
dafür, woher dies kam. Er wies aber auch darauf hin, dass es eventuell wieder nachlaufen könnte.
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Eine große Silvesterparty schied dieses Jahr aus, wir feierten, wie sonst auch, bei uns mit unseren
Nachbarn Inge, Peter und Anni. Der Abend fing, wie jedes Jahr, um 19:40 Uhr mit „Dinner for one“
an, immer wieder schön und schon Tradition. Anni hatte wieder ihren berühmten Heringssalat
gemacht. War insgesamt ein netter Abend, an dem einige Flaschen Sekt geleert wurden.
Meine letzte Bestrahlung war am 6. Januar 2004, im Anschluss daran fand das Abschlussgespräch mit
der Ärztin statt. Rückblickend gesehen hatte ich die Behandlung relativ gut überstanden, die Rötung
des Bestrahlungsfeldes behandelte ich inzwischen mit einer Lotion, der auch geringe Mengen Kortison
beigefügt waren. Deshalb waren die Beeinträchtigungen zu ertragen.
Mein 50. Geburtstag
Januar 2004
Eigentlich wollte ich den ja groß im Kreis der Familie feiern. Das hatten wir aber im Vorfeld
aufgegeben. Wir hätten solch eine Feier frühzeitig organisieren müssen und konnten ja damals noch
nicht absehen, wie ich die Bestrahlungen vertragen werde. Also war eine kleine Feier zu Hause
angesagt. Eigentlich wollte ich das Essen vom Party-Service bestellen. Doch Bettina und Reinhard
hatten beschlossen, dass sie an dem Tag für abends belegte Brote schmieren wollten.
Da ich an einem Mittwoch Geburtstag hatte, wollte ich ihn auch auf der Arbeit mit den Kollegen feiern
und hatte gehofft, dass sie diesen Tag auch besonders anerkennen. Sie hatten meinen Schreibtisch mit
Teelichtern zugestellt, aber als ich kam, war keiner im Zimmer. Ich habe mir die Teelichter selbst
angezündet und dabei mein Feuerzeug ramponiert. Sie waren auch alle da, aber insgesamt hatte die
Arbeit doch den Vorrang. Auch mein Abteilungsleiter war da, der dieses Jahr auch einen runden
Geburtstag feiert. Ich bin ein halbes Jahr älter als er. Alles in allem war ich doch etwas enttäuscht über
„meine Feier im Amt“, aber angesichts der immer stärker werdenden Belastung war das wohl nicht
anders zu erwarten.
Meine Kollegin Alice hatte den Mittwoch zwar Urlaub, kam aber extra ins Amt, um mir zu gratulieren.
Als Reinhard mich abholte, kam auch noch Stefan und schenkt mir eine Grünpflanze, die jetzt von
Alice im Büro gegossen wird. Mein Stellenleiter kam gar nicht, obwohl er da war. Deshalb hatte ich
am nächsten Tag ein nettes E-Mail zu Hause, da ich den nächsten Tag meinen F-Tag hatte. „Der unter
dem Teppich, das bin ich“. Ich glaube ihm wirklich, dass es ihm sehr peinlich war und nicht etwa
fehlende Wertschätzung. Aber auch das zeigt auf, wie hart die Zeiten inzwischen geworden sind.
Mein Geburtstag fing mit dem üblichen schönen Frühstück an, dann fuhr Reinhard los, um meinen
Geburtstagsstrauß abzuholen. Es waren 50 rote Rosen, wundervoll gesteckt, weil man diese Anzahl
nicht mehr als Blumenstrauß binden kann. Außerdem hatte er bei der Bäckerei Schäfers eine „50“ als
Kuchen bestellt. Das hatte ich schon beinahe vermutet, weil dieses Angebot seit einem Vierteljahr dort
im Fenster ausgestellt war. Die Fünf war Schwarzwälder Kirsch, die Null Frankfurter Kranz. Also der
Kuchen für den Geburtstagskaffee war da, Reinhard hatte außerdem den tollen Käsekuchen gebacken.
An der Tür hing ein wunderschöner Geburtstagsgruß von unserer Nachbarin Inge, die 50 war etwas
eingerollt wegen des „Datenschutzes“. Ich erklärte ihr aber, dass ich damit kein Problem habe und so
wurde die Kollage um eine sichtbare 50 im Lauf des Tages erweitert.
Zwischen den diversen Anrufen vormittags rief dann auch Reinhard völlig entnervt an und meinte, es
wäre Zeit, nach Hause zu kommen. Meine Verwandtschaft würde gar nicht verstehen, dass ich an
solch einem Tag arbeiten gehen würde. Er könne sich zu Hause vor Anrufen nicht mehr retten. Wir
hatten aber sowieso geplant, dass er mich mittags gegen 13:00 Uhr abholt.
Der Kaffeetisch war gedeckt und als Überraschungsgäste tauchten Doris und Horst mit einem
wunderschönen Blumenstrauß auf. Das Wohnzimmer füllte sich zusehends, das Telefon stand nicht
still, der Käsekuchen war als Erstes alle und beim Geschenke auspacken halfen mir meine süßen
Enkelkinder. Lukas ging dann runter zu Jendrik zum Spielen, Bettina und Reinhard bewältigten den
Kaffeeabwasch und begannen mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Dann kam noch Schubert
Junior und schenkte mir einen lustigen Geburtstagsluftballon, der die Attraktion für die Kinder war, bis
wir ihn unter die Decke hängten.
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Insgesamt hatte ich eine schöne Geburtstagsfeier, wenn sie auch wesentlich kleiner ausgefallen war,
als ich sie ursprünglich geplant hatte. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Die Kur ist genehmigt
Januar 2004
Dann bekam Gaby die Mitteilung von der BfA, dass die Kur in Bad Oeynhausen genehmigt war. Da
wollten wir beide nicht hin, denn dann hätten wir zum Schlafen auch wieder nach Hause fahren
können. Wir waren geistig auf die See, vorzugsweise Nordsee eingestellt.
Wir trafen uns am Samstag, den 10. Januar im Wiener-Cafe, um uns darüber zu unterhalten. Wir hatten
im Vorfeld aus dem Internet die Umgebungskarte ausgedruckt. Ich hatte mich schon seelisch darauf
eingestellt, dass wir eben dorthin fahren. Gaby ging inzwischen wieder mit ihren eigenen Haaren,
wenn sie auch noch recht kurz waren. Aber sie konnte das ja so tragen, und sie fühlte sich sehr viel
wohler damit als mit der Perücke.
Sie erzählte, dass sie gegen die Entscheidung der BfA Widerspruch einlegen wollte. Da der Klinik eine
Kinderkrebsklinik angeschlossen war, wollte sie das damit begründen, dass sie aufgrund eigener
Erfahrungen mit ihrem Sohn nicht in eine solche Klinik möchte. Sie hatte dafür auch Unterstützung
und Hinweise von Ihrer zuständigen Sachbearbeiterin bei der Techniker Krankenkasse bekommen.
Somit war das eigentliche Thema unseres Treffens erledigt und wir haben uns dann noch nett
unterhalten. Übrigens stellte sich dann auch heraus, dass ihr Antrag auf die Kur erst Anfang Dezember
vom Nordstadtkrankenhaus abgeschickt wurde und sie deshalb so spät die Bewilligung erhalten hatte.
Ein geplatztes Blutgefäß
Januar 2004
Die Beule im Rücken hatte sich wieder gefüllt, deshalb hatten wir für Montag, den 12. Januar
nachmittags einen Termin beim Professor. Als ich meinen Oberkörper frei machte, fragte er völlig
fassungslos: “Was haben die mit meiner Brust gemacht?“. Er hatte wohl noch nie eine frisch bestrahlte
Brust gesehen oder es sah nach seinen Erfahrungen schlimmer aus als es in Wirklichkeit war. Da es
meine erste Bestrahlung war, kann ich das natürlich nicht beurteilen. Er riet mir auch ab, die Lotion
weiter zu verwenden und es statt dessen mit normaler Hautmilch zu versuchen.
In Anbetracht der Beule und nach Überprüfung mit dem etwas älteren Ultraschallgerät entschied er,
dass eine Drainage gelegt werden muss. Es war ein Gefäß geplatzt, und das Blut konnte vom Körper
nicht absorbiert werden. Das kommt gelegentlich vor, eine Erklärung dafür gibt es nicht. Es können
Auswirkungen der Chemotherapie sein. Er konnte nicht sagen, ob und womit ich solches verhindern
kann. Er erzählte von einer Patientin, die mit so etwas zu lange gewartet hatte. Das Blut war geronnen
und er musste es operativ entfernen. Er machte uns somit auch keinen Vorwurf, dass wir wieder zu
ihm gekommen waren.
Die Drainage sollte am Dienstag vormittags auf Station 40 eingesetzt werden. Wir wurden an dem Tag
von Schwester Anne mit „Hallo, Frau Luszcz“ begrüßt und konnten gar nicht glauben, dass sie sich
noch an uns erinnern konnte. War auch nicht so, natürlich war ich angemeldet. Und sie gratulierte mir
nachträglich zu meinem runden Geburtstag.
Ich hatte mir für den Einsatz extra einen „unfallfreien“ Pullover, den ich ohne Absetzen der Perücke
ausziehen konnte, angezogen. War aber gar nicht nötig. Ich sollte nur den Pullover im Rücken
hochziehen, Schwester Anne konnte gerade noch Mull zum Schutz der Hose unterlegen, bevor der
Professor zur Spritze griff. Reinhard wollte eigentlich draußen warten, sollte aber lt. Professor mit
herein kommen.
Die Spritze tat etwas weh, den Einsatz der Drainage merkte ich dann nicht mehr. Der Professor hatte
den Drainageschlauch unten nicht geschlossen. Da das Blut etwas unter Druck stand, floss die erste
Ladung gleich ungehindert auf den Fußboden, nicht ohne vorher den Professor auch noch zu treffen.
Er und der Fußboden sahen dann auch entsprechend aus. Schwester Anne konnte mit ihrem schnellen
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Eingriff dann Größeres verhindern. Die ersten 100 ml liefen in den Beutel, der dann auch gleich
wieder ausgewechselt wurde. Danach ging ich zur Arbeit, ein Schlauch ist kein Grund für eine
Krankschreibung. Ich hatte eine Hose mit schrägen Taschen, in der ich den Schlauch verstauen konnte.
Und Übung mit einem Drainageschlauch hatte ich ja auch.
Der Freitag, 16. Januar fing um 9:00 Uhr mit Verbandwechsel im Nordstadt an, um 15:30 Uhr hatten
wir einen Termin in der Strahlenambulanz zur Nachkontrolle und abends gingen wir mit meiner
Schwester Bettina zum Italiener Essen. Sie hatte Geburtstag und wir luden Sie dorthin ein.
Mein Rücken tropfte immer noch und so musste ich alle zwei bis drei Tage zum Verbandwechsel ins
Nordstadt. Erst am 27. Januar kam der Schlauch wieder raus. Wir waren in der Nachmittagsstunde
beim Professor, Reinhard assistierte ihm beim Entfernen des Schlauches, weil auch ein Professor nur
zwei Hände hat. Damit war das Kapitel abgeschlossen.
Der dritte Therapie-Abschnitt
Januar 2004
Nun stand aber noch eine weitere Therapie an. Mit Chemotherapie und Bestrahlungen war die
Behandlung meiner Erkrankung noch nicht abgeschlossen. Da ich einen hormonpositiven Tumor hatte,
schließt sich jetzt noch eine Medikamententherapie für fünf Jahre an. Mit diesem Medikament sollen
die restlichen Östrogene eingeschrumpft werden.
Ich hatte die Empfehlung für das Medikament Arimidex bekommen, mit dem ich nun anfangen sollte.
Mein Frauenarzt hatte zwei Probepackungen für mich, damit ich erst mal die Wirkung testen konnte,
bevor ich das teure Medikament kaufe. Im Gegensatz zu den Hormonpillen, die lt. Studien vor
Osteoporose schützen, bin ich nun eher osteoporosegefährdet, weil die Östrogene zurückgehen.
Aber das warten wir erst mal ab. Insgesamt vertrage ich dieses Medikament recht gut, die
Nebenwirkungen halten sich noch in Grenzen. Das Rezept wird für eine 100-Stück-Packung
ausgestellt, die Apotheke möchte den Betrag von 558,52 € direkt von mir haben. Diesen Einkauf kann
ich mir nur am Monatsanfang leisten und die Rechnung dann ganz schnell einreichen.
Zweites Kurangebot und weitere Ereignisse
Februar / März 2004
Gaby hatte relativ schnell die Mitteilung von der BfA bekommen, dass die Kur auf der Insel Usedom
stattfinden sollte. Weiter weg ging ja auch nicht mehr. Mit diesem Vorschlag waren wir einverstanden.
Deshalb schrieb ich die Klinik direkt an und informierte meine Beihilfestelle über den gewünschten
Ort. Beides machte keine Schwierigkeiten. Ich bekam zuerst die Nachricht, dass die Kur etwa Mitte
März beginnen sollte. Bei Gaby dauerte es eine Woche länger, weil ihre Akten bereits nach Bad
Oeynhausen geschickt wurden und nun über Berlin erst nach Usedom geschickt werden mussten.
Dann bekamen wir zeitgleich die Mitteilung, dass unsere Kur am 17. März beginnen sollte. Die
Vorbereitungen für die Kur trafen wir in diversen Telefonaten, für ein gemeinsames Treffen hatten
unsere Terminkalender irgendwie kein Fenster mehr.
Nun wurde die Zeit knapp und der Port sollte ja auch noch raus. Ich hatte die Vermutung, dass die
gleiche Prozedur wie beim Einsetzen auf mich zukommt. Aber von Schwester Anne hatte ich erfahren,
dass dieser Eingriff in diesem Krankenhaus ambulant stattfindet und der Professor ihn selbst
herausoperiert.
Das klang dann schon besser und so war am Montag die vorstationäre Aufnahme mit EKG und
Blutentnahme, Aufklärungsgespräch beim Professor und mit dem Anästhesisten. Da der Port nur mit
örtlicher Betäubung eingesetzt wurde, wollte ich auf eine leichte Narkose beim Herausnehmen
verzichten, ein bisschen gegen den Willen des Professors. Also fand ich mich Dienstagmorgen um
6:30 Uhr auf Station 40 ein, zog das OP-Hemd und die Thrombosestrümpfe an und wartete. Der
Eingriff sollte gleich morgens um 8:00 Uhr als Erstes stattfinden.
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Diesmal habe ich den OP-Bereich in der Frauenklinik bei vollem Bewusstsein erlebt. Viel Platz haben
die in den Gängen auch nicht, das Bett passt gerade so um die Ecken. Ich stieg um auf die OP-Liege
und wurde mit vorgewärmten Frotteehandtüchern zugedeckt. Fast wie in einem 4-Sterne-Hotel.
Im OP wurde ich von allen nett begrüßt, dann wurde mir ein grünes Laken vor das Gesicht gehängt,
damit ich nicht zugucke und vielleicht eingreife. Die Betäubungsspritze habe ich noch gemerkt, dann
wurde ein bisschen rumgezuppelt, weil der Port schon etwas eingewachsen war. Ich erinnerte den
Professor daran, dass ich den Port als Andenken mitnehmen wollte. Nach knapp 20 Minuten war alles
vorbei. Ich bedankte mich beim OP-Personal und wurde zusammen mit meinem Port aus dem OP
herausgefahren und stieg wieder um in mein Bett.
Ich musste dann noch drei Stunden ruhig liegen bleiben, um evtl. Nachblutungen vorzubeugen. Da ich
sehr früh aufgestanden war, verbrachte ich einen Teil der Zeit mit Schlafen. Mittags holte Reinhard
mich wieder ab und alles war gut. Selbst als die Betäubung langsam nachließ, brauchte ich diesmal
keine Schmerztabletten zu nehmen.
Ab 2. Februar arbeitete ich wieder die volle Stundenzahl und auch wieder die normalen Zeiten. Ich
hatte für mich beschlossen, dass die gefährliche Zeit vorbei war und von den Bestrahlungen hatte ich
mich recht gut erholt.
Meine Haare kamen wieder, auch die Augenbrauen und Wimpern wurden wieder mehr. Gaby hatte
sich den ersten Flaum noch mal abrasieren lassen, davon wollte ich nichts wissen. Ich kämpfte um
jeden Millimeter. Bis ich aber ohne Perücke gehen konnte, würde noch eine Menge Zeit ins Land
gehen. An Annis Geburtstag am 13. Februar ließ ich mich dann aber von den Gästen (die Nachbarn
und Silvia waren noch da) überreden, meine eigenen Haare mal zu zeigen. Alle waren völlig
begeistert, wie lang sie schon waren.
Vorbereitung für die Kur
März 2004
Nun galt es, die Vorbereitungen für die Kur vorzunehmen. Reinhard wollte mich mit dem Auto
hinbringen und auch wieder abholen. Die Kur endete in der Woche vor Ostern. Deshalb beschlossen
wir, im Anschluss an die Kur noch eine Woche auf der Insel gemeinsam zu verbringen, wenn wir doch
schon mal da sind. Immerhin war der Ort 530 km von uns entfernt. Ich suchte im Internet nach einem
geeigneten Hotel.
Die Angebote in den drei „Kaiserbädern“ Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin wollten und konnten wir
nicht bezahlen. Wir entschieden uns dann für Zinnowitz und bekamen für die fragliche (und teuerste,
weil Ostern) Zeit noch ein Zimmer. Gleichzeitig buchten wir noch eine Übernachtungsmöglichkeit für
Reinhard und Gaby’s Mann in Ückeritz für die Hinfahrt.
Was muss man für eine Kur mitnehmen? Muss ich doch sicher Sport machen. Deshalb kaufte ich mir
ein paar neue Turnschuhe, für die Halle wollte ich meine Kegelschuhe mitnehmen. Und ein
Trainingsanzug wird wohl auch nötig sein, den besaß ich auch nicht.
Ich musste für vier Wochen planen, drei Wochen Kur und eine Woche Urlaub. Deshalb kaufte ich
noch drei T-Shirts, wegen des Sports. Wie viele Kleider und Schuhe sollte ich mitnehmen? Geht man
abends aus? Fragen über Fragen. Und mein Reinhard würde sich drei Wochen zuhause nur von
Schweinehaxen, Dosenfisch und Brot ernähren. Wie sollte er nur die Zeit überstehen. Also aus seiner
Sicht sollte ich mir darüber mal keine Gedanken machen, er würde die Zeit schon überstehen.
Je näher die Zeit rückte, um so weniger wollte ich wirklich zur Kur. Reinhard redete auf mich ein wie
auf ein krankes Pferd und versuchte, mir die Vorteile einer Kur aufzuzeigen. Als ob er davon Ahnung
hätte. Er war schließlich auch noch nie zur Kur. Der Dienstag kam und ich musste Koffer packen. Ich
habe noch nie so lange zum Packen gebraucht. Und wenn Gaby angerufen hätte, dass sie es sich
überlegt hat und doch nicht fährt, hätte ich zum Auspacken nur eine Viertelstunde gebraucht. Aber sie
hat nicht angerufen, sondern selbst die Koffer gepackt.
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Kuranfang
März / April 2004
Am Mittwoch, den 17. März fuhren wir los. Gaby und Peter fuhren mit ihrem Auto, weil deren Auto
bei uns auf der Insel blieb, damit wir etwas mobiler waren. Peter fuhr am nächsten Tag mit Reinhard
zurück. Wir kamen am frühen Nachmittag an und checkten ein. Die Begrüßung war sehr freundlich,
fast wie ein Hotel.
Auf der Station änderte sich das dann. Nachdem wir das Gepäck ins Zimmer geschafft hatten, kam
schon eine Schwester und „überfiel“ mich mit den ersten Terminen. In einer Viertelstunde hatte ich
mit Slip und Bademantel beim Stationsarzt zu erscheinen. Die ersten Untersuchungstermine waren
auch schon festgelegt. Reinhard durfte auf Nachfrage bei dem ersten Gespräch nicht mit dabei sein
„das wäre hier nicht üblich“.
Also wartete er vor dem Arztzimmer auf mich. Ich hatte meine Krankenberichte selbst an die Klinik
geschickt. Dazu gab ich dem Arzt noch meine Exceltabelle mit den Blutwerten. Er stellte ein paar
Fragen nach meinem Befinden und schaute sich die Narben an. Er stellte auch fest, dass die
Beweglichkeit beider Schultergelenke eingesteift war. Das war mir selbst auch klar. Durch die Narben
und später das geplatzte Gefäß hatte ich sicherlich in den letzten Monaten eine Schonhaltung
eingenommen.
Er fragte mich nach meinen sportlichen Aktivitäten zuhause, die ich mit dem Spruch von Churchill
beantwortete „No sports anymore“, mein Lebensmotto. Auch die Frage nach dem Rauchen
beantwortete ich wahrheitsgemäß, er ließ die Aussage so stehen und wies nur vorsichtig darauf hin,
dass in der Klinik auch Unterstützung angeboten wird, wenn man das Rauchen aufgeben möchte. Das
war bei mir aber nicht der Fall. Ich erzählte ihm noch, dass ich eigentlich keine Kur machen wollte und
mich ziemlich unglücklich fühle.
Inzwischen waren auch Gaby und Peter eingetroffen, die Männer suchten ihr Quartier für die
Übernachtung auf. Ich räumte die Koffer aus und versuchte, mich in dem Zimmer einzurichten. Die
Größe und Ausstattung waren in Ordnung, leider kein Balkon und Rauchverbot im gesamten Haus. Für
die Raucher gab es einen überdachten Unterstand auf dem Garagenhof. Das konnte ja heiter werden.
Aber wir waren im strahlenden Sonnenschein angekommen, es war Mitte März und der Frühling sollte
ja auch kommen.
Gaby und ich meldeten uns zum Abendessen im Speisesaal als Neue an. Wir waren für verschiedene
Tische vorgesehen, was wir beide vehement ablehnten. Wir hatten uns zu zweit angemeldet und
wollten auch zusammen sitzen. Und wir stellten gemeinsam fest, dass es alles nur schrecklich hier war.
Wir hielten mit unserem Widerstand die Schlange der anderen Neuangekommenen ziemlich auf,
deshalb ließen sich die Mitarbeiter erweichen und machten einen neuen Tisch zusammen mit zwei
weiteren Ankömmlingen für uns auf.
Nach dem Abendessen gingen wir runter ins Dorf zu unseren Männern, um im Warmen ein Glas Wein
zu trinken und die Zigaretten gemütlich zu rauchen. Um 22:30 Uhr war Sperrstunde und wir mussten
in der Klinik sein. Da wir beide für den nächsten Morgen schon die ersten Untersuchungstermine
hatten, verabschiedeten wir uns von unseren Männern bereits an dem Abend, weil die morgens nach
dem Frühstück zurückfahren wollten.
Am nächsten Morgen mussten wir uns bereits um 6:30 Uhr vorm Schwesternzimmer einfinden. Wir
wurden gemessen, gewogen, die Arme wurden vermessen und es wurde Blut abgenommen. Im Liegen,
falls uns schlecht wird. Wenn die wüssten, wie oft mir im letzten halben Jahr Blut abgenommen
wurde. Danach sind wir erst mal eine rauchen gegangen, für das Frühstück blieb nicht viel Zeit.
Außerdem mussten wir noch das Essen für die nächste Woche bestellen. Dann mussten wir zur
Blutgasanalyse und zum Lungentest. Und beide stellten wir fest, dass so eine Kur ganz schön stressig
ist. Um 9:30 Uhr folgte ein Rundgang, um sich in der Klinik besser zurecht zu finden. Wir kamen
natürlich zu spät, weil wir noch eine rauchen waren. Aber wir fanden die Gruppe noch.
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Ja, und dann war es wie abgeschnitten. Um 13:30 Uhr hatten wir noch ein „Arztseminar / Onkologie“,
in dem die einzelnen Behandlungsmethoden nach einer Brustkrebsoperation vorgestellt und erklärt
wurden. In meinen Aufzeichnungen steht „war überflüssig“, weil Patienten in meinem Stadium diese
Behandlungen bereits hinter sich haben und deshalb darüber ausreichend informiert, weil selbst erlebt,
sind. Danach hatten wir frei. Immer Freitagnachmittag befanden sich die neuen Behandlungspläne für
die nächste Woche in den Postfächern. Das war ziemlich professionell gemacht und so konnten Pläne
für die Freizeit entstehen.
Die Anwendungen fanden überwiegend vormittags, Vorträge oder Entspannung fanden bis spätestens
15:00 Uhr statt. Der Nachmittag war somit meistens frei. Und erfreulicherweise bekam ich weder
Walking noch Ergometer (Fahrradfahren) verordnet. Mein Hinweis auf Churchills Lebensmotto hatte
wohl gewirkt. Ich hatte Sport ja nicht von vorne herein abgelehnt, war aber mit meinen Verordnungen
zufrieden. Das waren alle zwei Tage Bewegungsbad, Atemgymnastik und Gruppengymnastik, dazu
noch Einzeltherapie postoperativ und Ultraschallbehandlung für die Schulter.
Freizeit
März / April 2004
Ich hatte am Freitag nur um 9:30 Uhr das Bewegungsbad, bei Gaby war es auch nur eine Anwendung.
Da das Wetter zum Wochenende schlechter werden sollte, entschieden wir uns für einen
Strandspaziergang nach dem Mittagessen. Die Klinik liegt an der Steilküste, es führt eine Treppe mit
120 Stufen zum Strand. Runter kein Problem, hoch wird man recht schnell kurzatmig.
Am Strand entschieden wir uns für rechts herum und so gingen wir los. Wie schon erwähnt, hatte ich
mir ein Paar neue Turnschuhe gekauft, die ich auch angezogen hatte. Nun ist der Ostseestrand nicht
mit dem Strand auf einer Nordseeinsel zu vergleichen. Es gibt keinen festen Untergrund, der alle 6
Stunden glatt gezogen wird. Man läuft an der Ostsee durch relativ weichen Sand, der nachgibt.
Die Sonne schien, wir marschierten los und hatten (wie alle Frauen, würde mein Reinhard sagen) viel
zu erzählen. Links das Wasser, rechts Naturstrand mit Dünen, kein Hinweis auf Orte oder evtl.
Restaurants hinter der Düne. Nach einer Stunde, ca. 15:00 Uhr entschieden wir, dass die nächste Tasse
Kaffee unsere sei. Eine Spaziergängerin, die uns entgegen kam, fragten wir nach der nächsten Tasse
Kaffee. „Eine Stunde vorwärts, oder eine Stunde in die Richtung, aus der wir kamen“. Wenn wir uns
für vorwärts entscheiden, wären wir in Bansin. Ich erinnerte mich dunkel, ein Schild mit einer
Kilometerangabe „9 km nach Bansin“ gesehen zu haben.
Wir entschieden uns für vorwärts und erreichten nach einer Stunde den Ort. Das nächste geöffnete
Restaurant war unseres. Vorher hatten wir schon festgelegt, dass wir mit der Bäderbahn zurückfahren
und den Weg zum Bahnhof hatten wir auf dem Ortsplan auch gefunden. Nachdem wir uns
einigermaßen erholt hatten, gingen wir noch einen Kilometer bergan zum Bahnhof, der Zug kam in
einer angemessenen Zeit und wir fuhren zwei Stationen zurück in unseren Ort. Zur Klinik waren es
dann noch mal einen Kilometer, wir schafften das Abendessen gerade noch und hatten für den Abend
keine weiteren Wünsche mehr.
Den Samstag hatte ich um 9:00 Uhr die erste Info für Atemgymnastik, also vorher frühstücken. Den
Tag über habe ich mich vom Vortag erholt, bin ab und zu eine rauchen gegangen und hatte für abends
noch keinen richtigen Plan. Und das Wetter wurde schlechter, es kam Wind und Regen auf. Trotzdem
entschieden Gaby und ich, abends in den Ort zu gehen, um im Warmen bei einem Glas Wein
gemütlich zu rauchen. Der Ort gab ja sonst nicht viel her und wir entschieden uns für die Pension, in
der unsere Männer übernachtet hatten.
Wir kamen gerade noch trocken dort an, bevor das Unwetter anfing. Der Wirt fragte, ob wir einen
Schirm mithätten. Natürlich nicht, hätte uns bei dem Wind sowieso nichts genützt, außerdem hatte ich
gar keinen Schirm mit. Wir haben das Unwetter ausgesessen, als wir gingen, hörte der Regen auf.
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Am Sonntag traten die ersten Nachwehen vom Gewaltspaziergang auf. Weniger ein Muskelkater, mit
dem ich gerechnet hatte. Mein rechtes Knie tat bei jedem Schritt weh, ich konnte die Diagnose aber
selbst stellen. Wer in neuen flachen Schuhen, die man sonst nie trägt, einen Gewaltmarsch im weichen
Sand macht, braucht sich nicht zu wundern. Und ich hoffte, dass sich das wieder geben würde.
Auf Anraten der sehr netten Krankengymnastin Frau Hrasdil, die die Einzeltherapie und Ultraschall
mit mir machte, verzichtete ich auf das Treppensteigen und fuhr nur noch Fahrstuhl. Und das mir, die
nicht warten kann und deshalb kein Fahrstuhl fährt! Am Schlimmsten war das Gehen bergab, ich
gewöhnte mir eine langsamere Gangart mit gestrecktem Knie an.
Kur-Alltag
März / April 2004
Ich hatte meine Beschwerden dem Stationsarzt bei der Arztvisite am Dienstag geschildert. Nur, der
war Gynäkologe und hatte als Behandlung nur Schmerztabletten für mich. So schlimm war es nun
auch nicht. Außerdem hatte ich die selber mit, aber bisher nicht gebraucht. Mit Andrea und Margit, die
mit an unserem Tisch saßen, verabredeten wir uns abends auf eine Runde Kniffeln. Margit mussten
wir dieses Spiel erst beibringen, dafür gewann sie gleich am ersten Abend. Dazwischen gingen Gaby
und ich zum Garagenhof eine rauchen. Es war ziemlich kalt abends und wir zittern uns richtig einen
ab. Und wir wollten uns erst gar nicht vorstellen, wie die armen Raucher im Winter mit so etwas klar
kommen.
Nach einer Woche hatte ich mit der Kur doch meinen Frieden gemacht. Ich musste mich nicht um
Einkaufen, Essenkochen und Haushalt kümmern. Zwischen den einzelnen Anwendungen war immer
genug Zeit für eine Zigarette, ich habe noch nie so gesund geraucht. Mit den anderen Patientinnen
tauschte ich Erfahrungen aus und entschied mich dann doch, die Spitzen meiner Haare schneiden zu
lassen. Vielleicht wuchsen die Haare dann besser und schneller. Ich lief weiter mit Perücke oder
Mützchen herum, die eigenen Haare waren noch nicht lang genug. Aber damit hatte ich ja keine
Probleme.
Irgendwie vergingen die Tage wie im Flug. Es gab viele Erlebnisse und Gespräche, die ich aber nicht
im Einzelnen aufschreibe. Die Anwendung „Entspannung nach Jacobsen“ habe ich nach zwei
Terminen für mich selbst abgewählt. Ich bin eben kein Mensch für solche Veranstaltungen. Richtig
kontrolliert wurde die Anwesenheit nicht. Die Mappen wurden zu Beginn der Veranstaltung auf einen
Stapel gelegt und von der Therapeutin am Block abgezeichnet. Das kann man auch selber.
Die Oberarztvisite am zweiten Montag verlief auch nicht nach meinen Vorstellungen. Für mein Knie,
das sich nicht besserte, gab es kein Behandlungsangebot. Dafür zählte die Oberärztin die Nachteile des
Rauchens auf und hielt mir einen entsprechenden Vortrag. Danach sagte sie aber zu, dass man
versuchen würde, mit dem auswärtigen Orthopäden einen Termin zu vereinbaren. In der Woche
wurden die Knie geröntgt, es waren keine Veränderungen zu erkennen, die meine Beschwerden
begründet hätten.
Der Orthopäde hat sich am Freitag die Knie angesehen. Stellte fest, dass ich rechts ein leichtes O-Bein
habe, beide Kniescheiben sehr locker sitzen, aber sonst auch nichts festzustellen sei. Am Montag
erhielt ich auf der Station noch eine Sportsalbe zur Linderung der Beschwerden. Dazwischen hatte
Frau Hrasdil aber immer wieder, wenn es die Zeit erlaubte, mein Knie behandelt. Die Beschwerden
besserten sich leicht, die Treppen (wenn es nicht anders ging) ging ich aber weiter Stufe für Stufe.
Ich lernte Christa Bohlmann kennen. Sie hat über ihre Erkrankung ein Buch geschrieben und in der
Klinik eine Lesung zu diesem Buch abgehalten. Sie hat mir das Buch später geschenkt. Ich habe es
immer noch nicht gelesen, weil ich mich für meinen Rückblick nicht beeinflussen lassen will. Christa
hat noch weitere Bücher geschrieben, zu denen zwei Lesungen stattfanden. Da sie auch
Kniebeschwerden aufgrund einer missglückten Operation hatte, machten wir zwei „Fußlahmen“ öfter
gemeinsam angemessene Spaziergänge.
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Am Wochenende fuhren wir mit Gabys Auto Richtung Heringsdorf und Ahlbeck. So bin ich dann auch
auf den Polenmarkt gekommen, wo ich eigentlich grundsätzlich nicht hin wollte. Ich bin mit Christa
dann von Ahlbeck nach Heringsdorf die Promenade lang gegangen, mittags hat uns Gaby an der Straße
wieder eingesammelt. Wir sind an dem anderen Wochenende mit dem Schiff nach Polen gefahren,
aber nur wegen der Zigaretten. Es gab abends zwei bis drei Mal Veranstaltungen, von denen wir einige
besuchten.
Die Abend- und Gute-Nacht-Zigarette rauchten wir mit den anderen Raucherinnen inzwischen hinter
der Hecke gegenüber dem Eingang. Ich hatte dafür immer meinen Taschenaschenbecher dabei,
zumindest unsere Kippen mussten am nächsten Tag nicht aufgesammelt werden.
Und am Ende meiner Kurzeit sagte Gaby abends sinnend bei der Gute-Nacht-Zigarette: „Aber das
nächste Mal fahren wir nicht mehr hier her.“ Wie jetzt, doch Geschmack daran gefunden? Aber wenn
man es objektiv betrachtet, ist so eine Kur doch gut. Und an das gesunde Rauchen kann man sich
gewöhnen. Das Ende der Kur rückte näher und es fanden diverse Abschiedsrunden in der Cafeteria
statt. Da dort auch Wein ausgeschenkt wurde, endeten manche feuchtfröhlich.
Nach der Kur
April 2004
Es war verabredet, dass Reinhard Gabys Mann wieder mitbrachte. Die beiden hatten in der Nähe eine
Ferienwohnung gebucht. Und ihr Auto stand ja bereits auf dem Klinikgelände. Gaby musste die
Osterwoche noch in der Klinik verbringen, hatte sich für Mittag- und Abendessen aber dort
abgemeldet.
Reinhard musste vor der Abfahrt noch den Abwasch der letzten drei Wochen erledigen, lt. Anweisung
seinen Koffer packen und den Müll heraustragen. Die Abfahrt war für 5:00 Uhr morgens verabredet,
damit sie vormittags dann da waren. Da zu der Zeit in Hannover gerade ein Gewitterschauer tobte, ist
Peter pitschnass geworden und trocknete auf der Fahrt langsam wieder.
Ich musste mein Zimmer bereits um 8:00 Uhr räumen und stellte die Koffer in der Eingangshalle ab.
Ich wartete dann sehnsüchtig auf meinen Reinhard, den ich drei lange Wochen lang nicht gesehen
hatte und war heilfroh, als sie fast pünktlich zum verabredeten Termin vorfuhren. Wir fuhren dann
weiter nach Zinnowitz, wo wir noch eine Woche Urlaub gemeinsam verbrachten.
Das Hotel hatte zufällig ein Schwimmbad und so konnte ich jeden Tag ein paar Übungen machen, die
ich im Bewegungsbad gelernt hatte. Den Ostersonntag trafen wir uns mit Gaby und Peter in Zinnowitz,
Andrea kam mit der Bäderbahn und wir verbrachten bei schönem Wetter einen netten Nachmittag. Der
Strandspaziergang mit Reinhard wurde auch länger als geplant, weil wir an dem anvisierten Ort
vorbeigelaufen sind und dann erst im nächsten Ort gelandet sind. Vor dort sind wir dann mit der
Bäderbahn zurückgefahren.
Usedom ist sicherlich eine schöne Insel. Langer Sandstrand, relativ wenig Buhnen an einzelnen
Stellen, lange Kiefernwälder direkt hinter den Dünen mit gut angelegten Wanderwegen. Die bekannten
Orte Heringsdorf, Ahlbeck, Bansin und Zinnowitz sind zumindest an der Promenade sehr schön
restauriert und bieten dem Besucher alles, was schön und teuer ist. Der Verkehr ist entsprechend dicht
und Parkplätze gibt es nur gegen Bares. Das hat uns schon vor ein paar Jahren auf Fischland sehr
gestört. Da die Preise genau so hoch sind wie auf den Nordseeinseln, werden wir nicht noch einmal
nach Usedom fahren. Und der Strand auf einer Nordseeinsel gefällt uns viel besser.
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Schlussworte
April 2004
Damit endet die Geschichte über die Krebserkrankung, die für mich immer „eine Unterbrechung
meines gewohnten Alltags“ war. Meine Kräfte sind wieder da, ich gehe (wie immer schon) selten vor
Mitternacht ins Bett und komme morgens entsprechend schlecht wieder raus. Die Wäsche bringt
Reinhard meistens in den Keller (dort stehen Waschmaschine und Trockner) und holt sie wieder rauf.
Inzwischen putzt er die Fenster, übrigens wesentlich weniger aufwendig als ich, aber sie sind trotzdem
sauber. Die Gardinen hängt er schon länger auf, nicht erst seit dem letzten Jahr. Das Bügeln
übernehme ich weiter, auch das Saubermachen und Wischen. Das Abwaschen übernimmt schon immer
Reinhard, ich bin für das Abtrocknen zuständig.
Ich habe immer noch Spannungen an der Rückennarbe und höre in mich hinein, ob sich da wieder
etwas bilden könnte. Die operierte Brust macht eigentlich überhaupt keine Probleme. Mit dem
„eingepflanzten“ Rückenmuskel kann ich diesen Teil der Brust extra zucken lassen, das kann auch
nicht jede!
So sehen die Narben heute, am 21. Juni
2004 aus.
Ich versuche, die Schultern gängig zu halten und abends meine Übungen zu machen. Klappt nicht
jeden Abend, aber zwei- bis dreimal in der Woche während der Nachrichten. Der Platz vor dem
Fernseher ist gerade groß genug.
Schwere Sachen zu tragen habe ich mir abgewöhnt, die Aktenstapel sind kleiner als früher.
Die gelegentlichen Hitzewellen und die Gelenkbeschwerden morgens nach dem Aufwachen führe ich
auf das Medikament zurück, damit kann ich leben. Es gibt sicherlich viele Menschen, die es wesentlich
schlimmer getroffen hat als mich.
Und meine aktuelle Frisur ist nach der Perücke die pflegeleichteste, die ich je hatte.
Zum Schluß ein herzliches DANKE an alle, die mich in dieser Zeit behandelt, gepflegt und unterstützt
haben und in meinem Bericht erwähnt sind!
Reinhard hat mich zu jedem Arztbesuch begleitet, mich überall hingefahren, mich beschützt, behütet
und bekocht und unseren Alltag organisiert, meine Arbeitszeiten mitgetragen und meine Wünsche
erfüllt. Er hat meinen Rückblick technisch realisiert für das Internet und den Ausdruck.
Ich danke Reinhard für alles und liebe ihn von ganzem Herzen. Er ist mein "Goldstück" und mein
Leben.
D:\68614497.doc
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