Eine neue Glaubensbildung

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Zusammenfassung
Otto Hauglin (red.), Håkon Lorentzen (red.) und Sverre Dag
Mogstad (red.):
Wissen, Erfahrung und Zugehörigkeit. Eine Evaluation der
Testphase der Glaubensbildungsreform innerhalb der
Norwegischen Kirche
Fagbokforlaget, Bergen 2008
Einleitung
Die Norwegische Kirche ist eine evangelisch-lutherische Volkskirche mit breiter politischer
Stütze. 83% der Bevölkerung von 4,7 Millionen sind Mitglieder der Norwegischen Kirche.
Mit dem Firmungsgesetz von 1736 und dem Schulgesetz von 1739 wurde der Taufunterricht
verpflichtend, und bis 1969 war die Schule für die religiöse Bildung verantwortlich. In dieser
Zeitspanne war der Taufunterricht zweigeteilt, in den Religionsunterricht in der öffentlichen
Schule und den Konfirmandenunterricht in der Kirche. Mit dem neuen Schulgesetz von 1969
wurde der Religionsunterricht in der Schule nicht mehr als Taufunterricht der Kirche
angesehen, sondern als ein gewöhnliches Schulfach. 1997 wurde der Religionsunterricht
multireligiös und der Unterricht im christlichen Glauben auf die Hälfte reduziert. Die
Änderungen im Schulgesetz und die allgemeine Entwicklung der Kultur und Gesellschaft in
Norwegen Ende der 90er Jahre führten dazu, dass die Kirche eine umfassende Reformierung
der religiösen Bildung einleitete. Obwohl Ende der 90er eine Reihe von Unterrichtsplänen
entwickelt worden waren, bekam die Kirche erst durch die Entscheidung des Parlaments die
nötige Stütze für die Reform der Glaubensbildung.
Der politische Untersuchungsausschuss begann seine Arbeit 1999 und wurde 2003 damit
abgeschlossen, dass das Parlament sich für eine umfassende, staatlich-finanzierte Reform des
Taufunterrichts in der Norwegischen Kirche aussprach: die Glaubensbildungsreform
(„Trosopplæringsreformen“). Die Kirche hatte jahrzehntelang daran gearbeitet, die
Glaubensbildung zu vitalisieren, und die Initiativen der Norwegischen Kirche wurden von
internationalen Bewegungen bestärkt, wie z.B. der Arbeit des Lutherischen Weltverbands
bezüglich der Rolle der Familie im Unterricht, lebenslangem Lernens und
gemeindepädagogischem Neudenkens.
Bevor die Glaubensbildungsreform begann, hatte die Norwegische Kirche bereits eine Reihe
neuer Unterrichtspläne beschlossen. Die Pläne verkörperten eine Revitalisierung der
Tauftheologie in der das Ziel nicht länger unbedingt war, Kinder und Jugendlichen zu
Christus zu führen, sondern jedem Einzelnen von ihnen zu helfen, ihr Taufversprechen in der
kirchlichen Gemeinschaft zu leben. Es war eine Bewegung weg vom Erweckungschristentum
und hin zum Erziehungschristentum, in dem Unterricht als mehr als die Aneignung von
Wissen verstanden wird. Die religiöse Bildung vor der Reform hielt sich im Grossen und
Ganzen an die Pläne von 1991, in denen kontinuierliche und begrenzte Maßnahmen
voneinander getrennt waren, und wo es einen grundsätzlichen Wissensinhalt gab.
Der Unterricht umfasste Kinder und Jugendliche im Alter von 0-15 Jahren und wurde mit der
Firmung abgeschlossen. Die Menge der Teilnehmer am Glaubensunterricht war nicht immer
gleich, aber die Überreichung eines Religionsbuches an 4jährige und der Bibel oder des
Neutestaments an 11jährige sowie die Firmung waren immer Höhepunkte. Viele Gemeinden
hatten darüber hinaus nur begrenzte Angebote, und manche hatte wenige oder gar keine
Angebote für bestimmte Altersgruppen. Parallel dazu erlebten die freiwilligen Kinder- und
Jugendorganisationen, die ja auch eine wichtige Rolle in der Glaubensbildung spielten, einen
deutlichen Rückgang an Mitgliedern ab den 80er Jahren bis heute.
Das Parlament begründete die neue Reform unter anderem mit den Änderungen im Schulfach
Religion, aber auch mit den großen kulturellen und religiösen Veränderungen in der
norwegischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Gleichzeitig äußerte das Parlament den
Wunsch, die Norwegische Kirche als breite Volkskirche und Traditionsträger und Vermittler
des christlichen Kulturerbes zu stärken. In einer Gesellschaft mit wachsender kultureller und
religiöser Vielfalt sei es wichtig, dass Kinder und Jugendliche in ihrem eigenen Glauben
unterrichtet würden, sowohl um die eigene Identität zu stärken, als auch um andere Kulturen
verstehen zu können und fremden Traditionen mit Respekt und Toleranz begegnen zu können.
Am 27. Mai 2003 behandelte das Parlament die Einstellung des Kirchen-, Unterrichts- und
Forschungsministeriums bezüglich der Glaubensbildungsreform in der Norwegischen Kirche.
Eine überwiegende Mehrheit mehrerer Parteien unterstützte den Vorschlag, die
Glaubensbildung und den Taufunterricht in der Kirche zu erneuern und zu stärken. Die
Reform solle von den Gemeinden ausgehen und dort verankert sein. Sie solle sich über 10
Jahre strecken, wobei die ersten 5 als Projektphase mit Versuchs- und Entwicklungsarbeit
organisiert sein solle. Diese Phase solle mit einer forschungsbasierten Evaluation
abgeschlossen werden.
Die Projektphase wurde auf zwei Ebenen organisiert: einer zentralen Projektverwaltung,
sowie lokalen Leitungsgruppen und Projektleitern in den schlussendlich 156
Versuchsprojekten, die 350 der ca. 1300 Gemeinden in der Norwegischen Kirche umfassten.
Ca. 80% aller Gemeinden hatten sich darum beworben, eine Versuchsgemeinde werden zu
dürfen. Bei der Evaluation des Ansuchungs- und Verteilungsprozesses haben wir festgestellt,
dass die Projektverwaltung die Mittel nicht ausschließlich aufgrund der Versuchskriterien
verteilt hatte, sondern die Beurteilung sowohl aus der Versuchsperspektive wie auch aus der
Perspektive der Einführung der Reform vorgenommen hatte. Dies hat unserer Meinung nach
die Möglichkeiten einer breiten und systematischen Erprobung bedeutend verringert. Es
wurden verhältnismäßig wenige Rahmenbedingungen vorgegeben, was der Versuchsphase,
wie vom Parlament vorgesehen, einen „bottom-up“ Stil gab.
Die lokalen Versuchsprojekte umfassten mehrere tausend Aktivitäten, fast 300 Angestellte
und mehrere tausend Freiwillige. Die Gemeinden mussten detaillierte Berichte verfassen und
bekamen je einen Mentor zur Seite. Zusätzlich wurde im Laufe der Zeit ein
Kompetenznetzwerk errichtet, das Mittel an die 79 regionalen und nationalen
Entwicklungsprojekte verteilte. Alles in allem wurden in den Jahren 2004-2008 NOK 375
Mio. für die Durchführung der Versuchsphase bewilligt, von denen 288 Mio. an lokale
Projekte gingen. Wir sind der Meinung, dass die Glaubensbildungsreform als Projekt gut
organisiert war, und dass es richtig war, die Versuchsphase als Projekt zu organisieren.
Die Evaluationsgruppe bestand aus Forschern der Theologischen Gemeindefakultät (MF) und
der Hochschule Diakonhjemmet sowie Otto Hauglin von Otto Hauglin Consulting. Die
Gruppe hat die Versuchsphase dieser umfassenden Reform 4,5 Jahre begleitet (Dez. 03 – Mai
08).
Wissen, Erfahrung und Zugehörigkeit…. ist der Hauptbericht der Evaluationsgruppe in dem
Funde und Analysen zusammengefasst und die wichtigsten Schlüsse gezogen werden. Die
konkrete Arbeit wurde Mitte April 2008 abgeschlossen und deckt den größten Teil der
5jährigen Versuchsphase.
Eine neue Glaubensbildung
Die Behandlung im Parlament bedeutete eine neue Phase in der Geschichte der
Glaubensbildung und deren Funktion in der Norwegischen Kirche. Das Parlament hatte eine
„bottom-up“ Strategie gewählt und wenige Rahmenbedingungen gestellt, sodass die
Gemeinden großen Spielraum beim Erproben neuer Initiativen für die religiöse Bildung
hatten. Ziel der Reform war es, allen Gemeinden innerhalb der Norwegischen Kirche die
Möglichkeit zu sichern, allen Getauften im Alter von 0 bis 18 Jahren eine systematische
Glaubensbildung anbieten zu können. Das Parlament hatte spezifiziert, dass es, sollte die
Norwegische Kirche eine breite Volkskirche bleiben wollen,
von entscheidender Wichtigkeit war, dass Kinder und Jugendliche grundlegende Kenntnisse
über den christlichen Glauben erwerben können sollten und in ihren Bestrebungen, ihr Leben
im Glauben zu meistern gestärkt werden mussten. Da Parlament meinte auch, dass die Schule
nicht mehr die Verantwortung für die religiöse Bildung der Getauften haben sollte und wies in
diesem Zusammenhang auf die Änderungen im Lehrplan für den Religionsunterricht hin.
Die Reform wurde vom Staat mit ca. 250 Millionen NOK (norwegische Kronen) pro Jahr
über eine Zeitperiode von 10 Jahren finanziert.
Während das Parlament für die äußeren Rahmenbedingungen zuständig war, sollten eine
kirchliche Leitungsgruppe und ein Projektsekretariat dafür sorgen, die Entscheidung des
Parlaments in die Tat umzusetzen. Die Norwegische Kirche formulierte ihre Zielsetzung
folgender Maßen:
Wir wollen eine Glaubensbildungsstrategie entwickeln, die den christlichen Glauben
fördert, die Dreieinigkeit Gottes lehrt und der Altersgruppe 0-18 stützend beiseite
steht, sich im Leben zu orientieren und Sinn zu finden, unabhängig vom
psychosozialen Funktionsniveau des Einzelnen.
In der Reformarbeit war die Trennung zwischen einer Versuchsphase und einer
Implementierungsphase von zentraler Wichtigkeit. Die Gemeinden hatten die Möglichkeit,
verschiedene Arten der Glaubensbildung auszuprobieren, was der Versuchsphase eine
reichhaltige und variierte Erfahrungsgrundlage geben sollte. Diese Erfahrungen sollten dann
systematisch bearbeitet werden und in einen konkreten Lehrplan eingehen.
Theologie in der Reform
Im Mandat der Reform heißt es, dass ihr „die Tauflehre der Norwegischen Kirche zugrunde
liegen sollte“. Solche theologischen Prämissen sind natürlich keine eindeutigen und statischen
Größen, sondern ändern und entwickeln sich. In der Evaluierung haben wir deshalb
untersucht, wie die Tauftheologie und andere theologische Fragen in den Grunddokumenten
der Reform interpretiert worden sind. Außerdem haben wir die „theologische Produktion“ der
Gemeinden analysiert, d.h. wir haben untersucht, welche unterschiedlichen Perspektiven und
Interpretationen auf der lokalen Ebene entstanden sind.
Wir haben deutlich erkannt, dass sich das Verständnis für die Taufe als Ausgangspunkt für die
kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer weiter entwickelt. Versteht man die
Taufe als Beginn einer neuen Beziehung zu Gott, wird eine rein kenntnisorientierte
Glaubensbildung schwierig. Vielerorts liegt das Hauptgewicht stattdessen auf einer
Glaubensbildung, die in das erlebende Glaubensleben einführt, d.h. in die christliche Praxis
und Gemeinschaft. Unter den einzelnen Projekten waren nur wenige, die sich auf die reine
Kenntnisvermittlung spezialisiert hatten. Aufgrund dessen stellt sich die Frage, ob der
Kenntnisvermittlung sowohl im Umfang als auch inhaltsmäßig zu wenig Aufmerksamkeit
gewidmet worden ist. Wir fragen uns auch, was mit der Konfirmation und ihrem
theologischem Aspekt geschehen wird, wenn die Glaubensbildung bis zum Alter von 18 in
der Taufe verankert ist.
Das Verhältnis zwischen der allgemein menschlichen und der christlichen Perspektive
angesichts der Tauf- und Glaubensbildung ist in der Reform nicht abgeklärt worden. In den
Grunddokumenten finden wir eine breite Perspektive, wo sowohl Sinnfindung als auch
Orientierung in der Welt eine große Rolle spielen. In den Versuchsprojekten hat dies auch
starken Widerklang gefunden, wobei diese Tendenz in den ersten Jahren stärker war. Gegen
Ende der Versuchsperiode wurde mehr Wert auf die spezifisch christlichen Inhalte der
religiösen Bildung gelegt. In unserer Konklusion empfehlen wir deshalb, dass das Verhältnis
zwischen diesen Aspekten näher definiert wird.
Eine Haupttendenz in den Projekten war, dass mehr Wert auf die Gemeinschaftsdimension
und den Platz des Gottesdienstes gelegt wurde. Besonders deutlich zum Ausdruck kommt dies
in der Rolle des heiligen Abendmahls, das früher den Abschluss des Taufunterrichts markiert
hatte, und nun zu einem zentralen Wirkungsmittel der religiösen Bildung geworden war. Neu
war auch, dass Kinder und Jugendliche mehr in den Gottesdienst eingebunden wurden.
Kinder waren in den Mittelpunkt der Reform gerückt, und wurden aktive Teilnehmer am
Gottesdienst. Diese Änderung geschah in vielen der Versuchsprojekte, aber auch in nationalen
Entwicklungsprojekten, die das Ziel hatten, eine kindergerechte Religionspädagogik zu
entwickeln.
Glaubensbildung oder Taufunterricht?
Durch die Einführung des Begriffes „trosopplæring“ (Glaubensbildung) in die norwegische
Sprache war es zeitweise nicht einfach, zwischen Taufunterricht und der allgemeinen
kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu unterscheiden. Glaubensbildung scheint
ein Sammelbegriff für alle guten Initiativen geworden zu sein, die Kindern und Jugendlichen
in den Gemeinden angeboten werden. Dies wird auch in den Rapporten bestätigt, die eine
breite Verteilung von spezifisch christlichen Vermittlungsinitiativen hin zu allgemeinen
Aktivitäten umfassen, die nicht notwendigerweise nur von den Gemeinden angeboten werden.
Gleichzeitig sehen wird, dass der Begriff „Glaubensbildung“ eine neue Denkweise in die
Breite geschaffen hat. Für die meisten Gemeinden hat der neue Name dazu geführt, dass man
versucht hat, alle Getauften eines Jahrgangs zu inkludieren wo man sich früher oft damit
begnügt hatte, die Kinder und Jugendlichen der aktiven Mitglieder der Gemeinde zu
rekrutieren.
Trotz allem hätte die Reform davon profitiert, wenn es von zentraler Stelle klarere Richtlinien
bezüglich des Inhaltes dieser Glaubensbildungsreform gegeben hätte. Das hätte weder der
lokalen Verankerung noch Forschungsfreiheit widersprochen, und es wäre leichter gewesen,
die Reform an die Tauftheologie der Norwegischen Kirche anzuknüpfen. Außerdem hätte
man von Anfang an Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Taufunterricht und der
allgemeinen kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit definieren können.
Eine neue Denkweise im Unterricht
In vielerlei Hinsicht führt die Reform die Lerntheorie des Tauf- und Konfirmationsunterrichts
weiter. Lebenslanges Lernen, praxisbezogenes Lernen und Lernen in sozialer Gemeinschaft
wurden in der Reform gestärkt. Die Zielgruppe wurden an beiden Enden erweitert: die
Babyphase wurde als wichtige Phase miteinbezogen, und die traditionelle Glaubensbildung
auf die Altersgruppe 15-18 ausgeweitet.
Die Initiativen für die jüngste Altersgruppe weisen variierende Resultate auf. Obwohl ein
überraschend großer Anteil der Baby-Singgruppen von kurzer Dauer war, sieht es aus als
hätte die Kirche dieses Konzept ganz für sich beansprucht und das Loch zwischen Babyalter
und 4jährigen erfolgreich überbrückt. Andere Projekte, die in der Versuchsphase initiiert
wurden, waren z.B. die Einführung eines Schulstartrituals und die Ausweitung des Angebots
für 11jährige auf 10-12jährige. Viele Gemeinden haben sich auch darauf konzentriert, den
Konfirmationsunterricht zu verbessern indem sie den Unterricht besser gestalteten und
umfangreichere soziale Aktivitäten planten.
Die größte Herausforderung war trotz allem die älteste Altersgruppe, sowohl inhaltsmäßig als
auch strukturell. Das scheint teilweise so zu sein weil evt. Angebote sich direkt an die
Teilnehmer richten mussten, während man in den jüngeren Altersgruppen entweder etablierte
Traditionen wie z.B. die Konfirmation hatte, oder durch die Eltern Kontakt mit den Kindern
bekommen hatte. Zusätzlich sehen wir, dass die neue Ordnung die Konfirmationszeit unter
Druck setzt, da die Konfirmation nicht länger das abschließende Ritual der Glaubensbildung
ist.
Die Evaluation hat erwiesen, dass es der Glaubensbildungsreform geglückt ist, mehrere der
christlichen Glaubensdimensionen zu vitalisieren. Die narrative, mythische Dimension zeigt
sich in der Bibelerzählung, während die dogmatische, systematische Dimension teilweise in
Konfirmationsprojekten zugegen ist, sowie in der zentralen Rolle des Gottesdienstes in vielen
Projekten. Auf die ethische Dimension wird Wert gelegt indem christliche Ethik ein wichtiger
Punkt in Leben und Lehre ist, und die rituelle Dimension zeigt sich im durchgehenden
Gebrauch von ritueller Glaubenspraxis innerhalb und außerhalb des Gottesdienstes, sowie
durch die Schaffung neuer Rituale wie z.B. des Schulstartrituals. Die emotionelle, persönliche
Dimension zeigt sich in den Bemühungen, eine persönliche Verbindung zu Gott herzustellen
und den Alltag mit christlichem Glauben und dessen Praxis zu verbinden. Die ideologische
Dimension finden wir in der Hilfe zur Lebensorientierung und der Lehre eines christlichen
Lebenswandels. Der institutionellen und sozialen Dimension entspricht die Eingliederung in
die lokale Gemeinde und die christliche Gemeinschaft, während die materielle Dimension
darauf fokussiert, Kindern und Jugendlichen die visuelle und musikalische Kirchensprache
näher zu bringen.
Die Evaluation zeigt, dass die Kirche es geschafft hat, sich von der Schulpädagogik zu
befreien und mehr als zuvor Inhalt und Kontext des Glaubens zusammenzuhalten. Im Laufe
der Reform haben wir vor allem eine Verstärkung der rituellen und sozialen Dimension
gesehen. Alles in allem zeigt die Breite der Dimensionen, dass die Reform die allgemeine
Lerntheorie vitalisiert und weiterentwickelt hat und Wert auf praktisches Lernen in der
Gemeinschaft legt.
Gottesdienst und Kirchenraum
Die überwiegende Mehrheit der Projekte machte sich die Lokalitäten der Kirche als Arena
zunutze. Diese erweiterte Nutzung des Kirchenraums hat es möglich gemacht, durch
praktisches Lernen Wissen, Praxis und Gemeinschaft zusammen zu binden. Dadurch haben
der Gottesdienst und die dazugehörigen Räumlichkeiten eine Renaissance erlebt. Etablierte
wie neue Glaubenspraxisen, die an den Gottesdienst und den Kirchenraum geknüpft ist,
wurden dadurch revitalisiert und weiterentwickelt.
Man kann sagen, dass die Reform in vieler Hinsicht eine Gottesdienstreform geworden ist, in
der der Platz der Kinder und Jugendlichen im Gottesdienst im Vordergrund stand. Aber auch
hier weisen die Projektberichte große Unterschiede auf. Auf der einen Seite finden wir
verschiedene Glaubenspraxisen, die an den Gebrauch von Ritualen und Symbolen anknüpfen.
Auf der anderen Seite sehen wir eine Reihe allgemeiner Versuche, an die christliche
Lebensorientierung anzuknüpfen, indem man Aktivitäten mit einem Gottesdienst abschließt.
Der Platz des Kindes und der Familie in der Reform
Die wahrscheinlich wesentlichste Änderung ist der Platz des Kindes in der Gemeinde. Ein
charakteristischer Zug der meisten Projekte ist, dass das Kind nicht länger als Zuschauer
sondern als Teilnehmer verstanden wird. Es ist nicht länger Objekt, sondern aktives Subjekt
der Aktivität. Rein sprachlich wurde diese Veränderung im Laufe der Reform dadurch
deutlich, dass man nicht mehr von Aktivitäten für Kinder, sondern mit Kindern sprach.
Hier sehen wir, dass die Reform Teil einer theologischen und pädagogischen Denkweise wird,
die ihre Wurzeln in der Theologie Luthers hat und die in Norwegen in den 1980er Jahren neu
entdeckt worden war. Einer der meist interessanten Seiten der Reform ist daher auch dass man
es auf lokaler Ebene geschafft hat, diese Theologie in das aktive Glaubensleben der Gemeinde
einzuflechten.
Wo man die Kinder ernst nimmt, sind die Eltern gerne mit dabei. Hochqualitative
Aktivitätsangebote helfen, Vertrauen aufzubauen, und relativ viele Gemeinden haben ihre
Zielgruppe von Kindern auf Familien erweitert. Mehr und mehr wird darauf gebaut, eine
kontinuierliche Glaubensbildung dadurch erreichen zu können, dass man den Eltern Kurse
und Hilfsmittel für den Unterricht zu Hause anbietet. In diesem Zusammenhang ist die
Entwicklung guter Unterrichtsmaterialien von entscheidender Bedeutung. Durch die Reform
waren ständig mehr digitale Medien erhältlich, was sowohl für den Kontakt mit den Eltern als
auch für die Kinder, die durch digitale Medien wichtige Beiträge für ihre Glaubensbildung
leicht zugänglich hatten, eine große Hilfe war. In diesen Versuchen ist auch ein anderer Trend
deutlich geworden: Eltern wollen gerne mehr involviert sein, vor allem in der
Konfirmationszeit.
Kontextuelle Reform
Die einzelnen Versuchsprojekte sollten von der „grassroot-“ Ebene initiiert werden, und wir
haben eine große und kreative Vielfalt auf lokaler Ebene registriert. Die Gemeinden haben
erkannt, dass sie eine Glaubensbildung brauchen, die breit anwendbar ist, und die von den
Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der einzelnen Gemeinde ausgeht. Daraus entsteht ein
gewisser Stolz auf die eigene Gemeinde. Besonders interessant in diesem Zusammenhang war
die Entwicklung in den Gemeinden, die es gewagt hatten, sich auf eine Idee zu spezialisieren
und ein ganzheitliches Projekt darauf aufzubauen.
Zurechtlegung des Unterrichts
Der Projektleitung war es geglückt, das Bewusstsein der Kirche im Bezug auf Kinder mit
besonderen Bedürfnissen zu heben. In der allgemeinen Glaubensbildung innerhalb der
Gemeinde sollte es möglichste überall Zurechtlegung des Unterrichts für diese Kinder geben.
Um diesen Punkt zu stärken, mussten unter anderem alle Projektberichte dieses Thema
umfassen, und es wurde auf mehr fachliche Arbeit, Schulung der Angestellten, Entwicklung
von Netzportalen und Entwicklungsprojekte verschiedener Art Wert gelegt.
Wissensinhalt der Reform
Die Evaluation hat in vieler Hinsicht gezeigt, dass der Reform eine nähere Definition des
Wissensinhaltes fehlt. Während die Taufreform von 1991 einen Kerninhalt empfohlen hatte,
fehlte eine solche Empfehlung in der Glaubensbildungsreform. Wir sind der Ansicht, dass die
Versuchsphase und die Reform im Allgemeinen davon profitiert hätten, die Frage des
Wissensinhaltes zu konkretisieren. Solche grundlegenden Überlegungen wären einer lokalen
Verankerung nicht im Wege gestanden
Indem die Projektleitung es unterlassen hat, solche grundlegenden Leitlinien zu geben, hat sie
gleichzeitig die Möglichkeit versäumt, wichtige und grundlegende Forschungsarbeit im
Hinblick auf den Inhalt der Reform zu betreiben. Das hat dazu geführt, dass die Projektleitung
nicht imstande war, Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinden einerseits und Glaubensbildung
andererseits auseinander zu halten.
Der Lehrplan von 1991 war auf der Erkenntnis aufgebaut, dass die kontinuierliche Arbeit
kaum alle Getauften umfassen würde. Deshalb beschloss man, die Kerninhalte des Plans
durch zeitlich begrenzte Aktivitäten zu vermitteln. Die Glaubensbildungsreform wies die
gleiche Teilung zwischen zeitlich begrenzten und kontinuierlichen Aktivitäten auf, doch der
Kerninhalt fehlte. Daher konnte die Versuchsphase auch keine kontrollierten Versuche
unternehmen um herauszufinden, welcher Inhalt am besten mit welcher Art Aktivität
verbunden werden sollte.
In den Analysen, die wir vorgenommen haben, war deutlich zu sehen, dass Bibelerzählungen
(mit Gewicht auf Jesuserzählungen), Gottesdienste und die Gemeinschaft in der Gemeinde die
zentralen Inhalte der Aktivitäten waren. Je weniger sozialisierende Aktivitäten angeboten
wurden, desto mehr wurden diese Inhalte gestärkt. Es gab zwar auch einzelne Projekte, die
Gewicht auf Glaubenskunde legten, doch dieser Teil des christlichen Wissensverständnisses
war eher wenig vertreten.
Systematische Glaubensbildung
Die Vorarbeiten bestätigen, dass die Reform zur Absicht hat, allen Gemeinden der
Norwegischen Kirche die Möglichkeit zu geben, allen Getauften im Alter von 0-18 eine
systematische Glaubensbildung anbieten zu können, unabhängig vom psychosozialen
Funktionsniveau des Einzelnen. Diese systematische Glaubensbildung sollte aus
grundlegendem Wissen über den christlichen Glauben bestehen, sowie zur Sinnfindung und
Orientierung in der Welt im Rahmen des christlichen Glaubens beitragen.
Wir haben in vorhergehenden Abschnitten kritisiert, dass die zentralen Projektleitung keine
Angaben dazu gemacht hat, woraus der Wissensinhalt bestehen sollte, und den Gemeinden
freien Spielraum zur Erprobung eigener Glaubensbildungsaktivitäten gelassen hat, sowohl in
der Ausformung wie auch den Inhalt betreffend. Es wäre unserer Meinung nach mehr effektiv
und nützlicher für die Forschung gewesen, Empfehlungen im Bezug auf Inhalt zu machen und
die finanzielle Stütze Projekten zukommen zu lassen, bei denen man verschiedene
Vermittlungsformen und kontextuelle Voraussetzungen experimentell nachvollziehen hätte
können. Die fehlende Steuerung in Richtung Forschung hat dazu geführt, dass es kein
eindeutiges Erfahrungsmaterial über die systematische Glaubensbildung für die gesamte
Altersspanne 0-18 gibt. Wir meinen, dass wir auch später keine solchen Erfahrungswerte
haben werden, wenn die Reform ohne zentral geleitete Versuche durchgeführt wird. Dass die
Leitung auch keine zufriedenstellende analytische Arbeit der Jahres- und Projektrapporte zur
Wissens- und Erfahrungssammlung initiiert hat, macht die Sache nicht besser.
Ein neues Fachgebiet?
Mit der Einführung des neuen Religionsunterrichtes übernahmen die Glaubensgemeinschaften
die religiöse Bildung ihrer Mitglieder. Lange hatte die öffentliche Schule diese Aufgabe für
die Norwegische Kirche übernommen gehabt, und die religiöse Bildung war deshalb
schulpädagogisch aufgebaut. Die Reform hat bisher gezeigt, dass die Glaubensbildung der
Kirche sich in vieler Hinsicht vom traditionellen Schulunterricht abgewendet hat. Viele
Projekte und Aktivitäten zeugen von umfassendem Neudenken im Hinblick auf Unterricht
und Glaubenspraxis für Kinder und Jugendliche in der Norwegischen Kirche.
Die Entfernung vom traditionellen Schulunterricht macht es jedoch höchst notwendig, die
Gemeindepädagogik als Fachgebiet zu verstärken. Gemeindepädagogik und Katechese waren
zur Beginn der Reform schwache Fachgebiete, die wenig Theorie zur Verfügung hatten, auf
der die Reform aufbauen hätte können. Das erklärt auch, warum es bis heute keine eindeutige
Begriffserklärung für das Verhältnis zwischen Taufunterricht und Glaubensbildung auf der
einen Seite und der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit gibt, bzw. zwischen dem
spezifischen und allgemeinen Inhalt der Reform und einer Definition des Begriffes „Bildung“.
Gemeindepädagogik als Fachgebiet muss deshalb neu etabliert werden um den
Herausforderungen einer neuen Kinder- und Jugendkultur begegnen zu können. Die
Projektphase hat diesem Prozess einen kräftigen Anstoß gegeben. Soll man die umfassende
pädagogische Neuorientierung hantieren können, muss das Fachgebiet als Beruf,
Wissensgebiet und Unterrichtsform weiterentwickelt und theoretisch verankert werden.
Lokale Organisation
Bezeichnend für die 156 Versuchsprojekte ist, dass weniger als die Hälfte nur einer Gemeinde
zugehörten. Alle übrigen Projekte waren verschiedene Arten von Zusammenarbeitsprojekten.
Dieses Muster wird wahrscheinlich Standard werden, wenn das Ziel ein komplettes
Bildungsprogramm für alle Altersgruppen in allen Gemeinden der Norwegischen Kirche sein
soll. Wir haben ein breites Spektrum an Fertigkeiten und Kompetenzen unter den Angestellten
gefunden, wobei das Hauptgewicht auf theologischen und pädagogischen Fähigkeiten liegt.
Ehrenamtliche Mitarbeiter wurden in unterschiedlichem Ausmaß benutzt, manche Projekte
engagierten viele ehrenamtliche Mitarbeiter, während die meisten zwischen 2-4 solche
Mitarbeiter hatten. In fast allen Projekten waren ehrenamtliche Mitarbeiter als Assistenten
eingesetzt.
Im Übrigen war die Integrierung der Versuchsprojekte oft von Spannungen innerhalb der
Gemeinde geprägt, unter anderem was die Zielsetzung der Glaubensbildung betraf. Auch
innerhalb der Projekte und zwischen den teilnehmenden Gemeinden kam es zu Spannungen,
zum Teil weil die Grenzen zwischen den Gemeinden nicht genug definiert worden waren oder
sie mit anderen Glaubensbildungsangeboten in Konflikt kamen. Wir haben auch eine Tendenz
registriert, dass es zu einer „Staatsbildung innerhalb des Staates“ kommen kann.
Über 60% der Projekte arbeiteten auf die eine oder andere Weise mit christlichen freiwilligen
Organisationen und den örtlichen Gemeinde zusammen. Jedoch scheint es, dass es gerade in
der Versuchsperiode einen leichten Rückgang in der Anzahl Zusammenarbeitsprojekte gab.
Auch deckt der Begriff „Zusammenarbeit“ ein weites Spektrum von Verbindungen.
War die Versuchsperiode erfolgreich, gemessen an der allgemeinen Teilnahme? Hat die
finanzielle Stütze eine ausreichende Expansion von religiösen Bildungsprojekten und aktivitäten herbeigeführt? Solche Fragen sind nicht leicht zu beantworten.
Um zahlenmäßige Resultate beurteilen zu können, bräuchte man vorgegebene Zielwerte, doch
waren solche weder für Umfang noch Anzahl der Aktivitäten angegeben gewesen. Daher
haben wir keine Vergleichswerte, um eine solche Evaluation vorzunehmen. Am Anfang der
Versuchsphase kursierten Gerüchte, dass 70% jeder Altersgruppe teilgenommen haben
sollten, um die jeweilige Aktivität als erfolgreich bezeichnen zu können. Dies war allerdings
ein Missverständnis, da der Prozentsatz lediglich als Berechnungsgrundlage für die
Ressourcen benutzt worden war, nicht aber als Zielsetzung.
In einer Versuchsphase sind alle Arten Erfahrung wertvoll, auch die, die zeigen, welche
Experimente nicht besonders gut funktionieren. Aus dieser Perspektive gesehen hätten alle
Gemeinden darüber informiert werden sollen, dass in dieser Phase alle Erfahrungen, auch die
schlechten, wichtiger waren als zahlenmäßige Erfolge. Doch aufgrund der Vermischung von
Versuch und Implementierung war diese Botschaft nicht deutlich genug vermittelt worden.
Trotz dieser Einschränkungen ist es unser Eindruck, dass viele Gemeinden viel Gewicht auf
die zahlenmäßige Resultate gelegt haben, zumindest in den ersten zwei Versuchsjahren, 200405. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob die angenommene Erwartung guter
Teilnehmerzahlen die Gemeinden dazu bewegte, Aktivitäten zu starten, bei denen man viele
Teilnehmer erwarten konnte, doch die Schlussresultate scheinen dagegen zu sprechen.
Besonders in den ersten Jahren waren die Teilnehmerzahlen relativ niedrig, in den Jahren
2006 und 2007 etwas höher. Im Schnitt war der Teilnehmerprozentsatz bei 24,5% für alle
Projekte im Jahre 2006, und 28,8% im Jahre 2007. Die Steigerung kann reell sein, kann aber
auch mit der Änderung der Registrierungsmethode zusammenhängen. Ca. ein Drittel aller
Aktivitäten hatte weniger als 10% Teilnehmer einer Altersgruppe, d.h. der Getauften eines
Jahrgangs, während ca. 5 Prozent 60-70% aller Getauften eines Jahrgangs mobilisierten.
In Kapitel 8 haben wir aufgezeigt, dass die Versuchsphase eine große Vielfalt an Projekten
aufzuweisen hatte. Gottesdienste waren in verstärktem Grad als Umrahmung verschiedener
Glaubensbildungsaktionen benutzt worden, und sind immer noch zentral bei den klassischen
Initiativen wie der Überreichung des Religionsbuches an 4jährige u.ä. Für das Projekt
„Gottesdienst“ im Allgemeinen war die durchschnittliche Teilnehmerzahl im Jahre 2006 30%.
Auch die Projekte „Taufschule“ und „Jugendlager“ waren 2006 erfolgreich. „Cafés“, an die
ältesten Jugendlichen (16-18) gerichtet, sammelten immerhin 8% ihrer Altersgruppe. Wir
sehen auch, dass die Altergruppe der 10-12jährigen einen relativ hohen Anteil aller Aktionen
umfasst, im Gegensatz zu den 16-18jährigen. Es ist nicht immer leicht gewesen, attraktive
Angebote für Jugendliche nach dem Konfirmationsalter zu finden. Viele haben Leitungskurse,
Cafés und andere Freizeitaktivitäten angeboten, doch gute Glaubensbildung für diese
Altersgruppe war eine große Herausforderung, nicht zuletzt weil diese Gruppe weniger loyal
und konsistent ist als jüngere Altersstufen.
Tabelle 8.9. zeigt, dass es in der gesamten Versuchsperiode eine deutliche Tendenz zur
Weiterführung und -entwicklung von Aktionen innerhalb des Versuchsportefeuilles gab. 2006
hatten fast die Hälfte aller Aktionen bereits vor der Versuchsphase existiert. 2007 sank die
Zahl auf 30%. Das bedeutet, dass viele Gemeinden existierende Projekte in die
Versuchsordnung übertrugen, und auch wenn eine solche Praxis nicht illegitim ist, bedeutete
es doch, dass die Versuchsmittel nur begrenzt zur Erforschung neuer Aktivitäten verwendet
wurden. 2007 schienen doch viele Gemeinden sich dafür entschlossen zu haben, alte, erprobte
Aktivitäten durch neue zu ersetzen.
Während der gesamten Versuchsperiode haben wir einen relativ hohen Umsatz an Aktionen
gesehen. Neue Aktivitäten wurden etabliert, aber viele wurden nach 1-2 Jahren abgewickelt.
Es liegt daher nahe anzunehmen, dass die Gemeinden die Versuchsperiode aktiv dazu benützt
haben, verschiedene Aktivitäten auszuprobieren. Besonders in den ersten zwei Jahren wurden
ständig neue Aktivitäten initiiert, oft um möglichst viele Teilnehmer aufweisen zu können.
Gleichzeitig sehen wir, dass Aktionen, die in einer Gemeinde erfolgreich waren, in einer
anderen abgewickelt wurden. Daraus ziehen wir den Schluss, dass der Erfolg einer Aktivität
von einer Reihe lokaler Faktoren abhängig ist, auch solcher, die die Gemeinde nicht
kontrollieren kann. Behörden oder andere Organisationen können z.B. ähnliche oder
konkurrierende Aktionen haben, die jeweiligen Jahrgänge können klein sein oder die
geographische Ausbreitung groß, um nur ein paar mögliche Faktoren zu nennen.
Allumfassende Versuchsprojekte
Nur 43 der 156 Versuchsprojekte haben Aktivitäten in Gang gesetzt, die die 5 Jahre der
Versuchsperiode überdauert haben. 110 Projekte waren kürzer, und nur 23 von 37
Vollskalaprojekten mit Aktivitäten für 0-18jährige haben die ganze Versuchsperiode von 5
Jahren gedauert. Es kann daher mit Recht behauptet werden, dass die Erfahrungsgrundlage für
allumfassende Angebote für die gesamte Altersskala von 0-18 eher begrenzt ist. Dieses
Problem wird weiter dadurch unterstrichen, dass die Zusammenfassung der Erfahrungen im
Hinblick auf den neuen Lehrplan ein Jahr zu früh geschieht, sodass Erfahrungen vom Jahre
2008 nicht in die Wissensgrundlage einbezogen werden können, auf der die permanente
Ordnung aufbauen soll.
Ehrenamtliche Mitarbeiter
Ein wichtiger Gedanke im Hinblick auf die Versuchsphase war die Mobilisierung von
ehrenamtlichen Mitarbeitern in den Versuchsprojekten. Was wurde erreicht? Die meisten
Aktionen hatten durchschnittlich 2-4 ehrenamtliche Mitarbeiter. Gottesdienste hatten im
Schnitt 3. In nur ganz wenigen Versuchen waren ehrenamtliche Mitarbeiter Initiatoren oder
Aktionsleiter. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass einzelne Aktionen 20 bis 30
ehrenamtliche Mitarbeiter mobilisierten, oft Eltern und andere, die nicht nur passive
Empfänger sein wollten, sondern die aktiv bei der Vorbereitung, Durchführung und
Aufräumarbeit teilnehmen wollten. Solche Grosseinsätze waren allerdings eher Ausnahmen.
Stützfunktionen
Alle lokalen Versuchsprojekte hatten einen Mentor zur Seite bekommen, der die Projekte
begleitete. Die überwiegende Mehrzahl der lokalen Projektleiter empfand die
Zusammenarbeit mit einem Mentor als wichtigen Faktor für die Durchführung des Projektes.
Die Außenseiterperspektive des Mentors und dessen Fähigkeit, den größeren Zusammenhang
zu sehen, waren sowohl Stütze als auch Inspiration für die Projektleiter. Die wichtigsten
Kompetenzen des Mentors waren dessen Erfahrung als Berater und Projektleiter sowie dessen
Fähigkeit, sich in Menschen und Situationen einzuleben und zuhören zu können.
Unserer Meinung nach hat die Mentorordnung dazu beigetragen, die lokalen Projekte
qualitativ zu sichern, doch sollte die Rolle des Mentors besser definiert und abgegrenzt
werden. Das gilt besonders für das Verhältnis zwischen Fokus des Mentors auf Beratung des
Projektleiters bzw. auf Durchführung des Projektes. Wir glauben auch, dass eine Spannung
zwischen den Rollen des aktiv involvierten Teilnehmers und des reflektierenden Beobachters
entstehen kann. Eine Art von Mentorhilfe wäre dennoch eine große Stütze für die Reform,
wenn diese in allen Gemeinden der Norwegischen Kirche eingeführt wird.
Organisationen sowie Bildungs- und Forschungsinstitutionen haben durch 79 nationale und
regionale Projekte Mittel zur Entwicklung von Theorien und Erprobung von Methoden
erhalten. Wir haben in der Evaluation darauf hingewiesen, dass die Projektleitung die
Entwicklungsprojekte besser zur zielorientierten Entwicklungsarbeit nutzen hätte können,
unter anderem indem sie selbst Projekte initiierte.
Nun ist eine große und umfassende Entwicklungsarbeit begonnen worden, und ein Grossteil
davon ist auf verschiedene Art dokumentiert. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die
Koordination einer solchen Arbeit, die Publikation und Verteilung von Information an
verschiedene Akteure sowie die systematische Präsentation der neuentwickelten Theorien und
Methoden eine große Herausforderung ist. Ziel ist es, die Resultate allen Interessierten leicht
zugänglich zu machen, aber diese Resultate auch in der weiteren Arbeit mit dem endgültigen
Lehrplan für Glaubensbildung zu benutzen.
Das norwegische Parlament hat darauf hingewiesen, dass es in Verbindung mit der
Versuchsphase, aber auch in der weiteren Reformarbeit, ein Kompetenznetzwerk geben sollte,
das zur Aufgabe haben solle, die Kompetenzen innerhalb der kirchlichen, pädagogischen und
sozialwissenschaftlichen Bereiche im Rahmen des Fachgebietes religiöse Bildung zu
koordinieren.
Es dauerte 2 Jahre, bis das Nationale Kompetenznetzwerk für die Glaubensbildung in der
Norwegischen Kirche errichtet war. Ein elektronisches Netzwerk wurde auf der Homepage
der Reform errichtet, Fachkonferenzen wurden abgehalten und drei Netzwerkgruppen
gebildet. Unserer Meinung nach ist das Kompetenznetzwerk nicht die zentrale Stützstruktur
der Versuchsphase geworden und es ist schwer zu erkennen, wie ein so löse strukturiertes
Netzwerk eine zentrale Stütze werden kann, so wie es das Parlament vorgesehen hat. Als
positiv kann gewertet werden, dass die Projektleitung bestimmt hat, eine stärkere
Koordinierung der Arbeit im Kompetenznetzwerk zu etablieren, unter anderem um die
fachliche und systematische Bearbeitung des reichhaltigen Erfahrungsmaterials besser
sammeln zu können.
Vom Versuch zur endlichen Reform
Am Beginn der Glaubensbildungsreform wurden weder von politischer noch von kirchlicher
Seite genauere Angaben gemacht, wie der Übergang von der Versuchsphase zur endlichen
Reform vor sich gehen sollte. Nach mehr als zwei Jahren der Versuchsphase begann die
Projektleitung, den Übergang zu planen und die Hauptprobleme in Verbindung mit der
Implementierung der endlichen Reform in allen norwegischen Gemeinden zu identifizieren.
2007 beschloss auch der Kirchenrat, dass ein Plan für die Glaubensbildungsreform in der
Norwegischen Kirche erarbeitet werden sollte, und gab der Leitungsgruppe die
Verantwortung für die Entwicklungsarbeit.
Wir meinen, dass die folgenden zwei Aufgaben die wichtigsten Herausforderungen im
Übergang vom Versuch zur endlichen Reform sind: erstens, die Verarbeitung dessen, was wir
aus der Versuchs- und Entwicklungsarbeit gelernt haben, in die Arbeit mit dem neuen
Reformplan. Wir glauben, dass das eine besondere Herausforderung sein wird, weil der
vorgegebene Zeitrahmen es nahezu unmöglich macht, Nutzen aus der breiten Masse an
Erfahrungen zu ziehen, wenn der allgemeine Reformplan bereits im November 2008 im
Kirchenrat behandelt werden soll.
Zweitens muss geklärt werden, welche Mittel den Gemeinden zur Verfügung stehen werden.
Das Parlament hat signalisiert, dass sich die totale Summe auf 250 Millionen NOK pro Jahr
belaufen wird. 2008 wurden 130 Millionen für die Reform verwendet, von denen 105
Millionen auf die verschiedenen Versuchsprojekte in den 350 Gemeinden verteilt waren. Es
lässt sich kaum vermeiden, dass alle Gemeinden mit viel geringeren Mitteln auskommen
werden müssen als die ursprünglichen Versuchsgemeinden, wenn alle 1 300 Gemeinden
zusammen nur 250 Millionen zur Verfügung haben.
Die Einführung der endlichen Reform in sowohl den ursprünglichen wie auch den neuen
Gemeinden ist eine Herausforderung, die einer Lösung bedarf. Nicht nur finanzielle Mittel,
sondern auch Personalressourcen für die neuetablierten Stellungen und Stützfunktionen im
Laufe der Implementierung müssen hier bedacht werden. Es fragt sich, ob nicht lokale
Zusammenarbeitsordnungen, vor allem zwischen kleineren Gemeinden, errichtet sein
müssen, um es diesen zu ermöglichen, allen Getauften zwischen 0 und 18 Jahren eine
systematische Glaubensbildung anbieten zu können, ohne die Dimension von 315 Stunden im
Jahr zu sprengen.
Konklusionen
Unsere Schlussfolgerungen bauen auf den Daten, Analysen und Betrachtungen aller Kapitel
des Buches auf.
Da die Reform bereits in der Versuchsphase teilweise implementiert wurde, ist der
Versuchsteil der Reform unserer Meinung nach geschwächt worden.
Es wurde eine große Vielfalt an Aktivitäten und Aktionen durchgeführt, und diese haben die
Grundlage für die lokalen Versuche, Erfahrungen und Lernprozesse gelegt. Die Gemeinden
haben theologisch über Taufe und Glaubensbildung reflektiert, den Begriff „Lernen“ neu
durchdacht und Gewicht auf Lernen in einer praxisorientierten Gemeinschaft gelegt. Die
vielleicht wesentlichsten Änderungen sind der zentrale Platz des Gottesdienstes und die
Sichtweise, die Kinder und Jugendliche als zentrale Subjekte und aktive Teilnehmer versteht.
Andererseits haben wir festgestellt, dass der Glaubensreform bis heute eine nähere
Bestimmung des Wissensinhaltes fehlt. Wir meinen auch, dass das Erfahrungsmaterial aus
den Versuchen bis heute nichts darüber aussagen kann, wie eine systematische
Glaubensbildung für die gesamte Altersspanne aussehen sollte.
Es hat sich gezeigt, dass die Lokalitäten der Kirche als Arena dominieren. Hierbei wird Wert
darauf gelegt, Wissen, Praxis und soziale Gemeinschaft miteinander zu verbinden.
Glaubenspraxis die die Benutzung des Kirchenraumes bedingt wird hervorgehoben. Weitere
langsichtige Aktivitäten setzen auf Milieuaufbau, während die kurzzeitigen Aktivitäten oft die
Vermittlung von christlichen Kerninhalten an möglichst viele zum Ziel haben. Diese handeln
meistens von Bibelstoff und Ethik, und wenig von Vermittlung systematischer Glaubenslehre.
Der Katechismus ist hier völlig abwesend.
Die Versuchsgemeinden haben wenig Gewicht auf eine multireligiöse Bildung gelegt. Am
Anfang der Reformperiode wurde Wert auf relativ breite Aktivitäten mit allgemeinem Inhalt
und deutlichen Sozialisierungszielen gelegt, während man sich gegen Ende mehr auf
spezifisch christliche Glaubensbildung konzentriert hat. Viele der kurzzeitigen Aktivitäten
wurden mit einem Gottesdienst begonnen oder abgeschlossen. Dadurch wurde die
Glaubensbildung auch ein sichtbarerer Teil des Gemeindelebens. Die aktive Teilnahme der
Kinder als sowohl Liturgen wie auch Teilnehmer verstärkte den allgemeinen Trend hin zur
Subjektivierung des Kindes in der Glaubensbildungsreform.
Sehr viele der Aktivitäten behandelten das Thema Taufe, den Eintritt in das Christentum, und
den wachsenden Glauben durch religiöse Bildung. Das traditionelle Bekehrungschristentum
ist hierbei so gut wie verschwunden, und das Erziehungschristentum im Fokus. Dies ist
höchst wahrscheinlich ein bleibender Trend.
Obwohl die Zielgruppe Kinder und Jugendliche waren, und die Aktivitäten und Rapporte auf
diese Zielgruppe abgestimmt waren, haben doch einige den Versuch gemacht, Eltern und
Taufpaten anzusprechen indem sie die Glaubensbildungsreform als Hilfe bei der
Zurechtlegung einer kontinuierlichen Glaubenserziehung zu Hause betrachten haben.
Alles in Allem sieht es so aus, als gäbe es eine erweiterte Definition der Glaubensbildung, in
der die frühere katechetische Tradition mit ihrer starken dogmatischen Dimension von einer
soziokulturellen pädagogischen Denkweise ersetzt worden ist, die auf die gesamte
Vermittlung, das Lernen in der Gemeinschaft sowie Lernen durch Praxis in einem natürlichen
Kontext Wert legt.
Ausgehend von drei Hypothesen haben wir uns gefragt, was diese Änderungen in der
Versuchsphase verursacht haben kann. Wir meinen zu sehen, dass die Versuchsgemeinden
relativ stark von den Lernprozessen der systematischen Versuche mit verschiedenen
Aktivitäten geprägt waren. Die Gemeinden passten sich den zentralen Rahmenbedingungen
an, aber ließen sich weniger von den Inhalten beeinflussen. Wir stellten auch fest, dass die
Gemeinden die Glaubensbildung in ihren eigenen lokalen Traditionen für die Tauf- und
Glaubenserziehung weiterführten, verankerten und weiterentwickelten.
Auch wenn wir feststellen müssen, dass die Projektleitung zu wenig Gewicht auf eine
erforschende Versuchsstrategie gelegt hat und deswegen Probleme hat, die gesammelten
Resultate in eine endliche Reform zu bringen, hat sich gezeigt, dass die Versuchsphase die
Kinder- und Jugendarbeit in der Norwegischen Kirche auf beispielhafte Weise vitalisiert hat.
Es gibt einige Herausforderungen im Bezug auf die Implementierung, doch eine gute
Grundlage ist gelegt worden und wird 2009 sowohl den Versuchsgemeinden als auch den
anderen Gemeinden der Norwegischen Kirche einen weit besseren Ausgangspunkt für eine
systematische Glaubensbildung für alle Getauften im Alter von 0 bis 18 ermöglichen, als sie
2003 hatten, bevor die Reform begann.
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