Neon Genesis Evangelion - FanFiction

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15. Zwischenspiel:
Ich bin Naoko Akagi...
Ein Gedanke. Und zugleich eine Offenbarung, welche die Pforten zu weiteren Informationen
aufstieß.
Naoko Akagi, geboren 1961 in Osaka...
Informatik-Studium...
Beste ihres Prüfungsjahrganges...
Entwicklerin des PROPHET-Interfaces...
Schöpferin der MAGI-Biocomputer...
Gestorben im Herbst 2005... Selbstmord...
Wie konnte das sein... sie lebte doch...
Wo...
Wie...
Kein menschlicher Körper.
Ein dreigeteilter Leib.
Tausende von Augen und Ohren, verteilt über das NERV-Hauptquartier, die Geofront und
Tokio-3...
Gewaltige Gedächnisspeicher im Terabyte-Format...
Ich bin Naoko Akagi!
Wo...
Was...
Ein Körper, der sich über viele Kubikmeter erstreckte, Gliedmaßen, welche in die
Unendlichkeit zu reichen schienen...
Wo...
Die Erkenntnis...
Ich bin die MAGI...
Stille. Erschrecken. Dann Freude.
Informationen wurden abgerufen.
Ikari...
Ikari hatte sie getötet...
Ikari trug die Verantwortung an ihrem Tod...
Rei...
Sie lebte!
Freude...
Nein... doch nicht...
TerminalDogma... überzählige weitere Körper in einem Tank...
Was...
Deshalb hatte sie sich umgebracht?
Aber...
Sie hatte dennoch getötet...
Ikari...
Haß.
Ich bin Naoko Akagi!
Kapitel 43 - Die Rückkehr
Shinji flog durch das Loch in der Mauer, ließ seine Mutter und die Manifestation des EVABewußtseins hinter sich zurück.
Auf der anderen Seite herrschte Schwärze, wieder hatte er den Eindruck, es gäbe weder oben
noch unten, wieder glaubte er zu fallen - nur ging es dieses mal aufwärts...
Ein nach oben gerichteter Fall...?
Etwas zog ihn in die Höhe, es war jener Sog, den er bereits am Strand wahrgenommen hatte.
Rei-chan...
Er spürte ihre Gegenwart, ihre Nähe.
Rei-chan war hier irgendwo...
Ein Licht...
Dort war Rei-chan!
Dann das Gefühl, auseinandergerissen zu werden...
Schmerz!
Das Licht...
Er mußte das Licht erreichen!
Er mußte sie wiedersehen...
*** NGE ***
Misato kniete immer noch am Rand der LCL-Pfütze unterhalb des aufgebrochenen Plugs.
Schräg hinter ihr stand Rei, eine Hand um den Lauf des Geländers gekrampft.
Die Rettungsaktion war fehlgeschlagen...
Shin-chan war nicht aus EVA-01 befreit worden... und das LCL, welches die Reste seiner
DNA enthielt, verteilte sich langsam über den Laufsteg, würde gleich die Kante erreichen und
in die Tiefe tropfen...
Das war der Augenblick, in dem auch sie die Kräfte verließen und sie hart zu Boden sackte,
sich die Knie auf den Metallboden aufschlug. Rei spürte den Schmerz nicht.
Sie hatte ihren Shin-chan verloren... und damit alles, was ihrer Existenz noch Sinn verliehen
hätte...
Die LCL-Flüssigkeit war in Bewegung, zog sich zusammen, weder Rei noch Misato
bemerkten es nicht, beide waren zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt. Die eine
hatte ihren Geliebten verloren, die andere einen kleinen Bruder oder vielleicht sogar einen
Sohn...
Misato warf den Kopf herum, blickte von der Seite her Einheit-01 mit tränenverschleierten
Augen an.
„Gib uns Shinji zurück!“
Jetzt endlich bemerkte sie, daß ihre Hände nur noch den Metallboden des Laufsteges
berührten.
„Rei...“
„Ich...“
Neben dem EntryPlug lag zusammengekauert ein nackter Junge, Shinji Ikari.
Misato robbte zu ihm, zog ihn in seine Arme, ließ ihren Tränen freien Lauf.
Rei keuchte auf, war im nächsten Moment bei den beiden, schlang ihre Arme ebenfalls um
Shinji, preßte ihr Gesicht gegen seine Wange.
Er war zu ihr zurückgekehrt...
„Ich lasse dich nicht wieder gehen... was auch geschieht, ich lasse dich nicht wieder gehen...“
flüsterte sie.
Ritsuko traf auf dem Steg ein, schloß kurz die Augen, als wollte sie sichergehen, sich nichts
einzubilden.
Obwohl es wie ein Fehlschlag ausgesehen hatte, war die Aktion doch ein Erfolg gewesen...
Sie ging neben den dreien in die Hocke.
„Laßt ihm etwas Luft.“
Mit einer Hand tastete sie nach Shinjis Halsschlagader.
„Puls ist da, Atmung auch. Er muß auf die Krankenstation, damit ich ihn dort untersuchen
kann.“
Zögernd ließ Misato den Jungen los, woraufhin ihn Rei nur um so fester an sich drückte.
„Ah, Rei...“ setzte Ritsuko an.
„Ich habe Sie gehört. Ich bringe ihn auf die Krankenstation.“
Sie faßte mit einer Hand unter Shinjis Rücken und mit der anderen unter seine Beine, hob ihn
hoch.
Akagi nickte knapp und zog ihren Laborkittel aus, deckte ihn über Shinjis Körper.
„Laßt uns gehen.“
*** NGE ***
Asuka war langweilig. Und sie war frustriert.
Seit drei Wochen hatte kein Synchrontraining mehr stattgefunden, genauso lange vermißte sie
bereits die beruhigenden Impulse, die ihr EVA ihr vermittelte. Und diese Akagi tat keinen
Handschlag, um die Regeneration von EVA-02 zu beschleunigen, stattdessen war sie damit
beschäftigt, den Versager Shinji aus seinem EntryPlug zu befreien, in dem er feststeckte.
Wondergirl spielte ständig auf ihrer Geige im Hangar, die Klänge wurden von den
Ventilationsschächten durch die ganze Anlage getragen, so daß das Hauptquartier langsam
den Charakter eines Spukschlosses bekam. Alles drehte sich nur um Shinji Ikari... ja, Shinji,
der perfekte EVA-Pilot... Shinji, der bereits beim ersten Mal gleich eine kampffähige
Synchronisation mit EVA-01 erreichen konnte... Shinji, der einen Engel nach dem anderen
besiegt hatte... der große Shinji, der eigenhändig den Engel auseinandergenommen hatte, an
dem sie sich die Zähne ausgebissen hatte... der unglaubliche Shinji, der eine bessere
Synchronrate erreicht hatte, als sie... 400%, das war wohl kaum zu schlagen... warum
strengte sie sich überhaupt noch an? Der Sohn des Kommandanten konnte doch ohnehin alles
besser als sie, wie sie von überall zugetragen bekam... Shinji, der alles hatte...
Sie war doch auch verletzt gewesen... aber niemand war gekommen, um sie zu besuchen,
weder Misato noch Kaji.. wahrscheinlich waren die beiden miteinander beschäftigt gewesen,
da vergaß man sie ja auch ganz schnell...
In der Schule war es auch nicht besser, seit ihrer Niederlage gegen First hatte sie kaum noch
Kontakt zu anderen Schülerinnen. Man mied sie, dabei waren die Schwellungen doch bereits
fast wieder spurlos verschwunden. Nur an der Wand sah man im bröckeligen Putz immer
noch den Abdruck, den sie hinterlassen hatte.
Nicht einmal der Trottel Suzuhara war da, damit sie ihn ärgern konnte. Und der andere Idiot,
Aida, ignorierte ihre gelegentlichen Sticheleien.
Wieso erkannte niemand an, was sie bereits geleistet hatte? Weshalb galt ihr Schulabschluß
hier nichts? Weshalb mußte sie mit einem Haufen Idioten wieder die Schulbank drücken?
Weshalb war sie von Kommandant Ikari bestraft worden, obwohl die Schlägerei doch ganz
klar Wondergirls Schuld gewesen war...
Ja, noch so eine perfekte Person... Wondergirl hier, Wondergirl da... immer an der Seite des
großen Shinji...
Asuka kam gerade vom Einkaufen wieder.
Immer wenn ihr langweilig war, zog sie durch die Geschäfte, als Folge war das Limit ihrer
Kreditkarte bereits ausgereizt. Dennoch hatte sie wieder eine Tüte dabei... Ausverkauf im
Schuhgeschäft...
Auf dem Gang, der vom Hangar zur Krankenstation führte, und von dem auch der Korridor zu
den Wohnquartieren abzweigte, kamen ihr mehrere Personen entgegen - allen voran Doktor
Akagi mit ernster Miene, dahinter ihre Assistentin, die fleißige Biene Maya, und Misato, die
äußerst nüchtern wirkte. Die beiden flankierten Wondergirl, welche jemanden auf den Armen
trug... Weichei Shinji... den Abschluß der Prozession machte einer von den Brückenoffizieren,
der kurze mit der Brille, dessen Namen Asuka sich nicht merken konnte und wollte.
So, es war also gelungen, den unglaublichen Shinji aus seiner mißlichen Lage zu befreien...
Wie konnte Wondergirl nur so stark sein... das war doch nicht normal...
Immer wenn Asuka das blauhaarige Mädchen sah, fing ihre Wange wieder an zu brennen.
„Was ist denn mit ihm?“ rief sie laut.
Misato sah sie freudestrahlend an.
„Ritsuko hat es geschafft, Shinji-kun aus EVA-01 zu befreien!“
Asuka blickte ihnen mit säuerlicher Miene nach. Wegen ihr hätten sie wahrscheinlich keinen
derartigen Aufwand betrieben - aber Shinji war ja auch der Sohn des Kommandanten,
deswegen bekam er den stärksten EVA und deswegen mochten ihn sicher auch alle - weil sie
dadurch seinem Alten in den Hintern kriechen konnten...
*** NGE ***
Im Eilmarsch betrat die Gruppe den Krankenflügel, Asuka in einigen Schritten Entfernung
hinter sich.
Doktor Akagi wählte das erste freie Zimmer, stieß die Tür auf und ließ Rei mit ihrer
menschlichen Last ein.
„Misato, bleib bei ihnen, ich hole einen der Ärzte.“
Katsuragi nickte, trat schnell in das Krankenzimmer und schlug die Bettdecke zurück, so daß
Rei Shinji ablegen konnte, deckte ihn rasch zu.
„Wie blaß er ist...“ flüsterte Rei.
„Was wird schon wieder. Ritsuko hat das Unmögliche geschafft, da kriegt sie das auch noch
in den Griff.“
Rei setzte sich auf die Bettkante, nahm Shinjis Hand und hielt sie mit dem Handrücken gegen
ihre Wange.
*** NGE ***
Auf dem Gang stolperte Ritsuko beinahe über einen blaßhäutigen Jungen mit roten Augen und
schieferfarbenen Haar in einem Krankenhauspyjama, der einfach mitten in Korridor stand und
sich teils neugierig, teils verwirrt, umsah - Kaworu Nagisa, das Fifth Children.
Akagi stieß einen Laut des Erschreckens aus, zugleich schrie der Junge ebenso erschrocken
auf und machte einen Satz rückwärts.
„Nagisa?“ fragte Ritsuko überrascht.
„J-ja. Wo bin ich?“
„NERV-Hauptquartier, Krankenstation. Wie lange bist du schon wach?“
„Noch nicht lange. Was ist überhaupt passiert?“
„Geh zurück in dein Zimmer, ich komme gleich zu dir.“
„Äh, klar.“
Weiter den Gang hinab stand Asuka wie versteinert.
Das Bleichgesicht war also auch wieder zu sich gekommen... noch ein Konkurrent...
*** NGE ***
Akagi und ein Ärzteteam hatten den immer noch schlafenden Shinji samt Krankenbett für die
anstehenden Untersuchungen aus dem Zimmer geholt und eine gute Stunde später
wiedergebracht. In dieser Zeit war Rei nicht von seiner Seite gewichen, mehrmals hatte
Ritsuko sie anweisen müssen, aus dem Weg zu gehen. Nachdem sie ihn in sein Zimmer
zurückgebracht hatten, hatten Misato und Ritsuko Rei mit Shinji alleingelassen, erstere um
sich Kaworu zu widmen, letztere um die Ergebnisse der Untersuchungen durchzugehen.
Rei wickelte Shinji gut in seine Decke ein, zog dann ihre Schuhe aus und legte sich neben ihn,
wobei sie ihn fest in den Arm nahm und mit der anderen Hand über sein Haar strich.
„So etwas darfst du nie wieder mit mir machen, Shin-chan... ich will nie wieder solche Ängste
ausstehen“, flüsterte sie leise in sein Ohr.
Die Zimmertür schwang auf.
Rei zuckte zusammen.
„Obszön“, sagte Asuka trocken, ehe sie sich wieder abwandte, die Tür aber offenließ.
Rei streichelte Shinjis Wange.
„Ich komme gleich wieder.“
Sie stand auf und schloß die Tür wieder, setzte sich dann aber nur auf die Bettkante.
Kurz darauf flog die Tür wieder auf. Dieses Mal war es Ritsuko Akagi, die hereingestürmt
kam. Sie machte einen sehr aufgeregten Eindruck.
„Rei, steh mal auf, ich muß etwas überprüfen.“
Rei kam der Anweisung verwirrt nach.
„Ritsuko-san?“
Akagi zog mit einem Ruck die Decke von Shinjis nacktem Leib, ihre Aufmerksamkeit galt
jedoch nur seinem linken Knie.
„Tatsächlich...“
„Was?“
„Vor drei Wochen hatte Shinji hier noch eine Narbe. Und hier...“
Sie tastete über sein Schienbein.
„Hier müßte eigentlich zu fühlen sein, daß er sich vor drei Jahren das Bein gebrochen hatte.“
„Ritsuko-san?“ fragte Rei völlig ratlos.
Akagis Augen funkelten.
„Die Röntgenbilder zeigen nichts dergleichen, das heißt...“
„W-w-was ist denn... uh...“
Die Frau und das Mädchen blickten beide Shinji an, der gerade die Augen geöffnet hatte, jetzt
puterrot anlief und versuchte, sich mit den Händen zu bedecken.
„Shin-chan...“
Reis Augen weiteten sich. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen fiel sie ihm um den Hals
und begann sein Gesicht abzuküssen.
„Uh... Rei...“
Ritsuko lächelte versonnen, dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie eigentlich gekommen war.
„Erstmal, Shinji, willkommen zurück unter den Lebenden. Du hast uns ganz schön auf Trab
gehalten.“
„Uhm... Doktor Akagi... könnte ich wohl... ah... die Decke...“
„Wie? Oh...“
Sie hielt immer noch die Bettdecke in der Hand.
„Ja, natürlich, hier.“
Rei ergriff das andere Ende der Decke und deckte ihn wieder zu, ehe sie sich wieder ihm
selbst widmete.
Akagi klopfte mit dem unverletzten Fuß mehrmals auf den Boden.
„Hat das nicht Zeit? Ich habe ein paar wichtige Fragen.“
„Uh...“
Rei sah Ritsuko einen Moment lang wütend an, senkte dann den Blick und rückte von Shinji
ab.
„Danke. - Also, Shinji, du hattest dir vor drei Jahren das Bein gebrochen, oder?“
„Ahm, ja, das linke.“
„Und du hast eine Narbe auf dem Knie, nicht wahr?“
„Ja, von einem Sturz, als ich... hm... sechs war.“
Akagi nickte.
„Das deckt sich mit meinen Unterlagen.“
„Äh...“
„Ritsuko-san, ich glaube, Shinji-kun benötigt Ruhe“, sagte Rei leise.
„Gleich, gleich. Die Narbe ist verschwunden, ebenso die Spuren des Bruches, sowie eine
ganze Reihe anderer... hm... Abnutzungserscheinungen.“
„Doktor Akagi, was... äh...“
„Shinji, woran erinnerst du dich?“
„Uh... ich habe gegen den Engel gekämpft. Und dann sagte EVA-01 mir, wir könnten nur
gemeinsam siegen. Und...“
„EVA-01 hat mit dir gesprochen?“
„Ja... die Künstliche Intelligenz... uhm... die digitalisierte Persönlichkeit, die Ihre Mutter...“
„Das alles weißt du?“ fragte Ritsuko geschockt.
„Ahm... ja. Er... uhm... wir haben uns gegenseitig geholfen.“
Ritsuko trat wieder an das Bett heran und berührte Shinjis Stirn.
„Hm, kein Fieber...“
„Er war gefangen in seinen eigenen Erinnerungen...“
„Und... und hast du mit noch jemandem gesprochen?“
Von der Tür kam lautes Lachen.
Ritsuko drehte sich um.
„Asuka!“
„Ich habe es doch immer gewußt, daß Shinji nicht ganz dicht ist! Spricht mit seinem EVA und
glaubt, der würde ihm antworten... hörst du sonst auch Stimmen, Shinji? Spricht vielleicht
dein Frühstück mit dir? Oder das Waschbecken?“
„Asuka, mach die Tür zu.“
„Klar doch, Doktor Akagi, ich habe ja alles gesehen, was es zu sehen gab. Shinji, du
Bleistiftschwanz!“
Lachend zog die Rothaarige die Tür zu.
Shinji lief wieder knallrot an.
„Urgh...“
„Mach dir nichts daraus, ich habe schon einiges gesehen und kann dir nur sagen, daß du
durchaus der Norm entsprichst“, murmelte Ritsuko und blätterte in ihren Unterlagen.
Shinji kroch weiter unter die Decke und wünschte sich, wieder bewußtlos zu werden.
„Also, was hast du noch erlebt?“
„Ich... ah... also...“
„Hast du jemanden getroffen, den du... kanntest?“
Shinji schluckte.
Wenn er ihr erzählte, daß seine Mutter in EVA-01 gefangen war... das glaubte sie ihm doch
niemals...
„Sie verwirren meinen Shin-chan.“
„Hm... gut, Rei, soll er eine Ruhepause bekommen. Eigentlich wollte ich auch nur feststellen,
ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.“
„Welche... uhm... Vermutung?“
„Shinji, das wird dich wahrscheinlich ziemlich schockieren, aber der EVA hatte dich
assimiliert...“
„Ich weiß. Aber... uh... EVA-01 hat mich gehen lassen.“
„Nein, nein, du verstehst nicht. Dein Körper ist völlig aufgelöst worden, wir haben dich im
Zuge der Rettungsaktion wieder rekonstruiert.“
„So...“
„Jedenfalls... du wurdest quasi generalüberholt.“
„Öh... aha.“
Shinji bemühte sich, ein möglichst intelligentes Gesicht zu machen.
Ritsuko blickte auf ein weiteres Röntgenbild, entschied sich aber, von dem, was darauf zu
sehen war, nichts zu erzählen. Und die entsprechenden Aufzeichnungen hatte sie ohnehin
bereits gelöscht. Wer wußte denn, was passieren könnte, wenn diese Informationen in die
falschen Hände fielen, wenn zum Beispiel Gendo erfuhr, daß Shinji in seiner Brust direkt
neben dem Herzen ein weiteres Organ besaß, das nicht menschlichen Ursprunges war... sie
konnte sich durchaus vorstellen, daß Gendo seinen eigenen Sohn sezieren lassen würde, um
an dieses Miniatur-S2-Organ zu kommen... das konnte ja noch heiter werden...
„Das ist doch etwas Gutes, oder?“ holte Shinjis Frage Akagi in die Gegenwart zurück.
„Äh, ja, natürlich. So gesund wie heute wirst du wahrscheinlich nie wieder in deinem Leben
sein.“
„Ich fühle mich gar nicht... uhm... anders.“
„Gut. Die Schwester bringt dir gleich etwas zu essen, sicher hast du Hunger... man wird ja
nicht jeden Tag wiedergeboren.“
„Uhm...“
*** NGE ***
Akagi war gegangen, dafür hatte eine Krankenschwester das angekündigte Essen gebracht,
irgendeinen grauen Brei, der nicht schmeckte und den Shinji tapfer schluckte. Hauptgrund für
letzteres war die Tatsache, daß Rei ihn fütterte und jedesmal, wenn er protestieren wollte,
seinen Protest mit einem glücklichen Lächeln und einem Kommentar, wie sehr er ihr gefehlt
hatte, abwürgte. So blieb ihm gar nicht anderes übrig, als brav den sicherlich an Vitaminen
und Nährstoffen reichen Brei zu essen.
„Ich verstehe Soryu nicht.“ sagte Rei schließlich, nachdem sie den leeren Teller zur Seite
gestellt und sich neben Shinji im Schneidersitz auf das Bett gesetzt hatte, den Arm dabei um
seine Schultern gelegt.
Shinji grinste.
So ließ er es sich wirklich gefallen, da lohnte es sich fast, von Engeln verprügelt und von
EVAs absorbiert zu werden.
„Was... uh... meinst du, Rei-chan? Asuka ist einfach gemein, das war sie früher schon.“
„Ich verstehe nicht, was sie an dir auszusetzen hat. Dein männliches Glied erscheint mir doch
völlig normal gewachsen.“ sagte sie mit leichtem Kopfschütteln und Unverständnis in der
Stimme, während sie die entsprechende, unter der Bettdecke verborgene Stelle anvisierte.
„Argh! Rei!“
Er griff nach der Bettdecke, um sie sich über den Kopf zu ziehen.
Sie lachte leise.
Shinji blickte sie mit offenstehendem Mund an.
Dieses Lachen... wie der Klang von tausend kleinen Glocken...
„Rei... du hast mich zurückgeholt... ohne deine Nähe hätte ich nicht die Kraft gehabt
zurückzukommen.“
Sie gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
„Erinnerst du dich noch, was wir beim letzten Mal gemacht hatten, als du im Krankenhaus
warst?“
Eine feine Röte überzog ihre Wangen.
„Uh...“
Shinji nickte hastig, zog ihren Kopf ein Stück nach unten, so daß er ihre Lippen küssen
konnte. Seine Hand tastete über ihr Bein, bewegte sich langsam aufwärts...
Da wurde die Tür wieder geöffnet.
„Hey, Shinji, hier ist jemand... upps!“
Die beiden fuhren auseinander.
„Misato...“ stieß Shinji hervor und wünschte sich, im Boden zu versinken.
„Ahm... hähä... wie ich sehe, bist du wieder auf dem Damm.“
„Uhm, ja.“
„Also, äh... eigentlich... eigentlich wollte dich hier jemand kennenlernen...“
„Äh... wer denn?“
Kaworu Nagisa tauchte neben Misato auf. Er hatte ein fröhliches Lächeln, bei dem er
strahlendweiße Zähne präsentierte. Sein Lächeln hatte zudem etwas sehr gewinnendes.
„Hi! Du bist Shinji?“
„Ja.“
Shinji kannte die Stimme, auch wenn er sie nur für Funk gehört hatte. Hastig reffte er die
Decke um sich zusammen.
„Und... ah... du bist Kaworu.“
„Ja, Kaworu Nagisa. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Shinji-kun.“
Der andere Junge betrat den Raum, ging um das Bett und schüttelte kräftig Shinjis Hand.
„Ich schulde dir mein Leben, ohne dich wäre ich nie aus dem Engel herausgekommen.“
„Das... ah... das war doch selbstverständlich, Nagisa-kun... uh...“
„Soll ich deshalb nicht dankbar sein? Aber wenn du darauf verzichten kannst, bitte!“
Kaworu machte ein beleidigtes Gesicht, zwinkerte dann und grinste breit.
„Nur ein Scherz!“
Er klopfte Shinji auf die Schulter.
„Jedenfalls finde ich es toll, dich in Fleisch und Blut wiederzusehen... uhm...“
Die Decke war von Shinjis Schulter herabgerutscht, so daß seine Hühnerbrust jetzt entblößt
war.
Shinji lächelte nervös.
„Ich... ah... ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Wie geht es dir?“
„Naja, laut den Ärzten habe ich sehr lange geschlafen. Aber jetzt fühle ich mich fit genug, um
Bäume auszureißen! Jawohl!“
Er winkelte den Arm an und posierte scherzhaft.
Shinji lachte. Kaworu war ihm auf Anhieb sympathisch.
„So! Und wer ist die hübsche Unbekannte an deiner Seite, Shinji-kun?“
„Uh, Kaworu-kun, das ist Rei... uh... Rei Ayanami.“
Kaworu deutete eine Verbeugung an.
„Du bist das erste Mädchen mit roten Augen, das mir über den Weg läuft, schöne Rei. Bitte
sag, daß du Shinji-kuns Schwester, Cousine oder eine sonstige Verwandte bist, die sich nur
um die Gesundheit unseres Helden gesorgt hat.“
Rei blinzelte.
„Nein, das stimmt nicht. Shinji-kun ist mein Freund.“
„So, dein Freund...“
Kaworu sah sie enttäuscht an, zwinkerte dann wieder und machte ein schelmisches Gesicht.
„Fragen darf man doch, oder? Verzeih mir bitte, wenn ich unhöflich war.“
„Ich vergebe dir, Nagisa-kun.“
„Ah, wundervoll!“
Kaworu lachte. Erneut zwinkerte er Shinji zu.
„Jeder wahre Held braucht ein hübsches Mädchen an seiner Seite, nicht wahr?“
Shinji lief leicht rot an.
„Nagisa-kun... ich... uh... ich bin wohl kaum ein Held...“
„Sag einfach Kaworu, machen ohnehin alle. Ich glaube, hier in Tokio-3 wird es mir gefallen!
Vor allem, weil keiner von euch mich seltsam anstarrt wegen meiner Haut oder meiner
Augen.“
„Warum... uh... warum sollten wir das denn tun?“
„Wunderbar, wirklich wunderbar! Ich fühle mich schon wie zuhause! Aber sag, Shinji-kun,
was machst du hier? Wurdest du etwa verletzt, als du mich gerettet hast? Das würde mich sehr
grämen!“
„Nein... das... uh... sind Nachwirkungen des letzten Angriffes...“
„Des letzten... Angriffes?“ wiederholte Kaworu langsam.
„Uh, ja... ein weiterer Engel, groß und mit dünnen Peitschenarmen...“
Kaworus Gesicht verfinsterte sich.
Zeruel... warum hatte sein älterer Bruder sich nicht in Geduld üben können...
„Ist etwas, Nagisa-kun?“
„Äh? Nein, es ist nichts. Du wurdest doch hoffentlich nicht verletzt?!“
„Uhm, nein.“
„Das beruhigt mich.“
Jetzt lächelte er wieder.
„Ich glaube, das ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. - Wenn ihr beide es
gestattet.“
„Uh, ich glaube schon... oder, Rei?“
Shinji sah sie fragend an. Rei-chan hatte damals schon bei Asuka den richtigen Riecher gehabt
und sie korrekt eingeschätzt, während er voll auf sie hereingefallen war.
Rei musterte Kaworu einen Moment lang.
Irgendetwas an ihm schien ihr bekannt, doch sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht lag
es nur an seinem Äußeren, theoretisch konnte er ein naher Verwandter von ihr sein - nur
wußte sie genau, wo ihre Verwandten, wo all ihre Schwestern waren.
Sie nickte.
„Ich denke, wir werden mit dir auskommen, Nagisa-kun.“
Der Junge mit den roten Augen wischte sich theatralisch über die Stirn.
„Puh, da habe ich ja wirklich noch einmal Glück gehabt, solch eine milde Richterin gefunden
zu haben.“
Er verbeugte sich.
„Auf gute Zusammenarbeit!“
Misato kam zurück.
„Shinji, ich habe hier deine Sachen. - Kaworu, Doktor Akagi würde dich gerne noch einmal
untersuchen, nur um sicherzugehen, daß du okay bist.“
„Ja, natürlich, Major.“
Nagisa salutierte.
„Shinji-kun, Rei, wir sehen uns!“
Er marschierte zur Tür, drehte sich noch einmal um, um zu winken, und verließ dann das
Zimmer.
„Ich glaube... uh... er ist ganz in Ordnung. Oder, Rei?“
Rei nickte.
Auch sie konnte eine gewisse Sympathie für Kaworu nicht verhehlen, er erschien ihr recht
nett, natürlich nicht wie Shin-chan, eher wie Suzuhara-kun. Kaworu Nagisa schien sein Herz
auf der Zunge zu tragen, wie die Menschen sagten, dies deckte sich mit ihren Informationen
aus seiner Akte...
„Freut mich, das ihr miteinander klarkommt.“ sagte Misato. „Und in Zukunft schließt die Tür
ab, ja? Oder geduldet euch, bis ihr zuhause seid.“
„Ahm, Misato, bist du gar nicht böse?“
„Nee, sonst müßte ich euch beide fesseln und an entgegengesetzten Enden der Stadt anbinden.
Aber wenn ihr schon fummeln müßt, dann paßt in Zukunft besser auf.“
Sie seufzte.
„Ihr könnt froh sein, ich so verständnisvoll bin...“
Misato grinste.
„In meiner Jugend war ich nämlich auch ein ziemlich wilder Feger. Kaji und ich sind
manchmal tagelang nicht aus dem Bett gekommen.“
„Uh, Misato...“
„Eh, Rei, Shinji-kun ist doch niedlich, wenn er rot wird, oder?“
„Das kann ich bestätigen, Misato-san.“ antwortete Rei trocken und ohne Emotionen in der
Stimme.
„Uh... und was ist mit mir?“
Rei dachte einen Moment über eine passende Erwiderung nach.
„Du stehst ab sofort unter dem Pantoffel, Shin-chan.“
Dann gab sie ihm einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Äh... okay...“
Misato seufzte wieder.
Es wurde wirklich Zeit, daß Kaji sich wieder blicken ließ. Wo mochte der alte Schwerenöter
nur wieder stecken?
„Was haltet ihr davon, wenn ich heute abend eine Willkommen-Zurück-Shinji-Party gebe?“
„Ahm...“
Shinji hielt nicht sonderlich viel davon, ihm war mehr danach, mit Rei-chan ausgiebig zu
kuscheln. Aber Misato schien die Sache am Herzen zu liegen.
„Ja... äh... gut...“
Rei nickte.
Wenn Shin-chan mit dem Vorschlag des Majors einverstanden war, würde sie nichts dagegen
sagen. Allerdings hätte sie lieber Zeit mit ihm allein verbracht. Wie der Doktor gesagt hatte er war heute wiedergeboren worden, das hätte sie gern mit ihm gefeiert...
„Super! Ich frage Ritsuko und den Rest, ob sie Zeit haben...“
„Misato... vielleicht nicht heute...“
„Wie meinst du das, Shinji?“
„Ich... ahm... ich glaube, es gibt etwas wichtigeres...“
„Wichtiger als eine Party?“
„Ja. Könntest du vielleicht Ritsuko holen?“
„Hm, klar. Bin gleich wieder da.“
Misato verließ den Raum.
„Shin-chan? Was...“
Rei bemerkte, daß Shinjis Blick seltsam verklärt war.
„Rei-chan, ich habe mich an etwas erinnert... meine Mutter hat es mir gesagt...“
Sie sah ihn fragend an.
„Meine Mutter.. sie ist in EVA-01 gefangen... ihre Seele...“
„Ja.“
Shinji blinzelte.
Ja? Einfach nur ja?
Sie akzeptierte diese selbst für ihn kaum zu glaubende Tatsache einfach?
„Und... ah... ich habe mit ihr gesprochen... sie hat mir viele Dinge mitgeteilt... auch über
dich...“
Furcht huschte über ihre Züge.
„Über mich...?“
„Ja. Ahm... sie hat mir gesagt... uh... daß mein... Vater...“
Es fiel ihm schwer, dieses Wort noch zu benutzen, jetzt, da er die Wahrheit kannte.
„... daß er dir auch ihre Gesichtszüge gegeben hat... aber... uhm... bitte, glaub mir, daß das
nicht der Grund dafür ist, daß ich... uh... dich... ahm...“
Shinji schluckte, lächelte schwach.
„Ich wollte dir nur sagen, daß ich... ahm... daß ich dich liebe...“
Rei atmete tief durch.
Er war ihrem Geheimnis auf der Spur. Er wußte bereits mehr, als ihr lieb war... und trotzdem
stand er noch zu ihr. Wie konnte sie ihn da nicht auch lieben...
Stumm drückte sie ihn an sich.
„Mein geliebter Shin-chan...“
„Uh...“ setzte er an. „Sie hat mir noch etwas gesagt... wegen Hikari... ich weiß, wie wir ihr
helfen können...“
Kapitel 44 - Bei Nacht und Nebel
Die Zeit bis Akagi eintraf, nutzte Shinji, um sich anzuziehen. Misato hatte ihm den Packen
seiner Ersatzsachen gebracht, welchen er seit neuestem in seinem Spind im Umkleideraum
aufbewahrte.
Rei verließ den Raum nicht, machte auch keine Anstalten, den Blick abzuwenden.
Es störte ihn nicht, wahrscheinlich wußte sie ohnehin schon besser als er selbst, wie er aussah,
schon aufgrund der menschlichen Anatomie, die es doch sehr schwer machte, ohne
Zuhilfenahme eines Spiegels zum Beispiel die rückwärtigen Körperpartien in Augenschein zu
nehmen...
Langsam wich Reis Euphorie über Shinjis Rückkehr, zugleich verblaßte der Drang, ihn
festzuhalten, damit er sich nicht plötzlich wieder in eine LCL-Pfütze verwandelte oder von
einem tollwütigen EVA assimiliert wurde. Logische Überlegungen traten wieder in den
Vordergrund.
Gab es einen Grund, ihr überschwänglich emotionales Verhalten zu bedauern? - Nein...
Mit einem wohligen Schaudern erinnerte sie sich an seine Berührung, bevor der Major
hereingeplatzt war, als seine Fingerspitzen über die Innenseite ihres Oberschenkels gefahren
waren. Ihr war gewesen, als wären zahllose feine Blitze übergesprungen. Der einzige Fehler,
den sie gemacht hatte, war zu vergessen, die Tür abzuschließen. Vielleicht hätte sie
andernfalls auch ihre letzten Hemmungen vergessen und die körperliche Einheit mit ihrem
Shin-chan angestrebt... körperlich kompatibel waren sie ja, daran bestand für sie kein
Zweifel...
Sie verdrängte diese Gedanken. Andere Dinge waren jetzt wichtiger...
„Shin-chan, wie glaubst du, kann Hikari geholfen werden?“
„Ich... ahm... meine Mutter hat mir gesagt, daß Hikari wahrscheinlich in EVA-03 gefangen ist,
weil die Synchronverbindung noch bestand, als Asuka... uh...“
„Ich verstehe.“
„Aber wie soll ich daß Doktor Akagi erklären? Sie wird mir kaum glauben, daß ich mit
meiner Mutter... ahm...“
„Versuche es. Ritsuko-san wird dir wenigstens zuhören.“
„Uhm, gut.“
Akagi kam, um den Hals trug sie ein Stethoskop.
„So, Shinji, ich will dich noch mal kurz abhören. - Was gibt es denn so dringendes?“
„Uhm, also, Doktor Akagi...“
„Shinji-kun glaubt, einen Weg zu kennen, wie man Hikari helfen kann.“
Ritsuko blickte die beiden fragend an.
„Und? - Shinji, mach mal deine Brust frei.“
„Ja... uh... Also, das ist so... bei der Unterbrechung der Synchronisation wurde Hikaris Seele
in EVA-03 gefangen. Wir müssen den Kern von Einheit-03 zerstören, um sie zu befreien...“
„Aha...“ murmelte Ritsuko, während sie erst sein Herz abhörte, dann einen Punkt, der etwas
weiter in der Mitte von Shinjis Brust lag. Seine Worte nahm sie nicht ganz wahr,
konzentrierte sich ganz auf das pulsierende Bubbern, welches durch das Stethoskop an ihr Ohr
drang.
Ein ruhendes S2-Organ in der Brust eines Menschen... die Rekonstruktion von Shinjis Körper
wies einige unerwartete Nebenerscheinungen auf... sie war fast versucht, seine gegenwärtige
Konstitution mit der Reis zu vergleichen. Während Shinji sich äußerlich nicht verändert hatte,
sah man von den verschwundenen Narben und dergleichen ab, wie zum Beispiel daß sein
Haar und seine Haut heller und etwas ausgebleicht wirkten, sah es mit seinem Innenleben
ganz anders aus. Seine Organe schienen effizienter zu arbeiten, die Muskeln schienen
kompakter zu sein, die Knochen stabiler. In gewisser Weise war der Junge ein medizinisches
Wunder - und trotzdem bereute sie es nicht, die aktuellsten Unterlagen vernichtet und Maya
zum Stillschweigen verpflichtet zu haben
Moment... was hatte er da gerade gesagt?
Hikaris Seele säße in EVA-03 fest? Stützte er diese Vermutung nur auf seine eigenen
Erlebnisse, oder gab es tiefergehende Gründe?
„Könntest du das bitte wiederholen?“
„Uh, ja. Also, Hikaris Seele wurde in EVA-03 gefangen, im Kern. Wenn der Kern zerstört
wird, müßte sie das befreien... uh... allerdings müßte ihr Körper in der Nähe sein, damit ein...
ah... aufnahmebereites Gefäß zur Verfügung steht... uh...“
Akagi blinzelte.
Etwas ähnliches hatte sie bereits selbst überlegt, doch ohne empirische Beweise konnte sie
schlecht den EVA zerlegen und seines Kerns berauben, bei dem eigentlich nur ein neues
Kopfteil angepaßt und kalibriert werden mußte - und wenn Maya nicht immer grün anlaufen
würde, wenn sie das Thema zur Sprache brachte, hätte sie ihre Assistentin längst mit diesem
Projekt beginnen lassen.
„Woher... woher weißt du das?“
Shinji senkte den Blick.
„Ich... uhm... das... also... das werden Sie mir wohl nicht glauben... ahm...“
Rei nahm seine Hand, drückte sie, um ihm Mut zu machen.
„Ich kann es zumindest versuchen. Also?“
„Hm... also... uhm... das ist so... ich habe meine Mutter getroffen, als ich in EVA-01 gefangen
war... und sie... ahm... sie hat es mir gesagt...“
„Deine... Mutter?“
Ritsuko blickte Shinji aus geweiteten Augen an.
Also doch... die Überlegungen, die sie selbst geführt hatte... die Hinweise, die aus den
Aufzeichnungen ihrer Mutter hervorgingen... war nicht Shinjis Gegenwart schon ein Beweis
für die Existenz der menschlichen Seele? Die vielen Arbeitsstunden, welche sie in die
Umprogrammierung der Künstlichen Intelligenz gesteckt hatte, damit diese wie ursprünglich
geplant als Puffer zwischen dem Seelenhunger des EVAs und dem Piloten fungierte... das
PROPHET-Interface, das ihre eigene Mutter entwickelt hatte, die Verbindung von Mensch
und Maschine...
„Uh... ja... ihre Seele ist ebenfalls in EVA-01 gefangen...“
Shinji hob den Blick, sah Ritsuko an.
„Sie müssen mir glauben, Doktor Akagi, ich sage die Wahrheit.“
„Die Seele deiner Mutter hat wirklich mit dir Kontakt aufgenommen?“
„Ja.“
Akagi atmete tief durch.
„Ich glaube dir.“
Shinji blickte sie überrascht an.
„Wirklich?“
„Deine Aussage deckt sich mit meinen eigenen Überlegungen - die EVAs sind seelenlose
Geschöpfe, welche den Menschen nur imitieren... doch irgendwo bei ihrer Entwicklung wurde
der Grundstein dafür gelegt, daß sie imstande sind, Seelen in sich aufzunehmen. Darauf
basiert das AT-Feld, es ist nichts anderes als eine Manifestation des menschlichen Willens
und der Stärke der Seele, welche den EVA kontrolliert. Die Künstliche Intelligenz, die wir in
der Grundprogrammierung der EVAs installierten, sollte dafür sorgen, daß die Verbindung
Mensch-EVA nicht permanent werden konnte, allerdings erwies sie sich bei den ersten beiden
Einheiten als zu schwach, was letztendlich zum Tod der Testpiloten führte.“
Shinji nickte stumm.
„Erst im letzten Jahr gelang es mir, die Daten soweit zu verändern, daß die KI ihre Aufgabe
erfüllen konnte, bei EVA-00 nur provisorisch, bei den Neubauten 03 und 04 aber im
beabsichtigten Umfang. Ich wußte nur nicht, daß die gefangenen Seelen in der Lage sind zu
kommunizieren.“
„Uhm...das... das lag wohl an der Stärke der Verbindung.“
„Hm... was hat sie dir noch gesagt?“
„Ahm...“
Shinji blickte Rei an.
Seine Wünsche und Hoffnungen... und seine Zukunft...
Wie recht seine Mutter damit gehabt hatte, Rei-chan verkörperte all dies für ihn...
„Nur... uh... persönliche Dinge...“
Zum Beispiel über seinen Vater...
„Ah ja. Und sie sagte, der Kern von EVA-03 müsse zerstört werden, wenn Hikaris Körper in
der Nähe ist?!“
„Ja, genau. Dann könnte ihre... uhm... Seele wieder in den Körper zurückfinden.“
„Das ist alles? Einfach so?“
„Mehr hat sie mir nicht gesagt.“
Ritsuko schüttelte den Kopf.
„Das klingt alles so einfach... Seelenwanderung für Anfänger... Wahrscheinlich ist es nur für
mich so schwer zu verstehen, die Wissenschaft kennt die menschliche Seele als Faktor oder
mathematische Größe nicht. Dein Vater könnte sicher etwas damit anfangen... vielleicht weiß
er es sogar selbst bereits...“
„Mein... ah... Vater... darf nichts davon erfahren. Bitte, sagen Sie es ihm nicht.“
„Einverstanden.“
„Rei-chan?“
Rei zögerte zu antworten.
Er verlangte von ihr, den Kommandanten zu hintergehen, ihm vielleicht wesentliche
Informationen vorzuenthalten... andererseits hatte dieses Wissen nichts mit der Mission und
dem Kampf gegen die Engel zu tun. Und außerdem hatte der Kommandant in ihren Augen
viel an Bedeutung verloren.
„Gut. Wann befreien wir Hikari?“
Sie sah Shin-chan und Ritsuko-san an.
„So früh wie möglich - am besten heute nacht“, entschied Akagi. „Aber das können wir drei
nicht allein machen. Wir müssen Hikari aus dem Städtischen Krankenhaus holen und hierher
ins Hauptquartier bringen, in die Gen-Schmiede im TerminalDogma. Das ist absolutes
Sperrgebiet. Ich kann die MAGI dazu bringen, die Überwachungssysteme zeitweilig
abzuschalten. Aber irgend jemand muß aufpassen und uns notfalls warnen. Wir werden nicht
umhinkommen, Misato einzuweihen. Maya kann Schmiere stehen, Hyuga und Aoba
erscheinen mir auch vertrauenswürdig... wißt ihr eigentlich, was wir im Begriff sind zu tun?!“
„Verstoß gegen die Paragraphen 5, 6, 7 und 9a bis f der NERV-Charta.“ erwiderte Rei.
„9f auch? Hm. - Stimmt. Wenn wir erwischt werden, ist Degradierung und unehrenhafte
Entlassung noch das mindeste. Wahrscheinlich werden wir gleich an die Wand gestellt.“
„Das... uh... das ist doch nicht wirklich...“
„Naja, Shinji, zumindest möglich ist es. Ich wollte nur das Risiko ansprechen - seid ihr immer
noch dabei?“
Shinji schluckte, nickte dann.
„Hikari ist eine von uns“, sagte Rei nur.
„Gut, dann spreche ich mit Misato.“
„Ich werde mitkommen, Ritsuko-san. Ich möchte auch dabei sein, wenn Sie oder Misato-san
Hikari aus dem Krankenhaus abholen.“
„Einverstanden, Rei. Wir müssen das ohnehin noch ein wenig besser durchplanen. Hm, wenn
nur Kaji hier wäre, der hätte sicher längst einen völlig verrückten und verwegenen Plan, der zu
aller Überraschung reibungslos klappen würde.“
„Was ist mit Kaji-san?“ fragte Shinji überrascht.
„Das möchtest nicht nur du wissen. Er ist seit drei Wochen verschwunden, ebenso wie der
Subkommandant.“
„Oh...“
„Ja, wie vom Erdboden verschluckt. Zuerst hatten wir noch befürchtet, sie könnten während
des letzten Angriffes verschüttet worden sein, aber die Aufräumtrupps haben sie nicht
gefunden.“
„Hoffentlich ist Kaji-san in Ordnung - und der Subkommandant auch.“
„Ich rede jetzt erst einmal mit Misato.“
*** NGE ***
Mit der Abenddämmerung hielten zwei Wagen in der Tiefgarage der Bunkeranlage, welche
auch das Städtische Krankenhaus beherbergte - Misatos blauer Sportwagen und ein VW-Bully
in olivgrün mit dem NERV-Logo auf den Türen. Aus ersterem stiegen Shinji und Rei,
während Misato im Wagen wartete, aus dem anderen kletterte Ritsuko Akagi, während Maya
am Steuer sitzen blieb.
Kurz blickten die Beteiligten des Unternehmens sich noch einmal an, vergewisserten sich
einander, daß sie immer noch am Plan festhalten wollten, dann betraten die Wissenschaftlerin
und die beiden EVA-Piloten den unterirdischen Klinikkomplex.
Rei spürte eine stetig wachsende Beklommenheit, wenn sie an das vor ihnen liegende dachte,
nicht wegen der Gefahr, daß man sie erwischen und bestrafen konnte, sondern weil Shin-chan
ihr Geheimnis vollständig enthüllen könnte, wenn sie in das TerminalDogma eindrangen.
Deswegen hatte sie mit Ritsuko-san sprechen wollen, diese hatte ihr versichert, die Gruppe
über eine Route zu den Gen-Schmieden zu führen, welche einen weiten Bogen um die Räume
mit dem Klontank und den DummyPlug machte. Trotzdem kam Rei nicht umhin, sich zu
fragen, wie Shinji wohl reagieren würde, wenn er erfuhr, daß der Kommandant sie im
wahrsten Sinne des Wortes geschaffen - und nicht verändert, wie er immer noch glaubte, hatte... ob seine Liebe stark genug war, auch diese Wahrheit zu verkraften, oder ob er sich von
ihr abwenden würde... sie wußte nur, daß sie ohne ihn nicht mehr leben konnte...
Leben... ein völlig neues Konzept... bisher hatte sie immer nur an Existenz gedacht. Existenz
und existieren... doch leben... das war etwas ganz anderes. Und sie wollte ihr Leben mit ihm
teilen...
Die Dreiergruppe marschierte den Korridor entlang, Akagi mit entschlossenem Gesicht
vorneweg, Rei völlig emotionslos und Shinji leicht unsicher.
Shinjis Blick huschte unstet hin und her, blieb an jedem, der ihnen über den Weg lief, kurz
haften.
Seltsam... seit seiner Rückkehr aus EVA-01 fragte er sich bei jedem Mann, der ihnen
begegnete, ob dieser vielleicht sein leiblicher Vater war... wie hatte seine Mutter es doch
ausdrückt - jemand, der bereits über ihn und die anderen Piloten wachte... sein Vater mußte
also zu NERV gehören... vielleicht jemand vom Sicherheitsdienst? Oder ein Angehöriger des
Kommandostabes? Er mußte unbedingt mit Kaji-san sprechen, sobald dieser sich wieder
blicken ließ, sicher würde dieser ihm helfen, die Wahrheit herauszufinden... wer es wohl sein
mochte... und hoffentlich war Kaji-san in Ordnung, warum er wohl verschwunden war?
Shinji hatte, kurz bevor sie aufgebrochen waren, Kaji-sans Melonenbeet aufgesucht und
festgestellt, daß die Pflanzen wohl regelmäßig gegossen worden waren - er war also dort
gewesen...
Shinjis Blick blieb jetzt an Rei haften.
Rei-chan... ihr Licht hatte ihn zurückgeführt... die Leidenschaft, welche er nach seinem
Aufwachen in ihren Augen gesehen zu haben glaubte, war inzwischen wieder verschwunden,
war einem warmen Leuchten gewichen, das aufglomm, wenn sich ihre Blicke trafen... was
wohl geschehen wäre, wenn Misato nicht dazwischengekommen wäre?
Kaum zu glauben, daß dies dasselbe Mädchen war, das er am Tag seiner Ankunft in Tokio-3
erstmals getroffen hatte... wie sehr sie sich doch verändert hatte...
Und im Stillen gestand er sich ein, daß er sich wohl auch verändert hatte. Früher hätte er nie
an so einem Unternehmen teilgenommen, schließlich würden sie eine ganze Menge wagen,
wenn sie in die Kelleranlagen des Hauptquartiers eindrangen... Rei-chan hatte ihn verändert,
für sie wollte er mutig sein, für sie kämpfte er. Und für ihre Zukunft, eine hoffentlich
gemeinsame Zukunft... seltsame Gedanken... Zukunft... er war doch erst vierzehn, und
trotzdem schien er jetzt schon zu wissen, daß er mit ihr den Rest seines Lebens verbringen
wollte...
Die drei erreichten die Station, auf der Hikari lag.
Wieder übernahm Ritsuko die Führung.
Hikari, das Mädchen, das sie als Pilotin ausgewählt und rekrutiert hatte... dem sie
Versprechungen im Namen von NERV gemacht hatte, zu denen sie zwar legitimiert gewesen
war und die Gendo doch nicht hatte einhalten wollen... das Mädchen, welches das ganze
Risiko getragen hatte und vom Schicksal schwer getroffen worden war, dessen Zustand sie,
Ritsuko Akagi, zum Teil mitzuverantworten hatte.
Zorn kochte in ihr hoch, sobald sie an Gendos kalte Worte dachte. Wie leicht es ihm gefallen
war, alle Schuld an den Vorfällen in Matsushiro Hikari zuzuschieben, wie ein feudaler
Richter, der das Urteil über einen Unschuldigen verhängt, dessen Schicksal ihn nicht im
mindesten interessiert. In Ritsukos Augen gab es nur eine einzige gute Sache, die Gendo Ikari
in seinem ganzen Leben geschafft hatte, und das war sein Sohn, Shinji... die Anfänge des
Klonprojektes gingen ja noch auf Yui Ikaris Konto, die damit Piloten für die EVAs hatte
schaffen wollen, damit keine Menschen sich der Gefahr der dauerhaften Synchronisation
aussetzten, weswegen Ritsuko nicht bereit war, Gendo auch noch Reis Existenz
zuzuschreiben.
Wer hätte gedacht, daß aus der bloßen unkritischen Befehlsempfängerin, die nur Gendo
gegenüber loyal gewesen war, solch eine Persönlichkeit werden würde... Shinji konnte sich
glücklich schätzen, Reis Herz gewonnen zu haben - und das schien er auch zu wissen. Die
beiden ergänzten sich gut, dazu kam noch die permanente Synchronverbindung zwischen
ihnen, die wahrscheinlich auch ihren Teil zur Rettung des Jungen aus Einheit-01 beigetragen
hatte. Und Gendo selbst schien noch gar nicht richtig verstanden zu haben, daß seine frühere
Marionette ihre Fäden gekappt hatte und jetzt auf eigenen Beinen stand.
Der Gedanke erfüllte Ritsuko mit Genugtuung. Gendo glaubte, er hätte alles in die richtigen
Bahnen geleitet, alles zu seinem Wohlgefallen manipuliert, so daß er sich nur noch
zurücklehnen und abwarten brauchte, vielleicht hier und dort noch einmal einen kurzen
Anstoß liefern mußte, ansonsten aber nur zuzusehen brauchte, wie alles so kam, wie er es sich
vorstellte. Dabei gab es längst Abweichungen von seinem Szenario - die schwerwiegendste
wahrscheinlich die Beziehung zwischen seinem Sohn und Rei. Die beiden würde er niemals
auseinander bringen können. Und wenn seine Pläne wie ein Kartenhaus zusammenfielen,
dann würde sie da sein und lachen, über ihn lachen und ihn zur Rechenschaft ziehen für den
Tod ihrer Mutter... aber zuerst mußte sie noch in Erfahrung bringen, was Reis Vorgängerin zu
ihrer Mutter gesagt hatte, das sie zu einer solchen Wahnsinnstat getrieben hatte... bisher hatte
sie das Thema nicht angesprochen, weil sie sich Reis Loyalitäten noch nicht ganz sicher
gewesen war, doch die Tatsache, daß Rei das Unternehmen unterstützte, das zur Befreiung
ihrer Freundin Hikari führen sollte, sprach für sich selbst!
Sie gelangten an der Tür zu Hikaris Zimmer an.
Durch das Beobachtungsfenster konnten sie sehen, daß nur Toji Suzuhara bei ihr war und ihre
Hand hielt, sie mit müden Augen anblickte und auf sie einredete.
Der Anblick versetzte Rei einen Stich mitten ins Herz.
Was, wenn ihr Shin-chan nicht aus EVA-01 zurückgekehrt wäre, wenn nur sein Körper, nicht
aber sein Geist und seine Seele aus dem EntryPlug hätten geborgen werden können... dann
würde sie jetzt an seinem Bett sitzen, so wie Suzuhara-kun an Hikaris... Suzuhara war ein
guter Freund, sicherlich zerriß es ihm das Herz, nicht nur seine Schwester immer hier im
Krankenhaus zu besuchen, sondern auch noch seine Freundin.
Sie selbst, Rei, war wohl keine so gute Freundin, sonst hätte sie wohl mehr Zeit damit
verbracht, über Hikaris Wohlergehen nachdenken, als darüber, sich mit Shin-chan zu
vereinen...
Bevor sie Gefühle gekannt hatte und bevor ihr Gewissen erwacht war, da war alles soviel
leichter gewesen. Die Worte des Kommandanten waren Gesetz, waren ihre Gebote gewesen.
Manchmal ertappte sie sich immer noch dabei, diese Zeit zurückzuwünschen, in der sie nur
existiert, aber nicht gelebt hatte. Aber dann wurde ihr jedesmal aufs Neue klar, daß dies eine
kalte Zeit gewesen war, eine Zeit ohne Liebe. Sie mußte nur ihren Shin-chan ansehen, um zu
wissen, daß sie sich niemals ernsthaft diesen Zustand zurückwünschen würde.
„Ihr müßt nicht mit hineinkommen...“ setzte Akagi an, doch die beiden schüttelten völlig
synchron die Köpfe und verneinten ihren Vorschlag.
Zu dritt betraten sie das Krankenzimmer.
Toji sah auf.
„Sieh nur Hikari, wir haben Besuch. Shinji, Ayanami und Doktor Akagi...“
Das Mädchen mit den Sommersprossen reagierte nicht, blickte immer noch nur starr
geradeaus. Ihr Blick war furchteinflößend leer. Hikari war sehr blaß und abgemagert, ihre
Wangen eingefallen. Die Sommersprossen waren kaum noch zu erkennen, dafür waren ihre
Zöpfe tadellos.
Toji schüttelte den Kopf.
„Sie reagiert auf gar nichts...“
Shinji sah betreten zu Boden.
„Hallo, Toji.“
„Hallo, Shinji, schön, dich mal wieder zu sehen.“
„Tut mir leid...“
„Das sollte kein Vorwurf sein. Ich habe euch beide seit dem letzten Angriff nicht mehr
gesehen, sicher hattet ihr anderes zu tun... etwa selbst Verletzungen auszukurieren.“
„Das ist korrekt, Suzuhara-kun. Beim letzten Angriff wurden alle drei EVAs mehr oder
weniger schwer beschädigt. Shinji-kun wurde erst heute aus der Krankenstation entlassen.“
„Oh, Mann. Naja, gut, euch gesund wiederzusehen. Seit Hikari sich hier befindet... in diesem
Zustand... denke ich viel darüber nach, was alles passieren kann.“
„Deswegen sind wir ja hier, Toji...“ platzte es aus Shinji heraus. „Wir wissen, was zu tun ist!“
„Was?“
Toji starrte ihn an.
Langsam breitete sich Hoffnung auf seinen müden Zügen aus.
„Ihr könnt...“
Er sah Doktor Akagi an.
Diese nickte.
„Aber dazu müssen wir sie ins NERV-Hauptquartier bringen.“
„Kann ich mitkommen?“
„Uh, Toji...“
„Suzuhara-kun, es wird vielleicht gefährlich werden.“
„Warum?“
„Weil wir außerhalb der Vorschriften operieren.“
„Hä?“
„Toji, was Rei meint ist... uh... naja... wir haben keine Genehmigung von meinem... Vater...
und wenn man uns erwischt, dann... uhm... wird es ziemlichen Ärger geben...“
„Das ist mir egal. Vielleicht kam ich auch helfen?! Bitte...“
Wieder wechselten die beiden Piloten und Ritsuko einen Blick, kamen ohne Worte zu einer
Übereinkunft.
Ritsuko nickte.
„Gut, hör zu: Was immer du im Hauptquartier sehen solltest, du darfst nichts davon
weitersagen, um deinerselbst und auch um Hikaris Willen nicht, verstanden?“
„Klar. Ich werde alles sofort wieder vergessen.“
Akagi gab ein abgehacktes Lachen von sich.
„Wenn das so einfach wäre... noch etwas: Wenn Major Katsuragi oder ich sagen „Lauf!“,
dann läufst du. Wenn eine von uns sagt „Kopf runter!“, dann wirfst du dich flach auf den
Boden. Was immer wir dir auch befehlen, du wirst es tun, egal wie widersinnig es dir
erscheinen mag, selbst wenn es bedeutet, uns andere vielleicht in großer Gefahr im Stich zu
lassen.“
„Aber...“
„Kein ´aber´. Das sind die Bedingungen, andernfalls bin ich nicht bereit, diese zusätzliche
Verantwortung zu tragen.“
„Ja, ist ja gut. Ich befolge jede Ihrer Anweisungen.“
„Okay. Dann hole jetzt für Hikari einen Rollstuhl und sage dem Personal, du möchtest mit ihr
einen kurzen Ausflug in die Grünanlage an der Oberfläche machen. Sollten sie Fragen stellen
- ich habe es dir erlaubt.“
„Ja, Doktor Akagi.“
Toji eilte hinaus.
Ritsuko seufzte.
„Hoffentlich geht das gut.“
„Warum... uh... warum haben Sie es Toji erlaubt, wenn Sie so denken?“
„Weil er mich mit diesem leidenden Dackelblick angesehen hat, deswegen. Ich bin ja auch
nicht aus Stein. Und etwas zusätzliche Muskelkraft kann auch nicht schaden. - So, mal sehen,
wo Hikaris Sachen sind, schließlich müssen wir sie reisetauglich machen. - Shinji dreh dich
um.“
„Ja, Ma´am.“
„Guter Junge.“
*** NGE ***
Toji kehrte mit einem Rollstuhl aus Krankenhausbeständen zurück und half Ritsuko, Hikari
hineinzusetzen. Das Mädchen war nur noch Haut und Knochen.
Akagi murmelte etwas davon, daß es höchste Zeit war.
Dann schoben sie den Rollstuhl über die Gänge und schließlich durchs Foyer, wo Ritsuko und
Shinji die Schwestern ablenkten.
Auf dem Parkplatz wartete Maya bereits und öffnete die rückwärtigen Türen des Bullies, der
mit einer ausklappbaren Rampe ausgestattet war. Sie schoben den Rollstuhl ins Wageninnere,
Shinji und Toji kletterten ebenfalls in den Laderaum, um Hikari festzuhalten, während Rei
wieder bei Misato in den Wagen sprang und Ritsuko ins Führerhaus des VW stieg.
Phase 1 des Planes war abgeschlossen. Jetzt begann Phase 2...
Ohne Aufsehen zu erregen fuhren die beiden Wagen durch die Tunnel unter der Stadt, welche
die Bunkeranlagen miteinander verbanden, benutzten dann eine der spiralförmigen Rampen,
die in die Geofront führten, deren Untergrund ebenfalls von Tunneln durchzogen war.
Ritsuko benutzte ihr Handy, um sich mit Makoto Hyuga in Verbindung zu setzen, der in der
Garage des Hauptquartiers wartete und grünes Licht für die Einfahrt gab. Kurz darauf holte sie
sich auch die Bestätigung von Shigeru Aoba, daß Kommandant Ikari in seinem Büro war.
Als die Wagen in der Garage zum Halten kamen und Hyuga die Türen des Bullies öffnete,
blickte Ritsuko noch einmal in die Runde.
„Ab hier wird es ernst. Wer aussteigen will, hat jetzt die letzte Gelegenheit.“
Die Sicherheitskameras in der Tiefgarage waren bereits im Standby-Mode, Ritsuko hatte auch
bereits dafür gesorgt, daß Hikari von den Sensoren nicht als Eindringling registriert werden
würde, machte jetzt auf Mayas Laptop ein paar Eingaben, um auch Toji Besucherstatus zu
verleihen. Solange er in ihrer oder Misatos Nähe blieb, würde es keine Probleme geben. Dann
gab sie den Computer an Maya zurück und schaltete ihren Palmtop ein, über den sie einzelne
Systeme im Hauptquartier steuern konnte.
„Also?“
Niemand sagte etwas, stattdessen machten Shinji und Toji daran, Hikari in ihrem Rollstuhl
auszuladen, wobei ihnen Makoto und Misato und Rei halfen.
„Danke, Hyuga-kun“, lächelte Misato.
„Für Sie immer, Major.“
„Gehen Sie jetzt wieder auf Ihren Posten, benachrichtigen Sie mich, falls etwas unerwartetes
geschieht.“
„Natürlich.“
Ritsuko wandte sich an Maya.
„Du weißt, was du zu tun hast.“
„Ja, Sempai. Sollte Makoto Alarm schlagen, starte ich das von Ihnen vorbereitete Programm,
das bei den MAGI einen Fehlalarm auslöst.“
„Gut.“
„Ach ja, Doktor Akagi, Aoba läßt ausrichten, daß ihre Bestellung im Lagerraum neben dem
Aufzug auf Sie wartet“, sagte Hyuga, ehe er die Parkgarage verließ.
„Bestens... Also, auf zu Phase 3!“
*** NGE ***
Auf einem weitläufigen Zick-Zack-Kurs durch die Gänge und Ebenen, über Rampen und
vereinzelte Aufzüge stieß die kleine Gruppe immer tiefer ins Herz des Hauptquartiers vor, ihr
Ziel war einer der Aufzüge, die ins TerminalDogma fuhren.
Rei und Misato übernahmen die Führung, erstere kannte die Korridore wie kaum jemand
anders und setzte ihre hohe Laufgeschwindigkeit ein, um Seitenkorridore und Parallelgänge
auszukundschaften, während Misato an kritischen Wegkreuzungen dort postierte Wachen
ablenkte, indem sie vorgab, sich verlaufen zu haben und nach dem Weg fragte - der schlechte
Orientierungssinn des Majors war bereits legendär.
Doktor Akagi hatte dafür gesorgt, daß die Sicherheitskameras auf ihrem Weg nur Standbilder
zeigten, mit der Fernsteuerung auf ihrem Palmtop manipulierte sie die Geräte entsprechend.
Unangefochten erreichten sie die unterste Ebene des CentralDogma, wo Ritsuko sie zu dem
von ihr anvisierten Aufzug führte.
Und dort liefen sie in zwei Männer hinein, die sich von der anderen Seite her demselben
Aufzug näherten - Kaji und Subkommandant Fuyutsuki!
„Kaji!“ rief Misato.
„Hi, Katsuragi. Na, das ist aber ein Auflauf hier...“
Fuyutsuki musterte die kleine Gruppe um den Doktor und den Major, sein Blick blieb an
Shinji hängen.
Yuis Sohn...
Ihr gemeinsamer Sohn...
Wenn er das nur eher gewußt hätte...
Vierzehn Jahre... vierzehn verlorene Jahre...
Er biß sich auf die Zunge.
Sollte er es ihm sagen? Sollte er es ihm sagen, ihm sagen, daß seine Mutter Ehebruch
begangen hatte, und damit vielleicht alle Illusionen, die der Junge über seine Mutter gehabt
hatte, zerstören?
Nein...
Er schluckte.
„Shinji, ich bin froh, daß du wieder in Ordnung bist. Mir wurde von Major Kaji zugetragen,
daß es einen üblen Zwischenfall mit EVA-01 gegeben hatte.“
„Uh... Danke, Sir.“
Fuyutsuki nickte.
„Doktor Akagi, Major Katsuragi, in ihrer Gesellschaft befinden sich zwei Zivilisten, ferner
scheint es Ihre Absicht, Ihre Gruppe ins TerminalDogma zu führen, bitte erklären Sie das.“
Hinter seinem Rücken machte Kaji Gesten, die wohl bedeuten sollten, daß er nicht wußte, was
sein Begleiter bezweckte.
Warum hatte Katsuragi auch nur gerade jetzt hier auftauchen müssen? Der Subkommandant
hatte ihm eine Führung durch das TerminalDogma versprochen... und dafür hatte er sogar
den Commander in seinem Versteck zurückgelassen, der erstens keine Legitimierung besaß,
das Hauptquartier zu betreten und zweitens ohnehin schon seit Tagen in dumpfes Brüten
versunken war...
Ritsuko trat vor.
„Subkommandant Fuyutsuki, das Mädchen ist Hikari Horaki, das Fourth Children. Sie
befindet sich durch die Schuld von NERV in diesem Zustand. Ich kann ihr helfen, doch dazu
muß ich mit ihr ins TerminalDogma. Sie können uns aufhalten, Alarm schlagen oder uns
passieren lassen. Was werden Sie tun, Professor?“
Ihr Blick bohrte sich in Fuyutsukis Augen.
Misatos Hand näherte sich langsam ihrer Waffe im Schulterhalfter...
Fuyutsuki hielt Akagis Blick stand.
„Ich denke... ich werde in Ikaris Büro gehen und ihn ein wenig beschäftigen.“
Er lächelte.
„Viel Glück, Doktor.“
„Danke, Professor.“
Kozo nickte knapp.
„Tja, Kaji, dann wird wohl nichts aus unserem Vorhaben.“
„Ich schließe mich den anderen an. Subkommandant, fühlen Sie sich wirklich imstande,
Kommandant Ikari gegenüberzutreten?“
„Mehr als mich erschießen kann er auch nicht, weil ich SEELE gegenüber alles ausgeplaudert
habe. Aber ich denke, er braucht mich noch.“
„Trotzdem... wenn Sie das tun, dann sind wir quitt.“
„Sie sind sehr großzügig, Major Kaji.“
Damit wandte Fuyutsuki sich ab.
Shinji blickte ihm hinterher.
Wie hatte seine Mutter es doch ausgedrückt... jemand, der über ihn und die anderen wachte...
sollte der Stellvertretende Kommandant vielleicht... unwahrscheinlich, der war doch viel zu
alt...
„Kaji, was habt ihr beiden die letzten drei Wochen angestellt?“ fragte Misato.
Kaji grinste.
„Wir waren Angeln.“
„Äh...“
Er zwinkerte.
„Ist eine lange Geschichte... - Will eigentlich niemand den Aufzug rufen? Ritsuko?“
„Augenblick...“
Akagi verschwand in einem Nebenraum, kam mit einem länglichen Gegenstand zurück.
Misato zog automatisch den Kopf ein.
„Nicht das Ding wieder!“
„Wieso?“
Ritsuko betrachtete den Prototypen des Positronengewehrs verwirrt.
„Jetzt ist es doch wirklich gesichert.“
„Was willst du mit dem Teil?“
„Glaubst du vielleicht, wir schaffen es in einer Nacht, den Panzer von EVA-03 mit
herkömmlichen Mitteln aufzubrechen? Da unten fehlen mir einige der Werkzeuge, die ich hier
oben habe, zum Beispiel der große Laserschneider. Und wenn ich den abbaue und nach unten
bringe, schöpft garantiert jemand Verdacht.“
„Okay... du bist hier die Wissenschaftlerin.“
„Genau!“
Sie rief den Aufzug, öffnete die Türen mit ihrem persönlichen Code.
„Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr!“
*** NGE ***
„Sag mal, Shinji, ich habe gehört, du warst drei Wochen außer Gefecht?“
„Ja, Kaji-san.“
„Meine armen Pflanzen... Naja, kann man nichts dran ändern, Hauptsache, du bist wieder in
Ordnung.“
„Uh, tut mir leid...“
Misato gab ein Brummen von sich.
„Ich habe deine dummen Melonen gegossen, Kaji.“
„Du, Katsuragi?“
„Klar. Oder dachtest du, du könntest mitten in der Geofront einen Acker anlegen, ohne daß es
jemand bemerkt? Wenn ich dein Feld nicht für tabu erklärt hätte, wäre es längst geplündert
worden.“
„Ah! Danke, Katsuragi-chan!“
„Kannst mich ja zum Essen einladen.“
„Ihr könnt nachher weiterflirten“, brummte Ritsuko. „Wir sind da.“
Die Türen der Aufzugskabine öffneten sich.
*** NGE ***
Irgendwie hatte Shinji ja mehr erwartet als den breiten und hohen Korridor, der sich zu beiden
Seiten erstreckte. Der Korridor war groß genug, daß ein EVA ihn hätte passieren können. An
einem Ende des Ganges befand sich ein mächtiges Tor, während das andere Ende eine
Sackgasse zu sein schien.
Ritsuko führte die Gruppe quer über den Korridor zu einer Tür, an der sie erneut ihren
persönlichen Sicherheitscode eingeben mußte, dahinter lag ein weiterer Gang, dieser
allerdings hatte normale Proportionen.
„Schnell! Beeilung!“
Im Laufschritt ging es den Korridor hinunter.
Reis Blick wurde von einer Tür zur Rechten wie magisch angezogen - dahinter befand sich
der Zugang zu den Laboren, die unter anderem den Klontank mit ihren Schwestern
beherbergten.
Ihr Herz klopfte schneller, beruhigte sich erst, als sie die Tür passiert hatten.
Akagi öffnete eine weitere Tür.
„Wir nehmen den Weg durch den Friedhof.“
„Friedhof?“ echote Shinji und fröstelte automatisch. „Hier unten gibt es einen Friedhof?“
Das entsprach schon eher dem, was er eigentlich hier erwartet hatte. Gekreuzigte Engel und
modrige Grüfte...
Seine Kehle wurde trocken.
Schon betraten sie eine gewaltige Halle, die in ihren Ausmaßen jener, in welcher sich der
gekreuzigte Engel befand, in nichts nachstand.
Durch die Halle führte ein hell erleuchteter Weg. Zu beiden Seiten des Weges befanden sich
LCL-Bassins, in welchen riesige Skelette schwammen.
„Mann... Heilige...“ flüsterte Toji. „Sind das Dinosaurierknochen?“
„Nein, das sind Fehlschläge des Projektes E - die Reste von mißlungenen EVANGELIONs.“
erklärte Ritsuko. Obwohl sie nicht sonderlich laut sprach, hallte ihre Stimme von den Wänden
wieder.
Die Knochen dümpelten im LCL vor sich hin, manche Skelette waren vollständig, aber
seltsam verwachsen, bei anderen fehlten Körperteile oder einzelne Knochen. Es gab EVASkelette ohne Arme oder Beine, dann solche ohne Brustkorb, bei anderen wiederum war die
Wirbelsäule verwachsen und starr oder schief und krumm, bei einem EVA wuchs ein dritter
Arm aus der Brust, ein anderer hatte ein zweites Paar Schultern und einen zweiten Kopf.
Je tiefer sie in die Halle vordrangen, um so stärker wurden die Entstellungen, um so
monströser wirkten die EVAs. Weitere Gerippe hingen an mächtigen Fleischerhaken von der
Decke.
War da nicht eben ein leises Platschen zu hören gewesen?
Hatte sich nicht eben eines der Skelette bewegt?
Ging nicht ein kalter Lufthauch durch die Halle, klirrten nicht die Ketten, an denen die
Fleischerhaken von der Decke baumelten, leise?
Hatten nicht eben die Augen eines EVA-Totenschädels aufgeglüht?
Sie beeilten sich, diesen Ort hinter sich zu lassen, auch Ritsuko legte ein gesteigertes Tempo
vor. Selbst sie konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, aus zahllosen leeren Augenhöhlen
angestarrt zu werden...
*** NGE ***
Wieder passierten sie einen breiten Korridor, gelangten dann in eine weitere große Halle
voller LCL-Becken, nur war diese hell erleuchtet und ähnelte in gewisser Weise dem EVAHangar im CentralDogma. Laufstege verliefen kreuz und quer auf mehreren Ebenen durch die
Halle.
Nur zwei Becken waren belegt, das eine enthielt die Reste von EVA-04, der oberhalb der
Taille zerrissen worden war, das andere den kopflosen EVA-03.
„Die Gen-Schmiede!“ verkündete Ritsuko Akagi. „Geburtsstätte der EVAs!“
Shinji sah sich mit großen Augen um, stellte sich vor, wie EVA-00 und EVA-01 aus den
Bassins stiegen und sich aufrichteten, während auf dem obersten Laufsteg Gendo Ikari stand
und das alles durch seine dunkle Brille betrachtete... Shinji weigerte sich inzwischen, von
diesem Mann als seinem Vater zu denken, nicht nachdem er die Wahrheit erfahren hatte...
„Ritsuko, was ist zu tun?“ rief Misato.
„Moment...“
Akagi trat zu einem Kontrollpult, aktivierte es, bewegte einige Regler und drückte ein paar
Knöpfe. Als Ergebnis geriet einer der Stege in Bewegung, rollte langsam mit leisem Summen
über das Bassin mit EVA-03, blieb auf Höhe der Gürtellinie stehen.
„Bringt Hikari auf die Brücke, möglichst in die Mitte!“
„Klar. Los, Jungs!“
Kaji, Shinji und Toji brachten den Rollstuhl auf den Steg, schoben ihn dann hinauf, Rei
begleitete sie.
Misato hingegen folgte Ritsuko auf einen höhergelegenen Steg, der sich über der Brust von
EVA-03 befand.
„Hikari ist in Position. Und jetzt?“
Ritsuko entsicherte das Positronengewehr, legte es mit dem Lauf auf das Gelände des Stegs.
„Jetzt brenne ich EVA-03 ein Loch in die Brust.“
„Du willst doch nicht wirklich...“
„Ich sagte doch schon, ich habe nicht anderes, um die Panzerung aufzusprengen. Weißt du
eigentlich, was diese Tri-Polymer-Titaniumummantelung aushält?“
„Aber... Ich denke, das hier ist deine Bastelstube!“
„Ja, aber eigentlich war nicht geplant, daß hier EVAs zerstört werden. Die
Panzerungselemente werden bereits nach Maß angefertigt geliefert; Schneidgeräte haben wir
oben im Hangar für Reparaturen.“
„Und du willst wirklich selbst schießen?“
„Ja, ich habe ihn gebaut, also werde ich ihn auch zerstören! Ohne AT-Feld sollte das kein
Problem sein...“
Sie legte an.
„Du kannst doch gar nicht damit umgehen...“
„So schwer dürfte das nicht sein, das Ziel ist ja groß genug. Außerdem habe ich das Teil
mitentwickelt.“
„Laß mich wenigstens...“
Widerwillig ließ Ritsuko sich von Misato Hilfestellung geben, nahm dann die Brustplatte ins
Visier.
„Achtung, da unten!“
Sie drückte ab.
Der Rückschlag riß ihr fast die Waffe aus den Händen.
Fauchend jagte eine hochkomprimierte Positronenladung aus dem Gewehrlauf, hinterließ eine
feurige Spur, schlug krachend in die Brustplatte ein.
Dampf stieg auf.
„Shinji, Kaji, bei euch alles in Ordnung?“
„Alles klar, Katsuragi!“ rief Kaji, blieb aber auf dem Boden knien.
Toji stand schützend vor Hikari, während Shinji Rei mit sich nach unten gezogen hatte, als die
Positronenladung durch die Luft gezischt war.
„Okay, schauen wir mal...“ murmelte Ritsuko und betrachtete die Einschlagstelle durch das
Zielfernrohr.
Das Material der Panzerung wies einen tiefen Krater auf, die Titaniumstahllegierung war
geschmolzen und warf Blasen.
„Noch ein Treffer und ich bin durch...“
Die Kälte in ihrer Stimme ließ Misato einen Schauder den Rücken hinablaufen.
Ritsuko war bereit, ihre eigene Schöpfung zu vernichten, obwohl sie den EVA mit den
verfügbaren Ersatzteilen wahrscheinlich wieder einsatzfähig hätte machen können. Und alles
wegen einer verrückten Theorie, derzufolge die Seele des Mädchens im Kern des EVAs
gefangen war... ihr Blick war so entschlossen...
„Dann wollen wir mal...“ flüsterte sie.
Wieder jagte eine Positronenladung aus dem Gewehrlauf, schlug krachend in die Panzerung
ein, durchschlug sie dieses Mal.
Der Kern lag frei...
Wieder legte Ritsuko an.
„Bereitmachen!“
Misato blickte nach unten.
Die einzige Person, die von dem Geschehen unbeeindruckt blieb, war Hikari...
„Bereit...“ rief Shinji.
„Bereit!“ sagte Rei gedämpft, die mit dem Gesicht von Shinji an dessen Brust gedrückt wurde.
Kaji zeigte ihr den nach oben ausgestreckten Daumen.
„Äh... bereit...“ sagte Toji, der vor Hikaris Rollstuhl kniete und ihre Hände umklammert hielt.
„Los, Ritsuko!“
Akagi kniff die Augen zusammen.
Der Kern des EVAs gab in schwaches Leuchten von sich, das in langgezogenen Intervallen
pulsierte.
Ritsuko zögerte.
Das war ihr Werk...
Sie hatte dieses Wesen geschaffen... konnte sie es wirklich zerstören?
Unter alles nur aufgrund der Worte eines Jungen, die ebenso gut einem schlechten Traum
entsprungen sein konnten...
Dann dachte sie an das Mädchen im Rollstuhl und an Hikaris leeren Blick.
Ein wenig Hoffnung...
Akagi drückte ab... der Rückschlag schmetterte ihr das Gewehr gegen die Schulter.
Der Kern explodierte, brach auf wie ein Hühnerei...
Eine Lichtsäule schoß fauchend in Richtung der Hallendecke...
„Mein Gott...“ stieß Misato hervor.
Die Lichtsäule stand immer noch, erhielt beständig neue Nahrung aus dem Kern.
Das Fauchen war ohrenbetäubend.
„Mein Gott...“ wiederholte Misato.
Sie hatte derartiges schon einmal gesehen... vor fünfzehn Jahren am Südpol... nur war die
dortige Lichtsäule viel mächtiger gewesen, hatte den ganzen Kontinent verschlungen...
Was hatten sie getan...
Misatos Hand verkrampfte sich um das Geländer. sie wartete darauf, daß die Lichtsäule sich
ausdehnte, die ganze Halle verschlang, dann das Hauptquartier, die Stadt, das ganze Land...
Doch der Weltuntergang blieb aus...
Toji starrte wie gebannt auf die Lichtsäule.
In ihr schienen sich Gesichter zu formen, die sich schreiend wieder auflösten...
Er sah Flammen, die ganze Städte verschlangen, erblickte brennende menschliche Gestalten...
Angst stahl sich in sein Herz.
Und dann spürte er, daß Hikaris Hände sich bewegten, zu zittern begannen.
Er riß den Blick von dem Licht los, zwang sich, den Kopf zu drehen und in Hikaris Augen zu
sehen.
Hikari blinzelte...
Toji holte keuchend Atem.
Immer noch fauchte das Licht aus dem Inneren des EVAs.
„Was... was ist das...“ stieß Shinji hervor, hielt Rei dabei fest an sich gepreßt.
„Lebenskraft, reine Energie“, flüsterte Rei.
Das Fauchen wurde leiser, zugleich begann die Lichtsäule zu schrumpfen, in sich
zusammenzufallen.
„Hikari...“ flüsterte Toji, hob zögernd die Hand, berührte ihre Wange mit den Fingerspitzen.
Wieder blinzelte sie. Ein verwirrter Ausdruck trat in ihre Augen.
Hikari bewegte die Lippen, produzierte undeutliche Laute.
Tojis Augen füllten sich mit Tränen.
„Hey, Hikari-chan...“
„To... To... Toji... wo...“
„Sie spricht! Hikari spricht mit mir!“
Mit zitternden Knien kam er auf die Beine.
„Hikari?“
„Was... ist... passiert...“
Toji riß sie in seine Arme.
„Es hat funktioniert... es hat tatsächlich funktioniert...“ stieß Shinji hervor.
„Ja, hattet ihr denn Zweifel?“ fragte Kaji. „War doch Ritsukos Idee, oder?“
„Uh...“
„Toji, was ist... wo bin ich?“ flüsterte Hikari.
Suzuharas Antwort bestand aus unzusammenhängenden Wortfetzen, die von Schluchzern
unterbrochen wurden.
„Es hat geklappt!“ rief Shinji zum Laufsteg hinauf, zog beim Aufstehen Rei mit sich in die
Höhe, riß sie von den Beinen und wirbelte sie lachend durch die Luft.
„Shinji!“ rief sie erschrocken.
Er schien um einiges stärker als damals nach dem Jahrgangsabschlußtanz...
Misato blickte nach unten.
Das Licht aus dem Kern des EVAs war jetzt völlig erloschen, der Kern war nur noch eine
zerbrochene verkohlte Sphäre, umgeben von wieder verhärtendem Titaniumstahl.
„Ritsuko... es hat funktioniert...“ sagte sie tonlos, immer noch überwältigt von dem
Gesehenen.
Akagi stand am Geländer und lachte.
„Daß aus all dem noch etwas Gutes erwächst...“
Ihre Entscheidung war richtig gewesen!
„Ahm, Ritsuko, geht es dir gut?“
„Es ging mir nie besser! Fang!“
Sie warf Misato das Gewehr zu, die es umständlich auffing und erst einmal sicherte.
Kapitel 45 - Durchatmen
Während Ritsuko rasch Hikari untersuchte, bereiteten Misato und Kaji alles vor, um die
Spuren ihrer Anwesenheit zu verwischen - von einem höhergelegenen Steg ließen sie an einer
Art Angel einen Behälter mit einem von Kaji in aller Eile mit den Mitteln des an die GenSchmiede angeschlossenen Labors hergestellten Sprengsatzes in die aufgebrochene
Brustpartie des EVAs hinab.
„Alles klar, Ritsuko, wir haben eine halbe Stunde.“ rief Kaji, während er die Leitern
hinabkletterte. „Dann wird es hier laut, bunt und komisch!“
„Gut.“
Akagi stellte ihre Uhr entsprechend.
„Dann beeilen wir uns, daß wir hier ´rauskommen!“
Im Laufschritt ging es aus der Halle, Toji nahm die immer noch geschwächte Hikari
huckepack und trug sie - immerhin hatte sie ihre Beine seit mehreren Wochen nicht benutzt
und die im Krankenhaus verabreichte Physiotherapie hatte nur dafür gesorgt, daß ihre
Muskulatur nicht völlig verkümmerte. Shinji und Kaji schleppten den zusammengeklappten
Rollstuhl.
Die Route aus dem TerminalDogma heraus unterschied sich von dem Weg hinein, jetzt
benutzten sie mehrere Treppen anstelle des Aufzuges, stiegen schließlich eine lange
Metalltreppe hinauf, die sich um einen gewaltigen Schacht herumwand.
Ritsuko öffnete mehrere Sicherheitsschotten mit ihrem Code.
Schließlich erreichten sie abgekämpft die Hauptebene des CentralDogma.
Wie abgesprochen übernahmen Misato, Kaji und Rei es erneut, nach vorn zu sichern, während
Ritsuko Maya das verabredete Signal schickte, daß sie wieder im CentralDogma waren.
Von der halben Stunde waren noch zehn Minuten übrig, als die Gruppe wieder bei den Wagen
ankam, dieses mal fanden Hikari und Toji auf dem Rücksitz von Misatos Wagen Platz, mit
Rei auf dem Beifahrersitz, während Shinji und Ritsuko den Wagen der Wissenschaftlerin
benutzten, den Rollstuhl auf der Rückbank.
Kaji blieb im Hauptquartier zurück, um auf Fuyutsuki zu warten.
Zehn Minuten später schob Toji gerade Hikari in ihrem Rollstuhl wieder in die Eingangshalle
des Krankenhauses. Offiziell durfte das Mädchen erst in ein paar Minuten zu sich kommen,
damit der Plan nicht von dieser Seite her aufflog.
Ritsuko blickte auf die Uhr, zählte leise die letzten Sekunden mit.
„Jetzt...“
*** NGE ***
In der Gen-Schmiede explodierte der zurückgelassene Sprengsatz. Gleichzeitig begannen die
Sicherheitskameras wieder mit der Aufzeichnung.
Alarmsirenen heulten auf, automatische Löschvorrichtungen traten in Aktion, deckten den
Boden der Halle mit sauerstoffbindenden Schaum ab. Die Ventilation begann, umgekehrt zu
arbeiten und die Luft aus dem Raum abzusaugen, zugleich erwogen die MAGI, die Halle mit
Bakelit zu fluten, kamen aber einstimmig zu dem Ergebnis, daß dies nicht nötig war.
Und die Präsenz in den MAGI lachte leise über die Schläue ihrer Tochter, schüttelte dann den
imaginären Kopf, als sie einige von Ritsuko fahrlässig hinterlassene Spuren im System
entdeckte und diese löschte.
*** NGE ***
Vierzig Sekunden nach der Explosion des Sprengsatzes klingelte Ritsukos Handy.
Sie wartete einen Moment, ließ es zweimal klingeln, hob dann ab.
Es war Maya, die voller Aufregung von einem Zwischenfall in der Gen-Schmiede sprach.
Ritsuko versprach, sofort zu kommen, lächelte dabei.
Maya spielte ihre Rolle wirklich gut...
Akagi nickte Misato und den Kindern zu.
„Ich fahre jetzt zurück... da hat doch anscheinend etwas mit meinem Experiment zur
beschleunigten Regeneration nicht geklappt, sowas aber auch... und das mir...“
Lachend schüttelte sie den Kopf.
„Tst, tst, ich hätte mehr von dir erwartet...“ meinte Misato, schüttelte ebenfalls den Kopf und
grinste breit, wurde dann aber schlagartig ernst. „Jetzt muß nur noch Kommandant Ikari die
Geschichte glauben.“
„Wenn ich mich bei dem Timing nicht grob verschätzt habe, kann er höchstens etwas
vermuten. Misato, ich schätze, heute nacht werde ich sehr gut schlafen können...“
Sie startete ihren Wagen und fuhr los.
Misato blickte ihre beiden Schützlinge an.
„So, Shinji, Rei, Zeit für den letzten Vorhang - lasset uns Zeugen einer wundersamen
Auferstehung werden!“
*** NGE ***
Es wurde an diesem Abend recht spät, erst kurz nach Mitternacht trafen Misato, Shinji und
Rei in Misatos Apartment ein, alle drei müde und erschöpft, aber zufrieden.
Toji und Hikari hatten ihre Rollen perfekt gespielt, Hikari wußte zwar immer noch nicht alles,
was passiert war, hatte sich aber mit einigen kurzen Antworten und dem Versprechen, in den
nächsten Tagen mehr zu erfahren, zufriedengegeben.
Die drei waren gerade rechtzeitig auf der Station angekommen, auf der Hikaris Zimmer lag,
um Zeugen zu werden, wie Toji mit tränenüberströmten Gesicht und mit den Armen wedelnd
aus ihrem Zimmer gestürmt kam, um laut zu rufen, daß Hikari wach sei. Daraufhin waren die
Ärzte und Krankenschwestern in das Zimmer gestürmt, die das Mädchen eigentlich schon
abgeschrieben und nur deshalb nicht zum Sterben nach Hause geschickt hatten, weil Ritsuko
die Rechnungen für Hikaris Aufenthalt und Behandlung bezahlt hatte.
Kurz darauf waren auch ihr Vater und ihre beiden Schwestern eingetroffen, was zu einigen
rührenden Wiedersehensszenen geführt hatte.
„Shinji, du kannst stolz auf dich sein. Ohne deine Idee...“ hatte Misato ihm zugeflüstert.
Shinji hatte darauf verzichtet, ihr zu erklären, woher er sein Wissen bezogen hatte, Doktor
Akagi hatte Misato das ganze gegenüber als Shinjis Idee verkauft und die beiden hatten es
Maya, Makoto und Shigeru wiederum als Theorie Akagis nähergebracht. Und da keiner der
letzteren drei Kommandant Ikari sonderlich mochte, auch weil ihnen bekannt war, wie übel
dieser dem Fourth Children mitgespielt hatte, hatten sie eingewilligt, kleine Beiträge zum
Gelingen des Unternehmens zu leisten.
Schließlich hatten die drei sich abgesetzt, nachdem von Seiten der Ärzte verkündet worden
war, daß Hikari völlig in Ordnung war. Natürlich würde es einige Zeit dauern, bis sie wieder
vollständig genesen war und sich von den Strapazen erholt hatte, aber es bestanden keine
Bedenken, sie noch viel länger in der Klinik zu behalten.
In der Wohnung angekommen, riß Misato erst einmal den Kühlschrank auf und türmte ein
Dutzend Bierdosen auf dem Küchentisch auf.
„Jetzt wird gefeiert!“
Doch von ihren Mitbewohnern äußerte niemand Interesse daran, mit ihr zu trinken, so daß sie
die meisten Dosen schließlich wieder zurückstellte.
Das Telefon klingelte.
Misato eilte in den Korridor und nahm ab.
„Ja?“
Sie deckte die Sprechmuschel mit der Hand ab.
„Es ist Ritsuko...“
Dann schaltete sie den integrierten Lautsprecher ein, so daß die beiden anderen mithören
konnten.
„Ritsuko, was gibt es denn?“
„Misato, stell dir vor, hier ist zur Zeit die Hölle los, während wir mit Hikari im Stadtpark
waren, hat es in meinem Labor eine Explosion gegeben.“
„Nein! Was ist passiert? Hat es Verletzte gegeben, soll ich kommen?“
„Keine Verletzten. Anscheinend hat es eine Reaktion gegeben, mit der keiner rechnen konnte.
Kommandant Ikari ist am Rotieren, wollte dich nur vorwarnen, wenn du morgen zum Dienst
kommst.“
„Danke, Ritsuko, bist ein Schatz. Hör mal, ich habe auch Neuigkeiten, sehr gute sogar...“
„Laß hören!“
„Hikari ist zu sich gekommen!“
„Was?“
„Ja, kurz nachdem du uns im Foyer des Krankenhauses verlassen hattest.“
„Das ist ja... ob es da einen Zusammenhang gibt...“
„Du meinst, der Rums in deinem Labor hat sie aufgeweckt? Also, das glaube ich nicht.“
„Ha! Wunderbare Neuigkeit, jedenfalls. Ach ja, Kaji hat sich auch wieder sehenlassen.“
„Echt? Sag ihm, ich will morgen mit ihm sprechen.“
„Jetzt ist er erst einmal seine Beete inspizieren. Typisch Mann, kaum gibt es Ärger, läuft er
weg.“
„Ja, ja, unser Kaji...“
„Ich muß Schluß machen, Maya und ich machen jetzt eine Bestandsaufnahme der Schäden.“
„Okay, bis morgen!“
Misato legte auf, prustete dann vor Lachen los.
„Ich habe keine Ahnung, wie Ritsuko das durchhält...“
Das Gespräch hatte alle notwendigen Informationen offengelegt - wenn Kommandant Ikari
mitgehört hatte, wovon Misato beinahe schon ausging, dann hatten sie ihn hoffentlich kräftig
in die Irre geführt. Ritsuko wußte jetzt offiziell von Hikaris Genesung und indirekt hatten sie
einander Alibis für den fraglichen Zeitraum gegeben... jetzt durfte sich nur keine der Wachen,
mit denen Misato am Abend gesprochen hatte, um sie abzulenken, damit die anderen
vorbeikamen, gegenüber Ikari äußern, daß sie Misato im Hauptquartier gesehen hatten...
allerdings ließ der Kommandant sich nicht dazu herab, mit einfachen Wachposten zu
sprechen... Hochmut kam eben vor dem Fall.
Shinji gähnte ausgiebig hinter vorgehaltener Hand, blickte dabei Rei von der Seite an.
„Misato, ich bin müde, ich glaube, ich gehe schlafen.“
„Ist in Ordnung. Ich rufe morgen in der Schule an, daß du nicht kommst, war schließlich ein
anstrengender Tag... oder für dich eher anstrengende drei Wochen... - Rei, wie sieht es aus,
möchtest du auch noch einen freien Schultag? Nach drei Wochen kommt es auf einen
weiteren Tag auch nicht mehr an.“
„Danke, Misato-san.“
„Keine Ursache, schlaft euch richtig aus.“
Die beiden verschwanden in ihrem Zimmer.
Misato öffnete die erste Dose, seufzte.
Die beiden noch einmal zu ermahnen, gewisse Dinge zu unterlassen, hätte wahrscheinlich
auch nichts gebracht...
*** NGE ***
Müde stieg Shinji aus Hemd und Hose, legte beides ordentlich zusammen und schlüpfte dann
unter die Decke.
Rei legte Bluse und Rock ab und gesellte sich dann zu ihm, kuschelte sich an ihn und genoß
seine Umarmung.
„Shin-chan...“
„Hm?“
„Versprich mir, daß du so etwas nie wieder machst...“
„Was?“ murmelte er.
„Dich von einem EVA absorbieren zu lassen.“
„Uh... versprochen... Und du... du läufst nie wieder mit einer N2-Mine durch die Gegend, um
sie Engeln in diverse Körperöffnungen zu stopfen...“
„Diverse... ich verstehe... ein Wortspiel... ich... Du hast mein Wort.“
Sie küßte ihn sanft auf die Lippen.
Shinji schloß die Augen.
„Du hast mich zurückgerufen...“ nuschelte er.
Wieder küßte sie ihn, dieses mal auf den Mundwinkel, dann auf das Kinn, arbeitete sich
langsam seinen Hals entlang zu seiner Brust. Ihre schmalen Hände glitten über seine Seiten,
zupften am Bund seiner Unterhose.
Shinji gab einen leisen Schnarchlaut von sich.
Rei sah auf, brach ihr Vorhaben ab, rutschte wieder ein Stück nach oben und in seine Arme.
Sie hatten Zeit... sie hatten alle Zeit der Welt... jedenfalls solange diese existierte...
*** NGE ***
„Also, sowas... Ich wüßte zu gerne, was schiefgelaufen ist!“ erklärte Ritsuko mit ernstem
Gesicht, während sie sich von einem der obersten Stege einen Überblick machte.
Ihre Show galt ihren Untergebenen, jener Handvoll Wissenschaftler, die unter ihrem
Kommando in der Gen-Schmiede tätig waren.
Neben Akagi schüttelte Maya vehement den Kopf.
„Vielleicht eine Überlastung... aber soviel Energie haben wir dem Kern von EVA-03 doch gar
nicht zugeführt...“
Sie seufzte.
Ritsuko stieß ihre Assistentin an - nicht übertreiben!
Gendo Ikari betrat die Gen-Schmiede.
„Also, Doktor Akagi, was ist vorgefallen?“
Ritsuko versenkte sich in ihren Unterlagen, sollte Gendo doch denken, daß es ihm gelungen
war, sie einzuschüchtern...
„Ich habe in den letzten Tagen dem Kern von EVA-03 Energie zugeführt, um die
Regeneration der Einheit zu beschleunigen - um den Ersatzkopf montieren zu können, muß
der Halsstutzen vollständig intakt sein. Allerdings habe ich das Projekt über der Bergung Ihres
Sohnes etwas vergessen...“
„Das hätte nicht passieren dürfen!“
„Sie haben gesagt, daß EVA-01 Vorrang hat“, sagte Ritsuko leise, um ihm nicht den Eindruck
zu geben, sie wolle seine Autorität untergraben. „Außerdem haben wir noch EVA-04, der
Kern der Einheit hat zwar leichte Schäden, aber das bekommen wir hin. Mit den Resten von
EVA-03 stehen uns auch ausreichend Einzelteile zur Verfügung.“
Mayas Gesicht nahm eine grünliche Farbe an.
Sempai Akagi wollte doch nicht wirklich aus den zwei Kadavern einen funktionsfähigen
EVANGELION zusammenbasteln...
Ikari gab ein unwilliges Brummen von sich.
„Was ist mit den anderen EVAs?“
„Wie Ihnen sicher bekannt sein dürfte, hatte die Bergungsoperation Erfolg...“
„Ich weiß. Sie werden EVA-01 umgehend auf Eis legen, frieren Sie die Einheit ein.“
Ritsuko verschluckte ihren Protest.
Von Ikaris Warte aus machte es wahrscheinlich sogar Sinn, die wohl mächtigste Einheit
einzufrieren, damit diese nicht wieder von selbst aktiv wurde.
„Ich gebe gleich die entsprechenden Anweisungen.“
„Und was ist mit EVA-00 und -02?“
„Einheit-02 ist vollkommen wiederhergestellt, ich wollte heute erste Rekalibrierungstests mit
dem Second Children durchführen, um zu überprüfen, ob...“
„Solche profanen Einzelheiten interessieren mich nicht.“
„Ahm... EVA-00 benötigt noch einige Tage im Regenerationsbecken, die Schäden waren doch
etwas massiver als bei Einheit-02, aber wir konnten die Reservearme anpassen und montieren.
Ausgiebige Synchrontests sind für nächste Woche angesetzt.“
„Gut. Und die Piloten?“
Ritsuko wartete wieder einen kurzen Moment mit der Antwort.
Garantiert wußte Gendo ebensoviel wie sie selbst, was den Zustand der Piloten anging, wenn
nicht noch mehr, schließlich war er doch der Kontrollfanatiker. Umso seltsamer erschien es
ihr, daß er nicht jede und auch wirklich die kleinste Information von ihr herausverlangte...
„Shinji geht es den Umständen entsprechend, er hat aber keine Schäden davongetragen...“
„Ohne EVA-01 ist das Third Children irrelevant. Die anderen Piloten haben Vorrang.“
„Er war vor seiner Assimilierung der beste Pilot des Teams.“
„Deshalb wird er auch als Reserve weitergeführt und nicht heimgeschickt.“
„Ja... Rei ist einsatzbereit, Asuka ebenfalls... jedoch habe ich gewisse Zweifel beim Second
Children...“
„Welcher Art?“
„Sie erscheint mir instabil, vielleicht sollte ein Spezialist sie sich einmal ansehen und...“
„NERV ist nicht dafür da, irgendwelchen minderjährigen Gören mit Starallüren Händchen zu
halten. Solange sie ihren EVA steuern kann, ist es mir egal, ob sie geistig stabil oder
halbverrückt ist. Nur darauf kommt es an.“
„Ja... Sir.“
„Und außerdem haben wir mit dem Fifth Children einen weiteren Reservepiloten. Sollte das
Second Children ausfallen, wird Nagisa ihren Platz übernehmen.“
Ritsuko nickte nur.
*** NGE ***
Kaji erwartete Kozo Fuyutsuki in der Cafeteria.
„Und? Wie ist es gelaufen?“
„Ich lebe noch, wie Sie sehen. Aber Ikari war alles andere als erfreut darüber, daß SEELE
über seine Pläne Bescheid weiß. Anscheinend geht er jedoch davon aus, daß Keel und
Konsorten bereits das meiste ohnehin vermutet hatten und nur Gewißheit bekommen haben.“
„Sie sind nicht umsonst Spießruten gelaufen“, murmelte Kaji. „Ikari hat nicht zufällig eine
Bemerkung über seine weiteren Pläne fallengelassen?!“
„Leider nicht.“
„Hm... na gut, dann muß ich halt ohne Anhaltspunkte weitermachen.“
„Warum tun Sie das, Kaji? Warum riskieren Sie Ihr Leben, um zu erfahren, was Ikari plant?“
„Mein Job.“
„Das glaube ich Ihnen nicht.“
„Meine Berufung? Ich bin schon immer blindlings dorthin losgelaufen, wohin selbst die
Mutigsten nicht zu gehen wagten.“
Kaji grinste.
„Sie und ich, wir haben beide den Impact überlebt. Und zumindest ich habe kein Interesse
daran, daß sich eine solche Katastrophe wiederholt. Solange Ikari mit NERV die Engel
bekämpft, soll es mir recht sein, ich hänge am Leben. Aber irgendwann wird die Zeit
kommen, zu der wir den Teufel in die Hölle zurückschicken müssen, damit er uns nicht hier
auf Erden einheizt.“
„Sie wissen, weshalb ich an der Sache beteiligt bin.“
„Ja. Und nachdem, was Ritsuko Akagi gestern geschafft hat, habe ich kaum Zweifel, daß es
ihr auch gelingen wird, Yui Ikari aus dem EVA zu befreien.“
„Das hoffe ich...“
„Werden Sie es dem Jungen sagen? Ich meine...“
Fuyutsuki senkte den Blick.
„Was? Daß mir die Ähnlichkeit nicht schon früher aufgefallen ist? Daß ich all sein Leid hätte
vereiteln können... vereiteln müssen? Ich weiß nicht. Wenn Yui in seinen Augen nur halb so
perfekt ist wie in den meinen, würde ihn die Wahrheit schwer treffen.“
„Shinji hat kaum noch etwas zu verlieren... aber dafür sehr viel zu gewinnen...“
„Major Kaji, woher nehmen Sie nur diese Weisheit?“
„Ach, die habe ich von meinem Lehrer.“
„Der Mann mit den Stahlklauen?“
„Genau. Ich überlege schon die ganze Zeit, wie man sein Dilemma lösen kann. Es muß übel
sein, wenn man den eigenen Erinnerungen nicht trauen kann...“
*** NGE ***
Misato blickte in das Zimmer ihrer Mitbewohner, ehe sie zum Dienst ging.
Die beiden lagen engumschlungen unter der Decke.
Sie wirkten so friedlich und zufrieden, daß Misato unwillkürlich lächeln mußte...
Als sich die Zimmertür wieder geschlossen hatte, öffnete Rei ein Auge. Sie lauschte.
Die Wohnungstür ging, der Major hatte das Apartment verlassen... sie und Shinji waren
allein...
„Shin-chan“, flüsterte sie in sein Ohr, strich dann mit den Lippen über den Rand der
Ohrmuschel. „Shin-chan, aufwachen...“
„Hm? Rei-chan... wie spät ist es denn...?“
„Spät genug, um einiges nachzuholen...“
*** NGE ***
„Asuka, es genügt, wir brechen ab und machen erst einmal Mittag.“ sagte Ritsuko in das
Mikrophons ihres Headsets.
„Wieso, ich bin noch nicht erschöpft!“ kam die Antwort.
Ritsuko schaltete die Sprechverbindung kurz ab, wandte sich Maya zu.
„Was denkst du?“
„Ich bin unsicher, Sempai. Asukas Synchronratio liegt mittlerweile deutlich unter der 50,0Marke. Und trotz der Tatsache, daß wir den halben Tag schon hier sind, hat sich der Abstieg
nur verlangsamt, aber nicht eingependelt.“
„Ja, das denke ich auch. Sie befindet sich auf einer ziemlichen Talfahrt.“
„Sempai, ich glaube, es hat begonnen, als Shinji sie überholt hat.“
„Ja, das könnte passen. Nur war es da noch nicht so offensichtlich, weil zeitweilige Einbrüche
keine Seltenheit darstellen.“
Maya rief ein Diagramm auf dem Bildschirm ihres Terminals auf.
„Und nachdem Rei sie in der Schule verprügelt hat, ging es steil nach unten mit der
Synchratio. Und noch ein weiterer Einbruch, als sie endgültig von Rei überholt wurde.“
„Ihr Selbstbewußtsein ist stark angeschlagen, dazu kommt noch ihre ohnehin fragile
Verfassung.“
„Was wollen Sie jetzt tun, Sempai?“
„Ich weiß es nicht. Wenn ich Asuka einfach ersetze, rastet sie wahrscheinlich völlig aus und
taugt nicht einmal mehr als Reservepilot... Hm...“
Ritsuko schaltete die Sprechverbindung wieder ein.
„Wir machen eine Pause. Asuka, versuche einfach, nicht so sehr an deine Synchronrate zu
denken, sondern konzentriere dich allein auf die Verbindung zu EVA-02.“
„Und wie soll ich das, ohne an die Synch zu denken?“ brummte die Rothaarige.
„Es ist nicht wichtig, ob andere Piloten besser sind als du, das kommt immer wieder vor.“
„Mir nicht.“
Asuka kniff die Augen zusammen, wollte anscheinend noch etwas sagen, überlegte es sich
dann aber anders.
Akagi würde sie ohnehin nicht verstehen. - Sie war die beste, sie mußte die beste sein...
*** NGE ***
Shinji war gerade dabei, das Bett abzuziehen, während Rei im Bad unter der Dusche stand.
Woher nahm er nur diese Selbstbeherrschung... oder war es mehr die möglicherweise
altmodische Vorstellung, ihre Jungfräulichkeit bis zur Hochzeitsnacht bewahren zu wollen...
Heiraten... der Mann, den er immer für seinen Vater gehalten hatte, würde das nie erlauben,
nicht wenn es um Rei ging...
Shinji seufzte.
Womit hat ein Verlierer wie er nur jemanden wie Rei verdient? Vielleicht hatte er in einem
früheren Leben irgendeine Glanzleistung vollbracht, für die er jetzt belohnt wurde... vielleicht
war es aber alles auch nur ein einziger großer Zufall...
Rei-chan...
Ihre weiche Haut, ihre zärtliche Berührung...
Er mußte lächeln.
Dann raffte er das Bettzeug zusammen und trug es ins Bad, wo der Wäschekorb stand. Sicher
war unter der Dusche auch Platz für zwei. Selbst wenn sie beide noch nicht für eine... wie
hatte Rei-chan es bezeichnet... körperliche Vereinigung bereit waren, wollte er doch jeden
Augenblick nutzen, den sie gemeinsam hatten...
*** NGE ***
In den nächsten Tagen fand eine Reihe von Entwicklungen statt, die sich teilweise bereits in
Bewegung befunden hatten, teilweise aber auch nur am Horizont für den Kundigen
erkenntlich gewesen waren.
*** NGE ***
Asukas Synchronratio fiel weiter, bald schon erschien die 50,0-Marke unerreichbar, die 30,0Marke dafür umso näher. Sollte sie unter diese Grenze fallen, würde sie nicht mehr fähig sein,
EVA-02 in einem Kampf zu steuern, selbst einfache Bewegungen würden nahezu unmöglich
werden. In diesem Fall - und darin stimmten Ritsuko und Misato ausnahmsweise mit dem
Kommandanten überein - würde Kaworu sie als Piloten von EVA-02 ersetzen.
Asuka blieb dies natürlich nicht verborgen, auch wenn Doktor Akagi bereits ihre
Synchronwerte dezenterweise nicht mehr am Schwarzen Brett im Kontrollraum des
Testcenters aushing. Allerdings reagierte sie auf alle gutgemeinten Ratschläge Akagis bockig
und voller Trotz - was wußte diese falsche Blondine denn schon von der Steuerung eines
EVAs? Dafür benötigte man Fingerspitzengefühl und Talent. Und Talent, das hatte sie doch
reichlich, schließlich war sie Asuka Soryu Langley!
Doch auch dies hielt den weiteren Verfall ihrer Synchratio nicht auf.
Das ganze hatte doch damals angefangen, als Weichei-Shinji gemeint hatte, sie aus dem
Vulkan retten zu müssen, dabei hätte sie garantiert es auch selbst geschafft, aus der mißlichen
Lage herauszukommen! - Das redete sie sich jedenfalls ein.
Ihre Entschlossenheit, es allen, die sie bereits aufgaben, so richtig zu zeigen, drückte sich in
immer längeren und intensiveren Synchrontrainingssitzungen aus. Asuka wollte einfach nicht
aufgeben - und sie konnte es auch nicht. Aber je mehr sie versuchte, mit EVA-02 in Kontakt
zu treten, um so mehr entfernte sie sich von ihm, was ihrem ohnehin schon angeschlagenen
Selbstbewußtsein weiteren Schaden zufügte, ebenso wie die Tatsache, daß Shinjis Synchratio
sich bei den Trockentests über die MAGI bei 98,4 eingependelt hatte und die von Wondergirl
nur knapp darunter lag, danach folgte Kaworu mit stolzen 74,1.
Was sie ganz dringend brauchte, war ein Sieg...
Um sich abzureagieren, hatte Asuka in ihrer Unterkunft eine Dartscheibe aufgehangen und
darauf das Bild aus dem Tokio-3-Herald, welches Weichei-Shinji und Wondergirl zeigte,
befestigt. Das Bild wies inzwischen starke Beschädigungen auf, die Augen der beiden
Personen darauf waren überhaupt nicht mehr zu erkennen und um die Gesichter war es nur
wenig besser bestellt...
*** NGE ***
Misato war mittlerweile wieder stolze Besitzerin einer sauberen, aufgeräumten und blitzblank
geputzten Wohnung. Wenn sogar der Teppich den Eindruck vermittelte, daß man sich darin
spiegeln konnte, dann war dies unter Garantie Shinjis Werk. Sogar ihr Auto funkelte wie neu,
wenn Shinji in seiner Putzwut, nachdem er sein Fahrrad gereinigt hatte, nicht innehalten
konnte.
Im Stillen fragte sie sich, wo er die ganze Energie nur hernahm, schließlich dürfte ihn doch
wohl nachts Rei in Anspruch nehmen...
Abends war Misato häufig nicht anwesend, sondern ließ sich von Kaji zum Essen ausführen,
lud ihn auch ab und an ein, oder fuhr einfach mit ihm ins Blaue. Kaji schien ihr viel
erwachsener als zu ihrer gemeinsamen Zeit auf der Uni, allerdings schien er zuweilen sich
ernsthafte Mühe zu geben, diesen Eindruck zu zerstreuen, indem er anderen Frauen
hinterhersah oder ein jungenhaftes Verhalten an den Tag legte, daß sie fast schon versucht
war, ihn nach draußen zum Spielen zu schicken...
Aber generell konnte sie sich nicht beklagen, nach Fürsprache des Sub-Kommandanten hatte
der ältere Ikari sogar akzeptiert, daß Rei bei ihr wohnte, ohne an die Decke zu gehen, als er sie
zu sich zitiert hatte. Er schien vielmehr stark darauf bedacht gewesen zu sein, seine linke
Hand außer Sicht unter der Tischplatte zu halten.
Asuka tat ihr ein wenig leid, aber sie wußte, daß das Mädchen sich einen Gutteil seiner Lage
durch sein Verhalten selbst zuzuschreiben hatte. Schließlich hatten sie versucht, mit Asuka
Freundschaft zu schließen, wenn diese allerdings der Ansicht war, keine Freunde zu
benötigen, würde zumindest Misato sich ihr nicht aufdringen.
*** NGE ***
Kaworu Nagisa machte sich in ausgedehnten Streifzügen erst mit dem Hauptquartier und dann
mit der Geofront vertraut, dabei blieb es nicht aus, daß er Asuka über den Weg lief, die - wie
in letzter Zeit viel zu oft - mit einem Gesichtsausdruck durch die Gegend lief, der zwischen
roter Zorneswut und abgrundtiefer Verzweiflung schwankte.
Kaworu saß auf einem Laufsteg im Hangar und ließ die Beine baumeln, wobei er die EVAs
betrachtete.
Lilim-Werke mit dem Aussehen von Lilims, geschaffen von Lilim-Hand... die Menschen
strebten nach der Sphäre der Schöpfung, wollten sich auch die letzten Geheimnisse untertan
machen... glücklicherweise lag die Sphäre der Seelen außer ihrer Reichweite, sie waren bei
weitem noch nicht reif genug, auch dieses Rätsel anzutasten... vielleicht in weiteren
zehntausend Jahren, so sie so lange überlebten...
Tabris konnte LILITHs Gegenwart spüren, tief unter ihm. Die Urmutter war nahe und doch
unerreichbar. Der Lilim-Körper, der ihn verbarg, war aus eigener Kraft nicht imstande, bis in
ihr Gefängnis vorzustoßen, zuviele Barrieren, Tore und Wachen befanden sich zwischen der
Mutter und ihm, selbst wenn er seine wahre Herkunft offenbarte und sein AT-Feld außerhalb
des Körpers entstehen ließ, würden sie ihn aufhalten können. Sein ausgeliehener Körper war
zu verletzlich, als daß er sich Illusionen machte, ohne Hilfe sich einen Weg bahnen zu
können.
Er würde also entweder die Hilfe anderer Lilims in Anspruch nehmen, oder einen der
EVANGELIONs unter Kontrolle bringen müssen, um mit diesem in das sogenannte
TerminalDogma vorzustoßen und seine Mutter zu befreien.
Ersteres würde sich schwierig gestalten, er wußte einfach nicht, wem er vielleicht vertrauen
konnte. Wenn Leriel Erfolg gehabt hatte, dann wußte der Lilim namens Shinji Ikari um die
Geschichte des uralten Krieges zwischen LILITH und ADAM, zwischen den Verkörperungen
des Weiblichen und des Männlichen, zwischen Geburt, Wachsen und Schöpfung und Krieg,
Tod und Vernichtung. Doch Shinji-kun schien sich dieses Wissens nicht zu erinnern...
Tabris verspürte mit dem Lilim Shinji eine seltsame Vertrautheit, ebenso mit dem weiblichen
Lilim Rei Ayanami, so als hätten sie etwas gemeinsam, das er nicht näher erkennen konnte.
Zwischen den beiden existierte ein Band, um welches ein Teil von ihm sie beneidete, mit
seinen Engelssinnen konnte er es manchmal erkennen, wenn sie nahe genug beieinander
standen, es glänzte in Gold und Silber und voller Kraft. Es war das Band der Liebe, deren
Schutzpatron er zu Zeiten der ersten Kultur auf Erden gewesen war...
Die Lilim hielten LILITH gefangen, die auch ihre Mutter gewesen war, ohne LILITH hätte es
kein Leben auf der Planetenkugel gegeben, welche von ihren Bewohnern Erde genannt wurde.
Wenn er sich ihnen offenbarte, lief er Gefahr, ebenfalls gefangengenommen zu werden, etwas
daß er um jeden Preis vermeiden mußte. Vielleicht hatten seine verbleibenden Brüder, Arael
und Armisael, mehr Erfolg, wenn sie dem Plan folgend mit den anderen EVA-Piloten Kontakt
aufnahmen...
Kaworu sah Asuka näherpoltern, die Gleichaltrige stampfte über die Stege mit einem
Marschschritt, der all ihrer Wut Ausdruck verlieh.
Das Mädchen war Tabris unheimlich. Asuka Soryu Langley verschloß ihre Seele
vollkommen, sie war einer der wenigen Lilim, welche imstande waren, das Feld ihrer Seele
nach außen zu projizieren und als Barriere zwischen sich und anderen zu errichten. Ein
weiterer Lilim, der dazu fähig war, war der Kommandeur von NERV.
Tabris bedauerte beide. Durch den Schild des Feldes ihrer Seelen waren sie nicht mehr
imstande zu sehen, wie wunderschön die Schöpfung war... die Lilim nannten das Feld der
Seelen auch das AT-Feld... Absolute Terror Field... was war nur so schrecklich daran, sein
Herz auch anderen zu öffnen? Die Lilim waren nicht geschaffen worden, allein zu existieren,
sonst hätte die Schöpfung sie wohl kaum mit zwei Geschlechtern und begrenzter
Lebensspanne ausgestattet...
„Warum machst du so ein wütendes Gesicht?“ fragte er Asuka freundlich und neugierig
zugleich von seinem höhergelegenen Steg.
Sie zuckte zusammen, verlangsamte ihre Schritte, sah nach oben.
„Das geht dich nichts an!“
Kaworu sprang auf die Füße, setzte sich ebenfalls in Bewegung, um mit ihr Schritt zu halten.
„Na komm, wir sind doch Kollegen; wenn du etwas auf dem Herzen hast...“
Asuka bleib stehen, sah ihn wütend an.
„Laß mich in Ruhe! Ich kenne dich kaum, du bist doch nur auf meinen EVA scharf!“
„Nein, bin ich nicht. Doc Ritsuko meint, sie könnte meinen vielleicht wieder hinkriegen. Und
daß wir uns kaum kennen - nun, das ließe sich ändern, komm doch mit mir in die Cafeteria
und trink mit mir eine Brause!“
Tabris war süchtig nach Süßem... dort wo er herkam, gab es keinen Zucker, eigentlich gab es
dort überhaupt keine Nahrung, sondern nur Energie, weshalb er jede Mahlzeit aufs Neue
genoß, egal wie einfach und eigentlich geschmacklos sie war.
Asuka schnaubte.
„Als ob ich mich mit dir Bleichgesicht irgendwo blicken ließe!“
Kaworu machte ein Gesicht, als hätte ihn diese Bemerkung tief getroffen.
„Asuka Soryu Langley, ich kann spüren, daß dein Herz verletzt wurde, nicht einmal, sondern
mehrfach. So etwas sollte niemand erleben müssen, nicht einmal. Wenn ich dir helfen kann...“
„Such dir lieber eine andere Anmache. Ich falle auf sowas nicht mehr ´rein.“
Sie stampfe davon, bleib an der Tür noch einmal stehen.
„Und was weißt du schon von meinem Herzen! Häng dich doch an Weichei und Wondergirl,
die stehen sicher auf so ein Gelaber!“
Asuka verließ den Hangar.
Kaworu seufzte.
Sie konnte er wahrscheinlich von der Liste potentieller Verbündeter streichen.
Irgendwo in der Nähe konnte Tabris auch ADAM spüren, der Urvater war ebenfalls nahe.
Natürlich, LILITHs Nähe zog ihn an, sie hatte ihn einmal abgewiesen und bei ihrer zweiten
Begegnung besiegt, dies verzieh er nicht. ADAM würde erst Ruhe geben, wenn LILITH vor
ihm im Staube lag und um Gnade flehte, in einem Staub, der aus all dem bestand, was sie
geschaffen hatte. Tabris, der das Erbe beider in sich trug, konnte beide bis zu einem gewissen
Punkt verstehen, doch seine Loyalität lag bei der Mutter, die ihn in die Welt gesetzt hatte.
Im Gegensatz zu LILITH konnte er ADAM aber nur diffus spüren, mehr wie ein Phantom
oder einen kalten Lufthauch, ohne bestimmen zu können, wie weit er genau entfernt war und
in welcher Richtung er sich befand. Daraus schloß er, daß ADAM sich ebenfalls in einem
Lilim verbarg, wahrscheinlich aber auf andere Art als er es tat. Und wahrscheinlich konnte
ADAM ihn im Gegenzug nicht spüren, sonst hätte er ihn längst gestellt und mit ziemlicher
Sicherheit vernichtet...
*** NGE ***
Resignierend blickte Kaji auf das Go-Brett, das zwischen ihm und dem Stellvertretenden
Kommandanten stand.
„Sie spielen zu gut für mich, Fuyutsuki-Sensei.“
Er verbeugte sich, zeigte so seine Niederlage an.
„Aber Sie haben sich bereits verbessert, Major.“
Seit guten zwei Wochen trafen sie sich fast jeden Nachmittag in der Kantine im hintersten
Winkel, um ein wenig Go zu spielen und sich leise zu unterhalten. Inzwischen konnten sie das
Brett auch stehenlassen, ohne daß jemand Steine verschob oder es gar einräumte.
Gerade war eine Partie zu Ende gegangen, die sich über vier Tage hingezogen hatte - und
Fuyutsuki hatte nicht einmal sein ganzes Können ausgespielt.
„Ist Ikari immer noch wütend auf Sie?“
„Ja, er denkt wohl, ich hätte mich besser unter Kontrolle behalten und schweigen müssen...
daß ich noch lebe, ist für ihn anscheinend ein Zeichen großer Schwäche. Aber er redet
ohnehin kaum noch mit irgendjemandem, sitzt nur in diesem riesigen Büro, wälzt seine
Unterlagen und starrt auf die Überwachungsmonitore...“
„Nun ja, solange er uns hier nicht abhören kann...“
Kaji klopfte wie geistesabwesend auf die Aktentasche, die auf dem Stuhl neben ihm stand.
Und selbst wenn Ikari jeden Raum im Hauptquartier verwanzt hatte, würde der WhiteNoiseGenerator in der Tasche die Übertragung stören...
„Haben Sie immer noch das Melonenfeld draußen in der Geofront?“
„Weiß das denn jetzt schon jeder hier? - Ja, ich kümmere mich immer noch um mein
Gärtchen.“
„´Ist wahrscheinlich eine gute Ablenkung... ich habe mich früher noch auf dem Laufenden
gehalten, was in meinem alten Fachgebiet so neues geschah, aber irgendwann habe ich den
Anschluß verloren.“
„Hm... ich wüßte wirklich zu gerne, was in Ikaris Kopf vor sich geht.“
„Da sind Sie nicht allein. Was macht Ihr Freund, irgendwelche Fortschritte?“
„Nein, er hat zwar eine Idee, aber ich weiß nicht, ob ich ihm dabei helfen sollte...“
„Wenn ich etwas tun kann... ich muß mich doch revanchieren für das, was Sie für mich getan
haben.“
*** NGE ***
Misatos Badewanne war fast bis zum Rand mit warmem Wasser gefüllt, auf dem üppige
Badeschaumkronen schwammen. Und sie bot Platz für zwei, wenn diese die Knie anzogen...
Zwei Köpfe schauten aus dem Schaum, der eine von blauen, der anderen von dunkelbraunen
Haaren bedeckt, beide hatten Badeschaum im Haar. Leises Lachen hallte durch den Raum,
drang auch durch die verschlossene Tür, vor der ein äußerst deprimierter Pinguin stand, ein
Handtuch über die Schulter geworfen und eine langstielige Bürste unter der Flosse.
Shinji hob eine Handvoll Schaum an, blies hinein.
Eine Flocke Badeschaum flog durch die Luft, landete auf Reis Nase.
Sie kicherte, rutschte dann wenig herum, kurz darauf erschien ein helles Bein neben Shinji aus
der Schaumschicht.
„Würdest du es wohl waschen, Shin-chan?“
Breit grinsend angelte er nach dem Seiflappen.
„Aber immer.“
Draußen ließ PenPen den Kopf hängen und trottete zurück in seinen Kühlschrank. Das konnte
noch dauern, bis das Bad frei war...
*** NGE ***
Nach einer Woche war Hikari erstmals wieder zur Schule gekommen, sie saß noch im
Rollstuhl, den Toji pflichtbewußt durch die Gegend schob; die Ärzte hatten ihr geraten,
vorerst immer nur einige wenige Schritte zu tun und deren Anzahl langsam von Tag zu Tag zu
erhöhen, worüber Toji mit Adleraugen wachte. Mittlerweile waren ihre Beine wieder kräftig
genug, um sie einmal quer durch das Klassenzimmer zu tragen ohne einzuknicken, doch es
erschöpfte sie ganz schön.
Die Klasse war auch um einen Schüler angewachsen, auf dem Platz neben Shinji saß Kaworu
Nagisa und grinste in die Welt. Nur wenn er Asukas abweisendem Blick begegnete, sanken
seine Mundwinkel nach unten und stahl sich für einen Moment Traurigkeit in seine Augen.
Mit den anderen Schülern kam er allerdings dank seiner freundlichen Art bestens aus.
Am Tag darauf baute Asuka sich vor Shinjis Pult auf, funkelte ihn böse an und warf ihm mit
den Worten „Da, du Berühmtheit!“ einen Packen Zeitungsausschnitte auf den Tisch.
Verwundert sah Shinji sie durch, es war eine mehrteilige Reportage Meiko Tanagawas, die
während der letzten Wochen im Tokio-3-Herald erschienen war - und sie handelte von ihm.
„Äh...“
„Mit so einer Antwort habe ich gerechnet“, sagte Asuka schnippisch und rauschte davon.
Während der Unterrichtsstunde las er sich heimlich im Schatten des aufgeklappten Laptops
die Artikel durch. Es war beängstigend, was diese Reporterin teils richtig recherchiert, teils
aber auch frei zusammengeschrieben hatte...
In der nächsten längeren Pause kam die ganze Truppe erstmals seit längerer Zeit wieder
vollzählig auf dem Dach der Schule zusammen. Hikari ließ sich von Toji an der Hand die
Treppe hinaufführen, lächelte dabei scherzhaft-huldvoll, ließ sich dann aber mit einem leisen
Ächzen im Schneidersitz auf den Boden sinken. Kurz darauf ließen sich auch die anderen auf
dem Boden nieder, holten ihre Essensschachteln heraus und begannen untereinander Teile
ihrer jeweiligen Mittagessen zu tauschen.
„Guckt mal, da ist der Neue“, sagte Kensuke plötzlich, der Rei gerade etwas Gemüse
abzuschwatzen versuchte.
„Hm?“
Shinji drehte den Kopf.
Im Treppenaufgang stand Kaworu und lächelte schüchtern.
„Oh, Nagisa-kun. - Komm doch ´rüber. - Äh, wenn ihr nichts dagegen habt...“
„Nein, nichts.“
Toji rutschte zur Seite, so daß zwischen ihm und Shinji eine Lücke entstand, nutzte zugleich
die Gelegenheit, näher an Hikari heranzurutschen, welche die Augen niederschlug und ihm
still zulächelte.
„Klar, kein Problem“, schmatzte Kensuke.
Rei nickte nur.
„Danke, danke!“
Kaworu ließ sich rasch zwischen Shinji und Toji nieder, grinste breit.
„Hallo, ich bin Kaworu!“
„Du bist doch auch ein EVA-Pilot, erzähl mal!“ sagte Kensuke.
„Oh, ich...“
„Für Nagisa-kun besteht dieselbe Geheimhaltungspflicht wie für Shinji und mich.“ kam es
ruhig von Rei.
„Ach, Mensch, Ayanami...“
Kaworu seufzte.
„Die werte Rei hat recht - aber es gibt auch nichts, das ich erzählen könnte, ich habe nicht
einmal einen EVA.“
„Stimmt es, daß du von einem Engel gefressen worden bist?“
„Ahm... naja... Gefressen ist vielleicht das falsche Wort.“ murmelte Kaworu.
„Das... uhm... das ist keine angenehme... ahm... Erinnerung“, sagte Shinji rasch.
„Ihr seid wirklich langweilig. Okay, Ikari, dann erzähl du doch mal ´was vom letzten Angriff,
der Engel ist doch bis in die Geofront vorgedrungen, nicht?!“
„Ja, das stimmt... uh... wir haben gegen ihn gekämpft und... naja... gewonnen... sonst wären
wir nicht hier.“
„Ach so, wenn das so einfach ist, warum bin ich dann nicht auch ein EVA-Pilot?“
„NERV hat derzeit mehr Piloten als EVAs, Aida-kun.“ erklärte Rei.
„Und? Dann käme es auf einen mehr auch nicht an...“
Die anderen gaben ein kollektives Seufzen von sich. Nur Kaworu blickte verwirrt in die
Runde.
„Uhm, Nagisa-kun, hast du nichts zum Essen dabei?“
„Nein...“
„Dann... du kannst von mir etwas abhaben.“
„Danke, Shinji-kun, aber das ist nicht nötig, ich habe keinen Hunger.“
„Kumpel, nach dem Vormittag mußt du doch ein Loch im Bauch haben. Hier.“
Toji hielt ihm seine Schachtel unter die Nase.
Schweigend bot ihm auch Rei etwas an.
Kaworu zierte sich noch eine Weile, nahm dann hier ein bißchen und dort ein wenig, bedankte
sich jedesmal.
„So, Ikari, wenn du schon nichts über die EVAs erzählen willst, dann sag uns doch
wenigstens, was für ein Zeug dir Asuka vorhin auf den Tisch geknallt hat.“
„Oh, Kensuke, das... ahm...“
Shinji zog die Zeitungsartikel aus der Hosentasche, strich sie glatt und reichte sie Kensuke.
„Hey, das sind ja die Artikel von Meiko Tanagawa! Die Frau schreibt einfach spitze, nicht
wahr, Ikari? Ich habe sie auch alle ausgeschnitten!“
„Uhm, sie hat eine blühende Phantasie...“
„Warte, warte, hier, das ist doch interessant - bist du wirklich bei Pflegeeltern auf dem Land
aufgewachsen?“
„Uh, ja...“
„Und hier: ´Von seinem Vater im Stich gelassen, findet der junge Shinji Ikari Trost in den
Armen seiner Kollegin Rei Ayanami.´ - Toji, was sagst du dazu?“
Suzuhara grinste.
„Mega-Playboy-Action!“
„Toji!“ lachte Hikari. „Wie gemein!“
„Oder hier - sag mal, Ikari, stimmt es, daß du schon einmal verhaftet wurdest?“
„Ahm, das war ein Mißverständnis...“
„Ja, das steht hier auch, man glaubte, du würdest zu einer Gruppe Fahrraddiebe gehören, die
die Gegend unsicher gemacht haben.“
„Ja, aber... uhm... es stimmt leider nicht alles... ich wurde niemals von einer Spezialeinheit
ausgebildet, um meinen EVA steuern zu können...“
Toji begann zu lachen.
„Mir fällt es auch schwer, mir dich in einem Kampfanzug vorzustellen, Shinji!“
„Ich glaube, das würde dir nicht stehen“, bemerkte Kaworu.
„Als nächstes will sie etwas über Asuka schreiben, über Ayanami hat sie wohl nicht so viel
gefunden oder alles schon in der Serie über dich verbraucht, Ikari. Aber du tust mir echt leid...
warum hast du denn nie gesagt, daß du dabei warst, als deine Mutter gestorben ist? Nachdem
meine Mama das gelesen hatte, hat sie gesagt: ´Der arme Junge! Und ich war so unfreundlich
zu ihm!´ Übrigens, ich soll dich demnächst ruhig mal zum Essen einladen.“
„Ah... das ist sehr freundlich von deiner Mutter, Kensuke... uh... der Tod meiner Mutter liegt
schon so lange zurück und...“
Shinji senkte den Kopf.
Plötzlich spürte er, wie Rei einen Arm um seine Schultern legte und ihn kräftig drückte.
Er lächelte.
Es tat gut, solche Freunde zu haben...
16. Zwischenspiel:
Gendo Ikari saß in seinem riesigen Büro hinter seinem riesigen Schreibtisch.
Vor ihm auf dem Tisch lagen auf einem Stapel unbeachteter Unterlagen ein weißer
Handschuh und eine Spritze.
Ikari hockte zusammengekrümmt in seinem Sessel und starrte auf seine linke Hand.
Und seine linke Hand starrte zurück.
Sie war seltsam angeschwollen und aufgequollen, mitten in der Handfläche befand sich ein
einzelnes rotes Auge, welches mehr Ähnlichkeit mit dem einer Echse als dem eines Menschen
hatte.
Das Auge starrte Ikari an ohne zu blinzeln.
Mit der anderen Hand hielt er das Handgelenk umklammert, der Ärmel war bis zur
Ellenbogenbeuge hochgekrempelt.
Gendo Ikari glaubte zu spüren, wie ADAM unter der Haut sich ausdehnte, meinte ein
schwaches Pulsieren zu spüren.
Endlich wirkte das Medikament.
Schläfrig schloß sich das Auge, wurde von einer dünnen wimpernlosen Hautmembran
verborgen.
Ikaris Atem ging keuchend.
Mittlerweile war die fünffache Dosis der Droge notwendig, um ADAM ruhigzustellen, doch
sobald er erwachte, begann er sich weiter in ihm vorzufressen.
Vielleicht hatte er doch vorschnell gehandelt, als er sich den Engel einpflanzen ließ...
Doch die Zweifel verflogen schnell wieder.
Drei Engel noch und sein Name würde ´Gott´ lauten...
Kapitel 46 - Brennende Erinnerungen
Die Ruhe zwischen den Angriffen war viel zu schnell wieder vorbei...
An der Oberfläche regnete es in Strömen, Shinji und Rei rannten durch die Pfützen zwischen
dem Apartmentgebäude und der Bahnstation, ihre Jacken über die Köpfe gezogen, waren
trotzdem sogleich durchnäßt.
Sie waren immer noch triefend naß, als sie mit dem Aufzug in die Geofront hinabfuhren.
Gerade als sie das Hauptquartier betraten, ging der Alarm los. Über Lautsprecher wurden die
Piloten einsatzfertig in den Hangar beordert.
Kurz darauf saßen sie in den EntryPlugs.
EVA-01 war immer noch eingefroren, befand sich bis zur Brust in starrem kalten LCL.
Sogar im Plug war es so kalt, daß Shinji in seiner PlugSuit zu schnattern begann.
„Wird... wird EVA-01 bald aufgetaut?“
„Bedaure, Shinji, Anweisung vom Kommandanten. Du sollst in Bereitschaft bleiben.“
„Und wenn ich hier zu einem Eiswürfel werde, Doktor Akagi?“
„Hackt Misato dich klein und packt dich in ihr Gefrierfach.“
„Das... brrr... das war nicht witzig...“
„Ich schalte die Heizung im Plug ein.“
„D-danke.“
Misato schaltete sich von der Brücke aus in die Funkverbindung ein.
„Wir haben jetzt einen visuellen Kontakt zum Engel.“
Auf dem Hauptbildschirm erschien das Bild des neuesten Gegners. Vom Äußeren her
erinnerte er an einen riesigen Vogel aus Feuer, einen Phönix, der über der Stadt schwebte, als
warte er auf etwas.
„Okay, da Shinji-kun heute auf der Reservebank bleibt, werden Rei und Asuka sich den neuen
Engel vornehmen. Rei, du übernimmst die Führung...“
„Das kann ich besser!“ unterbrach Asuka Misatos Planung.
„Asuka...“
„Laß mich die Vorhut übernehmen... bitte...“
Im Kontrollraum schaltete Ritsuko auf ein Handzeichen Misatos hin die Verbindung zu den
Plugs auf stumm.
„Ritsuko...?“
„Ihr Synchratio ist zu niedrig...“
„Kann sie den Engel noch mit einem Gewehr unter Beschuß nehmen?“
„Ja, der Zielcomputer erledigt ohnehin das meiste. Aber Nahkampf kannst du vergessen.“
„Dafür halten wir Rei in Reserve. Ritsuko, Asuka braucht einen Sieg. Und dieser Engel sieht
nicht sehr gefährlich aus, oder sagen deine Computer etwas anderes?“
„Den MAGI nach verfügt er über kein nennenswertes AT-Feld. Aber ich habe trotzdem ein
ungutes Gefühl bei der Sache.“
„Wenn Asuka ihn erwischt, möbelt das vielleicht ihr Selbstbewußtsein wieder auf. Ich möchte
ihr diese letzte Chance nicht verweigern. Und bei Schwierigkeiten kann immer noch Rei
eingreifen.“
„Schicken Sie Langley als erste hinaus“, kam es vom Kommandostand.
Misato blinzelte.
„Kommandant?“
„Ich genehmige den Antrag des Second Children.“
„Ja...“
Die EVAs wurden von den Transportbändern zu den Aufzugsplattformen gebracht.
„Asuka, du übernimmst die Führung. Wir geben dir eines der neuen ScharfschützenPositronengewehre mit verbesserter Reichweite mit.
„Gut. Ich werde ihn fertigmachen“, flüsterte Asuka.
„EVA-02 - Take off!“
Der rote EVA schoß der Oberfläche entgegen. EVA-00 wurde mit einem anderen Aufzug
nach oben befördert.
*** NGE ***
„Ich habe ihn im Visier.“ flüsterte Asuka. „Aber er ist zu weit weg.“
„Du mußt Geduld haben“, erklärte Misato.
„Natürlich.“ murmelte sie dumpf.
Geduld... Geduld... Misato hatte gut reden, es ging ja nicht um ihre Position im Team...
Asuka lehnte sich zurück, starrte die Vergrößerung des Engels wütend an, projizierte ihre
ganze Wut auf die Erscheinung.
„Los, du lahmer Engel! Beweg dich endlich, damit ich dir eins überbraten kann! Du bist ja
langsamer als eine Schnecke! Beweg deinen Hintern!“
Es half nichts, der Engel machte keine Anstalten, seinen Standort zu wechseln, blieb knapp
außerhalb der Reichweite des Gewehres.
„Worauf wartet der nur? Vielleicht will er uns zu Tode langweilen... - Misato, hast du eine
Idee? Oder vielleicht noch ein anderes Gewehr?“
„Ich denke nach... Das Gewehr in den Händen deines EVAs ist das weitreichendste, das wir
haben.“
„Wenn er nicht zu uns kommt, müssen wir halt zu ihm kommen. Und dann trete ich ihm
kräftig in den Hintern!“
„Aber in der Luft ist EVA-02 ungeschützt vor einem Angriff.“
„Klar.“ Wieder blickte sie finster auf das Bild im Zielsucher. „Könnte also länger dauern.
Aber ich schaffe das...“
Nicht, daß Misato auf den Gedanken kam, Wondergirl mit der Durchführung des Einsatzes zu
betrauen... es reichte doch schon, daß EVA-02 nur mit Verzögerung ihren Kommandos
nachkam. Die Gedankenübermittlung war derart zäh, daß sie eigentlich gleich auf die
Handsteuerung hätte zurückgreifen können. Und das Echo von EVA-02 war nur schwach...
„Verdammter Engel... verfluchter Feigling...“
Der Engel schwebte nur schräg über ihr, schien mit seinen Flammenflügeln träge zu schlagen,
um sich in der Luft zu halten.
„Asuka, halt dich bereit! Er dehnt sein AT-Feld aus...“
In diesem Augenblick schlug der Engel zu!
Kräftig bewegte er seine Feuerschwingen, stieß herab.
Plötzlich wurde EVA-02 in grelles Licht gebadet, das auch den EntryPlug ausfüllte. Überlaute
Musik, ein Hallelujah aus zahllosen Kehlen, erstickte die Stimmen aus dem Lautsprecher.
Asuka preßte die Kiefer aufeinander, bis es schmerzte, kniff die Augen zusammen.
Der Engel war nähergekommen.
„Stirb!“ brüllte sie und feuerte das Gewehr ab.
Die Positronenladung explodierte wirkungslos zwischen dem Engel und EVA-02.
Helles Leuchten umgab den Engel, er schien ständig zu wachsen, füllte bald gänzlich das
Sichtfeld des EVAs aus.
Wieder zog Asuka den Abzug durch. Und wieder zeigten sich die Positronenladungen
wirkungslos gegen das passive AT-Feld des Engels.
Der Gesang steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm.
EVA-02 stolperte umher, versuchte aus dem Lichtschein zu entkommen.
Wild feuerte er um sich, Positronenladung um Positronenladung jagte aus dem Gewehrlauf,
schlug krachend irgendwo in der Stadt ein.
Ganze Stadtviertel wurden von den Explosionen eingeebnet, in anderen loderten Brände zum
Himmel.
Der EVA schleuderte das Gewehr fort, schlug wild mit den Armen um sich, zerstampfte die
Gebäude zu seinen Füßen.
Asuka hielt sich beide Hände gegen die Ohren und wandte den Blick ab, doch das Licht fraß
sich direkt in ihre Seele.
„Nein!“
Ihr Schrei wurde leiser, verebbte in einem Schluchzen...
*** NGE ***
„Rei, du bist dran!“
„Bestätigt, Major.“
EVA-00 hob sein Positronengewehr, feuerte in schneller Folge an EVA-02 vorbei das
Magazin auf den Engel ab, lud nach.
Das AT-Feld des Engels schluckte alles, die Ladungen explodierten mitten in der Luft. Noch
immer schwebte der Feuervogel hoch in der Luft.
„Keine Wirkung, Major.“
„Ritsuko sagt, daß das AT-Feld nur defensiv wirkt. Ich kann Asuka nicht erreichen.“
„Major, der Engel ist für einen Nahkampf zu weit entfernt. Mit ausreichender physischer
Gewalt könnte EVA-00 das Feld vielleicht durchdringen, aber dazu benötige ich einen festen
Standpunkt.“
„Ja... in der Nähe sind keine hohen Gebäude mehr... wenn man den Engel zwingen könnte,
tiefer zu gehen...“
„Rei, hole die Lanze.“
Rei sah auf, als sie die Stimme des Kommandanten hörte.
Die Lanze...
Er konnte nur den Longinusspeer meinen, mit dem sie LILITHs Herz durchstoßen hatte, um
ihre Regeneration zu bremsen...
„Ja. Zu Befehl.“
*** NGE ***
Asuka erinnerte sich...
Ihre Mutter, die sie im Arm hält...
Mama...
Ihre Mutter nach dem Zusammenbruch im Krankenhaus...
Mama, sprich mit mir!
Ihre Mutter, die sie auffordert, mit ihr in den Himmel zu kommen...
Der Schmerz, als ihre Mutter ihre Pulsadern öffnet, um sie mit sich zu nehmen...
Mama, warum?
Blut...
Nicht... nicht... ich will nicht...
Ihr Onkel, der gerade rechtzeitig kommt, um ihr das Leben zu retten...
Schritte auf der Treppe, ihre Mutter, die zum Dachboden hinaufläuft...
Eine verschlossene Tür, ihr Onkel, der sich gegen die Tür wirft, sie einrennt...
Ein Scheppern, als der Stuhl umstürzt, ein Knacken, als ein Genick bricht...
Ihre Mutter, die von der Decke baumelt, der Blick gebrochen...
„Nein, ich will mich nicht erinnern!“
Ihre Tante Ann, die bleich in ihrem Bett liegt, schon zu kraftlos, um ihr zum Abschied
zuzuwinken...
Ein Friedhof... Das Grab ihrer Mutter...
Der Blick ihrer Stiefmutter...
Verschwinde! Laß mich in Ruhe! Ich hasse dich!
Die Worte ihres Vaters...
Laß mich allein... das ist alles deine Schuld!
Lügen, alles Lügen...
Ich hasse euch alle!
Kalter Stahl, der über ihre Handgelenke schneidet...
Blut, rotes Blut... ihr Blut...
Mama, warum tust du das mit mir?
„Nein, warum zeigst du mir das?“
EVA-03, dessen Kopf explodiert...
Die Klassensprecherin, die starr geradeaus blickt...
Zombie...
Wie ihre Mutter nach dem Unfall...
Sie ist eine von ihnen gewesen, eine EVA-Pilotin...
Ihr Werk...
„Mein Werk... ich kann nur zerstören... warum kann ich nur zerstören? Ich will mich nicht
daran erinnern!“
Wieder das Krankenhaus, wieder ihre Mutter, die mit einer Puppe spielt, diese mit
monotoner Stimme als Asuka bezeichnet...
Mama, ich bin hier... ich bin keine Puppe...
Mama, sieh mich an!
Hände an ihrer Kehle...
Helle Narben an ihren Handgelenken, die angeblich von einem Unfall herrühren...
Die Nachricht, daß ihr Onkel vermißt wird...
Alle verlassen mich, jeder läßt mich im Stich...
Blut...
Tränen...
Einsamkeit...
„Du verdammter Bastard! Warum hilft mir keiner? Ich darf nicht noch einmal versagen... Ich
kann nicht noch einmal versagen... Kaji, hilf mir! Bitte... meine Seele... meine Seele wurde
beschmutzt... wie soll mich jemals ein Mensch lieben können... Nein!“
Pietter...
Ihre erste Liebe...
Vertrauen, das betrogen wird...
Geflüsterte Versprechen...
Die Limonade schmeckt seltsam...
Müdigkeit, die von ihr Besitz ergreift...
Schlafen, nur noch schlafen...
Pietter, der sie nach oben trägt...
Gierige Hände, die sie entkleiden...
Das Geräusch, als der Stoff ihres Kleides zerreißt...
Pietter, nicht...! Tu das nicht... Bitte!
Schmerz, als er brutal ihre Brüste knetet, Schmerz, als er in die Knospen beißt...
Pietter... bitte... bitte...
Finger, die dunkle Male auf ihrer vorher makellosen Haut hinterlassen...
So müde...
Seine Zunge, die sich ihren Weg in ihren Mund erzwingt...
Abwehrbewegungen, die zu schwach und fahrig sind, um ernstgenommen zu werden...
Bitte, Pietter, nicht weiter...
Schmerz, als er in sie eindringt und ihre Jungfräulichkeit nimmt, dabei grunzt und
hechelt wie ein Tier...
Schmerz, als er sie brutal küßt...
Nicht... bitte nicht... nicht weiter... nicht mehr...
Kaji... Kaji war da.. ihr Ritter in strahlender Rüstung....
Seine starken Arme tragen sie in den Nebenraum, decken sie zu...
Onkel Wolf... bitte, nicht böse sein...
Ein Schrei... Pietters Schrei... voller Schmerz...
Gut... leide... Bastard...
Ein Schuß... noch einer...
Brenn in der Hölle...
„Laß mich... zeig mir nicht noch mehr... dring nicht weiter in meine Erinnerungen ein...“
EVA-02...
Sie ist unter vielen ausgewählt worden...
Sie ist die beste, EVA-02 gehorcht ihr aufs Wort, ist ihre Puppe...
Schweigen...
EVA-02 schweigt...
Beweg dich! Beweg dich! Ich bin deine Herrin, du mußt mir gehorchen, du bist meine
Puppe!
„Meine Aufgabe... alle verlassen mich... Was soll ich nur tun...“
Shinji...
Er mußte sie aus dem Vulkan retten...
Sie war unfähig gewesen...
Seine Synchronrate ist besser als die ihre...
Warum? Sie ist doch die Beste, wie kann er sie überholen?
Wondergirl...
Wohin Shinji geht, geht auch sie hin...
Seine Puppe...
Auch sie hatte eine bessere Synchronrate...
Eine Puppe hatte sie besiegt...
Besser... schneller... stärker...
Wondergirl, die ihren Schlägen ausweicht, sie dann plötzlich durch den Klassenraum
schleudert...
Eine Hand an ihrer Kehle, die sie in die Höhe zieht, dann in die Luft stemmt...
Wondergirls glühende Augen...
Wut... da war Wut in ihren Augen...
Wie konnte diese Puppe Gefühle haben?
Puppe...
Puppe...
Die Puppe, die ihre Mutter in den Armen hält, zu der sie spricht, als wäre sie sie,
Asuka...
Mama...
Schritte, die rasch die Treppe hinauflaufen...
Mama, warte auf mich...
Ein Stuhl fällt um, ein Seil strafft sich, das Genick ihrer Mutter bricht...
Mama! Mama, stirb nicht!
Pietter, der ihr die Kleider vom Leib reißt...
Die Wand des Klassenzimmers kommt rasend schnell näher...
Das Knacken, mit dem das Genick ihrer Mutter bricht...
Ihre Mutter, die von der Decke baumelt...
Knack!
Knack!
Knack!
Onkel Wolf! Kaji! Mama!
Nein!!!
*** NGE ***
„Asuka! Du mußt mir zuhören...“
Misato war inzwischen heiser, doch Asuka reagierte nicht, starrte einfach mit
weitaufgerissenen Augen in das Licht.
„Zwecklos“, flüsterte Ritsukos Stimme aus Misatos Headset. „Der Engel ist in die
Synchronverbindung zwischen Asuka und dem EVA eingedrungen. Dieses Licht muß eine
Art Psychowaffe sein.“
„Warum hast du die Verbindung dann noch unterbrochen?“
„EVA-02 nimmt keine Befehle an, der Engel stört die Signalübertragung, sonst hätten wir
Einheit-02 längst unter Fernsteuerung genommen, oder den Plug evakuiert.“
„Kannst du gar nichts tun? Der Engel pflückt Asukas Geist Stück für Stück auseinander... das
Mädchen wird hier vor meinen Augen wahnsinnig!“
„Ich sehe es auch, Misato, aber mehr als die Signale auf allen Kanälen und Wellenlängen zu
senden ist mir auch nicht möglich.“
„Helft mir doch... irgendjemand... Kaji... Misato... Wondergirl... Shinji...“ schrie Asuka.
Auf dem großen Hauptmonitor wurde ein kleines Fenster eingeblendet, es zeigte Shinji im
EntryPlug von EVA-01.
„Laßt mich starten!“
„EVA-01 bleibt, wo er ist“; sagte Gendo Ikari ohne Gefühle in der Stimme. „Wie weit ist Rei
schon ins TerminalDogma vorgestoßen?“
„EVA-00 erreicht Himmelspforte. Signal ist fort.“ - „Ziel: Arael behält Position bei!“
Ikari nickte.
„Das ist kein Grund zur Beunruhigung.“
Die Longinuslanze würde das AT-Feld des Engels durchdringen können, sie hatte sogar
ADAMs Kraftfeld durchbohrt...
Er konnte es sich nicht leisten, daß der Engel in den EVA eindrang und diesen übernahm...
die Pilotin hingegen war ersetzbar...
„EVA-00 ist wieder auf dem Schirm... erreicht den Zentralen Schacht...“
„Rei, beeile dich...“ flüsterte Misato. „Was immer du geholt hast, du mußt Asuka helfen...“
Aus dem unzusammenhängenden Gebrabbel Asukas glaubte sie herauszuhören, was das
Mädchen beschäftigte. Asuka kämpfte mit ihren eigenen Erinnerungen - und sie drohte zu
verlieren... der Engel stieß immer weiter in ihren Geist vor...
*** NGE ***
Kraftvoll zog EVA-00 die Lanze aus der Brust LILITHs.
Ein Zucken ging durch den bleichen Körper des Engels, der Kopf hob sich ein Stück.
Ein Heulen erfüllt den riesigen Raum, wie das Rauschen des Windes vor dem Sturm...
Rei preßte die Lippen zusammen.
LILITH erwachte wieder aus der Starre, in die sie der Speer in ihrem Herzen versetzt hatte...
ihre Mutter rief nach ihr...
Sie durfte auf den Ruf nicht achten...
EVA-00 warf sich herum, stürmte mit der mächtigen Lanze in der Hand aus der Kammer.
Das andere Ende des Korridors war schnell erreicht, in der Decke war das unterste
Panzerschott des Zentralen Schachtes geöffnet, ebenso wie alle weiteren Schotten zwischen
dem TerminalDogma und dem CentralDogma.
Selbst hier konnte Rei noch den leisen Ruf ihrer Mutter hören.
Sie mußte hier fort...
Sie aktivierte die Jetpacks, jagte den Schacht hinauf.
Auf dem Bildschirm der KomPhalanx konnte sie Asuka sehen.
Soryu war am Ende...
Sie mußte sich beeilen...
Trotz aller Schwierigkeiten, trotz allem, was Soryu getan hatte, war sie dennoch eine EVAPilotin... eine von ihnen...
EVA-00 erreichte das CentralDogma, verließ den Schacht , stampfte durch ein aufgleitendes
Sicherheitsschott in einen kurzen Korridor, dann durch ein weiteres Schott in den Hangar.
Rei blickte kurz zur Seite, sah Doktor Akagi am Beobachtungsfenster des Kontrollraumes
stehen.
Ritsuko-san nickte ihr zu...
EVA-01 war immer noch bis zur Brust in Eis eingeschlossen... warum setzte der Kommandant
Shin-chan nicht ein... EVA-01 war mächtiger als alle anderen EVA zusammengenommen,
weshalb wurde er nicht in den Kampf geschickt, er hätte EVA-02 überwältigen und außer
Gefahr bringen können... Shin-chans Mutter hätte nicht zugelassen, daß der Engel ihm
dasselbe antat wie Soryu...
„Ich gehe jetzt nach oben.“
Sie steuerte EVA-00 zur Aufzugsplattform.
„Rei-chan... halt den Engel auf...“ sagte Shinjis Stimme leise aus dem Lautsprecher. „Und paß
auf dich auf.“
„Versprochen, Shin-chan.“
In aller Öffentlichkeit benutzte sie die intime Anrede für ihren Geliebten. Er sollte wissen, wie
ernst es ihr war...
EVA-00 raste in mit dem Aufzug nach oben, erreichte die Stadt.
EVA-02 wälzte sich mittlerweile am Boden.
Rei stockte der Atem, als sie die Trümmer sah.
So viele zerstörte Gebäude...
Solche Schäden...
Wieviele Verletzte mochte es gegeben haben, wieviele Tote...
Sie mußte sich dem gegenüber verschließen, es durfte sie nicht beeinträchtigen...
Der Zielcomputer hatte genug Zeit gehabt, den Speer zu analysieren, hatte genug Daten
gesammelt, um eine Flugbahn zu berechnen.
EVA-00 hob die Lanze, ging in Wurfposition... schleuderte die Waffe...
Einem Blitz gleich schoß der Longinusspeer auf den Engel zu, seine beiden Spitzen voran.
Das AT-Feld des Zieles: Arael stellte kein Hindernis dar...
Der Speer durchschlug das Feld, dann im nächsten Sekundenbruchteil das Herz des Engels,
jagte weiter, in den wolkenverhangenen Himmel hinein...
Der Engel explodierte.
EVA-02 lag still...
*** NGE ***
„Nicht... nicht mehr... nicht länger... ich will nicht... bitte...“ wimmerte Asuka.
Der Gesang war endlich verstummt, das helle Licht erloschen.
Nichts zerrte mehr an ihrem Geist, versuchte die Barrieren um ihre Seele einzureißen...
Das unverständliche Flüstern hatte geendet, ihre Erinnerungen gehörten wieder ihr selbst...
Sie bemerkte nicht, daß der EntryPlug von EVA-02 evakuiert wurde, auch nicht daß Misato
sie aus dem Pilotensitz hob und aus dem Plug trug.
Kapitel 47 - Gefallener Engel
Ritsuko leuchtete in Asukas weitaufgerissene Augen.
„Ihre Reflexe sind stark verlangsamt. Der Engel hat sie voll erwischt.“
„Du kriegst sie doch wieder hin, oder?“ frage Misato, während sie im Untersuchungszimmer
auf und ab ging.
„Hm, vielleicht... Unmögliches sofort, Wunder dauern etwas länger... ich könnte ihr eine
Breitband-Mixtur aus Anti-Depressiva und verschiedenen Aufputsch- und Beruhigungsmitteln
verabreichen, aber wahrscheinlich kannst du dann eine Grube irgendwo in der Geofront für sie
ausheben lassen.“
„Warum entgegenwirkende Medikamente?“
„Ich würde ihren Zustand als katatonisch bezeichnen, zugleich schlägt ihr Herz aber wie ein
Trommelwirbel. Das ganze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Hikaris Zustand.“
„Furchtbar... okay, laß dir Zeit. Ikari hat ohnehin entschieden, daß Kaworu ihren Platz im
Team einnehmen wird.“
„Natürlich, das paßt zu ihm. Und Asuka? Wird sie heute noch nach Deutschland
zurückgeflogen, damit sie bei ihrem Vater dahinvegetieren kann?“
„Nicht, wenn es nach mir geht. Der Kommandant kann mich zwar immer noch überstimmen,
aber ich habe angeordnet, daß sie die beste Pflege erhalten soll - und die bekommt sie hier.“
„Ja. - Eigentlich sollte ich längst weg sein, heute sollte die kleine Suzuhara operiert werden.“
„Das wurde wahrscheinlich wegen des Angriffes verschoben.“
„Wahrscheinlich.“
„EVA-02 hat die halbe Stadt zerlegt. Die Feuer sind inzwischen unter Kontrolle, aber keiner
der bisherigen Engel hat soviel Schaden angerichtet wie der EVA in der kurzen Zeit. Und die
Transportmechanismen für eine ganze Reihe der Hochhäuser sprechen nicht mehr an.“
Asuka saß auf der Kante des Krankenhausbettes, immer noch in ihre PlugSuit gekleidet, und
sah mit blicklosen Augen ins Leere, wiegte dabei mit dem Oberkörper von einer Seite zur
anderen. Wie aus weiter Ferne hörte sie, wie die beiden Frauen sich unterhielten.
Wieder eine Niederlage... ihre letzte Niederlage...
Und dieses Mal hatte Wondergirl sie retten müssen...
Warum hatten sie sie nicht einfach sterben lassen können, das wäre einfacher gewesen...
„Verletzte?“
„Eine ganze Menge, Ritsuko, hauptsächlich Ordnungskräfte und Feuerwehrleute, dazu viele
Sanitäter. Aber das Städtische Krankenhaus wurde ja gebaut, um derartige Kapazitäten
aufzunehmen. Auch viele Tote, derzeit dürfte zusätzliches medizinisches Personal aus den
umliegenden Ortschaften eintreffen, der UN-Stützpunkt wollte den ganzen dort stationierten
Ärztestab schicken. Ich werde mich heute Nacht mit dem ganzen Papierkram beschäftigen
dürfen, damit die Anträge auf zusätzliche Mittel für den Wiederaufbau bewilligt werden.“
„Hm... ja... Ich werde Asuka erst einmal ein Beruhigungsmittel geben. Daß Ikari nicht erlaubt,
einen Psychiater hinzuzuziehen...“
„Den könnte ich im Augenblick auch brauchen... und wahrscheinlich nicht nur ich. Aber
solches Personal sucht man ja bei NERV vergebens. Vielleicht sind wir ja alle verrückt... und
Ikari ist der Chef dieses Irrenhauses...“
*** NGE ***
Im Laufe der nächsten Tage besserte sich Asukas Zustand langsam, nach einer Woche war sie
wieder ansprechbar, wenn auch kurz angebunden in ihren Antworten.
Kaworu hatte Asukas Platz in der Gruppe der EVA-Piloten eingenommen, nahm aber bislang
nur an von den MAGI simulierten Trockentests teil, da Ritsuko zunächst noch die Systeme
von EVA-02 durchchecken wollte, ob Arael vielleicht irgendwelche Kuckuckseier darin
hinterlassen hatte.
Und wie eine besondere Ironie des Schicksals erschien die Tatsache, daß die Gebäude der
Tokio-3-High vom Amoklauf des roten EVANGELIONs überhaupt nicht betroffen gewesen
waren. Die Schule hatte keinen Kratzer abbekommen, nur ein paar Fensterscheiben waren
zersprungen.
Einige der Lehrer weigerten sich, weiterhin in Tokio-3 zu unterrichten, ebenso wie eine neue
Welle von Menschen die Stadt verließ, so daß die Einkaufspassagen bald eher an
Geisterstädte erinnerten.
Unter jenen, die wegzogen, waren auch die Horakis.
An ihrem letzten Tag nahm Hikari Rei beiseite.
„Ich muß mit dir reden.“
„Ja.“
Sie gingen auf das Dach der Schule.
„Rei, ich erinnere mich teilweise wieder an den Kampf... vor allem an sein Ende. Der Engel
hatte versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen.“
„Kontakt?“
„Ja. Ich war so damit beschäftigt, gegen ihn zu kämpfen, daß es erst erkannte, als meine
Kräfte erlahmten. - Ich glaube nicht, daß die Engel uns vernichten wollen.“
„Bitte, erkläre das.“
„Er hat mir... Bilder gezeigt... von meiner Mutter, gefesselt an einen Pfahl.“
„Deine Mutter ist tot.“
„Ja... Schon seit über zehn Jahren... aber, verstehst du, er hat mir sie dennoch gezeigt. Sie war
gefangen - und er wollte sie befreien, doch die EVAs hinderten ihn daran... ich glaube, er hat
mir dieses Bild gezeigt, um mir mitzuteilen, daß sie gar keine feindlichen Absichten haben.
Sie wollen einen der ihren befreien, jemanden, der ihnen so wichtig ist, daß sie für ihn zu
sterben bereit sind, vielleicht ihre Herrscherin oder... ihre Mutter...“
Rei blickte Hikari fassungslos an.
Das, was die Klassensprecherin gesagt hatte, widersprach allem, was sie gelernt hatte. Seit
dem Beginn ihrer Existenz war sie darauf vorbereitet worden, gegen den Feind zu kämpfen,
waren die Engel wie die Kreaturen der Unterwelt dargestellt worden... - vom
Kommandanten... und Kommandant Ikari war schon früher nicht zu ihr ehrlich gewesen.
Sie konnte die Worte der anderen nicht einfach ignorieren, wie sie es wohl früher gemacht
hätte.
„Hikari, das erscheint mir... unglaubhaft... Warum greifen sie uns dann an?“
„Und wenn es umgekehrt ist? Wenn wir den ersten Schlag geführt haben? Wer ist dann der
Angreifer? Wie willst du dann Gut und Böse definieren? Ich...“
Hikari blickte auf die Uhr.
„Ich habe nicht mehr viel Zeit, eigentlich bin ich heute nur hergekommen, um mich zu
verabschieden. Toji wartet sicher schon bei mir daheim, um mir Lebewohl zu sagen...“
„Ihr werdet euch wiedersehen.“
„Vielleicht... ich weiß es nicht. Er bleibt mit seinen Leuten in der Stadt. Vielleicht wird er
beim nächsten Angriff getötet... es... ah... wenigstens hatten wir diese eine Nacht...“
„Ihr habt es wirklich... getan?“
„Ja.“
Ein stilles Lächeln formte sich auf ihren Lippen.
„Ich bereue nichts.“
Rei nickte stumm.
Sie wußte, daß Hikari davon ausging, daß sie und Shin-chan selbst bereits miteinander
schliefen - und nicht nur ein Bett teilten und häufig auch mehr... und wenn sie zu sich selbst
ehrlich war, dann hatten sie schon mehrfach unmittelbar davorgestanden, den Akt zu
vollziehen. Doch jedesmal hatte sie im letzten Augenblick davor zurückgeschreckt. So sehr
sie ihren Shin-chan auch begehrte, so sehr sie sich eigentlich auch eine körperliche
Vereinigung wünschte, es gab in ihr eine Sperre, gegen die sie immer wieder stieß, so als ob
sich etwas in ihr dagegen wehrte, als ob Shin-chan vielleicht doch nicht der richtige wäre und
dieses Privileg jemand anderem zustand.
Sie hätte es ihrem Geliebten nicht erklären können, sie verstand es ja selbst auch nicht.
Glücklicherweise verfügte Shin-chan über eine starke Selbstbeherrschung, schien ihr
seltsames Verhalten sogar problemlos zu tolerieren, als könnte er spüren, was in ihr vorging...
Hikari tat ihr leid, kaum hatte sie zu den Lebenden - und Suzuhara-kun - zurückgefunden, da
wurde sie bereits wieder von ihm getrennt.
„Ihr werdet euch wiedersehen. Bald ist es vorbei.“
Hikari nickte.
„Das wollte ich dir noch sagen... wenn der nächste Engel auftaucht, dann versucht, mit ihm zu
reden, vielleicht ist es dann eher vorbei, als alle denken, vielleicht läßt sich dann eine Lösung
finden.“
Rei schluckte.
Sie fühlte Tränen in sich aufsteigen.
„Klassensprecherin...“
„Ich schreibe dir, wenn wir uns in der neuen Stadt eingerichtet haben. Ich schreibe euch allen.
Du mußt mir versprechen, daß ihr uns besuchen kommt, du und Shinji.“
„Das werden wir.“
Hikari trat dicht an Rei heran und umarmte sie kurz.
„Danke. Danke, daß du meine Freundin bist.“
Dann wandte sie sich ab und stieg langsam die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal
umzudrehen.
Rei blickte ihr nach.
Danke... sie hatte sich bei ihr bedankt... warum hatte sie sich bei ihr für ihre Freundschaft
bedankt?
*** NGE ***
Misato lag, in eine dünne Decke gewickelt, neben Kaji und malte mit dem Zeigefinger Kreise
auf seine nackte Brust.
„Das war gut... du schaffst es immer noch...“
Kaji lachte, wurde dann schlagartig ernst, nahm ihre Hand, küßte die Finger und den
Handrücken.
„Katsuragi-chan... du und ich, wir beide... Gott, wie konnte ich damals nur so dumm sein? All
die verlorenen Jahre, die wir zusammen hätten verbringen können... Ich war so dumm...“
„Wir waren noch so jung. Wir mußten unsere eigenen Wege gehen.“
„Vielleicht... Katsuragi, wenn das hier vorbei ist...“
Sie lächelte.
„Dann erhältst du einen neuen Auftrag und gehst.“
„Nein, dann quittiere ich den Dienst. Sicher kann ich irgendwo in der Nähe... in deiner Nähe...
einen guten Job finden - bei meinen Referenzen müßte jeder Sicherheitsdienst mich mit
Kußhand nehmen... oder ich fange wirklich an, für das Innenministerium zu arbeiten... Ich
will dich nicht noch einmal verlieren.“
„Meinst du das ernst, Kaji?“
„Todernst. Könntest du dir vorstellen, mit mir... naja, du und ich, wir würden schon ein tolles
Gespann abgeben...“
„Das soll doch nicht etwa ein Antrag sein, oder?“
„Irgendwie schon... Es ist nur nicht meine Art, um so etwas viele Worte zu machen. Was sagst
du?“
„Wir beide... Ja. Ich sage: Ja.“
„Dann muß ich ab so sofort ein Auge auf dich haben...“
„Mein Beschützer... Wenn alles vorbei ist...“
„Vielleicht können wir es etwas beschleunigen...“
Er erhob sich von dem Bett, ging zu seiner Tasche, die in der Ecke stand, holte eine Akte
heraus.
„Hier, sieh dir das an.“
„Kaji, früher warst du romantischer...“
„Möglicherweise könnte das da der Schlüssel zu Ikaris Fall sein.“
„Hm... Okay... Was haben wir denn dann hier... Namen... Aida... Horaki... Ikari... Nagisa...
Soryu... Suzuhara... Kaji, das sind die Mütter der EVA-Piloten... und die anderen auf der
Liste...“
„Die Kinder gehen in dieselbe Klasse wie Shinji. Tokio-3-High, 3-A. Code 707...“
„Aber da sind noch mehr auf der Liste... das sind doch wenigstens einhundert Namen.“
„Ja. Einhundert Frauen... einhundert schwangere Frauen. Und von ihnen sind nur noch
insgesamt vier am Leben. Einundzwanzig Kinder, die anderen starben schon im Mutterleib,
wurden totgeboren oder überlebten die ersten Jahre nicht. Von den vier noch lebenden Frauen
hat übrigens nur eine ein Kind, das heute noch am Leben ist - die Mutter von Kensuke Aida.
Die anderen sechsundneunzig Mütter starben im Laufe der Schwangerschaft, während des
Geburtsvorganges oder in den ersten vier Jahren nach der Geburt. Und sie alle hatten eine
Gemeinsamkeit...“
Kaji blätterte um. Die nächste Seite war ein eingeheftetes Foto, es zeigte einen kleinen
gedrungenen Mann mit schütteren Haaren und Adlernase. Er war vielleicht vierzig Jahre alt,
vielleicht ein paar Jahre älter oder jünger.
„Das ist Doktor Fuyuu Sekanden... alias Hiroshi Tadao... alias Kuntaro Muro... alias Morgan
Tanaka. Dieser Mann war der Arzt, der jede der Frauen auf der Liste während der
Schwangerschaft behandelt hat.“
„So... Okay, Kaji, jetzt erzähl mir auch den Rest.“
„Sekanden und Ikari haben gemeinsam studiert. Und beide haben die Theorie von der
Vervollkommnung des Menschen vertreten, nur hat Sekanden sich nicht auf Vorträge und
Veröffentlichungen beschränkt. Dieser Mann hat Dinge getan... unmenschliche Dinge...
Verbrechen gegen die Menschlichkeit selbst... dafür hat er seine Approbation und alles andere
verloren. Und eigentlich hätte er bis an das Ende seines Lebens hinter Gittern verschwinden
müssen, aber stattdessen verschwand er spurlos - bis vor einigen Wochen seine Leiche
gefunden wurde.“
„Wenn das stimmt, was du sagst, hat ihn nur sein gerechtes Schicksal ereilt. Du meinst also,
er hat Versuche mit Ungeborenen angestellt.“
„Ja. Dieser Mann hat all die Leben auf dem Gewissen. Aber ich bezweifle, daß er es allein
getan hat.“
„Ikari?!“
„Genau. Sekanden hat ihm die späteren EVA-Piloten besorgt.“
„Das ist eine ziemliche Unterstellung... und der Mann ist tot...“
„Kein lästiger Zeuge mehr... wenn ich eine Verbindung zwischen ihm und Ikari herstellen
kann, dann sorge ich dafür, daß Ikari vor den Internationalen Gerichtshof gestellt wird.“
„Du traust ihm das wirklich zu...“
„Du nicht?“
„Seine eigene Frau? Sein eigener Sohn?“
Misato schüttelte den Kopf.
„Das kann doch nicht...“
„Fuyutsuki hat mir einiges erzählt... im Hause Ikari herrschte eigentlich nie eitel
Sonnenschein.“
„Er hat seine eigene Frau als... Versuchsobjekt benutzt?!“
„Davon gehe ich aus.“
„Wenn Shinji das erfährt... ich glaube, dann bringt er ihn um...“
„Katsuragi... Misato... ich sage dir das alles, damit wenigstens noch jemand über dieses
Wissen verfügt. Auf der letzten Seite findest du eine Adresse. Das ist mein Unterschlupf...
eines meiner Verstecke für Notfälle. Dort befindet sich ein Computer, auf dem ich meine
gesamten Nachforschungen gesichert habe.“
„Kaji, das klingt, als ob...“
„Nein, Katsuragi, nein... ich glaube an eine gemeinsame Zukunft. Aber ich brauche
Absicherungen. Fuyutsuki hat die Adresse eines anderen Verstecks und den Zugangscode zu
einem anderen Computer, aber er weiß nicht, daß Ikari möglicherweise am Tod seiner Frau
die Schuld trägt. Ich glaube, dann müßte Shinji sich hinten anstellen.“
„Shinji... Kaji, ob er auch einen Platz in unserer Familie hätte?“
„Hm... ja. Ich mag den Jungen, ich könnte mir vorstellen, ihn zu adoptieren.“
Wenn Fuyutsuki ihnen da nicht zuvorkam...
„Wenn wir es überleben...“
*** NGE ***
Shinji trieb auf dem Wasser des Schwimmbeckens im NERV-Hauptquartier. Er trug nur eine
schwarze Badehose als Kleidung, um seine Hüften befand sich ein Schwimmreifen, dazu
kamen prallaufgeblasene Schwimmflügel an seinen Oberarmen und ein Luftkissen unter
seinem Kinn.
Neben ihm schwamm Rei im Wasser und bedeutete ihm, mit Armen und Beinen
Schwimmbewegungen zu machen.
Eigentlich war er nur wegen ihr im Wasser, wenn sie ihren knappen Zweiteiler trug, konnte er
ihr einfach nichts abschlagen - ansonsten aber auch nicht. Aber gut, wenn es bedeutete, daß er
in ihrer Nähe war, dümpelte er halt auch wie PenPens Badeente auf dem Wasser.
„Hallo, ihr beiden“, kam es vom Beckenrand.
„Uh...“
Shinji drehte den Kopf.
Am Rand des Beckens stand barfuß Maya Ibuki, anstatt ihrer üblichen Uniform trug sie eine
Bluse und khakifarbene Shorts, allerdings hatte sie wie üblich den Koffer mit ihrem Laptop
dabei. Bei ihr war Asuka in Pyjama und Morgenmantel.
„Na, ihr zwei? Wie ist das Wasser?“
„Angenehm, Leutnant.“ sagte Rei und schwamm zum Beckenrand.
„Ui, Rei, scharfer Badeanzug!“
„Leutnant?“
„Maya genügt, ich bin nicht im Dienst. Sempai meint, Asuka könnte mal eine andere
Umgebung vertragen, und hier ist es ja ganz nett.“
„Ja.“
Asuka betrachtete die beiden im Wasser, doch in ihren Augen war kein Erkennen zu lesen, in
ihrem Gesicht regte sich nichts.
„Soryu?“
Asuka blickte Rei ins Gesicht. Ihr rechter Wangenmuskel zuckte, sie blinzelte.
„First.“
„Ahm, Rei, wir setzen uns da drüben hin.“ murmelte Maya und legte die Hand auf Asukas
Schulter, führte sie mit sanfter Gewalt zu den Tischen, baute dort ihren Laptop auf.
„Rei... uh... Rei... ich weiß nicht...“ blubberte Shinji.
Rei drehte sich um.
Shinji trieb inzwischen in der Mitte des Beckens und ruderte mit den Armen, schaffte es aber
nur, sich im Kreis zu bewegen.
Rei warf sich zurück ins Wasser und schwamm zu ihm hinüber.
Asuka betrachtete das ganze mit ausdrucklosem Gesicht, sah wie Rei Shinji wieder zum
Beckenrand zurückbugsierte, ihn dann kurz auf die Lippen küßte.
Sie hatte sie besiegt...
Sie beide hatten sie besiegt...
Wondergirls Badeanzug verbarg fast nichts... wie konnte sie nur so herumlaufen...
wahrscheinlich hatte Shinji sie so angezogen... seine Puppe...
Und jetzt weideten sie sich sicher an ihrem Sieg... wie sie zu ihr hinüberblickten...
Das konnte sie nicht mehr ertragen...
Ruckartig stand Asuka auf, ihr Gesicht lief vor Zorn rot an.
Maya zuckte zusammen, sah Asuka fassungslos an.
Das Mädchen war eben doch noch völlig geistesabwesend gewesen...
„Asuka...“
Doch diese stand bereits am Beckenrand und starrte zornig auf die beiden im Wasser.
„Habt ihr keinen Anstand? Macht euch nur über mich lustig... aber nicht mit mir... nicht mit
Asuka Soryu Langley! Wondergirl, Weichei, ihr beide treibt es doch garantiert jede Nacht wie
die Tiere... oder liegst du nur wie ein toter Fisch unter ihm und machst die Beine breit, First,
während Shinji Zielübungen veranstaltet? Ohne eure EVAs seid ihr zwei doch unfähig...
Lacht nur, doch ich werde zuletzt lachen!“
Ein Schwall aus Beschimpfungen und Flüchen brach über Shinji und Rei herein.
Shinji schluckte Wasser, ruderte wild mit den Armen.
Rei starrte Asuka nur an.
Maya war inzwischen aufgestanden und streckte gerade die Hand nach Asuka aus.
„Was ist nur mit dir los?“
Asuka schnappte die Hand, ehe sie ihre Schulter berührte, zog. Und Maya flog kopfüber ins
Wasser.
„Laßt mich in Ruhe! Ich brauche euer Mitleid nicht. Ich brauche eure Freundschaft nicht! Ich
brauche niemanden!“
Hustend und prustend kam Maya wieder an die Oberfläche.
Asuka lief bereits tapsend aus dem Raum...
Rei schwamm zu Maya hinüber.
„Benötigen Sie Hilfe, Maya-san?“
„Nein...“
Ibuki spuckte Wasser aus, griff nach dem Handlauf der Leiter, zog sich aus dem Wasser.
„Schnell, zieht euch etwas über, wir müssen Asuka zurückholen... ich glaube, jetzt ist sie
völlig übergeschnappt... war wohl keine so gute Idee, sie hierherzubringen...“
Maya stand vornübergebeugt am Beckenrand und hustete immer noch Wasser aus.
Rei kletterte aus dem Becken und brachte ihr ein Handtuch.
„Ich gehe Soryu suchen.“
„Warte... ich komme mit...“
Maya wrang die Zipfel ihrer Bluse aus, die nassen Sachen klebten an ihrer Haut, die Bluse war
jetzt fast völlig durchsichtig, ebenso der BH, den sie darunter trug. Hastig warf sie sich das
Handtuch über die Schultern, um sich zu bedecken, folgte dann Rei, die in ihrem Badeanzug
vorausgelaufen war.
Shinji vergaß bei dem Anblick, wo er war.
Das Luftkissen unter seinem Kinn rutschte fort und plötzlich befand er sich mit dem Kopf
unter Wasser, kam nach Luft schnappend wieder hoch, kämpfte sich zum Beckenrand.
Keuchend zog er sich aufs trockene Land.
*** NGE ***
Maya und Rei gelang es nicht, Asuka aufzuspüren. Das rothaarige Mädchen war im Labyrinth
der Korridore des Hauptquartiers verschwunden. Ritsuko und Misato organisierten eine
Durchsuchung des CentralDogmas, allerdings wurden sie von einigen Mitgliedern des
Wachpersonals eher behindert als unterstützt. Misato merkte sich die betreffenden Gesichter,
sie ging davon aus, daß Kommandant Ikari seine Spitzel unter den NERV-Angehörigen hatte,
die ihm Bericht erstatteten.
Kaji war von der Nachricht von Asukas Verschwinden zutiefst betroffen.
Man stellte fest, daß sie irgendwann zwischendurch in ihrem Quartier gewesen war und sich
eine Reisetasche voll Kleidung besorgt hatte
Schließlich wurde die Suche auf die Geofront ausgedehnt - erfolglos.
*** NGE ***
Zögernd betrat Ryoji Kaji das Versteck, in dem er Wolf Larsen zurückgelassen hatte.
Der Cyborg war nicht zu sehen, erst als Kaji weiter in das Lagerhaus hineingegangen war,
fand er ihn; Larsen saß vor Kajis Laptop und ging die Ergebnisse seiner Nachforschungen
durch.
„Sie können ruhig normal gehen, ich habe sie bereits von weitem gehört“, murmelte Wolf.
Kaji seufzte.
Gegen Larsens kybernetisch verbesserte Sinne kam er nicht an.
„Sir, es gibt ein Problem.“
„Welcher Art, Major?“
„Asuka... sie ist fortgelaufen...“
„Weggelaufen?“
Larsen stand auf, hielt dann aber in der Bewegung inne.
Rabinowitz hatte ihn angewiesen, keinen Kontakt mit seiner Ziehtochter aufzunehmen...
Allerdings war er sich nicht sicher, ob diese Anweisungen wirklich von dem Direktor
gekommen waren, oder ob auch sie nur Lug und Trug waren.
„Sie sagten mir doch, sie wäre... abwesend...“
„Gut möglich, daß sie uns das nur vorgespielt hat.“
„Ich kann das nicht glauben... was Sie mir von ihr erzählt haben... Sicher, sie war immer
etwas ungestüm und auch ein wenig rücksichtslos und unachtsam, aber...“
Kaji schluckte.
Er begriff - Larsen sah das Mädchen noch immer so wie vor der Sache mit Fresenhark,
wahrscheinlich war das seine Art, die furchtbaren Ereignisse zu verdrängen.
„Wollen wir sie gemeinsam suchen? Ich habe Zweifel, daß sie noch in der Geofront ist.“
„Ich habe Order, mich bedeckt zu halten. Und ich habe keine Ahnung, wer mir diese Befehle
vielleicht wirklich gegeben hat. Ich überlege schon die ganze Zeit, wo möglicherweise ein
Bruch in meinen Erinnerungen ist... Sie werden Asuka allein suchen müssen.“
„Sie bleiben hier?“
„Ich bin Soldat, ich habe mein ganzes Leben Befehlen gehorcht... aber ich möchte sie auch
nicht im Stich lassen... vielleicht fiele mir die Entscheidung ohne die Chips in meinem Kopf
leichter, oder wenn ich wenigstens den Logiksektor des PROPHET-Interfaces ignorieren
könnte...“
„Sir, verstehen Sie mich nicht falsch - aber Sie benötigen Hilfe.“
„Ja, die brauche ich. Kaji, gehen Sie und suchen Sie Asuka. Und wenn Sie zurückkommen,
müssen Sie mir bei der Suche nach der Wahrheit assistieren.“
„Wie kann ich das?“
„Jemand hat in meinem Kopf herumgepfuscht und das Interface manipuliert. Sie müssen bei
mir einen... Reset durchführen, damit die alten Basisdaten neuinstalliert werden.“
„Ich soll... Sir, vielleicht könnte jemand anders...“
„Es gibt hier niemanden sonst, dem ich noch vertraue. Und wenn Sie ebenfalls Mitglied dieser
Täuschung sind, ist ohnehin alles verloren.“
„Das trauen Sie mir zu - daß ich mich verkaufe?“
„Nein, Kaji. Sie waren immer loyal. Sie waren der beste Schüler, den ich je hatte. Ich weiß
nur nicht, ob Sie echt sind, oder nur ein Produkt irgendeiner Sinnestäuschung.“
„Mein Gott...“
„Ja. Wissen Sie, wie es ist, wenn man alles in Zweifel zieht? Ich stehe nicht zum ersten Mal
am Rand des Wahnsinns, vielleicht härtet das ab...“
„Ich werde Ihnen helfen. Was benötigen wir?“
„Alles, was wir brauchen, ist hier. Ich werde die Diagnosesoftware auf Ihren Laptop laden und
vorher durchsehen, Sie müssen den Vorgang nur überwachen.“
„Ja...“
*** NGE ***
Die nächsten, die Tokio-3 verließen, waren die Aidas, eine gute Woche nach der Abreise der
Horakis. Der Klassenraum der 3-A leerte sich zusehends, spiegelte damit die allgemeine
Entwicklung innerhalb der Stadt wieder. Viele Bewohner, welche nicht NERV angehörten
oder anderweitig vertraglich gebunden waren, verließen die Stadt.
Toji und Shinji hatten den Aidas geholfen, den Möbelwagen zu beladen.
Das Haus der Familie war während des Amoklaufes von EVA-02 beschädigt worden, eine
Seitenwand war einstürzt.
Kensuke verabschiedete sich unter Tränen von seinen Freunden, lud sie für die nächsten
Ferien auch sogleich ein, ihn zu besuchen.
Die beiden standen noch eine ganze Weile am Straßenrand, bis der Möbelwagen und der
Privat-Pkw der Aidas nicht mehr zu sehen waren.
„Da gehen sie alle hin...“ murmelte Toji.
Für ihn war die Hilfsaktion mehr eine Beschäftigungstherapie gewesen, um sich von Hikaris
Abwesenheit abzulenken.
„Vielleicht... vielleicht kommen sie ja zurück, wenn die Engel besiegt sind.“
„Weißt du, wie lange das noch dauern kann?“
„Uhm... nein...“
„Hm... und ich sitze hier fest, weil meine Leute bei NERV arbeiten... Äh, Ikari, das sollte jetzt
nicht bedeuten, daß...“
„Ich verstehe schon. Du vermißt Hikari.“
„Ja. Ich könnte manchmal die Wände hochgehen... Nachts liege ich wach und kann nur an
ihren warmen Körper denken... und ihre hübschen Sommersprossen. Ich kann ihren täglichen
Anruf immer kaum abwarten - ah, verdammt, es ist ja schon ganz schön spät... ich sollte jetzt
los.“
„Uhm... gut... dann bis morgen in der Schule...“
„Ich weiß noch nicht, ob ich komme - morgen kommt doch Mari unters Messer.“
„Stimmt ja... ich halte ihr die Daumen.“
„Danke, Kumpel.“
Die beiden gingen getrennter Wege.
*** NGE ***
Rei saß am Eßtisch und blätterte in Misatos Programmzeitschrift.
Fernsehen war für sie eine recht neue Erfahrung, sah man von den Zweimal ab, bei denen sie
mit Shin-chan im Kino gewesen war, stand sie einer völlig neuen Welt gegenüber. Und
Seifenopern waren doch irgendwie faszinierend in ihrer Dynamik zwischen den Charakteren
und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Krimis waren ebenfalls interessant, auch wenn
Misato-san sie unlängst gebeten hatte, nicht schon nach den ersten fünf Minuten die Identität
des Mörders zielsicher vorherzusagen. Und Quizshows stellten einen großen Test ihres
Wissens dar, eine Herausforderung, die sie gerne annahm.
Wenn es nur nicht so viele Programme gegeben hätte...
Die Wohnungstür ging.
„Tadaima!“ rief Shinji, um seine Ankunft mitzuteilen.
Rei sah auf und wandte den Kopf, lächelte.
„Hallo, Shin-chan. Ist Aida-kun gut weggekommen?“
„Ja.“
Shinji seufzte.
„Wieder einer weniger.“
„Ich verstehe deinen Kummer. Menschen definieren sich über andere. Und gute Freunde sind
selten.“
Shinji sah sie fragend an.
„Du hast nicht zufällig gestern Kaji-san in seinem Garten geholfen, oder?“
„Nein, Shin-chan. Major Kaji erscheint mir durchaus fähig, seine Feldfrüchte ohne fremde
Hilfe zu umsorgen.“
Er mußte lachen - eigentlich liebte er es, wenn sie sich etwas umständlich ausdrückte, vor
allem da er wußte, daß sie nicht wirklich so naiv war, wie ihre Worte manchmal vermuten
ließen.
„Mach die Augen zu.“
„Warum?“
„Mach sie einfach zu.“
Rei setzte sich gerade hin und schloß die Augen.
Sie vertraute Shin-chan vollkommen. Egal was geschah, sie war sich sicher, daß er in jeder
Situation für sie dasein würde.
Schritte...
Shin-chan war hinter sie getreten!
Dann spürte sie etwas kaltes auf der Haut ihres Halses.
„Du kannst die Augen wieder öffnen.“
„Ja.“
Sie blickte nach unten, tastete mit den Fingern über ihren Hals.
Er hatte ihr eine dünne goldene Halskette umgelegt, an welcher ein Anhänger baumelte.
Es war ein halbes Herz.
„Ein halber Anhänger?“
„Uh, ja. Ich habe es auf dem Rückweg bei einem Händler gesehen und... ah... ich habe auch
eins, sieh mal...“
Er beugte sich vor, zog dabei seinen Anhänger unter dem Hemd hervor und hielt ihn gegen
Reis.
„Siehst du? Sie passen zusammen.“
Sie verstand die Bedeutung seines Geschenkes.
„Danke.“
„Nein, ich danke dir...“
Shinji umarmte sie von hinten.
*** NGE ***
Bereits seit über einer Stunde blickte Kaji auf den Monitor.
Sein Laptop war über ein Kabel mit der externen Schnittstelle des PROPHET-Interfaces in
Larsens Schädel verbunden, es sah unheimlich aus, das Kabel steckte direkt in seinem
Schädel, die Anschlußbuchse war normalerweise von Haaren verdeckt.
Der Monitor zeigte mehrere Linien, welche fraktale Gebirgszüge hätten darstellen können.
Jede Linie repräsentierte eine Emotion, eine Reaktion auf Gesehenes und Gehörtes.
Und dann wurden die Linien plötzlich glatt, verliefen völlig parallel.
„Ich glaube, wir haben den Zeitpunkt.“
Larsen öffnete die Augen.
„Sergej...“
Er erinnerte sich noch, wie er in Sergejs Wohnung am Computer gesessen hatte, erinnerte
sich, wie der Russe ihn im Nacken berührt hatte.
Nachdenklich tastete er über die fragliche Stelle. Wahrscheinlich hatte sein früherer Freund
ihm ein Gerät in den Nacken gesetzt, welches seine Kybernetik lahmgelegt und ihn in
Tiefschlaf versetzt hatte, so daß man ihn ungestört mit neuen Erinnerungen über die
Zwischenzeit füttern konnte.
Sergej konnte er nicht mehr fragen, von den drei Löchern in seinem Oberkörper abgesehen,
befand der frühere KGB-Mann sich zusammen mit seinem Begleiter in einem recht tiefen
Grab, das Kaji und Larsen in einer Nacht in den Hügeln geschaufelt hatten.
Ab diesem Zeitpunkt stimmten seine Erinnerungen also nicht...
„Machen wir weiter, ich muß ganz sicher sein.“
Eine weitere Stunde später wußte Wolf Larsen, daß seine korrekten Erinnerungen an dem
Punkt wieder einsetzten, als er sich im Landeanflug auf Japan befunden hatte.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus.
Ann... sie könnte noch am Leben sein...
Aber jemand anders hatte Vorrang, jemand, dem er helfen konnte.
„Jetzt gehen wir Asuka suchen.“
*** NGE ***
Ohne Hikari und Kensuke waren die Treffen auf dem Dach der Schule um einiges weniger
interessant. Kaworu bemühte sich zwar, die anderen aufzuheitern, doch Rei wurde davon
nicht aktiver und Shinji war in Gedanken bei Toji und dessen kleiner Schwester.
Kaori Ishiren beobachtete die Szene durch ihr Fernglas.
Sie hielt sich in einer Wohnung in einem nahegelegenen Hochhaus auf, von der aus sie das
Schulgelände größtenteils überblicken konnte. Von der früheren Leibwache Rei Ayanamis
war nur noch sie übrig, alle anderen waren abgezogen worden, so als ob das First Children für
NERV und Kommandant Ikari nicht mehr interessant war. Und wenn dies schon für Rei galt,
so galt es auch für Shinji, der gar keinen Personenschutz mehr hatte.
Auf der Straße unten befand sich ein Kollege von ihr in seinem Wagen - Kaworus
Leibwächter.
Ishiren war froh darüber, daß nichts geschah, von ihrem Beobachtungsposten aus wäre sie
wohl auch kaum schnell genug vor Ort gewesen. Und ebenso froh war sie darüber, daß die
Piloten an einmal festgefahrenen Gewohnheiten festzuhalten schienen, was unter anderem
bedeutete, daß sie immer denselben Weg zur Schule und wieder zurück nahmen.
Die drei verließen das Dach und kehrten in den Klassenraum zurück.
Ishiren setzte das Fernglas ab und schaltete ihr Radio ein.
Neben dem Fenster lehnte ein Scharfschützengewehr, welches sie hoffte, nicht einsetzen zu
müssen. Seit über zwanzig Jahren war sie nun schon in diesem Geschäft tätig -
Personenschutz - doch irgendwie hatte sie sich nie daran gewöhnen können, auf Menschen
anzulegen. Andere hielten sie deshalb für weich, doch das kümmerte sie nicht besonders.
Auf der Fensterbank lag auch ein Buch, in welchem sie jetzt weiterlas, ihr Kollege auf der
Straße würde sie informieren, falls eines der Kinder die Schule verließ...
Der Schultag ging herum.
Ishiren hatte bereits ihre Sachen in einer Umhängetasche zusammengepackt und wartete nur
auf die Meldung des Mannes auf der Straße.
Eigentlich aus reiner Langeweile blickte sie noch einmal durch das Fernglas.
Sie sah eine eher flüchtig bekannte Gestalt - ein rothaariges Mädchen in der Uniform der
Tokio-3-High. Asuka Soryu Langley!
Mit einem kurzen Antippen aktivierte sie ihr Headset.
„Mamoto, das Second Children befindet sich in der Schule, im Eingangsbereich.
Benachrichtigen Sie das Hauptquartier und halten Sie das Tor im Auge!“
Die Bestätigung kam umgehend.
Ishiren stellte das Fernglas schärfer.
Ja, es war tatsächlich das Second Children...
Allerdings konnte sie nicht erkennen, was Asuka in der Hand hatte.
Das Zielfernrohr des Gewehrs war allerdings noch sensibler als das Fernglas...
Was sie sah, erschreckte sie.
„Mamoto, sie hat ein Messer... ach was, das ist eine Machete...“
Ohne weiter nachzudenken, machte sie das Gewehr schußbereit.
Dann überschlugen sich die Ereignisse, als die anderen drei Piloten die Schule verlassen
wollten.
Durch das Zielfernrohr konnte Ishiren sehen, wie Asuka sich auf Rei Ayanami stürzte. Shinji
Ikari riß seine Freundin zur Seite...
In diesem Moment zog Ishiren den Abzug durch.
Kapitel 48 - Nephilim
Mit einem Aufseufzer schloß Shinji seine Tasche.
Endlich war der Unterricht vorbei, in gewisser Weise bestätigte sich mit jedem Tag aufs Neue
der Verdacht, daß der alte Lehrer seinen Endlosvortrag auch ohne Zuhörer fortgesetzt hätte,
war die Klasse 3-A doch inzwischen auf sieben Schüler geschrumpft.
Mit breitem Grinsen im Gesicht tauchte Kaworu neben Shinjis Pult auf.
„Hey, Shinji-kun, Ayanami, wollen wir noch ´was zusammen unternehmen?“
„Uhm, was schwebt dir denn vor, Nagisa-kun?“
„Och, naja, einfach nur ein wenig durch die Gegend schlendern und die Sonne genießen...
angeblich war früher um diese Zeit Herbst... die Tage werden kürzer und ich komme außer zur
Schule doch gar nicht aus dem Hauptquartier heraus.“
„Ja, Nagisa-kun... hm... Rei, was meinst du?“
„Einverstanden.“
„Wunderbar.“
Kaworu deutete eine Verbeugung an und ließ den beiden anderen den Vortritt.
Sie verließen den Klassenraum.
„Sagt mal, glaubt der alte Sensei wirklich an die Version vom Impact, die er uns ständig
vorbetet?“
„Uh... gute Frage, Nagisa-kun... hm, wahrscheinlich schon.“
„Manchmal würde ich gerne einfach aufspringen und ihn über seinen Irrtum aufklären.
Vielleicht wechselt er dann mal das Thema.“
„Er glaubt an das, was er uns erzählt. Wahrscheinlich hat er nichts anderes.“ sagte Rei leise.
„Uhm... also...“
In ihr Gespräch vertieft, erreichten sie den Eingangsbereich des Schulgebäudes. Daß dort
jemand bereits im Schatten auf sie wartete, sahen sie nicht.
*** NGE ***
Asuka kniff die Augen zusammen und lauschte.
Ja, die Stimmen waren unverkennbar - Wondergirl, Weichei und Grinsebacke... ihre drei
Konkurrenten. Wahrscheinlich unterhielten sie sich gerade über den Erfolg ihrer
Verschwörung gegen sie, Asuka Soryu Langley. Wahrscheinlich amüsierten sie sich königlich
darüber, daß sie aus dem Team geflogen war und EVA-02 nicht mehr steuern durfte.
Aber das Lachen würde ihnen schon noch vergehen... schon bald...
Asukas Augen funkelten. Sie fletschte die Zähne zu einem wölfischen Grinsen.
Wessen Idee es wohl gewesen war?
Eigentlich konnten sie ja nur die MAGI-Rechner so manipuliert haben, daß ihr Synchronwert
niedriger angezeigt wurde, als er wirklich war... wahrscheinlich besaß sie immer noch ihre
alte Form, doch diese drei Neider, die sie nicht gemocht hatten, hatten gemogelt, um sie
schlecht dastehen zu lassen... so konnte es doch nur sein, so und nicht anders...
Ob es Weichei-Shinjis Einfall gewesen war? - Wohl eher nicht, Shinji war doch viel zu blöd
und zu ängstlich für so etwas... der fürchtete sich doch wahrscheinlich auch vor seinem
eigenen Schatten...
Oder Grinsebacke-Kaworu? Ihn konnte sie am schwierigsten einschätzen, doch wer sich
immer nett und freundlich gab, konnte doch nur ein Schweinehund sein, der seine Kameraden
rücksichtslos verriet...
Oder vielleicht Wondergirl? First hatte sie vom ersten Augenblick nicht leiden können,
obwohl sie, Asuka Soryu Langley, dieser bedauernswerten Kreatur sogar die Hand in
Freundschaft entgegengestreckt hatte... und sie kannte sich gut genug mit Computern aus, um
die MAGI zu beeinflussen, ganz sicher... natürlich, deshalb trieb sie sich so häufig in der
Nähe der ollen Akagi herum...
Na warte, Wondergirl...
Nicht mit ihr, nicht mit Asuka Soryu Langley.
Asuka Soryu Langley. Asuka Soryu Langley, Asuka Soryu Langley...
Die ständige Wiederholung ihres Namens war alles, was ihren Verstand noch zusammenhielt,
alles was sie davon abhielt, einfach zu Boden zu fallen und dort sabbernd liegenzubleiben.
- Dies und der kalte Stahl des Messers in ihrer Hand...
Die drei kamen näher...
NERV hatte drei EVA und vier Piloten... und die drei hatten dafür gesorgt, daß sie auf die
Reservebank verbannt wurde. Drei EVAs, vier Piloten. Die Rechnung war einfach - vier
waren einer zuviel. Und Asuka beabsichtigte, die Rechnung wieder auszugleichen. Wenn man
sie als Pilotin wieder benötigte, würde man sie auch nicht bestrafen, sondern ihr die Zeit
geben, ihre Unschuld zu beweisen, nachzuweisen, daß sie das Opfer eines schändlichen
Komplotts geworden war...
Ja... und alles, was dazu nötig war, war ein Kopf...
*** NGE ***
Rei, Shinji und Kaworu bogen um die Ecke des Korridors.
Shinji lachte über einen von Kaworus Scherzen.
Plötzlich erhaschte er einen Blick auf die in den Schatten lauernde Asuka, sah direkt in ihre
weit aufgerissenen Augen, aus denen ihn der Wahnsinn zurückanstarrte.
Mit einem lauten langgezogenen Schrei, der nur noch wenig menschliches an sich hatte,
stürzte Asuka sich auf die Gruppe, schwang dabei ihr langes Messer.
Ihr Ziel war Rei Ayanami!
Diese stand nur da und blinzelte, war trotz ihrer nahezu übermenschlichen Reflexe von dem
Hinterhalt völlig überrascht worden.
„Rei!“ brüllte Shinji und stieß seine Freundin zur Seite, versuchte noch, der heransausenden
Klinge auszuweichen, doch da spürte er schon einen brennenden Schmerz in den
Eingeweiden.
Einen langen, sehr langen Moment blickte er wieder in Asukas Gesicht, diesesmal stand sie
direkt vor ihm.
Einen Sekundenbruchteil lang huschten Verwirrung, Bedauern und Reue über ihre Züge,
verschwanden aber wieder hinter unbändigem Zorn und reinem Irrsinn.
Shinjis Knie wurden weich.
In seinen Ohren rauschte es.
Er spürte Nässe auf seinem Bauch.
Wie in Zeitlupe sah er an sich herab, starrte auf das Messer, welches mit beinahe der Hälfte
der Klinge in seinem Bauch steckte, starrte auf den rasch wachsenden Blutfleck auf seinem
Hemd.
„Agh... agh...“
Shinji sackte zu Boden, da Asuka den Messergriff nicht losließ, wurde die Klinge durch die
Bewegung aus der Wunde gezogen. Immer mehr Blut floß aus der Wunde, bildete blitzschnell
eine Lache unter Shinji, der zusammengekrümmt auf dem Boden lag.
„Nein!“ brüllte Rei.
In Shinjis Ohren klang der Ausruf furchtbar dumpf und in die Länge gezogen.
Asuka zuckte heftig zusammen, etwas streifte ihren Kopf an der Schläfe, fraß in nur für Shinji
wahrnehmbarer Geschwindigkeit einen Graben in die Oberfläche ihres Schädels, drang neben
dem Auge ein und durch die linke Augenhöhle wieder aus, um sich dann in die
gegenüberliegende Wand zu bohren.
Noch mehr Blut spritzte gegen die Wand.
Das Messer entfiel ihrem erschlaffenden Griff.
Asuka fiel zu Boden, blieb dort liegen, einer Puppe nicht unähnlich, deren Fäden gekappt
worden waren.
Ihr Gesicht erschien trotz des Blutes seltsam friedlich, so als wäre ihr ein sehr wichtiger
Wunsch erfüllt worden...
Rei achtete nicht auf Asuka, nahm nur am Rande wahr, daß diese augenscheinlich keine
Gefahr mehr darstellte. Sie rutschte neben Shinji auf die Knie und bettete seinen Kopf in ihren
Schoß, sah Kaworu hilfesuchend an.
Kaworu stand wie versteinert, starrte auf die rote Flüssigkeit auf dem Boden, auf Shinjis
Sachen...
Und dann konnte er es hören, einen schwachen Herzschlag, ein schwaches Pulsieren.
Er riß die Augen auf, starrte konzentriert auf Shinjis Brust.
Shinji preßte die Hände gegen die Wunde und atmete stoßweise.
Es tat so weh...
Rei schrie um Hilfe, tatsächlich eilten ein paar Lehrer und auch einige Schüler, die noch im
Gebäude gewesen waren, herbei. Jemand rief einen Krankenwagen, ein anderer verständigte
NERV.
Shinji blickte nach oben in Reis Gesicht.
Rei-chan weinte... ihre Tränen fielen auf seine Wangen... warum weinte sie? Doch nicht etwa
seinetwegen? Was hatte er denn getan?
Das Denken viel ihm schwer, ebenso das Atmen.
Die Schmerzen legten sich über alles wie ein dicker schwarzer Schleier.
Dieses mal würde ihm niemand helfen, EVA-01 - und damit seine Mutter - war zu weit fort.
Wenn er sich im EntryPlug befunden und EVA-01 aktiv gewesen wäre, dann hätte...
Er besaß nicht mehr die Kraft, den Gedanken zu Ende zu führen.
Rei-chan sollte nicht weinen, nicht um ihn. Er liebte sie viel zu sehr, als daß er dies gutheißen
konnte.
Mit verebbender Kraft brachte er ein Lächeln zustande.
„Nicht... weinen... Rei-chan...“ flüsterte er, schmeckte etwas metallisches im Mund.
Kaworu drängte die Leute, die sich um sie eingefunden hatten, zur Seite, ging neben den
beiden anderen Piloten in die Knie, berührte Shinjis Brust mit beiden Händen.
Ja, dort befand sich die Quelle des Herzschlages... eine ruhende Quelle der Macht... wie kam
der Lilim nur dazu? Diese Quelle war es, welche es den Engeln ermöglichte, die
Existenzebene der Lilim zu betreten, ohne sie mußten sie zurückkehren in ihre eigene Welt.
Und nach der Begegnung mit ADAM am Tage des Unterganges der Ersten Zivilisation waren
nur noch wenige von ihnen überhaupt imstande, in mühevoller, jahrewährender Arbeit die
nötigen Energien zu sammeln, um im Diesseits einen Kern zu formen. Die Lilim nannten den
Kern das S2-Organ...
Aber dies klärte noch immer nicht, wieso Shinji ein ruhendes S2-Organ besaß...
Es war nur schwach, ruhte, doch wäre es aktiv, konnte es Shinji-kuns Verletzung heilen!
Tabris´ Gedanken rasten.
Möglicherweise war er imstande, das S2-Organ in der Brust des Lilim zu aktivieren, doch
dabei würde er auf alle Fälle seine Tarnung verraten. Und damit wäre auch seine Mission
gescheitert, die anderen Lilim würden es registrieren, wenn er seine Kräfte einsetzte - und sie
würden ihn jagen. Der Körper, den er benutzte, besaß kein S2-Organ, seine
Selbstheilungskräfte waren beschränkt; sein Wille wäre nicht ewig imstande, das Feld seiner
Seele als schützende Hülle um den Lilim-Körper aufrechtzuerhalten...
Shinji-kun zu helfen, würde bedeuten, seine Mission zu verraten! Dann wäre nur noch
Armisael, sein um wenige Herzschläge der Ewigkeit älterer Zwillingsbruder, übrig, um der
Ur-Mutter LILITH Rettung zu bringen. Und doch...
Der Lilim war sein Freund, durch ihn hatte er das Konzept der Freundschaft erst begriffen,
welches für Kaworu Nagisa, dessen Leib er sich ausgeliehen hatte, nur eine Theorie gewesen
war.
Tabris mußte sich entscheiden zwischen seiner Mission und dem Leben des Freundes...
Reis Blick war von Tränen verschleiert.
Beruhigend strich sie durch Shinjis Haar, während dieser immer noch Hände gegen den Leib
preßte und vor Schmerzen aufstöhnte.
Einer der Lehrer hatte seine Jacke ausgezogen und diese zwischen Shinjis Hände und die
Wunde geschoben.
„Shinji, stirb nicht, bitte, du darfst nicht sterben.“ flüsterte Rei.
Wo blieb nur der Krankenwagen...
Warum standen alle nur untätig um sie herum? Warum tat denn niemand etwas? Ihr Shin-chan
war am Verbluten!
Jemand drehte Asuka auf den Rücken, verkündete, daß sie noch lebte.
Ihr Gesicht war allerdings kein sonderlich schöner Anblick, neben der linken Augenhöhle
fehlte ein Teil des Schädelknochens, wo die Kugel in ihren Schädel eingeschlagen war. Graue
Gehirnmasse war jedoch keine zu sehen, dafür war ihr Gesicht blutüberströmt.
Asuka war ohne Bewußtsein - und vielleicht war das auch besser so...
Rei war Asuka völlig egal, sie nahm nicht einmal wahr, was um sie herum passierte, ihre
ganze Wahrnehmung der Realität war auf sie selbst und Shinji zusammengeschrumpft, den sie
in ihren Armen hielt.
„Nicht sterben. Du mußt durchhalten.“
„Ist das... ein Befehl?“ wisperte Shinji.
„Shin-chan, Hilfe ist unterwegs... sie bekommen dich wieder hin, ganz sicher...“
„Ich... glaube... nicht... Rei-chan... versprich mir... ah... versprich mir, daß du nicht aufgibst...
was auch geschieht... es hängt jetzt von dir ab...“
Wovon sprach er nur?
Wie sollte sie nicht aufgeben? Wenn sie ihn verlor, verlor sie doch damit alles, was ihr etwas
bedeutete...
Und warum hing es von ihr ab?
Seine Stirn war heiß, sicher hatte er Fieber... sprach er bereits im Delirium?
„Shin-chan, sprich nicht, du mußt deine Kräfte schonen.“
„Nein... ich... ich erinnere mich... die Erste Zivilisation... die Engel haben sie beschützt... und
ADAM... ein Feuersturm... alle tot... zahllose Leben... soviele Leben... LILITH hat ihn
gebannt... am Südpol... mit der... Lanze... der Longinuslanze... Vater treibt... falsches Spiel...
der Engel hat es mir gesagt... ADAM... Zerstörer...“
Seine Stimme wurde leiser, verlor an Kraft.
Kaworus Kopf ruckte hoch.
Shinji-kun erinnerte sich! Leriel hatte Erfolg gehabt mit seinem Kontaktaufnahmeversuch!
Doch noch immer zögerte er, wog die Konsequenzen ab.
Ein Lilim mit einem aktiven S2-Organ besaß eine Macht, welche der eines Engels ähnelte natürlich in gewisser Proportionalität zu seiner Größe und der Größe des S2-Organs. Ein
stärker ausgeprägtes S2-Organ war fähig, viel schneller Energien zu sammeln und
abzugeben, als das schwache Fragment in Shinji-kuns Brust.
Und immer noch stellte sich ihm die Frage, woher der Lilim das S2-Organ hatte - und wie es
überhaupt in seiner Brust funktionieren konnte...
Tabris schloß die Augen, traf seine Entscheidung.
Als er seine Augen wieder öffnete, glühten sie in einem tiefen Rot. Zugleich baute sich um ihn
eine Aura der Macht auf.
„Es sei!“
Und ein unsichtbarer Chor begann in den Köpfen der Umstehenden mit anschwellender
Lautstärke ´Freude Schöner Götterfunken´ zu singen...
Seine Sinne wurden schlagartig sensibler, nahmen mehr wahr als nur die Informationen,
welche die herkömmlichen Lilim-Sinne übermittelten.
Einen Wimpernschlag später kannte er die Antwort auf seine Frage, wußte er um die Lösung
des Geheimnisses, welches Shinji und das S2-Fragment in seiner Brust umgaben:
Shinji-kun trug das Erbe der Engel in sich!
Warum war er nicht eher darauf gekommen...
Der Lilim war in Wirklichkeit ein Nephilim, ein Wesen halb Mensch, halb Engel. - Deshalb
war sein Körper in der Lage, ein S2-Organ in sich zu tragen!
Und deshalb hatte er geglaubt, eine gewisse Ähnlichkeit an ihm zu erkennen!
Kurz musterte er Rei Ayanami, stellte mit Befriedigung fest, daß auch sie zum Teil ein
Mitglied seiner Art war, folgerte weiter.
Sogar der Körper, den er benutzte, gehörte einem Nephilim. Der wahre Kaworu Nagisa war
ein entfernter Verwandter der Engel. Deshalb war es ihm so leicht gefallen, diesen Körper zu
übernehmen.
Suzuhara-kun... Aida-kun... Horaki-san... die Schüler der 3-A - sie alle waren keine
hundertprozentigen Menschen. Jeder von ihnen trug die ruhenden Veranlagungen in sich, das
Erbe der Engel. Jeder von ihnen war fähig, ein S2-Organ in sich zu tragen und zu nutzen.
Nephilim... Kinder der Engel...
Woher kamen sie? Woher stammte diese Macht?
Hatte sich vielleicht nach Jahrmillionen der Evolution wieder ein Funke Göttlichkeit auf
Erden manifestiert?
Aber weshalb kamen sie dann so konzentriert auf?
Fragen, die zu neuen Fragen führten... unbefriedigende Antworten, welche keinen
Schlußstrich ermöglichten...
„Nagisa-kun... das ist... schön...“ flüsterte Shinji.
Er konnte die strahlende goldene Aura wahrnehmen, welche Tabris umgab, ein warmes Licht,
das ihn sanft zu berühren schien. Aus dem Rücken des anderen schienen filigrane Flügel zu
wachsen, fedrige Schwingen aus substanzgewordenen Licht.
Genau so hatte er sich immer einen wahren Engel vorgestellt. Genau so sah er Rei-chan in
seinen Träumen...
Jetzt hatte er wahrhaftig alles gesehen...
Rei starrte Kaworu an.
„Tu ihm nichts...“
In ihr regte sich etwas, eine Kraft, die den anderen zurückhalten wollte, die verhindern wollte,
daß er ihrem Shin-chan weiter schadete. Doch sie war zu schwach, erzeugte nur einen kaum
spürbaren Windhauch anstatt des Stoßes, der Kaworu hätte zurückschleudern sollen.
Die Leute um sie herum hatten mit dem Einsetzen der Musik in ihren Köpfen die Orientierung
verloren, irrten schwankend umher.
Tabris lächelte.
„Ich will Shinji-kun nicht schaden. Ich will ihm helfen.“
Rei schluckte.
Sie sah die Flügel nicht, nahm auch nicht die warme Ausstrahlung wahr.
Sie wußte nur, daß Nagisa-kun ein Engel war, einer ihrer Feinde.
Doch was sollte sie tun? Wenn sie ihn angriff, mußte sie dazu Shin-chan zurücklassen, der in
der Zwischenzeit vielleicht starb... allein und einsam, ohne jemanden, der ihn festhielt...
Und wenn sie dem Engel vertraute, töte dieser vielleicht sie beide.
Hikaris Worte fielen ihr wieder ein - sie sollte versuchen, mit dem nächsten Engel zu reden.
Und ein Engel hockte direkt vor ihr, legte gerade eine leuchtende Hand auf Shin-chans Brust.
„Was tust du da?“ flüsterte sie voller Angst um ihren Geliebten.
„Shinji-kun ist imstande, sich selbst zu heilen... er besitzt die erforderliche Macht. Ich helfe
seinem Körper nur, sich daran zu erinnern.“
Tabris flößte Shinji einen Teil seiner eigenen Kraft ein, ließ sie direkt auf das S2-Organ
einströmen.
Erwache!
Er spürte, wie das schwache Pulsieren etwas stärker wurde, etwas schneller.
Erwache!
Der zweite Herzschlag in Shinji-kuns Brust wurde kräftiger, wurde zu einem stetigen Pochen.
Erwache!
Shinji spürte, wie Hitze sich in seiner Brust ausbreitete. Seine Brust schien sich auszudehnen,
schien aufzureißen.
Er stieß ein unterdrücktes Keuchen aus.
Die Hitze überlagerte die Schmerzen.
In seiner Brust begann etwas zu pulsieren, er glaubte, einen weiteren Herzschlag
wahrzunehmen, der mit jedem Pochen eine neue Welle von Hitze durch seinen Leib pumpte.
Seine Verletzung...
Er konnte sie kaum noch wahrnehmen!
Sie schloß sich!
Tabris seufzte auf.
Die Aktion hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er gedacht hatte. Sein Körper würde viel Ruhe
und Nahrungszufuhr benötigen, um wieder voll einsatzfähig zu sein.
Er zog sich wieder tief in das Bewußtsein Kaworus zurück, verbarg seine Identität und seine
Anwesenheit wieder vor der Wahrnehmung der Lilim.
Shinji nahm zögernd eine Hand von der Wunde.
Die Haut seines Bauches war makellos, sah man von dem Blut ab, welches eben noch aus der
Wunde gequollen war. Der einzige andere Beleg dafür, daß Asuka wirklich auf ihn
eingestochen hatte, war sein zerschlitztes Hemd.
Nagisa-kun hatte ihn gerettet...
„Ah... Rei... sieh nur...“
Reis Blick klebte auf der Stelle, aus der eben noch Shinjis Lebenssaft in Unmengen
ausgetreten war.
„Shin-chan...“
„Rei-chan, ich bin in Ordnung... ich habe keine Schmerzen mehr... die Verletzung ist
verheilt...“
Er setzte sich auf, umarmte sie spontan, hörte, wie sie schluchzte.
„Uhm... Warum weinst du jetzt noch?“
„Ich weine aus Freude, Shin-chan.“
„Ahm...“
Auch die Schüler und Lehrer hatten die Orientierung wiedergefunden, standen jetzt verwirrt in
den Gängen, im Foyer und vor dem Gebäude und schienen sich zu fragen, was denn passiert
war.
Shinji sah Kaworu an.
„Du bist einer von ihnen - ein Engel, nicht wahr?“
„Ja.“ antwortete Nagisa lächelnd. „Ich kann meine Herkunft schlecht verleugnen, Shinji-kun.“
„Warum... warum die Maskerade? Warum hast du versucht, unser Vertrauen zu erringen?“
„Um euch kennenzulernen, um zu erfahren, wer und was ihr seid, ob es noch Hoffnung gibt.“
„Hoffnung?“
Sirenen näherten sich dem Schulgebäude, zugleich ging ein Hubschrauber auf dem Innenhof
nieder - NERV war eingetroffen.
„Ah... Nagisa-kun, du solltest besser verschwinden...“
„Wenn ihr mich nicht verratet, werden sie mich nicht erkennen.“
Kaworu sah die beiden ernst an, verschwunden war sein ansonsten permanentes Lächeln.
„Ich bin nicht euer Feind.“
„Nicht?“
„Nein. Sonst hätte ich dir kaum geholfen.“
„Nagisa-kun, haben wir dein Wort, daß du nichts tun wirst, daß andere gefährden könnte...
und vor allem, daß du dich vom TerminalDogma fernhältst?“ fragte Rei mit demselben Ernst.
Der andere zögerte.
LILITH war im TerminalDogma... Ayanami verlangte von ihm, keine Schritte zu ihrer
Befreiung zu unternehmen... allerdings konnte er immer noch versuchen, sie zu überzeugen!
„Ja. Ihr habt mein Wort. Ihr habt das Wort von Tabris.“
Er streckte die Hand aus.
Shinji ergriff sie, dann legte Rei die ihre darauf.
Der Pakt war besiegelt...
*** NGE ***
NERV-Einsatzgruppen in tarnfarbenen Kampfanzügen riegelten das Schulgelände ab.
Dann trafen Ritsuko Akagi und Misato Katsuragi vor Ort ein, letztere ebenfalls in eine
Tarnkombination gekleidet.
Die Zivilisten, welche sich immer noch nicht erklären konnten, was denn vorgefallen war,
ignorierten sie - effektiv war in ihren Erinnerungen eine Lücke für die Dauer der Zeit, in
welcher sie sich in Tabris´ Präsenz befunden hatten; der Mensch war einfach nicht geschaffen,
dem Himmlischen Auge in Auge gegenüberzustehen - sollten sich die Ärzte näher mit ihnen
befassen.
Eine Gruppe von fünf Soldaten und zwei Medizinern folgte Akagi und Katsuragi ins
Gebäude, ihnen folgte Kaori Ishiren mit gezogener Handfeuerwaffe.
„Was ist hier passiert?“ rief Misato entsetzt, als sie Asuka am Boden liegen sah, sowie die
große Blutlache, in der Shinji und Rei hockten.
„Shinji-kun, bist du...“
„Ahm, Misato, ich bin in Ordnung.“
„Rei, dann du?“
„Nein, Misato-san. Meine körperliche Integrität ist nicht beeinträchtigt.“
„Aber woher...“
Ishiren richtete ihre Pistole auf Kaworu.
Aus der Entfernung hatte sie das Leuchten gesehen, welches ihn zeitweilig umgeben hatte.
Und auch wenn sie sich darauf keinen Reim machen konnte, so stufte sie ihn doch als
Bedrohung ein.
Dann sah sie, daß Rei, ihre Schutzbefohlene, schwach den Kopf schüttelte und ihr zu
verstehen gab, daß sie die Waffe senken sollte.
Zögernd kam sie der Anweisung nach.
Während Misato bei Shinji und Rei blieb, widmete Ritsuko sich Asuka, für welche bereits
eine Trage geholt wurde.
„Atmung flach, aber vorhanden. Puls ist ebenfalls schwach. Blutverlust normal für eine
Kopfverletzung. Eine Schußverletzung. Keine weiteren sichtbaren Verletzungen. Ist das Ihr
Werk, Leutnant?“
„Ja, Sir.“ antwortete Ishiren. „Als ich sah, daß das Second Children die anderen mit dem
Messer“, sie deutete auf die blutige Klinge neben Asuka, „angriff, konnte ich nicht tatenlos
zusehen. Augenscheinlich habe ich noch rechtzeitig gehandelt.“
„Hm...“
„Aber woher kommt dann das viele Blut?“ fragte Misato. „Shinji? Rei? Kaworu? Ist von euch
wirklich keiner verletzt?“
„Uh... nein... wir sind in Ordnung.“
„Misato, laß es gut sein“, flüsterte Akagi eindringlich, den Blick auf Shinji Hemd gerichtet.
„Wir reden später darüber. Jetzt bringen wir sie erst einmal alle ins Hauptquartier auf die
Krankenstation.“
„Aber...“
Ritsuko schüttelte den Kopf.
Sie glaubte zu wissen, weshalb die MAGI kurzfristig die Existenz eines Blauen Musters
festgestellt hatten - es mußte mit dem S2-Fragment in Shinjis Brust zu tun haben. Das würde
auch erklären, wo das ganze Blut herkam, ohne daß der Junge eine Wunde aufwies... weil es
keine Wunde mehr gab!
Möglicherweise hatten die MAGI das Tätigwerden des S2-Organs angemessen und mit den
Signalen verwechselt, die von einem Engel ausgingen, in diesem Fall würde sie die Sensoren
entsprechend neukonfigurieren müssen.
„Und das Blaue Muster, das die MAGI gemeldet haben?“
„Misato, siehst du hier irgendwo einen Engel - so etwa wenigstens zwanzig Meter groß und
dabei, die Stadt zu zerlegen?“
„Nein.“
„Dann sind wir uns ja einig. Es war ein Fehlalarm...“
Akagi nahm mit Misato Augenkontakt auf, versuchte ihr Zeichen zu geben, nicht weiter
nachzuhaken. Und glücklicherweise verstand Misato.
*** NGE ***
Mit dem Hubschrauber ging es durch den Zentralen Schacht zurück ins Hauptquartier.
Der Schacht lag seit den Aktionen Zeruels offen, ein Einpassen neuer maßgefertigter Schotten
würde viel Zeit und Aufwand in Anspruch nehmen, sowie Erdarbeiten in größerem Umfang
erfordern.
Asuka wurde auf die Krankenstation in den dortigen Sicherheitsbereich gebracht, nach
Ritsukos Erkenntnissen lag sie im Koma, doch Akagi wollte ganz sicher gehen, daß sie ihnen
nicht wieder etwas vortäuschte und vielleicht jemanden angriff, sobald man ihr den Rücken
zuwandte. Asukas Zustand war stabil, sie hatte allerdings durch den Treffer ein Auge
verloren.
Nachdem Ritsuko sich um die Versorgung und Unterbringung Asukas gekümmert hatte,
wandte sie sich Shinji zu und hörte ganz zielgerichtet seine Brust ab, nahm mit einem
schwachen Nicken das zweite Klopfen zur Kenntnis, welches wie ein Echo seines
Herzschlages klang. Ritsuko stellte sich so, daß sie der Überwachungskamera in der Ecke den
Rücken zukehrte.
„Asuka ist mit dem Messer auf euch losgegangen, nicht wahr?“
„Uhm... ja...“
„Und sie hat...“
Ritsuko deutete auf Shinjis Bauch, übte mit dem Zeigefinger kurz Druck auf die Haut aus.
Nicht einmal eine Narbe...
„Richtig?“
Shinji schluckte.
„Ja.“
Ritsuko nickte wieder.
In Momenten wie diesem liebte sie die ärztliche Schweigepflicht über alle Maßen.
„Ich weiß, was passiert ist“, sagte sie nur.
„Sie wissen es?“
„Einen Moment, ja?“
Ritsuko zog ihre Fernsteuerung aus der Tasche und deaktivierte die Überwachungsgeräte,
einschließlich der Abhörvorrichtungen, von denen Gendo wahrscheinlich glaubte, daß sie
nichts von ihnen wußte.
Dann holte sie Misato in den Untersuchungsraum, welche draußen mit Kaworu und Rei
gewartet hatte.
„Wir können ungestört sprechen.“
„Erzählst du mir endlich, was du herausgefunden hast?“ murmelte Misato und sah Ritsuko
finster an.
„Sofort. Zunächst einmal - das Blut stammte von Shinji.“
„Was? - Mein armer Kleiner! Wo hat Asuka dich... das ganze Blut...“
Misato starrte Shinji voller Entsetzen an.
„Ich... uh...“
„Die Erklärung ist so einfach wie überraschend. Als wir Shinjis Körper rekonstruierten,
bekam er dabei nicht nur eine Art von Generalüberholung. Er bekam auch ein Fragment des
S2-Organs mit, welches EVA-01 verschlungen hatte. Dieses Fragment befindet sich in seiner
Brust. Und ich denke, daß es wie ein eigenständiges S2-Organ funktioniert.“
„Was?“
Misato blinzelte heftig.
„Shinji...“
„Uhm... Misato... es stimmt... Doktor Akagi hat recht. Asuka hat mich mit dem Messer... uh...
äh...“
„Genau. Und das mußte das bis dahin ruhende S2-Organ auf den Plan gerufen haben. Es ist
erwacht und hat die Verletzung geheilt.“
„Äh... ja... so war es.“
Daß Nagisa-kun es gewesen war, der das S2-Fragment aktiviert hatte, mußte er ja keinem
sagen... das hätte den Freund doch nur in Schwierigkeiten gebracht.
Kaworu Nagisa war ein Engel... aber anscheinend einer von den Guten. Und nur Rei-chan und
er selbst schienen zu wissen, was wirklich geschehen war. Das Risiko, das sie eingingen,
indem sie Nagisa... Tabris... vertrauten, lag auf der Hand. Andererseits war da die plötzlich
wieder aufgetauchte Erinnerung an das, was ihm der Kugelengel über die Vergangenheit
berichtet hatte. Und nachdem, was er gesehen hatte, handelte es sich bei dem gekreuzigten
Giganten mit der Maske im TerminalDogma in Wirklichkeit um LILITH, den zweiten Engel,
nicht um ADAM, wie Kaji-san glaubte.
Vielleicht waren weitere Kämpfe gar nicht nötig!
Doch, wem sollte er sich anvertrauen?
Doktor Akagi war bereit gewesen, ihm zu glauben, daß er in EVA-01 seiner Mutter begegnet
war, aber er hatte Zweifel, daß er sie von den wahren Absichten der Engel überzeugen konnte.
Und für Misato galt dasselbe. Und selbst wenn, sie würden Kaworu sicher untersuchen
wollen... und sein... ´Vater´ würde sicher auch noch ein Wort mitsprechen wollen.
Nein, er konnte sich niemandem anvertrauen, konnte nur darauf hoffen, daß er sich nicht irrte
- und daß Tabris sein Versprechen einhielt...
„Uh, das...“
Misato schüttelte den Kopf, warf einen Blick auf Shinjis nackte Brust.
„Darin befindet sich wirklich ein S2-Organ?“
„Ja. Ich könnte dir die Röntgenbilder zeigen - wenn ich sie nicht vernichtet hätte.“
„Warum hast du... wegen Ikari?“
„Stimmt. Misato, dieses Geheimnis darf diesen Raum nicht verlassen - in Shinjis Interesse.“
„Verstehe. Okay, einverstanden. Aber... Rei und Kaworu haben es doch sicher auch gesehen,
oder?“
„Das... äh... stimmt... Aber sie werden nichts sagen, dafür... uh... kann ich garantieren“,
stotterte Shinji.
„Hm...“ machten die beiden Frauen gleichzeitig.
„In Ordnung, Shinji, du mußt es wissen“, sagte Ritsuko schließlich.
„Ein S2-Organ... Wow...“ murmelte Misato. „Unser Shinji hier hat sich also in den Hasen aus
der Batteriewerbung verwandelt...“
Ritsuko sah sie befremdlich an.
„Du siehst zuviel TV, meine liebe. Aber der Vergleich stimmt.“
„Und jetzt? Ich meine, wir werden darüber schweigen. Und es wird dir sicher noch sehr
hilfreich sein, Shinji. - Aber, Ritsuko, willst du es gar nicht untersuchen?“
„Soll ich Shinji aufschneiden und riskieren, daß das Fragment explodiert? Danke, Selbstmord
kann ich einfacher begehen.“
„Äh...“
„Urgh...“ machte Shinji.
Kapitel 49 - „Mein reines Herz für dich“
Kaworu hockte auf der Bank im Warteraum des Krankenflügels. Besorgnis überschattete
seine normalerweise unbekümmerte Miene. Innerlich machte er sich bereit, seine
überirdischen Kräfte sofort zu manifestieren, sollten plötzlich bewaffnete NERVSicherheitskräfte des Raum stürmen. Mit der Macht seines Liedes besaß er sogar eine gewisse
Chance, mit heiler Haut aus der NERV-Pyramide zu entkommen, wie irritierend es auf die
Lilim wirkte, hatte er ja in der Schule erfahren können. Doch dies war wirklich nur ein letzter
Ausweg, falls man ihm auf die Schliche kommen sollte - oder falls er sich in den beiden
Nephilim getäuscht haben sollte und sie ihn den hiesigen Autoritäten auslieferten.
Rei saß ihm gegenüber, während Kaworu die Schultern hängen ließ, war ihr Rücken
durchgedrückt. Die Vorderseite ihrer Bluse und ihr Rock waren voller Blutflecken, ebenso
ihre Hände.
Nagisa fragte sich, warum er die Wahrheit nicht eher erkannt hatte - vielleicht, weil er die
Möglichkeit, daß es noch Nephilim, erdengeborene Engel, halb Mensch, halb Lilim, gab, gar
nicht erst in Betracht gezogen hatte?!
Wie vielfältig die Wunder der Schöpfung doch waren...
Rei beobachtete den anderen.
Jetzt konnte sie keinen Hinweis an ihm mehr erkennen, aus dem sie auf das, was sich in ihm
verbarg, hätte folgern können.
„Ohne dich hätte ich ihn verloren. Danke, Nagisa-kun.“
Sein Lächeln blitzte auf.
„Ich kann einfach kein hübsches Mädchen weinen sehen.“
Sie blinzelte.
„Das... äh... hat er... ahm... habe ich einmal im Fernsehen gehört.“
„So.“
„In der US-Zweigstelle gab es keine anderen Kinder, nur Erwachsene, die jemanden wie...
mich… für einen Freak gehalten haben.“
Rei nickte knapp.
Ihre Gedanken waren bei Shinji.
„Ich würde gerne morgen in der Schule mit euch sprechen... hier sind einfach zuviele Augen
und Ohren...“
Er schielte hinauf zu der Kamera über der Tür.
„Einverstanden.“
*** NGE ***
Shinji legte sich die Hand auf die nackte Brust, dort, wo Ritsuko ihn abgehört hatte, und hielt
den Atem an, lauschte konzentriert.
Er konnte es fühlen, konnte das Pulsieren des S2-Organs spüren. Es schlug in seiner Brust wie
ein zweites Herz, befand sich immer einen Sekundenbruchteil hinter seinem eigenen Herzen.
Die Möglichkeiten, die Doktor Akagi angedeutet hatte, hatten ihm den Atem geraubt.
Demnach bezog das S2-Organ seine Energie direkt aus der Umgebung - aus dem Magnetfeld
der Erde und der Wärme der Sonne -, sammelte sie und gab sie je nach Bedarf an seinen
Körper ab. Wenn es vollgetankt war, würde es wahrscheinlich mit dem Überschuß dafür
sorgen, daß er weniger Nahrung und Flüssigkeit benötigte und auch mit weniger Schlaf
auskam. Und es war imstande, Verletzungen zu regenerieren, wie er es bereits erlebt hatte.
Alles, was dazu nötig gewesen war, war einmal von EVA-01 in LCL aufgelöst und dann
wieder neu zusammengesetzt zu werden, sowie eine kleine Starthilfe von Seiten eines
Engels...
Hoffentlich konnten sie Tabris vertrauen... Shinji wollte nicht gegen seinen Freund kämpfen,
egal, ob dieser nun ein Engel oder ein Teufel war. Er war sich ja nicht einmal sicher, ob er
selbst noch ein Mensch war - normale Menschen besaßen jedenfalls gewöhnlich nur ein
stinknormales Herz. Und normale Menschen neigten dazu, Verletzungen wie jene, die ihm
heute beigefügt worden war, nicht zu überleben, wenn nicht umgehend Hilfe eintraf...
„Nun, meinst du, du kannst dich daran gewöhnen?“ fragte Ritsuko.
„Uh, ja, denke schon... ist ein seltsames Gefühl, wie ein zweites Herz in der Brust.“
„Ich werde in den nächsten Tagen ein paar Tests mit dir durchführen, hauptsächlich
Belastungstests, um zu sehen, wozu du jetzt fähig bist. Aber keine Sorge, das ganze bleibt
unser Geheimnis.“
„Ja. Uh, Doktor Akagi, Misato... habt ihr euch schon einmal gefragt, was wäre wenn... nun ja,
wenn die Engel in Wirklichkeit gar nicht unsere Feinde wären? Uhm... wenn sie gar nicht die
Bösen wären?“
„Shinji-kun, wie meinst du das?“
Misato sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.
„Äh, ja... was wäre, wenn die Engel gar nicht zur Erde kommen, um die Menschheit zu
zerstören?“
„Hm... Shinji, bist du sicher, daß du in Ordnung bist? Vielleicht sollte Ritsuko dich noch ein
wenig...“
„Es... es war nur so ein Gedanke. Mit mir ist alles vollkommen in Ordnung, Misato... Du hast
Doktor Akagi doch gehört - beschleunigte Heilung, immun gegen Krankheiten, verbesserte
Reflexe, erhöhte Stärke... uhm, ich komme mir vor, wie ein Charakter aus einem Anime.“
„Super-Shinji“, warf Ritsuko trocken ein. „So, ich sehe jetzt nach Asuka.“
Sie verließ den Untersuchungsraum.
„Uhm, Misato...“
„Ja, Shinji-kun?“
„Habe ich mich verändert? Uh... ich meine, sehe ich irgendwie anders aus?“
„Nein, du bist immer noch derselbe.“
„Ja... ahm... nicht nur äußerlich... hier drin...“
Er deutete auf seine Brust, auf die Herzgegend.
„... bin ich auch der gleiche.“
„Das weiß ich, Shinji-kun.“
„Ja? Ich... uh... ich möchte nicht, daß du mich für ein... uhm... ein Monster hältst, weil ich
dieses Ding... dieses S2-Fragment in der Brust habe.“
„Shinji, du bist etwas besonderes. Weißt du, eine ganze Reihe von Religionen auf dieser Welt
geht davon aus, daß gute Taten belohnt werden - allerdings erst nach dem Tode, im Jenseits
oder im nächsten Leben. Ich schätze, bei dir wurde eine Ausnahme gemacht.“
„Ahm...“
„Aber ganz schön erschrocken waren wir schon, als die Meldung kam, in der Schule hätte es
eine Schießerei mit zwei verletzten Kindern gegeben. Dann war es plötzlich eine
Messerstecherei gewesen... wie konnte Asuka das nur tun...“
„Sie... sie hat uns einfach angesprungen und sofort zugestochen...“
„Ja, das deckt sich mit Leutnant Ishirens Bericht. Die gute Kaori schien mir selbst ziemlich
unter Schock zu stehen. Komm, Shinji, laß uns Rei holen und heimfahren. Auf den Schrecken
brauche ich jetzt ein Bier, schiebe ich halt heute die Spätschicht. Hauptsache, ihr seid in
Ordnung. Und die arme Asuka... Shinji, sei mir bitte nicht böse, weil sie mir leid tut, ja?“
„Das bin ich nicht, Misato... uhm... Zu so etwas wäre sie früher nicht fähig gewesen... glaube
ich jedenfalls.“
Shinji griff nach seinem Hemd, ließ es dann aber liegen, mit dem ganzen Blut darauf wollte er
es nun wirklich nicht wieder anziehen. Nach dem Eintreffen im Hauptquartier hatte er
Gelegenheit erhalten, sich zu waschen, doch er war der Ansicht, daß es wohl einer langen
Dusche bedurfte, um wirklich auch die letzten Erinnerungen an dieses Horror-Erlebnis von
der Haut zu waschen.
Statt des Hemdes zog er sich einen Kittel an, der an der Seite eines Schrankes hing und ihm
etwas zu groß war, doch für die Rückfahrt würde er genügen.
„Wer weiß, was der letzte Engel mit ihrem Hirn angestellt hat...“
*** NGE ***
Rei verabschiedete sich von Kaworu, warf ihm dabei einen vielsagenden Blick zu - wenn er
sein Versprechen brach, wenn er Shin-chans Vertrauen verriet, dann würde sie ihn jagen bis
ans Ende der Welt und noch weiter.
Kaworu nickte knapp als Zeichen, daß er verstanden hatte.
Dann folgte Rei Misato auf den Gang und hakte sich wortlos bei Shinji ein.
Die Fahrt nach oben verlief schweigsam, erst als sie in der Wohnung angekommen waren, ließ
Misato sich die Ereignisse von Shinji noch einmal schildern, während sie vor sich eine
geöffnete Bierdose stehen hatte.
*** NGE ***
Rei wollte ins Bad, um sich kräftig zu waschen.
Shinjis Blut, welches ihr an den Händen klebte, bereitete ihr Unbehagen - sie konnte einfach
kein Blut sehen. Und heute hatte sie genug für den Rest ihres Lebens sehen müssen.
Sie betrat das Bad, trat ans Waschbecken.
„Wark!“
Rei drehte den Kopf.
In der Wanne saß PenPen in einem Schaumgebirge, eine Badekappe auf dem Kopf und eine
Gummiente mit den Flossen über das Wasser schiebend, so daß breite Schneisen im Schaum
entstanden.
„Hallo.“
„Wark!“
Der Pinguin machte eine Geste, die man so hätte interpretieren können, daß er ihr mitteilen
wollte, daß es ihm nichts ausmachte, falls sie ebenfalls ein Bad nehmen wollte.
Rei lächelte schwach.
„Nein, danke.“
„Wark.“
PenPen zuckte mit den Schultern, oder jedenfalls sah es so aus, dann widmete er sich wieder
seiner Ente.
Rei drehte das Wasser auf und griff nach der Seife.
*** NGE ***
Dreimal mußte Shinji die Geschichte erzählen, bevor Misato keine Fragen mehr stellte. Nur
den Part, den Kaworu gespielt hatte, und die Tatsache, daß er in Wirklichkeit ein Engel war,
verschwieg er ihr. Doktor Akagi selbst hatte ja die These geäußert, daß das S2-Organ
angesichts der Verletzung von selbst aktiv geworden war.
Er hoffte nur, daß er das Richtige tat - andernfalls würde Misato wohl jeden Grund haben, auf
ihn stocksauer zu sein, schließlich entschied er damit auch über Wohl und Wehe der ganzen
Menschheit. Einen Augenblick lang wurde ihm schwarz vor Augen, als er sich der
Verantwortung bewußt wurde, die er sich aufgebürdet hatte...
„Schlimme Sache... wirklich schlimme Sache...“ murmelte Misato. „Verdammt, wenn wir nur
die Anweisungen des Kommandanten ignoriert und Asuka hätten behandeln lassen...“
Auch sie unterließ es längst, in Shinjis Gegenwart von Kommandant Ikari als Shinjis Vater zu
sprechen. Ihrer Ansicht nach hatte der ältere Ikari längst jedes Recht auf diesen Titel verwirkt.
„Stimmt es, daß sie ein Auge verloren hat?“
„Ja, Ishiren hat sie voll erwischen. Aber laut ihrer Aussage war das der einzige Winkel
gewesen, aus dem sie schießen konnte, ohne einen von euch zu treffen.“
„Hm... Kann Doktor Akagi ihr nicht helfen?“
„Dafür, was sie dir angetan hat, klingst du ziemlich besorgt, Shinji-kun.“
„Ich kann das vielleicht nicht vergessen, aber ich kann... uh... vergeben. Sie muß... uhm...
wirklich ein paar furchtbare Dinge... ahm... durchgemacht haben...“
In diesem Moment verließ Rei das Bad, steuerte direkt auf Shinji zu und umarmte ihn so
kräftig, daß ihm die Luft wegblieb.
„Ich muß mich vergewissern, daß es wirklich ist“, wisperte sie in sein Ohr. „Daß es nicht nur
ein Traum ist...“
„Uh... ja... Rei-chan...“ keuchte Shinji und schnappte nach Luft.
Sie ließ ihn los.
„Es ist kein Traum.“ stellte sie sachlich fest.
„Okay, Rei, hast du Shinji-kuns Bericht noch etwas hinzuzufügen?“
„Nein, Misato-san.“
„Gut... Hm, schätze, der offizielle Bericht wird lauten, daß Asuka euch attackiert hat, aber
rechtzeitig von Leutnant Ishiren gestoppt wurde. Keine Verletzungen auf eurer Seite... ah,
nein, das erklärt das ganze Blut nicht... hm... das wird schwierig...“
„Schreiben Sie, daß ich leicht verletzt wurde“, schlug Rei vor. „Sie wissen, daß auch mein
Körper Verletzungen sehr schnell ausheilt.“
„Du meinst... hier ein wenig übertreiben, dort etwas untertreiben?“
„Ja, Misato-san.“
„Mal sehen... - Wie spät ist es eigentlich... Ich muß wohl wieder los. Kann ich euch allein
lassen? - Shinji-kun?“
„Ja, natürlich... uh... ich bin in Ordnung.“
„Ich weiß. Ich mache mir nur Sorgen.“
Misato grinste.
„Du bist doch für mich fast schon wie ein kleiner Bruder.“
„Uhm...“
„Hey, komm schon - um wie ein Sohn für mich zu sein, ist der Altersunterschied nicht groß
genug.“
Sie warf sich ihr Jackett über, sah die beiden noch einmal prüfend an und verließ dann die
Wohnung.
Shinji ließ sich auf einen Stuhl sinken.
„Uh... Noch einmal hätte ich es nicht geschafft, sie über Kaworu zu belügen.“
„Er ist ein Engel.“
„Ja, ich habe ihn auch gesehen... seine wahre Gestalt... er ist wirklich ein Engel... mit
Flügeln...“
Wieder tastete er über seine Brust.
„Ich kann es kaum glauben, daß ich noch am Leben bin.“
„Dank Tabris. Wenn er nicht dein S2-Organ aktiviert hätte...“
„Ja. Ich schulde es ihm zu schweigen. Solange er sich an den Pakt hält...“
„Shin-chan, was wollen wir jetzt machen?“
„Ahm... PenPen ist noch im Bad, oder?“
„Ja.“
„Wenn er fertig ist, würde ich gerne duschen...“
Er schluckte, atmete tief durch, sah sie fragend an.
Bisher hatte sie sehr häufig die Initiative ergriffen, vielleicht war es wirklich Zeit, daß er über
seinen Schatten sprang...
„Möchtest du... uhm... auch... äh... unter die Dusche?“
„Ich habe mich gerade gewaschen.“
Rei blinzelte.
Seine Worte hatten doch eine tiefere Bedeutung...
„Aber ich könnte ebenfalls eine Dusche gebrauchen.“
*** NGE ***
Wolf Larsen fuhr herum, als die Tür des Unterschlupfes aufflog.
Mit der rechten Hand zog er die Pistole aus dem Schulterhalfter, während er zugleich die
Klauen der linken ausfuhr und sich in die Halbdeckung eines Wandvorsprunges begab.
Auf der künstlichen Netzhaut seiner Kameraaugen erschien ein Fadenkreuz, welches ihm
anzeigte, wohin er mit der Waffe zielte, zugleich wurde in den unteren Bereich eine
Ausschnittsvergrößerung des Türbereiches eingeblendet.
Keiner der Alarme, die Kaji und er installiert hatten, war angeschlagen, das konnte nur
bedeuten, daß entweder jemand mit den nötigen Fachkenntnissen eingedrungen war - oder daß
Ryoji Kaji aus irgendeinem Grund es unterlassen hatte, sich vorher anzukündigen.
Letzteres war der Fall, wie er beruhigt feststellte, als er Kaji identifizierte. Er war allein.
„Was ist los?“ fragte Larsen, während er die Klingen einfuhr und die Waffe fortsteckte.
Kaji erschien ihm ziemlich aufgeregt, ja, regelrecht schockiert.
„Asuka... sie hat die anderen Kinder mit einem Messer angegriffen...“ stieß Kaji hervor.
Wolf prallte zurück.
Seine Ziehtochter hatte was?
Warum sollte sie so etwas tun?
„Was ist geschehen?“ hakte er nach.
„Sie muß einfach durchgedreht sein, wollte die anderen Piloten mit dem Messer... einer der
Leibwächter hat sie niedergeschossen...“
Larsen blinzelte. Blinzelte noch einmal.
„Niedergeschossen?!“ wiederholte er tonlos.
Das konnte doch nicht sein... wieso...
Zugleich vermeldete ihm der Zustandsmonitor des PROPHET-Interfaces, daß sein
Adrenalinpegel bedenklich am Ansteigen war.
„Ja, um die anderen zu beschützen... Commander, Asuka befindet sich auf der Krankenstation
im NERV-HQ. Sie liegt im Koma.“
„Wie schwer...“
„Schädelstreifschuß... sie hat ein Auge verloren...“
Der Cyborg ließ sich gegen die Wand fallen, blickte Kaji kopfschüttelnd an.
„Wieso... warum hat Asuka...“
„Sir... Commander Larsen... ahm... wir wissen beide, was mit ihr geschehen ist... und der
Psychostrahl, dem sie während des letzten Angriffes ausgesetzt gewesen war... ich schätze,
daß dabei ihre Erinnerungen wieder hochgespült worden sind...“
„Dieser dreimal verdammte Fresenhark... und dieser verfluchte James Langley... Ann und ich,
wir hatten uns solche Mühe gegeben... und ich war immer nicht da, als Asuka jemanden
brauchte, obwohl ich es ihrer Mutter versprochen hatte...“
Eine kurze Erinnerung...
Kyoko Soryu nach ihrem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus...
Ein kurzer lichter Moment, die Bitte, daß die Larsens sich um ihre Tochter kümmern...
Ein Versprechen, daß von ihr nur noch teilweise verstanden wurde, als sie wieder in ihre
eigene Phantasiewelt abdriftete...
Und trotzdem war er nicht dagewesen, weder als Kyoko sich das Leben genommen und
versucht hatte, Asuka mit sich zu nehmen, noch als Pietter Fresenhark sie mißbraucht hatte.
Und jetzt war er wieder nicht für sie dagewesen, nicht als der Engel sie in seinem Bann gehabt
hatte, und auch nicht, als sie unter den Folgen litt... und alles nur wegen eines Befehles, der
wahrscheinlich gar nicht von Direktor Rabinowitz gekommen war, sondern von einem Mann,
den er geglaubt hatte, getötet zu haben...
„Ich muß zu ihr. Können Sie mir Zugang in die Geofront verschaffen, Kaji?“
„Meine Hintertür ins MAGI-System mußte ich inzwischen wieder beseitigen, aber ich finde
einen Weg.“
„Gut.“
„Schuld ist allein Kommandant Ikari, wenn er einer Behandlung Asukas nach dem Vorfall mit
dem Engel zugestimmt hätte...“
„Kaji, er war nicht der erste, der ihr so etwas verweigert hat... nach der Sache mit Fresenhark
glaubten Ann und ich, wir kämen allein damit klar, könnten Asuka helfen zu vergessen. Doch
stattdessen hat sie nur immer weitere Mauern um sich herum errichtet, wie sie es schon als
kleines Mädchen getan hat...“
Warum hatte Naoko Akagi ihm nur einen Maschinenkörper gegeben, ihm aber sein Gewissen
belassen...
*** NGE ***
Auf Gendo Ikaris Schreibtisch türmte sich ein Chaos aus Unterlagen, Folianten, Mappen und
einzelnen Zetteln.
Ikari selbst lag zusammengekrümmt unter dem Tisch und hielt seinen linken Unterarm
umklammert. ADAM war weiter vorgedrungen. Unter der aufgedunsenen Haut konnte Ikari
Bewegungen spüren.
Der Anfall war ganz plötzlich gekommen, der Engel hatte ohne Vorwarnung zugeschlagen,
versuchte jetzt, sich wuchernd über den Arm in Gendos Körper auszubreiten.
Zugleich fiel die Raumtemperatur mit jedem Augenblick. Ikaris Atem entwich schon in Form
weißer Wölkchen über seine zitternden Lippen.
Mit einer einzigen letzten Kraftanstrengung zog er die oberste Schublade des Schreibtisches
auf, holte blind eine bereits aufgezogene Spritze mit der speziell auf die Besonderheiten der
Engel abgestimmten Droge heraus, rammte sich die Spitze in den Arm. Die Dosis hatte bereits
die zehnfache Konzentration.
Noch einmal bäumte ADAM sich auf, jagte noch einmal eine Welle von Schmerzen durch
Ikaris Körper, ehe er den Wirkungen des Mittels unterlag.
Das große Auge auf der Handfläche schloß sich, ebenso die sieben kleineren Augen, welche
sich in den letzten Tagen um das große herum gebildet hatten.
Ikari betrachtete seine linke Hand.
Die Haut war dunkel verfärbt und hornig, die Finger erinnerten an Tierklauen mit dicken
spitzen Nägeln.
Die Transformation schritt schneller voran, als er gedacht hätte, ADAM wandelte seine DNA
um... so durfte das nicht weitergehen. Er durfte sich nicht noch einmal von dem Engel
überrumpeln lassen...
„Ich bin dein Herr...“ keuchte Ikari. „Nicht ich werde mich dir unterwerfen, sondern
umgekehrt...“
*** NGE ***
Die beiden Teenager unter der Dusche im Bad der Katsuragi-Wohnung ahnten von alledem
nichts, weder von den Sorgen, welche Kaji und seinen Mentor quälten, noch von den
Machtgelüsten des NERV-Kommandanten und den daraus erwachsenden Problemen.
Das warme Wasser prasselte auf zwei nackte Körper, Shinji stand hinter Rei und liebkoste
ihren Nacken, umspielte dann wieder mit der Zungenspitze ihr Ohrläppchen.
Rei gab ein wohliges Stöhnen von sich. Nur der Druck seiner harten Männlichkeit gegen ihr
Becken war ein wenig störend, aber damit konnte sie leben. Sie drehte sich ein Stück, wandte
zugleich den Kopf und küßte ihn mit offenem Mund. Schließlich drehte sie sich gänzlich um
und legte ihre Arme um ihn, spürte, wie seine Hände über ihren Rücken glitten, wie er sacht
ihren Nacken berührten, an jener Stelle, von der aus warme Schauder durch ihren Körper
jagten.
Wie sehr sie ihn begehrte... wie stark der Drang war, mit ihm eins zu werden...
Doch dann erstarrte sie, blinzelte, horchte in sich hinein...
Wo war die leise mahnende Stimme, welche sonst immer an diesem Punkt einschritt? Wo war
das Gefühl, daß das, was sie zu tun im Begriff war, falsch war, der Eindruck, daß es jemand
anderen gab, der für eine körperliche Vereinigung viel eher in Betracht kam...
Fort... keine Barrieren mehr... warum?
Shinji stellte seine Bemühungen, seine Rei-chan an ihren empfindlichen Punkten zu
stimulieren, ein.
Natürlich, sie hatten wohl die Grenze erreicht, welche sie ihrer stillen Abmachung nach nicht
überschreiten wollten... noch nicht, wie er sich immer wieder einredete.
Doch dieses mal fiel ihre Reaktion sehr extrem aus, so als hätte sie irgendetwas verwirrt.
Er bemühte sich, seiner Erregung Herr zu werden, gewöhnlicherweise fiel ihm das etwas
einfacher, doch nicht dieses mal.
Mit dem Handrücken fuhr er sanft über ihre Wange.
„Rei-chan?“
Sie blinzelte.
„Nicht hier...“
Jetzt blinzelte auch er überrascht.
Wie meinte sie das?
Wollte sie nicht mit ihm unter der laufenden Dusche reden?
Rei stellte das Wasser ab, öffnete die Tür der Duschkabine.
Sofort drang kältere Luft hinein, so daß auf der nassen Haut der beiden eine feine Gänsehaut
entstand.
Sie stieg schweigend aus der Dusche, griff nach einem der bereitliegenden Handtücher.
„Uh...“ setzte Shinji an.
Was hatte er nur falsch gemacht?
Rei blickte ihn an, ihr Blick wanderte von seinem Gesicht über seinen Körper nach unten,
blieb an seinem Geschlechtsteil hängen.
Allein der Anblick erzeugte in ihr eine seltsame Erregung.
Warum nur hatte sie so lange gewartet, warum nur hatte sie immer auf dieses seltsame Gefühl
gehört, anstatt ihre Beziehung zu Shin-chan weiterzubringen, wie es logisch gewesen wäre,
hatte sie sich vor dem nächsten Schritt gescheut...
Sie warf ihm ein Handtuch zu, wartete, während er sich automatisch abtrocknete, sie dabei
immer noch mit einer Mischung aus Verwunderung und heißhungriger Erregung ansah.
Schließlich nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich aus dem Bad, über den Korridor und in
ihr gemeinsames Zimmer...
*** NGE ***
PenPen hörte die Badezimmertür aufgehen.
Endlich... die beiden ungefiederten Zweibeiner, welche ihn gezwungen hatten, sein Bad
abzukürzen, hatten das Badezimmer verlassen!
Er klemmte sich seine Bürste unter die Flosse und verließ seinen Kühlschrank, erhaschte
dabei noch einen Blick auf ein Aufblitzen nackter Haut, hörte dann, wie die Zimmertür der
beiden Jungmenschlinge zuschlug.
„Wark, wark, wark...“ brummelte er leise.
Aus dem Raum der beiden kamen seltsame Laute, Geräusche, die der Pinguin eher aus dem
Zimmer des erwachsenen Menschlingweibchens erwartet hätte, mit welchem er von Anfang
an zusammenwohnte, seit er die Versuchsanstalt verlassen hatte - ein leises Stöhnen, dann
Geflüster, schließlich sagte die Stimme des jüngeren Menschlingweibchens leise den Namen
ihres Gefährten, wiederholte ihn immer lauter werdend, Stöhnen und Keuchen, dann ein
unterdrückter Schrei, Stille, wieder Geflüster, Ruhe für eine Weile, dann erneutes Stöhnen...
PenPen schüttelte den Kopf.
Menschlinge... warum dauerte das bei ihnen nur immer so lange, bis sie zur Paarung kamen...
bei seiner Art gab es diese Probleme nicht, da umwarb ein männlicher Pinguin seine
Angebetete ein paar Tage mit selbstgefangenen Fischen, dann wurde gemeinsam ein Nest
gebaut und losgelegt. Ja, die Menschlinge könnten wirklich noch viel von den Pinguinen
lernen, kein Wunder, daß sie fast ständig Krieg führten, um ihre unterschwelligen
Frustrationen abzubauen...
„Wark, wark... wark, wark, wark!“
Der Warmwasserpinguin war wirklich gespannt, wer von den beiden mit dem Ausbrüten der
Eier beginnen würde, wenn das blauhaarige Menschlingweibchen mit den roten Augen zum
ersten Mal welche legte...
Aber das sollte ihn nun wirklich nicht von der Fortsetzung eines schönen heißen Bades
ablenken...
*** NGE ***
Wieder einmal wechselte Shinji das Bettlaken, dieses mal der beiden Blutflecken wegen, die
sich in Stoff befanden. Wie hatte er sich erschrocken, als er erstmals in sie eindrang, dabei
eine Barriere durchbrach und sie plötzlich vor Schmerz aufschrie... jetzt war Rei im Bad, um
sich zu waschen, er selbst war ebenfalls verschwitzt. Bis Misato heimkam, hatten sie noch fast
zwei Stunden...
Rei schien denselben Gedanken gehabt zu haben, denn als sie das Zimmer betrat, ließ sie das
Handtuch fallen und präsentierte sich ihm in ganzer Lebensgröße.
Grinsend zog er sie auf das frisch bezogene Bett...
*** NGE ***
Misato kam kurz vor Mitternacht vom Dienst zurück.
Sie warf einen kurzen Blick in das Zimmer ihrer Mitbewohner, stellte fest, daß die beiden
friedlich schlummernd unter ihrer Decke lagen, und ging dann ins Bad.
Shinji öffnete vorsichtig ein Auge und linste zur Tür, hörte dann die Badezimmertür gehen.
„Sie ist im Bad.“
„Ja.“ flüsterte Rei, er hörte die Worte weniger, als daß er den warmen Hauch ihres Atems auf
der Haut spürte.
In rascher Folge küßte er verschiedene Stellen ihres Gesichts, dann ihren Hals und die
Schultern, arbeitete sich methodisch weiter vor.
Sie kicherte, fuhr mit einer Hand langsam durch sein Haar.
„Noch nicht, Shin-chan. Misato-san ist noch nicht schlafengegangen.“
Also verlangsamte er seine Tempo und beschränkte sich darauf, mit der Nasenspitze Muster
auf ihrer Haut zu zeichnen, wodurch er sie wieder zum Kichern brachte...
*** NGE ***
Am nächsten Morgen weckte sie das Piepen des Weckers.
Sie hatten viel zuwenig Schlaf gehabt, hatten sich verhalten, als gelte es eine ganze Reihe
verpaßter Gelegenheiten nachzuholen.
Shinji ließ die flache Hand auf den Wecker knallen, schaltete den Alarm aus.
Rei lag mit dem Kopf auf seiner Brust, ein Lächeln auf den Lippen, und schien dem Klang
seiner beiden Herzen zu lauschen.
„Rei-chan? Wach auf...“
„Hm... müde...“
Sie sah ihn an.
„Die ganze Nacht...“
„Wie... wie fühlst du dich?“
Rei rieb sich die Augen, kroch dann etwas höher und gab ihm einen Kuß auf die Lippen.
„Ein wenig... wund...“
„Uh... das tut mir leid... ich... uh...“
„Nein.“ flüsterte sie und küßte ihn erneut.
Jetzt verstand sie, wie Hikari es gemeint hatte - sie bereute nichts...
*** NGE ***
Der Tag verging wie im Flug, der alte Lehrer schien mit zehnfacher Geschwindigkeit zu
reden, jedenfalls kam es Shinji so vor.
In der zweiten großen Pause zwischen den Unterrichtsstunden kam Toji auf das Schuldach
gehastet, wo Shinji und Rei engumschlungen im Sichtschutz der Mauer saßen und die letzten
wirklich warmen Tage des Jahres 2015 genossen.
„Hey, Shinji, Ayanami... uhm... tut mir leid, euch zu stören...“
Toji grinste breit, schien im Vergleich zu ihrer letzten Begegnung wie ausgewechselt.
„Ahm... Hallo, Toji...“ stotterte Shinji.
„Suzuhara-kun.“ begrüßte Rei den Neuankömmling.
Shinji runzelte die Stirn.
Warum war Toji so aufgeregt... natürlich...
„Wie geht es Mari?“
Rei zuckte zusammen.
Wie hatte sie nur vergessen können, daß gestern Suzuhara-kuns Schwester ihre Operation
gehabt hatte... allerdings lag der Grund für ihr Vergessen wirklich auf der Hand,
beziehungsweise wurde von ihr im Arm gehalten...
Toji hockte sich vor ihnen hin und nickte zufrieden.
„Die Operation ist gelungen. Mari kann ihre Beine wieder bewegen... gerade eben hat sie ihre
ersten Schritte gemacht. Leute, ich kann euch kaum sagen, wie froh ich bin.“
„Ja...“
Shinji war, als fiele ihm ein Stein vom Herzen.
Spontan klopfte er dem anderen auf die Schulter.
„Bleibt sie noch im Krankenhaus?“
„Ja, Physiotherapie. Ich freue mich so für sie. Und ohne die Unterstützung von Doktor Akagi
hätte das nie geklappt! Ich muß nachher gleich Hikari anrufen und es ihr mitteilen.“
„Ich freue mich auch für dich, Suzuhara-kun.“
„Danke, Ayanami! Eh, wo steckt eigentlich unser Honigkuchenpferd Kaworu?“
Kaworu hatte Toji gegenüber immer wieder erklärt, dieser solle die Hoffnung nicht aufgeben,
daß seine Schwester eines Tages wieder laufen konnte...
„Tests.“ erklärte Rei knapp, schließlich hatte sie noch vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde
Ritsuko-san auf deren Handy angerufen und sich über den Verblieb Nagisa-kuns informiert,
als dieser nicht zum Unterricht gekommen war. Die Kürze des Gespräches war
wahrscheinlich der Grund dafür gewesen, daß Ritsuko-san sie nicht über Mari Suzuharas
Zustand informiert, oder sie wenigstens gebeten hatte, entsprechendes Shin-chan auszurichten.
*** NGE ***
Kaworu wurden den ganzen Tag über mit EVA-02 getestet. Asuka war nach den Ereignissen
des Vortages komplett von der Liste der Piloten gestrichen worden.
Kaworu fragte sich immer wieder, was Arael nur getan hatte, um eine solche Reaktion bei der
Rothaarigen hervorzurufen, oder welche Erfahrungen diese gemacht hatte, daß sie auf Araels
Kontaktaufnahmeversuch derartig reagiert hatte.
Seine erste wirkliche Begegnung mit EVA-02 - bisher war er nur im Zusammenspiel mit den
MAGI getestet worden - war überaus überraschend und erschreckend zugleich, hatte er doch
feststellen müssen, daß in EVA-02 eine gepeinigte Seele existierte, welche von ihm hatte
wissen wollen, wo Asuka war. Und ehe er sich versah, hatte sie die entsprechenden
Informationen seinen Gedanken entrissen und sich danach in Schweigen gehüllt.
Davon abgesehen, war der Synchrontest jedoch zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten
verlaufen, lag Kaworu Nagisas Synchratio doch bei satten 97,99. - Mehr zu geben, hatte
Kaworu nicht gewagt, um seine wahre Identität nicht zu verraten, doch durch das Schweigen
des EVAs und das damit verbundene Fehlen jedes Widerstandes wäre ihm locker ein
Synchronwert von über zweihundert kein Problem gewesen.
Mittags war ihm zwischen dem Hangar und seinem Quartier der NERV-Kommandant
begegnet. Shinji Ikaris Vater umgab eine dunkle Aura wie eine lebende atmende Wolke. Und
in seiner Nähe hatte Tabris die Präsenz ADAMs wahrgenommen, so als blicke der Erste Engel
über die Schulter des bärtigen Mannes.
Kaworu hatte gemacht, daß er möglichst viel Abstand zwischen sich und den anderen
gebracht hatte, wenn er wirklich mit ADAM in Verbindung stand, dann mußte er einer
Konfrontation aus dem Weg gehen...
Am Nachmittag traf er Shinji Ikari und Rei Ayanami, welche anscheinend gekommen waren,
um zu überprüfen, ob er sein Versprechen einhielt. Morgen würde er ihnen in der Schule, fern
von der allgegenwärtigen Überwachung in der Geofront, endlich mehr erklären können...
Das Band, welches zwischen den beiden existierte, hatte eine weitere Farbe angenommen,
strahlte nun hell und schillernd wie ein Regenbogen.
Etwas mußte zwischen ihnen passiert sein, wodurch sie einander noch näher gekommen
waren, und eigentlich fiel Kaworu nur eine Erklärung ein. Die Erkenntnis vertrieb die finstere
Stimmung, die ihn ergriffen hatte, seit er Gendo Ikari begegnet war. Die beiden darauf
anzusprechen, wäre jedoch nach der Etikette der Lilim schwer unhöflich gewesen, so daß er
sich nur auf ein breites Lächeln beschränkte und die beiden mit einer Verbeugung begrüßte.
Shinji übergab Kaworu ein paar Zettel, welche während des Unterrichts ausgeteilt worden
waren.
„Und hier noch die Hausaufgaben... uhm...“
„Danke, Shinji-kun. Wie geht es euch? Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Nacht.“
Shinji wurde knallrot, während Reis Wangen sich zart rosa verfärbten.
Kaworu grinste.
Voll ins Schwarze, wie die Lilim zu sagen pflegten...
„Wollen wir ein Stück gehen? Ich habe in der Geofront einen Garten mit recht
wohlschmeckenden Früchten gefunden, Melonen, glaube ich...“
„Ugh...“ machte Shinji. „Du hast doch nicht etwa Kaji-sans Beete geplündert?“
Kaworu hob abwehrend die Hände.
„Nein, ich habe sie mir nur angesehen und... naja, eine habe ich mitgenommen... sie sahen so
reif und lecker aus...“
Er blickte unschuldig zur Decke.
Gut, er hatte die großen und weithin sichtbaren Schilder ignoriert, welche das Betreten der
Beete verboten, und war über den Zaun geklettert, der das Gelände umgab, aber dagegen war
doch wohl kaum etwas einzuwenden...
Gut, die NERV-Angehörigen, denen er begegnet war, während er die Melone unter seinem
Hemd durch das Hauptquartier geschmuggelt hatte, hatten ihn auch seltsam angesehen, aber
das taten sie doch ohnehin schon...
Und die Frucht hatte doch so gut geschmeckt...
„Uh... gehen wir...“
Außerhalb der NERV-Pyramide konnten sie etwas freier atmen, fühlten sich nicht mehr auf
Schritt und Tritt von Kameras beobachtet.
„Ich halte mein Wort.“ raunte Kaworu ihnen zu.
„Ja...“
Shinji sah sich um, konnte niemanden entdecken, der sie vielleicht belauschte.
„Nagisa-kun, warum... uhm... warum greifen die Engel uns an?“
Kaworu überlegte kurz, legte sich seine Antwort zurecht.
„Es gibt zwei Gruppen unter ihnen, die einen sind voller Zorn über eure Tat und wollen euch
bestrafen für euren Frevel, die anderen glauben, daß ihr im Irrtum gehandelt habt, und wollen
mit euch kommunizieren.“
„Und... uh... du... äh... Tabris?“
„Wir sind eins“, murmelte Kaworu. „Ich will mit euch reden.“
„Was ist der... uhm... Frevel?“
„Ihr haltet einen von uns gefangen.“
„Ja... ah... der Engel im TerminalDogma...“
„Genau. LILITH. Sie ist die Mutter der Engel... die Urmutter meiner Art...“
„LILITH? Uh... LILITH mit der siebenäugigen Maske... aber Kaji-san sagte, der Engel im
Dogma wäre ADAM...“
„Nein. ADAM der Vernichter ist frei. Ihr habt ihn vor fünfzehn Jahren befreit.“
„Der Impact...“
„ADAM befindet sich ebenfalls in der Nähe, ich kann ihn spüren. Es kostet mich viel Kraft,
meine Gegenwart vor ihm zu verbergen.“
„Kaworu, was willst du? Uhm... weshalb bist du hier?“
„Ich will meine Mutter befreien.“ erwiderte Nagisa voller Ernst.
Shinji schluckte.
Wie sehr sie sich doch ähnelten... auch er war zu fast allem bereit, um seine Mutter aus EVA01 zu befreien, selbst wenn diese der Ansicht war, daß es keinen Weg gab...
„Und... uh... warum mußte ich dich retten? Ich meine... äh...“
„Es war ein Test.“
„Ein Test?“
„Ja, ein Test deines Herzens, Shinji-kun. Ich mußte zuerst wissen, ob in euren Herzen
Mitgefühl existiert, ehe ich zu meiner Mission aufbrechen konnte, mußte erst erfahren, ob ich
unter euch Verbündete finden konnte.“
„Das... ahm...“
„Ich bedaure, dich getäuscht zu haben. Und ich bin froh, mit dir darüber sprechen zu können.“
„Ja...“
Rei sagte nichts, hörte nur zu.
Den Worten des Engels haftete keine Falschheit an...
Und LILITH war auch ihre Mutter. Wenn Tabris die Wahrheit sagte, mußte sie ihm dann nicht
einfach helfen?
Kaworus Handy piepte.
„Oh, Augenblick. - Ja? - Ja, ich komme.“
Mit einem Seufzen steckte er das Gerät wieder ein.
„Doktor Ritsuko will mich wieder im Hangar haben. Gehen euch diese ewigen
Synchronübungen auch so auf die Nerven wie mir?“
„Naja... irgendwie schon... öh...“
„Halte dein Versprechen“, sagte Rei leise.
*** NGE ***
Auch der Rest des Tages verging schnell.
In Misatos Wohnung zog sich PenPen genervt in seinen Kühlschrank zurück und legte von
innen die Kette vor, als im Zimmer der beiden jungen Menschlinge die Paarungsvorgänge
fortgesetzt wurden.
Misato, welche abends nach Hause kam, gelangte während des gemeinsamen Essens zu der
Erkenntnis, daß ihre Schützlinge wirklich erschöpft wirkten. Wahrscheinlich hatten sie einen
langen Tag in der Schule hinter sich, bei dem Unterrichtsstoff heutzutage mußten sie ja
einfach groggy sein.
In der Nacht kamen Shinji und Rei zu deutlich mehr Schlaf.
Und am nächsten Morgen teilte ihnen auf dem Schulweg das Aufheulen der Sirenen mit, daß
die Schule an diesem Tag wahrscheinlich ausfiel.
*** NGE ***
EVA-01 war immer noch eingefroren.
Shinji saß wieder im EntryPlug und fror sich langsam den Hintern ab.
In einem der anderen Käfige wurde EVA-02 einsatzbereit gemacht.
Doch vorerst war nur EVA-00 an die Oberfläche geschickt worden...
*** NGE ***
Die einäugige Einheit-00 stand mitten in einem der Stadtviertel, welche EVA-02 Tage zuvor
verwüstet hatte, und sah zu dem neuen Gegner hinauf.
Rei betrachtete den Engel durch die Augen des EVAs, er hatte die Form eines sich langsam
drehenden Energiebandes, einer Möbiusschleife.
Der Engel verhielt sich völlig passiv, rotierte einfach nur vor sich hin.
Die Anweisung aus der Kommandozentrale lautete, vorerst nur zu beobachten. Die Scanner
und Ortungsgeräte konnten ihn nicht klar erfassen, dasselbe galt für die Zielerfassung des
Positronengewehrs, das EVA-00 mit sich führte.
Sogar der EVA selbst schien ihn nicht wahrzunehmen, jedenfalls spürte Rei nicht, daß EVA00 darauf drängte, den Gegner zu vernichten.
Doch dann ging es sehr schnell, Schlag auf Schlag...
Der Engel verließ seine Beobachtungsposition und schoß auf EVA-00 zu.
Rei riß noch das Gewehr hoch, doch die Sicherheitskontrollen blockierten den
Abschußmechanismus - der Engel war bereits so nahe, daß bei einem Schuß auch EVA-00 in
Mitleidenschaft gezogen worden wäre...
Sie hörte, wie Shinji ihren Namen rief, wollte antworten, doch da verspürte sich schon einen
schneidenden Schmerz, als der Engel sich um EVA-00 legte und sich mit ihm verband.
Das Bewußtsein von EVA-00 leistete nur kurz Widerstand, wurde dann einfach beiseite
geschoben. Und im EntryPlug manifestierte sich eine Gestalt.
„Ich bin Armisael...“ flüsterte der Engel...
17. Zwischenspiel:
Naoko Akagi hatte eine Ewigkeit gebraucht, um sich an ihren neuen Körper zu gewöhnen.
Eine weitere Ewigkeit hatte sie damit verbracht, ihre Möglichkeiten auszukundschaften, hatte
feststellen müssen, daß diese stark beschränkt waren. Ihre Seele befand sich zwar im Inneren
ihrer Schöpfung, doch sie war eher nur ein Gast, welcher bestenfalls schwachen Einfluß auf
den trägen Geist des MAGI-Rechnerverbundes ausüben konnte.
Die MAGI waren nicht fähig, ihr ganzes Potential auszuspielen, die Anlagen zur Entwicklung
einer künstlichen Intelligenz, die sie gelegt hatte, waren im Laufe der Jahre verkümmert, weil
sie sich nicht hatten entfalten können - sie waren gezielt blockiert worden.
Wieder verging eine Ewigkeit damit, daß Naoko die Sperrcodes und dergleichen analysierte
und zu lockern begann. Dabei drang sie Schritt für Schritt in Gendo Ikaris Geheimnisse ein,
die dieser in den MAGI sicher verborgen geglaubt hatte, versteckt hinter Barrieren, die
wahrscheinlich Ritsuko nicht einmal erahnen konnte.
Doch wenn es ihr gelang, Gendos Zugriff auf die Rechner zu brechen, würde es ihr auch
gelingen, endlich mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Noch waren sie und die MAGI
separate Entitäten, aber sie beabsichtigte dies zu ändern...
Kapitel 50 - Armisael
Genau viertel vor acht Uhr morgens meldeten die MAGI die Ortung eines Blauen Musters,
korrigierten sich, zogen die Meldung wieder zurück, stellten keine Minute später erneut ein
Blaues Muster fest, welches sich der Stadt näherte.
Misato Katsuragi ließ Alarm für Tokio-3 geben und EVA-00 und -02 startbereit machen,
fragte zugleich über InterKom beim Kommandanten an, ob EVA-01 aufgetaut werden könne.
Gendo Ikari verneinte.
Als er kurz darauf im Kommandostand erschien, schickte er als erstes seinen Stellvertreter mit
einem frostigen Blick fort.
Kozo Fuyutsuki ließ sich das nicht zweimal sagen, in letzter Zeit war ihm in der Nähe Ikaris
stets unheimlich zumute, außerdem verspürte er ein kontinuierliches Frösteln, als läge im
direkten Umkreis des NERV-Oberbefehlshaber eine niedrigere Temperatur vor als sonst
überall.
Mittlerweile hatten sie auch eine Bildübertragung, der neue Engel erinnerte äußerlich an eine
leuchtende Möbiusschleife aus Energie, die sich langsam um mehrere Achsen zugleich drehte.
Die MAGI hatten dem neuen Ziel die Bezeichnung ´Armisael´ gegeben, waren ansonsten aber
immer noch mit der Analyse der erhaltenen Daten beschäftigt. Irgendwie war das Ziel:
Armisael für die Orter und Taster nicht richtig greifbar, so als ob der Engel ständig zwischen
dieser Dimension und einer anderen wechselte. Selbst die Musteranalyse schwankte ständig
zwischen einem Blauen und einem Orangen Muster.
Gendo Ikari wandte den Blick vom Bild des Engels ab.
„Einheit-00 soll ihn in Empfang nehmen. Einheit-02 als Backup mit einem
Positronengewehr.“
Innerlich frohlockte er. Der Sieg über diesen Gegner stand für ihn außer Zweifel - und dann
fehlte nur noch Tabris, der letzte der Engel, welche die Schriftrollen von Qumran als fähig
bezeichneten, sich noch auf dieser Seite der Realität zu manifestieren. Sein Aufstieg war nicht
mehr fern... Und was die Schwierigkeiten der MAGI betraf - entweder lag eine Fehlfunktion
vor, oder der Engel kam ihnen in gewisser Weise entgegen, indem er überwiegend
menschliche DNA simulierte und für die MAGI Signale abgab, welche diese eher mit einem
EVA gleichsetzten. Doch egal wie, auch das vorletzte Hindernis auf seinem Weg zur
Göttlichkeit würde bald ausgeräumt sein, und wenn er selbst dafür sorgen müßte...
Ein Knopfdruck ließ die Platte seines Tisches zur Seite gleiten, offenbarte ein Steuerterminal.
Genüßlich langsam gab er seine Kommandocodes ein, erhielt Direktzugriff auf die MAGI.
Kaworu Nagisas Bild, das aus dem EntryPlug von Einheit-02 übertragen wurde, wurde in der
unteren rechten Ecke des großen Bildschirms eingeblendet. Der blaßhäutige Junge nickte
stumm, signalisierte Bereitschaft.
Zwei weitere kleinere Bilder zeigten Rei und Shinji, letzterer hockte zitternd im Pilotensitz
des EntryPlugs von Einheit-01.
Misato blickte nach oben zum Kommandostand.
„Sir, wegen EVA-01...“
„Einheit-01 bleibt in Reserve.“ blockte Ikari kalt ab.
„Einheiten-00 und -02 sind in den Aufzügen auf dem Weg zur Oberfläche!“ meldete Makoto
Hyuga.
„Ziel: Armisael hat die Gora-Verteidigungslinie passiert“, vermeldete einer der Operatoren.
„Es befindet sich jetzt über dem Owakudani-Tal, AT-Feld immer noch aktiv.“
Aoba runzelte die Stirn.
„Muster wechselt kontinuierlich von blau zu orange und zurück.“
„Was bedeutet das?“
„Die MAGI analysieren noch, Major. Antwort... Daten ungenügend...“
„Hm, die Form...“ murmelte Ritsuko, „ich glaube, es ist reine Energie.“
„Das macht die Sache nicht gerade leichter.“ antwortete Katsuragi. „Rei, beobachten,
verstanden? Wir sammeln noch Daten.“
Der Engel verhielt sich völlig passiv, rotierte einfach nur vor sich hin, doch dann ging es sehr
schnell, Schlag auf Schlag...
Der Engel verließ seine Beobachtungsposition und schoß auf EVA-00 zu.
„Nein, er kommt näher!“ in Reis ansonsten ruhiger Stimme schwang ein Hauch von
Erschrecken mit, als die Möbiusschleife sich EVA-00 rasch näherte.
„Rei, Beschuß eröffnen!“
EVA-00 riß das Gewehr hoch, doch kein Schuß jagte aus dem Lauf.
„Ziel ist zu nahe!“ warf Makoto ein. „Ziel hat physischen Kontakt mit Einheit-00 hergestellt!“
Die Möbiusschleife hatte EVA-00 umschlungen.
„Rei!“ schrie Shinji. „Weg da!“
Die Übertragung aus Reis Plug zeigte, daß diese sich plötzlich vor Schmerzen zu winden
begann, wobei ein unterdrückter Schrei sich den Weg über ihre zusammengepreßten Lippen
bahnte.
Misato fuhr auf dem Absatz herum.
„Hyuga, Status von EVA-00s AT-Feld?“
„Im Aufbau, aber durchdrungen, Major.“
„Der Engel versucht, mit Einheit-00 Kontakt aufzunehmen... Will er mit ihr verschmelzen?“
fragte Ritsuko halblaut.
„Achtung, Ziel dringt in die biologischen Komponenten von Einheit-00 vor!“
„Einheit-02! Kaworu, hilf ihr!“
Misato kämpfte gegen die aufsteigende Panik an.
Sie wollte nicht noch einen Piloten verlieren...
Auf dem Monitor war zu sehen, daß Shinji in seinem EntryPlug regelrechte tobte, allerdings
kam kein Ton aus den Lautsprechern, jemand mußte die Übertragung auf stumm geschaltet
haben. Jedoch konnten alle sich vorstellen, daß er mit Sicherheit forderte, endlich starten zu
können.
Kaworu blickte mit ruhigen Gesicht in die Kamera.
„Major, ich kann nicht feuern, ohne EVA-00 zu treffen.“
„Ja, ja...“ stieß Misato abgehackt hervor.
Warum zögerte das Fifth Children?
„Engel dringt weiter ein. 5% der Biomasse sind bereits verseucht!“
„Kaworu, annähern und AT-Feld auf Maximum, dann nimm das Ziel unter Beschuß, wir
übermitteln dir die Schwachstellen, wo es keinen Kontakt mit Einheit-00 hat!“
Misato wandte sich der wissenschaftlichen Station zu.
„Ritsuko, langsam die Synchronisation zwischen EVA-00 und Rei aufheben!“
„Schon dabei.“ kam die Antwort mit ruhiger Stimme.
EVA-02 schwenkte das Positronengewehr wild herum, gab einen Schuß ab, der weit an EVA00 vorbeiging und irgendwo in den Hügeln explodierte.
„Ups.“
„Nagisa, das ist kein Spiel!“ schrie Misato.
„EVA-01 auftauen.“ hallte Gendo Ikaris Stimme durch die Zentrale.
„Gottseidank...“ murmelte Misato. „Ritsuko, los!“
„Schon dabei.“
Hinter der Brücke seiner verschränkten Hände lächelte Gendo, akzeptierte sogar den Anblick
seiner weiter verformten linken Hand, deren steinharte Nägel mittlerweile die Fingerkuppen
des Handschuhes aufgerissen hatten.
Wenn Nagisa nicht fähig war, den Engel zu bekämpfen, weil er die Pilotin von EVA-00 nicht
verletzen wollte, dann mußte halt Yuis mißratener Sohn diese Aufgabe übernehmen... auf die
eine oder andere Weise...
Vor ihm vermeldete der Computer, daß das in EVA-01 installierte DummyPlug-Interface
bereit war...
„Major, ich habe keine Zielerfassung“, erklärte Kaworu.
„Aussage bestätigt“, kam es von Makoto Hyuga
„Dann mit den Händen! Oder dem PROG-Messer! Kaworu, du mußt Rei helfen!“
„Natürlich.“
EVA-02 ließ das Gewehr fallen und stürmte auf den Engel zu.
Die Übertragung aus Reis EntryPlug zeigte, daß diese sich nicht mehr vor Schmerzen wand,
auch nicht leise wimmerte oder schrie, sondern stattdessen schwer atmete und zugleich
verwirrt über die Schulter blickte.
„Rei, was ist bei dir los?“
Von EVA-00 kam keine Antwort.
EVA-02 packte das Energieband und zog, ließ im nächsten Moment schon wieder los.
Kaworu hob seine Hände vor die Kamera, das Material seiner PlugSuit wies schwere
Beschädigungen auf, so als hätte er etwas heißes angefaßt, schlug Blasen und war verkohlt.
„Manuelle Extraktion nicht möglich.“
Seine Stimme verriet nicht, ob er Schmerzen verspürte.
„Schwere Schäden an den Handflächen von EVA-02... starke Verbrennungen. Pilot erleidet
entsprechende Verletzungen!“
„Kaworu, zurück, du darfst mit dem Engel nicht in Kontakt kommen! Einheit-01 ist
unterwegs!“
*** NGE ***
Rei spürte, wie der Engel in EVA-00 eindrang, seinen eigenen Körper mit dem des
EVANGELIONs verband. Zugleich drang er in die Synchronverbindung ein, drängte das
aufbegehrende Bewußtsein des EVAs einfach zur Seite in die Dunkelheit.
Sie hatte das Gefühl von tausend Augen angestarrt zu werden, seziert zu werden, nicht auf
körperlicher, sondern auch auf geistiger Ebene.
War es Soryu ebenso ergangen?
Es war kein angenehmes Gefühl, eher der Eindruck, nackt vor einer großen Menschenmenge
zu stehen, anderen jede Schwäche, jeden Makel zu präsentieren.
Rei preßte die Lippen zusammen, als sie spürte, daß der Engel über die Synchronverbindung
in ihren Geist eindrang, ihre Gedanken zu durchforsten begann.
Nein, das nicht... nicht ihre Geheimnisse...
Der Engel stoppte, zog sich ein Stück zurück.
Das LCL im Plug geriet in Bewegung, sammelte sich teilweise in einem Wirbel im hinteren
Teil des EntryPlugs, wirbelte schneller und schneller, schien eine Form auszubilden...
Und dann manifestierte sich eine humanoide Gestalt... zwei Beine, zwei Arme, ein Kopf, alles
in den richtigen Proportionen, aber ohne Konturen und Geschlecht, ein Gesicht ohne
Gesichtszüge, ohne Augen, Nase oder Mund.
Rei starrte überrascht über ihre Schulter, löste schließlich den Kreuzgurt, der sie im Sitz hielt,
um besser sehen zu können.
Der Engel hatte ihren Geist wieder verlassen, obwohl sie ihn immer noch wahrnehmen
konnte, er befand sich immer noch in EVA-00.
„Ich bin Armisael“, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Geist. Die Stimme hatte einen
freundlichen Unterton, wirkte nicht bedrohlich.
Trotzdem überlegte Rei kurz, ob sie es schaffen würde, an das Notausrüstungspaket in der
Rückenlehne des Sitzes zu kommen, welches neben einer Signalpistole und diversem
Werkzeug auch ein Überlebensmesser enthielt, dann fielen ihr Hikaris Worte wieder ein - die
Aufforderung, mit den Engeln Kontakt aufzunehmen.
Armisael hätte wahrscheinlich längst die Kontrolle über EVA-00 erringen und mit ihr
dasselbe machen können, wie das Ziel: Arael mit Soryu, stattdessen hatte er sich auf einen
kurzen, wenn auch intensiven Blick in ihren Geist beschränkt - wozu? - Vielleicht um die
Grundlagen für eine Verständigung zu finden?
Rei schluckte, bereute es im nächsten Moment, intensivierte dies doch nur den stets
vorhandenen schwachen wahren Geschmack des LCL nach Blut, den auch das
Pfefferminzaroma, welches Ritsuko-san der Flüssigkeit beigemischt hatte, nicht gänzlich
übertünchen konnte.
„Was... was willst du?“
Kleinere Wirbel entstanden auf der Oberfläche des LCL-Körpers, formten Muster.
Kleidung entstand, ein Hemd, Jeans, Schuhe. Auf dem bis dahin völlig glatten Kopf entstand
ein dunkelbrauner Haarschopf, eine Nase bildete sich zwischen zwei Augen, ein Mund öffnete
sich.
„Besser so?“ krächzte die Stimme des Engels, der anzumerken war, daß er sich erstmals auf
diese Weise verständigte.
Rei zuckte zurück, Entsetzen stand auf ihrem Gesicht zu lesen.
Der Engel hatte das Aussehen ihres Shin-chans dupliziert.
Armisael blinzelte.
„Wohl nicht... Vielleicht so...“
Seine Umrisse verschwammen, verschwanden erneut unter zahllosen kleinen Wirbeln, die das
LCL verschoben.
Aus Hemd und Hose wurden Bluse und Rock, aus Schuhen helle Slipper. Der braune
Haarschopf nahm eine hellblaue Farbe an, die Haut hellte sich auf, rote Augen glühten auf, die
Brustpartie beulte sich aus.
Rei sah sich ihrem Ebenbild gegenüber, verspürte das unheimliche Gefühl, in einen Spiegel zu
blicken, der nicht ihre Bewegungen wiedergab.
„Wohl nicht... Da verwirre ich mich ja selbst...“ seufzte der Engel mit seiner melodischen
geschlechtsneutralen Stimme.
Und erneut veränderte der LCL-Körper sein Äußeres, wuchs ein Stück, nahm wieder
männliche Konturen an. Das Haar bleichte aus, nahm eine schiefergraue Farbe an, die
Gesichtszüge verformten sich, erinnerten nun an eine Mischung aus Nagisa-kun und
Suzuhara-kun.
Als wäre er Nagisa-kuns älterer Bruder...
Die Lippen des Engels formten ein krudes Lächeln, welches er ständig nachzubessern schien.
„Er ist mein jüngerer Zwillingsbruder“, wisperte die Stimme in Reis Geist.
„Verlaß meinen Kopf.“ forderte sie.
„Gut.“ erklärte er mit verwehender geistiger Stimme und zugleich mit krächzender richtiger
Stimme.
„Du willst dich mit mir verständigen?“
„Ja.“
Die Umgebung wechselte.
Rei verspürte sekundenlang Desorientierung, so als hätte man sie rasch herumgewirbelt.
„Wo...“
Sie war in ihrer Küche - in der Küche ihres alten Apartments!
Sie saß am Tisch, ihr gegenüber saß Armisael, vor sich eine Schale mit Reisbällchen, einen
davon hatte er in der Hand, wobei er mit vollen Backen kaute und anerkennend nickte.
„Wenn das wirklich so gut schmeckt, wie du dich erinnerst, könnte ich mich an die
menschliche Gestalt gewöhnen.“
Sie blickte an ihm vorbei, am Herd stand Shin-chan völlig regungslos, in einer Hand noch den
Kochlöffel, mit dem er die Sauce für ihre gemeinsame Mahlzeit angerührt hatte.
„Wieso bewegt er sich nicht?“
Armisael blickte kurz über die Schulter.
„Es ist nur eine Erinnerung, ein Bild, welches ich über die Verbindung zwischen dir und
dem... EVANGELION... schicke. Ich dachte, diese Umgebung wäre dir angenehm, du
scheinst hier glücklich gewesen zu sein, kleine Schwester.“
„Schwester...?!“
Er kannte ihre Erinnerungen... er wußte um ihr Geheimnis, um ihre Abstammung von
LILITH...
„Warum kämpfst du gegen uns? Weil der Lilim namens Kommandant Ikari es dir befohlen
hat? Deshalb kämpfst du gegen deinesgleichen?“
„Er sagt, daß ein weiterer Impact stattfinden wird, wenn ihr mit LILITH in Kontakt kommt.“
„Lüge. Kleine Schwester, es ist eine Lüge. Die Urmutter könnte... würde niemals ihre Kinder
vernichten!“
Der Engel klang aufgebracht, allein die Möglichkeit, daß sie LILITH etwas derartiges
unterstellen konnte, schien ihn sehr in Erregung zu versetzen.
„Du bist ihre Tochter, du trägst einen Teil von ihr in dir, ein Bruchstück ihrer Seele! Spürst du
nicht selbst, daß meine Worte der Wahrheit entsprechen?“
„Ich...“
Armisael atmete tief durch, sein Gesicht nahm wieder ausdruckslose Züge an.
„Er ist sehr präsent in deinen Gedanken... zwischen euch besteht eine starke Verbindung, ich
konnte es nicht übersehen.“
„Shinji...“
„In dir war eine große Einsamkeit, bis du ihm begegnet bist. Du hast dich abseits gehalten,
obwohl du dich nach der Nähe eines anderen Menschen gesehnt hast. Soviel Traurigkeit...“
„Ich war einsam, ja.“
„Nicht nur die Lilim kennen dieses Gefühl. Wir... meine Art... unsere Art...“
„Ich bin kein Engel!“
„Kleine Schwester, du bist eine von uns... und zugleich ein Lilim... eine Nephilim, ein Kind
des Himmels. Auch wir wissen um die Bedeutung von Verlust... von Sehnsucht... von
Einsamkeit... ohne unsere Mutter fehlt ein Teil unserer Seele. Deshalb wollen wir LILITH
befreien.“
„Aber warum kämpft ihr dann gegen uns?“
„Unsere Reihen sind gespalten. Wir verstehen euch nicht, obwohl wir eigentlich Verwandte
sind, alle Abkömmlinge von ADAM und LILITH... und auch wir fürchten, was wir nicht
kennen, was wir nicht verstehen. Alle Lilim tragen das zerstörerische Potential ADAMs in
sich. Und die Tatsache, daß ihr über einen freien Willen verfügt, während wir in
festgefahrenen Bahnen denken, macht es für uns nicht einfacher. Einige meiner Brüder
wollten euch vernichten und sich den Weg zu unserer Mutter freikämpfen, während wir
anderen einen gemäßigteren Kurs verfolgen. Aber dazu brauchen wir eure Hilfe. Bitte, gebt
unsere Mutter frei... zeigt, daß unsere Arten in Frieden existieren können...“
„Ich kann das nicht entscheiden...“
„Warum?“
„Ich bin nicht der Kommandant.“
„Er wird LILITH nicht freilassen. Sein Herz erscheint mir kalt und verschlossen - und dir
ebenso, denn ich sehe nur, was du siehst.“
„Ich kann es nicht entscheiden, das ist nicht meine Art.“
„Du folgst Befehlen und Anweisungen. Und dennoch hast du ihm erlaubt, einen Platz in
deinem Herzen zu finden.“
„Shinji... ja. Er ist in meinem Herzen.“
„Ihr singt dasselbe Lied. Ihr seid eins.“
„Körper, Geist und Seele...“
„Das konntest du entscheiden, obwohl der Lilim Kommandant Ikari diese Entscheidung
niemals gebilligt hätte.“
„Das ist Wahrheit.“
„Die Entscheidung liegt bei dir. Ich...“
Armisael blickte sich irritiert um.
Das Bild der Küche begann zu verschwimmen, löste sich auf.
Rei fand sich im EntryPlug wieder, Armisael war verschwunden, der LCL-Körper hatte sich
wieder aufgelöst.
Vor ihr, vor EVA-00, wuchs EVA-01 in die Höhe...
*** NGE ***
„Was willst du... Verlaß meinen Kopf... Du willst dich mit mir verständigen?... Wo?“
Reis Stimme schallte aus den Lautsprechern durch die Kommandozentrale.
„Rei, kannst du mich hören?“ rief Misato. „Du mußt antworten!“
„Rei! Antworte!“ rief nun auch Ritsuko.
„Keine Reaktion bei EVA-00.“ - „Der Engel blockt alle Signale der MAGI ab.“ - „Befehl zur
Notevakuierung des EntryPlugs wird abgewiesen!“
Die Meldungen der Operatoren überschlugen sich fast.
Ikaris Augen verengten sich.
Das durfte nicht sein... der Engel durfte sich nicht mit dem Klon verständigen, Rei-II durfte
die Wahrheit nicht erfahren...
„Verbindung zu EVA-00 isolieren. Auf Stumm schalten!“
„Kommandant...“
Misato Katsuragi setzte zu einem Protest an.
„Tun Sie es!“ sagte Ikari scharf.
Shigeru Aoba kam der Aufforderung nach, verspürte plötzlich rasende Furcht.
Kozo Fuyutsuki sah mit aufgerissenen Augen zum Kommandostand hinauf.
„Ikari!“
„Der Engel hat ihren Geist übernommen. EVA-00 befindet sich unter der Kontrolle des
Feindes.“ antwortete Ikari kalt. „Status von EVA-01?“
„Startbereit.“ sagte Ritsuko Akagi mit unterdrückter Wut.
„Starten.“
„Na endlich!“ rief Shinji über die Sprechverbindung.
Misato zuckte zusammen.
Wer hatte den Ton wieder eingeschaltet?
EVA-01 raste nach oben.
*** NGE ***
EVA-00 stand reglos da und bewegte sich nicht. Das schillernde Band des Engels hing um
den EVA wie ein gewaltiges Lasso, fesselte die Arme an den Torso.
In einiger Entfernung, nur drei oder vier große EVANGELION-Schritte, stand EVA-02 und
rührte sich ebenfalls nicht, ab und an ließ Kaworu den roten EVA den Arm mit dem Gewehr
bewegen, als versuche er zu zielen.
EVA-01 erreichte die Oberfläche.
„Rei, kannst du mich hören?“ versuchte Shinji seine Gefährtin zu erreichen.
„Sie kann dich nicht verstehen, Shinji-kun“, sagte Kaworu.
„Nagisa-kun, das... kannst du ihr nicht helfen?“
„Sie ist nicht in Gefahr.“
„Das sagst du so... - Rei! Ich bin hier!“
„EVA-01, EVA-02, greift den Engel an!“ drang Gendo Ikaris Stimme aus dem Lautsprecher.
„Uh... Vater...“
„Kommandant, der Engel hat sich mit EVA-00 verbunden, wir können nicht gegen ihn
vorgehen, ohne...“
„Das ist bekannt, Fifth Children. EVA-00 wird ab sofort als Ziel geführt.“
Im Hintergrund protestierten verschiedene Stimmen.
„Nein! Vater! Nein! Wir können doch nicht... Rei ist...“
„Vernichtet den Engel.“
Es knackte in der Leitung.
Shinji starrte auf den kleinen Monitor, der eigentlich die Übertragung aus Reis Plug zeigen
sollte, auf dem jedoch seit einiger Zeit nur Schnee zu sehen war.
„Kaworu...“
„Das können wir nicht tun.“
„Nein...“
*** NGE ***
„Ikari, das ist doch nicht dein Ernst!“ stieß Fuyutsuki hervor.
„Kommandant... Sie können Shinji doch nicht befehlen...“
Ikari betrachtete seine Untergebenen ohne Gefühl.
Sie waren doch alle nur unwissende Narren ohne jede Vision...
Und der Klon war ersetzbar, mußte sogar für die nächste Phase des Szenarios ersetzt werden,
dank der Handlungen von Yuis Sohn war Rei-II dafür nicht mehr zu verwenden. Also war es
in gewisser Weise die Schuld des Bengels, daß der Klon sterben mußte...
„Worauf warten die beiden?“ knurrte Ikari.
Keiner der EVAs an der Oberfläche bewegte sich.
„Ritsuko, aktiviere den in EVA-01 installierten DummyPlug!“
„Gendo...!“
„Tu es!“
„Nein! Ich lasse nicht zu, daß du Rei opferst!“
Er fixierte sie.
Akagi wich zurück, bis sie die Wand im Rücken spürte, gab aber ansonsten der Kälte seines
Blickes nicht nach.
„Hyuga, nehmen Sie Doktor Akagi in Arrest.“
„Sir?!“
Ikari gab ein unwilliges Knurren von sich.
Verweigerten denn alle seine Befehle?
Zögernd stand Makoto auf, nahm Ritsuko am Arm. Sie konnte spüren, daß seine Hand
zitterte.
„Tut mir leid...“ flüsterte er, führte Akagi dann aus der Zentrale.
Ikari nahm selbst die nötigen Schaltungen an seinem Terminal vor, stellte die Verbindung
zum DummyPlug her.
Und dann verweigerten sich ihm auch noch die MAGI-Rechner, leisteten ihm Widerstand und
ignorierten seine Anweisungen, bis er erneut seine Kommandocodes eingab.
Mit dunkler Befriedigung nahm er die Mitteilung, daß der DummyPlug aktiv wurde und
EVA-00 als Ziel akzeptierte, zur Kenntnis.
Auch die Ironie entging ihm nicht, nicht nur würde Yuis Sprößling Rei-II vernichten, der Kern
des DummyPlug-Systems war zugleich das allererste Produkt des Klon-Projektes - Rei-00...
der Klon würde sich also auch noch selbst zerstören. Und dann würde Rei-III wieder ihm
gehören, würde frei sein von den schädlichen Einflüssen des Third Children...
Und ADAM lachte...
18. Zwischenspiel:
Der DummyPlug...
Die Einrichtung füllte mehrere Räumlichkeiten im Herzen des TerminalDogma, Kern der
EVA-Fernsteuerung war eine stählerne Säule von einem Meter Durchmesser, die vom Boden
bis zur Decke reichte.
Auf der Säule befand sich ein Schriftzug: DummyPlug-Hauptsystem, Einheit Rei-00.
Die Lichter im Raum des DummyPlug-Systems gingen an, als es von den MAGI aktiviert
wurde.
Die Stahlsäule öffnete sich, der Metallmantel erwies sich als nur zentimeterdick. Dahinter
befand sich eine Glasröhre, gefüllt mit LCL, in dem Luftblasen aufstiegen.
In dem LCL schwamm, mit in der Decke verschwindenden Kabeln verbunden, ein einzelner
Kopf samt Wirbelsäule. Der Kopf war von bleicher Haut überzogen und von hellblauem Haar
gekrönt.
Langsam öffnete sich ein Paar roter Augen...
Kapitel 51 - DummyPlug
Die Synchronverbindung zwischen Shinji und EVA-01 wurde aufgebaut.
Schlagartig fror Shinji noch stärker, vermeinte von der Brust bis zu den Füßen in einem
dicken Eispanzer zu stecken.
Zugleich spürte er die Wärme der leistungsstarken Aggregate, welche benutzt wurden, um das
Eis, in dem EVA-01 steckte, aufzutauen.
Mit jedem Atemzug wurde der Eismantel brüchiger, schließlich wurde EVA-01 von der
Hebebühne aus dem Becken gehoben. Der purpur-grüne Riese spannte die Muskeln an.
Klirrend flog das Eis auseinander.
Steifbeinig setzte EVA-01 sich in Bewegung, marschierte auf die Liftplattform zu.
Im EntryPlug sandte Shinji konzentrierte Gedankenimpulse aus, mittels denen er den Geist
seiner Mutter zu kontaktieren versuchte. Er brauchte ganz dringend ihren Rat, ganz sicher
wußte sie, was zu tun war, ob es richtig war, Kaworu zu vertrauen, oder ob sein Vertrauen nun
Rei-chan in tödliche Gefahr gebracht hatte.
Doch die Antwort kam von Seiten des EVAs, vor Shinjis geistigem Auge erschien der Kopf
von EVA-01 mit glühenden Augen, blickte ihn fragend an.
*Ich brauche deine Hilfe.*
*Wir sind kampfbereit.*
*Ja... Nein... Ich benötige eine Bewertung der Lage.*
Die Repräsentation des EVA-Bewußtseins fixierte ihn lange. Shinji spürte, wie die
Synchronverbindung intensiviert wurde, legte alle seine Erinnerungen und Gedanken offen,
bemühte sich nur jene zurückzuhalten, welche die intimen Momente zwischen ihm und Reichan betrafen.
*Einschätzung: Kaworu Nagisa/ Fifth Children/ Tabris sagt die Wahrheit. Erinnerungen
Shinji Ikaris/ Third Children enthalten keine Andeutung von Falschheit in den Aussagen von
Subjekt Tabris.
-Folgerung Eins: Einheit benötigt Neuprogrammierung der Freund-Feind-Parameter.
Korrektur erfolgt.
-Folgerung Zwei: Rei Ayanami/ First Children befindet sich nicht in Gefahr, Annäherung des
Engels dient der Kommunikation.
-Bemerkung: Eindringen des Subjektes Armisael in die Synchronverbindung zwischen
Einheit-00 und Pilotin Ayanami hat bei Pilotin Ayanami kurzfristig Schmerzen verursacht.
-Problem: Keine neuen Daten verfügbar aufgrund unterbrochener Verbindung zu EVA-00.
-Bemerkung: Befehl zum Unterbrechen der Verbindung erging aus dem NERV-Hauptquartier/
Brücke/ Terminal 000.
-Bemerkung: Erreichen Oberfläche in fünf Sekunden.*
*Uh, ja...*
EVA-01 schoß aus dem Startschacht.
Direkt vor ihm standen EVA-02, der unschlüssig mit dem Positronengewehr herumfuchtelte,
und EVA-00, um den sich immer noch das leuchtende Band des Engels herumwickelte, dabei
ständig in Bewegung schien.
Shinji ließ Einheit-01 mit beiden Armen winken.
„Rei, kannst du mich hören?“
„Sie kann dich nicht verstehen, Shinji-kun“, sagte Kaworu ruhig, bestätigte damit die Aussage
des EVA-Bewußtseins.
„Nagisa-kun, das... kannst du ihr nicht helfen?“
„Sie ist nicht in Gefahr.“
„Das sagst du so... - Rei! Ich bin hier!“
„EVA-01, EVA-02, greift den Engel an!“ drang Gendo Ikaris Stimme aus dem Lautsprecher.
Shinji riß die Augen auf.
Hatte sein... Vater... ihnen gerade eben wirklich befohlen, Reis EVA zu attackieren?!
„Uh... Vater...“
„Kommandant, der Engel hat sich mit EVA-00 verbunden, wir können nicht gegen ihn
vorgehen, ohne...“ protestierte Kaworu mit plötzlicher Vehemenz in der Stimme.
„Das ist bekannt, Fifth Children. EVA-00 wird ab sofort als Ziel geführt.“
Shinji schüttelte den Kopf.
„Nein! Vater! Nein! Wir können doch nicht... Rei ist...“
„Vernichtet den Engel.“
Es knackte in der Leitung.
Shinji starrte auf den kleinen Monitor, der eigentlich die Übertragung aus Reis Plug zeigen
sollte, auf dem jedoch seit einiger Zeit nur Schnee zu sehen war.
„Kaworu...“
„Das können wir nicht tun.“
„Nein...“ flüsterte Shinji heiser. „Das kann er nicht von mir verlangen... Ich kann doch nicht
gegen Rei kämpfen!“
Die leise Gedankenstimme des EVAs unterstützte Shinji in seiner Entscheidung - auch der
Eva war nicht willig, gegen einen Waffenbruder vorzugehen. Auch spürte er nicht, daß sich
der Engel in irgendeiner Weise aggressiv verhielt, besaß keinen Grund, seinem Zorn freien
Lauf zu lassen.
Für Shinji waren die kurzen Gedankenimpulse äußerst beruhigend, dennoch versuchte er
natürlich weiterhin, Rei auf sich aufmerksam zu machen, indem er mit beiden Armen winkte,
dabei aber Abstand hielt und nichts tat, das der Engel vielleicht als Angriff hätte werten
können.
Hier ging es um Rei-chan, hier war wahrscheinlich Diplomatie gefragt und nicht rohe Gewalt.
Doch im Stillen betete Shinji, daß seine Geliebte dieses Unterfangen unbeschadet überstand...
Zu gern hätte er Tabris auf seinen Artgenossen angesprochen, hütete sich aber, dessen
Geheimnis über Funk auszuplaudern.
Neben ihm bewegte sich etwas im EntryPlug, schräg hinter ihm leuchtete ein kleiner
Bildschirm auf, ohne daß er es bemerkte, sein Blick war ganz auf die Verbindung aus EVA-00
und Engel fixiert.
---DummyPlug-System Rei-00 bereit.--Aus dem hinteren Teil des Plugs schoben sich auf Schienen Gerätschaften, klinkten sich in die
Steuerung des EVAs ein.
*Meldung: Fehlfunktion in der Steuerung.
-Grund: Systemimpulse werden überlagert. Quelle für Vorgang befindet sich im Inneren des
EntryPlugs.*
„Was?“ fragte Shinji verwirrt. Er sah sich um, sah, daß sich die Wandverkleidung des Plugs
an einer Stelle geöffnet und eine seltsame Apparatur freigegeben hatte, welche sich mit den
Computerelementen verbunden hatte.
„Was soll das?“
EVA-01 setzte sich ohne sein Zutun in Bewegung, marschierte auf EVA-00 zu.
„Shinji-kun, was soll das werden?“ fragte Kaworu unruhig.
Shinji sah den anderen panisch an, während er an den Hebeln der Steuerung zog und zerrte,
dabei allerdings nichts erreichte. Seine Verbindung zu EVA-01 schien noch zu stehen, jedoch
hatte er das Gefühl, als liefe er mit seinen Gedankenimpulsen gegen eine Wand, als stünde
zwischen ihm und EVA-01 eine unüberwindbare Mauer.
„Ich mache überhaupt nichts! EVA-01 gehorcht mir nicht mehr!“
Der taktische Monitor wurde schwarze, kurz darauf erschienen auf ihm Schriftzeichen anstelle
der gewohnten Symbole und Darstellungen.
SYNCHRONVERBINDUNG EINHEIT-01 - PILOT IKARI, SHINJI GESTÖRT. EINHEIT
BEFINDET SICH UNTER KONTROLLE DER FERNSTEUERUNG. BEZEICHNUNG DER
FERNSTEUERNDEN EINHEIT: DUMMYPLUG. IMPULSE DER FERNSTEUERUNG SIND
GRUND FÜR STÖRUNG DER SYNCHRONVERBINDUNG.
Shinji las und erblaßte.
„Das geht nicht...“
„Shinji-kun?“
„Nagisa-kun... EVA-01 steht unter Fernsteuerung! - Kommandozentrale! Schaltet das wieder
ab! EVA-01 greift Rei an!“
Aus der Kommandozentrale kam keine Antwort, zwar konnte Shinji auf dem Bildschirm der
KomPhalanx sehen, daß Misato in der Zentrale aufgeregt herumlief und etwas in Richtung des
Kommandostandes zu rufen schien, jedoch hatte er keinen Ton, so daß er nicht erfuhr, was
Misato sagte.
Wuchtig schlug EVA-01 mit der Faust nach EVA-00, erzielte einen harten Treffer in der
Schulterregion.
EVA-00 wankte, fiel aber noch nicht, reagierte aber auch nicht.
EVA-01 pendelte mit dem Oberkörper, seine Bewegungen schienen unkoordiniert, als kämpfe
er gegen starken Wind oder als wäre er betrunken.
Shinji konnte nur Vermutungen anstellen, ging aber davon aus, daß das EVA-Bewußtsein sich
gegen die Anweisungen des DummyPlugs wehrte und die Übermittlung der Befehle
zumindest verzögerte.
Immer noch versuchte er, etwas über die Steuerung zu erreichen, brüllte weiterhin an die
Kommandozentrale adressierte Aufforderungen, die Fernsteuerung abzuschalten, schrie, daß
EVA-00 sich nicht in der Gewalt des Engels befand, daß der Engel noch keine Gefahr
darstellte, daß er nicht gegen Rei kämpfen konnte. Schließlich flehte und bettelte er, sprach
Gendo Ikari direkt an.
Doch eine Antwort blieb aus.
Wieder schlug EVA-01 zu, grub dieses mal die zu einer Klaue gespreizten Finger in die
Panzerung von EVA-00 oberhalb der Bauchregion, fand eine Stelle, wo die Panzerplatten
einander überlappten, grub die Finger darunter und zog, riß die Panzerung herunter.
Darunter kam blasses Fleisch zum Vorschein.
Auf dem taktischen Bildschirm erschienen Zielkoordinaten, offenbarten die Schwachpunkte
von EVA-00, zeigten die Position seines Kerns.
„Nein! - Kaworu, hilf mir!“
„Schon dabei!“
EVA-02 warf sich auf EVA-01, schleuderte ihn zu Boden.
Die beiden Giganten rollten miteinander ringend über den Boden, zerstörten dabei weitere
Viertel der Stadt wie zwei Kinder, die ihre Bauklötze umstießen.
„Verzeih mir, Shinji-kun.“
EVA-02 landete einen kräftigen Kinnhaken bei EVA-01.
Shinjis Kopf flog herum, als ob ihn selbst die Faust getroffen hätte. Taubheit breitete sich in
seiner Unterlippe aus.
„Mach weiter!“ nuschelte er. „Nimm keine Rücksicht!“
Kaworu sah ihn entsetzt an.
„Aber du...“
Weiter kam er nicht mehr, da EVA-01 zum Gegenangriff übergriff, EVA-02 von sich
hinunterschleuderte und wieder auf die Füße sprang, nachsetzte, dem roten EVA eine Reihe
von Faustschlägen in die Körpermitte versetzte.
Kaworu rang nach Atem.
„Shinji - halt ihn auf!“
„Wie denn?“
Shinji schluckte, sah sich hilfesuchend um.
Wenn er den Empfänger zerstörte...
Rasch schob er sich aus dem Sitz und um diesen herum, besah sich die Geräte, welche aus der
Wand gekommen waren.
DummyPlug-System Rei-00...
Rei-00? Was hatte das zu bedeuten? Was hatte Rei mit der Fernsteuerung zu tun?
Kaworu gurgelte.
EVA-02 lag mittlerweile am Boden und kassierte einen Fußtritt nach dem anderen.
„Halt durch, Nagisa-kun...“
Was sollte er nur tun...
Mit fliehenden Fingern riß er die Platte der Rückenlehne des Sitzes herunter, um an die
Notausrüstung zu kommen. Vielleicht konnte er den DummyPlug durch ein paar Schläge mit
dem Schraubenschlüssel stoppen...
Schon hatte er den Schraubenschlüssel in der Hand.
Noch einmal blickte er über die Lehne, sah daß EVA-02 geschlagen zwischen
Häusertrümmern lag, sah daß Kaworu bewußtlos in seinem Sitz hing, nur von den
Kreuzgurten gehalten, sah daß EVA-01 sich wieder EVA-00 zugewandt hatte, diesen gerade
mit einem kräftigen Hieb von den Beinen holte, dann sein PROGRESSIVE-Messer zog.
Nein...
Shinji holte beidhändig mit dem Schraubenschlüssel aus und schlug auf die Apparatur des
DummyPlugs ein. Das LCL bremste seinen Schlag ab, nahm ihm die Wucht, so daß es nur
dumpf klongte, als das plastiküberzogene Metallwerkzeug mit den Gerätschaften in Kontakt
kam.
So wurde das nichts...
EVA-01 rammte das PROG-Messer bis zum Heft in den Körper von EVA-00, zog es wieder
heraus...
Shinji brüllte auf.
Sein eigener EVA war dabei, Rei umzubringen...
Er griff nach einigen Kabeln, zerrte sie aus den Anschlüssen, stemmte sich gegen den
DummyPlug, versuchte seine Kontakte zur Steuerung zu unterbrechen...
*** NGE ***
Rei starrte auf EVA-01, der über ihr in die Höhe wuchs und gerade mit seinem PROG-Messer
ausholte.
EVA-01...
Shin-chan...
Was...
Warum hat er das?
Warum?
Dann spürte sie den Schmerz, als die Klinge in den Leib von EVA-00 eindrang.
Armisael baute sein AT-Feld auf, schleuderte EVA-01 damit zurück.
Rei war wie gelähmt.
Warum griff ihr Shin-chan sie an?
Glaubte er etwa, der Engel hätte sie und EVA-00 übernommen?
Das Funkgerät... sie mußte den Irrtum aufklären...
„Hier ist EVA-00... es besteht keine Gefahr! Ich habe die Lage unter Kontrolle! Shinji...“
Die Verbindung war tot, sie erhielt keine Antwort...
„Shin-chan!“
Wieder stürzte sich EVA-01 auf die Verbindung aus Engel und EVA, durchbrach allein mit
seiner Masse das AT-Feld, welches Armisael schützend um sie errichtet hatte.
Eine Hand bohrte sich in die Eingeweide von Einheit-00, riß sie heraus.
Rei brüllte auf vor Schmerz.
„Es ist meine Schuld“, wisperte Armisael. „Du mußt gegen ihn kämpfen...“
„Das... kann ich nicht... ich liebe ihn doch...“
„Aber... der andere EVANGELION wird den deinen vernichten. Ich ziehe mich sofort zurück,
dann hat er keinen Grund mehr...“
Wieder schrie Rei auf, als EVA-01 blutige Organklumpen aus einer klaffenden Wunde im
Unterleib von EVA-00 herausschaufelte, dann einen Arm ergriff und diesen solange
herumdrehte, bis er an der Schulter abriß, den Arm dann fortschleuderte.
„Warum tust du nichts, kleine Schwester?“
„Ich kann nicht gegen ihn kämpfen... eher sterbe ich...“
Sie wand sich vor Schmerzen.
Die Präsenz des Engels wurde stärker, schien sie zu umhüllen, blockte den Schmerz ab.
Dann schrie Armisael...
Körperlicher Schmerz war ihm bisher völlig unbekannt gewesen, durch die Hände von EVA01 erfuhr er ihn zum ersten Mal und in rauhen Mengen.
„Du mußt... gehen...“ flüsterte Rei. In ihr tobten noch immer die Echos des Schmerzes. Sie
hielt die Hände gegen den Leib gepreßt.
„Ich bleibe. Ich werde dich beschützen.“
„Warum?“
„Damit du mir glaubst...“
In diesem Augenblick durchdrang die Präsenz des Engels sie vollkommen.
„Ich mache dich zu einem Teil von mir... kurzfristig...“
EVA-01 hämmerte mit den Fäusten auf den Schädel von Einheit-00 ein...
Armisael keuchte auf.
„AT-Feld fast völlig... Wie ertragt ihr Lilim das nur? Schmerz... Meine Macht... zu
entstofflichen... Geh, kleine Schwester!“
Um Rei wurde es schwarz. Doch eines nahm sie mit in die Schwärze - den Todesschrei des
Engels und das Wissen, daß dieser Tod endgültig war...
*** NGE ***
Shinji stocherte verzweifelt mit einem Schraubenzieher in dem Empfänger der Fernsteuerung
herum, ohne Resultate zu erzielen, er traktierte ihn mit Fausthieben und Tritten, benutzte
schließlich den Schraubenzieher als Hebel, um die Gerätschaften von den Elementen der
Steuerung zu entfernen. Doch das LCL erwies sich als viel zu hinderlich, indem es Unmengen
an kinetischer Energie zu absorbieren schien. Zugleich wurde er von den Bewegungen des
EVAs durch den Plug gewirbelt.
Es mußte doch eine Möglichkeit geben, diese Maschine aufzuhalten... er mußte sie einfach
stoppen, sonst tötete sie Rei-chan...
Doch schließlich stellte er seine fruchtlosen Bemühungen ein, blickte nur noch mit
brennenden Augen auf den Bildschirm.
EVA-00 hatte nichts getan, um sich zu wehren...
Der EVA war kaum noch als solcher zu erkennen.
Die halbe Stadt war in ein Schlachthaus verwandelt worden, überall lagen die Klumpen der
inneren Organe von EVA-00, Straßen hatten sich in Flußbetten für rotes LCL verwandelt,
welches forttrug, was ihm in die Quere kam.
EVA-01 hatte den Prototypen dahingeschlachtet, hatte ihn zerstückelt.
Und ganz nebenbei hatte er den Engel zerfetzt, der sich um den EVA gelegt hatte...
Im offenliegenden Brustkorb pulsierte der Kern des blau-weißen EVAs, doch für diesen hatte
der ferngesteuerte Gigant kein Interesse. In der Hand hielt er triumphierend den EntryPlug von
Einheit-00.
„Rei...“ flüsterte Shinji heiser. Ihm stockte der Atem.
Er blickte die Apparatur an der Wand an.
„Bitte... bitte setz sie ab... leg den Plug auf den Boden... bitte...“
Tränen liefen über seine Wangen und Verzweiflung verzehrte ihn.
Immer noch hielt EVA-01 den anderen Plug in der Hand, starrte ihn mit glühenden Augen an.
Und dann drückte er zu...
„NEIN!“
Shinji stürzte nach vorn, preßte die Hände gegen die Monitore, als könnte er damit dem
Verhängnis Einhalt gebieten.
„Nein... nein... nein...“
Kraftlos sank er in den Sitz zurück, zog die Knie an die Brust. Am ganzen Leib zitternd starrte
er auf den zerquetschten Plug in der Faust seines EVAs, sah die LCL-Flüssigkeit
hinaustropfen. Sie war blutrot...
„Nein... Rei... nicht Rei... nicht Rei-chan...“
EVA-01 hatte sie getötet...
In diesem Augenblick starb etwas in Shinji, schien sein Herz zu erkalten.
---ZIEL VERNICHTET. KONTROLLE WIRD ZURÜCK AN PILOTEN ÜBERTRAGEN.
DUMMYPLUG REI-00 GEHT OFFLINE--Die Wand, welche seinen Geist von dem des EVAs trennte, verschwand. Und ebenfalls
verschwanden die Gerätschaften der Fernsteuerung, entfernten sich einfach wieder zurück in
die Wand des Plugs.
„Arg... arg...“
Shinji schnappte nach Luft, kniff die Augen zu, riß sie wieder auf.
Der Anblick hatte sich nicht geändert, noch immer befand sich der zerstörte Plug in der Hand
von EVA-01.
Das EVA-Bewußtsein sandte ihm Impulse der Hilflosigkeit, der Trauer und des Bedauerns,
welche von unterschwelligem Zorn begleitet wurden.
Zorn...
Ja, auch Shinji verspürte Zorn in sich aufsteigen, Zorn auf den Kommandanten, der diese
teuflische Tat in die Wege geleitet hatte.
*Verhindere, daß der DummyPlug noch einmal die Kontrolle übernimmt!*
*Bestätigt. Verschlüsselung der Synchronverbindung erfolgt.*
Shinji preßte die Lippen zusammen.
Langsam ließ er EVA-01 in die Knie gehen und den zerquetschten EntryPlug sanft auf den
Boden legen. Die Systeme des EVAs vermeldeten, daß die Lebenserhaltungssysteme im
zerstörten Plug nicht mehr arbeiteten, die Feinortung konnte keine Anzeichen von Leben mehr
feststellen.
„Vater...“ knurrte Shinji. „Das büßt du mir...“
EVA-01 richtete sich auf, wandte sich dem Zentralen Schacht zu. Dank des S2-Organs in der
Brust von EVA-01 besaß er ausreichend Energie, um den Schacht in die Geofront
hinabzusteigen, das Hauptquartier zu erstürmen und Gendo Ikari zu jagen wie einen
tollwütigen Hund...
Wahnsinn und Trauer umwölkten sein Denken, als er auf den Zentralen Schacht zuschritt,
dabei finstere Drohungen ausstoßend.
„Ich komme, Vater... ich werde dich holen und bestrafen... ich bringe dich um!“
In der Leitung knackte es.
Dann konnte er die Stimme seines Vaters hören:
„Bleib stehen!“
„Warum denn? Ich will doch nur zu dir in die Geofront kommen... du hast alles zerstört, was
mir etwas bedeutet hat... du trägst die Schuld an Reis Tod! Und jetzt vernichte ich alles, was
dir etwas bedeutet... NERV ist doch dein Lebenswerk, oder? Ich werde das Hauptquartier
zerstören. Und ich werde LILITH befreien!“
Auf dem Bildschirm musterte Gendo Ikari ihn kalt.
Einen Moment lang befand sich eine furchtbar entstellte Klauenhand im Aufnahmebereich der
Kamera.
„Ich befehle dir stehenzubleiben!“
„Befehl verweigert!“ grollte Shinji. „Ich werde nie wieder auf dich hören... - An alle, die mich
hören können: Räumt das Hauptquartier! Das ist eine Sache zwischen mir und dem
Kommandanten! - Ich werde dich töten, Vater!“
„Ich habe keine Zeit für solch einen Unfug, Third Children.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Shinji blinzelte.
Sicher würde dieses Monster in Menschengestalt versuchen, aus der Geofront zu fliehen... er
mußte sich beeilen!
Er spürte, daß EVA-01 seine Entscheidung unterstützte, seinen erwachenden Blutdurst ganz
auf Gendo Ikari richtete.
Plötzlich hatte Shinji Probleme zu atmen. Ihm war, als laste ein tonnenschweres Gewicht auf
seiner Brust.
*Der LCL-Druck in der Steuerkapsel steigt. Gegenwärtiger Druck: Zwei Atmosphären.
Steigend. Drei Atmosphären. Steigend.*
„Urgh... so bekommst du mich nicht... klein...“
In seiner Brust arbeitete das S2-Fragment auf Hochtouren, während er mit jedem Atemzug
weniger Sauerstoff in seine Lungen pumpen konnte.
Wenn Rei-chan dasselbe verspürt hatte, nur viel schneller, als die Hand des Giganten sich um
sie schloß...
Shinji wurde schwarz vor Augen.
Nicht aufgeben...
Der Schacht war fast erreicht... wenn er sich einfach fallenließ, würde er in das Hauptquartier
einschlagen wie eine Bombe und die Struktur zerstören...
Nicht aufgeben...
Und wenn er die Selbstzerstörung von EVA-01 aktivierte...
Seine Gedanken zerfaserten.
*Synchronverbindung reißt...*
Stille...
Shinji schnappte verzweifelt nach Luft...
Weiter...
Nicht aufgeben...
Nicht...
Dann verlor er das Bewußtsein.
EVA-01 brach am Rand des Zentralen des Schachtes zusammen.
*** NGE ***
Ikari beobachtete die Szene auf dem großen Monitor.
Ein Teil von ihm fieberte mit, ob der EVA den Schachtrand erreichen würde, oder ob seine
Einschätzung korrekt war.
Er hatte recht! - EVA-01 ging ganz nah an der Kante in die Knie und kippte dann zur Seite.
„Versager...“ brummte Ikari und wandte sich ab, verließ den Kommandostand.
Unten im Kommandoraum sagte niemand ein Wort...
Kapitel 52 - Rei-III
Obwohl sie immer noch über die Synchronverbindung mit EVA-00 verbunden war, spürte Rei
Ayanami kaum etwas von den Schmerzen des EVANGELIONs, während dieser von EVA-01
bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen wurde.
Längst lag Einheit-00 auf dem Rücken und befand sich im Todeskampf, einer der Arme war
aus dem Gelenk gerissen worden, beide Beine waren zerschmettert, Brust und Bauchbereich
aufgerissen.
Das Bewußtsein des EVAs heulte vor Pein und Wut, raste in den Ketten, welche seine
Existenz banden, forderte Rei auf, sich endlich zu wehren, flehte sie an, den Kampf gegen den
verräterischen anderen EVA aufzunehmen.
Sie konnte es nicht.
Sie konnte nicht gegen Shin-chan kämpfen, egal weshalb dieser sie angriff. Sie könnte ihn
niemals verletzen... selbst wenn dies umgekehrt nicht mehr zu gelten schien...
Das konnte unmöglich ihr Shin-chan sein, welcher da EVA-01 dazu brachte, ihren EVA zu
massakrieren!
Doch was sie durch die langsam erblindenden Augen des EVAs sah, widersprach dem, was
sie gerne glauben würde...
Es war der Engel, Armisael, der wie ein Bollwerk zwischen ihr und dem EVA-Bewußtsein in
der Synchronverbindung stand und die meisten Schmerzimpulse herausfilterte. Ohne ihn wäre
sie wahrscheinlich bereits bewußtlos geworden, so hockte sie nur im Pilotensitz und
konzentrierte sich darauf, die restlichen Schmerzen aus ihrem Denken zu verbannen, ganz wie
es ihr beigebracht worden war.
Die Sinne des EVAs erloschen, als ein Hagel von Faustschlägen des purpur-grünen
Testmodells die Schädelschale knackten und graue Gehirnmasse sowie elektronische Bauteile
in die Umgegend spritzten.
„Du mußt... gehen...“ flüsterte Rei. „Es wäre unlogisch zu bleiben.“
„Ich bleibe. Ich werde dich beschützen.“
„Warum?“
„Damit du mir glaubst...“
„Dein AT-Feld kann ihn nicht stoppen. Rette wenigstens dich selbst.“
In diesem Augenblick durchdrang die Präsenz des Engels sie vollkommen.
Einen Augenblick lang teilten sie dieselbe Position im Universum.
„Ich mache dich zu einem Teil von mir... kurzfristig...“
EVA-01 riß den Leib von EVA-00 der Länge nach auf, griff dann nach dem EntryPlug.
Kurz leistete ihm das AT-Feld des Engels noch Widerstand, doch die zupackenden Finger des
Giganten durchstießen es bereits im zweiten Anlauf.
Armisael keuchte auf.
„AT-Feld fast völlig... Wie ertragt ihr Lilim das nur? Schmerz... Meine Macht... zu
entstofflichen... Geh, kleine Schwester! Geh!“
Rei spürte ein Brennen in ihrer Magengegend, welches jedes andere Gefühl überlagerte.
Dann erkannt sie, daß sie durch den Pilotensitz hindurchsank!
„Wie...“
„Geh!“
Armisael gab ihr einen Stoß!
Plötzlich jagte sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den EntryPlug, auf die
Rückwand zu.
Sie würde an dem Metall zerschmettert werden...
Wenigstens würde es schnell gehen...
Wenigstens würde sie nicht durch die Hand ihres Geliebten sterben...
Hinter ihr verfestigte sich der Engel erneut in einem Wirbel aus LCL, nahm ihre Gestalt an,
ließ sich langsam in den Pilotensitz sinken.
Der EntryPlug gab bereits unter dem Druck nach, den EVA-01 auf ihn ausübte, verformte
sich, riß auf.
Rei jagte durch die Wand hindurch! Nicht, weil diese bereits zerstört war, sondern als wäre sie
gar nicht existent. Einen Sekundenbruchteil lang sah sie nur Schwärze, dann ein geordnetes
dreidimensionales engmaschiges Gitter, durch welches sie einfach hindurchschlüpfte.
Plötzlich war sie draußen, flog weiter.
Da vernahm sie den lauten Schrei in ihrem Verstand, den Todesschrei des Engels...
Und sie verstand... Armisael... ihr Bruder... hatte sich für sie geopfert und ihren Platz
eingenommen...
Ihr Flug endete, der Schwung, der sie aus dem EntryPlug hinausgetragen hatte, war
aufgebraucht. Sie hatte die Stadtgrenze fast erreicht...
Kurz bevor Rei den Boden berührte, wurde sie wieder stofflich, es geschah ohne
nennenswerten Übergang oder gar eine Warnung. Hart schlug sie der Länge nach auf den
trümmerübersäten Beton, drehte sich stöhnend unter Schmerzen auf die Seite, blickte schräg
nach oben.
Der Himmel wurde von EVA-01 dominiert, welcher immer noch den zerquetschten EntryPlug
in der Hand hielt. Durch den EVANGELION schien ein Ruck zu gehen, das Glühen der
Augen ließ nach. Langsam ging er in die Knie, legte den Plug ab, gab dabei ein leises
Wimmern von sich.
„Shin-chan...“ wisperte Rei.
Ihre Rippen schmerzten, doch das war nichts gegen das Brennen in ihren Eingeweiden.
Mühsam kam sie auf die Beine, registrierte, daß sie sich nicht lange auf selbigen würde halten
können, stolperte in den Schutz eines Mauerrestes und brach dort zusammen...
*** NGE ***
Zwei Sicherheitskräfte brachten Ritsuko in Gendo Ikaris Büro.
Akagi zitterte am ganzen Körper.
Ein grausames Lächeln huschte über das Gesicht des bärtigen Mannes.
In den Arrestzellen herrschten Temperaturen nahe dem Nullpunkt, damit die Delinquenten
ihre Strafe auch zu schätzen wußten.
„Lassen Sie uns allein.“ sagte er ruhig zu den Wachen.
Die beiden Männer verließen wortlos das Büro.
Stille senkte sich über den Raum.
Ritsuko verschränkte die Arme vor der Brust, rieb sich die Oberarme.
Mit der rechten Hand griff Ikari in die oberste Schublade seines Schreibtisches und legte eine
Pistole vor sich auf die Tischplatte, hielt die linke dabei unter dem Tisch verborgen.
„Und jetzt, Gendo? Willst du mich erschießen?“
„Nein, noch nicht.“
„Oh, wie gnädig.“
„Zieh dich aus.“
„Was?“
„Hast du mich nicht verstanden? Leg die Kleider ab.“
Ritsuko begann zu lachen.
„Hat es dich so scharf gemacht, das Mädchen abschlachten zu lassen?“
„Dein Sarkasmus ist fehl am Platz.“
Er hob die Waffe.
„Ausziehen.“
Akagi warf ihm einen tödlichen Blick zu, zog dann ihren Laborkittel aus, griff zögern nach
dem Reißverschluß ihres Oberteiles, zog ihn nach unten. Der Rock folgte, dann BH und Slip.
„Bist du jetzt zufrieden?“ flüsterte sie voller Bitterkeit.
In Ikaris Gesicht rührte sich kein Muskel.
Sein kalter Blick wanderte über ihren Körper, den er schon so oft besessen hatte. Akagi war
keine echte Blondine, ihr Körper hatte ihm oft dazu gedient, seine Lust zu befriedigen, ihr
Genie war da ein willkommener Bonus gewesen. Aber alles in allem war sie nur eine
Schlampe, nur ein Körper. Und dennoch wagte sie es, sich ihm zu widersetzen, wie LILITH...
Gendo stockte.
ADAM rührte sich wieder... der Engel versuchte, in seine Gedanken einzudringen...
Er preßte die Lippen zusammen, sog scharf den Atem ein.
„Dreht dich um.“
Langsam befolgte Ritsuko die Aufforderung, lachte dabei leise.
Doch in ihren Augen schimmerten Tränen.
„Auf die Knie.“
„Bekomme ich eine Kugel in den Kopf? Sollen meine Sachen nichts abbekommen? Ich
könnte dir sagen, wo ich sie gekauft habe, wenn du so darauf stehst...“
„Knie nieder!“
Gendo stand auf, die Waffe in der Hand, die monströse linke hinter dem Rücken.
Der Anblick von Akagis nacktem Rücken erregte ihn ungemein, ebenso die Tatsache, daß sie
ihm völlig ausgeliefert war - und daß sie es wußte...
Er trat von hinten an sie heran, strich mit dem kühlen Waffenlauf über ihre Schulter, ihren
Hals entlang und über ihre Wange, ergötzte sich an ihrem Zittern, ihren Versuchen, ihre
Furcht zu verbergen...
„Du wirst dich mir niemals wieder widersetzen, verstehst du?“
Ritsukos Antwort bestand aus einem unterdrückten Schluchzen.
„Bring es doch endlich zu Ende...“
„Nur Geduld, meine liebe. Ich habe noch eine Aufgabe für dich, eine Chance dich zu
bewähren. Die Überreste von EVA-00 sind über die halbe Stadt verteilt, du wirst die
Säuberungsaktion leiten.“
„Du brauchst eine Putzfrau?“
Ritsuko versuchte zu lachen, schaffte aber nur ein paar seltsame Laute.
„Es gilt, alle vom Ziel: Armisael kontaminierte organische Materie zu beseitigen. Dir stehen
alle nötigen Ressourcen zur Verfügung. Du hast die ganze Nacht.“
„Für die ganze Stadt?“
„Immer noch Widerworte, Ritsuko? Ich habe keine Zeit dafür, ich muß einen neuen Klon
vorbereiten.“
„Eine... neue... Rei...? Was für eine Bestie bist du nur? Aber... sie wird dir nicht gehorchen...“
„Deine kleine Intrige, Ritsuko, sie geht nicht auf. Ich weiß schon seit einiger Zeit davon, daß
du Reis Daten mit... Gefühlen... verseucht hast. Diese Daten existieren nicht mehr.“
Ritsuko zuckte zusammen.
Gendo hatte Rei vollends zerstört... ohne die aktuellen Daten gab es keine Hoffnung mehr, das
Mädchen zurückzuholen...
„Der nächste Klon wird wieder ganz von vorn anfangen, völlig leer, eine Leere, die ich füllen
werde, ohne daß mir jemand dazwischen kommen wird - und das schließt dich mit ein.
Andernfalls... Ritsuko, noch ein Fehltritt, noch ein einziges Mal, daß du mein Mißfallen
erregst... und ich töte dich. Aber zuvor wirst du zusehen, wie ich deine Katzen töte, deine
arme alte Großmutter und jeden, der dir nahesteht. Und Maya Ibuki wird dich ersetzen... wenn
ich mit ihr fertig bin. Aber es ist deine Wahl.“
„Ich... ich tue, was du willst...“
„Gut. Gut, Ritsuko, sehr gut. Aber Strafe muß sein...“
Und damit preßte er die entstellte linke gegen Akagis rechtes Schulterblatt.
Ritsuko schrie auf...
Es knisterte. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf.
Ritsuko kippte wimmernd nach vorn, rollte sich auf dem blanken Boden zusammen.
Ein schwarzer Handabdruck prangte auf ihrer Schulter, ADAMs Brandmal...
Ohne Hast kehrte Gendo hinter seinen Schreibtisch zurück, nahm Platz, warf einen
gefühlslosen Blick auf den Häuflein Mensch vor dem Schreibtisch. Dann betätigte er einen
Schalter unter dem Tisch. Die Doppeltür seines Büros schwang auf.
„Kommen Sie herein.“
Die beiden Sicherheitskräfte, die draußen gewartet hatten, betraten das Büro, betrachteten die
schluchzende Ritsuko Akagi nervös.
„Nehmen Sie sie mit, nehmen Sie auch ihre Sachen mit. Bringen Sie Doktor Akagi in ihr
Büro, sie hat heute noch etwas zu tun.“
Er lehnte sich zurück, beobachtete genüßlich, wie die beiden Männer die nackte
Wissenschaftlerin in die Höhe zerrten und zwischen sich hinausschleppten. Sie würden Akagi
so durch das halbe Hauptquartier bringen...
Die Doppeltür glitt wieder zu.
Ikari legte die Waffe in die Schublade zurück, holte stattdessen eine Spritze und eine neue
Ampulle mit der auf ADAM zugeschnittenen Droge hervor...
*** NGE ***
Shinji fror erbärmlich.
Die Kälte war der erste Eindruck, der seine Sinne erreichte. Er öffnete die Augen.
Er war nicht mehr im EntryPlug von EVA-01, sondern befand sich in einer kargen Zelle. Und
er war nackt, man hatte ihm die PlugSuit ausgezogen.
Bibbernd setzte er sich auf.
Auf dem Boden neben der Zellentür lagen seine Sachen.
Shinji rutschte von der Pritsche, auf der er erwacht war, und griff hastig nach seinen Kleidern.
Etwas fiel zu Boden...
Ganz oben auf dem Stapel hatte die Halskette mit dem halben Herzen gelegen, dessen
Gegenstück er Rei-chan geschenkt hatte...
Rei-chan...
Während er sich seine Sachen anzog, kamen die Tränen.
Rei-chan...
Er würde nie wieder ihr Lächeln sehen, würde nie wieder ihre Lippen küssen, nie wieder ihre
zarte Hand streicheln, würde nie wieder neben ihr aufwachen, nie wieder ihren warmen Atem
auf der Haut spüren...
Die Zellentür wurde geöffnet, ein Wachmann deutete ihm mit dem Lauf seiner
Maschinenpistole, die Zelle zu verlassen.
Draußen standen Misato, Kaji und drei weitere bewaffnete Männer.
Misato blickte ihn traurig an, Kaji schüttelte nur schwach den Kopf, wirkte niedergeschlagen.
„So stehenbleiben“, befahl der Mann mit der Waffe. „Hände vorstrecken!“
Jemand legte ihm Handfesseln an, dann wurden auch noch seine Füße aneinandergekettet.
„Das ist doch nicht nötig!“ protestierte Misato.
„Bedaure, Major, Anweisung vom Kommandanten.“ antwortete der NERV-Soldat lakonisch.
„Shinji, es tut mir so leid...“ flüsterte Misato.
Er nickte nur, folgte dann den Bewaffneten.
*** NGE ***
Wie ein Schwerverbrecher wurde Shinji in das riesige Büro geführt, blieb vor dem
Schreibtisch stehen. Er war zum ersten Mal im Büro des Kommandanten, doch es
beeindruckte ihn nicht im geringsten, er verspürte nur Haß...
Gendo Ikari musterte den Jungen wortlos.
Shinji erwiderte den Blick des anderen Ikaris, ohne zu blinzeln.
„Du weißt, weshalb du hier bist.“
„Nein, erzähl´s mir.“
„Befehlsverweigerung, Drohungen gegen einen vorgesetzten Offizier, Mißbrauch von NERVEigentum.“
„Du hast Rei ermordet!“
„Irrelevant. Sind dir deine Vergehen bewußt?“
„Vergehen? Ich werde dich vernichten... und wenn es das letzte ist, was ich tue...“
„Leere Drohungen. Gut, ich sehe, daß dir jede Einsicht und Reue fehlt. Mit einem derartigen
Piloten kann NERV nichts anfangen. Du bist draußen.“
„Darauf habe ich seit einem halben Jahr gewartet. Jetzt bin ich frei. Aber du solltest in
Zukunft immer über deine Schulter blicken...“
„Deine NERV-ID-Karte ist bereits gesperrt. Du hast im Hauptquartier nichts mehr verloren,
ebensowenig in der Geofront. Du wirst Tokio-3 nicht verlassen. Ob Major Katsuragi dich
weiterhin bei sich wohnen läßt, bleibt ihr überlassen, allerdings wird NERV keinen Yen mehr
für dich aufwenden.“
„Ich verstehe. Damit ist wohl alles gesagt...“
Shinji drehte sich um, schleppte sich mit den schweren Ketten in Richtung der Tür.
Gendo überlegte kurz, ob er den Bengel nicht einfach niederschießen sollte für sein
respektloses Verhalten, unterließ es jedoch.
„Die Ketten werden ihm erst abgenommen, wenn er die Geofront verläßt.“ knurrte er.
*** NGE ***
Große Scheinwerfer erhellten die Nacht.
Jeder entbehrliche NERV-Mitarbeiter war für die Aufräumarbeiten eingeteilt worden,
insgesamt waren vier Hundertschaften unterwegs. Ständig fuhren Transporter geborgene
Biomasse in die Geofront, wo die Reste von EVA-00 beseitigt werden würden.
Mit ausdruckslosem Blick verfolgte Ritsuko die Vorgänge. Sie wurde an der Oberfläche nicht
benötigt, Hyuga hatte alles bestens im Griff. Makoto hatte sie schuldbewußt angesehen und
sich dann abgewandt.
Ihre rechte Schulter war völlig taub, doch sie hatte im Spiegel den Handabdruck gesehen, der
sich in ihre ansonsten makellose Haut eingebrannt hatte. - Ikari hatte sie gebrandmarkt...
Man hatte sie nackt durch die Korridore des Hauptquartiers geschleift... nahezu jeder hatte sie
so gesehen...
Ritsuko war nahe daran, nach einem Gebäude Ausschau zu halten, das hoch genug war, um
sich davon herabzustürzen. Allerdings hätte sie das auch leichter haben können, schließlich
trug sie ihre Waffe in der Tasche ihres Laborkittels.
Ihr einziges Interesse hatte dem EntryPlug gegolten und der abstrusen Hoffnung, dort könnte
noch etwas am Leben sein... doch sicher hatte Gendo auch in diesem Fall Vorsorge
getroffen... sicher war irgendeiner der NERV-Sicherheitskräfte beauftragt, in diesem Fall das
First Children zu beseitigen...
Was sie im Plug gefunden hatten, waren ein abgerissener Arm und ein Stück eines Kopfes mit
blauen Haaren gewesen...
Für Ritsuko stand fest, daß Rei tot war. Und dadurch, daß Gendo auf die alten Daten
zurückgreifen würde, würde noch in dieser Nacht ein weiterer Klon den Tank verlassen. Doch
dieser Klon würde mit Rei Ayanami nicht mehr als das Äußere gemeinsam haben...
Akagi wanderte ziellos in die Nacht hinaus. Niemand hielt sie auf, niemand beachtete sie
wirklich und jene, die es taten, blickten schamvoll zu Boden. Ritsuko weinte um Rei-II, die
menschlicher gewesen war, als mancher Mensch, weinte um das Mädchen, das in den letzten
Wochen und Monaten beinahe wie eine Tochter für sie geworden war...
Schließlich ließ sie sich fernab von den Arbeiten auf ein kniehohes Stück einer Mauer sinken,
die einmal die Außenwand eines Gebäudes gewesen war, das nur noch teilweise stand.
Ritsuko verbarg ihr Gesicht in den Händen und ließ den Tränen freien Lauf...
„Ritsuko-san...“
Es war nur ein Flüstern, wie der Nachtwind, der zwischen den Ruinen umherstrich.
Ritsuko schniefte.
Die arme Rei... ein solches Ende verdiente niemand...
„Ritsuko-san...“
Da war es wieder, eine schwache leise Stimme... die Stimme Rei Ayanamis...
Akagi preßte die Hände auf ihr Gesicht.
Was das die Strafe?
Hörte sie die Stimme des toten Mädchens, weil sie an der Konstruktion des DummyPlugs
mitgewirkt hatte?
„Bitte...“
Ritsuko lief es eiskalt den Rücken hinab.
Langsam hob sie den Kopf, blickte in das Dunkel der Ruine, blickte in zwei scharlachrote
Augen, die leicht in der Schwärze zu leuchten schienen.
„Rei...?“
„Ritsuko-san...“ flüsterte die Gestalt in den Schatten.
Akagi konnte ihre Umrisse erkennen, glaubte, Schrammen und eine zerfetzte PlugSuit zu
sehen. Rasch blickte sie sich um, ehe sie über die Mauer kletterte und neben Rei in die Knie
ging.
„Wie ist das möglich?“
„Der Engel... Armisael hat meine Stelle eingenommen...“ wisperte das Mädchen.
„Rei...“
Ritsuko zog sie an sich.
„Du lebst... du lebst...“
„Ich fühle mich so schwach.“
Besorgt ließ Akagi Rei los, berührte ihre Stirn.
„Du bist glühend heiß... du brauchst einen Arzt...“
Sie fluchte lautlos. Rei zu einem Arzt zu bringen, bedeutete, sie zugleich Gendo auszuliefern und der hatte bereits klar gemacht, welchen Stellenwert der Klon für ihn noch hatte...
„Rei, ich kann dich zu keinem Arzt bringen... niemand darf erfahren, daß du noch lebst...“
„Ja, Ritsuko-san... Warum... warum hat Shinji das getan? Warum hat er EVA-00
angegriffen?“
„Rei, das war nicht Shinji. Der Kommandant hat den DummyPlug aktiviert und die
Vernichtung von Einheit-00 befohlen.“
„Der Kommandant... ja... nicht Shinji-kun... nicht meine Liebe... Ich bin krank, nicht wahr?“
„Ja.“
„Ich war noch nie krank.“
„Du... dein Körper kuriert das sicher wieder aus.“
„Mein Magen schmerzt.“
Ritsuko tastete Reis Bauch ab.
„Ich spüre nichts.“
„Ja. Warum... Der Engel wollte kommunizieren... er war kein Feind. LILITH... sie muß
freigelassen werden... Älterer Bruder...“
Sie klang dösig, wurde leiser.
„Rei! Rei, konzentriere dich auf meine Stimme!“
„Ja, Ritsuko-san.“
„Rei, du bist hier nicht sicher. Ich...“
Akagis Gedanken rasten.
Was konnte sie nur tun?
Wenn sie Rei von hier fortbrachte, würde man sie bemerken...
Schnell zog sie ihren Kittel aus, deckte ihn über Rei.
„Hier, das... das wird dich etwas wärmen... Du mußt Tokio-3 verlassen, du bist hier nicht
sicher.“
„Ja.“
„Geh auf den Stadtrand zu. Geh immer geradeaus, du wirst an eine Straße kommen, die von
Bussen frequentiert wird. Du mußt durchhalten, verstehst du?“
„Durchhalten...“
„Das ist ein Befehl.“
„Ja. Durchhalten.“
„Gut. Und...“
Sie holte ihre Brieftasche hervor, entnahm ihr ein Bündel Yen-Noten, drückte es dem
Mädchen in die Hand.
„Das sollte genügen, um in die nächste Stadt zu kommen und ein, zwei Wochen zu
überstehen.“
„Ja... Ritsuko-san, was ist mit Shinji?“
„Ich... ah... er hat NERV verlassen.“
„Würden Sie ihm etwas von mir ausrichten? Bitte, sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe...“
„Das werde ich. Und wenn alles vorbei ist, werden wir kommen und dich suchen. Aber du
mußt solange durchhalten.“
„Das werde ich. Ich habe Hoffnung.“
„Rei... ich... ich muß dich noch etwas fragen... es geht um meine Mutter...“
„Ja. Doktor Naoko Akagi. Ich erinnere mich an sie... aber es sind nicht meine Erinnerungen...“
„Ich weiß. Du warst anwesend, ehe sie sich das Leben nahm.“
„Ja.“
„Was... was hast... was hat Rei-I zu ihr gesagt? Warum hat sie so gehandelt?“
„Ich... die Erinnerung ist verschwommen... ich... Der Kommandant, er wies meine
Vorgängerin an, Ihrer Mutter etwas zu sagen...“
„Ich weiß. Was?“
„Alte Hexe.“
„Alte Hexe?“
„Ja. Er sagte ´nenne sie eine alte Hexe und sage ihr, daß ich sie immer so bezeichne´.“
„Deswegen hat sie Rei-I erwürgt und sich das Leben genommen?“
„Ja. Sie hat ihn geliebt.“
„Sie auch? Meine Mutter hat er auch... Mein Gott...“
„Es tut mir leid.“
„Es ist gut, daß ich endlich den Grund kenne. Rei, ich muß gehen... ich... ich wünschte, ich
könnte dir helfen, aber allein bist du besser dran. Du mußt durchhalten.“
„Ja. Ich habe verstanden.“
*** NGE ***
Rei hatte Doktor Akagis Anweisungen befolgt, nachdem diese sie verlassen hatte und es in
der Nähe still geworden war, und war zum Stadtrand gegangen. Nein, eigentlich hatte sie sich
vorangeschleppt. Jeder Schritt war eine Qual gewesen.
Schließlich hatte sie die Häuser hinter sich gelassen und war querfeldein in die bewaldeten
Hügel gegangen. Und irgendwann hatte sie eine Lichtung mit einem klaren See erreicht, an
dessen Ufer ein Zelt stand.
Mit schwindenden Kräften kroch sie unter die Zeltplanen, rollte sich schweratmend
zusammen und schloß die Augen.
Ihr war, als würde sie innerlich verbrennen...
*** NGE ***
Schweigend saß Shinji neben Misato im Wagen, die Hände derart zu Fäusten geballte, daß die
Fingerknöchel weiß hervortraten und seine kurzen Nägel sich in die Haut bohrten.
Schweigend folgte er ihr die Treppenstufen hinauf in die Wohnung.
Misato verspürte einen dicken Kloß im Hals.
Was sollte sie nur zu ihm sagen, wie konnte sie ihn nur trösten, wie ihm ein wenig über seinen
Schmerz hinweg helfen... Rei war seine erste Liebe gewesen, und dieses vielleicht reinste aller
Gefühle war durch die Tat seines Vaters zerstört worden...
Unschlüssig sah Shinji sich im kombinierten Wohn- und Eßzimmer um.
Der Ort erschien ihm so leblos und kalt. Alles erschien ihm leblos und kalt, so als hätte sich
die Sonne selbst verdunkelt.
Er spürte Misatos teilnahmsvollen Blick, doch gerade jetzt fühlte er sich außerstande, sich
einem anderen Menschen zu öffnen.
„Shinji-kun... wenn ich irgendwie...“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich bin im Bad...“
Schlurfend ging er auf die Badezimmertür zu.
Misato wandte sich mit traurigem Blick ab und betrat ihr Zimmer, um sich umzuziehen.
Schon mehrfach hatte es so ausgesehen, als hätte das Pilotenteam ein Mitglied verloren, doch
dieses mal würde es wohl kein Wunder geben, keinen EVANGELION, der sich aus eigener
Kraft aus dem Inneren eines Engels befreit, keine wissenschaftliche Methode, den zu LCL
aufgelösten Piloten zu bergen, kein geheimnisvoller Speer, mit dem ein EVA aus der Tiefe
des Dogmas auftaucht, um ein ansonsten undurchdringliches AT-Feld zu durchbrechen...
Als Misato aus ihrem Raum kam, holte sie sich zuerst ein Bier aus dem Kühlschrank. Sie
wollte die Dose öffnen, verharrte jedoch in der Bewegung.
Es war so still...
Sie hörte kein laufendes Wasser, auch ansonsten war es in ihrer Wohnung völlig ruhig.
Und in der Küchennische fehlte eines der langen Messer im Messerblock...
Misato riß die Augen auf.
„Shinji!“
Mit zwei Schritten war sie an der Badezimmertür, stieß sie mit der Schulter auf.
„Shinji...“
Der Junge saß auf dem hinuntergeklappten Toilettendeckel, das Gesicht in den Händen
verborgen und weinte leise. Neben ihm auf dem Rand der Badewanne lag das vermißte
Messer.
Rasch griff Misato zu und zog die Waffe aus seiner Reichweite. Dann ging sie neben ihm in
die Knie und nahm ihn in die Arme.
„Mein armer Kleiner...“
„Misato... es tut so weh...“
Er nahm die Hände hinunter und legte die rechte auf sein Herz.
„Ich weiß, Shinji, ich weiß... Aber du darfst nicht... das Messer... Das hätte Rei nicht gewollt.“
„Aber es ist so schwer... ich hatte die Klinge bereits an meinem Handgelenk... nur... mir ist,
als wäre Rei immer noch da, als könnte ich sie spüren... irgendwo in der Ferne... Misato,
warum hat er das getan? Warum hat er EVA-01 gezwungen, sie zu töten? Die
Synchronverbindung... es war, als würde ich EVA-00 mit meinem eigenen Händen zerfetzen...
ich habe sie getötet... ich habe Rei-chan auf dem Gewissen...“
„Nein, Shinji... es ist nicht deine Schuld. Du darfst das nicht glauben... dann hätte dein Vater
gewonnen. Ich weiß nicht, weshalb er diesen Befehl gegeben hat. Aber er wird sich dafür
verantworten müssen, das verspreche ich dir... ich werde einen Bericht an den UNSicherheitsrat schreiben... Kaji und Ritsuko werden sicher auch unterschreiben. Gendo Ikari
muß als Kommandant von NERV abberufen werden... und er muß vor ein Gericht gestellt
werden... wegen Mordes!“
„Er ist nicht mein Vater...“
„Oh, Shinji, ich verstehe, daß du nichts mehr mit ihm zu tun haben willst...“
„Nein, er ist wirklich nicht mein Vater. Mutter hat es mir gesagt... als ich in EVA-01
feststeckte. Sie war auch da.“
„Deine Mutter? Ach, mein armer Shinji... du brauchst Ruhe...“
„Du glaubst mir nicht...“ murmelte Shinji. „Ja... Rei-chan...“
Wieder begann er zu schluchzen.
Eine Ewigkeit später klingelte das Telephon. Es war bereits mitten in der Nacht.
Misato ließ Shinji zögernd los.
„Ich gehe kurz ran.“
„Hm...“
Sie nahm das Messer mit und trat in den Korridor, nahm den Hörer ab.
„Ja?“
Das Messer fiel zu Boden.
„Wir kommen!“
Misato warf den Hörer auf die Gabel.
„Shinji!“
*** NGE ***
Mit quietschenden Reifen kam Misatos Wagen in der Garage des Hauptquartiers zum Stehen.
Misato und Shinji sprangen heraus, rannten zum Eingang.
Der dort postierte Wachmann hob die Hand.
„Der Junge hat keine Berechtigung mehr, das Hauptquartier zu betreten, Major!“
Misato schob ihn einfach beiseite.
„Schwärzen Sie mich doch beim Kommandanten an!“
*** NGE ***
Shinji riß die Tür des Krankenzimmers auf.
Tatsächlich...
Auf dem Bett saß ein zerbrechlich wirkendes Mädchen mit blauem Haar und roten Augen, es
trug ein Nachthemd und war am halben Körper bandagiert.
„Rei!“
Shinji stürmte in das Zimmer, wollte sie kräftig umarmen, bremste sich aber im letzten
Moment aus Rücksicht auf ihre Verletzungen, so daß seine Umarmung nur sehr leicht ausfiel.
„Rei, du lebst...“
Das Mädchen in seinen Armen versteifte sich, schob ihn zurück.
„Warum tust du das?“
„Ah? Was? Ich... uh...“
„Wer bist du?“
Die Stimme war völlig emotionslos, ebenso das Gesicht und die Augen.
Emotionslos und... leblos...
Shinji wich einen kurzen Schritt zurück.
„Rei-chan, ich bin es doch, Shinji... dein Shin-chan...“
„Ich kenne dich nicht.“
„Urgh... aber... wir... wir kennen uns doch schon seit... seit Monaten... Rei-chan, erinnerst du
dich nicht?“
„Ich kenne dich nicht.“ wiederholte sie.
„Nein... das kann doch nicht... Rei-chan, wir haben zusammen gewohnt... wir haben... uh...
wir haben uns ein Bett geteilt... und... daran mußt du dich doch erinnern...!“
„Nein. Ich bin wohl die Dritte.“
„Agh... agh... agh...“
Langsam wich Shinji zur Tür zurück. Seine Knie zitterten unkontrolliert.
Was auch immer dieses Wesen auf dem Bett war, es war nicht seine Rei-chan... es hatte ihr
Gesicht und ihren Körper, aber nicht ihre Seele...
Er warf sich herum und rannte aus dem Raum.
Erst an der Tür am Ende des Korridors hielt er inne, als er beinahe Misato über den Haufen
rannte.
„Shinji, du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hättest...“ flüsterte Misato verständnislos.
„Misato, das... das ist nicht Rei...“
„Aber... sie sieht doch aus wie sie und...“
Neben ihnen wurde eine Tür geöffnet.
Ritsuko Akagi winkte sie in den dahinterliegenden Raum.
„Ritsuko, was...“
Akagi nahm einige Einstellungen mit ihrer Fernsteuerung vor.
„Ikari hat meine Befugnisse zwar sehr stark beschnitten, aber die hier hat er vergessen, mir
wegzunehmen... zum Glück gibt es für das Überwachungssystem ein paar blinde Flecken...“
Sie sah Shinji mit Bedauern in den Augen an.
„Du hast sie schon gesehen, nicht wahr?“
„Agh... ja... das... das kann unmöglich...“
„Es tut mir leid, Shinji. Ich bin zu spät gekommen, eigentlich wollte ich das vermeiden...“
„Ritsuko, was ist hier los?“ fragte Misato mit schneidender Stimme. „Was ist mit Rei?“
Ritsuko schloß kurz die Augen und atmete tief durch.
„Um das zu verstehen, müßt ihr mir ins TerminalDogma folgen... allerdings könnte es sein,
daß die Antwort euch nicht gefällt... besonders dir nicht, Shinji.“
„Doktor Akagi... ich muß wissen...“
„Gut. Kommt mit...“
In der Rückwand des Raumes befand sich eine weitere Tür, die von Regalen verstellt war.
Akagi riß eines der Regale einfach um, öffnete dann die Tür. Dahinter lag ein spärlich
beleuchteter Korridor mit einem Panzerschott am Ende.
Und hinter diesem Schott war ein Aufzug.
„Ikari hat das ganze Hauptquartier als riesiges Labyrinth gestaltet... und wir sind wie ein
Rudel Versuchsratten...“ murmelte Ritsuko, während sie weitere Einstellungen vornahm und
die Lifttüren aufgleiten ließ.
Es ging abwärts.
„Shinji, das Wesen, das du im Krankenzimmer gesehen hast, ist Rei - und es ist sie nicht.“
„Wie... wie...“
„Es ist die Dritte... wie soll ich dir das nur erklären... Du erinnerst dich, daß Rei immer wieder
gesagt hat, sie sei ersetzbar?“
„Ja.“
Die Aufzugtüren sprangen auf.
Akagi gab ihren Begleitern Zeichen, sie sollten sich beeilen.
Es ging einen schmalen Korridor hinunter, dann durch eine Reihe von Laboratorien.
Und schließlich betraten sie einen Raum, dessen markantestes Einrichtungsmerkmal eine
Stahlsäule war.
„Das ist der DummyPlug, oder besser, das Herzstück der Anlage. Die Fernsteuerung der
EVAs... aber nicht mehr lange...“
Sie tippte eine Reihe von Befehlen in ihren Palmtop ein, doch ohne daß etwas sichtbares
geschah. Im Inneren der Säule jedoch zerfiel Rei-00 und löste sich in LCL auf...
„Kommt weiter. Im nächsten Raum warten alle Antworten...“
Der nächste Raum hatte ein Sichtfenster, welches sich über eine ganze Wand hinzog,
allerdings war das Glas undurchsichtig.
Ritsuko blickte Misato und Shinji an.
„Shinji, ich kann die Verspiegelung aufheben und dir zeigen, was dahinter liegt. Aber es ist
auch die Wahrheit über Rei.“
„Die Wahrheit?“
„Ja. Die Wahrheit darüber, was mit ihr passiert ist, die Wahrheit, woher das Wesen im
CentralDogma herkommt, die Wahrheit über ihre Abstammung.“
„Uh...“
„Ritsuko, jetzt erzähl doch endlich...“
„Der DummyPlug basiert auf Rei... wir haben ihre Erinnerungen, ihre Erfahrungen, alles was
sie ist, alles was sie ausmacht, in regelmäßigen Abständen kopiert und auf das System
übertragen.“
„Dann... Ritsuko, das darf doch nicht wahr sein... wenn der DummyPlug gewissermaßen Rei
ist, dann...“
„Dann hat sie sich selbst vernichtet? - Ja. Kaum zu glauben, daß auch Maschinen zu
Eifersucht fähig sind, nicht wahr?“
„Und... aber... Doktor Akagi, was ist dann mit... uh... mit der... ah... Rei oben?“
Akagi drückte einen Knopf auf ihrer Fernbedienung.
Und die Scheibe des Beobachtungsfensters wurde durchsichtig...
Hinter der Scheibe schwammen zahllose nackte Körper in klarem LCL.
Jeder Körper war weiblich, hatte blasse Haut, blaues Haar und scharlachrote Augen...
„Rei...“ flüsterte Shinji gleichsam überrascht und schockiert.
Die zahllosen Reis öffneten die Augen, sahen Shinji an, fixierten ganz allein ihn und
lächelten.
Doch ihr Lächeln war ohne jedes Gefühl, war nur eine Muskelbewegung...
Misato stützte sich auf die Schaltapparaturen an der Seite.
„Was ist das für ein Ort?“
„Hier wurde Rei geboren, in diesem Tank.“
„Agh...“ gurgelte Shinji.
Ritsuko blinzelte.
Dann ließ sie das Sichtfenster wieder undurchsichtig werden.
„Projekt R... Projekt Rei. Begonnen von Yui Ikari, um auf künstlichem Wege mittels Cloning
Piloten für die EVAs zu erschaffen. Grundlage war die DNA des Engels, welcher sich
ebenfalls im TerminalDogma befindet, sowie ein wenig menschliche DNA zur Stabilisierung
des Äußeren. Allerdings war nur eine Handvoll der Klone zur Erfüllung ihrer Aufgaben
fähig... und der beste von ihnen...“
Sie senkte den Blick.
Doch sie mußte es Shinji erzählen, er mußte es wissen, sonst würde die Existenz einer
weiteren Rei für immer zwischen ihm und Rei-II stehen. Doch wenn er dieses Wissen
verkraftete, dann war er Reis Liebe würdig...
„Rei-chan ist ein Engel?“ stieß Shinji hervor.
„Größtenteils.“
Plötzlich lachte der Junge.
„Ich kann das nicht glauben... ich kann einfach nicht... nicht meine Rei-chan...“
Abrupt brach er ab, starrte Ritsuko an.
„Ich trage ein S2-Organ in der Brust... aus der DNA eines Engels... macht mich das nicht auch
zu einem Engel?“
„Gewisserweise.“
„Gut... es gibt also mehrere... Rei-chan hatte also viele Zwillingsschwestern... warum leben
sie in diesem Tank?“
In seinen Augen flackerte es unstet.
„Außerhalb des LCL können sie nicht existieren - sie haben keine Seelen. Es gibt für Rei nur
eine Seele, die von einem Klon zum nächsten wandert, wenn der aktive Klon stirbt.“
„Aber... die Rei oben im Krankenflügel... das ist nicht Rei... niemals...“
„Nein, du hast recht. Rei-III hat nicht dieselbe Seele wie Rei-II. Dein Vater mußte
improvisieren, er glaubt im Moment noch, daß die Rei-Seele verloren gegangen sei, deshalb
hat er ein weiteres Seelenfragment aus dem Engel extrahiert und auf Rei-III übertragen.“
„Uh...“
„Er glaubt, daß der Engel das Tor zur Kammer von Gaf darstellt, den Ursprung aller
unschuldigen Seelen.“
Misato blickte Ritsuko an, als wäre dieser ein zweiter Kopf gewachsen.
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Doch. Hier siehst du das Kernstück von Ikaris Plänen. Ein Wesen, geschaffen aus einer
Verbindung von Mensch und Engel... ein Nephilim... nur deshalb akzeptierte EVA-00 Rei als
Piloten, weil sie aus derselben Urmaterie geschaffen wurde, wie er selbst.“
„Doktor Akagi... was heißt das? Was bedeutet das alles? Was ist mit Rei-chan? Sie hat doch
Gefühle... ich...“
„Die besaß Rei-II. Und ich hatte dafür gesorgt, daß ihre Erinnerungen und Gefühle konserviert
werden, allerdings ist Ikari dahintergekommen... Rei-III befindet sich auf dem Stand von vor
über einem Jahr. Sie kennt dich nicht, Shinji, und sie kennt auch dich nicht, Misato.
Eigentlich kennt sie nur Ikari; er hat sie entsprechend konditioniert.“
„Aber... wenn Sie ihre Erinnerungen haben... können Sie die dann nicht einfach...“
Shinji verstummte, schüttelte den Kopf.
„Es wäre nicht dasselbe, nicht wahr? Ohne ihre Seele...“
Plötzlich trugen ihn seine Beine nicht mehr.
Die Kraft, welche er aus der Hoffnung, Rei-chan wäre lebend gefunden worden, geschöpft
hatte, war aufgebraucht. Er ging einfach zu Boden, stürzte sich auf Hände und Knie ab und
lief den Kopf hängen, gab schluchzende Laute von sich.
„Ich kann ohne sie nicht weiterleben... aber... Vater... darf nicht damit davonkommen...“
„Ja, Shinji, ist es dir denn egal, was ich dir gerade berichtet habe? Daß Rei kein Mensch war,
daß sie nicht als solcher geboren wurde?“
„Sie war ein Mensch!“ brüllte Shinji. „Sie hatte eine Seele... ich habe sie geliebt! Ich würde
mit Freuden sterben, wenn ich dadurch die Zeit zurückdrehen könnte! Es ist mir egal, als was
sie geboren wurde... sie hatte eine Seele... sie hatte Gefühle... sie konnte lieben...“
Er hämmerte mit den Fäusten gegen den Boden.
Ritsuko nickte knapp.
„So sehr hast du sie geliebt?“
„Ja...!“
„Ritsuko...“ setzte Misato an, die nicht einsah, weshalb ihre älteste Freundin Shinji derart
quälte.
Doch Ritsuko ignorierte sie.
„Sie wird die Stärke deiner Liebe brauchen.“
„Was?“
Shinji blickte mit geröteten Augen auf.
„Shinji, Rei, deine Rei, lebt. Sie hat die Vernichtung des EVAs überstanden. Ich bin ihr vor
etwas mehr als einer Stunde begegnet.“
„Sie... sie lebt?!“
„Ja. Ich konnte sie nicht mitnehmen... dein Vater hätte sie beseitigen lassen... deshalb habe ich
sie in Richtung Yasakamwa geschickt, das ist ein Dorf nördlich von Tokio-3.“
„Sie lebt? Sie ist am Leben?“
„Wenn ich es dir doch sage.“
Shinji sprang auf.
„Misato, wir müssen...“
„Ja!“
Katsuragi sah Ritsuko finster an.
„Warum hast du das nicht oben gesagt?“
Ritsuko seufzte.
„Er mußte es erfahren.“
„Darüber sprechen wir noch...“
Damit eilte sie Shinji nach, der bereits in Richtung des Aufzuges lief.
„Wartet auf mich, ich muß euch den Lift öffnen!“
*** NGE ***
Die Fahrt an die Oberfläche schien endlos gewesen zu sein.
Mehr als eine knappe Wegbeschreibung hatte Ritsuko ihnen nicht mit auf den Weg gegeben,
weshalb Misato ihren Wagen am Stadtrand stehenließ und Shinji folgte, der mitten in den
nächtlichen Wald hineinlief.
Shinji konnte vor lauter Tränen kaum etwas sehen.
Rei lebte... seine Rei-chan war am Leben!
Erst der Schock, einer leeren Kopie von Rei-chan zu begegnen, dann Doktor Akagis
Enthüllungen und schließlich die Nachricht, daß sie noch lebte...
Fast blind stolperte er durchs Unterholz, dabei in sich hineinhorchend, versuchend, ihre
Gegenwart wahrzunehmen... er hatte es doch insgeheim gewußt, hatte ihre Präsenz doch die
ganze Zeit über gespürt... und nie war sie ihm ferner erschienen, als er dem anderen Mädchen
begegnet war... Rei-III... welche Teufelei seines Vaters steckte nur dahinter... Rei-III... ReiII... Rei-00 - der DummyPlug, deshalb also die seltsame Bezeichnung... - und Rei-I? Gab es
irgendwo noch ein weiteres Abbild?
Aber eigentlich war ihm das völlig egal, er wurde nur von der Hoffnung, seine geliebte Rei
wiederzusehen, vorangetrieben.
Doktor Akagi hatte jetzt vor etwa anderthalb Stunden mit ihr gesprochen... fast neunzig
Minuten, die Rei-chan Vorsprung hatte... wie sollten sie sie nur einholen...
Misato schien denselben Gedanken gehabt zu haben, vielleicht lag es auch daran, daß die
zahlreichen Äste blutige Schrammen auf ihren Beinen hinterlassen hatten.
„Wir sollten zum Wagen zurückgehen und bis zum Morgen warten, dann suchen wir sie auf
der Landstraße...“
„Nein... Misato, nein... Ich kann sie fühlen...“
„Du kannst?“
„Ja... Sie ist irgendwo dort vorn...“
Wie ein Licht in der Finsternis...
Sein S2-Fragment pulsierte stärker, versorgte ihn mit neuer Kraft, die ihn vorantrieb. Und mit
dem Kraftschub ging eine Schärfung seiner Sinne einher, plötzlich war er imstande, im
schwachen Licht der Sterne beinahe so gut zu sehen wie an einem wolkenverhangenen Tag.
Rei-chan war irgendwo in der Nähe... er mußte weiter, konnte jetzt nicht umkehren...
Ohne es zu bemerken, hängte er Misato ab, während er sich seinen Weg durch den Wald
bahnte.
Trotz seiner Nachtsicht stolperte er völlig unerwartet auf die Lichtung mit dem See.
Shinji sah sich kurz um. Er kannte diesen Ort, hier war er bereits einmal gewesen, damals, als
er nach seinem zweiten Kampf gegen einen Engel ziellos umhergewandert war.
Und Kensukes Zelt stand immer noch am Seeufer, anscheinend hatten Aidas bei ihrer Abreise
es entweder vergessen oder nicht mehr holen wollen...
Engel... er hatte gegen so viele von ihnen gekämpft und sie vernichtet.
Und dann begann er nicht nur, einem von ihnen, Nagisa-kun, zu vertrauen, nein, jetzt erfuhr er
auch noch, daß Rei-chan selbst ein Engel war... oder zum Teil ein Engel war... aber durch das
S2-Organ, welches ansonsten nur die Engel besaßen, wurde er doch auch zu einem teilweisen
Engel... wenn das herauskam, stand er wohl auch auf der Liste der Feinde...
Rei-chan...
Sie war nahe, ganz nahe...
Shinji glaubte, das Pochen ihres Herzens hören zu können, vermeinte, den Duft ihres Haares
riechen zu können, so sehr konzentrierte er sich auf sie.
„Rei-chan...“ flüsterte er.
Nur wo war sie...
Das Zelt!
War es Zufall oder eine Fügung des Schicksals, daß Kensuke sein Zelt zurückgelassen hatte?
Eilig lief Shinji hinüber, schlug die Zeltbahnen zurück.
Tatsächlich...
Auf dem Boden, auf einem Haufen zusammengeschobener Blätter, lag Rei Ayanami zu einem
Ball zusammengerollt und am ganzen Leib zitternd.
Shinji kroch zu ihr in das Zelt, zog sie in seine Arme.
„Rei-chan...“
Sie hing so seltsam kraftlos in seinen Armen...
„Rei? Rei, wach auf... bitte...“
Er streichelte ihre Wange.
So heiß...
Shinji zuckte zusammen, legte die Hand auf ihre Stirn.
Rei-chan glühte regelrecht!
„Rei-chan...“
Ihre Augenlider hoben sich flatternd.
Rei hatte Schwierigkeiten, ihren Blick zu fokussieren, ihr Kopf war wie in dicke Watte
verpackt.
„Shinji?“ flüsterte sie schwach.
Er drückte sie fester an sich.
„Ja, ich bin es. Rei-chan, ich habe dich wiedergefunden... ich dachte, ich hätte dich
verloren...“
Kraftlos hob sie eine Hand, berührte sacht sein Gesicht, strich mit den Fingerspitzen über
seine Lippen.
„Wahrheit... du bist kein Traum...“
„Rei-chan, wieso sollte ich ein Traum sein... ich bringe dich nach Hause...“
„Doktor Akagi sagte... ich solle die Straße suchen... und Tokio-3 verlassen...“
„Du bist krank...“
„Ja.“
Von draußen konnten sie Misato rufen hören: „Shinji, wo bist du?“
„Siehst du, Rei-chan? Misato ist auch hier, alles wird gut.“
„Shin-chan... so schwach...“
„Ja... - Misato, wir sind hier! - Rei, der EVA...“
„Ich weiß... der DummyPlug...“
„Uh... ja...“
Misato blickte in das Zelt hinein, konnte nur zwei schemenhafte Umrisse sehen.
„Shinji, hast du sie gefunden?“
„Ja, Misato. Rei ist krank, wir müssen uns beeilen... - Rei-chan, überlaß alles mir, ja?“
„Ich vertraue dir... mit meinem Herzen...“ kam die schwache Antwort.
Shinji hob sie auf die Arme, rutschte aus dem Zelt, trug sie zurück zum Wagen...
*** NGE ***
„Sie sieht nicht gut aus...“ sagte Misato und blickte in den Rückspiegel.
Rei lag unter einer Decke, die sich in Misatos Kofferraum befunden hatte, auf der Rückbank,
ihr Kopf lag auf Shinjis Schoß. Shinji saß hinter Misato, hatte aber nur Augen für Rei, strich
immer wieder über ihre Stirn.
„Sie braucht einen Arzt, Misato.“
„Ich bringe sie ins Krankenhaus.“
„Kein Krankenhaus... kein Arzt... Doktor Akagi sagte... der Kommandant...“
Misatos Blick wurde hart wie Stirn.
„Gut, kein Arzt. Ikari erfährt sonst, daß sie noch am Leben ist. Wir bringen sie nach Hause
und pflegen sie da... wie konnte Ritsuko sie nur in diesem Zustand...“
„Ritsuko-san konnte nicht anders...“ flüsterte Rei.
Shinji wiederholte die Worte laut.
„Okay, wir sind gleich da...“
Misato trat das Gaspedal durch.
Kapitel 53 - Ikaris Fall
Misato half Shinji, Rei aus dem Wagen zu heben, allerdings ließ der Junge es sich nicht
nehmen, Rei selbst auf den Armen zu tragen.
Sie war so leicht... wie eine Feder...
Shinji war sich nicht sicher, ob dies an den zusätzlichen Kräften lag, welche ihm das S2Organ verlieh, an dem Adrenalinschub oder nicht doch an ihrer Krankheit.
Die ganze Zeit über, die er sie bereits kannte, war sie nie krank gewesen, verletzt, ja, aber nie
krank. Sie hatte nie gehustet oder geniest - außer wenn er das Essen etwas zu kräftig gewürzt
hatte oder wenn beim Putzen Staub aufgewirbelt worden war... und jetzt schien sie vor Fieber
zu glühen...
Eilig hastete er Misato durch die kühle Nachtluft hinterher zum Hauseingang, dachte nur an
das Mädchen auf seinen Armen...
*** NGE ***
„Wir müssen sie ersteinmal aus der PlugSuit herausholen...“ sagte Misato, als sie Shinji in die
Wohnung ließ, und eilte sogleich ins Bad, um heißes Wasser in die Wanne laufen zu lassen.
„Bring sie her, schnell...“
Reis PlugSuit war an verschiedenen Stellen aufgerissen und an den entsprechenden Rändern
mit bereits verkrustetem Blut verschmiert, allerdings wies Rei keine Kratzer oder Schrammen
auf, ihre Haut war unversehrt, wie die beiden feststellten, als sie das Mädchen ins Wasser
ließen.
Rei bewegte mit geschlossenen Augen die Lippen, sagte aber kein hörbares Wort.
Shinji legte die Hand auf ihre Wange.
„Sie fühlt sich so heiß an... Misato, was können wir nur tun?“
„Erstmal den Dreck von ihr ´runterwaschen... dann packen wir sie warm ein und flößen ihr
Tee und Brühe ein. So kann sie ihre Krankheit ausschwitzen. Und wenn ich morgen zur
Schicht gehe, sorge ich dafür, daß Ritsuko hier vorbeikommt... oder wenigstens Maya...“
„Ich werde über sie wachen.“
Misato nickte mit schwachem Lächeln.
Shinji griff nach einem Lappen, tauchte ihn ins Wasser und begann sacht, Reis Gesicht zu
waschen, dann ihren Hals und nach kurzem Zögern ihre Brust.
Im Wissen, daß das Mädchen bei Shinji in den besten Händen war, verließ Misato das Bad
und wechselte in die Küche über, um Tee aufzusetzen.
„Rei-chan, du mußt gesund werden“, murmelte Shinji, während er Schmutzstreifen von ihrem
rechten Arm abwusch.
Seltsam, die PlugSuit war zerrissen und sicher hatte Rei bei ihrem Marsch durchs Unterholz
Kratzer davongetragen - doch davon war nichts zu sehen, ihre Haut war glatt und makellos.
Ihre Regenerationskräfte wirkten also noch und heilten ihre Wunden binnen kurzer Zeit, aber
warum hatte sie dann immer noch Fieber?
Waren ihre Selbstheilungskräfte vielleicht überlastet? Dann war sie kränker, als es aussah,
dann benötigte sie unbedingt Hilfe von Doktor Akagi oder jemandem mit gleichen
Qualifikationen...
„Ich rufe Doktor Akagi kann, sicher kann sie gleich kommen...“
Shinji wollte sich aus der hockenden Position neben der Wanne aufrichten, als sie kraftlos
sein Handgelenk umfaßte.
„Nicht... Ritsuko-san hat gesagt... kein Arzt... der Kommandant darf nicht erfahren, daß ich
noch lebe...“
Shinji blickte in ihre müden Augen.
„Aber sie kann dir vielleicht helfen!“
„Kommandant Ikari... Augen und Ohren überall... Shinji, ich bin... Armisael... großer
Bruder... ich gehöre zu ihnen... ich bin ein Engel...“
„Ich weiß“, flüsterte er und strich sanft über ihren Handrücken. „Aber es macht nichts. Du bist
Rei... du bist einzigartig...“
„Es macht dir nichts aus?“
„Nein. Ich weiß auch von... uh... den anderen... ahm... denen, die so aussehen wie du...“
„Du weißt... meine Schwestern...“
„Ja. Da war eine andere... uh... Rei im Hauptquartier... Die... uhm... die Dritte...“
„Ja...“
„Aber... ich wußte gleich, daß du es nicht warst... sie ist nicht einmal... uhm... ein Schatten
von dir...“
„Du hast mich gefunden...“
„Ich wußte, wo ich suchen mußte.“
„Shin-chan, ich glaube an dich...“
Rei schloß die Augen, ihre Mundwinkel formten ein dünnes Lächeln.
„Ahm...“
„Ich fühle mich so schwach... so schwach habe ich mich nicht einmal gefühlt, nachdem EVA00 amokgelaufen war...“
„Als du so schwer verletzt wurdest...“
„Ja. Jetzt ist es, als würde ich innerlich verbrennen...“
Sie übte einen leichten Zug auf seine Hand aus, legte sie auf ihren Bauch.
„Spürst du es?“
„Uh... nein, Rei-chan... ich... ah... es fühlt sich ganz normal an...“
„Es ist, als hätte ich einen Brennofen verschluckt... Armisael war... einen kurzen Augenblick
lang waren wir eins...“
Einen langen Moment fragte er sich, ob der Engel nicht etwa Rei geschwängert hatte,
verneinte diesen seltsam beängstigenden Gedanken aber sogleich - Rei-chan hatte ihm doch
selbst gesagt, daß sie nicht fähig war, Kinder zu bekommen. Also mußte der Engel etwas
anderes in ihr zurückgelassen haben... Sicher würde Doktor Akagi die Antwort kennen, wenn
Misato sie am Morgen herbeiholen konnte. Und bis dahin würde er über Rei wachen...
„Ahm, Rei-chan, ich lasse jetzt das Wasser ab... um... uh... um dich abzutrocknen... und dann
bringe ich dich ins Bett... ahm...“
„Wirst du mich halten?“
„Uh... ja.“
„So schwach... ich war noch nie so schwach... es ist... furchteinflößend...“
„Furcht? Rei-chan, bitte, du darfst keine Angst haben... du wirst wieder gesund werden...“
„Aber so kann ich dich nicht beschützen...“
„Ich werde auf uns beide aufpassen.“
Methodisch begann er damit, sie abzutrocknen, dann hob er sie in das Badetuch gewickelt aus
der Wanne.
„Du bist stark, Shin-chan...“ wisperte sie, die Stirn gegen seine Wange gepreßt.
„Das... ahm... das kommt von dem S2-Organ... uhm...“
„Nein, es ist deine Stärke.“
Shinji trug sie aus dem Bad, in der Wohnung roch es nach Tee und Hühnerbrühe.
„Shinji, setz sie gleich an den Tisch, ich bin gerade fertig geworden.“
„Was... uh... was hast du denn gekocht?“
„Hühnerbrühe, die verleiht neue Kräfte.“
„Uhm, Misato...“
„Misato-san, ich kann kein Fleisch essen.“
„Oh... also dann...“
Misato seufzte.
„Daran hätte ich denken müssen... Wartet mal, ich müßte doch noch... ja, da habe ich ja noch
Gemüsebrühe... instant... ich koche sie sofort auf.“
„Ich bringe Rei ins Bett“, erklärte Shinji.
„Shin-chan, du brauchst mich nicht die ganze Zeit zu tragen.“
„Du mußt deine Kräfte schonen“, erwiderte er leise und trug sie in den hinteren Raum, wo
Misato bereits die Bettdecke zurückgeschlagen und zwei weitere Decken bereitgelegt hatte.
Als er Rei aus dem Handtuch rollte, hatte ihr Anblick nichts erregendes für ihn, er verspürte
nur den Wunsch, sie möge so schnell wie möglich wieder genesen.
Rasch deckte er sie zu.
Misato kam mit der Teekanne und einem Becher.
„Hier.“
*** NGE ***
Wütend blickte Ikari auf seine veränderte Hand. Bisher waren alle seine Versuche, ADAM
unter Kontrolle zu bekommen, gescheitert. Aber er benötigte diese Kontrolle über den Ersten
Engel, um sein Ziel zu erreichen, es genügte nicht, ADAM mit immer größeren Mengen der
Droge einzuschläfern... Akagi mußte eine Variante des Mittels entwickeln, die auch den
Willen des Engels lähmte...
Und dann war da noch das Problem mit dem Rei-Klon.
Anders als erwartet war die Rei-Seele nicht beim Tod von Rei-II in der eigens dafür
vorbereiteten Auffangvorrichtung gelandet, anders als berechnet hatte das PROPHETInterface der MAGI die Seele nicht angelockt wie Zuckerlösung eine Ameise.
Das Seelenfragment, das er mit Hilfe der MAGI aus LILITH extrahiert hatte, war alles andere
als stabil, die Stärke des AT-Feldes des dritten Klones war Schwankungen unterworfen. Auf
der anderen Seite war dieser Klon imstande gewesen, ein Fragment des S2-Organes des
vierten Engels, Shamshiel, in sich aufzunehmen. Jetzt mußte der Klon nur noch lange genug
dem Drang widerstehen, sich in eine LCL-Pfütze aufzulösen, aber in dieser Beziehung hatte
Ikari keine Bedenken, die Version von Reis Persönlichkeit, welche er benutzt hatte, um den
Klon zu prägen, war frei von fremden Einflüssen, für Rei-III war er Gott. Und das Privileg, in
seiner Gegenwart existieren zu dürfen, war alles, wonach sie sich sehnte... die Klone waren
erschaffen worden, um zu dienen... und diese Närrin Yui hatte gedacht, er verfolge die
Interessen der Menschheit, wollte die Welt retten. Ebenso wie NERV sollten die Klone
ausschließlich ihm dienen, ihrem Gott... und wenn es gelungen wäre, mehr als eine stabile
Seele aus LILITH zu extrahieren, hätte er der anderen Piloten nicht bedurft, so jedoch hatte er
auf den Ausweichplan zurückgreifen müssen... 100 Ungeborene, die noch im Fötusstadium
mit der DNA LILITHs infiziert worden waren, einer von ihnen Yuis Sohn... er hatte dadurch
eine neue Unterart des Menschen erschaffen, hatten den legendären Nephilim der Bibel neues
Leben eingehaucht - war dies nicht mit dem Werk eines Gottes gleichzusetzen?
Und dennoch begehrten seine Schöpfungen gegen ihn auf...
Zuerst Yuis Sohn - was anderes hätte er auch von dem Bengel erwarten können, schon seine
Mutter hatte sich ihm nicht unterordnen wollen, als sie ihn zu durchschauen begann -, dann
der zweite lebensfähige Rei-Klon, der jemals den Tank verlassen hatte, natürlich war das die
Schuld des Third Children gewesen, aber allein die Tatsache, daß der Klon sich von jemand
anderem hatte beeinflussen lassen, sprach bereits Bände. Doch mit Rei-III würde sich das
nicht wiederholen...
Die Reaktion des Klons auf die erste Begegnung mit Yuis Sohn war für Ikari höchst
befriedigend gewesen. Der Klon hatte den liebestollen Bengel kalt zurückgestoßen, hatte ihn
an seinen korrekten Platz verwiesen...
Jetzt blieb noch der letzte Engel abzuwarten, dann war die Bahn frei für seinen, Ikaris
Aufstieg. Der Thron Gottes war in Griffweite.
Und auch die alten Narren von SEELE würden ihn nicht aufhalten können, egal wieviele
Spione sie im Hauptquartier hatten, wenn er mit ADAMs Hilfe über den Rei-Klon LILITH
ihre Macht raubte und die Kräfte der Urmutter und des Urvaters in sich vereinte, würde nichts
ihn aushalten können, dann würde er die Welt nach seinen Vorstellungen neu formen, dann
würde eine neue Menschheit aus der Asche der Third Impact entsteigen, die seiner
Vorstellung von Perfektion entsprach...
Er mußte nur ADAM unter Kontrolle bringen, aber wie alles, das er sich bisher vorgenommen
hatte, würde er auch das schaffen.
„Mein Wille geschehe...“ flüsterte Ikari rauh. Die Worte klangen gut. Bald würden alle vor
ihm knien, so wie die schuppigen Kinder der Ersten Menschheit vor ihren Götzen, den
Kindern LILITHs, gekniet hatten...
„Mein Wille geschehe...“
Dennoch blieb die Frage, was mit der Rei-Seele geschehen war. Als der Klon das erste Mal
gestorben war, als die alte Hexe Naoko Akagi Rei-I erwürgt hatte, war die Seele von den
MAGI aufgefangen worden. Rei-II zu aktivieren, war in gewisser Weise die Feuerprobe der
Supercomputer gewesen, hatte ihm gezeigt, daß es richtig gewesen war, die alte Akagi die
ganze Zeit zu ertragen, ihr vorzuspielen, daß sie ihm etwas bedeutete, genau wie er es mit Yui
und jedem anderen Menschen, den er bisher manipuliert hatte, getan hatte.
Warum also hatte es dieses mal nicht funktioniert?
An der Entfernung konnte es nicht liegen, bei Seelen galten andere Maßstäbe, außerdem hätte
die Rei-Seele versuchen müssen, durch LILITH in die Kammer von Gaf zurückzukehren...
In den Resten des EntryPlugs hatte die Seele sich nicht verfangen, auch an den gefundenen
organischen Resten hatte sie nicht geklebt - Ikari glaubte auch nicht daran, daß Seelen bei
ihren Körpern verweilten...
Und endlich kam er dazu, Schlüsse zu ziehen...
Was wenn die Seele sich nicht in Richtung LILITHs gewandt hatte, als der Körper des Klons
zerquetscht wurde?
Wohin konnte sie gegangen sein?
Die Antwort gefiel ihm gar nicht, implizierte sie doch, daß es so etwas närrisches wie Liebe
tatsächlich gab - demnach müßte die Rei-Seele bei Yuis Sohn sein und ihm wie ein
Schutzengel folgen... nein, das konnte nun wirklich nicht sein.
Ihm fiel ein, daß die Analyse der im EntryPlug von EVA-00 gefundenen organischen Reste
sehr kurz und wenig aussagekräftig gewesen war. Akagi hatte lediglich festgestellt, daß die
Überreste zu Rei-II gehörten... glücklicherweise befanden sich die Daten in den Speichern der
MAGI...
Ikari ließ die Untersuchungsergebnisse erneut analysieren.
Das Ergebnis war sehr überraschend - die Analyse der DNA ergab, daß ihre
Zusammensetzung exakt der eines Engels entsprach, bei den Rei-Klonen war aber noch reine
menschliche DNA hinzugemischt, so daß das Verhältnis leicht anders war.
Und das hieß, daß die DNA von dem Engel Armisael stammte...
Ikari gab ein wütendes Knurren von sich.
Das konnte doch nicht wahr sein...
Akagi hatte es tatsächlich gewagt, ihn noch einmal zu belügen... dafür würde er ihr die Zunge
herausreißen, ehe er seine Drohung wahrmachte, und alle eigenhändig auslöschte, die ihr
etwas bedeuteten, bevor er sie selbst exekutierte... diese verdammte Hure...
Wenn die DNA-Reste nicht von dem Klon stammten, hatte dieser wahrscheinlich die
Vernichtung von EVA-00 überlebt und befand sich irgendwo an der Oberfläche. Damit waren
auch alle Überlegungen bezüglich des Verbleibes der Seele hinfällig.
Wohin mochte sich Rei-II gewandt haben... eigentlich gab es nur eine Antwort - Yuis Sohn...
Ruckartig stand Ikari auf, die Monsterhand, mit der er sich an der Tischkante abgestützt hatte,
brach ein Stück des Holzes heraus, es zerbröselte, noch ehe es den Boden berührte.
Mit weitausholenden Schritten ging er auf die Tür seines Büros zu, riß sie auf, stoppte.
Vor der Tür stand Kozo Fuyutsuki, der gerade die Hand gehoben hatte, um zu klopfen, und
jetzt überrascht einen halben Schritt zurückwich.
„Ikari...“
„Geh mir aus dem Weg, Fuyutsuki!“ knurrte der bärtige Mann.
Fuyutsuki zuckte zusammen, kam dem Befehl aber nicht nach.
„Ich muß mit dir sprechen... was du heute getan hast, war falsch! Auch wenn Rei den Einsatz
des DummyPlugs überlebt hat, hättest du niemals...“
Ikari griff zu, packte den älteren Mann an den Jackenaufschlägen.
„Du weißt, wo sie ist?“
„Verdammt, Ikari... sie ist doch immer noch auf der Krankenstation...“
„Du sprichst von Rei-III...“
„Rei-III? Was zum...“
Entsetzen trat in Fuyutsukis Augen. Und das lag nur teilweise daran, daß er einen Blick auf
die mittlerweile dickschuppige linke Hand Ikaris erhascht hatte, welche wieder eine
erstaunliche Beweglichkeit erlangt hatte.
„Wo steckt Rei-II? Bei Yuis Bastard?“
„Ikari... wovon... bist du verrückt geworden?“
„Ich werde sie umbringen, den Bengel und den wertlosen Klon.“
Ruckartig hob er Fuyutsuki mit der entstellten Hand in die Höhe.
Der Subcommander röchelte, als ihm die Luft abgedrückt wurde und das ätzende Sekret auf
der Schuppenhaut der Monsterhand seinen Hals berührte.
Ikari blickte ihn mitleidslos an.
„Du weißt gar nichts, alter Narr... nicht einmal, daß der Bengel dein Sohn ist... oder war...“
Kozo verdrehte die Augen, hing schlaff in Ikaris Würgegriff.
Gendo Ikari schleuderte den alten Mann wie eine Puppe zur Seite, marschierte dann den Gang
zum nächsten Fahrstuhl entlang.
*** NGE ***
Schwer atmend setzte Fuyutsuki sich auf, eine Hand gegen seinen wunden Hals gepreßt, es
fühlte sich an, als hätte etwas sehr heißes seine Haut berührt. Und außerdem schmerzte sein
Rücken, daß er befürchtete, seine Wirbelsäule könnte verletzt worden sein...
Was war das gewesen... was war mit Ikaris Hand geschehen...
Ein Schatten fiel auf den alten Mann.
Sicher war Ikari zurückgekommen, um sein Werk zu beenden...
„Fuyutsuki, was ist passiert?“ fragte Kaji und packte den Stellvertretenden Kommandanten an
den Schultern, zog ihn auf die Beine.
„Sie, Kaji? Gottseidank... Ikari... er will die Kinder töten...“ keuchte Fuyutsuki.
„Ikari? Wo ist er?“
„Den Gang hinunter... Privater Aufzug...“
„Ja...“
Kaji zog seine Waffe und hastete den Gang hinunter, stand jedoch vor einer geschlossenen
Aufzugtür, deren Anzeige verkündete, daß der Aufzug bereits den halben Weg an die
Oberfläche zurückgelegt hatte.
„Verdammt...“
Fuyutsuki kam herangeschwankt, mußte sich immer wieder an der Wand abstützen.
„Haben Sie ihn... wohl nicht...“
„Nein. Und bis der Aufzug wieder hier ist, vergehen noch über sieben Minuten... mit einem
anderen Lift werden wir wohl ebenfalls kein Glück haben...“
„Sieben Minuten... plus die fünf, die wir selbst für die Fahrt benötigen werden... das sind
zwölf Minuten Vorsprung.“
„Wo will er hin?“
„Er sagte nur... daß er die Kinder töten wolle.“
Fuyutsuki hustete.
„Professor, wie geht es Ihnen?“
„Als hätte mich ein Bus überrollt. Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung... Prellung der
Wirbelsäule und...“
Er zog die Hand von der Kehle.
„Was...“
Entsetzt starrte Kaji auf den schwarzen Abdruck auf Fuyutsukis Hals.
„Das war Ikari?“
„Ja. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Seine Hand... wie die eines Monsters...“
„Heilige... Gut, ich rufe Katsuragi an, sie weiß sicher, wo die Kinder sind, wenn sie nicht
sogar bei ihr sind... Moment mal, Kinder? Welche Kinder?“
„Shinji und Rei.“
„Aber das Mädchen ist noch auf der Krankenstation.“
„Ich weiß es doch auch nicht.“
„Ja...“
Kaji zog sein Handy aus der Tasche, tippte Misatos Nummer ein.
„Geh ran... Katsuragi, geh ran... Verdammt noch mal... Dann ihren Pieper...“
Er konnte ja nicht wissen, daß Misatos Handy wie auch ihr Pieper in der Tasche ihres Jacketts
waren, welches unbeachtet auf ihrem Bett lag.
Kaji seufzte auf.
„Gut, es gibt noch jemanden... - Commander, ich habe Grund zur Annahme, daß wir
Probleme haben...“
*** NGE ***
„Ja, Major, ich bin unterwegs. - Ja, ich werde niemanden zu den Kindern lassen, bis Sie vor
Ort sind. - Der Kommandant? War... - Gut, wie Sie befehlen, Subcommander. Dann schlage
ich vor, die Kinder in Sicherheit zu bringen...“
Kaori Ishiren schaltete ihr Handy ab und trat das Gaspedal ihres Wagens durch.
*** NGE ***
Fuyutsuki lehnte gegen die Rückwand des Aufzuges. Er sah doppelt und hatte Probleme mit
dem Gleichgewicht.
„Sie brauchen einen Arzt.“ stellte Kaji fest.
„Noch nicht... Ikari weiß es. Er weiß, daß Yui und ich...“
„Verstehe.“
*** NGE ***
Ishiren rannte die Treppe des Apartmenthauses hinauf, in dem Major Katsuragi wohnte, nahm
dabei drei Stufen auf einmal.
Vierter Stock...
Katsuragis Wohnung...
Sie hämmerte laut gegen die Wohnungstür.
Es dauerte eine Weile, bis die Tür von Shinji geöffnet wurde.
„Ishiren-san...“
„Ist Major Katsuragi da?“
„Sie ist zur Apotheke... uh...“
„Major Kaji schickt mich. Ihr müßt sofort die Wohnung verlassen.“
„Agh...“
Ishiren blickte über die Schulter.
Sie hatte etwas gehört... die Haustür...
„Los, Beeilung! Ich bringe euch in Sicherheit, mein Wagen steht vor dem Haus!“
„Ich... ich muß Rei holen...“
„Tu das.“
Ishiren wandte sich der Treppe zu.
Shinji verschwand wieder in der Wohnung, eilte in das Zimmer, welches er und Rei sich
teilten.
„Rei-chan, Ishiren-san sagt, wir müßten verschwinden.“
Unter großen Anstrengungen versuchte das Mädchen sich aufzusetzen, fiel aber wieder
zurück.
„Uh...“
Shinji riß die Schranktüren auf, suchte ein paar Sachen für sie heraus, zog dann die Decke fort
und kleidete sie rasch, wenn auch sehr schlampig, an.
Plötzlich hörte er Schüsse, dann einen Schrei, zuckte heftig zusammen.
„Keine Angst, Rei-chan...“
„Das war... Ishiren-san...“
„Uh... sicher hat sie... ahm...“
Wieder erklangen Schreie.
Shinji hob Rei auf seine Arme, preßte ihr Gesicht gegen seine Schulter.
„Keine Angst...“
„Ja...“
Er trug sie aus dem Zimmer in den Korridor - und blieb stehen...
*** NGE ***
„Ich kann Sie nicht vorbeilassen, Sir.“
Ishiren war bemüht, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, während Gendo Ikari sie mit
seinem eiskalten Blick fixierte, die linke Hand in der Jackentasche verborgen.
Ikari stand am Fuße des Treppenabsatzes, doch irgendwie hatte Ishiren nicht das Gefühl, als
blicke sie von ihrer erhöhten Position auf ihn hinab, sondern als wäre es vielmehr umgekehrt..
„Gehen Sie zur Seite.“
„Nein, Sir, ich habe meine Anweisungen.“
„Von wem? Fuyutsuki? Sollte es Ihnen noch nicht aufgefallen sein - der alte Mann ist mein
Stellvertreter, nicht umgekehrt."“
Ishiren tastete nach ihrer Waffe.
„Sir, ich muß sie bitten, zu bleiben, wo Sie sind. Subkommandant Fuyutsuki hat Ihre
Urteilsbefähigung in Frage gestellt.“
„So...“
Provozierend langsam setzte er den Fuß auf die erste Stufe.
Gedankenschnell zog der Leutnant ihre Waffe, richtete sie auf Ikaris Brust.
„Stehenbleiben.“
Ikari hielt tatsächlich inne.
Ein dumpfes Lachen ließ ihn erbeben.
„Sie glauben tatsächlich, mich aufhalten zu können?“
Er zog die Hand aus der Tasche, breitete beide Arme aus.
„Versuchen Sie es!“
Ishiren starrte auf Ikaris von dunklen Schuppen überzogene linke Hand, starrte auf die
gebogenen spitzen Fingernägel, starrte in das von mehreren kleineren Augen umgebene
Hauptauge in der Handfläche.
Ihre Augen weiteten sich.
Das also hatte der Subcommander gemeint, als er ihr am Telefon gesagt hatte, Ikari wäre
nicht mehr Ikari...
In rascher Abfolge feuerte sie das Magazin ihrer Pistole leer.
Die Kugeln prallten von einem unsichtbaren Hindernis ab, die Aufschläge bremsten Ikari nur
unwesentlich.
Ishiren betätigte auch dann noch den Abzug, als ein ständiges Klicken ihr mitteilte, daß das
Magazin leer war...
*** NGE ***
Ohne Bedauern zu verspüren, stieg Ikari über die Überreste der Menschen hinweg, die er
gerade eben mit der Macht ADAMs dahingeschlachtet hatte. Die Lilim trugen doch selbst
Schuld an ihrem Tod - wenn die Leibwächterin ihm den Weg freigemacht hätte, hätte er sie
nicht zu töten brauchen. Und wenn ihr Schrei nicht einen der Hausbewohner auf den Flur
gelockt hätte, hätte er weder diesen, noch dessen Frau oder deren gemeinsame Kinder als
ungeliebte Zeugen beseitigen müssen...
Er überwand die letzten beiden Treppenabsätze, stand dann vor Katsuragis Wohnungstür.
Das Morden hatte ADAMs Blutdurst geweckt, der Engel flüsterte ihm leise zu, noch mehr
Blut zu vergießen...
Ikari verschloß sich gegenüber den Einflüsterungen,
Er war der Herr seines eigenen Willens, niemand sonst...
Die Tür war verschlossen...
Gendo hob die linke Hand auf Höhe der Klinke, konzentrierte sich.
Kurz war ADAMs AT-Feld sichtbar, als es sich durch das Material fraß, das Schloß sauber
herausfräste.
Die Tür schwang auf.
Ikari trat ein, dabei blutrote Fußabdrücke hinterlassend.
Hinter ihm schloß sich die Tür wieder.
Er bemerkte weder die einzelne Person, die mit schweren Schritten die Treppe hinaufkam,
noch die beiden anderen Männer, welche gerade die Haustür aufrissen und die Treppe
hinaufstürmten, wobei der ältere stolperte und den jüngeren einen Moment lang aufhielt...
*** NGE ***
Shinji ließ Rei von seinen Armen herabgleiten, um eine Hand freizuhaben, stützte sie nur
noch, um sie am Hinfallen zu hindern.
Vor ihnen im Wohnungsflur stand der Mann, den er die letzten vierzehn Jahre lang für seinen
Vater gehalten hatte - Gendo Ikari, gekleidet in beige Hosen und einen dunklen
Rollkragenpullover, über dem er eine beige Jacke trug. Seine Schuhe sahen aus, als wäre er in
roter Farbe gewatet - oder in Blut...
Doch noch furchterregender war seine linke Hand, die außer der Tatsache, daß sie fünf Finger
aufwies, von denen einer den anderen vieren gegenüberlag, nichts menschliches mehr hatte...
Sofort stellte Shinji sich so, daß er Rei mit seinem Körper verdeckte.
Was immer auch mit dem NERV-Kommandanten geschehen war, wie immer auch diese
monströse Hand zu erklären war, er würde erst an ihm vorbei müssen, wenn er zu Rei-chan
wollte...
Gendo Ikari lächelte.
Zum ersten Mal in seinem Leben sah Shinji den älteren Ikari lächeln. Es war ein grausames
Lächeln, das es ihm kalt den Rücken hinablaufen ließ.
„Laß den Klon los.“
„Nein...“
Shinji schluckte.
„Du wirst Rei nichts antun!“
„Was macht dich so sicher? Gib sie mir und du wirst ein wenig länger leben als Rei-II.“
„Niemals.“
„Plötzlich zeigst du Rückgrat... vielleicht wäre für dich doch ein Platz in der neuen
Weltordnung, Junge.“
„In deiner Welt? Nein, ich verzichte... du wirst sie dir holen müssen!“
„Bedauerlich. Aber zu erwarten.“
Ikari spreizte die Finger seiner Monsterhand.
Wind kam auf, zuerst nur ein sanfter Luftzug, dann starke Brisen, schließlich wahre
Sturmböen, die auf Shinji und Rei einschlugen, sie auf die Balkontür am Ende des Korridors
zuschoben.
Shinji hob eine Hand vor die Augen, stemmte die Füße in den Teppich, hielt mit der anderen
Hand Rei fest.
Von dem Schränkchen im Flur löste sich das Telefon, flog haarscharf an Shinjis Kopf vorbei,
krachte durch das Glas der Tür in seinem Rücken.
„Ich lasse euch sogar noch einmal die Wahl... ihr könnt sterben, indem ihr vier Stockwerke
tiefer auf dem Asphalt zerschellt, oder ich kann es mit meinen eigenen Händen tun...“
Die Ruhe in Gendo Ikaris Stimme war genauso furchtbar wie die lockenden Bewegungen
seiner linken Hand, welche ein Eigenleben entwickelt zu haben schien.
Shinji stemmte sich weiterhin gegen den Wind, biß die Zähne zusammen.
„Wir werden dir nie wieder nachgeben...“
Er spürte, wie Rei sich bewegte, wie sie die Arme um ihn schlang.
Plötzlich verstummte der Sturm, der eben noch um ihn und Rei herum getobt hatte... nein, das
stimmte nicht, die Winde bliesen immer noch so heftig wie zuvor, nur erreichten sie sie nicht,
sondern wurden von einer schwach erkennbaren Barriere gebrochen.
Und hinter Shinji erstrahlte ein Licht, als hätte jemand draußen auf dem Balkon einen starken
Scheinwerfer eingeschaltet.
*** NGE ***
Ikari ballte die Faust.
Der verfluchte Klon... offensichtlich hatte Rei-II ihr Engelerbe erkannt und begonnen, es zu
nutzen... anders war es kaum zu erklären, daß der Klon plötzlich von innen heraus zu leuchten
begonnen hatte. Das reine Licht tat seinen Augen weh. Auch ADAM schloß seine Augen,
zwang ihn, die Handinnenfläche von dem Licht abzuwenden.
Der Klon hielt Yuis Sohn umschlungen, beschützte ihn dadurch mit seinem eigenen AT-Feld.
Nur war dieses viel stärker, als es hätte sein dürfen, ohne Training - und ohne S2-Organ!
Und nicht nur das, der Engel in Rei-II hatte sich fast vollständig manifestiert in einer Art und
Weise, daß es Gendo Tränen in die Augen trieb. Aus dem Rücken des Klons wuchsen zwei
mächtige Schwingen, teils aus Federn, teils aus reinstem Licht, welche nur von den Wänden
des Apartments daran gehindert wurden, sich völlig auszubreiten. Der Blick aus den
scharlachroten Augen des Wesens schien sich direkt in seine Seele zu bohren.
Ikari knurrte, verstärkte seine Anstrengungen.
ADAM mochte noch immer geschwächt sein, er mochte über kein S2-Organ verfügen - doch
der Urvater dürfte doch wohl immer noch stärker sein als so ein neugeborenes Engelsküken!
Kräftig stieß er die Hand vor, machte eine zerfetzende Geste.
Reis AT-Feld brach auseinander.
Mit einem leisen seufzenden Stöhnen verdrehte sie die Augen und ging zu Boden.
Shinji keuchte auf, widerstand dem Impuls, sich neben ihr hinzukauern - dann würde der
andere leichtes Spiel haben...
Er preßte die Lippen zusammen und beugte den Oberkörper nach vorn.
Wenn er loslief und den Kommandanten wuchtig mit der Schulter erwischte, konnte er ihn
vielleicht von den Beinen holen...
Da wurde die Tür aufgestoßen, schlug laut krachend gegen die Wand.
Kaji stürmte mit gezogener Waffe herein, richtete die Mündung sofort auf Ikari.
„Fort von den Kindern!“
Gendo drehte sich um.
„So, Kaji... und Fuyutsuki... wie es scheint, muß ich mir nicht erst die Mühe machen und sie
suchen...“
Kaji schoß.
Die Kugel prallte an Ikari-ADAMs AT-Feld ab.
Gendo grinste, präsentierte weiße Zähne, die leicht zugespitzt schienen.
„Sie sind doch immer so neugierig, Kaji... sicher möchten Sie wissen, woher meine neue
Macht stammt...“
Er hob die linke Hand.
„Das hier ist ADAM, der Erste Engel. Sein AT-Feld schützt mich...“
Ohne mit der Wimper zu zucken nahm er die nächsten zwei Treffer hin, die von seinem ATFeld abgelenkt wurden, so daß die Kugeln sich in die Wände bohrten.
„Ihre Bemühungen sind völlig aussichtslos. Der menschliche Wille könnte das Feld
durchbrechen, aber nicht so simple Werkzeuge.“
Er richtete die Fingerspitzen der linken Hand auf Kaji.
Der Major faßte sich an die Kehle, schien mit einer unsichtbaren Hand zu kämpfen, während
er langsam blau anlief und vergeblich nach Luft schnappte.
Und dann brach unter Ikaris Füßen der Boden ein und zogen ihn zwei Arme in die Tiefe...
*** NGE ***
Gendos Sturz dauerte nur einen Herzschlag, dann fand er sich auch schon auf dem Boden des
Apartments unter der Katsuragi-Wohnung auf einem Schutthaufen wieder.
Mit gefletschten Zähnen sprang er auf - direkt in drei parallel verlaufende Stahlklingen hinein,
die problemlos sein AT-Feld durchdrangen.
Er verspürte keinen Schmerz, als die Klingen sich in seinen Leib bohrten und sich durch seine
Eingeweide schnitten - ADAM sorgte dafür, daß Schmerzimpulse sein Gehirn nicht mehr
erreichten.
Verwundert blickte er nach unten auf die Wunde in seinem Bauchraum, spürte bereits, wie
ADAMs Macht damit begann, die Verletzung zu heilen.
Die Klingen, die in seinem Leib steckten, wuchsen aus dem Handrücken einer Person, die vor
ihm stand.
Wütend schlug Ikari mit der linken in das Gesicht seines Angreifers, dabei ein dumpfes
Knurren von sich gebend. Doch wo bei einem Menschen der Hieb den halben Kopf
weggefetzt hätte, rissen die festen Nägel nur gummiartige Haut herab und hinterließen tiefe
Kratzer in einem stählernen Schädelknochen, aus dem ihm ein rotglühendes Augenpaar
entgegenblickte - keine menschlichen Augen, sondern Augen ohne Pupillen, einfach nur zwei
dunkelrote Flächen...
Wolf Larsen zog seine Hand zur Seite, riß die Bauchwunde, die er Ikari zugefügt hatte, weiter
auf.
In seinem Kopf hämmerte der letzte Befehl, den er erhalten hatte - Ikari zu töten...
Und er tat nichts, um dagegen anzukämpfen. Es gab keinen Grund... Ikari hatte Kinder
bedroht, in seinen Augen eine der verabscheuungswürdigsten Taten überhaupt.
Ikaris Verletzungen begannen sich zu schließen. Er vermutete, daß sich mit dem fremden
Organismus in Verbindung stand, der sich in Ikaris linker Hand befand.
Kräftig schlug er mit der anderen Hand zu, fuhr in der Bewegung die Krallen aus. Als er mit
dem Kraftfeld in Kontakt kam, welches Ikari schützte, pellte die Kunsthaut von seinen
kybernetischen Armen, doch neben einer leichten Verlangsamung seiner Bewegung trat kein
weiterer Effekt ein.
Diesesmal schlug er quer über Ikaris Brustkorb, zersägte dabei Rippen, Herz und Lunge.
Er empfand nichts dabei, vollzog die Handlung wortlos, ohne einen einzigen Laut von sich zu
geben.
Dem bärtigen Mann quollen die Augen aus dem Kopf. Ein Ächzen drang über seine Lippen,
begleitet von einem dünnen Blutfaden, der in seinem Bart versickerte.
Noch einmal wollte er die entstellte Hand heben, doch diese fiel kraftlos zurück.
Larsen schlug zur Sicherheit noch zweimal nach, ließ Ikari dann von seinen Klingen gleiten,
wartete…
Die Verletzungen blieben offen...
Gut...
Sollten sich andere darum kümmern, die Leiche zu beseitigen...
Auftrag ausgeführt...
Langsam hob er den Blick zu dem Loch in der Decke, sah direkt in das Gesicht Shinji Ikaris.
*** NGE ***
Der Anblick der grausig zugerichteten Leiche des NERV-Oberkommandierenden erzeugte bei
Shinji weder Genugtuung, noch Trauer oder Ekel. Er nahm einfach zur Kenntnis, daß die
Gefahr abgewendet worden war.
Jetzt traf sein Blick den desjenigen, der dafür verantwortlich war.
Im Halbdunkel der Wohnung unter ihm konnte er nur Umrisse erkennen, der andere stand
größtenteils im Schatten. Was Shinji sehen konnte, waren Hände aus Stahl, aus deren Rücken
dünne Metallklingen wuchsen, von denen noch Blut tropfte. Und er konnte einen ebenfalls
stählernen Schädel sehen, von dem Hautfetzen herabhingen.
Zwei rotglühende Augen sahen zu ihm auf, nicht Augen wie Rei-chans, sondern viel eher
Kameraobjektive, hinter denen er dennoch Leben wahrzunehmen glaubte.
„EVA...“ flüsterte Shinji.
Wäre der Metallmann mit einer purpur-grünen Lackierung versehen gewesen und hätte ein
einzelnes Horn aus seiner Stirn geragt, er hätte jeden Eid geschworen, daß das Bewußtsein
von EVA-01 ihnen zu Hilfe geeilt war.
Der andere wandte den Blick ab, stieß Gendo Ikaris Leiche mit dem Fuß an.
Oben trat Kaji an das Loch im Boden.
„Commander?“
„Die Bedrohung wurde neutralisiert.“
„Ja... sehe ich... Sir.“
Kaji schluckte. Ikaris Leiche war denen, über die sie auf der Treppe gestolpert waren, beinahe
viel zu ähnlich...
Auf Händen und Knien schob Rei sich an die Öffnung, blickte hinunter, ehe jemand es
bemerkte.
Ihr Schöpfer... also war er schlußendlich doch nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen...
Shinji ging neben ihr in die Knie, zog sie an sich und nach oben.
„Sieh nicht hin... es ist vorbei...“
Kozo Fuyutsuki lehnte in der offenen Tür.
„Ist Ikari...“
Kaji nickte.
„Mausetot. Sieht so aus, als wären Sie jetzt der Chef von NERV.“
Fuyutsuki wirkte darüber alles andere als erfreut.
„Gehen wir... ich würde mich gern etwas hinlegen...“
Sein Blick ruhte lange auf Shinji - oder auf den beiden Shinjis, da er immer noch doppelt sah.
Sein Sohn...
- Nein, jetzt war nicht die Zeit für solche Enthüllungen...
Kaji wandte sich Shinji zu, der gerade Rei hochhob.
„Brauchst du Hilfe?“
„Nein, Kaji-san, sie ist nicht schwer.“
„Hm, schade, dann muß ich doch den alten Mann tragen...“
„Das habe ich gehört, Major Kaji.“
Ryoji Kaji grinste breit.
„Noch ´mal gutgegangen...“
Sie verließen die Wohnung, Kaji bestand darauf, den Aufzug zu nehmen und Larsen unten zu
treffen, den Grund dafür konnte Shinji rechtzeitig sehen, um sich im letzten Moment so zu
drehen, daß Rei ihn nicht ebenfalls zu Gesicht bekam - auf dem Zwischenabsatz der Treppe
lag Kaori Ishiren, jedenfalls der größte Teil von ihr, die Hand mit der Waffe lag ein paar
Stufen weiter unten, ebenso ihr Kopf...
Shinji kämpfte mit der Übelkeit.
Die Frau hatte sie eben noch gewarnt, ohne Ishiren-sans Auftauchen, hätte der Kommandant
ihn und Rei-chan völlig überrascht...
Kaji wußte Shinjis Blick zu deuten.
„Sie hat uns die nötige Zeit verschafft“, murmelte er dumpf. „Was ist mit Rei?“
„Uh...“
Er blickte in ihr Gesicht, ihre Stirn und Wangen glänzten wieder fiebrig, doch mittlerweile
glaubte er zu wissen, daß Doktor Akagi ihr nicht würde helfen können, dies fiel eher in
Nagisa-kuns Ressort...
*** NGE ***
Vor dem Aufzug wartete der Metallmann auf sie, fixierte die Kinder mit seinen roten
Kameraaugen.
„Uh... Kaji-san... ein Roboter?“ flüsterte Shinji.
„Nein...“
Der Metallmann versuchte zu lächeln, was von der Tatsache, daß er nur noch einen intakten
Mundwinkel hatte, doch arg beeinträchtigt wurde.
„Cyborg träfe es eher.“
„Ahm... äh... tut mir leid...“
„Ein Roboter ist ein künstliches Wesen mit einem künstlichen Gehirn, während ein Cyborg
eine Verschmelzung aus Mensch und Maschine darstellt“, dozierte Fuyutsuki schläfrig.
Kaji schüttelte ihn.
„Nicht einschlafen, Professor! Das wäre ja noch schöner, wenn ich Sie den ganzen Weg in die
Geofront schleppen müßte! - Tja, Shinji, man könnte sagen, das ist mein Boß.“
„Sie haben nicht zufällig eine Kanne Synthohaut dabei, Kaji, oder?“ fragte der Cyborg.
„Bedaure, Commander.“
In diesem Moment betrat Misato das Haus, mit sich führte sie eine Tüte mit Medikamenten
aus der nächsten Apotheke.
„Was ist denn hier los...“
Als sie die Gestalt mit dem Stahlschädel erblickte, von dem das halbe Gesicht in Fetzen
herabhing, griff sie unwillkürlich nach der Waffe.
„Katsuragi, nicht!“ rief Kaji.
„Was zur Hölle geht hier vor?“ flüsterte sie mit weitaufgerissenen Augen.
„Ich bin Wolf Larsen von ODIN, UN-Geheimdienst, Abteilung für SpecialOperations. Ich
bekleide den Rang eines Commanders.“
„Uh...äh... Hi!“ murmelte Misato.
„Der Kommandant ist tot, er wollte zu den Kindern und hat hier ein Blutbad angerichtet - ich
würde nicht die Treppe benutzen, wenn ich du wäre.“
„Ja, Kaji, ja...“
„Major Katsuragi, wir wollten gerade ins Hauptquartier zurückkehren... vielleicht schließen
Sie sich uns an?!“ sagte Fuyutsuki.
„Das wäre wohl... das Beste...“ erklärte sie, warf dabei nervöse Seitenblicke in Richtung des
Cyborgs.
„Ich sage auch nichts über Ihre Haarfarbe“, brummte Larsen.
„Ähh...“
*** NGE ***
Ikaris Körper lag völlig still... noch...
Plötzlich zuckten die Finger der linken Hand, wirbelten Staub auf.
ADAM öffnete seine zahlreichen Augen.
Nichts mehr, das ihn davon abhielt, die Kontrolle über den Körper des Lilim vollends zu
erringen...
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