Ulrich Streeck: Auf den ersten Blick

Werbung
Ulrich Streeck: Auf den ersten Blick. Psychotherapeutische Beziehungen unter
dem Mikroskop. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, EUR 30,00
Es ist eine gängige Redewendung in den Körpertherapien, dass der Körper
„spricht“. Bioenergetiker z. B. reden gern von einer „Körpersprache“, die sich
über bestimmte Charakterstrukturen ausdrückt. In diversen ManagmentSeminaren wird versucht, einer scheinbar universellen Körpersprache auf die
Spur zu kommen und ihr Wissen um sie für den Umgang mit Kunden nutzbar zu
machen. Dass diese – für den alltagssprachlichen Gebrauch durchaus plausible –
Vorstellung einer Körpersprache so einfach nicht aufrecht erhalten kann, macht
der Autor des Buches klar. Er stellt „Körpersprache“ mit seinen Untersuchungen
auf einen wissenschaftlichen Boden – auf differenzierte und zugleich gut lesbare
Art und Weise.
Streeck ist Psychoanalytiker, Psychiater und ärztlicher Direktor des
Niedersächsischen Landeskrankenhauses Tiefenbrunn; er hat sich seit geraumer
Zeit im deutschen Sprachraum einen Namen gemacht. Er kann als einer der
bedeutsamsten zeitgenössischen Affektforscher bezeichnet werden, mit dem
Schwerpunkt nonverbale Interaktion.
Seine Forschung zeigt eindeutig: Viele Details im psychotherapeutischen
Geschehen sind dem bloßen Auge nicht zugänglich; und dennoch wirken sie.
Patient und Therapeut sprechen miteinander, aber es passiert noch mehr. „Was
geschieht dabei noch, über den Austausch von Worten hinaus?“ (S. 11). Das ist
die zentrale Fragestellung. Wir wissen mittlerweile, dass zwischen Menschen
auf unbewusst-körperlicher Ebene unentwegt Prozesse geschehen, die alle
Interaktionspartner beeinflussen. Die Säuglingsforscher nennen diese Prozesse
Affektabstimmung, die Biologen nennen sie Synchronisation, die
Verhaltenstherapeuten sprechen von Kontingenzen bzw. von wechselseitigen
Konditionierungen. Diesbezügliche Untersuchen im psychoanalytischen Feld
betreffen bislang vor allem den mimischen Austausch – genannt seien die
Arbeiten von Rainer Krause. Ulrich Streeck geht in seiner Arbeit über die
Erfassung der Mimik hinaus – er bezieht die Gestik und auch Körperhaltungen
in seine Forschung mit ein; eine amerikanische Arbeitsgruppe um die
Säuglingsforscherin Beatrice Beebe ist m. W. derzeit damit beschäftigt, ein
Raster für Ganzkörper-Kodierungen zu entwickeln, um den gesamt-körperlichen
interaktiven Austausch exakt erfassen zu können. Und George Downing ist
sowohl am Pariser Salpetrière-Krankenhaus als auch in jüngerer Zeit auf der Uni
Heidelberg mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigt, wie er zuletzt, am 4.
Wiener Symposium „Psychoanalyse und Körper“ (Sept. 2004), berichtete.
Moderne videogestützte Technik ist eine unentbehrliche Grundlage dessen
geworden, was sich uns an detailreichen Facetten zu offenbaren beginnt. In
seinem Buch legt Streeck den Schwerpunkt auf die mikroanalytische
Untersuchung der therapeutischen Interaktion und nicht so sehr auf
therapeutische Fragestellungen (S. 17), auch wenn solche mehr oder weniger
intensiv berührt werden. Trotz dieser Schwerpunktsetzung ist sein Buch
praxisnah und gut verständlich geschrieben und nicht nur für Psychoanalytiker,
sondern für Psychotherapeuten unterschiedlicher methodischer Herkunft
wärmstens empfehlbar.
Die Auswirkungen der unbewussten nonverbalen Interaktion auf die
therapeutische Situation sind unabsehbar – Streeck spricht dies selbst an (S. 17),
wenn er meint, dass manche verbreitete Auffassungen zur Rolle des
Therapeuten (wie z. B. die Forderung nach „Neutralität“) eigentlich nicht mehr
aufrechtzuerhalten sind. Aufgrund der unübersehbaren Konsequenzen all dessen
kann man mittlerweile durchaus von einem Paradigmenwechsel innerhalb eines
Teils der Psychoanalyse sprechen: das Handeln ist mittlerweile eine
vielbeachtete Dimension, die auch von einer modernen Psychoanalyse als solche
anerkannt wird, und wird nicht mehr nur als „Agieren“ negativ bewertet. Streeck
erweist sich – dies zeigt die Lektüre seines Buches eindeutig – als Vertreter
einer solchen modernen und offenen Psychoanalyse; er scheut nicht den Kontakt
mir Nachbarwissenschaften und scheut ebenso wenig die Herausforderung,
liebgewonnene psychoanalytische Vorstellungen und Traditionen kritisch zu
hinterfragen.
Schon in der Einleitung werden wesentliche Eckpunkte des Gesamtwerks
abgesteckt. Einer davon richtet sich entschieden gegen das traditionelle
medizinisch-diagnostisch-zentrierte Behandeln: „Die weitverbreitete
Auffassung, daß der Patient im Behandlungszimmer Zeichen einer seelischen
Krankheit zeigt, die der Psychotherapeut erkennt und diagnostiziert und die er
mit dafür geeigneten Mitteln behandelt, so wie der Arzt Krankheiten anhand von
Zeichen feststellt und behandelt, ist wenig geeignet, die Verhältnisse zwischen
Patient und Psychotherapeut im Behandlungszimmer wiederzugeben“ (S. 12) –
vielmehr: „Erinnerungen und die Erzählbarkeit von Erinnerungen scheinen eher
ein Epiphänomen zu sein, das von der therapeutischen Wirkung der
Psychoanalyse unabhängig ist... während die Teile, die wirklich verstanden
werden müssen, im Medium des Drucks kommuniziert werden, der auf den
Analytiker ausgeübt wird“ (ebend.).
Die einzelnen Kapitel behandeln unterschiedliche Schwerpunkte: die
vielfältigen Facetten der therapeutischen Beziehung (Kapitel 1), die Bedeutung
nichtsprachlichen Verhaltens für die Verständigung zwischen Patient und
Therapeut (Kapitel 2), ein Exkurs in die interaktionistische Soziologie und
Konversationsanalyse (Kapitel 3), Beispiele des Zusammenspiels sprachlichen
und nichtsprachlichen Verhaltens (Kapitel 4), interaktive Prozesse in zwei
diagnostischen Interviews (Kapitel 5), Untersuchungen zur Darstellung der
Geschlechtszugehörigkeit anhand der psychotherapeutischen Arbeit mit einem
transsexuellen Patienten (Kapitel 6), eine interaktionszentrierte Analyse von
„Randkontakten“ wie Begrüßung und Verabschiedung (Kapitel 7), die
Untersuchung einer konkreten therapeutischen Behandlung, in der die konkrete
Gestaltung von Übertragung und Gegenübertragung besonders markant
hervortritt (Kapitel 8), die Untersuchung der Frage, wie der Psychotherapeut
erfährt, wie der Patient seine Interventionen aufgefasst hat (Kapitel 9) sowie der
Versuch zu zeigen, wie Wünsche sich Regeln von Interaktionen zunutze machen
können, um zu ihrem Recht zu kommen (Kapitel 10).
Man bekommt beim Lesen der einzelnen Kapitel einen guten und breiten
Einblick in die langjährige Arbeit Streecks und eine Ahnung dafür, was all dies
therapeutisch bedeuten könnte. Eine wichtige Aussage des Buchs besteht darin,
dass die nonverbale Interaktion so etwas ist wie ein eigener Strang
psychotherapeutischen Handelns, neben dem Austausch symbolischer
Informationen; also zwei parallel Stränge, die nebeneinander bestehen, einander
wohl beeinflussen, und doch auch eine gewisse Eigenständigkeit aufweisen. Die
nonverbale Kommunikation ist wesensmäßig darauf ausgerichtet, die Beziehung
zwischen den Interaktanden zu regulieren: durch Mikroprozesse auf einer
unbewussten Ebene – unbewusst in einem deskriptiven, nicht dynamischen
Sinn; wir denken einfach nicht daran. Diese Prozesse entziehen bis zu einem
gewissen Grad auch der verbalen Beschreibung, bzw. sind Worte wenig
geeignet, das Wesensmäßige solcher Prozesse zu erfassen.
Zu einer solchen Auffassung ist auch der bekannte Säuglingsforscher Daniel
Stern gelangt. Bezugnehmend auf prozedurales Wissen sagte er einmal, es sei
nahezu unmöglich zu beschreiben, was dabei passiert, wenn zwei Menschen sich
küssen – das wesentliche daran sei erlebbar, sei spürbar, aber nicht gut
beschreibbar. Stern war es auch, der unterschiedliche „Domänen“ des
Selbstempfindens und Empfindens anderer Menschen beschrieben hat, die
zueinander in einem Vorder-Hintergrund-Verhältnis stehen – zwar aufeinander
aufbauend, dennoch aber unterschiedlich. Hier kann eine Parallele in zentralen
Aussagen Sterns und Streecks festgestellt werden.
Ab und zu nimmt Streeck direkt Bezug auf Stern – z. B. wenn er meint, dass es
in der Therapie vorrangig „nicht um Veränderungen im autobiografischen
Gedächtnis (geht), sondern um Modifikationen des impliziten
Beziehungswissens des Patienten... (d. h.) darum, neue Wege zu erschließen, das
Selbst mit anderen zu erfahren“ (S. 12).
D. h.: Während Patient und Therapeut sprechen, ist ihre Beziehung im
Hintergrund der Aufmerksamkeit – „(sie) regulieren ihre Interaktion, so
unbemerkt, daß meist nicht einmal auffällt, daß sie das tun und wie sie das tun“
(S. 14). Das ändert sich, wenn die Interaktion selbst Gegenstand des Gesprächs
wird, wie das z. B. in körperlich-interaktionellen Ansätzen durchaus immer
wieder der Fall ist. „Spätestens von nun an tritt auch unübersehbar zutage, daß
das Geschehen zwischen Patient und Therapeut nicht nur mit Worten
abgewickelt wird und Worte nicht einmal immer das vorherrschende Medium
ihrer Verständigung sind“ (ebend.).
Ich hatte das Glück, Streeck vor einiger Zeit, im Rahmen des schon erwähnten
4. Wiener Symposiums „Psychoanalyse und Körper“ persönlich kennen zu
lernen. Hier hat er mich, neben der mir schon vertrauten wissenschaftlichen
Klarheit und Stringenz, auch menschlich beeindruckt. Er erweist sich als
undogmatischer Psychoanalytiker, der offen ist für andere Perspektiven und
auch Methoden, der – mit anderen Worten – Freude hat an lebendiger
Auseinandersetzung und Diskussion und daher für den Dialog an der
Schnittbereich von „Psychoanalyse und Körper“ auch in Zukunft wichtig und
bereichernd sein wird.
Fazit: Es scheint so etwas wie zwei Stränge in der Kommunikation von
Menschen zu geben – einen Strang der verbal-symbolischen Aushandlung von
Themen, und einen zweiten, wo etwas anderes passiert; wo körperliche
Inszenierungen geschehen, wo körperlicher Ausdruck stattfindet, und wo – das
ist der eigentliche Beitrag Streecks – Beziehung reguliert wird.
Eine wesentliche Schwerpunktverschiebung wird deutlich: es ist nicht der
Körper per se, der für Streeck von Interesse ist. Das war er z. B. in der alten
bioenergetischen Tradition – erinnert sei in diesem Zusammenhang an das
„Körperlesen“. Das neue Paradigma heißt: Der Körper in Interaktion. Das ist
der entscheidende Bezugspunkt, und er charakterisiert den genuin
psychoanalytischen Zugang.
Das soll nicht heißen, dass der Körper per se keine berechtigte Perspektive wäre.
Natürlich ist auch der Körper per se interessant, ein solcher Zugang wäre aber
körpertherapeutisch und nicht psychoanalytisch zu nennen. Natürlich interessiert
sich auch der Psychoanalytiker für den Körper per se, allerdings unter speziellen
Fragestellungen, z. B. in Zusammenhang mit der Selbstrepräsentanz. Es ist dies
ein Gesichtspunkt, der in der Psychoanalyse wenig belichtet ist, und wo noch
viele Fragen offen sind, wie M. Buchholz kürzlich offen legte (in einem Beitrag
in Psychosozial 97, Heft 3, S. 29-41). Ist die Selbstrepräsentanz analog zur
Objektrepräsentanz zu denken? Welches Selbst besetzt dann, und woher bezieht
es seine „Energie“? Wie kann ein Selbst sich vollständig repräsentieren, wenn es
doch zu dieser Vollständigkeit einen Standpunkt von außerhalb seiner selbst
benötigt?
Aus therapeutischer Sicht hat sich für mich beim Lesen des Buchs folgende
Punkt in den Vordergrund geschoben. Wenn also Beziehung reguliert wird, und
wenn diese Regulation wichtig ist, dann ist zu akzeptieren, dass bestimmte
Themen – wie z. B. Schuldgefühlsthemen – eben nicht explizit verhandelt
werden, sondern interaktiv ausreguliert werden; d. h. natürlich auch, dass man
sie dann nicht verbal bearbeiten kann – zumindest zunächst nicht. Dies mag z.
B. bei traumatisierten Patienten durchaus wichtig und berechtigt sein.
Wenn der Therapeut umgekehrt bewusst oder unbewusst den beidseitigen
Regulierungserfordernissen entgegentritt und dieses Bedürfnis frustriert, wird
die therapeutische Spannung steigen – mit dem Effekt, dass bestimmte Themen,
wie z. B. Schuldgefühle in der gegenwärtigen ÜbertragungsGegenübertragungs-Konstellation besprechbar und durcharbeitbar werden.
Ist die Frage, wann man den Regulationserfordernissen nachkommt (sofern man
Regulationsbedarf überhaupt bewusst wahrnimmt) und wann nicht, also eine
diagnostische? Oder sollte sie eher die gegenwärtige Beziehungssituation
zwischen Patient und Therapeut berücksichtigen? Gibt es noch andere Kriterien
dafür? Diese und noch andere Fragen zeigen, wie sehr mich die Lektüre des
Buches angeregt haben.
Peter Geißler
Herunterladen