Der Zorn des Drachenreiters

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Der Zorn des Drachenreiters
Von Sabrina Wolff
Genre: Fantasie Roman
Begonnen am 5 August 2000
Geendet am 27. Juli 2008
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Dieses Buch widme ich
Meiner Mutter, die das Ende nicht mehr erleben durfte
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Inhalt
Prolog
Teil Eins
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Ungeahnte Weiten
1 Verflucht
12
2 Jemand spricht
20
3 Du kennst ihn nicht
29
4 Seine unendliche Geschichte
33
5 Ein Gespräch unter Frauen
39
6 Auf der Jagt ...
43
7 Ungeladener Besuch im Dorf
49
8 Tränenreicher Abschied
56
9 Der harte Weg nach Mithtum
61
10 Zeke, der Lehrmeister
65
11 Die Stadt Mithtum
70
12 Viggo und die Bonaiten
73
13 Amaro, ein wirklich weiser Drache
78
14 Auf Wiedersehen, Bonaiten
82
15 Das etwas andere Wissen
85
16 Böses erwachen vor dem Fluss Du’da-Luna
89
17 Ein geschundenes Volk
93
Teil Zwei
Zurück zu den Wurzeln
18 Die Black Death und Zekes Hinterlist
98
19 Eine knappe Flucht
104
20 Alleine ...
109
4
21 Ein Tag des Unheils
113
22 In Gedanken
120
23 Warten ...
128
24 Vereint auf dem Weg
130
25 Ein Tag des Ruhens
145
26 Luna und ihr Wissen
149
27 Was ist in dem Stein?
160
28 Wie füttert man einen Drachen?
165
29 „Hilf mir, es zu verstehen!“
171
30 Schnelle Pferde und Proviant
179
31 Unterdrückte Gefühle
188
32 Reden ...
197
33 Dem Tod knapp entkommen
206
34 Kurzes Wiedersehen
210
35 Etwas, übers Leben
216
36 Der Hass in ihrer Seele
223
37 Wenn das Herz schreit
232
38 Der Ritter in der strahlenden Rüstung
238
39 „Wie fühlt sich dein Herz an?!“
244
Teil Drei
Prägende Erinnerungen
40 Rückblick
253
41 Wahre Freunde?!
259
42 Der Himmel brennt
273
43 Der Erbe kehrt zurück
284
44 Der Mann der sich Aizirtap Tdranhnier nannte 303
45 Ein Plan, ein Krieg und eine Chance
323
46 Das Meer schreit auf
342
Epilog
350
Glossar
359
5
Prolog
Fragen über das Leben
abt ihr euch schon einmal gefragt, wer dafür zuständig ist, dass
jemand von Unglück verfolgt wird? Warum man sich manchmal
Jahre lang abrackert um endlich Ansehen zu bekommen? Warum
manche mit einem goldenen Löffel zur Welt kommen? Das Leben ist ungerecht, ja, aber sollten wir nicht lieber danken anstatt jemanden zu finden,
der für unsere Fehler eingestehen soll?
Götter, gibt es sie den wirklich? Hast du jemals einen Gott gesehen? Hat
er dir geholfen? Warum kommen gute Menschen in den Himmel und andere
nicht? Auf diese Fragen finden die meisten keine logische Erklärung, aber
vielleicht gibt es auch gar keine logische Erklärung, für dass, was auf der
Erde passiert. Vielleicht dachte irgendjemand, es sei spaßig, an etwas festzuhalten und zu glauben, was man sich nicht erklären kann?
Und wo sollte über diese Gerechtigkeit verhandelt werden, wenn man
davon ausgeht, dass es Götter gibt? Eventuell ist es eine Lüge, mit Himmel
und Hölle ... etwa eine verkehrte Welt?
Doch bildet euch selbst eine Meinung darüber und lauscht der Geschichte
eines Mädchen, dass anfing für das zu kämpfen wofür es keine rechte
Erklärung gibt. Für etwas zu beten, was aussichtslos ist ... für etwas zu
lieben, was sie nie bekommen kann.
Doch nur gut, dass wir das alles ohne eine einleuchtende Begründung
können. Sonst würden wir doch ein wenig zu viel denken und über Dinge
grübeln die man nicht ändern kann ... doch ob man sie nun ändern kann,
liegt ganz allein bei euch. Genauso wie es an euch liegt meine Geschichte,
6
die ich euch erzähle glaubt. Doch bei dieser Geschichte muss ich ein wenig
weiter ausholen ...
*
Auf dieser Welt gab es einen Baum, das alles inne hielt. Viele fürchten es.
Manche würden diesen Baum lieber brennen als weiter gedeihen sehen. Da
dieser Baum nur Unheil bringe, weil es durch einen Leichnam gepflanzt
wurde. Seine drei Wurzel wahren mit der Hölle verbunden. Die Weltenesche
war voller Magie ... geziert von ihrer Schönheit. Die Esche gedieh bis hoch
hinauf in den Himmel, man sah die Krone kaum aber die weit gespreizten
Äste und Zweige. Seine, für eine Esche ungewöhnliche Rinde, war so glatt
wie die ruhige See, sanft zu berühren wie ein Vogelgefieder und ihm zu
lauschen war tröstend.
Jahre lang würde dieser Baum von den Menschen gepflegt und gehegt,
aber die eigentlichen Beschützer dieses Baumes waren nicht die Menschen,
es waren, wie es in den Legenden der Alten hieß, ein Phönix hoch oben in
der Krone des Baumes. Niemand hatte diesen Phönix je gesehen aber es
heiße in seinem Auge, wenn man ihm in die Augen sah, sah man ein elfengleiches Gesicht. Es war zu schön für diese Welt, also wurde es in seinem
Auge eingeschlossen und bewahrt. Mönche und Priester gaben ihnen Namen.
Hräweglr der, der alles in Augen behielt. Das elfengleiche Mädchen, mit den
langen schwarzen Haaren nannten sie Vedrfölnir.
Aber nicht nur in den Lüften gab es Wächter, auch unten am Füße des
Baumes. Vier stolze Hirsche deren Geweihe golden im Licht schimmerten
und ihr weißes Fell dem Schnee im Winter glich waren Beschützer. Es waren
vier Brüder, ungewöhnlich für Hirsche aber man sah ihnen nichts böses, da
sie die Knospen des Baumes aßen. Man sagt den Knospen unvorstellbare
Macht nach, aber damit dies nicht missbraucht wurde gab es die Hirsche.
Daih, der Gewissere; Dwalin, der Mutige; Dunneir, der Großherzige und
Dunathar, der Skeptische. In ihren Augen spiegelten sich die Wälder in allen
Himmelsrichtungen. Sei es nun der jetzige Wald der Elfen oder der Feen.
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Nidhogg, der Drache lebte tief unter dem Baum, nie hatte er das Tageslicht
gesehen. Seine mächtigen Schwingen waren verdreckt, nie war er geflogen.
Er hatte dunkle Schuppen, man wusste nicht ob es der Dreck war, der ihren
Glanz versteckte oder ob er wirklich so dunkel war. Nur das seine Augen
blutrot leuchteten. In einer kleinen Mulde vergraben (für seine Verhältnisse
klein). Doch er war nicht alleine. Goin und Moin, zwei Schlangenbrüder
aßen weitere Verzweigungen der Wurzeln ab. Sie glichen Regenwürmern,
wie sie ihre Gänge schufen.
Lang war die Zeit friedlich und harmonisch bis sich mächtige Zauberer und
Hexen vereinigten und ihre Autorität einsetzten um über die Welt zu
herrschen. Sie schufen sich ein neues Zuhause. Unter dem Dach der Esche
aber dennoch weit über der Erde. Sie nannten ihre Stadt Asgard aber es gab
noch eine weitere Stadt, die sie erschaffen hatten, die Stadt deren Name
niemand nennt. Krieger und Helden fanden nach ihrem Tod dort ein neues
Zuhause.
Doch Neid zerfraß sie innerlich. Niemand gönnte dem anderen etwas. Den
alle sprachen sich selbst als Götter an bis eines Tages, der Baum vor Wut
und Verkümmertheit keine Blühten mehr trug. Er fing Feuer und brannte die
Stadt und sein Haupt nieder. Die wirklichen Götter rächten sich für diese
Unverschämtheit. Doch zwei Göttinnen wussten was passieren würde ...
doch unternehmen taten sie nichts. Die Göttin des Todes nahm die Seelen der
Götter und brachte sie zurück nach Hel, der Ort an dem der Drache haust und
nahm sich letzten Endes selbst das Leben. Aber bevor sie starb, war ihr
letztes Opfer Skuld gewesen ... die Göttin der Zukunft ...
*
»Mama, was passierte dann?«, fragte die kleine Yaver ihre Mutter Luna,
die sie auf dem Schoß hatte. Sie drängte sie förmlich ihre Gesichte weiter zu
erzählen.
Luna war eine hübsche blondhaarige Frau. Das Haar des kleines Mädchens wellte sich im sanften Abendwind. Sie hatte stahlgraue Augen.
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»Dann wurdet ihr ein paar Jahrhunderte danach geboren. Aber nun geh
spielen! Landia und Nugia warten bereits auf dich«, sagte sie liebevoll und
strich ihr kurz mit dem Handrücken über die Wange des kleines Mädchens.
Luna lächelte ihr engelgleich zu und hob sie von ihrem Schoß und auch
schon sprintete Yaver. Das kleine Mädchen lachte aus voller Kehle auf ihre
Schwestern zu. Traurig sah Luna ihr hinterher. Nie dachte sie, das sie etwas
so mächtiges und unberechenbaren gebären würde. Luna sah von ihr ab und
schritt in die Küche.
Außergewöhnlich jedoch war, alle drei Geschwister wurden Mitternacht
geboren, an der Zeit wo Geister liebend gern ihr Unwesen trieben ... an dem
Tag wo die Götter starben, der Götterdämmerung.
»Yaver, sieh mal was hier ist!«, rief einer ihrer Schwestern. Diese hatte
braunes Haar. »Ein toter Vogel«, fügte sie hinzu.
Yaver kam fast schlitternd vor ihr zum stehen, fand aber ihr Gleichgewicht
damit sie nicht hinten über kippte.
Landia sah in bekümmert an und sprach: »Seine Zeit ist um ... aber ich
kann seine Zeit schneller laufen lassen« Kurz fuhr sie mit der Hand über den
Vogel. Er war zu beginn mit schwarzen Federn geziert aber nach wenigen
Sekunden drang ihnen ein verwesender Geruch in ihre Nasenhöhlen. Er
begann schnell zu verwesen, Landia ließ seine Zeit schneller laufen, bis er
nur noch Knochen war ... und letzten Endes auch seine Knochen zu Staub
zerfiehlen.
»Hör auf! Du bist ja eklig!«, sagte Nugia griesgrämig und fuhr wie eben
ihre Schwester über den Vogelkadaver. Der Staub setzte sich wieder zu
Knochen zusammen, er gewann jetzt mächtig an Masse , schlüpfte aus einem
Ei und wurde erwaschen. Er flog davon, nachdem er wieder so aussah wie er
gestorben war.
»Warum ist er tot?!«, sagte Yaver sehr reif für ihr Alter und mit einem
Blick von ihr fiel der Vogel auch schon tot wieder vom Himmel. »Er war tot
und bleibt tot, verstanden? Man kann Tote nicht wieder erwecken ...«
»Und was habe ich dann eben getan?«, fragte Nugia provozierend.
»Was hast du schon getan?«, fragte Yaver zurück. Ihr Blick war kalt und
sie wusste, dass ihre Schwestern es nicht mochten wenn sie so ernst war.
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Aber sie wusste selbst nicht wieso ... aber irgendwann sagte ihr, sie müsse
den Tod wahren. »Du hast ihm eine neue Seele gegeben! Hast du jemals
daran gedacht, dass er nie wieder so sein wird wie er einmal war? Es gibt
Gründe warum man stirbt ... Nugia, du sollst Leben schaffen und geben aber
niemanden sie wiedergeben«, setzte Yaver hinzu. Dann ging sie von dannen
und in die Küche zu ihrer Mutter. Ihre beiden Schwestern sahen ihr bitter
hinterher ...
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Teil Eins
Ungeahnte Weiten
Nicht immer ist die Entfernung zum Ziel
dass Entscheidende ...
sondert dieser;
wie man am besten die Zeit überbrück auf der man reist.
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Verflucht
Wenn man stirbt ... fühlt man keinen Schmerz
20 Jahre später
n einem Morgen, wo der Himmel noch dunkel gefärbt war und
man die Hand vor Augen nicht mehr sah, erwachte ein
achtzehnjähriger Junge aus seinem Schlaf. Er rieb sich die Müdigkeit aus seinen grünen Augen und stand murrend auf. Er stammelte sich
förmlich aus seinem Feldbett. Zuerst hatte er sich die Decke zurück-geworfen und letztens mit den Füßen von seinen müden Körper gestrampelt.
Sein Bett war hart und unbequem. Ein Hirschfell lag unter einem schwarzem Bärenfell, es hielt ihn wollig warm. Er reckte und streckte sich herzhaft
und zog sich seine braune Weste und eine lange, schwarze zer-schließende
Hose an. Der junge Mann band sein schulterlanges hellbraunes Haar zu
einem Zopf zusammen. Er schnappte sich Köcher und Bogen, dass in einer
Ecke in seinem kleinen Zimmer lehnte und eilte heraus in das Freie.
»Willst du nicht frühstücken?«, fragte seine Mutter liebevoll, sowie
vorwurfsvoll, dass er jeden morgen nichts aß. Nicht bevor er bei der Jagt
erfolgreich war. Seine Mutter hatte wunderschönes, langes blondes Haar. Sie
stand am Tisch und bereitete dort das Frühstück vor. Ein kleines Fenster in
der die Sonne herein schien, war nahe des Tisches und ließen ihr blondes
Haar golden erscheinen .Er huschte schnell an der Küche vorbei zur Haustür
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und antwortete ihr nicht. Er wusste sie würde seine Antwort kennen, also
blieb er gleich stumm. Sie ließ ihn jedoch gewähren das Haus noch am
frühen morgen zu verlassen ... sie konnte sich auf ihn verlassen, er kannte die
Wälder besser als jeder ältere Mann im ganzen Dorf.
Der Junge, blieb am Bach, vor ihrem Haus stehen und ließ sich in die Hocke
nieder ... er wusch sich sein Gesicht und blickte in den Spiegel des Baches.
Seine grünen Augen waren so unnatürlich warm, manchmal schienen sie
sogar die tiefe des Waldes wiederzuspiegeln. Er hatte markante Wangenknochen, ein paar Strähnen fielen ihm in sein Gesicht, die sich nicht zu
einem Zopf haben binden lassen und es machte den Anschein als würden
seine Haare sein Gesicht verstecken um ihm geheimnisvoll ausschauen zu
lassen.
Es gefiel im prächtig, dass viele junge Mädchen auf ihn standen, kicherten
und ihm verträumt nachsahen. Er könnte, zum bedauern der anderen, jeder
der Mädchen im Dorf den Hof machen, aber er tat dies nicht. Er galt nun als
Mann in seinem Dorf und sollte sich bald entscheiden welche seine
Zukünftige sein sollte. Er konnte, durfte nicht wahllos jemanden wählen, es
war der Traum aller dennoch ließ es sein Stand nicht zu, jemanden zu
nehmen der vielleicht adliger oder ärmer war als er selbst. Und das war
schwer, denn die meisten Leute um ihn herum waren ärmer als er ... hatten
kein Feld oder keine Schmiede, konnten ihre Familie nicht versorgen oder
schlimmeres mussten die Frauen oder sogar die Mädchen tun, nur weil ihr
Mann - oder Vater, sie nicht versorgen konnte. Er war mit seiner Familie
einer der reichsten, aber dennoch nicht so reich das er noch eine Familie
durchbringen könne.
Sein Vater starb als er noch sehr jung war, seine Mutter sagte; ein Jahr
nachdem er das Mannesalter erreicht hatte wurde er von einem Drachen
getötet. Obwohl er Angst vor Drachen hatte, sie hassen tat, war er selbst
einer der Beschützer von Dvonaäg, er war ein Drachenreiter und besaß einen
wundervollen Drachen, mit rotem Schuppenkleid. Seine Schuppen schienen
Bordeaux und metallic in der Sonne oder des Mondes. Es schimmerte und
glänzte dunkel. Seine Flügelmembrane waren vierteilig über drei Knochen
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gespannt. Sein langer Hals war so lang wie er selbst (und er war groß, im
Gegensatz zu denn anderen Männern im Dorf). Sein Kopf hatte eine Form
wie der eines Pferdes ... seine Augen waren schwarz, aber dennoch liebevoll
warm. Die Ohren so lang wie der, der Hasen. Unter seinen Ohren, endlang
der Wangenknochen, teilte sich ein Fächer.
Asti war einer von vielen Drachen im Dvonaäg, er beschützt dieses Land
mit all den anderen und ihren Reitern. Alle Reiter hatten andere Drachen, mit
anderen dunklen Schuppenkleidern.
Er fühlte sich mit Asti seelisch und auch körperlich verbunden. Sie teilten
ihre Herzen. Wenn einer weinte oder lachte, tat es sein Zwilling auch … es
war ein Segen sowie ein Fluch zu gleich. Asti stöberte immer wenn er lustig
war in die Gedanken von ihm. Asti kannte so etwas wie Privatsphäre nicht,
er hatte es ihm auch nicht gelehrt. Es war töricht in seiner Zeit die Drachen
zu unterschätzen, aber das tat er, als er Asti aufzog. Er lehrte ihm nur das was
er wollte, damit er gut erzogen war, er brachte ihm aber nicht die Moral bei.
Niemand in seiner Generation und seinem Jahrhundert taten dies mit den
Drachen ...
Wie geht es dir heute, Kleiner?, fragte Asti ihn im Geiste, als er auf ihn zu
ging. Er wartete freudig am Rande des Dorfes. Er hob sich vom hellen
Hintergrund ab. Langsam bekann die Sonne aufzugehen .Hinter ihm waren
die goldenen Felder und das saftig grüne Gras. Es war komisch, etwas
dunkelrotes und diesem Kontrast zu sehen.
Wie soll es mir den schon gehen, du bist mal wieder in meinem Geist … es
tut mir Leid, es war ungeschickt so mit dir zu reden, verzeih mir.
Du bist mein Reiter, die andere Hälfte meines Herzens, ich muss dir
verzeihen … dies würdest du ja auch für mich tun?!, er antwortete nicht
darauf … er wusste nicht ob er es für ihn tun würde. Aber es war ihm auch
egal.
Asti trottete ihm hinterher, als er auf dem Weg in das Ruckgar-Gebirge
war. Der Wald dort beherbergte viele große Tiere, die er erlegen konnte um
seine Mutter durchzubringen und bald auch seine Zukünftige. Er mochte
diesen Gedanken ganz und gar nicht ab. Sie stiegen über Stock und Stein,
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lauschten das sie nicht aus versehen etwas streiften und das dieses
Ungeschick zu folge träge das sie noch länger auf der Suche nach Essen sein
müssten.
Die dicht zusammen gewachsenen Tannen versperrten ihnen beiden die
Sicht auf Beute. Asti hatte sogar schwerwiegende Probleme überhaupt durch
den Bäumen aufdrang durchzudringen.
Nach ungefähr zwei Stunden, so kam es ihm vor, entdeckte er auf einer
Lichtung eine Herde Hirsche, die friedlich grasten. Er fiel auf die Knie und
beobachtete sie eindringlich. Er verlangsamte seinen Atem ... er spürte wie
auch der Astis ruhiger und leiser wurde. Vorsichtig holte er seinen Bogen
und einen Pfeil, aus dem Köcher, spannte diesen und wartete … das leise
Fiepen aus Astis Kehle summte ihm ein Rhythmus vor, nach dem er aus- und
einatmete.
Nach längeren Minuten schoss er seinen Pfeil mitten in das Herz des
Leittieres. Der prächtige, goldbraune Hirsch fiel zur Seite. Ein schmerzerfüllter Laut drang aus der Kehle des Hirsches. Seine ganze Herde verfiel in
Wallung und sprangen in den dunklen Wald des tiefen des RuckgarGebirges. Asti reckte sich wie eine Katze und hüpfte freudig auf das erlegte
Vieh zu. Es wunderte ihn immer wieder; er war größer als eine Echse aber er
hatte die Grazie einer Katze. Er war mehr Katze als Echse. Er grinste als Asti
mit dem Hirsch im Maul auf in zu ging.
Wir bringen ihn nach Hause zu Mutter. Sie wird sich freuen.
Asti brummte ihm als Antwort entgegen und lief ihm nach. Nach längerer
Zeit des Schweigens zwischen ihnen bemerkte er eine Frau umherirren. Er
war sich ehrlich nicht einmal sicher ob es wirklich eine Frau war. Ihr
Umhang verbot ihm jede sicht auf sie. Sie hatte ihre Kapuze tief ins Gesichts
gezogen und hatte sie eine leicht gebückte Haltung. Entweder sie war alt
oder sie suchte etwas auf dem zerwühlten Boden. Zuvor am Tag hatte es
geregnet. Er streckte eine Hand nach ihrer Schulter und ergriff sie.
»Was machen Sie in den tiefen dieses Waldes?«, fragte er sie höfflich und
nicht zu nahe tretend. Sie richtete sich zu voller Größe auf und wand sich
ihm zu. Abschätzend sah sie in von Kopf bis Fuß an. Sie betrachtete seine
Hand auf ihrer Schulter. Sie war jung. Kaum älter als er selbst. Knappe
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zwanzig schätze er. Ihre braunes Haar wallte hinter der Kapuze. Ihre Augen
konnte er nicht sehen.
»Sehe ich etwas so aus als würde ich in Gefahr geraten?«, sagte sie kühl
und schob seine Hand weg.
»Nein gewiss nicht. Aber hier im Wald gibt es Bären und Wölfe ... sogar
andere, weit aus -«, er verstummte und zog einer seiner brauen hoch. Wollte
sie nicht verstehen?
»Mir ist wohl bekannt was in einem Wald für üble Schurken lauern. Aber
junger Reiter ... ich würde mir ehr sorgen mich dich machen. Man weiß nie,
wem man plötzlich im einem Wald wie diesen trifft« Er runzelte die Stirn als
sie fortfuhr: »Du weißt nicht wer ich bin oder?«
»Ich bitte um Verzeihung ... aber ich denke, ich als Reiter, währe durch
aus in der Lage mich zu verteidigen. Sie jedoch nicht«, sagte er ruhig und
beschwichtigend.
»Unsinbire!«, ihre Stimme war zornig über seine Unwissenheit, doch ein
Unterton des Bedauerns wog mit. Doch plötzlich durchfuhr seinem Herzen
ein kräftiger Schlag. Alles schmerzte ihm unerträglich ... er sackte ein und
hielt sich die bebende Brust. Mit seinem rechten Knie fiel er auf einen Stein,
ihm stockte der Atem. Tränen stiegen ihm hoch, er brüllte und heulte auf, als
ein neuerlicher Schlag ihn traf. Seine Sehnen und Muskeln zerrten. Seine
Innerreinen protestierten, ihm wurde übel. Es war schlimmer als jede
Prügelei die er schon hatte. Es währe als ob ihn jemand von Innen zwang zu
sterben. Ihm blutete die Nase.
Nach wenigen Minuten war sein Leiden erklungen ... er raffte sich langsam auf, die Hexe war verschwunden. Er tastete im Geiste nach Asti, er
konnte ihn nicht finden. Ihm schoss jetzt nur seinen Drachen ihn den Kopf.
Ging es ihm gut? War er unverletzt?
Er stammelte sich auf und taumelte hinter jeden Busch und Baum, bis er
Asti am Boden liegend erblickte. Er wusste nicht wie viele Male er noch auf
den Knien sein würde, doch er ließ sich nieder und fühlte ihm an die Brust,
sein Herz schlug nicht mehr ... seine Tränen waren nicht verklungen, denn
seine Augen waren voll damit, bereit herunter zu rennen, bereit ihm einen
salzigen Geschmack im Mund zu geben. Asti war tot, hatte das Zeitliche
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gesegnet und war von nun an, nicht mehr an seiner Seite ... sein Herz starb,
aber doch lebte er?!
Doch als weiter hier zu verweilen und trauern begann er, den erlegten
Hirsch aus Astis Maul zu zerren und nach Hause zu schleifen. Tränen rannen
ihm über sein Gesicht. Es mag sein das er Asti nie als voll genommen hatte,
aber das er nun nicht mehr an seiner Seite war, zerbrach sein Herz ... es
schmerzte noch immer. So fühlte es sich also an wenn man jemanden
verliert, der mit einem einen Pakt schloss, der weit über Leben und Tod ging.
In Legenden hieß es immer; ein Reiter würde mit seinem Drachen sterben,
aber das tat er nicht ... er lebte!
»Was ist passiert? Wo ist Asti?«, fragte seine Mutter besorgt, als sie sah,
dass er seine Beute selber nach Hause trug, statt, wie gewohnt, es sein
Drachen tat. Sie saß am Tisch, in der Küche, mit ihren Freundinnen, Kaffee
trinkend. Er hatte den Hirsch in die Scheune gebracht und war in die Küche
getreten. Seine Schulter war voller Blut. Er ließ sich auf einen leeren Stuhl
stöhnend nieder und schilderte kurz was geschehen war ... sie lauschten ihm
stumm, doch in jeder der einzelnen Gesichter zeichnete sich Kummer und
Angst, über dass was noch passieren würde, würde die Hexe noch weiter
durch die Wälder irren. Seine Mutter sagte nur: »Die Göttin des Todes«, mit
dem er nicht viel verband.
Sie riss ihn mit zum Dorf Ältesten. Ignorierte ihre Freunde in der Küche
die nach Luft schnappten. Sie schleppte ihn an gaffende Leute vorbei.
Obwohl es pietätlos war, grade in diesem Moment daran zu denken, fand er
es nicht sehr hilfreich, dass seine Mutter ihn durch das ganze Dorf schleifte
und alle ihn sahen ... sie sahen einen Mann, der noch immer von seiner
Mutter abhängig war, er fühlte sich wie ein kleines Kind, der etwas
ungezogenes zu jemanden gesagt hätte. Mädchen kicherten ihn nicht mehr an
sondern aus, er wurde gedemütigt, und er würde dies nie wieder vergessen
können ... es würde ihm eine Lehre sein.
Das Dach der Hütte des Ältesten, war aus Heu geflochten worden ... es
war das einzige Haus das Rund erbaut wurde. Doch bald schön würde ein
neuer Ältester die Hütte bewohnen, sie anders einrichten. Der alte Mann lang
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in seinem Bett und starrte verwirrt an die Decke seines Zimmers. Sein langer,
weißer Bart zu einem Zopf gebunden und sein ebenfalls weißes Haar lag
gekräuselt unter seinem bleichen Kopf. Er war schon sehr alt und krank.
Wenn man nicht wüsste ob das eine Heiligkeit oder nur eine Leiche war,
dann würde man zu letzteres tendieren. Seine Mutter sagte ihm was er ihr
erzählt hatte und auch er hauchte kaum merklich einen Name. Er sah nicht
einmal zu ihnen hin ... er sah nur seine Decke an als diesen Namen hauchte:
Yaver.
Nach wenigen Stunden rief er, der Älteste alle Dorfbewohner inne und
erzählte ihnen vom bösen Geiste der jungen Göttin. Sie alle, die sich um den
Ältesten gescharrt hatten griffen nun zur Mistgabel und andern Waffen,
marschierten in das Ruckgar-Gebirge und suchten die Göttin, die seinen
Drachen tötete.
Er war nicht fähig ihnen zu helfen ... sein Stolz war gebrochen, nun galt er
nicht mehr als Drachenreiter ... er war ein Nichts geworden, seiner
Zukünftigen konnte er nichts besonderes, stolzes bieten außer vielleicht
seiner innigen Liebe zu ihr? Wenn er noch fähig währe wahrhaftige Liebe zu
empfinden. Er wusste es nicht ob er dazu überhaupt im Stande war.
*
Nach vielen Tagen, die ins Land gingen, hatten sie die Göttin gefunden. Ihr
braunes, wallendes Haar und ihre ebenfalls starken, braunen Augen, hätten
ihn betört, hätte sie nicht Astis Leben verloschen lassen.
Als Strafe einen Drachen getötet und der Hexerei anzugehören, war der
einzige Weg; der Scheiterhaufen. Rasch bauten die Bewohner des Dorfes,
ihn auf und banden die Göttin daran fest. Aber bevor er das Feuer anzündete
und ihr den tödlichen Stich in die Brust gab, fragte er sie: »Wieso hast du
Asti und nicht mich getötet?«
»Weil die Götter verrückt geworden sind!«, sie sprach einen langen Satz in
einer Sprache die er und alle andern nicht verstanden. Er zündete den Haufen
an und hörte sie nicht einmal schreien. Diese Genugtuung der Göttin zerfraß
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ihn innerlich. Ließen ihn die Hölle zur Gegenwart werden. Ihn durchzuckte
wieder dieser höllische Schmerz, wie der als Asti starb. Er brach zusammen
und hörte die Göttin nun höhnisch lachen. Er verlor das Bewusstsein.
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2
Jemand spricht
Nicht jeder ist freundlich gesinnt, man muss mit Verlusten rechnen
Fünfzig Jahre später
h, dass kann ich sehr wohl mit dir machen«, sagte sie in einem
rauen Ton. Ihren überlegenden Blick konnte er einfach nicht
wiederstehen geschweige denn standhalten. Ihre braunen Augen
bissen sich in die seine, ihre Lippen umspielte ein Grinsen. Es war ein
gemeines Grinsen, nur leicht hatte sie die Mundwinkel gehoben.
Milde Sonnenstrahlen fielen ihnen ins Gesicht, es war ein warmer Herbst
herangebrochen. Kühle Windböen wehten durch ihr Haar und zerzausten
diese, aber gaben ihr auch so manchen klaren Gedanken.
»Wieso tust du das?«
»Joey ... wann lernst du es endlich! Ich bin ein Miststück. Ich habe dich
nur ausgenutzt, damit du endlich mal anfängst nicht immer anderen zu
misshandeln. Apropos Misshandeln ... ich glaube, dass habe ich eben mit dir,
in etwa gemacht« Grinste sie breiter. Joey blickte sie an, ihm war zum
heulen. Sein Gesicht war rot. Er war ein kleiner Junge, kaum größer als ein
Meter fünfundsechzig. Seine Fingerknöchel hatten ein weiß angenommen,
weil er immer kräftiger seine Hände zu Fäusten ballte. Braunes Haar fiel ihm
in seine Augen die bedrohlich schwarz wirken. Das Mädchen ließ sich davon
aber nicht beirren.
»Ich habe dich soeben: blamiert und gedemütigt«, redete sie im Plauderton
weiter und zählte an den Fingern ab. Ihr Unterton wirkte als währe es ihr
egal, was sie sagte ... es zählte nur, was sie tat. Sie belächelte ihn, machte auf
dem Absatz kehrt und klatschte in die ausgestreckten Hände ihrer
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Freundinnen, die hinter ihr gestanden hatten. Sie beachtete Joey nicht länger,
der ihr unwichtiges Zeugs dahin stammelte.
»Toll gemacht, Billie!«, sagte ihre sechzehnjährige Freundin, Cloey. Sie
hatte langes, gelocktes blondes Haar. Ihre blauen Augen schienen dem
azurblauen Himmel nahe.
»Es gibt noch vieler solcher Kerle auf der Schule«, lachte ein anderes
Mädchen, mit kurzen braunen Haaren und mit braunen Augen, sie an. Sie
hieß Lilane. Und dann gab es da ja noch Clover, ein Mädchen das fünfzehn
war, langes blondes Haar und grüngraue Augen hatte. Sie war die jüngere
Schwester von Cloey.
»Los kommt, lasst uns in die Klasse ... wir kommen sonst noch zu spät«,
arglistig fing auch sie an sich dem lauten Gelächter ihrer Freundinnen
anzuschließen.
Gelangweilt saß Billie, die ihre Fingernägel studierte, nahe am Fenster, in
ihrem Klassenraum. Es war ein kleiner, voll mit Schüler platzierter Raum.
Sie teilte sich den Raum mit dreißig anderen Mitschülern. Sonnenstrahlen
fielen ihr ins Gesicht. Die Strahlen gaben ihr frei wie viel Staub so eine
Klasse doch aufwirbeln konnte. Ihre Freundinnen saßen direkt neben ihr und
verstanden genauso wenig wie sie, etwas über Astronomie. Wen kümmerte
es, das sich irgendwelche Sterne und Monde kreise um sie zogen? Sie
betrachtete die Klasse. Joey saß zwei Reihen vor ihr und studierte das Buch
welches vor ihm lag. Hatte sie ihm Unrecht getan? In der Zeit, mit der sie
zusammen waren, schien er ihr recht freundlich. Sie zuckte mit der Nase um
diesen Gedanken hinfort zu wünschen. Es war egal was sie jetzt dachte.
Ändern konnte und wollte sie nicht. Er war Geschichte. Das Dorf, in
welchem sie lebte, herrschte voll von attraktiven Jünglingen, die ihrer nicht
abgeneigt zu sein scheinen. Es war ein kleines Dorf, Mitten in einem
Gebirge, welches hohe Berge sie umringten. Sie war noch nie außerhalb des
Dorfes gewesen. Wollte sie das den überhaupt? Sie gestand sich, dass ihr das
Leben im Dorf ermüdete und nervte aber wo sollte sie hin? Sie war eine
Waise die bei ihrer Tante lebte.
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Nachdem sie ihre Nägel gesäubert hatte, bemerkte sie das Lilane ihr einen
Zettel unter der Bank reichte. Gleichgültig griff sie danach und las darin. Ihr
Gesichtsausdruck verfinsterte sich, doch als sie Lilanes Gesicht erblickte
lächelte sie. Sie wusste nicht wieso, aber sie spielte selbst ihren besten
Freunden etwas vor. Sie hatten vor mit ihr Schwimmen zu gehen. Billie
nickte und sah wieder zur Tafel. Das Kinn lag auf ihrer linken Handfläche
und mit der Rechten spielte sie mit ihren schwarzen Haaren.
Als sie später Schulende hatten war Billie schnellen Weges nach Hause
gewesen um sich für das Schwimmen umzuziehen. Sie hatte am Vormittag
noch je zwei Doppelstunden mit Mathematik und Geometrie gehabt. Kein
einziges gesprochene Wort hatte sie verstanden, doch wenn es darum geht
bei einem Test als beste abzuschneiden war sie brillant. Sie verstand die
Dinge urplötzlich wenn es um einen Test ging. Sie lachte in sich hinein als
sie an der Küche vorbei lief. Ihre Tante hatte ihr saftiges Steak gebraten und
dazu einen Salat gefertigt. Bekümmert lehnte Billie ab und sagte ihr, sie solle
doch irgendwelche Sandwichs machen die sie nach dem Schwimmen essen
könne. Darauf zog Billie sich eilends um und blickte ihrer Tante erstaunt in
das alte Gesicht. Sie hatte ihr eine Tüte mit Sandwichs und klein
geschnittenen Äpfeln gereicht. Verwirrt über ihre Schnelligkeit nahm sie die
Tüte dankend entgegen und ließ die Haustür mit einem Krachen ins Schloss
fallen.
Der See war keine fünf Minuten von ihrem Haus entfernt. Um den See
herum waren hohe Mais- und Gerstenfelder. Billie kam hier oft her, wenn sie
nachdenken musste. Die Sonne brannte unerbitterlich auf ihre Schultern,
während sie sich weiter auszog um mit ihrem braunen Badehöschen und
Oberteil in das kalte Nass zu springen. Es war ein echt warmer Herbsttag.
Jedoch kurz bevor sie hineinspringen wollten wurden sie aufgehalten.
»Was habt ihr vor?«, fragte ein Junge der verdutzt feixte. Die Lichtstrahlen die auf sein Haar fielen ließen es wie Honig glänzen. Billie stand zu
weit weg um seine Augen richtig zu erkennen.
»Wir wollen schwimmen«, sagte Cloey und warf sich ein Tuch um.
»Ist das jetzt verboten?«, hatte Lilane bissig gefragt.
22
»Man sieht das ihr schwimmen wolltet«, sagte er freundlich und ignorierte
Lilanes Aussage. »Aber was habt ihr vor, nachdem ihr schwimmen wart?
Oder wenn ihr schwimmt?«
Billie sah sich die kleine Auseinandersetzung belustigt an. Auch sie hatte
sich jetzt ein Tuch umgeworfen und blickte verstohlen zum See heraus. Sie
hatte die Antwort von Clover kaum war genommen. Doch seine Stimme ...
sie wusste nicht warum, aber sie war beruhigend.
»Wenn ihr euch in den Algen verfangt, dann kann euch so gut wie
niemand retten!«, behaarte er.
»Lasst uns doch alle einfach braun werden ... das Wetter ist schön. Warum
streitet ihr?«, mischte sich nun auch Billie ein. Die Konfrontation mit Joey
heute Morgen war genug für einen Tag. Sie sollen morgen wieder streiten,
heute wollte nur abschalten.
»Wenigstens eine mit ein wenig Verstand!«, hatte er laut und glücklich
ausgerufen. Billie musterte ihn mit einem Seitenblick.
»Damit wollte ich dich bestimmt nicht unterstützen«, sagte sie ruhig.
»Ich weiß. Ich habe auch nicht gedacht, dass eine von euch nur so viel
Verstand hätte um nicht schwimmen gehen zu wollen. Ich brauche keine
Unterstützung« Nun beäugte er auch sie. Überrascht musterte er sie, wie sie
da saß mit ihrem umwickelten Tuch und ihrem langen schwarzen Haar.
»Warum stehst du noch hier?«, fauchte Billie. Sein spöttischer Blick, wie
er sie ansah war ihr unangenehm.
Er nickte und machte sich lachend auf dem Weg in den Wald. Mit
gemischten Gefühlen sahen die Freunde dem Jungen hinter her.
*
Am nächsten Schulmorgen ging das Gerücht um ein neuer Schüler würde zu
ihnen stoßen. Billie zählte gelangweilt Nummer fünfunddreißig. Sie blickte
wie immer aus dem Fenster. Am Rand nahm sie war das die Tür geöffnet
wurde und ihre Lehrerin hineintrat. Doch ihre konstante Konzentration war
auf ein Reh gerichtet, dass alleine und scheu über den Hof spazierte.
23
»Das hier ist Zeke Parker. Er ist achtzehn Jahre alt und kommt von weit
her ...« Mrs Angels blickte ihn fragend an. Ihre schlaksige Figur und die
weiten Klamotten, machten sie beleibter als sie in Wirklichkeit war.
»Ich komme vom Ruckgar-Gebirge, also von hier« Ihre Aufmerksamkeit
wand sie dem neuen Schüler. Das Reh war völlig aus ihrem Kopf verbannt
worden. Billie erkannte die Stimme sofort. Sie konnte es nicht fassen. Es war
der Junge von gestrigen Nachmittag am See! Sein etwas längeres hellbraunes
Haar, zu einem Zopf gebunden ... hatte wunderschöne tiefgrüne Augen. Er
hatte markante Wangenknochen und er war schlank. Ein wenig muskulös,
maskulin. Er war einen Kopf größer als sie. Über die einsachtzig Meter war
er alle male. Das alles war ihr vorher nicht aufgefallen. Billie musste
glucksen weil sie ihn erst jetzt richtig wahrnahm. Gestern war er ein Passant
gewesen der zufällig am See war doch nun war er ihr Klassenkamerad.
»Welche Schule hast du früher besucht?«, fragte ein rothaariges, molliges
Mädchen, mit der Billie nicht viel gemein hatte. Billie empfand sie als
hässlich, verstohlen blickte sie ihn an. Er sah nicht das fragende Mädchen
sondern sie an. Sie konnte sich ertappen wie sie für einen Moment ihre
Beherrschung verlor und ihn erschrocken anblickte, fasste sich jedoch
schnell wieder und warf ihr schwarzes Haar zurück.
»Ich war auf einer Schule in Mithtum. Nichts besonderes«, sagte er und
lächelte gequält. Ein ehrfürchtiges Raunen machte die Runde. Billie vermutete das er irgendwas verheimlichte.
»Wer sind deine Eltern?«, fragte Billie gerade Wegs heraus. Sie sah das er
schwer überlegte ... sie musste grinsen. War das sein Geheimnis? Hatte er
womöglich einen Kriminellen Vater und eine Mutter die ihm seinem eigen
Bruder eine Beziehung führte? Ihr grinsen war schon selbstgefällig.
»Mein Vater ist vor langer Zeit gestorben, als ich noch klein war. Ich
gedenke mich zu erinnern, dass er, den Namen Zac trug. Meine Mutter heißt
Helena«, er verstummte, blickte sie aber dennoch unentwegt an. Er blinzelte
leicht als Sonnenstrahlen ihm ins Augen fielen.
»Was gedenkst du zu erinnern welchen Berufsweg sie einschlugen?«,
höhnte Billie, ihr gefiel sein Ton nicht, seine ganze Aussprache war ihr zu
24
wider aber doch, passte sie sich seinem affektiertem Art an. Es war alles
andere als der Junge von gestern.
»Glaubst du an die alten Legenden, die selbst an dein verstopftes Gehör
gelangt sein müssten?«, fragte er scharf zurück und musterte sie interessiert.
Sie blieb stumm, erwiderte nichts. Er war verrückt, beschloss sie wütend.
Sein Blick hing immer noch an dem ihren.
»Schön, dass ihr alle so nett zueinander seit! Billie, ich will nach dem
Unterricht mit dir reden!«, meinte Mrs Angels zu Billie, doch diese
schnaubte verächtlich in seine Richtung und verdrehte die Augen.
»Parker, bitte warte hier bis ich mit ihr geredet habe«, entgegnete Mrs
Angels ihm und wandte sich nun an Billie, die falsch grinste und sie freudig
Anblickte. Sie wusste genau was nun wieder kommen würde. Ihre Lehrern
würde ihr, wie schon so oft klar machen, das sie künftig etwas freundlicher
sein könne. Er hatte lehnte sich gegen die Tür lehne. Er passte grade mal so
hindurch.
»Ja, ich weiß was ich getan habe und nein, ich bereue es nicht den Neuen
auf eine ja, gemeine Art und Weise Löcher in den Bauch gefragt zu haben«,
ohne einmal Lust zu holen ratterte sie alles runter als die Lehrerin den Mund
aufmachte. Zeke musste lächeln.
»Wenn du es schon weiß, was ich dich fragen werden, wieso machst du
dann immer noch so was?«
»Tja, wenn ich das wüsste. Kann ich gehen?«, fragte sie voller Unmut der
Lehrerin gegenüber.
»Nein, du wirst Zeke alles zeigen und erklären ... und deine Hausaufgabe
wird sein, dass sich deine Geschichte mit dem Zekes überschneidet ... nun
verbring deine Zeit mit ihm und geht ein Eis essen« Sie macht eine
Handbewegungen das sie verschwinden könne.
»Ich habe kein Geld für ein Eis«, sagte Billie wahrheitsgetreu, streckte die
Rechte hin und wartete bis sie ihr das Geld gab. Bedrohlich stand Mrs
Angels auf und baute sich über Billie auf.
Billie griff Zeke am Arm und zog ihn mit sich.
25
Billie führte ihn durch das, recht klein geratene Dorf. Zeke schaute aus
traurigen Augen jedes Haus und jeden Baum an. Die Sonne ging zu einer
roten Dämmerung unter, der Wind wurde eisig.
»Es hat sich alles so verändert ... wäre ich doch nur früher gekommen«,
brummte er in Erinnerung schwelgend.
»Was hat sich hier denn bitte verändert?«, fragte Billie ihn ungläubig. Für
sie war alles wie immer. Ein Ältester der mit Kinder spielte und auch die
Häuser waren alle mit Ziegeln. Ihr Dorf betrieb schon Ewigkeiten Landwirtschaft und bestellte die Felder.
»Es ist eine lange Geschichte, die du mir nicht glauben würdest. Also frag
nicht danach« Ein Schweigen trat zwischen ihnen das er löste als sie sich in
der Nähe eines Hauses befanden. »Wohnst du hier am Bach?«, fragte er
Billie von seiner Missmutigkeit keine Spur mehr.
»Ja, seid ich hier ausgesetzt wurde, wohne ich hier. Wieso fragst du?« Es
nervte sie, ihn am Halse zu haben. Aber er war nett.
»Nur so ...«
»Gefällt es dir hier eigentlich?« Er hörte ihr nicht zu und ließ sich neben
dem Bach in die Hocke. Mit einem Finger zog er durchs kalte Wasser.
»Hey!«, sagte Billie grob und stupste ihn so heftig das er die Balance
verlor und sich grade noch so auffangen konnte, um nicht in den Bach zu
fallen. Er runzelte die Stirn und spannte seine Schulter an um wieder auf die
Beine zu kommen.
»Was? Ich war beschäftigt wie du gesehen hast« Er blickte ihr fest in die
Augen. Sein Atem spürte Billie an ihrer Nasespitze, so groß war er und so
nahe.
»Gefällt es dir hier ....«, nuschelte Billie resigniert. Sie wusste nicht
warum, aber seinem ruhig Blick konnte sie nicht standhalten. Sie schielte zur
Seite.
»Ob ich gefällt werden will?« Er zog eine Grimasse.
»Nein! Gefällt es dir hier?!«, sagte Billie ein wenig lauter, so dass er sie
nun auch verstand. Sie wich ihm einen Schritt zurück bevor sie ihn anblickte.
26
»Ich bin hier aufgewachsen ... fünf Jahre war ich überall, aber nie
irgendwo richtig Zuhause. Es tut gut in seine Heimat zurück zukommen« Er
sah sie nun freundlich an.
»War es in Mithtum nicht schön? Ha, wahrscheinlich waren da zuviel
deines Gleichen -«, rief sie aus verstummte aber wegen sein verwirrtes
Gesicht. Er hat ein schönes Gesicht, dachte Billie.
»Deine Freundinnen kommen« Zeke schaute nicht vom ihr weg, aber doch
wusste er, dass sie kommen. Billie blickte von ihm zu ihren Freundinnen.
Die sich ganz leise anzupirschen versuchten, es aber nicht gelang.
»Parker, woher wusstest du das?«, stellte Billie die Frage erstaunt.
»Nenn mich nicht so abfällig Parker. Ich habe einen Namen!«, er sah sie
finster an.
Nur wenn ich weiß, dass ich dir vertrauen kann, sagte er fast zeitgleich.
Billies Herz sprang auf und ab ... er hatte im Gedanke mit ihr geredet.
Zeke drehte sich um und blicke sie nicht mehr an, er begrüßte ihre
Freundinnen, die schockiert über ihr entdecken waren.
»Billie, kommst du nun endlich zur Probe?«, fragte Clover sie und ließ
Zeke gewähren sie zu umarmen.
»Ja, ohne dich können wir nicht spielen«, erwähnte Lilane.
»Was spielt ihr den, wenn ich mir diese Frage erlauben dürfte?«, ermittelte
er seine Unwissenheit.
»Das geht dich wohl -«, bekann Billie und wurde von Cloey unterbrochen.
»Du kannst uns bei den Proben zusehen! Vielleicht kannst du uns ja weiter
empfehlen« Billie warf ihr einen giftigen Blick zu unter der Cloey sofort sehr
klein wurde und eine Entschuldigung ihr gegenüber nuschelte. Er nickte und
machte eine Geste, dass die Mädchen ruhig vorgehen können, was sie auch
taten.
Billie griff nach ihre Gitarre. Sie stellte die Saiten ein und wartete auf die
anderen. Cloey stimmte die andere Gitarre. Clover nahm ihren Bass und
lächelte ihrer Schwester, Cloey zu. Lilane nahm hinter ihrem Schlagzeug,
aus Tierleder umschlossene Eimer, platz und tippte in die Sticks einen Takt
und begann zu spielen. Der Bass und die Gitarre setzten ein ... Billie wartete
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auf ihren Einsatz. Sie sang aus vollem Halse und mit ihrer Seele. Sie schlug
in ihre Saiten und blickte unentwegt Zeke an. Noch nie hatte sie so viel in
eine Probe gesteckt gehabt.
Sie sang über ein Mädchen, dass einen Pakt mit dem Ungewissen schloss,
sich aber verliebte und Freunde für ihn fallen ließ. Sie endeten alle im
gleichen Takt ... doch Billies Stimme hauchte noch immer gegen die Wände.
Er klatschte in die Hände und lobte alle.
Du wärst ein viel besserer als ich ... der Pakt hätte dich vervollständigt.
Schon wieder! Seine Stimme in ihrem Kopf, dies konnte sie gar nicht ab.
Sie blickte ihn wütend an. Doch er lächelte sie nur an und hauchte ihr etwas
in das Ohr, dass nur sie verstand.
28
3
Du kennst ihn nicht
Also urteile nicht zu hart
ie ahnte, dass sie verrückt werden würde, sollte sie diese Stimmen
weiter verheimlichen. Aber wer würde ihr es abnehmen? Ihre
besten Freundinnen? Ihre Tante Helena, die eh schon abergläubisch war? Dem Unbekannten ... der für ihre Stimmen verantwortlich war?
Oder war es letzten Endes doch eine reale Stimme die laut ihren Gedanken
sprach? Aber so stellte sich wiederum die Frage, warum nahm es dann
niemand anderes, außer ihr wahr?
Nun war schon eine Woche vergangen und immer noch Fragen über
Fragen. Billie versteckte ihr Gesicht in das Kissen einer ihrer besten
Freundin, Lilane. Sie hatte grad das Zimmer verlassen um ihnen etwas Tee
zu bringen. Das hätte sie nach Billies Meinung nicht tun sollen, denn nun
waren ihre Gedanken wieder verwirrt. War sie nicht ein Mensch der das
leichte Leben genoss? Doch warum machte sie sich jetzt so viele Gedanken
darum wer was leise oder laut sprach?
Sie sah aus dem Fenster. Lilane hatte eine schöne Aussicht, da sie sehr am
Rande des Dorfes wohnte. Ihr Zimmer, wollig warm und herzlich eingerichtet. Hier musste man als Kind nie Angst habe, dass unterm Bett oder
im Schrank ein Monster lauerte. Das Fenster war mit einer Organfarbenen
Gardine behängt. Bett und andere Polstermöbel waren in der gleichen Farbe.
29
An einer Wand hingen Bilder, schöne Erinnerungen von allen, ihr, Lilane
und den Schwestern.
Lilane betrat den Raum mit einem großen Tablett geladen mit Tee. Billie
fühlte nur schon am Geruch das es sie beruhigte, feiner Kirschtee ...
»Also, es ist schon selten, dass man dich in diesem Hause sieht ... was ist
passiert«, fragte Lilane, nachdem sie einen Stuhl an das Bett gezogen und an
ihrem Tee genippt hatte. Billie sah sie aus großes Augen heraus an, war es
den so offensichtlich, dass etwas nicht mit ihr stimmte?
»Was sollte den los sein? Ich bin hier um dich zu besuchen, ich kann auch
wieder gehen«, sagte sie ernst und warf das Kissen, was sie noch immer
umklammert hielt, auf seinen Standpunkt zurück wo es auch zuvor gelegen
hatte.
»Nein, nein, bleib ruhig! Nur letztes Mal warst du auch zu mir gekommen
als du Probleme hattest. Zu den anderen gehst du doch nur um sonst was zu
bereden ...«
»Wirklich?« Billie wurde leicht rot, aber sie ließ sich mit sanfter Gewalt
wieder aufs Bett sinken. Längere Zeit schwiegen sie sich an. Tausend Dinge
schwirrten ihr, Billie im Kopf herum. Während Lilane sie besorgt
beobachtete, machten ihre Gedanken einen Hechtsprung durch die Mitte und
wieder zurück. Warum konnte sie es ihr nicht einfach sagen, vertraute sie ihr
etwa nicht? Dann würde sie wohl niemanden vertrauen, weil sie es
niemanden sagen würde – nicht sagen konnte! Ihre Lippen ähnelten einem
Schloss, das alt und verrostet war, wovon man den Schlüssel verloren oder
einfach nur weggeworfen hatte. Selbst wenn sie ihn öffnete um an ihren Tee
zu nippen, drang kein Wort heraus. Nicht mal ein Lob, für den gelungen,
selbstgemachten Tee. Hatte sie Angst? Angst verrückt zu werden? Doch ihre
Gedanken wurde entzwei gerissen als es an der Haustür klopfte, vor Schreck
währe sie fast von Bett gerollt.
»Oh, entschuldigst du mich kurz? Mutter geht es nicht gut«
»Hmm«, hatte sie geistesabwesend gemurmelt und schüttelte ihren Kopf.
Beinahe hätte sie, so glaubte sie, einen Herzinfarkt bekommen. Sie versuchte
ihren Puls und ihren Atem wieder zu regulieren, was ihr nach einigem tiefem
Atemzügen und kräftiges Einreden, dass ihr nur ihre Fantasie eine Streich
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spiele, gelang. Wieder verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen. Ihre Nerven
langen blank.
»Billie, wenn es dir nichts ausmacht, Zeke ist zu besuch ...« Lilane
lächelte und errötete förmlich, als würde es ihr Leid tun, mit ihm Zeit zu
verbringen. Sie blickte zu Boden. Zeke stand hinter hier und beobachtete den
Raum eindringlich, bis sein Blick auf dem Bett hängen blieb. Er grinste
Billie breit an.
»Wir können auch ein andern Mal ...-«, begann Lilane sich zu entschuldigen aber Zeke schubste sie beiseite und ging in den Raum auf Billie
zu.
»Nein, sie wird gar nichts Lilane ... siehst du denn nicht, dass es ihr
schlecht geht? Ich bin nur ein Kerl, der daher gelaufen kommt, sie aber ist
deine Freundin! Du solltest sie nicht so leicht abschieben«, sagte er und
setzte sich neben Billie aufs Bett. Verwirrte Blickte flogen von einem zum
anderen. Billie konnte grade noch einem Versuch Zekes entkommen, ihr
einen Arm um die Schultern zu legen.
»Los, erzähle uns dein Wehleiden ... vielleicht können wir dir doch etwas
helfen«, sagte er schelmisch grinsend. Er drängte sie förmlich ihm ihr Leiden
zu eröffnen.
»Nein, ich denke ich störe das Pärchen nicht. Also wenn ich mich
verabschieden kann« Billie stand auf und schritt zur Tür, einen letzten Blick,
vielleicht auf ein kleines Wort der Verabschiedung, auf die beiden. Zeke der
ihr perplex aber doch aus traurigen Augen nachsah und Lilane der alles Farbe
aus dem Gesicht wichen war.
»Wir sind kein Pärchen«, stellte Zeke ehrlich klar und übersah das
empörte Gesicht Lilanes.
»Sind wir nicht?«, fragte sie.
»Sind wir nicht!«, antwortete er barsch und eine heftige Diskussion
entfachte zwischen ihnen, in dem Billie kaum merklich verschwand.
Vielleicht sollte sie ganz einfach weiter ein ganz normales Leben führen.
Die Stimme in ihrem Kopf ignorieren und Zeke einfach vergessen. Sollte mit
ihrer Selbst wieder im reinen kommen, einfach wieder das Leben der Billie
führen, was sie so gut begonnen hatte ...
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»Billie ...« Billie wand sich und sah in die grünen Augen Zekes. War er ihr
gefolgt?
»Lauf nicht weg, wenn jemand dir helfen will! Nicht jeder will dir etwas
böses«
»Und warum rennst du vor Lilane weg und folgst mir?«
»Ich renne nicht weg. Wir haben geredet und sie hat mich rausgeschmissen ... das ist die ganze Wahrheit. Können wir ein Stück zusammen
gehen?«, fragte er und gesellte sich neben ihr und lief auch los. Billie lief mit
ihm aber sie schwieg.
»Warum hast du Lilane aufgesucht?«
»Weil ich ein Problem habe und damit selber nicht klarkomme ... geht es
nicht jedem so?«, fragte Billie ernsthaft. Sie sah ihn an. Ihre traurigen und
aufrichtigen Augen starrten in die seine, er hielt ihrem Blick stand. Sein
grinsen war verschwunden, auch er war ernst.
»Für dein Problem, gibt es nur eine Möglichkeit ... na gut, zwei«
»Und welche während das?« Lachte Billie bitter in sich hinein.
»Erstens: du stellst dich ihnen und wirst erlöst. Zweitens: du rennst weg,
bleibst feige und ... ach weißt du was, ich bin mal so nett und biete dir meine
Hilfe an, was sagst du?«, er strahlte sie an, doch ihrem Gesicht konnte er
keine Freunde entlocken, wobei er wieder erst drein sah.
»Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl, wenn du sagst du willst mir
helfen«
»Okay, ehrlich eigentlich brauche ich deine Hilfe, aber dass wirst du noch
früh genug verstehen, glaub mir. Wir treffen uns Morgen um Mitternacht am
Friedhof, komm nicht zu spät« Er sprintete davon.
Billie stand nun vor dem Haus ihrer Tante.
32
4
Seine unendliche
Geschichte
Alles muss ein Ende haben, sonst ist es nicht mehr spannend ...
lles im allen vertraute Billie ihm nicht. Entweder sie spinnt jetzt
oder sie war völlig durchgeknallt! Oder aber, und das Glaube sie
eher, sie war in ihn verknallt und halluzinierte. Ja, sie gestand, sie
war hin und her gerissen wegen ihm. Er brachte ihren Alltag durcheinander.
Sie konnte an nichts anderes Denken ... sie kannte ihn erst seit Kurzem. Nie
dachte sie, dass sie sich verlieben würde.
Ihre langen schwarzen Haare brüstete sie sich sorgsam durch. Sie nahm
von ihrer linken Seite eine lange Strähne und steckte diese auf der anderen
Seite fest. Billie war bekannt für ihren exzentrischen Style. Ihre braunen
Augen starrten in den ihren im Spiegel. Sie fand sich überaus hübsch, sie
musste lächeln.
Der Tag neigte sich der Dämmerung, bald müsse sie sich auf den Weg zu
ihm machen. Sie hatte keine Angst, alleine im dunkeln auf einem Friedhof ...
sie war doch kein Kind mehr! Sie lachte laut für sich alleine.
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Ihre Tante fragte wo sie noch zu so später Stunde hin wolle, sie log; sie
würde zu den Schwestern gehen und auch dort übernachten. Ihre Tante war
das drastische Gegenteil von ihr selbst. Sie war blond und lange nicht so
frech wie ihre Nichte. Obwohl sie verwand waren hatten sie keine Ähnlichkeit. Aber eigentlich, konnte Billie nicht sagen ob sie sich ähnelten ... den
sie kannte weder ihren Vater noch ihre Mutter persönlich. Vielleicht war
doch irgendetwas in ihr, dass eine Blutsverwandte mit Helena bewies. Oft
hatte Billie daran gedacht wer und wie ihre Eltern waren. Waren sie stolz auf
ihre Tochter oder würden sie sie ablehnen, wie ihr Vater es schon getan
hatte?
Ja, Billie hatte niemand außer ihrer Tante, die schon längst über achtzig
war, es sich aber nicht eingestand. Ihre Mutter starb als sie geboren wurde ...
ihr Vater gab sie damals ihre Schwester, er nahm Reißaus und ließ sie hier.
Ihre Tante, Helena hatte sie groß gezogen. Sie hatte mal Zwillinge, doch der
eine, so sagte sie, sei schon längst tot ... ihr Aberglauben über die alten
Legenden, waren für Billie unzuverlässiger Schwachsinn. Sie meinte immer
und überall sei Magie im Spiel. Ihr Mann starb durch einen Drachen und ihr
Sohn wegen einem Drachen. Ihre ganze Familie glaubte an die Legenden der
Drachenreiter ... nur Billie zog mit der Zeit, sie glaube nicht an solcherlei
Hirngespinste.
Die kühle Luft ließ ihre Wangen und ihre Nase rot werden, selbst ihre Ohren
liefen rot an. Leise ging Billie ihren langen Weg zum Friedhof. Langsam fing
sie an zu glauben, dass er sie für dumm verkaufen wollte. Auf einem Friedhof jemanden etwas sagen wollen. Verstimmt lächelte sie über ihre Dummheit, sich auf so ein Unterfangen bereit erklärt zu haben. Warum war ihr das
nicht schon früher merkwürdig vorgekommen. Ein Friedhof, schallte es
immer wider in ihrem Hirn.
Der Mond schien weit über ihr ... das Ruckgar-Gebirge schien endlos (was
sie auch waren, niemand konnte und war schon mal auf der anderen Seite
gewesen ... außer den Drachenreitern) ... die Wälder düster und die Grabsteine, dicht neben ihr, angsteinflößend. Billie schauderte als sie an einer
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Anhöhe stand und zu den Bergen hinauf sah. Sie war so klein und alles um
sie herum gigantisch.
»Du kommst spät! Was hat dich solange aufgehalten?«, fragte Zeke sie
von einer Eiche hinweg an, er lehnte an ihrem Stamm ... seine Augen bohrten
sich in die ihrer. Er hatte ein Grashalm im Mundwinkel.
»Naja, Mädchen sollte man nicht drängen!«
»Ja, das habe ich schon mal gehört« Er stieß sich vom Baum ab.
»Was wolltest du mir sagen?«, sagte Billie mit zitternder Stimme. Sie
fröstelte. Er sah sie an und ging nun auf sie zu ... er hatte eine beige Weste
und eine verwaschene Hose an und einen Bogen sowie Köcher um seinen
Rücken gespannt. Auf einmal schien er nicht mehr von ihrer Zeit, als wäre er
einem Bilderbuch entsprungen und würde hier sein Unwesen treiben. Billie
wusste nicht was sie sagen sollte. Vor fünfzig Jahren trug man seine jetzige
Kleidung, aber doch nicht mehr heute ...
Er bat sie, sich zu setzten ... auf einem der Grabsteine! Billies Stimme
erstarb, sie folgte seiner Geste und verneinte dies Kopfschüttelnd. Er ließ
sich auf einen ihr gegenüber nieder und bat sie noch einmal darum es ihm
gleich zu tun ... sie tat es noch immer nicht und schüttelte so heftig mit ihrem
Kopf, dass ihr ihre Haare ins Gesicht fielen. Sie wusste nicht wieso, aber sie
hatte Angst. Angst vor dem Zeke der nun vor ihr stand und auch die
Umgebung behagte ihr ganz und gar nicht und der kalte Wind unterstützte
sein Unterfangen. Sie war wirklich verrückt gesehen überhaupt hier her zu
kommen. Nervös spielte Billie mit ihren Fingern»Es wäre aber besser, wenn du dich setzten würdest ... glaub mir, du bist
nicht die Erste der ich es erzähle«
»Ah, ich bin also nicht die Einzige die du auf einen Friedhof gelockt
hast?«, sagte sie mit zitternder Stimme. Er ignorierte sie.
»Und es gab nur zwei Arten von Leuten; die einen warfen mich in einem
Topf mit Geisteskranken und andere wiederum glaubten mir aber lebten
nicht lange genug um mir zu helfen«, er verstummte und blickte sie an,
vielleicht hatte sie es sich ja anderes überlegt. Er bat sie noch einmal darum,
sich zu setzten.
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»Du willst mir also etwas Wahnwitziges erzählen?«, fragte sie und machte
eine ungläubige Grimasse. Sie verbarg ihre Hysterie.
»Also nicht gerade das, aber so in etwa schon, ja! Wo soll ich nur
anfangen ... ich war ein Drachenreiter im 18. Jahrhundert«, antwortete er
schließlich und zuckte mit den Achseln.
»Der war gut, dass muss ich dir lassen«, sie musste lospusten, es war so
witzig!
»So hat bis jetzt noch niemand reagiert, dass muss ich dir lassen«, sagte er
und sah sie aus ernsten Augen heran an. Billie, die nicht mehr lachen musste,
blickte ihn nun sprachlos mit ihren braunen Augen an. War es den kein Witz
gewesen? Hatte er etwa die Wahrheit gesagt? Es war dumm ihm zu glauben
... aber was wäre wenn er einer wäre ... es würde noch Helden gäben und ...
und es würde nichts ändern! Er konnte doch nicht wirklich meinen sie, ein
normaler Mensch könnte ihm, einem Drachenreiter helfen!
Zeke stieg vom Grabstein und führte Billie auf einem der umliegenden
Steinen und setzte sie auf einen. Sie wehrte sich seiner Berührung nicht.
»Du glaubst doch nicht, dass ich dir glaube, oder?«, sagte Billie, sie klang
so schnell dabei, dass es wie ein nuscheln war.
»Ich glaube nicht, dass du mir glauben wirst, aber ich hoffe inständig, dass
du meinen Worten glauben schenkst ... sodass auch ich wieder glauben
kann«, begann er zu reden.
»Das ist doch alles nur so eine Verarsche? Cloey! Du kannst mit den
anderen rauskommen!«, versuchte Billie nach den anderen zu rufen. Sie
dachte es wäre ein Hinterhalt ihrer Freundinnen, aber da niemand aus den
Verstecken kam und sie nirgendwo Gekicher hörte, blickte sie wieder zu
Zeke, der ihre Aussage ignorierte aber ihr Tun amüsiert beobachtete. Ihr
Augen weiteten sich vor Unglauben.
»Also, ich war ein Drachenreiter ... mein Drache hieß Asti. Eine Göttin
brachte ihn damals, kurz nachdem ich achtzehn wurde um. Die
Dorfbewohner fanden sie darauf hin, hier irgendwo in den Wäldern. Wir
ließen sie verbrennen, dabei verfluchte sie mich mit einem Zauber, der mich
unsterblich werden ließ. Ich habe die Zeit gesehen, wie sie sich veränderte ...
und nicht alle Jahre wird jemand geboren, der die Macht hat mir zu helfen.
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Ich will dir deine Bestimmung zwar nicht vorenthalten aber du musst selbst
wissen ob du es zu diesem Zeitpunkt auch wirklich willst ... du hast eine
Wahl die ich nicht hatte. Sei dir dessen immer bewusst«, begann er von
neuem. Er hatte ihr lächelnd zugesehen, wie sie nach ihren Freunden rief.
»Haha und du willst unsterblich sein? Wie alt willst du dann bitte sein?«,
fragte sie ... aus welchem Grund auch immer, sie wollte ihm nicht glauben.
Sie lachte fast hysterisch.
»Also ich sehe noch immer aus wie achtzehn, nicht war? Ich bin jetzt ...
achtundsiebzig?!« Ihr fiel die Kinnlade herunter, sie konnte nicht anders als
ihn atheistisch anzusehen. Er schaute sie nur an ... wie würde sie reagieren?
»Und du denkst, ich mach bei deinen Hirngespinsten mit?«
»Ja. Weil du bestimmt denkst -«, begann er.
»Ich denke, du hast eine Schraube locker ... ich werde jetzt gehen«, schloss
sie. Sie wand sich zum Gehen.
»Wir müssen nach Mithtum!« Er griff nach ihrem Handgelenk. Es klang
wie eine Aufforderung.
»Lass mich los! Ich habe mein Leben in der Realität, fang lieber auch an,
in der realen Welt zu leben und lass die Drachenreiter in der Vergangenheit.
Bitte, ich will nichts mit deiner eigentlichen Gestallt zu tun haben« Sie sah in
abschätzend von Kopf bis Fuß an um ihren Worten Nachdruck zu geben.
»Wieso bist du nur so ein Sturkopf?«, er hatte seinen Ton geändert, er
klang nur mehr einem Murren. Wieso hatte die Zeit nur solche Spuren
hinterlassen?
»Danke! Und wo willst du deiner Meinung mit mir hin, wenn du mich
nach Mithtum geschleiftst hättest?«
»Zum Hafen! Und darauf weiter nach ... ich hatte lange Zeit mit diesen
Plan auszudenken, es gibt so gut wie fast keine Komplikationen«, lächelte er.
»So gut wie? Soll das heißen, ich könnte dabei drauf gehen? Willst du das
damit sagen? Da haben wir es doch! Deine Fantasiereinen sind für die Katz!
Nun lass mich endlich los!« Sie riss sich los und trat gegen den Grabstein ...
erst jetzt sah sie den eingravierten Namen darauf ... Zeke Parker, Sohn von
Zac ... ehemaliger Drachenreiter von Asti.
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Wenn er die Wahrheit sprach, dann müsste es einen Beweis für seine
Geschichte haben.
»Gib mir einen, nur einen einzigen Beweis und ich werde mir deine
halluzinierte Geschichte anhören?«, herausfordernd blickte sie ihn an. Er
erwiderte nichts, er schien darüber nach zudenken.
»Lebt meine Mutter noch?«, fragte er sie schließlich.
»Helena? Ich denke schon ... wo wohntest du?«
»Unser Haus ist des längeren nicht mehr in unserem Besitz, weil du darin
wohnst«
»Gut, sie können wir ja dann wohl schon mal ausschließen! Weil sie total
abergläubisch ist! Und das wäre dir ein Vorteil«
»Welche sie? Sie lebt noch? Sie ist deine Tante?«, fraget er platt. Sie
nickte. Er nickte auch. »Warum braucht du einen Beweis? Kannst du die
Dinge nicht einmal, nur ein einziges Mal so nehmen wie sie sind?«, sagte er
schließlich und wiederholte ihre Worte.
Billie erwiderte ihm nichts darauf. Alles was sie in diesem Moment fühlte
war nicht das, was sie eigentlich wollte. Sie wollte ihm glauben, konnte es
aber nicht. Sie wollte ihn anbrüllen, konnte es aber schreien ... sie wollte
nach Hause und weinen, über Sachen nachdenken, an die sie in ihren
kühnsten Träumen nicht dachte doch sie war hier, hier mit ihm. Entsetzt hatte
sie die Augen geweitet und starrte ihn aus vollem Erschütterten an.
Er sollte ein unsterblicher Drachenreiter sein ... und er wollte mit ihr über
das Ruckgar-Gebirge, zum Gulnar-Hafen, ... aber es gab keinen Beweis, dass
es ein Leben hinter den Bergen gab. Es gab doch keine Reiter mehr und
andere mysteriösen Wesen! Das, was er ihr erzählte, war eine unendliche
Geschichte ... und sie sollte Teil einer neuen Ära werden, sollte Drachenreiter wieder Auferstehen lassen und Vergeltung an den Göttinnen üben?!
Das war doch alles nicht möglich.
Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf, blickte ihn jedoch unentwegt an. Er
hatte sich wieder auf den Stein sinken und seine Schultern hängen lassen.
Billie konnte seinen Blick nicht zuordnen aber es war ein Blick den
mitleideregend war. So viel Traurigkeit lag in seinen tiefgrünen Augen. Sein
Haar schien silbern im Mondlicht. Seine Haut aschfahl. In diesem Moment
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musste Billie resigniert zugeben, dass er wirklich nicht von hier stammt. Er
passte nicht in ihr jetziges Leben, er passte nichts ins Ruckgar-Gebirge.
Konnte sie ihm wirklich glauben, was er sagte? Aber es klang so unwirklich
in ihren Ohren.
Sie schüttelte noch heftiger ihren Kopf und rannte den Friedhof zurück zu
ihrer Tante.
5
Ein Gespräch unter
Frauen
Erkunde deine Gegend ... erkunde deiner Selbst
illie, wachte eines Morgens sehr früh auf. Sie hüpfte freudig aus
ihrem weichen Himmelbett. Sah in ihrem Spiegel und bürstete
sich ihr langes schwarzes Haar.
Der Himmel war noch sehr dunkel gefärbt ... Nebelschwaden verringerten
ihre Sicht aus dem Fenster, geschweige denn nach vorne. Es war ein
merkwürdiger Herbst. Billie hatte noch nie so einen milden erlebt gehabt, als
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wolle er eine neuer Ära herauf beschwören. Doch Billie kam das alles nicht
ganz koscher vor und fürchtete sich vor diesem Klimawandel. Es drückte ihr
die Seele zu, dieser Unbehagen ...
Sie hatte keine Lust in die Schule und auch keine Lust ihr Leben ... ihr
Leben als begehrtes Mädchen aufzugeben, sie hatte es sich hart erkämpfen
müssen um geachtet zu werden. Und er kam in ihrem Alltag herein geplatzt
und erzählte ihr, sie solle mit ihm nach Mithtum, nur da er ein unsterblicher
Drachenreiter sei? Das war noch lange kein Grund für sie ihr jetziges Dasein
einfach wegzuschmeißen und an einer Halluzination und Legenden zu
glauben und in einer zu leben. Sie lebte in einer Zeit der Fakten. Legenden
wurden abgeschafft oder sie wurden zu Tatsachen bewiesen. Eigentlich
mochte sie Zeke auf irgendeine abkömmliche Weise. Vom ganzen Aussehen
und sein ganzes Auftreten gefiel ihr insgeheim doch es nervte sie schon,
wenn er in ihrer Nähe und das er ein Durchgeknallter war. Er machte nie den
Anschein etwas anderes zu sein oder in einer anderen Zeit lebend ...
Sie schlich die Treppe herunter, weil sie ihre Tante nicht wecken wollte,
doch vergeblich bemerkte sie das in der Küche schon heftig gearbeitet
wurde. Helena bereitete schon das Frühstück vor. Stand sie morgens immer
schon so früh auf, nur damit das Essen auf dem Tisch stand?, dachte Billie
verblüfft und schielte in die Küche. Sie schätze ihre Tante zu wenig um ihr
Danke für alles zu sagen, sie brachte es nicht über ihre Lippen.
»Willst du schon so früh raus? Willst du noch frühstücken, es ist gleich
fertig«, sprach Helena herzlich an Billie gewand. Sie erschrak richtig, als
Helena mit ihr sprach. Aber doch setzte sie sich auf einen der Stühle in der
Küche und wartete auf das Brot, das Helena grade für sie machte. Liebevoll
bestrich sie es mit Butter und belegte es mit Salami und Ei. »Du siehst nicht
gut aus«, schlussfolgerte Helena und blickte sie ernst an.
»Echt?« Billie betastete schnell ihre Haare endlang. Sie wusste was ihre
Tante meinte, aber sie sollte davon nichts mitbekommen ... noch nicht zumindest.
»Nein, nein. Du siehst wie immer wunderhübsch aus, nur du siehst heute
irgendwie ein wenig krank aus. Hastest du gestern genügend Schlaf? Wenn
du ein Problem hast -«
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»... dann kann ich immer zu dir kommen, ich weiß. Erzähl mir mal etwas
von den Zwillingen«, fragte sie.
»Was interessieren dich auf einmal die Zwillinge?«
»Unwichtig ...«, antwortete Billie und biss geräuschvoll in ihr Brot.
»Ich wollte die Tradition nicht brechen, also haben auch die beiden einen
Namen der mit Z beginnt. So wie ihr Vater Zac hieß, heißen die beiden Zeke
und Zeki. Was willst du den noch wissen?«
»Wann starb der eine und was wurde aus dem anderen?«
»Zeke starb als er achtzehn wurde und Zeki ging auf Reisen, nachdem er
starb ... sie waren brave Kinder, aber lange nicht so frech wie du!«, neckte
Helena sie und kniff ihr in die Wange. Beide mussten lachen.
»Warum erzählst du nicht sehr viel über sie?«
»Billie, irgendwann kommt die Zeit dann wirst du merken das es weh tut
jemanden zu verlieren« Sie umschloss Billies Hand und führte sie zu ihrem
Herzen. »Das du mehr als nur leidest und weinst ... du denkst, dein Leben ist
ohne die Person nicht wert weiter zuleben. Du spielst mit dem Gedanken,
dich irgendwo herunter zustürzen nur um nicht mehr all die freudigen
Gesichter sehen zu müssen.
Das Leiden kann auch nur ganz klein sein. Später wenn du hier ausziehen
wirst und deine eigene Familie gründest«
Einst dachte Billie, ihre Tante wäre eine abergläubische aber trotz
fröhliche Person, aber in diesem Moment, sah sie all ihren Kummer und
Schmerz.
»Tante ... es gibt da jemanden, denn ich eigentlich sehr gut leiden kann.
Ich kenn ihn aber auch erst seit kurzem. Er hatte mir eine sehr, sehr unglaubwürdige Gesichte erzählt ... er will das ich mit ihm nach Mithtum gehe und
darüber hinaus ...«, offenbarte ihr Billie die halbe Wahrheit, sie mied ihren
Blick und blickte in ihrem Tee. Billie meinte in ihrem Tee ein Blatt Kamille
schwimmen zu sehen, sie zog eine Braune hoch. Helena schluckte ihren
Bissen herunter und nippte an ihrem Glass Orangensaft. Es dauerte ein
wenig, bevor sie antwortete.
»Wenn ich wüsste wie wichtig ihm es sei, dass ich nach Mithtum komme,
würde ich mitgehen ... bevor es zu spät ist«
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»Soll ich es dir wirklich sagen?«
»Nur wenn du willst ...«
»Er heißt Zeke und behauptet im 18. Jahrhundert ein Drachenreiter
gewesen zu sein«
»Und die Göttin des Todes hat ihn zur Unsterblichkeit verdammt, nicht
wahr?«, riet Helena richtig ins Schwarze herein.
»Gar nicht mal so unrichtig. Woher weißt du von ihm? Es ist nicht
abwiegen von der Zeit her. Es währe möglich ...«, stotterte sich und brach
schließlich ab. Was redete ich da auf einmal?, dachte Billie verwirrt und
verwünschte sich es ihrer Tante gesagt zu haben. Sie biss sich auf die Zunge.
»Er hat es dir noch nicht eröffnet? Ich bin seine Mutter ... und es ist eine
große Ehre, dass er grade dich auserwählt hat. Aber wenn er noch ein paar
Jahre länger lebt, ist es egal was du tust« Billie biss sich nun wirklich auf die
Zunge und schmeckte das Blut.
»Ich wusste ich hätte es dir nicht sagen sollen! TANTE, ES GIBT KEINE
DRACHEN! Hast du etwa jemals einen im Ruckgar-Gebirge gesehen? Warst
du jemals außerhalb des Gebirges? Ich kann und will es nicht glauben«,
brauste sie wütend auf. war stieß den Stuhl, auf dem sie saß um als sie aufgebacht aufstand. Es war ein Fehler jemanden so Abergläubischen gegenüber
so etwas Dummes zu erwähnen. Sie verfluchte Zeke ein paar Mal wüst.
»Ich weiß nicht wieso es hier keine Drachen mehr gibt und nein, ich war
noch nie außerhalb des Gebirges. Ist es den so wichtig das niemand anderes
außerhalb war?«
»Mir ist wichtig was andere denken!« Sie stand auf und ging aus der
Küche. Sie verabschiedete sich noch mit einem Nuscheln und schritt aus der
Tür. Die Haustür fiel krachend ins Schloss.
Als würde sie es nötig haben an etwas glauben zu wollen, was sowieso
nichts ändern würde. Das Ruckgar-Gebirge war ein freies Land, niemand
unterdrückte es ... also brauchten sie auch keine Drachenreiter die ihnen
halfen. Also brauchte er sie auch nicht um nach Mithtum zu kommen ...
eigentlich sollte sie ja nur mit ihm, um ihm zu helfen, aber sie konnte ihm
nicht helfen egal wie man es drehte und wandte, sie war ein normales
Mädchen aus einem Dorf in einem Gebirge und lebte glücklich und
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zufrieden. Wenn es die Reiter gäbe würde sie ab und an herunter fliegen und
alten Damen helfen eine Straße zu überwinden ... es war trostlos.
Billie hatte keine richtige Lust auf Schule, so ging sie einen Umweg, um
an ihren Lieblingsplatz zu gelangen. Sie schlich sich durch Gassen und
einzelne Passagen und erblickte nach weniger als fünf Minuten das in der
aufgehenden Sonne beschienenden Kornfeld, dass ihr golden entgegen
strahlte. Die leichte Brise ihr ums Gesicht wehte und das Feld wie ein Meer
in Wallung geraten ließ. Sie verfluchte sich selber und Zeke. Wie schön es
doch wäre über dieses Feld zu fliegen ... eins sein mit seinem Drachen ...
wieso kam Zeke grade jetzt? Wieso weckte er ihre Kindheitsträume? Wieso
tat er ihr so weh? Warum ließ er sie glauben ein Traum könnte wahr werden,
dass es aber nie tun würde?
6
Auf der Jagt ...
Alles wird irgendwann gesucht, vielleicht ja schon bald du ... ?
ie blickte gen blauen Himmel und sah den Vögel beim tanzen und
singen zu ... wie friedlich und idyllisch es doch hier war. Warum
sollte sie dies zurück lassen nur für Abenteuer und vielleicht sogar
ihrem baldigen Tod? Zeke brachte wirklich alles durcheinander.
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Die Sonne schien in ihr Gesicht, wärmte und bräunte sie. Fühlte sich der
Atem eines Drachen so an? Sie schloss ihre Augen und musste sanft lächeln,
ein leises Seufzen der Erleichterung und der Genugtuung entfuhr ihr. Sie
stand auf und wischte sich den Staub vom Hosenboden ab und lächelte in die
Sonne. Was hatte Zeke mit seiner kurzen Anwesendheit schon alles bei ihr
bewirkt? Nun dachte sie selbst schon an Drachen die ihnen freundlich
zuhauchten und an ihrer Seite sein würde.
»Ich bin hier! Was soll ich tun?«, rief sie ihr freudig entgegen und rannte
mit einer Wolke um die Wette, an das Ende des Feldes. Das Kornfeld gab ihr
die Sicht nach vorn nicht frei. Sie keuchte, schnaubte und hustete doch
trotzdem sprintete sie weiter, bis ans Ende ... und Bäume versperrten ihr den
Durchgang weiter zu rennen und leider musste sie sich so eingestehen, dass
die Wolke gewonnen hatte. Billie musste herzhaft lachen. Sie war genauso
verrück wie jeder andere! Wer rann schon mit sechzehn Jahren mit einer
Wolke um die Wette? Sie ließ sich zurück auf den Boden fallen und lachte
zum Himmel hinauf. Sie wollte dieses Leben nicht aufgeben! Nicht um alles
auf der Welt, wollte sie dies hier, ihre Heimat verlieren ... sie erfasste Frieden
und innere Ruhe ...
Komm zu mir!
Sie schreckte auf, wer hatte da mit ihr gesprochen? Es war das gleiche
Gefühl, wie schon bei Zeke. Es machte ihr Angst, dass jemand in ihrem Geist
mit ihr redete. Da musste sie wieder heftig anfangen zu lachen. Ja, sie war
verrückt! Sie hatte ihre eigenen Worte vergessen und war wahrlich ein
nervliches Wrack gegenüber Unnormales geworden.
Ich brauche dich
Es war eine männliche kindliche Stimme, die in ihrem Kopf auf und ab
echote. Es klang wie die Stimme eines kleinen Jungen. Aber sie klang viel
erwachsender als die damals von Zeke. Weiser und erfahrender, klang es in
ihren Ohren ... aber es war nicht normal, irgendwelche Stimmen zu hören.
Im Augenwinkel sah sie etwas vorbeihuschen. In den Tiefen des Waldes
sah sie einen hellen Schopf verschwinden. Zeke, dachte Billie. Sie sprang auf
und ignorierte die Stimme in ihrem Hinterkopf, sie hechtete ihm nach.
Vielleicht versuchte er sich ja einen Beweis zu fingieren, so dass sie ihm
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glaubten würde. Doch da hatte er sich geschnitten gehabt ... die gute Billie
war nicht von gestern, sie musste schelmisch grinsen. Auf so einen Trick
würde sie nicht reinfallen, nicht in diesem Jahrhundert!
Sie wand sich durch Bäume und hob jedes ihrer Beine extrem hoch an,
damit sie ja kein Geräusch im Unterholz verursachte. Zeke war sehr schnell,
Billie hatte Schwierigkeiten ihm zu folgen. Das Sonnenlicht fiel durch
einzelne Lücken in dem Baumkronen hindurch. Selbst im Wald schien ihr
alles äußerst harmonisch ... nein, sie würde das Gebirge nie verlassen.
Zeke ließ sich, auf einer Lichtung, auf die Knie sinken und nahm leise
seinen Bogen und einen Pfeil aus dem Köcher, auf seinem Rücken und
spannte diesen. Billie schlich sich ein wenig näher an ihn heran, um besser
sehen zu können. Da bemerkte sie das eine Herde Hirsche dort, im Einklang
mit der Natur, friedlich grasten ... und er auf den Bock zielte.
»Hast du sie noch alle? Du kannst doch nicht diesen Hirsch erlegen?!«,
platze es aus Billie heraus. Es schien ihr unnütz einen Hirsch erlegen zu
müssen, wo der Dorf Läden hätte wo man Fleisch erwerben konnte.
Die Hirsche wurden aufgeschreckt und sprangen davon. Zeke ließ ein
lautes Stöhnen hören und senkte seine Arme. Er stand weder auf noch sah er
sie an.
»Ups ...«
»Ja, ups! Würde ich auch sagen! Was soll ich deiner Meinung nach heute
Abend essen?«, fragte er sie nun und zielte aus Trotz mit dem Bogen auf sie.
Sie hatte ihn um sein Mittag- und Abendessen gebracht.
»Geh doch wie alle normalen Menschen in das Dorf und kauf dir was.
Oder besser: werde Vegetarier!«, empfahl sie ihm und mied den Blick zum
Bogen. Er müsste doch nicht jagen nur um was zu essen.
»Ist aber billiger wenn ich selber jagen würde! Ich brauch mein Geld noch
für andere Sachen. Und halt mir keine Reden, du isst doch selbst Fleisch«,
fügte er entschlossen hinzu. Er grinste sie keck an, stand auf und ließ gleichzeitig den Boden sinken.
»DU kannst noch nicht mal jagen, wie man eben gesehen hat. Und ich esse
nur Fleisch, ... die weder Fell noch Augen haben ... und ich muss dieses Tier
nicht gekannt haben!« Ihr wurde ein klein weinig übel ... ein totes Tier!
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»Ja, ich kann auch nicht Jagen wenn sich ein vorlautes Etwas in meiner
Nähe befindet und mir seit dem Kornfeld hinterher rennt! Und bitte erzähl
mir nicht, dass dir der Anblick eines toten Tieres zuwider ist –oh mein Gott«
Er starrte in ihr bleiches Gesicht als müsse sie an der Vorstellung eines
Kadavers gleich brechen. Er fluchte leise.
Billie blickte ihn stumm an. Sie wollte zwar losbrausen aber es hätte
keinen Sinn.
»Komm, ich will dir etwas zeigen« Er ging schon mal voraus. Bevor Billie
ihm aber folgte sah sie auf den Boden etwas glitzern. Es war ein Anhänger ...
einer grauer Drache mit einem zerbrochenen schwarzem Stein in der Mitte.
Das Amulett war nicht länger als ihre Handfläche und nicht breiter als zwei
Finger. Es war ein sehr hübscher Anhänger.
»Kommst du bald?!«, brülle er von weiter weg. Billie ließ das Amulett in
ihre Hosentasche verschwinden und eilte ihm hinterer. Wieso trägt er so ein
Schmuckstück bei sich?, überlegte Billie und legte die Stirn in Falten.
»Das hier, wie du siehst ist ein Grab ... und sieh bitte auf den Namen«,
bemerkte Zeke beiläufig und ernst.
Billie blickte interessiert auf den Grabstein. Es war zwar nicht weiter als
nur ein Stein, mit etwas Moos überdeckt, aber da stand eingraviert:
Hier ruht Asti
Drache von Zeke Parker
Möge mein Herz noch immer dein sein
»Also einen Stein, auf der Stelle zu einem Grab zu fingieren kann ich
auch. Also ich hoffe mal, dass hier war nicht dein Beweis dafür, dass ich dir
zuhören soll?«, fragte sie rau und holte zischend Luft. Er blieb darauf stumm
und ließ sich vor dem Grab auf die Knie sinken und faltete seine Hände. Er
schloss seine Augen und begann lautlose zu beten. Billie trat ein kaum
merklichen Schritt zurück und blickte mürrisch auf ihn herab.
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»Ich weiß nicht wie ich es dir beweisen soll, dass ich die Wahrheit sage ...
darum werde ich warten, bis du lernst mir zu vertrauen« Er sah sie noch
immer nicht an.
»Und wann sollte deiner Meinung, die Reise beginnen?«, lächelte sie ihm
entgegen. Er wandte sich.
»Ist das dein Erst?« Sie zuckte mit den Achseln und mied seinen Blick.
Billie verzerrte ihr Gesicht zu einer unbekümmert, unschlüssigen Grimasse.
Zeke musste leicht grinsen, da sie dazu noch rot wurde. »Wir müssten mit
der Karawane von Händlern aufbrechen«, sagte er misstrauisch erfreut.
»Ich weiß es noch nicht ... noch habe ich keinen Beweis von dir bekommen. Du hast also noch eine Woche Zeit« Sie zählte die Tage an ihren
Fingern ab, seine Mine verfinsterte sich und sein grinsen verschwand... sie
spielte mit ihm.
»Das macht dir spaß, kann das sein? Du verstehst es also immer noch
nicht!?«
»Ich weiß nicht was ich in deiner Geschichte soll? Dir folgen wie dein
treues Weib? Dir beistehen wie du deine Fehde gegen die Göttinnen ziehst?
Ich sehe keinen Sinn in allem für mich!«
»Gott, bist du anstrengend ...«, schloss er und wurde schwerhörig.
Zeke bahnte sich einen Weg durchs Gebüsch und achtete Protest nicht auf
Billies Äußerungen.
Als Zeke seine Schritte verlangsamte und ihr so erlaubte aufzuholen und sich
neben ihm zu gesellen, gingen beide stumm weiter Richtung Dorf. Billie
hatte die Orientierung verloren gehabt als sie ihm durch den Wald folgte.
Missgelaunt steckte Billie die Hände in ihre Hosentaschen und bemerkte das
Amulett ... sollte sie ihn darauf ansprechen?
»Warum kannst du mich nicht leiden?«, fragte sie schließlich und sah zu
Boden.
»Warum sollte ich wie alle anderen, dir zu Füßen liegen und alles tun was
du willst?!« Einer seiner Brauen zog sich nach oben, er blickte wunderlich zu
ihr hinunter. Billie reichte ihm grade mal bis zu den Schultern.
»Das will ich doch gar nicht!«, rechtfertigte sie sich und sah ihn nun an.
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»Ich weiß ... das wollte ich auch nie. Wir ähneln uns sehr, weißt du das?
Nur ich habe mich verändert und das wirst du auch bald tun«
»Wir ähneln uns kein bisschen ...«
»Oh doch, glaub mir. Ich war damals nicht viel anders als du heute ...
vielleicht nur ein wenig besser erzogen« Er lächelte sie provokant an. Kaum
merklich griff er langsam nach seinen Bogen und spannte dieses.
»Ich bin gut erzogen! Dir fehlt doch die Manier und hör auf immer zu
sagen glaub mir!«, donnerte sie und stemmte die Hände in die Hüften, sie
war nicht bereit mit ihm weiter zu gehen ... sie würde sich lieber selber einen
Weg durch diesen Wald bahnen als mit so einem egoistischen Geheimnistuer
umherzuirren. »Ich rede mit dir!«
»Sei still verdammt!«, zischte er sie an und bedeutete ihr still zu sein und
sich nicht mehr zu rühren. Er schlich vorsichtig nach vorne ... geduckt und
den Bogen zum zerreißen gespannt.
»ICH WILL ABER NICHT STILL SEIN!«
Zeke blickte sie aus entsetzten Augen heraus an und ließ seinen Bogen ein
klein wenig sinken. Doch das wurde ihm schmerzlich klar, als er schon
rücklings zu Boden geschleudert wurde.
»ZEKE!«, schrie Billie ... sie wollte zu ihm doch das hässliche Antlitz des
Monsters ihr gegenüber ließ ihre Beine weich werden. Das Monster war
nicht weiter als ein großer schwarzer Bär der sich ihr gegenüber aufbäumte
und nun zu ihr stampfte. Sein Kopf war groß, kleine stumpfe Hörner zierten
seinen Schädel ... sein fauliger Atem reichte zu ihr herüber und ließ sie
würgen. Die scharfen Zähne waren vergilbt aber noch rot von Blut.
»ZEKE!« Sie blickte zu ihm ... noch immer lag er auf den Boden, er war
gegen einen Baum gekracht und war bewusstlos. Sie war nicht Herr ihrer
Beine, sie konnte nicht rennen ... konnte ihn nicht alleine lassen.
Sie rannte, so schnell sie konnte um den Bär herum zu Zeke. Da der Bär
schwerfällig war und nur schlecht realisierte das sie nicht mehr vor ihm
stand, war es ihr ein glücklicher Vorteil. Sie fiel neben ihn auf die Knie und
legte seinen Kopf auf ihren Schoß.
»Zeke ... wach auf!«, ihre Stimme war leicht verheult. Sie schlug sanft
gegen seine Wange, er regte sich aber nicht. Der Bär hatte sich gewand und
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Billie griff nach Zekes Bogen und holte aus dem Köcher ein Pfeil heraus. Sie
herhob sich, legte seinen Kopf vorsichtig auf den Nadelboden und blickte
den sich langsam näher kommenden Bär an. Noch nie hatte sie einen Bogen
in der Hand gehabt ... noch nie hatte sie sich so mutig gefühlt. Sie spannte
den Bogen und spürte es in ihrer Hand kribbeln, Wärme durchströmte sie.
Ich bin bei dir
»Hier, lass es dir schmecken du Biest!«, brüllte Billie und schoss den Pfeil
ab ... sie wusste nicht wie es geschah doch er glühte Feuerrot auf und durchbohrte das Herz des Bären. Er fiel ihr knapp vor die Füße. Sie nahm es nicht
war, sie war erschöpft ... sie fiel auf den Kopf des Bären und schlief friedlich
ein.
Sie müsste dem kindlichen Jungen danken ... denn er war bei ihr, in ihrem
Geiste. Er hatte ihr Unterstützung und die Kraft gescheckt den Bären zu
erlegen.
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Ungeladener Besuch
im Dorf
Niemand bleibt für immer unerkannt
ast du mir geholfen, Zeke zu retten?, fragte Billie im Gedanken.
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Sie war erschöpft, sie war unfähig sich zu bewegen ... um sie
herum war stille Nacht. Vor ihr ein kleines lilafarbenes Licht. Und
die weise Jungenstimme.
Ja, ich habe dir geholfen. Es ist nicht gut, wenn du hier bist
Billie entfuhr ein tiefer Atemzug.
»BILLIE! Billie, wach auf!« Jemand rüttelte und schüttelte an ihr. Träge
öffnete sie ihre Augen und sah in die tiefgrünen Augen von Zeke. Er war
wach, es ging ihm gut ... sie hatte es erreicht, das was sie wollte. Sie hatte ihn
vor dem Bär gerettet. Ein schwaches Lächeln ummalte ihre Lippen. Ihre
Lider flatterten.
»Gott sei Dank, du lebst!«, atmete Zeke tief durch.
»Hast du dir Sorgen gemacht?« Sie richtete sich auf. Ihr brummte der
ganze Schädel. Sie hob eine Hand und massierte sich die Schläfe. Ihr war
übel. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr je so schlecht war dass ihr die
Galle schon im Halse strand.
»Indirekt! Du hast mein Bogen benutzt? Und du bist mir zur Hilfe
gekommen?« Zählte er seine Fragen an den Fingern ab.
»Ich hatte keine andere Möglichkeit um -« Sie drehte sich von ihm weg
und spuckte um den widerlichen Geschmack aus ihrem Mund und Rachen
zubekommen.
»ICH bin hier der Unsterbliche! Sag mir lieber, wie du den Bär getötet
hast?« Zeke zeigte mit einer ausgiebigen Handbewegung den erlegten Bär.
Er lag eine Meter von ihnen entfernt, aber doch gut zu erkennen, dass er
nicht mehr atmete.
»Ich nahm deinen Bogen und schoss den Pfeil ... er glühte rot auf. Und
dann bin ich zusammen gebrochen«
»Nein, du warst nicht zusammen gebrochen du warst fast Tod! Und das
erklärt nicht die Magie, die du benutzt hast!«
»Ich habe keine Magie benutzt!« Sie war nun völlig durchgedreht! Sie
hatte Magie benutzt und hörte Stimmen. Ihr brummte der Schädel nur noch
schlimmer. Sie nahm nun beide Hände und massierte. Seine Stimme
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hämmerte so laut in ihrem Hirn wider als würde man auf einer Schale zum
Essen schlagen, die dann vibriert.
»Jetzt heul hier nicht auch noch rum!«, beschwerte er sich als sich in ihren
Augen Tränen sammelten.
»Ich heul nicht! Ich weine!« Als ob es ein Unterschied wäre. Sein Gesicht
verschwamm vor ihren Augen. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken
weg.
»Komm lass uns nach Hause gehen ... hat ja doch keinen Sinn mit dir«,
sagte er erstaunlich freundlich. Jedoch war ihm die Kinnlade
heruntergefallen und verdrehte die Augen, griff sie dann grob an den Armen
und zerrte sie auf die Beine ... achtete nicht auf ihre Unbeholfenheit und
schleifte sie zurück ins Dorf.
Wie viele Seiten mag er noch haben ... nie hätte sie ihm solch eine
Grobheit zugetraut aber auch keine recht sanfte Seite ...
»Du bist Zuhause!«, sagte er und ging von dannen, zurück in den Wald.
Fassungslos sah sie ihm nach. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte einem kauenden
Kelch. Wieder und wieder schloss sich ihr Mund vor Unglauben. Sollte sie
ihn hassen oder ihm doch eine Chance geben? Neben ihr hörte sie leise den
Bach plätschern ... sie sah in diesen und bemerkte all ihre kleinen bluteten
Wunden im Gesicht. Sie taten weh ... sie wusch sich das Gesicht am Bach
und sah in das kleine Dorf hinein.
Leute lachten und besuchten sich. Kauften oder Tauschten Gegenstände.
Kinder spielten fangen ... Paare liebten sich.
»Horst, guten Tag! Wie geht es der kleinen Milo?«, fragte Billie einen sehr
beleibten Mann. Er trug eine Schürze und hatte dreckige Wurstfinger. Horst
war als Schmied tätig, aber er hatte ein sehr gutes Augen gegenüber Schmuckstücken.
»Ja, schon gut eigen’lich. Meine Frau fragt, wann du mal wieder mit
deiner Tante kommst?«, sagte er fröhlich ... aus seinem Mund kam ein
unheilvoller Geruch und gaben einen Blick auf sein verfaultes Inneres frei.
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Um nicht wieder würgen zu müssen geschweige den eine Grimasse zuziehen
redete Billie weiter.
»Horst, wie gut ist dein Auge für Teures? Ich habe nämlich etwas im Wald
gefunden« Beiläufig glitt ihre Hand in die Tasche und hervor holte sie das
Amulett von Zeke. Ein klein wenig spielte sie damit um seine Nase herum
und weckte so sein Interesse.
»Billie, komm mit mir nach hinten, damit ich mir dein Schmuckstück
besser ansehen kann«, bat Horst sie und öffnete eine Tür die in ein dunkles
Zimmer führte. Zaghaft trat sie herein. Er setzte sich auf einen niederen
Hocker und blickte von diesem. An einer Leine, die neben ihm herab hing
betätigte er das Licht im Zimmer. Überall glänze und glitzerte es ... Billie
konnte ihren Blick kaum noch von all dem lösen und sich ihrem gestohlenen
Amulett widmen.
Sie setzte sich ihm gegenüber und reichte Horst das Drachenamulett von
Zeke. Er sah es skeptisch sowie vergnügt an. Ein paar mal ließ er ein Ah und
ein Oh hören, er war ganz in seinem Element.
»Glaubst du, du hast schon etwas herausgefunden ...?«, sprach sie
langsam.
»Ah, was?«
»Kannst du mir schon was sagen? Über das Amulett«, trieb und
wiederholte sie.
»Ja! Ja, dass habe ich. Aber woher hast du es?«
»Gefunden im Wald ...«, antwortete sie knapp. Sie versuchte ihm nicht in
die Augen zu sehen, denn so würde er vielleicht merken das sie log und so
daraus schließen sie habe es gestohlen ... was sie auch eigentlich getan hatte,
was sie aber strickt leugnete.
»Im Wald also ... das -« Er zeigte ihr das Amulett. »... ist ein Amulett, dass
früher die Drachenreiter trugen. Ich weiß nicht ob sie irgendeine Macht
haben, aber wie ich sehe ich es kaputt. Ich würde dir viel bieten wenn du es
mir verkaufen würdest«
»Von wem glaubst du, könnte ich etwas erfahren zu was dieses Ding gut
ist?!« Es gehörte ihr nicht, warum also sollte sie es verkaufen ... noch fühlte
sie sich nicht als eine Diebin.
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»Beim Ältesten ... aber er ist sehr krank ... ich denke nicht das er dich
empfangen wird. Du kannst es aber versuchen. Willst du’s echt nicht
verkaufen?«, fragte er erneut und Billie gab ihm keine Antwort. Sie stand auf
und ging Richtung Ausgang. Ruppig hatte sie ihm zuvor das Amulett aber
abgenommen.
»Bitte, überlege es dir noch einmal«
Billie blickte gen untergehenden Sonne. Wieder war ein Tag vergangen ...
wieder war sie ihm nicht entkommen ...
Vor der Hütte des Ältesten blieb sie stehen und dachte nach. Lohnte es
sich den überhaupt ihm nach zuschnüffeln? Sie glaubte ihm nicht, dass
würde reichen ... oder nicht?
»Willst du zu mir?«, fragte ein ältere Mann, der plötzlich neben ihr trat,
freundlich nach. Er hatte langes weißes Haar sowie einen Bart. Seine kleine
Stupsnase und seine smaragdgrünen Augen sahen sehr freundlich und zart
aus. Trotz seinem hohen Alters von achtundachtzig war er immer noch sehr
fit und ging täglich seinen abendlichen Spaziergang. Wenn er lustig war,
joggte er mit den kleinen Kindern im Dorf um die Wette ...
Der Älteste öffnete die Tür seiner Hütte, die schon jahrelang nur die
Ältesten bewohnt hatten. Beide traten in ein kreisrunden Raum. Er bat sie
sich zu setzen während er anfing Tee aufzusetzen und ließ sich ein wenig
schwerfällig auf sein Bett sinken.
»Warum bist du hier, kleines Mädchen? Warst du heut den wie alle braven
Kinder in der Schule?«, fragte er sie, als wüsste er die Antwort nicht.
»Erwischt! Sie haben recht, ich war nicht in der Schule ... aber vielleicht
werde ich bald sowieso nicht mehr hingehen können. Und Sie werden wissen
was ich meine, wenn Sie sehen warum ich hier bin«, schloss sie und reichte
ihm das Amulett. Sie zitterte als sie ihm das Amulett reichte.
»Ah ... ein Amulett eines Drachenreiters, deren Drache schon gestorben
ist. Woher hast du es?«
»Gefunden im Wald, als ich Zeke folgte« Seine grünen Augen ließen sie
nicht los. Er beobachtete sie atemlos und stumm.
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»Zeke? Also dieses Amulett erhält jeder Drachenreiter nachdem sein
Drache geschlüpft ist, in Nefle, der Stadt in der die Elfen hausen. Das ganze
Amulett ist, wie versteinert, grau nicht war? Und der Stein der in der Mitte
ist auch kaputt und schwarz geworden?!
Der Stein ist ein Edelstein gewesen in der Farbe des Drachen ... und der
Drache selbst war Gold. Und du hast hier etwas sehr wertvolles gefunden.
Als der Reiter und der Drache starben, ist es kaputt gegangen«
»Was bezweckt dieser Stein?«
»Ich bin kein Reiter meine Liebe! Ich kann es dir nicht sagen. Da musst du
schon einen Reiter fragen!«, lachte er herzhaft. Der Tee pfiff, er war fertig.
»Wärst du so nett?«, bat er sie den Tee auszuschenken und diesen ihm zu
bringen und sich selbst einen zu gönnen. »Feiner Kamillentee, die Kamille
ist frisch gepflückt. Er wird dir deine Sinne berauben und sie wieder richtig
zusammen fügen«
»Wie viel ist das Amulett wert?«, fragte Billie.
»Ich würde es nicht verkaufen ... den es gehört nicht dir. Siehst du?« Er
zeigte ihr die Rückseite des Amulett auf dem stand Zeke und Asti.
»Glauben Sie an die Geschichten?«
»Ich denke nicht das die Fragte; glauben Sie an Geschichten, heißen sollte
sondern eher; ob du sie glaubst?«
»Sie haben meine Frage nur zurück gestellt«
»Ja, dass habe ich. Und ich bin alt, ich denke ich weiß an was ich glauben
kann und soll. Du bist jung und kannst mich eines besseren belehren«
»Und?«, sie beharrte auf diese simple Frage.
»Es gibt so viele Legenden über sie, dass ich sie glaube. Aber ich habe nie
einen gesehen ... aber dieses Amulett lässt vielleicht wieder hoffen«, er
lächelte sanft und nippte an seinem Tee.
»Also Sie würden ihm helfen?«, fragte Billie zaghaft und blickte ihm
stumm in die Augen.
»Warum willst du wissen was ich tun würde? Du musst dir deine eigene
Meinung bilden und diese verwirklichen. Ich kann dir nicht sagen was du tun
sollst, dass kann niemand, selbst er nicht«
»Also sollte ich alles, was ich lieb gewonnen habe, verlassen?«
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»Nur wenn du keinen anderen Weg siehst. Geh nach Haus, es ist spät.
Denke über alles nach und entscheide dich bald ... den bald ist Winter und
die Karawane beginnt sich zu bewegen ...«
Ihr half es nicht, Hilfe bei anderen zu suchen ... ihr half es nicht, sich anderen
anzuvertrauen ... ihr half es nicht, ihm nach zuspionieren und noch mehr
Beweise zu finden die seine Geschichte bestätigen. Sie biss sich auf die
Unterlippe und musste sich bitter eingestehen; je mehr so schnüffelte je
größer wurde ihre Neugierde.
»Tante, ich bin wieder da!«, rief sie ins Haus als sie eintrat und sich die
Schuhe auszog.
»Billie, bitte komm in die Küche ... du hast Besuch«, rief ihre Tante. Sie
eilte in die Küche und blickte in die zarten Gesichter junger Menschen. Ihre
Gesichter waren blasser als der ihrer aber doch feiner und hübscher ... ihr
weißes langes Haar fielen ihnen seidig über die Schultern und versteckten
ihre Ohren. Es waren feengleiche Geschöpfe ...
Einer der beiden jungen Herren blickte sie an ... er lächelte nicht. Seine
Augen waren starr und leuchten eisblau, sahen sie überlegen an.
»Und wer sind die Herren?«, fragte Billie höhnisch.
»Ich denke, sie gehen lieber ... Mrs Parker«, seine Stimme klang so
lieblich zart und es passte nicht zu seinen Augen. Helena verließ das
Zimmer.
»Billie, war deine Name?«, fragte der andere, mit den gleichen Augen und
der gleichen Stimme. Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, hinter die
Ohren. Billie ließ es sich nicht anmerken aber es konnte doch nicht sein! Ein
Elf suchte sie auf. Zeke hatte wohl doch nicht die ganze Wahrheit eröffnet.
»Was wollt ihr?«
»Fragen ob sich hier ein Zeke Parker aufhält, der Sohn dieser Närrin. Und
ob dieser dir oder sonst irgendjemanden irgendeine aberwitzige Geschichte
erzählt hat« Er musterte sie von ihren Socken bis zu ihren Haaren. Sie fühlte
sich wie ein offenes Buch, welches er grade gedenkt lesen zu wollen.
»Wer soll dieser Zeke sein?«, log sie bewusst und wand ihren Blick von
seinen Ohren ab.
55
»Ein unsterblicher Narr, man muss ihm keine Beachtung schenken ...«
»Also ich habe den Sohn von Helena nie gesehen. Was wollt ihr von
ihm?«
»Wir wollen ihn fangen ... er ist unberechenbar und sehr kriminell
veranlagt. Wir werden noch länger hier sein, sollte uns zu Ohren kommen,
dass du irgendetwas mit ihm zu tun hattest, wird es dir teuer zu stehen
kommen«, drohte er ihr. Er stand mit seinem Begleiter auf und sie schritten
aus der Küchentür hinaus.
Billie wurde schlecht. Wenn er noch länger hier bleiben würde, würden sie
ihn entdecken und sie gleich mit. Vor Schreck weiteten sich ihre Augen. Sie
musste ihn warnen ... müsste sich entscheiden ...
8
Tränenreicher
Abschied
56
es wird immer jemanden geben der um Dich weint, vergiss das nie
illie rannte zur Tür. Als ihre Hand den Türknauf ereichte flog die
Tür mit einem Schlag auf. Ein höllischer Schmerz durchzog ihren
Kopf. Die Tür hatte nämlich genau auf diesen getroffen. Sie fiel zu
Boden und sah verwirrt auf den Sturm der die Tür aufriss. Billie war als
währe ihr Kopf als Türklopfer verwendet wurden. Sie hoffte, sie habe keine
Platzwunde davongetragen.
»BILLIE!«, schrie er durch das Haus und bemerkte sie am Boden sitzend
nicht. Gerne würde sie ihm jetzt ein Bein stellen wollen. Verkniff es sich
aber. Er hatte auch Helenas Namen gerufen.
»Hör auf hier rum zu schreien wie ein völlig Besessener! Willst du das sie
wieder kommen?!«, ließ sie von unten Verlauten. Verdattert blickte er nun
zum Boden und musste ein Grinsen vermeiden.
»Egal! Keine Zeit! Wir müssen aufbrechen, sie werden uns finden!« Er
reichte ihr seine Hand, damit sie wieder auf die Beine kam.
»Aber wie sollen sie dich finden, wenn du im Wald umherirrst«, fragte
Billie und ließ sich bewusst aus dem Spiel. Sie schlug seine Hand beiseite
und rappelte sich auf. Eine Übelkeit durchzog sie.
»Es sind Elfen! Sie haben den langen Weg auf sich genommen von Nefle
bis hierher um mich zu fangen und dich gleich mit!«
»Ich weiß, dass das Elfen waren! Ich bin nicht blind! Warum sollten sie
mich fangen? Und ich werde nicht gehen! Sie sagten du bist kriminell ... hast
du irgendwas vergessen mir zu sagen? Hä?«
»Willst du lieber hier sterben? Los pack etwas Proviant und lass uns hier
verschwinden!«, meinte er und grinste sie an.
Helena trat zu ihnen in den Flur und beobachtete das Treiben dort. In der
Hand hielt sie einen Beutel.
»Ihr könnt sofort los. Ich habe schon alles fertig gepackt für euch« Sie sah
Zeke an.
57
»Danke ... Mutter«
»Komm in meine Arme, Sohn!« Sie breitete ihre Arme aus.
»Nein, es fällt dir dann nur noch schwerer loszulassen ... wir hatten das
schon mal, weißt du noch?«, sagte er und zog eine Braune hoch.
»Tante ...« Billie standen Tränen im Gesicht. Helena lächelte sie an ...
doch sie sagte nichts.
»Nun komm schon! Keine Zeit!« Er schnappte sich das Proviant und griff
Billie am Handgelenk.
So schnell ging es also ... ohne einen Beweis von ihm, ging sie nun doch
mit ihm, nur wegen diesem Besuch der Elfen. Sie blickte zurück ... Helena
stand nicht im Rahmen der Tür und sah ihnen nach. Doch letzten Endes hatte
sie eine Antwort bekommen. Helena war bereit sie loszulassen. Das hieß also
unwiederbringlich, dass sie mit ihm gehen würde.
»Warum müssen wir vor den Elfen fliehen?«, brüllte Billie gegen den
Wind.
»Weil ich keine Lust haben von irgendjemanden gefunden zu werden!
Wieso denkst du, dass ich dauernd herumpendle?!«, gab er zurück. »Nun sei
still! Sie müssen hier ganz in der Nähe sein«
»Darf ich mich noch von den anderen Verabschieden?«, fragte sie ihn. Er
blieb stehen und sah in ihre tränenden Augen.
»Das kostet uns zu viel Zeit!«, sagte er knapp.
»Bitte!«, flehte sie.
»NEIN! Los jetzt!« Er begann wieder zu rennen. Sie hatte keine andere
Wahl, sie müsse wohl mit ihm. Ihre Tante hatte recht, es tat weh jemanden
zu verlassen ...
»Wo sind wir?«, fragte Billie ihn, als sie tief in den dunklen Wald gerannt
waren.
»Im Wald, auf dem schnellsten Weg nach Mithtum«
»Also reisen wir die Nacht durch?«
»Nein ...« Er suchte Feuerholz und begann sich damit zu beschäftigen ein
Feuer zu entfachen. Es gelang ihm nach wenigen Minuten. Billie erstaunte
was er alles so konnte.
58
»Wo hast -«, ihr wurde das Wort abgeschnitten.
»Du glaubst mir noch immer nicht, nicht wahr?« Zeke sah sie an. Die
Ernsthaftigkeit in seinen Augen erlaubten ihr nicht zu lügen. Er wärmte sich
die Hände am Feuer.
»Ich glaube dir nicht, ja obwohl ich schon sehr viele glaubwürdige
Beweise gefunden habe. Und ich vertraue dir nicht ... aber jetzt bin ich hier
und habe keine andere Wahl mehr als dir zu folgen und dir zugleich zu
vertrauen. Zeke, bitte versprich mir, dass dein Weg nicht mein Ende sein
wird!«
»Es tut mir Leid, dass kann ich nicht ... ich weiß nicht was passieren wird
und wer sich uns alles in den Weg stellen wird. Aber ich weiß, dass du nicht
vor mir stirbst!«
»Habe ich dein Wort?«
»Ja ... in Uatnez Neef, wird mir keine Wahl bleiben und ich muss dir und
all den andern einen Eid schwören, genauso wie du« Er wand sich ab und sah
in das Feuer.
»Einen Eid? Ein Versprechen würde mir reichen!«
»Jetzt fang nicht wieder an zu nerven«, murrte er und verdrehte die Augen.
»Ich will keinen schwören!« Sie ließ sich neben ihm in die Hocke nieder
und wärmte sich die Hände.
»Wie, du willst nicht? Gibt’s nicht! Du muss einen machen, wenn nicht
wird -«, er verstummte.
»Wie wäre es mal, wenn du anfangen würdest mir die Wahrheit zu sagen,
nicht so wie bei den Elfen« Er wich ihrem Blicken aus. Es ergab für sie
keinen Sinn, dass er ihr es nicht eröffnete. Denn jetzt, jetzt würde die Flucht
vor den Elfen beginnen ... nun konnte sie nicht mehr zurück. Spätendens
Morgen würden sie ihr Fehlen bemerken und das Dorf verlassen und sie
suchen kommen ... und Billie bezweifelte, dass sie es lebend nach Mithtum
schaffen wenn sie sie entdecken.
»Geh schlafen ... müssen morgen früh raus, wenn du dich verabschieden
willst«, er seufzte. Billies Gesicht hellte sich um einiges auf, doch sie mochte
es nicht wie ein Kind behandelt zu werden. Doch sie ignorierte dies und tat
was er sagte. Zuvor hatte sie ihn noch glücklich und überrumpelt umarmt.
59
»Jahh! Lass mich los!«
»Danke ... und dann auch wider nicht ... gute Nacht, schlaf gut«, schloss
sie und murmelte sich in den Mantel von Zeke, den er ihr gegeben hatte. Er
hatte ihn ausgezogen und ihr gereicht ... nun trug er noch sein Hemd und
seine Weste. Er hielt seinen Bogen immer schussbereit.
Er stocherte im Feuer herum.
»Gute Nacht«, wünschte er ihr und sah wieder auf sein Feuer. Er löschte
diesen und blieb die ganze Nacht wach. Sie konnte nicht schlafen und
bemerkte seine angespannte Haltung. Öfters in der Nacht hörte sie, wie er
seinen Bogen spannte.
*
»Billie, tu es nicht ... verlass uns nicht. Wir brauchen dich alle!«, schniefte
Cloey sie an. Zeke stand ein wenig abseits von den Vieren und blickte
wechselnd zu ihr und wieder in die Gegend. Langsam, ganz langsam ging die
Sonne auf. »Warum musst du gehen? Die Band braucht dich«
Ja, die Band ... die würde sie auch hinter sich lassen müssen.
»Die Band muss ohne mich überstehen. Cloey, du kannst meine Gitarre
haben ... klingt so wieso besser. Ihr findet schon einen Ersatz für mich«,
scherzte sie, doch ihre Tränen in den Augen sprachen Bände. Leise rannen
ihnen alle die Tränen herab auf den staubigen Boden.
»Es wird dich aber niemand ersetzen können!«
»Bitte nicht ... es tut jetzt schon so weh, alles hier zu lassen«
»Dann geh nicht! Wer hat dich den dazu gebracht das Dorf zu verlassen?«
Lilane blickte scharf zu Zeke, der ihrem Blick auswich. Er studierte nun
seine Fingernägel.
»Er ist an allem Schuld ... er kommt her und nimmt dich mit!«
»NEIN, lasst ihn daraus! Er ist mein Cousin«, verteidigte Billie ihn. Er sah
sie perplex an ... doch sie bekam davon nichts mit. Er hatte aufgehört sich um
seine nun sauberen Nägel zukümmern.
»Ich versuche ihm zu helfen«
»Dann hat er die Männer hergelockt oder wie?«, brachte Clover hervor.
60
»Ich denke, nicht nur er hat sie angelockt ...«
»Keine Zeit mehr!« Zeke griff sie wieder am Handgelenk und sah ihr in
die Augen.
»Okay ... ich muss. Lebt wohl«
Sie rannte ... rannte um ihr Leben und ließ die Vergangenheit ruhen ... und
so begann die ungewisse und nicht vorrausahnende Zukunft, die sie nun
selber in der Hand hatte ...
9
61
Der harte Weg nach
Mithtum
Nicht jeder wird Dich auf der Reise mit ausgebreiteten Armen empfangen
s war nun schon eine Woche vergangen seitdem sie das Dorf
verlassen hatten. Obwohl sie ewig weinen konnte, tat sie es nicht,
es schmerzte ihr in der Brust ... sie hatte keine Tränen mehr, die sie
vergießen konnte. Sie war am Ende ihrer körperlichen und auch ihrer
physischen Kräfte, sie hielt sich nur noch mühsam auf den Beinen und am
Leben ...
Sie vermisste ihre Tante Helena, ihre Freunde, Cloey, Clover und Lilane.
Sie vermisste ihr Gitarre, abends war ihr so langweilig, dass sie wünschte, sie
hätte sie mitgenommen. Abends schliefen sie und standen, wenn der Nebel
ihnen die Sicht verbot, auf und brachen los nach Mithtum. Über Stock und
Stein, durch Büsche und Flüsse ... es war eine elende Prozedur für sie. Billie
konnte kaum noch richtig schlafen wegen den ganzen fremden Geräuschen
und ihrem Muskelkater, der an ihr zerrte. Zeke kannte keine Rast, nur wenn
sie ihn darum bat ...
*
»Zeke ... wann sind wir denn nun in Mithtum?« Billie wusste nicht wie oft
sie diese einzige Frage schon gestellt hatte.
62
»Haben wir den See erreicht?«, fauchte er genervt zurück. Nein, sie hatten
ihn noch nicht erreicht. Aber nun waren sie schon eine Woche unterwegs und
noch immer gab es kein Lebenszeichen für kommende Zivilisation. Sie
wollte nicht immer totes Tier essen, welches er frisch erlegte. Billie wusste
nicht, ob sie es tat, aber sie fühlte sich einige Gramm leichter ... sie aß nicht
viel und schlief kaum, sie konnte nicht mehr.
Leise fielen ihnen beiden Schnee zu den Füßen. Der Winter hatte
begonnen und der Wald bot ihnen keinen Schutz mehr ... vor ihnen wurde
alles ganz weiß. Es war eine wundervoller Anblick. Doch ihr wurde eisig.
Billie bezweifelte, dass sie es weiter schaffen würden. Sie tadelte sich, dass
sie sich nicht ein klein wenig dicker angezogen hatte. Sie trug nur einen
braunen Pullover, sowie eine braune Hose. Darüber hatte sie einen weiteren
dunkelbraunen Rock und ihre Stiefel wollten sie auch nicht recht warm
halten.
»Hier, damit du nicht erfrierst. Von dir hängt vieles ab« Er hielt ihr seinen
schwarzen Mantel hin. Sie nahm es dankend an, doch nun tat er ihr Leid,
denn nun fror er ...
»Zeke, soll ich denn nicht mal tragen? Du trägst unsern Proviant schon
Wochen ... lass mich dir doch irgendwie helfen!«
»Du hilfst mir, wenn du lebst. Im Gegensatz zu dir bin ich es gewöhnt
Sachen mit mir herum zu tragen. Und es ist nicht mehr lang bis nach
Mithtum ... vielleicht, wenn wir Glück haben, noch eine Woche. Ich bin
erleichtert, dass sie uns noch nicht gefunden haben« Er zeigte ihr, grinsend
den See. Vor ihr breitete sich ein großer blauer Fleck aus. Sie sah ein paar
Gänse gen Süden fliegen ... es war ein himmlischer Ort. Hirsche tranken am
See. Sie hatte noch nie einen Hirsch gesehen, der so friedlich war, bis auf
das, dass Zeke ihn erlegen wollte.
»Zeke ... es st wunderschön hier!«, strahlte sie. Die Sonne schien ihr mild
ins Gesicht. Sie breitete ihr Arme aus und rannte zum See vor. Zeke sah ihr
nur lächelnd nach.
»Ich würde nicht so weit rennen ... lass mich lieber -« Er griff nach seinem
Bogen uns spannte diesen. Ein leises Knirschen ging davon aus. »Lasst sie
los!«, brülle er.
63
Die beiden jungen Elfen hatten dort auf sie gelauert. Wie lange schon,
wusste er nicht, aber nun hatten sie Billie in ihrer Gewalt.
»Steck das weg, Junge, oder willst du, dass wir deiner kleinen Freundin
weh tun?«, drohte einer der beiden. Er hielt ihr einen Dolch an die Kehle.
Billie musste heftig schlucken. Mit ihrer Leichtsinnigkeit hatte sie sich und
ihn in Gefahr gebracht. Wäre sie vorsichtiger oder er vorgegangen, wären sie
nicht in dieser misslingen Lage.
»ZEKE, renn weg!«, brüllte sie. Der Elf hielt ihr nun auch den Mund zu.
»Du Närrin!« Der andere Elf schlug ihr den Ellenbogen ins Gesicht. Sie
stöhnte auf.
»Warum seid ihr hinter uns her, Elfen?«, er betonte das letzte Wort mit
seinem ganzen Hass gegen beide. Zeke brannte vor Wut und hielt im Bogen
zwei Pfeile, auf beide gerichtet, doch er wollte nicht schießen, aus Angst
Billie zu treffen. Es arbeitete stark in seinem Kopf, wie er sie beide retten
könnte.
»Wir sind hier, weil es uns aufgetragen wurde. Unsere Königin hat
gefallen gefunden an einem Ex-Drachenreiter«
»Also könnt ihr sie doch frei lassen. Ihr wollt mich und nicht sie!«
»Nein, sie ist der Mittel zum Zweck. Und da du ihr Beachtung schenkst,
ist sie unserer Königin vielleicht auch etwas wert. Bestimmt wird sie eine
gute Sklavin abgeben«, sinnierte er.
»Warum stehen die Elfen seit langen gegen die Drachenreiter?«, lenkte er
ab und versuchte an Zeit zu gewinnen.
»Sind wir nicht. Aber wir sind gegen die Zentauren!«, antwortete er kaum
merklich.
Billie, glaubst du, du schaffst es seinem Griff zu entkommen?, er sprach in
ihrem Gedanken. Sie wusste nicht, wie er es tat, aber es war ihr im Moment
auch egal ... wie sollte sie seinen Worten gehorchen? Mit einem
zugehaltenen Mund konnte sie ihm nicht antworten ... und mit einem Dolch
an der Kehle konnte sie sich auch schwerlich bewegen.
Dann duck deinen Kopf zur Seite!, zischte er in ihrem Kopf und sie tat es.
Vor Angst schloss sie ihre Augen. Sie hörte nur ein Pfeifen und das Umfallen
eines Körpers. Der Elf, der sie fest hielt, lockerte seine Hand um ihren Mund
64
... die Hand mit dem Dolch streifte sie seitlich, als er nach hinten fiel. Ihr
rann warmes Blut den Nacken herab. Sie tastete nach ihrer Verletzung und
sah auf ihre blutverschmierte Hand.
»Es ist nicht dein Blut, du hast grade mal einen Kratzer abbekommen! Wie
du siehst, musst du nicht wieder anfangen zu heulen« Er half ihr auf die
Beine und sah sie freundlich an. Sie blickte auf die leblosen Elfen am Boden.
Sie hatten zwei Pfeile im Kopf von Zeke.
»Ich wein doch gar nicht«, stotterte sie und taumelte zu der Richtung des
Sees.
»Ja, wasch dich erst mal ... ich komm gleich wieder, ich geh nur etwas
holen« Sie achtete nicht auf ihn. Solle er doch gehen! Es war ein Schock ...
er hatte auf sie gezielt! Es hätte sie erwischen können ...
Billie sah in ihr Spiegelbild, ihr Nacken war blutrot und er hatte recht, sie
hatte nicht mehr als nur einen Kratzer, als sie sich das Blut des Elfs abwusch.
Das Wasser war sehr kühl, es lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken, als
sie auch ihr Gesicht wusch.
Nach längeren Minuten trat Zeke aus dem Wald und führte zwei Pferde.
Zwei wunderschöne weiße Pferde ... mit einem langen Horn auf der Stirn, ein
Einhorn. Er lächelte.
»So kommen wir schneller nach Mithtum! Wir lassen sie vor Mithtum
aber frei« Er gab ihr die Zügel eines der Einhörner in die Hand.
»Woher hast du sie?«, fragte sie ihn lautlos als würde jemand lauschen.
»Die Elfen reiten auf Einhörner ... es gibt wenige Elfen die Drachen oder
Pferde reiten. Es ist eine lange Geschichte. Steig auf!«, sagte er freundlich.
Zeke half ihr auf eines der Tiere ...
»Welche Wesen reiten Drachen eigentlich immer?«, fragte sie ihn
wissbegierig, er sah sie nur an und musste lauthals lachen. Billie aber entfand
ihre Unwissenheit als überhaupt nicht belustigend und brauste los. »Es war
eine ernst gemeinte Frage!« Er blieb stumm und schwang sich auf sein
Einhorn und nahm die Zügel an. Er ritt los.
»Zeke, warte verdammt ... ich kann nicht reiten!«
65
10
Zeke, der
Lehrmeister
Der Meister sucht sich immer seinen Schüler ...
er kalte Zugwind brauste um ihre Ohren. Die schnell hereinbrechende Dunkelheit erlaubte ihnen nicht mehr als nur ein paar
Stunden am Mittag weiter zureisen. Die weiße Schneedecke
verlangsamte sie beträchtlich. Die Einhörner brachten sie zwar sicher auf den
Weg nach Mithtum, aber selbst sie hatten nicht die Stärke schneller voranzukommen. Um sie herum waren die Laubbäume kahl und man konnte -das
einzig praktische- gut nach Feinden Ausschau halten, nur ein paar vereinzelte
Tannen sahen sie auf ihren Weg.
Billies Hände umschlossen die Zügel krampfhaft, so dass sie weiß wurden.
Sie fror ... sie schaukelte jede Bewegung des Einhorns mit. Nach vorne, nach
hinten ... sie hatte Mühe sich auf dem Einhorn zu halten, wenn sie mal
trabten. Ihre Knie waren wund gescheuert ... ihr Allerwertester tat ihr von
dem unbequemen Sattel weh. Ihr schmerzte so gut wie alles an ihrem Körper.
»Zeke ... lass uns rasten, ich kann nicht mehr«, seufzte sie auf. Er sah aber
nicht zu ihr nach hinten.
66
»Wir können die Nacht nicht reisen, also müssen wir den Tag dazu nutzen.
Und warum kannst du wieder nicht mehr? Wir hatten doch erst eine Pause!«
Alles, was sie sagte, stellte er ihr irgendwie immer in Frage ... er lächelte sie
ab und an und mal fauchte er, wenn sie ihn mit Fragen nervte ... war sie denn
so ein nerviges Kind?
»Dann bring mir doch das Reiten bei ... irgendwann fall ich runter, ich
schwör es dir!«
»Du kannst wirklich nicht reiten? Ich dachte das währe ein Witz von dir
gewesen« Er wandte sich nun zu ihr nach hinten. Er verlangsamte die
Schritte des Einhorns und blickte sie fragend von unten nach oben an. »Sieht
doch gar nicht mal so übel aus«, lächelte er ihr zu. Sie wusste, er machte sich
über sie lustig.
»Sag die Wahrheit. Es ist nicht normal, dass meine Knie wund sind. Was
kann ich verbessern?«, meinte sie ehrlich, etwas zu lernen.
»Kannst du eigentlich überhaupt irgendetwas? Ich meine, Bogenschießen
kannst du nicht, Feuer entfachen kannst du nicht und reiten kannst du auch
nicht! Geschweige denn mit mir unterhalten, wenn du ihn Gefahr bist« Er
sah sie fragend an. Seine Skepsis sah sie in jeder seiner Gesichtszüge.
»Gitarre spielen!«, sagte sie stolz und er hob nur eine Braue und hoffte,
dass das nicht alles war. Zu seinem Bedauern war es das Einzige.
»Wie sollen wir nach Mithtum oder weiter kommen, wenn du nicht reiten
und kein Schwert führen kannst? Willst du deine Gegner mit einer nicht
vorhandenen Gitarre zu tote Spielen oder damit erschlagen?« Er konnte nicht
anders als einen Kopf zu schütteln. »Das wird ein schwerer Job ...«, scherzte
er obwohl er es ernst meinte.
Billie fiel die Kinnlade herunter, er war mehr als nur unhöfflich.
Irgendetwas hatte Helena wohl an seiner Erziehung falsch gemacht, nun war
es an ihr den Kopf zu schütteln.
»Erzählst du mir auch etwas über die alten Legenden?«, fragte sie ihn.
»Von den weißt du auch nichts?«, seine Augen weiteten sich vor Unglauben. »Das ist hart ... es wird ein harter Abend werden, glaub mir«, versprach er ihr wieder kopfschüttelnd, ein Grinsen umspielte seine Lippen. Er
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ritt wieder vor sie, so dass sie nur seine Weste und sein Hemd sah ... und
seinen Nacken, sie musste lächeln.
Der blaue See den sie langsam umritten, war größer als sie gedacht hatte.
Nach wenigen Minuten verlangsamte Zeke die Schritte wieder und fand sich
neben Billie ein. Ein nasser Eisregen peitschte ihnen sanft ins Gesicht. Billie
sah ihn aus braunen Augen her an. Der Wind blies ihr die Kapuze vom Kopf
und wehte ihr rabenschwarzes langes Haar nach hinten. Sie wusste nicht wie
er sie ansah, aber es gefiel ihr nicht. Seine wachen Augen sahen sie betörend
an, sein leicht geneigter Kopf ...
»Also du machst schon mal drei Dinge falsch«, bemerkte er höflich. Sie
starrte ihn an ... das konnte doch jetzt nicht wahr sein?! »Versuch mal, wie
ich, deine Absätze nach unten zu drücken und sie dort zu lassen. Gut ... zieh
die Zehen auch ein wenig aus den Bügeln - ja genau so und nun halte dich
mit den Knie fest, wenn du das machst rutscht du nicht immer hin und her
und scheuerst dich. Deine Zehen gehen automatisch nach innen - stimmt
schon so ...«
Zeke korrigierte noch so manches an Billie. Sie empfand es als nur sehr
schmerzlich mit ihrem Muskelkater noch so verkrampft zu sitzen ... aber
nach längerer Zeit gewöhnte sie sich an die aufrechte Haltung und schwang
mit jeder Bewegung des Einhorns mit, es machte ihr regelrecht Spaß zu
reiten. Die fließenden Bewegungsabläufe ... die Ruhe des Tieres ... zwar
taten ihr ihre Knie, noch immer weh aber nun scheuerten sie nicht mehr und
würden sich blutig.
Sie ritten den See herum ... mussten zum Fluss der nach Mithtum führte,
aber der war noch nicht in Sicht. Die Abenddämmerung brach langsam über
sie. Die Sonne verneigte sich vor ihnen und wurde blutrot. Wenn Billie vor
sich die Sonne untergehen sah, sah sie links den Mond aufsteigen. Es war ein
prächtiger Anblick ... als würden wirklich zwei Himmelskörper ihre Schicht
wechseln und einer würde nun schlafen gehen. Das schimmernde Rot der
Sonne blendete ihnen in den Augen ... Billie schirmte ihre Augen mit einer
Hand ab. Zeke stand dem Licht stand und blickte geradeaus hinweg.
Sie beneidete ihn auf irgendeine Weise. Er war alleine ... und doch war er
so stark, dass er alleine überleben konnte. Aber doch machte sie es traurig,
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wenn sie an seine Vergangenheit und an seine Zukunft dachte, wenn sie
scheitern würde. Wie konnte er fünfzig Jahre lang alleine sein und immer
flüchten? Aber ja, würde sie es denn anders tun? Was brachte einem eine
große Liebe, wenn man unsterblich war? Man könnte sich immer und immer
wieder verlieben, Menschen in sein Herz lassen ... und sie würden alle
wieder gehen, würden unweigerlich sterben.
»Billie, wir traben jetzt ... also auf- und absteigen. Ich will noch vor der
Nacht den Fluss erreichen« Er sah zu ihr nach hinten und vergewisserte sich
auch, dass sie noch da war. Sie nickte und begann dem Einhorn die Schenkel
in die Seiten zu drücken. Eine leichte Berührung ließ ihn in Bewegung
geraten. Sie bekam Seitenstechen von dem dauerten Auf und Ab.
Ein dunkler Schleier legte sich über sie. Die Nacht war bitterkalt, kälter als
jeder Winter, den Billie bisher erlebt hatte ... aber Zeke müsste es gewohnt
sein, also wollte sie sich nicht beklagen, dass ihr kalt war. Die Tannen um sie
herum erlaubten ihnen in der Nacht nicht mehr nach Feinden Ausschau zu
halten ... sie fürchtete sich ein wenig. Was, wenn Elfen sie wieder suchen
würden und sie seither beschattet wurden und sie nun angreifen wollten,
sobald sie schliefen? Doch auch ihre Angst wollte sie nicht ansprechen,
bestimmt ging es ihm genauso. Er wurde ja seit Jahren gesucht ...
Sie hatten den Fluss nach Mithtum nicht erreicht. Sie hatten mehr als die
Hälfte des Sees hinter sich. Zeke entfachte ein Feuer und stocherte in ihm
herum. Leises Fluchen ging von ihm aus.
»Zeke?«, fragte Billie zaghaft. Er blickte sie wie gewohnt freundlich an ...
er ließ sich von seinem Bedauern nichts anmerken, dass sie den Fluss nicht
erreicht hatten.
»WAS?«, fragte er umso gereizter.
»Was fauchst du mich so an?«
»Tut mir Leid ...«, nuschelte er und stocherte weiter.
»Du hast mir innerhalb eines Tages das Reiten beigebracht. Glaubst du, du
kannst mir auch irgendetwas anderes beibringen, was uns vielleicht später
helfen könnte?«
69
»An was hast du zum Beispiel gedacht?« Er sah sie wieder an, ließ seine
stochernde Hand ruhen. Zeke versuchte seiner Stimme eine ruhig Klang zu
geben, es gelang ihm.
»Keine Ahnung! Ein Schwert zu führen? Einen Bogen benutzen können?
Oder bring mir das Feuer entfachen bei. Jagen? Irgendetwas ... ich fühl mich
irgendwie nutzlos« Er stand auf und sah ihr tief in die Augen. Er berührte
ihre Wange und strich sie herab. Zeke nahm ihre Hand und führte sie zu
seinem Herzen. Billie riss verwundert die Augen auf und wurde rosig um die
Nase und Wange. Sie spürte förmlich wie das Blut ihr in den Kopf schoss.
Zum Glück war es dunkel, sonst würde er ihren hochroten Kopf sehen.
»Du bist nicht nutzlos. Solange du dieses Herz wieder zum Leben erwecken kannst, bist du nicht nutzlos. Ich bin an deiner Seite der Nutzlos, der
Taugenichts. Ich kann dich nur die Sachen lehren, die ich auch erlernt habe.
Und wie du willst! Was willst du lernen?« Er ließ ihre Hand los und breitete
seine Hände aus und blickte sie herausfordernd an. Das war der Zeke, den sie
gerne immer an ihrer Seite hätte.
»Oder ... erzähl mir eine Geschichte« Sie blickte ihn so liebreizend an wie
sie es schon bei so vielen männlichen Geschöpfen tat. Sie glimmerte mit
ihren Wimpern. Wenn er keine gute Selbstbeherrschung hätte, dachte Billie,
würde er sabbern, das ließ sie grinsen.
»Geschichten?«, fragte er, als ob er ihr Versuch ihn zum umgaren nicht
bemerkt hätte.
»Ja doch, Geschichten!« Ihr Trick klappte wohl doch nicht bei jedem. Sie
seufzte leise.
»Nicht heute ... du solltest schlafen. Wir wollen morgen wieder früh los«,
schloss er und warf ihr eine Decke zu. Ein grinsen umspielte seine Lippen, er
schien überaus vergnügt über ihren Versuch.
70
11
Die Stadt Mithtum
Nicht alles, was glänzt, ist Gold ...
egen Mittag hatten sie den Fluss erreicht. Der fallende Schnee
erlaubte ihnen die Sicht nach vorne nicht. Billie erkannte nur, dass
der Fluss schon seit Wochen gefroren war und es in Mithtum
bitterlich kalt sein müsste. Wenn die Stadt nicht schon längst ein Eisklotz
war, dachte Billie. Es war ein harter Weg sich durch den Knie hohen Schnee
zu kämpfen. Die Einhörner hatten längst schon ihren Dienst getan. Selbst
magische Wesen kamen gegen die Natur nur schwerlich an. So beschloss
Zeke sie schon am Fluss frei zu lassen. Nun stampften sie sich einen Weg zur
Stadt Mithtum.
In Billies Stiefeln befand sich Schnee, ihre Hose war bis zu den Knien
feucht ... nun konnte es nicht schlimmer werden! Sie biss sich auf die Zunge.
Doch es konnte schlimmer werden. Würden wieder Elfen auftauchen, könnte
sich wieder nur Zeke verteidigen und sie wollte nicht wieder ein Opfer sein.
71
Zeke müsste ihr endlich mal eine Waffe lehren, egal was, sei es eine
Mistgabel zu führen.
Die Welt außerhalb des Dorfes war hart. Sie hatte nie gedacht, dass eine
Reise mit Komplikationen so anstrengend sein könnte. Je mehr sie sich
mahnte, aufrecht nach vorne zu laufen, weinte ihr Herz und ihr Körper
schriee, dass es aufhören und nach Hause wollte. Doch das konnte sie jetzt
nicht mehr ... nicht nach dem, was sie durchgemacht hatten und noch durch
machen würden.
Er sollte sein Leben wieder haben. Besser sie, als wenn er dauernd auf der
Suche nach jemandem sein würde. Wenn sie es hinter sich brachte, hätte es
ein Ende und es würden nicht noch mehr Menschen draufgehen, wenn sie es
schaffte. Sie war sich im Herzen, sicher es schaffen zu können, aber um es zu
schaffen gehörten zwei ... er müsste ihr nun endlich eine Ausbildung in
Verteidigung geben, sonst gnade ihnen beiden Gott.
Billie konnte von weitem ein großes Tor erkennen, auf den sie heftig
gestikulierend aufmerksam machte. Da Zeke ihr verbot laut zu sprechen,
machte sie sich zum Hampelmann, so dass er grinsen musste. Sie bahnten
sich einen Weg, den schneebedeckten Pfand herab.
Die Tore von Mithtum wurden bewacht. Ein sehr blasser junger Mann
bewachte das Tor mit einem Sperr. Seine glänzende Rüstung wurde von der
Sonne angestrahlt. Obwohl sie sauber poliert war, war sie doch Blut besudelt.
Sein Gesicht sprenkelten wenige Blutspritzer. Er hatte ein zufriedenes
Gesicht, als sei eine Schlacht gewonnen worden. Billie hatte nun wenig Lust
die Stadt zu erkunden. Zeke machte Billie klar, dass sie die Kapuze
aufziehen sollte. Er nur senkte seinen Kopf.
Sie näherten sich dem Wächter.
»Was wollt ihr hier?« Er versperrte ihnen den Weg nach innen. Er war
kaum älter als sie selbst.
»Wir wollen nur Proviant kaufen. Wir hatten eine lange Reise«, sagte er
mit noch immer gesenktem Kopf. Der Wächter ließ sie herein.
Er schob die Tür knarrend auf. Ihnen bot sich ein rotweißes Bild. Zaghaft
gingen sie hinein. Ein Hauch verbranntes Fleisch wehte zu ihnen herüber.
72
Über den Mittelpunkt stieg schwarzer Rauch auf. Zekes Griff wanderte zu
seinem Bogen, besorgt sah er sich um. Denn in jeder Ecke konnte ein Feind
lauern. Billie wurde Angst und Bange. Sie wollte nicht über das ganze Blut
laufen ... Wände zierten das frisch herab geronnene Blut. Fensterläden
wurden geschlossen. Türen verbarrikadiert. Es war ihnen unmöglich Proviant
zu kaufen.
Von weiter her durchbrach ein lautes Brummen die Stille und weckte
Billies Aufmerksamkeit. Zeke nahm dies nur mit einem Blick war und sah
sich noch ernster um. Sie beide sprachen kein Wort miteinander. Lebte denn
überhaupt noch jemand in Mithtum? Wer oder was hatte alle davon gejagt
oder getötet? Die weißen Häuser waren vollkommen leer. Kein Kind schrie,
keine Frau weinte um ihren gefallenen Mann?!
Langsam erreichten sie die Mitte der Stadt, noch immer keine Menschenseele erblickt. Kein Hund jagte ein Huhn, kein Pferd wiehern in seiner Box ...
ein kalter Schauer lief Billie den Rücken herab, als sich ein erneutes Grollen
herhob und auch wieder erstarb. Ein wehleidiges Geräusch ... ein verzweifelter Schrei. Ein Hilfeschrei oder doch eher ein Trauergebrüll? Je mehr
sie sich der Stadtmitte näherten, desto lauter wurde ein leises Brummen.
Irgendwann konnte sie Trommeln wahrnehmen. Ein Rhythmus, der einen in
Ekstase versetzte ... es hypnotisierte sie und zog sie in seinen Band ... ein
Lächeln entfuhr ihr.
Zeke bemerkte es nach einiger Zeit und rüttelte scharf an ihr. Es war nicht
der richtige Ort, um zu lächeln, das sah man in seinen Augen. Sie waren
nicht unfreundlich, nur mahnend.
Die ganze Stadt war blutig gezeichnet. Noch immer kein Mensch betrat
die Straßen. Billie blickte gen Himmel. Die Sonne fing an sich vor ihnen zu
verneigen und nun sollte der Mond über sie wachen, darum bat sie jede
Nacht.
Er rüttelte wieder an ihr, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er führte
seinen Zeigefinger zu seinen Lippen, sie sollte leise sein. Und er zeigte
darauf mit der Hand nach vorne ... durch eine Gasse, sie führte zum Mittelpunkt der Stadt. Es wurde stickig und immer wärmer ... Rauch verirrte sich
in ihre Lungen, sie mussten husten, obwohl Zeke sich es verkniff. Asche flog
73
ihnen ins Gesicht, Billie schloss ihre Augen und hielt eine Hand vor ihrem
Mund.
Es wurde immer wärmer ... ihr wurde etwas an die Kehle gedrückt. Abrupt
blieb sie stehen und öffnete ihre Augen. Sie waren umzingelt mit Sperren.
Doch vor ihnen bot sich ein noch größer Anblick ... ein Scheiterhaufen, als
wäre eine ganze Stadt verbrannt worden ... und ja, es wurde eine ganze Stadt
verbrannt. Doch hinter dieses Feuer breitete sich eine schwarze Silhouette
aus und das Feuer bekam schwarze Flügel. Ein ohrenbetäubendes Grollen
ließ es in ihrem Ohr fiepen.
12
Viggo und die
Bonaiten
Ein Jeder und sein Traum ... doch wo ist manchmal der Sinn?
ört auf! Wo ist euer Anführer, ich will mit ihm reden«, brülle Zeke
aufgebracht. Er versuchte sich einen Weg durch die Sperre zu
boxen und es gelang ihm. »Und SIE lasst ihr da raus!«, brülle er
noch lauter als sich Männer ihr näherten. Billie realisierte dies alles kaum
noch. Warum war er so aufgebracht? Sie waren ihnen doch unterlegen? Doch
das war ihr nun auch egal ... sollte er sich darüber aufregen, sie starrte noch
immer auf die Flügel des Feuers.
Nun hatten sie auch den nun hysterisch geworden Zeke im Würgegriff
ergriffen und zerrten diesen, stopften ihm den Mund. Billie wurde auch
74
ergriffen, doch sie wurde nicht gezerrt und ihr Mund nicht gestopft. Sie sah
in seine hasserfüllten Augen, sie sahen sie entsetzt an. Seine ganze Abscheu
lag in ihnen, gegen die Männer und ihr nutzloses Verhalten. Er schnaubte
noch einige Male in sein dreckiges Tuch das ihm zwischen die Zähne
gedrückt wurde.
Die Männer führten sie um das Feuer herum. Es stimmte die ganze Stadt
brannte in ihr ... war das nun ein Massenmord oder nur eine schnelle Beerdigung? Je mehr sie um es herum gingen so mehr konnte sie den Besitzer der
Flügel erkennen. Ihr fiel die Kinnlade herunter, ihr Beine wollten nicht
vorwärts. Sie blieb stehen und bekam heftige Stöße gegen die Schulter, so
dass sie weiter gehen musste.
Ein riesiger schwarzer Drache saß aufrecht vor dem Feuer. Seine Vorderbeine angewinkelt und den länglichen Kopf gesenkt. Er hatte seine Augen
geschlossen, als würde er trauern. Sein Kopf war wie der eines Pferdes, seine
Ohren spitz wie die eines Hasen und um seine Wangenknochen bildeten
einen großer Fächer. Seine ganzen Schuppen glänzten als die untergehende
Sonne sich verabschiedete. Er hatte einen langen Hals ... sein Körper war
mächtig und muskulös, aber doch sehr schlank und grazil. Sein Schwanz
hatte vier blutige Stacheln.
Sie gingen nun unter seine mächtigen Schwingen durch. Am zweiten
Knochenansatz hatte er eine nach außen gebogene -ebenfalls blutige- Kralle.
Aus seinen Nüstern kam weißer Rauch. Er hatte das leise Brummen
verursacht, was sie hörte. Er grollte die ganze Zeit lang ...
Als sie zu seinen kräftigen Beine sah, sah sie einen Mann. Er neigte
ebenfalls sein Haupt und sah bedrückt aus. Die Männer zerrten sie zu ihm
hin. Zeke sträubte sich nun noch mehr als zuvor. Noch nie hatte sie ihn so
gesehen. Er war wie ein aufgeschreckter Löwe, dass sich nicht mehr
bändigen ließ ... zwar war keine Angst zu spüren aber doch unendlicher Hass
und Bedauern, gefangen geworden zu sein.
»Großer Anführer ... wir haben hier ein paar verdächtige Personen gefunden« Man schubste sie beide nach vorne, so dass der Anführer sie ansehen konnte. Zeke wurde das Sprechen noch immer verboten. Er schnaubte
dem Anführer verachtend an.
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Interessiert blickte er in Zekes boshafte Augen. Ein Lächeln entfuhr ihm.
Besorgt blickte Billie von einem zum anderen.
»Wer hatte sie reingelassen? Ich will denjenigen sprechen ... den Drachen
auch!«, befahl er seinen Männern. Er widmete sich wieder Zeke und ignorierte Billie, die direkt hinter Zeke war. »Na ... habe ich dich. Ich würde,
wenn ich nicht selber gesucht werden würde, zehntausend für dich bekommen. Ich glaube das ist nicht nötig«, meinte er zu einem seiner Männer,
der das Tuch sofort entfernte.
»Nur zehntausend? Mehr bin ich nicht wert? Ich sollte wohl noch ein
Weilchen länger leben, damit ich ein höheres Ergebnis erziele!«, lachte Zeke
fast. Er hatte sich aufgerichtet und all sein Hass war verpufft. Man löste auch
seinen Griff um seine Hand.
»Ja, dass solltest du. Ich bin weit aus weniger wert«
»Wie lange ist es schon her?«, fragte Zeke ihn höhnisch und rieb sich die
Handgelenke.
»Schon zwanzig Jahre ... komm in meine Arme, Kumpel«, er zog Zeke in
seine Arme. Zeke packte ihn ebenfalls herzhaft. »Du lebst! Ich hatte mir
Sorgen gemacht ... vielleicht liegt es auch daran, dass du wie ein Kind
aussiehst«, scherzte er.
»Ich bin unsterblich! Und ich bin kein Kind, achtzehn Jahre, Mann, das
kannst du kein Kind mehr nennen«, warf Zeke ein und musste lächeln. »Das
da ist übrigens Billie ... sie kommt von dem Dorf, in dem ich geboren wurde«
Zeke sah ihn an. Seine Ernsthaftigkeit wieder in seinen Augen hieß nur, dass
er etwas wusste, was er ihr verheimlichte. Seine Augen erhellten sich und
wurden ungläubig zugleich. Er wusste nicht, ob er lächeln oder weinen sollte.
»Lasst sie los! Mein Name ist Viggo, Drachenreiter von Amaro, hinter
mir. Und der Anführer der Bonaiten, wir sind gegen die Göttinnen« Er
reichte ihr die Rechte. Er hatte einen festen Händegriff, als Billie ihm ihre
Hand zur Begrüßung reichte.
Viggo, ein Mann über zwanzig Jahre. Sein schwarzes Haar fiel ihm seidig
ins Gesicht, er hielt sein Haar sehr kurz. Er hatte strahlend braune Augen.
Ein Bart zierte sein braungebranntes Gesicht, es war ein kurzer drei-TageBart. Im ganzen also, ein recht hübscher junger Mann.
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Billie blieb stumm und ging langsam an Viggo vorbei, der ein heftiges
Gespräch mit Zeke anfing. Sie näherte sich vorsichtig dem schwarzen
Drachen namens Amaro. Aus großen Augen sah sie ihn an. Amaro bemerkte
sie und ließ sich auf alle Viere fallen und faltete sein Flügel. Er roch einmal
an ihr und sah sie aus warmen schwarzen Augen an. Sie streckte eine Hand
aus, um ihn zu streicheln. Er riss sein Maul auf und brüllte sie an. Ein
verwester Gestank durchbohrte sie. Fleischstücke flogen ihr um die Ohren ...
»AMARO! Tu ihr nichts ... ich bitte dich«, flehte Viggo seinen Drachen
an. Viggo kam herbei geeilt mit Zeke als Amaro brüllte. Amaro blickte ihn
fragend an, aber brummte dann leise und hielt Billie seinen Kopf entgegen.
Sie erschrak und fiel auf den Hosenboden, strampelte sich nach hinten.
Amaro wollte sie fressen ...?!
»Du brauchst keine Angst mehr vor ihm zu haben. Du kannst ihn jetzt
ruhig berühren. Gib mir deine Hand« Viggo nahm ihre Hand und streckte sie
langsam nach vorne aus. Amaro reckte seinen Kopf und berührte ihre
Handfläche. Er war warm und schuppig ... wie eine Echse fühlte er sich an.
Billie musste lächeln. Sie sah einen Drachen und berührte ihn! Das würde ihr
niemand glauben.
»Ihr schlaft natürlich hier! Es ist zu spät, um weiter zu reisen. Zeke, willst
du vielleicht später noch auf ein Bierchen kommen?«, fragte Viggo
gradewegs heraus und Zeke stimmte freudig zu.
»Billie ... komm es ist spät. Schlaf lieber, ich komm dann«, Zeke nahm
ihre Hand und führte sie zu einem der Häuser.
Die Nacht war hereingebrochen, das Feuer brannte immer noch. Sie wusch
sich ihr Gesicht in einem Becken voll Wasser, ein Reiter brachte ihr dieses.
Nach vielen Strapazen endlich wieder ein bequemes Bett zum Schlafen.
Nun hatte sie einen wahrhaftigen Beweis berührt. Nie wieder könnte sie in
ihrem Leben ins Dorf zurück. Es war einfach zu magisch das Leben, in das
Zeke sie brachte. Es war ihr vielleicht doch Großes bestimmt ... vielleicht
erzählte man bald Geschichten über sie; Billie, das Mädchen an Zekes Seite,
die ihm das Unsterbliche nahm und die Göttinnen besiegte!
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Sie legte sich in ihr flauschiges Bett und murmelte sich in ihre Decke. Was
würde sie noch erleben in Zekes Welt? Sie freute sich auf den Weg zum
Gulnar-Hafen ... denn dort würde das Abenteuer erst beginnen. Dort würden
sie die Göttinnen in die Knie zwingen.
Doch was sie beunruhigte ... wenn das alle Reiter waren, die sie festgenommen hatten, war es keine Armee gegen das Böse. Eine handvoll
Drachen gegen Göttinnen? Es waren zu wenige ihrer Meinung nach ... hatten
die Göttinnen denn schon alle Reiter und ihren Drachen gefunden und
getötet?
*
An einer der blutigen Wände waren zwei Zettel gehängt. Man konnte es nur
schwer erkennen, doch auf einem stand:
Zeke Parker
Wer sein Haupt in den Händen hält, dem winken
10000 Goldmünzen als Belohnung
und neben seinem hing noch der Viggos:
Viggo
Nur tot winken Ihnen
4500 Goldmünzen als Belohnung
Man konnte nicht mehr unter dem Blut erkennen. Man wusste nicht wie die
Anklage beider lautete und man wusste auch Viggos Nachname nicht ... wie
nett sie ihn auch fand er kam ihr suspekt vor ... genauso suspekt wie Zeke ...
78
13
Amaro, ein wirklich
weiser Drache
Es wird immer ein Wiedersehen geben, es sei denn man ist tot
ie Sonne schien in das staubige Zimmer. Das Sonnenlicht weckte
Billie aus ihrem friedlichen Schlaf. Billie wälzte sich noch einige
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Male, bis sie sich aufrichtete und sich im Raum umsah. Rechts
neben ihr bemerkte Billie, auf einem Stuhl schlafend, Zeke. Er schlief so
friedlich, dass er sogar ein wenig sabberte. Neben ihm auf dem Boden war
ein großer Rucksack ... Viggo hatte ihm wohl schon Proviant für ihre weitere
Reise gegeben.
Billie zog aus ihrem Dekollete das Amulett hervor und wand es in ihren
Händen. Ihr Griff wurde fester, so dass ihre Finger sich weiß färbten.
Billie stiehl sich leise aus ihrem Bett, um Zeke nicht zu wecken, schlich
sich hinaus und betrat den blutigen Boden. Ihr schien die Sonne strahlend ins
Gesicht. Der Scheiterhaufen war ausgebrannt, nur noch ein Haufen Asche
war dort ... aber die wurde vom Wind hinfort geweht. Sie musste ihn finden,
bevor er oder sie aufbrachen. Von weiter her bemerkte sie das leise Summen,
was zuvor Amaro am gestrigen Tag hören gelassen hatte. Sie folgte dem
Summen und sprintete durch enge blutige Gassen. Überall hingen die Zettel
der gesuchten Reiter, darunter Zekes und Viggos Steckbriefe.
»Zu wem willst du?« Viggo schnitt ihr den weiteren Weg zu Amaro ab. Er
hatte den gleichen Gesichtsausdruck wie schon gestern. Seine Augen waren
freundlich, sein Lächelnd einladend. Doch nun wurde ihr bewusst, wer
eigentlich vor ihr stand. Ein ältere Drachenreiter, der zudem ein Anführer
war. Sie verneigte sich kurz vor ihm.
»Tu das nicht. Du musst dich nicht vor mir verneigen ... ich bin ja kein
König«, lachte er.
»Ich wollte zu Amaro ... aber vielleicht können Sie mir auch helfen«
»Nenn mich Viggo. Und klar kannst du ihn was fragen. Aber ob er mit dir
redet, ist eine andere Sache. Er ist ziemlich mürrisch in letzter Zeit«, redete
er im Plauderton. »Guten Morgen, übrigens«, setzte er lächelnd hinzu. Billie
wünschte ihm das gleiche.
Viggo führte Billie zu seinem Drachen. Er lag in einer Scheune, die mit
Heu und Stroh für ihn ausgebettet worden war. Sein Kopf lag auf einer Art
Kissen, was aber nur eine tote Kuh war. Der Schwanz schwang hin und her.
Seine Flügel zusammengefaltet zum Boden hängend. Er schief. Ohne ein
Wort öffnete er seine Augen und richtete sich auf ... spannte die Flügel kurz
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und gähnte ausgiebig. Ein tiefes Brummen ging von ihm aus. Viggo lächelte
ihn nur unentwegt an, als würden sie sich ohne Worte verstehen.
Amaro schüttelte sich und sein schwarzes Schuppenkleid begann zu
rascheln. Schuppe rieb auf Schuppe. Er fing vom Kopf an seine Haut durchzurütteln. Die Wallungen gingen langsam durch seinen Hals zum Brustkorb
und den Schwanz hindurch. Dessen ungeachtet, dass Amaro eine zu groß
geratene, beflügelte Echse war, schien er doch einer Katze gleich.
Er schmiegte seinen Kopf an Viggos Schulter und ein freudiges Grollen
kam aus seiner Kehle.
»Stell ihm deine Frage ... wenn er dir nicht antwortet, sage ich dir, was er
gesagt hatte«, schloss Viggo und blickte von Amaro zu Billie. Sie beide
sahen sich tief in die Augen.
Du wirst erwartet ... dir steht Großes bevor, kleines Mädchen. Viggo
verbot mir dir deine Zukunft zu eröffnen, so werde ich es nicht tun.
»Was ist mit meiner Zukunft?«, fragte sie ängstlich und auch überrascht da
Amaro ihr einst wie Zeke im Kopf antwortete.
Das Amulett in deiner Hand, bekommt jeder Reiter von den Elfen. Wenn
der Stein zerbricht und der Drache versteinert, ist das Leben beider verwirkt.
Aber ich denke, ich fange ganz von vorne an ... deswegen bist du ja hier., er
ignorierte ihre Äußerung und Billie lauschte seiner brummigen Stimme.
Drachen sind jahrhundert alte Geschöpfe. Unsere Intelligenz ist dem
eurer kaum zu messen ... vielleicht nur der der Elfen und Zentauren. Wir
lebten schon lange vor den Göttinnen, oder zumindest ohne sie zu bemerken.
La Mancha, eine wundervolle goldene alte Drachendame damals. Sie
lebte frei ohne einen Reiter zu haben. Doch sie war der erste Drache, der
sich mit Menschen anfreundete, ließ sie aber nie auf sich reiten. Ein
Mädchen konnte sie aber sehr leiden ... es war ein Mädchen, das blind war,
ihr Name war Libertá. Libertá nahm La Mancha so, wie sie war, nicht so,
wie sie aussah.
Die Elfen und Zentauren sind schon lange Zeit zerstritten. Als ein Krieg
bekann, der im Dorf des Mädchen stattfinden sollte, war La Mancha außer
sich vor Wut. Sie bat die anderen Drachen ihr zu helfen, sie taten es ...
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La Mancha hatte Libertá erlaubt auf ihrem Rücken zu reiten, während die
Schlacht vollzogen wurde, sie lehnte ab. Also kämpfte sie mit den anderen in
der Luft. Die anderen Drachen jedoch wussten nichts von den Menschen im
Dorf –waren sie nun Freund oder Feind, sie wussten es nicht. Also brannten
sie das Dorf nieder. Die Drachen hatten die Schlacht gewonnen und waren
die Freiheitskämpfer und schlossen Frieden mit beiden Völkern. Sie
bemerkte zu spät dass das Dorf brannte ... als alles niedergebrannt war,
suchte sie in der Asche ihren Menschen. Sie fand sie ... halb tot. Das Letzte,
was Libertá ihr sagte, war: Sie solle nicht weinen, sie solle andere glücklich
machen ... es würde jemand kommen der, die Aussicht im Himmel genießen
könnte, denn sie konnte es nicht.
So schwor sie sich eine Freiheitskämpferin zu sein mit der Hilfe eines
Reiters, den sie für würdig hielt. Viele Drachen sahen sie als ein Vorbild,
einen Anführer, so folgten sie ihr und suchten sich einen würdigen Reiter ...
es war ihnen egal ob Elf oder Mensch.
Heute werden die Eier jemanden gegeben, der einen Reiter für sie sucht ...
nur wenige weigern sich zu schlüpfen, nur wenige finden ihren würdigen
Reiter. Eigentlich schlüpft ein Drachenjunges sobald es einen neuen Besitzer
hat, der würdig ist. Ich weiß nur von zwei Drachen, die bisher auf ihre Reiter
gewartet haben. Einmal währe da Börten, der Drache von Zeki, dem
Anführer der Drachenreiter und noch einem Ei ...
»Wieso bist du ein Drache der Reiter geworden?«
Ich empfand Viggo als würdig ... und ich will ihm helfen wie La Mancha.
Er soll den Thron wieder besteigen können, ohne die Göttinnen zu fürchten
... und er soll seinen Erben wieder zurück nach Hause holen. Willst du denn
noch etwas wissen?
»Ja, dass will ich. Warum starb Zekes Drache und er nicht? Warum wurde
er verflucht?«
Das sind ganz schön viele Fragen auf einmal, findest du nicht? Ein
Drache und sein Reiter gehen eine Bindung ein, die ihre Herzen teilen
lassen. Jeder lebt zwar anatomisch mit seinem eigenem Herzen, aber seelisch
leiden sie gleich. Wenn ein Herz aufhört zu schlagen, sterben beide. Dieser
Pakt wird geschlossen wenn man bei den Zentauren einen Schwur abgibt und
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an einer Zeremonie teilnimmt. Heute finden keine mehr statt, da keine neuen
Drachen mehr geboren werden sollen und die Alten, die die den Bonaiten
angehören sollen sterben, ein Befehlt der Göttin.
Zeke wurde verflucht ein unsterbliches Leben zu leben ... er hatte die
Göttin unbewusst beleidigt. Als er verflucht wurde, starb sein Herz also auch
Asti, möge er in Frieden ruhen. Kannst du dir denn etwas schlimmeres
vorstellen als ewig zu leben?
Billie senkte ihren Kopf und schüttelte diesen ... sie hatte sich schon mal
den Kopf zerbrochen an diesen schmerzlichen Gedanken, wie er sich jetzt
fühlen mochte und wie sie sich fühlen würde!
14
Auf Wiedersehen,
Bonaiten
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Ein mancher Abschied ist nicht für immer
.
iggo, kann ich dich etwas fragen« Beklommen sah sie sich die
blutigen Wände an. Sie hatten Amaro nun wieder schlafen lassen.
Viggo sah sie väterlich an, sie fühlte sich bei ihm geborgen, aber
er war schon ein recht komischer Kauz.
»Du kannst mich alles fragen«, sagte er und wurde ein wenig rot.
»Amaro erwähnte ... er wollte dir helfen den Thron zu besteigen und du
solltest deinen Erben wieder zurück nach Hause holen« Ihr Blick streifte den
eines anderen jungen Reiters, es war der Wächter. »Was meinte er damit?«,
fügte sie hinzu.
»Ich wollte nicht König werden, während die Göttinnen ihre Macht
ausüben ... ich wollte wie ein König handeln und wollte mit meinem Drachen
gegen sie kämpfen. Aber diese Aufgabe hatte ich mir leichter vorgestellt«,
lachte er wieder.
»Wo wart du?«, schnaubte Zeke ihnen beide wütend entgegen. Er hatte sie
wohl in der ganzen Stadt vergebens gesucht gehabt. Schweißperlen rannen
seine Stirn herab, er stützte sich auf seine Knie. In seinen Augen war keine
Freundschaft mehr gegenüber ihm. »Viggo ... wir hatten darüber schon
gestern Abend gesprochen. Du weißt, wie wichtig es mir ist« Viggo sah ihn
nur erstaunt mit nach oben gezogenen Brauen an.
»Ich weiß es ... aber wenn du später um ihre Hand anhalten willst, macht
dich auf was gefasst«, scherzte Viggo. Zekes Augen formten sich zu kleinen
Schlitzen.
»Ich werde nicht beim König um die Hand seines Erben anhalten!«,
zischte Zeke.
»Ich war bei Amaro, sie stieß zu uns«, antwortete Viggo kühl.
»Und was wolltest du bei ihm?«, wandte Zeke sich an Billie. Seine Wut,
über die vergebliche Suche verschwand.
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»Weil das hier dir gehört« Billie zog das Amulett aus der Tasche und
reichte es ihm, sie sah ihn nicht an. Er würde nun sehr, sehr wütend auf sie
sein.
»Du hattest kein Recht, es an dich zu nehmen«, sagte er tonlos und nahm
ihr das Amulett guckartig ab, sah es träumend an.
»Zeke ... dafür weiß sie nun, um was es geht. Amaro hat ihr nichts gesagt,
was sie nicht wissen sollte«, nahm Viggo sie in Schutz.
»Wir reisen weiter ...«, schloss Zeke und sah ihn nur böse an.
»Aber ... ich will noch hier bleiben und etwas lernen! Amaro hat mir so
vieles erzählt, worauf ich so viele Fragen habe« Sah Billie Zeke flehend an.
»Lernen kannst du, während wir reisen! Los, mach dich fertig und lass uns
aufbrechen!«
»Zeke ... ich weiß, du bist nicht jünger als ich, aber vergiss nicht, wer vor
dir steht«, mahnte ihn Viggo. Auch seine Freundschaft Zeke gegenüber war
verschwunden. Nun waren es zwei ebenwürdige Rivalen, die um ein Stück
Fleisch bereit waren sich die Köpfe einzuschlagen.
»Nein ich werde nie vergessen, wer vor mir steht. Ich hatte ja einen Eid
geschworen oder nicht?! Aber Viggo, du solltest auch nie vergessen, wen du
vor dir hast! Ich denke, ich kann im Moment mehr anrichten als du«, drohte
Zeke. Er war nun ganz nahe an Viggos Gesicht, ihre Nasen berührten sich
beinahe. Doch sein Drohen ging je näher er kam in ein Flüstern, wenn nicht
sogar in ein Raunen über.
»Novarro! Bring mir zwei Pferde ... unsere Gäste wollen abreisen«, befahl
Viggo dem Wächter, den Billie nur als einen solchen kannte. Er hieß also
Novarro. Billies Anschein nach ein junger Mann, nicht älter als zwanzig,
vielleicht grade mal achtzehn. Er hatte kurzes braunes Haar und eilte davon
und brachte nach einer Weile zwei Pferde zu ihnen. Viggo nahm sie dankend
ab. »Die könnt ihr nehmen. Sie sind wahrscheinlich die letzen Überlebenden
der Stadt hier. Behandelt sie gut« Er reichte sie Zeke. Er nahm sie ihm
murrend dankend ab und schritt von dannen.
»Werden wir uns wiedersehen?«, fragte Billie von ihrem Pferd aus Viggo.
Zeke war schon vorgeritten ... er war noch immer sauer.
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»Da ich sicher sein kann, dass du leben wirst, kann ich es nicht
versprechen. Ich weiß nicht, wann ich sterbe, aber ich werde alles versuchen
dass wir uns bald wiedersehen« Viggo gab ihrem Pferd einen Klatsch auf die
Hinterhand, es begann los zu traben.
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86
Das etwas andere
Wissen
Vielleicht sind es grade die Dinge, auf die man vertrauen sollte
un war schon einen Monat vergangen, seitdem sie die tote Stadt
Mithtum verlassen hatten. Schon einen Monat her das Billie die
Bonaiten kennen gelernt hatte ... schon einen Monat war Zeke auf
sie sauer. Er brummte unverständliches Zeug. Zeke hatte seitdem nicht mal
im Traum daran gedacht sie weiter zu unterrichten ... es gab keine Verbesserungen beim Reiten, noch hörte sie Legenden. Weder brachte er ihr
Bogen oder Schwert zu führen bei. Nicht einmal Feuer mache brachte er ihr
bei.
Irgendwie, so fand Billie, waren normale Pferde langsamer als Einhörner,
aber vielleicht lag es auch nur daran, dass der Wind zunahm und es öfters
stürmte. Häufig mussten sie zu Fuß weiter und die Pferde führen, da der
Schnee den Pferden schon bis zur Brust reichte.
Hätte Viggo sie nicht einfach auf den Drachen mitnehmen können? Ihr
Proviant war schon weniger als die Hälfte aufgebraucht. Ihr war langweilig
mit einem Kerl, der nur noch sauer war.
Sie beide ritten den breiten Fluss entlang, der schon längst gefroren war.
Als der zweite Monat beginnen wollte ereichten sie eine Abzweigung des
Flusses ... wenn sie den zweiten dünneren Fluss ereichten, würde es noch ein
kleines Stück dauern bis zu den Hafen erreichen. Billie bemerkte auch, dass
die kleinen Flüsse oder Bäche alle schon gefroren waren. Doch was ihre
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Laune erheiterte, machte Zekes nur noch schlechter. An der Abzweigung
trafen sie ein Mädchen. Sie hatte langes braunes Haar und einen Pony. Ihr
braunen Augen waren die wie einer Kastanie. Was Billie aber sofort auffiel
war, dass sie bewaffnet war ... sie trug ein Langschwert, dessen Klinge so
breit wie ein Handgelenk war und sich nach unten hin verjüngte. Der
Durchmesser war so groß, dass die Klinge problemlos durch ein Rippenpaar
durchbohren würde, aber doch stabil stand hielt. Ihr Name war Fedele.
Sie war ein Mädchen in Billies Alter. Fedele erzählte ihr, sie sei in einer
Kathedrale gewesen am Fluss Ende, ihr Dorf hieß Sul’mir Beäm. Es war ein
gläubiges Dorf, doch Reiter hatten ihn niedergebrannt, da sie die Steuern
nicht hatte zahlen können ... sie konnte flüchten und sich nun ein neues
Leben in einem anderen Ort aufbauen. So reiste sie mit ihnen. Zeke hielt sie
für eine verlogene Spionin, aber eigentlich war er nur eifersüchtig, da sie nun
Billie alte Mythen und ihr lebenswichtige Dinge beibrachte und sie ihr mehr
Beachtung schenkte als ihm.
*
»Weißt du, ich glaub, er hat dich richtig gern ... er würde es aber wohl nie
zugeben«, erwähnte Fedele eines Abends, als sie aßen. Billie verschluckte
sich fast. Nein, dass konnte nicht sein ... nicht Zeke! Als sie sie jedoch fragte,
wie sie darauf kam hatte sie nur dümmlich gegrinst und weiter gegessen.
Nach dem Essen suchte Fedele sich zwei stabile Äste und reichte einen
davon Billie. Fedele meinte, da sie Rechtshänder sei, würde es fürs Erste
mehr bringen das sie anfing mit links zu führen. Zeke sah den beiden missvergnügt, zu aber wand nichts gegen ihr Treiben ein. Ihm war es wohl recht,
so hatte er die Arbeit mit Billie nicht.
Fedele war eine hervorragende beidhändige Kämpferin. Billie fiel dank ihr
öfters auf den Hosenboden, es war schwer mit links zu kämpfen. Das taten
die beiden Mädchen nun jeden Abend nach dem Essen. Irgendwann vergaß
Zeke seinen Zorn und gab beiden noch kleine Tipps, die sie gerne beherzigten. Es war langsam an der Zeit, da er es vergessen wollte ...
88
*
An einem Morgen als Fedele noch schlief, wachte Billie auf und sah an
einem Baum lehnend Zeke, er hatte die Nachtwache übernommen. Er
lächelte sie bedrückt an, als wäre ihm die nun peinliche Stille unangenehm
und das auch noch mit Billie. Billie richtete sich auf und ging auf ihn zu. Er
tänzelte von einem Fuß auf den anderen und strich sich verlegen durchs
Haar.
»Es tut mir Leid, dass ich es an mich genommen habe. Du hattest es
verloren ... als ich dich am Jagen gehindert hatte« Ihre tonlose Stimme und
ihr gesenkter Blick ... Zeke sah sie an. Sie spürte seinen Atem.
»Ich dachte, ich hätte es verloren. Dieses Amulett« Er zeigte es ihr noch
mal »ist mir sehr, sehr wichtig«
»Hmm, ich verstehe ...« Sie wich noch immer seinem Blick aus.
»Welche Fragen hast du Amaro gestellt?«, seine nun freundliche Stimme
... hoffentlich würde sie die öfters hören.
»Er hatte mir die Geschichte über die Drachenreiter gesagt, von La
Mancha und Libertá ... und wozu das Amulett dient. Wusstest du, dass Viggo
der rechtmäßige König ist? Amaro will ihm helfen seinen Erben nach Hause
zu holen« Sie sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick zwar aber doch änderte es
nicht die Situation.
»Ja, ich weiß, dass er König ist und ja, ich weiß was Amaro vorhat und ich
weiß auch, wer sein Erbe ist ... weißt du eigentlich etwas über deine Eltern?«
Zekes Mitleid war aufrichtig aber doch nicht so mitleidig, dass sie ihm
glauben tat.
»Helena meinte mal, mein Vater habe mich bei ihr abgegeben ... da unsere
Mütter Geschwister waren. Wir sind Cousinen«, fügte sich flüsternd hinzu.
Sie bedauerte es das sie verwand waren. Beklommen sah sie an Zeke vorbei
den Baum an, an dem er noch immer lehnte.
»Du weißt sonst nicht über deine Eltern?« Sie schüttelte ihren Kopf und
einer ihrer schwarzen Haarsträhnen fiel ihr ins Gesicht. Sie konnte nur ahnen
wie zerwühlt sie aussah. »Wenn du etwas über sie weißt, sag es mir. Warum
wollten sie mich nicht?«
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»Ich habe deine Mutter nie kennen gelernt. Aber ich glaube ihr Name war
Allärsi. Ich denke, dein Vater wollte nur das beste für dich ... und wahrscheinlich wollte er dies hier nicht für dich. Deswegen tut es mir Leid, dass
ich dir das angetan habe ...«, sagte er reuemutig und kleinlaut. Er schloss
seine Augen, zuvor hatte er aber noch ihre Haarsträhne aus dem Gesicht
gelegt.
»Und wer ist mein Vater? Wie heißt er? Wo ist er jetzt?« Von ihrer
Beklommenheit befreit rüttelte sie an Zekes Armen. Sie hatte es kaum
wahrgenommen das er ihre Strähne hat entfernt.
»Dein Vater ist nun auf den Weg nach sonst wo! Er hat keine Heimat mehr
und verstecken tut er sich auch immer irgendwo anders. Sobald wir in
Mäegash sind, wird sich dein Vater dir eröffnen. Verurteile ihn nicht nur weil
er dir das Leben gerettet hat!«, ein kleines Grinsen zierte sein Gesicht.
»Bist du noch sauer auf mich? Obwohl ich glaube hassen trifft -«, fing
Billie an.
»Ich bin enttäuscht von dir, mehr auch nicht. Wenn ich du währe würde
ich das Wort hassen nicht so oft verwenden. Du weißt nicht was Hass ist«
Zeke schubste sie leicht bei Seite und weckte Fedele unsanft aus ihrem
Schlaf.
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16
Böses Erwachen vor
dem Fluss Du’daLuna
Das Böse wartet dort, wo du es nie vermutest
un reisten sie schon einen weiteren erbitterten Monat und kämpfen
sich einen harten Weg durch den Schnee. Es schien keine
Besserung einzutreten, nein, es wurde noch schlimmer. Ihre Reise
war zu Pferd zwar schneller aber da Zeke laufen musste verlängerte sich alles
um Tage.
Billies Pferd war einst erschrocken durch den Sturm aufgesprungen und
erdrosselte sich fast an den Zügeln. Im Panik rannte das Tier weg und erlitt
schwere Wunden durch das Einsinken und das Rutschens. Das Pferd
schleppe eines seiner Hinterbeine nur noch mühsam mit sich ... es war eine
doppelte offene Fraktur. Dem Hengst war nicht mehr zu helfen. Während
Billie an Fedeles Schulter weinte, erlöste Zeke ihm von seinem Leiden. Da
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ihr Proviant immer mehr zur Neige ging, war Billie gezwungen ihr eigenes
Pferd zu verspeisen, dadurch nahm sie nur noch mehr ab.
Es war nun schon Mitte März, langsam solle es schon anfangen zu tauen.
Doch von der Aussicht eines Vorrankommens ohne Schnee war nicht in
Sicht ... es sah nur noch nach mehr Schnee und Regen aus. Die Kälte
schwand und der breite Fluss begann zu tauen, aber es lag meterhoch der
Schnee. Wenn sie Glückt hatten würde es regnen ... wurde alles matschig
machen und so könnten sie vielleicht einen Tag aufholen. Fedele betete,
täglich zu Gott, dass er ihnen ein reisetaugliches Wetter gab, doch er wollte
sie nicht erhören. Zeke erzählte ihr, dass es keinen Gott gab, sondern nur die
Göttinnen und die Bonaiten. Die Drachenreiter würden ihnen nicht helfen.
Wie schmerzlich es klang in seiner Stimme, eine Welt zerbrach für ihn ...
waren denn die Bonaiten die Einzigen, die sich gegen die Göttinnen auflehnten?
»Wo ist der Unterschied zwischen den Bonaiten und den Drachenreitern?«, fragte Billie Zeke. Es war nicht er, der ihr die Antwort gab, es war
Fedele.
»Aus welchem Grund auch immer der Anführer der Drachenreiter
handelte, sie dienen nur den Göttinnen. Die Bonaiten wanden sich gehen
Zeki und wurde zu Verrätern. Er hegte keinen Groll gegen die Bonaiten,
doch sind sie jetzt seine Feinde ...«, schloss sie.
»Aber ich habe gehört, dass er bisher keinen Reiter getötet hat ... er hatte
jeden entkommen lassen, hat jedem die Gnade eines Anführers gewährt«,
beendete Zeke bedrückt ihre Rede.
»Doch irgendwann wird er jemanden töten!«, erboste Fedele. Zeke wand
sich um und klappte seinen Mund zu einer Verteidigung auf, doch nicht er
ergriff das Wort. »Wenn er nicht mehr fliehen kann, bleibt ihm keine andere
Wahl ... Menschen sind egoistisch, Fedele. Wenn du die Wahl hättest; dein
Leben oder des eines anderen, dir Wildfremdes und es in deiner Hand lägen
würde, was würdest du tun? Und er wird es tun, nicht wahr Zeke?«, sprach
Billie leise und sah keinen an.
»Er ist ein Verräter, Billie! Du kannst mich nicht mit ihm vergleichen!«
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»Und was hat ihn dazu getrieben ein Verräter zu werden? Fedele ... lass
sein. Ich denke ich kenne seinen Grund« Billie blickte Zeke direkt in die
Augen, er wich ihr nicht aus.
Die Nacht brach schnell herein. Zeke richtete das Essen an und Fedele gab
Billie wieder Unterricht mit einem Stock. Sie hatte schon gut gelernt mit
Links zu führen, bald würden sie es mit Rechst probieren können.
Billie glaubte nur kurz zu schlafen und schon erwachte sie im Halbschlaf.
Sie hörte alles um sich herum, doch sie war zu müde um sich aufzuraffen
und nachzusehen, was es war. Nicht mal eine Eule flog in die tiefe Nacht.
Nur eine Scharr Fledermäuse flog irgendwo auf die Jagd.
Ein lautes Stöhnen durchzog die Nacht. Mit einem schnellen Aufrichten
inspizierte Billie ihre Umgebung. An einem Baum am Boden kauernd war
Zeke, der sich versuchte aufzurappeln.
Beweg dich nicht! Und halte Fedele davon ab, mir zur Hilfe zu eilen!
Seine Stimme in ihrem Kopf ließ sie erleichtert aufatmen. Sie tastete im
Dunkeln nach Fedele, doch die hatte ihr Schwert gezückt und stürmte auf
eins der Ungetüme zu und stach ihm ihr Schwert in den Rücken. Noch nie
zuvor hatte Billie von einem großen Monster gehört. Der Körper dunkelgrün
bis blau und mit Wanzen übersäht. Es war entweder ein hässlicher Riese oder
einfach nur ein stinkender einäugiger Troll. Billie schloss auf letzteres.
Eine Hand umschloss ihren Oberkörper. Sie schrie als sie langsam in die
Lüfte gehoben wurde. Es war ein ganzes Rudel von Trollen, dass sie angriff.
Schon wieder war sie nutzlos ... wieder war sie in Gefahr.
Ihre Luftröhre wurde sachte zusammen gequetscht, ihr versagte die Luft in
den Lungen. Schwummrig wurde es um sie, bis sie mit den Knien auf den
Boden sackte und keuchend nach Luft schnappte. Zeke hatte mit einem Pfeil
auf das Auge des Trolls gezielt, doch er wurde nun selbst von einem Troll
brutal niedergeschlagen.
»BILLIE! An meinem Sattel!«, brüllte ihr Fedele entgegen und parierte
ein paar Schläge eines Trolls mit ihrem Langschwert. Billie hechtete zu
ihrem Schlafplatz zurück, sprang einigen Trollen aus dem Weg und landete
im Dreck. Den Sattel erreicht betrachtete Billie diesen, was sollte sie denn
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finden?! An der Seite war eine Schlaufe in dem ein weiteres Langschwert in
der Scheide steckte. Sie zog das Schwert aus der Scheide und hielt es gen
Himmel. Nun konnte sie sich im Kampf beweisen. Sie griff an. parierte
Hiebe und schlug mit Wucht zurück. Sie streckte vielleicht drei Trolle
nieder. Duckte sich, wenn einer nach ihr schlug, sprang, wenn einer sie zu
Fall bringen wollte. Doch einer der Trolle hieb mit seinem Schläger gegen
ihren rechten Arm, es schmerzte höllisch. Öfters sprintete sie zu Zeke oder
Fedele und kämpfte an ihren Seiten. Doch Zeke kam mit seinem Bogen gut
alleine zurecht.
Der Tag brach schleichend heran. Eröffnete ihnen den blutigen Anblick,
den sie bisher angerichtet hatten. Zeke schoss dem letzten Troll einen Pfeil in
die Brust. Alle erlitten kleine Verletzungen, doch am schlimmsten trug es
Fedele.
»Zeke ... tu mir einen Gefallen, bring ihr das Führen auch noch rechts
bei«, scherzte sie, Zeke sah sie unter einem verschmutzen Gesicht heran an
und nickte stumm, er lächelte sanft.
»Billie, du kannst das Schwert behalten« Billie musste lächeln ... Fedele
hatte mehrere Pfeile im Rücken, doch keiner davon war einer von Zekes. Sie
hauchte ihren letzten Atem aus.
Der blutige Schnee von ihrer Schlacht geziert. Überall lagen stinkende
Trolle und ein toter Freund. Zeke hob ein Grab aus ... sie vergruben sie unter
der Schneedecke. Sie konnten ihr kein besseres Begräbnis geben, unter der
Erde war es unmöglich für Zeke zu graben. Obgleich die Schneedecke
schmolz und ihr Anblick kein schönerer sein wird, für diejenigen die sie
später finden würden.
Gegen Abend erreichten sie den zweiten Fluss, Du’da-Luna. Nun dauerte es
nicht mehr lange ... bald würden sie durch das Ruckgar-Gebirge sein. Doch
Billies Herz machte trotzdem keine freudigen Sprünge. Fedele war von ihnen
geschieden ... würde keine Rückkehr zu ihnen finden. Ihr Leben war
verwirkt. Das Einzige, was Billie an sie, in alle Ewigkeiten, erinnern würde,
war ihr Langschwert, das sie ihr vermacht hatte. Beziehungsweiße auch ihr
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Pferd, das Billie nun ritt. Würden noch mehr Menschen aus ihrem Leben
treten? Würden sie sie nur verlassen oder sterben?
Das, was Zekes und Billies Gemüter aufhellte, war, der Schnee, der weiter
zu tauen begann ...
17
Ein geschundenes
Volk
Nicht jeder der arm ist, muss bekümmert werden ...
a der Schnee schmolz und ihnen den Weg zum Gulnar-Hafen frei
gab, schafften sie es innerhalb des drittens Tages im Hafen
einzutreffen.
Billie kam er ein wenig herunter gekommen vor. Sie trabten durch die
schmalen und überfüllten Gassen. Es roch nach Fisch und überall in jeder
Ecke und Winkel des Hafens auch nach Erbrochenem, Billie musste des
öfteren würgen, genau wie Zeke. Kleinkinder spielten fröhlich auf den
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Straßen. Sie waren dreckig und trugen gelöcherte Kleidung. Um mache paar
Kinderfüße waren Lumpen gewickelt, um ihre Füße vor den Glasscherben,
die überall lagen, zu schützen. Es tat Billie weh, dass sie eine, zwar manchmal knappe Mahlzeit und hart Leben musste, unbeschwerte Kindheit hatte im Gegensatz zu diesen Kindern, war sie ein Königskind gewesen. Nun
wurde ihr klar, dass sie sich hätte nie beschweren müssen, sie hatte alles, was
sie brauchte ... aber doch wollte sie mehr ... ihr Gewissen nagte an ihr, sie
konnte den armen Menschen nicht ins Gesicht sehen.
Die meisten Hütten waren aus Holz oder Lehm gebaut, wenn nicht sogar
aus teurem Beton. Billie kam es so vor, als würde der Hafen unter Wasser
stehen und das tat dieser. Ihre Pferde tapsten durch das niedrige Wasser. Die
Häuser waren von unten durchnässt und Seealken wuchsen dort oder es
schimmelte gar. Es war ernüchternd zu sehen, dass Kinder und Erwachsene
sich Wasser aus dem Fluss pulten. Billie blickte in das Wasser, es war
dreckig und es schwammen darin merkwürdige Fische. Sie wusste nicht was
es für Viecher waren. Ab und an badeten Mütter sich und ihre Kinder am
Ufer. Für sie war es ein schrecklicher Anblick ... wie konnte man am abgelegensten Ort, wie zum Beispiel ihr Dorf, nur so ein wohlkommendes
Leben führen? Und hier? Hier wo ganz Ruckgar-Gebirge ihre Nahrung
bekam, war es verwahrlost und dreckig.
»Ihr seid neu hier, nicht wahr?« Es traten ihnen ein Mädchen vor die
Pferde. Beide erschraken und bäumten sich auf, dass darauf ein Junge herbei
geeilt kam und sich schützend vor sie stellte. Das Mädchen hatte eine etwas
dunklere Haut, ihr Haar war schwarz, lang und glatt. Ihre Augen waren
smaragdgrün, die seinen waren dunkelblau und er hatte kurzes blondes Haar,
dass ihm strähnig ins Gesicht fiel. Beide waren nicht älter als Billie.
»Ja, wir sind neu hier ... nun tretet aus den Weg!«, befahl ihnen Zeke, er
sah die beiden als nicht würdig an, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie hatten
nichts weiter an als alle anderen im Hafen, Lumpen ... aber warum machte
Zeke sie dafür verantwortlich, die Menschen könnten nichts dafür für ihren
Zustand.
»Wisst ihr, wo der Hafen ist?«, fragte Billie freundlich nach und bekam
einen niederschmetterten Blick Zekes.
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Das Mädchen trat vor den Jungen.
»Natürlich wissen wir, wo der Hafen ist«, bestätigte sie und erhielt einen
bösen Blick Djegos, ihrem blonden Freund.
»Würdet ihr uns zum Hafen führen?«
»Nein, dass werden sie nicht!«, mischte sich Zeke gereizt ein, da er wie
schon so oft mal nicht in das Gespräch einbezogen wurde.
»Zeke?«, hauchte Shisue seinen Namen. Er wandte sich dieser zu und sah
sie verwirrt an.
»Sollte ich dich kennen?«, sagte er angewidert.
»Du solltest uns beide noch kennen! Aber wie kann es sein, dass du so
jung bist ... es ist schon achtzehn Jahre her«, hauchte sie weiter und sah Zeke
nur an. Djego schien zu begreifen und sah Zeke ebenfalls verwundert an.
Doch Billie war die Einzige, die alle verwundert anblickte und nun selbst in
das Gespräch einbezogen werden wollte.
»Damals ... mit ihr« Zeke schien sich zu erinnern, Billie konnte aber nicht
ahnen, wer diese Sie sein sollte.
»Ja, sie hat dir unseren Hafen gezeigt, du warst begeistert ... damals den
armen Kindern zu helfen ... doch nun bist du -«, begann Shisue.
» ... ein egoistischer Junge geworden, der noch immer wie achtzehn
aussieht«, beendete Djego beklommen ihren Satz.
»Ich habe lange genug gelebt um immer nur an andere zu denken ... es ist
Zeit, dass ich nun an mich denke«, gab Zeke ernst zu seiner Verteidigung
kund.
»Ich will ja eure prägende Erinnerungsschwelle nicht zerstören, aber wer
bitte war diese Sie?« Billie wusste nicht warum, aber irgendwie wurde sie
sauer auf Zeke, da er diese Sie nicht erwähnte hatte.
»Ach, sie war jemand, der Menschen gerne half. Sie war ein Engel, der zur
Erde kam. Ihr schulterlanges braunes Haar wehte mit jedem Klang ihres
Lachens. Ihre braunen Augen waren so tiefgründig wie der Wald, hinter
euch. Wie hieß sie denn noch gleich?«, schwärmte Shisue.
»Alexandra ...«, antwortete Zeke schwach und sah zu Boden. In seinen
grünen Augen spiegelte sich Trauer.
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»Was ist aus ihr geworden? Du warst doch das letzte Mal mit ihr hier ...
warum bist du jetzt mit einem anderen Mädchen hier?«, fragte Djego.
»Sie ist tot, dass ist aus ihr geworden! Und wenn schon, kam ich das letzte
Mal halt mir ihr. Jetzt bin ich mit einer andern unterwegs! Es geht euch beide
nichts an, was ich tue und lasse!«, fuhr er sie beiden im gewohnten
zischenden Unterton an.
»Und warum hast du sie nicht gerettet, wenn du schon unsterblich bist, wie
du eben so großmäulig erzählt hast?«, fragte nun Djego wütend und warf sie
Zeke in den Weg der grade wegreiten wollte.
»Wenn ihr kleinen Bälger wüsstest, was damals passiert ist! Ihr hab ja gar
keine AHNUNG«, Zeke wurde mit jedem Wort lauter.
Seine wechselnden Gefühle machten Billie das Leben schwer, nie wusste sie,
wie er nun reagieren würde; würde er nun Luftsprünge machen oder sie doch
nur wieder anfauchen?
Zeke führte Billie zu einem Händler, bei dem sie die Pferde verkauften um
davon Proviant zu kaufen. Es schmerzte ihr nun auch dieses loszulassen,
denn er gehörte ja Fedele ...
Shisue und Djego begleiteten sie nicht weiter hinab zum Hafen, da Zeke
so unfreundlich zu ihnen war. Ihm war es wohl nur recht.
Sie liefen weiter zu Fuß den Weg hinab zu den Bootstegen. Ein großes
schwarzes Schiff erlaubte ihnen die Überfahrt nach Swornaif. Es war ein
Piratenschiff und wurde von einer Frau geführt und gelenkt.
Gegen Abend lief die Galeone, Black Death aus und brachten sie
schweigend zu ihrem vorläufigen Ziel. Als Bezahlung wollte der Captain,
dass sie ihr, ihr ganzes Geldvermögen gaben ... Zeke der alles verwaltete und
sich um Proviant kümmerte, bezahlte ihre gewünschten Preis ohne ein Wort
des Widerspruchs.
Mit einem seelischem Grinsen auf dem Gesicht trat Zeke wieder zu ihr
nach unten zum Achterkastell. Der Captain war so frei und lieh ihnen, über
die Überfahrt hin, ihre Kajüte, sie könnten in dieser schlafen. Billie wusste,
man konnte Zeke nicht immer vertrauen, selbst wenn man ihm drohen
würde. Zu jeder seiner Handlungen hatte er immer einen Plan, wenn es schief
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gehen sollte, dass er wieder aus dem Schlamassel heraus zu kommen. Und
genauso ein Gesicht war es nun, dass Billie vermuten ließ, dass es Ärger
geben würde ... sie wusste nicht wann, aber es würde ihn geben. Dem
ungeachtet musste sie bedenken, dass sie auf ein Piratenschiff gelangt waren
und mit dem eine zweitägige Reise antraten.
Teil Zwei
Zurück zu den Wurzeln
99
Wenn das Zuhause, was man kennt
Nicht das richtige Heim ist
Wird das Heim, was man nicht kennt
Unweigerlich zur Hölle aus der man flüchten will
18
Die Black Death
und Zekes
Hinterlist
In einer harten Welt muss man sehen, wie man am längsten überlebt
100
illie hatte sich dick eingepackt. Der einzige Eingang vom Gebirge
heraus war von einer meterhohen Schlucht umrahmt, dort schien
die Sonne nicht hin. Unten in der Schlucht herrschten Minusgrade.
Billie fröstelte und jeder ihrer Atem verwandelte sich in eine große Eiswolke,
die danach verpuffte. Das Wasser unter ihr war klarer als jedes Wasser was
Billie bisher gesehen hatte, es schimmerte hellblau ... man konnte sehen wie
tief das Gebirge in die Erde ragte. Unwillkürlich dachte Billie, dass es langsam wieder Frühling wurde und sie somit ein Jahr älter wurde. Sie dachte
schmerzlich an ihr Dorf. Sechzehn Jahre hatte sie dort ihre Geburtstage
gefeiert, jetzt müsse sie irgendwo im Wald oder besser auf einem Piratenschiff ihr älter werden feiern. Sie lachte bitter in sich hinein, als ihr ein Bild
durchs Hirn schoss. Sie feierte in der Kajüte Geburtstag, Zeke würde ihr eine
lächerliche Kappe aufsetzten und die Matrosen würden ihr ein Ständchen
singen, während der Captain ihr ein Geschenk übereichte.
»Was lachst du?«, fragte Zeke der plötzlich vor ihr stand und sie anblickte.
Sie musste in gedankenversunken zu ihm gegangen sein.
»Wie findest du es hier?«, fragte sie und ignorierte seine. Billie gesellte
sich neben Zeke an der vereisten Reling. Er antwortete nicht gleich.
»Kalt«, sagte er knapp und musste lachen ... er wusste, dass Billie das
nicht meinte. »Ich bin erleichtert so weit gekommen zu sein. Ich bin erschöpft von der bisherigen Reise ... ich bin auf alles gefasst was uns erwarten
könnte. Ich bin bereit« Er sah die endlosen Schluchten hinauf.
»Zeke ... wer war diese Alexandra?«
»Sie war kein Mensch ... und auch kein Reiter. Sie war eine Elfe. Sie war
genau so alt wie ich«
»Ich meinte wer war sie für dich?« Er blickte sie an, wandte sich aber
wieder ab.
»Ich lernte sie kennen, als ich verflucht wurde und ein letztes Mal zu den
Reitern ging. Ah, damals war sie noch ein kleines Mädchen, nicht älter als
sieben, aber doch war sie achtzehn. Sie hatte Mitleid mit mir, so kamen wir
uns näher ... doch sie starb, durch die Hand des Königs. Nicht Viggo, es war
101
der Heuchler der nun in Meägash lebt und regiert, sollte sich Viggo immer
noch gegen den Thron entscheiden«
»Wer war sie für dich?«, fragte sie noch einmal, dringender.
»Was willst du hören?«, stieß er scharf hervor und wich ihrem
herausfordernden Blick aus.
»Ich will nur eine Antwort auf meine Frage, Zeke! Du kannst nicht immer
Fragen ausweichen. Du wolltest das ich dir vertaue, also gib mir Anlass dazu
dir zu vertrauen!«
»Hab ich dir nicht schon genug Gründe gegeben mir zu vertrauen?«
»Beantworte einfach meine Frage!«, sagte Billie bohrend, die Antwort
ahnend. Er antwortete ihr nicht, denn der Captain brüllte über das Achterdeck, dass sie andere Piraten gesichtet hatte.
Zeke stürmte herab zu ihrer Kajüte. Billie konnte sich nicht bewegen, der
Schock hing ihr noch in den Knochen. Es war nun wieder so weit, um ihr
Leben zu kämpfen. Zeke kam nach einer kurzen Weile auf sie zu und reichte
ihr das Schwert von Fedele, er selbst spannte seinen Bogen und hielt
Ausschau nach den Piraten. Das Knirschen seines Bogens war zum Zerreisen
nahe. Billie führte das Langschwert aus der Scheide, nachdem sie sich diese
um die Hüfte gebunden hatte. Sie eilte zu Zeke nach vorne zum Bug und
schaute auf die kommende Galeone. Ihr Herz pochte , Billie konnte es ganz
deutlich hören ... es wurde still um sie herum, nur noch ihr Herz, ihr Atem
und das näherkommende Grölen der feindlichen Piraten klang in ihrem Ohr.
»Ihr geht unter Deck!«, zischte der Captain und befahl zwei Männern Zeke
und Billie nach unten zu bringen, er sperrte sie in die Kajüte. Zeke ließ sich
ohne Gegenwehr nach hinten schleifen, sein Bogen ließ an Spannung nach,
er senkte diesen. Billie würde nur zu gern erfahren, was in seinem Kopf vorging. Da ließ er sich fangen und wegsperren aber dann wieder bereit jeden
niederzustrecken, der ihm zu nahe kam.
Billie kauerte an der Wand und umschlang mir ihren Armen ihre Beine.
Zeke blickte sich im Raum um und untersuchte das kleine Fenster der
Kajüte. Billie sah ihn an, erwiderte aber nichts. Wie ein Hund bewegte er
sich vorwärts mit seinen wachen Augen. Er rüttelte an der Tür und an
Schubladen, doch nichts der gleichen ließ sich öffnen. Lautes Fluchen
102
durchdrang das Zimmer, Zeke schien die Geduld zu verlieren und wurde
hektisch.
Draußen hörte Billie das Aufeinanderprasseln des Metalls der Schwerte
und Enterhaken. Das Brüllen und Aufheulen mancher Piraten. Es war ein
heftiges Getrampel und das nicht nur über Deck; Zeke fing an mit Gegenstände auf die Tür zu schlagen. Sein Wut verzerrtes Gesicht wurde rot vor
Zorn und Anstrengung. Als er nichts mehr fand, womit er einschlagen
konnte, ließ er sich die Wand, ihr gegenüber, hinabschleifen und sackte auf
den Hosenboden und sah beklommen drein.
Viele Minuten des Schweigens waren entstanden. Zeke sah den Boden an,
Billie jedoch ihn.
»Was ist los? Wenn ich irgendwie helfen kann ... sag mir doch was, irgendwas!«, forderte Billie ihn auf. Er blickte sie freundlich an, aber doch
kein Lächeln zierte sein Gesicht. Als er anfing zu sprechen, zuckte Billie zusammen, da sie erwartete hatte, er würde wieder losbrausen und rumschreien.
»Ich ... hast du Angst?«, fragte er sie, als er ihr Zusammenzucken
bemerkte. Seine Augen sahen sie sorgevoll an.
»Ich sitze hier unnütz mit einem Kerl rum, der nichts besseres zu tun hat
als die Wand anzuschreien, sollte ich da keine Angst bekommen?« Nun lag
es an ihr, aufzubrausen. »Du weißt genauso gut wie ich, dass ich keine
Ahnung habe, was außerhalb des Gebirges ist! DU BRINGST MICH IN
ETWAS HINEIN, ÜBER DAS ICH NIE NACHGEDACHT HABE! ICH
RENNE MIT DIR UM MEIN LEBEN, LEUTE KOMMEN UND GEHEN,
UND NICHT IMMER LEBEN SIE WEITER. ICH WILL NICHT DAFÜR
VERANTWORTLICH SEIN, DASS MENSCHEN, DIE MIR HELFEN,
STERBEN! UND DU, NUR DU BIST DARAN SCHULD, DASS ICH
NICHT MEHR SCHLAFEN KANN« Ihre Stimme bebte, sie zitterte. Zeke
sah sie schweigend an. Nach ein paar Minuten, die Billie wie Stunden vorkamen, stand er auf und bewegte sich langsam auf sie zu, ließ sich neben ihr
nieder und blickte ihr fest in die Augen. Er umschlang sie mit seinen Armen
und drückte sich.
»Es tut mir Leid ...«, hauchte Zeke in ihr Ohr. Doch zu ihrem Bedauern
dauerte diese Umarmung nicht lange. Zeke hechtete zurück auf seinen Platz
103
und ergriff seinen Bogen, er spannte diesen. Billie alarmiert zog das Schwert
aus der Scheide und stand auf, blickte zu der Tür, an der es heftig donnerte.
Vielleicht hatte man sie gehört, als sie losgebrüllt hatte ... vielleicht aber auch
war alles vorbei und man holte sie beide nun hier raus. Nun was auch immer
durch die Tür kommen mochte, es durfte nicht wieder geschehen, dass sie in
einer heiklen Situation so emotional ausbrach.
Die Tür öffnete sich knarrend. Ein besoffener Pirat torkelte ins Zimmer.
Es war keiner der Crewmitgliedern des Captains. Also schwang Billie ihr
Schwert in die Kniebeuge des Sternhagel vollen Piraten und Zeke streckte
ihn nieder. Er prügelte auf ihn ein bis er ganz friedlich schlief ... Zeke
tauschte einen kurzen Blick mit Billie, der nur so viel hieß wie: es musste
sein.
Beide eilten nach draußen. Billie sah nur, dass Zeke den Captain rempelte
und sich rücklings verzog. Sie parierte die Hiebe angreifender Piraten ...
gegen Abend hatten sie die Feinde besiegt, sie hatten gewonnen.
*
Des nächsten Tages Abend, sahen sie den lichterfüllte Hafen Swornaif.
Vorsichtig legten sie am Hafen an und gingen herab.
Zeke hatte Billie befohlen den Mantel überzuwerfen und die Kapuze tief
ins Gesicht zu ziehen. Schnellen Schrittes gingen sie durch enge Gassen und
Passagen bis Billie nicht mehr wusste, wie sie zurück fanden ... Zeke musste
lauthals lachen.
»Wir kaufen uns jetzt mal Pferde und Proviant«, lachte er. Billies
entgeisterter Blick ließ ihn sagen, warum er so glücklich war.
»Womit den? Haben wir den noch Geld?«
»Das hier -« Er zog einen großen Beutel aus seinem Köcher und schüttelte
diesen, es klimperte. »... ist vom Captain. Du weißt doch noch, wo ich sie
angerempelt hatte? Da habe ich es ihr entwendet. Darin ist das Geld, was wir
bezahlt hatten, um mitfahren zu können und darin befindet sich auch Geld,
dass wir nicht bezahlt haben« Er grinste breit. Billie musste zugeben, er war
gerissen, mit jedem Wasser gewaschen.
104
»Du hast ... du hast was getan? Du bist ein Genie!«
»Das bin ich immer Liebes!«
*
Sie hatten gegen morgen ihr Proviant gekauft und zogen nun durch den
Hafen und suchten einen Stall. Zeke hatte sich einen grauen Mantel gekauft,
nun konnte auch er seine Kapuze tief ins Gesicht ziehen. Überall im Hafen
hingen Zettel mit ihren Gesichtern drauf. Selbst Billie wurde nun gesucht.
Einen Stall erreicht, gingen sie hinein und sahen sich die prächtigen
Rösser an. Der Händler trat zu ihnen und beäugte sie interessiert. Es war ein
beleibter kleiner Mann mit hagerem Gesichtsausdruck und einer Adlernase.
Seine Brauen waren buschig und verliefen in einer grade Linie über beide
Augen.
»Wir würden zwei Ihrer schnellsten Pferde, ... ähm Ponys kaufen, vielleicht sogar ein drittes«, sprach Zeke laut und tiefer, als er eigentlich war. Er
verbesserte sich, als er in einer der Boxen sah, all diese Pferde waren nicht
größer als ein Meter fünfzig.
»Meine Schnellsten kosten aba schon ´ne Stange Geld. Aba wie Sie woll’n
Sir« Er zeigte ihnen eine hübsche Stute, sie hatte einen edlen Kopf, große
freundliche Augen, weite Nüstern und aufmerksame Ohren. Ihr Fell schien
golden. Sie hatte auch einen muskulösen Hals. Es war ein recht schlankes
Pony.
»Lo’rit is, zwar nich sehr schnelle aba ´ne Stute, die sehr gebirgsfest is. Sie
wird Sie sicha dorthin bringen, wohin Sie woll’n« Zekes ausdrucksloser
Mundwinkel -das Einzige, was der Händler sah- vorzog sich nach unten. Es
war nicht gut, das Lo’rit nicht schnell war.
»Un was wäre mit ihm? Nineppa, is’n gutes Lastpony, er könnt’ ihr
Gepäck tragen« Es war ein etwas kleines Pony, war stämmiger und hatte
einen breitern Hals als die Stute. Er hatte muskulöse Oberschenkel und steile
Schultern. Doch auch diesmal machte Zeke keine anstallten seinen Mund zu
bewegen.
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»Sie sind schwere Kunden ... Aiarros, einer meiner prachtvollsten un
schnellsten Hengste im Stall« Aiarros, war ein graues Pony, mit schwarzer
Mähne und Schweif, Nüstern und Beine sowie Ohrenspitzen waren schwarz.
»Und wie viel würden Sie für die drei verlangen?«, fragte Zeke, mit einer
Stimme als könnte er besseres bekommen.
»Wie viel würde denn der Herr zahl’n?«, Billie war erstaunt das der
Händler nicht bemerkte das sie nicht älter als achtzehn waren. Zum Glück
hatte Zeke eine große Gestalt und war ein Kopf größer als sie. Niemand
würde sich von einem Jungen an der Nase herumführen lassen.
»Da es keine Pferde und nicht sehr schnell sind, sondern nur schwerfällig
... pro Pony vielleicht tausend Goldmünzen?«, schätzte Zeke und sein
Mundwinkel zog sich weiter nach unten. Der Händler antwortete nicht, da
Zeke recht hatte. Doch sein langes Schweigen bewegte Zeke dazu umzudrehen und auf dem Weg zur Tür zu gehen.
»Nein, warten Sie! Bin damit einverstand’n ...«
19
Eine knappe Flucht
Man kann nicht immer entkommen ...
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eine beiden Helfa, Loui und Sophie werden euch helfen die Pferde
zu richten« Der Händler befahl einem Mädchen, in Billies Alter die
Pferde zu putzen und einem Jungen -ebenfalls in dem Alter-, das
Zaumzeug zu holen.
»Ponys«, betonte Zeke rau, er war nicht bereit auf irgendeine Weise zu
helfen. Billie wurde immer mehr bewusst, dass sie Zeke nicht einschätzen
konnte. Er war schlimmer als ein Dieb, hinterlistiger als jeder Fuchs und
mächtiger als jeder König ...
»Ja, Ponys ...« Er schritt zustimmend aus dem Stall. Das Geld hatte er von
ihm entgegen genommen.
»Seid Ihr Reisende?«, fragte Sophie.
»So was in der Art, ja« Billie musste lächeln.
»Seid Ihr an Mithtum vorbei gekommen?«, fragte Loui. Billie musste
mehr und mehr lächeln.
»Herr Gott noch mal, ja das sind wir! Ich will hier weg bevor es jemand
bemerkt!«, brachte Zeke gehetzt hervor und war so leise gewesen, dass nur
Billie ihn verstehen konnte. Er fing sich einen vernichtenden Blick Billies
ein, unter dem er sofort verstummte.
»Wisst ihr etwas über die alten Legenden, über die Göttinnen oder die
Elfen?«, fragte Billie ihre Neugierde stillend.
Lange sprachen sie nicht mit einander. Zeke bestand darauf Nineppa ihr
Gepäck selbst aufzubinden. Als Billie auf Aiarros aufsteigen wollte begann
Sophie zu reden.
»Es gibt Gerüchte ... über einen neuen Reiter. Und dass sich der König nie
wieder zurück zum Thron begeben würde, da er tot sei. Die Elfen und die
Zentauren führen schon lange Krieg ...«
»... und es gibt das Gerücht, dass Zeke, der unsterbliche Reiter den Neuen
gefunden haben sollte ... die Göttin befahl den Elfen Spione auszuschicken
und dem jetzigen König befahl sie die Drachen zu töten, die sich ihnen nicht
anschlossen«, schloss Loui und blickte zu Boden. Zeke wurde hellwach als
er seinen Namen hörte. Nun hörte auch er dem Jungen zu. Seine Miene hat
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sich ins Unermessliche verfinstert, er war ganz und gar nicht angetan, dass es
Gerüchte gab.
»Wisst ihr, der König ... er erfreut sich bester Gesundheit und wird bald
den Thron besteigen«, sagte Billie, ihr entging der Blick von Zeke.
»Aber er ist ein Verräter!«
»IST ER NICHT! Ihr werdet sehen ...« Billie wand ihr Pony und die Tür,
wo noch zu erst der Händler verschwand, kam er wieder herein.
»Betrüger! HEUCHLER«, schimpfte der Händler den Gang entlang.
»Wir haben bezahlt!«, spottete Zeke und stieß dem Pony die Absätze in
die Seiten. Billie und Zeke galoppierten aus dem großen Tor und ritten scharf
an Leuten vorbei, die sich umsahen und versuchten einzukaufen, aber doch
versperrten sie die Gassen, die auch schon ohne die Einwohner eng war.
»Billie, ein wenig schneller müssen wir schon werden!«, brüllte Zeke
gegen den Zugwind zu Billie, die ihrem Pony ebenfalls heftig die Beine in
die Seiten schlug. Sie ritten dem Haupttor entgegen, das Soldaten langsam
mit Druck verschlossen. Manche der Soldaten stellten sich ihnen in den Weg,
doch sie sprangen zur Seite, als die beide nicht langsamer wurden und weiter
auf sie zugeprescht kamen. Als das Tor nur noch einen Pferdelänge Platz
gab, sprangen sie über die restlichen Soldaten, die sich duckten und ihnen
einen schönen Sprung erlaubten.
Zum ersten Mal entfand Billie eine Flucht als sehr amüsant. Wahrscheinlich war es gefährlicher gegen Elfen und Drachenreiter zu kämpfen
und vor ihnen zu flüchten als sich nur mit einfachen Bürgern anzulegen. Die
Göttinnen gaben die große Ausnahme, denn selbst wenn sie einen nicht
jagten waren sie gefährlich. Man wusste nie wo sie gerade waren. Waren sie
auf ihren Insel? Waren sie momentan unter einfachen Bürgern? Aber doch
war das dauernde Flüchten und Kämpfen Nerven aufraubend und Kräfte
zerrend.
Beide lachten, als sie nah am Gebirge endlanggaloppierten. Nun erstreckte
sich vor ihnen eine atemberaubende Landschaft ... die Sonne am höchsten
und die hohen Wände des Gebirges ein Teil der Idylle, in der sie ritten. Der
Fluss, der mit ihnen ein Stück reiste. Das saftige grüne Gras unter ihnen
dämpfte ihre schweren Schritte. Das Keuchen der Pferde beruhigte Billie
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innerlich. Es war herrlich die Seele baumeln zu lassen, obwohl man gesucht
wurde.
Billie und Zeke beugten sich weit über die Hälse ihrer Ponys, der
entlastete Rücken ließ sie schneller und schneller werden. Irgendwann aber
begann die Sonne sich schlafen zu legen.
Manchmal aber nur manchmal, schauten kleine Mulaps über den Rasen ...
es waren kleine braunhaarige Tierchen mit großen Augen und einem langen
buschigen Schanz. Mit ihre kurzen Ärmchen und Beinchen sahen sie zum
Kuscheln aus. Billie hätte gerne einen von ihnen mal gestreichelt.
Bevor der Fluss nicht mehr mit ihnen reiste, rasteten sie in seiner Nähe,
ließen die Ponys trinken und selber erlaubten sie sich Schlaf. Die raue
Wildnis und die Einöde um sie herum war nicht vertrauenserweckend, aber
wohl sicherer als in einem Gasthaus zu schlafen, wo man jeden Moment
entdeckt werden könnte. Wie gerne würde Billie in einem bequemem Bett
schlafen und einfach sicher sein ... wie sehr sie sich einredete über ihre Vergangenheit hinweg zu sein, desto mehr wurde ihr klar, dass es noch immer
schmerzte und nur noch zurück wollte ... zurück zu ihrem Dorf, sei es drum
das Zeke noch länger leben würde. Was hatte sich alles getan im Dorf ... ?
*
Von weither drang das gleichmäßige Aufkommen von Hufen. Durch die tiefe
Nacht ritt jemand, dem kühlen Wind entgegen. Das schwarze Ross hatte
seinen Kopf tief in der Senkrechte und hatte weit ausgreifende Galoppsprünge. Des Reiters Mantel, so schwarz wie der Nachthimmel, wehte im
Wind ... etwas mystisches lag in der Luft, er spürte es ...
*
Die Nacht um sie, begleitet vom Nebel und kühlem Wind. Leise plätscherte
der Fluss, neben ihnen seinen Weg zum Ozean ...
Billie wusste, es würde nichts gutes verheißen, wenn Zeke seinen Bogen
spannte, also stand sie auf und versuchte ihn in der tiefen Nacht aus-
109
zumachen. Nach wenigen Minuten erfühlte sie ihn und flüsterte ihm ins Ohr:
»Was ist nun schon wieder hinter uns her?«
»Das schwere Aufkommen der Hufe eines Pferdes ... dessen keuchen. Und
aufgebrachter Wind?!«, hauchte Zeke. Es war keine Antwort von ihm, er
dachte laut nach.
Es war dunkel um sie herum ... und nun hörte auch Billie das Keuchen des
Pferdes und das Aufbrausen des Windes.
»WER IMMER DU BIST, ZEIG DICH!«, brüllte Zeke in die Nacht
hinein. Er bekam keine Antwort. Es war still bis auf den näher kommenden
Unbekannten. Zeke spannte seine Bogen weiter, bis dieser gefährlich
knirschte. Billie stand hinter ihm.
Ein tiefes Grollen echote ihnen zu. Zeke schloss seine Augen missmutig
und nur ahnend, was es sein könnte, was sie nun wieder Aufsuchen würde.
Sie sahen einen näherkommenden schwarzen Punkt. Das Galoppieren des
Pferdes wurde zurückhaltender, desto näher es ihnen kam. Der Reiter erhob
eine Hand zum Gruß.
»Wer seid ihr, Fremde?«, entgegnete der Reiter als er, sein Pferd, vor
ihnen anhielt. Sein kurzes blondes Haar lugte aus seinem schwarzen Mantel
hervor. Sein Pferd tänzelte aufgeregt von einem Bein auf das andere. Es war
vollkommen durch geschwitzt. Der Reiter hatte blaugraue Augen und eine
dunkle Rüstung unter seinem Mantel. Alles an ihm war schwarz oder
zumindest dunkel. Sein Auftreten erinnerte Billie an Zeke. Wenn Billie es
nicht besser wüsste, würde sie meinen ein Ebenbild des seinen sei vor ihr,
nur dass das Aussehen sie unterschied. Er war hochgewaschen und seine
Körperhaltung königlich ...
»Wer seid Ihr, Reiter?« Zekes Stimme klang rau.
»Ihr habt hier nichts zu suchen ... niemand kommt auch nur in die Nähe
von Beä’ngul. Dahin seit ihr doch auf dem Weg, nicht wahr?« Hinter dem
Reiter ließ sich ein schwerer Körper nieder. Der Boden unten ihnen
erzitterte. Ein tiefer Lufthauch verwehrte ihnen den Atem. Billies Kinnlade
fiel herunter, vor ihnen saß Amaro.
110
»Amaro?«, fragte Billie schwach. Wie konnte er Viggo nur so hintergehen? Es war genau so ein schwarzer Drache. Er hatte sogar die gleiche
Größe wie der Drache den sie einst getroffen hatte.
»Amaro?«, fragte der Reiter.
»Es ist nicht Amaro ... und wenn, es ist nicht die richtige Zeit. Reiter, was
wollt Ihr von uns?«, sagte Zeke. Sie waren sich beide ebenwürdig.
»Ich? Ich beschütze das, was in Beä’ngul ist. Das wahrscheinlich letzte
noch intakte Drachenei, aber nun ist es Zeit für euch zu sterben ... oder will
mir jemand von euch sagen: einer von euch sei der zukünftige neue Reiter?«
Er lachte ihnen hämisch zu. Sein Pferd bäumte sich ein wenig auf, als auch
sein Drachen sich aufbäumte und einen Feuerball zum Mond schickte.
20
Alleine ...
Man kann sich nicht immer auf jemanden verlassen, denn auch sie haben irgendwann keine
andere Wahl ...
111
u kannst mich gar nicht töten ... also auch sie nicht«, fauchte Zeke
ihn skeptisch entgegen. Der Reiter hob einen seiner Brauen und
zog sein Breitschwert aus der Scheide und hielt es empor.
»Wer seid ihr, wenn ich euch nicht töten kann?«, sprach er langsam und
betonte jede einzelne Silbe.
»Die Frage könnte ich dir auch stellen. Wir stehen unter dem Schutz der
Bonaiten« Zeke richtete sich zu voller Größe auf und schritt auf ihn zu, mit
dem Versuch seine Stimme nicht beben zu lassen und ruhig zu klingen.
»Die Bonaiten? Ich gehöre weder zu ihnen noch zu den Reitern ... ich bin
Eric Grand«
»Zeke Parker, schon mal von mir gehört?«, lächelte Zeke selbstsicher und
arrogant. Zeke nutzte es vollkommen aus, dass er einen gewissen Bekanntheitsgrad aufwies. Erics Gesicht verdunkelte sich. Billie konnte nicht viel mit
Legenden anfangen, aber Erics Gesichtsausdruck ließ sie vermuten, dass er
einer Legende gegenüber stand. Eric ließ das Schwert wieder in die Scheide
sinken.
»Der Unsterbliche ... dass ich das noch erleben darf! Also habe nun ich die
Chance eine Legende ein Ende zu setzten und selbst zu einer zu werden,
oder? Wer ist das Mädchen hinter dir?«
Billie, wenn ich dir ein Zeichen gebe, bitte reite weg!, meinte Zeke ernst in
ihrem Geist. Er richtete den Bogen auf ihn.
»Warum willst du wissen, mit wem ich meine Zeit vergeude?«
»Schlagfertig ... mit wem du deine Nächte vergeudest, ist mir wirklich
egal, aber mit wem du nach Beä’ngul willst, ist schon eine Sache, die mich
interessiert«, schloss Eric. Zeke blickte zur Seite und beobachtete Billie. Die
wusste nicht wie ihr geschah, als jemand in ihrem Kopf drang.
Ich bin bei dir ... komme so schnell du kannst!
Es war die Jungenstimme, es beflügelte sie, wenn er sich meldete. Gab ihr
die Kraft sich etwas entgegen zu stellen, dem sie nie hätte gedacht besiegen
zu können.
112
»Mein Reiter ist auf dem Weg ... halte ihn nicht auf!« Ihre Stimme klang
tief, nicht die ihre. Ihr Körper straff wie ein Soldat aber doch locker und
entspannt. Sie wusste nicht, was sie sagte, es war ihr auch egal ... es war ein
herrliches Gefühl von allen Schmerzen befreit zu sein und keinen Gedanken
mehr zu finden. Nicht einmal den erstaunten Blick Zekes nahm sie war und
auch nicht den erbosten Blick Erics.
»Hast eine Hexe bei dir, was?«, höhnte Eric und zog das Breitschwert
wieder aus der Scheide und stürmte los.
REITE!, hallte es in ihrem Kopf. Langsam nur langsam wurde ihr klar,
was um sie geschah. Zeke schoss unermüdlich Pfeile auf Eric ein und dieser
versuchte Zeke aufzuschlitzen oder in Billies Nähe zu kommen, was Zeke
vereitelte.
MACH SCHON, ewig kann ich ihn nicht hinhalten!, fauchte Zeke. Wie er
gesagt hatte, sprintete sie los zu ihrem Pony und trat ihm heftig in die Seiten.
Sie galoppierte die Gebirgswand entlang. Das letzte, was sie hörte war:
»CALVADOS, LOS«. Das befahl Eric seinem Drachen und der nun Jagd auf
sie machte.
Billie spürte den rauchigen Atem und den tödlichen Blick von Calvados.
Durch das Keuchen ihres Ponys nahm sie auch die zischende Luft war, die
der Drache einsog. Seine mächtigen Schwingen brachte den Staub auf dem
Boden zum Aufwirbeln. Er spie. Hinter ihr fühlte sie die Hitze aufkommen.
Je mehr sie ihr Pony woanders hinlenkte, musste sie darauf achten das sie
dem Pony nicht das Fell versenken ließ. Neben ihr, vor ihr, über all war der
Strahl aus dem Maul von Calvados. Das, was Billie wunderte war: er jagte
sie, wollte sie aber nicht töten. Er hätte schon öfters, so kam es ihr vor,
Gelegenheiten gehabt sie zu verspeisen.
Ihrem Pony versagten die Beine, es stolperte über diese. Billie schrie auf,
als der schwere Körper auf sie fiel und ihr, von einem Moment auf den
anderen, die Luftzufuhr abschnürte. Hysterisch versuchte sie das Pony von
sich weg zu schieben. Doch zu ihrem bedauern wollte oder konnte es nicht
aufstehen. Tränen rannen ihr wutverzerrtes Gesicht herab. Lautes Fluchen
ging über ihre Lippen.
113
Calvados umkreiste sie wie ein Geier. Bald würde er auf sein sterbendes
Opfer herab stürzen und es brutal verwerten, bis auf die Knochen ... Billie
wollte so nicht enden.
»Basul!«, heulte Billie auf und spürte wie ihr Gewicht leichter wurde ... ihr
Pony ging in Flammen auf und wurde dank dem Drachen als Asche vom
Wind hinfort geweht. Nun war sie weder sauer noch sonst ein hässliches
Gefühl fühlte sie, sie war entsetzt und traurig und enttäuscht über sich selbst.
Sie hatte jemanden getötet, ihr eigenes Pony, wie hatte sie dies tun können?
Billie rannte ... und nun war bestätigt, dass der Drache sie nur jagte, hetzen
tat, aber nicht fressen wollte ... obwohl sie sich keine Zeit lassen wollte,
wurde ihr klar, dass Calvados sie nur von Zeke weglocken sollte, wie dumm
war sie?!
Neben Billie erstreckte sich der Horizont in ein gleißendheller Himmel.
Der Morgen brach an ... und sie war allein. Nirgendwo Wald, wo sie sich
hätte verstecken können. Ihr Rennen wurde langsamer und hoffnungsloser.
Billie schrie auf als sie links zu Boden gerissen wurde. Der sandige Boden
unter ihr schürften ihr Wange, Hände und Beine auf, die leicht bluteten. Sie
rappelte sich auf und kroch weiter nach hinten. Als sie an die Wand stieß sah
sie auf die helle, kleine Öffnung durch die sie gefallen war. Neben der
Öffnung stand jemand und sah hinaus auf den Drachen der langsam seinen
Weg zu seinem Reiter einschlug und von ihr abließ.
»Warum bist du allein unterwegs?«, fragte die Fremde. Billie konnte ihr
Gesicht nicht erkennen, wegen der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, doch
unverkennbar an der Stimme zu erkennen war, dass sie eine Frau war. Ihre
Stimme klang nicht viel älter als Billies aber doch ernster und reifer wie
jeder andere.
»Hast du mich verstanden?«, fauchte sie. Billie zuckte zusammen ... aus
ihrem Mantel sah sie ein Schwert hervorblitzen. Billie zog ihr Langschwert
aus der Scheide und stellte sich der Fremden gegenüber. Ihr Mundwinkel zog
sich amüsiert nach oben. Sie kam ein paar Schritte auf Billie zu und ohne
dass Billie reagieren konnte, hatte sie sie schon entwaffnet. Ihr Schwert lag
nun gut eine Pferdelänge von ihr entfernt.
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»Komm gar nicht erst auf den Gedanken, darüber zu hechten ...« Sie hielt
Billie die Klinge an die Kehle.
21
Ein Tag des Unheils
Nicht jeder ist das, was er zu sein versucht
115
ättest du nun die Freundlichkeit auf meine Frage zu antworten?«
Die Klinge bohrte sich leicht in ihren Hals. Billie spürte wie sie ihr
einen Kratzer verpasste, sie traute sich nicht einmal zu schlucken,
geschweige denn zu atmen. Sie konnte nun erkennen, dass die Fremde
blondes Haar hatte und ihr Haut reiner war als die ihre, so rein wie die, der
Elfen ... ihre eisblauen Augen bohrten sich in die Braunen von ihr. Schon
wieder hatten Elfen sie aufgespürt und in ihrer Gewalt.
»Warum willst du das wissen?«, fragte Billie.
»Warum willst du wissen, warum ich dich töten will, wenn du mir nicht
sagst, wer du bist ...«
»Du willst mich töten?«, stotterte Billie.
»Ja, solltest du mir einen Grund geben ... glaub ja nicht, nur weil ich ein
Mädchen bin, hätte ich Scheu jemandem das Leben zu nehmen. SPRICH«,
erzürnte sie.
»Mein Name wird dir nichts sagen ...«, sagte Billie wahrheitsgetreu, wer
solle schon außerhalb des Gebirges ihren Namen kennen. Interessiert sahen
sie sich an. Sie ließ das Schwert sinken.
»Dann kann ich dich ja töten«
»Ich reise mit jemanden, den du kennen könntest«, antwortete Billie
hastig. »Zeke Parker«
»In der Tat, der Name sagt mir was ... ich hol uns was zu essen. Wo ist er
jetzt?«, fragte sie irritiert aber mit einem plötzlichen Umschwung von
Freundlichkeit in der Stimme.
»Zeke?«
»Ich bin weit aus schlimmer als Eric, das solltest du wissen! Wenn ich
wiederkomme und dich hier nicht finde, dann gnade dir Gott!«, fauchte sie
und verschwand im Licht.
Billie wusste nicht, wer oder was sie war, aber sie war vielleicht wirklich
schlimmer als Eric ... was konnte schon ein Reiter gegen einen Elf ausmachen? Sie wusste es nicht. Sie hatte Billie mit links entwaffnet! Sie hätte
sie töten können, wäre es ihre Absicht gewesen. War sie nun Freund oder
116
Feind? Warum war Zeke jetzt nicht bei ihr? Jetzt wo Billie ihn brauchte. Sie
schüttelte den Kopf und vergrub ihn unter den Händen, leise glitten ihr
Tränen die geschürften Wangen herab.
An statt hier rum zu sitzen und zu weinen, begann es in Billies Kopf zu
arbeiten. Was würde Zeke tun? Würde er kämpfen oder doch eher flüchten?
Oder sollte sie sich ergeben und so tun, um ihre Absichten herauszufinden?
Zeke war zu gewitzt um zu ahnen, was er tun würde, so musste Billie nun
ihren eigenen Plan schmieden und diesen in die Tat umsetzten.
Würde sie fliehen, würde sie unweigerlich gesucht werden. Sie wurde ja
schon von Elfen und Eric gesucht. Sie wollte nicht auch noch von ihr gesucht
werden.
Würde sie kämpfen, würde sie sterben ohne groß Schaden angerichtet zu
haben. Ihr Tod wäre sinnlos, würde sie es tun oder, sie tat nur so. Sie könnte,
wenn sich die Lage zuspitzte immer noch jämmerlich fliehen oder im Kampf
sterben. Billie tendierte zu letzterem, es war sicherer ... und sie könnte so
eine Spur für Zeke legen, damit er ihr folgen konnte. Und da sie sie schon
jagen, könnte auch jemand anders ihr zur Rettung komm und sie gefangen
nehmen ... Billies Gesicht zog eine leichte Grimasse. Ihr gefiel keiner der
drei Wege. Dann fielen ihr die Worte von Zeke ein: Hauptsache du lebst!
»Billie?«, hauchte ihr eine vertaute Stimme entgegen.
»ZEKE!« Billie stürmte nach vorne und schlang ihre Armen um den Leib
des jungen Mannes mit einem braunblondem Haarschopf. Er sah sich kurz
um und schubste sie sanft beiseite, er errötete und räusperte sich.
»Gut, dass du dich so freust mich wiederzusehen ...« Billie sah an ihn
erhab. Sein Körper war übersät mit blauen Flecken und Blutflecken. Ein
Veilchen zierte sein geschwollenes Auge, er lächelte bekümmert.
»Hast ... hast du ihn getötet?«
»Klar hab ich das! Schön, dass dich mein Wohlergehen so interessiert!« Er
ließ sich die Wand hinab und vergrub sein Gesicht in den Händen, wie zuvor
Billie.
Billie tat es ihm gleich und sah ihn lächelnd an. Es war gut das er wieder
bei ihr war. Sollte die Fremde zurückkommen so würde Zeke sich was
einfallen lassen, was sie nun tun könnten.
117
Sie schwiegen bis zum Abend und bekam das Lächeln in ihrem Gesicht
nicht weg.
»Billie ... glaubst du, du könntest mir einen Gefallen tun?«, fragte Zeke.
»Sicher, was wäre es denn für einer?«
»Bring mir bitte das Schwert dort hinten« Billie stand freudig auf und
brachte ihm ihr Schwert. Er schwang es durch die Lüfte und sah die Klinge
an.
»Das ist ein gutes Schwert ... genau passend für dein Ende« Abrupt stand
er auf und attackierte sie. Leichtfüßig folgte er ihrem Ausweichen.
»Zeke? Spinnst du nun völlig?«, sagte die Fremde an Billie gewandt. Der
Fremden und Zekes Klingen kreuzten sich. Es klirrte heftig, während sie
Schläge des anderen parierten.
»Töte ihn nicht! Er ist -« Billie rüttelte an ihrem Arm.
»Er ist nichts!«, fauchte sie und stieß Billie zu Boden und schlug nun mit
ihrem Schwert auf Zeke ein. Er parierte ihre Hiebe gut, aber nicht gut genug.
Sie war unglaublich schnell. Seine Bewegungen sahen schwerfällig im
Gegensatz zu ihren aus. Während ihm die Schweißperlen tropften und sein
Hemd durchnässte, zierte ihr Gesicht ein siegessicheres Lächeln. Sie stieß
ihm ihr Schwert in die Brust ... ein Aufstöhnen hallte an den Wänden wider.
Billies Augen weiteten sich vor Entsetzten. Sie hatte ihn getötet ... aus seiner
Brust quoll Blut hervor, als sie ihre Klinge herauszog. Er war sterblich! Sein
toter Körper ging nachdem er zusammengebrochen war in Rauch auf und
wehte dem Mond entgegen. War er denn nicht unsterblich?
»Warum hast du ihn getötet? Wie konntest du ihn töten?« Billies Stimme
versagte und wurde zu einem Schnurzen. Der Anblick wie er starb, trieb ihr
Tränen in die Augen.
»Gott! Glaubst du echt, ich habe ihn getötet? Wie kann man bitte eine
Legende töten, die Unsterblich ist?«
»Aber ich habe es doch -«
»DU HAST GAR NICHTS! Das war ein Zauber um dich in die Falle zu
locken!«, zischte die Fremde.
»Haben die Elfen denn so eine Macht?«, fragte Billie.
118
»Nein ... dass waren nicht die Elfen, dass waren die Göttinnen. Elfen sind
zu schwach um einen Astralzwilling zu erzeugen, der auch noch anderes
aussieht. Du hattest Glück. Warum gibst du ihm denn auch dein Schwert?«,
beschwerte sie sich. Billie überlegte ...
»Falls du es nicht bemerkt hast, obwohl du ja mit ihm reist, er benutzt nur
seinen Bogen! Es sei denn, er hat dir das Fechten beigebracht, da musste er
es unweigerlich tun. Aber du hattest keine Waffe ... merk es dir für die
Zukunft« Die Fremde ließ sich im Schneidersitz zu Boden und entfachte ein
Feuer, mit dem Holz, das sie gesammelt hatte. Das Feuer war schnell
entfacht, sie briet nun die Wildgänse, die sie gefangen hatte. Billie konnte
noch immer nicht ihr volles Gesicht erkennen, da sie ihre Kapuze noch
aufhatte.
»Wer bist du nun?«, fragte die Fremde ohne von knusprig werdenden
Vogelvieh abzusehen. Billie ließ sich neben ihr nieder. Eine Weile des
Schweigen trat ein.
»Danke ... du hast mich schon zwei Mal gerettet. Ich heiße Billie. Kann
ich dich auch etwas fragen?«
»Klar, kannst du das ... bin ja kein Unmensch«, lächelte sie Billie an.
Unmensch war kein Ausdruck ...
»Bin ich frei oder bin ich deine Geisel?« Billie blickte sie an. Sie hob
ihren Kopf und nun konnte Billie ihre eisblauen Augen erkennen. Ein paar
Haarsträhnen fielen ihr seidig ins Gesicht ... ihr Blond ähnelte einem Weiß.
Ihre kleine Stupsnase und ihre wohlgeformten Lippen. Sie hatte einen
schlanken und schönen Körper, sie war sehr durchtrainiert.
»Wie meinst du das?«
»Bin ich frei oder bin ich deine Geisel?«, wiederholte Billie.
»Es tut mir Leid, wenn ich dich wie meine Geisel behandelt haben sollte ...
du bist natürlich frei« Sie wand sich ihrem Vogel, der fertig gebraten war, zu
und aß ihn still. Billie richtete sich dankend auf und lief an ihr vorbei zum
Ausgang. »Aber ich werde dich nicht laufen lassen, damit du ihn suchst.
Morgen werden wir beide aufbrechen. Also komm zurück und iss was und
leg dich dann schlafen«
»Wer sagt, dass ich ihn suchen will?«
119
»Niemand ... aber du wirst ihn suchen gehen, stimmst?«
»Nein ... ich werde dorthin aufbrechen, wo wir hin wollten. Er wird sicher
nachkommen« Billie sah verlegen zu Boden.
»Hat’s dir angetan der Kerl, was?«, fragte sie Billie schmatzend.
»Wer bist du?«
»Nicht nur Menschen fühlen so wie du, Elfen genauso. Komm setzt dich
... wie wärst mit ein paar Fragen? Er hat dir bestimmt nicht alles gesagt,
ne?«, sie strahlte Billie liebreizend an. Billie überwand sich und setzte sich
wieder neben ihr auf den Boden und widmete sich nun auch ihrem Vogel. Er
schmeckte gut.
»Wie sehen die Elfen aus? Ich habe nur zwei gesehen ... sehen alle so
aus?«, fragte Billie.
»Du hast zwei Elfen gesehen? Woher kommst du bitte?«, lachte sie.
»Aus dem Ruckgar-Gebirge«, antwortete Billie knapp.
»Elfen haben eisblaue Augen und blondes, fast weißes Haar. Ihre
Porzellangesichter und ihre länglichen Ohren ... all das macht einen Elf aus«
Sie zog ihre Kapuze herunter. Billie konnte ihre Ohren sehen, sie war ein Elf.
»Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Ich weiß nur von einer Elfe, die einen
Sterblichen liebte und ein Kind zusammen hatten ... sie war die einzige Elfe
mit braunen Haaren und Augen. Heut zu Tage gibt es keine Mischfamilien
mehr. Dafür sind die Völker zu zerstritten. Die Göttinnen haben alles
vernichtet, was die Drachen mit Mühe aufgebaut hatten«
»Welche Wesen erwarten mich hinter dem Gebirge?«
»Also ... Elfen! Du wirst mit Zeke, sollte er kommen, auf jeden Fall die
Zentauren besuchen und den kleinen Waldgeistern da ...« Sie zog eine
Grimasse.
»Waldgeistern?«, hackte Billie nach.
»Ja, die kleinen ekligen Dinger da! Feen ... glauben da sie Flügel hätten,
seien sie mächtig genug. Hochnäsige Dinger sind das, mag sie nicht
besonders. Früher hatten Feen und Elfen so ein Pakt, dass die sich um die
Pflanzen kümmern würden und wir um die Wesen im Wald. Aber nein, die
mussten ja alles selber in die Hand nehmen und uns sagen, wir hätten
unseren Job nicht gemacht. Die Einzig korrekten im Wald sind die
120
Nymphen! Die kümmern sich immer schön ums Wasser, damit es sauber
bleibt« Billie musste lachen ... sie schien die Feen nicht zu mögen.
»Vielleicht wirst du auch den Zwergen begegnen ... aber wenn du keinen
Drachen reitest, kommst du auch nicht zu ihnen ... vielleicht den
Meerjungfrauen und den Nixen ...«
»Wo ist der Unterschied bei ihnen?«, fragte Billie schnell.
»Was hat Zeke eigentlich mit dir gemacht?« Billie sah sie an. Ihre
Ernsthaftigkeit in den Augen und das verzerrte Gesicht ...
»Hat er dir kochen und putzen beigebracht oder doch etwas wichtiges?«
Billie hatte Tränen in den Augen.
»Also, Meerjungfrauen sind ... ähm, und Nixen sind ...«
»Du hast keine Ahnung?!«, riet Billie.
»Ja, ertappt!«, lachte sie und kippte hinten über und krümmte sich vor
lachen. »Nein, nein, jetzt im Ernst! Ich denke der Unterschied ist ... die
Flossen. Ist ja auch egal! Wenn du Glück hast, kannst du einen Drachen
sehen ... Einhörner, Phönixe und was es noch für Wesen gibt!«
»Erzähl mir etwas Wahres ...«, forderte Billie sie auf. Sie überlegte.
»Kennst du die Geschichte von La Mancha?«
»Amaro hatte sie mir erzahlt, ja«
»Ah ... soll ich dir die Geschichte von Alexandra erzählen? Sie war die
Elfe, die ich erwähnt hatte, mit den braunen Haaren.
Sie war die Hoffnung aller Elfen ... Alexandra würde bei einer Vollmondnacht geboren. Der Mond lächelte auf sie herab. Das erste und letzte
Kind von Elf und Mensch. Seit ihrer Geburt herrschen die Göttinnen über
Dvonaäg. Ein weiser Drache meinte einst: sie sei auserwählt Großes zu tun.
Und ja sie tat Großes. Sie mischte sich unter die Völker der Menschen und
half ihnen, wo sie nur konnte. Sie wollte auch Zeke helfen, doch es kam nie
dazu. Nie hatte sie es geschafft ihm das Wasser zu reichen. Als er in großer
Gefahr war, hatte sie vergessen, dass er unsterblich war, rettete ihn und starb
... Zeke verzeiht sich dies immer noch nicht.
Ich weiß die Geschichte nicht aus erster Hand ... also weiß ich nicht was
zwischen ihnen passiert ist. Ich hoffe nur, diesmal kann man eine vollständige Geschichte erzählen«, schloss sie und grinste sie an.
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»Ich hoffe auch, dass man bald eine vollständige Legende hört ...«
»Für eine Legende braucht es ein wenig mehr!«, lachte sie wieder.
Stimmt, für eine Legende braucht man mehr ... nämlich einen Sieg über
eine Legende und das hatte sie vor. Sie würde das beenden, was Alexandra
und viele vor ihr angefangen hatten.
22
In Gedanken
Und im Herzen wird ein jeder bei dir sein ...
122
ekes hellbrauner Haarschopf lugte aus seiner Kapuze hervor. Ein
paar seiner Strähnen die von der Sonne angestrahlt wurden
schimmerten golden. Seine grünen
Augen schauten sich in der kleinen Höhle wachsam um. Er betastete den
aufgewühlten Boden und betrachtete die erloschene Feuerstelle. Ein bekümmertes Lächeln malte sich auf sein dreckiges Gesicht ... an seiner
Schläfe klebten Strähnen seines Haares, er hatte dort geblutet. Doch das war
nicht die Einzige seiner Verletzungen. Sein Hemd und seine Weste waren
zerrissen, wie sein Mantel. Blutige Flecke zierten sein weißes Hemd.
Schnittwunden an den Armen und Kratzer an Brust und Beinen. Einer seiner
Ärmel hatte er sich abgerissen, um einen Druckverband um sein Oberarm
binden zu können.
Er verzerrte sein Gesicht, als er sich aus der Hocke erhob. Er humpelte aus
der kleinen Höhle und blickte gen Himmel.
Wo bist du nur?
Das Einzige, an was er momentan Denken konnte war: war sie dem
Drachen entkommen? War sie es gewesen, die sich hier alleine Feuer entfachte? Aber nein, sie war ganz und gar nicht allein gewesen, dass sagten
ihm die Spuren die in und aus der Höhle führten. An einer Stelle des Boden
in der Höhle hatte er eine menge getrocknetes Blut gefunden, es war schon
geronnen. An einer anderen Stelle hatte er einen Abdruck eines Schwertes
gefunden ... es war ein Langschwert. Doch nirgends konnte er Pferdehufe
ausmachen. War sie denn nicht hier hergekommen mit dem Pony? Wenn sie
nun laufen würde, hätte sie einen betrichtigen Vorsprung, dass ihn nur hoffen
ließ, sie würde den richten Weg einschlagen.
Er sah die Sonne an und schirmte seine Augen mit einer Hand ab. Er hieb
gegen den Fels neben ihm ... wenn er sie nun verloren hatte und umsonst
diesen langen Weg ging?
Verdammt, wo bist du?
Just in diesem Moment blickte auch Billie gen Himmel, die Sonne hinter
sich. Sie beide waren zwei Tagesmärsche von der Höhle entfernt. Billie
machte sich zwar Sorgen um Zeke, aber doch war sie beruhigt, dass er
123
unsterblich war ... aber würde er wissen, dass sie noch lebte? Ein Hellseher
war er nicht, das wusste sie, aber er war ein guter Spurenleser, wenn er schon
in den Wäldern jagen ging.
»An wenn denkst du grade?«, fragte sie. Die Sonne wachte grade erst auf
und sie machte keinen Anschein müde zu sein.
»An niemanden«, log Billie.
»Ich bin eine Elfe, ich rieche es wenn man mich belügt!« Sie rümpfte die
Nase und ging ein paar Schritte vor Billie. Ein Grinsen breitete sich auf
Billies Gesicht aus.
»Wie ist dein Name, Elfe?«, lachte Billie und betonte das letzte Wort.
Würde sie wieder ihre Frage nach ihrem Namen wegwischen, als wäre sie
nur eine lästige Fliege?
»Hab ich dir das noch nicht gesagt? Sag bitte Zeke nichts davon, dass ich
bei dir war ... und das du mich kennst. Ich heiße Arjun. Eigentlich eine
Untergebene des Königs, aber wo der mal wieder rumstöbert ...« Arjun zog
eine Grimasse.
»Glaubst du Zeke hat ihn getötet?«
»Wen Eric? Nein, bestimmt nicht ... obwohl er kein Reiter mehr ist
respektiert er sie, nie würde er einen von ihnen töten. Er weiß wie schmerzhaft es ist jemanden zu verlieren und er will niemand dieses Unheil bringen.
Die erste Regel der Reiter lautet: töte niemals irgendjemanden, nur weil er
es verdient. Jedem sollte man Gnade gewähren, sollte es nicht mitten in einer
Schlacht und um das eigene Leben oder das des Drachen gehen. Zeke ist
weise. Er hat daran gedacht und Gnade wallten lassen ... bestimmt hat er
schon mal jemanden getötet, oder? Aber nur als Notwehr und um jemanden
zu schützen von dem viel abhängt, nicht wahr?« Billie blickte sie erstaunt an.
Sie hatte Recht. Zeke hatte die beiden Elfen getötet, als sie in ihrer Gewalt
war und auch den Piraten hatte er getötet ... und die Trolle ... es wunderte sie,
dass Arjun so viel über Zeke wusste und auch genau wusste, was er tun
würde. Irgendwas verband die beiden miteinander, doch wussten tat es Billie
nicht.
124
Arjun ging bald jagen und befahl Billie zu warten, sie solle schon einmal
versuchen ein Feuer zu entfachen, aber das Arjun später, nach erfolgreicher
Jagt selbst entfachen musste. Es gab Gänse.
»Warum reitest du nicht auf einem Einhorn?«, brach Billie nach einer
Weile des Schweigens. Die Sonne über ihnen brannte auf ihrem Rücken.
Billie schwitzte und rieb sich den Schweiß mit dem Handrücken von Stirn
und Kinn. Die Mittagssonne brannte unermüdlich. Billie glaubte schon
Fatahmorganen zu sehen. Ihr Magen knurrte in der untersten Gegend ihres
Bauches.
»Hast du Hunger?«, fragte sie und wischte ihr Frage damit beiseite. Billie
nickte stumm und sah verlegen zu Boden.
»Aber erst bring ich dir mal Feuer machen bei! Echt, der Kerl hat dir
wirklich nichts beigebracht!«, murrte Arjun und verfluchte Zeke in einer
Sprache, die sie nicht verstand.
»Komm mit!«, befahl sie freundlich.
»Das ist ein Stück Holz, dass man verwenden kann ... nicht zu nass und
auch nicht zu trocken, perfekt! Davon sammelst du mal so ...«, schätzte sie
vage ab, »einen Arm von dir voll, müsste reichen. Wenn du mich nicht mehr
siehst, dann warte einfach hier ... wenn du mich siehst, komm zu mir, ich sag
dir dann, was du machen musst« Arjun ließ sie alleine und ging von dannen,
blieb oder versuchte zumindest in Billies Blickfeld zu bleiben. Verdattert
blickte Billie auf das dürre Ästchen in ihrer Hand. Sie hob einer ihrer Brauen
und begann auf den Boden nach solch einem Stock zu suchen. Durch das
hohe Gras konnte Billie sie nicht immer sofort ausfindig machen, aber das
störte sie wenig. Sie zog ihren Mantel und ihren Pullover aus und stand der
Sonne mit einem Top entgegen. Sie spürte die herrliche Wärme auf ihrem
Rücken und ihrer Schulter. Mit Absicht versuchte Billie sich so wenig wie
möglich zu bewegen, da sie anfangen könnte zu schwitzen. Doch auch ohne
diese schwitzte sie und rieb sich den Schweiß ab. Ab und an bemerkte sie
einen Mulap, der sie interessiert beobachtete. Schon lustig diese Dinger,
dachte Billie belustigt und sah sie mit ihren kurzen Springläufern davon
hüpfen.
125
Nach einer Weile des hoffnungslosen Suchens, sah Billie auf ihre Schulter
und sah, dass sie rot war und anfing sich zu schälen. Sie hatten einen
Sonnenbrand.
»Arjun!«, stöhnte Billie auf. Arjun sah von weit her und holte schnell ihre
erlegten Gänse. Als sie bei ihr war, betrachtete sie sie bitter, da Billie nicht
ihre gewünschte Anzahl von Holz gefunden hatte.
»Wo ist das Holz?«, fragte Arjun.
»Keine Ahnung! Ich habe einen Sonnenbrand!«
»Dreh dich um! Oh, sieht nicht sehr gesund aus. Warte mal kurz« Billie
wollte sich nicht wenden nur um zu sehen, was sie suchte, denn nach kurzem
Suchen fand sie es und ihr floss kalten Wasser über die Schulter und dem
Rücken. Im ersten Moment brannte es, aber im nach hinein wurde es eine
Wohltat für die Sinne. Der Sonnenbrand brannte nicht mehr so wie zuvor.
Billie bedankte sich bei ihr und versprach nun fleißig Holz zu sammeln.
Und ja, jetzt wo sie richtig suchte, fand sie viele Äste, die man verwenden
konnte. Nach einer halben Stunde kam Billie zu Arjun, die ihr Nachtlager
aufschlug.
»Ja, das ist schon besser! Komm setzt dich zu mir!« Billie ließ sich neben
ihr nieder.
»Leg das Holz auf einen Haufen ... nicht unbedingt so, stell es aufrechter
hin, ja so. Jetzt kannst du anfangen zwei Steine aneinander zu reiben oder
schlagen, so das Funken entstehen. Los puste, sonst geht das Feuer wieder
aus!« Billie glaubte es kaum. Nach wenigen Minuten des Steine aneinander
schlagen, hatte sie Feuer entfacht. Glücklich über beide Ohren lehnte Billie
sich an die erhitzte Gebirgswand und schrie auf, als der Sonnenbrand die
Hitze berührte.
»Heiß«, warnte Arjun sie lachend zu spät. Billie lachte bitter und schloss
die Augen. Trotz der eigentlichen Erleichterung die sie empfand, war sie
nicht glücklich. Aus Sorge ihm könne etwas zugestoßen sein, brachte es sie
um den nächtlichen Schlaf.
*
126
Wann kommst du? Je länger ich warte, desto näher kommt die Zeit, dass
ich mich entscheiden muss!, mahnte die kindliche Stimme sie. Irgendwie
hatte Billie ihn vergessen ... er half ihr, wann immer sie in Nöten war, aber
doch war es nicht normal.
»Arjun ... hörst du auch manchmal Stimmen in deinem Kopf?«, fragte
Billie sie, da sie durch die Stimme nicht schlafen konnte. Sie richtete sich auf
und sah kurz zum Himmel, sah dann aber wieder Arjun an, als sie begann zu
sprechen.
»Meinst du jetzt Menschen oder Elfen damit?«
»Egal, sag mir, was du weißt« Billie lauschte dem Schrei einer Eule.
»Elfen hören im Gegensatz zu den Feen Stimmen, ja. Es sind die Geister
der Pflanzen, die uns ihr Befinden mitteilen und uns täglich Lieder singen.
Manche Menschen haben diesen Sinn und hören die Gesänge auch und
verstehen diese. Aber wie gesagt, es ist nicht mal eine handvoll Menschen,
die das können.
Als Mensch hört man normaler Weise keine Stimmen, es sei denn man ist
ein Drachenreiter oder eine Hexe beziehungsweise Hellseher. Warum fragst
du?«
»Ich habe es niemand gesagt ... nicht einmal ihm«
»Dann sag es mir auch nicht!«, schloss Arjun. »Leg dich schlafen -«
»Ich kann nicht schlafen«
»Hör auf immer an Zeke zu denken, er ist unsterblich! Glaubst du er
verhungert?«, scherzte Arjun bekümmert. Sie hatte recht. Es war sehr unwahrscheinlich das er verhungerte. Billie schmunzelte und nippte an ihrem
kalt gewordenen Tee. Im Ruckgar-Gebirge hatte sie nie so einen wolkenlosen Himmel gesehen, oder nur nicht darauf geachtet, aber nun wurde ihr
ihre Schönheit bewusst. Die vielen tausend Sterne, die Tag täglich über sie
wachen und ihnen Licht spenden.
»Erzähl mir etwas von deinem Dorf. Ich war zum Beispiel noch nie im
Ruckgar-Gebirge« Fledermäuse flogen von den oberen Höhlen der Gebirgswand hinaus zum Jagen. Nun würden sie irgendwo ihr Frühstück speisen und
sich später genüsslich, kopfüber hängen lassen.
127
»Das Dorf ... ist eine kleine Gemeinde, nicht so groß wie Swornaif. Es ist
sauber bei uns!«, lächelte Billie. »Wir haben im Dorf auch noch eine, als
Einzige im Dorf, große runde Hütte. Das Dach besteht aus Stroh und die
Wände aus Lehm. Darin wohnt seit Jahrhunderte schon der Dorf Älteste. Er
steht wirtschaftlich über alle und hilft jedem, der Hilfe braucht.
Und dann gibt es da ja auch noch die Band ... ich vermisse meine
Freunde«, sagte Billie schwermütig.
»Eine Band? Was ist denn das?«, fragte Arjun und wollte die Stimmung
ein wenig mit ihrer Unwissenheit heben und es gelang ihr.
»Du weiß echt nicht, was eine Band ist? Also, dass ist so: eine Band
besteht aus mindestens vier Leuten. Einer macht den Bass, ein andere den
Rhythmus, der andere singt und der letzte macht noch einen Ton, auf einer
Art Trommel. Klingt richtig gut, alles zusammen!«, strahlte Billie und verdeutlichte Arjun es, indem sie die Töne nachahmte.
»Wen hast du schon alles auf der Reise hierher kennen gelernt? Oder
verloren?«
»Ich habe so gut wie alle auf der Reise hierher verloren, aber ich habe
auch neue Leute kennen gelernt. Mit Zeke hatte alles seinen Anfang genommen. In Mithtum habe ich die Bonaiten getroffen und den König, Viggo.
Am Fluss Ende habe ich eine Priesterin aus Sul’mir Beäm kennen gelernt. In
den Gassen des Gulnar-Hafens Shisue und Djego. Ich weiß nicht, ob ich den
Captain der Black Death erwähnen sollte«
»Sag mir jetzt nicht, ihr seid mit dieser dunklen Galeone hergekommen?«,
fragte Arjun ungläubig.
»Doch, doch. Und in Swornaif habe ich Loui und Sophie getroffen und
darauf Eric und dich. Ich habe viele Leute sehr gern. Doch niemand wird
jemand anderen ersetzen können. Fedele fehlt mir genauso wie die Leute im
Dorf«
»Hast du nie daran gedacht, zurück zu gehen und zu versuchen dein altes
Leben zu leben?«
»Ich denke noch jetzt daran, alles hinzuschmeißen. Aber Familie ist immer
für einen da, oder?«
»Wie?«, fragte Arjun.
128
»Familie ... Zekes Mutter ist meine Tante. Gute Nacht«, wünschte Billie
ihr und legte sich nun aufs Ohr. Für sie war das Gespräch nun beendet. Arjun
akzeptierte ihre Entscheidung und schwieg, wünschte ihr eine gute Nacht
und schlief schnarchend ein. Aber könnte sie schlafen, wo sie doch grade erst
ihre Erinnerung wieder vor Augen hatte?
Es tut mir Leid, ich habe gelauscht
»Wer belauscht einen nicht in dieser Einöde?«, murrte Billie im Schlafe.
Du musst nicht kommen, ich will dir kein Leid zufügen ... das kommt ein
wenig spät, aber wenn ich es gewusst hätte ..., er brach ab. Die kindliche
Stimme schwieg den Rest der Nacht. Er klang so weise und so reuemutig.
Aber nicht er war es, der ihr Leben in zwei gerissen hatte, es war einzig und
alleine Zeke. Er riss sie aus ihrem Leben, er riss sie aus dem Dorf und erzählte sie könne Großes leisten. Aber doch war er es auch, der ihr ein neues
Leben schenkte und ihr versprochen hatte, dass sie nicht vor ihm starb ...
Eine kühle Briese zog über sie hinweg. Sie war nicht annährend so kalt
wie diese im Ruckgar-Gebirge. Billie konnte nicht schlafen, obwohl diesmal
niemand mit ihr redete. Sie starrte in den Himmel. Es bildete sich ein Klos in
ihrem Hals. Leise rannen ihr Tränen die Wange herab, ein paar vereinzelte
verirrten sich zu ihrem Mundwinkel ... ein salziger Geschmack verriet Billie,
dass sie weinte. Sie spürte wie ihr Herz anfing zu schmerzen und sie öfters
Schniefen musste.
Nein, sie durfte nicht weinen! Zeke erlitt schlimmeres über die Jahre, von
dem sie nicht im Traum denken wollte. Aber es war unmöglich, dass er sie
nun fand. Sie müsste irgendwo auf ihn warten ... oder war er schon auf den
Weg zurück? Vielleicht dachte er, sie sei gefasst oder getötet worden. Wenn
es ersteres wäre, würde er sie dann retten kommen?
Eine Sternschnuppe zog vorüber. Durfte man sich nicht etwas wünschen,
sollte man eine sehen? Sie schloss ihre Augen und wünschte sich nur, nur
einen einzigen Hinweis, dass Zeke noch lebte ... es war ihr egal. Von Billie
aus könnte er sie an schreien, oder sie nur freudig anlächeln.
Wo bist du?
Seine Stimme klang wie ein Wunder in ihren Ohren. Ein leiser Seufzer
verließ ihre Lippen.
129
23
Warten ...
Auf das Unvermeidliche
130
a Billie Arjun nicht in der späten Nacht wecken wollte, wartete sie
hellwach auf den Aufstieg der Sonne. Längere Zeit verbrachte sie
schweigend und lächelnd in der Dunkelheit, nur darüber erleichtert, dass er lebte.
Sie beobachtete, die eigentlich, nachtaktiven Mulaps beim Jagen. Leise
und schnell flitzen sie an ihnen vorbei und erlegten ihre Beute, die aus
kleinen Echsen und Vögeln bestand. Sie beobachtete auch Arjun. Ihre langen
Ohren und ihr wunderschönes Aussehen ... Arjuns Haar schien silbern im
Mondlicht. Leise schnarchte sie neben ihr.
Zeke war vielleicht nur einen Tag hinter ihnen. Würden sie den Tag fallen
lassen und warten, könnte er aufholen.
In Minutenabstände fragte Zeke in ihrem Kopf nach ihr, wo sie sei. Sie
konnte ihm nicht antworten, obwohl sie es in diesem Moment so gerne täte.
Ihr Herz pochte, als sie die helle Scheibe am Himmel aufsteigen sah.
Billies Augen funkelten vor Erleichterung. Auch Arjun reckte sich und
richtete sich auf. Ihre hellwachen Augen sahen Billie freundlich an, doch ihr
Magen sprach Bände. Ein lautes Grollen ging von ihm aus. Billie lächelte
und suchte Feuerholz. Sollte Billie es wagen und es ihr sagen?
Nach dem Arjun gejagt hatte und Billie das Feuer machte, entschloss sie
es ihr zu sagen. Sie eröffnete ihr das Zeke nur einen Tag entfernt war und
ihnen folgte.
Arjun blickte sie nur an und rieb an ihrem Kinn.
»Du kannst warten ... ich werde vorgehen. Und denk dran: du hast mich
nicht getroffen«, mahnte Arjun sie und verließ sie gleich nach dem verspeisen ihrer Wildgänse. Billie drückte sie fest und verabschiedete sich
dankend.
Der Tag verging schleichend ... die Sonne brannte und Mulaps, die interessiert ihre Umgebung beobachten oder wache hielten. Billie gähnte herzhaft
und machte sich auf die Suche nach Holz. Holz für den Mittag und dem
Abend. Doch auch, nachdem sie damit fertig war, konnte sie Zeke nicht erblicken. Der Horizont verschwamm vor ihren Augen, da die Hitze brannte.
131
Gegen Abend konnte Billie Zeke anhumpeln sehen. Fröhlich wie noch nie,
stürmte sie auf ihn zu und umarmte ihn.

24
132
Vereint auf dem
Weg
Man muss nicht alleine sein
illie dachte nicht im Traum daran, Zeke auch nur für einen
Augenblick loszulassen, doch als dieser sie, nach einer Weile mit
sanfter Gewalt von sich wegschob, sah sie ihn nur grinsend an.
Obwohl er schlimm zugerichtet wurde, war sie glücklich ihn wieder an ihrer
Seite zu haben.
Billie bedeutete ihm sich zu setzen. Sie richtete die Holzstücke so auf, wie
es Arjun ihr beigebracht hatte und entzündete Feuer mit zwei Steine. Ihr entging der erstaunte Blick von Zeke nicht, er lobte sie. Die Genugtuung etwas
ohne ihn geschafft zu haben, erheiterte und beflügelte sie zutiefst. Zeke
lehnte sich stöhnend an einen Felsen. Billie wusste nicht, wie sie die nun
entstandene peinliche Stille aufheben sollte, also schwieg sie und wischte
den Gedanken daran hinweg.
»Ganze zwei Tage bin ich dir hinterher gereist ... wie konntest du so lange
allein überleben?«, fragte Zeke immer noch erstaunt, sah sie aber nicht an.
Die Wand war eine Wohltat für sein geschundenes Bein, da er nun saß und
die Belastung aufhob. Er hatte die Augen geschlossen und genoss die Kühle
des Abends.
»Wie meinst du das? Glaubst du, ich kann nicht für mich alleine sorgen?«
»So hab ich das nicht gemeint. Sonst war ich immer für dich jagen. Wie
hast du die Gänse erlegt?«
133
»Äste ... spitze Äste. Da sieht man mal, was Mädchen alles können, wenn
keine Kerle dabei sind« Billie hielt einen kleinen spitzen Ast in die Höhe und
musste losprusten. Zeke sah sie glücklich an.
Der Mond strahlte seine braunblonden Haare an ... sie schienen dunkler als
die Arjuns. Irgendwie vermisste Billie sie jetzt schon. Mit ihr konnte sie
lachen und über Dinge reden mit denen sie niemals Zeke belästigen würde.
»Was ist aus Eric geworden?«, fragte Billie ihn plötzlich sehr ernst.
»Was soll aus ihm geworden sein? Ich bin entkommen, fertig! Streich den
Trottel aus deinen Gedanken, er ist es nicht wert« Zeke blickte zum Himmel.
»Ist spät, geh schlafen«
»Nein, das tue ich jetzt nicht! Du sagst mir, was du mit ihm gemacht hast«
»Ich habe Gnade wallten lassen, reicht dir das? Er lebt und wird
irgendwann kleine Bälger zeugen die anderen auf dem Wecker gehen!«
»Und warum hast du es getan?« Billie blickte in starr in die grünen Augen.
Diesmal müsste er mit der Wahrheit rausrücken, es gab keinen Weg drum
herum.
»Gewohnheit!«, zischte er sichtlich genervt.
»Sag mir endlich, um was es geht!«, fauchte Billie zurück.
»Erste Regel der Drachenreiter: töte niemals, wenn es nicht unbedingt
Nötig ist! Zweite Regel: behandle alle Wesen gleich, sei es dein Feind! Dritte
Regel: jeder der Hilfe braucht, bekommt sie auch! Vierte und letzte Regel:
niemals ein Mädchen mit sich haben, die einem helfen soll und unwichtige
Fragen stellt« Er bäumte sich vor ihr auf. Seine Stimme zitterte und seine
Schultern bebten vor Zorn. War sie nun entgültig zu weit gegangen? »Willst
du noch etwas wissen über mein Handeln oder meinen Angewohnheiten?«,
fragte er.
»Erzähl mir etwas über dich, damit ich weiß, dass du es bist ...«, sagte sie
tonlos und sah zu Boden. Armeisen zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich.
»Was willst du?«
»Ich bin jemanden begegnet, er sah so aus wie du ... doch war er sterblich
und wollte mich töten« Zeke schloss bedrückt seine Augen und ließ sich
nach hinten zurückfallen. Billie beobachtete sein gleichmäßiges Ein- und
Ausatmen. Sein Gesicht entspannte sich, doch verzerrte sich nur, da Zeke
134
sein schmerzendes Bein massierte. Es war ein bekümmerter Anblick. Aber
Billie konnte ihn verstehen, da er so wütend auf sie war.
Er war (eigentlich) halbtot hier angelangt und sie interessierte nur was und
warum er etwas tat. Ein schlechtes Gewissen beraubte sie der Gefühle für
ihren Zorn, der abflaute. Billie hatte egoistisch gehandelt, es tat ihr Leid ...
selbst ein Unsterblicher musste Schmerzen empfinden!
Sie biss sich auf die Zunge und riss sich ein Stück aus ihrem Mantel. Sie
tränkte das Stückstoff mit ihrer Wasserflasche und ließ sich neben Zeke auf
die Knie fallen.
»Es tut mir Leid«, nuschelte sie und säuberte Zekes Kopfverletzung mit
dem nassen Tuch. Vor Schmerz dieser Berührung zog er seinen Kopf ein
paar Zentimeter zurück, besinnte sich aber und ließ die Wunde verarzten.
Ihm entfuhr ein »Danke«, das Billie mit einem Lächeln beiseite wischte.
Da Billie die Wunde säubern konnte, tat sie es bei den anderen ebenfalls,
später massierte sie sanft sein Bein, wobei ihm bei jeder Bewegung Seufzer
entfuhren. Billie bemühte sich, nicht soviel Druck auf ihre Bewegungen zu
übertragen, aber gelangen tat es ihr nicht, denn schon bei einem Streichen
vermutete sie, würde er zusammenzucken.
»Leg dich schlafen, einer der besten Medizinen, die es gibt. Weißt du, wo
Dill wächst?«, fragte Billie nebenbei. Dill bewirkte, das wusste sie von ihrer
Tante, eine schneller Heilung.
»Ich bin kein Kräuterkundiger!«, lachte er und legte sich hin. Billie losch
das Feuer und legte sich auch schlafen. Sobald sie ihre Lider schloss versank
sie in ein tiefen Schlaf. Die Aufregungen des heutigen Tages hatte an ihre
Nerven und Kräften gezehrt ... aber Zeke ging es nicht besser. Dieser kleine
Gedanke entlockte auch ihr ein Lächeln, das zufälligerweise auch Zeke im
Unterbewusstsein erwiderte.
*
Billie musste blinzeln als sie aufwachte. Die Sonne stand schon hoch
erhoben über ihnen und wärmte ihr Gesicht. Sie wollte noch nicht aufstehen,
also blieb sie noch ein wenig liegen. Doch irgendwann hörte sie Zeke leise
135
kichern. Sie regte sich und Zeke mahnte sie aufzustehen. Er war nicht in
ihrem Blickfeld ... es zuckte. Warum hatte er sie nicht geweckt, wo er schon
wach war, oder war er schon auf der Jagd gewesen? Es zuckte wieder ...
irgendetwas rupfte an ihren Haaren, es nervte. Billie reckte ihren Kopf in den
Nacken und blickte auf einen braunfelligen Bauch. Sie erschrak und richtete
sich schnell auf. Zeke lachte sich hinter hier krumm, Tränen stiegen ihm
sogar in die Augen. Sie sah sich um, hinter einem kleinen Busch blickte ein
Mulap sie verängstigt an. Die großen Augen starrten sie voller Entsetzen an.
Billie musste lächeln.
»Komm her, Kleiner! Ich tu dir nichts« Billie krabbelte dem Mulap
entgegen, doch dieser sprang verschreckt davon. Als Zekes Lachen immer
lauter wurde, wandte sie sich um und blickte ihn ernst an.
»Das fandest du jetzt lustig was?«
»Allerdings!« Er rieb sich die Tränen aus dem Gesicht.
»Der Kleine hat dir deine Haare geflochten ... richtig nett, findest du
nicht?« Sie lachten gemeinsam eine Runde und darauf gingen beide ihre
Wege. Zeke fing an zu Jagen -Wildgänse- und Billie suchte Feuerholz. Der
Morgen war schon vorüber ...
Die Gegend veränderte sich kaum auf dem Rest ihrer Reise. Da sie nach dem
eigentlich Frühstück nicht mehr gesprochen hatten, brach Zeke nun das
Schweigen.
»Wo ist das Pony, dass du geritten hast?«
»Es brach zusammen als Calvados uns jagte ... es ging in Flammen auf
und ermöglichte mir so die Flucht. Der Drache wollte mich nicht töten! Er
sollte uns nur voneinander trennen«, sprach Billie schnell.
»Weißt du noch, was du zu Eric gesagt hast?«
»Ich hab ihm was gesagt?«
»Warst du in der Höhle?«
»Ja«, antwortete Billie knapp, sie wusste was jetzt kommen würde. Die
unvermeidliche Frage nach Arjun.
»Warum lag da Blut?«
136
»Es war ein Astralzwilling von dir, der mich töten wollte«, sprach sie die
Wahrheit. Billie fühlte sich wie in einem Verhör, als hätte sie jemanden
irgendetwas weggenommen.
»Woher wusstest du, dass es ein Astralzwilling war ... ich hätte dich auch
töten können, wenn ich es wollte?« Die Sonne brannte ihnen auf den Rücken
und der wolkenlose Himmel war über ihnen. Alles wurde zur Qual ... auch
seine Fragen, die nach der Wahrheit suchten.
Zekes Verletzungen waren so gut geheilt, dass es nur noch kleine Wunden
waren und auch sein Bein konnte er belasten, ohne aufzuzucken.
»Warum habe ich mehr als nur ein paar Fußabdrücke gefunden?«, sagte er
auf ihre Schweigen darauf. Billie musste ihm Rede und Antwort stehen. »Du
hast nicht selber gejagt, stimmst? Wer war bei dir?« Er klang nicht wütend
nur fordernd die Wahrheit zu erfahren.
»Es gibt vieles, was ich dir nicht erzählt habe ...« Sie müsste endlich die
Wahrheit sagen, vielleicht tat er es ihr gleich? »Als ich dir, damals gefolgt
war ... da hörte ich eine Stimme, deine ausgeschlossen. Sie klang jung,
männlich und weise. Sie war in meinem Kopf. Und als ich den Bär getötet
hatte, da war die Stimme bei mir. Ich höre sie in letzter Zeit öfters. Auch bei
Eric war er da ... und als ich geflohen bin, lag das Pony auf mir. Ich habe
Basul gerufen und es ging in Flammen auf.
In der Höhle traf ich jemanden, der mich vor dem Zwilling bewahrte und
sich um mich gekümmert hat. Und immer wieder diese Stimme!« Eine
einzelne Träne rann ihre Wange herab. »Er wollte, dass ich komme und nun
bin ich da! Der Stimme tat es Leid, was er mir angetan hat ... und ich sollte
wieder zurück! Ich kann nicht mehr zurück, oder?« Ihr sickerten nun mehr
als nur eine Träne die Wangen herab. Billie sah die Stimme nicht als eine
Bedrohung, nein eher wie ein Fluch, der an ihrer Seele zerrte. Er gab ihr
Kraft etwas zu tun, wozu sie nie in der Lage wäre. Doch zerfraß er sie mit
der neuen Macht, die er ihr bot.
»Nein, du kannst nicht mehr zurück«, sagte er tonlos.
Sie hatte ihr Pony getötet, weil er ihr eine Macht gegeben hatte, der sie
nicht gewachsen war. Sie würde dem Wahnsinn verfallen, würde er ihr mehr
bieten und länger mit ihr reden. Es war jetzt schon schwer für sie, die Welt
137
um sie herum zu begreifen. Zu begreifen, wo sie hineingeschleudert worden
war ... zu begreifen, wem sie sich stellen müsste, um das zu erreichen, wozu
sie eigentlich hier war.
Die Reise hatte Billie bereichert, aber hatte ihr nicht geboten, was sie hielt
... alles war vergänglich, auch die Menschen um sie herum. Das war einer der
schmerzlichen Dinge, die sie hatte lernen müssen. Sie verstand nicht, was die
Stimme von ihr wollte. Wollte sie ihren Tod oder doch ihr Leben? Billie
konnte es nicht wissen und auch nicht ahnen.
»War das alles?«, fragte Zeke ein wenig bedrückt. Billie nickte ihm stumm
zu. Auch er nickte dann. Konnte er nicht mehr sagen? War sie nun durchgedreht oder war es normal? Konnte er ihr nicht irgendwie helfen? Nein,
dass konnte er nicht ... wenn sie ihm nicht helfen konnte, konnte er es auch
nicht.
Billie bemühte sich ihre weiteren Tränen zu unterdrücken, nach wenigen
Minuten gelang es ihr auch.
Während Billie in der fortlaufenden Reise versuchte einen erneuten Tränenanfall zu kontrollieren, brach schleichend die Nacht herein. Die brennende
Sonne wechselte mit dem kühlen Mond. Vereinzelte Sterne gaben ihnen
Licht. Als der Mond aufging, zogen auch vereinzelte Wolken auf.
Am Feuer sitzend, das Billie entfacht hatte, aßen sie still die Gänse, die
Zeke gefangen hatte. Die Stille war für Billie eine Taubheit ... das ewige
Lauschen der Natur. Doch versuchte sie immer wieder, obwohl es noch belastender für sie war, zu lauschen. Arjun hatte gesagt, sie würden ein Lied
singen, doch nur eine handvoll Menschen könnte ihr Gesang verstehen, sie
wollte einer von ihnen sein. Vielleicht würde sie von ihnen eine Antwort auf
ihre Frage bekommen?
Zeke starrte sie unentwegt an, das Billie –wie immer– nicht wahrnahm.
Ein zartes Lächeln umspielte seine Lippen. Billie hatte vor dem Essen noch
seine Wunden gesäubert. Je näher sie ihm kam, desto mehr war ihr Verlangen von ihm weg zu kommen. Sie konnte es sich nicht erklären, aber es
tat ihr weh, daran zu denken, was er schon durch gemacht hatte und was sie
noch durchmachen würde. Zeke brachte ihr wie die Stimme nur Unheil ...
138
Zeke saß ihr gegenüber vom Feuer, doch er rutschte zu ihr. Billie stieß die
Scharmesröte ins Gesicht. Er legte einen Arm um ihre Schultern und zeigte
mit der anderen Hand die Richtung.
»Vor uns liegen die Inseln der Göttinnen ...«, sagte er schwach.
»Warum sagst du mir das jetzt?«, fragte Billie ein klein wenig beängstig
über seine Offenheit.
»Weil ich denke, dass ich dir auch etwas sagen muss ... die Geschichte von
La Mancha kennst du ja mittlerweile, doch kennst du auch die von
Alexandra?« Er war bereit über sie zu sprechen. Doch Billie wollte es nicht
wissen, könnte sie denn einer Halbelfe das Wasser reichen? Würde sie ihn
retten, wäre sie nicht selber in Gefahr? Sie wollte auch nicht wissen, was
Alexandra für ihn war ...
»Ja, die kenn ich auch schon« Sie hatte nicht die ganze Geschichte von
Arjun erzählt bekommen, aber doch war ihr das genug. Sie konnte an seinen
Augen lesen das er erleichtert wirkte. Diese Bürde müsse er ihr nicht erzählen.
»Hast du Lust zu kämpfen? Mit rechts nun« Zeke stand auf und suchte
sich einen länglichen Stock, da er kein Schwert besaß. Billie lächelte ihn
genüsslich an und reichte ihm ein Stock, der direkt neben ihr lag. Er dankte
ihr und nahm es entgegen.
Du hast entschieden ... sprich mir folgende Worte nach: Agul nah bren
Biskul, yoh ge’nah! Hatte sie sich wirklich entschieden?
»Warte!«, befahl Billie, wiederholte die Worte und strich mit der Hand
über den Stock, der sich augenblicklich in ein stabiles Langschwert verwandelte. Zeke und Billie sahen auf das herab, was sie eben erschaffen hatte.
Während sie nur große Augen machte, fiel Zeke die Kinnlade herab. Billie
sah ihn entsetzt an.
»Er war wieder da ...«, sagte sie schwach.
»Die Stimme? Mach dir wegen ihm keine Gedanken ... weißt du, was du
eben gemacht hast?« Beruhigend legte Zeke seine Hand auf ihre Schulter
und umarmte sie kurz. Billie zitterte.
»Kann er ... kann er uns sehen?«
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»Nein ... er kann nur sehen, was du denkst und fühlst. Hast du schon ein
Mal mit ihm geredet?«, fragte Zeke flüsternd und tätschelte leicht ihren
Kopf. Sie hätte wieder anfangen können zu weinen, wenn Zeke nicht da
gewesen wäre.
»Ich höre ihn meistens nur ... nur ein Mal habe ich mit ihm geredet, das
war damals im Wald, als ich zusammengebrochen war« Ihre Worte
stolperten nur so aus ihrem Mund.
»Zerbrich dir deinen Kopf nicht wegen einer Stimme, meine hörst du ja
auch! Fühlst du dich in der Lage für eine Fechtstunde oder soll ich dir erst
beibringen, wie du mir und ihm antworten kannst? Oder soll ich dir morgen
früh das Jagen zeigen?« Sein Tatendrang lag ihn seiner Stimme. Zekes
Augen leuchteten in der Dunkelheit wie kleine Sterne.
»Wir können erst Kämpfen und dann, wenn du willst noch dieses
Gedankentraining machen. Was habe ich eigentlich gesagt?« Zeke blickte
auf das Schwert in seiner Hand und antwortete schließlich: »Agul nah bren
Biskul, yoh ge’nah? Richtig übersetzten kann man es nicht, aber so in etwa
heißt es: werde zu einem Schwert, jede Nacht. Komische Sprache, nicht
wahr? Die Drachen haben es sich erdacht und Elfen setzten sie in Magie um.
Die Sprache nennt man Lògá« Billie sah ihn ungläubig an. Er war ein Reiter,
der länger als alle anderen lebte, klar, dass er so etwas wusste.
Billie wischte ihre Ungläubigkeit weg, indem sie sich in Kampfstellung
begab und wartete bis Zeke es ihr gleichtat. Zeke grinste breit und griff sofort
an.
Die Angewohntheit mit Links zu kämpfen, erschwerte ihr es mit Rechts,
gleichzutun. Oft schlief Zekes Klinge leicht an ihrem Rücken vorbei oder an
anderen Stellen, wo man Feinde angriff. Er war darauf bedacht, ihr nicht
wehzutun. Arjun hatte vollkommen recht, in dem, was sie sagte. Er würde
nicht mal im Unterricht härter kämpfen, selbst wenn sie auf seinem Niveau
wäre.
Irgendwann war Billie so schweißgetränkt, dass sie ihren Unterricht
abbrechen musste. Ihr wurde sogar leicht schwarz vor Augen und
schwindelig zugleich. Billie setzte sich keuchend auf den Hosenboden und
starrte erschöpft ins Feuer. Wie freudig es tanzte. Zeke ließ sich neben ihr
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nieder und ihm rannen nur ein paar Schweißperlen die Schläfe herab. Er war
doch noch nicht so gesund, um sich flink zu bewegen. Er stöhnte auf, als er
sich ebenfalls auf den Hosenboden fallen ließ. Nach längeren Minuten der
Erholung blickten sich beide an und mussten lauthals lachen. Sie wussten
nicht, wieso, aber es war ihnen auch egal ... wer hörte schon zwei Verrückte
in einer Einöde?
Bald ... bald bist du beidhändig, sprach Zeke in ihrem Kopf.
»Toll und wie antworte ich dir jetzt?«, lachte sie.
»Denke deine Antwort ... das ist das Einzige, was du lernen musst. Du
musst deine Stimme beherrschen. Sonst redet sie andauernd. Du wirst es
vielleicht nicht gleich hinbekommen, aber es fehlt noch ein großes Stück, um
das Reden zu unterscheiden. Versucht es noch mal«, forderte Zeke sie auf.
Billie versuchte es die ganze lange Nacht, es gelang ihr aber nicht. Zeke
meinte ja, es sei schwer zu unterscheiden, wie man jetzt antwortete. Er
wünschte ihr eine gute Nacht und versprach, er würde sie Morgen früh
wecken. Sobald Billie ihre Lider geschlossen hatte, war sie eingeschlafen
und murmelte leise vor sich hin.
»Komm Billie, wir müssen schon noch ein schönes Stück laufen ...«,
beschwerte Zeke sich, da ihre Reise nicht sein gewünschtes Tempo hervorbrachte. Sie reisten nun mehr als eine Woche. Täglich das gleiche Mahl
und Abends die gleiche Prozedur. Sie hatte sich nicht verbessert im
Schwertkampf.
»Ach sei still!« Die Reise hatte sie zusammengeschweißt, so dass man die
Meinung des anderen akzeptierte.
Zeke schwieg auf ihre Antwort hin und sah finster nach vorne. Über ihnen
kreisten Vögel, die laut mit ihrem Schnäbel klapperten. Sie sahen so klein
aus.
»Harpyien! Die Frage ist nun: warum greifen sie uns nicht an? Also lass
uns keine Zeit verlieren«, sagte Zeke barsch. Billie, durch diese Erkenntnis
vorsichtig, duckte sich ein klein wenig und eilte zu Zeke auf, der die ganze
Zeit vor ihr lief.
141
»Sind das echt welche ... die sehen so klein aus?«, kommentierte Billie
und sah noch einmal herauf.
»Klar, sehen die klein aus ... sind ja auch sehr hoch über uns! Würden sie
ein wenig tiefer über unsere Köpfe kreisen, sähen sie ganz und gar nicht
mehr klein aus!« Mit jedem seiner Wörter wurde er lauter.
»Haben wir das nicht schon einmal beredet?«
»WAS?« Zekes ruppiger Ton ließ Billie für einen kurzen Moment
zusammenzucken.
»Genau das!«, antwortete sie ebenfalls sehr schroff, als sie sich wieder
besann. Nun war es an Billie voran zuschreiten. Zum Trotz warf sie ihren
Kopf in den Nacken und warf zugleich ihr schwarzes Haar in Zekes Gesicht.
Als sie so abgelenkt war, etwas zu sehen, fiel sie heftig mit den Armen
wedelnd und ergriff Zeke noch rechtzeitig und bewahrte sie vor einem Sturz.
Zeke nahm ihr »Danke« schweigend an und ging vor. Billie folgte ihm
widerwillig.
Noch oft wechselten der Tag und die Nacht ihre Plätze um ihnen ein
Reisen und eine Erholung zu gewähren und zu gönnen. Kein einziger Baum
war weit und breit auszumachen. Am Abend wusste Billie nichts mit ihrer
Zeit anzufangen so zog sie ihr Schwert aus der Scheide und wog es. Es war
nahe zu perfekt ausbalanciert.
Oft hatte Billie in den Schmieden ausmachen können, wie sie ihr
Werkzeug mit Steinen schärften. Billie griff neben ihr nach einen Stein und
sah ihn an, warf ihn ein paar Mal in der Hand und schlug mit Wucht gegen
die Schwertklinge. Zeke schreckte auf und sah auf Billie.
»Wenn du zu fest schlägst, schärfst du es nicht ... du musst schleifen!«,
sagte er besserwisserisch und widmete sich wieder seinem Essen. Billie
schnaubte und warf den Stein nach einigen Minuten über die Schulter, ließ
die Klinge zurück in die Scheide gleiten und widmete sich nun auch ihrem
Essen.
»Hast du irgendwie schlechte Laune?«, fragte Zeke sie. Sie schnaubte
wieder und sah ihn nur kurz an. Unverständliches Zeug blubberte sie hervor.
Und wie schlecht, das glaubst du gar nicht!, murrte sie in ihrem Kopf und
stocherte mit einem Stock im Feuer herum, sie brachte es zum einstürzen.
142
Vielleicht kann ich deine Laune erheitern?, bot sich Zekes Stimme an.
Kannst du nicht!
»Ich habe dich verstanden!« Er lächelte sie an. Billie sah ihn verwirrt an
und verstand erst nach wenigen Sekunden, worauf er hinaus wollte. Ein
Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ihre schlechte Laune flog mit
den Fledermäusen davon. Ein Grinsen entfuhr ihr. Billie klappte ihr Mund
auf und wieder zu. Sie konnte keinen Ton herausbringen, so glücklich war
sie. Zeke packte sie an den Schultern und rüttelte an ihr und bestätigte ihr,
was sie getan hatte. Billie sprang auf und ließ einen Freudenschrei durch die
Nacht hallen.
»Jetzt musst du nur noch lernen, wie du mit jemanden Kontakt aufnehmen
kannst oder wie du vor anderen geschützt bist« Auch Zeke strahlte.
»Bist du bereit? Jetzt ist deine Klinge ja geschärft!« Zeke zog den Stock,
der sich jede Nacht in ein Schwert verwandelte, aus seinem Gürtel und stellte
sich bereit zum Angreifen und zum Parieren.
Ich habe schon gewartet ..., meinte Billie sicher, diesmal sicherer mit
Rechts zu hantieren als letztens. Doch diesmal war Zeke gewitzter, er ließ
seine Klinge in seinen Händen herumpendeln und griff mit beiden Seiten an,
sodass Billie gezwungen war genauso schnell die Hand zu wechseln.
Es fiel ihr zumal immer leichter auch mit Rechts zukämpfen und das
Wechseln der Klinge in den Hände, Drehungen oder andere Ablenkungsmanöver lernte sie und wurde besser ... irgendwann lobte Zeke sie sogar, sie
sei eine gute Schülerin und sehr lernfähig.
Zeke bot ihr auch an seinen Bogen zu benutzen, doch das lehnte sie
dankend ab. Sie wollte nicht jagen gehen und auch nicht jemanden töten
durch einen Pfeil ... Billie wusste, es war nicht der richtige Vergleich, aber
mit einem Schwert zu kämpfen, kam ihr wie Tanzen vor, nur gefährlicher.
Billie hörte die Stimme täglich. Imme in den unpassenden Momenten
hallte seine Stimme in ihrem Kopf. Doch ganz bewusst ignorierte sie ihn, sie
wollte ihn nicht antworten, dessen ungeachtet, dass sie es nun konnte. Seine
Frage, ob sie komme, klang so drängend, als würde ein Leben verwirken,
würde sie es nicht tun.
143
Die Harpyien flogen ihnen bis zu einer gewissen Grenze nach. Zeke
meinte, jetzt seien sie in der unmittelbaren Nähe von Beä’ngul, da die
Harpyien den Drachen von Eric wahrnahmen.
*
Billie wachte eines Morgens früh auf. Der Mond schien über ihnen und Zeke
schlief friedlich vor sich hin. Ein Lächeln zierte ihre Lippen. Er hatte etwas
friedliches in seinem Gesicht. Er war ein schlafender Engel, dachte Billie.
Ihr Herz pochte vor Schmerz. Sie meinte ihr Herz stecke in ihrem Hals
und würde sie ersticken wollen. Doch das was ihr die Luft nahm, war nicht in
ihrem Hals, sondern es war ihr Herz selbst. Ihr Gedanken ließ alles noch
einmal Revue, in ihrem inneren Auge passieren und endete zu Hause in
ihrem Dorf.
Ihre Freundinnen begrüßten sie warmherzig und umarmten sie fest. Sie
konnte ihre Freude fast spüren. Billie wusste nicht, ob sie wirklich weinte
oder es nur in ihrer Erinnerung war, doch sie wusste der Schmerz war real
und sie wollte so gerne zurück.
Helena stand im Rahmen ihres Hauses und sehnte sich nach ihren Söhne,
wovon einer durch sie vielleicht ein neues Leben geschenkt bekommen
sollte. Ihr fast vollkommen ergrautes Haar kräuselte sich im kühlen Herbstwind, doch war es nicht schon längst Sommer?
Horst breitete seine große Hand aus und zermahlte ihre fast in seiner. Von
irgendwoher nahm sie Kindergelächter war ... der Älteste rann mit ihnen um
die Wette, doch er verlor. Billie musste grinsen und ihre Augen waren voll
mit Tränen, die sich einen Weg nach unten bahnten. Jetzt wusste sie auch das
sie nicht Träumte. Sie weinte tatsächlich. Es wurde still ... nur das gleichmäßige Schlagen ihres Herzens erfüllte die Gegend, aber nur sie nahm es
wahr. Sie fühlte sich wie ein Geist und nicht heimisch. War sie wirklich hier?
War sie wirklich Zuhause?
Sie sah neben sich in der tiefen Nacht Zeke, eingemurmelt schlafend aber
wenn sie nach vorne sah ... heller Sonnenschein und lachende Menschen.
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Menschen, die sie über alles liebte und vermisste ... und ihren Geburtstag,
denn sie nun alleine in einer Einöde verbrachte. Sie wurde Siebzehen ...
Konnte ihr denn niemand ihren Schmerz nehmen? Musste sie ihn alleine
durchstehen? Aber wenn sie es musste ... sie würde daran vergehen wie eine
Blume ohne Wasser, würde daran sterben oder doch nur durchdrehen? Sie
war schwach ... sie war dem nicht gewachsen, etwas zu tun, nur weil jemand
Hilfe brauchte.
Billie umschlang ihre Beine und legte den Kopf auf die Knie, sie wippte
leicht hin und her. Mit verschwommenen Blick sah sie in die bekannten
fröhlichen Gesichter, die sie nicht sahen. Sie konnte schreien und doch nahm
sie niemand war ... ihr Schluchzen weckte Zeke.
»Hey ... ist doch alles in Ordnung«, seine Stimme war das einzig Reale
was sie hatte, ihren Schmerz ausgeschlossen. Er deckte sie mit ihrem Mantel
zu und legte beruhigend einen Arm um ihre Schulter. Beide verharrten so bis
der Morgen sie begrüßte.
Billie dankte Zeke insgeheim, denn er fragte nicht, wieso. Sie wusste
nicht, ob er es wusste oder ob er es nur nicht wissen wollte, doch es war ihr
egal ... nach schlechten Tage kamen meist wieder rosige. Sie hielt es sich
immer vor Augen; irgendwann würde alles gut werden und sie könnte wieder
ein normales Leben leben.
Die kräftig brennende Scheibe am Himmel ließ an Wärme nicht nach, selbst
wenn Wolken sie verdeckten und sie für einen kurzen Moment vor einem
Hitschlag schützten. Über ihnen kreisten Vögel, doch diese flogen nicht
lange ... ab und an sahen sie Calvados über sie jagen. Sie waren ihrem
vorläufigen Ziel nun ganz nahe. Über zwei erbitterte Monate waren sie ihrem
Ziel entgegengeschritten und endlich wurden sie belohnt. Zeke meinte, sie
bräuchten noch eine Woche, vielleicht länger, sollte man sie aufhalten.
Billies Beine liefen ohne zu wissen wohin, sie hatten keine Kraft mehr, aber
doch trugen sie sie brav. So massierte sie manchmal ihre schmerzende
Schultern und den Nacken, der völlig verkatert von harten Boden waren. Die
kleinen Mulaps reisten auch nicht mehr mit ihnen ... es war eine langweilige
und anstrengende Reise ...
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»Was erwartet uns in Beä’ngul?«, fragte Billie ins Leere blickend am
Abend. Die Woche neigte sich mit dem heutigen Tage ein Ende ... sie waren
noch nicht angekommen, aber näher als zuvor.
»Was erwartet dich in Beä’ngul?«, betonte er und sah sie an. »Ich weiß,
was auf mich zu kommt ... du nicht!«, lachte er. Billie stöhnte auf. Zeke
redete um dein heißen Brei herum. »Ist ja gut! Wir werden Tom und Luna,
die Bewohner des Hauses ein wenig zur Hand gehen. Unsere Reise ist zwar
drängend, aber wir werden da schon längere Zeit verbringen ... also freu dich
schon auf ein Bett«
»Ich will da nicht hin ...«, nuschelte Billie zaghaft.
»Was? Ich hab dich nicht verstanden«
»Ich will nicht dahin!«, sagte Billie lauter als gewollt.
»Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden!«
»Und warum sollte ich mich wiederholen?«
»Weil ich dachte, dass ich mich verhört hätte! Warum willst du da nicht
hin?« Zeke blickte sie finster an. Seine grünen Augen loderten unter dem
Schein des Lagerfeuers bedrohlich.
»Geht es dir denn nicht genauso? Ich will da nicht hin wegen den Leuten!«
»Du meinst Eric ... und die Stimme? Haben wir nicht schon mal darüber
geredet? Die Stimme tut dir nichts! Und mit Eric ... denk nicht an ihn, ich
regle das schon alles.
Billie, du bist sehr wichtig in diesem Plan! Du bist die Einzige, die das
Momentan bewerkstelligen kann, also denk nicht so egoistisch! Wir gehen da
gemeinsam hin ... zusammen. Ich lass dich nicht alleine« Um seinem Blick
auszuweichen sah Billie das tanzende Feuer an. Dachte sie egoistisch? War
sie nur aus Egoismus mit ihm gegangen? Ja, sie war egoistisch ... sie wollte
nur eine Legende werden!
»Zeke ... du hast mal gemeint, wir seien uns ähnlich, wie hast du das
damals gemeint?«, fragte Billie verbittert. Zeke war alles andere als sie ... er
war ein Held und sie war nur eine Magd von einem Dorf.
»Ich ähnle meinem Bruder nicht, vom Charakter her ... doch als ich dich
das erste Mal sah und in deine Augen sah, wusste ich, dass du mir helfen
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würdest, sei es drum nur einen Blumentopf zu gewinnen« Zeke fügte dem
Lagerfeuer neue Äste zu, es knisterte so rhythmisch, dass es Billie beruhigte.
»In der Schule standen viele Jungs auf dich, nicht wahr? So war das
damals bei mir auch. Wir genossen unsere Popularität und handelten meist
überheblich, so taten wir vielen weh, die es eigentlich nur gut meinten ... wie
viel der Wahrheit habe ich gesagt?« Seine Frage war die Wahrheit, die
vollkommene ... Billie erwiderte es mit einem Schulterzucken und schwieg
das Feuer vor ihr an. Sie wollte Zeke nicht wahrnehmen.
»Du willst nicht mit mir reden, du willst da nicht hin ... kann man es dir
recht machen?«, schnaubte Zeke und stocherte im Feuer herum, als würde er
darin einen Knopf finden, mit dem er Billie zum antworten bewegen könnte.
»Billie, ich weiß, du weißt nichts von dieser Welt ... ich kann ahnen, wie
du dich fühlst und wie du leidest; hab es ja schon oft mitbekommen wie du
Abends weinst und denkst, ich würde es nicht merken. Mittlerweile solltest
du mich kennen! Würde ich etwas tun, von dem ich nicht auch überzeugt
wäre? Ich bin überzeugt, dass du es schaffst, sonst hätte ich dich nicht
auserwählt. Ich glaube ganz fest daran, dass wir es schaffen werden« Und er
fand diesen Knopf.
»Wir?«, fragte sie verwundert und schielte zu ihm hinüber.
»Hast du etwas gedacht ich schicke dich alleine in die Höhle der Göttin?
Meine Gute, ich will auch meinen Spaß und meine Genugtuung haben«
»Du würdest auch in den Krieg ziehen, wenn du nicht verflucht währst
oder?«
»Dann, wären mein Bruder und ich auf jeden Fall bei den Bonaiten«,
lachte er und gab eine Reihe weißer Zähne frei.
»Also macht es dir nichts aus, als ein Märtyrer zu sterben? Ich will nicht
dafür verantwortlich sein, wenn du mich wieder rettest und du sterben
musst.«
Sein Schweigen veranlasste sie ihm eine gute Nacht zu wünschen und sich
schlafen zu legen ...
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Ein Tag des Ruhens
Nicht immer muss man rennen ... man kann auch laufen
m Morgen hatte Billie ihre Sorgen mit dem Mond untergehen
lassen. Es tat mehr weh, daran zu denken, als es im Hinterkopf zu
behalten. Sie wollte nie mehr darüber sprechen, wollte nie wieder
darüber nachdenken und weinen müssen.
In ihrer Näher konnte Billie das Plätschern großer Wassermengen hören
und das laute Brummen von Calvados. Dieser Gedanke, ihm, ihrem Jäger,
wieder in die Augen blicken zu müssen, ließ Billie den Wunsch verspüren an
ihm Rache zu üben für ihr nun totes Pony. Da Billies Schultern vor Zorn
bebten, beruhigte Zeke sie und versprach; es würde alles gut werden.
»Tom! Schön dich wieder zu sehen? Wo ist denn deine werte Frau?« Zeke
breitete seine Arme aus und umarmte einen hochgewachsenen älteren
Herren. Sein Haar enthielt noch ein paar blonde Strähnen. Der Alte hatte
himmelblaue Augen, die sie interessiert ansahen. Billie stand zu weit weg,
um zu verstehen, was er zu Zeke sagte, aber er bestätigte ihm irgendetwas,
wobei der Alte heftig nickte. Zeke bedeutete ihr näher zu kommen und den
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Alten zu begrüßen. Unsicher, von einen Bein auf dem anderen tretend, ging
sie schließlich doch auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Das ist Tom! Wir werden mit seiner Frau in ihrem Haus wohnen, fürs
Erste« Zeke stellte sie gegenseitig vor.
»Du bist ein wirklich hübsches Mädchen ... genauso hübsch wie die
Mutter, findet du nicht Zeke?«, lächelte er und fuhr ihre Wange mit seinem
Handrücken herab.
»Ich kenne ihre Mutter nicht«
»Ohh, schade. Meine Frau wird sich freuen wieder Kinder im Haus zu
haben. Kommt, kommt ... ich zeige euch den Weg! Zeke, würdest du für
mich ...?« Er bedeutete Zeke das gehackte Holz zu tragen. Zeke nickte und
stapelte die Holzscheiden in seinem Arm.
»Erschreck dich nicht, wenn du Calvados siehst ... er badet grade. Und
Eric musst du auch unbedingt kennen lernen« Der alte Mann strahlte übers
ganze Gesicht.
»Also werde ich ihm begegnen ...«, nuschelte Billie leise. Tom sah sie
verstohlen an, dennoch ergriff Zeke das Wort: »Eric ist doch der Reiter von
Calvados, nicht wahr? Hat er dir –euch irgendetwas erzählt?«, fragte Zeke
schnell und vermied das Tom Billie, wie er vermutlich, zum Weinen brachte.
»Willst du auf etwas hinaus? Wir haben Eric aufgezogen, weil ihn
niemand wollte, sollen wir ihn jetzt verstoßen?«, erboste Tom.
»Nein, es war großzügig von euch dies zu tun ... aber ich mein doch, er
wäre mit Calvados und einem schwarzen Ross unterwegs gewesen, zum
Beispiel nach Swornaif und dort jemanden zu verjagen, der hierher wollte«
Zeke war zu gewitzt, um zu ahnen, was er von Tom wollte. Er konnte
äußeres gut jemanden Honig um den Mund schmieren, obwohl es nicht mehr
als nur ein Schleier war, den Zeke den Leuten auferlegte.
»Du hast Recht ... an dem Abend kam er schlimm zugerichtet nach Hause.
Er erzählte uns wirres Zeug«, schloss Tom und schwieg. Kein weiteres Wort
kam über ihre Lippen, während sie stumm ihren Weg gingen.
Nach wenigen Minuten des Laufens, erblickten sie einen großen See,
indem ein großer schwarzer Drache eintauchte und darin schwamm. Zeke
musste freundlich lächeln, Calvados erinnerte ihn an Asti, seinen damals
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eigenen Drachen ... seine Augen wirkten leicht glasig, als er Calvados
spielen sah. Billie bedauerte ihn. Sie wollte nicht wissen, wie sie sich fühlen
würde.
»Sir ... wo ist Eric jetzt?«, erkundigte sich Billie und sah nur den traurigen
Blick Zekes.
»Nenn mich doch einfach Tom, lassen wir das förmliche Gerede. Aber der
dürfte meiner Frau grade helfen ... ich zeig euch erst einmal, wo ihr schlafen
werdet« Sie liefen an den interessiert blickenden Drachen vorbei und Tom
stieß eine Tür knirschend auf. Billie ging in Gedanken versunken, als sie
durch die Tür trat, sie befürchtete es könnte gleich alles und mit einem lauten
Ächzen zusammenbrechen und sie darunter begraben.
»Wie lange wohnt ihr schon hier?«, fragte Billie mit einem verächtlichem
Unterton, den Tom aber nicht zu bemerken schien, nur Zeke kniff sie in die
Seiten.
»Sei ein wenig höfflicher!«, flüsterte er drohend. Billie verdrehte die
Augen, jetzt durfte sie nicht einmal frei sprechen.
»Ich habe einfach Angst, dass uns irgendwann die Decke auf dem Kopf
fällt!«, schnaubte sie zurück.
»Das haben wir schon vor der Macht der Göttinnen bewohnt ... ich weiß es
nicht genau! Aber junges Mädchen, weißt du denn, wieso du eigentlich hier
bist? Ist dir bewusst, was du leisten wirst? Du wirst als eine Märtyrerin in die
Geschichte eingehen, sollte es dir gelingen«, sprach Tom in einem
Überschwang des Glücks in der Stimme.
»Ich werde keine Märtyrerin ... ich werde ihm helfen und das war es auch
schon« Ihre Entschlossenheit veranlasste Tom skeptisch zu schauen ...
wieder entging ihr Zekes Blick. Man konnte sein Gesicht nicht richtig
zuordnen, zu einem Teil traurig, zum anderen bedauernd.
»Wenn das so ist ... das ist die Küche; in der grade mein Frau das Essen
zubereitet und ja, Eric hilft ihr dabei. Eure Zimmer werden oben sein. Los
folgt mir!«, wieder mit vollem Elan ihnen ihre bescheidene Behausung zu
zeigen, führte er sie hinauf. Die Treppe war eng und der kleine Flur im
Obergeschoss war staubig und mit Spinnweben übersäht.
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»Zeke du wirst gleich neben ihr übernachten ... sucht euch eines aus und
kommt herunter zum Essen. Heute könnt ihr euch ausruhen!«, schloss er und
sprang freudig die Treppen herab.
»Ich nehme rechts ... links ist mir zu mädchenmäßig«, lachte er und ging
in sein Zimmer und verschwand. Vorsichtig ging auch sie in ihr Zimmer uns
sah sich traurig um. Überall im Zimmer lagen ordentlich Spielzeug, in den
Ecken gelagert. Das alte Ehepaar hatte dieses Zimmer nicht mehr betreten,
seid ihre eigenen Kinder fortgegangen waren.
Billie schwang sich auf ihr Bett und starrte die Stutzbalken an der Decke
an.
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Luna und ihr
Wissen
Lausche dem, was die Natur dir sagt ...
illie konnte nicht lange liegen und sah sich ein wenig im Zimmer
um. Ein würziger Geruch kitzelte ihr in der Nase, der feine Geruch
kam unter den Dielen ihres Boden herauf. Toms Frau musste
etwas würziges gekocht haben. Langsam kam Billie in die Senkrechte. Der
Boden unter ihren Füßen ätzte und drohte einzubrechen ... aber er trug
weiterhin ihr Gewicht. Ihr Blick streifte einen Vogel, der am Fenster vor ihr
auf einem Baum saß und ein Lied sang. Vorsichtig summte Billie eine
Melodie, die der Vogel freudig nachahmte. Sie lächelte.
Sie öffnete die Tür ihres Zimmers und schloss diese hinter sich. Darauf
bedacht, nicht allzu viel Lärm zu verursachen, ging sie die Treppen herab in
die Küche. Toms Frau ließ vom Rühren ihrer Suppe ab und betrachtete Billie
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von Kopf bis Fuß. Eric saß auf einem Hocker, Luna gegenüber und nippte an
seinem Tee. Er war genauso wenig erfreut wie sie, ihn wiederzusehen. Ein
knappes »Hey« entfuhr seinem Mund.
»Du musst Billie sein, nicht wahr?« Luna strahlte über beide Ohren. Ihre
azurblauen Augen bannten Billies. Ihr, fast weiß gewordenes, Haar fiel ihr
lockig über die Schultern. Ihre Stimme war so zart wie eine Rose, aber doch
so deutlich wie deren Dornen.
»Ja ...«, nuschelte Billie.
»Essen ist gleich fertig. Setz dich zu Eric ... die andern beiden werden
sicher auch bald kommen« Sie klang nett, dachte Billie. Sie setzte sich neben
Eric und bekam von Luna einen Tee gereicht, an dem sie dankend nippte.
Lange Zeit saßen sie schweigend da und rochen dem genüsslichen Duft der
köchelem Suppe, um die sich Luna liebevoll kümmerte.
Als Zeke mit Tom irgendwann in die Küche gestürmt kam, war die Suppe
fertig. Luna herrschte Eric an, er solle den Tisch decken und sie beide
bräuchten fürs Erste nichts zu tun.
»Hast du ihn gesehen Zeke?«, fragte Luna, während sie die Suppe in
Schüsseln goss. Zeke nickte stumm und widmete sich seiner dampfenden
Suppe. Billie sah ihre an; es war eine Gemüsesuppe mit Kartoffeln, Karotten
und Zwiebeln, dies war gewürzt mit Dill und anderen Kräutern. Es
schmeckte ihr köstlich. Sie sprachen vorerst nichts, als sie aßen.
Doch diese Stille wurde von Tom, der sich räusperte, gebrochen, als sie zu
Ende gegessen hatten. »Vor kurzem hatte uns der werte Herr einen Besuch
abgestattet«, sagte er. Billie verstand nicht; werter Herr?
»Ja, ihn sind wir in Mithtum auch begegnet. Ein guter Mann ... vielleicht
wird aus ihm noch ein richtiger König?!«, antwortete Zeke skeptisch und nun
wusste auch Billie, von wem sie redeten, es war Viggo.
»Zeke, er ist der rechtmäßige König; wir können nichts dagegen tun, selbst
wenn er ein schlechter König wird. Aber jetzt mal zu erfreulichen
Nachrichten, seinem Drachen, Amaro, geht es blendend. Aus ihm ist ein
richtiger Drache geworden, Schatz!«, meinte er eher an Luna gewandt, als zu
den anderen am Tisch sitzenden.
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»Alle Jungdrachen sind zu Drachen geworden, Darling! Nur ich habe
langsam Angst um das Letzte ...«, gab Luna ihre Sorge kund, die Tom mit
einer Handbewegung beiseite wischte. Billie sah kritisch das alte Ehepaar
wechselnd an. Zeke sah beide jedoch nur wütend an, Billie verstand aber
nicht wieso. Nur Eric nahm das Tumult nicht war und aß, nicht teilnehmend
am Gespräch weiter.
»Könnt ihr beiden denn nicht endlich Ruhe geben?! Tom, Luna wird sich
größtenteils jetzt um Billie kümmern ... wir beide reden ihr nicht dazwischen! Du weißt, was das heißt?!« Zeke hatte gegen den Tisch geschlagen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, es war ihm geglückt. Das
Paar verfiel in Schweigen und sah zu Boden.
»Du bist richtig egoistisch Zeke, wusstest du das?« Eric fühlte sich nun
berufen, etwas zu sagen, doch er fing sich einen vernichteten Blick Zekes
ein, unter dem Eric gezwungen war, weiter zu reden. »Nur, weil du dein
Leben wieder haben willst, heißt dass nicht, dass du jemanden dein Leben
aufzwingen kannst«
»Ich hätte dich damals lieber gleich töten sollen!«, zischte Zeke
verächtlich, doch nur so laut, dass es nur er und Billie, mit angestrengtem
Lauschen, verstand. Der Zorn in den Augen beider war wie ein Gewitter, der
ihren etwas bedrohliches gab. Hätten beide keine erstaunlich gute Selbst- und
Körperbeherrschung, so dachte Billie, wären sie sich schön längst an den
Hals gesprungen und würden sich gegenseitig würgen.
»Irgendwann, das verspreche ich dir, werde ich dir einen Pfeil in die Brust
schießen, nein, lieber ich ramme ihn dir rein ... mitten in dein Herz, so dass
du stirbst«, drohte ihm Zeke. Eric schwieg und widmete Zeke nicht weiter
seine Aufmerksamkeit. Zeke schnaubte und verdrehte die Augen. »WAS
IST?«, fauchte Zeke Billie an, als diese ihn nur besorgt ansah. Billie zuckte
zusammen. Seine Stimme war so rau, dass es ihr ins Fleisch schnitt.
»ZEKE! Wenn du hier drin hausen möchtest, wird anders geredet! Nimm
es dir zu Herzen und entschuldige dich«, mahnte Luna betont trocken. Zeke
griff kaum merklich zur Brust und sah verbittert drein, doch er entschuldigte
sich augenblicklich und erhob sich.
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»Ich werde mich nun zur Ruhe lassen, ich will ungern gestört werden, es
sei denn, es ist wichtig. Ich wünsche einem jeden eine gute und erholsame
Nacht« Zekes gespielte Höflichkeit war nur ein Schleier, der seine Wut
verbarg ... Billie konnte nur ahnen, wie er grade kochte, denn seine Schultern
bebten leicht.
Alle wünschten ihm das Gleiche und nacheinander begaben sich alle außer
Luna und Billie ebenfalls zum Schlafen.
»Luna ... was meinte Zeke damit, dass du dich, solange ich hier bin, um
mich kümmern würdest? Und er und Tom sich nicht sorgen zu brauchen?«,
fragte Billie und wollte ihre Unwissenheit stillen. Luna wusch das Geschirr
und Billie trocknete dieses ab. Sie antwortete nicht sofort: »Er meinte nur,
dass du mir helfen sollst ... Tom hätte dich bestimmt mit in den Wald
genommen zum Angeln«, lachte sie, »Aber jetzt hat jeder etwas zu tun hier.
Zeke hilft Tom, Eric geht Fische angeln und Calvados hilft ihm und ich habe
dich!« Luna strahlte mit ihrem gewohnten sanften Zügen ihres Gesichts.
»Und wobei soll ich dir alles helfen? Ich bin keine geeignete Schneiderin
oder Köchin ... ich kann nichts, wobei ich dir helfen könnte, ich kann nicht
einmal ihm, geschweige denn mir, helfen«, schloss Billie bitter und legte das
Geschirrtuch bei Seite und fing an das Geschirr weg zuräumen.
»Der simple Akt zählt. Doch ich hoffe, ich bekomme durch deine Fehler
nicht noch mehr Arbeit! Geh nun schlafen ... es ist spät. Ich werde dich
morgen wecken und du kannst lernen eine wahrhaftige Frau zu werden«
Billie sah es als Beleidigung und Anspielung, dass sie nicht die gewohnten
Tätigkeiten einer Frau nachging, an. Verbittert schlurfte sie in ihr Zimmer
und ließ sich auf ihr Bett fallen, sie schließ sofort friedlich ein.
Das heftige Klopfen an der Tür von Billies Zimmer ließ sie stöhnend aus
ihrem Bett kriechen. Sie dachte nicht im Geringsten daran sich zu beeilen nur
um Luna irgendwo bei zu helfen. Ihre Glieder schmerzten, doch war es gut
für ihren Rücken sich auf einer Matratze schlafen gelegt zu haben. Die
Dielen knirschten unter ihrem Gewicht. Mit Wasser, das in einer Schale auf
der Kommode stand, wusch sie ihr Gesicht. Es war erfrischend kalt, es
weckte all ihre noch schlafenden Sinne.
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Als Billie aus dem Fenster sah, bemerkte sie die dichten Nebelschwaden,
die ihr die Sicht verboten. Billie war angesichts dieser Tatsache nicht sehr
erfreut, schon an solch einem frühen Morgen geweckt worden zu sein und
noch weniger erpicht darauf, dies jeden weiteren Morgen mit sich machen zu
lassen.
Billie ging gemächlich die Treppen herab und murrte Luna einen guten
Morgen entgegen.
»Also, dass das nicht wieder vorkommt! Du brauchst schon ein wenig
Disziplin und du musst Verantwortung tragen! Du hilfst mir jetzt bitte das
Frühstück zu machen ... danach werden wir in den Wald gehen«, tadelte
Luna sie für ihr widersetztest Aufstehen.
Luna schnitt Brotlaibe und Billie deckte den Tisch. Sie war erschrocken
darüber, wie lange so ein Frühstück eigentlich brauchte. Als der Hahn von
Calvados’ Gähnen übertont wurde, stand die große helle Scheibe schon vor
ihnen und biss Billie in die Augen. Mit seinem Gähnen erwachten dann auch
die Herren, die selig ihren Schlaf schlafen konnten ... Billie beneidete sie
deswegen.
Sie aßen still ihr Essen und keiner erhob das Wort, weder zum Tagesablauf noch zum einfachen sozialen Austausch irgendwelcher Empfindungen
oder ähnlichem.
Billie sah niemanden in die Augen, aber doch spürte sie den Blick aller.
»Wie ... wie hast du geschlafen?«, fragte Zeke schließlich, die Stille
brechend, an Billie gewandt. Billie nuschelte etwas unverständliches und
nippte an ihrem Glas mit Milch. Zeke war von ihrem Schweigen wenig
angetan und stöhnte auf.
»Wenn dich irgendetwas stört, Billie ... dann sag es mir!«, warf Zeke seine
Worte in den Raum, die eine Weile dort hängen blieben. Billie sah auf.
»Was wollen wir hier?« Alle sahen sie schweigend an und warteten auf die
Worte Zekes. Billie besah sich als ein Stück Fleisch. Zeke trank aus seinem
Glas.
»Was wir hier wollen, ist Hilfe, dir wir dringend brauchen ... aber die
bekommen wir auch nur, wenn sich eine gewisse Billie dazu aufrichtet
gewisse Dinge zu tun, die man von ihr erwartet«
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»Warum sollte ich das tun, was andere von mir erwarten? Ich habe mein
eigenes Leben und meine eigene Meinung, zu dem was ich tue«
»Hat er sich wieder bei dir gemeldet?«, fragte Zeke, seine Überlegenheit
in den Augen war für Billie nichts weiter aus ein Schleicher, auf dem sie
gelernt hatte, nicht herein zu fallen. Billie wusste, von vom er redete, aber
hatte er die Stimme auch gegenüber von Tom erwähnt?
»Ich will ihn sehen, Zeke! Daran wirst du mich nicht hindern können«
»Nein, daran hintern kann ich dich nicht, aber du kannst dich selbst daran
hindern ... und ich will ihn genauso sehen wie du«, sagte Zeke sehr sanft. Er
nippte wieder an seinem Glas und leerte diesen mit einem Zug.
»Zeige Disziplin und Verantwortung, zeige Interesse und Verständnis,
dann wirst du ihn begegnen können. Früher ist es dir nicht erlaubt. Also fang
endlich damit an, zuzuhören und lass dich nicht immer von Gefühlen leiten!«
Zeke stand auf und bedeutete Tom ihm zu folgen, sie schritten aus der Tür.
Auch Eric endete sein Essen darauf und eilte hinaus ins Freie zu seinem
Drachen. Billie saß noch immer am Tisch und nahm sich seine Worte sehr zu
Herzen. Vielleicht müsste sie über ihren eigenen Schatten springen? Aber
vielleicht auch nur ihr altes Ego abwerfen und ein neues Kapitel ihres Lebens
anfangen?
Diese Stimme hatte sich nicht mehr bei ihr gemeldet, seit sie Beä’ngul
erreicht hatten. Warum hatte sie noch mal diese lange Reise auf sich
genommen? Warum hatte sie alle, die sie liebte, verlassen und im Stich
gelassen? Obwohl Billie an nichts anderes mehr denken konnte, wusste sie
nicht mehr, wieso sie dies getan hatte, warum war sie nicht mehr im Dorf?
Lebte dort ein Leben, das all ihre Freunde nun lebten.
Billie nahm die still wegräumende Luna nicht war. Leise huschte sie an ihr
hin und her ... würde ihr doch endlich jemand sagen, um was es hier ginge.
»Also die ganze Zeit vor dem Tisch sitzen, kannst du nicht ... komm lass
uns in den Wald spazieren gegen« Billie wurde aus ihren Gedanken gerissen.
Lunas Hand lehnte auf ihrer Schulter. Mit leeren Augen sah Billie sie an. Der
Wald würde ihr auch keine Antworten geben, selbst wenn sie in ihm schreien
würde.
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»Hörst du die Natur?«, fragte Luna sie nach einer Weile des Laufens.
Billie hörte ihr weder richtig zu, noch hörte sie die Stimmen der Natur ...
Arjun meinte ja, nicht alle Menschen hätten diese Gabe. Das Nicken von
Billie ließ Luna fortwahren: »Du hast keine Ahnung, warum du hier bist ...
niemand hat es dir eröffnet. Aber wenn du mit ihm reden würdest, würde er
dir sagen, warum du hier bist. Was weißt du über die Wälder und Mythen?«
Lunas Stimme war freundlich.
»Es tut mir Leid, wegen heute morgen ...«, nuschelte Billie. »Ich weiß gar
nichts ... ich bin hier und niemand redet mit mir! Nur Unheil war auf meinem
Weg hierher. Und wenn ich mit ihm reden würde, würde es nur noch mehr
Unheil über mich bringen ... ich will nicht der Letzte sein, der es erfährt, aber
ich muss mich damit wohl oder übel abfinden!« Ihre Hilflosigkeit lag in der
Stimme.
»Wer hatte denn von Zeke gesprochen?« Diese Antwort ließ Billie
verstummen und konzentriert zuhören. Luna hatte nicht von Zeke geredet?
Mit wem sollte Billie denn sonst sprechen? Die Stimme, schoss es ihr jäh in
den Kopf. Ja, aber wie sollte sie mit ihm Kontaktaufnehmen, sie war noch
nicht so weit um seinen Geist zu suchen und zu erreichen.
»Du weißt nun, wen ich meine? Billie, um den Willen aller: reiß dich diese
Woche zusammen und lerne von Zeke ... denn wenn du dies nicht tust, ist
alle Hoffung tot« Luna packte Billies Schulter und sah sie direkt an. Sie hatte
Kraft in ihrem Griff. Als Billie nicht bereit war zu antworten, geschweige
denn irgendein Versprechen zu geben, ließ Luna von ihr ab. »Wenn ich dir
zeige, warum du hier bist, bist du dann bereit deine Leistungen abzutragen?«
»Aber wenn ich es weiß, dann lohnt es sich nicht für mich zu kämpfen?«,
sagte Billie weise.
»Schon richtig ... aber ich weiß auch, dass wenn du es nicht schaffen
würdest, es keine andere Wahl bliebe, als es dir zu zeigen«, pflichtete Luna
ihr bei. Vor einer alten und großen Eiche stehend, versuchte Billie ihm zu
lauschen.
Du bist meiner Würdig, es war zwar nicht der Baum, der sprach aber es
war ihr egal. Die Stimme war jung und weise ... und diesmal erschöpft und
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krank. Vielleicht wurde er zu schwach sich immer bei ihr zu melden? Wer
war er nur?
»Darf ich ihn sehen?«, fragte Billie nun und war bereiten in das Gesicht zu
sehen.
Warte ... nicht lange und ich bin da!
Wieder am Haus des alten Ehepaares angelangt, ging Luna geschwind in
einen Raum unter der Küche. Sie öffnete eine Luke. Billie sah hinab in das
Loch und Treppen die hinab führten. Zuvor entfachte Luna noch eine Kerze
und führte sie hinab in die Dunkelheit. Billie, darauf bedacht die einzelnen
Treppenabsätze zu erwischen, folgte ihr hinab. Luna hatte ihr befohlen den
Lukendeckel wieder zu verschließen wenn sie unten waren. Darauf betätigte
Luna ein Licht. Es war ein gedämpftes Licht. Der Boden war mit Heu
ausgekleidet. Billie konnte etwas großes Lilafarbenes ausmachen, es lag im
Heu vor ihr. Langsam ging sie auf das Ding zu und Luna erlaubte es ihr, in
dem sie schwieg und sie machen ließ.
»Warte, bevor du es berührst! Wenn du es anfassen willst, musst du ein
Spiel spielen und es für dich behalten. Zeke und die anderen sollen nicht
wissen, dass du es weißt.
Auf dich würde eine Last fallen, die du erst in einer Woche bekommen
solltest, wenn du bereit bist, sie zu tragen. Ich will, dass du darüber
nachdenkst, was du tun willst ... berührst du es, geht’s du einen Pakt ein, dem
du nur entfliehen kannst, wenn du stirbst! Aber du hast nicht die körperliche
Verfassung diese Last zu tragen und die Veränderung kannst du noch nicht
akzeptieren« Billie verstand kein Wort, von dem, was Luna ihr sagte. Was
würde es denn schon ausmachen einen lila Stein zu berühren? Sie lauschte
ihren Worte doch gebannt.
»Sieh es dir an ... das erwartet dich! Deswegen bist du hier! Aber noch bist
du nicht bereit. Und wenn du wissen willst, was auf dich zukommt, was du
noch nicht kannst, musst du lernen nicht immer alleine zu sein. Du musst das
grenzenlose Vertrauen lernen und die Geduld etwas zu überwinden, was Zeit
erfordert. Aber doch musst du dich auch in der Hinterlist üben und deinen
Körper und Sinne schärfen und beherrschen. Wenn du glaubst du hast diese
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Fähigkeiten, dann berühre es ... hast du sie nicht, hast du eine Sache gelernt,
die mehr als nur ein Charakterzug ist« Billie sah von Luna zum Stein. Das
dunkel schimmernde Lila, sah aus wie der Mond. Seine runde Form schien
wie der des Mondes. Der Stein erschien ihr auch nicht größer als ein großer
Medizinball. Sie wollte es anfassen, sie wollte wissen, was das war ... aber
doch musste sie sich eingestehen, bevor sie es berührte, sie hatte keiner die
von Luna genannten Eigenschaften. Sie ließ von dem Stein ab und erhob
sich.
»Ich musste der Versuchung widerstehen und eingestehen, was ich kann
und was ich nicht kann ... wolltest du darauf hinaus?« Luna nickte.
»Du hast gewonnen ... ich habe nicht die Stärke diese Last zu tragen, die
du erwähntest. Ich werde versuchen meine Ängste und Schwächen zu
überwinden und meine Stärken weiter auszubauen. Nie hätte ich gedacht,
dass mich etwas verändern würde und ich dies selbst zulasse!« Billie ging
langsam an Luna vorbei zur Treppe, hielt aber inne als Luna das Wort erhob.
»Ja, dass Leben bringt viele Überraschungen und manchmal auch welche
von denen, die man nicht erwartet. Viele beneiden dich um dein Leben ...
vorausgesetzt sie wissen, was dein Leben ist«
»Mein Leben ist nicht beneidenswert ... ich gehe den direkten Weg durch
die Hölle und wünsche mir nichts sehnlicher als mein altes Leben zurück.
Hat mich diese Reise bereichert oder hat sie mich so verändert, dass ich mich
selbst nicht mehr wieder finde?« Billies Worte hingen im Raum. Noch nie
hatte sie so ihre Ängste oder Befürchtungen ausgesprochen ... sie hatte diese
sonst immer mit ihrem Selbstbewusstsein kaschiert und ignoriert. Aber wenn
sie wieder im Dorf wäre, würden die Menschen sie dennoch wiedererkennen? Billie konnte ihrer Veränderung für Verantwortung nicht leugnen,
konnte auch nicht leugnen, dass sie Angst hatte ... die Bewohner des Dorfes,
nein des ganzen Land würden sie für verrückt halten!
Würde es denn jetzt einen Sinn ergeben, nach so viel Erlebtem noch
zurückzukehren? Wäre sie nicht fremd geworden unter ihren Freunden? Der
tägliche Zweifel nagte an ihrem Geist und an ihren Nerven. Die Angst, was
noch alles passieren würde, machte die Situation nicht leichter für Billie.
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»Glaub mir, wenn du einmal den Weg durch die Hölle wählst, willst du
niemals mehr zurück! Weil dir erst der schwere Weg zum Glück verhilft und
der ist vielleicht auch nicht immer der schnellste« Billies Gehirn arbeitete
stark, aber doch wusste sie keine Antwort, was sie tun könnte. Sie sah keinen
Ausweg ... nur den immer näher kommenden Hass der Göttinnen, den sie wie
Atem im Nacken spürte ...
Billie nahm sich die Worte von Luna sehr nahe. Sie versuchte, ihr
gewünschtes Ziel zu erreichen, den Anforderungen von Luna zu bestehen. Es
war nicht leicht, jeden Morgen noch vor dem Sonnenaufgang zu erwachen
und anfangen zu arbeiten. Billie stellte ihre Bedürfnisse hinten an und
erfüllte erst die der anderen. Vieles, was Luna ihr in dieser Woche beigebracht und gelehrt hatte, würde sie nie wieder anwenden, davon war Billie
überzeugt. Es ging schon seit vielen Jahren ums nackte Überleben in
Dvonaäg, warum sollte sie sich dann erst um andere kümmern als um sich
selbst?
Jeden Morgen stand sie auf, noch bevor Luna die Möglichkeit hatte sie zu
wecken. Sie fing schon immer früher an, das Frühstück zubereiten und putzte
die Küche nach jedem Benutzen. Billie versuchte Luna jede Arbeit abzunehmen, die ihr nur einfiel. Während Zeke und die anderen ihre Freizeit
genossen, schuftete sie hart. Mit dem Elan alles in kürzester Zeit zu
bewältigen, jäte sie Unkraut und kümmerte sich um das Vieh. Ab und an erlaubte Luna ihr sich etwas Auszeit zu nehmen.
»Billie, glaubst du, es ist noch gesund, was du hier machst?«, fragte Zeke
besorgt und sah sie skeptisch an. Billie wusste nicht, warum er sich sorgte.
»Was mach ich denn bitte? Ich helfe, ist das denn ein Verbrechen?« Sie
wusste, sie kaschierte ihre wirklichen Gefühle. Wie oft hatte Billie jetzt
schon gelacht, nur um nicht wieder weinen zu müssen? Je mehr sie das
Leben eines perfekten Menschen antrat, je mehr hasste sie sich, sich selbst
nicht mehr treu zu sein.
»Du arbeitest bis zum Umfallen, dass machst du! Du bist total blass und
essen tust du auch nicht genug!« Zeke tadelte sie zu Recht. Sie aß zwar
161
genau so viel wie die anderen, aber doch war es zu wenig, für das, was sie
leistete. Billie sah auf ihre Hände. Bleich und mit hervortretenden Nerven
und Sehnen, ihre Hände zitterten und schienen in ihren jungen Jahren, schon
der einer alten Frau. Billie glaubte, sie würde nun aussehen wie eine Leiche,
so blass sei sie geworden ...
»Nein, bitte nicht ... du siehst wunderhübsch aus«, stotterte Zeke als er
Billies ausdrucksloses Gesicht sah und die immer feuchter werdenden
Augen. »Du kannst jetzt noch was dagegen tun ... du ..., ähm, ja«
»Ich sehe alt aus! Diese verdammte Reise macht mich zu einer ALTEN
FRAU!«, bellte Billie ihn unter Tränen an. Diesmal zuckte Zeke ein klein
wenig zusammen. Er schien mit der Situation überfordert. »Ich hab bestimmt
schon Augenringe!«, quiekte Billie.
Billie wusste nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich
wieder gut ... glücklich, wenigstes eines ihrer alten Eigenschaften beibehalten zu haben oder einfach nur wieder gefunden zu haben. Ihr gekünsteltest Schluchzen wurde bald ein herzhaftes Lachen. Zeke sah sie nur
verwirrt an. Er sah sich hilfesuchend um, doch niemand außer Billie war in
der Küche.
»Gut zu wissen, oder?«
»Gut zu wissen, dass ich immer noch die alte bin!« Billie strahlte ihn an
und zauberte ihm so ein schüchternes Lächeln ins Gesicht.
»Hast du etwa die ganze Zeit angenommen, dass du nicht mehr du selbst
bist?«, fragte Zeke und gab seinem Lächeln mehr Freiraum.
»Ja ... naiv, nicht wahr?«
Luna und Tom traten kaum merklich an ihre Seiten. Zeke, der nun völlig
keinen durchblick mehr hatte, verdrehte die Augen und ließ sie reden.
»Ich denke es ist heute Abend Zeit ... Eric bereitet jetzt schon alles vor«,
sprach Luna sanft und strich ihr zärtlich über die Wange. Billie schmiegte
sich leicht an diese. Zeke stöhnte auf, verstummte aber als Tom sich
räusperte.
»Luna bereitet jetzt das Mahl vor und du Billie gehst in dein Zimmer und
richtest dich ein wenig her. Zeke du kommst mit mir, wir beide helfen Eric«,
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beschloss Tom und Zeke nickte eifrig. Sie eilten aus der Tür und diese fiel
krachend ins Schloss.
»Du bist nun würdig ihm zu begegnen und du bist auch für alles
kommende bereit. Du wirst heute einen Pakt eingehen ... oh, ich bin schon so
gespannt, was es wird! Und ich bin auch gespannt, was daraus wird, wenn es
bei dir bleibt. Ich mach mir zu viele Sorgen!
Billie, das Einzige was du tun musst, ist zu erscheinen und das zu beenden,
was du anfangen wolltest. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das du ein
ruhiges Leben hast ... aber das ist dir wohl nicht gegönnt« Billie konnte nicht
ahnen, was sie meinte, aber es machte ihr keine Angst ... vielleicht nur ein
klein wenig nervös. Als Luna sich hinter ihrer Theke verkroch und anfing zu
kochen, blickte Billie hinaus aus dem Fenster. Zum ersten Mal hörte sie
Calvados nicht, er gab Ruhe! Die Abendsonne ging gemächlich unter. Die
Sonne schien verwundet und tränkte die Welt in Blut ...
27
Was ist in dem
Stein?
Nicht alles ist so, wie es zuerst ausschaut
illie sah sich in ihrem, vorübergehendem Zimmer um. Sie kämmte
sich ihr langes rabenschwarzes Haar. Sie sah das Licht schwinden,
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aber das brachte den Moment näher, indem sie sich endlich trafen.
Langsam beschlich sie der Unbehagen. Das Klopfen an der Tür nahm sie nur
schwach war ...
»Ich komme gleich!«, rief sie hinaus und das Klopfen verwandelte sich in
drückende Stille. Billie wusste nicht, wie lange sie der Stille schon lauschte,
aber doch wurde diese wieder durch Klopfen unterbrochen.
»BILLIE ...«, brüllte Zeke durch die Tür. Billie antwortete nicht. »Reiß
dich zusammen und zieh es jetzt durch!«, schrie er weiter, sein Hämmern
erstarb nicht. Billie stöhnte auf und richtete sich langsam auf.
»Ach sei still!«, bellte sie durch die Tür. Für einen kurzen Moment schien
es, als würde Zeke Ruhe geben, aber mit einem gewaltigem Schlag flog die
Tür krachend auf. Zeke hielt sich die nun schmerzende Schulter und sah sie
wütend an. Bedrohlich ging er auf sie zu und setzte sich neben sie aufs Bett.
Billies Gesicht glühte, sie sah in eine Ecke, nur um nicht in sein Gesicht
sehen zu müssen.
»Warum kneifst du?«, weder Zorn noch Tadel war in seiner Stimme. Er
wartete geduldig auf ihre Antwort.
»Kannst du es dir nicht vorstellen?«, fragte Billie beklommen. Billie
versuchte ihre Tränen zu unterdrücken, es gelang ihr. Zeke legte sanft einen
Arm um ihre Schultern und drückte sie kurz.
»Ich habe nie behauptet, dass dieser Weg einfach wäre. Ich habe nie
verlangt, dass du stark sein sollst ... warum bist du nach allem, was ich getan
habe, immer noch unglücklich?«
»Du hast nichts getan, wofür ich dir zutiefst dankbar wäre«, meinte Billie
trocken und stand auf.
»Ich meinte ja auch nur, dass du mir alles sagen kannst, sollte dich etwas
bedrücken ...«, beharrte er weiter und stand ebenfalls auf.
»Oh Gott, lass ihn doch endlich schweigen!«, stöhnte Billie auf, doch für
ihn war es nur ein Nuscheln. »Hab ich nicht schon genug durchgemacht,
ohne dass du mir alles vorhältst? Los, lass uns runter ... sonst gibst du gar
keine Ruhe mehr«, murrte sie und ging voraus, Zeke folgte ihr.
»Wer hat gesagt, dass ich Ruhe geben werde, solltest du runter kommen?«,
keifte er.
164
»Niemand! Weil niemand es für wichtig hält mir etwas zu sagen! Aber nur
gut, dass andere nicht auch Zeke heißen, ich würde wohl sonst hinter dem
Mond leben!«, keifte sie zurück.
Ihre Streiterei ging den ganzen Weg die Treppe hinab weiter, selbst als sie
draußen waren ließen sie nicht voneinander ab. Der kalte Wind brannte in
Billies Augen und ließ ihre Lippen aufspringen.
»Denk’ nicht, du hast gewonnen!«, brummte Zeke und gestikulierte Eric,
dass er ihm folgen sollte. Billie verschränkte die Arme vor der Brust und sah
missgelaunt den beiden hinterher. Sie streckte ihm die Zunge raus. Tom und
Luna sahen sich zweifelnd an, sagten aber nichts.
Der Himmel war dunkel und nur wenige Sterne erhellten die Umgebung.
Auf dem Weg zum Seeufer hatte Tom Fackeln in den Boden gerammt und
diese auch entzündet. Der Weg endete mit einem Altar auf den Eric und Zeke
den Stein legten, darauf bedacht ihn nicht zu berühren, trugen sie ihn mit
einer Art Trage. Tom gesellte sich neben dein beiden Drachreitern (oder es
einmal waren), die an beide Enden des Altar standen.
Luna bedeutete Billie zu dem Stein zu treten und den Worten Toms zu
lauschen. Ungläubig ließ sie sich mit sanfter Gewalt in seine Richtung
schubsen. Luna blieb stets hinter ihr.
»Wir haben uns heute hier versammelt, um dem Pakt als Zeugen zu
dienen« Billie wusste nicht, wieso, doch Toms Stimme klang so eigenartig
fremd in ihren Ohren. Es war nicht die gleiche freundliche, wie er sie einst
begrüßt hatte, nein, es war eine Stimme, die kleinen Kinder eine Geschichte
erzählte und diese so atheistisch machte. Doch auch etwas mystisches lag in
ihr ... doch dieses etwas machte Billie nervös.
»Mögen die Elfen und Zentauren uns verzeihen, dies ohne ihr Wissen
getan zu haben! Mögen die Göttinnen es nicht wissen ...
Wir sind hier und geben dir, Billie, das, was dich vervollständigt. Unsere
Zeugen werden Eric und Zeke sein. Ihre Erfahrung mit dieser Zeremonie
erlaubt es ihnen.
Du bist nun bereit zu erfahren, warum du hier bist und warum wir alle so
einen großen Wert auf dich legen, Billie« Billie schaute verstohlen zum
Mond hinauf.
165
»Du hast vieles gelernt. Du weißt, wie man vergibt und verlangt. Und
auch, wie man etwas nimmt und gibt. All das zeichnet dich aus. Diese
Zeremonie und dieses Versprechen muss du irgendwann in Uatnez Neef
wiederholen, denn erst bei ihnen wird der Pakt akzeptiert. Nun berühre
dieses Ei« Tom breitete ehrfürchtig die Arme zum Himmel aus.
»Ich will keinen Pakt eingehen und ich gebe auch kein Versprechen ... und
erst recht nicht, wenn das ein Ei ist«, schloss Billie und drehte sich auf dem
Absatz um. Verstohlen sah sie in die Augen Lunas. Sie ahnte nur böses, was
in diesem Ei, was sie erst für einen Stein gehalten hatte, war. Sie wollte nicht
versprechen, denn wenn sie scheitern würde, würde die Nachwelt mit ihrer
Schuld leben müssen.
»Wenn du das tust ... ist die Hoffnung auf Erlösung, in welcher Sicht auch
immer, verloren und tot. Das ist das letzte Ei, wir wissen nicht, ob es noch
welche gibt. Sei nicht so egoistisch!« Zekes Worte hallten in ihrem Kopf.
Was auch immer da drin war, sie wollte es nicht. Sie hatte nicht das nötige
Verantwortungsbewusstsein, um sich um ein Ei zukümmern.
Mummelnd wandte sich Billie um und zog eine Grimasse. Abfällig
schätzte sie das Ei vage ab. Sie streckte ihre Hand aus und hielt inne, bevor
sie es vollständig berührte.
»Was will ich mit einem Ei?«
»Man sollte, glaube ich, erwähnen ... dass, wenn du stirbt auch dieses Ei
drauf geht und anderes rum genauso«, schnitt Eric an. Mit einem kräftigen
Atemzug berührte Billie das Ei widerwillig. Etwas warmes zog sich ihre
Fingerkuppen hinauf zu ihrem Herzen. Es kribbelte und brannte überall.
Billie ging leicht in die Knie und keuchte, als wäre sie meterweit gerannt.
Mit der rechten Hand hielt Billie sich am Altar fest und berührte das Ei mit
dem Unterarm. Mit der Linken griff sie sich an die schmerzende und
kochende Brust. Es fühlte sich an, als würde ihrem Herzen ein weiteres
wachsen. In ihrem Kopf dröhnte es, als würde etwas ihren Geist durchsuchen
und sich einnisten.
Nur schwach nahm Billie das Aufspringen des Eis war. Bevor sie ihr Bewusstsein verlor, blickte sie in die großen schwarzen Augen eines lilafarbenen Wesens. Es schien zu lächeln und summte leise.
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Verletzt wie eine Blume ohne Wasser, aber doch endlos glücklich wie eine
Mutter ..., das war das Letzte, was Billie wahrnahm ... die weisen Worte der
jungen Stimme.
*
Gegen morgen erwachte Billie wie gewohnt vor dem Gähnen Calvados’. Sie
lag in ihrem Bett. Jemand hatte sie wohl nach ihrem Zusammenbruch in ihr
Zimmer gebracht. Die Dunkelheit lag wie ein Schleier auf ihrer Seele und
verwehrte ihr das freie Atmen.
Billie wollte sich, vergebens, aufrichten und Tränen traten ihr in die
Augen, als sich ihre Muskeln vor Schmerz zusammenzogen. Sie ließ sich
zurück in ihr Kissen fallen und blickte zur Decke. Langsam massierte sie
sich ihre Schläfen, ihr Kopf fühlte sich an, als hätten Maden es aufgewühlt
und unangenehme Erinnerungen und Empfindungen wieder auf erleben
lassen.
Etwas summte friedlich vor sich hin, dieses etwas lehnte an Billies Bein
und schlief. Sie stützte sich, Zähne zusammengebissen auf die Ellbogen und
blickte auf das summende Wesen. Es war etwas kleiner als ihr Unterarm, es
hatte eigentlich genau die gleiche Größe wie der Stein -Ei, verbesserte Billie
sich. Der kleine Körper hob und senkte sich mit jedem Atemzug, den es tat.
Der kleine Kopf lag auf ihrem Knie und die langen Ohren lehnten dicht am
Hals. Die Augen waren geschlossen. Es hatte einen schlanken Körper und
war wenig muskulös. Die Flügel waren nicht eingezogen, sie fielen schlaff
den Körper herab.
Billie gefiel die Färbung des kleinen Drachens, sie war wunderschön
dunkellila, es schimmerte manchmal schwarz und glitzerte im Sonnenschein
wie dunkle Perlen. Noch nie hatte Billie so etwas gesehen. Einen Drachen, ja
den hatte sie schon gesehen. Amaro war älter und mächtiger als Calvados,
aber das lag auch daher, da Calvados noch ein Jungdachen war. Aber dieses
kleine Wesen sollte etwas wie Amaro werden? Irgendwie konnte Billie es
nicht richtig glauben.
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Zart strich sie über den Kopf den Körper herab. Mit einem Gähnen und
einer Reihe scharfer Zähne wachte es auf und blickte so liebevoll, wie am
Abend zuvor. Ein Lächeln ummalte ihr Gesicht ... war sie nun so etwas wie
eine Mutter?
28
Wie füttert man
einen Drachen?
Mit Herausforderungen kann man seine Geschicklichkeit üben und vieles lernen
168
un wo Billie Calvados’ Gähnen hörte, wusste sie das auch die
anderen wach geworden waren. Noch immer blickte sie den
kleinen Drachen an. Doch irgendwann wurde es ihm zu langweilig
und sprang vom Bett. Er spannte die Flügel, während er hinab auf den Boden
glitt. Seine grazilen Bewegungen glichen der einer Katze und er war überaus
flink.
Billie sah ihn lächelnd an, wie er vergeblich versuchte seinen eigenen
Schwanz zu fangen. Je mehr sie ihm zu sah, desto mehr fragte sie sich, war
es eigentlich ein Er? Wie sollte sie ihn nennen? Wie fütterte man ihn und wie
pflegte man ihn?
Ihre Fragen häuften sich, je mehr sie daran dachte. Billie sprang nun selbst
von ihrem Bett und ignorierte die schmerzenden Muskeln. Sie stürzte auf das
Baby zu und ergriff es, während dem Laufen. Ein erschreckter Protestschrei
ging von ihm aus und Billie fühlte wie überrumpelt er sich fühlte und seine
Angst.
Wild schlackerten seine Flügel umher und schlugen Billie gegen die
Arme, die kleinen Krallen an den Flügeln rissen ihr kleine Kratzer in ihren
Pullover. Billie eilte die Treppe mit zwei Stufen herunter und der kleine
Kopf des Drachen wurde mit jeder ab Bewegung hoch und runter geschleudert.
In der Küche angekommen, sah Billie schon alle friedlich ihr Frühstück
verspeisen. Entgeistert blickten sie alle in der Runde an.
»Guten Morgen euch beiden«, wünschte Luna schließlich. Billie schnappte
nach Luft und hielt sich die bebende Brust, den Drachen in der einen Hand.
Er hatte kaum mehr Gewicht als ein kleiner Hund.
»WAS ist das?«
»Ein Drache«, antwortete Zeke tonlos und aß weiter, als hätte ihn niemand
gestört.
»Nein, das meine ich nicht ... doch schon! Wo ist er? Wo ist diese
verdammte Stimme?« Billie hielt ihnen den Drachen vor und als Tom ihn
nehmen wollte, biss er, erwischte ihn aber nicht.
169
»Das da ist die Stimme, Billie« Zeke zeigte mit dem Finger auf den
Drachen. Die Sonne schien durch das Fenster. Und weckte eine Motte,
wegen der sich der Drache von Billie losriss und hinterher stürmte. Billie ließ
sich neben Zeke auf einen Stuhl nieder und nahm den Teller von Luna
schweigend an.
»Ist das ... mein Drache?«
»Ja«, bestätigte Zeke und nippte an seinem Tee.
»Und was ist das nun? Ich meine, ist das ein Mädchen oder ein ...?« Billie
unterbrach sich selbst, als sie den Drachen auf ihren Schoss hüpfen sah. Es
war ihm geglückt die Motte zu fangen und sie speisend zu genießen.
Vorsichtig streichelte sie ihn und er murmelte sich wie eine Katze
zusammen. Billie hob nur eine Braue und ihre Kinnlade klappte auf.
»Um das heraus zufinden, müsste ich es berühren ... aber solange du ihm
nicht beweist, dass wir Freunde sind, wird er uns beißen« Tom klang wie ein
Arzt, der einem eine Diagnose für jemandes Wehleiden erklärte und was
passieren könnte.
»Und wie soll ich ihn nennen?«
»Das musst du selbst entscheiden!«, lachte Zeke und widmete sich ihr nun
ganz seiner vollen Aufmerksamkeit.
»Von einer Motte wird er nicht satt oder?«, fragte Billie schwach.
Während sie ihm sanft über den Hals strich, fühlte sie das Vibrieren seiner
Lunge und hörte ihn leise summen. Sie fühlte seine Ausgelassenheit, für den
Moment, und seinen immer weiter ansteigenden Hunger. Billies Magen
knurrte auch ohne sein Einmischen.
»Nein, nur von ’ner Motte wird er nicht satt! Du musst ihn schon mit
Fleisch füttern. Hast du schon mit ihm geredet?«, fragte Zeke. Billie sah
schweigend den kleinen Drachen an. »Du musst versuchen seinen Geist zu
suchen ... aber du müsstest ihn eigentlich immer spüren. Es ist viel schwerer
mit jemanden in stillen Kontakt zu treten, als mit seinem eigenen Drachen.
Du spürst doch, wie er etwas fühlt? Jetzt musst du nur noch anfangen, dich
mit ihm zu unterhalten ... aber hatte die Stimme nicht eigentlich eine eher
männliche Stimme?« Zeke wartete auf ihre Antwort. Nur schwach löste sie
170
sich von dem Blick auf dem Drachen, der ihr ihre Gefühle nahm. Benommen
schüttelte sie ihren Kopf.
»Billie, ihr beiden seit nun so etwas wie Zwillinge ... ihr fühlt gleich und
ihr schlagt mit einem Herzen. Wenn einer hungert, hungert sein Zwilling
auch. Am Anfang sind diese Empfindungen noch sehr intensiv, aber auch das
vergeht nach einer Zeit« meldete sich nun auch Eric wieder zu Wort. Billie
sah ihn starr an. Ihre leeren Augen schienen erschöpft.
»Wann soll ich ihm das Fliegen oder Schwimmen beibringen? Oder wie
soll ich es ihm überhaupt beibringen? Und wann fängt er an Feuer zu speien?
Wann wird er ausgewachsen sein? Wann kann man ihn reiten?« Als Billie
angefangen hatte Fragen zu stellen, wollte sie gar nicht mehr aufhören.
»Also das Fliegen und Schwimmen kannst du ihm erst beibringen, wenn
er seine Flügel unter Kontrolle hat und sie anlegen kann. Aber diese beiden
Dinge bringt ihm lieber ein Drache bei, wie Calvados zum Beispiel. Was
hattest du danach gefragt?«, fragte Eric.
»Wann sie Feuer speien!«
»Ja, es gibt zwei Arten von Drachen, Liebes. Die einen speien Wasser,
beziehungsweiße Eis und andere halt Feuer. Aber die Eisdrachen sind längst
nicht mehr auf Dvonaäg zu Hause. Du hast einen Feuerdrachen, der in circa
zwei, drei Monaten anfängt zu speien«, gab Tom sein Wissen kund.
»Er wird jetzt, so in der ersten Woche einiges an Gewicht und Größe
zulegen. Seine Schuppen werden sich härten und sein Appetit wird dem eines
Hirsches gleichen, später sogar mehr«
»Und wie lerne ich ihm zwischen Gut und Böse zu unterscheiden?«
»Tja, dass ist so eine Sache«, sagte Eric und schielte zu Zeke rüber.
»Guck mich nicht so an! Asti hatte ich damals nur erzogen mehr nicht! In
andern Worten ... ich hatte in seiner Erziehung total versagt«, gab Zeke
tonlos zu.
»Calvados habe ich auch nicht zur Selbstständigkeit erzogen! Ich bin
genauso mies, wie du es einst warst!«
»Billie, nehm’ uns nicht als Vorbilder ... er hat ein Muttersöhnchen und
ich hatte ein total unmoralischen Drachen« Zeke schüttelte betrübt den Kopf
und Eric tat es ihm schweigend nach.
171
»Keine Angst, ich nehme euch beide nicht als Vollbilder! Ich werde ihn
schon nicht verderben ...«, warf Billie ein.
»Willst du ihn nicht langsam wecken und ihn füttern? Ich hol dir schnell
was«, mischte Luna mit und eilte hinter die Theke und holte ein Bündel
Fleisch.
Billie sah ihr nach und sah dann wieder zu ihrem Drachen. Vorsichtig
tippte sie ihn gegen die Seiten und spürte seine Empörtheit, darüber geweckt
geworden zu sein. Als er gähnte entblößte er eine Reihe weißer Zähne. Er
sah sie freundlich an und sie fühlte sein Verlangen nach Essen. Billie riss
etwas von dem Fleisch ab, was Luna geholt hatte und führte es zu seiner
Nase. Er sah sie skeptisch an und roch neugierig daran und schnappte
schließlich zu. Gierig schlang er es herunter und Billie konnte das große
Stück seine Kehle heruntergleiten sehen.
Sie fütterte ihm das ganze Fleischbündel und versuchte immer wieder mit
ihm in Kontakt zu treten, es klappte aber nie so recht. Missmutig nahm sie in
wieder mit nach oben in ihr Zimmer und beobachtete ihn bis er einschlief.
*
Als Billie des Morgens aufwachte blickte sie hellwach in die noch trägen
Augen ihres Drachens, vor ihr auf ihren Bauch liegen. Um sich Gewissheit
darüber zu verschaffen ob es nun ein Männchen oder ein Weibchen war,
nahm sie den Drachen auf den Rücken und versuchte die Merkmale auszumachen. Billie achtete nicht auf sein wütendes Fauchen. Sie entdeckte das
Merkmal eines Männchens.
In Billies Schädel arbeitete es nun stark, nachdem sie den Drachen wieder
freigelassen hatte, um sich einen Namen für ihn zu überlegen.
Wie soll ich dich nur nennen?, fragte Billie sich im Geiste und erschrak als
sie eine Antwort bekam.
Es tut gut mit dir zu reden ..., sprach die Stimme, die ihr sehr bekannt war.
Billie sah den Drachen langsam auf sie zu kommen, er schmiegte sich an sie
und sah sie aus weisen Augen her an. Konnte man wirklich mit einem
Drachen reden?
172
»Hast du grade mit mir geredet, Kleiner?«, fragte sie laut und ein leichtes
Nicken ging von seinem Kopf aus.
Ja, das war ich
Billie starrte ihn ein argwöhnisch an. Eben hatte sie unbewusst mit ihm
geredet ... was wäre, wenn sie es versuchte jetzt mit ihm zu reden?
Hat Zeke recht damit, was er gestern gesagt hat, meine ich ... sind wir bis
auf den Tod verbunden und abhängig sind?, fragte sie schwach und tonlos.
Sie fühlte seine Hin- und Hergerissenheit, was er nun antworten sollte. Aber
dies bestätigte, was Zeke sagte ... sie würden einander immer fühlen und
miteinander im Kontakt sein.
Billie konnte und wollte nicht weinen, aber doch war ihre
Niedergeschmettertheit in ihren Augen zu sehen.
Ich weiß, ich hätte dir diese Bürde nicht auferlegen sollen ... aber ich habe
egoistisch gehandelt und erst zu spät gemerkt, was ich damit bezwecke.
Wärest du nicht gekommen, wäre ich nun nicht mehr am leben.
Seid ich denken kann, habe ich meinen Reiter gesucht ... schon als kleines
Kind hatte ich dich gefunden, aber da warst du zu jung. Die Jahre, in denen
ich in meinem Ei saß und wartete, schwächten mich. Dieses Überlebensverhalten von mir, hat dein Leben entzweigerissen ... es tut mir Leid,
ich kann nur das sagen.
Und ja, Zeke hat recht. Wir sind nun Zwillinge, die leiden und weinen, sich
freuen und glücklich sind und die gemeinsam in den Tod gehen. Umso mehr
Leid tut es mir dich auch noch in den Tod gerissen zu haben, sollte es soweit
kommen.
Billie blickte ihn an. Er war es also, der ihr Leben zerstört hatte? Nein, ihn
hätte sie ignoriert ... es war einzig und allein Zeke, der Schuld daran hatte!
Sie versuchte ihn nicht spüren zu lassen, wie sie sich grade fühlte, aber doch
wusste sie, es war sinnlos.
»Du bist nicht daran Schuld ... wenn du weißt, was ich fühle, dann weißt
du, dass ich nur ihm die Schuld gebe!«
Es war kein Zufall, dass er dich gewählt hatte. Sein letzter Auftrag als
Reiter, selbst wenn er zu diesem Zeitpunkt keiner mehr war, war, dass er den
Reiter für das wohl letzte Drachenei findet und ihn sicher hierher geleitet. Es
173
gab Menschen, die für mich ausgesucht worden waren, doch weil ich in den
Zeremonien nicht auf sie reagierte und immer noch nicht schlüpfen wollte,
wussten sie, ich hatte meinen Reiter bereits in Gedanken gefunden ... das
Problem war nur, meinen Reiter zu finden. Der Drache endete. Billie wusste
nicht, was sie sagen sollte.
Wie lautet dein Name oder wie willst du heißen, mein Drache, der mich
für würdig hielt?
Brosco ...
29
„Hilf mir, es zu
verstehen!““
174
Alles muss gelernt sein ... sei es nur das „Ja“ und „Nein“
r, Brosco, war nun ihr Drache. Sie musste ihn großziehen und so
manches lehren, von dem sie nicht einmal wusste, dass man es
lernen musste. Er war so plötzlich in ihr Leben getreten und hatte
alles verändert, denn nun musste sie nicht nur auf sich, sondern auch auf sein
Überleben achten, denn wenn sie es nicht tat, würde es ihrer beider Tod
bedeuten und das wollte sie auf jeden Fall nicht. Sie würde nun immer seinen
Geist in ihrem Herzen spüren und wissen, was er tat ... sie würde leiden, nur
weil er es tat ... würde sich freuen, selbst wenn sie weinen wollte. Sie musste
sich eingestehen, dass es diese Reise in sich hatte. Veränderungen, Gefühle
und noch anderes Zeugs, was sie prägte ... und sie nie vergessen werden
könnte.
Billie sah sich in ihrem Zimmer um. Zum ersten Mal, seit der Drache
geschlüpft war, war sie alleine in ihrem Zimmer und lag genüsslich auf
ihrem Bett. Ein seelisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus ... es
war so herrlich ruhig!
Brosco war bei Calvados und lernte etwas von ihm. Es war ja auch schon
eine Woche vergangen, seit er das Leben genoss und entdecken konnte. Er
war mächtig gewachsen und hatte an Gewicht zugelegt. Billie meinte, wenn
er jetzt nicht angefangen hätte mit Calvados zu üben, oder was auch immer
die beiden machten, hätte er einen großen, runden Bauch und viel Speck.
Aber nun verwandelte er das restliche Fett in Muskelmasse um, das gefiel
sowohl ihr als auch ihm selbst. Er hatte gelernt wie er seine Flügel
beherrschte und wie er selbst für sich sorgen konnte, wenn Billie mal nicht
anwesend war oder sich bald nicht mehr um ihn kümmern brauchte. Dieser
Gedanke missfiel Brosco, das konnte Billie ganz deutlich spüren. Sie musste
ihm noch viel über Selbstständigkeit und Verantwortung lehren und auch wie
man Gut und Böse unterschied. Das war ein Punkt, den Billie immer wieder
anspielte. Zeke meinte einst, er habe Asti so etwas nicht gelehrt und auch
175
Eric hielt es nicht für angebracht seinen Drachen zu erklären, dass er eine
eigene Seele hatte. Billie wollte einen Drachen, der auch ohne sie klar kam
und das brachte sie manchmal an den Rande des Wahnsinns.
Zeke unternahm irgendetwas mit Eric. Vielleicht redeten sie oder aber sie
würden sich, wie schon so oft versucht, die Köpfe einschlagen. Billie konnte
und wollte es nicht wissen. Es war viel leichter einen Drachen zu erziehen,
als einen Jungen zu verstehen. Aber es kam ihr vor, dass sie sich schon viel
besser verstanden, seit Brosco da war.
Tom und Luna erholten sich auf einer Lichtung. Immer wenn Billie die
beiden turteln sah, wurde ihr übel, nicht dass sie es ihnen nicht gönnte. Wie
oft wünschte sie sich einen Jungen zum Anlehnen? Wie oft hatte sie sich
gewünscht, dass wenigstens Joey da wäre? Ja, sie war damals ein Miststück
gewesen, aber doch lag ihr etwas an ihm ...
Billie seufzte leise und schloss ihre braunen Augen. Sie hatte ihr langes
Haar zu einem Zopf geflochten. Die Hände hinter den Kopf und die Beine
lässig, eines hing das Bett herunter.
Hey Billie, weißt du, was ich heute gelernt habe?
Billie fluchte, was das Zeug hielt und was ihr jäh in den Sinn kam. Sie war
nicht bereit dem kindlichen Drachen zu antworten. Er war (manchmal) so
weise, aber doch vergas sie immer wieder, dass er noch ein heranwachsendes
Baby war. Schon oft hatte sie ihn gebeten dies zu unterlassen, aber nein, er
musste diese eine Regel brechen. Irgendwann, schwor Billie, irgendwann
wirst du es raffen!
Was hast du?
Ich habe wieder keine Ruhe vor dir! Willst du, dass wir noch ein Gespräch
führen? Drache hin oder her, ich will meine Privatsphäre!, fauchte Billie ihn
im Geiste an und spürte sein Schuldgefühl und Verständnis, dem gegenüber,
was er getan hatte, und es tat ihr augenblicklich Leid ... er konnte es noch
nicht verstehen und umsetzen. Seine Stimme erstarb und gab Ruhe.
Zeke hatte recht in dem, was er sagte; dass die Emotionen mit der Zeit ein
wenig abschwächten, doch lag es eher daran, dass sie sich daran gewöhnte.
In Billies Kopf dröhnte es, sie wollte nicht mehr hier sein ... wollten sie
nicht eigentlich die Göttinnen besiegen und keinen Urlaub machen?
176
Wahrscheinlich war auch ein Gespräch mit Zeke fällig. Alles musste sie
alleine erledigen, es nervte sie total.
Ein lautes Stöhnen und Billie stand wütend auf. Jetzt war ihre schöne
Ruhe hinfort, die Atmosphäre gestört und noch tausend andere Gründe, die
Billie im Nachhinein einfielen. Sie blickte aus dem Fenster und sah den
großen schwarzen Drachen im Wasser plantschen ... und der kleine Lilane
schwamm ihm tüchtig hinterher und versuchte zu tauchen. Irgendwie
niedlich, dachte Billie, in solch einem Moment fühlte sie sich wie eine
Mutter ...
Langsam wand sie sich von dem harmonischen Bild ab und ging die
Treppe herunter zu den beiden Drachen. Brosco war so über ihr Erscheinen
erfreut, dass er nur mit den Beinen paddelnd mit den Flügel schlug, sein
Körper leicht nach oben gerichtet. Sein freudiges Quicken entlockte
Calvados ein sanftes Brummen und zauberte Billie ein Lächeln ins Gesicht.
Als Calvados die kleine Schwimmstunde für Brosco beendet hatte, schüttelte
er sich so stark, sodass Billie dachte: sie sei in einen Monsun geraten. Brosco
schlurfte munter auf sie zu und sah sie erwartungsvoll an. Billie ließ sich in
die Hocke und erlaubte ihm somit sich an ihrem Kopf, sowie Schultern zu
schmiegen und sie strich ihm liebevoll über den langen Hals.
Lass uns spazieren gehen, ich muss mit dir reden ... es ist wichtig!,
beschloss Billie und hörte auf ihn zu streicheln.
Während beide bewusst im Wald umherirrten, fühlte sich Billie aus ihrer
Welt entrückt, als wäre sie ein Zuschauer ... es war wie damals, als sie das
Dorf gesehen hatte, wobei doch alleine mit Zeke gewesen war. Ihre Laune
zog die Laune ihres Drachen herunter, selbst sein freundliches Wesen
munterte sie nicht auf.
Sie sprach es laut aus, sie hatte keine Geheimnisse vor dem Wald um sie
herum: »Was würdest du tun, wenn ich von jemanden bedroht werde ... und
du weißt, dass Unschuldige, Menschen die nichts damit zu tun haben,
anwesend sind?«
Ich würde versuchen dich zu retten, selbst wenn Verluste entstehen
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»Ja, grade deswegen solltest du es nicht machen! Du weißt schon, was ein
Unschuldiger ist oder?« Billie bemerkte ein Nicken seinerseits. »Du kannst
nicht jeden, der mir feindlich gesinnt ist, töten und damit riskieren, dass
Unschuldige es bereuen! Weißt du, ich habe bisher nur von Reitern gehört,
die in der Ausbildung ihres Drachens vollkommen versagt haben ... und ich
will nicht auch zu ihnen zählen! DU bist ein Drache und so viel weiser als
ein Mensch, aber doch bist du unfähig zwischen Gut und Böse zu unterscheiden« Billie fing nun an Brosco einige prekäre Situationen zu nennen, in
der er entscheiden solle, was er für richtig hielt. Sie erläuterte ihm jede
Situation mit beiden Antworten und vergewisserte sich, dass er auch alles
verstanden hatte, was sie sagte, es ging hier ja um Menschenleben! Brosco
entschied sich meist, trotz dem Verstandenem von Billie, nicht für das
Richtige.
Billie gab es nach einer Stunde, vergeblich auf, ihm es weiter beizubringen, nun hatte sie keine Nerven mehr dafür ... denn nun hatte sie ein
anderes Problem, sie hatte sich verirrt. Sie fluchte laut und sah in die großen
Augen des Drachens.
»Du kannst mir nicht zufällig helfen oder?«, fragte sie skeptisch und
dachte an Zeke. Es war einfacher mit Brosco Kontakt aufzunehmen als mit
ihm, sie biss sich schmerzlichst auf die Zunge, als es nicht klappte.
Was ist los? Ich spürte deine aufsteigende Wut
»Sicher! Wir haben uns verirrt! Und sieh, es wird auch schon dunkel!«
Verzweifelt sackte Billie auf den Laubboden und blickte in die Lücke des
Baumdaches über ihr. Brosco legte seinen Kopf auf ihren Schoss und
beruhigte sie mit seiner bloßen Gegenwart und leisem Summen.
Billie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und hatte sich auch nicht zu mehr
als Feuerholz sammeln aufgerafft. Sie wärmte sich an den glühenden
Flammen. Brosco saß ihr gegenüber und starrte interessiert in das Feuer.
Seine Schuppen glitzerten wie kleine lilafarbene Diamanten und seine Augen
strahlten mehr wärme aus als jedes Feuer. Sein stolzer Blick veranlasste
Billie dazu, ihn respektvoller zu behandeln, als sie es ohnehin schon tat –
vielleicht so viel Respekt wie sie Amaro widmete.
178
Von weither hörte Billie das Heulen der Wölfe, die immer näher kam. Sie
hatte schon zu oft Angst gehabt, um es jetzt, nur weil ein paar räudige Hunde
kamen, wieder zu empfinden. Sie schnappte sich eine Holzscheite, an dessen
Ende Feuer prasselte und stand auf. Brosco versteckte sich zitternd hinter
Billies Beine und fauchte aufgebracht. Er hatte seine Ohren angelegt und
fletschte die Zähne. Seine Flügel hatte er ausgebreitet, damit er noch größer
schien. Er hatte die Größe eines ausgewachsenen Wolfes erreicht.
Wenn wir das hier, und ich weiß nicht wie, überleben, bitte erinnere mich
daran, dass ich dir die erste Regel der Drachenreiter nenne und erkläre! Ich
hoffe ich bin ein Beispiel und kann mich nun daran halten.
Woher kennst du die Regeln?, fragte Brosco.
Gute Frage ..., lachte Billie bekümmert im Geiste und sah nun den ersten
Wolf auf sie zukommen.
Rühr dich bitte nicht. Weder fauchst du, noch sonst was!, mahnte Billie
ihn und fuchtelte mit dem Holzscheide herum, um das Wolfsrudel auf
Distanz zu halten. Fürchterlich knurrten sie und gespenstisch umkreisten sie
Billie und Brosco.
Billie spürte Broscos immer mehr ansteigende Wut und Furcht. Wenn sie
ihn nicht hätte mit ihrer Gelassenheit beruhigt, so hätte er bestimmt schon
längst einen der Wölfe angegriffen. Billie ließ keinen der Wölfe aus den
Augen ... wenn sie die hinter ihrem Rücken nicht sah, nahm Brosco ihr die
Sicht nach hinten ab. Viele Minuten kreisten sie umher und ließen nicht von
einander ab, bis jedoch einer der Wölfe ansetzte und nach Billies Hand, die
das Feuer hielt, schnappte. Sie wurde mit solch einer Wucht nach hinten
gerissen und stolperte rückwärts über Brosco. Währendessen flog ihr das
Feuer aus der Hand und sie fühlte nur noch den elenden Schmerz in ihrem
Unterarm und das warme Blut das hinausklaffte. Der Wolf hatte zwar
losgelassen, aber stand noch immer auf ihr, bis Brosco sich gegen ihn stürzte.
DU NARR! Flieh, verdammt!, donnerte Billie und sah in die entsetzen
Augen Broscos, der sich nun widerwillig und schwankend in die Lüfte erhob
und aus dem Wald flog. Billie wusste nicht, ob sie mit dieser Entscheidung
ihrer beider Leben riskierte, denn wenn sie sterben würde, würde er es
unweigerlich auch.
179
Sie raffte sich auf und rannte zum Stück Holz, dessen Feuer nun das Laub
entfacht hatte. Es hinderte sie wenig, wenn Wölfe sie rammten und bissen,
den nun hatte sie nur das eine Ziel.
»Agul nah bren Biskul!« Und sogleich sah Billie das Holz sich in ein
Schwert verwandeln, als sie es in ihren Händen spürte. Schmerzend richtete
sie sich auf und hielt das, nun verwandelte, Stück Holz in beiden Hände.
Jeder Wolf, der sich nun ihr widmete, spürte die Klinge, zwar –bedachtnicht tödlich aber immerhin so scharf, dass nun auch die Tiere an wenigen
Stellen bluteten.
Je mehr Billie versuchte die Wölfe zu verscheuchen, desto angriffslustiger
wurden sie. Billie nahm nur schwach aufgewirbelte Luft wahr. Sie dankte
Gott, dass sie auf dem Weg zu ihr waren. Ungeachtet ließ sie das Schwert
fallen und sank auf die Knie und starrte in die wolkenlose Nacht ... es gibt
gar keinen Gott! Würde es einen Gott geben, würde er uns nicht solche
Qualen erleiden lassen und hätte uns die Göttinnen nicht gesandt. Billie
verstand Gott nicht. Sie vergaß nun alles um sich herum, selbst die Wölfe,
die von dem landenden Calvados verscheucht wurden. Selbst dass Zeke sie
aufrichtete, nahm sie nur wie einen Traum wahr und genauso die Tatsache,
zum ersten Mal auf einem Drachen zu fliegen ... doch wo war Brosco?
*
Billie wachte am nächsten Morgen alleine in ihrem Zimmer auf. Luna oder
jemand anderes hatte sich um ihren verletzten Arm gekümmert, er schmerzte
nur noch halb so viel wie gestern. Sie versuchte, das zu verarbeiten, was ihr
gestern widerfahren war. Sie hatte über Gott nachgedacht ... und über die
Göttinnen.
Zum ersten Mal dachte sie daran, wie man einen Gott töten konnte. Wie
sollte ausgerechnet sie einen Gott töten?! Ihr war all das widerfahren, nur um
später eine Legende zu werden, sollte es ihr gelingen die Göttinnen zu töten?
Aber ja, es war ihr gegönnt etwas zu vollbringen, an dem andere gescheitert
waren und sie war ja nicht alleine. Zeke und Brosco würden an ihrer Seite
bleiben und würden auch für sie sterben.
180
In einer Ecke in ihrem Zimmer erblickte sie zwei Schwerter, eines davon
war das geerbte von Fedele, das andere ihr Gezaubertes. Billie stand auf und
ging auf die Schwerter zu. Eines schwang sie elegant in der Linken, das
andere führte sie unter Schmerzen in der Rechten. Sie war sehr geschickt und
nun endlich beidhändig. Nun würde sie beide Schwerter tragen und im
Kampf gegen das Böse einsetzen können, mit Brosco zusammen.
Billie suchte seinen Geist, und sie fand ihn, doch seine Mauer die er errichtete hatte, konnte sie nicht durchdringen. Je mehr sie dagegen anschlug
und versuchte sie niederzureißen, umso härter wurde die Mauer. Sie fragte
sich nur, warum man eine Mauer aufbaute. Doch sie verwarf ihrer
Verwunderung und beschloss, dass sie noch einiges lernen müsste, um nicht
auf das Können andere neidisch zu sein.
Warum hast du mich fortgeschickt?, klang Broscos vorwurfsvolle Stimme
in ihrem Kopf, er hatte sich dazu entschlossen doch mit ihr zu reden.
Du magst, im später Zukunft vielleicht stärker sein als ich, aber noch bis
du mein Schützling und ich will, dass du lebst. Du warst ein Narr zu glauben,
dass ich etwas sage oder tue, nur um mich in den Tod zu kriegen, nein ... ich
habe mehr gelernt als du, also fange an mir zu vertrauen und lerne von mir.
Ich habe, zu deiner Information, keinen der Wölfe getötet.
Und wie lerne ich von dir, wenn du mich für einen Narren
hältst?
Du lernst so wie ich es gelernt habe. Du musst eigentlich nur wie ein
Mensch denken! Du musst zwischen Gut und Böse unterscheiden und wissen,
wann du etwas tun oder lassen solltest.
Du sagtest, du wüsstest die erste Regel der Drachenreiter, stimmt das
den?
Ja ... die erste Regel: töte niemals, wenn es nicht unbedingt nötig ist.
Lasse immer Gnade walten, sei es dein größer Feind. Wenn jemand am
Boden ist, schlage nicht weiter zu ...
Woher kennst du diese Regel?
Das habe ich von jemanden sehr weisem gehört ... doch er hatte versagt.
Hilfst du mir, es zu verstehen?
Wenn du hierher kommst gerne!
181
30
182
Schnelle Pferde und
Proviant
Manchmal ist der Umweg am kürzesten
ir brauchen Pferde!«, beschloss Zeke eines Abends, als sie alle am
Tisch saßen und fertig gegessen hatten. Wieder waren sie eine
Woche auf dem Hof geblieben und Brosco hatte dessen so
zugelegt, an Gewicht und Größe, dass er mit Calvados schon draußen
nächtigen und mit ihm auf die Jagd gehen musste.
»Wenn wir nicht langsam aufbrechen, bekomm ich langsam graue
Haare!«, beschwerte er sich und schlug heftig auf den Tisch.
»Zeke, wenn du altern würdest hättest du schon vor meiner Geburt graue
Haare!«, gab Billie ihr Kommentar ab und sah mit einem Seitenblick Zekes
Gesicht verdunkeln, während dessen lachten die meisten am Tisch auf seine
Kosten.
»Nicht nur vor, nein ich wäre schon unter der Erde! Ich habe die Kutsche
repariert, wir können uns Pferde im nächsten Dorf kaufen und dann auch
aufbrechen«
»Und du willst jetzt los?«, fragte Eric skeptisch und sah ihn an. Zeke
knurrte nur: »Morgen früh!« und ging dann auf sein Zimmer hinauf. Man sah
ihm nach, aber nur Billie konnte ihn verstehen. Er wollte sein Leben wieder.
Das schwummrige Kerzenlicht in der Küche war sehr harmonisch und
tanzte an den Wänden in den verschiedensten Formen.
183
»Glaubt ihr, er hat es schon überwunden?« Billie sah immer noch auf die
Stelle, von der Zeke verschwunden war, wurde aber plötzlich von Erics
fragender Stimme aus ihrer Trance gerissen.
»Was soll er überwunden haben?«, fragte Billie.
»Wir sind die Eltern der Göttinnen, Billie ... und die Göttinnen haben ihm
sein Leben, seinen Drachen und alles, was ihm je etwas bedeutete hat,
genommen. Er hat den größten Grund uns zu hassen. Es ist alles ausgeartet,
als der Höllenprinz, für einen kurzen Moment, nicht aufgepasst hat. Aber
man kann es ihm nicht vorhalten, versagt zu haben ... denn es ist eine
schwere Bürde, das Böse zu beschützen.
Die König hatte ihm seine Alexandra genommen. Sie war eine großartige
Elfe und noch viel zu jung, um zu sterben. Du erinnerst ihn sehr an sich
selbst ... und an die Elfe von damals« Lunas sanfte Stimme bewegte etwas in
Billies Herz.
»Es ist aber kein Grund nun Mitleid mit ihm zu haben. Ihm sind von
Grund auf nur schlechte Dinge passiert, aber wie heißt es doch so schön;
nach prägenden Zeiten kommen meist wieder rosige! Und er hat einen
Lichtblick und der bist du. Du kannst ihm, wenn es dir gelingt, sein Leben
wieder geben und ihn vielleicht vergessen und wieder lachen lassen. Er hat
sich jemanden an seiner Seite verdient ... aber da wird dein Vater sehr, sehr
zornig werden«, meinte Tom milde. Warum kannte jeder ihren Vater?
»Ich werde nun schlafen gehen ... gute Nacht euch allen«, sagte sie und
ging schleichend die Treppe hinauf. Im Flur oben angekommen, legte sie die
Hand auf den Türknauf von Zekes Zimmer. Sie öffnete ihn und schielte
hinein. Mit einem Schrecken öffnete sie die Tür ganz und blickte in ein
vollkommen leeres Zimmer. Zeke war nicht in seinem Zimmer! Er war weg!
Doch sie konnte nicht rufen, konnte den anderen nicht sagen, dass er fort war
...
Brosco!
Ja? Was ist passiert, du klingst so aufgebracht?
Ist Zeke irgendwie an dir vorbeigekommen?
Nein ...
184
Selbst Brosco hatte ihn nicht gesehen! Also war er nicht nach draußen
geflüchtet, musste er unweigerlich noch im Haus sein, in einem der
Obergeschosse. Billie entschied sich dazu in ihrem Zimmer zu lugen. Aber
selbst dort war er nicht. Sie ging zum Fenster und blickte in das dunkle
Nichts vor ihr. Peitschender Regen prasselte ans Fenster, man konnte keine
Bewegung ausmachen, es wurde schon schwer für sie ihren eigenen Drachen
im Gebüsch zu finden. Sie berührte die kalte Oberfläche des Glases. Wie
mochte er sich nur fühlen?
Billie schnappte sich ihren Mantel, der eigentlich Zeke gehörte aber ihn ihr
geliehen hatte und eilte hinaus ins Freie. Scheinbar war Luna die Einzige die
noch in der Küche tätig war, bemerkte Billie als sie an der Küche vorbeistürmte. Im Geiste rief sie Brosco zu sich und befahl ihm, nach Zeke Ausschau zu halten, doch sie brach mitten in ihrem Befehl ab. Von weit her sah
sie den dunkelgrauen Mantel und den hellen Schopf hervorlugen. Er
verschwand in der Tür zur Scheue, wo das Vieh und die Kutsche war.
Langsam ging Billie bedrückt auf die Scheune zu. Ein schwaches Licht
drang aus ihr. Knarrend öffnete Billie das Tor und ging hinein auf dem Heu
sitzenden Zeke zu. Er nahm ihre Anwesenheit war, aber er reagierte nicht,
selbst als Billie sich neben ihm auf einen Heuballen niederließ. Stumm sahen
sie in die Flammen der kleinen Laterne vor ihnen. Zeke war im Gegensatz zu
Billie trocken, ihre Haare trieften nur vor Nässe.
»Warum bist du mich suchen gekommen?« Er sah sie verwundert an.
Billie dachte lange nach, bevor sie antwortete. Warum hatte sie nach ihm
gesucht? War es die Angst, allein gelassen worden zu sein, nach allem, was
sie schon verloren hatte? Oder machte sie sich Sorgen, nachdem, was sie in
der Küche gehört hatte? Waren sie beide sich wirklich so ähnlich? Billie
zweifelte nicht mehr daran, sie hätte genau so gehandelt. Er hatte alles
verloren und sie hatte alles verdrängt. Er hatte wie sie nun kein Zuhause und
niemand kümmerte sich um sie. Niemand war nun ihr Freund, jeder war ein
Feind, selbst der eigene Gefährte.
»Weil ich ahnen kann, wie du dich fühlst ... willst du mit mir reden?«
»Nein«, sagte er knapp. Billie stand auf und setze sich neben ihn. Es
kümmerte sie nicht, dass er rot im Gesicht wurde.
185
»Gut ... es ist besser, wenn wir schlafen gehen, wollen ja morgen Pferde
besorgen. Haben wir eigentlich noch Geld?«
»Nein, ich leihe mir was von Tom. Billie warte!«, rief Zeke, als Billie
bereits Richtung Scheuenausgang ging, nachdem sie aufgestanden war.
»Ja?«
»Wie schaffst du das?«
»Was?«, fragte Billie verwundert und sah in seine leicht feuchten Augen,
er weinte aber nicht.
»Ich habe dich aus deiner Welt gerissen! Du hättest jetzt vielleicht schon
Kerle, die um deine Hand anhalten ... du wärest sicher gewesen. Doch ich
habe dich zu einem Reiter werden lassen, habe dir alles genommen, was dir
etwas bedeutet hat ... habe dir die Chance auf ein normales Leben genommen. Ich ... es tut mir Leid. Ich habe so vieles falsch gemacht ...« Er
konnte nicht zu Ende reden. Sein Mund klappte leicht auf und hauchte ein
sanftes »Danke« in Billies Ohr, als diese ihn umarmte und so zum
Schweigen brachte. Er sollte sich keine Vorwürfe machen, ihr Leben ruiniert
zu haben.
»Ich schaffe das alles nicht. Ich kann es nur verdrängen, weil ich nicht
weinen will. Aber diese Last trage ich seit kurzem, du aber schon dein
ganzes Leben. Es passiert immer mehr, auf dieser Reise, was mich zeichnen
und mir Mut aber auch Distanz lehren wird. Du bist der Einzige, der weiß,
was ich verloren habe, was passieren wird und ob ich es jemals schaffe die
Göttinnen zu besiegen. Ich weiß, meine Vergangenheit und meine Gegenwart aber meine Zukunft hast du in der Hand. Also versuch bitte nicht mehr
mich zu beschützen, indem du mir nichts sagst. Lehre mich alles was ich fürs
Überleben brauche, das ist mein einziger Wunsch ... denn ich will nicht von
jemanden abhängig sein, der sich von Gefühlen leiten lässt«, sagte Billie
ernst.
»Ja, das sagt die Richtige! Aber selbst heulen wie ein Wasserfall!«, lachte
er spöttisch.
»Nicht mehr ...« Billie pustete die Laterne aus und nahm Zeke an die Hand
und brachte ihn zum Haus zurück durch den strömenden Regen draußen.
186
*
»Ach die lieben Herren im Himmel! Wie hast du bitte die Kutsche zusammengebaut?«, beschwerte sich Tom, der neben Zeke auf der Bock der
Kutsche saß. Eric und Billie hatte hinten Platz genommen und wurden mit
jeder Bewegung hin- und hergeschleudert.
»Von welchen Herren redest du Tom?«, lachte Zeke und lenkte Erics
schwarzes Ross. Eric sah nur bedauernd zu, wie er sein Pferd misshandelte.
Zeke war kein geborener Fahrer einer Kutsche!
»Zeke, ich wäre dir echt verbunden, wenn du mein Pferd am Leben lassen
würdest!«
»Und ein wenig langsamer könntest du auch fahren!«, sagte Billie und
plötzlich wurde aus ihrem rasantem Galopp ein ruhiger Trab und jäh hörte es
auf zu Poltern. Billie atmete tief durch.
Sie fuhren durch eine Allee von Kirschbäumen, deren rosa Blätter im
Wind langsam zu ihnen herunter segelten. Erst jetzt bemerkte Billie, dass
sich der Sommer dem Herbst neigte. Sie fühlte den schmerzenden Gedanken
an Zuhause. Sie war nun schon über ein Jahr unterwegs und sie war noch
nicht am Ende angekommen.
Sie kamen ans Ende der Allee und blickten in ein kleines Dorf, nicht
größer als ihr eigenes. Kinder lachten und spielten auf der Straße mit ihren
Bällen. Es war eine gewohnte und doch ungewohnte Umgebung. Alles so
vertraut aber auch fremd. Das Dorf hieß Ürübill. Sie fuhren eine kleine Gasse
entlang und parkten dort ihre Kutsche.
»Eric ... pass auf die Kutsche auf!«, befahl Zeke und sprang grinsend vom
Bock und half dann Billie davon herunter.
»Willst du mit uns zusammen Pferde kaufen, Tom, können dann auch
Proviant kaufen, danach?«, fragte er.
»Sicher, ihr habt doch keine Ahnung vom Pferdekauf, ihr Laien!«
»Ähm Billie, es wäre gut, wenn du Brosco nicht erwähnen würdest. Es
muss nicht publik werden, dass es einen neuen Reiter gibt«, flüsterte Eric ihr
zu, bevor sie sich aufmachten Pferde zu finden und zu kaufen.
»Leider bin ich schon in Swirnaif bekannt!«, rief sie ihm zu.
187
Doch schon bald darauf (nur ein paar Schritte entfernt) sahen sie ein Schild
auf dem ein nach oben geöffnetes Hufeisen mit einem Pferdekopf gemalt
war. Billie sah sich die detaillierte Zeichnung des Kopfes an, sie war herrlich
genau. Zeke stieß die Tür knarrend auf. Billie ging nach Zeke hinein und
besah sich den ganzen Raum. Wundervolle schöne und saubere Boxen waren
zu einer langen Allee zusammen gebaut. Sie roch förmlich das frische Stroh
unter den Hufen der Pferde.
»Wie viele, glaubst du, braucht du? Wieder drei?«, fragte Tom und zählte
sein Geld.
»Ich denke, zwei würden reichen. Wenn Brosco die richtige Größe hat,
dann kann er ja ... ah, Hallo! Wir würden gerne zwei ihrer schnellsten Pferde
kaufen!«, sagte Zeke zum Verkäufer, als dieser sie bemerkte und zu ihnen
trat.
»Weißt du, wie teuer schnelle Pferde sind?«, gab Tom sein Kommentar
mit.
»Billie was für eines würdest du denn haben wollen?«, fragte Zeke und
wischte Toms Anspielung aufs Geld damit hinfort. Billie sah sich um ... ihre
Wahl traf einen beigefarbenen Hengst, dessen Mähne und Schweif schon
einem Weiß glichen. Er war nicht größer als sie selbst, seine Höhe entsprach
einem Meter und fünfundsechzig Zentimeter. Wenn ab und an ein paar
Sonnenstrahlen ihn trafen, schimmerte er golden. Er hatte einen kleinen Kopf
mit gradem Profil, einen langen wohlgeformten, muskulösen Hals, eine tiefe
Brust und schräge Schulter. Billie war hin und weg von ihm.
»Du willst den da?« Es war eher eine Feststellung als eine Frage für Zeke.
»Ich will den da ... den Schecken da!« Zeke suchte sich einen Schecken
mit braunen Flecken aus. Dieser hatte einen eleganten, kleinen Kopf mit
einer Ramsnase, einen kurzen Hals und steile Schultern. Sein Rücken war
kurz und seine Beine kräftig.
»Eine gute Wahl, -Ocilocaid, der Schecke ist sehr schnell und klug, aber
eher klein und kompakt. Otlovnisid ist sehr edel, hat schon viele Rennen
gewonnen und gute Erben gebracht. Was bietet Ihr?« Des Händlers Über-
188
legenheit, mit teuren Pferden zu handeln, ließ Zeke von einem Bein auf das
andere treten, Tom sah nur bedrückt in seinen Geldbeutel.
»Tom ... wie viel hast du?«, fragte Zeke schwermütig und sah nicht nach
hinten zu ihm, er neigte nur leicht den Kopf zur Seite.
»Nicht mal annähernd so viel, wie du dir vorstellst«
»Wie ist Euer Name?«, wollte der Händler wissen.
»Der tut nichts zur Sache ... es sei denn, wir würden sie billiger bekommen
unsere gewünschten Pferde!«, redete sich Zeke heraus.
»Ja, so etwas in der Art ... es ist nicht lange her, da waren zwei vermummte Gestalten hier. Ein Mann und eine Frau, ich konnte ihre Gesichter
durch die Kapuzen nicht sehen, aber die kauften zwei Pferde und sagten, dass
bald jemand kommen würde und zwei bräuchten ...«
»Wenn dies so ist, will ich diesen Leuten womöglich danken ... ihre
Namen sind Tom und Billie«, sagte Zeke.
»Und der Ihrige?«, fragte der Händler.
»Zeke ...«, nuschelte Zeke und sah auf dem Boden.
»Dann gehören diese Pferde nun Euch« Der Händler verbeugte sich kurz
und holte die Pferde aus den Boxen, sattelte sie und gab Zeke und Billie die
Zügel in die Hände. Dankend gingen sie mit kostenlosen Pferden in die
Abenddämmerung hinaus.
»Das war mir nicht ganz koscher! Tom bring die Pferde schon mal zum
Wagen und kauf unbedingt Proviant! Billie und ich müssen schnell irgendwo
ganz wichtiges hin« Er griff Billie am Handgelenkt und rannte mit ihr im
Schlepptau durch das kleine Dorf. Sie beide rannten dem Rot entgegen, es
blendete Billie in den Augen, aber trotzdem, war es einer traumhafter Anblick.
Zeke zog sie in eine kleine Gasse und führte sie durch eine Tür. Es war ein
Frisörsalon. Billie warf ihm einen erbosten, aber zugleich verwirrten Blick
zu, er erwiderte ihn nicht.
»Wir würden beide gerne einen neuen Haarschnitt, Ma’am«, rief er durch
das Zimmer, in der Hoffnung, dass die Frisöse bald komme.
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»Du verlangst jetzt nicht von mir mein schönes, langes Haar zu schneiden
oder?« Billie stiegen die Tränen leicht in die Augen und ihr Mundwinkel
verzog sich nach unten.
»Doch, das verlange ich von dir! Es ist nicht gut, wenn man uns erkennt ...
hast du nicht unsere Fotos gesehen?« Billie wurde bewusst, wie ernst die
Lage war.
»Ja? Was wünschen die Herrschaften für einen Haarschnitt?«, fragte die
Frisöse freundlich und zeigte Zeke, der den Anfang machte den Weg auf
einem Stuhl, mit sanfter Gewalt drückte sie ihn, der mehr als einen Kopf
größer war als sie, auf den Stuhl nieder.
»Es könnte kürzer sein ... oder?«, fragte er an Billie gewand. Er öffnete
seinen Zopf. Zum ersten Mal sah Billie seine ganze Haarpracht.
»Ja, sicher ... vielleicht bis zum Nacken?«, stotterte Billie und nickte
stürmisch. Die Frisöse griff zu einer Schere und Zeke schloss entspannt seine
Augen und wartete auch das Geräusch der Schere, die seine Haare kürzte.
Billie sah ihn fast heulend an. Es tat ihr weh das solch schönes Haar nun ab
war ... aber noch mehr weinte sie, wegen dem Gedanken, dass ihr schönes
Haar abmusste.
»Wunderbar, danke und nun Billie, ... bist du dran«, sagte Zeke und strich
sich die letzten Haarreste vom Nacken weg und grinste ihr breit entgegen.
Sein hellbraunes Haar fiel ihm strähnig in den Nacken, es war um vielfaches
gekürzt aber doch hatte er noch sein freches Gesicht und seine strahlend
grünen Augen, mit dem herausforderten Blick. Ab und an fielen ihm
Strähnen ins Gesicht, die er vergebens versuchte hinter die Ohren zu streifen.
»Haha niemals!«, lachte Billie tonlos.
»Komm ... die wachsen wieder!«, grinste Zeke und führte nun Billie mit
sanfter Gewalt in den Stuhl. Er setzte sich neben sie und hielt ihr die
zitternde Hand. Beruhigend sprach er ihr tröstende Worte zu, während die
Frisöse ihr langes schwarzes Haar öffnete und langsam kürzte, sie verpasste
Billie sogar einen Schrägpony, der ihr strähnig ins Gesicht fiel.
»Fertig«, verkündete sie glücklich.
190
»Sieht sehr gut aus, jetzt erkennt uns keiner mehr«, flüsterte Zeke ihr leise
ins Ohr, darauf bedacht dass die Frisöse nichts hörte. Billie besah sich im
Spiegel ... ja in der Tat, es stand ihr.
»Wenn ich schon so rumlaufen muss ... danke!«, sagte nun auch Billie und
Zeke bezahlte brav die Frisöse.
»Denkst du, wir können auch morgen zurück zu ihnen?«, fragte Billie
schüchtern und sah den neuen Zeke lächelnd an, sie wurde ein klein wenig
rot.
»`türlich! Dann lass uns jetzt die Pferde holen -«
»Nein, lass uns nach Hause laufen«, unterbrach ihn Billie.
Im Licht einer Laterne blieben sie stehen und sahen sich schweigend an.
Glühwürmer flogen um das Licht der Laterne und Eulen sangen Lieder. Das
Dorf war sonst totenstill.
»Wenn du willst ...«, sagte Zeke sanft und verständnisvoll. Doch in seinen
Augen stand Verwirrung. Er hob seine rechte Hand und strich ihr leicht übers
Gesicht. Billie schloss die Augen und genoss die Berührung.
Alexandra!, schoss es ihr jäh durch den Kopf und stieß Zeke eine Armlänge von sich weg. Ihr Augen weiteten sich. Warum, fragte sie sich, warum
dachte sie jetzt grade an sie. Was währe passiert, hätte sie nicht an diesen
Namen gedacht? Hätte er sie geküsst? Waren ihre Gesichter sich so nahe
gekommen? Was fühlte sie für ihn?
»Hey, wann wollt ihr nach Hause? Wir stehen uns die Beine in den Bauch
und ihr lasst eure Haare schneiden!«, rief Tom zu ihnen, er hatte sie
gefunden. Billie wollte jetzt nicht weiter in Zekes Gesichts sehen, aber doch
sah er sie verwirrt und zugleich mitleidig an. Tonlos folgten sie Tom.
Nein, Billie konnte es nicht ... sie konnte nicht Alexandra ersetzen, sei sie
ihr noch so ähnlich. Aber Widerrum war Alexandra tot und sie lebte ... aber
dann gab es noch Zeke, weder lebte er in ihrer Zeit, noch war er sterblich. Es
gab keine Zukunft, wie man es wandte. Aber vielleicht, nur vielleicht,
könnten sie beide Alexandra vergessen und ruhen lassen und neu anfangen?
191
31
Unterdrückte
Gefühle
Manchmal ist es eben das, was man am meisten will, aber weiß, man bekommt es nie ...
ie Sonne hatte schon längst aufgehört zu scheinen, sie hatte ihren
Platz dem Mond hinterlassen, damit er über den Reisenden
wachte. Doch manchmal, aber nur manchmal. verwehrten ihm ein
paar Wolken weiter Wache zu halten. Für kurze Momente waren seine
Schützlinge auf sich gestellt und völlig alleine in der Finsternis. Es waren
aber nur kurze Minuten, denn der Wind half dem Mond über jene zu wachen,
die ihn brauchten ... aber doch konnte der Mond nicht Gefühle lindern oder
ähnliches, er konnte nur wachen und ihnen Licht spenden ...
Leise ratterte die Kutsche ihren Weg zurück nach Beän’gul. Tom hatte auf
negative Kommentare über Zekes Fahrkünste, das Kutschen übernommen
und fuhr sie sicher nach Hause. Eric nahm vorn am Bock neben Tom Platz,
die beiden hatten dies so ausgemacht, als sie (sehr lange) warten mussten.
Zeke und Billie saßen sich hinten gegenüber und mieden die jeweiligen
192
Blicke des anderen, kein Wort über das Geschehene verließ ihre Lippen ...
drückende Stille war zwischen ihnen. Aber war eigentlich etwas passiert?
Billie wusste es nicht, so wirr war es in ihrem Kopf. Bei jeder Bewegung des
anderen sah ein jeder auf und hoffte auf eine Ansprache, aber es war nur
peinliche Stille, wenn dann auch nur unverständliche stammelende Worte.
Immer wieder öffneten sie ihre Münder, aber trauten sich nicht zu sprechen
oder sie stellten sich so an, als hätten sie es nie gelernt oder hätten es
verlernt.
Billie sah Zeke an. Sein neuer Haarschnitt stand ihm, doch erst jetzt bemerkte sie, er hatten einen kleinen Ohrring am linken Ohrläppchen. Keinen
großen prunkvollen sondern eher einen kleinen Schlichten. Er sah bedrückt
vom Boden der Kutsche aus zum Mond hinauf.
»Hey Billie! Ich hab dir was gekauft ... solang du dir eine neue Frisur
gemacht hast ... hier, fang!«, sagte Eric nach hinten weg und warf Billie
einen Ledergürtel zu. Billie sah Eric erstaunt an und Zekes Augen verengten
sich zu kleinen Schlitzen.
»Daran kannst du künftig dein Langschwert befestigen! Du musst mir
nicht danken, sehe es als ein kleines Geschenk« Billie nickte stumm und
legte den Gürtel gleich an, doch von einem Stein aus dem Gleichgewicht
gebracht, wo dir Kutsche drauffuhr, kam sie ins Schwangen und fiel. Zeke
hielt sie noch rechtzeitig aber ließ von ihr ab, als sie ihr Gleichgewicht
wiedergefunden hatte. Während Billie dastand und nun auf ihn herabsah, als
er sich wieder setzte, senkte sie ihren Kopf so, das ihr die Haare vors Gesicht
fielen ... niemand sollte sehen, dass ihr nun ein paar Tränen die Wange herab
rannen. Sie krallte ihre Finger in ihren Rock. Sie versuchte ein Schniefen zu
unterdrücken, aber Zeke hatte die herabfallenden Tränen bemerkt und sah
nun in ihr Gesicht, doch er stand nicht auf, um sie zu trösten. Er schüttelte
leicht seinen Kopf und sah sie bekümmert an. Es schien, als sie Nichts sagen
müsste, damit er sie verstand.
Ich habe genauso eine Angst wie du, vergiss das nicht! Und bitte verlange
so etwas nie wieder von mir
Ich verlange gar nichts!, brüllte Billie ihm Geiste. Sie verlangte nichts von
ihm.
193
Dann versetz dich doch mal in meine Lage ... ich will das nicht noch ein
Mal durchmachen müssen
Wie soll ich mich in deine Lage denken? Ich weiß nicht, was damals
passiert ist, deswegen sag es mir endlich! Die anderen können mir auch
nichts sagen ... du warst der Einzige, der dabei war!
Du solltest nicht alles glauben, was andere Leute sagen. Er stand auf und
war ihr nun ganz nahe. Billie wollte ihm nicht in die Augen sehen und setzte
sich wieder auf ihre Seite der Kutsche hin und sah den langsam
vorbeiziehenden Bäumen nach. Zeke sah zum Mond, als würde er auf einen
Befehl warten, was er nun tun sollte.
Gegen Morgen ereichten sie Beän’gul. Tom kümmerte sich um die Pferde,
Eric sah nach den Drachen und Luna bereitete ihnen allen ein köstliches und
aufwendiges Essen zum Abschied. Während Zeke Tom bei den Pferden half,
spürte Billie seinen Blick im Nacken, als sie mit Eric zu dem Drachen ging
und Brosco alles erzählte.
Guck mal hinter dich!, lachte Brosco fast schon amüsiert. Billie wand sich
verwirrt und blickte in die traurigen Augen Zekes, der seinen Blick sofort
abwandte, als er ihren erblickte.
Und was läuft da?
Laufen tut da Zeke ...
Naja, wenn du es mir nicht sagen willst! Calvados hatte mir von den
Eisdrachen erzählt, hast du schon mal einen gesehen?, fragte Brosco das
Thema wechselnd. Billie war ihm zwar dankbar aber doch verneinte sie seine
Frage nur und ging schweigend und grinsend ins Haus zu Luna.
Luna umarmte sie stürmisch, als sie eintrat und reichte ihr ein paar
Handschuhe.
»Sie sind zwar nicht identisch aber nützlich!«, entschuldigte sie sich. Sie
hatte recht, sie waren ganz und gar nicht identisch! Eines war kurz und hatte
keine Finger dran, der andere jedoch war doch wesentlich länger. Billie
bedankte sich und gesellte sich dann draußen zu Zeke und Tom, die mit den
Pferden fertig waren.
194
»Wir können los! Schöne Handschuhe«, sagte Zeke und sah abfällig in
Richtung Eric. Sie übersah das und bestieg ihren Palomino. Zeke befestigte
noch ein paar Satteltaschen an Billies Sattel und an seinem und stieg auf.
Brosco lief ihnen freudig hinterher. Die Pferde hatten kurze Zeit Angst vor
ihm, aber dies legte sich, als er ihnen seinen Respekt zollte. Sie wünschten
ihnen eine schöne Reise und viel Erfolg und hofften sich bald wieder zu
sehen.
»Glaubst du, wir können den Tag weiter reisen oder willst du dich ausruhen?«, fragte Zeke sanft, als sie Beän’gul hinter sich gelassen hatten und
auf dem Weg nach der Stadt der Zentauren, Uatnez Neef, waren.
»Nein, wir können ruhig reisen ... es macht mir nichts aus! Ich kann
sowieso nicht schlafen«, nuschelte Billie. Zeke ritt zu ihr auf und sah sie von
der Seite her an. Seine kurzen Haare wippten durch der Bewegung des
Pferdes unter ihm mit. Seine grünen Augen hatten das grün des Waldes, auf
den sie zuritten ... doch der Wald war schon lange nicht mehr saftig grün.
Der Herbst begann, als die ersten Blätter auf den Boden segelten. Der Wind
ließ sie leicht frösteln ...
Ein ganzes Jahr auf Reisen ... seit einem ganzen Jahr kein Zuhause mehr
gehabt, keine Gesichter gesehen, die sie liebte oder mochte ... schon ein Jahr
war es nun her, als Billie ihr Dorf verlassen hatte, alles hinter sich gelassen
hatte ... alles verloren hatte. Die Menschen im Dorf: so liebenswert. Ihre
Band: immer für sie da ... Helena: die Mutter Zekes, aber doch auch die
ihrige, denn sie hatte Billie aufgezogen. Einst hatte Billie ihn, Zeke gehasst,
ihn für verrückt erklärt und verachtet ... aber nun wendete sich ihr gesamtes
Bild.
Billie verdrängte diesen Gedanken und schüttelte ihren Kopf. Ihr
schwarzes Haar flog jedoch, anstatt ihr ins Gesicht zu fallen, mit dem Wind
nach hinten und gab Zeke ihr trauriges Gesicht frei.
»Es wird sicher, ganz sicher, alles wieder gut«, sagte Zeke und legte seine
Hand auf ihre Schulter. Billie zog nur ihre Schulter weg und sah ihn auch
nicht in die Augen.
»Es wird ganz sicher, nichts gut werden!«
195
»Weshalb sollte es -«
»Nicht solange Alexandra zwischen uns steht«, endete sie.
»Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig auf sie sein? Billie, sie ist tot!«,
lachte Zeke fast, doch man hörte, dass es ihm schwer fiel, die Tatsache
auszusprechen, dass sie tot war.
»Und so lange ich nicht weiß, was passiert, bevor ich die Göttinnen
besiegt haben werde, will ich nicht verletzt werden ... du hast mich gelehrt,
nicht allem mit offenen Armen zu begegnen und ich weiß jetzt schon, dass
ich verletzt werde!«, Billie sah ihn starr in die Augen. Ihre Tränen verbarg
sie tief im Inneren ihres Herzens. Niemand sollte sehen, dass sie ihn mochte
...vielleicht sogar ein wenig mehr als mögen?!
»Ach Billie, jetzt mach hier keinen auf Sentimental! Hast du dir wirklich
schon ein Mal gedacht, ein einziges Mal wie ich mich über die Jahre gefühlt
habe? Weißt du wie dumm ich war? Ich habe anfangs jeden irgendwie
gemocht und ich wurde mehr als ein Mal verletzt und du Sterbliche willst
mir etwas erzählen?! Ich bin kein Gott, der es gewöhnt ist, sein Herz nicht zu
verschenken! Ich habe so etwas nie gelernt!«
»Ich weiß, dass dein Leben weit aus schlimmer war und ist als meines,
aber vergiss nicht, dass ich Sterblich es gewohnt bin, mein Herz zu verschenken!« Billie trat ihrem Palomino gegen die Seiten, sodass er zu traben
begann. Sie wusste nicht, was sie für ihn empfand, aber in diesem Moment,
war es ein Gefühl, dass sie länger nicht mehr gespürt hatte ... Reue, für das,
was sie getan hatte ... Reue, jemanden verletzt zu haben, den sie mehr als nur
mochte!
»Okay, ich denke es ist so langsam an der Zeit ... ähm, dir einiges zu
sagen«, sagte Zeke und ritt zu ihr auf. Er suchte ihren Blick, fand ihn aber
nicht. Sie mied seinen Blick ganz bewusst, denn würde sie ihn seine Augen
schauen, würden ihr die Tränen wie ein Wasserfall aus den Augen treten.
»Frag mich etwas und ich werde antworten!«, meinte er und sah bedrückt
auf seine Hände hinab.
»Wer ist mein Vater?«
»Ich dachte, du fragst was anderes!«
196
»Was war zwischen dir und Alexandra? War diese Frage besser?« Sie sah
ihn nun ernst an. Ihre Ernsthaftigkeit in ihrem Blick ließ Zeke leicht in
seinem Sattel schwanken. Er räusperte sich und mied ihren Blick, wie zuvor
sie.
»Die ist genauso Mist. Also dein Vater ... dein Vater ist ... ist«, begann er
zu stottern.
»Nun sag schon!«, sagte Billie ein wenig lauter als gewollt.
»Der Anführer der Bonaiten und der rechtmäßige König, Viggo. Er wollte
dir alles sagen in Mäegash! Aber es ist doch wunderbar eine Prinzessin zu
sein und dazu noch einen Vater zu haben, der, der Anführer der Rebellen war
und ist, die die Göttinnen stürzen wollen und für Recht und Ordnung
sorgen!«
»Jetzt red ihn nicht schön! Er hat mich die ganzen Jahre über alleine
gelassen, hat mich ohne Eltern aufwachsen lassen ... soll ich stolz auf so
einen Rabenvater sein? Er hat also nur aus reinster nächsten Liebe gehandelt,
als er uns in Mithtum frei gelassen hat?!« Ihre immer steigende Wut war dem
Siedepunkt nahe. Zeke wurde unter ihrem Getöse ganz klein im Sattel, aber
doch sprach er laut und deutlich.
»Er wird nie mein Vater werden! Er kann meine Vergangenheit nicht
ändern und auch jetzt, wo ich die Wahrheit weiß, wird er es nicht ... selbst
wenn ich ihm auf dem Thron helfen werde, da ich die Göttinnen besiegen
werde!«
»Gut! Sehr schön! Leicht und simpel! Aber hast du schon mal daran
gedacht, dass er kein Vater für dich sein will und deswegen die Klappe hielt,
als wir in Mithtum waren?«
»Ich weiß, dass er kein Vater für mich sein will ... ich bin ja ein Mädchen
und kein männlicher Nachfolger!«
»In was für eine Zeit lebst du eigentlich? Ich bin zwar veraltet, aber mir ist
schon klar, dass frau sich nicht unterdrücken lässt! Dafür lebe ich schon
zulange! Und ich kenne Viggo ein bisschen mehr als du, eigentlich kenn nur
ich ihn, er wollte nicht, dass du ein Leben in der Knechtschaft der Göttinnen
lebst ... deswegen verließ er Mäegash und lebt nun als ein Märtyrer, um dir
197
ein neues Leben zu eröffnen« Da Billie ihren Kopf sinken ließ, ergriff Zeke
ihr Kinn und hob es an, so dass sie in sein Gesicht sah.
»Und das mit Alexandra ...«, begann er.
»Lass, wenn du nicht willst« Ihre Wut war wie ein loderndes Feuer unter
einem Wasserfall erloschen.
»Danke, aber es ist nicht gut, wenn ich dir es nicht sage. Könnte unsere
Reise gefährden. Die eigentliche Geschichte von ihr kennst du ja schon.
Ja, ich habe sie geliebt ... über zwei Jahre sind wir durch die Länder
gestreift, um meine Sterblichkeit und ein freies Leben zurück zugewinnen.
Wir gingen durch dick und dünn. Wir waren so glücklich miteinander, dass
wir sogar schon überlegt hatten, uns zu verloben!« Zekes Stimme spiegelte
seine Seele, verletzt und froh, wider. »Nur da ich wie achtzehn aussehe, heißt
es nicht, dass ich es bin, bitte vergiss es nicht! Sie war genau wie du ... laut
und eigentlich unerträglich, aber doch fürsorglich und überaus freundlich.
Aber dieser Verlobung, die wir uns ausgedacht hatten stand etwas im Weg,
der Stein, der sich ehemaliger Reiter nannte! Ich war nichts mehr wert in
dieser Welt, ich bin es heute noch nicht. Ihr Vater verachtete mich, als wir es
kund geben wollten, noch immer verachtete er mich! Ha, das ist wohl auch
einer der Gründe, aus dem sich Reiter und Elfen nicht mehr als zu gut verstehen. Er erlaubte ihr die Reise mit mir anzutreten, obwohl ihm das schon
nicht behagte. Zum ersten Mal näher kamen wir uns am See, ein paar Tagesritte von Uatnez Neef entfernt«
»Warum erzählst du mir das alles? Ich meine, jetzt ... jetzt wo ich dich
dränge?«
»Weil du dich in mich verliebt hast« Hatte sie sich wirklich in ihn verliebt?
»Und wenn es so wäre?«, fragte Billie und ließ sich ihre Unentschlossenheit nicht anmerken, aber doch war ihr klar, dass Zeke es ahnte ...
ihre Blicke wichen dem des anderen nicht mehr aus, es war an der Zeit für
beide, das Unausgesprochene auszusprechen. Liebte sie ihn oder hasste sie
ihn noch? War er nun ein Freund oder doch ein Feind? Hatte sie sich verliebt?
198
»Wenn es so wäre ... würde ich dich verletzen müssen«, er sprach in einem
Ton, der keine Gefühle zeigte. Seine grünen Augen schimmerten in der untergehende Sonne. Es war schlimm in die Augen eines Jungen zu sehen, der
wusste, dass man ihn liebte und man ihn nie erobern werden würde ...
»Erhoffst du dir, Alexandra zurückzuholen? Oder willst du zu ihr?« Die
geschwundene Wut loderte wieder und das nicht nur in ihrem Gemüt,
sondern auch in ihre braunen Augen.
»Vielleicht ...«, sagte er knapp und ehrlich.
»Wenn das so ist ...« Es waren ihre letzten Worte an ihn, bis sie in vollkommendes Schweigen trat und ihn zutiefst ignorierte, ihn keinen weitern
Blick würdigte und ihn nun hassen tat, obwohl sie ihn liebte?!
»Gute Nacht Billie ... aber willst du nichts essen?«, fragte Zeke besorgt,
als Billie sich schweigsam ihr Bett richtete und keinen Bissen ihres, von
Zeke gereichtem, Essen aß.
Zeke saß am Feuer und hielt wache. Billie legte ihren Kopf auf den Sattel
ihres Pferdes und deckte sich zu. Dem Rücken Zeke zugewandt traten ihr die
Tränen aus den Augen. Sie achtete nicht darauf, ob er ihr Schluchzen hörte
oder ihr Zucken sah, es war ihr egal, was er dachte ...
Billie ...?, fragte Brosco und legte sich neben sie, um ihr noch mehr
Wärme für die Nacht zu geben. Sie antwortete ihm nicht.
Vergib mir ..., seine Stimme erstarb. Billie wollte ihn nicht hören und nicht
sehen. Sie dachte fest an eine undurchdringbare Mauer, die ihn von ihr fern
halten sollte, und es gelang ihr. Sie nahm Zeke und alles um sie herum nicht
oder kaum noch wahr. Und so ließ das Weinen nach und machte sie
schläfrig.
*
Die Sonne wachte hoch über ihnen. Brosco flog ihr freudig entgegen,
bedacht auf den Proviant, das auf seinen Rücken geschnallt war, nicht zu
verlieren. Er wog nun schon mehr als ihr ganzer Proviant plus Pferde, aber
noch war er zu jung und zu klein, um geritten zu werden, also nahm Billie
199
vorlieb mit ihrem Palomino. Abends hatte Brosco sich eine Tradition
ausgedacht: Er betete jetzt immer nach erfolgreicher Jagd für sein Opfer.
Billie war erfreut zu wissen, es bewerkstelligt zu haben ihm beigebracht zu
haben ein moralischer Drache zu sein, zu dem man aufblicken konnte.
Verstohlen lächelte sie ihm nach, wie er mit lautem Getöse durch die Luft
seine Kreise flog. Billie hatte sich nun an ihre kurzen Haare gewöhnt und
fühlte sich in einem neuen Abschnitt ihres Lebens, in der Hoffnung es würde
diesmal alles gut enden. Doch dieser Gedanke machte sie traurig und
wütend, denn sie wusste, es würde nicht gut enden können, vielleicht für die
Bewohner Dvonaägs aber nicht für sie ... sie sah ihn an. Er sah aufmerksam
seine Umgebung an, es könnte hinter jedem Strauch ein Feind lauern. Doch
ihre Blicke trafen sich und verhärteten sich für einen Moment in Mitleid,
dann sah er weiter. Für Zeke war wohl alles auch nicht einfach. Alexandra,
wäre sie nicht gewesen ...
»Wollen wir uns die ganze Zeit anschweigen?«, fragte Zeke laut und ritt
hinter ihr, sodass sie sich umdrehen musste, sollte sie mit ihm reden wollen.
»Wie lang glaubst du, ist es noch zu den Zentauren?«, fragte sie tonlos und
sah nicht nach hinten, um ging so seinem Plan, dass sie sich umdrehte.
Brosco hatte ihre Angespanntheit gespürt und flog zu ihnen hinab und
landete zwischen ihr und Zeke. Er fauchte Zeke mit einem kurzen Blick
zurück an und lief voran.
»Wir haben ein Jahr aus dem Gebirge gebraucht mit Schlechtwetter ...
Sommer?« Sie schwieg. Bis Sommer? War das sein ernst?
»Los komm, rede mit mir!«, brüllte er aufgebracht zu ihr nach vorne, aber
es ging in das Gebrüll unter, was Brosco verursachte.
»Lass uns reden!«, rief er weiter und erschrak als sein Pferd sich
aufbäumte, da Brosco das gleiche, auf ihn gerichtet, tat. Fast fiel er von
seinem Schecken. Brosco hatte seine Flügel zu voller Größer aufgebreitet
und schützte Billie so vor seinem Blicken und Rufen.
»Was hetzt du deinen Drachen auf mich?«, fragte er laut und voller
Entsetzen. Doch bevor Brosco ihn attackieren wollte, unterbrach Billie ihn in
der Bewegung.
200
»Hör auf!«, rief sie laut und im Geiste, damit Brosco sie auch ja hörte. Er
ließ seine Flügel sinken und blickte nach hinten zu ihr. Zeke sah zwischen
den Flügeln hindurch und sah Billie auf ihrem Pferd sitzen ... sie hatte sich
nicht umgedreht. Zeke sah abwechselnd zu ihr und zu Brosco, doch als er
sich abwand und ihr nachließ, sah er nur noch sie an ... was hatten sie nur
beredet?
32
Reden ...
Nicht immer kann man reden ... manchmal muss man handeln
egen Abend hatte Zeke die Führung übernommen und Billie ritt
nun mit Brosco an ihrer Seite hinter ihm her. Warum bist du so
sauer auf ihn? Deine Gefühle ihm gegenüber haben mich total
verwirrt. Was ist passiert?
Etwas sehr voraussehbares und unheilbringendes ...
Billie, ich bin dein Drache, aber du bist es auch, die ich beschützen muss
und will ... sei nicht so dumm und lass durch diese eine Sache dein Leben
dem Ende nahe kommen.
Ich bin nicht so dumm und lass mein Ende in seiner Hand.
201
Du hast viel zu verarbeiten. Dein Vater, er und all die Menschen, die zu
deiner Bürde wurden. Aber Alexandra ist tot.
Ja, er hängt aber immer noch an ihr ... ich kann nicht zwischen sie treten.
Brosco verstummte und ließ Billie in ihren leisen Gedanken alleine. Traurig
ließ er seinen Kopf hängen und lief schneller, um darauf in die Lüfte zu
steigen. Er war wie eine Schlange, die sich durch die Wolken bahnte.
Zeke verlangsamte die Schritte seines Pferdes.
»Jetzt kann er mich wenigstens nicht mehr töten«, sagte er sarkastisch.
»Hmm ... man kann dich ja doch töten?!«, erwiderte Billie und blickte ihn
seit langem wieder an.
»Komm nicht auf dumme Gedanken!«
»Wenn ich es schaffe dich von diesem Fluch zu befreien ... glaubst du, du
könntest es überwinden?«
»Was überwinden?«, fragte er und sah sie dumm an.
»Alexandra ...«, sagte sie knapp und wand ihren Blick wieder nach vorne.
»Wir werden bald in Modnim sein ... dort übernachten wir. Sag Brosco
Bescheid, dass er sich irgendwo im Wald verstecken und am Morgen, mit
Entfernung zur Stadt auf uns warten soll« Er wischte ihr Frage einfach so
weg und ritt voran. Mit entsetzen Augen sah sie ihn an. Aber doch verließ
ihren Lippen ein Lächeln. Er musste sie innig lieben ...
Billie teilte Brosco mit wie ihr geheißen, dass er sich am Morgen am
Stadtrand einfinden und warten sollte. Sie ritten die Nacht durch. Zeke
meinte, es würde Zeit kosten immer zu rasten, jetzt da Brosco an ihren Seiten
war, könnten sie beide ruhen, er könnte ihnen später nachfliegen. Aber
abends lief er neben Billie und wachte wie der Mond über sie, nur effektiver.
Das Land mit dem hohen verdorrendem Gras eröffnete ihnen eine wunderschöne Aussicht bei Nacht. Glühwürmer umschwirrten sie und Grillen
surrten Lieder. Eulen jagten und übermittelten so, dass keine Gefahr drohte,
der sie schnellst möglichst entfliehen müssten.
Billies Magen knurrte, aber sie wollte Zeke nicht damit bedrängen, dass
sie nicht mehr konnte.
202
»Was erwartet uns in Modnim?«, fragte Billie und lenkte sich von ihrem
Magen ab und vergaß ihr Schweigen. Erfreut und verwirrt sah Zeke schnell
zu ihr nach hinten und ließ sie aufreiten.
»Nichts ... seit wann heißt es denn uns? Hast du dich nicht früher immer
quergestellt wenn ich wir sagte? Sind wir also von ich und du, auf wir und
uns umgestiegen«
»Wolltest du nicht reden?«, sagte Billie genervt.
»Ja, schon okay! In Modnim sind sehr alte Tempel. Ich frage mich nur
langsam etwas ...« Er sah von ihr ab.
»Was?«
»Bald ist es so weit. Alexandra war damals eine außergewöhnliche Elfe«
»Jetzt bind mir das auch noch was die Nase! Ich weiß das sie
außergewöhnlich war ...«, fauchte Billie ärgerlich.
»Sie war mehr als nur eine braunhaarige Elfenprinzessin, sie hatte einfach
die Macht gehabt die Göttinnen zu vernichten. Sie hat sie immer benutzt.
Alexandra hatte diese Elemente vereint ... gegen die drei Dinge, die dem
Leben am entgültigsten erscheint; der Tod, zu sterben und einfach nicht mehr
leben können; das Leben, einfach das zu tun was man will; die Zeit, dass
man altert und irgendwann stirbt ... es ist ein Teufelskreis, dem man nicht
entfliehen kann, aber ohne die vereinte Macht der Elemente; dem Wasser,
das uns tränkt; dem Feuer, das uns wärmt; dem Wind, das uns sein Atem
leiht; der Erde, auf der wir leben ... alles hat böses und gutes. Die Menschen
habe immer zu uns gesehen und uns als Götter verehrt, aber der eigentliche
Dank gilt dem, der das Böse wirklich besiegt«, er hatte sie ignoriert.
»Worauf willst du hinaus?«
»Dass du vielleicht gar nicht das bist, für das dich alle halten ... du bist ein
Reiter und eine Prinzessin, keine Frage aber vielleicht nicht dafür bestimmt
die Göttinnen zu vernichten. Verstehst du?«, fragte Zeke und blickte sie
mitleidig an. Wenn er es ernst meinte ... dann war sie hier vielleicht völlig
falsch! Sie würde sinnlos in den Tod gehen und ihren Drachen mitreißen.
»Und was bitte mach ich dann hier?«
»Um die Wahrheit zu erfahren?«
»Woher willst du wissen das ich diese Macht nicht habe?«, fragte sie ernst.
203
»Ich will es nicht wissen, doch wir sind bald da ... und die Zeit rückt
näher, da du sie besiegen willst«
»Reisen wir nicht in die vollkommen falsche Richtung? Die Göttinnen
leben auf Inseln und nicht in einem Wald?!«, lachte Billie kurz auf.
»Ja, sicher aber bist du schon bereit ihnen gegenüberzustehen und ihnen zu
trotzen? Kannst du ihren Blicken stand halten und ihren Flüchen gekonnt
ausweichen? Wir werden bei den Zentauren üben und dafür sorge tragen das
du dich weiterentwickelst, denn in deinem jetzigen Zustand ist keinem
geholfen. Darauf reisen wir weiter Nordost und warten bis Arjun mit ihrer
Streitmacht kommt. Dann ziehen wir in den Krieg«, sagte Zeke und wand
sich um.
»Arjun? Wer ist das?«, fragte Billie unwissend, aber doch wissend wer sie
eigentlich war.
»Nur eine alte Freundin, sie ist eine entfernte Verwandte Alexandras. Sie
hat sich den Elfen abgewandt um gegen die Göttinnen zu kämpfen als
tatenlos zuzusehen wie sich Völker abmetzeln. Sie ist vollkommen verrückt.
Wischt Fragen liebend gern einfach beiseite und, ja, sie nervt vielleicht auch
ein klein wenig. Als sie noch kleiner war, wollte sie unbedingt das ich sie
heiratete«, lachte er und Billie musste grinsen. Ja, das war also Arjun ... ein
Mädchen das Zeke als Einzige widerstehen könne! Dass würde sie ihr ewig
vorhalten.
»Und gibt’s noch mehr Peinlichkeiten aus der Welt des Zeke Parkers?«,
fragte Billie und lächelte ihn, seit langem wieder an. Er erwiderte ihr
Lächeln.
»Ich weiß nie voran ich bin ... mal bist du sauer und dann, vom Blitz
getroffen, total nett zu mir?!«, sagte er irritiert und er klang ungewöhnlich
hoch, wonach er sich gleich räusperte.
»Ja, dass wüsstest ich auch manchmal gerne!«, lachte sie und galoppierte,
nach dem sie ihm einen kleinen Kuss auf die Wange gab, an. Er berührte die
Stelle wo ihn ihre Lippen geküsst hatten und lächelte.
Nein, ich werde dich nicht verletzen ...
204
Wo der Tag wieder die Nacht am Zuge ließ, gestand Billie Zeke das sie
großen Hunger hatte. Er stöhnte auf und nahm seinem Bogen vom Sattel,
spannte ihn und nahm Visier auf einen Hasen. Dieser wurde vom landenden
Brosco verjagt, der einen großen Hirsch im Maul hängen hatte. Dieser ließ
den Bogen gepeinigt sinken und nahm den Hirsch, erntete sich aber einen
Blick Billies worauf er sich bei Brosco bedanken tat. Zeke schnitt dann etwas
vom Oberschenkel ab und briet diese am Lagerfeuer gar.
Billies Magen war nun voll und sie genoss die Wärme des Feuers vor ihr,
aber sie konnte dem zwang nicht entgegen trotzen ihn nicht anzusehen, wie
er neue Pfeile schnitzte. Doch Billie nagte etwas an diesem Anblick; sein
Hintergrund war nicht sternenklar er war dunkel und bewölkt.
Billie, es naht Böses ... wir sollten hier verschwinden.
Und ja, Billie musste Brosco recht geben, es nahte nichts gutes.
»Zeke, wir sollten aufbrechen ... es kommt etwas«, sagte Billie mit einer
ungewohnten Stimme, die sie nicht als die ihre kannte. Auch Brosco und
Zeke sahen sie an, entgeistert, verwirrt sie wusste es nicht. Doch in seinen
Augen stand pures entsetzten. Brosco fauchte leise und spannte seine Flügel.
Ich rieche Drachen!, schnaubte er.
»Zeke, Brosco sagt er riecht Drachen? Sind es vielleicht die Bonaiten?«,
sagte Billie.
»Nein, niemals ... LOS!« Er hechtete zu seinem Pferd und sattelte ihn
schnell und half Billie und Brosco ihr Proviant zu befestigen. Sie stiegen auf
und ritten mit dem Teufel im Nacken nach Modnim.
»Wie weit ist es noch nach Modnim?«, brüllte Billie dem Wind entgegen.
»Nicht mehr weit«, antwortete er knapp. Ihnen rannen Regentropfen die
Nasen herunter. Es hatte begonnen um ihr Leben zu rennen. Ihre Pferde
rutschten auf dem Matsch aus und fielen fast, es kostest alles Zeit. Billie sah
Brosco nur verschwommen am Nachthimmel über sie wachen.
Vor uns warten Drachen! Dreht um!, brüllte Brosco im Geiste. Billie
nahm seinen Schrei war, der Zeke aus dem Sattel fielen ließ. Hart bremste sie
ihr Pferd um ihn nicht zu überrennen und fiel auch selbst fast.
»WAS NUN SCHON WIEDER?«, donnerte Zeke und schwang sich voller
Dreck in seinen Sattel zurück und verlor keine Zeit.
205
»Vor uns! Auch Drachen!«, sagte Billie ernst.
»Dann lass uns beten« Er stoppte sein Pferd kurz vor den Drachen
Richtung Modnim und spannte seinen Bogen und trat seinem Schecken
heftig gegen die Seiten. Billie tat es im gleich und zückte ihr Langschwert
und Brosco war mit gefletschten Zähnen auf Sinkflug. Mit Kampfgeschrei
nach vorne stürmend sah Billie den riesigen Drachen angespannt sitzen. Er
war zweimal so groß wie Brosco und seine Schuppen deuteten gute Pflege.
Als ihr Pferd sich bäumte, als er brüllte, fiel sie in den Dreck und stützte sich
auf die Ellenbogen und sah entsetzt auf alle Drachen um sie herum. Brosco
war ein Witz. Rund zwanzig lauerten gespannt auf dem matschigen Boden
und knurrten leise. Billies Drache hing fassungslos in der Luft und jammerte
vor sich hin. Auch Zeke hatte das Unmögliche aufgegeben und stoppte sein
Pferd.
»Ihr Narren! Was macht ihr hier? Verschwindet ihr Undankbaren!«, schrie
jemand durch den Regen. Jemand bahnte sich einen Weg durch den Matsch
auf sie zu. Billie sah hasserfüllt auf die Person die ihr sein Schwert an die
Kehle hielt. Sie machte sie nicht einmal die Mühe aufzustehen. Brosco
landete dicht hinter ihr um sie zu verteidigen.
»Hallo Vater«, sagte Billie, stieß das Schwert beiseite und ließ sich von
Brosco aufhelfen. Zeke ritt auf sie zu und sah zu Boden. Viggo sah abwechselnd zu ihr und ihrem Drachen, aber seine Aufmerksamkeit galt ganz
alleine Zeke.
»Ihr müsst hier verschwinden! Hinter euch sind die Drachen der Göttin!«
»Viggo ... wir warten in Modnim auf dich«, sagte Zeke und half Billie auf
ihr Pferd.
»Wir müssen kämpfen Sir!«, sprach ein Reiter und zeigte auf die nun
erkennbaren Reiter und Drachen.
»Viggo ... ist er auch darunter?«, fragte Zeke und sah beschämt zu Boden.
»Nein ... und nenn mich nicht mehr Viggo« Zeke sah ihn an, Viggo kehrte
ihm den Rücken zu. Es war kein Zorn in seinen Augen, nein es war Enttäuschung. Er schwang sich von seinem Pferd und rannte Viggo hinterher
und drehte ihn abrupt um. Bevor Viggo seine Empörtheit Ausdruck verleihen
206
konnte schnellte schon Zekes Faust in sein Gesicht und Viggo landete im
Matsch.
»ICH WIESS DAS ICH NICHTS WERT BIN! FÜR DICH BIN ICH
NUR EIN JUNGE DER VERFLUCHT WURDE, ICH HABE IN DIR
EINEN VATER GESEHEN ... aber jetzt verstößt du mich nur wegen so
einer Kleinigkeit? Gott, sie ist deine Tochter!«, brüllte er und ignorierte die
näher kommende Bedrohung.
»Zeke, lass es sein!« Billie schwang sich selbst vom Pferd und drückte
Zeke von ihrem Vater weg. Wie ungewohnt es doch in ihren Ohren klang,
Vater.
»Also willst du doch eine Prinzessin sein?«, fragte Zeke als würde ihm
jemand in den Rücken gefallen.
»Nein, ich will keine werden ... aber dreh dich um! Im Gegensatz zu dir
sind wir hier alle nicht unsterblich! Sie brauchen einen Führer um zu
überleben!« Billie spürte seinen Brustkorb nicht mehr beben. Er schloss
seine Arme um sie und flüsterte: »Dann lass und kämpfen« Billie nickte und
genoss seine Umarmung. Zeke löste sie wieder als Viggo auf ihn zutrat.
»Ihr kämpft nicht mit«
»Doch«, sagte Billie.
»Zeke, du wolltest sie beschützen, also mach das!«
»Nein, ich mache das was deine Prinzessin sagt«, sagte Zeke.
»Dann seit ihr dem Tod geweiht!«, donnerte er.
»Aber ich werde nicht wie ein Feigling davon laufen! Ich will nicht so sein
wie du!«, konterte Billie zurück.
»Sir ... die Armee!«
»FEUER!«, brüllte Viggo und rannte zurück zu seinem Drachen.
»BILLIE!« Zeke hechtete ihr nach mit gespanntem Bogen und Brosco
bahnte ihr einen Weg nach vorne. Zum ersten Mal war Billie ihr Leben egal
auch des ihren Drachens war ihr egal. Sie schlug Pferden ihr Schwert in die
Brust und stürzte so ihre Reiter, und schlug ihnen ihr Haupt ab. Blut rann ihr
Schwert herab und tränkte ihre Klamotten. Sie fühlte Broscos Begierde mehr
Blut zu kosten, aber doch war er bewusst das er es nicht konnte. Billie
schnappte sich eines der freilaufenden Pferde und ritt weiter in Richtung
207
Mitte. Die Farbe ihrer Kleidung war nicht mehr braun sondern schwarz vor
Nässe und Blut.
Das Brüllen der Drachen über ihr überzog ihre Haut mit einer Gänsehaut
oder fröstelte sie nur einfach? Bebte ihre Hand weil sie ewig Schläge parierte
oder hatte sie einfach nur Angst? War ihr ihr Leben egal oder wollte sie
ihrem Vater trotzen? Wollte sie jetzt ein Ende setzten oder wollte sie aufgeben? Würde sie jemand davon abhalten würde sie aufhören? Was würden
ihre Freundinnen von ihr denken, würden sie sie sehen? Ja, ihre Freunde ...
wollte sie nicht zu ihnen zurück? Wollte sie sich nicht beeilen um ihnen ein
Leben zugeben was sie sich schon immer gewünscht hatten?
Ihre Schläge erstarben, einfach ließ sie sich nieder walzen und schlagen.
Es tat nicht weh ... ihr Schmerz war in ihrem Herzen, alles andere war egal.
Sie fiel auf die Knie und blickte gen Himmel, der sich Blutrot färbte. Der
Regen ließ nach aber das Blut der Drachen das wie Regen hinabfiel glich
dem Unwetter von vorhin. Die Sonne wachte auf und blickte sie traurig an.
Was soll ich tun?, fragte sie hilflos.
Gar nichts ... tut gar nichts und hilf mir! Lass dich fangen und lausche
dem was dich erwartet. Hab keine Angst, der Tod wartet noch nicht auf dich
...
Und was wird aus den anderen?
Sie werden von ihm gerettet.
Wer bist du?
Dein schlimmster Alptraum ...
Billie atmete heftig durch und hielt sich krampfhaft an ihr Schwert fest,
aus Angst sie könnte fallen. Es war die gleiche Stimme wie die auf der
Kutsche. Ein Alptraum brauchte ihre Hilfe?
Billie rappelte sich auf und sah zum immer heller werdenden Himmel hinauf ob sie einen lilafarbenen Drachen fand. Und sie fand ihn, er hatte einen
großen Drachenhals im Maul und krallte sich mit Mühe an den ankämpfenden Drachen, der heftig mit den Flügeln auf ihn einschlug.
Brosco! Zieh dich zurück und find Zeke, rette ihn!
Und was ist mit dir? Wenn ich die Wahl habe dich oder ihn zu retten, dann
rette ich lieber dich!
208
MACH WAS ICH DIR SAGE!
Sie sah Brosco von dem anderen Drachen abdriften und sich dicht über die
Köpfe der Armee flog und nach Zeke Ausschau hielt. Elegant wich er jedem
Sperrangriff aus und grazil wich er jeden herabstürzenden Drachen aus. Nun
war es an der Zeit ihr gelerntes auf die Probe zu stellen. Sie suchte den Geist
Zekes.
Zeke?, fragte sie unsicher und bekam Bestätigung.
Das machst du gut! Aber ich bin immer in deiner Nähe gewesen!
Billie wand sich und sah hinter sich Zeke, der sich heftig mit einem
Soldaten duellierte. Sie stürmte auf ihn zu und stach dem Soldaten ihr
Schwert in den Rücken.
»Darüber reden wir später noch mal!«, sagte Zeke sarkastisch.
»Tun wir nicht! Du sucht jetzt Brosco und fliehst!«
»WAS?«, fragte er.
»Du hast verstanden!« Und ohne ein weiteres Wort der Erklärung rannte
sie weg und suchte ihren nächsten Kontakt. Doch abrupt wurde sie gestoppt
da jemand ihr Handgelenk ergriff und sie geschwind umdrehte, so das sie
sich ins Gesicht sahen. Billie spürte den sanften Druck auf ihren Lippen und
ihr wurde ganz warm. Sie sah die geschlossenen Augen Zekes und weiter
oben die Augen Broscos der zur Landung ansetzte.
»Wir werden uns wiedersehen«, sagte Billie und stich ihnen beiden kürz
über die Wangen.
»Ich werde dich retten« Doch Billie schüttelte nur ihren Kopf und wand
sich wieder. Ihr Vater stand nicht weit von ihr und hatte alles mit angesehen.
»Tu nicht so als wäre ich deine Tochter! Aber ich will dir etwas sagen ...«,
sie brach ab um einen anrennenden Feind den Garaus zu machen, in dem sie
ihm ihr Schwert in die Lunge stach, »Der Kampf ist verloren! Sieh es dir an;
überall ist Blut und Tod! Sammele deine Männer und Drachen und stärkt
euch ... ich werde nicht zusehen wie sich Sterbliche einander töten, nur
wegen mir! ICH BIN HIER!«, brüllte sie und sah herausfordernd zum
Himmel. Ein Drache hatte sie bemerkt und schnappte sie sich, darauf bedacht
sie nicht zu töten. Ein lauter Schrei von ihm reichte um die Aufmerksamkeit
aller auf sich zuziehen.
209
33
Dem Tod knapp
entkommen
Man sollte jede Möglichkeit nutzen um zu leben ...
er kalte Zugwind gefror ihr nasses Haar und ihre Klamotten. Schon
210
lange spürte sie ihre Finger und Füße nicht mehr, geschweige den
war sie in der Lage ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie
hörte die kräftig schlagenden Flügel der Drachen, die den Wind unter ihnen
aufwirbelte. Nur schwach nahm sie das Donnern der überlebenden Pferde
und Reiter war. Apropos Reiter ...
Billie schielte von der Klaue aus auf die Schulter des Drachens der sie
hielt. Er verstärkte seinen Griff als sie sich rührte und knurrte leise. Sie sah
einen Sattel auf dem ein Junge saß, mit hellbraunen Haaren. Sein Gesicht
konnte sie nicht erkennen, da der Druck ihr das Bewusstsein raubte.
»Gut gemacht, Zeki ... ich muss dir danken. Was willst du für deine
erfolgreiche Leistung?«, sagte eine Billie unbekannte Frauenstimme sehr
erfreut.
»Nehmt dieses Fluch von meinen Bruder! Das ist mein einziger Wunsch
an Sie ... ich würde Ihnen jeden liefern«, sagte der Junge namens Zeki.
»Dein Bruder ja? Wenn ich dir sagen würde, dass du mir seine Freundin
gebracht hast, würde es dir Leid tun?« Billie fühlte den kalten Stein unter
ihren Fingern und atmete den Staub, der auf ihm lag ein. Langsam rappelte
sie sich auf und sah in das Gesicht von Zeke, der ihr aufhelfen wollte.
»Alles in Ordnung?«, fragte er lieb und reichte ihr seine rechte Hand. Sie
nahm seine Hand dankend an. Billie stich sich verlegen die Haare aus dem
Gesicht. Als er sich wieder der Frau zuwand, bemerkte Billie, dass es nicht
Zeke war ... er mag zwar so aussehen wie er, aber doch war er viel zu alt um
er zu sein.
»Yaver! Du willst sie doch nicht wirklich töten? Hat sein Bruder nicht
genug gelitten?«, fragte eine andere männliche Stimme sehr ruhig. Billie sah
ihn aus der Dunkelheit treten. Sein schwarzes Haar fiel ihm seidig ins
Gesicht. Er hatte eine gebräunte Haut.
»Nein, noch will ich sie nicht töten ...«, antwortete die Frau. Sie hatte
langes braunes Haar und wohl geformte Lippen. Sie sah bezaubernd hübsch
aus.
211
»Wer seid ihr? Wo bin ich? Wo ist mein Drache, mein Vater ... und
Zeke?«, brach Billie aus sich heraus. Die entsetzten Augen des Mannes, der
Zeke zum verwechseln ähnlich sah, sahen auch dem seinen Augen ähnlich.
»Es ist gut zu wissen, gegen wen man in die Schlacht zieht, Liebes. Die
Frage, wer wir sind, ist sehr berechtigt. Ich bin die Göttin des Todes, ich
habe seinen Bruder und deinen Gefährten, Zeke verflucht ... mehr musst du
nicht wissen«, in ihrer Stimme war mehr als nur Hass gegen die Welt und
Verachtung gegenüber jedem der Lebt, doch Billie war zu aufgewühlt um es
einzuordnen zu können.
»Zeki?«, fragte Billie schwach.
»Ja ...«, antwortete er knapp.
»Warum bist du hier? Zeke versucht dich zu finden! Warum fällst du ihm
in den Rücken?«, sagte sie verzweifelt.
»Er ist hier um seinen Bruder zurück zu holen ... aber erst muss er mir
helfen, seines Bruders Plan zu vereiteln«, ihr Stimme war kalt und herzlos.
»Yaver ... glaubst du es wäre in Ordnung wenn ich jemanden zu mir hole?
Es ist ziemlich trist, die ganze Zeit alleine zu sein und ewig und immer nur
Tode zu sehen. Und deine Engel sind nicht sehr gesprächig, meine Gute.
Zeki könnte uns ja wieder zurückbringen. Aber die Zeit ist nicht reif, für eine
solch grausame Tat«, sprach der Höllenprinz wieder.
»Wegen mir ... Hauptsache sie stirbt bald. Zeki du hast ihn gehört! Bring
sie weg!«
»Ja Göttin« Zeki verneigte sich tief und schob Billie, die sich heftig
wehrte, vor sich her. Der Höllenprinz glitt neben ihm her.
»Das kann nicht sein! Zeke wird kommen und mich retten! Sie können
mich nicht einfach so töten, ich bin ein Reiter ...«, Billies Schreie erstarben,
ihr ist etwas wichtiges klar geworden ... er wird nie wieder zu ihnen zurückkehren können.
»Ist es dir nun aufgefallen? Deswegen währe es Sinnlos dich jetzt zu töten
... und ja, es ist so gut wie unmöglich Tode wiederauferstehen zu lassen,
kleine Billie! Also, verliebt dich nicht zu sehr in ihn«, lachte die Göttin
höhnisch. Billie ging ohne ein weiteres Wort vor Zeki her.
212
Draußen angekommen rief Zeki seinen dunkelblauen Drachen herbei. Sie
stiegen auf. Mit gleichmäßigen Schlägen glitten sie durch die Luft und hatten
Zeit zu reden.
»Zeki ... wusstest du das mit Zeke?«, fragte Billie stürmisch.
»Ja. Denke bitte nicht, dass ich es gut finde unter ihre Hand zu handeln«,
sagte Zeki.
»Lass uns über Modnim fliegen ... nein, ich werde nicht fliehen«
»Er weiß das er sterben wird! Verstehe es doch!« Zeki rüttelte an ihren
Schulter. Sie wollte es nicht wahr haben.
»Wir fliegen über Modnim, wie sie sagte ... sie wird nicht fliehen, denn
ihre Reise ist noch nicht beendet«, drückte sich der Höllenprinz sehr gewählt
aus. Zeki nickte stumm und gab ohne Worte seinem Drachen einen neuen
Kurs an.
»Wie meinen Sie das, meine Reise sei noch nicht beendet?«, fragte Billie.
»Sie hat mir die Zukunft gezeigt ... und deswegen bist du nicht am Ende.
Hätte sie dich jetzt getötet, wäre diese Zukunft dahin. Und diese Zukunft
wird sie dir offenbaren«
»Also wird diese Reise doch ein glückliches Ende finden?«, hoffte Billie.
»Ja ... aber nicht für euch. Ein Ende ist immer so, wie man es sehen will.
Man kann aus allem Bösen etwas Gutes ziehen, wie anders rum genauso.
Billie, verstehe bitte, dass man seine Zukunft immer noch ändern kann. Frage
sie, vielleicht weiß sie eine Antwort auf deine Frage. Verliere nie den
Glauben an die Liebe«, sagte er ganz nett zu ihr. Billie verstand es nicht ... es
war unmöglich Tode wiederauferstehen zu lassen, genau wie die Göttin
gesagt hatte.
»Wer ist diese Sie?«, fragte Billie nach längerem Zögern.
»Alexandra ...« Nicht nur die ihre Augen weiteten sich vor Unglauben, die
Zekis taten es ihr gleich.
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34
Kurzes Wiedersehen
>Ich sag dir wie es mir geht ... und dann muss ich gehen<
214
illie blickte stumm von Zekis Drachen hinab. Sie sah das blaue
Meer unter ihr, das langsam dahin schwappte (was nicht an den
Flügelschlägen lag). Es war herrlich so etwas stilles zu sehen und
sich den Kopf frei zu denken. Im Gegensatz zu ihrem Drachen, verbarg Zeki
seinen nicht. Ihre Aufmerksamkeit galt aber nicht dem seines Drachen, nein
es war etwas im Meer ... etwas was sie noch nie gesehen hatte. Ein
schwimmendes Ungeheuer mit schwarz weißer Färbung. Nie hatte sie etwas
schöneres aber auch fürchterliches gesehen. Es bewegte sich schnell fort aber
auch machte dieses neue Wesen ihr Angst, sie wusste nicht wieso.
»Billie ... hat Zeke dir gesagt wer dein Vater ist?«, fragte Zeki das
Schweigen brechend.
»Ja ...«, schnappte sie wütend. Ihr Vater, der König!
»Dann sieh hinab! Das ist dein zukünftiges Königreich über das wir
fliegen. Es tut mir Leid gegen deinen Vater kämpfen zu müssen«, entschuldigte er sich, doch Billie sah auf die hiesige Stadt unter ihr. Ihr Schutz
war undurchdringbar. In der Mitte der Stadt stand ein großer Tempel, darum
(etwas niedriger erbaut) mussten die Gemächer der Könige sein. Es war
unbeschreiblich! Der Anblick dieser, zur Mitte erhöhte Spirale war kein
leichtest Spiel für Feinde. Von unten konnten sie schwerlich Mauern und
Häuser hinauf schießen mit ihren Bögen, mit Schwertern ganz zu schweigen.
Aber die Stadt hingehen konnten ein Hagel Pfeile hinab schießen. Die weiße
Färbung der Stadt erhellte die düstere Umgeben, mit jedem Sonnenstrahl der
den Wolken entfliehen konnte. Schwer konnte sie das Tun der Stadt
ausmachen, dafür flogen sie zu weit oben ... alles ähnelte Ameisen unter
ihren Füßen. Es machte ihr Angst zu wissen irgendwann über das und mehr
zu herrschen. Sie wollte keine Prinzessin sein.
»Überlegst du dir schon, wie du ihn vor dem Tod retten willst?«, fragte der
Höllenprinz sie, aber doch sah er Zeki an.
»Ich werde schon einen Weg finden ... wenn es Alexandra ist, die das hier
alles eingefädelt hat, dann muss sie wissen wie man ihn rettet! Ich glaube so
fest daran ...«
215
»Sicher nicht ... es ist unweigerlich das er stirbt. Er hat es dir wohl nicht
gesagt, damit du dir keine Gedanken machst«, sagte Zeki.
Billie! Endlich habe ich dich gefunden! Zeke ist außer sich vor Wut. Und
dein Vater ist auch nicht gut Kirschen essen! Ich komme dich holen! So
urplötzlich wie Broscos Stimme in ihrem Kopf klang erschrak sie und fiel
hinten über.
Gott hast du mich erschrocken!, dachte Billie.
Wo warst du? Ich habe dich vermisst ... aber doch wusste ich es geht dir
gut –da ich ja noch lebe!
Danke für die Aufmunterung! Ich komme schon alleine zu euch, aber hol
auf jeden Fall Zeke, ich muss dringend mit ihm reden.
Wie du willst, aber pass auf dich auf ... dieser Drachen kommt mir nicht
ganz geheuer.
»Ahh, dein Drache nicht war? Er ist schlau ... er fragt bevor er sich ins
Unheil stürzt. Selten habe ich solch selbstständige Drachen gesehen. Findest
du nicht auch Zeki?«, fragte er.
»Sicher der Herr!«, sagte er knapp.
»Du weiß, dass du mich Doro nennen kannst. Ich weiß das ich einen
verdammten Fehler gemacht habe, aber deswegen musst du mich nicht wie
jemand behandeln der für dich gestorben ist! Wieso denkst du spiel ich hinter
ihrem Rücken? Die Göttinnen müssen runter von ihrem Thron«
»Ja, nachdem sie meinen Bruder sterben lässt!«
»Hey, hört auf zu streiten ... wir haben genug Zeit uns etwas auszudenken«, beschloss Billie und scheinheiligte ihnen etwas vor. Sie haben
keine Zeit. Die Zeit war nun für sie unbezahlbar und wertvoll geworden.
Denn bald war die Zeit mit ihm rum.
»Guckt! Da warten sie schon alle«, sagte sie als sie unten Brosco mit dem
Schwanz wedeln sah.
Zekis Drache machte eine große Staubwolke und verschluckte alles was in
seiner Nähe war. Sie hörte Zeke husten und entlockte ihr so ein bitteres
Lächeln. Durch den Staub nicht getrübt umschloss Billie, als sie abstieg,
Zeke und dieser wurde abrupt von Brosco beiseite gedrängt und leckte ihr
216
das Gesicht. Er wurde so heftig gestoßen das er in den Sand fiel und nun aus
einer Art Eifersucht und Verwirrtheit Brosco anblickte.
»Also dein Vater wartet im Tempel auf dich ...«, sagte Zeke glücklich über
ihre Rückkehr und rappelte sich auf die Beine, den Sand an seiner Hose
wegklopfend.
»Ich weiß nicht ob ich die Erlaubnis erhalte ... aber Zeke, ich bleibe nicht
für lange!« Sie sah in die Augen ihres Drachens, er nickte stumm und senkte
seinen Blick.
»Du bist doch entkommen! Wie kannst du da nicht lange bleiben?«, fragte
er aufgebracht und rüttelte an ihr, wodurch Brosco ihn leise anfauchte.
»Billie! Wir bleiben hier oben ... wir warten abseits auf dich!«, sprach der
Höllenprinz. Sie nickte ihm zur Bestätigen zu. Zeke tauschte irritierte Blicke
zwischen ihr und dem Fremden.
»Nein, es wäre angebracht, wenn die Herren mitkommen würden. Wir
müssen viel bereden und schlichten«, meinte Billie und erhielt ein Nicken
von ihnen, sie ließen sich herab gleiten, von den Schuppen des Drachens.
Zeki tauschte kurz mit seinem Drachen aus, wo er warten solle. Billie tat es
ihm gleich und befahl ihrem Drachen sich weit von der Stadt fern zu halten.
»Billie?«, fragte Zeke und sah erstaunt aber doch hoffnungslos zu seinem
Bruder.
»Na Bruder, wie geht’s?«, fragte Zeki mit einem kurzen Lächeln.
»Wir sollten keine Zeit verlieren ... wir wollten reden, also lasst uns
reden!« Der Höllenprinz klatschte in die Hände und schritt auf den Tempel
vor, sie folgten ihm ohne Worte des Widerspruchs ihnen. Zeke hatte sich
dicht an Billie gehängt und sah skeptisch zu den anderen. Er misstraute sogar
seinem Bruder?! Nur der Höllenprinz kam ihr suspekt vor. Aber ihr
wartender Vater machte ihr Angst, vielleicht mehr als das was auf sie wartet.
Billie sah sich den Tempel an. Er war riesig und war aus grauem fast
schon blauen Marmor. Sie konnte es nicht in Worte fassen was sie dort sah,
aber es klang so magisch. Je näher sie dem Tempel kam, desto mehr sah sie
die Wellen des Meeren und konnte sie rauschen hören. Sie wusste nicht ob
ihre Augen ihr einen Streich spielten oder nicht, dennoch war es ein Anblick
217
den sie für immer behalten wollte. Das Marmor spielte das Meer. Der Prinz
schob die mächtige Tür auf die, wie es schien, aus Kristall geschliffen wurde.
»Treten ein, treten ein!« Er verneigte sich vor dem König nachdem er alle
reingelassen hatte und die Tür hinter ihnen verschloss. Der Raum war groß
und unendlich weit hoch. In der Mitte des Raumes war eine Säule, die von
innen heraus ein blaues Licht strahlte. Parallel zum Eingang stand eine
Staute, ebenfalls im blauen Schimmer. Sie hatte mächtige Schwingen die den
Raum umkreiste. Nie würde sie ihr trauriges Gesicht vergessen. Ein einsame
Träne lief ihre Wange herab. Vor ihr war noch ein Brunnen, dessen Wasser
still lag und nichts spiegelte.
»Das ist der Tempel des Wassers. Diese Stadt ist sehr merkwürdig erbaut
wurden. Im Grunde ist es ein Quadrat, in deren Mitte sich drei weitere
Tempel zu einem Dreieck formen. Yaver hatte einst diese Idee, das
Mächtigste zu ehren«, sprach der Prinz und ging weiter zum Brunnen vor
und bedeutete Billie ihm zu folgen.
»Wer sind Sie eigentlich?«, fragte Viggo.
»Wenn wir hier schon bei Fragen sind, was macht ihr alle hier? Was ist
passiert Zeki?«, gab nun auch Zeke seine Fragen Bedeutung.
»Na gut, du musst doch noch ein wenig warten Billie. Wo drückt der
Schuh, Herr König? Zu euch komm ich auch noch!« Der Prinz nickte heftig
als die Gebrüder einwenden wollten.
»Ein König ist mehr wert als ein ehemaliger und ein Drachenreiter! Also
klappe jetzt!«, sagte er bestimmt und wischte somit ihre Fragen beiseite. Er
ging wieder auf die kleine Gruppe zu.
»Wie ich sehe drückt kein Schuh, keinem von euch! Kann ich nun weiter
machen?« Sie nickten alle und nuschelten Entschuldigungen.
»Billie, sieh in den Brunnen und sag mir ob du etwas siehst« Billie tat wie
ihr gesagt und blickte in den Brunnen. Und ja, er spiegelte wirklich nichts,
denn Billie sah ein Gesicht, dass ihr zwar ähnelte aber doch war es nicht die
ihrer. Das braune Haar fiel seidig ins Gesicht und die langen Elfenohren
gaben ihre Identität preis. Leise hauchte sie ihren Namen: »Alexandra?«. Sie
sah ihr nicken und wie sie verschwand.
218
»Aber wie ist das möglich?«, sie blickte Hoffnungsvoll zu Zeke. Vielleicht
würde sie ihn doch nicht verlieren.
»Warum war Alex eine mächtige Elfe?«, fragte Viggo.
»Ich bin nur ein Mensch!«, lachte er, »Erwarte nicht das ich die Magie und
alles vor meiner Zeit vollkommen verstehe. Aber egal. Alexandra war bestimmt diesen Kampf zu meistern, doch durch einen Fehler eines Drachenreiters war ihr Tot besiegelt. Und zum bedauern aller, sie hatte keine Nachkommen!«
»Ich weiß das ich ein Idiot war, aber das wäre nie -«, erstarb Zekes
Stimme als er Unterbrochen wurde.
»Wenn Sie damals aufgepasst hätten«, warf Zeki ein.
Billie konnte rechtzeitig den starken Hieb ihres Vaters parieren, in deren
Wucht sie leicht in die Knie ging. Ihr Vater hatte sein Schwert gezogen und
den Prinzen angegriffen. Doch auch Zeke spannte seinen Bogen und war
Zorn entbrannt.
»ZEKE, WIR SIND HIER IN EINEM TEMPEL! Und ich weiß nicht was
du jetzt tun willst ... aber ich lasse ihn nicht sterben«, sagte Billie entschossen.
»Steck das weg Junge!«, brauste Viggo los.
»HALT DICH RAUS!«, donnerte Billie, ihre Stimme echote im Tempel.
»Billie, wir haben nun endlich etwas in der Hand, was der Göttin viel wert
sein wird!«, brach es auch Zeke heraus.
»Was hatte es zu bedeuten als du mich geküsst hast? Hast du etwas
gefühlt?«, fragte Billie sauer. Unentschlossen sah Zeke sich Hilfe suchend
um.
»Es hatte nicht zu viel zu bedeuten«, sagte er.
»Zeke ... sie weiß es«, meldete sich nun auch Zeki zu Wort.
»Deswegen wäre es falsch sich in mich zu verlieben Billie!« Zeki wand
sich nun direkt an Billie.
»Und wenn es eine Möglichkeit gäbe, dass du leben würdest, würdest du
sie auch wahr haben wollen?«, fragte sie noch immer sauer.
»Dafür denke ich zu oft an Alexandra ...«
219
»Schön ... das ich einsam sein werde, da ich als gebrochene Frau sterben
werde!«, mit jedem Wort wurde sie lauter.
»Warum bin ich nun wieder Schuld, dass du als Jungfrau stirbst?« Sein
Gerede nahm jäh ein Ende.
»Wir können gehen ...«, sagte Billie nachdem sie Zeke geohrfeigt hatte
und dieser sich die brennende Wange hielt und schwieg. Ohne weitere Worte
ging Zeki voran und rief seinen Drachen. Der Prinz tapste grinste
schweigend hinter Billie her. Es kümmerte ihn schon längst nicht mehr das
man ihn habe töten wollen.
»Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich dich retten werde«, sagte Zeke
und drehte sich nicht um.
»Und wenn ich nicht gerettet werden will und alleine weiter reisen will?«
»Dann habe ich eine gute Freundin verloren ... und dein Vater seinen
Erben«, sagte er bitter.
»Er hatte noch nie einen Erben, geschweige denn eine Tochter gehabt« Sie
verließ nun entgültig den Tempel des Wassers.
35
220
Etwas, übers Leben
Welcher Weg ist der Sicherste?
ch habe wohl so einiges schlimmer gemacht, als es ohne hin schon
war, nicht wahr?«, fragte der Höllenprinz sachte und ließ Billie
nicht einen Moment aus den Augen. Ihr schwarzes, nun kurzes
Haar fiel ihr über die Schulter und mit dem Zugwind nach hinten. Sie spürte
die kraftvollen Bewegungen der Flügel, jeden Muskel den er anspannen
musste ... das ein- und ausatmen des Drachen, Zekis Drachen.
Sein Blick blieb Billie nicht verborgen, seine Augen sahen sie an, als
würde sie jeden Moment etwas dummes tun können. Der Wind sauste den
drei heftig um die Ohren, obwohl, wie es Billie ausfiel, flog der Drache ein
langsames Tempo und hatte sich nicht einmal verausgabt. Wenn sie Glück
habe, würde Brosco auch so ein prächtiger Drachen werden.
Als ihm keiner antwortete sprach er weiter: »Es ist ein langer Weg zurück
nach Modnim ... und ewig kann ich dein Todesurteil nicht mehr heraus
schinden. Ich währe dir also sehr verbunden wenn du dich endlich
entscheiden würdest, was du willst! Willst du nun eine Prinzessin sein oder
doch eher eine Drachenreiterin ... aber wenn nicht das, dann vielleicht
jemand die sich verliebt hat und nun alles daran setzt ihn unter den Lebenden
weilen zu lassen?«, er sprach die Genauigkeit aus, die niemand anderes
wagte anzusprechen. Strähnen fielen ihm ins Gesicht und gaben ihn eine
düstere Aura. Sein dunkles Haar und sein braungebrannter Teint, ... dieser
gesenkte starke Blick. Was wollte sie nun werden?
»Ich bin niemanden etwas schuldig ... und bin auch niemanden verpflichtet«, sie sah die Wolken unter dem Drachen schwimmen. Ab und an
hörte sie Kindergelächter und sah ihrer Freunde im Meer der Wolken vor
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sich hin grinsen. War sie nun vollkommen ein Geist ihrer Selbst? Was wollte
sie?
»Niemanden etwas schuldig? Das währe ein wenig arg sich so rauszureden, man sei niemanden schuldig oder verpflichtet. Du kannst es nicht
sagen ... du bist deinem Vater und deiner Mutter schuldig ... und natürlich
auch ihm. Zwar willst du nicht sehen, dass du abhängig bist von diesen
Leuten aber auch bist du dir bewusst, dass es dir wehtut und den anderen
auch ... also willst du lieber alleine sein? Dich in eine Welt voll Einsamkeit
und Misstrauen befinden?«
»Billie, er hat recht ... du kannst nicht immer versuchen den Leuten
schmerzen zunehmen. Warum denkst du hat Zeke dir nichts gesagt?«, sagte
Zeki. Ihre frohen und sorglosen Gesichter ... sie führten alle eine normales
Leben. Warum war sie hier?
»Er sagte mir nichts ... weil er nur Alexandra liebt. Er will zu ihr, egal
wie«, ihre Stimme klang so weise wie der Älteste in ihrem Dorf. Wäre es
nicht besser, sie würde nach Hause gehen? Sie wollte nicht auch noch das
Letzte verlieren, was ihr etwas bedeutet; Brosco.
Die Wolken über und unter ihr boten keinen Blick zu den Geschehnissen
im Tal oder das, worauf sie zuflogen. Doch als sie das Wiederhallen von
Börtens Flügel, hörte wurde ihr klar wo sie nun waren ... sie waren wieder im
Ruckgar-Gebirge.
»Weinst du?«, fragte Zeki freundlich. Billie wischte sich schnell die
Tränen aus den Augen, und sagte es sei nur der Zugwind, der in den Augen
brannte ... obwohl dies gelogen war. Aber es war auch ein schöner Anblick.
Zum ersten Mal sah sie das Gebirge von oben und blickte so den merkwürdigen Tieren die hoch oben lebten. Es waren seltsame Geschöpfe. Nie
hatte Billie auch nur im Traum daran gedacht, dass es Tiere mit Hörner, so
hoch oben leben würde. Sie ähnelten Ziegen, nur waren die im Dorf lieb,
zahm und klein. Die hier oben auf dem Gebirge waren so groß wie ein Pony,
dichtes, wolliges Fell (sie nahm an, dass es wollig war, es sah zumindest
danach aus) aber nicht nur das, erstaunte Billie. Sie hatte hier oben nach den
Ziegenähnlichen Wesen, alles erwartet nur nicht das was sie jetzt sah.
222
Eine scharfe Böe rieb ihr die Tränen in die Augen, sie wusste nicht ob sie
es nicht richtig sah, wegen dem Wind und dem Nebel, aber selbst verschwommen konnte sie die Umrisse eines schlanken, überaus langen und
geschmeidigen Körpers wahrnehmen. Das leise Fauchen des Windes ließ sie
frösteln. Sie rieb ihre Arme und bemerkte, dass ihre Zähne aneinander
klapperten. Doch dieser verschwommene Körper hatte sie völlig in ihren
Bann. Brosco würde die stattliche Größe von Amaro erreichen und würde so
angesichts, dass er schon schlank war, noch einiges an Masse zulegen.
Die weißen Schuppen glänzten Silber, aber doch matt durch den Nebel,
kaum merklich, dass sich dort, in einer Höhle, weit über den Ziegen, etwas
bewegte das weitaus kleiner aber länger und schlanker war als Brosco.
Während Brosco den Kopf eines Pferdes besaß ähnelte das silberne Wesen
eher einer zu groß geratenen Echse, sein spitz zulaufendes Maul, die geblähten Nüstern und der weitaus kältere Blick. Alle Drachen die Billie bisher
kannte, hatten schwarze, warme und liebevolle Augen, doch diese waren
Grau mit schwarzumränderter Iris, kalt. Statt das die Schuppen sich rundeten
liefen diese Spitz zu. Statt dem Fächer um den Kieferknochen, war ein
weißer Schnurbart der fast am Boden lag vorhanden. Er war völlig anders als
Brosco, aber doch war er ein Drache ... ein Eisdrache, so wurde Billie
bewusst. Die großen ledrigen Flügel besaßen ein paar Federn.
Als eine weitere Nebelschwade sich vor dem Eisdrachen schob und diese
nach Minuten wieder freigab, war er verschwunden ... oder nahm sie ihn
einfach nicht mehr war?
»Billie ... also wenn ich dir helfen soll, dir deine Haut zu retten, wäre es
angebracht mir zuzuhören statt gedankenverloren meine Ideen erst gar nicht
zuhören. Verwerfen kannst du sie ja immer noch!«, knurrte Doro und ließ ihr
einen, zum ersten Mal, bösartigen Blick zukommen. Schnell wandte sich
Billie ihm zu und betrachtete ihn ausgiebig ... warum war er so scharf darauf,
ihr zu helfen? Ihr Leben zu verschonen?
»Ich höre dir doch zu ... aber beantworte mir mal bitte eine Frage: warum
ist es so schwer?«, weder zischte sie zurück noch war ihre Stimme voller
Freude, sie klang sehr normal.
223
»Du bist ein Mensch ... Zeki ist ein Mensch, zwar seit ihr Reiter, dennoch
Menschen. Ich bin ein Mensch. Wir haben nicht das Glück oder das Pech
ewig zu leben, es gehört einfach dazu! Man kann sich einen leichten oder
einen schweren Weg wählen. Sag uns, was ist dir widerfahren, bis du hier auf
dem Rücken Börtens gelandet bist?« Gespannt und interessiert sah Zeki sie
an, er sprach aber nicht und auch Doro wartete bis sie ihm antwortete. Sollte
sie ihnen ihre Vergangenheit, Gegenwart und auch ihre Zukunft erzählen?
Vom ihrem Schicksal? Von dem, wovon sie nicht mal einen Ahnung hatte,
was es bedeute? Ihnen ihre Schwäche zeigen, ihren Wundenpunkt? Sie durfte
nicht vergessen wen sie vor sich hatte! Es waren, der Geliebte der Göttin des
Todes; Doro Brass, der Höllenprinz und der treue Untergebene Drachenreiter, der gegen die Bonaiten aber auch gegen die Göttinnen war, nur weil er
seinen Bruder, seinen Zwilling aus den Händen der Göttin entreißen wollte;
Zeki Parker. Sie waren nett, halfen ihr ... aber doch war sie nur eine
Gefangene, und nicht nur ihrer selbst.
»Wo soll ich den anfangen?«
»Mit dem was du für wichtig hältst uns zu erzählen«, sagte er sanft.
»Wie Sie meinen ... es begann alles als Zeke das erste Mal in mein Leben
trat ...«, sprach sie ohne sie anzusehen, ihre Stimme klang wie ein Wasserfall, als sie ihnen ihre Geschichte erzählte.
Zeke, ein blonder Schönling der in ihr Leben trat, als alles so perfekt
schien. In der Schule haben sich sie angefangen zu keifen, wurden aber
unterbrochen, seitdem folgte er ihr wie ein Schatten. Oder folgte sie ihm?
Hatte er sich nicht zuerst in ihre Gedanken geloggt? Ja, den sie beherrschte
diese Art der Kommunikation ja erst seit kurzem.
Er lud sie auf dem Friedhof ein und erzählte ihr seine Geschichte, das er
Hilfe brauche um sein Leben, seine Sterblichkeit wiederzuerlangen. Doch
selbst danach glaubte sie ihm nicht, selbst als sie sein Medaillon fand. Die
Reise nach dem Zusammenstoss mit den Elfen, würde sie nie vergessen. Sie
hatte ihre Tante, die Mutter von Zeke zurücklassen müssen, ihr Freunde und
alle in ihre geliebten Heimat, das Dorf. Sie war traurig und wütend, konnte
sich nicht entscheiden, was sie getan hatte und ob es wieder rückgängig ging.
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Viele Freunde begegnete sie und auch von Feinden verfolgt und gehetzt.
Aber selbst aus den Feinden wurden Freunde, oder aus Freunden erbitterte
Feinde. Eines dieser Paradebeispiele seien Zeke und ihr Vater, wie Brüder
behandelten sie sich und nun hassten sie gegenseitig wegen ihr. Und Eric und
sie, verstanden sich prächtig, nachdem er seinem Drachen befohlen hatte sie
zu jagen und zu verspeisen.
Doch warum war sie aus dem Dorf geflohen? Wirklich nur wegen den
Elfen? Oder war ihr ihr perfektes Leben einfach zu langweilig geworden?
Hatte sie Zeke damals schon für attraktiv gehalten und ihm deswegen
gefolgt?
»Du liebst ihn wohl sehr?«, es war eher eine Feststellung als eine Frage
die Zeki einwarf als er ihr trauriges und nachdenkliches Gesicht sah, da sie
verstummt war.
»Warum sollte ich ihn lieben? Er liebt doch nur diese Alex«, gab Billie
launischer zurück, als sie wollte. Doch Zeki nahm es ihr nicht übel, sollte sie
mal irgendwo Dampf ablassen wollen.
»Warum du ihn lieben solltest? Was ist das den für eine Frage!«, lachte
der Prinz und fuhr fort: »Wo soll ich den anfangen? Erstens: er hat dir ein
neues Leben geschenkt. Zweitens: er behandelt dich, bis auf einige Punkte,
sehr, sehr freundlich und liebenswert. Drittens: ich weiß ein blöder Grund;
aber er sieht doch auch gar nicht mal so schlecht aus, sein Charakter lässt
auch nicht zu wünschen übrig. Was willst du noch hören, damit du dir
eingestehst, dass du ihn liebst?«, schloss er.
»Wenn es dich etwas aufheitert Billie, er liebt nicht nur Alex ... er hat sich
verliebt. Er ähnelt dir zutiefst. Das Wissen, sich verliebt und Angst zu haben,
jemanden deswegen zu vergessen, mit der man sich verloben wollte. Glaub
mir, was ich eben gesehen und gehört habe: er liebt dich! Ich kenne meinen
Bruder und seine Blicke die er dir zuwarf, seine letzten Worte an dich ...«,
Zekis Stimme verlor sich, verlegen und ein wenig rot wegen seinen Worten,
sah er sie an.
»Und nun für jedermanns Verstehen: der Mann ist gezeichnet von Liebe,
genau wie du! OHH, ihr seid beide gezeichnet von Liebe, sehnt euch danach
... habt gelitten und Schmerzen empfunden, aber eurer Leiden ist nun ein
225
Ende gesetzt worden: ihr habt euch!«, sagte Doro fröhlich und klatschte mit
dieser Erkenntnis in seine Hände. »Und da wir beide, Zeki und ich, keine
Unmenschen sind, werden wir dir helfen«
»Wie bitte wollt ihr mir helfen, wenn er, sobald man den Fluch löst,
stirbt?«, brach es aus Billie erschöpft heraus. Tage und Nächte hatte sie sich
den Kopf zermahlt, wie sie ihn retten könne, obwohl ihr kein Ausweg einfiel.
»Nur weil du nicht weißt wie, heißt es nicht, dass es ein Nicht gibt!
Verstehe doch endlich! Es gibt da schon eine Person, die ihn wieder zurück
schicken könnte ...«
»Alex wird dies nie tun! Dafür liebt sie in noch immer zu stark! Ich
mische mich nicht ein! ICH BIN IN IHRE LIEBESSTORY GETRETEN
UND ICH WILL ES NICHT ZERSTÖREN! VERSTEHT IHR ES DOCH,
ALEX UND ZEKE SIND BESTIMMT WORDEN FÜR DEN TOD; DEN
EWIGEN TOD DER LIEBENDEN!«, sie knurrte ihre letzten Worte, bevor
sie sich abwand, so laut das es in der Schlucht wiederhallte. Sie sah hinab ...
jeder ihre Tränen sah sie gefrieren und kaum merkbar im Nebel herabfallen
und verschwinden.
»Ich habe nicht von Alex gesprochen«
Im Nachhinein, merkte Billie gar nicht, dass sie eingeschlafen war. Ihre
Gedanken kreisten um alles und jeden ... jeden den sie kannte und gekannt
hatte ... doch am meisten spielte ihr Gedanken damit, wer nun Freund oder
Feind war ... in welchen verwirrten Beziehungen sie alle verstrickt waren. An
die Vergangenheit wollte sie sich nicht erinnern, aber um sicher zu wesen,
wer was für sie war, war es unermüdlich, die Vergangenheit noch einmal
durchzukauen.
Auch die Gegenwart war ihr nicht ganz koscher, zwar nahm sie war, das
sie nicht wach war, aber doch wollte sie so schnell nicht wieder zurück zu
ihrem realen Leben, zu den Zeke ihr altes, perfektes gemacht hatte. Nur die
Zukunft bot ihr Sicherheit, den dort könnte sie alles machen, sagen, hören
und lieben ... in ihrer Zukunft würde Zeke nicht sterben, er würde mit ihr
Leben, gemeinsam hatte sie einen Weg gefunden, ihm am Leben zu erhalten.
Brosco war ein mächtiger Drache geworden und flog nun langsam in Frieden
226
in seine wohlverdiente Rente. Ihr Vater hatte sich weiterhin um den Thron
ihrer Familie gekümmert.
Eric wurde einer ihrer treusten Freunde. Und selbst Helena hatte jemanden
in ihrem Herzen gefunden ... zwar waren Zeke und sie peinlich berührt aber
irgendwie gaben sie ihnen ihren Segen. Doch ihr eigenes Glück wurde durch
die Trauung ihres Vaters und Zekes Mutter, nur noch mehr Steine in den
Weg gestellt worden, den nun seien sie Stiefgeschwister.
Verbittert dachte Billie nach. Selbst in ihren Träumen war ihre gemeinsame Zukunft von Steinen nur so überfüllt. Sie konnte sich irre Lachen hören
... aber doch in der Gewissheit es nicht getan zu haben. Warum konnte sie es
nicht einfach vergessen und ihn fallen lassen? Aber war ihr Traum nicht
vollkommen mit unerfüllten Wüschen? Wollte sie unbedingt die Liebe die
sie im Traum gefühlt hatte? Hatte sie wirklich zu wenig Zuneigen bekommen? War sie wirklich gezeichnet von Liebe, wie es Doro für sie-warein-hoffnungsloser-Fall erklärte?
Langsam öffnete Billie ihre Augen, sie wollte nicht noch länger in diesem
Zustand, der Trauer, des Schmerzes, den glücklichen als auch den unglücklichen Empfindungen zum Opfer fallen. Sie blickte den vor sich hin
gähnenden Zeki, der seinen Drachen allmählich auf Tiefflug befahl, an.
Seine Müdigkeit lag mit dem seines Drachen überein. Sie sah wie er seinen
Drachen tätschelte und so wach hielt ... als sie nach hinten sah, wo der
Schwanz des Drachens leicht noch oben gebeugt war, sie Doro fest schlafen.
Sein Kopf war ihm auf die Brust gefallen. Sie bemühte sich nicht allzu viel
mit ihren Klamotten zu raschen, um irgendwem aus dem Dösen oder des
Schlafens zu reißen. Um gar ihren Kopf nicht zu bewegen riss sie nur ihre
Augen umher, um ihre Umgebung zu begutachten. Sie flogen nun in eine
Schlucht, nicht die, womit sie den See mit der Black Death beführen, nein, es
war eine Schlucht mitten im Guckgar-Gebirge, umhüllt mir Gestein, rotem
Gestein ...
Je tiefer sie flogen umso dunkler erschien es ihr, sie verlor jede
Orientierung, wusste nicht ob das Gebirge so tief war oder ob sie einfach
weiter in die Erde flogen. Im nachhinein war es ihr eigentlich auch egal ...
227
36
Der Hass in ihrer
Seele
Eine Liebe überdauert den Tod der Lebenden ...
e tiefer sie flogen umso erdrückter fühlte sich Billie. Entrissen aus
ihrer Welt musste sie nun ein Exil, hier in dieser Grotte leben? Da
war es ja gegen ein Haufen Trolle, weitaus einfacher klar zukommen, dachte Billie vergrämt. Ihr schwarzes Haar hing fettig über den
Schultern, ihre braunen Augen waren längst nicht mehr die, die sie vor ihrer
Reise waren; wach, intelligent, immer fröhlich aber nun waren sie leer, gezeichnet von Erfahrung und Weisheit. Diese Reise, mit dem Ziel Zeke, dem
Kerl, den sie liebte, ein neues Leben zu schenken, der aber durch ihre Hilfe
weder Leben noch mit ihr zusammen sein würde, würde sterben, war weit
aus strapazierender als sie gedacht hatte. Ihr Wesen, ihr Charakter, Aussehen,
alles änderte sich, als sie ihn traf. Aber konnte sie ihn wirklich hassen? Ihr
gutes Ich war zerstört, es war Tod ... zu verletzt um noch atmen zu können,
aber vielleicht konnte er ihr altes, fröhliches Ich, dass sich in ihn verliebt
hatte zurückholen? Vielleicht lebte sie noch, irgendwo ganz weit hinten in
ihrem Verstand?
Sie sah, wie Zeki sich aufrichtete, als Börten sicher gelandet war, er war
leicht eingeknickt, und zu Doro ging um ihn zu wecken. Als alle von dem
Drachen gestiegen waren, erhob er sich noch einmal in die Lüfte um sich ein
ruhiges Plätzchen zu suchen und sich Ruhe und Frieden zu gönnen. Seine
228
kräftigen Flügelschläge wehte ihr Haar und ihr dreckiger Umhang nach
hinten. Die aufgewirbelte Luft ließen sie in einer Staubwolke, für kurze Zeit,
verschwinden.
Zeki verabschiedete sich von dem Höllenprinzen und ihr, um sich nun
selbst ein wenig Ruhe zu gönnen. Mit einem leichten Knicks verschwand er
in der Dunkelheit dieser Schlucht.
»Wundere dich bitte nicht, da es hier ein ... wenig dunkel und dreckig und
nass ist ... mein Zuhause eben«, sagte Doro entschuldigend, verbittert über
sein Heim.
»Warum lebst du hier und nicht in irgendeinem Dorf?«, fragte Billie
gradewegs heraus, doch die Frage interessierte sie genauso wenig als wenn
Schweine anfingen zu fliegen.
»Ich bin, und das ohne eingebildet zu klingen, der Einzige der die Göttin
besänftigen kann ... da ihr dass bewusst ist, schottet sie mich von der
Zivilisation ab ... aus Angst, jemand könnte sie hassen, ihr Geheimnis wissen
und mich töten. Ich bin sterblich, das wird mir mit jedem Tag bewusster« Er
sah sie nicht an als er sprach, wahrscheinlich kostete es ihm sehr viel Mühe,
seine Gefühle unter einen trockenen Stimme zu verbergen.
Billie fielen viele Tropfen in den Nacken und liefen ihren Rücken herab,
ein Schauder überzog sie. Der Prinz kannte sich gut in der Schlucht und
deren Inneren aus, wie tragisch sein Dasein doch war. Obschon Billie gar
nicht bemerkte wohin sie liefen, mal bergab mal bergauf, waren sie schon an
ihrem Ziel angelangt. Es war wie ein Schrein. An einer Wand floss Wasser
plätschernd herab, davor stand eine Art Pult auf dem ein Bild errichtet
worden war. Ein Becken, mit stillem Wasser, war vor dem Pult eingebettet
worden.
»Wir sind da ... hier finde ich Erleuchtung und Rat. Rufe sie, sie wird dir
deinen Weg erzählen ...« Mit einer großen Geste seinerseits, folgte Billie ihm
und ließ sich vor dem Becken auf Knie und Hände nieder. Wie um alles,
sollte sie jemanden rufen, den sie nie gesehen hatte? Aber hatte sie
Alexandra nicht schon einmal gesehen? Vor kurzem? Ja, im Wassertempel in
Modnim. Es leuchtete ihr wieder ein! Mit einem plötzlichen Augenschlag auf
das Becken gerichtet erschien ihr auch schon das unheimlich vertraute
229
Gesicht. Sie schien so konstant als stände sie vor ihr, aber doch war sie nur
ein Abbild ihrer Selbst im Becken eines Schreins, in einer Schlucht.
»Und? Hast du mich vermisst?«, ihre Stimme klang wie die ihre, aber
doch umbarmherziger und kälter. Weise klang sie zu ihr, aber alles was sie je
gehört hatte war durch ihre Kälte umstritten und vernichtet worden.
»Warum hast du die Fäden dieses ganzen Theaters in der Hand?«, fragte
Billie zornig.
»Mein Tod ist und war meine Bestimmung, ich sollte über Dvonaäg
herrschen«
»Wohl nicht eher beschützen? Für was haben wir Könige und Armeen?«,
fragte Billie trotzig.
»Beschützen ...? Nein, niemals habe ich damit gerechnet das ihr euch
begegnet, hätte nie gedacht, dass er einen aller letzten Auftrag bekam«, Alex
Stimme bebte leicht, »Und du bist mir im Weg. Ich werde ihn retten mit oder
ohne deine Hilfe. Er wird wieder zu mir gelangen. Aber warum erzähle ich
dir davon, ein dummes Menschenkind hat doch von so was keine Ahnung«
»Drachenreiter!« betonte Billie scharf.
»Drachenreiter ... Königstochter ... was auch immer, es ändert nichts an
der Tatsache. Ich denke, du willst wissen warum?«
»Und wenn ich schon weiß warum?«
»Dann hat es mich unnütz Zeit gekostet. Ich hätte ja ein Waldbrand
vereiteln können«, warf Alex sarkastisch ein.
»Wenn du Zeit hättest, wärest du nicht Tod ...« Billie sah Alex förmlich
kochen. Ihre sonst so feine und blasse Haut, glich bald schon einem Rot.
»Musst nicht gleich rot werden, Elfenprinzessin«, legte sie dreist noch eins
drauf.
»Gut, das haben wir ja dann wohl geklärt, Möchtegern-Drachenprinzessin.
Ich sehe die Zukunft vor mir ... deine, seine, unser aller Zukunft. Und ich
sehe ein Licht, dass blöderweise Billie heißt, dass dazu bestimmt ist uns
diese Zukunft zu bringen. Willst du Teil nehmen, an meiner Version? Du
kannst nicht zurück, wenn dann wartet auf dich der Tod, gehst du jedoch
nach vorne ... erwartete dich ebenfalls der Tod, aber dafür bist du unsterblich
geworden für die Menschheit«
230
»Welche Zukunft willst du mir zeigen?«
»Beide ...« Billie konnte ihren Blick nicht mehr von den ihren abwenden,
also entschied sie, stolz in ihre Augen hineinzusehen. Leicht wurde sie geblendet, verschwommen wurde ihr vor Augen, leichte Übelkeit bestieg sie ...
der Schrein verschwand und es ähnelte allmählich der Höhle der Göttin des
Todes ...
... sie spürte den harten Stein unter ihren Knien. Bewusst wurde sie grob mit
dem Nacken nach unten gestoßen und spürte nun den kratzigen Boden.
Dreckiger Staub atmete sie keuchend ein. Der grobe Staub rieb an ihrer
Wangenknochen und gab ihr blutige Kratzer. Sie fühlte sich ausgelaugt und
traurig. Warum wusste sie nicht ... sie wusste nicht einmal wie sie hierher
gelangt war.
»HEB IHR ELENDES HAUPT!«, brüllte eine Frauenstimme hart, es
hallte durch die ganze Höhle, brummte in ihren Ohren. Mit einem plötzlichen
Ruck wurde sie nach hinten gezogen, sie spürte nur wie ihr Kopf tief im
Nacken saß. Eine reuemutige männliche Stimme hauchte sanft in ihr Ohr:
»Es tut mir Leid ...« Zeki, Zekes Bruder, Zwillingsbruder! Er hatte sie zu
Boden gedrückt und sie heftig gezogen. Doch ihrem Wundern war nicht
lange von belang, den ein zorniges Gesicht, gerötet vor Wut und heiserer,
bebenden Stimme war nahe an ihr Gesichts getreten. Ihr Nasenflügel bebten,
ihre Nase war fast an der Billies. Das wallende braune Haar fiel seidig in ihr
Gesicht, die Brauen zu einer Linie geformt. Ihr Mundwinkel zeigte, solang
sie nicht schrie, bitter nach unten. Tobend schnaubte Yaver ihr ins Gesicht
und ließ wild gestikulierend in der Höhle vor ihrer Nase rum. Billie konnte
sie nur schwer sehen, da ihr Kopf zu sehr im Nacken saß, dass es weh tat.
»WAS FÄLLT DIR EIN, MEINE GASTFREUNDSCHAFT MIT
FÜSSEN ZU TRETEN? HABE ICH DIR NICHT GESAGT, DASS SIE
NUR BÖSES BRINGT UND GLEICH HÄTTE GETÖTET WERDEN
SOLLEN?«
»Yaver ... sie hat mir nichts getan! Ich lebe wie du siehst! Töte sie nicht
...«, gab Doro keuchend von sich.
231
»ALSO HAT SIE DICH BETÖRT?«, fragte Yaver schrill und wand sich
Billie zu.
»Nicht nur hattest du ihn betört, nein du wolltest ihn ja gleich
UMGRINGEN! Weißt du was ich nun mit dir machen werde ... holdes
Weibsbild meines Geliebten? Nein? Weißt du es wirklich nicht? Also werde
ich es dir sagen ...«, ihr Stimme verlor sich und das Letzte was Billie spürte
war der kalte Luftzug und ein leichtes Kitzeln in ihrem Nacken, darauf
wurde die Kälte sehr warm ... und dunkel wurde ihr vor Augen. Mit letzter
Kraft schloss sie ihre Augen ...
»Was ... war ... das?«, fragte Billie keuchend jedes Wort einzeln und
blinzelte um ihre Sicht zu schärfen. Ihr wurde durch die Vision speiübel. Sie
japste nach Luft, ihr Kehle und ihre Augen brannten.
»Nur eine Vision, die sich ereignete als du zu zweifeln bekannst. Willst du
weiter sehen oder gibst du schon auf?«, fragte Alex die langsam Gestalt
annahm im Becken vor dem Pult des Schreins.
»Ich bin nicht sicher, ob mich meine Zukunft lockt, da eine ja schon arg
bizarr endet«
»Oh nein, die zweite ist viel angenehmer ... viel, viel bedeutungsvoller!«
»Was hat die Zukunft für einen Sinn, wenn ich sterbe?«, forschte Billie ein
wenig nach.
»Tu nicht so dumm. Ich werde dir doch nicht deine ganze Zukunft
eröffnen! Nur das was du schaffen könntest ... ob er jemals zu dir kommen
wird, kann ich dir nicht sagen. Es liegt ganz bei ihm, sich zu entscheiden.
Und er wird sich nicht für dich entscheiden ... da bin ich mir ganz sicher,
auch ohne in die Zukunft zusehen«, lachte Alex nun höhnisch und warf ihren
Kopf in den Nacken. Billie fühlte immer noch die Schmerzen im Nacken, wo
Zeki sie gerissen und gezogen hatte. Gleichzeitig darauf brannte wieder ihre
Augen, ihr Magen drehte sich um und wieder sah sie aus den Augen einer
Person, die entweder sie selbst oder wie jetzt, jemand anderes war.
»Tante Gwen, Tante Gwen, erzähl uns noch mal die Geschichte von den
Reitern« Jemand rüttelte an ihrem Saum und riss sie durch ihr Gebrüll wieder
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in die Gegenwart. Sie blickte in die Augen zwei kleiner Kinder, kaum älter
als acht. Ein Mädchen hatte langes schwarzes Haar, seidig schimmerte es im
staubbeschienenen Raum. Der Junge, dass neben dem Mädchen stand,
blickte aus großen grünen Augen heraus fragend an. Sein Haar war Hellbraun, fast golden schien es im Licht. Die Kinder kamen ihr insgeheim bekannt vor.
»Hey ihr beiden Flöhe, was wollt ihr den nun wieder?«, fragte Gwen sanft
und strich beiden zart über die Wange. Florian und Florentine, Geschwister
und Kinder ihrer Schwester Beverly.
»Mom hat uns zu dir geschickt, meinte wir sollen lernen«, sagte Florentine
ehrlich laut aus sich raus. Gwen beneidete sie für ihre Offenheit.
»Gut, wo soll ich den anfangen meine Kleinen?«
»Erzähl uns etwas über Billie«, half Florian nach.
»Billie? Schon wieder? Ob ihrs mir nun glaubt oder nicht: sie ist eine
Großahnin von uns. Eine Oma mit vielen Uhren. Unser Clan, unsere Familie,
Sippschaft oder wie man es auch nennen will, nahm größten Teils mit ihr
ihren Anfang. Von ihren Eltern war nicht viel bekannt und auch nicht die von
ihrem Mann. Sie war ein großartiger Mensch. Sie führte unser Land zu
Reichtum und Macht, nirgendwo litt man mehr unter Hungersnot und Armut.
Ihr Vater war der König, also erbte sie das Königreich. Die Dynastie wurde
von den Dvonaägs bisher geführt. Deswegen heißt unser Land auch so. Viele
Familien mit Vermögen heirateten in die Familie Dvonaäg ein, aber doch
wurde der Name nie abgewandt. Niemals hatte ein Junge in der Familie fast
blondes Haar. Du bist der Einzige Florian, der einem Blondie ähnelt«
»Aber ich hab hellbraunes Haar!«, protestierte Florian und stemmte die
Hände in die Hüften.
»Ist doch nicht schlimm, du bist der Einzige der ihrem Mann ähnelt. Es
gibt seither Familienporträts, ich zeige sie euch bald.
Sie hatte alles auf der Erde gewandelt. Ich habe gelesen, sie habe es
geschafft, die Welt vor den Elfen und auch den Drachen zu befreien. Sie war
eine Reiterin und hatte sich von ihrem Drachen getrennt um ihr eigenes Land
vor übernatürlichen Dingen zu schützen. Doch ob sie den Pakt gebrochen
oder nur umgangen ist, weiß ich nicht ... aber ihr könnt ihr nun eurer jetziges
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edles Leben verdanken. Sie ist unser Blut, unsere Abstammung ... sie lebt in
jedem von uns weiter. Oder ist euch die Ähnlichkeiten der Frauen der
Familie nicht aufgefallen? Und ja, Florian, du sieht meinem Bruder, Jack
auch sehr ähnlich« Gwen grinste den beiden schelmisch zu. »Nun geht eurer
Mutter helfen ... ich rolle euch gleich hinterher«
Nun bemerkte auch Billie, dass sie kein Gefühl in ihren Beinen hatte ...
doch bevor sie es realisieren konnte spürte sie schon ihre eignen Beine auf
hartem Stein wiederkehren. Sie hatte die Vision kaum wahrgenommen, so
verschwommen hatte sie es gesehen.
»Und? Welche Zukunft willst du?«
»Warum hasst du mich?«, fragte Billie und sah sie direkt an. Ihr Augen
irrten auf Alex’ Gesicht umher, eine Antwort suchend.
»Du macht mir meinen Verloben streitig ... reicht dir das? Du lebst für den
Moment mit ihm zusammen während ich hier verkümmere, um meiner
Bestimmung folgend. Glaubst du, es ist leicht seinen Verlobten zu verlieren
und dann mit ansehen zu müssen, wie sich ein Landei an ihn ranmacht? Ich
hasse dich, ja und wenn ich könnte würde ich deine Lider für immer, auf der
Stelle, sofort schließen. Es zerfrisst mich, wie nett er zu dir ist ... manchmal
denke ich, er hat mich vollkommen vergessen. Ich muss kämpfen, stark sein,
um ihn wiederzuerlangen«, ihre Stimme zitterte und ihre Augen wurden
glasig, aber weinen tat sie nicht. »Ich wollte ihn heiraten, Kinder bekommen
... alt wollte ich mit ihm werden, meinen Enkel aufwachsen sehen und wie
sie selbst Kinder bekamen. Ich war im Gegensatz zu dir immer bei ihm!
Habe seine Tränen aufgefangen und zu einen See geformt. Habe seine Leidenschaft und seinen Instinkt geschärft«, nun klang ihre Stimme aufgebracht
schrill.
»Schweig! Hat dein Wehleiden etwas mit unserm Land zutun? Billie ist
dazubestimmt es zu retten und dir zu helfen, ihr Land zu beschützen«,
mischte nun auch der Prinz mit, trat Billie aber nicht zunahe.
»Er hat recht, Alex! Während wir ihr reden könntest du mich weiter lernen
und arbeiten lassen, du hättest viele Katastrophen verhindern können. Und da
ich weiß, dass du jeder meiner Bewegungen folgst, somit deine Pflichten
vernachlässigst, werde ich nun dass tun, was alle von mir erwarten; nämlich
234
mein Land retten! Ich wäre dir sehr verbunden, dich aus meinen privaten
Angelegenheiten rauszuhalten. Du bleibst schön brav hier sitzen –oder was
auch immer, und denkst über diesen Plan nach: wie ich mein Land retten,
Zeke von diesem Fluch befreien, Zeki von der Gefolgschaft der Göttinnen
abbringen und natürlich die Göttinnen selbst vernichten kann! Also, ich
denke, dass war es fürs Erste«, zählte Billie an den Fingern ab und ließ ihrer
Stimme einen Aspekt von Königlichkeit zukommen.
»Falls du es vergessen hast, ich bin selber eine Prinzessin«, mahnte Alex.
»Aber eine Tote ... also wer kann mehr ausrichten im Moment? Ein eifersüchtiger Geist oder eine lebende Möchtegern-Drachenprinzessin?«, gab sie
spöttisch zurück. Die Genugtuung das Alex wörtlich kochte beflügelte sie
und gab ihr neue Kraft.
»Ach, denkst du das? Vergiss nicht ... immer noch bin ich es die über
Zekes Entscheidung herrscht«
»Also gibt es einen Weg?«, fragte Billie neugierig sowie gereizt.
»Gab es jemals keinen Ausweg? Heut zu Tage kann man sogar dem Tod
von der Schippe springen«, sagte Alex neutral, fast schon mechanisch.
»Weißt du ... du meintest du hast seine Träne gefangen? Weißt du warum
er weint? Warum er mir verheimlicht hat, dass er sterben wird? Weißt du wie
er sich fühlt wenn er mit mir zusammen ist? Nein, das kannst du nicht wissen
... das sieht du vor Eifersucht nicht. Soll ich es dir sagen?«, jetzt galt es Billie
zornige Tränen zu weinen. Die bittere Wahrheit wie ein Dolchstoß in ihrer
Brust, zu fühlen ...
»Er weint, wegen dir! Er hat mir nichts gesagt, damit ich ihm helfe zu dir
zu kommen! Er fühlt sich alleine und verlassen, traurig und zerrissen, hinund hergerissen! Wenn er mich sieht, sieht er alles was er je geliebt hat, alles
was er verloren hat! Er könnte mich hassen ... er tut es aber nicht, weißt du
warum? Wir ähneln uns. Und da ich weiß wie du dich fühlst und er sich, trete
ich zurück ... aber du solltest etwas wissen; ich ähnle dir so sehr, dass er
mich mit dir vergleicht, mich nicht hassen kann! Er versucht alles, auch auf
kosten andere, zu dir zukommen! Er will nichts weiter als sterben! ER
LIEBT DICH! SELBST DER TOD KANN EUCH NICHT TRENNEN!«,
schrie sie Alex an. Zum ersten Mal sah sie auch Alex weinen, zwar kaum
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merklich aber doch weinte sie ... doch ihre Tränen rannen unerbittlich.
Waren sie nicht beide naive Mädchen?
Heftig schlunzend boxte Billie auf den Boden. Vergrub ihr Gesicht im
dreckigen Staub. Der Schrein war erfüllt von ihrer Liebe und ihrem Schmerz.
236
37
Wenn das Herz
schreit
Ist es am verwundbarsten
em man verlassen wurde, leidet man selbst darunter am meisten,
dass wurde nicht nur Billie bewusst. Die Band, bestehend aus
Cloey, Clover und Lilane, vermissten Billie genauso wie mach
anderer ...
»Es macht keinen Spaß ... nicht mal einen Ersatz gibt es hier«, murrte
Clover in ihr Kissen, in ihrem Zimmer.
»Wir vermissen sie alle, Clover und erst recht jetzt, wo alle wissen, das sie
gesucht wird«, sagte Lilane trocken.
»Kinder ... lebt nicht immer in der Vergangenheit, es wird so nicht
besser«, mischte sich Helena ein, die nun mit einem Tablett mit Tassen Tee
beladen, in das Zimmer trat und jedem eine Tasse reichte.
»Schon, aber die Gegenwart tut so weh« Cloey saß auf einem Stuhl und
hatte die Arme um die Beine geschlagen.
»Helena! Sie ist –oder war, so gut wie deine eigne Tochter!«, sagte Lilane
aufgebracht.
»Sag nicht so was! Sie lebt sicher noch, Lilane!«, brach es aus Cloey
heraus.
237
»Ihr geht es gut ... sie ist stark! Ich hoffe nur sie wird wieder zurück
kommen ...«, sagte Helena bitter zu sich selbst. Ja, sie wusste es. Sie wusste
die ganze Vergangenheit von ihr ... sie wusste, dass sie der direkte Erbe des
Königs war. Wenn sie wiederkam hatte sie sich gegen den Thron entschieden, wenn nicht ..., sie wollte es nicht wissen.
»Helena, sag uns was Sache ist! Du weißt es! Du weißt wer dieser Junge
war der Billie mitgenommen hatte! Und die Fremden damals«
»Was wollt ihr den hören? Ihr glaubt doch eh nicht an die alten Geschichten und Legenden«, sprach Helena skeptisch.
»Ich bete jeden Tag zu Gott, dass er sie uns wieder gibt ... warum sollte
ich jetzt nicht auch daran glauben können?«, fragte Clover und sah in ihre
Augen, Tränen standen in ihre.
»Der Junge, Zeke ist mein Sohn ... er war Drachenreiter, ist unsterblich
und nahm Billie mit sich, da sie bestimmt ist, den Thron zugbesteigen ... sie
ist die rechtmäßige Königin Dvonaägs. Billie ist so gut wie auch ein
Drachenreiter! Sie muss die Göttinnen vernichten, dass ist ihr Schicksal«
Niemand sprach etwas. Sollten sie ihr glauben, einer Abergläubischen? Billie
hatte ihr nie geglaubt, Billie war realistisch und vertaute auf Tatsachen und
Fakten als auf Märchen und bösen Hexen. Aber sollte es doch stimmen,
sollte sie die Wahrheit gesagt haben, war Billie eine Prinzessin ... aber gab es
den wirklich Drachen? War Helenas Sohn wirklich ein ehemaliger Drachenreiter, der Unsterblich war? Das war genau sowenig zu glauben, wie wenn es
Göttinnen gab, die vernichtet werden sollen.
»Was können wir tun um ihr zu helfen?«, fragte Clover schließlich und
brach die Gedanken der anderen. »Wenn wir ihr helfen können, dann helfen
wir ihr auch!«
»Ihr könnt ihr nicht hinterher reisen ... ist könnt so ziemlich gar nichts tun.
Wir sind nur Zuschauer die sehen wie sich die Welt ändert ... zum Guten
oder zum Schlechten, das hängt ganz alleine von Billie ab, wie sie sich
entscheidet. Wir werden warten müssen, bis sich der Storm legt und das
meine ich wörtlich«, sagte Helena und blickte aus dem Fenster. Es stürmte
das sich die Bäume bogen. Hart prasselte der Regen gegen die Scheibe. Die
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Natur erlebte eine Wechselbad der Gefühle ... und diese Natur hatte auch
einen Namen, den wusste Helena; Alexandra.
Auch Zeke hatte sich Gedanken gemacht. Während er seine Hin- und Hergerissenheit versuchte zu verstehen, brach Viggo in Wutausbrüche und
Weinkrämpfen aus.
Im Tempel des Wassers hatten sie notgedrungen Unterschlupf bekommen.
Und irgendwie hatten sie auch Brosco in den Tempel bekommen, der sich
nun auf dem Boden kümmerte und sie seit seinem einfinden nicht mehr
bewegt hatte, fressen wollte er nicht mehr. Wenn Zeke ihn nicht zum fressen
brachte, waren er und seine Reiterin Geschichte. Und das wollten alle Anwesenden nicht, weder er, Viggo noch Brosco selbst.
Was empfinde ich wirklich für beide? Klar, ich wollte Alex heiraten ...
aber, kommt nicht das gleiche dabei heraus wie bei Billie? Währe sie nicht
gestorben hätte ich es müssen. Damals wollte ich nur leben, wegen ihr ... nun
will ich sterben, aber selbst dabei mir ich mir nicht mehr sicher! Viggo
würde es mir nie erlauben, sollte ich dem Tod entkommen! Er wird mir nie
verzeihen können. Auch Brosco am leben zu erhalten wird schwer werden.
Warum ist sie uns –mir, so wichtig? Erwidere ich ihre Liebe?, seine
Gedanken überschlugen sich. Zeke konnte weder an einer Sache grübeln und
nach einer Lösung suchen noch konnte er sich einen Reim aus allem machen.
Seine Gedanke verdrängten und suchten. Sein Herz schrie ... doch er
verstand nicht, nach was es schrie. Immer wenn er seine Augen schloss, sah
er Alex’ Gesicht, dass sich aber schnell in das von Billie verwandelte. Aber
nicht nur sein Gedanken war der völligen Verwirrung nahe, auch Viggos fuhr
eine Achterbahn. Ab und an vergrub er sein Gesicht in den Händen, mal hieb
er gegen die Wand des Tempels. Manchmal leere und traurige Augen und
dann wieder zornig und feurig. Hatte er nun gänzlich seine Tochter, Erben
verloren? Würde sie ihm je verzeihen können ihr Vater zu sein? War ihm
seine Nachfolge wichtiger als seine Tochter? Warum wolle er sie überhaupt
vermählen, durfte –konnte sie nicht selbst ihren Ehemann wählen? Musste er
sich einmischen? Hatte er versagt als Vater?
239
Ja, klar hab ich als Vater versagt und als König gleich drauf. Habe mein
Land, meine Tochter dem Willen der Göttinnen übergeben und das schamlos
und ohne Schmach! Hätte ich nicht gegen die Göttinnen antreten können, sie
besiegen sollen? Und wen ich gestorben währe, könnte meine Tochter stolz
auf mich sein. Warum ließ sie sich gefangen nehmen? Aus trotz das ich ein
Rabenvater bin? Währe es besser ihr die Wahl zugeben? Nie würde sie sich
für mich entscheiden ... niemals. Eher würde sie für Zeke sterben!, er blickte
Zeke hasserfüllt an. Doch dieser bemerkte seinen Blick nicht, nur Brosco ließ
seinen Augen wanden. Sein ganzer Körper, seit längerer Zeit versteift. Er
wusste nicht ob er überhaupt noch fliegen oder ähnliches konnte. War er
nicht fähig sich um sich selbst zu kümmern?
Aber Billie hat mich gelehrt selbstständig zu handeln, unabhängig von ihr.
Oder spiegle ich nur ihre Seele wieder? Nicht mehr bereit zu kämpfen? Alles
Willen gebrochen? Wenn sie nicht stark ist, bin ich es auch nicht ... aber ich
muss stark sein –wenigstens einer von uns. Und überhaupt, wir leben!
Brosco fühlte sich durch seinen Eigenmut beflügelt sich aufzuraffen und
endlich wieder seine Muskeln anzuspannen und in die Lüfte zu fliegen.
Wackelig rappelte er sich auf alle Viere und stand recht instabil. Zeke
bemerkte sein Aufrichten und rannte zu ihm.
»Soll ich dir was zu fressen bringen?«, fragte er schnell und stützte sich
ein wenig auf ihm um ihn mehr zu stabilisieren. Brosco schüttelte mit seinem
Kopf, langsam fand er sein Gleichgewicht wieder. Sein Kopf stupste den
Zekes, als Dank für deine Hilfe und Mühe, an. Langsam wankend schritt
Brosco auf das Tor zu, ging hindurch und erhob sich in die Lüfte ... auf der
Suche nach Nahrung, für alle!
»Hast du eine Ahnung wie wir sie retten wollen?«, fragte Zeke mit einem
Strahlen im Gesicht, als er Brosco davon fliegen sah. Viggo wandte sich ihm
nicht zu, verstimmt saß er auf dem kalten Boden. Er schüttelte den Kopf.
Zeke verdrehte seine Augen und ließ sich neben ihm in die Hocke nieder.
»Sie will nicht gerettet werden ... schon gar nicht von uns«, meinte Viggo.
»Wer soll sie dann retten, wenn nicht wir? Die Elfen? Viggo ... mein
König, sehen Sie den nicht ihren Drachen? Er hat einen Willen und er wird
sie finden! Niemals würde Brosco Billie verlassen ..., schon gar nicht jetzt,
240
wo sie in Gefahr ist«, sagte Zeke. Viggos Blick richtete sich auf ihn. Seine
grünen Augen strotzten nur so vor Übermut und Leichtsinn. Zekes Blick aber
traf nicht Viggos.
*
Sie wusste nicht wie lang sie schon hier war. Weder Tag noch Nacht erkannte sie in dieser Düsternis. Wusste nicht, wie lang sie die kahle Wand
anstarrte, deren jedes Detail sie schon mehr als ein Mal, beobachtet hatte.
Das Leuchten in ihren sonst so freundlichen, braunen Augen war erloschen
und wurden erfüllt mit Mattheit und Tränen. Ihre Lippen spiegelten kein
Lächeln, kein Grinsen wieder, nicht mal ein Laut kam aus ihrem Mund. Ihre
versteiften Muskel hatten sich seit langem nicht bewegt. Ein Muskelkater
jagte jeden Muskel. Sehnen schienen überdehnt und schmerzten. Doch ihre
am Boden gekrümmte Haltung, gab ihr einen Hexenschuss, dass jedes
Bewegen ausschloss. Ihr braunes Haar wuchs und wurde fettig. Wie ein
Gardine hing sie vor ihrem Gesicht. Adern stießen aus ihren Händen und
Füßen sichtbar hervor. Der kalte und nasse Boden unter ihr, ließ sie zittern,
das Einzige was Billie noch konnte. Auf liebe Aufforderungen zu essen, gab
sie keine Reaktion, so musste der Prinz abdrehen. Auch er empfand es als
sehr schwer sie am Leben zu erhalten, den ihre Seele war schon längst tot.
Wollte sie den gar nicht mehr leben? Nicht mal für ihren Jungdrachen, den
sie erst bekommen hatte? War ihr ganzer Wille dahin? Warum trat sie die
Reise an? Denn alles hatte sie verloren und wollte sie nach der Reise sie
wieder besuchen?
Ihr Herz hing ihr schwer in der Brust und ihre Augen brannten, denn sie
hatte keine Tränen mehr ... zum vergießen um ihrer Seele Ausdruck zu
verleihen. Der Prinz kam und ging. Warum kam er den? War sie ihm so
wichtig? Ja, sie war im wichtig, dass wurde Billie nun bewusst. Hatte Alex
ihr nicht die Zukunft gezeigt? Hätte sie nicht die Wahl? Und selbst wenn sie
keine Wahl hätte, müsste sie so das Leben von Brosco aufs Spiel setzten?
Billie hätte sich ohrfeigen können, nur daran gedacht zuhaben, versagt, alles
verloren zu haben. Es stimmte nicht einmal. Sie hatte so gut wie nichts
241
verloren, nur zurückgelassen! Ihre Freunde waren noch immer im Dorf und
würden auf sie warten. Und nun hatte sie auch ihren Vater wiedergefunden,
den, denn sie für verschollen hielt. Sie hatte eine Familie ... sie würde eine
Familie haben, würde sie sich anstrengen. Sie würde eine Legende werden,
deren Enkelkinder es ihren Kinder erzählen. Es währe egal mit wem sie in
ihre Zukunft trat, Hauptsache sie würde sich aufraffen und ihr entgegen
schreiten.
Billie ließ ihren Blick auf ihre Hände schweifen. Sie fühlte die schmerzliche Anspannung die durch ihren Arm in jeden ihrer Fingerspitzen zog.
Langsam schloss sich ihre Hand und das tat sie mit der anderen Hand
genauso. Als sie die Arme von den Beinen gleiten ließ zerriss jeder Muskel
in ihren Schultern, ein lautes Stöhnen hallte in den Höhlen wieder. Billie
wollte gar nicht erst wissen, wie es nun war aufzustehen und zugehen.
Während ihr Kopf noch teilnahmslos herunterhing, streckte Billie langsam
ihre Beine, das Dehnen der Kniekehle ließ ihre Zähne zusammenbeißen,
selbst das tat ihr weh.
»Um Gottes Willen! Soll ich dir was bringen? Soll ich dir helfen
aufzustehen?«, fragte der Prinz der durch das schmerzen Geheul aufmerksam
wurde und zu ihr gegangen war. Billie hatte sich seitdem wieder nicht mehr
bewegt. Arme und Beine von sich gestreckt und immer noch an der Wand
lehnend. Doch was zuvor nicht war, war ihr feuriger Blick der durch die
Höhle wanderte Der Prinz ließ sich neben ihr nieder und legte eine Hand auf
ihre Schulter, Billie zog sie ruckartig zurück und schloss ihre Augen.
Beherrscht versuchte sie ihre Stimme gewohnt klingen zulassen, aber sie
klang nur heiser und rau. »Könnte ... ich ein Schluck Wasser?«, fragte sie. Er
nickte stürmisch und rannte hinaus. Doch bevor er wieder bei ihr war, stand
sie schon aufrecht vor ihm.
»Es ist an der Zeit, Prinz. Die Schlacht wird geschlagen und ich werde
nicht tatenlos mit ansehen wie mein Land stirbt«, sagte Billie bestimmt. Ihre
Stimme klang als währe sie Jahrhunderte nicht mehr gebraucht worden.
Kratzig und schmerzend stiegen ihr die Worte aus dem Rachen.
242
»Gut, wie kann ich dir behilflich sein? Ich hoffe, wenn ich es überlebe,
dass ich unter deine Dienste dienen kann ... es wäre mir eine Ehre, Drachenreiter«
»Auch auf die Gefahr hin, Yaver nie wieder zu sehen?« Bitter blickte sie
ihn an.
38
Der Ritter in der
strahlenden
Rüstung
kommt mit seinem weißen Ross!?
illie besann sich Ruhe zu bewaren und unterdrückte so ihren Zorn
gegenüber Alexandra, der ehemaligen Verlobten von Zeke. Zwar
243
wollte sie sich von ihr leiten lassen ihr Land zu retten, aber doch
wurde ihr bewusst was es hieß, ein Land zu retten ... sie würde nicht nur
retten sondern auch verlieren.
»Ich bin hier um dir meine Entscheidung mitzuteilen«, sagte Billie in das
eingelassene Becken, in dem Alex erschienen war. Mit Feuer in den Augen
und neuem Selbstbewusstsein sprach sie. Sie war nicht mehr die, die vor
kurzem leblos in einer Ecke lag. Nein, auch damals, bevor sie das Dorf
verließ ... sie hatte neue Seiten ihrer Selbst und des Lebens entdeckt, sie war
ein neuer Mensch. Ja ..., dass war sie, ein neuer Mensch, den vor wenigen
Monaten war sie nichts, dann ein Drachenreiter und nun die Prinzessin eines
ganzen Landes, ihres Landes! Billie war die Hoffnung ihres Landes. Ihr versagen würde bedeuten, dass ihr Land weiter unter der Herrschaft der
Göttinnen leiden würde und das Armut sie heimsuchen würde. Doch würde
es ihr gelingen, gäbe es bald eine neue Dynastie. Ein wohlgenähtes Volk und
saubere Flüsse und Straßen.
»Wenn du nicht hier bist um mir deine Entscheidung mitzuteilen, warum
bist du dann hier? Soll ich dir etwa noch einen tieferen Einblick in deine
Zukunft geben? Soll ich dir zeigen, wer alles in dieser Schlacht sterben wird?
Ich kann dir natürlich auch die Zukunft zeigen die deine Kinder erwarten
wird ... und die, ist nicht wie deine. Oder willst du alles auf eigene Faust
unternehmen, keine Hilfe von außen und so in eine Situation kommen, die
unfreundlich sein kann? Billie, was willst du von mir? Meinen Segen? Oder
willst du mich bitten ihn zu verschonen? Selbst wenn ich es könnte, läge es
an ihm ... und du, kannst ihn nicht wiederhaben, denn ich werde ihn für
immer bei mir behalten«
»Was lügst du den so? Ich zolle dir meinen größten Respekt, euch beiden,
aber das ist eine Lüge, Alex! Und das weißt du auch!«, sprach Doro ein
wenig erzürnt als er neben Billie trat. Billie sah ein wenig verwirrt, aber in
Doros Augen sah sie, dass er es ernst meinte und so die Wahrheit sprach.
»Ach? Man kann ihn retten? Und das willst du Sterblicher wissen? Hast du
dem Tod schon mal je gesehen?«
244
»Jeden Tag, wenn ich mit ihr zusammen bin ... selbst der Tod kann uns
nicht trennen. So wird auch ihre Liebe zu ihm auf Dauer sein. Und ja, es gibt
eine Möglichkeit«
»Wenn es eine gibt, dann sollten wir es nicht hinter seinen Rücken
besprechen ... denn er ist es nun letzten Endes, der sich entscheiden muss, für
wenn sein Herz schlägt oder schon immer geschlagen hatte!«
»Alex, halt die Klappe! Prinz, seien Sie bitte auch ruhig ... ich höre etwas,
es erinnert mich an ... Alex, schnell! Wie wird er sterben, sag! Ich will nicht
damit leben müssen, wie du es tust. LOS«, bellte Billie hektisch, den sie
hörte etwas, was ihr sagte das sie bald gehen müsse. Sie sah flehend auf Alex
hinab, sie schüttelte stumm ihren Kopf.
»Nein. Er wird sterben und du kannst nichts das geringste tun um es zu
verhindern. Er und ich, wir werden wieder vereinigt sein und du hast
schließlich ein Land zu führen. Du hast gar keine Zeit, dich um ihn zu
kümmern«, sagte Alex gehässig und konnte nichts gegen ein triumphierendes
Lächeln in ihrem Gesicht tun.
»Ahh, wenn haben wir den hier? Ich bin ja so erfreut den Prinzen erlegen,
die Prinzessin retten und endlich eine verschollene Verwandte sehen
zukönnen« Billie sah sich nicht einmal um. Sie kannte diese freche, junge
Frauenstimme. Langsam stand sie auf. Sie hörte das Ziehen, als würde eine
Klinge aus ihrer Scheide gezogen werden. Billie stand nun schützend vor
dem Höllenprinzen und mit eisernem Blick sah sie Arjun an. Völlig perplex
starrte Arjun Billie mit großen Augen an, selbst ihre langen Ohren hingen ein
wenig schlaff herab.
»Geh bei Seite! ICH WERDE IHN TÖTEN, SONST KEINER, VERSTANDEN? ER HAT SEINE VERDAMMTE PFLICHT VERGESSEN,
WEGEN IHM HÄNGEN WIR ALLE IM SELBEN SCHLAMASSEL! ER
IST SCHULD AN ALLEM!«, brüllte Arjun. Nie hatte Billie sie so toben
sehen, dass ihr Gesicht schon rot anlief. Aufgebracht ließ sie ihre Klinge
sinken und stampfte mit dem Fuß auf dem Boden. Ihr schönes langes, fast
weißes Haar fiel ihr ins Gesicht und verbarg nur das Wutverzerrte.
»ARJUN! Wollt ihr mich alle aufregen? Kann es sein, dass hier jeden
seine eigene Bedürfnisse nach geht? Hört den niemand mehr auf mich? Ich
245
bin doch die ... ARJUN, STECK DAS SCHWERT WIEDER ZURÜCK!«
Arjun sah sie verstummt und mit großen Augen an.
»Ich werde nun gehen, sagen Sie ihr einfach, ich hätte sie niedergestreckt
oder mein Daddy kam und rettete mich. Und zu dir, Miss Zu-mir-gehört-er,
ich denke ich werde so einiges tun und lassen, was du nicht geplant hast und
denke nicht ich hätte Angst, lieber würde ich sterben und dich dann selbst
noch einmal töten zukönnen. Lass uns gehen, auf mich wartet eine Schlacht«
Provozierend sah sie ein letztes Mal ins Becken und spuckte hinein, es war
ihr egal was er, sie oder alle anderen davon hielten. Alex durfte sprühen das
Billie sie zuriefst hasste. Aber einem dankenden Blick warf sie dem Prinzen
zu bis zu Arjun ereichte und am Handgelenkt ergriff und fort zerrte.
Längere Zeit liefen sie aneinander her und irrten durch die Dunkelheit.
»Tolle Rettungs-Aktion! Hast nicht mal eine Ahnung wo es hier raus geht!
Toller Held!«, motzte Billie.
»Ach entschuldige, ich bin ja nicht Zeke! Er ist viel lieber mit deinem
Vater und deinem Drachen zusammen als das er dir zu Hilfe kommt! Sei
froh das du überhaupt gerettet worden bist« Vor ihnen war, etwa zehn Meter
Entfernung, ein Licht zusehen, der Ausgang! Billie seufzte kurz tief durch
und rang gleich darauf nach Luft. Sie konnte es nicht glauben. Nun war vor
ihnen kein Lichtfleck mehr, nein sondern etwas großes, blaues was sich
plötzlich niederließ. Zwar erkannte Billie es sofort als einen Drachen, aber
doch war sie geschockt über die Tatsache, dass auch Arjun ein Reiter war.
Lieber hätte sie ihren Drachen erhofft aber in eine Rettung sollte man nicht
wählerisch sein.
»Du bist ein Reiter?«, fragte Billie, die langsam ihren Atem wieder fand.
»Klar! Denke nicht du seihst in allem die Auserwählte!«, keifte sie, recht
nett, zurück. »Steig auf, wenn sie zu lang hier herum fliegt, fällt es auf«
Billie tat wie ihr geheißen und stieg auf. Arjun schwang sich hinter ihr.
Kraftvoll hob sich der Drache in die Luft und flog den schmalen Pass empor,
den zu vor Zeki mit Börten hinab geflogen war. Es war eine herrliche blaue
Färbung. Jeder ihrer Schuppen glänzte wie blaue Saphire, jeder Broscos wie
246
Amethyste. Ja, sie vermisste ihn richtig. Nie hatte sie gedacht sie würde so
lieben, aber schon als sie das Dorf verließ wurde sie eines besseren Belehrt.
»Wie heißt sie? Oder viel besser, hieß es nicht Brosco wäre das letzte noch
intakte Ei, woher hast du sie? Viel älter als Brosco dürfte sie nicht sein
oder?«, fragte Billie während sie immer höher flogen.
»Sie heißt Vermouth«, und so mit wischte sie ihre letzte Frage beiseite,
woher sie Vermouth habe. Doch Billie war es gewohnt, dass ihre Fragen
größten Teils nie beantwortet wurden. Arjun blieb eben immer Arjun, dass
sagte Zeke auch und er kannste sie wesentlich länger als sie.
»Arjun, fang langsam an meine Fragen zu beantworten! Ich fange nämlich
langsam an mich an mein Schicksal zu gewöhnen, solltest du auch tun«
»Du solltest dankbar sein und nicht versuchen mir zu befehligen!«
»Davon abgesehen! Du antwortest nie auf meine Fragen<<
»Was willst du wissen?«, fragte Arjun genervt und verdrehte die Augen.
»Meine letzte Frage an dich, zum Beispiel!«
»Du willst es echt wissen? Sie ist Diebesgut! Ich habe sie von einer Diebin
in Mäegash. Und diese Piper hat Vermouth gradewegs aus Nehcard Reuef
gerettet. Gerettet bevor die Göttinnen die Nester, Eier und viele Drachen getötet haben. Brosco war es prophezeit bei den Alten zubleiben. Er ist direkter
Nachkomme von edlen Drachen. Von ihr hier ist nichts bekannt. Deswegen
ist meine dankbar für alles was ich für sie tue« Billie schwieg. Nicht nur
Arjuns Tränen sah sie, sie sah sogar Vermouths Tränen. Hatte Billie wirklich
alles verloren? Tat sie nicht vielleicht einfach so, als sei sie das Opfer? Want
es so, dass ihr alles genommen wurde und aufgeben musste? Konnte es nicht
auch sein, dass sie schon immer besser als andere gelebt und behandelt
wurde? Immer schon das Beste bekommen hatte? War sie verwöhnt? Egoistisch? Sie fühlte sich schlecht ... sie hatte ein schlechtes Gewissen.
Längere Zeit sprachen sie nicht miteinander. Erst als sie unten am Gebirge
landeten, ergriff Arjun das Wort, nachdem Billie die beiden Einhörner entdeckt hatte.
»Also, wir werden ab hier reiten ... Vermouth fliegt vor und sagt bescheid
das es dir gut geht und wir kommen werden. Wenn wir bei ihnen sind, wird
247
sie nicht mehr da sein! Erwähne sie erst gar nicht. Ich war noch nie sauer auf
dich, warum bin ich das nun seit ich dich gerettet habe?«
»Hmm, ich weiß nicht ... da ich alles verlieren werde, was mir teuer ist, ist
es mir egal ob ich lebe oder sterbe. Ich kenne meine Zukunft«
»Manchmal sollte man seine eigne Zukunft machen! Weißt du was ich
sehe? Ein verbittertes Mädchen, dass denkt, sie würde alles verlieren aber in
Wahrheit gewinnt sie. Sie wird die Schlacht gewinnen, sie wird die Liebe
gewinnen für die sie kämpft und sie wird das bekommen was immer sie
wollte. War es bisher nicht immer so?«
»Ich werde die Schlacht gewinnen ... aber sterben wird er wenn ich gewinne. Also werden meine Kinder, und deren Kindes Kinder nicht von ihm
sein. Es tut mir Leid, deine Zukunft für mich hat Flecken. Wie soll man jemanden von den Toden zurückholen? Wenn du es weißt, währe ich dir sehr
verbunden es mir zu sagen« Billie wand sich ab und stieg auf ihr Einhorn,
gab ihm die Sporen und ritt schon mal vor in Richtung ihres Verderbens.
Arjun beeilte sich auf ihr Einhorn zu steigen und ihr nach zugaloppieren.
Würde sie alles verlieren? Nein, sie hatte schon alles verloren ... hinter sich
gelassen. Hatte sie erst ihre Mutter verloren, da diese bei ihrer Geburt starb?
Hatte ihr Vater sie nicht bei ihrer Tante abgegeben und sie somit auch
verlassen? Hatte sie nicht, durch Zeke, ihre Tante und ihre Freunde im Dorf
zurückgelassen? Fedele starb bei einem nächtlichen Überfall von Trollen.
Pferde starben wegen und durch ihr ... war es denn nicht einfacher einfach
alles zu beenden? Was brachte es ihr, sich gegen die Göttinnen aufzulehnen?
Nur Ärger und viel Leid ... niemand sollte ihr besser zu nahe kommen, es
könnte sein, dass sie Vertrauen hegt und sich eventuell verliebt.
Billie kochte innerlich, da sie so dumm war und sich in Zeke verliebte ...
ihm vertraute, obwohl er sie die ganze Zeit angelogen hatte. Aber doch
könnte sie nicht ärgerlich sein ... konnte ihn nicht hassen, da er ihr ihre Einsamkeit auf dieser Reise nahm. Er war der Erste für den sie wirklich Gefühle
hatte, doch diese wurden nicht erwidert, dafür steht der Tod zwischen ihnen.
Dank ihm zieht sie in den Krieg ... und niemand stand hinter ihr?! Bald
schon würde sie auf dem Schlachtfeld sehen und seinen Tod mit ansehen
müssen, aber sie wusste nicht wer alles gegen oder mit ihr kämpft, diese
248
Sache war noch nicht geklärt. Vieles war nicht offen geklärt ... vieles musste
gehört, gefühlt und auch erst ein mal ausgesprochen werden damit man es
verstehen konnte ... aber wie war es den noch gleich? War es denn nicht
wirklich einfacher alles zu beenden? Würde sie jetzt ein Ende setzten würde
sie nicht mehr leiden müssen, würde alles an das sie je geglaubt hatte
hintergehen und davon laufen ... nein, dass war nicht Billie, das war nie sie!
Sie würde kämpfen bis zum bitteren Ende, würde hassen bis zu ihrem Tod
und darüber hinaus und lieben bis in die Ewigkeit.
Es war ein Gedanke wert ..., sprach Brosco sie leise an, der ihre Gedanken
gehört hatte.
39
„Wie fühlst sich
dein Herz an?!““
Das Herz schlägt nur einmal ... aber für wen?
249
eit Vermouth zu den Tempeln geflogen war und den anderen die
freudige Nachricht mitteilte, das Billie befreit wurde und nun auf
den Weg zu ihnen war, war nun schon eine Woche vergangen.
Die Wochen strichen ins Land und kaum, so wusste Billie würde sich das
Land ändern. Selbst die vielen Mulaps die ihren Weg kreuzten interessierte
sie nicht. Die Harpyien hoch über ihnen, die bald von Calvados vertrieben
wurde, durch seine bloße Gegenwart. Das letzte Mal als Billie die andere
Seite des Gebirges beritt brannte die Sonne unheimlich auf ihrer Haut, doch
diesmal schien sie milde, obwohl der Boden unter den Hufen der Einhörner
auseinander klaffte. Sie sprachen wenig miteinander auf ihrer Reise nach
Modnim. Billies Gedanken fanden keinen Halt, keine Ruhe vor dem was sich
ereignen würde.
War es nun richtig, diesen Weg zu bestreiten? War es fair von ihr, die
anderen in Unwissen zu lassen? War es richtig das Dorf überhaupt verlassen
zuhaben? War es in richtig, ihn fallen und sterben zu lassen? Sollte sie nicht
lieber kämpfen? Kämpfen für denn den sie liebt ... dem Ersten, dem sie ihr
Herz zeigte? Billie biss sich grimmig auf die Zunge. Sie ertappte sich dabei,
wie sie wieder an ihn dachte. Was würde es bringen? Würde er leben, würde
er doch nur Alexandra verehren. Würde sie zurückgehen, ins Dorf zurück ...
würde sie je ihr altes Leben zurückerlangen können? Hatte sie sich nicht
schon zu sehr verändert? Würden die anderen sie überhaupt erkennen? Alles
was sie je begonnen hatte, hatte sich in einen Alptraum verwandelt.
»Wach auf und beweg dich!«, sagte Arjun scharf in ihr Ohr. Billie verzog
das Gesicht.
»Was willst du?!«, antwortete sie bissig.
»Es gibt eine Möglichkeit ihn unter den Lebenden weilen zulassen ... aber
dafür musste du aus deiner Traumwelt raus und dich endlich aufraffen. Du
musst für das kämpfen was du am meisten liebst!«
250
»Für das kämpfen ... was man am meisten liebt ... wo hast du denn den
Spruch her?!«
»Von jemanden sehr weisen«, antwortete sie schwach und sah traurig nach
vorne. Ganz schwach mag man die Tempelspritzen erkennen.
»Kämpfen ... am meisten liebst ...«, hauchte Billie für sich.
»Du willst doch die Göttinnen besiegen, nicht wahr? Dafür musst du stark
sein und das nicht nur körperlich«
»Ich bin stark!«, schnaubte Billie.
»Wenn du meinst ... aber dein Herz ist schwach! Dein Herz ist nur dann
stark wenn du wirklich kämpfen willst. Wenn du nicht weißt für wenn du
kämpfst bringt es dir nichts, da du wirklich lieben musst. Und weil sich
hinter dem Kämpf vielleicht doch Glück verbirgt! Werde dir dessen endlich
bewusst Billie, sonst kannst du gleich wieder ins Ruckgar-Gebirge flüchten,
dich verkriechen und heulen weil du so feige warst! Denn wenn du jetzt
kämpfst wirst du sterben! Verstehe endlich!«
»Wie soll das möglich sein? Ich kann nicht kämpfen! Ich will nicht
kämpfen wenn hinter dem Kampf nur Pech ist! Und was will ich mit einer
Liebe die nicht erwidert wird? Sag es mir!«, donnerte Billie. Nein, sie konnte
nicht kämpfen, dafür wurde sie zu sehr verletzt ... für den sie kämpfen wollte,
brach ihr Herz und auch ihren Mut für den Kampf. Wollte sie den keine
Märtyrerin mehr werden? Hatte er sie so verletzt das die an alles dachte nur
nicht an die Tatsache, dass sie ihn liebte? War es den so unwahrscheinlich
ihn retten zu können? Nein, es war ihre Einstellung dazu! Sie wollte kämpfen
und lieben ... sie konnte!
»Arjun ... bitte sag den anderen, dass ich schon auf den Weg zu den
Wachen von Rragthber bin. Ich werde dort auf sie warten«, sagte Billie
bestimmt und blickte gen Himmel. Sie wusste nicht warum sie dies getan
hatte, aber doch hatte sie Brosco gerufen der im Sinkflug auf sie zu flog. Als
er landete brach unter dem dorren Boden leicht Wasser heraus. Sein Maul
war blutig, er war wohl auf der Jagt gewesen. Billie blickte ihn vernarrt an.
Sie hatte einen Drachen um den sie sich kümmern musste. Und zwar einen
sehr schönen Drachen. Seine Schuppen glänzten im Sonnenlicht wie
251
Amethyste. Seit ihrer Abwesendheit hatte er sich um sich selbst gekümmert
... sie hatte seine Erziehung also mit vollem Erfolg bestanden.
»Hier ... hast du dein Einhorn wieder. Ab hier werde ich nun fliegen« Sie
stieg ab und streifte die Zügel über den Hals des Einhorns, reichte diese dann
Arjun, die perplex abwesend zu ihr und Brosco sah. Doch am Ende zierte ein
Lächeln ihr Gesicht.
Brosco ließ sich auf seinen Bauch nieder um Billie das Aufsteigen zu
erleichtern. Sie stützte sich auf seinen Ellenbogen und schwang ihr Bein (vor
die Flügel, die er aufrecht nach oben hielt) auf seinen Halsansatz. In aufrechter Haltung blieb Billie gekonnt sitzen, als Brosco abhob und sich etwa
zehn Meter Höhe wand um zu den Wächtern zufliegen. Es war ein herrliches
Gefühl für sie. Sein warmer Körper ließ sie nicht frieren. Die Schuppen
rieben kaum an ihren Oberschenkel, so gleichmäßig flog er seinen Weg. Das
Auf und Ab seiner Flügel ... ein wahrlich mächtiges Gefühl. Auch das Leben,
nun in etwas höherer Gegend, zu beobachten. Es war wunderschön auf ihrem
eigenen Drachen zureiten. Sie spürte wie seine Kraft ihn oben hielt ... als
würde sie einfach wie ein Blitz durch ihren Körper ziehen. Sie fühlte die
kräftigen Windböen unter seinen Flügeln. Sie glaubte nicht lange zu fliegen,
als sie schon in Ragthber waren. Brosco setzte zum landen an und zog tief
durch seine Nüstern die Luft der Umgebung ein, dazu regte er seinen Hals
hoch in die Luft. Billie stieg ab. Sanft glied sie an seinen Schuppen herab. Es
war ein zerfallener Wächterturm in dem oben am rundlichen Dach ein großes
Loch klaffte, in dem es hineinregnete. Und erst jetzt bemerkte Billie, dass es
anfing zu regnen. Brosco schüttelte kräftig seine Schuppen und spritzte Billie
nass. Langsam fühlte sie die Kälte, die an ihr hoch kroch. Doch sie
bezweifelte stark das es in dem Turm wärmer war ...
Billie rüttelte am Schloss der Tür, die ins Innere des Turmes einließ. Sie
bekam sie nicht auf und ließ Brosco mit einem leichten Schwanzhieb die Tür
ausheben. Sie versprang splitternd. Brosco suchte sich hinter dem Wachturm
ein kleines Versteck im Wald. Billie schritt zögernd ein. Es kam ihr nicht
ganz üblich vor, das ein Wachturm von außen so heruntergekommen und
innen nicht mal ein Spinnennetz an der Decke war. Langsam ging sie auf den
kleinen Kamin zu. Holzscheiden waren trocken und nur leicht verkohlt. Sie
252
ging die Treppe hinauf, zu jenem Ort den sie sich voller Moos vorstellte.
Jeder ihrer Schritte tappten auf den engen kleinen Steinstufen nach oben.
Kein einziger Staubkern wirbelte, wegen ihrem Umhang auf. Oben angekommen sah sie auf das Land Dvonaäg ... ihrem Land! Zwar nass und verregnet, aber ihres. Die betrachtete sich den Boden an der klaffenden Hauswand. Es fand sich kein Moos (zumindest nicht so viel, wie eigentlich über
die Jahre hin). Sie lehnte an der offenen Wand. Fragen über Fragen. War sie
hier sicher?
»Was macht ihr hier?«, fragte jemand hinter ihr, der ihr den Weg die
Treppe herunter abschnitt. Seine Stimme war feindlich. Als Billie sich wand
und in sein Gesicht sah, sah sie einen Jungen, der nicht älter schien als sie.
Sein überaus langes, braunes Haar, sein weißer Umhang, der er sich um
seinen Leib gebunden hatte. Gleichsam trug er Ohrringe ... insgeheim sah er
nicht schlecht aus, so fand Billie. Seine braunen fast schwarzen Augen
bohrten sich in ihre Entsetzten. Billie wand sich ab und sah hinab aus der
klaffenden Wand.
»Yo!«, rief ihr jemand, der ihm hinter ihr aus dem Gesicht geschnitten
aussah, hoch. Er klang freundlich. Sein Haar war jedoch nicht so lang wie die
seines Ebenbildes. Er trug sie nur bis zu den Schultern.
»Was meinst du mit: ihr?«, fragte sie. Weder konnte sie herunter springen
noch an dem anderen vorbeirennen.
»Du und dein Drache ... der sich am Waldrand aufhält und uns beobachtet.
Schick ihn weg ... er hat keine Chance«, sagte der, der die Treppe versperrte.
Er schnipste kurz mit der Hand und hinter den Jungen, der unten stand
erschienen zwei große Drachen. Sie schienen nicht so Elan bereit wie
Brosco, den ihre Augen waren starr und kalt. Einer Schuppen wie gold, deren
Pyrit sehr ähnlich sah. Der andere schien Tigeraugen gleich. Denn ersten
Schock überwunden bemerkte Billie, dass die Drachen ein wenig begannen
zu Flackern.
»HA! Das sind keine echten Drachen! Das sind lausige Hologramme!«,
spottete Billie und augenblicklich verschwanden auch die Drachen. Der
Junge der noch kurz bevor unten war, trat nun hinter seinem Ebenbild vor
und reichte ihr seine Hand.
253
»Ich bin Aoi und das ist mein Zwilling Hao. Können wir dich einladen
zum Essen zu bleiben?« Sein Zwilling zog zischend Luft ein
»Wie habt ihr das eben mit dem Hologrammen geschafft? Seit ihr ... Leute
der Göttin?«, fragte Billie schwach, als sie auf einem Stuhl vor dem Kamin
mit den beiden Zwillingen, Suppe schlürfte.
»Keine Gefolgschaft, nein«, sagte Hao knapp.
»Ehrlich ... seit die Göttinnen die Macht ergriffen haben sind wir auch
fortgegangen. Es ist schwer einen Zusammenbund zu finden und alles wieder
einen geregelten Alltag zukommen zulassen. Wir sind Götter, Billie ...«,
sagte Aoi.
»Ich konnte die Drachen eben nur hologrammstieren weil das die Drachen
waren, sie hier wache hielten. Ich bin der Gott der Vergangenheit und mein
Zwilling der der Zukunft«
»Bitte was?« fragte Billie ungläubig und sah ein wenig hysterisch in beide
Gesichter. Hao hatte ein Lächeln und Aoi grinste breit übers ganze Gesicht.
»Die Göttin des Todes, Yaver hat sich von den restlichen Göttern abgeschottet. Sie nahm ihre Schwestern mit sich. Nugia und Landia sind die
Göttinnen des Lebens und der Zeit. Alle Götter sind mit einander verbunden
obwohl wir nicht verwandt sind«, begann Hao.
»Gerne würden wir, die Götter ein erneutes Ragnarök verhindern, aber
dies ist nicht absehbar. Die, die noch bei Yggdrasil sind überlegen sich schon
wie sie es verhindern können. Bis jetzt ist ihnen noch keine Idee gekommen«, endete Aoi.
»Was für Götter gibt es den noch? Ich hatte es mir einfacher vorgestellt
...«, fragte Billie.
»Sollen wir sie alle aufzählen?«, antwortete Hao skeptisch, Billie nickte
stürmisch. »Ârenta wacht über die Gegenwart. Als die Elementaren starben,
wurden diese in eine Elfe namens Alexandra wiedergeboren. Der Sonnengott
ist Calarè und seine Schwester Levata, die des Mondes. Und eben wir beide«
»Was genau ist Ragnarök? Und wie kann man einen Gott töten?«
254
»Deine Leidensgeschichte ist uns schon zu Ohren gekommen, Billie ...
aber leider können wir dir nicht sagen wie man einen Gott tötet! Aber was
Ragnarök ist können wir dir gerne sagen. Los sag es ihr Hao«
»Ragnarök ist der Untergang der Götter ... man nennt es aber umgangssprachlicher Götterdämmerung. Wenn die Götter sterben, beginnt ein neues
Zeitalter, weil wir versagt haben ... und ob wir die Chance bekommen liegt
ganz allein an Yggdrasil. Du hast doch schon sicher von ihr gehört?!« Hao
sah sie ungläubig an als diese verneinte.
»Wie viel hat dir dieser Depp den noch verschwiegen? Aoi ... sag es ihr.«
»Jeder fragt sich wie das Leben bekann. Wer über unser Leben wacht und
so weiter, oder? Selbst wir Götter wissen es nicht, aber wir sorgen dafür das
ihr ein schönes Leben habt. Wir können nicht überall sein, können nicht
jedem helfen. Doch Yggdrasil, der Weltenbaum wacht über uns. Unsere Aufgabe ist es hauptsächlich den Baum vor euch Menschen zu schützen, denn
wenn es diesen Baum nicht gibt, gibt es auch uns nicht. Die Welt hat ein
System, das unbedingt erhalten werden muss, koste es was es wolle. So lange
es diesen Baum gibt, solange sie lebt, werden wir Götter wiedergeboren.
Doch wenn sie stirbt, wer soll dann noch für Recht und Ordnung sorgen?«
»Und warum kann der Baum nichts gegen Yaver unternehmen?«, forschte
Billie weiter.
»Weil sie der Teufel ist ... sie kann nicht sterben weil sie wiedergeboren
wird. Die Schwestern hängen miteinander zusammen. Wir haben nichts damit zu tun. Wir wachen über die Zukunft und der Vergangenheit ... wenn sie
wollte würden wir nicht mehr hier stehen und mit dir reden«
»Aoi! Was siehst du in ihrer Zukunft? Hao ... du musst wissen wo ihr
Schwachpunkt ist, du hast ihre Vergangenheit! Du kannst ihre Ahnenreihe
durchforsten und etwas herausfinden«
»Wenn man die Vergangenheit jemanden antastet, spürt man es ... sie
würde wissen das ich es bin und mich beseitigen«
»Kann ich wenigstens ihn retten?«
»Ja, sicher kannst du das ... besser könntest«, sagte Aoi knapp.
»Wenn er stirbt ist seine Zeit zu Ende. Doch Nugia kann ihn wieder unter
den Lebenden weilen lassen ... Problem: er währe nicht mehr er selbst. Dafür
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müsste Yaver seine Seele frei lassen und Landia seine Zeit weiterlaufen
lassen. Und Yaver würde dies nie tun«
»Unter welchen umständen ist Yggdrasil bereit Ragnarök heraufzubeschwören?«
»Indem ein Gott einen Gott tötet ...«, es war nicht die Stimmen Haos oder
Aois ... nein, es war eine Stimme die sie lange nicht mehr gehört hatte,
Zekes. Ihr Herz sprang auf und ab, doch fing sie an zu begreifen. Er war hier.
Sie liebte ihn und er hatte sie angelogen. Sie haste ihn.
»Unsere Eids die wir Götter Yggdrasil gaben, erlauben es uns nicht
Menschen etwas anzutun. Und wir können nur durch die Hand eines
Menschen sterben ...«, sprach Aoi schwach.
»Aber Yaver ...!«, murmelte Billie.
»Yaver hat den Eid gebrochen. Aus jedem Eid gibt es einen Ausweg ...
man muss ihn nur finden. Jeder Gott trägt einen Teil Yggdrasils, ein Mal das
wir eingebrannt bekommen und diesen Teil hat sie durch den Bruch des Eids
verloren. Sie ist keine rechtmäßige und anerkannte Göttin«
»Wenn ihr uns entschuldigt ... ich muss aus ihr noch eine Drachereitern
machen. Hao, Aoi ... auf Wieder sehn«, sagte Zeke und ergriff Billies Handgelenk als diese sprachlos am Tisch saß. Hao lächelte nur und räumte das
Geschirr weg, Aoi hingegen grinste breit und winkte ihnen zum Abschied.
Billie sah Brosco draußen mit Arjun warten. Sie musste sich beeilt haben.
Einen letzten Blick warf sie auf die klaffende Wand. Aoi winkte ihr noch
hinterher bis Hao ihn rief, er solle ihm doch helfen. Der Regen hatte
aufgehört und wühlte den Boden auf.
»Billie, wieso rennst du-«, Zeke hörte mit seinem angefangenen Appell
auf als er Billies Schulter sah und ihrer ernsten Stimme lauschte: »Wie fühlt
sich dein Herz an?!«
256
Teil Drei
Prägende Erinnerungen
Wenn einem alles verlässt,
zerrt man an der Vergangenheit
man nährt sich daran und wird krank
Erst dann sehnt man sich
Nach der Zukunft
40
257
Rückblick
Ich bin ich und wer bist du?
ie Dämmerung begann. Rot schimmerte der Himmel hinter ihnen.
Die kleine heiße Quelle vor ihnen. Die Quelle hatte eine kleineren
Fluss der zur Hauptschlagader von Dvonaäg führte. Kein Baum
weit und breit. Zuvor waren sie mit ihrer Kutsche den langen Weg von
Beän’gul über die kleine Brücke am Flussende, hinübergefahren zur Quelle
der Urd. Tom wartete bei der Kutsche, während Luna ihren Kinder gut
zuredete.
»Es wird Zeit meine Lieben. Das hier ist die Quelle der Urd. Kniet nun vor
ihr und betet hinauf zu den Göttern. Wir werden hier auf euch warten«, sagte
Luna und wischte sich eine Träne weg. Ihr Kinder, die Geschwister Yaver,
Landia und Nugia, waren am Tag des erstens Ragnarök geboren ... zu der
Zeit, als die Toten auf die Erde dürfen. Eine schwere Bürde für die beiden
Eltern, zu wissen das ihre Kinder Göttinnen waren. Zu wissen, dass eine
unberechenbar war und vielleicht ein zweites Ragnarök heraufbeschwor.
Das Ende des Tages fand statt als der Vollmond über ihnen wachte und
auf die Quelle schien und sich spiegelte. Die Sterne fingen das Licht des
Mondes. Die Kinder, nicht viel älter als dreizehn Jahre knieten vor der
Quelle und falteten ihre Hände. Ihr Gemurmel halte durch die tiefe Nacht. Da
ihre Gebete geendet hatten öffneten sie ihre Augen. Sahen auf drei Wurzeln
die spiralförmig in den Himmel ragten. Äste und Blätter bildeten eine
Treppe, die ebenfalls spiralförmig um den Baum führte. Yaver blickte zurück
zu ihren Eltern, sie schienen den Baum nicht sehen zu können. Sie fasste sich
ein Herz und ging auf das helle Innere des Baumes zu. Er war zwar Spiralförmig aber dich nicht verbunden. Sie setzte einen Fuß auf das unterste Blatt,
258
es hielt sie. Sollten sie den ganzen Weg nach oben laufen? Ein letzter
fragender Blick zu ihren Schwestern, sagte ihr, dass auch sie es nicht
wussten. Doch als alle einer der Blätter betreten hatten, schien sie etwas
unter den Achseln zu packen und ihnen den Weg hinauf zu helfen. Das ihre
Schwestern verwirrt und unbeirrt um sich traten, sah Yaver jedoch was ihnen
half. Männer oder Frauen, dass konnte sie nicht sagen, in schwarzen Umgängen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, flogen sie hinauf. Aus ihren
Umgängen lugten ihre schwarzen Flügel hervor. Je weniger sie begriff umso
schneller spürte sie den harten Boden unter ihren Füßen, als sie oben
ankamen. Es war ein wunderschönes Reich, hoch über dem Himmel. Sie
konnte nicht verstehen warum es hier helllichter Tag war, obwohl sie doch
tief in der Nacht aufbrachen.
Stumm sah sie die Engel mit den schwarzen Flügel hinfort fliegen und sah
schweigend auf sich Zwilling zukommen. Die Zwilling schienen kaum älter
als sechzehn. Beide hatten braune bis schwarze Augen und braunes Haar,
zwar unterschiedlich lang aber doch sahen sie sich ähnlich. Der mit den
längeren Haaren trug große Ohrringe und einen weißen Umhang, der andere
trug ein weißes Hemd und eine dazugehörige weiße Hose. Leicht verneigten
sie sich vor ihnen und die Geschwister taten es ihnen gleich. Tom und Luna
hatten ihnen nicht gesagt was auf sie wartet, umso mehr hoffte Yaver wieder
zurück zu ihnen zukehren ... denn sie würden auf sie warten.
Der Himmel war prächtig. Vögelähnliche Wesen flogen durch den
Himmel und spielten mit den Wolken. Rundliche Gebäude die einem Oval
sehr ähneln, aus denen Festern, viele Gesichter lugten. Also gab es doch
Engel? Jedem dem sie auf der Straße sahen hatten kleine weiße Flügel ...
nicht tauglich fürs lange Fliegen aber immerhin zum fliegen. Aber was waren
dann die Wesen gewesen, die sie hier hoch flogen? Auf diese Frage fand
Yaver noch keine Antwort. Jeder dieser Engel verbeugte sich vor ihnen und
den Zwillingen. Die Zwillinge lächelten ihnen nur zu aber mahnten die
Kinder, diese Verbeugung mit einer ebenwürdigen Verbeugung zu erwidern,
später würde es ihnen erklärt werden.
Sie waren längere Zeit durch die Mitte der Stadt gelaufen und standen nun
vor einer großen goldenen Elfenbeinpforte. Sie gingen hindurch. Es wurde
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hell um sie herum, Yaver wurde geblendet und schloss ihre Augen. Nach
wenigen Minuten wagte sie ihre Augen wieder zu öffnen und sah sich in
einem hohen großen goldenen Raum wieder. Manche Engel saßen, versetzt
hoch oben, vor Hologrammen und einer Art mechanischem Flügel, auf dem
sie heftig, wechselnd die Federn nach unten tippten oder am Hologramm
etwas änderten. Ihnen schwand das Lächeln im Gesicht nicht, obwohl ihnen
die Schweißperlen die Schläfe herabrannen. Jeder dieser Engel trug einen
veilchenfarbenen Umhang, da drunter trugen sie einheitlich gehaltene
perlmutfarbene Gewänder mit goldenen Verzierungen. Die Schleppen der
Frauen versteckten ihre Füße. Es wunderte Yaver ... es gab hier in diesem
Raum nur Frauen. Obwohl sie in der Stadt friedlich ihren Arbeiten nachgingen und sich die Frauen dort um die Kinder kümmerten. Unten am Boden
stand ein großer runder Tisch mit elf Stühlen die lange Lehnen hatten, an
dessen Ende eine weiße steinerne Taube hockte. In der Mitte des Tisches
fand sich ein Kristall. An jedem dieser Stühle saß eine Person ... die keine
Flügel trugen, doch an diesem Tisch trafen sich sogar Männer an.
»Wir heißen euch herzlich willkommen ... ihr werdet ab Heute zu unserem
Kreis zählen und der Welt Einklang bringen. Ihr Göttinnen«, sagte eine Frau
weise. Ihre eisblauen Augen und ihre jugendhaftes Aussehen mit den weißen,
fast silbernen Haar, war einer Göttin würdig. Sanft lächelte sie sie an. Die
beiden Zwilling nahmen am Tisch platz.
»Ich bin Arenta, die Göttin der Gegenwart. Hao und Aoi sind meine
Nebenmänner die für Zukunft und Vergangenheit sorgen (sie meinte damit
zu Zwilling). Calaré und Levata herrschen über Sonne und Mond (die beiden
Leute neben Aoi und Hao). Feuer, Wasser, Luft und Erde sind die Damen
neben ihnen. Und ihr, meine noch so kleinen Göttinnen wacht über Leben,
Tod und der Zeit. Ihr seit bestimmt mit den Göttern zuhandeln und Yggdrasil
zu dienen. Bitte folgt nun Calaré und Levata«
Caleré, ein groß gewachsener Mann mit blondem Haarschopf und
haselnussbraunen Augen, lächelte ihnen freundlich zu. Sein goldrotes Gewand war der Sonne mächtig. Levata, eine kleine Frau mit ebenfalls blondem
Haar aber mit dunkelblauen Augen, schien seine Schwester zu sein. Sir trug
ein silberblaues Gewand, dem Mond nahe. Beiden schienen nicht älter als
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über zwanzig Ende dreißig. Mit sanfter Gewalt schob Caleré die Kleinen vor
sich her. Sie liefen einen langen Gang entlang, an deren Wänden Gemälde
von Engel hingen. Yaver blieb bei einem hängen. Man sah das Gesicht des
Engels kaum, denn ihr braunes Haar flog davor. Doch die mächtigen Flügel
konnte sie klar und deutlich erkennen. Viel größer als die der Engel in dem
Raum und der Stadt. Dennoch bannte sie die Sense in ihrer Hand. Kaum
wagte sie sich dem Bild ab zuwenden, aus Angst, es könnte ein heftiger Groll
auf sie hineinbrechen.
»Sie ist dir aufgefallen? Du bist ein Ahne von ihr ... sie ist in die
Geschichte der Götter eingegangen. Nun ist es schon dreizehn Jahre her, als
das erste Ragnarök stattfand. Doch nun sind wir da ... und dürfen euch nicht
weiter begleiten«, sagte Levata freundlich und öffnete eine Tür. Es schien
weiß im Inneren des Raumes.
»Also bin ich ... bin ich der Tod?«, fragte Yaver schwach und mied die
Blicke ihrer Schwestern. Angst überfiel sie ... Angst, man würde sie durch
diese Erkenntnis meiden und nicht mehr lieb haben. Angst, allein gelassen zu
werden, verlassen von ihren Schwestern und Eltern. Doch bildeten sich keine
Tränen in ihren braunen Augen. Stolz stand sie da und lauschte der Antwort,
die auf sich warten ließ und nicht ausgesprochen wurde.
»Wir sind nicht die richtig, um dir das zu sagen, Kleines ... aber für wen
hältst du dich?«, sagte Levata.
»Ich bin ich ... und wer bist du?«, antwortete Yaver und wand ihr den
Rücken zu. Sie nahm die kalten Hände ihrer Schwestern und blickte noch
einmal in ihre Gesichter, bevor sie den ersten Schritt auf die Tür zuging.
Levata schloss sie hinter ihnen wieder. Yaver verlor den Boden unter den
Füßen und hielt sich mit aller Kraft an den Händen ihrer Schwestern. Sie
hörte die Angst in ihren Stimmen, als sie riefen wo sie seien, als diese auch
schon erstarben und Yaver die Hände rutschig wurden und losließ. Sie ahnte
nicht wie lange sie in der ziellosen Dunkelheit umherflog. Weder war es kalt
noch warm ... weder sah noch hörte sie ihre Schwestern. Sie hatte Angst.
Warum ging nun alles schief? Dürften sie nicht mehr zurück zu ihren Eltern?
War dieser Weg wirklich ihr Weg? Musste und wollte sie ihn bestreiten?
Und endlich kullerte ihr eine vereinzelte Träne die Wange, ins Nichts herab.
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Die Zeit schien ihr unendlich, als würde sie nicht vergehen und als müsste sie
nicht atmen, um zu überleben. Sie zog die Beine in der Schwerelosigkeit zusammen und schlang die Arme um diese. Fragte sich Fragen, über die sie nie
nach dachte. Hatte sie sich wirklich noch nie gefragt, warum sie den Vogel
hatte damals wieder Tod vom Himmel fallen lassen ... und all die anderen,
deren Leben sie vergehen hat lassen, weil ihre Schwestern sie belebten?
Warum konnte sie das? War sie wahrhaftig eine Göttin?
»Bist du bereit?«, fragte eine Stimme. Es war eine herrliche Frauenstimme. Diese Stimme konnte Yaver ein Lächeln entlocken, denn sie klang
als würde sie Singen wollen. Sie wurde nun in eine neue, harmonische Welt
geschleudert, frei von jeglichen Problemen. Der Boden unter ihren nackten
Füßen, fühlte sich weich und feucht an. Der Moos schien einem Miniaturwald nahe. Langsam verlagerte sie ihr Gewicht um sich dieses Gefühl einzuprägen, noch nie war es so innig. Der Himmel über ihr war blau und der
Wind wog die Wolken hin und her. Tief zog sie durch die Nase Luft ein ...
»Das ist die Erde auf der du lebst und ich erhalte sie am Leben. Du bist
direkter Ahne einer Göttin, du hast das Recht einen Platz zubekommen.
Willst du mir helfen, der Erde einen Rhythmus zu geben und es harmonieren
zulassen?«
»Woher weiß ich, was ich tun soll? Werde ich immer im Himmel sein?
Wer waren diese Menschen ...?«, fragte Yaver und verstummte. Mit wem
redete sie eigentlich?
»Ich bin Yggdrasil ... das Leben dieser Erde und des deines. Götter werden
gesandt um den Lebewesen zu helfen, sich zu einigen. Hier oben Leben nur
Engel ... und du musst nicht immer hier sein. Und die Engel die euch hier
hoch flogen waren deine Todesengel, die dir die Treue schwören«
»Und was genau soll ich nun machen? Anderen Leuten die Seele
nehmen?«, sprach sie ein wenig leise.
»In der Tat, das sollst du ... aber deine Engel werden dir helfen«
»Nur weil ihnen der Eintritt im Himmel verwehrt wurde müssen sie nun
mir dienen? Das ist nicht gerecht!«, wütete Yaver. Nur weil man sie für
Sünder hielt, sollen sie in die ewige Verdammnis?
262
»Willst du es ändern? Dann schwöre hiermit einen Eid und bringe uns eine
neue Zukunft«
Billie ließ sich auf die Knie sinken und schwör einen Eid. Den sie zumal
in diesem Moment bereute. Sie wusste nicht was, aber ihr Rücken brannte
mit jedem Wort des Eids, denn sie schwör. Ihren Nieren hoch zum Nacken
und die Schulterblatter den Armen entlang. Es brannte als würde jemand mit
einer, eben noch im Ofen liegenden Eisenstange ihren Rücken entlang fahren
und ihr ein Zeichen einbrennen. Schmerzverzerrt sprach sie das letzte Wort
des Gelübdes und der Schmerz verflüchtigte sich träge. Schweiß fiel ihr Kinn
erhab auf den nun weißen Raum, denn sie eigentlich hatte auch betreten. Der
Raum war sehr leise, sie konnte ihr Keuchen durch den Raum hallen hören.
Sie stürzte sich mit den Händen am Boden ab und wurde von einem
neuerlichen Schmerz zu Boden gerissen. Krampfhaft versuchte sie den
Schmerz an ihren Schulterblatter zu ergreifen. Sie konnte nicht erfühlen was
nun wieder passierte doch es schmerzte ihr. Ihre Schreie erstarben, als sie die
Tür öffnete und sie in die Gesichter ihrer Schwestern blickte. Ihr gerötetes
Gesicht zierte ein bitteres Lächeln und mit zusammen gebissenen Zähne
stand sie auf und bemerkte die Spiegel im Zimmer. Es war zwar ein
wundervoller Anblick der sich ihr bot, doch hätte sie sich gleich wieder auf
dem Moden kauern können. Sie hielt dem Blick jedoch stand. Vorsichtig
näherte sie sich einem Spiegel. Die weißen Flügel, die nun aus ihrem Rücken
ragten ... woher hatte sie die? Haben die Flügel ihr den Schmerz gegeben?
Durch ihr Gemüt senkten sich die Flügel ... sie hingen nun schon am Boden.
Gleichsam als ihre Schwestern sie riefen spannten sich die Flügel und
verpufften in viele Federn.
»Was ist nun passiert?«, fragte sie erschrocken und blickte auf den Federnregen, denn sie verursacht hatte.
»Sie sind nicht weg ... doch nun bist du eine wahrhaftige und anerkannte
Göttin. Willkommen«, sagte Levata fröhlich. Yaver ging auf sie zu und warf
einen letzten Blick auf den Spiegel. Ihre Schulterblatter ließen vereinzelt
Blut-tropfen ihren Rücken herab, dieser war rot geworden ... ihrem Rücken
zierte ein schwarzes, über die Wirbelsäule reichendes Tatoo.
263
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Wahre Freunde?!
Freunde für immer oder doch nur für Heute?
r hatte nichts auf ihre beißende Frage geantwortet, auch Arjun
blieb stumm. Aber nach Billies Meinung nach hielt sie sich nur
aus dieser Dreierbeziehung heraus, da sie sich weder gegen die
zukünftige Prinzessin, ihrer verstorbenen Cousine noch gegen ihren fast
Schwager Zeke auflehnen wollte, also sagte sie lieber gar nichts. Billie ritt
nun wieder ihren Hengst und hinter Zeke, mit Arjun zusammen. Brosco ging
für sie jagen. Arjun lobte sie für ihren Drachen. Sonst sprachen sie sich kaum
an. Alles was Zeke zusammenbrachte war einen >Guten Morgen< und eine
>Gute Nacht<. Sie waren nun auf der Reise zu den Zentauren und Arjun
graute es schon vor den Feen, von denen sie einst so ungezügelt gesprochen
hatte. Billie war gespannt auf diese Wesen. Wann sah man schon ein
menschenähnliches Pferd oder zu klein gerate Menschen mit Schmetterlingsflügeln? Von Brosco hörte Billie, dass er Vermouth sehr hübsch fand,
worauf Billie heftig kichern musste. Da sie nun aber Zeit hatten (abgesehen,
dass sie auf der Reise niemand auflauert) waren abendliche Fechtstunden
eine Wohltat für die Seele. Köstlich für ihre Wunden, Zeke des öfteren zu
besiegen. Sie wusste nicht was sie nun fühlte ... oder was sie fühlen sollte.
Sie tat ihn lieben aber nun auch hassen. Doch weder wollte sie ihn lieben,
nach dem was er sagte noch wollte sie ihn hassen, da sie ihn nicht vergessen
könnte.
Den Wald denn sie durch ritten, war herrlich. Die Bäume durch den Herbst
fast kahl. Sie ritten durch wunderschöne Pfade und gelbe und rote Blätter
fielen zu ihnen herab. Billie genoss diesen traumhaften Anblick, vielleicht
264
würde sich dieser nicht wieder ereignen? Die meisten schon recht kühlen
Briesen ließen sie leicht frösteln, doch erfreute sie es ... diese elegante
Berührung des Windes. Seit sie wusste das sie eine Prinzessin war, änderte
sie sich. Sie war nun anmutiger als je zuvor. Die Sonne strahlte sachte durch
die Tannen, die ihre Nadeln noch hatten oder Bäumen deren Blätter noch
nicht vollständig abgefallen waren. Ihre Umgebung war ein einziges Gemälde Gottes. Niemand sonst, so riet sie, könne sie eine traumhafte Kulisse
schaffen. Das Sonnenlicht spendete ihnen sogar in den dunkelsten Stellen des
Waldes Licht ... sie mochte die Sonne, doch diese würde bald vom Mond abgewechselt werden, den sie noch lieber hatte. Der Mond wachte schon so
lange über sie, nie hatte er aufgehört zu strahlen, nie hatte er sie im Dunkeln
gelassen. Wie die Sonne schien er durch die Lücken der Kronen und
zeichnete ihr einen Weg zu ihrem Ziel. Der herbstliche Abend schien wie
jeder andere Abend gleich, doch es war feenhafter wie alles langsam Reif ansetzte und alles um sie glitzerte. Sie schöpften aus dem Fluss, der direkt zu
ihrem Ziel führte und sie nicht von ihm abwichen, frisches Wasser kochten
oder tranken es.
Erschöpft ließ sich Billie auf ihren Sattel zurück sinken, nach dem sie das
Essen gegessen hatte: das Brosco fing, Arjun vorbereitete und Zeke briet. Sie
schlang sich ihren Mantel eng an ihren Körper, zog die Kapuze tief ins
Gesicht und lauschte noch dem Gemurmel zwischen Zeke und Arjun, sie
verstand es kaum, nur Brocken, aus dem sie sich keinen Reim bilden konnte.
Im tiefen Inneren wollte sie es nicht einmal wissen. Arjun würde ihm vorwerfen so hinterrückst mit ihr gespielt zu haben und doch mahnend das er
ihre Cousine hinterging, die er doch so innig lieben tat. Oder aber Zeke
würde es ihr erklären und würde einen Plan mit ihr aushecken, damit seinem
Tod nichts mehr im Wege stand. Je enger sie sich ihren Umgang um ihren
Körper spannte, sodass ihre Knöchel ihrer Hände weiß wurden, je mehr
hoffte sie das sie verstummten. Sie wollte sie nicht hören, wollte keine
Brocken hören auf die sich das Fragen reimte und grübelte. Sie wusste sollte
sie nur Teile verstehen, würde sie falsch oder einfach zu viel rein interpretieren und das wollte sie nicht, solange sie sich ihrer jetzigen Gefühlen
nicht bewusst war.
265
Sie wand sich dem Licht des Lagerfeuers ab und presste die Brauen tief
ins Gesicht. Ließ die Hände ihrem Umgang lösen und nun die Kapuze fester
um ihrem Kopf spannen. Sie ertappte sich, wie sie Schluchzte und besann
sich, sich schlafen zu legen ... wollte die Blicke ihrer Reisekameraden nicht
im Nacken spüren. War sie sich wirklich allem bewusst was auf ihrer Reise
geschah? Waren ihre Gefühle wirklich echt, oder konnte sie doch einen
Fehler, eine Luke im Haus erkennen, die ins Nichts führte, ihr sagen tat, dass
sie nur einsam war und geliebt werden wollte? Ja, das war eine logische Erklärung für ihr lächerliches Verhalten ... aber doch musste sie sich eingestehen, das Schwärmerei und Lieben zwei verschiedliche Gefühle waren.
Immer schon fand sie einen Jungen gutaussehend oder maskulin, aber nie
hatte sie solche Empfindungen für einen Jungen ... nie hatte sie jemanden
eifersüchtig machen können, niemand hätte sie dazu bringen können Dinge
zutun, die sie nie hätte getan ... ohne ihn. Sie merkte wie sinnlos es war
darüber zu nachdenken, was sie empfand, wo sie doch eh zurücktreten und
loslassen, ihrer Bestimmung folgend, müsse.
Da sie nicht schlafen konnte und Arjun ihr Schlafplatz gerichtet hatte,
harrte sie in der Dunkelheit aus, nachdem Zeke das Feuer gelöscht und
wache hielt. Der Mond beschien den Fran neben ihr, der durch den frisch angesetzten Reif, vor sich hinfunkelte. Ab und an sah sie eine Maus an ihrem
Gelege vorbei flitzen, ab und an hörte sie eine Eule an ihrem Kopf vorbei
ziehen.
Sie wusste nicht, wie lang sie schon den Farn neben ihr ansah, doch die
Stimme die hinter ihr sprach ließ sie zusammenfahren, doch beherrschte sich
drauf gleich wieder.
»Warum tust du so als würdest du schlafen?« Zekes Stimme brach die
Dunkelheit. Sie wälzte sich zu ihm rum, sah dass er sich nicht zu ihr gewandt
hatte und fragte sich, ob er wohl sie meinte. Vielleicht meinte er Arjun,
dachte sie und beschloss nichts zu erwidern.
»Habe ich dir so wehgetan, dass du ohne weitere Fragen für mich in den
Kampf ziehst? Ich kann es -«
266
»Ich tue es nicht für dich ... es ist immerhin mein Land, dass ich zu
beschützen versuche«, sagte Billie geistesabwesend, weiter auf seinen
Rückend blickend. »Ich dachte wir seien Freunde ...?«
»Aber wir sind doch Freunde!«, protestierte er und wand sich mit
entsetzen Blick ihr zu.
»Und was wenn ich mehr als eine Freundin sein will?«, fragte sie ohne
genau die Antwort wissen zu wollen. Billie konnte die Antwort genauso gut
in einem Buch nachschlagen so offenkundig lag sie vor ihr. Weder konnte sie
das ausgesprochene zurücknehmen noch konnte sie ihr heftiges Zucken
verleugnen das durch ihre Tränen verursacht wurde.
»Selbst wenn ... ich habe so oft nachgedacht! Ich weiß nicht warum ich
dich geküsst habe! Ich liebe Alex, Billie, versteh das. Ich ...es tut mir so
unendlich Leid was ich dir angetan habe aber verstehst du den nicht? Mein
Herz ist seit vielen Jahren entzwei und schlägt nicht mehr. Was würdest du
machen? Sag mir was soll ich machen?« Er sah sie flehend an, auch ihn
schien das Schweigen zu schmerzen. Sie sah sein Gesicht kaum, das der
Mond ihm in Schatten bot doch sah sie (oder dachte zumindest) an seiner
Wange etwas herunter gleiten zu sehen, das Glitzerte.
»Ich will es nicht wissen!«, sagte sie schwach und presste die Augen
zusammen.
»Billie, ich kann es nicht ändern, wen ich liebe! Ich kann nicht ändern
warum Brosco dich, verdammt auserwählt hat! Ich weiß es nicht! Aber ich
will nicht das wir schweigend weiterreisen und du mich hasst ... deswegen -«
»ICH WILL ES NICHT HÖREN!«, wehklagte sie lauter als sie wollte.
Presste die Hände an ihre Ohren und rollte sich fester zusammen.
»Billie ...«
»ICH HASSE DICH! Warum lässt du mich so leiden? Warum willst du
das ich das alles mache? Warum ... warum hast du es mir nicht schon damals
gesagt? Warum musste ich es so erfahren? ICH WILL ES NICHT
HÖHREN! Ich will das du gehst ... weg ... WEG VON MIR« Billies Gebrüll
weckte Arjun, doch die lag schweigend neben ihr. Sie lag zwischen ihr und
Zeke.
»BILLIE!«
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»GEH -« Doch ihre Stimme wurde jäh unterbrochen, als sich Zeke über
Arjun neigte, sie an den Schultern griff und seine Lippen auf ihre drückte.
Doch es war nicht Billie die eingriff. Arjun jagte ihn von ihrem Schlafplatz
und Ohrfeigte diesen. Billie wand sich apathisch und biss sich auf die Fingerknöchel. Er hatte es schon wieder getan, wieder riss es ihr Herz auf.
»WIE KANNST DU ES WAGEN? BEDEUTET DIR ALEX ÜBERHAUPT NICHTS MEHR?« Billie wollte nicht wissen was er tat, aber er
schwieg, wohl am Boden kauernd und sich die brennende Wange fühlend,
während Arjun ihn weiter beschimpfte und vorwarf ihre Cousine und Billie
nicht geachtet zu haben.
Es war ihr egal … sie fühlte den Schmerz in ihren Fingerknöchel kaum,
obwohl diese zu bluten begann. Ihr Herz pochte und schlug ihr heftig gegen
die Brust, es brannte und fühlte sich an, als würde es sterben … so entzwei
gerissen, dass es nicht mehr leben konnte, so zurück gewiesen, dass es nicht
atmen konnte. Was hatte er sich bei allem gedacht?
Als sich die Gemächer der anderen wieder beruhigte, wünschten sie sich
keine angenehme Nacht mehr, legte sich alle hin und lauschten dem plötzlichen Aufschrei Billies. Bevor sie ihren Kopf auf den Sattel auflegen
können, fühlte sie das Kitzel in ihren Ohren, schreckte hoch und betastete ihr
Ohr. Sie blickte auf ein kleines Wesen, nicht größer als ihre Hand. Die
langen, fast durchsichtig (in einer Farbe schimmernd) vor sich hin flatternd
hielt sie in der Schwebe. Die Fee in der Farbe des weißen Schnees getaucht
sah sie zornig an, wedelte mit ihrer kleinen Hand vor ihrer Nase. Billie bemerkte das die flatternden Flügel staubten.
Arjun und Zeke näherten sich Billie, die Zekes näherkommen mit der
kalten Schulter abblockte.
»Wie kannst du dich einfach auf mich legen wollen! Das ist unerhört! Ihr
habt in diesem Wald nichts verloren, verschwindet ihr Ruhestörer!«,
donnerte die kleine Fee und ihre weiße Färbung nahm an bedrohliches rot an.
Dennoch war es nicht an ihnen sich gegen die Fee auf zulehnen und zu
trotzen, Brosco war es der sich niesend aller Aufmerksamkeit erlangte. In der
Nacht schien er wie ein Stein, der Feenstaub müsse in seinen großen Nüstern
gekrochen sein und einen Niesreiz heraufbeschworen haben. Sein Niesen war
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ein gewaltiger Flammenstoß, worauf Feen in seiner näheren Umgebung und
auch Billie in Deckung wichen. Des weiteren stießen nur noch schwarze
Rauchwolken aus seinen Nüstern, da sie nun Brosco mieden und ihn nicht
bestäubten.
»Um Himmels willen, wer bist du?«, fragte Billie und stupste die Fee
zurück, die ihr wieder anfing vor der Nase zu fliegen.
»Ich bin eine Fee die dazu bestimmt ist den Winter Frieden und Einklang
zu bringen, wenn ich mich vorstellen darf: mein Name ist Acidanthera«, ihre
Stimme bebte vor Wut.
»Was hat diese Elfe hier zusuchen! Ihr seit Verräter und wisst nicht wem
ihre eure Loyalität aussprechen sollt! Macht euch von dannen ihr Menschen
mit diesem diebischen Halbblut«, brülle eine Fee die Arjuns Kapuze (, die
sie fix übergeworfen hatte) heruntergerissen hatte und nun ihr blondes, fast
weißes Haar freigab.
»Nenn mich nie wieder Halbblüter, du dreckiger Schmetterling«, knurrte
Arjun und funkelte alle verächtliche an, darauf abgesehen, keinen von ihnen
aus dem Auge zulassen. Die kleine rosa Elfe flog schnellstens von ihr weg
und besah sich nun Zeke, der nur Billie beobachtete.
Billie konnte nur ahnen das Arjun sich hemmte, jeder dieser Feen am
Leben zu lassen.
»HÖR auf mich so zu nennen ...«, dröhnte Arjun als ein-zwei Feen ihre
Hände (mit Feenstaub) fesselten. Die Fenn hatten sie wohl wieder Halbblut
genannt, dachte Billie, die sich ohne gegen wehr hat fesseln lassen. Arjun
verhielt sich wie ein verängstigter Wolf, der von seinem Rudel getrennt und
nun gefoltert wird. Als Billies Blick Zekes traf, nickte er in einer Richtung
wo ein blaues Licht verschwand. Was hatte dies zu bedeuten?
»Aci ... Acitanta, wo bringt ihr uns hin?«, fragte Billie und brachte Brosco
mit einem Seitenblick zum Schweigen. Die Feen hatten ihn nicht mit Staub
bedrängt, da er wohl eine größere Gefahr und Gegenwehr darstellte als sie.
»Meinst du mich damit? Wir bringen euch direkt zur Hölle ... wem gehört
dieser Drache?«
Billie hörte von weit her Hufgetrappel. Schwerer als die von normalen
Pferden oder die eines Einhorns ... durch den Schein des Mondes war nur ihr
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Lager erhellt, der Rest verbarg der Schatten, sie konnten nicht sehen welche
Geschöpfe auf sie zu kamen. Billie wand ihren Kopf nach rechts und nach
links, als sie allmählich näher zu den anderen gedrängt wurde und Rücken an
Rücken mit ihnen saß. Das Geräusch der Hufe wurde immer stärker und es
tat einen Schlag in ihren Kopf. Zeke meinte, als sie noch bei Luna und Tom
waren, dass sie weiter müssen zu den Zentauren um ihre Ausbildung zu
vollenden ... und den Eid für Brosco zu erneuern. Es lag so klar auf der Hand
... deswegen war Zeke so anders, deswegen war Brosco so bedrückt ... war
sie so egoistisch gewesen das sie die Gemüter der anderen nicht sah? Es
donnerte heftiger den je. Feen schrieen um sie herum, doch es klang in weiter
ferne in ihren Ohren, nur die Hufe, die auf den weichen Laubboden
donnerten nahm sie noch war. Brosco, der nun in eine Ecke gepfercht wurde,
brummte tief in seiner Lunge, hatte die Zähne gefletscht und die Flügel
gespannt. Seine Krallen waren tief in den Boden gekrallt.
Wie wenn etwas sie geschlagen hätte, zog sie zischend Luft ein und hörte
nun alles wie gewohnt, klar und deutlich. Doch zu ihren Pech, war auch ihre
Aufmerksamkeit verschwunden, denn vor ihr stand ein Zentaur. Seine Hufe
feucht vom nassen Laub, der Fesselbehang schlammig, die muskulösen
Beine, die stämmige Brust an der der menschliche Oberkörper ragte, ebenfalls bemuskelt. Billie bedachte das sie nur bis zu seiner Hüfte reichte, die in
die Brust überging. Der Zentaur hatte ein hervorstechendes Gesicht. Seine
markanten Wangenknochen, deine wohlgeformten Augenbraun ...
»Lucai, wir haben Eindringlinge gefasst. Darunter sind zwei Menschen,
ein Halbblut und ein Drache ... ich dachte, es wäre besser -«, sagte die Fee
mit dem Name Acidanthera.
»Deswegen ruft ihr uns? Wir bedenken das Schlimmst, wenn ihr uns ruft!
Und wie oft hab ich gesagt nennt mich nicht Lucai, nennt mich nicht so
vertraut mit meinen Namen. Was macht ein Drache, so jung wie du bist, in
unseren Wäldern?«, sprach der Zentaur Lucai, deren schwarzes Fell im
Mondlicht schien, mit Brosco, der immer noch in seiner Ecke brummte. Das
näher kommen Lucais veranlasste die Feen beiseite zu schweben und Brosco
ließ augenblicklich die Deckung sinken, sich weiter zu verteidigen. Längere
Zeit starrten sie sich an ... Billie konnte nur ahnen was vor sich ging.
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»So ist das also ...«, grinste Lucai heimisch er wand sich den Feen zu. »Ich
denke ihr hab gehandelt bevor ihr dachtet, nicht wahr?« Brosco machte
seinen Hals lang um Billie zu sehen, da Lucai ihm die Sicht verbot. Die
anderen Zentauren scharten auf dem Boden und fielen ins Gelächter ein. Jede
Fee nahm ein leichtest orange an und sahen beschämt zu Boden.
»Wisst ihr eigentlich wenn ihr hier vor euch habt? Fang ich mit eurem
Halbblut an -« Arjun schnaubte verächtlich »- sagt euch der Name Arjun
etwas? Hmm Canna, kannst du mir sagen wer das noch mal war?« Er suchte
sich eine Zeigefingerlange Fee heraus, die unter seinem Blick noch kleiner
wurde und nuschelte.
»Wir haben dich nicht verstanden, Canna!«, spottete ein Zentaur mit
weißem Fell.
»Arjun, die Cousine Alexandras ... die wahrhaft Einzige Elfe, die für das
Gute kämpft ... ihre Aufgabe war es den rechtmäßigen König zu schützen bis
... bis der neue Drachenreiter auftaucht«
»Richtig ... und was lässt sich daraus schließen, wenn eine Elfe, zwei
Menschen und ein Drache auf den Weg sind? Wieder richtig. Das Mädchen
hier ist der neue Reiter« Er löste die Fesseln die durch Feenstaub entstanden
waren mit links.
»Hier mit wollen wir unsere Gäste herzlich willkommen heißen! Na los,
ihr nichtsnutziges Pack, macht euren Fehler mit einem gebührenden Mahl
wieder gut« Lucai scheuchte die Feen weg, die hastig ihren Weg flogen.
»Euch werden wir selbstverständlich tragen, als kleine Wiedergutmachung
... die Feen schaffen das sonst nicht alleine« er packte Billie an den
Oberschenkel und zog sie auf seinen Rücken. Die anderen taten es ihm
gleich. Sie redeten viel auf ihrem Fußmarsch und nichts von allem schien
bedeutend. Sie spürte den missfallenden Blick Broscos, dem es weder gefiel
das sie von jemand anderen getragen wurde noch das er >laufen< musste, da
Lucai es ihm sagte.
»Lange haben wir auf dich gewartet! Da ihr schon mal hier seit, können
wir nach deiner Ausbildung, die Zeremonie stattfinden lassen, worauf du
einen Pakt mit deinem Drachen eingehen wirst«, sprach Lucai voller Überschwang. Wild gestikulierte er mit seinen Händen und die anderen Zentauren
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fielen ihm mit lobenden Worten ein, lachten über seine Witze ... wobei Billie
es nicht behagte bei ihnen zu sein, sie müsse aber wohl Arjun und Zeke
vertrauen.
»Heut zu Tage kann man gar nicht mehr sicher sein ... irgendwo könnten
sie lauern. Elfen, Trolle, die Göttinnen selbst ... oder all die anderen Wesen
die unterer ihrem Befehl stehen. Wir lassen die Feen ungern alleine rausfliegen, aber na ja, Feen, dass sagt wohl alles?«
»Nach ihrer Ansicht seien die Feen also dumm?«, fragte Billie hämisch
zurück. Wie konnte man so über Feen reden, wenn man sie nicht einmal
rausfliegen lassen wollte? Sie verstand dies nicht und wahrscheinlich würde
sie dies nie verstehen, denn Lucai schwieg und wechselte das Thema.
Der Mond gähnte weit über ihnen, tauchte das Licht in ein schimmerndes
Blauweiß. Leise trotteten sie ihren Weg. Doch der Mond blasste und gebot
der Sonne seine Schicht einzunehmen, denn diese ging langsam auf und verschaffte ihnen zwar mehr Licht, aber doch war der Mond, Billie viel lieber.
Der Reif schmolz auf den Blättern und der Boden war aufgewühlt.
Lucai hatte aufgehört ihr Geschichten zu erzählen und schwieg, bis der
ihnen hinwies, dass die gleich da seien. Der kalte Wind blies ihnen um die
Ohren. Billies Wangen färbten sich rot, sowie Nase und Ohren. Billie konnte
nicht anderes. Sie ließ geschehen was geschehen war ... ging mit Fremden
fort und nahm ihre Umgebung kaum war, weil sie mit Grübeln beschäftigt
war. Ihr Herz schlug ihr heftig gegen die Brust. War sie aufgeregt? Nervös,
all die fremden Wesen zusehen? Oder war es doch das Gefühl in ihr, dass ihr
sagte, sie sei nirgendwo willkommen, sei immer auf der Flucht und in Gefahr? Doch vielleicht pochte ihr Herz wegen ihm ... vielleicht sollte sie es auf
Freundschaft beruhen lassen, aber war dies vereinbar mit ihren wirklichen
Gefühlen? Eventuell hatte sie Angst ... Angst vor allem was geschehen
würde und was geschehen war machte ihr Herz traurig. Tante, Freunde und
das Dorf verlassen, verloren und gerettet. Die Elfen damals waren ihr und
Zeke gefolgt, also dürfe den Leuten im Dorf nichts passiert sein, seit sie fort
ging. Ein Glauben, denn ihr niemand nehmen dürfe, die einzige Hoffnung für
sie, zu wissen, dass ihr Dorf noch lebte und nicht schon verstört wurde.
272
Sie bogen in eine Lichtung ein, deren weiter führender Pfad einen Ring
bildete. Billie besah sich nun ihrer Umgebung. Ein Baumstumpf, in der
Größe von zwei Wäschekörben (nebeneinander), war bedeckt mit einem
weißen Lacken, gerichtet mit Gesteck und einem schnell zubereiteten Salat,
mit Käse und anderen Leckereien darin. Sie sah die Feen nervös hin- und
herflattern, Dinge herumfliegen die sie entweder zum Tisch flogen oder hinfort brachten. Mindest zwei Feen versuchten sich an einem Teller.
Billie stockte leicht der Atem als sie von Lucais Rücken glitt und dieses
kleine Wunder beobachtete. Farbenprächtig erschien es ihr am helllichten
Tage. Sie bemerkte kaum das Arjun sich brummig neben sie platzierte und
griesgrämig auf die kleinen Wesen sah. Zeke stand auch neben ihr, doch
dieser Blickte niemanden an ... er machte ein besorgtes Gesicht. Brosco riss
Billie aus ihrer Verwunderung, als er an ihrem Oberarm rieb. Leicht
tätschelte sie ihm seinen Kopf.
»Wenn ihr euer Mahl einnehmen wollt, tut dies ohne behagen, es ist nicht
vergiftet. Wir werden euch auch alleine ...«, begann Lucai, wurde aber jäh
unterbrochen von Billie, die stumm zu Boden sah und seinen, nein aller Blick
mied. »Ich würde mich gerne schlafen legen, ist dies erlaubt? Ich bin des
Reisens müde, der Geschichten lau und den Gefühlen beraubt. Weckt mich
bitte gegen Mittag« Billie ging an ihnen vorbei und war froh, dass ihre Gefährten ihnen folgte. Sie näherte sich einem Zelt, dass die Feen wohl hastig
aufgebaut hatten, und sah zurück zum Zentauren, als dieser nickte, schob sie
die Plane beiseite und ließ Zeke und Arjun eintreten. Brosco solle draußen
alles beobachten, aber sich doch Ruhe gönnen.
Das Zelt war freundlich eingerichtet. Drei Feldbetten wurden aufgeschlagen und zweipaar frische Kleidung bereit gelegt. Billie funkelte zu
Zeke.
»Was hab ich nun wieder verbrochen?« Doch nun bemerkte er auch
Arjuns Blick. Er stöhnte leicht und drehte sich um, so dass er die Mädchen
nicht mehr sehen konnte. Arjun und Billie grinsten sich flüchtig an und
schubsten Zeke kurzer Hand wieder hinaus aus dem Zelt, beschwichtigten
ihm; er könne wieder hinein kommen, wenn sie sich umgezogen hatten. Er
legte sich neben Brosco ins Gras.
273
»Auf welcher Seite stehst du nun eigentlich Arjun?«, fragte Billie nachdem sie sich umgezogen hatten und bereit waren Zeke hinein zulassen. Arjun
sah sie voller bestürzten an.
»Was genau meinst du? Meinst du meine Loyalität zu dir und dem König?
Der Hass zwischen Feen und Elfen? Oder willst du wissen, wieso ... die geht
es nicht darum, oder? Du willst wissen, welchen Rücken ich stärke, wenn es
zu einer Entscheidung kommt?«, bevor sie weiter sprach, wartete sie auf die
Bestätigung Billies, »Ich werde natürlich der Prinzessin treu bleiben ... wenn
sie bis dahin noch lebt« Billie dankte ihr und ließ Zeke hinein, der ein wenig
verdattert hin und her blickte.
*
»Wir kennen uns schon so lange ... sag, was willst du von ihr?«, klang
Arjuns Stimme in Billies Ohr. Sie war schon wach, doch mit wem sprach
sie? Sie empfand es als besser, sie würde weiter so tun, als würde sie
schlafen (obwohl sie hellauf war).
»Du hast mich geohrfeigt! Glaubst du ich würde keine bekommen, wenn
ich es dir sagen würde? Dir jucken doch jetzt schon die Finger und meine
Wange brennt immer noch«, sagte Zeke ruhig, er schritt im Zelt auf und ab.
Billie erkannte seine Schritte.
»Jahh, ich habe dich geohrfeigt um Gottes Willen, na und? Du hast ihr und
Alex viel mehr Schmerzen und Kummer bereitet als ich dir jemals antun
könnte!«
»Bevor ich sie traf ... wollte ich nichts sehnlicher als den Tod. Seit sie in
meiner Nähe ist, weiß ich nicht mehr was ich will. Ihre Gefühle verwirren
mich, ich will mich entschuldigen, dass ich ihr so viel Leid brachte ... doch
ich kann es nicht. Wenn ich mich entschuldige und wieder nett zu ihr bin,
weiß ich nicht ob sie mich vergessen kann«
»Und warum hast du sie geküsst?«
»Um sie zum Schweigen zu bringen ... damit sie mir hilft, den Tod zu
finden«
»Sie hätte dir auch so geholfen, elender Schuft, dass wusstest du!«
274
»Ja, dass wusste ich ... doch irgendwie, wollte ich, dass sie sich in mich
verliebt. Ich wollte sie küssen, obwohl ich wusste, dass es sie verletzt. Ich
habe sie geküsst weil, ich sie hasse. Ihre ganze freundliche, reine Art ist mir
zuwider! Ihre Verliebtheit regt mich auf, weil ich selbst nicht bei Alex sein
kann. Und es ist besser wenn sie mich auch hasst. Ich tu ihr unnötig weh,
weil ich ihr reines Wesen nicht ertrage. Ich bing sie zum weinen, aber doch
tröste ich sie danach. Den Gedanken den ich habe, dass wir aneinander
hassen sollten, ist falsch. Alex hätte dies nie gewollt, dass ich so verbittert
werde. Je öfter ich ihre Tränen sehe, desto mehr schmerzt es mir, da ich es
verursacht habe. Es ist besser so. Sie soll mich hassen«
»Aber ... aber ... du weißt gar nichts! Weißt du wie schwer es ist für ein
Mädchen einen Jungen zu vergessen? Es ist gemein! Sie hat es nicht verdient
so behandelt zu werden, nicht von dir!«, Arjun schluchzte ein wenig.
»Jetzt sag nicht, es ist falsch was ich tue?! Man kann jemanden viel
schneller vergessen, wenn man ihn hasst, ist dem nicht so? Ich weiß, wenn
ich fort gehe, wird sie niemand anderen wollen. Sie soll mich nicht lieben, da
ich ihr diese Liebe nicht geben kann! Versteh mich doch«
»Ich verstehe dich ... doch ich würde ihr nicht ihre Gefühle nehmen. Wenn
sie durch dich verletzt wird, wird sie vielleicht niemand mehr trauen und
niemandem ihr Herz öffnen. Sie weiß das du Alex liebst, deswegen hat sie es
noch nichts gesagt«, ihr Stimme klang ruhig. Billie dachte nach, was sie
wohl meine, doch ihr fiel es einfach nicht ein.
»Ihre Gesten haben sie verraten ... was soll ich deiner Meinung nach
tun?«, etwas hilfloses klang in seiner Stimme wider, eine Bitte die in seiner
Seele brannte. Billie schloss ihre Augen und entschied ihrem Gespräch nicht
weiter zu lauschen. Sie regte sich, sofort verstummten beide.
»Guten Morgen ... wann gibst Essen?«, fragte sie schließlich, um das
Schweigen zulösen.
»Es ist fertig, wir müssen nur noch rausgehen«, sagte Zeke freundlich, auf
einen Blick zu Arjun, und ging hinaus, so dass Billie sich anziehen konnte.
Arjun ließ sich auf ihr Feldbett fallen und wartete auf sie.
Der Himmel schien seinen Höhepunkt erreicht zu haben, dennoch war es
nicht grade Sommertemperatur. Billie murmelte sich eng um ihren Mantel,
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den sie von den Feen bereit gestellt bekommen hatte. Ein junger Zentaur lief
an ihnen vorbei, blieb stehen und sah Billie tief in die braunen Augen. Er
verneigte sich und sprach: »Prinzessin, darf ich Sie um ein Wort bitten ...
nicht hier! Zu viele Ohren könnten uns belauschen«, sagte er mit reifer, tiefer
Stimme. Er klang freundlich während seine grünen Augen in die ihre
blickten.
»Ich habe keine Geheimnisse vor ihnen, Sie können offen sprechen«, argumentierte Billie.
»Ich habe nicht von Ihren Gefährten gesprochen ... eher die, die sich
meiner Gattung brüsten. Sie sind hier nicht sicher, ihr alle seid es nicht! Die
Elfen sind auf dem Weg hierher ... sowie die Reiter«
»Aber wieso? Was ist aus dem Medaillon für mich und Brosco? Meiner
Ausbildung, der Zeremonie?«, protestierte sie flüsternd, damit nur er, Zeke
und Arjun es verstanden.
»Ich muss Sie enttäuschen. Nehmen Sie sich schnell Eure Waffe an sich,
vielleicht wird sie bald nicht mehr an Ihrer Bettseite lehnen«, plauderte er
schnell und ging weiter seinen Weg. Erst jetzt bemerkte Billie, dass Feen sie
gemustert hatten. Sie eilte zu ihrem Essen und bewahr das Thema erst einmal
für sich, es war später auch noch Zeit, sich über das Gesprochene zu
unterhalten. Schnell schlang sie ihre Beeren runter, ihr mit Marmelade bestrichenes Brot und ihr Glas voll Wasser leerte sich in zwei Zügen.
Arjun und Zeke folgten Billie in ihr Zelt zurück, hatten sich zuvor für das
leckere Mahl bedankt, während diese nach ihren Schwertern suchte, die sie
unter dem Feldbett fand. Die beiden taten es ihr gleich, eventuell wurde ihr
Hab und Gut auch versteckt. Sie fanden ihre Sachen ebenfalls unter ihren
Betten. Zeke ergriff als erster das Wort der Vernunft: »Wir sollten heute
Abend hier verschwinden. Wie der Zentaur sagte, du bist hier nicht sicher!«
»Wo bin ich nicht sicher ...«, nuschelte Billie in ihr, nicht vorhandenen,
Bart hinein. Zeke sah sie verdutzt an.
»Und wie sollen wir so schnell hier weg kommen? Unsere Pferde schaffen
es niemals gegen die anzukommen! Die können in den Sternen lesen was wir
276
tun werden. Wir sind direkt in eine Falle getappt«, schilderte Arjun ihre
jetzige Lage, völlig umsonst.
»Wir müssen es versuchen! Ob wir nun gefangen werden, ist letzten Endes
auch egal, wenn die Elfen und Reiter kommen. Wir haben nichts zu verlieren«, sagte Zeke bestimmt und sah Arjun fest in die Augen.
»Eine Möglichkeit gäbe es noch ...«, sprach Billie langsam und kaum
merklich. Zeke und Arjun wanden sich ihr zu.
»Was redest du da?«, erkundigte sich Arjun voller Erstaunen.
»Wo kann ich meine Ausbildung noch beenden? So kann ich der Göttin
schwerlich entgegen treten!«, meinte Billie und warf ihre Frage beiseite.
»Uns bleibt wohl nichts anderes übrig ... es dir selbst zu lehren«
»Aber sie braucht das Medaillon! Ohne diese ist das Geheimnis nicht
gewahrt!«
»Du hast auch keines! Wollen wir es versuchen?« Er lächelte Billie
liebenswürdig zu.
»Also bis in den Tod?«, sagte Billie und lächelte nun auch.
»Und darüber hinaus!«
»Als Freunde für immer!« Sie legten ihre Händen in einen Reis zusammen.
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42
Der Himmel brennt
Die Prinzessin hat verziehen, also wird sie nie wieder verletzt?!
illie dachte viel über >das Geheimnis< des Medaillons nach, doch
fiel ihr kein richtiger Anhaltspunkt ein, an dem die festhalten
könne. Zeke beharrte auf dem Standpunkt, dass es kein Geheimnis
gäbe und Arjun wollte nicht weiter darauf eingehen. Während die Nacht nur
schleichend hereinbrach, konnte sie nicht anders als unweigerlich zu lächeln.
Zeke war zu den Feen gegangen und bat sie ihnen Essen zubringen. Arjun
war auf Abwegen, die Gegend erkunden, vielleicht fand sie etwas hilfreiches
oder aber sie entdeckte die anderen Elfen, die auf dem Weg waren. Billie
blieb alleine zurück im Zelt. Sie lag auf ihrem Feldbett und hatte längst
Brosco über ihren Plan aufgeklärt. Er wartete, wie ihm gesagt, vor dem Zelt
und bewachte es.
Billie langweilte sich, obwohl sie wusste, dass eine neuerliche Flucht ganz
und gar nicht entspannend war. Sie bekam das Lächeln nicht aus ihrem Gesicht. Apathisch starrte sie Löcher in die Luft, ignorierte die kalten Windböen die um das Zelt wehten. Zwar war ihr Nichtstun ermüdend aber das
Wohlgefallen an der Aussage: >Als Freunde für immer!<, ließ sie vor Übermut springen, jedoch verkniff sie es sich, da sonst wieder Fragen aufkommen
würden. Sie konnte es nicht fassen! Zeke und Arjun würden mir ihr in den
Tod gegen, als Freunde. Es war nicht falsch ihn zu lieben ... aber ihn zu
hassen, würde ihm unrecht tun. Sie verzieh ihm, ohne es anzusprechen.
»Billie! Warum sitzt du hier so rum?« Zeke war herein gekommen und
platzte heraus, was sein Belangen war. Schroff zog er die Plane beiseite und
kam mit einem kalten Windhauch vor ihr zum stehen.
278
»Bin ich es nicht, die letzten Endes, verfolgt und sterben soll? Darf ich
vielleicht noch ein bisschen Ruhe haben, bevor wir flüchten?«, antwortete sie
sarkastisch und rieb sich die Arme.
»Nein, darfst du nicht. Du könntest doch, um auch etwas zu tun, eventuell
zu den Zentauren gehen und sie bitten, dich zu unterrichten! Sie würden dir
niemals eine fälschliche Ausbildung geben. Komm mit« Ohne groß weiter zu
diskutieren griff er nach ihrer Hand und schleppte sie hinter sich her. Ruppig
zog er wieder die Plane beiseite. Der Himmel war grau und von Wolken
überzogen. Zeke führte sie direkt auf einen der Zentauren zu, der alleine nahe
eines Baumes stand. Er war weißbärtig und seinem grauen Fell fielen weiße
Flecke hinzu und er war weniger muskulös als Lucai, aber immerhin stattlicher Statur. Seinen Fesseln entsprang ein seidiger und voller Behang wider.
Seine eisblauen Augen ... erinnerten sie an die Eisdrachen, trotz das diese
keine eisblauen Augen hatten.
»Was wünscht Ihr Prinzessin? Junger Reiter?«, krächzte er als sie vor ihm
zum stehen kamen. Barsch fiel Billie fast vornüber, da Zeke es sehr eilig
hatte und sie wahrlich hinterher schliff. Der Zentaur verneigte sich kurz.
»Die Prinzessin würde gerne an Ihrer Ausbildung feilen ... vielleicht haben
Sie ja noch ein altes Medaillon, von früher?«, schwätzte Zeke mit verhohlener Höfflichkeit. Billie sah gen Himmel. Lange würde der Himmel
nicht mehr grau scheinen. Bald würde der Mond aufgehen und ihnen seinen
Schutz und Licht bieten.
»Ja, wir haben ein Medaillon. Zwar ist es alt und nicht gesegnet, aber es
war für den letzten Drachen bestimmt. Er muss nur noch versiegelt werden.
Wenn Ihr wünscht Prinzessin?«
»Sie wünscht es!«, beantwortete Zeke statt ihrer.
»Lasst euren Drachen Euch begleiten. Wenn ich mich vorstellen darf; mein
Name ist Athos und zu den manch anderen hier, bin ich ein wirklicher Diener
Eurer Majestät«
»Wie meint Ihr das?«, fragte Billie, die noch immer an Zekes Hand unfrei
war. Zeke ließ sie unter einem seiner Blicke schweigen und tonlos zu Boden
sehen. Athos schien von dem nichts mitzubekommen und sprach: »Es ist
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nicht der richtige Ort für eine solche Unterhaltung, Prinzessin. Folgt mir und
ich werde es Euch erklären«
Billie schickte Brosco ihren Gedanken, da er ihnen folgen sollte. Sie liefen
nicht lange daher. Ihr schienen die Bäumen und Sträucher alle gleich, doch
mag Athos sie zu unterscheiden. Der Baum, vor dem sie standen, war nichts
besonderes; weder prachtvoll noch blühte er im Winter. Athos streckte seine
Hand aus und Billie mochte meinen, dass er die Rinde des Baumes berühren
wollte. Doch ihr klappte der Mund auf als er durch die Rinde griff und ein
Stück Gold herausholte. Wie konnte er durch Bäume greifen? Vielleicht eine
Fähigkeit von Zentauren? Athos bemerkte ihr verwundertes Gesicht und
lächelte ihr zu. Er hielt ihr das Gold entgegen und bedeutete ihr, sie könne es
nehmen. Sie nahm es schweigend an sich und sah, den liebevoll geschmiedeten Drache und der schwarze Stein, in mitten des Drachens. Wie
Zekes Medaillon war es auch in Form eines Karos. Es fühlte sich aber ganz
anderes an als der von Zeke. Seines war zerborsten und versteinert, ihres aber
war glatt geschliffen und schmiegte sich wohlwollend in der Hand. Es glühte
förmlich in ihrer Hand.
»Ihr wollet ein Medaillon, hier habt Ihr eures. Sie müssen Ihr und Eures
Drachens Blut binden, damit sich der Stein verwandelt. Und nun da wir
ungestört sind ...«, begann Athos.
»Was ist mit den Bäumen? Sie lauschen uns und ... und vielleicht werden
sie uns verraten!«, eröffnete Billie ihr Unbehagen. Sie erinnerte sich an
Lunas Worte. Wenn man der Natur nur richtig lausche, würden diese jede erdenkliche Geschichte erzählen.
»Nicht die Bäume! Alle Bäume stehen auf Eure Seite, Prinzessin. Nur
wenige stehen gegen Euch. Wie bei den Elfen, wenden sich wenige gegen
Sie. So ist es auch bei uns Zentauren, manche schwören Euch still ihre Treue
und stehen im richtigen Augenblick an Eurer Seite«
»Billie! Versigel nun endlich das Medaillon!«, drängte Zeke. Billie blickte
ihn kurz an und dann sah sie zu Brosco. Sie bat Athos nach einem Messer. Er
zog ein kleines Taschenbesser aus einer Halterung hervor die an seinem
rechten Vorderbein war. Sie nahm es dankend an und schnitt sich in die
Hand und Brosco an der Klaue. Ein Tropfen von jedem müsste reichen und
280
so fielen ein paar Bluttropfen in die Mitte des Steines. Es strahlte und glühte
nun fürchterlich, es schien als würde sich das Medaillon einbrennen. Sie hielt
den Schmerzen jedoch stand. Das Strahlen verging nicht, es flimmerte so hell
das es einem Weiß schien. Sie mussten ihre Augen abwenden. Zu gerne hätte
Billie gesehen wie es geschah, aber dass hätte wohl ihr Augenlicht kosten
können. Als unter ihren Augenlider das helle Licht wieder ein gewohntes rot
annahm, öffnete sie achtsam ihre Augen. Das Medaillon strahlte zwar immer
noch aber nicht mehr so grell wie zuvor, jetzt schien es der Farbe von
Broscos Eis. Der Stein verblasste immer mehr und nahm zunehmend die
Schuppenfarbe Broscos an. Sie blickten sich einander an.
»Und wie meinten Sie eben, mit ein Diener eurer Majestät?«, fragte Zeke
und durchbrach die Freude Billies.
»Sehr wenige Zentauren stehen in Euren Diensten ... die Elfen sind auf
dem Weg hierher, ihr solltet schnell flüchten. Die wenigen Treuen werden
Euch zur Flucht verhelfen. Betet das der Mond heute nicht zusehen ist ...
hofft auf einen starken Nebel, denn so können wir nicht ahnen was Ihr
vorhabt«
»Wie ist es dazu gekommen?«, hauchte Billie.
»Unser Verrat an Euch? Lucais Erben sind von der Göttin getötet worden,
vor seinen Augen. Es war ein reinstes Blutbad. Sie drohte ihm, sie würde
weiter morden, sollten wir ihr unsere Dienste verwehren. Die Zentauren
haben genauso viel Angst wie Sie. Doch nur wenige sind mutig genug, Ihnen
zu folgen! Wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte ... Sie wussten von
diesem Komplott?«, forschte Athos nach, mit sorgevoller Stimme.
»Ja, wir wussten das. Wie haben auch einen Plan«, druckste Billie.
»Und wie wollt Ihr flüchten?«, fragte Athos nun an Zeke gewand.
»Die Prinzessin hatte die glorreiche Idee zu Fliegen! Brosco wird es
schwer haben aber immerhin wäre es einer Flucht möglich«
»Darf ich einer meiner Ideen preisgeben? Lasst die Prinzessin schnell zum
Schloss fliegen, alleine ... die treuen Diener werden Euch und die Elfe sicher
dorthin bringen. So wäre sie in Sicherheit. Wir könnten im Schloss eine
Armee aufstellen lassen. Natürlich kann die Prinzessin meine Idee verwerfen, denn ich denke Sie ist ein größerer Führer als ich« Er verneigte sich
281
kurz. Doch Billie und Zeke sahen sich gespannt an. War das die Idee? Zwar
behagte es Billie nicht alleine zum Schloss zufliegen, da sie wusste, zu Pferd
(oder zu Zentaur) würden sie niemals vor ihr und Brosco ankommen. Doch
sie stimmte seiner Idee zu. Schnell eilten sie zurück um Arjun ihren neuen
Plan zu berichten. Sie war erfreut die Prinzessin heil auf in den Lüften sehen
zu können. Doch auf einmal stockte es in Billies Kopf, das Lächeln verschwand, das Gelächter erstarb ... sie sollte fliegen! Es kam ihr auf einmal so
real vor, trotzdem wusste sie nicht wie man flog. Mit weit aufgerissenen
Augen stotterte sie Zeke ihre Frage entgegen der lauthals anfing zu lachen.
»Es ist fast das gleiche als würde man auf einem Pferd reiten. Und letzten
Endes bist du schon mal auf einem Drachen geritten«
»Aber die bin ich nie selbst geflogen!«, widersprach Billie ihm wild mit
den Armen gestikulierend. Er legte ihr sanft seine Hand auf ihre Schulter.
»Glaub mir, du wirst eine ausgezeichnete Reiterin sein. Wenn du erst
einmal in der Luft bist, mit deinem Drachen eins, wirst du alles um dich
herum vergessen. Dort oben gibt es nur dich und deinen Drachen! Du kannst
schon sehr gut auf Pferden reiten ... so lerne es auch auf ihm. Stell dir vor,
für ihn ist es auch das erste Mal. Er hat mit unserem Proviant für diesen
Moment geübt, für den Moment wenn du auf seinem Rücken fliegen wirst.
Gib nicht so schnell auf, so kenne ich dich gar nicht ... Prinzessin« Er
verneigte sich neckisch vor ihr. Sie boxte ihn leicht in die Seiten nach dem er
sich aufgerichtet hatte.
»Würdet ihr mich entschuldigen ...«, sagte Arjun leise und ging aus dem
Zelt. Sie blickten sich verwundert an. Billie holte ihr Medaillon heraus, von
diesem wusste Arjun noch nichts.
»Zeke ... was bringt mir dieses Medaillon?«
»Ehrlich ... ich weiß es nicht. Kein Reiter vor mir hat die Grenzen des
Medaillons getestet, ist wahrscheinlich auch das beste«
»Und wie kann man den Pakt brechen?«
»Du hast doch nicht vor den Pakt zu brechen? Das ist nicht möglich!
Vergiss es wieder«, fauchte er grimmig.
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»Sag, wie redest du wieder mit mir? Muss ich nur die falsche Frage stellen
damit zu mich anfauchst? Vergiss du lieber nicht, dass ich nichts weiß was
außerhalb des Ruckgar-Gebirge ist!« Es war nun an Billie zurück zu keifen.
»Es tut mir Leid«, sagte er nachsichtig.
»Und was mache ich wenn ich in Mäegash bin? Ich glaube wohl kaum,
dass sie mich mit offenen Armen entfangen wenn ich mit Brosco reinfliege?!«
Arjun kam den Abend nicht wieder. Zeke ging genervt im Zelt auf und ab.
Seine Miene war finster, denn länger konnten sie nicht warten. Schon zu weit
oben hing der Mond schon, der vor Nebel kaum sichtbar war.
»Komm! Du musst hier endlich weg, irgendwas stimmt hier nicht!«,
flüsterte Zeke und bedeutete ihr, zu Brosco zu gehen. Sie stand auf. Sie hatte
sich bereits am helllichten Tage noch komplett gerüstet, hatte ihre Klingen
noch geschärft, hatten ihren Mantel übergeworfen und griff nur noch einem
Beutel, den sie sich schulterte.
Leise schlich Billie sich an Zeke heran. Vorsichtig zog er die Plane des
Zeltes beiseite und ging als erster hindurch. Brosco wartete nicht weit von
ihnen. Wie ein schwarzer Stein, lag er dort zwischen den Bäumen, bewegungslos und lautlos. Billie spürte das Medaillon in ihrer Brusttasche zittern.
War es ein Warnmelder oder doch nur ein Hinweiß, dass sie ihrem Drachen
nicht weit war? Sein leichtes Brummen erlaubte es ihr näher zutreten. Billie
strich ihm gutmütig über seine schuppige Wange, den langen Fächer hinunter. Sie fuhr seinen Hals hinab ... zwischen Schulter und Flügelansatz blieb
sie stehen, sah verstohlen zu Zeke (, denn sie nicht einmal sehen konnte, so
finster war es). Zeke stand hinter ihr und legte seine Hände an ihre Hüfte. Ihr
blieb die Luft im Halse stecken.
»Wir sind in einem Hinterhalt ... die Elfen sind hier. Passt auf dich auf.
Alles Gute«, raunte er ihr ins Ohr. Sein Mund war ihrem Ohr sehr nahe. Zeke
hob sie mit Leichtigkeit auf Broscos Schultern, bedacht, dass ihr Beine vor
den Flügelansätzen lagen. Er nickte Brosco kurz zu, der im Gegensatz zu
seiner Reiterin im Dunkel sehen konnte, und spannte seine Flügel. Billie fiel
vorn über und griff sich verängstigt um seinen Hals fest. Verzweifelt presste
283
sie ihre Knie um seinen Laib. Mit drei Schlägen waren sie gut zwei Meter in
die Luft geschossen. Und durch den Aufwind seiner Flügelschläge, wachten
auch Zentauren und Feen aus ihrem Schlaf auf. Zwei weiteren
Flügelschlägen brach überall um sie herum ein Feuerhagel auf sie ein.
Brosco verlor an Höhe durch die plötzlich aufsteigende Wärme und Hektik,
fasste sich aber schnell und beschleunigte seine Schläge. Überall hüpften
Flammen ihren Tanz, sprangen auf alles brennbare über und niemand gab ein
Zeichen, mit dem Hagel aufzuhören. Die Schreie der Feen und der Zentauren
ließ Billie das Blut in den Adern erfrieren. Knapp verfehlten sie Pfeile bis
Brosco die geeignete Höhe erreicht hatte um grade aus zu fliegen. Sie
schossen steile und brennende Pfeile nach oben, wo sich viele durch das
ledrige Geflecht von Broscos Schwingen schossen. Seiner Kehle drang ein
fürchterliches Geräusch. Brosco gab nicht nach und flog weiterhin seinen
Weg. Nicht nur seine Flügel waren jetzt eine Feuer durchlöcherte Plane,
seinem Bauch, Schwanz und Hals ragten Pfeile ... Blut strömte aus seinen
Wunden. Ein Teil seines Fächers fing Feuer. Billie schrie selbstquälerisch
seinen Namen, er dürfte nicht bewusstlos werden. Je weiter sie dem brennenden Lager fortflogen je mehr Pfeile durchbohrten auch Billies Laib. Ihre
Kleider fingen nun ebenfalls Feuer. Das Feuer brannte in ihren Augen und
schmerzte an ihrem Körper.
»FLIEG HÖHER!«, schrie sie gegen den Zugwind zu Brosco. Er schaffte
es nicht weiter, so entledigte sich Billie ihrem brennenden Umgang. Sie griff
ins Feuer und konnte sogleich die Brandblasen an ihrer Hand zählen. Sie
konnte von weit her des Wachturm erkennen in dem Hao und Aoi wohnten.
Die letzten Pfeile riss sie sich aus ihrem Laib und versuchte es auch an
Broscos, doch er flog so unsicher umher, dass sie sich festhalten musste. Der
Turm kam immer näher ... und Brosco war schon so schwummrig um die
Augen, dass er kaum etwas wahrnahm. Schwach nahm Billie das Hufgetrappel unter ihnen wahr, schwer war sicher zu stellen das es Hufe waren,
wegen dem Zugwind. Aber dank dem Wind waren die Flammen erlöschen
und das Blut getrocknet.
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»Bruder ... hörst du das auch«, fragte Hao seinen Zwilling. Sie waren oben
im Turm und tranken spät Nachts noch eine Tasse Tee. Verdattert und
verneinend kam Aoi auf ihn zu und schenkte ihm ein.
»Was sollte ich den hören? Das?«, saget Aoi und hörte nun Pfeifen und
schweres Röcheln. Sie sahen zum offenen Teil hin. Brosco streifte des Turm
brutal und flog, schwankend und wieder brennend seinen Weg.
»Ich denke wir sollten wieder zu Yggdrail«
»Jahh Bruder, dass finde ich auch«, sagte Aoi und trank seinen Tee, als ob
nichts passiert wäre.
Brosco wurde jedoch zunehmend schwächer. Das Hufgetrappel was Billie
gehört hatte waren Zentauren, die weiter auf sie schossen, denn nun hatten
sie offenes Gelände erreicht. Es bat ihnen kein Baum mehr Schutz. Sie mag
meinen, dass sie ein einfaches Ziel waren, da Brosco lichterloh brannte. Das
Feuer von den Pfeilen wurden auf seinen Schuppen wiedergespiegelt. Durch
eine starke Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht, fiel Billie aus ihrer
Brusttasche das Medaillon. Sie nahm es kaum wahr.
Würde er es doch nur hoch in die Lüfte schaffen?!, dachte Billie verzweifelt. Währen sie den Wolken näher als jetzt so würde das Wasser in den
Wolken sie löschen. Doch sie verloren zunehmend an Höhe und auch Billie
schwand langsam der Blick. Der Boden kam ihnen immer näher, ihre Kräfte
schwanden ... Billie hatte keine Kraft mehr sich festzuhalten, verlor die
Balance und glitt von seinem Rücken. Sie war zu geschwächt um ihren Sturz
abzufangen, so kam sie krachend auf den harten Boden auf. Sie war nicht
hoch gefallen, langsam rollte sie sich zur Seite, so dass sie Brosco sehen
konnte. Auch dieser landete mit einem lauten Getöse auf dem Boden und
schlitterte noch einige Meter weiter. Wahllos flogen seine Flügel umher und
sein Hals und Schwanz boten ihm auch keine Spannung mehr. Billie hatte
Angst, er habe sich was gebrochen.
Weiterhin wurden sie mit einem Feuerhagel beschossen. Billie dachte an
Zuhause. Hatte sie alle allein gelassen um hier zu enden? Hier durchbohrt
und verbrannt? Zeke hatte mal erzählt, Reiter und Drache starben gemeinsam
... war es für sie nun an der Zeit? Sie würde gerne allen sagen, wie lieb sie sie
hatte, würde gern alle wiedersehen. Billie kämpfte sich hoch. Die Pfeile in
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ihrem Körper zerrte an ihr und die, die sie sich herausgerissen hatte, floss
Blut an ihr hinab. Als sie ihr Gleichgewicht zum stehen fand, zog sie ihre
Schwerter aus den Scheiden und rang sich weiter nach vorne, Richtung
Brosco. Die Klingen, nicht mehr kräftig genug aufrecht zutragen, schliefen
achtlos im Boden. Sie konnte Broscos tiefes Schnaufen von weit her hören.
Es beflügelte sie weiter zu gehen. Noch waren sie beide am leben!
Der Feuerhagel wurde eingestellt, denn sie waren nun direkt hinter Billie
und waren bereit sie einzukreisen. Wildes Gelächter brach aus als sie Billies
erbärmlichen Zustand sahen. Nicht mal auf den Beiden könne sie sich halten,
brüllten sie ihr zu. Ein Windhauch wurde sie fortwehen. Billie war zwar
eingekreist, jedoch hielt sie das nicht ab weiter ihren Weg zu gehen. Ihr
Gelächter ging in ein Grölen über als die Zentauren nun auch sahen, wie sich
Billies Drache aufrappelte und sich schwankend auf seinen Reiter zu
schaukelte. Er hielt einer seiner Klauen angewinkelt, gebrochen von dem
Sturz. Seine Schwingen schlief er genauso gleichgültig neben sich her wie
Billie ihre Klingen. Sie kämpfte sich durch die Mitte zweier Zentauren, die
sich lachend die Mägen hielten. Sie schob ihre Schwerter zurück in ihre
Scheiden und schritt die letzten paar Schritte auf Brosco zu. Mit all ihrer
Kraft zog sie seine Pfeile, nahe seines Halses heraus.
»Komm, wir wollen nicht kämpfen! Unsere Aufgabe ist es noch nicht mal
euch zu töten. Lasst uns zurück gehen und wir übergeben euch den Elfen«,
kicherte Lucai und streckte seine Rechte aus.
»Ihr seid eh am Ende. Entweder ihr verreckt alleine oder wir müssen
nachhelfen, wen ihr faxen macht«
»Sieht Ihr Prinzessin ... ist gibt keinen Ausweg«, sagte Lucai.
»Ich vertraue Brosco! Wir sterben lieber als das wir uns ergeben!«, sprach
Billie schwach, aber dennoch laut genug das ein Rauen und Gelächter sich
vermengte. Dreist half sich Billie auf Broscos Rücken und zückte nur eines
ihrer Schwerter. Das Langschwert von Fedele.
»Wirst du da wieder runterkommen?! Er wird noch unter deinem Gewicht
zusammenklappen das elende Maultier!«
»Übermittelt meine Botschaft! Ich werde nicht aufgeben!« Billie hob das
Schwert in die Höhe, was ihr viel Kraft kostete. Brosco nahm all seine Macht
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zusammen und spie zum ersten Mal Feuer. Die Zentauren sprangen brüllend
auseinander. Brosco hob in die Luft. Und flog gemächlich seinen Weg weiter
zum Schloss.
»Sollen wir weiter schießen?«
»Nein ... lasst sie laufen! Ich denke sie braucht noch ein paar Zentauren in
ihrer Armee, findet ihr nicht?«, sagte Lucai und zustimmender Beifall brach
aus.
»Brosco ... glaubst du wir schaffen es noch?« Ein Grollen wütete in seiner
Kehle und ließ seinen ganzen Körper vibrieren. Sanft schloss und öffnete er
seine Augen. Und nun sah Billie warum er so voller Zuversicht war. Vor
ihnen war Mäegash. Die Stadt schien friedlich zu schlafen, denn kaum ein
Licht brannte doch die weiße Färbung leuchtete sogar in der tiefen Nacht.
Die Zentauren hatten aufgehört ihr einen Hagel von brennenden Pfeilen
hinterher zujagen. Sie war glücklich, denn so konnten die frischen Wunden
durch den Wind trocknen. Brosco schwankte noch immer leicht im Himmel,
doch was sie beruhigt das er sich überhaupt noch bewegte. Der Himmel kühl
und lange schon nicht mehr grau und wolkenüberzogen. Der Wind wehte sie
hinfort und gab ihnen Licht durch den Mond und Sternen.
Billie saß nicht mehr aufrecht auf Broscos Rücken, längst hatte sie sich auf
seinen Hals gelegt. Warm waren seine Schuppen die sich an ihrer Wange
schmiegte. Sie waren bereits nicht mehr Herr ihrer Sinne. Beraubt durch den
Schmerz, gefroren durch die Kälte. Ihrer beider Ziel war es in der Stadt anzukommen, mögen die Bewohner sie für einen der Bonaiten halten und nicht
für die der Gefolgschaft der Göttin. Würden sie dort ankommen und man
würde sie für Feinde halten, würden sie nicht mehr so schnell entkommen
können. Vollständig entkräftet war selbst Brosco harmlos.
Brosco zerrte an seinen Kräften, dass sie möglichst hoch landen. Billie
spürte jeden einzelnen Muskel von ihm ... waren es ihrer eigenen oder doch
auch seine? Ihre Gefühle und Empfindungen waren schon lange nicht mehr
so Intensiv gewesen, dass sie nicht mehr wusste welche wem gehörte. Die
Zeit als er schlüpfte war bezaubernd aber anstrengend für das Gemüt. Sie sah
die immer näher kommenden Mauern der Stadt. Das helle Innerer der Stadt
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überflogen sie nach dem sie die Mauer überwunden hatten. Brosco überwand
sogar das noch höhere Gebäude das die Stadt von innen umrahmte. Dahinter
war es normal hoch erbaut. Ein großer Hof bildetet sich unter ihnen. Er
senkte zum Landen. Billie war noch immer nach vorn gelehnt und rutschte
langsam weiter seinen Hals herunter. Brosco war so entkräftet das er nicht
einmal versuchte auf dem Hinterbeinen zu laden, die Kraft sich noch einmal
aufzurichten war zu groß. Er landete also auf allen Vieren und humpelte sich
durch den Schwung weiter. Bis er über seine Vorderbeine stolperte und mit
Schmackes den Boden auspflügte. Der schöne Rasen unter ihnen zierte nun
eine Bruchlandung. Billie glitt von seinem Rücken als er zur Seite schwank
und fiel zu Boden, doch Brosco krachte gegen ein großes Ahorntor. Das Tor
brach einen Spaltweit auf, sodass seine Schulter hinterm Tor lagen. Broscos
Schwanszacken flogen nach oben und bohrten sich in das Tor. Er blieb
reglos liegen. Ein letzter Augenschlag sagte Billie das er nicht mehr konnte.
Er wand seinen langen Hals zu hier und Billie streichelte ihm mit letzter
Kraft über seine Nüstern. Auch sie hatte nur ihren Arm ausstrecken könne.
Ein Lächeln von ihr bedeutete ihm, sie haben es geschafft, sie waren im
Schloss. Zwar fast Tod aber immerhin ...
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Der Erbe kehrt
zurück
Eine neue Lebenslage bedeutet nicht, dass man jetzt alleine ist
er Morgen brach an und Nebel verhüllte die Sicht. Vögel sangen
ihre Lieder und Gelächter von spielenden Kinder durchbrach die
Stille. Der morgendlich Tau nässte den Boden und kühlte die
Brandwunden, die sie von ihrer nächtlichen Flucht davon getragen hatten.
Sie fühlte sich noch immer nicht fähig sich aufzurichten, also lauschte sie
weiter dem beruhigenden Rhythmus von Broscos Atmen. Ihre Hand war beharrlich auf seinen Nüstern, die ganze Nacht über. Sie spürte seinen warmen
Atem. Alle Geräusche die ihr nicht wie eine Idylle vorkamen nahm sie gar
nicht war. Denn hart fielen Äxte auf das Tor. Die Bewohner kamen nicht
raus solange Broscos Schultern darin hingen. Er kam langsam zu sich und
leckte ihre Hand. Von dem Getöse erwacht versuchte er seinen Schwanz, der
im Tor hing, herunter zu ziehen. Nach ein paar Versuchen klappte es. Schreie
ertönten als die vier Zacken aus dem Tor rissen. Er schwank seine Schwanz
zu Billie und schob sie sachte zu seinem Kopf. Sie fiel ihm um den Hals.
Warum wusste sie nicht, aber ihr liefen die Tränen unaufhaltsam die Wangen
herab. Es war noch lange nicht vorbei. Erst die Flucht aus dem Feuerhagel
und nun müssten sie sich den Bewohnern stellen und ihnen klar machen, dass
sie Freunde seinen. Das war schwierig, dass wurde Billie bewusst als den
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Männern es gelungen war das Tor zu öffnen und sie zu umzingeln. Mit
Waffen in den Händen und verängstigenden Gesichtern.
»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier mit eurem Drachen?«, brüllte ein Mann
ihnen entgegen der seine Mistgabel direkt auf Broscos Kopf zielte. Er war
nicht in er Lage ihm die Mistgabel mit einer Bewegung zu entreißen, also
schmiegte er sich umso mehr an die Umarmung Billies.
»Sie werden uns nicht glauben ... das werden sie niemals tun, Brosco«,
nuschelte Billie.
»SPRICH! Sonst seid ihr beides des Todes!«
»Wir waren in einem Hinterhalt gelangt ... die Zentauren und die Elfen ...
wir müssen eine Armee aufstellen! Die Götter müssen sterben! Ragnarök
muss beschworen werden!«, brüllte Billie ihnen unter Tränen wider. Sie
rappelte sich auf und wischte sich die Tränen aus den Augen ... jeder Muskel
zerrte, jeder Knochen stach ihr, jede Bewegung erlaubte den Wunden
aufzuklaffen. Brosco sah sie voller Entsetzten an. Ein leisen Schnappen ging
von ihm aus, als er mit seinem Maul klappte.
»So wie du aussiehst, sieht es eher aus, als hätten dich die Rebellen
gefunden und dich zum Absturz gebracht. Was meinen Sie, Kaiser?«, sagte
der Mann der die Mistgabel hielt zu einem Mann der neben ihm trat. Sein
beleibter Körper und prachtvolles Gewandt ... er hatte kleine Schweinsäugelein die aus seinem dicken Gesicht kaum sichtbar waren. Er stützte sein
Gewicht auf eine Art Zepter, der unter seinem Gewicht zu brechen drohte.
»Wir sollen Ragnarök beschwören? Weißt du eigentlich wovon du redest?
Keinem Menschen ist es möglich einen Gott zu töten. Und warum eigentlich
Götter? Es gibt nur drei! Ich denke, wir brauchen nicht groß ein Gericht. Wir
klagen sie gegen Ketzerei an«, seine Stimme klang hoch und Billie sah
nahezu wirklich ein Schwein vor sich.
»Kaiser? SIE UND EIN KAISER? Der wahre Kaiser Dvonaägs ist Viggo
Dvonaäg! Sie sind ein Heuchler!«, gab sie zischend zurück. Zwar war ihr
Mühe darin sich aufrecht zuhalten, aber das er der Kaiser sei, machte sie
wütend.
»Er ist tot ... und er war ein sehr schlechter Kaiser. Er ist davon gerannt als
es nach Gefahr roch und nun hat er das Zeitliche gesegnet. Die Rebellen sind
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von mir angeheuert worden um das restliche Land zu schützen ... warum
beharrst du so, das er der Kaiser sei und nicht ich?«
»Weil Sie nicht mein Vater sind! Ich werde weder einem falschen Kaiser
dienen noch jemanden der den wahren Kaiser verleugnet!« Billie schäumte
wahrlich vor Wut. Ihr Elan, die Sache mit ihrem Vater richtig zu stellen
beflügelte nicht nur sie. Auch Brosco wurde durch ihren Gefühlsumschwung
so angespornt, dass er allerdings immer noch am Boden gefesselt war, aber
energisch fauchen und brummen tat. Er fletschte sogar seine Zähne und
blickte Hasserfüllt den Mann mit der Mistgabel an.
»Kaiser! Sie wollen doch nicht so mit sich reden lassen? Verurteilt diese
Ketzerin die dazu gegen den Kaiser steht«, sagte der Mistgabelmann.
»Sie wissen das ich recht habe! Ich bin der letzte Drachenreiter, dem es
bestimmt ist seine Pflicht auszuüben und Sie als Heuchler stehen mir da im
Weg«
»TÖTET SIE!«, brüllte er hitzig. Billie und Brosco schlossen ihre Augen.
»STOPT! Spinnt ihr alle, sagt?«, Viggo donnerte über den ganzen Hof
hinweg. Viggo landete mit den restlichen Bonaiten auf dem Rasen. Sein
Gesicht war rot vor Wut und Zorn. Rasch glitt er von Amaros Rücken und
schritt auf das Gedränge zu. Durch die plötzlich eingetretene Verwirren
nutze Brosco seine Chance und entwaffnete den Mann mit der Mistgabel.
Auch er richtete sich nun seiner vollen Größe auf und breitete seine Flügel
aus. In seiner Kehle schien ein Gewitter entstanden zu sein. Billie konnte nur
ahnen, dass er Feuerspeien wollte, es sich aber verkniff.
»Was ist hier los?« Er hatte nun ein längeren Bart im Gesicht und seine
Augen waren tief in den Augenhöhlen. Er schien müde und ausgelaucht doch
trotzdem strahlte er väterliche Versorge und Königlichkeit aus.
»Woher wusstest du das wir hier sind?«, fragte Billie schwach.
»Die Zentauren schwärmen aus ... sie stellen eine Armee zusammen. Ich
habe davon mitbekommen als wir grade über das Ruckgar-Gebirge waren.
Sofort sind wir wieder zurück geflogen und dass noch rechtzeitig, was?!« Sie
nickte. Sie Bewohner schienen verwirrt und sahen sich perplex um. Rauen
machte die Runde.
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»Scherp, dein letzter Dienst wird sein, hier und dort ein paar Zelte
aufschlagen zu lassen und das sie ein paar Zofen sich um meine Tochter
kümmern«, sagte Viggo sehr ernst und sah Scherp, der sich als Kaiser hielt,
nicht einmal an. Schnell befehligte er ein paar Männer, der Bonaiten zusammen, die sich um seine Tochter und Brosco kümmerten und sie versorgten.
»Hast du etwas von Zeke und Arjun erfahren?«, fragte Billie als zwei
Reiter sie unter den Achsel nahmen und an Viggo vorbei führten.
»Leider nicht ... oh mein Gott! Schnell!«, befahl Viggo drängend. Denn als
Brosco zusammenbrach verlor gleichzeitig auch Billie das Bewusstsein.
*
Lichtstrahlen fielen in ein großes Zimmer. Das Zimmer im Barockstil
gehalten und sehr viel Schachlachrot und Gold. Billie lang in einem großen
Himmelbett. Sie hat ruhig geschlafen, ohne Schmerzen und Übelkeit. Ein
Mediziner hatte ihr eine Arznei verabreicht. Eine Zofe hatte ihre Kleidung
abgenommen, gewaschen und geflickt und sie fein säuberlich neben das Bett
gelegt. Widerrum hatte man ihre Haare gewaschen und gekämmt. Helfer
banden ihre Wunden stramm mit, Bandagen fest. Auf ihrer Stirn lag ein
feuchtes Tuch, von wo ein paar Tropfen ihre Schläfe hinabrann. Eine Zofe
saß neben ihrem Bett und sang ihr leise ein Lied vor. Sie hatte ein wohlklingende Stimme. Die Vögel draußen stimmten mit ein und summten einen
Rhythmus. Billie entfuhr ein Lächeln, lange schon war so eine friedliche
Stille nicht mehr in ihrem Leben gewesen. Doch plötzlich grummelte ihr
Magen und sie schlug jäh die Augen auf, den knurrenden Magen haltend. Die
Zofe kicherte und entschuldigte sich augenblicklich.
»Nein, ich muss mich entschuldigen ... ich habe deinen Gesang gestört. Es
war bezaubernd«, sagte Billie freundlich und sah sich um. Sie richtete sich
unter brennenden Schmerzen auf. Die Bandagen waren fest um ihre Wunden
gebunden und an ihrem Oberarm konnte Billie sehen, dass es durchgeblutet
hatte.
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»Oh nein, ich muss um Vergebung bitten. Ich hätte Ihre Ruhe nicht mit
meinen Misstönen stören sollen. Aber Ihr Vater verlangte, dass ich nicht von
Ihrer Seite weiche«, beharrte die Zofe, die kaum älter war als Billie.
»Weißt du ... wir im Ruckgar-Gebirge sehen das alles ein wenig lockerer.
Du musst mich nicht so behandeln«, sagte Billie und entlockte der Zofe ein
Lächeln. »Ich bin Billie und du heißt?« Sie streckte ihr ihre verbunden Hans
entgegen.
»Ich heiße Dakota O’Conner. Was darf ich zu Essen bringen?« Sie nahm
Billie Hand entgegen.
»Das kann warten, ich würde mich gern Anziehen ... ich will zu meinem
Drachen«
»Ihr Vater wünschte, dass Sie dieses Kleid anziehen würden, aber er war
sich bewusst das Sie lieber ihre Kleidung anlegen wollten« Dakota holte ein
Kleid auf einem Schrank hervor. Es war ein herrliches Kleid. Es war rotfarbend und mit schwarzen Spitzen umhüllt, an den Oberarmen gebauscht
und dem Ellenbogen hinunter enganliegend. Es war ein Traum von einem
Kleid. So schnell sie konnte stand sie auf und entriss das Kleid Dakota. Billie
fragte ob es zum Kleid noch einen passenden Mantel, zum überwerfen gab,
denn draußen war es kalt geworden. Dakota nickte und suchte sofort um
Schrank. Sie half Billie auch das Kleid anzuziehen und es zu verschnüren.
Ab und an blitzen unter dem Kleid ihre Bandagen hervor. Sie warf sich rasch
den Mantel über und stürmte hinaus. Doch im Gang vor ihr war nicht
auszumachen wo sie sich grade befand oder wo sie Brosco finden sollte.
»Wenn Sie mir folgen würden ... ich bringe Sie auf den kürzesten Weg zu
Ihrem Drachen« Billie dankte und folgte leicht rot im Gesicht.
»Es war schwer Sie und ihren Drachen zu versorgen. Während Sie im
Unterbewusstsein um sich schlugen, war ihr Drachen dran uns alle zu töten
da Sie nicht mehr an seiner Seite waren, als er aufwachte«, redete Dakota in
Plauderstimmung.
»Jahh, so habe ich ihn ja auch erzogen. Er ist ein Prachtkerlchen!« Sie
redeten noch längere Zeit miteinander und Billie verging die Zeit wie im nu.
Das Schloss war riesig. Sie mochte gar nicht annehmen wie groß es dann
unten in der Stadt sein würde. Doch als sie an einer Brücke hinüber liefen,
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die das Gebäude mit einem anderen verband, erblickte sie Brosco im Hof. Es
war der Hof in dem sie unsanft gelandet waren, noch immer schmückte ihre
Landung den Rasen. Sie sah das Brosco in einer Ecke kauerte und angespannt jeden anfauchte (das man sogar bis zu ihr hinauf hörte), sei es Reiter
oder Bewohner. Selbst Drachen wollten ihm helfen, doch er weigerte sich. In
solch einem Moment wünschte sich Billie sie hätte ihre zerfetzte, dreckige
und Blutbefleckte Kleidung an. Sie fühlte sich so unwirklich in diesem bezaubernden Kleid.
»Viggo! Wenn du nicht endlich auf uns hörst, können wir dir auch nicht
helfen!«, rief eine Billie unbekannte Stimme.
»Sie sind unterwegs! Jeder der uns beistehen kann und will, sollte dies
tun! Du verurteilst sie gleich nur weil sie Verräter sind!«, rief eine nun bekannte Stimme. Es war Zekes. Der mit einem anderen Jungen um Viggo
umhereilt, die ihren Weg kreuzen.
»NEIN! Ich lasse die Leute nicht kämpfen wenn sie schon einmal verraten
haben! Zeke, meine Tochter währe fast gestorben als sie hier eintraf! Und
Shia, niemals lasse ich Lucai hier in das Schloss, dass nur über meine
Leiche«, dröhnte Viggo und versuchte sogleich sein Gehänge loszuwerden.
»Willst du etwa mit einer Handvoll Reitern in den Krieg ziehen? Wir
brauchen jede erdenkliche Hilfe um bis zu den Göttinnen vorzudringen«,
argumentierte Zeke.
»Sieh dir diesen jämmerlichen Drachen da unten an! Völlig verängstigt
und der soll noch in den Krieg ziehen? Der ist ja schon von der Flucht nicht
mehr zu gebrauchen. Ich will nicht wissen was der Reiter ...«, bekann der
Junge namens Shia.
»Der Reiter dieses Drachen wurde über Nacht von ihm getrennt! Und
dieser Drache ist alles andere als jämmerlich und zu nichts zu gebrauchen!
Du weißt nicht mal was er durch machen musste« Billie schnitt den drein den
Weg ab. Die Zofe entschuldigte sich und verneigte sich vor ihnen.
»Und wer sagt, dass ich das nicht weiß?«, blaffte er.
»Manchmal Shia, denke ich wirklich du bist ein Kindskopf. Billie, wir
sollten schnell zu Brosco, bevor er noch ganz durch dreht«, grüßte Zeke sie
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freundlich und nahm sie an die Hand. Viggo sah sie nur lächelnd an und
stammeltet einen guten Tag.
»Zeke, du elender Hund! Warte! Ich will wissen wie dieses Mädchen
diesen verrückt gewordenen Drachen bändigen soll! Woher kennst du sie
eigentlich?«, rief er voreilig und eilte ihnen hinterher. Selbst Viggo rannte
ihnen nach.
Nach wenigen Minuten des Rennens, was Billie durch das Kleid schwer
fiel, gelangten sie auf den Rasen, der mit Reif überzogen war. Sie erinnerte
sich, wie sie abstürzten und wie sich der Boden anfühlte. Ihr Magen verkrampfte als sie Brosco näher kam. Seine Schuppen, jeglichen Glanz verloren. Seine Augen, jede Freude genommen. Seine Wunden, offen und verschmutz. Billie fühlte seinen Schmerz und dazu ihre eigenen wieder auflodern. Sie dachte, er würde ihre inneren Gefühle widerspiegeln. Ja, sie überspielte ihre Schmerzen. Ja, sie hatte Angst vor dem was kommen könnte.
Und ja, sie hatte Angst zu sterben, hatte furchtbare Angst das man Brosco
etwas antun könnte. Je näher sie ihm kam, desto stärker war der Drang zu
weinen. Warum schreist du nicht?, fragte er verbittert. Sie konnte nicht
schreien, nicht wenn sie wusste, dass sie verlieren würde. Warum quälst du
dich?, fragte er seiner eigenen Qual entkommend. Sie quälte sich, weil man
ihr ihren Schmerz nicht nehmen sollte. Es war ihr und nicht aller Welts
Schmerz. Wenn sie damit aufhörte, würde sie ihre Gefühle verlieren ...
Sie kam ihm immer näher. Er fauchte nicht mehr, er sah sie nur an. Ihr
rannen die Tränen. Was wolle er von ihr?
»Wenn das alles hier vorbei ist ... lass uns nachhause gehen!«, sagte sie
liebevoll und umarmte ihn. Er schmiegte sich zittern an sie.
»Sie ist der Reiter?«, fragte Shia an Zeke gewand. Viggo und Zeke nickten
beklommen. Nur Zeke schien ernsthaft zu Grübeln.
»Ich habe das Medaillon verloren. Es tut mir Leid«, entschuldigte sich
Billie die mit Brosco auf sie zukam.
»Vergiss es, du bist auch gut ohne es zurecht gekommen! Aber wie ich
sehe seid ihr abgestürzt. Du wirst eine lange Zeit erst mal nicht Fliegen
können« Zeke betrachtete Brosco und rief auch ein paar Leute herbei die sich
nun um seine Wunden kümmern sollten.
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»Wie seid ihr entkommen?«
»Deine treuen Diener sind uns zur Hilfe geeilt ... oder besser mir. Arjun ist
nach wie vor nicht auffindbar. Ich weiß nur noch das ich, bevor mich ein
Zentaur auf seinen Rücken hievte, einen Feuerball in der Luft gesehen habe
... bitte sag das dass nicht ihr wart?« als Billie nickte klappte ihm fassungslos
der Mund auf.
»Aber Zeke sieh doch ... sie hat es überlebt! Und selbst wenn ... wer ist sie
schon? Wir brauchen zwar jeden Reiter aber ...«, sagte Shia.
»Sie ist der Reiter des letzten Drachens und dazu noch Viggos Tochter.
Und ich warne dich, wehe du machst dich an sie ran!«, warnte Zeke.
»Ich doch nicht! Aber freundlich, dass mir auch jemand mal sagt, wer
eigentlich vor mir steht«, widersprach er grinsend und gab Billie einen Kuss,
auf ihre bandagierte Hand.
»Billie, das da ist Shia Vineyart«, stellte Zeke vor. Shia war in etwa der
gleichen Statur wie Zeke. Er hatte einen Teil seiner braunen, vorderen Haare
zu einem Zopf gebunden, der Rest hing ihm im Nacken und ins Gesicht.
Seine grünen Augen war jedoch nicht wie Zekes. Zekes waren so tiefgründig
wie der Wald, seine waren wie eine offene Wiese.
»Bist du auch ... ähm, ein Reiter?«, fragte Billie ein wenig schüchtern.
»Oh nein, ich bin kein Reiter. Zwar hätte ich gern einen, aber denn hast du
ja. Ich bin Magister in der Lehre der Magie. Es wäre aber freundlich, wenn
du dies nicht jeden erzählen würdest. Magier werden genauso gejagt wie die
Bonaiten. Zwar kann es uns ein leichtes sein zu flüchten, aber das ist gegen
unseren Gesetz«
»Jetzt red hier nicht auch noch so einen Mist zusammen! Du und ein
Magister? Du bist nichts weiter als ein elender Dieb. Du und deine Schwester
seid nur deswegen nicht in den Kerkern weil ihr Raaja seid. Ihr habt dem
König eure Dienste ausgesprochen, als ich es, verdammt, herausgefunden
hatte!«, brauste Zeke.
»Und? Ich bin nicht stolz eine Raaja zu sein! Und glaubst du der König
würde uns Lohnen? Wohl eher nicht! Zeke, du hast es schön gehabt ...
Familie, Drache, Frau! Piper und ich haben nur uns! Du wurdest von allen
geliebt!«, bellte Shia zurück.
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»Shia ... treib es nicht zu weit. Du bist ein Raaja und dem kannst du nicht
entkommen! Und es ist nicht der richtige Zeitpunkt darüber zu reden. Es gibt
wichtigeres«, schloss Zeke und wollte sich wieder an Viggo wenden als –
»Was ist ein Raaja?«, erkundigte sich Billie. Sie blickte fragend umher.
Alle sahen bedrückt zu Boden. War es so schlimm ein Raaja zu sein?
»Ein Raaja, Billie, ist ein Segen sowie ein Fluch. Es sind Dämonen dich
sich einen Wirt suchen, wenn sie diesen gefunden haben, verleihen sie
diesem viel Macht. Ihnen ist es erlaubt in die Zukunft zu sehen und sich in
jetmögliches Tier zu verwandeln. Doch nun zum Fluch ... Raaja besetzte
Wirte sterben sehr früh. Und wenn der Wirt einmal tot ist, suchen sie sich
einen Neuen. Sie können nicht sterben. Weil sie so ansteckend sind werden
sie gejagt und verbrannt. Man denkt, dass ist der einzige Weg sie los zuwerden. Doch Drachen sehen sie ... Asti wollte mir nie sagen wie ein
Suchender aussieht. Menschen sehen keine Raaja, nur die Wirte, dass macht
ihnen Angst«, erwidert Zeke bitter.
»Billie, du brauchst keine Angst zu haben ... noch sterbe ich nicht. Komm
lass uns zu den Toren. Vielleicht kommt noch mehr von deinem Gefolge«,
lachte Shia sie an. Er zerrte sie, wie einst Zeke mit sich. (Zeke war bei Viggo
und studierte Schlachtpläne) Sein braunes Haar fiel seidig nach hinten. Ein
Raaja, hmm?, dachte Billie. Ein Raaja war die Pest ... erst gesegnet durch
Unglauben und dann der Sensenstich ins Herz. Auf einmal, währe es ihr
lieber sie hätte diesen fröhlich, immer lachenden Jungen nie kennen gelernt.
Würde sie ihn mehr mögen und länger kennen, so würde er doch irgendwann
sterben und das würde ihr das Herz brechen. Die Menschen die mit ihr in die
Schlacht zogen, würden ihr Leben für jemanden geben, die sie vielleicht nie
gesehen hatten. Oben im Schloss waren die Schmiedearbeiten für Rüstungen
und Waffen im laufen. Reiter und Drachen trainierten sich hoch in den
Lüften. Sie überlegte und wusste, die Göttinnen wussten das sie eine Armee
aufstellten.
»BILLIE! Hey, wir sind auch endlich da. Tom und Luna wollten kommen,
aber dachten sie seien nur im Weg, also bin ich hergeflogen« Ein blondhaariger Junge eilte auf sie zu. Es war Eric.
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»Aber wie habt ihr davon erwahren?«, fragte Billie voller Freude und
voller Angst.
»Ein Zentaur. Man saget mir oben, du bist in der Stadt, so bin ich eben
runter gekommen. Ich wollte dich sehen ... bevor es los geht«
»Du hättest nicht kommen sollen!«, sagte sie entrüstet.
»Wieso? Ich bin ein Reiter und ihr braucht jeden! Ich werde schon auf
mich aufpassen« Grinste er und rannte weiter. Nun bemerkte Billie die Stadt
um sich herum. Voller Menschen, die lachten und kauften. Dazwischen
standen Zentauren. Eiserne Gamaschen an den Röhrbeinen. Alles an ihnen
war ein Eisen gehüllt. Lachend tranken sie ihre Bierkrüge leer. Feen
schwebten an einen Stand und gaben ihren Staub ab. Hatten diese magische
Kräfte? Sie war unter all den Soldaten und Freiwilligen und keiner erkannte
sie, als ihren Führer. Sie war so alleine unter all den vor Kraft strotzenden
Männern. Sie war die Tochter des Königs ... aber auch ein einfaches Bauernmädchen ...
»Dein Freund?«, fragte Shia mit einem leicht enttäuschten Blick.
»Ein Freund ...« Sie ging weiter.
Als sie am Tor angelangten öffnete sich diese und Billies Magen überschlug, verkreuzte und verhackte sich. Dutzende voll bewaffneten und in
Rüstungen gehüllte Zwerge marschintern an. Unter ihren klappernden
Rüstungen sah Billie ihre Knollnasen und Schweinsäuglein. In Reih und
Glied rollten sie fast über sie, hätte Shia sie nicht zurück gezogen. Unaufhaltsam gingen sie ihren Weg hinauf zu den Drachen. Niemand brachte es
etwas, wenn all diese Leute im Krieg starben. Die Göttin hatte es doch nur
auf sie und Zeke abgesehen ... warum sollten sie alle mitgehen? Waren sie
noch alle Herr ihrer Sinne, so etwas wahnsinniges zu bringen? Sie würden
nicht gelohnt werden und auch keine Medaillon wunk es dem der noch stand.
Waren sie sich dessen Bewusst? Allein an Billie war es, in die Höhle der
Göttin einzudringen und sie zu töten. Kein Zentaur, kein Elf und auch kein
Zwerg konnte ihr dabei helfen, nur der unsterbliche Reiter. Ihre Armee, auf
was für Wesen mögen sie stoßen? Bestimmt nicht nur auf Elfen und
Zentauren.
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»Du musst keine Angst haben ... wir ziehen weder morgen noch heute in
den Krieg. Wahrscheinlich erst in einem Monat, wenn es deinem Drachen
besser geht. Wenn du ohne ihn in den Krieg ziehen würdest, wärst du ein
leichtes Ziel. Billie ... komm mit. Ich will dir zeigen wofür du kämpfst.
Vielleicht auch warum vieler dieser Krieger ihr Leben geben werden. Es
wird zwar kein schöner Anblick aber ich zeig dir eine andere Realität, nicht
die deine«, sagte Shia und sah ihr direkt in die Augen. Billie folgte ihm, aber
sie fragte ihn weiter Sachen, die sie nicht verstand.
»Hat sich mein Vater hier eigentlich mal blicken lassen? Ich meine,
Scherp hatte so eine Andeutung gemacht«
»Nein, aber das müsstest du als zukünftiger Erbe wissen. Du wohnst hier
schließlich!«, scherzte er.
»Da irrst du ... ich bin hier nicht aufgewachsen! Diese Welt ist mir fremd«
Billie blieb stehen und blickte in die gleißende Sonne. Shia sah sie verdutzt
an, schwieg aber somit sie weiter reden konnte und es ihm erklären konnte.
Er folgte ihrem Blick.
»Ich bin bei meiner Tante aufgewachsen, völlig fremd war mir die Magie
außerhalb des Ruckgar-Gebirges. Helena ist Zekes Mutter. Ich wusste nicht
wer mein Vater war, geschweige den wusste ich wer ich eigentlich bin. Als
Dorfmädchen bin ich aufgewachsen und nun bin ich eine Prinzessin? In
meinem Dorf redet man nicht von Magie und Drachen. Ihre Existenz wurde
verleugnet oder zumindest nicht angesprochen ... oder meine Ohren waren
Taub dem Unnatürlichem. Bis dahin habe ich ein glückliches Leben geführt.
Doch gleichsam als Zeke in das Dorf kam, kamen auch die Stimmen«
»Welche Stimmen?«, fragte Shia und Billie musste lächeln.
»Heute weiß ich wer diese Stimme war. Brosco stand mir über viele
Meilen hinweg bei. Obwohl ich beinahe den Verstand verlor. Zeke beharrte
auf die Wahrheit, er sei ein unsterblicher Reiter und Brosco ... er war einfach
da, in meinem Kopf, dass machte mir Angst. Ich hatte Angst mit ihm zu
gehen oder der Stimme zu folgen. Ich wollte meine Tante und meine Freunde
nicht verlassen. Noch immer zerreist es mein Herz, der Schmerz dieser
Trauer über den Abschied damals. Dann fand ich das Medaillon von Zeke.
Elfen marschierten in das Dorf und wir reisten ab. Danach ging alles Schlag
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auf Schlag. Diese Reise gab und nahm mir ... ich wünsche mir nichts
sehnlicher als dass das hier alles endet und endlich vorbei ist! Ich will nicht
sehen müssen wie er stirbt! Und die anderen will ich auch nicht sehen!«
»Aber du kannst ihn retten«, sagte Shia.
»Er will doch sterben! Wie soll ich ihn daran hindern? Soll ich ihn mit
Gewalt am Leben halten?« Ihr Lächeln verschwand.
»Vielleicht nicht mit Gewalt aber du kannst versuchen ihn davon zu
überzeugen leben zu wollen. Es wird schwer sein jemanden zu retten der
letzten Endes tot ist und auch die ganze Zeit eigentlich war, aber unmöglich
ist es nicht«
»Und wie soll ich ihn überzeugen? Ich will die Göttin nicht töten ... weil er
dann geht. Ich verzeih den Göttern alles nur sie sollen ihn mir nicht
nehmen!« Sie ging weiter und starrte auf den Boden.
»Ich weiß es nicht. Aber vielleicht hilft dir Ragnarök? Immerhin kommt
bald eine neue Götterdämmerung ... vielleicht auch ein neuer Gott der Todes,
der seine Seele wieder frei geben könnte. Billie glaub mir eines ... der Tod ist
nichts schlimmes solange man Glauben hat. Ich wette Zeke hat genauso viel
Angst wie ich zu sterben ... obwohl wir Zeit hatten uns damit anzufinden« Er
schritt auf und sie gingen ihren weg gemeinsam weiter.
»Was währe, würde dich der Raaja verlassen?«, wechselte sie das Thema.
»Naja, ich bin infiziert. Aber würde er mich verlassen ist das Gift immer
noch in mir. Der Raaja hält mich stabil obwohl es mich zerfrisst. Würde er
mich verlassen sterbe ich an der Instabilität meines Körpers, weil dieser mit
der zurückgelassenen Kraft der Raaja nicht zurecht kommt. Für mich gibt es
auch keine Rettung ...«
»Wieso kann man Zeke aus dem Totenreich zurückholen und dich nicht?«,
fragte Billie verwundert.
»Weil mich niemand retten wird, der mich so innig liebt wie du Zeke.
Aber ich werde von oben auf euch sehen und vielleicht eine schützende Hand
haben« Billie mochte ihn. Aber sie mochte es nicht wie er über den Tod
sprach. Über seinen eigenen Tod sprach. Wie konnte man so etwas
akzeptieren ohne gekämpft zu haben? Sie leben ihr Leben wir sie es wollen,
aber kämpfen nicht um ihren Tod zu entkommen, der sie so eilig verfolgt.
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Vielleicht hatten sie keine Wahl und vertrauen auf die die sie lieben. Hatte
Shia nicht das damit gemeint? Können nur die Lebenden die Toten retten?
Nein, dass lag ganz alleine bei den Göttern ... sie sind das Leben auf dieser
Erde ...
»Weißt du eigentlich wie es ist, etwas zu wollen was man nie bekommt?
Er hat mir so viel gegeben und mir auch genommen ... was macht schon so
eine Kleinigkeit noch aus ...«
»Grade diese Kleinigkeit macht dich verbittert! Du wirst genauso wie er
werden! Götter geben keine Rechenschaften ab! Sie machen das was sie
wollen, deswegen ist auch so ein Chaos hier. Wenn die Götter nur ein Ordnung hätten, würde so etwas nie passieren!«, sagte Shia bestimmt.
»Und dich, Shia geht das alles nichts an! Wir sind verurteilt ... wir werden
sterben. So ist der Göttin Willens. Kein anderer Gott würde sich für uns
einstehen, sei dir dessen immer bewusst!«, sagte Zeke ernsthaft, es war was
schon ein Rauen. Billie und Shia hatten an einer Treppe, die weiter nach
oben führte gestoppt.
»Wir haben nach dir gesucht Billie ... es geht um Brosco und um etwas
anderes«, sagte Viggo der neben Zeke trat.
»Was ist mit ihm?«, fragte Billie mit vorsichtiger Stimme. Brosco ging es
nicht gut ... warum hatte sie es nicht gemerkt?
»Siehst du es den nicht?«, fragte Zeke und griff nach ihrem Arm. Der
Ärmel war Blut gedrängt. Sie blutete überall, all ihre Wunden klafften zum
neuen auf.
»Du blutest ... Brosco ist sehr nahe dran zu sterben! Du bist unser
wichtigster Reiter, lass nicht zu dass er aufgibt. Kämpfe für ihn wenn er nicht
mehr kann! Das seid ihr aneinander schuldig«, sagte Zeke voller ernst.
Billie betrat ein großes Zelt, in deren Inneren Kerzen leuchteten. Sie beipflichtete Zeke, Shia und ihrem Vater, dass Zelt unter keinen Umständen zu
betreten. Sie habe Angst, Brosco könne die vielen Leute stören. Die Zofe die
sich anfangs um sie gekümmert hatte, Dakota wollte ihre Wunden neu verbinden, doch sie lehnte ab. Ihre Wunden waren nichts im Gegensatz zu
seinen. Sein großer Körper war einst geschürft, zerkratzt und gebrochen ...
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was nun war wusste sie nicht. Sie spürte seinen Schmerz nicht ... war das
normal? Nein, es konnte nicht normal sein. Sie hatte ihn immer gespürt!
Auch wenn sie verzweifelt war. Ihn mochte sogar die Meilen entferne Verbindung nichts. Stets waren sie einander da. Fühlten und handelten als eines,
ihre Herze schlugen, seit an beginn der Berühren im Einklang. Wie viel
hatten sie schon überwunden, sie durften, konnten nicht einfach aufgeben.
Sonst wäre alles umsonst gewesen. Fedele starb weil sie damals an Veränderungen glaubte. Wenn sie jetzt aufgaben, würde Dvonaäg nicht mehr
sein und der letzte Drache würde enden.
»Brosco ... was ist los?«, sagte sie sanft als sie ihrem Drachen näher kam.
Er lag am Boden. Seine Augen geschlossen und mit Salben bedeckt. Seine
Flügel lagen ausgestreckt auf dem Boden, Bandagen und Salben bedeckend.
Leise grollte es in seiner Kehle. So schwach das sie lauschen musste. Sie
setzte sich auf den harten Boden neben ihn und lehnte an seine Schulter. Sie
horchte seinem noch immer pochendem Herzen. Er schlief.
»Ich fühl mich einsam und leer. Alles was mir je etwas bedeutet hat geht.
Der Krieg naht, doch müssen wir nicht dabei sein. Im Gebirge hat man kaum
über das Leben außerhalb gesprochen. Was bringt uns der Krieg? Wenn
Arjun es überlebt würdest du glücklich werden und Drachen hätten wieder
eine Zukunft. Dvonaäg wurde in neuem Glanz erstrahlen, unter meinem
Vater oder unter meiner Wenigkeit. Doch währe ich alleine.
Ich will jetzt nicht aufhören, solange es eine Chance gibt! Alle reden
davon. Ich will auch etwas Glück in meinem Leben. Aber ich darf nicht so
egoistisch sein. Was ich will und leisten möchte muss nicht gleichsam deine
Bürde werden. Wenn du des Kämpfens lästig bist, sag es mir. Wir können
nach hause, wann immer du willst. Ich will glücklich sein, wenn du es bist.
Brosco ... du stirbt hier. Mach deine Augen auf und erheb dich du mächtiger
Drache. Ich will nicht das du auch noch stirbst!«, krächzte sie flüsternd, so
dass nur er sie hören konnte und nicht die Leute, die nichts tun konnten.
Wenn er stirbt, was würde sie tun. Sie würde nicht irgendwo anders sein
wollen. Wenn sie starben dann zusammen, dass stand fest für Billie.
Gemeinsame Herzen schlagen und erstarren zusammen.
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Noch immer lauschte Billie seinem leisen Atmen. Sie fühlte sich nicht so
als würde sie gleich sterben, aber Brosco gab ihr das Gefühl er würde
sterben. Merkte sie seine Gefühle nicht mehr, weil er vielleicht in ein Koma
gefallen war? Und dann ... spürte Billie das Auf und Ab nicht mehr. Das leise
Grollen war erloschen. Er starb. In Billie Kopf dröhnte ein gewaltiger Schrei.
Es ließ sie weinen und schreien. Sie hörte Broscos letzten Schrei.
»Wir sind die, die sich auflehnen. Wir arbeiten an ein neues System. Beschwör Ragnarök und rette alle«, sprach eine Stimme die Billie nicht kannte.
Noch immer klang der Schrei in ihrem Kopf. Sie blickte um sich und sah
Brosco starr und leblos am Boden liegen. Das Zelt war Windstill geworden.
Vor ihr standen zwei junge Frauen.
»ICH WOLLTE ALLEINE SEIN!«, brüllte Billie und krallte sich an
seinen kalten Schuppen fest.
»Wir dürften hier nicht sein ... hör unseren Worten und richte dein Leben
danach!«, sagte eine von ihnen. Sie hatte langes blondes Haar und grüne
Augen. Sie trug ein langes weißes Gewand.
»Du hättest sterben sollen. Yaver brachte deinen Drachen um, so mit entledigte sie sich deiner. Meine Schwester und ich konnten dies nicht zulassen.
Deswegen sind wir hier. Ich bewarte deine Seele vor dem Tod und Broscos
Seele wird bald zu ihm zurückkehren. Yaver wird nicht merken, dass deine
Seele nicht unter den Toden ist, denn sie wird bald wissen das wir daran
Schuld waren«, sagte die andere, mit braunem Haar und grauen Augen.
»Aber wie?«, fragte Billie.
»Sie wird ihm seine Seele zurückgeben. Doch deine konnten wir beschützen. Beschwör Ragnarök und lass allem ein Ende zukommen!«
»Aber denk daran. Ihr seit beide gestorben ... deine Seele konnten wir
retten, seine wurde zurück gegeben. Euer Pakt ist gebrochen! Ihr könnt unabhängig voneinander Leben«
»Aber ...«, setzte Billie an.
»Das wolltest du doch! Du wolltest eine Chance ihn zu retten, hier hast du
sie. Nutze sie gut«
»ABER NIEMALS WOLLTE ICH BROSCO DAFÜR AUFGEBEN!«
303
»Von euch beiden hängt die Zukunft ab. Euer Pakt ist gebrochen aber ihr
werdet immer für einander da sein. Niemand braucht zu wissen dass das
Band zwischen euch nicht mehr existiert. Lebe dein Leben, aber Sinnvoll ...«
»Aber!«, schrie Billie und spürte sogleich den Wind der verschwunden
war. Sie zitterte. Shia, Zeke und Viggo stürmten ins Zelt.
»Billie, was ist passiert?«, fragte Shia.
»Ist gut Billie ... ist alles in Ordnung« Zeke griff nach hier und hievte sie
von Boden, zog sie somit weg vom noch immer starren Brosco. Sie wusste
was Zeke sich fragte. Warum lebte sie noch? Sie wusste das sich das alle
fragen. Doch ihr war egal was sie dachten. Sie war alleine. Selbst Brosco der
immer da war, war nun nicht mehr bei ihr. Schlugen ihre Herze nun einen
anderen Takt? Einen eigenen unabhängig des andern? Wie konnten sie ihren
Pakt brechen. Dieser Pakt war alles was Billie noch hatte. Er war der
Einzige, der immer bei ihr blieb ... doch nun konnte auch er seinen eigenen
Weg gehen und ohne sie glücklich werden.
Tiefes Grollen erfüllte das Zelt plötzlich. Billie sah das Broscos Glieder
spannten, sein Kopf gezerrt vor Schmerz sich aufzurichten. Er lebte. Sie
hatten ihren Worten Wahrheit gegeben. Er lebte, seine Seele war zu ihm zurückgekommen ... und der Pakt war wahrlich gebrochen. Schmerzliche
Schreie stieß er aus. Billie rannen die Tränen. Von nun an müsse sie ihr
eigenes Leben leben müssen. Sie fiel in sich zusammen und vergrub ihr
Gesicht in den Händen. Sie war egoistisch! Er lebte, dass war das einzig
Wichtige und nicht ob sie nun alleine sein würde. Sie war ihrem Tod ebenfalls knapp von der Schippe gesprungen. Sie sollte dankbarer sein. Dankbarer
der Götter, die ihr dieses vermöglichte.
Der Pakt ist bebrochen ... nicht wahr?, fragte Brosco. Er hatte es aufgegeben sich aufzurichten. Er sah ihr direkt in die Augen. Sie fühlten aneinander gar nichts mehr. Ihr geteilter Schmerz und ihre gemeinsame Freude
waren nun Vergangenheit. Sie waren sich so fremd in diesem Moment.
Fremder als sie sich hatten das erste Mal begegnet.
Ja ... aber Hauptsache du lebst, antwortete Billie.
Hauptsache wir leben! Billie, selbst wenn der Pakt gebrochen wurde, wie
auch immer es möglich war, ich werde dein Drache sein! Ein fehlendes
304
Medaillon hat uns doch auch nicht entzweien können. La Mancha hat es
doch auch geschafft eine Bindung zu bekommen ohne eine Berührung eines
Reiters als Ei
»Ich liebe dich Brosco! Über alles ... lass mich niemals alleine!«, seufzte
sie, riss sich von Zeke der sie am Boden tröstete los und fiel Brosco weinend
um den Hals. Er brummte weil ihre stürmische Bewegung ihm weh tat.
»Ich will euch ja ungern stören aber wie ist das möglich?«, fragte Zeke
perplex aber doch hatte er einen leichten Unterton der Ungerechtigkeit ihm
gegenüber.
»Zeke, lass es ... das wichtigste ist grade überstanden. Unsere wichtigsten
Leute leben«, sagte Shia und war erfreut über das Glück über das Leben.
»Sie sind beide dem Tod entkommen ... lasst uns was trinken. Ich könnten
etwas vertragen«, bot Viggo an und ging aus dem Zelt. Die jungen Herren
folgten.
Geh mit ihnen! Ich komm ab jetzt auch alleine zurecht.
Grade das ist es, was mir Angst macht ... Billie verließ auf seine Bitte hin
ebenfalls das Zelt und folgte ihrem Vater und den beiden anderen. Es war ein
unbeschreibliches Gefühl ... als würde sie von ihrem Körper gerissen worden
und würde als Geist umherwandeln. Sie fühlte nichts, nur ihre eigenen
klaffenden Wunden. Zeke hielt sie im Arm. Warum war seine Umarmung so
kalt? War das die Nachwirkung des gebrochenen Paktes?
»Billie, ich will dich nicht drängen, aber ich würde es gerne geklärt haben
... bevor wir in den Krieg ziehen«, sagte Viggo der langsam Tür für Tür
öffnete.
»Noch steht nicht fest das es ein wir in diesem Krieg geben wird. Ich weiß
nicht mal ob es ein ich geben wird«, meinte Billie und lies sich von Zeke und
Shia auf einen Stuhl helfen, denn eine Zofe herbei geholt hatte.
»Das hier ist der Thronsaal und du bist mein einziger Erbe. Vor zwanzig
Jahren saß ich das letzte Mal auf diesem Thron, doch er wird nach dem Krieg
dir gehören. Ich werde zurücktreten«
»Mit anderen Worten ... ich habe keine andere Wahl!«
305
»Bitte sieh es als kein unabdingbares Übel an, dass du Königin wirst. Es
liegt nun mal in deinem Blut ... du bist so vieles, wovon viele Mädchen
träumen«
»Niemand würde von meinem Leben träumen, wüssten sie wie ich leiden
würde. Bevor ich dir eine Antwort geben kann, muss ich mit Brosco darüber
reden«, sagte Billie.
»Euer Pakt wurde gebrochen nicht war?«, fragte Zeke, wobei für ihn das
Thema Thronfolge abgeschlossen war.
»Wie kommst du darauf?« Sie entfloh seinem Blick, worauf Zeke wüten
nach den Stuhl griff auf dem sie saß und sie somit zwang entweder ihn oder
den Marmorboden anzublicken. Sie wählte den Marmorboden.
»WEIL ER TOT WAR! Willst du einen auf Märtyrer machen, mit einem
Drachen der nicht das gleiche denkt und fühlt wie du? Willst du auf seine
Antwort warten? Er ist nicht mehr von dir abhängig! Hoffst du er wird dir
sein Leben geben wenn er leben könnte?«
»Warum gibst du mir nicht dein Leben, wenn du nicht sterben müsstest?«,
fragte Billie.
»Ich weiß nicht ob du es noch gehört hast ... aber -«, sagte Billie. Sie lag
neben Brosco auf dem Boden im Zelt.
Ja, ich habe deinen Worten bis zu letzt gelauscht. Meine Antwort ist und
wird auch immer sein: ich bin und bleibe dein Drache selbst wenn wir nicht
eins sind. Ich werde mit dir in den Krieg ziehen. Ich werde vielleicht nicht
mit dir aber für dich sterben. Mein Herz ist deines ... du hast mich gerettet,
damals als ich noch ein Ei war. Hast mich erzogen und mich zu einem
Drachen gemacht den es noch nie vor mir gab! Und bitte ... habe keine Angst
vor dem allein sein. Ich werde immer bei dir sein, sagte Brosco und leckte
ihre Wange mit seiner großen rauen Zunge. Billie dankte mit einer Umarmung und ging aus dem Zelt. Viggo hatte dort mit Zeke und Shia gewartet.
Sie zog Planen bei Seite und blickte in die verdunkelten Gesichter. Die Nacht
war hereingebrochen und der Mond stand hoch über ihnen. Ihr Atem wurde
eisig und verwandelte sich in Hauch. Leicht fröstelte sie.
»Und?«, fragte Shia und warf ihr seinen Mantel über.
306
»Dräng sie nicht so!«, schnaubte Viggo und zog ihn eilends von seiner
Tochter weg.
»Du hast dich entschieden wie ich sehe«, sagte Zeke und lächelte
bekümmert.
»Du weißt nicht für was ich mich entschieden habe ... immer noch kann
ich mich gegen dich entscheiden«, spottete sie.
»Ich sehe es in deinen Augen ... dein altes Ego will in die Geschichte eingehen. Du wirst in den Krieg ziehen, mit Brosco. Du wirst die Göttin töten
und du wirst verlangen das es keine Armee gibt und ich dir folgen und helfen
soll. Ich werde sterben und du wirst Ragnarök beschwören. Danach geht dein
Vater in Ruhe und du wirst regieren. Liege ich richtig?«, schlussfolgerte
Zeke. Wie ein Geier schritt er um sie herum, hauchte ihr seine Worte ins
Ohr. Sein kühler Atem ließ sie zittern.
»Du liegst mit allem richtig. Ich lasse dich sterben und werde den Thron
selbstgefällig besteigen. Aber in einem irrst du! Die Armee ... wir brauchen
sie. Sie dienen als Ablenkung, somit wir reinschleichen können« Billie ließ
in hinter sich und ging weiter auf ein Stückchen Gras und blickte gen Mond.
Niemand sah ihr Gesicht außer der weit entfernte Mond, der ihr so nahe
schien.
»Du lässt mich sterben?«, fragte Zeke ungläubisch, fast als wolle er
ausdrücken, dass sie kämpfen sollte.
»Du wolltest nie was anderes«, drückte Billie verstollen und abwesend
aus.
»Du wirst Königin und regierst ein Land, sei dir dessen bewusst Billie!
Willst du es wirklich?«, fragte Shia und zerrte sie an ihrem Arm herum.
»Ich werde Königin ... vorausgesetzt sollte ich nicht sterben«
307
44
Der Mann der sich
Aizirtap Tdranhnier
nannte
Wenn Tote wieder auferstehen und ihre Geschichte weiter geht
ie Nacht war tief über Billie gebrochen. Kaum eine Wolke zierte
den so klaren Himmel. Den Thronsaal den Billie so spät nachts
betreten hatte, war furchtbar kalt, sie fror in ihrem Kleid, welches
sie am Vortag schon getragen hatte. Sie hatte auf die Schuhe verzichtet und
tadelte sich selbst, da ihre Füße nun am Marmorboden festgefroren zu
scheinen waren. Eine Gänsehaut jagte ihr über die Haut, selbst wenn nur eine
Eule schrie oder einer der schlafenden Drachen knurrte. Sie besah sich im
Raum, es machte ihr Angst. Einmal würde sie hier sitzen und über Leute
wachen ... wollte sie das wirklich? Lieber würde sie über die Leute wachen
wenn sie frei von jener Last mit Brosco umher flog. Doch nun müsste sie zur
Belustigung Hoffähiger Bälle geben und in Kutschen ein und aus steigen als
könne sie selbst nicht mehr laufen. Sanft strich sie über die Lehne des
Throns. Es war so fremd. Weder war er weich noch einladend auf ihn zu
308
sitzen. Sie sah sich schon mit Leuten lachen, die sie von klein auf verachtete.
Vielleicht würde aus ihr genauso ein König werden wie ihr Vater, der seinen
Thron einen Abtrünniger gab, der dieses Land hat verkommen lassen?
Niemand würde ihr sagen, dass es falsch war was sie tat, denn niemand
würde da sein um ihr etwas zu sagen. Ihr Vater wollte ins Exil. Zeke würde
sterben genau wie Shia und Brosco war nicht mehr an ihr gebunden. Nach
diesem Krieg dürfe er selbst wählen was er wollte.
Nun war schon eine Woche nach dem Sterben und der Widerauferstehung
Broscos vergangen. Immer mehr Wesen fanden sich in den Gassen und Passagen der Stadt ein. Immer mehr trugen sich in die Listen der Armee ein.
Immer mehr Freiwillige die sie nicht kannte, und die für sie sterben würden
und werden. Zeke und Viggo waren beschäftigter den je. Kaum sah Billie sie
noch, aber immer wenn sie sie sah, brüllten sie sich an oder versuchten
formal zu diskutieren. Nur Shia und ab und an Eric, wenn er Zeit fand, waren
bei ihr und machten ihre Langeweile erträglicher. Frischer Schnee fiel und
Kinder sangen Lieder oder bewarfen sich mit Schneebällen. Sie waren so unberührt glücklich, dass Billie ihren fröhlichen Klangen nicht länger hören
konnte.
Billie fasste sich ein Herz und setzte sich auf den Thron. Es war so
ungewohnt ein Kopf für einen ganzen Raum zu sein.
Heiler meinten Brosco erlitt schwere Wunden, die vielleicht Jahre zum
heilen brauchten. Sie meinten auch, dass er durch seine beiden gebrochenen
Flügel (die sogar mehrmals gebrochen waren) nicht mehr fliegen könnte.
Fürs erste müssten die Knochen zusammenwachsen bevor sie die Last tragen
könnten. Doch alle wussten, sie hatten nicht länger als einen Monat. Würde
sie länger warten, würde die Motivation der Soldaten den Sinken nahe und
wurde vielleicht eine Revolution auslösen. Aber Billie war nicht bereit,
Broscos Gesundheit aufs Spiel zu setzten, obwohl viele sie drängten. Er gab
sein bestes um wieder auf die Beine zu kommen, und Heilung konnte man
nicht schneller voran schreiten lassen.
»Jetzt wo die Zeit immer näher rückt ... bekomme auch ich langsam
Angst« Billie erschrak auf dem Thron und zuckte zusammen, als hätte sie
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jemand angeschrieen. Zeke stand an der Tür und blickte aus dem Fenster. Er
hatte sie nicht angesehen und auch wand er sich nicht zu ihr.
»Wovor hast du Angst?« Sie stand auf und ging auf ihn zu, lehnte sich zu
ihm an die Tür.
»Zu sterben ...«
»Aber doch war es deine Entscheidung! Man sollte seinen Weg nicht
fürchten«, raunte sie und ging zum Geländer. Der Mond war ihnen so nah,
groß und mächtig schien er auf sie herab ... aber doch so kalt und fremd.
»Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen? Sag, hast du den keine
Angst mehr? Ich habe Angst, dass es doch falsch sein könnte sterben so
wollen. Denn ein dummes naives Mädchen hat mich verwirrt und hat mir
wieder Leben eingehaucht«, lachte er.
»Und warum hat dich dieses Mädchen verwirrt? Ich dachte du liebst nur
Alexandra«
»Selbst da bin ich mir nicht mehr so sicher ... komm, lass uns schlafen.
Wenn du willst, können wir morgen trainieren«
»Falls du es vergessen hast; Brosco hat zwei mehrfach gebrochene Flügel.
Seine Wunden sind nicht verheilt«
»Deine Wunden doch auch nicht! Brosco muss wieder gesund werden und
du wirst ihm dabei helfen! Die Rehabilitation kann und wird nur durch
Training verstärkt. Billie du gibst genauso wenig auf, warum sollte er es
tun?«
»Und was soll ich tun? Wie soll ich seine Knochenbrüche heilen? Ich bin
kein Heiler und auch kein Magier«
»Aber dafür bist du ein Reiter! Und als Prinzessin, baldige Königin kannst
du jeden erdenklichen Magier und Heiler einholen«
»Was soll ich ohne dich machen ...?«, sagte Billie schwach und sah Zeke
in die Augen.
»Leben«
»Wie sehen die Brüche aus die nicht verbunden sind mit den Flügeln?«,
fragte Zeke einen anderen Reiter der Broscos Wunden wusch und neu
310
balsamierte. Es war dieser Reiter den sie damals hatte getroffen in Mithtum.
Sein Gesicht war ausgezerrt und gezeichnet von all den Strapazen.
»Welche soll ich aufzählen? Die verheilten oder die noch gebrochenen?
Zeke, er wird so schnell nicht wieder fliegen können! Er kann nicht mal sein
rechtes Vorderbein aufsetzten. Rippen sind ihm auch gebrochen, Hals und
Rückenwirbel verrenkt. Und die Brandwunden wollen nicht heilen. Wir sind
uns nicht einmal sicher ob wir alle Pfeilspitzen haben entfernen können. Das
einzig Wahre was noch intakt ist sind vielleicht seine Zähne und seine
Schwanzzacken«, trotzte er und fing nun an Broscos Wunden mit Alkohol zu
desinfizieren und trug Salbe auf.
»Kann man wirklich nichts machen?«, stach Zeke weiter nach.
»Außer einem Wunder? Nichts ... ich weiß, du willst schnell das er wieder
fliegt, dass will ich genauso viel, aber ich weiß nicht wie wir ihn bewegen
könnten. Es ist ja auch nicht gut wenn seine Muskeln erschlaffen und Sehnen
und Bänder sich verkürzen«
»Zeke, lass es gut sein ...«, hielt Billie ein.
»Er darf also nur nicht seine gebrochen Knochen belasten, habe ich richtig
verstanden?«, frohlockte Zeke (, hatte Billie ignoriert) und Billie sah das
Glänzen in seinen Augen, immer dann wenn er eine Idee hatte.
»Ja, du hast richtig verstanden«
»Dann hab ich die Idee! Gleichermaßen sogar Training für die anderen
Drachen. Wir brauchen Bänder! Viele Bänder und schert verdammt eure
Schafe!«, befahl er donnernd. Er ging aus dem Zelt und rief sich ein paar
Reiter mit ihren Drachen zusammen. Billie eilte ihm hinterher.
»Du willst doch nicht etwa das ein Drachen ihn wie eine Puppe behandelt?!«, wimmerte sie.
»Aber genau das habe ich vor«, sagte er und lief sie vor dem Zelt alleine
stehen. Insgeheim fand sie, er sei ein Genie aber auch für ein wenig größenwahnsinnig.
Während Billie wartete hatte Zeke den Bewohnern befohlen ihre Scharfe
zu scheren und alle Reiter sollten Bänder, Seile irgendetwas finden womit
man etwas verschnüren konnte. Billie hatte einem Jungen beauftragt, der
frisches Wasser für Brosco hinein drug, er soll jeden Heiler oder Magier aus-
311
suchen und diese zu ihr bringen. Kräftig trugen die Scharfhirten die Wolle
zusammen und Reiter warfen Schnüre auf einen Haufen, neben dem Zelt.
Billie sah Zeke neben sich auf dem Boden sitzend und die Schüre zusammen
bindend. Er band in die Nacht hinein.
»Zeke, wir haben alles gefunden was es zu finden gibt. Ich hoffe du lässt
uns jetzt alle schlafen!«, sagte einer der Reiter bissig. Zeke winkte ab.
»Willst du was essen?«, fragte Billie und trat auf ihn zu, nachdem die
anderen Reiter davon gegangen waren. Zeke blickte auf. »Nein ... aber was
zu trinken wäre freundlich« Grinste er sie scherzhaft an.
»Idiot ...«
»Nein warte! Leiste mir doch bitte weiterhin Gesellschaft. Warum bist
grade du es die sagt, er schafft es nicht? Du bist sein Reiter! Du solltest
eigentlich immer für ihn da sein, ihn unterstützen und all der Kram. Warum
sagst du wie alle anderen er könne nicht mehr fliegen?«, fragte Zeke und
hörte auf zu schnüren.
»Ich sage es weil ich ihm Zeit geben will sich zu erholen. Nie habe ich
gesagt er könnte nie wieder fliegen! Und ich will nicht, dass er noch mal so
leiden muss wie jetzt ... ich hatte wirklich gedacht, ich hätte ihn verloren und
das war ein unvorstellbares Gefühl von Elend und Einsamkeit. Jetzt weiß ich
auch wovon Helena damals geredet hatte. Zeke, was wäre wenn ich nach
hause gehen würde?«, sagte sie bitter und lies sich neben ihn auf das feuchte
Gras nieder, dass von neuem Reif bildete (was vom hin und her laufen getaut
war). Der Mond über ihnen wurde von den schwarzen Wolken verdeckt.
»Wenn du nach hause gehen wolltest ... würdest du nicht mehr hier sitzen.
Wie oft wolltest du zurück aber bist doch geblieben!? Wie oft hast du gejammert, du schaffst es nicht und wo bist du angekommen? Am Ziel ... jetzt
musst du dich nur noch befreien. Befreien von den Göttern und befreien von
deiner eigenen Angst. Löse dich von den Ketten die dir auferlegt wurden,
entledige dich der Bürde die du seit Kindesalter auf deinen Schulter trägst ...
lass alles hinter dir und sieh nach vorne. Lebe jetzt und nicht in der Vergangenheit und ahne auch nicht wie du in der Zukunft lebst, denn du weißt
nie ob es ein Morgen gibst«
312
»Du meinst, wenn ich es wirklich gewollt hätte wäre ich schon zuhause?«,
lachte sie und der Wind schob die Wolken weiter, so dass der Mond wieder
strahlen konnte.
»Genau das meine ich. Du fragst dich ob das Dorf dein Zuhause ist, da du
nun eine Prinzessin bist, nicht wahr?«
»Nein, ich fragte mich ob ich dort immer noch willkommen bin obwohl
ich die Prinzessin bin. Alle werden mich nur als Prinzessin sehen ... und all
denen, den ich vertraue sind tot oder auf dem besten Weg dorthin. Damals
hielt ich dich für verrückt, doch mit der Zeit verstand ich dich. Auf der Reise
hatte ich Angst, aber doch drängte es mich nach vorne. Es beschwingte mich
in die Geschichte einzugehen, doch nun will ich einfach nur Billie sein und
glücklich werden ... glücklich mit dir an meiner Seite«, sagte sie und blickte
zu Boden. Nun war es wahrlich raus. Aber auch wusste sie, und es schmerzte
ihr, dass er niemals bei ihr bleiben könnte.
»Billie ... «, sagte Zeke schwach und in seiner Stimme klang auch die von
Eric. Er war zu ihnen gegangen, kaum merklich. Billie erschrak.
»Ich wollt dich nicht erschrecken, aber dein Vater schickt mich, dass ich
dich schlafen schicken soll, da es schon recht spät ist«, stotterte Eric.
»Er hat recht. Geh schlafen. Morgen machen wir weiter!«, bestätigte Zeke.
»War’s das?«, fragte Billie ein wenig ärgerlich.
»Nein, aber was soll ich sagen? Soll ich sagen: ich will lieber leben und
Alex so einfach vergessen?! Ich kann das nicht, es tut mir Leid. Billie, du
lebst ... du hast noch alles vor dir. Mein Leben ist bald zu Ende und ich
werde zurück zu Alex gehen«
»ZEKE! Du wirst sie auch nicht sehen können, wenn du tot bist! Sie ist ein
Gott und wird wie die anderen sterben ... sag bitte nicht du willst zurück zu
ihr«
»Bitte sag nicht, dass sie eine Göttin ist ... sie wollte gegen Yaver
kämpfen! Du kannst nicht sagen dass sie in den Selbstmord gelaufen wäre?
Götter können keine Götter töten, hast du das schon vergessen?«, sagte er
nervös.
»Und was wenn sie kein Gott und auch kein Mensch je getötet hat? Das
irgendwo wieder ein Fehler oder ein Handeln der Götter im Spiel war. Sie ist
313
eine Göttin und wird sterben ... wird sterben wie die anderen Götter und
sterben wie du. Doch du stirbst dann umsonst« Sie ging an Eric vorbei und
öffnete die Tür krachend.
»Hmm ... und was willst du jetzt tun?«, fragte Eric und blickte ihn an.
»Gar nichts. Ich hab schon alles versucht. Sie wird mich so schnell nicht
aufgeben geschweige den vergessen. Ich weiß nicht ob du es schon weißt,
aber du bist der der sie bekommt. Ich war nur ein Reiter und du bist der Beschützer des letzten Eis gewesen. Viggo hat schon alles geplant. Wenn ich
weg bin wirst du der sein der um ihre Hand hält«
»Klingt ganz so als wolltest du nicht das ich der jenige bin!«
»Nein, ich gönn es dir. Aber sie hat recht ... Alex ist eine Göttin. Und ich
werde beide nie wiedersehen. Eric, bitte tu mir einen Gefallen: behandle sie
gut und pass auf sie auf. Sie könnte dummes tun!«, sagte Zeke grinsend.
»Mir wäre es lieber, wenn ich sie glücklich sehen würde ...«
»Jahh, aber ich kann sie nicht glücklich machen ...«
*
Billie verschlang am Morgen ihr Frühstück, das Dakota ihr ans Bett brachte,
brummend. Oft murmelte sie in ihr Müsli. Dakota sah ihr lächelnd zu und
holte frische Anziehsachen aus dem Schrank.
»Dakota, warum sind Kerle solche Esel?«, murrte sie weiter.
»Also wenn Sie mich so fragen ... ich sehe keine Esel. Wenn Sie Shia
meinen, er wird sterben und macht sein besten aus seinem restlichen Leben.
Ich sehe nichts falsches darin. Und Eric ist kein dummer Junge ... aber vielleicht reden Sie auch von Zeke«, antwortete Dakota und legte ein herbstfarbenes Kleid aufs Bett.
»Nein! Von dem redet niemand!«, schnaubte Billie unerfreulich. Als Billie
ihr Frühstück beendet hatte und sich anziehen wollte, klopfte es an der
großen Flügeltür. Da Billie nicht antwortete, und es noch heftiger an der Tür
zu klopfen begann, wusste sie wer er sein konnte und musste; Zeke.
»Billie, nun beeil dich doch endlich!«, brüllte er weiter hämmernd durch
die Tür.
314
»Lass mir ja die Tür noch stehen«, sagte Billie als sie die Tür öffnete.
Zeke fiel fast vornüber als sie geöffnet wurde.
»Heute eine wunderbare Laune wie ich sehe junges Fräulein«
»Ich bin eben eine Frohnatur!«, antwortete sie sarkastisch und verzog ihr
Gesicht zu einer Grimasse.
»Eher bockig«, hustete Zeke und sagte lauter: »Dein Vater will das du auf
einem anderen Drachen fliegen lernst«
»Will er das?«
»Ja er will! Heute raubst du mir jeden Nerv« Billie winkte ab und ging
weiter hinab auf den Hof zu. Leise rieselte der Schnee auf ihr schwarzes
Haar hinab. Sie fröstelte leicht.
Als sie den Treppenabsatz erreicht hatte und nun den Hof betrat begrüßte
sie Shia und Eric charmant. Shia warf ihr seinen Mantel über, denn sie still
annahm und weiter ging. Eric und Shia kicherten über den finsteren Blick
Zekes, der an ihnen vorbei rauschte und ihr hinterher lief. Im Vorbei gehen
drückte er seinen Mantel Shia in die Arme. An Broscos Zelt haltend grüßte
sie Viggo, der Amaro neben sich liegen hatte. Shia und Eric flitzten Zeke
hinterher, der nun hinter Billie, mit großen Augen, gestoppt hatte.
»Ihr beiden Jungs helft mir mit Brosco während Prinzeschen auf Abwegen
gerät«, zischte Zeke.
»Treib es nicht zu weit Zeke ... sonst lass ich dich noch eine ganze Weile
unter den Lebenden schmoren«, knurrte Billie zurück und funkelte ihn missvergnügte an.
»Könnt ihr keine Freunde sein? Entweder man sieht euer beider Verlangen
in euren glänzenden Augen, wenn sie den anderen erblicken oder ihr bekriegt
euch!«, sagte Shia sich zwischen die beiden drängend.
»Ich will euch junge Spunde nicht davon abhalten, was immer ihr auch tut,
aber geht mir bitte zur Seite ... ich will zum König«, sprach eine tiefe
Männerstimme. Ruhig klang sie in Billies Ohren aber doch war seine Stimme
energisch. Billie wand sich und blickte stieß ihn gegen die Brust. Der
schwarzer Mantel hing bis auf den Boden, er verdeckte seinen Körper. Er
hatte ein sehr maskulin herbes Gesicht, gezeichnet vom rauren Alltag. Sein
Haar war hellbraun und mit weißem Haar durchzogen. Als er seine Hand aus
315
dem Mantel zog und auf Billie streckte, sah sie Verbrennungen und Narben,
um sie bei Seite zu schieben. Es war ein fester, bestimmter Druck auf ihren
Schultern. Während die anderen befohlen zur Seite traten, war es Zeke der
den Druck von Billie Schulter nahm.
»Finger weg von Billie!«, brummte er und schob die Hand weg.
»Genauso wie damals ... vorlaut, affektiert und überaus begnadet. Und die
junge Dame hinter dir ... kann es sein?« Nun schob er Zeke mit beiden
Händen zur Seite und blickte Billie verwundert an. Zart strich er ihr über die
Wange und durchs Haar.
»Du bist groß geworden Prinzessin. Du hast es also aus dem Gebirge
geschafft«, lachte er.
»Aizir?«, fragte Zeke und trat näher.
»Ja, der bin ich. Hast lang gebraucht mich wiederzuerkennen!«
»Du alter Hund! Ich dachte du währst schon längst tot«
»Was man von dir nicht behaupten kann, was?«, spottete er.
»Ihr kennt euch?«, fragte Shia.
»Willst du uns nicht bekannt machen?«, erkundigte sich auch Eric.
»Haltet die Klappe Jungs! Was treibt dich her, alter Zauberer?«, fragte
Viggo und reichte dem Magier die Hand. Doch er nahm diese nicht an und
verbeugte sich leicht, so viel wie es ihm sein Rücken erlaubte.
»Ich habe die Nachricht erfahren man zieht in den Krieg. Man braucht
immer einen Zauberer. Zwar war es recht langwierig von meiner Hütte im
tiefen Gebirge hier her zu kommen«
»Da du ja schon einmal hier bist Meister ... würdet ihr eine Schülerin
nehmen?«, fragte Zeke obwohl es ehr schon eine Feststellung war die man
nicht verneinen konnte.
»Schülerin? Damit meinst du nicht zufällig die Prinzessin oder?«, Zeke
nickte eifrig, »Und welcher Idiot hat sie geweckt?«
»Dieser Idiot war wahrscheinlich ich ... ich habe die Magie in ihr geweckt
und ich bin nahe dran diese zu zerstören«, druckste Zeke und sah ihm kaum
in die Augen. Aber seine Stimme klang trotzdem fröhlich ... sein Unterton
ließ auf Zustimmung stimmen, in der Beziehung Idiot. Er verzog leicht
seinen Mundwinkel und gab sein Grübchen frei.
316
»Und wie bitte zerstörst du die Magie?«
»In dem ich sterben werde Meister« Der Zauberer nickte und sah von Zeke
zu Billie herüber. Beide wichen seinem blicken aus.
»Zeke ... damals sagte ich dir: Magie ist etwas wundervolles, man sollte
sie schätzen und dankbar sein, aber du zerstörst sie. Wenige Menschen,
Prinzessin, erlernen die Kunst. Du bist einer der Auserwählten, wenn Zeke
nicht schon alles zunichte gemacht hat. Weißt du wie diese Magie zustande
kommt? Ich bin einer Magier von Blut du nicht. Aber du kannst ein genauso
guter Magier werden wie ich, da deine Magie durch Liebe erweckt wurde.
Wenn du jemanden liebst kannst du alles erreichen. Und ich würde dir raten,
Mädchen diese Liebe nicht aufzugeben bevor du deinen Bestimmung erfüllt
hast«
»Zauberer ... wie heißen sie?«, fragte Billie schwach.
»Ich nenne mich Aizirtap Tdranhnier. Aber du kannst mich auch wie der
vorlaute Bengel Aizir nennen, doch ich bevorzuge Meister. Aber zuerst,
erklärt mir den Sachverhalt«
»Ich habe gezaubert ... aber das war nicht aus Liebe«, sagte Billie kläglich.
Der Zauberer sah sie mit hoch gezogenen Brauen an und legte seine rechte
Hand auf ihre Schulter, drückte diese leicht.
»Es gibst viele Arten von Liebe ... aber lass mich erst mit deinem Vater
reden« Er ließ Billie los und nahm Viggo an die Schulter. Kaum merklich
schob der alte Zauberer in vor sich her. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so
war Billie. Eine mysteriöse Aura ging von ihm aus ... man konnte ihm nicht
entfliehen.
»WARTEN SIE! Heilen sie Brosco!«, schrie Billie ihm hinterher. Aizir
blieb stehen und wand sich ihr zu.
»Brosco? Prinzessin, Sie sollten auf ihren Drachen besser aufpassen. Ahh,
red mir nicht dazwischen!«, er hatte Zeke gemeint, der schon sein Mund
aufklappte »Es ist egal ob ihr noch Eins seid. Ihr hattet eh keine Zeremonie
und das hier ... gehört dir« Aizir warf ihr etwas zu. Billie fing es knapp. Er
sprach darauf einen eigenartigen Satz, von dem Billie wusste, dass sie Loga
hieß. Als er geendet hatte ging er weiter seinen Weg mit Viggo und Billie
sah in ihrer Hand das Amulett was sie verloren hatte. Das Amulett war kalt
317
und grau aber doch war der Stein in der Mitte immer noch Lila. Der Stein
blieb unversehrt. Es machte sie traurig. Selbst das Amulett trug die Narben
vom Abend als der Feuerball hinabstürzte, so nannten die Bürger den
Abend. Eine einsame Träne fiel in die zierlichen Risse im grau gewordenen
Gold. Billie stand alleine im Schnee. Shia, Eric und Zeke traten ihr nicht
nahe, selbst sie schienen bedrückt und verwundert über das Amulett. Auch
die anderen Reiter, Arbeiter und Soldaten sahen sie an, aber sprachen kein
Wort. Drachen gaben jappende Geräusche von sich. Hinten im Zelt, vor dem
Billie mit den Rücken steht, raschelte es. Sie wusste er würde kommen.
Betrübt trat Brosco, geheilt als einziger an ihre Seite. Er reichte ihr seine
Schulter doch sie lehnte ab. Und so standen sie im Schnee. Leicht durchnässt
und schon lange nicht mehr Herr der Sinne.
Der Abend war schnell hereingebrochen. Dakota hatte sie zu ihren Zimmer
geführt. Teilnahmslos wurde sie hierher geschoben. Ihr Essen hatte sie nicht
angerührt und das Amulett wollte sie nicht aus der Hand legen. Sie hatte sich
aus ihrem Bett geschwungen und sich auf dem Fenstersims gesetzt. Eisig und
still zog der Wind in ihr Zimmer und jagte ihr eine Gänsehaut ein. Eulen
flogen in die tiefe schwarze Nacht. Der Mond und die Sterne hatten sie verlassen, verdeckt von den großen kalten Wolken. Doch ein einziger Stern
leuchtete bis zu ihr hinab. Billie konnte spüren wie dieser einziger Strahl sie
wärmte und für sie dar war, gegen die Wolken kämpfte die ihn verheimlichen wollten. Aber auch wusste Billie, dass sie dies sich nur einbildete. Wie kann ein Stern es schaffen sie zu wärmen? Und jäh schoss es ihr
in den Sinn ...
»Tante ... warum scheinen so viele Sterne?«, fragte Billie. Sie war grade
acht Jahre alt geworden und zupfte am Zaum ihrer Tante Helena. Sie war
noch jung und ihr Haar beherbergte noch ein paar blonde Strähnen.
»Sterne? Liebes, dass sind keine Sterne«, lachte sie. Es war eine kalte und
eisige Nacht aber klar und fühlbar. Helena zeigte zum Himmel. »Das sind
Sterne von Liebenden. Immer wenn sich eine Pärchen gefunden hat wird ein
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Stern geboren. Aber nur, wenn sie wirklich zueinander gehören« Billie
machte große Augen und staunte.
»Werde ich auch mal einen solchen Stern haben?«
»Noch bist du zu jung ... aber gewiss wird dich irgendwann dein Prinz
finden und dich mitnehmen«
»Was macht so ein Stern?«
»Er ist immer da. Leuchtet sogar in der dunkelsten und einsamsten Nacht
für euch. Er wärmt dich wenn du traurig bist und solang dieser Stern
existiert, existiert auch eure gemeinsame Liebe«
Billie blickte tief in den Wald. Sie hatte etwas genauso leuchten sehen wie
die Sterne. Ein heller Haarschopf blitzte aus dem Gebüsch in der Nähe.
»Ein Prinz ... wacht er über mich und beschützt mich?«, fragte Billie und
blickte weiterhin zum Gebüsch.
Längst hatte sie die Worte ihrer Tante vergessen. Immer hatte sie auf den
Mond vertraut obwohl ihr Stern nicht weit war. Wahrscheinlich hatte sie
Zeke die gleiche Geschichte erzählt. Es war so dumm, dass sie sich nicht
lieben konnten. Ihr rannen die Tränen, die ihr vorher verborgen blieben. Wie
gern würde sie mit ihm über alles reden. Wie gern würde sie einfach in seiner
Nähe sein. Wie gerne würde sie ihn berühren und durch sein seidiges Haar
streichen. Doch diesem Verlagen musste sie wiederstehen. Sie schaffte es
nicht ihn zu vergessen. Sie konnte ihn momentan nur hassen ... und das zerriss ihr Herz, schmerzte in ihrem Kopf und drückte auf ihr Gemüt.
Etwas von weither lachte bis zu ihr hinauf.
Billie verdrängte ihren Kummer und fühlte Wut auflodern. Wie konnte
man lachen ... lachen während ihr Herz schrie und anfing zu dorren. Sie
blickte aus dem Fenstersims hinab in die Tiefe. Auf dem Hof brannte ein
großes Feuer, darum tummelten und betranken sich Zwerge und Reiter. Sie
vergaßen den Schnee der auf sie hinab fiel. Die Drachen lagen weit abseits
von ihnen, kaum erkennbar so dunkel schienen sie sich in der Nacht verkrochen zu haben. Und nun nahm Billie nur ein einziges Lachen war, was sie
gerne hörte und ihre Wut verblassen ließ. Unter ihrem Fenster winkte Zeke
sie lachend zu sich. Billie fiel ein Märchen ein ... doch schnell vergas sie es
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und schwang sich von Fenstersims. Lautlos schlüpfte sie in ihre Schuhe und
warf sich ihren Mantel von einem Stuhl und stahl sich auf dem Gebäude.
Egal wie dunkel ihr die Gänge und Gassen schien, es war erträglich. Sie
konnte am Ende des Korridors ein helles Licht erblicken ... und dieses Licht
war Zeke, der am Treppenabsatz auf sie gewartet hatte, der zum Hof hinausführte. Jappend trat sie näher zu ihm. Er hatte einen leicht gesenkten Kopf,
aber doch sah er sie strahlend an. In Billie loderte etwas als sie weiter auf ihn
zuging. In seinen nun schwarz scheinenden Augen funkelte der Stern, denn
sie bis vorhin noch beobacht hatte. Er reichte ihr die Hand. Er hatte sich
einen Mantel übergeworfen und fest um sich geschlungen. Ihr Lächeln verschwand, denn der Stern hatte heraufbeschworen. Es war falsch ihn zu lieben
... und auch war es falsch, seine Gesten anzunehmen, den diese machten den
immer näher kommenden Abschied nur noch schwerer für sie. Auch Zekes
Lächeln erstarb und nicht nur das verschwand ... der Stern wurde nun vollkommen von den Wolken verschluckt. Ein schwarzer Schleier legte sich auf
sie. Einziger heller Punkt das große Feuer was vor ihnen lodertet und wo die
Soldaten betranken.
Billie stand noch im Schutz des Bodens, des Geschosses über ihr und Zeke
war am Treppenansatz im Schnee stehend. Der Boden unter ihm färbte sich
langsam weiß.
»Wollen wir nicht zu den anderen? Aizir will uns eine Geschichte erzählen«, sagte Zeke verlegen.
»Ich bin nicht in der Stimmung eine Geschichte zu hören. Es tut mir Leid,
Zeke« Sie wand sich um und ihre Hand wurde von Zekes ergriffen. Er hielt
sie nur fest.
»Ich würde sie gerne mit dir zusammen hören. Und es ist viel schöner gemeinsam zu sein als alleine auf dem Fenstersims zu den Sternen zuschauen.
Ich bitte dich ... hör dir die Geschichte mit mir an« Er ließ sie nun los.
»Warum bist du so nett zu mir?«
»Weil ich es nicht ertrage dich noch länger zu verletzten. Hätte es zu
Beginn geklappt, währe es für uns beide leichter ... doch nun tut es mir weh.
Ich bin dir so nah aber doch bin ich so weit von dir entfernt, dass ich dich nur
sehen kann. Wenn ich dich sehe, sehne ich mich nach deinem Lächeln ...
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doch immer wenn du mich sieht, verfinstert sich dieser. Wenn ich mich dir
näher und dich berühren möchte ... fühle ich die Kälte, in die ich dich ummantelt habe nur damit du mich vergisst« Billie hörte seine Schritte im
Schnee. Er schloss seine Arme um sie und schmiegte seinen Kopf auf ihren.
Ihr Herz pochte.
»So nah wir ich dir erscheine, bin ich nicht. Ich stehe bei den anderen und
begehre die Prinzessin. Die Prinzessin ist aber jemand anderem Versprochen.
Egal wie nahe ich dir sein werde Billie, nie werde ich dich glücklich machen
können ... nicht nachdem was ich dir je getan habe.
Du hattest recht ... Alex wird auch sterben, wenn ich sterbe. Allein werde
ich ins Totenreich gehen. Du hattest mich mal gefragt; wenn ich die Wahl
hätte, was ich machen würde! Nun weiß ich die Antwort und sie ist ehrlich:
wenn es eine geben würde, würde ich sie nutzen ... nur um dich wieder
lächeln zusehen. Ich würde gerne meine restliche Zeit mit dir verbringen und
darüber hinaus«
»Eric ist nett ...«, sagte Billie leise.
»Woher weißt du ...?«
»Meine Zukunft ... lass und zu Aizir«, antwortete sie knapp. Er löste sich
von ihr und schleppte sich vor ihr her. Nun war es an Billie den zweiten
Schritt zu tun. Ihr Verlangen übereiferte ihre momentanen Gefühle. Sie ergriff seine Hand.
»Doch meine Zukunft ist morgen. Du bist heute, du bist das hier und jetzt.
Lass uns gemeinsam Aizir zuhören« Er blickte verlegen zur Seite und
gluckste. Sie brauchten nicht lange um zu Aizir zu gelangen der sich, nahe
am Feuer, einen Platz gesichert hatte. Bevor sich Billie neben Zeke und gegenüber von Aizir setzte, sah sich verstollen zum Himmel. Heller als zuvor
funkelte der Stern zu ihnen hinab. Ihre Hand, die noch immer Zekes umschloss, war förmlich durchsprüht von Wärme. Die Wärme blieb aber ihr erneutes Lächeln verschwand als sich neben Zeke und ihr Shia und Eric niederließen. Er wusste die Wahrheit, genau wie sie und trotzdem schwieg er und
ertrug sein Leid.
»Na, Herzchen. Sieht aus als hättest du das, was du wolltest, nicht wahr?«,
scherzte Shia, der auf dem Boden saß, und stütze sich auf Billies Ober-
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schenkel ab. Spitzbübisch grinste er sie an als hätte er schon alles durchschaut.
»Shia wovon redet du?«, fragte Billie überraschend, obwohl sie wusste
wovon er redetet.
»Wenn Libellen gurren wie die Nachtigall. Oder einfach gesagt: wenn
man über beide Ohren verknallt ist. Du kannst dem alten Shia nichts vormachen Liebes. Ich habe alles gesehen«
»Seid ruhig ihr Jungspunde!«, donnerte Aizir und Shia begann zu lachen.
»So wenn ihr euch dahinten beruhig habt, kann ich ja anfangen euch eine
Geschichte zu erzählen. Sie ist schon viele Nächte alt. Erzählt von den Alten
und Weisen. Erzählt in einer Melodie die weit vor unserer Zeit stammt. Alles
in ihr ist Wahr, obwohl die Zeit vielleicht ein wenig übertreiben hat. Noch
heute können Phänomene beobachtet werden, die eine solche Geschichte
gesehen oder selbst durchgemacht haben. Selbst ich kenn solch ein Paar, dass
nicht bestimmt ist zusammen zu sein.
In weiter Ferner, die Wälder grün
Die Seen blau und das Wetter beflügelnd
Im Dorf dahinter, die Menschen frohlockend
Freud und Glück war ihnen besonnen
Im alten Königshause, ein Knabe
Allein und doch überall herzlich willkommen
Gesondert von anderen, die ihm glichen
Allein gelassen von der Familie, nur um König zu werden
Auf dem Markt, am Hofe
Ein kleines Mädel, beschwingt ihrer Taten erledigten
Geächtet von den Reichen, geliebt von den Armen
Verlassen von ihren Eltern, die vom König geholt
Der Knabe nahm reis aus, in der tiefen Nacht
Vater und Mutter besorgt um ihren Erben weinend
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Von der Nacht verschlungen, ungehört durch die Passagen
Stolperte er übers kleine Mädel
Ein Stern erhellte und beiden fanden sich
Verbittert über ihre Abkünfte
Beschlossen sie sich zu trennen
Der frisch erhellte Stern erlosch
Jahre gingen ins Land, Träume schäumten
Und der Scheiterhaufen wurde errichtet
Im hiesigen Hofe des Königs
Ein Weibe verurteilt zum Tode, wegen Rufmordes
Der König lachend war dem Prinzen Angst und Bang
Er stürzte hinab in die Tiefe
Und befreite seine holde Maid, die einst sein kleines Mädel
Die Nächte vergingen und der Stern erhellte zum Neuen
Doch das war nur eine kleine Geschichte. Die eigentliche Geschichte will ich
euch nun erzählen. Merkt sie euch gut, es sind Helden die nicht lange sind ...
doch ihre Liebe wird ewig bestehen. Ich will mit dem Knaben beginnen, der
einst ein angesehner Drachenreiter war, jedoch verdammt dazu sich zu vermählen. Er lebte friedlich in einem Dorf, weit weg von jenem Hofe wie
dieser. Sein Vater war stolzes Familienoberhaupt einer Familie von einer
Frau und Zwillingen. Während beide Söhne Reiter wurden, wurde ihm die
Schmach zuteil keiner zu sein. Er starb als er betrunken einen Drachen bedrängte. Die Familie erlitt viel Leid, als auch der jüngerer Zwilling auf reisen
ging während der andere, ihn zu finden und retten versuchte. Dem Jüngeren
wurde ein Auftrag übertragen, er soll jemandem helfen. Doch dieser Auftrag
war ein Auftrag der Liebe, eine Verlobung stand an. Die verschmäht von
Vater der Baut wurde. Doch sein Leid endete nicht. Sie starb um ihn zu
retten. Gestolpert über die Liebe und so schnell wieder verloren. Er wollte
sterben um zu ihr zu gelangen. Doch dann wurde hier, einst in diesem
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Schloss, ein Erbe geboren. Der Vater gepeinigt durch eine Tochter und einer
verschiedenen Frau. Er trug sie hinfort, zum Schutze ihrer selbst, zur Tante ...
die gleichsam die Mutter der Zwillinge war. Viele Jahre gingen in die Länder
und der Erbe erfuhr nichts, von der Welt außer dem ihrer Tante. Sie erfuhr
nichts von ihrem eigentlichem Sein, ihr Bestimmung und den Umständen.
Doch der Jüngere kam immer wieder zu seiner Mutter zurück. Geschichten
erzählte er ihr und er lauschte nicht weit von ihnen. Tage und Nächte harrte
er in dem Wälder um ihr Haus. Bis die Zeit kam, den Erben zu holen. Sie
weigerte sich, doch durch Magie wurde sie zu uns auf den Weg gebracht. Er
beschützte sie mit seinem Leben. Doch auch auf ihrer Reise musste der
Jüngere Leid erfahren und auch der Erbe erlitt Qualen, die sie geprägt haben.
Doch beide waren sich im tiefen Inneren bewusst, was der andere für sie bedeutete. Ihre Herzen schlugen für den anderen, doch war ihre Liebe verboten.
Der Jüngere brachte den Erben nach Hause. Bestürzt über die Wahrheit
aller, barst ihre Erscheinung und sie begann zu zweifeln. Sie sollte verlobt
werden, doch ihr Herz war bei ihm. Er würde fortgehen doch auch sein Herz
würde für sie schlagen. Sie erduldete ihr Schicksal und verbannt ihn aus
ihrem Geist, aber nie aus ihrem Herzen ... so nah wie sie sich sein wollten,
durften und konnten sie nicht. Alles zerrte an ihnen, bedrängte sie mit ihrer
Bürde. Viele Leute gaben ihnen ihren Segen ohne genau zu wissen, wieso sie
nicht durften. Währen beide Herzen für den jeweiligen anderen schlugen,
schlug ein Herz tatsächlich in der Brust. Gebrochen, verletzt und blutend
fühlte der Erbe es im Inneren schmerzen. Je mehr sie versuchte ihrer selbst
zu leugnen, vergaß sie sich immer mehr, bog sich zur Unerkennbarkeit.
Wollte es jedem recht machen, nur um zu vergessen und zu überwinden. Die
Geschichte ist noch nicht zu ende und leider weiß ich auch nicht wie sie
enden wird ... «, endete Aizir in einem hellen Ton, des Glucksens.
»Lässt sich das gut erzählen, sag?«, fragte Zeke gespannt. Er wusste, er
war der einzige der diese Geschichte bis in das kleinste Detail wissen konnte.
Doch nun schnürte es ihm den Atem zu, wie Aizir seine Geschichte preisgab.
Sie erzählte als seien sie schon längst im Krieg gestorben.
»In der Tat ... aber was dich glücklich Wissen sollte ist, dass man diese
Geschichte noch sehr, sehr lange weitererzählen wird und dank euch beiden,
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kann ich mich zu den ersten schätzen«, antwortete er mit einem selbstsüchtigen Unterton.
»Nur weil du die Geschichte kennst, heißt es nicht das du berechtigt bist,
diese auch zu erzählen. Du weißt gar nichts von alledem, was je passiert ist!
Hast keine Ahnung wie wir uns gefühlt haben und immer noch fühlen!«,
platzte es wütend aus Zeke erhaus. Er war aufgestanden und mit einer erhobenen Faust sah er übers Feuer hinweg auf Aizirs finsteres Gesicht. Billie
griff Zeke rasch an seinen Arm, damit er nicht auf ihn losstürmte und beruhigte in somit ein wenig.
Stille brach um sie herum. Der kühle Wind brachte das Feuer zum tanzen
und flackern. Keine Eule, rein gar nichts flog am Nachthimmel, dass einzige
was sich plötzlich regte waren die schlafenden Drachen. Amaro war einer der
ersten, der sich aufrichtete und in den Himmel stierte. Flaches Röcheln, kam
aus den geblähten Lungen der Drachen. Zusammen klang es wie ein melodramsicher Gesang deren Stimme wie ein Tier, das durch Rauchschwaden
nicht atmen könnte, dröhnte.
Ein paar Zwerge glucksten und ein Zentaur rülpste. Zeke starrte immer
noch unverbannt Aizir an, der seinem Blick stand hielt. Niemand anderes
wagte es die gespannte Ladung ihrer Auseinandersetzung zu brechen da sie
alle wie Hunde, treu neben einem sitzend, was die nächst folgenden Worte
lauschten. Sie folgten aber nicht so wie sie es vielleicht erwünscht hätten.
Das Dröhnen der Drachen brummte weiter. Als auch Brosco sich erhob und
Billie Zeke los ließ, war auch er dabei das merkwürdige Verhalten der
Drachen zu bemerken.
»Und du willst mein Schüler gewesen sein? Prinzessin, ihr habt versagt
genau wie die anderen lausigen Reiter unter euch! Während ihr euch betrinkt
und einem Gekeife belustigt, nehmt ihr eure Drachen nicht war. Ihr wollt in
einen Krieg ziehen den ihr niemals gewinnen könnt. Ihr schlagt eine Schlacht
die nicht für euch bestimmt ist. Wiedersinnig werdet ihr eure Leben lassen
für ein Gör, die ihren Drachen in Gefahr bringt«, sagte Aizir kühl und stand
auf. Er schlug, über seinen Kopf, drei Mal in seine fast weißen, sehnigen und
alten Hände. Das Klatschen echote noch tief ins Innere des Schlosses. Nichts
geschah. Billie sah verwundert zu Aizir, besorgt nach Brosco und fragend zu
325
Zeke. Doch Zeke sah noch immer hasserfüllt und enttäuscht in das alte
Gesicht, bis auch er sich wand und sich schnell Bogen und Pfeil besorgte.
Billie ahnte was kommen würde, wagte es jedoch nicht zu fragen.
Leise prasselte das Feuer. Rau strich der Wind um ihr Ohr und zerwühlte
ihr Haar, so dass sie Mühe hatte es wieder zu ordnen. Schlagartig war das
Wetter schlechter geworden. Auch Billie hatte sich nun eine Waffe zugelegt.
Sie hatte ihr Kleid gerafft und sich schnell ein Langschwert um die Huften
geschnallt sowie sich noch an einem Bogen wagte, den sie schon gespannt
hielt, bereit auf etwas zu zielen. Ihr Herz raste, kaum konnte sie noch das
knisternde Feuer hören. Ihr Herz und die Stille der Nacht. Selbst die Drachen
nahm sie nicht mehr war. Der weiche Schnee fiel immer härter hinab, bis sie
ihr ins Gesichts schlugen. Ein eisiger Hagel brach herein. Billie mag nur
vermuten, welche Wesen auf sie lauerten ... geschweige den, welche Yaver
nicht in ihrem Heer hatte.
Der Sturm wurde immer schlimmer. Billie sah ihre Hand vor Augen nicht
mehr. Sie konzentrierte sich so sehr auf ihre Umgebung und verdrang das
Pochen ihres Herzens, doch sie konnte nur das heftige Rauschen des
Schneesturms hören. Selbst Zeke, der neben ihr auf den Boden kniete, sah sie
nicht mehr. Auch Brosco war ihrem Blick verborgen. Es machte ihre Angst
nicht zu wissen was nun geschah, diese Ungewissheit zerfraß und zerrte an
ihren Nerven. Adrenalin schoss durch ihren Körper. Nach und nach empfand
sie die Kälte wie einen Teich im Winter, in dem sie eingebrochen war ... und
nach Luft rang, zu ersticken drohte. Der Sturm erlaubte ihr kaum Luft zu
holen, selbst wenn sie schreien würde, so dachte sie, würde kein Ton aus
ihrer trockenen Kehle dringen. Unaufhörlich schlugen ihr die Hagel ins
Gesicht, ihr schien alles Blut gewichen zu sein. Füße und Hände hatten schon
eine ungesunde blaue Färbung. Ihre Ohren, Wange und Nase waren gerötet
vor Frostigkeit.
Nach wenigen Minuten des Harrens erblickten sie welche Bedrohung
langsam auf sie zu brausten. Billie ergriff plötzlich einen Schwall Hitze. Er
verbot es ihr jäh zu denken oder zu handeln. Es schockte sie zutiefst. Wieder
... wieder ein brennender Himmel ...
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Brennende Pfeile schossen herab. Alles was sie einst verdrängt hatte
loderte wieder vor ihren Augen. Der Zauber Aizirs war ein Schutzzauber gewesen. Die brennenden Pfeilen prallten an seinem Wall ab. Sie konnte nicht
kämpfen, auch wenn die Pfeile neben ihr eingeschlagen hätten. Sie hörte das
Rauschen des Feuers, welches die Drachen von oben sowie von unten spieen
... das Rauschen der Pfeile, der Brennenden und denen ihrer Leute ... Billie
blickte nur gen Himmel. Sie sah keine Wolken aber auch keine Sterne. Der
Schnee schmolz in der Nähe des Feuers, also konnte sie ein wenig sehen.
Gepanzerte Drachen. Selbst den hellsten Drachen würde man durch diese
dunkle Rüstung nicht erkennen können, schon gar nicht in einer Winternacht.
Es waren nur Drachen und ihre Reiter die sie angriffen ... jedoch reichte es
Billie um den Entschluss zu ziehen. Den Entschluss nicht mehr zu warten.
Nicht mehr zu warten bis sie einen weiteren Schritt tat. Wenn sie jetzt nicht
angriffen, würden sich Reiter und Reiter bis auf Blut bekämpfen ... würden
sich Freiwillige und Sklaven einander töten. Yaver würde immer welche
finden die für sie kämpfen würden, dass war Billie klar und auch war ihr
bewusst das Freiwillige zuneige gehen würden. Jetzt oder nie. Wenn sie
verlieren würde es nicht schlimmer werden als es ohnehin schon war ... nur
das es keine Hoffnung mehr geben würde.
»Prinzessin ... sie werden hier nicht mehr gebraucht«, sagte Aizir kühl und
drückte sie unruhig zurück in die Gemächer. Sie versuchte Zeke ausfindig
zumachen sowie gab sie Brosco bescheid, selbst in Deckung zu gehen und
sich aus dem Gefecht hinaus zu halten.
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45
Ein Plan, ein Krieg
und eine Chance
Irgendwann wir man der Schreie taub
es Morgens nach dem nächtlichen Angriffs, erwachte Billie mit
ausdruckslosem Gesicht. Ihre Augen starr, das Blut aus ihrem
Gesicht gewichen, Haare ungebändigt und zitterten Händen. Ihr
Nachthemd hatte sie durchgeschwitzt. Sie wusste nicht ob sie geschlafen
hatte oder es nicht konnte, im Grunde war es ihr auch egal. Augenringe
hatten sich unter ihren Augen gefärbt. Teilnahmslos und appetitlos aß und
spielte sie in ihrer Suppe mit Kartoffeln. Dakota sah ihr mutlos zu wie sie
sich quälend und unbeholfen in ihre Kleidung zwängte. Das Einzige was
Billie ihr sagte war, dass sie ihre alte Kleindung holen solle. Als Erklärung
ließ sie im Raum stehen, ihr seien diese bequemer.
Dakota hatte sie verlassen. Nun saß Billie einsam in ihrem Zimmer auf der
Bettkante und lauschte den Vögeln, die den normalen Vögeln glichen, jedoch
eine eisblaue Färbung hatten. Auf kahlen Bäumen sangen sie ihre Lieder.
Der Himmel schien sie zu verschlucken, so hell leuchtete dieser. Keine
Wolke raubte der strahlenden Sonne ihr Licht. Billie säuberte ihre Finger-
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nägel, die sie schließlich doch abriss. Sie wusste nicht was sie machte,
jedoch spannte sie ihre Hände zu Fäusten und ihren Kiefer, so dass die Zähne
knirschen konnten, wenn sie ihren Kiefer vor- und zurückschob. Auch vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und horchte weiterhin der Stille und dem
traurigen Gesang der Vögel. Ihr war langweilig, so dass sie ihre Augen auf
Nähe und Ferne beschäftigte obwohl sie nichts genau ansah. Sie kannte
schon alles in ihrem Zimmer. Es war groß, kalt und steinig. Zerknirscht stand
sie auf und wollte auf dem Gang nach Dakota brüllen, wann sie doch endlich
mal komme und ihr die Sachen brachte. Doch es erledigte sich als ihr die Tür
vor die Nase krachte und sie taumelnd zurück stolperte. Sie war nicht mehr
gelangweilt sie war wütend! Sie ließ sich zurück auf ihr Bett sinken, riss
ihren Kopf in den Nacken und betastete sich ihre Nase. Sie blutete. Stöhnend
fiel sie auf den Rücken und wischte Dakotas helfende Hände grob zu Seite.
Billie brummte Zeugs was Dakota selbst mit Mühe nicht hätte verstehen
konnte und gab ihr zu verstehen, dass sie gehen, sie in Ruhe lassen sollte. Sie
gehorchte stumm.
Flach lag sie wieder auf ihrem Bett. Ohne viel ihren Kopf zu bewegen sah
sie sich nach links und nach rechts, bis sie ihre Kleidung entdeckte. Fein
säuberlich war sie zusammengelegt worden. Bis auf den schwarzen Umhang,
den ihr Zeke einst gegeben hatte, war es ein Stückchen Heimat für sie. Ob
noch die Löcher von ihren Stürzen drin waren, oder hatte Dakota sie nähen
lassen? In ihrem Herzen pochte es leise aber beständig. Ihre Ohren wurden
taub, als sie langsam ihre Hand nach dem Umhang streckte. Damals roch er
nach Erde, Laub und Zekes süßen Duft von Flieder jetzt roch er nach Seife
von Vanille, nichts mehr erinnerte sie an ihn. Ihr Herz brannte weiter in ihrer
Brust. Doch die Taubheit in ihren Ohren verflog. Vielleicht rührte ihre
pochende Brust daher, weil jemand an die Tür klopfte. Marode sah sie zur
Tür. Sie wusste genau wer vor ihr stand, sie kannte das Klopfen seinerseits.
Auch wusste sie; würde sie die Tür nicht öffnen, würde er weiter in ihr einhämmern. Sie zog noch einen letzten Aroma von dem Umhang. Irgendwo
musste doch etwas von ihm sein?
Billie stand auf und öffnete stumm die Tür. Ihr blickten strahlend grüne
Augen entgegen. Sie schienen müde aber doch leuchteten sie wie Feuer als
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sie sie sahen. Unter seinen Augen hatten sich ebenfalls dunkel Augenringe
gefärbt. Seine Klamotten waren an manchen Stellen durchnässt und dreckig.
Er schien unverletzt, also hatte Aizirs Zauber lange stand gehalten.
»Hast du gut geschlafen?«, fragte Zeke leise. Sie nickte stumm und wand
sich ihrem Zimmer zu; schenkte ihm keine Beachtung und zog sich eilends
das lange Kleid aus. Sie wollte nur noch ihre alten Kleidungsstücke tragen.
»Ähm ... gut. Du weißt nicht wer gekommen sind! Hao und Aoi wollen
uns beistehen. Sie haben die anderen Götter zusammen getrommelt. Billie ...
soll ich die helfen?« Zeke war leicht errötet als Billie sich umziehen wollte
und hatte sich umgedreht. Doch er hatte gelugt und sah, dass sie den
Verschluss von ihrem Kleid nicht öffnen konnte. Mit einem milden Lächeln
trat er auf sie zu. »Was ist los mit dir?«, fragte er sorgvoll. Er berührte ihre
Arme und bewegte sie langsam nach unten. Sanft strich er ihren Rücken entlang und öffnete den Verschluss, denn Billie zuvor nicht erreicht hatte. Sie
spürte seinen Atem im Nacken. Es durchfuhr sie eine Gänsehaut, als sein
Atem sich ihrem Ohr näherte. Berauscht schloss sie ihre Augen und legte
sanft den Kopf zur Seite. Seine weiche Hand umschlang ihren Hals. Jeden
Moment, dachte sie ... jeden Moment.
»Warum willst du deine alten Kleider anziehen? Deine Neuen zeigen das,
was du wirklich bist«, hauchte er ihr ins Ohr. Er verharrte mit seinen sinnlichen Bewegungen. »Nicht umsonst hättest du Dakota weggeschickt. Du
sehnst dich nach Nachhause. Hast Angst vor dem, was passieren wird ...« Er
küsste anmutig ihren Nacken.
»Wenn ich die neuen Kleider anziehe vergesse ich wer ich wirklich bin.
Nie war ich eine Prinzessin und auch nie war ich eine Kämpferin. Ich war
und bin Billie ... ich weiß nicht was die Leute von mir wollen. Ich will das
Leben führen was mir zusteht«, sagte Billie schwach und enthüllt.
»Du warst schon immer eine Prinzessin ... und dein Drache war die auch
vorherbestimmt. Nur die Kriegerin ... die hab ich aus dir gemacht. Bitte vergibt mir«, sinnierte er.
»Glaubst du, wir tun das richtige?« Es räusperte sich jemand. Es war nicht
Zeke.
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»Stören wir? Also wenn wir den Krieg verlegen sollen Prinzessin, müssen
Sie es nur sagen«, spaßte Shia hinter ihnen. Billie und Zeke sahen gleichzeitig zur noch immer offenen Tür, in der nun Shia verschmitzt grinste, Eric
leicht säuerlich ausschaute und Viggo wütend und errötet zugleich, standen.
»Zeke ... du darfst meine Tochter gerne beschützten aber ich verlange von
dir, dass du künftig jemand anderen schickst der meiner Tochter mein Anziehen hilft« Viggos Stimme klang streng und strafend in einem. Seine
Worte trafen Zeke wie Peitschenhiebe ins Gesicht und Schläge in die Magengrube. Billie hatte gespürt wie er unter seinen Worten erbebte. Ihr Vater hatte
andere Pläne mit ihr. Doch wie sollte sie ihm sagen, dass sie Zeke liebte?
»Würdest du sie nun endlich loslassen? ZEKE!«, donnerte Viggo aufgebracht als Zeke nicht reagierte. Billie sah Zekes Augen ... sie leuchteten
wie vorhin, als sie sie sahen. Brennende grüne Augen, beißend und größenwahnsinnig. Zeke ließ sie abrupt los und hielt dem tobenden Blick Viggos
stand.
»Warum hast du mich wie deinen Sohn behandelt, wenn du mich ohnehin
verstößt? Ich bin tot aber ich fühle wie jeder andere auch, vergiss das nicht.
Ich bin seit langem wieder glücklich und dir ist es egal ... aber ich denke, ich
hatte nie das recht dein Sohn sein zu dürfen, da du ja schon eine Tochter
hast. Und wie der König befiehlt: ich werde die Prinzessin beschützen und
das nächste mal Dakota ihr helfen lassen«, sagte er spöttisch. Er gab dem
ganzen noch die Krone in dem er sich zynisch grinsend vor ihm beugte.
»RAUS!«, schrie Viggo und zeigte mit dem Finger hinaus. Zeke tat wie
ihm beauftragt und ging hinaus. Er warf einen letzten begierigen Blick zu
Billie und sah dann unbeeindruckt in die Augen von Viggo. Viggo starrte
ihm boshaft hinterher. Shia und Eric schwiegen und sahen abwechselnd Zeke
schwermütig hinterher und Billie mitfühlend an.
»Warum wirfst du ihn aus meinem Zimmer?«, erkundigte sich Billie
beißend. Doch Viggo beachtete seine Tochter nicht, deren Rücken völlig entblößt war, und kommandierte Eric und Shia hinaus Zeke suchen zu gehen.
Letzten Endes ging auch er und ließ ihre Frage unbeantwortet. Rasch zog
Billie sich an, als ihr Vater die Tür geschlossen hatte. Sie schmiegte den Um-
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hang Zekes, bevor sie ihn sich umwarf, an ihre Wange an welchem noch
kurz vorher Zekes Atem sie streichelte.
Billie glitt auf den Gang und eilte zum Hof hinaus. Sie wollte Brosco aufsuchen um sich zu erkundigen was passiert war, am gestrigen Abend. Je
näher sie dem Hof kam, je mehr Gebrüll hörte sie. Sie verstand nicht was
gesagt wurde, da ihr Herz ihr bis zum Hals schlug. Sie traute sich nicht über
das Geländer hinab zuschauen. Ihr Beine drohten übereinander zu stolpern,
so schnell rannte sie Gänge und Treppen hinab. Als sie dem Hof, mit seiner
weißen Schneedecke betrat stürzte ihr ein hellbrauner Schopf entgegen.
Direkt zu ihren Füßen lag Zeke, der sich zittrig aufrappelte. Er wischte sich
das Blut vom Mundwinkel. Zeke bemerkte beim Aufrichten ihre Stiefel und
sah sie beifolgend aus fassungslosen Augen her an. Billie wanderte von
seinem Blick über seinen Kopf hinweg zu ihrem Vater, der sie perplex ansah.
Er senkte seine zur Faust erhobene Hand. Zeke lag noch immer leicht
erhoben im Schnee. Sie ging auf ihn zu und ließ sich neben ihm auf die Knie
fallen. Billie umschloss sein Gesicht in beiden ihrer völlig kalten Hände. Mit
dem Daumen wusch sie ihm den weiterhin blutenden Mundwinkel. Sein
rechtes Augen zierte nun ein Feilchen, es war noch rötlich und leicht geschwollen. Sie half ihm auf die Beine. Selbst die Worte von damals, wo Zeke
gemeint hatte er würde sie hassen, schmerzten ihr nicht mehr so viel wie sein
jetziger Anblick.
»Billie, ich weiß nicht ob du mich verstehst aber er ist deiner nicht würdig
und ohnehin wird er sterben. Eurer Glück währe nicht von Dauer«, klang
Viggo zu argumentieren.
»Vielleicht ist er meiner nicht würdig Vater, aber er war es zumindest
dann, als ich noch ein niemand war«, stieß sie niedergedrückt hervor. Ja,
damals im Dorf war sie ein niemand ... er Zeke hat ihr leben eingehaucht, sie
lebendig werden lassen.
»Du warst keinesfalls ein niemand! Schon immer war dir der Thorn
bestimmt«
»Aber warum hast du mich dann bei meiner Tante aufwachsen lassen?
War die Familie meiner Mutter nichts wert? Obwohl wir Cousine sind, liebe
ich ihn. Du wirst das nicht ändern können. In meinem Herzen war früher nur
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Platz für mich ... jetzt habe ich meine eigne kleine Familie. Brosco ist mein
Seelenverwandter, mein Drache und mein bester Freund und Zeke gehört
genauso in mein Herz wie er. Denn er war es, der meine Fassade zu Fall
brachte. Nein, hör mir zu bis ich geendet habe! Ich hatte nie eine Mutter und
auch nie einen Vater ... das hat sich bis jetzt noch nicht geändert. Du kamst
in mein Leben und sagtest, ich sei deine Tochter! Du hast mein Leben verplant, obwohl ich dich gar nicht kannte. Du willst mich verloben ... obwohl
ich nicht glücklich sein würde. Von Anfang an hast du es missbilligt, dass
Zeke deine Tochter zum Reiter ernannte. Seit dem Tag als du es erfahren
hast, konntest du ihn nicht mehr leiden. Vielleicht hast du Zeke abgelehnt
weil er wie dein Sohn ist. Ach und Eric ... es tut mir Leid. Hier mit löse ich
unsere Verlobung jetzt schon auf. Weil ich lieber Zeke ihn den Tot folgen
würde als einen guten Freund zum Manne. Verzeih«, ihre Stimme knickte
und verstummte. Tränen hatten sich in ihren Augen gebildet, doch fielen sie
nicht hinab in die Tiefe.
»Billie ... wir tun nicht das richtige«, antwortete Zekes Stimme fest. Billie
wusste das es eine Lüge war. Er war ein brillanter Lügner. »Es ist viel
wichtiger, dass die Königsfamilie gewahrt bleibt. Du wirst diesen Krieg gewinnen und mir nicht folgen. Ich schwöre, wenn ich in den Himmel kommen
sollte, werde ich dich mit aller Kraft schützen und wenn ich in der Hölle
lande, flehe ich das deine Sünden vergolten sein mögen, durch meine Liebe.
Billie, ich kann es nicht ertragen in Sorge um dich zu sein ... also mach
keinen Unsinn« Billie handeltet aus dem Affekt als sie ihm ihre Hand auf die
Wange schlug. Eigentlich wollte sie weinen. Ihre Hand hatte einen roten Abdruck hinterlassen.
»Du elender Narr! Du bist noch feiger als ich gedacht hatte! Kannst du
einmal zu deinen Gefühlen stehen und sie nicht im nächsten Moment wieder
leugnet?«, fauchte Billie.
»Wir dürfen nicht egoistisch sein Billie! Wichtiger als unsre Beziehungsprobleme ist die Sicherheit deines Volkes! Willst du sie sterben lassen nur
um mit mir beglückt zu werden? Kannst du diese Bürde tragen?«, keifte er
zurück. Er hatte recht. Billie hasste es wenn er recht hatte. Er hielt sich seine
schmerzende Wange.
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»Dann springe ich dir nach, sobald ich einen Nachfolger für mich gefunden habe«, antwortete sie sarkastisch. Ihre Augen ähnelten Schlitzen. Er
hasste es wenn sie so widerborstig war. Zeke schnaubte kratzig und verschränkte seine Arme vor der Brust. Die Bestürztheit war wie weggeflogen.
Das war diese Art Dummheit die er von ihr befürchtete.
Aizir führte Hao, seinen Zwilling und die anderen zum Hof, wo der König
war. Zeke war durch Billies Schlagfertigkeit verstummt und blickte nun zu
seinem Mentor, der leise über den Schnee schritt. Er war gefolgt von den
Göttern die die Zwillinge zusammen getrommelt hatten. Zekes Laune stieg
nicht an. Immer wenn sie sich stritten oder ähnliches taten, kam immer etwas
dazwischen. Er fluchte leise. Auch Billie dachte daran. Auch eben, wurden
sie gestört. Instinktiv gaben beiden den gleichen Fluch vorlauten. Sie sahen
sich amüsant grinsend an, als sie den Fluch des anderen hörte. Beide dachten
auch schon im gleichen Moment, ihr Streit sei nun vergessen und vergeben.
»Gab es schon wieder Sinnlosigkeiten, die ihr auf einem offenen Hof
austragen musstet? Langsam wird es lästig. Nun denn, die Zwillinge sind
euch schon bekannt. Sie waren so frei uns bei der Suche nach den restlichen
Göttern zu helfen. Ungern wollen wir Ragnarök beschwören. Da wir keine
Zeit haben für irgendwelche ausschweifen, fangen wir lieber gleich an«,
sagte Aizir derb. Jemand kleines trat aus den Kreis der Götter hinaus. Billie
schaute sich erst jetzt der Götter an. Alle trugen die gleichen Umhänge, grau
und mit übergroßen Kapuzen die ihre Gesichter verdeckten. Fast lautlos
glitten sie über den Schnee, hinterließen keinen Abdruck. Das fließende
Phantom bewegte sich auf sie zu. Engelgleich und völlig symmetrisch zog
sie die Kapuze ab und gab ihr Porzellangesicht frei. Sie offenbarte Billie ihr
blondes, beinahe weißes Haar, dass in geschmeidigen Locken an ihren
rundliche Gesichts hinabfielen. Billie wollte immer solche Locken, doch sie
war gesegnet mit glatten und langweiligem Haar. Es war wahrhaftig eine
Göttin. Ihr Antlitz war so jung wie Billies. Sie hatte hohe Wangenknochen
und schmale, leicht blassrosa gefärbte Lippen. Immer hatte Billie gedacht
Zekes Augen würden den tiefen grünen Wald widerspiegeln, doch erst durch
ihre Augen wurde diese Aussage vermindert und gänzlich als nicht zu
stimmend dargelegt. So schienen seine Augen nach einem Grün eines
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Baumes in seiner voller Blüte und ihre zeigten wahrhaftig den Himmel über
ihrem Kopf. Es war kein normales blau, nicht mal ein Azurblau des Himmels
... es war was völlig anderes. Sie blickte in sie hinein und sie konnte förmlich
die strafe Briese spüren.
»In welch unglückliche Lage du dich befindest ... selbst wenn wir dir
helfen ist das eigentliche Problem vorhanden«, sagte sie mit einer Singsangstimme, die so lieblich klang.
»Wie meinst du das? Welches Problem wäre mit eurer Hilfe immer noch
da?« Billie blickte sie eindringlich an. Zeke hatte sich hinter Billie gestellt
und seine Hände auf ihren Schultern ruhen lassen. Es war beruhigend.
»Wir stehen dir bei, Prinzessin. Weil es dir bestimmt ist eine Wende zu
bringen. Ein neuer Gott wurde geboren, an dem es nun liegt über die Unterwelt zu wachen. Wir bitten dich nur um eines, beschwöre keine Götterdämmerung, denn sonst bist auch du verloren«
»Für Billie dürfte keine Gefahr bestehen, wenn Yaver erst mal tot ist.
Wenn überhaupt, würde es keine Auswirkungen auf sie haben«, widersprach
Zeke.
»Zeke, dafür das du unsterblich bist und viele Jahre auf deinem zu jungen
Geist lasten, hast du nichts gelernt. Sie wird verloren sein wie du einst, vor
langer Zeit. Bist du blind geworden vor verbannten Ereignissen und verdorbnen Gefühlen? Der Fluch liegt wahrhaftig schon zu lang auf dir. Du zerbrichst an ihr wie ein Ast im zornigen Orkan«, sagte sie sorgfältige und allwissend.
»Arenta, ich denke ich weiß noch gut selbst, was ich aushalte und was
nicht und alles was ich je ertragen musste, hat mich zu dem gemacht was ich
jetzt bin! Ich verdränge und leugne nichts in meinem Leben!«, zischte Zeke
wütend aus zusammengebissenen Zähnen hervor. Billie sah abwechselnd zu
ihr und zu ihm. Sie kannten sich?!
»Deine Vergangenheit hatte mich interessiert, so dass ich während meiner
Amtszeit eine Auge auf dich hatte. Deine Zukunft ist so ungenau, selbst für
Aoi. Aber morgen wird sich vieles entscheiden. Die Zeit drängt. Morgen ist
der Tag des ersten Ragnarök. Wir werden für kurze Zeit sterblich, somit
kannst auch du deine Rache nehmen. Die Wende des verendeten Mondes und
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die Wiedergeburt der Sonne, dazwischen befindest sich ein machtloser
Moment, denn ihr nutzen müsst. Geht nun zur Ruhe ... am morgen brechen
wir auf« Sie hatte geendet und in ihrer Stimme erklang ein Unterton mit, der
keine weiteren Fragen erwünschte. Sie schien als hätte sie sich selbst ein
Leid zugefügt nur weil sie ihnen mitteilte, wann sie machtlos waren. Arenta
warf sich ihre Kapuze über und gesellte sich wieder zu den anderen. Sie
waren stumm gewesen und hatten Arenta gelauscht. So leise wie sie gekommen waren verschwanden sie auch wieder ohne irgendwelche Spuren zu
hinterlassen.
Mit leicht schrägem Kopf guckte sie ihnen nach. Zeke hatte sie wiederum
schon längst losgelassen und stand genauso verblüfft neben ihr.
»Wenn es etwas gibt in meinem Leben was ich noch mehr hasse als mein
verfluchtes Dasein, dann sind das Götter mit ihrer überheblichen Art und
Weise jemanden an der Nase rumzuführen«, sagte Zeke bitter und blickte aus
matten Augen.
»Bevor ihr mir hier alle einschlaft, würde ich gerne etwas fragen ... wann
haben wir vor hier los zu marschschieren? Weil dann würde ich den Männern
bescheid sagen und die Frauen veranlassen zu beten«, sagte Aizir und ging
ein Schritt auf die Mitte zu.
»Aizir ... Aizir. Ich denke wir fangen schon in der Nacht an. Ein Hinterhalt«
»Wie ihr gedenkt, mein König«, meinte Aizir und verbeugte sich. Er
verließ sie mit gebeugter Haltung. Shia verabschiedete sich mit Eric mit der
Erklärung, sie würden sich noch mal Rüstung und Waffen ansehen. Darauf
standen Viggo, Zeke und sie alleine am Hof. Ihr Vater sah cholerisch zu
Boden. Er wühlte mit der Schuhspitze im Schnee herum. Immer mehr Reiter
fanden sich am Hof ein und rüsteten ihre Drachen. Metall schlug auf Metall.
Drachen brummten reizbar. Ab und zu rissen ihnen die Lederriemen.
»Wenn ich in meinem Leben eins Falsch gemacht habe, dann ist es dieser
gewesen, dich zu deiner Tante zuschicken« In Viggos Stimme war jeglicher
Zorn verstummt. Er sah sie nicht an und Billie ahnte weshalb. Er konnte den
Anblick von ihr und Zeke nicht ertragen. »Selbst wenn ich dir meinen Segen
geben würde. Er ist dein Cousin ... wenn dich das nicht davon abhält, kann
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ich es nicht ändern. Du tust eh nicht was dein Vater dir sagt, weil ich niemals
wie einer für dich war. Ich habe kein Recht darauf zu bestehen das du mir gehorchst ... aber ich währe dir dankbar wenn du mich als deinen Vater
akzeptieren könntest« Er sah sie nun endlich an. Seine Augen waren müde
und es leid zu kämpfen. Er schien durch seine ernsten Worte und seines
königlichen Verhaltens älter. Älter als sie ihn hatte in Mithtum kennen gelernt. Billie blieb stumm.
»Und Zeke ... du bist und wirst es auch immer sein, wie ein Sohn für mich.
Als ich Billie weggab, nahm ich dich Sturkopf unter meine Fittiche. Deine
Geschichte berührte auch mich ... ich zolle dir mehrmals meinen Respekt.
Doch, auch als ich wusste das du mein Neffe bist, habe ich dich wie meinen
Sohn und besten Freund behandelt. Eigentlich müsste ich euch beiden einen
Vorwurf machen, gegen dem was ihr tut, aber ich mach es nicht. Ich denke
ich trage meine Schuld bei, da ihr euch hattet nie als Cousinen kennen
gelernt. Aber doch wusstest ihr vom anderen. Denkt darüber nach, ihr
beiden« Nun ging auch er fort. Billie wusste nicht ob es eine Entschuldigung
oder ein Abschied war. Mit einem Seitenblick erhaschte sie Zeke. Er hatte
seinen Kopf zu Boden gesenkt und die Hände zu Fäusten geballt. Was auch
immer er verbarg, Billie wollte nicht jetzt nachfragen. In aller Hoffnung, dass
er es ihr eines Tages erzählen wird, wand auch sie sich von Zeke ab und ging
schleppend ihren Weg zu ihrem Zimmer zurück.
»BILLIE!«, rief Zeke ihr nach. »Warte bitte!« Heftig atmend kam er vor
ihr zum stehen. Die Sonne lugte aus eine Wolke und beschienen sein hellbraunes Haar. Es brannte wie Honig und flammte wie Gold auf.
»Zeke ... du hattest recht, wir tun das Falsche und du wirst mich eh verlassen, selbst wen du nicht mein Cousin währst«, fächelte Billie unwirsch ab.
»Ich habe nie gesagt, dass ich ihm unrecht liege. Egal. Du wirst Morgen
einen Aufruf machen und deine Krieger ermutigen. Während sie in die
Schlacht ziehen, fliegen wir mit Brosco zu Yavers Insel. Die anderen Reiter
fliegen natürlich mit uns, als Rückendeckung. Wenn wir drin sind, liegt alles
and dir. Ich werde dich beschützen bis mein Fluch aufgehoben wird, dass
verspreche ich dir« Billie strich ihm stumm übers Gesichts. Sie schmeckte
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salziges Wasser im Mundwinkel. Sie weinte. Zekes hilfloser Blick verminderte ihren Tränenfluss nicht.
In ihrem Zimmer schmetterte Billie sich auf ihr Bett. Eigentlich sollte sie
schlafen, damit sie für den nächsten Tag ausgeruht sei, doch in ihr wehklagte, schlug und starb es. Weinend vergrub sie ihr Gesicht in ihr Kissen mit
Gänsefedern. Sie hatte Angst ... weniger Angst ihr Leben womöglich zu verlieren als dass Zeke sterben würde und nie wieder zurück kommen könnte.
Es war so greifend nahe, diese Möglichkeit, so dass ihr Herz sich verbarrikadierte und ihr Gehirn sich abschaltete nur um nicht mit dieser nahen Zukunft konfrontiert zu werden.
Billie musste an die Worte der Göttin denken; selbst wenn wir dir helfen
ist das eigentliche Problem vorhanden! Nun wusste sie auf welches Problem
angespielt wurde. Warum hatte sie sich erst darauf eingelassen? Sie hatte es
doch die ganze Zeit über gewusst! Ihre Selbstvorwürfe ermüdeten sie, so
schlief sie als die Nacht einbrach ein.
*
»Billie, schön ein- und ausatmen. Puh Puh«, dehnte Zeke seine Wörter. Er
stand neben ihr und massierte ihr die Schulter. Gab ihr Ratschläge, doch
eigentlich hörte sie nichts mehr als nur ihren Herzschlag.
»Danke Zeke. Ich weiß noch gut selbst, wie ich atmen kann ... immerhin
kann ich es schon seit ich geboren wurde«, fauchte sie gespannt zurück.
Doch sie hielt sich daran. Atmente langsam tief ein und aus. Sie beruhigte
sich.
»Ich will doch nur nicht, dass du dich blamierst vor all den Menschen –
Wesen«, verbesserte sich Zeke schnell. »Und letzten Endes, wenn du dich da
oben total zum Narren machst, werden sie dir möglicherweise vielleicht doch
nicht mehr folgen wollen und wenden sich an deinen Vater«
»Früher wäre es mir ein leichtes gewesen, diesen Wesen ins Gesicht zu
lügen«
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»Wenn du es so nimmst, lügst du wirklich ... aber sieh es lieber so: wenn
du ihnen keinen Mut machst werden sie feige vor den Feinden davonrennen.
Okay ... du gehst da jetzt raus und redest ihnen das blaue vom Himmel, aber
verdammt bleibe bitte bei der Wahrheit, selbst wenn sie nicht deine ist. Also.
Brust raus, Kinn runter, Augen grade aus ... und deutlich reden«, sagte Zeke
knapp und bugsierte sie langsam in Richtung ihres Drachen, der neben Viggo
lag und auf sie wartete. Viggo hatte bereit ihren Plan erläutert, welches in
beistimmendes Gejohle verfiel.
»Wirst du bei mir sein?«, fragte Billie ängstlich. Zeke sah sie irritiert aber
zugleich auch süffisant an und lächelte breit übers ganze Gesicht.
»Wenn du magst kann ich auch deine Hand halten?!« Sie warf ihm einen
scharfen Blick zu unter dem er leise in sich hinein lachte. Sie spürte seine
bebende Hand, die nach ihrer griff.
Die Nacht ging tief über ihnen. Bissige Böen zogen durch ihre Gewänder.
Es brach Getöse aus, als Billie (gefolgt von Zeke) zügig zu ihren Drachen
lief. Brosco sah sie aus liebevollen Augen heran und gab ihr etwas von seiner
Gelassenheit. Wie damals, als ihre Gefühle noch sehr intensiv waren und von
dem jeweiligen durch Stimmungsschwankungen übertragen wurden, fühlte
sie sich nun. Endlich fühlte sie sich wieder mit Brosco seelisch verbunden.
Sie gehörten einander.
»Sie wird euch in die Schlacht führen! Ihr ist es bestimmt, euer Leben und
die Zukunft eurer Nachkommen zu versichern! Lauscht ihren Worten, denn
sie werden euch Mut und Kraft geben. Horchet der Prinzessin!«, stieß Viggo
an, da Billie neben ihm zum Stehen kam. Ein weiteres Mal brach ein Donner
von Jubel und Geschrei aus. Billie konnte die Zwerge grunzen und die
Zentauren, mit ihren Hufen scharren hören. Dieses Gefühl durchzog sie mit
einer Gänsehaut, so wie trat Angstscheiß auf ihrer Stirn aus. Sie ahnte nur
das ihr Nacken bald völlig durchnässt sein würde, wenn sie sich nicht langsam zügelte. Noch ein Mal zog sie tief die Luft ein und räusperte sich so laut
sie konnte. Das Gebrüll erstarb nicht. Sie warf einen flehenden Blick zu Zeke
und Brosco. Zeke drückte fest ihre schwitzige Hand und Brosco fauchte
dröhnend in die Masse von Kriegern. Sie verstummten rasch. Dankend sah
sie Brosco an und formte stumm dieselben Worte. Die Masse blickte angst-
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erfüllt zu ihrem Drachen. Die Zwerge wichen zurück nur die anderen Reiter
sahen unbeeindruckt. Ihre Drachen sahen von den letzten Reihen besorgt zu.
In ihren Augen spiegelte sich das Jahrelange kämpfen. Auch sie waren es
Leid stur gegen die Göttin trotzen. Ein Paar Elfen, die abtrünnig wurden
zogen nun ihre Kapuzen hinunter um sie besser sehen zu könne.
»Hier stehen wir nun ... in einer kalten Nacht im Winter«, sagte Billie und
lachte künstlich. Die Reiter runzelten die Stirn. »In ein paar Stunden wird es
soweit sein. Eine herbe Nacht erwartet uns ... wenn wir schnell und vorsichtig aufbrechen, kann uns ein Hinterhalt gelingen. Doch Yaver wird bestimmt damit rechnen, also könnten wir auch mit der Tür ins Haus fallen. Ich
weiß nicht gegen was ihr kämpfen müsst, aber seit gewarnt; sicher werden es
keine harmlosen Meerjungfrauen sein oder ähnliche Wesen« Sie holte tief
Luft.
Meerjungfrauen sind nicht harmlos, sagte Zeke lehrreich und schloss seine
Augen. Am liebsten hätte sie ihm einen vernichtend Blick zugeworfen, aber
das wäre zu sehr aufgefallen.
»Tut mir leid, ich meinte natürlich Wasserungeheuer die uns angreifen
könnten. Aber das ist jetzt nicht der Punkt! Es ist viel wichtiger wie ihr zu
diesem Kampf steht und wie weit ihr mir folgen würdet. Du ... für was
kämpfst du und wie weit würdest du gehen?«, sie sprach einen Reiter an, der
gelangweilt an der Wand lehnte und in seinen Fingernägeln pulte. Er sah sie
ernst an.
»Ich kämpf weil die Göttin das Junge meines Drachen getötet hatte ... ich
würde sterben um sie zu rächen. Doch leider kann ich das nicht bestimmen,
da ich ihr Leben nicht aufs Spiel setzten will. Wir stehen Ihnen aber bei ...
weil Sie ihr Leben für uns aufs Spiel setzten, dafür würden auch wir sterben.
Nicht wahr Filou?«, rief er seinem Drachen hinten zu. Er war nicht älter als
Billie. Dennoch war sein Gesicht gezeichneter als ihres, von Narben und
Wetter. Beifall brach wieder aus.
»Danke. Ihr seit mein Volk ... ich muss euch helfen und ich würde euch
helfen, selbst wenn ich ein Mädchen wäre, dass in einem Dorf aufwuchs. Es
tut weh euch in die Schlacht ziehen zu lassen, zu wissen das viele von euch
ihr Leben lassen werden ... doch seit gewiss, ich werde auch nicht von
340
Wunden verschont werden, vielleicht werde auch ich mein Leben verlieren,
wer weiß das schon. Aber denkt daran. Es wird eine Schlacht werden, die
man nicht so schnell wieder vergisst. Die Toten würden heilig gesprochen
werden für ihre Taten und mögen sie im Himmel weilen und die Lebenden
soll ausreichend gedankt werden. Eure Namen werden nicht vergessen. In
Bücher werden sie festgehalten für die Ewigkeit. Eure schlagenden Herzen
treiben euch zum äußersten! Ich will euch morgen mit Leidenschaft kämpfen
sehen! Mit Leidenschaft das ihr euer Leben behalten wollt! Kämpft nicht für
mich, auch nicht für euch ... kämpft für die Zukunft eurer Kinder. KÄMPFT
FÜR DAS LAND! Ihr seit freie Wesen, die nicht eingezwängt werden
dürfen. Wehrt euch um eure Freiheit die euch Gott verdammt zusteht! Jahrelang habt ihr nichts gemacht, habt zugesehen wie man Familien umbrachte
und euch unterjocht! Wie konntet ihr nur so lange so leben? Ich bedaure
euch. Aber nun ist es Zeit! Drachen, seit mutig und fliegt sicher. Reiter, erhebt eure Schwerter. Zentauren und Zwerge, zeigt mir eure Bögen und Äxte!
Ich werde für euch kämpfen ... ich werde um euch weinen ... und ich werde
euch nie vergessen« Ihre letzten Worte waren ehr an Zeke gerichtet als an die
Masse. Aber ihr Gerede fand anklang. Waffen waren in die Höhe gestreckt,
Drachen brummten und Gejohle durchbrach die Nacht. Sie sah Zeke mit
einem Seitenblick an und bemerkte, dass er ihre Worte sehr wohl verstanden
hatte, denn er sah zu Boden. Sein nun wieder länger gewordenes Haar verdeckten seine grünen Augen. Hilfesuchend wand sie sich Brosco zu. Er hatte
sich aufgerichtet und ging nun auf sie zu. Feucht leckte er ihre Wange mit
seiner großen und breiten Zunge. Seine stärke verblüffte Billie und wurde
gegen Zeke gestoßen, der darauf hellwach ihren Sturz fing. Jetzt fragte sich
Billie war es Broscos Absicht oder doch nur Zufall, denn ihr Sturz brachte
Zeke zum hinfallen. Sie fiel sanft auf seine Brust. Mit einer Hand hatte sie
sich an seinen Bauch gehalten und erstaunt (überspielte dies aber mit Klagen
über den Sturz) fühlte sie diesen muskulös. Sie machte keine Anstallten sich
von ihm runter zu bewegen. Er sah sie hochmütig an. Seine Augen zierten
nun wieder das Feuer, was sie beherbergten.
»Und? Gefällst dir?« Grinste er und sah sie spitzbübisch an. In seinem
Grinsen wohnte ein Grübchen.
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»Was?«, fragte Billie wahrlich unwissend.
»Hmm, ich weiß auch nicht ... vielleicht dass deine Hand auf meinen
Bauch liegt und du darüber total begeistert bist oder aber dass du grade auf
mir liegst?« Billie errötete. Er hatte es bemerkt mit ihrer Hand. Schnell stieß
sie sich von ihm ab und drückte in fester zu Boden. Er pustete leise doch
stand nach ihr selbst schnell auf. Gekicher war ausgebrochen. Zeke strich
sich arrogant durchs Haar und Billie blickte verwirrt umher.
»Prinzessin, wenn wir überleben, wann dürfen wir Hochzeit feiern?«,
brach jemand aus den hintersten Reihen ein. Jemand anderes sagte: »Der
unsterbliche Drachenreiter und die Prinzessin ... endlich wird er auch mal
glücklich«
»Eine bessere Partie gibt es gar nicht Zeke! Und die Prinzessin hat eine
richtige Legende!«, brüllte Shia und veränderte bei beiden Aussagen seine
Stimme, in der Hoffnung man würde ihn nicht erkennen. Billie lachte und
strich sich verlegen das Haar aus dem Gesicht. Zeke hatte aufgehört zu
posieren und warf Shia einen bösen Blick zu.
»Leider ist mein Freund nicht gut informiert«, sagte Zeke und packte Shia
am Handgelenk und zog in auf das Podest. »es wird nämlich keine Hochzeit
mit der Prinzessin geben ... da ich leider jemand anderen heiraten möchte.
Shia ... willst du mein Mann werden?« Zeke ging vor Shia auf die Knie und
hielt seine Hand. Shia lachte herzhaft und spielte mit.
»Ich habe schon eine Ewigkeit darauf gewartet das du mich fragst. Ich bin
ja zu entzückt«, scherzte Shia.
»Eine Ewigkeit ist ganz schon lang, dafür hast du dich aber ganz gut gehalten Darling«, antwortete Zeke und auf seiner Stirn gab es eine Denkfalte.
Billie hatte sich amüsiert und auch die Masse von Kriegern jubelten für diese
gelungene Vorstellung.
»Aber auch im ernst ... es wird keine Hochzeit geben, wie leid es mir tut.
Aus zwei Gründen«, sagte Zeke ruhig und blickte bitter zu Billie, die sich
ihre Tränen vom Lachen wegwusch. Die Masse verstummte. Shia sah zu
Boden und seine Augen wurden matt.
»Du willst uns nicht sagen wieso oder?«, fragte Aizir gemein.
»Du weiß, dass ich darüber nicht gerne rede oder?«
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»Aber die Masse ist enttäuscht wenn du nun einen Rückzieher machst.
Denn sie würden feiern und alles ... willst du sie enttäuschen?« Er grinste
und auf seine Worte wurde wieder Gejubelt.
»Erstens: sie ist meine Cousine .... zweitens: ich werde sterben. Zufrieden?«, zischte Zeke bissig. Billie wusste nicht was zwischen ihm und
Aizir war, doch war es keine Beziehung zwischen Schüler und Mentor. Zeke
verließ rasch die Bühne. Er verschwand in der dunklen Nacht, nachdem er
sich einen Weg durch die Masse gekämpft hatte.
Billie blieb noch etwas länger, ging aber auch nachdem die ersten Zwerge
umgekippt waren, weil sie zu viel Bier getrunken hatten.
Sie war nun wieder allein in ihrem Zimmer. Billie ahnte, dass ihr Vater bald
kam und sie sich bereit machen sollte. Sie lachte in sich hinein, verbittert und
amüsiert zugleich. Auf ihrem Bett lagen für sie zurecht eine Rüstung.
Gelangweilt legte Billie ihre Beinschienen an und zog sie so fest, dass es weh
tat. Jede Schnur zog sie fester, um an ihren eigentlichen Schmerzen nicht
erinnert zu werden. Das gleiche tat sie mit ihren Armschienen und ihrem
Brustschutz. Auch zog sie sich über die Armschienen noch Schutz für die
Hände an. Doch nun saß sie in voller Montur wieder auf ihrem Bett. Ihre
Arme und Beine schmerzten aber ihren Zweck hatten sie nicht erfüllt. Sie
dachte weiter daran was passiert war. Billie war eine Närrin es trotzdem gewagt zu haben eine Beziehung mit ihrem Cousin aufgebaut zuhaben. Dennoch war es ihr schleierhaft wie sie sich in ihn verlieben konnte, obwohl sie
es wusste. Es war eigentlich nicht ihre Art Fakten nicht zu beachten.
Sie biss sich auf die Zunge und mahnte sich, an nichts mehr zu denken. Es
gelang ihr. Sie dachte gar nichts mehr. Nichts. Nur ein Gesicht erschien ihr ...
Zekes Gesicht erschien ihr. Er sagte und tat nichts. Er lächelte sie nur stumm
an.
»Du bist bereit?«, fragte jemand, dennoch klang es wie eine Feststellung.
Vor Billies Augen verwandelte sich Zekes Gesicht allmählich in das von
Erics. Er blickte sie auch wachen Augen heraus an. Sie nickte stumm und
ließ sich von ihm auf die Beine helfen.
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»Billie ... ich weiß, ich werde ihn nicht ersetzten können und auch die
Dinge, die ich getan habe werde ich nicht rückgängig machen können«,
setzte er an als sie im kalten Mondschein die Gängen hinab zum Hof liefen.
Die Zwerge die betrunken waren hatten sich wohl schnell ausgenüchtert.
»Verstehst du eigentlich was ich sagen will?«
»Ja, ich weiß was du mir sagen willst ... aber ich will es nicht verstehen«,
antwortete Billie kühl. Sie sah ihn auch nicht an, sie blickte starr gen Mond.
»Warum?«
»Warum? Du fragst mich warum?« Billie sah ihn nun an.
»Ja!«, antwortete Eric stark.
»Ich will nicht, dass mich jemand anderes liebt ... oder das jemand anderes
seinen Platz einnimmt. Ich will ihn nicht vergessen«, sagte Billie nicht mehr
kühl sondern warm. Doch sie wurde wütend von Eric an die Wand gedrückt.
Seine Hände hatten sich um ihre Handgelenke geschlossen. Hart stieß sie mit
dem Hinterkopf an die kalte Steinmauer.
»Wieso lässt du es zu, dass er dir so wehtut?«, raunte er zornig.
»Es ist mir egal. Ich will ihn einfach nur glücklich sehen« Sie lächelte
bitter. Ihre Augen schienen glasig. »Jetzt lass mich bitte wieder los«. Eric
ließ sie jedoch nicht los. Er presste seine Lippen fest auf die ihre.
»Eric, lass sie los!«, sagte etwas ganz ruhig. Er betonte jedes Wort mit
solch einer Scharfe, dass es Billie ängstigte wie ruhig er doch klang.
»Ahh, wie du sagst. Obwohl du eigentlich kein Recht darauf hast, mir
etwas zu befehligen« Eric ließ Billie los und sah Zeke arrogant ins Gesicht.
Zeke sah wie immer aus, gelassen und hochnäsig. Er schien auch nicht
wütend ... denn er wusste, dass Eric recht hatte. Eric ging nun schnellen
Schrittes die Treppen hinunter zum Hof, er schenke keine weitere Beachtung.
»Hat er dir weh getan?«, fragte Zeke sorgvoll und eilte zu ihr. Er betastete
ihren Hinterkopf, den Billie schnell, nach seiner Berührung, wegzog. Entsetzt blickte Zeke auf seine Hand, Blut klebte an ihr.
»Ist etwas?«, fragte Billie und wollte ihren eigenen Hinterkopf betasten.
»Es ist nur eine Beule«, sagte er schnell. Er fragte sich warum er log.
»Billie, wenn du die Wahl hättest ... ach, vergiss es. Lass uns runter gehen«
»Nein, was wolltest du fragen?«
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»Ist nicht wichtig ... vergiss es«, beschwichtigte Zeke und zwang sich zu
einem Lächeln.
»Ich finde alles wichtig, was du sagst«, auch Billie lächelte.
»Wenn ich auf der Insel sterbe und du schwer verletzt bist ... gehen wir
davon aus, dass ich noch ein Weilchen bei Bewusstsein bin –würdest du bei
mir bleiben?« Billie sah ihn perplex an. Sie wusste nicht wieso, aber in
diesem Moment misstraute sie ihm. Langsam hob sie ihre Hand, wand den
Blick nicht von Zeke ab und betastete ihren Hinterkopf. Zeke schloss
schwermütig seine Augen. Er hatte seine Hand längst an seiner dunklen Hose
abgewischt.
»Ich wollte es dir sagen ... sobald ich eine Antwort hätte. Wahrscheinlich
hätte ich unten Aizir darauf angesprochen, dass er dich heilt ...«
»Tatsache? So weit würdest du gehen? Zeke!« Billie wusste nicht was sie
fühlen sollte. Die Hingerissenheit, wie süß die Vorstellung war sie würden
zusammen sterben bis zur Hartherzigkeit, wie makaber seine Absicht doch
war.
»Es tut mir leid ...«
»Zeke, selbst wenn dieser Kratzer mein Tod bedeuten würde, würde ich
dich nicht alleine lassen. Nun lass und zu Brosco. Allmählich müssen wir
aufbrechen. Willst du keine Rüstung anziehen?«, fragte Billie und runzelte
die Stirn. Sie stiegen nun die Treppen hinab. Brosco trat ihnen in den Weg
und fauchte laut. Sanft schnüffelte er an Billies Hinterkopf. Hat er etwa das
Blut gerochen?, fragte sich Billie im Gedanken.
Ja, das habe ich! Wer war das?, antworte Brosco und schlechte ihr den
blutigen Hinterkopf.
Es war nicht Zeke wenn du das denkst ...
Was ich denke, weißt du wohl selbst, oder?, sagte er zum ersten Mal
trotzig.
Es war Eric ... er hat mich geküsst
Zeke half Billie Brosco das Geschirr aufzulegen. Nachdem sie den
schweren Sattel hoch gewuchtet hatten half er Billie auf seinen Rücken und
stieg zuletzt selbst auf. Er hatte sich hinter Billie geschwungen. Billie gab
den Befehl sich in einer Reihe zu platzieren und so ein Flugmanöver zu ent-
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werfen. Es hatten sich drei Reihen gebildet. Unten vor Mäegashs Toren
tummelten sich die Soldaten. Zentauren spannten die Sehnen der Bögen
nach. Die Pferde der Soldaten scharrten mit den Hufen und die Zwerge
schliefen ihre Äxte. Eric hatte sich neben Billie eingefunden und wartete auf
Calvados’ Rücken auf ihr Kommando. Brosco hatte rabiat geknurrt als er
Eric sah, beherrschte sich aber, sich nach ihm umzudrehen und ihn eines
Blickes zuwürdigen.
Billie gab das Befehl zum los fliegen. Sie selbst hielt noch einmal in der
Schwebe und rief der Scharr unter ihnen ihre Befehle zu. Sie war bedacht
darauf, dass die Drachen nicht zu weit vor flogen. Sie sollten nur so hoch
fliegen, dass sie eventuell schon das Heer der Göttin ersehen konnten, aber
sofort auf Sinkflug gehen sollten, wenn sie sie sahen. Billies Vater flog tief
unter ihr um weitere Befehle schneller zu übermitteln. Auch Amaro erledigte
seinen Teil. Er beruhigte die Jungdrachen, zu denen Brosco zählte. Doch
Billie spürte keine Nervosität Broscos. Sie fühlte wie wütend er war und wie
traurig zugleich. Sie beherrschte sich um ihm ihre Gefühle nicht aufzudrängen. Kurz schloss Billie ihre Augen und sah in die Ferne. Die Morgensonne brannte auf ihrem Gesicht. Dennoch der erfrischende Wind ließ sie
unter ihrer Rüstung nicht schwitzen. Ihr nun halblanges schwarzes Haar flog
Zeke ins Gesicht. Sie hätte wetten können, ihn hätte es zu Beginn dieser
Reise gestört, dass ihre Haare in sein Gesicht flogen, jedoch mag er es jetzt
genießen, so ahnte sie.
Harpyien flogen ihnen entgegen. Eigentlich hätte Billie gedacht, sie hätten
Angst vor Drachen und würde diese meiden. Jedenfalls flogen sie ins Fegefeuer. Eine handvoll Drachen schnappten nach ihnen, aber nur einer von fünf
bekam einen zufassen. Billie schrie Amaro zu, er solle den Drachen das
Fangen neutraler Wesen untersagen, da sie mit vollen Bäuchen nicht zu gebrauchen waren. Schlagartig hörte es auch auf.
»Es ist Zeit ... wir sollten uns abwenden und einen Umweg zur Insel
fliegen«, rief ihr Zeke gegen den Zugwind zu.
»Nein! Ich vertraue auf deinen Bruder und dem Höllenprinz. Das solltest
du auch tun«, antwortete sie zurück.
»Niemals!«
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»Dann vertrau wenigstes mir«, fauchte Billie mit einer Liebenswürdigkeit,
welche sie selbst nicht verstand. Sie hatte sich zu ihm gewendet. Er riss seine
Augen weit auf. Billie fragte sich ob sie ihn so hätte aus der Fassung bringen
wollen, aber schnell begriff sie, dass nicht sie gemeint war. Sie drehte sich
wieder um und blickte in das Antlitz von Trollen, Kobolden und anderen
Wesen.
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Das Meer schreit
auf
Auch von unten lauert Gefahr
illie riss die Augen auf und konnte selbst nicht vermeiden das ihr
ihr Mund aufklappte. Sie begriff zu langsam und gab den Befehl
zum Sinkflug zu spät. Sie sah wie sich Greife sich ihnen näherten.
Ihr Vater jedoch handelte unverzüglich als kein Befehl von ihr folgte. Er befahl den Zentauren ihr Bögen zu spannen und die Greife von Himmel zu
holen. Die Greife näherten sich immer weiter bis die Zentauren ihren Pfeilhagen abfeuerten. Sie hatten mächtige gefiederte Schwingen und einen
katzengleichen Oberkörper mit viel Mähne, sowie eine kräftige Hinterhand
mit scharfen Klauen, wie die eines Adlers. Manche Pfeile trafen ihre Ziele
und viele Greife wurden verwundet, eine Handvoll jedoch fielen in die Tiefe.
Die die noch flogen griffen nun die Drachen an. Amaro schütze Billie und
die anderen, als er einen Feuerball hinauf schickte, doch die Greife wichen
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schnell aus. Brosco konnte gar nicht so schnell handeln oder wenden als ihn
schon ein Greif attackierte. Seine Klauen fraßen sich in das Metall, unheilvolle Geräusche erfüllten den Himmel. Billie stöhnte als sie gegen Broscos
Halsrüstung schlug, als er sich vor Aufregung aufrichtete. Doch diesmal
handelte Billie schnell (nach dem sie die Verwirrung in ihrem Kopf beseitig
hatte). Zeke musste acht geben, da Billie ihr Schwert von ihrem Rücken löste
und es in den Hals des Greifs rammte. Brosco hatte in praktischer Weise an
der Hinterhand geschnappt und der Greif hatte seine Halsrüstung verbeult. Er
fiel mit einem entsetzlichen Schrei hinab in die Tiefe. Sie wusste, sie durfte
sich nicht lange umsehen, jedoch wagte sie es. Um sie herum herrschte
kratzendes Metall und hohes Pfeifen von wehleidenden Greifen. Drachen
brüllten und spieen ab und zu Feuer und trafen zum bedauern Billies, einige
der Drachen.
Auch Brosco spiee nun Feuer. Billie wunderte sich über seine hervorragende Treffsicherheit. Er erwischte im Gegensatz zu den anderen Drachen
jeden dritten Greif, wenn er sie nicht traf versengte er ihnen wenigstens die
Mähne. Zeke hatte seinen Bogen gespannt und schoss nun wie die Zentauren
von unten Greife ab. Auch Zeke war überaus Treffgenau ... sie hätte nicht gedacht, das ein Mensch einen Zentaur überlegen wäre in solchen Dingen. Ihre
Verwunderung ließ jedoch nach als ein Greif sie von rechts angriff und
Brosco so in die Rippen rammte. Brosco, sie und Zeke hatten ihn nicht sehen
kommen. Er hatte fürchterlich aufgeheult aber unterdrückte den Schmerz und
fing sich wieder, biss dem Greif einen Flügel ab. Zeke schoss dem Greif
noch einen Pfeil in den Schädel, damit er sich nicht mehr an der Rüstung
festklammerte. Er schrie ihr irgendetwas zu, sie verstand es aber nicht.
Brosco! ... flieg hier raus!, ihr war schlecht. Sie hätte sich am liebsten über
Brosco gebeugt und sich übergeben. Billie war nahe dran dies wahrlich zu
tun bemerkte aber als sie sich zur rechten Seite beugte, das Brosco schwer
Schlagseite hatte und sich seine Rüstung in seine Haut bohrte auch sah sie in
weiterer Ferne ... ein Herr marschierte auf sie zu. Ihre graziösen Bewegungen
erinnerten sie an Arjun. Waren die Elfen ihnen zur Hilfe gekommen? Oder
war das eine weiterer Hinterhalt der Göttin?
348
Während die Elfen näher kamen bemerkte Billie Broscos Unbehagen. Sie
ahnte etwas schlimmes und wand sich den Elfen nun ab, sah in die Blickrichtung Broscos. Die Trolle und der Rest des Heers bewegten sich weiter
auf sie zu und hatten nun die vorlaufenden Zwerge erreicht, die viele Trolle
durch ihre Äxte zu Fall brachten, die sie ihnen entgegenwarfen. Doch das
war nicht das was Brosco beunruhigte. Die Drachen kamen. Die Drachen der
in Ungnade gefallenden Reiter, die sich der Göttin zu schrieben. So mit war
auch Zeki nun im Kampf dabei.
Brosco versuchte rechts auszuweichen um an dem ganzen Geschehen
herum zu fliegen, jedoch schlug dies fehl da die anderen Drachen es bemerkten, anzogen und ihn zu dritt angriffen. Zeke handelte schnell und
schoss Pfeile auf die Köpf der Drachen und der Reiter. Die Drachen wussten
das zu vereilten und setzten die Pfeile so in Brand, dass sie erloschen nachdem sie verbrannt waren. Die entstandene Asche flog durch den Flügelschlag
eines anderen Drachens, der links war, in Broscos Augen. Er jaulte auf. Der
Drache in der Mitte nutze die Chance und ergriff den Hals von Brosco. Der
andere rechts schnappte sich seinen Schwanz und zerrte an diesen.
Billie hörte wie Broscos Knochen knackten und brachen. Der Drache in
der Mitte war ein recht kleiner, schlaksiger Kerl und einem dunklen Tannengrün. Er brach in einem krähendes Geschrei aus bevor er einen Feuerstrahl
auf Brosco sannt. Billie bemerkte wie das näher kommen des Strahls ihre
Rüstung schmolz. Zeke warf sich schützend auf sie. Sie fühlte und roch die
schmerzende und verbrannte Haut Broscos. Auch roch sie verbrannten Stoff
der ihr in der Nase kratzte. Sie sah nicht was passierte jedoch hörte sie außer
das Senken des Feuers wie etwas prallte und dann ein Drachengeschrei.
Plötzlich flog auch Brosco aus dem Strahl. Der Drache der seinen Schwanz
hatte wurde durch den Ruck ins Feuer gezogen. Amaro kümmerte sich um
jegliche Drachen die Brosco zunahe kamen. Billie seufzte erleichtert auf.
Brosco flog nun aus dem Getümmel.
Sie fühlte den Puls an Zekes Hals, der Bewusstlos auf ihr lag. Er lebte ...
wie war es anderes zu erwarten. Seine verbrannte Haut heilte, zwar nicht
schnell aber sie heilte. Sein hellbraunes Haar fiel ihm verrußt ins Gesicht.
349
Billie zog nun auch das andere Schwert aus ihrer Scheide und stach in die
Schädel näher kommenden Feinden, die Amaro nicht abwehren konnte.
Unten hatten nun Zwerge und Zentauren auf Trolle und andere Monster
getroffen. Es war ein schreckliches Schauspiel. Von oben regnete es Blut und
unten wälzten sie in Blut. Beide Parteien wurden erschlagen von herabfallenden Greifen, Drachen und Reitern, selten standen sie wieder auf. Die
Elfen die von Westen kamen hatten sich ihnen, der Prinzessin von Dvanaäg
angeschlossen und kämpfen geschwind und talentiert an ihrer Seite.
»Wir ... sind fast an den Inseln ... lass ihn höher fliegen«, sagte Zeke
schwach atmend hinter ihr. Billie gab es Brosco weiter, der jedoch nicht
höher kam, wegen seinen Verletzungen. Sie hatten nun das Schlachtfeld
hinter sich gelassen, doch Billie hörte die Stimmen und das Geschrei noch
immer.
Sie flogen nun über das Wasser. Fünfzig Meilen vom Ufer entfernt wurde
sie endlich der Stimmen taub ... zu taub. Unter ihnen flogen spitze Eiszapfen
oder ähnliches zu ihnen hinauf, welche sich in Broscos Brustkorb und Bauch
schlugen. Er verlor an Höhe. Billie dachte scharf nach, während sie den
Schmerz Broscos verdrängte, was von unten aus dem Wasser auf sie schoss
und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Meerjungfrauen! Die hat
sie also auch unter ihrem Kommando!, knurrte Billie im Gedanken. Eines
der Eiszapfen flog so parallel von der Wasseroberfläche auf sie zu, das er
sich in Billies linken Oberarm fraß. Jetzt merkte sie, dass es kein Eis war
sondern Stein. Steine, welche Brosco erschweren und zum Sinken zwangen!
Sie bemühte sich den Stein aus ihrem Oberarm zuziehen. Sie biss sich heftig
auf die Zähne und unterdrückte ein Schrei. Zeke wurde langsam wacher und
spannte seinen Bogen. Ein heran sausender Stein versuchte Zeke mit seinem
Pfeil zu spalten, brachte ihn jedoch nur dazu, seinen Weg zu ändern. Besser
als nichts, dachte Billie. Sie versuchte scharf von der Seite hersausende
Steine mit den Klingen ihrer Schwerter zum Fallen zu bringen. Es gelang ihr.
Brosco legte nach weiteren fünfzig Meilen einen Absturz hin. Er brach
sich auf dem feinen Sand der Insel mehrere Knochen. Sand flog in seine
Wunden. Billie schlitterte mit Zeke weitere Meter von Brosco entfernt. Auch
in ihre Wunden gelang Sand und es brannte höllisch. Sie sah sich um. Die
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Insel war klein. Ein paar Palmen wuchsen und ein Höhleneingang war vorzufinden. Billie ahnte schreckliches. Zeke der sich schneller aufgerappelt hatte
wie sie, war zu ihr geeilt und sah sich ihren Arm an. Er riss sich etwas aus
seinem Hemd und band ihren Arm ab, so dass sie nicht noch mehr Blut
verlor. Nun gingen sie zu Brosco und versicherten sich, dass es ihm relativ
gut ging und sie ihn allein lassen konnten. Brosco ermutigte sie sogar es endlich hinter sich zu bringen. Sie warf einen letzten Blick auf seinen großen
lilafarbenen Körper. Seine tiefen und schweren Atemzüge hörte sie und seine
schmerzenden Bewegungen, seines blähenden Körpers sah sie. Billie und
Zeke eilten nun ihn die Höhle. Sie war freut und kalt, angenehm kalt. Von
der Decke tropfte es. Etwa zehn Minuten liefen sie dem Gang entlang bis sie
zur Göttin eintrafen. Sie saß auf ihrem Steinthron und blickte sie an.
»Hast du geglaubt ich wüsste davon nichts? Ich hatte so etwas schon geahnt«, sagte Yaver kühl. Billie befeuchtete ihre Lippen bevor sie sprach. »Ich
würde auch auf Nummer sicher gehen, wenn ich einen ganz bestimmten Tag
hätte ... an dem ich verwundbar währe!«
»Ich bin ein Gott der in Ungnade gefallen ist. Es war vorauszusehen das
die anderen uns verraten werden. Ob ich aber nun sterbe, ist eine andere
Sache«
»Du wirst sterben!«, zischte Billie und zog unter Schmerzen ihre beiden
Schwerter wieder hervor.
»Nicht nur ich ... wenn ich sterben sollte, wird er mir folgen! Ade mein
kleiner lieber Drachenreiter!« Yaver schoss nun auf Billie zu. Billie konnte
aus Reflex parieren, doch sah sie den Dolch in ihrer Hand nicht. Sie stach ihn
ihr mitten in die linke Bauchhälfte. Billie taumelte zurück und röchelte.
Selbst Zeke konnte nicht so schnell handeln, da Yaver ihn mit auch solch
einem Dolch erfischt hatte. Er war auf die Knie gesunken, zog ihn sich
jedoch gleich wieder raus.
Da dieses schnelle Spiel weiterging und beide kaum Chancen hatten an
Yaver heranzukommen ereignete sich ein Wink des Schicksals. Brosco trat
schwankend in den Raum. Dies war die Gelegenheit Billies. In dem Moment
als Yaver zu Brosco blickte stach Billie, die am Boden lag, zu. Ihr Langschwert durchbohrte die Göttin. Billie aber war dies nicht genug. Sie richtete
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sich auf und stach auch nun mit dem Schwert Fedeles auf sie ein. Yaver
kippte hintenüber und zuckte ein- zwei Mal. Vorsichtig humpelte Billie auf
Zeke zu. Jetzt war es an der Zeit, das seine Wunden nicht mehr heilten.
Er lehnte an der steinigen Wand und zog sich den letzten Dolch aus
seinem Körper. Erstaunt sah er auf die klaffende Wunde.
»Es ist vorbei«, sagte er und strich ihr über die Wange. Seine Hand war
mit Blut verschmiert. Brosco trat auf sie zu und legte sich neben Zeke.
»Es ist erst vorbei, wenn man die vergisst die gescheitert sind an unser
Sache und ich werde die meisten nicht vergessen«
»Du solltest gehen ...«, hauchte er langsam.
»Ich werde gehen, keine Angst«
»Sicher ... weiß du noch die Regeln die ich dir gesagt hatte? Die der ... der
Reiter«, sagte er schwach atmend.
»Töte niemals, wenn es nicht unbedingt Nötig ist ... die Zweite lautet:
behandle alle Wesen gleich, sei es dein Feind ... und jeder der Hilfe braucht,
bekommt sie auch. Warum fragst du das nun?«, schlunzte Billie kurzatmig.
»Ich will ... will nicht, dass du sie ver-vergisst! Egal was pa-passiert du
darfst nicht aufhören ... ein Reiter zu sein. Und was ist mit der Letzten gewesen?«, murmelte er schwach. Er brachte ein zartes Lächeln zustande.
Billie sah das Licht aus seinen Augen schwinden und auch sein letzten tiefen
Atemzug. Liebevoll schloss sie seine geöffneten Lider.
»Geh niemals auf reisen ... mit einem Mädchen das einem helfen soll«
Brosco half Billie Zekes Leichnam hinaus zu bringen. Er war schwerer als
sie immer dachte. Gleichsam versorgte sie ihren Drachen theoretisch und
befreite ihn von dem bohrenden Metall. Billie löste auch den Sattel von
seinen kraftvollen Schultern. Billie wusste nicht warum sie nicht weinte, aber
es war ihr auch grade egal. Sie wollte heim. Heim und alle in Sicherheit
wiegen. Billie wuchtete Zekes Körper auf Broscos Hals und schwank sich zu
letzt hinter Zeke. Es war komisch, dass er so ruhig vor ihr lag. Sonst war er
immer impulsiv ... doch jetzt war er tot. Seine grünen Augen würden nun wir
immer geschlossen sein.
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Brosco schwang seine mächtigen Schwingen und erhob sich. Er zwang
sich weit über den Wolken zu fliegen um nicht wieder attackiert zu werden.
Der kalte Zugwind rauschte um ihre Ohren. Er trennte sie selbst von allem
Leid. Er ließ sie einen klaren Gedanken fassen. Oder eher gar keinen, weil
sie an nichts dachte und auch an nichts denken wollte. Brosco ließ sich viel
Zeit um heim zu fliegen. Auch er verstand es nicht. Brosco hatte auch
niemals jemand sterben sehen, für den er mehr empfunden hatte als nur
Feindschaft. Ihr Drache hatte längst ihre Gefühle für Zeke entdeckt, deswegen war er meist abgeneigt ihn gleich zu fressen. Und überhaupt hatte
Zeke viel in seine Erziehung gewirkt. Wenn Brosco so etwas beurteilen
sollte, war Zeke ein brüderlicher Vater gewesen. Doch Billie kannte ihn, er
würde es niemals zugeben, dass er ihn gemocht hatte.
Als sie über das Schlachtfeld flogen sah Billie die letzten noch Kämpfenden. Es wunderte Billie das noch so viele Drachen flogen. Brosco brüllte
herzzereisend. Es dröhnte ihr im Trommelfell. Die Drachen sahen auf und
hörten auf zu kämpfen. Selbst die Drachen der Göttin stiegen ins Broscos
Gebrüll ein. Unter ihnen brachten die Elfen die letzten Trolle zur Strecke und
sammelten sich zur Reise in ihren Wald zurück. Die Soldaten und Zwerge
marschierten, nachdem sie nach Überlebenden suchten auch zum Schloss
zurück. Am nächsten Tag würden sie wieder rausgehen und ihre Toten
suchen und diese bestatten. Drei ihr bekannte Drachen flogen auf sie zu. Ihr
Vater und Amaro waren die Ersten die zu ihr gelangten. Er sprach ihr sein
Beileid aus und fragte ob er Zeke nicht nehmen solle. Sie lehnte ab. Der
Zweite war Eric gewesen der sie nur einmal umkreiste und dann fortflog. Der
Letzte war Zeki, Zekes Zwillingsbruder. Er fragte das gleiche wie ihr Vater.
Sie lehnte wieder ab. Er verabschiedete sich und zog Richtung Ruchgar-Gebirge. Sie konnte nur ahnen was er vorhatte. Wahrscheinlich würde er Helena
vom Tod Zekes erzählen und sie drängen mit ihm zum Schloss zu fliegen.
Der Wind brannte in ihren Augen. Ihre Augen begannen zu tränen ... und aus
dem Tränen wurde weinen. Billie fiel auf Zekes Körper und weinte in sein
blutverschmiertes Hemd. Sie schlug mit den Händen in seinen Rücken,
wartete das er aufschrie und sie anfuhr. Er stand aber nicht auf. Immer
wieder schrie sie ihm zu, warum er sie verlassen hatte und warum er sie ge-
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drängt hatte, die Göttin umzubringen. Brosco flog schweigend seinen Weg
zurück. Er wagte es nicht ihr ihre Gefühle zu nehmen, geschweige den, sie
mit seinen abzulenken. Er wusste wie es um ihren Schmerz bestellt war ...
auch ihm setzte das Ableben Zekes zu. Nicht nur wegen Billie, auch weil er
ihn selbst ins Herz geschlossen hatte. Auch war er es, der Billies Herz erweicht hatte. Er hatte sie zu ihr gebracht. Brosco verdankte ihm sein Leben.
Es tat ihm weh, seine Reiterin so zerwühlt und am Boden zerstört zu sehen.
Er suchte sich Trost bei dem neben ihm herfliegenden Amaro.
Sie flogen auf das Schloss zu. Ein freudiges Geschrei drang aus ihr.
Frauen und Kinder rannten hinaus und beglückwünschten die Soldaten.
Kinder umarmten weinend ihr Väter und Mütter zogen Ehemänner und
Söhne fest an sich. Doch viele Kinder suchten Antworten bei ihrer Mutter, da
ihr Vater, Bruder, Schwäger nicht unter den Lebenden waren. Es war
schmerzlich für Billie von Zeke abzulassen und von Brosco abzusteigen.
Zwei relativ gesunde Reiter hoben Zeke von Broscos Rücken und brachten
ihn weg. Billie lehnte gegen ihn und wartete, das Frauen sie beide wuschen,
eincremten, nähten und ähnliches. Dakota war die jenige die zu ihnen eilte.
Billie bat sie sich erst um Brosco zukümmern. Sie tat wie ihr befohlen. Billie
sah sich um. Sie konnte Aizir und Shia nirgends finden. Waren sie genauso
gefallen wie Zeke?, fragte sie sich selbst. Sie blickte ihn die großen
schwarzen Augen von ihrem Drachen. Er blinzelte, was so viel bedeuten
sollte wie: ja. Er zuckte leicht unter den Berührungen von Dakota und zischte
laut auf, als sie seine Wunden eincremte. Er hatte nichts vom Nähen bemerkt.
Billie war zu müde um sich zu wehren, nachdem Dakota sich ihr zu wand.
Sie schlief unter der rhythmischen Bewegungen Broscos sogar ein. Ihr fielen
die Erinnerungen wieder ein. Sie hatte ihn gehasst! Schmerzend war der Abschied von ihren Freunden und die Reise mit ihm. Auch erinnert sie sich an
sein Grinsen, nachdem die Verfolger erledigt waren und er ihr die Einhörner
zeigte. Wie er sich über sich lustig gemacht hatte, als sie nicht reiten konnte
und er es ihr beibrachte. Wie sauer er war als sie ihm sein Amulett zeigte.
Alle kam wieder. Jene Momente die sie lieber hätte vergessen wollen.
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Sie schlug die Augen auf und sah, dass sie wieder weinte. Dakota sagte
etwas, sie verstand es nicht. Sie fiel ihr um die Arme und weckte Brosco auf.
Er schleckte ihr liebevoll die Schulter. Es war Nacht geworden. Mit verschwommenen Augen sah sie gen Himmel. Ein heller kleiner Stern leuchtete,
nicht stark, aber er war da. War das ihr Stern? War ihre Liebe doch nicht erloschen?
Epilog
In dem all das steht, was er dir nie sagen konnte
lles was ihr je was bedeutet hatte, hatte sie verloren. War es ein
Fluch? Nein, dafür war sie doch oft genug glücklich. War es ihr
Schicksal? Das war die wahrscheinlichere Möglichkeit. Billie
fragte sich, ob sie überhaupt jemals wieder lieben würde. Ob sie jemals
wieder die Alte werden würde? Ihn je überwinden würde?
Sie sah aus ihrem Fenster. Sie zog sich ein Kleid an. Sie aß still ihr Frühstück. Hatte ihr Leben den noch einen Sinn? Ja! Mahnte sie sich. Brosco. Sie
müsse für Brosco stark sein und leben. Das hatte er auch gewollt. Verdattert
blickte sie nach dem Frühstück in den Spiegel. Sie mochte keine Kleider. Sie
wollte nie eine Prinzessin sein. Was würde er davon halten? Würde er sie
hübsch finden in ihrem weißen Kleid? Ihr Kleid hatte viel Spitze. Perlen
zierten es. Dakota hatte es in Begleitung von Helena ausgewählt. Es war ein
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hinreizendes Trauerkleid. Nicht so prunkvoll wie ein Hochzeitkleid, damit
man es nicht für eines hielt. Dakota hatte geschwiegen, sah sich nur Billies
Verletzungen an. Helena stand weiter weg und sah sie nur aus liebevollen
Augen an. Sie hätte sich eigentlich gefreut ihre Tante wiederzusehen, doch
war ihr gar nicht zumute danach. Sie wusste nur das Helena Zeki gedrängt
hatte, ihre besten Freunde auch mitzunehmen. Billie hatte sie kurz vor ihrem
Frühstück gesehen. Sie lag aber nur teilnahmslos in ihrem Bett und starrte
zum Fenster. Als ihre Freundinnen bemerkte, dass es keinen Sinn gab weiter
über ihre Sorgen um sie zu belästigen, gingen sie.
Billie wand sich weg von ihrem Spiegel und verließ ihr Zimmer. Sie
wollte zu Brosco und wollte der Trauerfeier beiwohnen. Eigentlich wollte sie
das auch nicht, nur weil Brosco sie darin bestärkte tat sie es. Wenn sie die
Treppe hinab hing, würde in der nächsten Etage, das ehemalige Schlafgemach von Zeke sein. Als sie nahe seines Zimmers war, hörte sie Stimmengewirr aus dem Inneren. Billie öffnete schweigend und sah sich um. Zimmermädchen räumten im Inneren auf und baten Leute auf das Bett um sich um
ihre Wunden zu kümmern. Billie wusste nicht was mit ihr geschah. Sie
wusste nur noch, dass ihr die Zornes Röte ins Gesicht gestiegen war und sie
allesamt aus dem Zimmer schmiss. Eilig folgten sie ihrem Befehl und Billie
schloss hinter ihr die Tür. Sie legte die Stirn auf die Tür, atmete tief durch
und ging nun auch hinunter.
Alle hatten weiß getragen. Die Haufen auf denen die Toten ruhten waren
hoch errichtet. Es war schwer gewesen sie mit weißen Blumen zu zieren, so
nahmen sie Moos. Sie Haufen wurden nacheinander angezündet, so dass man
eventuell allen beiwohnen konnte.
Billie hatte auch an Shias Haufen gestanden. Erst jetzt lernte sie seine
Schwester kennen. Piper war ein schönes Mädchen. Sie war genauso groß
wie sie aber hatte das braune Haar von Shia. Sie ähnelten sich. Billie sprach
ihr ihr Beileid aus und das sie in gemocht hatte. Auch bat Billie um Vergebung, den sie hatte den Krieg angezettelt. Sie beschwichtigte Billie daran,
dass er es selbst wollte. Er währe lieber im Krieg für eine Sache gestorben
als das der Raaja ihn einfach verlies. Ja, dachte Billie, dass waren bestimmt
seine Worte.
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Helena und Zeki (und Börten), wurde es zuteil Zekes Haufen anzuzünden.
Sie blickte sich um. Der Haufen Zekes ließ sich nicht anzünden. Sie sah
verwundert drein. Ihr Vater ging auf sie und seiner Familie zu. Er hatte
gemeint, Zeke hätte Aizir gebeten einen Zauber zu sprechen, damit nur Billie
den Haufen mit Brosco anzünden könne. So trat Billie mit Brosco an den
letzten Haufen, der noch nicht brannte. Oben lag er. Eingewickelt in weiße
Leinentüchern. Sie entfachten ihn. Brosco stieg genauso anmutig wie Amaro
einst, auf seine Hinterbeine. Breitete seine Flügel anwinkelt aus und summte
eine traurige Melodie. Es war nun entgültig. Jetzt würde seine Seele entgültig
von seinem Körper getrennt werden. Billie schluckte als die weißen Tücher
schwarz wurden und zerfielen. Am lieben hätte sie geschrieen das die
Flammen aufhören sollten ihren, ihren geliebten Zeke zu verunstalten. Doch
es war das richtige. Sie betete ... nein sie wünschte sich, dass seine Seele
glücklich war und zum Himmel aufsteigen konnte. Vielleicht hatte er sie
auch vergessen ... unwahrscheinlich, lachte Billie stumm in sich hinein.
Als sie wieder hinauf ging um sich hinzulegen blieb sie an seinem Zimmer
stehen. Sie öffnete die Tür und ging hinein. Die Zofen hatten alles wieder
angerichtet, sie war glücklich. Billie ging zum Schrank und sah sich um. Ein
schwarzes Hemd hing darin. Sie holte er heraus und warf es sich über. Es
hatte seinen Duft. War es wirklich sein Duft? Wie hatte er noch mal gerochen? Sie konnte sich nur wage erinnern. Erde ... und Blut. Seine Haare
dufteten nach Honig. Es kam ihr alles so fern vor. Sie warf sich auf sein Bett
und wollte nach dem Brief greifen, der auf dem Kissen lag, kam aber nicht
dazu.
»Billie ... wer war er?«, fragte Cloey. Sie stand mit Lilane und Clover in
Türrahmen. Sie sahen sie aus sorgvollen Augen heraus an.
»Er war nicht dein Cousin, oder?«, fragte Lilane. Billie schüttelte heftig
ihren Kopf. Sie schmeckte den salzigen Geschmack ihrer Tränen.
»Nein, er war mein Cousin ... und noch viel mehr«, schloss Billie flüsternd
hinzu. Ihre Freunde sollten es nicht wissen. Sie sollten nicht wissen was er
für sie war. Was sie für ihn empfand. Was er für sie bedeutete. Er gehörte
ganz ihr alleine ... allein ihrer Erinnerung. Niemand würde ihre Geschichte
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erzählen, zu schmerzhaft klang sie in ihren Inneren Saiten. Es war ein
dramatisch und trauriges Lied, welches sie spielte.
»Wir danken dir auch ... Prinzessin« Arenta schob sich an ihre Freunde
vorbei und sah auf das Häufchen Elend.
»Was bringt mir ein Dank von euch?«, sagte Billie rauer als sie wollte. Sie
spürte die Entsetztheit von Brosco. Wahrscheinlich waren ihre Gefühle so
stark, dass sie sie wieder einmal übertragen hatte. Der Pakt zwischen ihnen
war gebrochen, aber die Intensivität ihrer Gefühle hatte nicht nachgelassen.
»Ein Dank von Göttern bringt ihn mir auch nicht wieder!«
»Hege deinen Zorn nicht gegen uns. Sonst gibt es noch Verletzte. Traurige
Gefühle sind eins der stärksten Gefühle ... mit der Liebe. Zorn entwickelt
sich daraus«, sprach Arenta weiter.
»Was redest du da? Einer eurer verdammten Götter hat ihn verflucht! Deswegen musste er sterben! NUR DESWEGEN!«, schrie Bille. Sie wusste es
würde Brosco unten nun schwer ergehen, aber er würde damit zurecht
kommen.
»Er war verflucht? Oh mein Gott«, sagte Cloey entsetzt. Lilane hatte sich
unter Clover eingehackt und die Augen aufgerissen.
»Währe er nicht verflucht wurden, hättest du ihn womöglich nie kennen
gelernt«, sagte Arenta weiter.
»Ich hätte einen noch lebenden Cousin in Zekis Alter! Das wäre sogar
besser für mich gewesen. Dann währe ich schon immer Prinzessin gewesen.
Es hätte nie einen Krieg gegeben. BROSCO HÄTTE ELTERN UND ICH
HÄTTE IHN NIE GELIEBT!«, fauchte Billie. Sie blickte mit einem Wut
verzerrten Gesicht zum Fenster. Broscos flammenden Augen brannten in die
ihre. Er war außer sich. Doch Billie wusste was er tat. Er flog um ihr seinen
Schmerz aufzuerlegen ... und es gelang ihm. Sie fühlte seine beißenden
Wunden und seine schreienden Brüche. Auch fühlte sie den Schmerz, über
den Verlust von Zeke. Und dieses Gefühl wollte Billie die ganze Zeit verdrängen.
Du darfst diesen Schmerz nicht vergessen!
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»Er hat recht, Prinzessin«, antwortete Arenta, als hätte sie Broscos Stimme
so laut und deutlich gehört wie er in Billies Kopf war. Beide sahen sie verwundert an.
»Du hast wahrscheinlich recht, mit der Annahme, dass das alles nicht
passiert währe, hätten wir besser auf unseren Neuzugang aufgepasst. Doch
wir versprechen, der neue Gott wird seinen Platz und Macht erst frei bekommen, wenn Aoi in die Zukunft gesehen hat«
»Gibt der neue Gott seine Seele wieder frei?«
»Wahrscheinlich nicht«
»DANN IST ES MIT VERDAMMT NOCH MAL EGAL! GEH! GEH!
GEHT ALLE! LASST MICH ALLEINE« Ihre Freundinnen waren die ersten
die durch ihre bebende Stimme das Zimmer verließen. Arenta verschwand
darauf auch augenblicklich. Brosco blieb noch längere Zeit in der Schwebe,
um sicher zu gehen das es ihr, den Umständen entsprechend gut ging und
dann sank er ganz langsam in die Tiefe. Er hatte Angst sie würde etwas
dummes tun ... so wie er Angst hatte.
Ihr Blick fiel nun auf den Brief. Sie hob ihn an und bemerkte das Amulett
das darunter lag. Sie legte den Brief beiseite, nahm das Amulett in ihre
Hände und schmiegte das kalte ehemalige Gold in ihnen. Sie fühlte um den
erstarren Stein in der Mitte. Er hatte bestimmt wunderschön ausgesehen ...
das Rot, Astis Rot. Sie drehte das Amulett auf die Rückseite. Sie wusste
ohne hinzusehen was dort stand; Zeke und Asti als sie die Augen jedoch
öffnete bebte das Amulett. Sie wunderte sich was auf dem Rücken stand;
Zeke und Billie ... sie musste lächeln. Das Amulett hatte seine Farben geändert. Der Drache schien wieder golden und der Stein in der Mitte war rot
und durchstreift von flammenden lila. Als würde es leben, dachte Billie.
Sie wand sich nun dem Brief zu. Als sie ihn öffnete bemerkte Billie dass
er eine schöne Handschrift hatte. Klein, eng und mit großer Ober- und Unterlinie. Sie nahm noch mal einen tiefen Zug aus seinem Hemd bevor sie anfing
zu lesen.
Liebe Billie,
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wie ich sehe hast du es geschafft. Ich wusste das du die Göttin besiegen
kannst. Woher ich das weiß? Du würdest diesen Brief nicht lesen, sollte
ich noch leben ...
Bestimmt haben wir uns auf Broscos Rücken zur Insel fliegen lassen
und sind in die Höhle eingedrungen. Haben uns an Yaver herangeschlichen und du hast sie hinterrücks ermordet, nicht war? Schon gut,
ich gebe zu, dass das nicht zum lachen ist ... aber du solltest lieber
lachen. Das steht dir viel besser als weinen, obwohl ich dich dann immer
in die Arme nehmen und dich trösten will. Die Zeit ist rum ... und es hat
sich viel verändert.
Ich weiß noch wie ich dich das erste Mal gesehen habe. Ich war in einem
Busch und hab eigentlich nur meine Mutter sehen wollen ... aber dort
habe ich auch dieses kleine Mädchen gesehen, das schwarze Haare hatte.
Ihr Name war Billie. Du warst viel süßer als du klein warst, schrumpf
wieder (jetzt solltest du eigentlich lachen).
Es war schön dich damals spielen zu sehen. Ich wusste nicht wer du
warst. Ich hatte schon gedacht meine Mutter hat mir eine Schwester
geschenkt. Egal ... Jahre später dann hast auch du das erste Treffen mit
mir gehabt. Ich konnte es nicht glauben, du warst so groß geworden,
kaum hätte ich dich erkannt. Du schienst arrogant und egozentrisch, was
du auch warst. Du hast ehrlich genervt. Am meisten wenn du mich immer
angefahren hast und mir letzten Endes doch gefolgt bist. Aber es war
auch hinreißend wie du mir widersprochen hast oder wie hin und
hergerissen du warst. In deine Augen hatte ich mich zuerst verliebt. Sie
wahren Stark und zeugten von Willensstärke. Es war ein Zufall, das du
meine letzte Aufgabe als Reiter warst. Ich sollte ja den letzten Reiter
finden. Keine Ahnung wann, aber irgendwann hatte ich durchschaut, das
du die Prinzessin warst.
Es tut mir leid, dass ich dir so oft wehgetan und dich angefahren habe.
Auch tut es mir leid, was du durchmachen musstest wegen mir. Ich kann
es nicht gut machen, dass weiß ich ... ich will es auch nicht gutmachen,
weil uns das ziemlich gebunden hatte.
360
Damals mit Arjun, ich wusste, das du mich hören würdest, hatte ich
gesagt ich würde dich hassen weil du mich an Alexandra erinnerst. Das
war nur die halbe Wahrheit. Dich und Alex kann man nicht vergleichen!
Ihr seit beide einzigartig! Doch ehrlich ich hatte dich auch gehasst ... es
tut weh das zu schreiben, aber es muss sein, es ist immerhin die Wahrheit
... die du immer von mir hören wolltest. Ich hasste es durch dich an Alex
erinnert zu werden. erinnert zu werden wie einsam ich doch war. Ich
hatte Alex verloren und dann kamst du. Hast dich in mich verliebt. Zu
dem Zeitpunkt wollte ich noch unbedingt zu ihr. Du warst ein Zeitvertreib
damit ich nicht an sie dachte. Dennoch war ich mir irgendwann selbst
zuwider, dass ich dich noch mehr hasste weil ich das wegen dir tat. Ich
verletzte dich weil du mich verletzt hattest, obwohl du nichts anderes
getan hattest als mich als >Freund< zugewinnen. Du weißt doch
sicherlich noch, dass ich mit ihr verlobt war ... es war genauso sinnlos
wie mit uns beiden. Ich wollte mich nicht erneut verlieben, da ich sterben
würde und endlich zu Alex gehen würde. Das hat mich am Leben erhalten
und mich ermutigt weiter zumachen und dann ... dann sah ich dein
tränenreiches Gesicht im Dunkeln. Du hast sehr oft geweint, du hättest
einen ganzen Teich füllen können. Na ja egal ... du warst so hilflos.
Immer wenn du weinst beißt du dir auf die Unterlippe, gewöhn dir das ab
und du zuckst immer mit der Nase. Ab den Zeitpunkt wollte ich dich beschützen. Doch stand ich zwischen dir und Alex, doch die Entscheidung
war schon klar.
Weißt du noch wo ich dich genötigt hatte deine langen, schönen nach
Rose duftenden Haare abzuschneiden? An dem Abend als wir uns beinahe
das erste Mal geküsst hatten? Da hatte ich dir auch wehgetan. Als ich
deinem Gesicht näher kam sah ich Alex’ plötzlich. Ich hatte Angst sie in
dir wiederzusehen. Du hast mich beeindruckt. Die ganze Zeit über. Obwohl du verwirrt warst hast du dich stark gegeben, deswegen war es okay
wenn du mal weinst. Ach und dann der Streit! Der ein wenig komisch
verlaufen war. Du hattest wieder geweint. Arjun ohrfeigte mich und
irgendwann wolltest du nachhause. Wir stritten und du wurdest immer
lauter. Deine bebende Stimme und deine angsterfüllten Augen taten mir
361
weh und du hattest mir zu viel geredet. Ich hatte dich mit einem Kuss zum
Schweigen gebracht. Dafür war meine Hölle Arjun die mir Vorwürfe
machte. Möge irgendein Gott ihrer Seele gnädig sein. Darauf hatte ich
dich immer geküsst, wenn du zu viel geredet hattest. An sich war es böswillig doch es gab mir etwas schönes zurück. Und es tut mir leid, damals
als du entführt wurdest ... da hatte ich dich nur geküsst weil dein Vater da
war, ich war so sauer auf ihn, so verletzt ... da hatte ich dich ausgenutzt.
Ich weiß nicht seit wann ich dich wirklich liebe ... da gehst dir doch
bestimmt genauso, oder? Leider kann ich nicht auf eine Antwort von dir
warten.
Ich hatte schon länger den Entschluss gefasst dir einen Brief zu
schreiben in den ich dir alles sage. Doch ich wette ich habe was vergessen. Es ist schwer dir etwas zu schreiben, weil ich es dir lieber sagen
würde. Vor kurzem hast du mich einen Narr genannt, der feige zu seinen
Gefühlen steht. Du hattest recht. Ich bin ein verdammter Idiot, da ich dich
verletzte und dauernd im nächsten Moment wieder alles leugne –das
waren deine Worte. Sag nicht das ich dir nicht zuhören würde, ich tu
vielleicht so aber ich lausche deiner Stimme gerne. Sie beruhigt mich,
lässt mich auf Wolken schweben egal wie streng du sie klingen lässt.
Ich habe viel geschrieben aber doch nur um den heißen Brei herumgeredet. Ich schreibe den Brief nach dem ich die Bühne verlassen hatte.
Ja, jetzt sitz ich hier und schreib nicht das Wesentliche. Wir werden uns
heute das letzte Mal sehen und ich habe Angst. Zwar bin ich schon tot
und gestorben auch aber das ist was anderes ... jetzt ist es für immer das
ich meine Augen schließe. Wer weiß, vielleicht sehe ich im Schlaf dein
Gesicht, dass währ schön. Gerne würde ich jetzt bei dir sein und in
deinen Armen Trost suchen, doch das geht nicht. Ich bin dein verdammter
Cousin und dein Vater hasst mich, er würde es niemals zulassen. Aber ich
will nicht das du mich so siehst. Behalte mich so in Erinnerung wie du
mich kennst. Selbstgefällig und total Arrogant ... für so was hältst du mich
doch, oder? Irgendwie ist es so kalt hier im meinem Zimmer, liegt
vielleicht daran, dass das Fenster offen ist.
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Du hattest mich gefragt: wenn ich die Wahl hätte zu leben, ob ich sie
nutzen würde. Ich würde sie liebend gern nutzen, denn ich will nicht das
du wegen mir weinst ... ich will nicht das dich jemand anderes tröstet als
ich. Ich liebe dich. Jetzt ist es raus ... und das werde ich in so kurzer Zeit
nicht verleugnen können. Ich werde damit sterben müssen. Ich liebe dich!
Wenn du mich nur halten und auffangen könntest ... ich zerbreche hier.
Arenta hatte recht. Ich verbanne meine Erfahrungen die ich über die
Jahre gesammelt habe und vergesse oder viel mehr verdränge die
Gefühle die ich einst hatte. Alles war weg doch durch dich werde ich
endlich wieder Mensch. Ich war ein Unwesen, hast du ja am Hafen gesehen. Ich bin ein Egoist geworden! Oh ... der Mond geht langsam unter.
Ich sollte mich fertig machen und ...
Billie, ich weiß das ich sterben werde und du mich lieber vergessen
solltest aber ich will nicht das du mich vergisst. Obwohl, wenn ich so
nachdenke, werde ich es eh nicht bemerken. Werde glücklich. Und vergiss
nicht: dein Herz ist stark wenn du bereit bist zu kämpfen. Und steh zu
dem was du liebt und vertau auf das was das Glück dir bringt. Nicht so
wie ich es getan habe.
Dein unsterblich in dich verliebter Zeke. Ich liebe dich bis in alle
Ewigkeit. Wenn du mal einsam bist, schau zu unsrem Stern!
363
Glossar der Lógà:
Usinbire - stirb
Basul – verbrennen
Agul nah bren Biskul, yoh ge’nah – werde zu einem Schwert, jede Nacht
364
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