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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Rückkopplungskreise
in der Wirtschaft
Thermostat oder Teufelskreis
Die Deutsche Bundesbank
war Thermostat der DM
Inflation und
neue Arbeitslosigkeit
sind Teufelskreise
Statt Lohn-Preis-Spirale
Ratio-Arm-Spirale
Erich Neuburger
2005
Als Manuskript gedruckt, alle Rechte vorbe-
halten
1
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Zum Inhalt dieser Schrift
Reformen sind fast das einzige Thema
heute in der Politik
Vieles was sich bisher bewährt hatte funktioniert heute
nicht mehr. Der ungezügelte und weitgehend verherrlichte
technische Fortschritt und eine ständig weitergehende
Liberalisierung soll die Zustände verbessern. Hat z. B. die
Verlängerung der Ladenöffnungszeiten den Umsatz erhöht? Hat z. B. die Einführung neuer Ladenkassen den
Umsatz erhöht? Sind die Menschen zu faul oder zu blöd,
wenn die von den Wirtschaftstheoretikern vorgeschlagenen Reformen unannehmbar scheinen oder nicht greifen.
Oder sind die klassischen und neoklassischen Wirtschaftstheorien bei dem heutigen Tempo des technischen Fortschrittes nicht mehr zu zuverlässigen Aussagen fähig?
Wird in diesen Theorien vielleicht zu viel nach wirtschaftlichen Gleichgewichten gesucht, die sich gar nicht mehr
einstellen können, weil sich die Bedingungen dazu schneller ändern als sich die Gleichgewichte einstellen?
Was man in diesen Theorien fast völlig vermisst ist eine
ausreichende Betrachtung der vielfältigen Rückkopplungen, die das meiste in der Wirtschaft bestimmen. In der
freien Wirtschaft sind ja diese Rückkopplungen die wesentlichen Elemente. Die positive Rückkopplung über den
Markt ist ja gerade die Eigenschaft, welch die freie
Marktwirtschaft der Planwirtschaft überlegen macht: Erfolgreiches am Markt bringt weiteres erfolgreiches am
Markt. Die momentane Misere ist in den meisten Fällen
2
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dadurch gekennzeichnet, dass diese positive Rückkopplung die vorhandenen schlechten Zustände systembedingt
laufend verschlechtert. Die positive Rückkopplung des
freien Marktes steigert, verbessert also nicht nur die guten
Zustande , sondern steigert, also verschlimmert auch die
schlechten Zustände. Ohne Einführung stabilisierender negativer Rückkopplungen in der Art des Thermostats oder
der Geldwertstabilisierung der deutschen Bundesbank, die
über 50 Jahre die Inflation in Schach hielt, werden alle
diskutierten Reformen scheitern, ganz ähnlich wie die bisherigen Gesundheitsreformen.
In dieser Schrift werden die vorhandenen Rückkopplungen
und ihre Wirkungen betrachtet sowie die Möglichkeit und
Notwendigkeit einiger negativen Rückkopplungen aufgezeigt, die die Rahmenbedingungen des freien Marktes so
gestalten können, dass die Voraussetzungen einer florierenden Wirtschaft sich nicht selbst zerstören können.
3
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Inhaltsverzeichnis
Zum Inhalt dieser Schrift ................................................2
Reformen sind fast das einzige Thema heute in der
Politik .............................................................................2
Inhaltsverzeichnis .............................................................4
Staat und Wirtschaft – eine Vorbemerkung ...............14
Positive und negative Rückkopplung ...........................16
Vorwort ........................................................................20
THERMOSTAT UND TEUFELSKREISE
RÜCKKOPPLUNG UND REGELKREISE IN DER
WIRTSCHAFT ........................................................ 24
Ethische Vorbemerkungen ............................................24
1. Zwei Forderungen: Ehrfurcht vor dem Leben –
Ehrfurcht vor dem Feuer ..............................................24
2. Recht auf Arbeit, bei Beachtung der
Randbedingungen wirtschaftswissenschaftlicher
Lehrsätze möglich und notwendig ...............................25
1.
Aspekte des Freien Marktes ..................................32
1.1. Freie Marktwirtschaft bedeutet:
Wirtschaftsentwicklung ist Wirtschaftsregelung durch
Rückkopplung über den Markt .....................................32
1.2. Was leisten die in der deutschen Wirtschaft
wirkenden Rückkopplungskreise und was nicht ..........34
4
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.3. Rückkopplung im Markt Die unsichtbare Hand
nach Adam Smith, wie wirkt sie heute und wann nicht Marktmacht behindert sie stark ....................................37
Der Kaufvorgang bewirkt die Rückkopplung über die
Warenqualität - oder über ein Werbefoto auf der
Packung ........................................................................40
1.4. Shopping, anstatt Homo Ökonomikus - Homo
Ludens 42
1.5. Kapital in der Wirtschaft – Rückkopplung über
erwartete Rendite, sie führt bei fehlender Kaufkraft
leicht in Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit........43
1.6. Konjunkturzyklen .............................................45
1.6.1.
Ergebnis positiver Rückkopplungen - nur
durch den Einbau gegenwirkender, stärkerer negativer
Rückkopplungen zu beherrschen - analog dem
Thermostat beim Feuer.................................................45
1.6.2.
Analoge positive Rückkopplungen in der
Technik 48
1.7. Reformen viel Gerede aber keine Tat...............50
1.8. Rückkopplung – Wesen der freien
Marktwirtschaft ............................................................51
1.9. Siegeszug der Elektronik erst nach allgemeiner
Einführung von gegengekoppelten Regelkreisen – ......52
1.10.
Zielgleichgewichte zu betrachten genügt wohl
nicht
54
1.11.
Der freie Markt ist eigentlich gar nicht frei ..55
1.12.
Kein freier Markt ohne Rechtssicherheit also
gesetzlichen Zwang ......................................................56
5
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.13.
In rückgekoppelten Systemen sind starre
Zahlenfestlegungen in Gesetzen meist weitgehend
wirkungslos für ein bestimmtes angestrebtes Ziel .......57
1.14.
Das Gesetz für die deutsche Bundesbank ist
Beispiel für wirkungsvolle Gesetze für die Wirtschaft 57
1.15.
Gesetze ohne starre Zahlen und
Planungssicherheit in der Wirtschaft............................58
1.16.
Gegenkopplungsmöglichkeiten in der
Wirtschaft zum Abbau der Arbeitslosigkeit .................58
1.17.
Anstoß zum wirtschaftswissenschaftlichen
Nachdenken ..................................................................60
1.18.
Innovation – Grundlage von
Wirtschaftswachstum ...................................................62
1.19.
Heute diskutierte Reformen sind
Steuerungsversuche, sie haben wie früher im Ostblock
keinen Erfolg ................................................................64
2.
Abgaben an den Staat - Steuern ...........................65
2.1. Steuerstrukturen ...............................................65
2.2. Steuerarten ........................................................66
2.3. Direkte Steuern .................................................67
2.4. Die indirekten Steuern - Stellglieder neuer
Regelkreise ...................................................................67
2.5. Ökosteuer und das BVG-Urteil vom April 2004
69
3. Wirtschaftspolitische Probleme im Blickwinkel
von Rückkopplungen .....................................................70
3.1. Nähere Begründung der Notwendigkeit von
weiteren stabilisierenden Rückkopplungskreisen ........70
3.2. Deregulierung ...................................................72
6
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.3. Globalisierung ..................................................73
3.3.1.
Konkurrenzfähigkeit in einer globalisierten
Welt
77
3.3.2.
Beschleunigung der Globalisierung .............78
3.3.3.
Freier Welthandel wegen Macht des
Reichtums nicht möglich, höchstens im Sinne der
Freiheit des Mächtigen .................................................78
3.3.4.
Globalisierung heutiger Prägung schafft
Instabilität der Gesellschaft in den reichen und in den
armen Ländern ..............................................................79
3.3.5.
Wirtschaft in verschieden schnellem
technischen Fortschritt .................................................80
3.4. Ökologie kontra Konkurrenzfähigkeit..............81
3.5. Deutsches Sozialsystem - ein Solidarsystem nur
der Arbeitnehmer..........................................................82
3.5.1.
Sozialsystem in Deutschland - positive
Rückkopplung in die Arbeitslosigkeit ..........................83
3.6. „Ratio-Arm-Spirale“ statt Lohn-Preis-Spirale .84
3.7. Arbeitslosigkeit ................................................85
3.7.1.
Arbeitslosigkeit 2 .........................................86
3.8. Arbeit der Menschen – Quelle des Wohlstandes
87
3.9. Grundrecht auf Arbeit und Möglichkeit zu seiner
Realisierung ..................................................................88
3.10.
Ist Dienstleistung eine der Produktion
gleichwertige Arbeit .....................................................91
3.11.
Weiterbildung - ein großes Schlagwort .......93
3.12.
Wirtschaftswachstum über neue Produkte ...95
3.12.1. Handy ...........................................................95
3.12.2. Das Internet ..................................................96
7
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.13.
Konzentration / Fusionen .............................98
3.13.1. Große Konzerne werden eher
planwirtschaftlich als marktwirtschaftlich geführt. ....100
3.13.2. Monopolisten wie Microsoft hemmen den
technischen Fortschritt ähnlich wie die Planwirtschaft,
denn in Ihrem Marktbereich herrscht sie dann praktisch.
101
3.14.
Aufbau Ost ein Misserfolg für 1250
Milliarden Euro ..........................................................102
3.15.
Angebotswirtschaft – Nachfragewirtschaft 103
3.16.
Krise des Einzelhandels .............................106
3.16.1. Der Handel könnte für Kundeninformation
unabhängig vom Hersteller sorgen .............................106
3.16.2. Personalkostenabhängige Umsatzsteuer
hauptsächlich vom Handel erhoben könnte den Handel
wieder “handlungsfähig“ machen...............................107
4.
Rückkopplung in der Technik und Natur .........108
4.1. In der Anfangszeit der Elektronik versuchte man
auch positive Rückkopplung zu nutzen – mit
fragwürdigen Erfolg ...................................................108
4.2. Sägezahnschwingungen..................................109
4.3. Die Kerze, die schönste positive Rückkopplung
110
4.4. Der Segen Negativer Rückkopplung Thermostat ..................................................................111
5.
Wirtschaftswissenschaftliche Bemerkungen .....112
5.1. Inflation – Thermostat frühere Deutsche
Bundesbank ................................................................112
5.1.1.
Monetarismus .............................................113
8
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
5.2. Finanzmärkte scheinen keine echten Märkte zu
sein – positive Rückkopplung über zu viel Optimismus
114
5.3. Das deutsche Wirtschaftswunder ...................116
5.4. Gleichgewichte im 18. und 19. Jahrhundert ...117
5.5. Überfluss- und Wegwerfgesellschaft .............117
5.6. Schwer erkennbare Warenqualität..................118
5.7. Die Leute wollen nicht zu wenig oder uneffektiv
arbeiten, sondern können nichts mehr interessantes
kaufen 119
5.8. Derzeitig diskutierte Sozialreformen und
Steuererformen - Förderer der Arbeitslosigkeit .........120
5.9. Rentenreform ..................................................120
5.10.
Weitere Wirtschaftliche Regelkreise sind
notwendig ...................................................................121
5.11.
Politik der Grünen – mehr Beachtung der
Ökologie 122
5.12.
Ansätze für Wege aus der Krise .................124
6. Generelle Betrachtung von Wirtschaftssystemen
und ihrer Theorien .......................................................125
6.1. Wirtschaftspolitik hat etwas von dem Steuern
eines Schiffes über den Atlantik.................................131
6.2. Die Möglichkeit, Form und Grenzen der neuen
Regelkreise muss erforscht werden ............................131
6.3. Moral in der Wirtschaft und Staat ─ zu einem
Interview mit dem Präsidenten des deutschen
Bundesverfassungsgerichts, Hans Jürgen Papier .......133
Rückkopplungskreise in der Wirtschaft im Blickwinkel
der Systemtheorie von Luhmann ................................137
9
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
6.4. Kurzcharakteristik des Systems Wirtschaft bei
Luhmann.....................................................................137
6.5. Eigentum – Fundament der Wirtschaft – Staat
unerlässlicher Stützpfeiler ..........................................139
6.6. Positiv rückgekoppelte Schleifen ─
Teufelskreise ..............................................................142
6.7. Kybernetik ─ Leistung und Grenzen in der
Wirtschaft, Evolution, Globalisierung .......................145
6.8. Geldwirtschaft als Friedensstifter...................148
6.9. Wirtschaft als Schiff „Wellness“ ─ Klippen,
Riffe und Eisberge im Fahrwasser fordern Steuermann
zu ihrer Umschiffung .................................................149
6.10.
Weitere Notwendigkeit von Kybernetik in der
Wirtschaft ─ Gesetzgeber gefordert ...........................152
6.11.
Gefahr der Spaltung in einen realen und einen
eher virtuellen Geldkreislauf ......................................153
7. Weitere Anregungen zur Abschaffung der
Teufelskreise .................................................................158
7.1. Solidarsystem der gesamten Gesellschaft - Weg
aus der Ratio-Arm-Spirale .........................................158
7.2. Umsatzsteuer personalkostenabhängig finanziert
die Sozialkosten .........................................................158
7.3. Personalkostenabhängige Umsatzsteuer
verlangsamt den technischen Fortschritt – Ist das für den
Wirtschaftstandort gefährlich oder eher günstig? ......160
7.4. Ist eine Verlangsamung des technischen
Fortschritts nicht gerade tödlich für eine
Volkswirtschaft? ........................................................165
7.5. Personalkosten im Handel ..............................166
10
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
7.6. Beweglichkeit der Arbeitssuchenden .............169
7.7. Gibt es eine Chance z.B. über
Umsatzsteuerformen sich sozial vom Weltmarkt
abzukoppeln ...............................................................172
7.8. Regelkreise im Gesundheitswesen .................176
7.9. Regionale Märkte und Entwicklungsausgleich –
Internationale Treuhänder ..........................................181
8.
Warum eigentlich Geldwertstabilisierung .........183
8.1. Geld, Geldwert, Konjunktur ...........................183
8.2. Warum Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ......186
8.3. Welche rationalen Wege könnte es langfristig
aus der derzeitigen Situation geben? Reservat für die
kapitalistische Industrie ..............................................186
9. Grundsätze einer Wirtschaftsordnung mit freiem
Markt. ............................................................................188
9.1. Ein freier Markt muss durch eine starke
Marktordnung geschützt werden. ...............................188
9.2. Arbeitslosigkeit ist vom Kapital zu finanzieren,
denn es verdient fast alleine an ihr .............................190
9.3. Arbeit statt Arbeitslosengeld für länger
arbeitslose ...................................................................191
9.4. Regelkreise und Recht ....................................192
9.5. Private Altersversorgung und
„Generationenvertrag“................................................193
9.6. Schwarzarbeit .................................................194
10.
Einfaches Modell einer Minimalgesellschaft bei
wachsender technologischer Effizienz - ein
Gesellschaftsmärchen ...................................................195
11
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
11.
Grundprinzipien eines freien Marktes ...........200
11.1.
Gegen Schwingungsneigung des Marktes bei
positiver Rückkopplung .............................................201
11.2.
Private Marktmacht darf nie vergleichbar mit
der Macht des Staates werden. ..................................202
12.
Einige Bemerkungen am Schluss ....................203
13.
Zusammenfassung ............................................206
15 Thesen.......................................................................212
Anhang A ......................................................................215
A 1. Ansätze zu einigen Steuerklassen und
Hebesätzen die sich zur Regelung eignen ...................215
A 1.1.
Personalkostenabhängige Steuersätze für den
Handel 215
A 1.2.
Ansätze zu einer Luxussteuer .....................217
A 1.3.
Altersversorgung ........................................218
Anhang B.......................................................................219
B 1. zum Thema Kultur ...........................................219
B 1.1.
Kultur und Marktidee .................................220
B 2. Effektivere Schulstruktur ................................221
B 2.1.
Schule ist Kinderarbeit - sie sollte auch so
bezahlt werden............................................................222
B 3. Weitere Regelkreise ..........................................224
B 3.1.
Das Produktionssystem von Toyota ...........224
12
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
B 3.2.
Regelkreise in der Kerntechnik ..................226
B 3.3.
Kreditsicherung für Unternehmen ..............230
B 3.4.
Fußballmannschaft ein Modell für eine
Vernetzte Gesellschaft................................................233
B 3.5.
Rolle der Kapitalisten für den Fortschritt ...234
B 3.6.
Wertschöpfungen mancher Manager sind eher
heiße Luft ...................................................................235
B 3.7.
Zum Schlagwort der Staatsquote ................236
B 3.8.
Einige Bemerkungen zum Geld .................238
B 3.9.
Geldstabilität ..............................................240
Literaturverzeichnis .....................................................243
Stichwortverzeichnis ....................................................248
Der Autor ......................................................................257
Der Autor ......................................................................257
13
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Staat und Wirtschaft –
eine Vorbemerkung
Die Beziehungen zwischen Staat und Wirtschaft sind sehr
vielfältig. Die wichtigsten sind:
Der Staat bestimmt die Wirtschaftsordnung also die Rahmenbedingungen durch Gesetze entsprechend der Verfassung.
Durch die Exekutive muss er die gesetzte Ordnung durchsetzen.
International muss er seine Wirtschaft in die Weltwirtschaft einordnen. Im wesentlichen durch internationale
Verträge.
Der Staat ist aber auch ein Teil der Wirtschaft. Die meisten staatlichen Handlungen sind spezielle wirtschaftliche
Aktivitäten, in denen der Staat die Wirtschaft als Teilnehmer beeinflusst - ob er nun will oder nicht.
Die Wirtschaftspolitik bestimmt im wesentlichen die Richtung in die sich die staatlichen Handlungen zeitlich entwickeln.
Der klassische Wirtschaftsliberalismus stolperte in den 1.
Weltkrieg und scheiterte in der Wirtschaftskrise von 1929.
Nach der darauf folgenden Katastrophe des 2. Weltkrieges
war die Wirtschaftstheorie von Keynes vielfach anerkannt
und man versuchte dieser zu folgen. Nach dieser Theorie
versuchte man eine negative Rückkopplung (Gegenkopplung) zur Dämpfung der Konjunkturschwankungen einzuführen – also mehr Staatsausgaben bei Konjunkturrück14
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gang und staatliche Sparsamkeit bei hoher Konjunktur.
Nach anfänglichen Erfolgen scheiterte diese Politik. Die
Zeitkonstanten der Regelwirkungen waren viel zu groß,
d.h. die Gegensteuerung erfolgte immer viel zu spät. Die
Reaktionsweise des Staates war an das Ziel nicht angepasst. Die Schwingungsphase war bis zur Wirkung der
staatlichen Maßnahmen bereits um 180 Grad verschoben
und aus der Gegenkopplung wurde eine Mitkopplung (positive Rückkopplung) welche die Schwingungen verstärkte.
Dann wandte man sich der Theorie von Friedmann zu, die
verlangte, der Staat sollte sich weitestgehend aus der Wirtschaftsbeeinflussung heraushalten und nur die richtige
Geldmenge zur Verfügung zu stellen. Diese Theorie ist als
Neoliberalismus oder Monetarismus bekannt. Eine wesentliche Grundlage für diese Theorie ist der Satz: „Jedes Angebot schafft sich selbst seine Nachfrage“. Bei Näherer
Betrachtung setzt dies eine beliebig große Mobilität der
Arbeitnehmer voraus. Aber schon Friedmann erkannte,
dass man dazu wahrscheinlich eine gewaltige Bildungsförderung durch den Staat benötigt. Diese notwendige
Mobilität ist bei langsamer technischer Entwicklung noch
einigermaßen zu schaffen. Bei der heutigen schnellen
Entwicklung erscheint das aber eher aussichtslos.
Vernünftig wäre wohl eine sinnvolle Mischung aus beiden
Theorien. Als Schlussfolgerung aus dieser Schrift ergibt
sich:
15
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Staatliche Konjunkturausgaben müssen viel schneller variabel sein als Reaktionen der Wirtschaft. Die Umsetzung
der technischen Entwicklung in die Wirtschaft muss verlangsamt und die Weiterbildung der Arbeitnehmern muss
beschleunigt werden, so dass irgendwo freigesetzte Arbeitskräfte an anderer Stelle eingesetzt werden können.
Erst wenn dieses zunächst als Ziel anerkannt und dann
durch geeignete Maßnahmen umgesetzt wird, scheitern
diese beiden großartigen Ansätze der Wirtschaftstheorie
nicht mehr an dem unaufhaltsamen Wissensfortschritt in
der Technik
Die Rolle der Globalisierung ist eine Verschärfung all der
hier diskutierten Probleme wie im nachstehenden gezeigt
wird. Das Ziel der Globalisierung – nämlich Wohlstand
für alle – kann also nur erreicht werden, wenn die richtige
Geschwindigkeit eingehalten wird. Zu schnelles Fahren
führt auch hier mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem
vollständigen Crash.
Positive und negative Rückkopplung
Das heutige Verfahren des Staates Geld auszugeben und
die Abgabenstrukturen, die das ungezügelte Freisetzen von
Arbeitskräften für die Wirtschaftseinheiten rentabel machen, ermöglichen aus der heutigen Krise keinen Ausweg.
Die Arbeitslosigkeit ist positiv rückgekoppelt
Wichtige Grundlage der Wirtschaft wie allen Lebens ist
die Rückkopplung. Positive Rückkopplung ist die Quelle
von allem Wachstum. Wegen des Energieerhaltungssatzes
16
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
kann eine Sache nicht immer größer werden, sondern die
positiv rückgekoppelte Struktur muss zusammenbrechen,
was letztlich die Ursache des Todes aller Lebewesen ist.
Gäbe es in der Biologie nur die positive Rückkopplung,
würde alles schnell wachsen und dann alsbald sterben.
Länger dauerndes Leben wird durch negative Rückkopplungen ermöglicht. Das Wachstum wird sehr verlangsamt,
die Körpertemperatur mit einem Thermostat geregelt. Brechen wegen Überalterung diese Gegenkopplungen zusammen, stirbt das Lebewesen. Am drastischsten macht
sich das Verschwinden der Verzögerung des Wachstums
bemerkbar. Das ist der Krebs.
Die freie Wirtschaft lebt von der positiven Rückkopplung
über den Markt. Wirtschaftlicher Erfolg bringt wirtschaftlichen Erfolg. Aber auch wirtschaftlicher Misserfolg bringt
weiteren Misserfolg.
Ungebremste Rationalisierung bringt Massenarbeitslosigkeit und damit Kaufkraftschwund, was zu weiterer Arbeitslosigkeit führt und das zu weiterem Kaufkraftschwund und weiterer Rationalisierung und immer so weiter.
Ohne eingebaute negative Rückkopplungen gibt es nur
sehr starke Schwingungen und Spiralförmige Teufelskreise
in den Abgrund.
Dass man in der Wirtschaft negative Rückkopplungskreise
einbauen kann, hat die Geldwertstabilisierung durch die
17
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Deutsche Bundesbank gezeigt. Deutschland hatte praktisch
weltweit die kleinste Inflation über 50 Jahre.
Monetarismus ist wie ein Regelungsversuch eines Automotors über die Menge des Schmieröls. Besser scheint
immer noch ein wacher Fahrer mit Gas und Bremse zu
sein.
Diese Schrift untersucht die wirkenden Rückkopplungskreise und zeigt stabilisierende Rückkopplungsmöglichkeiten auf.
Die Steuerungsversuche der heutigen Politik, die als Reformen verkauft werden, haben in einem rückgekoppelten
System nur eine sehr kurzfristige Wirkung. Die vorhandenen Rückkopplungskreise sind allemal stärker.
Man sollte wohl provozierend behaupten:
Nur eine Wirtschaftstheorie in welche die Theorie der
Rückkopplungen voll integriert ist, hat eine Chance auf
Erfolg. Die Betrachtung quasistationärer Gleichgewichte –
wie heute weitgehend üblich - vernachlässigt weitgehend
die Dynamik des technischen Fortschritts in der Wirtschaft
und ist bei dem heutigen Entwicklungstempo der Technik
nicht mehr adäquat.
18
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
19
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Vorwort
Anfangs der 60er Jahre war ich mit dem Aufbau eines
Elektroniklabors im damaligen Kernforschungszentrum
Karlsruhe beschäftigt. Die Auswahl von Messgeräten zur
Beobachtung der Eigenschaften der von uns entwickelten
elektronischen Geräten war für uns ein sehr wichtiges
Thema. Das Oszilloskop - oder ungenauer gesagt - der Oszillograph war eines der wichtigsten Geräte. Am Bildschirm konnten wir den zeitlichen Verlauf der Signale verfolgen. Um das Bild scharf und im richtigen Zeitmaßstab
und Spannungsmaßstab zu sehen, musste man bei den damaligen Geräten beim Verstellen einer Größe auch alle
anderen wieder neu einstellen, denn alle wurden dabei verstellt. Das führte oft dazu, dass anstelle einer kleinen Drehung an dem für die eine Größe zuständigen Knopf man
nacheinander alle Knöpfe in mehrmaligem Durchgang
nachstellen musste. In den damaligen Geräten war eigentlich alles von allem abhängig. Es war also damals in den
elektronischen Geräten alles voneinander abhängig - genau
wie in der derzeitigen Marktwirtschaft.
Es war damals für die Elektroniker ein großes Ereignis, als
die Firma Hewlett Packard ein Oszilloskop auf den Markt
brachte, bei dem alle Knöpfe voneinander unabhängig waren. Beim Drehen an einem Knopf änderte sich nur die
Größe, die an dem Knopf stand. Alle anderen Größen
blieben wie sie waren.
Hewlett Packard eroberte damit den Markt für genaues
Messen. Siemens, Philipps und die anderen Marktführer
waren vollständig aus dem Rennen. Hewlett Packard hatte
20
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
als erster Hersteller die Theorie der negativen Rückkopplung konsequent eingesetzt. Der höhere Preis für eine Reihe dafür nötiger Verstärkerröhren war leicht zu verschmerzen, gegenüber dem großen Vorteil, das komplexe
Gebilde vernünftig handhaben zu können und nicht befürchten zu müssen dass der geringste Luftzug aus einen
geöffneten Fenster alle Einstellungen irgendwie durcheinander bringen würde.
Es dauerte dann einige Jahre, bis sich in der Raumheizung
der Thermostat durchgesetzt hatte. Diese Anwendung der
negativen Rückkopplung ist wohl inzwischen die populärste geworden. Allein die Firma e-g-o in Oberderdingen
hat im Jahre 1999 über 27 Millionen Thermostate gefertigt, die zum großen Teil in Haushaltsgeräte eingebaut
wurden. Aber noch früher wurde dieses Prinzip zur Inflationsbekämpfung in der Wirtschaft eingesetzt. Es war dies
die Deutsche Bundesbank, die als selbständiges Institut –
ausgestattet mit einem geeigneten Instrumentarium – die in
der deutsche Wirtschaft vorhandenen Geldmengen so regelte, dass die DM eine der stabilsten Währungen der Welt
wurde. War zu viel Geld im Umlauf, so dass die Preise zu
klettern drohte, verteuerte sie das Geldleihen, war etwas zu
wenig Geld im Umlauf, konnte man eine Zinssenkung bewirken, so dass Geld wieder billiger auszuleihen war.
Diese Schrift will nun zeigen, dass in der deutschen Wirtschaft – und nicht nur da – eine ganze Reihe nicht negativer sondern nicht genau genug betrachteter positiver
Rückkopplungskreise vorhanden sind, welche die Wirtschaft automatisch in nicht gewünschte Bereiche zwingen,
aus denen sie mit den üblichen Methoden nicht herauszu21
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
halten oder herauszubringen ist. Weiter wird gezeigt, dass
diese oder einige andere Rückkopplungen negativ gestaltet
werden müssen. Die negativen Rückkopplungen bringen
wie in der Elektronik und beim Thermostat ein System bei
Abweichen vom Gleichgewicht wieder ins Gleichgewicht
zurück. Die positiven Rückkopplungen verstärken aber
die Abweichungen und verschlimmern sie in einem Teufelskreis, oft bis zur Zerstörung des Systems. Sie müssen
also aus dem System entfernt werden und durch negative,
stabilisierende ersetzt werden. Nur diese Umpolung der
Rückkopplung ist eine echte Reform. Was zur Zeit versucht wird, entspricht einem hilflosen Herumdrehen an allen möglichen Knöpfen, die auch immer alles andere mitverstellen und die Sache immer schlimmer machen.
Die hier vorgeschlagenen Reformen wollen aber nicht die
freie Marktwirtschaft beinträchtigen, sondern sie von ständig verzerrenden Teufelskreisen befreien, sodass sie wieder nach der Theorie der alten Meister funktionieren kann.
Diese Schrift zeigt bewusst nur einige prinzipielle Ansätze, wie das zu erreichen sei. Es wäre aber ein großer Erfolg, wenn eine Reihe von jungen Wirtschaftswissenschaftlern sich daran machen würden, die Theorie der negativen und positiven Rückkopplung eingehend zu studieren und wirtschaftswissenschaftliche Ansätze, die parallel
zur Geldstabilisierung z.B. auch für eine Stabilisierung
der Beschäftigung und eine Stabilisierung der Erfüllbarkeit
von Kinderwünschen sorgen können, zu erarbeiten.
22
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
23
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Thermostat und Teufelskreise
Rückkopplung und Regelkreise in der Wirtschaft
Ethische Vorbemerkungen
1. Zwei Forderungen: Ehrfurcht vor dem Leben –
Ehrfurcht vor dem Feuer
Diese beiden Forderungen sollten auch die gestaltenden
Prinzipien jeglicher Wirtschaft sein.
Das erste Motto, Ehrfurcht vor dem Leben, stammt von
Albert Schweizer. Es müsste aber schon das Motto eines
denkenden Menschen sein, der zunächst nichts will als leben. Wenn sich ein Mensch seine Situation auf der Welt
etwas genauer betrachtet, sieht er nur dann eine Chance
zum Leben, wenn die Menschen um ihn herum ein Mindestmaß Ehrfurcht vor dem Leben besitzen. Eine andere
Chance hat er nicht. So kann und muss die Gesellschaft, in
der er lebt, auch von ihm Ehrfurcht vor dem Leben fordern.
Ehrfurcht vor dem Feuer scheint für einen heutigen Menschen schon ein bisschen weiter hergeholt. Schon in Urzeiten war das Feuer im Herd eine wichtige Voraussetzung
24
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
für das Überleben. Heute ist die Energiequelle zum Kochen mit einem Handgriff einschaltbar und so selbstverständlich, dass man sie fast vergessen kann. Aber die
Energiefrage ist nach wie vor akut. Sie ist keinesfalls
nachhaltig gelöst.
Feuer existiert fast immer in einer positiven Rückkopplungsschleife. Feuer schafft durch Erhitzen seinen gasförmigen Brennstoff selbst. Wenn es nicht gezähmt ist,
wächst und wächst es bis alles erreichbare verbrannt ist.
Der Herd war der erste Firewall, die erste Brandmauer.
Siedlungen ohne gute Brandmauern sind früher oft vollständig abgebrannt. Noch im zweiten Weltkrieg sind alte
Städte weitgehend den Brandbomben zum Opfer gefallen.
Allein das moderne Berlin hatte ausreichend Brandmauern, so dass keiner der vielen Luftangriffe einen großen
Flächenbrand entfachen konnte.
Was hat das mit der Wirtschaft zu tun? Wirtschaft soll
Grundlage des Lebens sein. Wenn das nicht ihr wichtigstes
Ziel ist, und sie dies optimal leistet, ist sie trotz vieler Erfolge nicht in Ordnung und muss weiter optimiert werden.
Positive Rückkopplungskreise ohne Firewalls zwischen
einzelnen Elementen und Bereichen, führen auch in der
Wirtschaft zu Katastrophen.
2. Recht auf Arbeit, bei Beachtung der Randbedingungen wirtschaftswissenschaftlicher Lehrsätze möglich und notwendig
Das wirtschaftliche Hauptproblem in Deutschland heute ist
die Arbeitslosigkeit. Über fünf Millionen Arbeitslose sind
25
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
offensichtlich ein Alarmsignal. Es fehlte aber in den letzten Jahren nicht an Versuchen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Das Problem ist also nicht neu und auch nicht
jetzt erst erkannt. Als Beobachter der öffentlichen Diskussion muss man wohl feststellen, dass offenbar viele Gründe für die Arbeitslosigkeit gesehen werden. Da gibt es zunächst die hohen Lohnnebenkosten und die Forderung der
Wirtschaft, diese zu senken. Was kann man damit erreichen? Die Lohnnebenkosten sind in Wirklichkeit Lohnbestandteile, die nicht verschwinden, sondern nach sozialen
Gesichtspunkten umverteilt auch zu den Arbeitnehmern
gelangen. Sie stellen also einen beträchtlichen Teil der
Kaufkraft, die der Wirtschaft gegenübersteht dar. Eine
echte Senkung der Lohnnebenkosten ist also eine entsprechende Absenkung der Kaufkraft. Das an Lohnnebenkosten bezahlte Geld geht ja nicht in einer Geldsenke aus dem
Wirtschaftskreislauf verloren. Geldsenken im Wirtschaftskreislauf sind nur produktiv nicht genutzte Geldanhäufungen. Solche Geldanhäufungen spielen eine große Rolle auf
den Kapitalmärkten. Diese Geldmengen stehen als Kaufkraft auf dem Warenmarkt nur zu einem sehr kleinen Teil
zur Verfügung, da sie Eigentum von Menschen sind, die
schon deshalb nichts kaufen, da sie schon alles haben, was
der Markt bietet. Da nach derzeitiger Annahme die Arbeitslosigkeit nur abnehmen kann, wenn die Wirtschaft
wächst, muss man Geldssenken, in denen Geld aus dem
Wirtschaftskreislauf, verschwindet so gut es geht verschließen. Zu diese Geldsenken gehören vor allem auch
Geldanlagen in den Börsen bei allgemeiner Kurssteigerung. Die Kurssteigerung ist eine Art Inflation von Anla26
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gen in der Wirtschaft. Steigt der Kurs über einen normales
Verhältnis vom Kurs zur Dividende, dann muss man ständig für zu erwartende Dividende mehr bezahlen. Solcher
Preisanstieg ist schädliche Inflation. Der Anreiz zum
Geldanlegen soll dann die zu erwartende weitere Kurssteigerung sein. Das führt dann zur bekannten Börsenblase,
der dann von Zeit zu Zeit die Luft ausgeht.
Zurück zu den Lohnnebenkosten. Sie sind also keine
Geldsenken in denen das Geld aus dem Wirtschaftskreislauf fließ, im Gegensatz zu Kapitalanhäufungen, die nicht
in der Produktion zu reellen Bedingungen angelegt sind.
Die soziale Verteilung diese Lohnanteils sorgt vielmehr
für eine Kaufkraftsteigerung derjenigen Menschen, die ihr
Geld nirgends aufhäufen, sondern es nach Erhalt umgehend ausgeben, bzw. ausgeben müssen, wenn sie nicht
weit unter dem in der Gesellschaft üblichen Lebensstandard absinken wollen. Von den wenigen Asketen, die ein
vollständig alternatives Leben führen und etwa aus der Sozialhilfe Kapital ansammeln kann man absehen.
Das wird offenbar von den Wirtschaftstheoretikern so
nicht gesehen. Sie sagen Kapital ist die Voraussetzung von
Investition. Nur Investition kann Arbeitsplatze schaffen.
Also muss man die Lohnnebenkosten und die Unternehmenssteuern senken. So entsteht mehr Kapital. Und daraus
entstehen dann durch Investition neue Arbeitsplätze. Wenn
man die Wirklichkeit betrachtet, hat sich dieser Schluss in
den letzten Jahren nie erfüllt, obwohl man immer in dieser
Richtung gegangen ist. Daraus schließ man dann, dann die
Schritte immer zu klein gewesen sind und daher drastisch
27
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
vergrößert werden müssen, da man an der wirtschaftlichen
Logik nicht vorbei käme.
Hier zeigt sich wie an vielen Stellen der gängigen Wirtschaftstheorien, dass diese bekannten und auch richtigen
Sätze ohne ihre Randbedingungen zu berücksichtigen angewendet werden. Dieser Satz sagt, etwas genauer formuliert, vorhandenes Kapital ist die notwendige Voraussetzung um in neue Arbeitsplätze zu investieren. So ist der
Satz unbestreitbar richtig. Er taugt aber nicht zu dem
Schluss, man müsse die Unternehmen entlasten, dann entstehen neue Arbeitsplätze. Will man diesen Schluss ziehen, dann müsste der Satz nämlich heißen: Vorhandenes
Kapital ist die notwendige und hinreichende Voraussetzung um in neue Arbeitsplätze zu investieren. Dieser Satz
ist offenbar nicht erfüllt bzw. gültig. Man kann heute auch
erfolgreich in das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen
investieren. In diesen Fall ist das Kapital die Ursache von
weiterer Arbeitslosigkeit, was sich in den letzten Jahren
auch gezeigt hat. Daraus wir jetzt geschlossen, dass man
neues Kapital entstehen lassen muss, um ihm Gelegenheit
zu geben vielleicht in neue Arbeitsplätze investiert zu
werden. Dazu müsste der obere Satz von der Notwendigkeit von Kapital für Arbeitsplätze aber unabhängig von
Randbedingungen auch für das Hinreichend sein gelten.
Die in der Zeit seiner ersten Formulierung vorhandenen
Randbedingung war, es gibt nur wenig Kapital und das ist
schon alles investiert. Diese Randbedingung war damals
weitgehend erfüllt. Man sah sie wohl von Natur aus gegeben und hat daher, da man nichts unnötiges aufschreiben
28
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
wollte, diese Randbedingung nicht gleich hinter diesen
Satz gestellt. Diese Randbedingung ist heute aber nicht erfüllt. Es gibt genügend Kapital, das gerne gewinnbringend
angelegt wird. In einem Markt mit mangelnder Kaufkraft
ist es aber gewinnbringender in den Wegfall von Arbeitsplätzen zu investieren als in produktive Arbeitsplätze für
Dinge denen keine Kaufkraft gegenüber steht. Durch das
Absenken der Lohnnebenkosten und der Steuern wird den
Unternehmen von den Arbeitnehmern Kapital geschenkt.
Auf grund der herrschenden Marktkräfte - also geschwundene Kaufkraft -bleibt diesen Unternehmen nichts anderes
möglich als weiter zu rationalisieren und Arbeitnehmer zu
entlassen. Da wäre schon eher umgekehrt erfolgreich. Anhebung der Steuern und Abgaben. Damit würde die Kaufkraft wachsen. Bei billigem Kredit wäre es dann wirtschaftlich geboten in Arbeitsplätze zu investieren um mehr
verkaufen und verdienen zu können. Natürlich nur sehr
moderat mit Augenmaß.
Diese Betrachtung ist nur ein Beispiel an dem sich zeigt,
dass wissenschaftliche und auch wirtschaftswissenschaftliche Sätze nur unter bestimmten Randbedingungen gelten.
Und wenn etwas notwendig ist, dann ist es noch bei weitem nicht hinreichend, dafür gelten dann meist noch weitere Randbedingungen. Ohne die Betrachtung Randbedingungen kann ein wissenschaftlicher Satz aber nicht angewendet werden. Die Randbedingungen sagen ja gerade,
wann er angewandt werden kann. Ohne Berücksichtigung
der Randbedingungen sind Schlüsse aus solchen Sätzen
keinesfalls zwingend und meist komplett falsch. Wenn
29
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
man sauber und überzeugend argumentieren will, dürfen
keine Randbedingungen verschwiegen werden und es
muss untersucht werden, ob sie in dem besonderen Fall
auch gültig sind.
Wie gesagt zur Zeit der Entstehung der Sätze – meist im
19. Jahrhundert oder anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts waren viele Randbedingungen weitgehend selbstverständlich gegeben und wurden dann nicht besonders betont. Heute hat sich ein großer Teil dieser Randbedingungen in ihr Gegenteil verwandelt, da die Wirtschaft in einer
Überflussgesellschaft stattfindet und aus einer Nachfrageeine Angebotswirtschaft geworden ist.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Marktwirtschaft
unter dem Begriff der Rückkopplung betrachtet. Dies ist
bisher nur in Ausnahmefällen geschehen. Die Rückkopplung ist aber wesentlichste Erscheinung in der Marktwirtschaft. Sie ist eine im Markt immer vorhandene Randbedingung. Ist sie nicht berücksichtigt, wird jede wirtschaftswissenschaftliche Aussage unbrauchbar in einem
freien Markt.
Mit den alten Mitteln der Wirtschaftswissenschaft kann also die Arbeitslosigkeit nicht wirksam bekämpft werden.
Die menschliche Arbeit ist die einzige wirksame Quelle
eines kultivierten Lebens. Kapital ist eine mögliche Hilfe
um die Arbeitsteilung effektiv zu gestalten. Kapital ist
heute aber eine vollständig immaterielle Größe. Falls also
nicht genügend Kapital vorhanden sein sollte, ließe es sich
ohne große Probleme z.B. durch den Staat erzeugen.
30
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Aber auch für den einzelnen Menschen ist Arbeit in den
allermeisten Fällen unverzichtbar. Das ist auch dann der
Fall, wenn durch irgendwelche Zahlungen ausreichende
Kaufkraft zur Verfügung steht.
Die Würde des Menschen, im deutschen Grundgesetz an
erster Stelle geschützt, ist nicht gegeben, wenn der Mensch
sein eigenes Schicksal nicht selbst weitgehend gestalten
kann. Das ist als Unterstützungsempfänger auf Dauer nicht
gegeben. Eine Wirtschaftsstruktur, die eine Vollbeschäftigung nicht garantieren kann, ist dann nicht konform mit
dem Grundgesetz, wenn es möglich ist, diese Struktur so
zu ändern, dass Vollbeschäftigung den Vorrang vor anderen Wirtschaftszielen, z.B. der Maximierung von Gewinnen an einem freien Markt erreicht.
1. In der belebten Natur und in der Technik sind in einem
komplexen System alle Größen, die möglichst konstant
gehalten werden sollen, mit Hilfe eines Regelkreises negativer Rückkopplung auf den Sollwert auf einen Sollwert
eingeregelt. Das funktioniert auch im Bereich der Wirtschaft. Das exzellente Beispiel ist die Regelung der Geldmenge der DM durch die Deutsche Bundesbank. 50 Jahre
konnte die Inflation in Deutschland so in sehr engen Grenzen gehalten werden. Daher sollten alle wirtschaftswissenschaftlichen Forscher versuchen für die übrigen Wirtschaftswissenschaftlichen Ziele andere Regelkreise zu erfinden, denn en Regelkreis kann nur ein Ziel richtig verfolgen. In der Natur und in der Technik gibt es in den
31
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
meisten Systemen eine ganze Reihe von Regelkreisen, die
unabhängig voneinander Größen stabilisieren, die nicht
separat stabilisiert sich gegenseitig beeinflussen.
1. Aspekte des Freien Marktes
1.1. Freie Marktwirtschaft bedeutet: Wirtschaftsentwicklung ist Wirtschaftsregelung durch
Rückkopplung über den Markt
Der freie Markt ist ein wesentliches Charakteristikum der
Gesellschaft der westlichen Welt. Der Wohlstand wird allgemein darauf zurückgeführt. In neoliberalen Kreisen und
weit darüber hinaus wird er deshalb gern als Allheilmittel
für fast alle gesellschaftlichen Probleme gesehen.
Der freie Markt ist ein Rückkopplungskreis. In einem
Rückkopplungskreis wird das Ergebnis eines Geschehens
auf die Ursache des Geschehens zurückgekoppelt,
wodurch das Geschehen verstärkt oder gehemmt wird. Im
freien Markt ist das kurz gesagt etwa so, wenn die Kunden
zufrieden sind, steigt der Umsatz eines Herstellers, wenn
die Kunden unzufrieden sind, fällt der Umsatz und das
Produkt verschwindet wahrscheinlich vom Markt. Der
Freie Markt ist also ein System, dessen Parameteränderungen prinzipiell positiv rückgekoppelt sind. Erfolg verstärkt
den Erfolg, Misserfolg verstärkt den Misserfolg. Nach diesem Prinzip ist eigentlich primär alles Leben eingerichtet.
Dieser Markt leistet offenbar sehr viel, aber doch nicht alles.
32
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Der Freien Marktwirtschaft stand lange die Planwirtschaft
des Ostblocks gegenüber. Da die beiden Wirtschaftssysteme getrennt politisch organisiert und militärisch hochgerüstet einander gegenüberstanden, waren sie nicht nur zueinander systemtheoretisch in Konkurrenz, sondern mussten sich den entsprechenden Völkern nützlich zeigen.
Das hat im Osten dazu geführt, dass man mit technischen
Hochleistungen z.B. in der Raumfahrt besser dastehen
wollte als die Konkurrenz. Im Westen entwickelte sich eine Art Konsumparadies. In Europa wurde dabei aber wohl
wegen der Nähe zum sozialistischen System im Ostblock
eine sozialere Entwicklungsrichtung eingeschlagen als z.B.
in den USA.
Im nächsten Kapitel ein grober Überblick, was der freie
Markt leisten kann, und was nicht.
Es gab aber in Deutschland auch - und gibt hoffentlich
auch in Europa der Zukunft - einen weiteren wichtigen und
zwar nicht positiv sondern negativ rückgekoppelten Rückkopplungsregelkreis - nämlich die Geldwertstabilisierung
der Notenbanken. Es existierten und existieren also in
Deutschland zwei wesentliche Regelkreise nebeneinander,
die sich wahrscheinlich gegenseitig gestützt haben. Jedenfalls behauptet selten jemand, die Wirtschaft im freien
Markt Deutschland wäre besser gelaufen, wenn es die
Geldwertstabilisierung durch die Bundesbank nicht gegeben hätte.
33
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.2. Was leisten die in der deutschen Wirtschaft wirkenden Rückkopplungskreise und was
nicht
Der Freie Markt also der Rückkopplungskreis über das
Kriterium Preis/Kundennutzen garantiert weitgehend die
effizienteste Herstellung von Wirtschaftsgütern. Darauf ist
im wesentlichen der Wohlstand im Westen zurückzuführen. Die Planwirtschaft im Osten mit sehr schwacher
Rückkopplung über den Markt musste wegen der ungenügenden Rückkopplung zwangsläufig scheitern.
Die Geldwertstabilisierung durch die Notenbanken ermöglicht das Bewahren von Geldwerten über längere Zeiträume.
Was diese beiden Regelkreise bisher praktisch nicht in
überschaubaren Zeiträumen geleistet haben, sind die weiteren wichtigen Gesellschaftsaufgaben:
1 Eine die Gesellschaft stabilisierende als gerecht empfundene Verteilung der durch die Marktwirtschaft erzeugten Güter bzw. des Reichtums
2 Eine nachhaltig ökologisch verträgliche Verwendung
der Ressourcen
3 Eine gesellschaftlich verträgliche und damit stabilisierend wirkende Verteilung der noch verbliebenen Arbeit
oder ein adäquater Ersatz für diese
4 Das Stoppen des Auseinanderdriftens von Kinderwunsch (nach Umfragen immer noch bei 3) und Erfüllen
des Kinderwunsches (weit unter 2) in weiten Teilen Europas und damit z.B. die Stabilerhaltung der Rentensysteme
5 Eine Erhaltung der kulturellen Werte auf dieser Erde
34
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Da die beiden weitgehend existierenden Regelkreise in ihrem Wirkungsbereich früher für völlig unmöglich gehaltene Erfolge erzielt haben und diese Erfolge durch die entsprechenden Theorien auch plausibel und nicht rein zufällig sind, erscheint es dringend notwendig, für diese fünf
anderen Bereiche ebenfalls auf sie wirkende Regelkreise
zu etablieren.
Durch die heute im Felde der Globalisierung vorhandenen
Möglichkeit, gewisse Rechtstrukturen weltweit zu etablieren, muss man sich hier nicht auf Utopien beschränken,
sondern muss wissenschaftlich begründete Modelle erarbeiten, nach denen man weltweite Rechtsstrukturen einführen kann, welche die Erfolge der beiden bereits bestehenden Regelkreise - Marktwirtschaft sowie Geldwertstabilisierung durch Notenbanken und deren internationalen
Überbau - auf diesen fünf anderen Gebieten ebenfalls erreichen.
Geschieht dies nicht, wird man mit den ad hoc versuchten
Steuerungen und eben nicht Regelungen, die meist viel
zu vollmundig als Reformen gepriesen werden, Gefahren
heraufbeschwören wie die z.B. über den Terrorismus
schon drohend gewordenen Instabilitäten der Weltgesellschaft. Man wird nämlich damit ebenso wenig Erfolg haben, wie die gesteuerte Wirtschaft in den ehemaligen
Ostblockstaaten.
In einer Beschreibung des Sachverständigenrates der Deutschen Wirtschaft wird als eine der obersten Richtlinien für
seine neoliberale Politik gesagt, die freie Wirtschaft sei ein
35
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
stabiles System mit dem Rückkopplungskreis wie ein
Thermostat. Als Ursache, dass es nicht funktioniert, sieht
man historisch gewachsene oder überständige Wirtschaftshemmnisse, die man nur abbauen müsste, damit der Thermostat richtig arbeitet.
Das ist eine völliges Missverständnis des Thermostaten.
Der Thermostat verlangt die Vorgabe einer Solltemperatur.
Übereine negative Rückkopplung und eben nicht eine positive Rückkopplung regelt der Thermostat die Abweichungen von der Solltemperatur aus. Wie später gezeigt ist
das freie Feuer positiv rückgekoppelt. Das ist das System
eines jeden Schadensfeuers. Das Ergebnis ist aber nicht eine angenehme Raumtemperatur sondern das abgebrannte
Haus. Im Winter kann es dabei auch zwischendurch mal
angenehm warm werden.
Das Feuer muss man immer gegengekoppelt regeln also
drosseln, wenn es zu arg wird, und anregen, wenn es auszugehen droht. Den Ofen als Brandmauer und die Brandmauern zwischen den Häusern darf man aber auch nicht
vergessen, sonst ist die ganze Stadt abgebrannt.
Das positiv rückgekoppelte Wirtschaftssystem als ein inhärent stabiles System anzusehen, ist also in keinem Fall
zu rechtfertigen. Das hat auch Luhmann schon betont.
36
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.3. Rückkopplung im Markt
Die unsichtbare Hand nach Adam Smith, wie
wirkt sie heute und wann nicht - Marktmacht behindert sie stark
Hier soll betrachtet werden, wie die Rückkopplung am
Markt im wesentlichen funktioniert. Gehen wir zunächst
einmal noch von einem Bedürfnis aus. Der Kunde will etwas kaufen, das er braucht. Klassisch begibt er sich in einen Laden, der etwas anbietet, das dieses Bedürfnis zu stillen verspricht. Dort findet er in der Regel mehrere Angebote, die infrage kommen. Er vergleicht – auch in einigen
anderen Läden - die erkennbare und behauptete Qualität
auch im Sinne von Ästhetik, Umweltverträglichkeit usw.
und die Preise. Er wird dann wahrscheinlich das kaufen,
was sein Bedürfnis nach seinen Vorstellungen zu einem
möglichst günstigen Preis stillt.
Dies bringt Umsatz beim betreffenden Hersteller, er produziert weiter und mehr. Werden andere Waren auf diese
Weise von Kunden weniger oder nicht gewählt, bleibt deren Umsatz schwach und wird meist ständig schwächer bis
das als schlechter beurteilte Produkt schließlich vom
Markt verschwindet.
Wenn das so funktioniert, schafft der Markt ein optimales
Ergebnis. Die Welt wird schöner, gesünder und die Menschen zufriedener. So hätte Adam Smith auch den freien
Markt darstellen können. Die Tatsache dass der Käufer
über die Waren keine genauen Kenntnisse hat, ist dabei
nicht weiter schlimm. Es wird halt nicht die allerbeste aller
Welten entstehen, sondern nur eine sehr gute, die ein biss37
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
chen mehr oder weniger vom theoretisch erreichbaren entfernt liegt.
Zu Zeiten von Adam Smith war das auf den Wochenmärkten auch für die Hausfrauen praktisch möglich. Ihre Warenkunde wurde durch tägliche Erfahrung so weit gesichert, dass eine Rückkopplung mit umgekehrten Vorzeichen so selten vorkam. So war dadurch das volkswirtschaftliche Ergebnis in keiner signifikanten Weise gestört.
Wie ist das aber heute. Am wochenmarktähnlichsten ist
heute etwa ein großer Supermarkt. Die mangelhafte Warenkenntnis des Konsumenten wird durch den speziell
ausgebildeten Einkäufer des Supermarktes unterstützt. Es
stehen nur einwandfreie Waren im Regal. Es bedarf trotz
der heutigen Warenfülle wesentlich weniger Warenkenntnis seitens der Hausfrau. Und wenn sie sich trotzdem
schwer entschließen kann, gibt es über den Lautsprecher
Hinweise auf Sonderangebote, die entweder Probekäufe
neuer Waren mit nicht zu großen Kosten ermöglichen, oder Waren, für die der Regelpreis zu hoch war, um in geplanter Menge verkauft werden zu können, jetzt für weniger Geld zu haben sind. Bei letzteren ist der Verdienst des
Supermarktes geringer als angenommen und diese Waren
werden daher in Zukunft vorsichtiger bestellt.
Die Zwischenschaltung eines kompetenten Supermarktes
hat also nicht nur logistische Vorteile - man braucht nur
noch in einen Laden - auch muss der Konsument nur noch
relativ wenig wissen. Der Supermarkt übernimmt einen
Großteil der geistigen Arbeit beim Einkauf als Dienstleistung. So ist die Funktion einer sinnvollen Rückkopplung
auch möglich, wenn die Warenkenntnisse der Verbraucher
38
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dafür unzureichend wären. Je größer der Supermarkt ist, je
mehr Sachverstand kann auf die einzelne Warenart angewendet werden. Ein hochkarätiger Einkäufer bringt zu einem mäßigen Preis den Sachverstand in den Einkauf von
hundert oder tausend Läden. Tausend selbständige Ladenbesitzer wären dem vielfältigen Angebot viel weniger gewachsen. Eine Überbrückung dieses Dilemmas waren
schon früh Einkaufsgenossenschaften selbständiger Händler. Da hier aber dem Händler letztlich die Entscheidung
überlassen werden muss, gibt es hier eine ganze Menge
Reibungsverluste durch sich widersprechende Meinungen
die durch mangelnden Sachverstand der Entscheider verursacht wird.
So betrachtet sieht die Sache sehr gut aus. Die Sache wird
aber dann kritisch, wenn nicht die beste Belieferung der
Kunden das Ziel eines Supermarktes ist, sondern die Maximierung des Gewinns. Der kann nämlich auch gesteigert
werden, wenn man eine etwas mindere Ware ins Sortiment
nimmt und einen höheren Preis verlangt. Ein Supermarkt
hat auch gegenüber dem Hersteller eine solche Macht, dass
er über das nützliche hinaus deren Preise drücken kann, so
dass sich die Qualität rückläufig entwickeln muss. Wenn
es nur sehr wenige große Supermarktketten gibt, hat unter
der Prämisse Gewinnmaximierung der Supermärkte aber
ein Hersteller hochwertiger Waren kaum eine Chance seine Waren entsprechend abzusetzen. Der Endverbraucher
ohne genügend Qualitätskenntnis, kann hier nicht korrigierend eingreifen und der Markt funktioniert hier nur noch
scheinbar richtig, genauer besehen funktioniert er falsch.
39
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die positiven Wirkungen aller Vorgänge an einem freien
Markt, können bei Ansammlung von Macht in ihr Gegenteil verwandelt werden. Mann kann also daraus folgern, je
größer die Marktmacht von Handelsunternehmen wird, je
eher schlägt der Vorteil höheren Wissens von besseren
Waren zu schlechteren Waren um. Das wird durch die
Möglichkeit von Personaleinsparungen in Zeiten von Arbeitslosigkeit noch stark verschlimmert, denn dadurch
schwindet die Kaufkraft, was die Konsumenten weiter zu
noch billigeren aber auch minderwertigeren Waren greifen
lässt.
Die positive Rückkopplung führt hier also nicht zu immer
mehr und besseren Waren, wie die Theorie voraussagt,
sondern als Teufelskreis zu seinem direkten Gegenteil.
Der Kaufvorgang bewirkt die Rückkopplung
über die Warenqualität - oder über ein Werbefoto auf der Packung
Der tatsächliche Kaufvorgang bewirkt also die Rückkopplung. Der in der Theorie erfundene Homo Ökonomikus,
der also seinen zu erwartenden Vorteil durch die Anschaffung mit dem Preis vergleicht und daraus rational seine
Kaufentscheidung und damit gleichzeitig das Rückkopplungssignal aussendet, gibt es aber nicht, sondern diese
Entscheidung trifft ein wirklich vorhandener Mensch.
Wahrscheinlich schaut ein Mensch die Ware, die er kauft
von Natur aus zunächst einmal an. Dann riecht er vielleicht daran und befühlt sie möglichst. Letzteres war zwar
auf dem Wochenmarkt nicht gern gesehen – aus hygienischen Gründen. Diese drei natürlichen Entscheidungs40
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
grundlagen entfallen im Supermarkt heute weitgehend, dafür sorgt die Verpackung, die heute vom Hersteller gleich
mitgeliefert wird. Früher nahm der Händler dazu oft Zeitungspapier. Heute arbeitet ein Heer von Designern daran,
die Verpackung so zu gestalten, dass von ihr ein so großer
Kaufanreiz ausgeht, als ob man die Verpackung kaufen
wollte. Je besser der Designer der Verpackung ist, je besser sollte man die Ware erkennen können, obwohl sie aus
hygienischen und logistischen Gründen nicht mehr direkt
zeigen kann, sondern sie verpacken muss. Deshalb findet
man auch Fotos der Ware auf der Packung. Da es zu teuer
wäre, die Waren vor dem Verpacken zu photographieren
und dann das Photo auf die Verpackung zu kleben, hat
sich auch hier eine ganze Zunft gebildet mit dem Ziel, Waren möglichst so zu photographieren, dass ein möglichst
großer Kaufanreiz aus dem Bild entsteht. Der Käufer koppelt über den Kauf also nicht hauptsächlich sein Wissen
über die Qualität der Waren zurück, sondern er berücksichtigt dabei in hohem Maße auch die an sich sachfremde
ästhetische Qualität des Photos und der ganzen Packung.
Da zu einer Entscheidung nur relativ wenig Information
im Kurzzeitgedächtnis des Menschen zur Verfügung steht
und zuvor gelerntes sachliches Wissen erst mühsam aus
den Gedächtnis hervorgekramt werden muss, kann es nicht
ausbleiben, dass der optische Eindruck, der die ganze Zeit
der Entscheidung voll zur Verfügung steht, oft alles andere
„überstimmt“. Wenn das nicht so wäre, könnte die graphische Branche nicht so viel Umsatz machen.
Schon aus der Betrachtung der Rolle der Verpackung geht
hervor, dass es einen rational entscheidenden Homo Öko41
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
nomikus recht selten gibt, und damit die wohltätige unsichtbare Hand im Markt nicht das Positive für die Gesellschaft ohne weiteres Zutun erzeugen kann. Das Ergebnis
des Marktes ist also nicht zwangsläufig gut, sondern zu einem bedeutenden Teil manipulierbar und heute auch manipuliert, zum Nutzen der Manipulatoren. Der Satz, so viele Kunden können sich nicht irren, ist auch heute noch
nicht ganz falsch, aber einige wenige Manipulatoren, auf
die es ankommt, können sich wohl irren, wobei ihr oberstes Ziel bei der Manipulation oft gar nicht „beste Versorgung“ ist, sondern „bester Gewinn“.
1.4. Shopping, anstatt Homo Ökonomikus Homo Ludens
Bei diesem Phänomen kommt der Homo Ökonomikus
noch sehr viel weniger ins Spiel, schon eher der Homo
Ludens, der spielende Mensch. Die Sache wird manchmal
als Erlebniseinkauf gerühmt. Es wird dabei weniger ein
Erlebnis eingekauft als durch das Kaufen etwas erlebt. Da
die Sache sehr zeitaufwendig ist, eignet sie sich weniger,
ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, als angenehm die
Zeit zu verbringen. Die Sache muss einen bestimmten
Reiz haben. Wenn hier der Markt überhaupt eine Notlage
beheben soll, dann die Not an Einfällen, was soll man
denn kaufen. Beim weitgehend ziellosen Schlendern durch
ein unermessliches Warenangebot stößt man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf einen Gegenstand, von dem
man sich in der augenblicklichen Stimmung vorstellen
kann, dass er einem in einer bestimmten Situation Freude
bereiten könnte. Lässt man dieser Phantasie spielerisch ih42
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ren Lauf und merkt oder glaubt dabei, dass man seinen
Traum auch verwirklichen könnte, wird das Ding gekauft.
Bei genügender Übung ist es wohl auch möglich, dass man
sich so Dinge zulegt, die das Leben bereichern, obwohl für
das Ding vorher kein Bedarf bestand. So können Bezirke
zum bummelnden Shopping den Umsatz der Geschäfte
anheben und für die, welche shoppen ein angenehmes
Verbringen der Zeit ermöglichen.
In diesem Bereich ist das Ergebnis der Rückkopplung über
den Verkauf viel schwerer vorauszusehen als im Bereich
benötigter Waren. Das hat für weniger betuchte den Vorteil billiger und teils sehr billiger Schlussverkäufe. Die
Zahl der shoppenden wächst in der Stagnation nicht, aber
das Angebot steigt, da viele Anbieter auf das Shopping
setzen. Hier ist also für Anleger eine gute Möglichkeit
Geld zu verlieren.
1.5. Kapital in der Wirtschaft – Rückkopplung
über erwartete Rendite,
sie führt bei fehlender Kaufkraft leicht in Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit
In der derzeitigen Wirtschaft ist der Kapitalmarkt weitgehend globalisiert. Die freie Beweglichkeit des Kapitals
wurde propagiert und durchgesetzt in der Annahme, Kapital sei ein rares Gut und erbringt seine beste Effizienz,
wenn es frei beweglich dahin fließen kann, wo es die meiste Rendite verspricht. Das stimmt sicher dann, wenn das
Wirtschaften für die Weltgesellschaft das Ziel hat, das Kapital nach Möglichkeit – zumindest für den Augenblickzu vermehren. Ob das einen Sinn macht, hängt natürlich
43
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
davon ab, was mit dem Kapital gemacht werden soll - oder
besser - tatsächlich gemacht wird. Klassisch ist das wohl
so gesehen: Das Kapital stellt die Produktionsanlagen bereit. Arbeitnehmer erzeugen mit diesen Anlagen brauchbare Waren und verbessern so den Lebensstandard der Gesellschaft. Da menschliche Tätigkeit die einzige Möglichkeit ist, den Wohlstand zu vermehren, ist das auch zunächst ein schlüssiger Gedanke.
Wichtig ist bei dieser Überlegung zunächst das noch nicht
investierte Kapital. Nur dieses ist frei beweglich. Einmal
investiertes Kapital hingegen ist weitgehend unbeweglich
– bei der heutigen Technologie. Geht die technische Entwicklung schnell weiter, wird die nach der alten Technologie hergestellte Ware aus dem Markt gedrängt und das
hier investierte Kapital ist Schrott, also weitgehend verloren. Am ehesten sind hier die Immobilien noch mobil. Sie
können am ehesten einer neuen Nutzung zugeführt werden.
In einer Zeit des raschen technischen Fortschritts wird das
frei bewegliche Kapital immer in das die meisten Rendite
versprechende Projekt gesteckt und das ist der Aufbau einer neuen Fertigung mit möglichst geringen Personalkosten, zur Fertigung von Produkten mit den größten prognostizierten Umsatzchancen. Wenn dieser Sache genügend
Kaufkraft gegenüberstünde, würde so Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtswachstum entstehen. Bei begrenzter
Kaufkraft kann aber das neue Produkt nicht zusätzlich
verkauft werden, sondern muss Waren mit relativ höheren
Personalkosten verdrängen. Dies führt zu steigender Arbeitslosigkeit und das zu Kaufkraftschwund. Dieser Teu44
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
felskreis kann zeitweise durchbrochen werden, wenn die
Konsumenten die neuen Waren trotzdem zusätzlich kaufen, also sich dafür Geld borgen. Das hat in Amerika offensichtlich eine ganze Weile funktioniert. Dieses System
hat aber den Nachteil, dass finanziell potentere Menschen
schon so viel besitzen und arbeiten, dass ihr Leben ausgefüllt ist. Die Leute, die noch genügend Zeit zum kaufen
haben, kommen nur bei leichtsinniger Vergabe von Krediten an Geld und das führt in die bekannte Überschuldung
der Haushalte. Der Ausweg ist dann die private Insolvenz.
Wie weiter hinten1 dargestellt wird, scheinen freie Kapitalmärkte kaum blasenfrei funktionieren zu können. Das
heißt einzelne Aktienwerte oder ganze Bereiche steigen
übermäßig an und stürzen dann ziemlich steil ab.
1.6.
Konjunkturzyklen
1.6.1.
Ergebnis positiver Rückkopplungen nur durch den Einbau gegenwirkender, stärkerer
negativer Rückkopplungen zu beherrschen analog dem Thermostat beim Feuer
Die Intensität der wirtschaftlichen Aktivitäten unterliegt
zyklischen Schwankungen. Diese Intensität wird gemessen
an Zahlen, welche die Wertschöpfung durch die Wirtschaft
ausdrücken. Die Zyklen haben oft eine Periodendauer von
etwa 7 Jahren oder auch länger. Man hat die Ursachen für
die Schwankungen und auch für die Periodendauer bisher
1
Siehe Kapitel 5.2.
45
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
nicht genau feststellen können. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass es einfache, feststellbare und beseitigbare Ursachen gar nicht gibt. Die Wirtschaft ist ein nicht starr gekoppeltes System vieler ebenso nicht starr verkoppelter
Untersysteme. Ein solches System ist schwingungsfähig.
Da in diesem System eigentlich nichts statisch ruht und
fast alles alles beeinflusst und sich meistens positiv rückgekoppelt verstärkt, muss ein solches System dauernd
schwingen. Die kleinste Ursache kann ähnlich wie beim
Wetter die schwersten Stürme verursachen.
Wahrscheinlich ist die Hauptursache dieser Schwingungen
in einer Verallgemeinerung des Energieerhaltungssatzes zu
suchen, der in positiv rückgekoppelten technischen Systemen immer zu solchen Schwingungen führt. Die bekannteste Erscheinung dieser Art ist das Pfeifen von Lautsprecheranlagen.
Praktisch jedes schwingungsfähiges System hat eine Reihe
von sogenannten Eigenfrequenzen - mit zugehörigen
Schwingungsdauern - in gewisser Ähnlichkeit mit einer
Klaviersaite. Diese Eigenfrequenzen hängen bei der Klaviersaite vom Material, von ihrer Länge und von ihrer
Spannung ab. Sie erzeugen den Ton, auf den die Klavierseite gestimmt ist. Das heißt also, schwingungsfähige Systeme haben zwar bestimmte Eigenfrequenzen in einem bestimmten Bereich, wobei sie aber durch gewisse Zustandsänderungen des Systems stark schwanken können. So ungenaue Schwingungsfrequenzen wie in der Wirtschaft treten immer dann auf, wenn sich während eines Schwingungszyklus der Zustand des Systems ändert. Und dieser
Fall ist in der Wirtschaft heute sicher gegeben. Daher lässt
46
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
sich weder eine immer gültige spezielle Ursache (zusätzlich zum Energieerhaltungssatz) noch eine genaue
Schwingungsdauer der Konjunkturzyklen bestimmen.
Man kann sich aber über die Größenordnung der Schwingungsdauer unterhalten. Da die Kopplungen über gleichgerichtete menschliche Aktionen erfolgen muss, ist zu fragen, wie lange es dauert, bis eine genügende Zahl von
Menschen auf eine bestimmte Art zu handeln gebracht
werden kann. Der Boom vor dem Internetcrash brauchte
die Synchronisation der Leute, die Hightech-Aktien kaufen. Bis diese Synchronisation zustande kam, dauerte es
eine ganze Reihe von Jahren. Die Kauflust steigerte die
Börsenkurse und die Börsenkurse steigerten die Kauflust.
Diese positive Rückkopplung führte durch Überschwingen
zu einer Art Luftblase, die ein spektakuläres Ereignis zum
Platzen brachte. Es hätte auch ein anderes Ereignis als der
11. September 2001 sein können. Die realen Werte, die
den Börsenkursen gegenüber standen, waren viel zu klein.
Die Kurse sprangen schnell zurück, die nicht ganz soliden
Firmen brachen zusammen und jetzt erholen sich die Kurse wieder. So etwas könnte vom Prinzip her viel schneller
oder auch viel langsamer gehen.
Es geschieht aber mit der Zeitkonstante, mit der man große
Mengen von Menschen umerziehen kann. Mit Werbung,
Reklame, Propaganda und dergleichen, dauert das etwa
fünf bis zehn Jahre. Bei einem genügend spektakulären
Ereignis springen dann die Ansichten der Leute binnen
Tagen oder Wochen auf die alten Werte zurück, meist aber
noch etwas weiter, so dass eine kräftige Schwingung entsteht, die dann langsam abebbt.
47
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Fünf bis zehn Jahre dauert auch üblicherweise die Schulzeit. Fünf bis zehn Jahre regiert auch ein Präsident der
vereinigten Staaten. Der Nationalsozialismus hatte auch
etwa fünfzehn Jahre in Deutschland eine Bedeutung.
Man kann also hier abschließend bemerken, das die
Schwingungsdauer eines sägezahnförmigen Konjunkturzyklus von der Kopplungsstärke der Menschen untereinander bestimmt ist. Normal verläuft im Wirtschaftsleben
eigentlich alles in mehr oder weniger beliebiger Richtung.
Für jede Entscheidung gibt es Argumente und Gegenargumente, sodass das System sich in einer Art Gleichgewicht befindet, wenigstens in einem quasistationären. Aber
jeder wirbt für seine Ideen. Einer ist sicher am lautesten
und/oder kann am besten argumentieren. Kann es der gleiche oder die gleiche Gruppe einige Jahre durchhalten, wird
wieder ein neuer Zyklus in Gang gesetzt. Das geht dann,
bis die sich selbst verstärkende Entwicklung weit über ein
sinnvolles Ziel gesteigert hat, so dass sie zusammenbrechen muss.
Aus diesen Überlegungen geht auch hervor, dass praktisch
jede positive Rückkopplung zu einer Krise führen muss.
1.6.2.
Analoge positive Rückkopplungen in
der Technik
Hier gibt es auch wieder eine Analogie zur Technik. Wenn
man einen Verstärker baut, der nicht stark negativ rückgekoppelt ist, kann er leicht so einjustiert werden, dass eine
zu starke positive Rückkopplung auftritt. Bekannt sind
diese Rückkopplungen - wie gesagt - bei einer Lautsprecherübertragung eines Redners in einem Saal. Der Redner
48
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
spricht ins Mikrophon. Die elektrischen Signale aus dem
Mikrophon werden verstärkt auf den Lautsprecher gegeben. Der Schall aus dem Lautsprecher kommt zum Teil
wieder auf das Mikrophon zurück. Ist die Rückkopplung
oder die Verstärkung stark genug, kommt es zu einem
Pfeifen. Ein Signal wird in einer solchen Rückkopplungsschleife bei jedem Durchgang erhöht und ergibt ein immer
ansteigendes Ausgangssignal. Dieses immer größer werdende Ausgangssignal bezieht seine Energie jedoch aus
einer Spannungsquelle, die aufgrund ihrer Konstruktion
nur eine Bestimmte Energiemenge pro Zeiteinheit liefern
kann. Wird durch den Verstärker mehr Energie abgerufen,
bricht die Spannung am Verstärker zusammen. Damit
bricht auch seine Verstärkung zusammen und das Ausgangssignal geht auf Null zurück. Es herrscht also einen
Moment Ruhe. Dann startet die Rückkopplung wieder von
vorn. Es entsteht ein sägezahnförmiges Signal. Die Zahl
der Sägezähne pro Sekunde ist dann die Frequenz des
Pfeiftones.
Man kann das System der Wirtschaft nur durch den Einbau
von thermostatartigen negativ wirkenden Rückkopplungen
schützen welche die Schwingung dämpfen. Sonst führt
die positive Rückkopplung über kurz oder lang zu auch
katastrophalen Schwingungsausschlägen, die das System
zerstören können. Die Dämpfung der Inflation, die ohne
besondere dämpfende Gegenkopplung an sich auch über
die Lohn-Preis-Spirale positiv rückgekoppelt ist und oft zu
katastrophalen Sägezahnschwingungen geführt hat, ist so
der deutschen Bundesbank über 50 Jahre gelungen.
49
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wie oben erwähnt braucht man, um die Sägezahnschwingungen zu erklären, jedoch nicht auf technische Beispiele
gehen, sondern kann auch die Grundlagen der Physik betrachten. Hier gibt es den Energieerhaltungssatz. Praktisch
alle Erscheinungen der Natur sind im Letzten Formen der
Energie. Diese kann sich in einem abgeschlossenen System weder vermehren noch verringern. Energie kann nur
von einer Form in eine andere übergehen.
Irgendwelche wirtschaftlichen Aktivitäten benötige Ressourcen, die letztlich auch Formen der Energie sind. Ein
positiv rückgekoppeltes System verwendet für sein Ziel alle erreichbare Energie und wächst dadurch. Ist die verfügbare Energie verbraucht, bricht das System zusammen und
baut sich aus den Trümmern dann meist wieder auf. Ein
ungebremst positiv rückgekoppeltes System führt also
prinzipiell zu desaströsen Schwingungen. Diese Überlegung bedeutet aber nicht, dass man zu ihrer Gültigkeit die
geistigen Energien nicht beachten und alles auf Materie
zurückführen muss. Auch die geistigen Energien des Menschen sind durch seine Lebenskraft beschränkt.
1.7.
Reformen viel Gerede aber keine Tat
Das Wort Reformen ist im Moment ein wenig inflationär
gebraucht. Es gibt zum Beispiel Luthers Reform eines
Teils der Christenheit und das Reformhaus und auch schon
eine ganze Reihe von Gesundheitsreformen in den letzten
Jahren. Das Wort hat also keine sehr genaue Bedeutung.
Wenn das Wort Reform mehr bedeuten soll als eine mehr
oder weniger korrigierte Weiterentwicklung, so sollte sie
etwas wesentliches ändern, so dass bildlich gesprochen ei50
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ne neue Entwicklungsrichtung eingeleitet wird. Das ist
aber in der Praxis des Wirtschaftslebens notwendig, wenn
über einige Konjunkturzyklen negative Entwicklungen
sich mit nur geringen Schwankungen fortsetzen. Das
scheint im allgemeinen dann der Fall zu sein, wenn in einem System sich ungünstige positive Rückkopplungen salopper gesprochen Teufelskreise - herausgebildet haben.
Dabei ist der Antrieb von Teufelskreisen meist der technische Fortschritt. Da dieser nicht zu beseitigen ist, verstärken sich die Teufelskreise dauernd. Sie entstehen aus ursprünglich positiv wirkenden Konstrukten, die meist durch
Übertreiben ihres Effektes mehr negatives als positives erzeugen. Bis sich die Überzeugung, dass das bisher Gute
sich in einen Teufelkreis verwandelt hat, weit genug
durchgesetzt hat, dauert es wohl mehrere Konjunkturzyklen, die zwar kleine Korrekturen erzwingen aber keine
echten Reformen. Ohne Katastrophen dauert es daher sehr
lange, bis sich echte Reformideen durchsetzen.
Eine echte Reform wird es in der Wirtschaft heute nur geben, wenn neben dem positiven Rückkopplungskreis über
das Preis-Nutzen-Verhältnis und den negativen Rückkopplungskreis für die Geldwertstabilisierung durch die Notenbanken weitere thermostatartige Regelkreise etabliert werden.
1.8. Rückkopplung – Wesen der freien Marktwirtschaft
Hier soll noch einmal betont werden: Wird eine neue Ware
auf den Markt gebracht, tritt eine Reaktion des Abnehmers
auf, die sich auf den Hersteller auswirkt. Das nennt man
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Rückkopplung, wie oben ausgeführt. Normalerweise ist
diese Rückkopplung also folgendermaßen: Kommt die
Ware beim Kunden gut an, steigt die Nachfrage nach dieser Ware und bewirkt eine Produktionsausweitung. Das
Angebot erreicht noch mehr Kunden, womit die Nachfrage
weiter steigt, was wieder höhere Produktion auslöst. Wird
nun aber der Absatz kleiner so wird auch weniger produziert. Diese Rückkopplung verstärkt also die vorhandene
Tendenz automatisch. Man nennt eine solche Rückkopplung positiv. Diese positive Rückkopplung ist normalerweise im Markt dominant. Diese Positive Rückkopplung
nennt man auch Marktkräfte. Sie dominieren in der freien
Wirtschaft und machen sie der Planwirtschaft überlegen,
da Pläne falsch sein können, was man meist sehr spät
merkt und damit nicht rechtzeitig korrigiert. In der freien
Wirtschaft wird der langfristige theoretische Plan durch
ein viel schnelleres Resultat bringendes Experiment nach
dem Prinzip Versuch und Irrtum ersetzt.
1.9. Siegeszug der Elektronik erst nach allgemeiner Einführung von gegengekoppelten Regelkreisen –
Die Theorie der gegengekoppelten Regelkreise ist ganz
maßgeblich für die Erfolge in der heutigen Elektronik geworden und deren Anwendung hat sich dort erst in den
50er Jahren des 20ten Jahrhunderts durchgesetzt. Vor ihrer
Einführung dieser negativen Rückkopplungskreise war ein
Gerät mit mehreren Stellknöpfen sehr schwer einstellbar.
Jedes Drehen an einem Knopf hat nicht nur die gewünschte Eigenschaft verstellt – wie oben schon erwähnt - son52
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dern auch alle andere Eigenschaften, so dass man alles
mehrmals nachstellen musste, statt nur an einem Knopf zu
drehen. Es war auch da wie in der Wirtschaft. Jede Steuerungsmaßnahme hatte unübersehbare Folgen auf alles andere. Wie gesagt, das änderte sich bei elektronischen Geräten erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass man heute noch in
der gängigen Wirtschaftswissenschaft nicht allzu viel von
angewandter Theorie der Regelkreise finden kann. Wirtschaftswissenschaftler haben wohl bis jetzt nur in geringem Maße diese natur- und ingenieurwissenschaftliche
Methoden so weit studiert, als dass sie kreativ in ihrer eigenen Wissenschaft eingesetzt werden. In Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftpolitik von
1992 wird sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die
Geldwertstabilisierung durch die deutsche Bundesbank
überhaupt nicht in das System der Freien Marktwirtschaft
passt, sondern darin nur ein nützlicher Fremdkörper ist. In
der so erfolgreichen Elektronik aber ist heute die negative
Rückkopplung eine der wichtigsten Regeln, die eingehalten werden müssen.
Allerdings hat die Börsenwelt inzwischen erkannt, dass
nicht nur Lebensversicherungen mit statistischen Methoden erfolgreich geführt werden können, sondern auch der
Umgang mit Börsenkursen und die Absicherung gegen deren Schwankungen mit mathematisch ausgebildeten Physikern eher funktioniert als ohne diese. Man kann also mit
sehr gutem Erfolg Methoden aus der neueren Naturwissenschaft auf wirtschaftliche Probleme anwenden.
53
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.10. Zielgleichgewichte zu betrachten genügt
wohl nicht
Wird nur der allgemeine Trend und das Zielgleichgewicht
betrachtet, kann auf dem Weg dorthin viel passieren und
unerwünschte Teufelskreise können das System unterwegs
zu den vielleicht sogar paradiesischen Zuständen zerstören.
Sehr auffallend ist, dass in wirtschaftswissenschaftlichen
Überlegungen, wenn sie von Gleichgewichten, also der
Wirkung der Rückkopplungen handeln, meist nur quasistatische Gleichgewichte zu sehen sind, also die Zielpunkte,
auf die ein System im endgültigen Gleichgewicht hinstrebt
oder ankommen soll. Dieses Gleichgewicht ist aber per se
nicht prompt einstellbar. Möglicherweise können relativ
lange Zeiten bis zur Einstellung des Gleichgewichtes vergehen. Daher erscheint es nicht sehr erfolgversprechend,
den natürlich wesentlich schwierigeren zeitlichen Verlauf
der Zustände bis zum ins Auge gefassten Gleichgewicht
als zu umständlich auszuklammern. Es gibt in der Wirtschaftswissenschaft aber sehr viele quasistatische Betrachtungen, aber nur wenige dynamische.
Wenn ein System auch einem wünschenswerten Gleichgewicht zustrebt, ist es trotzdem wichtig zu verhindern,
dass auf dem Weg zu dem günstigen Gleichwicht das System Zustände erreichen kann, die für die Stabilität des System sehr gefährlich werden können und es möglicherweise
vernichten.
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die möglichen positiv rückgekoppelten Entwicklungstendenzen des Systems müssen erkannt werden, und wenn sie
erkannt sind, wegen ihrer sehr schwer voraussehbaren
wirklichen Entwicklung durch ergänzende negativ rückgekoppelte (gegengekoppelte) Regelkreise gedämpft und sicher in stabilen Bereichen des Gesamtsystems gehalten
werden.
Man kann also keinesfalls die Verteilung der Reichtümer
und der Arbeit dem Zufall oder dem zufälligen Steuern
durch Politik überlassen, sondern muss hier ebenso wirksame rückgekoppelte Regelkreise schaffen, wie sie über
die Preis-Leistungs-Rückkopplung am Markt und die raschen Reaktionen der Notenbanken auf Geldmengen- und
Geldwertindikatoren wirksam sind.
1.11. Der freie Markt ist eigentlich gar nicht frei
Beim heutigen Markt immer von „Feien Markt“ zu reden,
ist eigentlich eine sprachliche Irreführung. Wenn der freie
Markt funktioniert, ist er für die einzelnen Marktteilnehmer durch die vorhandenen Rückkopplungen durchaus
nicht völlig frei, sondern jeder Marktteilnehmer unterliegt
zunächst einmal dem sehr strengen Druck der Marktkräfte
– eben diesen Rückkopplungen. Hier kann nur überleben,
wer in der Lage ist, diesen Druck auszuhalten. Die Freiheit
besteht eigentlich nur darin, dass der Weg, auf dem man
sich gegen diesen Druck am Leben erhält, gewisse Freiheitsgrade enthält. Aber gerade in diesen Freiheitsgraden
liegt die Gefahr für das System. Wichtigstes Beispiel ist
der heute zu beobachtende zeitweise Erfolg immer größer
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
werdenden Wirtschaftseinheiten und der Erfolg bei der
Benachteiligung der wirtschaftlich schwächeren. Große
Wirtschaftseinheiten funktionieren intern selten nach echten marktwirtschaftlichen Regeln, sondern ähneln eher den
gesteuerten Wirtschaften des früheren Ostblocks. Es werden hier viel zu häufig Entscheidungen von notwendigerweise überforderter Konzernleitungen durchgedrückt. Die
großen Pleiten der letzten Jahre können als Lehrbeispiele
dienen. Dass diese am Ende auch viele kriminelle Manipulationen enthielten, war oft nicht die ursprüngliche Absicht
der agierenden, sondern der verzweifelte Versuch zu überleben.
1.12. Kein freier Markt ohne Rechtssicherheit
also gesetzlichen Zwang
Der freie Markt kann aber auch nur in einem System mit
großer Rechtssicherheit funktionieren. Wenn die Einhaltung von Verträgen nicht von der Staatsgewalt durchgesetzt wird, sind wirtschaftliche Tätigkeiten unmöglich.
Aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten von Verträgen
muss durch die Staatsgewalt eingeschränkt werden, da
sonst praktisch nur das Recht des Stärkeren respektiert
wird. In der Praxis erfüllt die Staatsgewalt dies auch normalerweise weitgehend.
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
1.13. In rückgekoppelten Systemen sind starre
Zahlenfestlegungen in Gesetzen meist weitgehend wirkungslos für ein bestimmtes angestrebtes Ziel
Gesetzliche Vorschriften mit Zahlenangaben z.B. in Steuersätzen und in Beitragssätzen sind in einer freien Wirtschaft mit Rückkopplungskräften eigentlich völlig inadäquat. Beim Erlass einer solchen Vorschrift tritt in jeder
Gesellschaft - insbesondere in einer modernen freien auch
besser informierten Gesellschaft - sofort ein gewaltiger
Rückkopplungsprozess ein, der die gewollte Wirkung des
Erlasses über Kurz oder Lang weitgehend zum Verschwinden bringt. Jeder sucht nach einem oft auch legalen
Weg, der gewünschten Wirkung des Gesetzes auszuweichen oder die gesetzten Schranken zu umgehen. Solche
Gesetze sind daher im Grunde unvernünftig.
1.14. Das Gesetz für die deutsche Bundesbank
ist Beispiel für wirkungsvolle Gesetze für die
Wirtschaft
Ein in diesem Sinne vernünftiges Gesetz, war das Gesetz
für die ehemaligen Deutsche Bundesbank. Es waren darin
keine Zahlen, sondern nur eine klare Zielangabe und klare
Eingriffsmöglichkeiten definiert. Dieses Gesetz, bescherte
50 Jahre Geldstabilität. In einem freien Markt wirksame
Gesetze müssen so beschaffen sein. Das Gesetz ist daher
aber auch insofern ein Ausnahmenfall, als es 50 Jahre
wirksam war. Genau aber das zeigt, dass die Gesetze mit
festgeschriebenen Zahlen mit großer Wahrscheinlichkeit in
einem freien Markt nur eine sehr schlechte Wirkung haben
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
können, da sie zahlenbezogen oft schon bei ihrem Inkrafttreten durch die Entwicklung überholt sind. Sie sind
Fremdkörper, die allenfalls kurzfristige Störungen der vorhandenen Teufelskreise bewirken können, aber keine
nachhaltigen Strukturen schaffen. Ein typisches Beispiel
für Unwirksamkeit solcher Gesetze sind die sogenannten
Gesundheitsreformen der letzten Jahrzehnte.
1.15. Gesetze ohne starre Zahlen und Planungssicherheit in der Wirtschaft
Gegen Gesetze ohne starre Zahlen wird sehr wahrscheinlich der Begriff der Planungssicherheit der Wirtschaft
eingewendet. Die Planungssicherheit der Wirtschaft durch
definierte Zahlen in Gesetzen ist aber nur eine imaginäre
Illusion. Wenn eine Abgabe nominell fest bleibt, nützt das
meist gar nichts, wenn andere meist gewichtigere, unweigerlich rückgekoppelte Größen sich verschlechtern, wie z.
B. die erzielbaren Preise und konjunkturbedingten Umsätze. Ein Unternehmen ist nur erfolgreich, wenn es auf solche sich meist relativ rasch ändernden Marktgrößen reagieren kann, oder sich dagegen entsprechend versichert.
Die Beschlüsse der Bundesbank waren für manche Manager wohl unbequem. Im übrigen waren sie ähnlich gut vorauszusehen wie andere Markteinflüsse. Die Deutsche
Wirtschaft ist jedenfalls daran nicht gescheitert.
1.16. Gegenkopplungsmöglichkeiten in der
Wirtschaft zum Abbau der Arbeitslosigkeit
Es ist folgendes gegengekoppeltes Denkmodell möglich:
Nur bei Vollbeschäftigung ergibt sich durch Personalab58
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
bau eine Entlastung des Betriebes. Diese Entlastung nutzt
auch der Gesellschaft. Die Arbeitskräfte können sinnvoll
an anderer Stelle nutzbringend eingesetzt werden. Bei hoher Arbeitslosigkeit wird bei Entlassung durch steigende
Abgaben eine höhere Belastung des Betriebes eintreten.
Wenn das so ist, muss sich die Firma einer anderen Effizienzsteigerung bedienen z. B. Umorganisation, bessere
Schulung, bessere Motivation, statt gleich neue Maschinen
oder Computer einzusetzen. Das vermeidet auch andere
Probleme, zumal bei erweitertem Computereinsatz zunächst die Rationalisierung mit Störungen verbunden ist,
die Ruhe und Zufriedenheit am Arbeitsplatz zurückgeht
und die Motivation gefährdet wird. Diese negativen Nebenwirkungen führen auch gern zu einen Qualitätsrückgang, was praktisch automatisch die Konkurrenzfähigkeit
meist unbemerkt schwächt statt stärkt.
Eine Abgabenerhöhung bei Rückgang des Personalanteils der Kosten in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit wäre
also eine Gegenkopplung, welche die Freisetzung von Arbeitskräften bei hoher Arbeitslosigkeit nicht fälschlicherweise belohnt sondern bestraft, sie wirkt arbeitsmarktstabilisierend. Denkbar sind hier z. B. Personalkostenabhängige
Umsatzsteuern. Die kann man dann voraussehen und sich
entsprechend verhalten.
Die Freisetzung von Arbeitskräften führt bei dem heutigen
System zu einem momentanen Vorteil. Über die langfristige Rückkopplung, die meist zu einer Konjunkturschwäche führt, werden die kurzfristigen Vorteile aber leider
meist durch diese Konjunkturschwäche auch auf betriebli59
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
cher Ebene überkompensiert, ganz zu Schweigen von den
stabilitätsgefährdenden Gefahren hoher struktureller Arbeitslosigkeit.
Wie das praktisch zu gestalten ist, müsste näher untersucht
werden. Ebenso ein Weg zur Einführung dieses System
mit einem sachten Übergang aus dem Alten. Das ist aber
noch nicht Inhalt dieser Schrift. Hier soll nur das Ausarbeiten eines solchen Systems angeregt werden.
1.17. Anstoß zum wirtschaftswissenschaftlichen
Nachdenken
Diese Schrift versucht auch keine adäquate komplette
Theorie vorzustellen, sondern eine Reihe von Gedankenansätzen vorzutragen, deren weitere Verfolgung aber ähnliche Erfolge zu zeitigen verspricht, wie die Geldwertstabilisierung durch die ehemalige Deutsche Bundesbank sie
gezeitigt hat. Die entsprechende Gesetzgebung hat sich
damals aber nur durchgesetzt über die verbreitete Furcht
vor einer Wiederholung der deutschen Inflation von 1923.
Man sollte jedoch die Gefahren zu hoher Arbeitslosigkeit
nicht unterschätzen. Fast alle totalitären Regime der neueren Zeit sind auf zu hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen.
Verbreitete Wahlverdrossenheit und unterschwelliger Antisemitismus, sollten als deutliche Warnsignale begriffen
werden, dass in unserer Gesellschaft stabilisierende Rückkopplungskreise akut von Nöten sind. Man sollte die Wirtschaft nicht von den Teufelskreisen der Augenblicksvorteile ruinieren lassen.
60
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Diese Schrift behauptet so ungefähr das Gegenteil des neoklassischen Theorems, dass sich in einem Wirtschaftssystem jedes Angebot seine Nachfrage selbst schafft. Letzteres gelingt nämlich nur durch eine Rückkopplung im Sinne von Wirtschaftswachstum. Zunächst kann jedes neue
Angebot nur ein anderes verdrängen. Das neue Angebot
muss mehr Kaufkraft schaffen als das alte. Direkt kann das
bei Rationalisierung nicht geschehen, denn da werden ja
Personalkosten eingespart. Nur wenn es gelingt, das gleiche Personal – an anderer Stelle - besser zu bezahlen, kann
dabei neue Nachfrage entstehen. Ein positives Beispiel für
eine Produktivitätssteigerung mit positiver Folge wäre, mit
dem gleichen Personal höherwertiges zu produzieren und
damit das Personal besser bezahlen zu können. Dieses
Geld kann dann bei anderen auch wieder zu Kaufkraft
werden. Dazu ist natürlich eine größere Geldmenge notwendig. Somit kommt der Geldmengensteuerung eine
wichtige Aufgabe zu, einerseits eine Inflation zu verhindern, andererseits die jetzt als Gegenwert von größerem
Warenwert die äquivalente Geldmenge gegenüberzustellen
um die Deflation zu vermeiden.
Ein Markt, der viel Werbung benötigt, ist an sich ein gesättigter Markt. Ein neues Angebot wird nicht gekauft, da
man keinen Nutzen davon hat. Wenn man so nur die gleiche Menge wie zuvor verkaufen kann, entsteht für das theoretische Angebot keine Nachfrage. Werden aber die
durch die Rationalisierung nicht mehr benötigten Personen
Arbeitslos, so sinkt die Kaufkraft gegenüber vorher, die
Wirtschaft wird also nicht wachsen sondern schrumpft.
Wenn die Arbeitslosen jetzt einen Job mit weniger Ein61
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
kommen übernehmen, verdrängen sie auf dem Arbeitsmarkt Menschen, die momentan noch mehr verdienen,
auch dadurch schrumpft die Wirtschaft. Das oben genannte Theorem kann also nur Gültigkeit haben, wenn der
Markt aufnahmefähig bleibt. Eine Bedingung dafür ist,
dass die angebotenen Dinge dem Preis entsprechenden
Nutzen bringen, bzw. man das glaubt und dass man genügend Optimismus aufbringt nicht für später sparen zu müssen. Diese beiden Voraussetzungen sind schwer zu erfüllen, denn neue Angebote sind oft so teuer, dass sie einen
adäquaten Nutzen nicht erkennen lassen. Bei einer Freisetzung findet der freigesetzte auch keine adäquate Arbeit
mehr, da seine Kompetenz bei den möglichen neuen Angeboten nicht ausreichend ist. Die ganze Friedmann´sche
Theorie kann vor dem Computerzeitalter gegolten haben,
ist aber heute wegen der Ungültigkeit des Theorems, dass
sich jedes Angebot eine Nachfrage selbst schafft weitgehend ohne Grundlage.
1.18. Innovation – Grundlage von Wirtschaftswachstum
Diese These stimmt heute nicht mehr ohne Einschränkung.
Innovation kann sich nämlich auf neue Angebote beziehen
und aber auch auf neue Techniken um neue und alte Angebote zu erbringen. Neue Angebote werden wahrscheinlich auch neue Nachfrage hervorbringen und um so eher,
als sie mit optimaler Technik in den Erschwinglichkeitsbereich fallen, der stark auch vom Optimismus abhängig ist.
Wenn nicht ein anderes Angebot verdängt werden soll,
müsste es auf Kredit beschafft werden. Der Kredit lässt
62
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
sich aber nur zurückzahlen, wenn durch das neue Angebot
auch neue Kaufkraft entsteht.
Ist die Innovation eine neue Technik, die Personalkosten
spart, schwindet entsprechen Kaufkraft, wenn keine adäquate neue Beschäftigung gefunden werden kann. Wenn
Beweglichkeit nicht die Ratio-Arm-Spirale drehen soll, die
Arbeitnehmer nicht durch die Rationalisierungsmaßnahme
ärmer werden sollen, müsste also praktisch jeder Arbeitsplatzwechsel mit einem Kompetenzschub versehen sein.
Solange man sich im Bereich des Facharbeiters bewegt,
der einen großem Kompetenzraum einnimmt, ist das nicht
so wichtig, da man von dem immer vorhandenen nur einen
relativ kleinen Anteil wirklich nutzen muss. In Phasen relativ langsamem technischen Fortschritts, wie er bis zum
Anbruch des Computerzeitalters geherrscht hat, ist das in
weiten Bereichen auch Realität. Seit den 80er Jahren des
20.Jahrhunderts ist das jedoch sehr oft nicht mehr gegeben.
Es gilt jetzt eher das Schlagwort vom lebenslangen lernen.
Das Medien- und Computerzeitalter könnte theoretisch das
Lernen als solches einfacher machen als es früher war.
Erstens reicht es meistens aus, eher Wissen als manuelles
Können zu erweitern. Letzteres nimmt Jahre in Anspruch
und manuelles Umlernen ist sehr schwer, da die ganzen
dazu notwendigen Steuerungsvorgänge im Unterbewusstsein ablaufen und nur durch entsprechend langes Üben
eingelernt werden können, das wieder Jahre beanspruchen
kann.
Kognitives Lernen müsste durch Aufnahme und speichern
von Information geschehen. Die Medienlandschaft über63
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
schwemmt aber die Menschen heute mit einer Unmasse an
sich nutzloser Information. Diese füllt auch eher nach dem
Zufall das Gedächtnis und ist meist so flach, dass logische
Bezüge nicht als Eselsbrücken verwendet werden können.
Die frühere natürliche Neugier fällt als Lernmotivation nahezu aus. Es entsteht eher ein Unwille etwas zu lernen. Die
Notwendigkeit für die Arbeit etwas zu lernen nimmt also
rapide zu, und die Bereitschaft dazu nimmt rapide ab. Dies
dürfte einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass sich
ein neues Angebot eben nicht mehr eine neue Nachfrage
selbst erzeugt. Dies müsste auch schon Friedmann erkannt
haben, da er staatliche Bildungsgutscheine ausgeben lassen
wollte. Er hat wohl erkannt, dass die Mobilität der Arbeitskräfte eine unverzichtbare Grundlage seiner Theorie
ist. Diese war in seiner Zeit noch in Grenzen vorhanden,
ist heute aber – auch durch die rapiden technischen Fortschritte - sehr geschrumpft.
1.19. Heute diskutierte Reformen sind Steuerungsversuche, sie haben wie früher im Ostblock
keinen Erfolg
Die derzeitig diskutierten Reformen in Deutschland und
Europa sind wieder nur Steuerungsversuche, deren Wirkung wieder rasch verpufft. Alle heute zu bekämpfenden
Zustände sind durch ungewollt vorhandene positive Rückkopplungskreise entstanden. Wenn man diese nicht durch
neue negative Rückkopplungskreise unwirksam macht,
dauert es nicht lange, bis der derzeitige Zustand - eventuell
auf einer schlimmeren Stufe - wieder erreicht ist. Deshalb
werden auch weiterhin alle bloßen Steuerungsversuche
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
zum unweigerlichen Scheitern führen müssen. Kein
Mensch legt heute noch von Hand Kohle nach und schiebt
an den Luftklappen des Ofens um ein angenehmes Raumklima zu haben. Fast überall wird der Thermostat mit seiner negativen Rückkopplung verwendet. Die gewollte negative Rückkopplungen über die Zimmertemperatur bzw.
der gemessenen Abweichung von der gewünschten, haben
das Feuer im Hause zu einem wahren Freund gebändigt.
Früher musste es immer ein Heizer streng bewachen und
mit mehr oder weniger Erfolg es steuern, und bei einer
Unachtsamkeit ist das ganze Haus abgebrannt, wenn die
natürlichen positiven Rückkopplungskreise die Oberhand
bekamen.
2. Abgaben an den Staat - Steuern
2.1.
Steuerstrukturen
Steuern werden klassisch erhoben, um die Aufgaben des
Staates zu finanzieren. Neben dieser klassischen Aufgabe
der Steuern hat sich im 19. und noch mehr im 20. Jahrhundert aber auch eine zweite gewichtige Domäne der Besteuerungspraxis ergeben. Man versucht mit Steuersätzen
und Steuererleichterungen politische Ziele zu verfolgen.
Das führte auch zu dem heute in Deutschland vorhandenem Steuerrecht, das für den Bürger nicht mehr durchsichtig ist, und den Berufstand der Steuerberater auf den Plan
gerufen hat. Diese Gesetzgebung ist das klassische Beispiel dafür, wie Gesetze mit Zahlenangaben wirken, was
sie letztlich erreichen und wie schwierig sie zu handhaben
sind. Dieser Zustand scheint heute auch den Politikern
65
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
suspekt, obwohl die Genehmigung von Steuern die erste
und wichtigste Aufgabe der Parlamente war, und von den
Parlamenten diese Gesetze gemacht wurden.
Steuervorteile haben aber nicht nur echte pekuniäre Steuerungseinflüsse auf das Verhalten der Einzelbürger und
wirtschaftlicher Einheiten. Es gibt darüber hinaus fast
noch mehr „psychologische“ Einflüsse, die manchmal
wirtschaftlich völlig unsinnige Folgen haben. Eine für Regelkreise wichtige kräftige Einflussgröße auf die Menschen ist offenbar die gefürchtete Steuer. Eine ganz überragende Bedeutung bei der Etablierung neuer stabilitätserhaltender negativer Rückkopplungskreise wird damit der
Steuergesetzgebung zufallen.
2.2.
Steuerarten
Derzeit gibt es in Deutschland zwei sehr unterschiedliche
Steuerarten, nämlich die direkten Steuern und die indirekten Steuern. Allgemein sieht man die direkten Steuern als
sozial gestaltbar und die indirekten Steuern, die meist alle
Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen unabhängig von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage gleichermaßen
trifft, eher als unsozial an. Es gibt aber bei den indirekten
Steuern schon Ansätze, die auch eine soziale Dimension
besitzen, nämlich z.B. der halbe Steuersatz auf Lebensmittel und Bücher. In manchen Ländern gibt es in diesem Zusammenhang auch eine Luxussteuer. Letztere belastet
nicht die Waren für den täglichen Bedarf des Normalbürgers, sondern soll nur die treffen, die im Luxus leben und
daher für die Allgemeinheit mehr leisten können, und insbesondere, weil sie auch mehr von der Kultur der Gesell66
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
schaft profitieren können. Die Luxussteuer wird abfällig
aber auch „Neidsteuer“ genannt.
2.3.
Direkte Steuern
Zu den direkten Steuern zählen die Einkommensteuer mit
der Untergruppe Lohsteuer, die Körperschaftssteuer, die
Gewerbesteuer, die Erbschaftssteuer usw. Dabei ist die
Einkommensteuer die am differenziertesten auf Individualitäten aufgefächerte Steuerart, die anderen Steuerraten
sind weniger gestaffelt und mit weniger speziellen Vergünstigungen versehen und mehr mit verschiedenen Freibeträgen ausgestattet. Diesen direkten Steuerarten wird
auch im wesentlichen die Aufgabe eines sozialen Ausgleichs zugewiesen. Wenn man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verfolgt, haben diese politischen Steuermaßnamen aber nicht zu einem größeren Ausgleich zwischen Arm und Reich geführt, sondern haben die Konzentration des Reichtums auf immer weniger reichere Leute
kaum gebremst oder schon gar nicht verhindert. Dies ist
solange weniger aufgefallen, als es allen immer besser
ging als vorher und so jeder zufrieden sein konnte.
2.4. Die indirekten Steuern - Stellglieder neuer
Regelkreise
Zu den indirekten Steuern zählen, die Umsatzsteuer, die
Kraftfahrzeugsteuer, die Kraftstoffsteuer, die Umweltsteuer, die Tabaksteuer, die Alkoholsteuer, die Versicherungssteuer, die Salzsteuer und noch eine ganze Reihe solcher
zum Teil auch eher unbedeutender Steuern. Diese Steuern
deren letzte Bezahler im voraus unbekannt bleiben, sind
67
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dem gemäß sehr viel weniger individuell verschieden und
haben einen viel geringeren sozialen Umverteilungseffekt.
Sie haben aber einen ziemlich großen Effekt auf das Handeln im wirtschaftlichen Bereich. Daher ist auch die
Ökosteuer erfunden worden.
Klassisch bekannt wurde dieser Steuerungseffekt oder besser Regelungseffekt einer indirekten Steuer bei der verschiedenen Kraftfahrzeugentwicklung in Deutschland und
Frankreich beispielsweise. In Deutschland gab es eher Autos mit kleinem Hubraum, wegen der überwiegenden Hubraumbesteuerung. In Frankreich gab es überwiegend Autos
mit kleinerem Benzinverbrauch, wegen der höheren Bezinsteuer. Dieses Beispiel zeigt, dass hier schon relativ
kleine Steuerunterschiede entscheidend Einfluss bis in die
Langzeitplanung und Forschung der entsprechenden wirtschaftlichen Einheiten haben.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, diese indirekten Steuern
als Stellgrößen bei der Gestaltung der oben geforderten
stabilisierenden Gegenkopplungskreise oder negativer
Rückkopplungskreise zu verwenden.
Man kann aber auch hier die ansatzweise vorhandene soziale Komponente z.B. in die Richtung einer sinnvollen Luxusteuer weiter ausbauen. Gegen die Luxussteuer gibt es
allerdings einen sehr gewichtigen Einwand. Hochwertige
Wirtschaftsgüter gelten zunächst einmal als Luxus. Darüber hinaus sind sie auch ein Statussymbol. Für viele Leute besteht nun eine sehr wichtige Freiheit darin, sich auf
einem sehr schmalen Bereich sehr hochwertige Wirtschaftgüter zu leisten. Diese Wirtschaftsgüter binden dann
einen großen Teil des Einkommens. In allen anderen Be68
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
reichen kann man dann nur als „Normalbürger“ leben. Viel
Lebensgefühl kann jedoch aus diesen Glanzpunkten eines
sehr speziellen Luxus bezogen werden. Eine einfache Luxussteuer könnte hier unabsehbare negative Folgen haben.
Daher muss man nach Wegen suchen, Luxus für die wirklich reichen und den hier genannten „Luxus“ für Normalbürger steuerlich zu unterscheiden.
Wenn solche Steuern nicht international harmonisiert sind,
führt dies aber natürlich zu einem höheren Anreiz zum
Schmuggel. In Zeiten der Globalisierung, in der viele vor
allem wirtschaftlich vergleichbare Staaten sehr ähnliche
Probleme haben, sind solch Harmonisierungen auch in
größeren Regionen möglich. Nationale Alleingänge sind
dabei, wie in fast allen Bereichen, weniger erfolgversprechend. Die Aufgabe der nationalen Parlamente wird sich
also eher weg vom Erlass nationaler Gesetze in diesem Bereich bewegen müssen und sich hinwenden zu Gesetzen,
welche die nationale Regierung verpflichten, entsprechende internationale Regelungen zumindest im europäischen
Bereich herbeizuführen.
2.5. Ökosteuer und das BVG-Urteil vom April
20042
Spediteure und Kühlhausbetreiber haben beim BVG gegen die Ökosteuer geklagt, da diese ihre Marktchancen
verschlechtere und damit gegen die Eigentumsgarantie und
gegen die Garantie der Berufsfreiheit verstoße. Das BVG
2
siehe 1BvR 1748/99, 1BvR 905/00 vom 20. 4. 1004
69
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
hat die Klage klar abgewiesen. Das Ziel des ÖkosteuerGesetzes, die Energie zu verteuern und die Arbeit zu verbilligen ist ein legitimes Ziel der Gestaltung durch die
Wirtschaftspolitik. Die Eigentumsgarantie schützt nicht
die wirtschaftlichen Aussichten gegen eine Verschlechterung. Die Ökosteuer verstößt auch nicht gegen die Berufsfreiheit, denn mit ihr sind auch nicht die wirtschaftlichen
Chancen der Berufe gegen Veränderung geschützt.
Überdies ist die Ökosteuer eine indirekte Steuer, die letztlich auf den Konsumenten weitergegeben wird, so dass also dieser und nicht der Unternehmer die Steuer bezahlen
muss.
Für die Überlegungen hier ist dieses Urteil insofern wichtig, als eine arbeitskostenabhängige Umsatzsteuer auch auf
den Konsumenten abgewälzt wird. Und auch sie hat mindestens ein gleichwertiges Ziel wie die Ökosteuer. Es ist
also zu erwarten, dass das BVG auch Klagen gegen die arbeitskostenabhängige Umsatzsteuer abweisen wird.
3. Wirtschaftspolitische Probleme im
Blickwinkel von Rückkopplungen
3.1. Nähere Begründung der Notwendigkeit
von weiteren stabilisierenden Rückkopplungskreisen
Die klassische liberale und die neoliberale Wirtschaftstheorie glaubt an die Allwirksamkeit der Rückkopplung über
den Preis - besser das Preis-Leistungsverhältnis. Der Staat
hat da allenfalls die Aufgabe des „Gerichtsvollziehers“,
der am Ende verhindert, dass die Ware nicht bezahlt wird.
70
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Das wird auch manchmal mit „Nachtwächterstaat“ apostrophiert. Man kann zeigen, dass der endgültige statische
Gleichgewichtszustand einer freien Wirtschaft ein für alle
Teilnehmer besten Zustand herbeiführt, da sich in einer
freien Wirtschaft niemand so verhält, dass er nicht einen
Vorteil hat.
Man findet über den Zeitverlauf hin zu den Gleichgewichtszustand keine befriedigenden Arbeiten in den wirtschaftswissenschaftlichen Literatur. Würden im Markt
keine anderen Rückkopplungskräfte wirken als die klassische Preis/Leistungs-Rückkopplung, dann wäre es wahrscheinlich erlaubt, diese an sich sehr wichtige weil auch
sehr lange Zeitspanne bis zur Einstellung des entgültigen
gewünschten Gleichgewichts zu vernachlässigen. Es gibt
aber im realen Markt heute eine ganze Reihe von positiven
Rückkopplungskreisen, die leger auch Teufelskreise genannt werden. Diese Teufelskreise lassen eben das System
nicht auf den gewünschten Endzustand unbeirrt zustreben.
Im Gegenteil, diese Teufelskreise schaffen solche sozialen
und gesellschaftlichen Zwischenzustände, die mit großer
Wahrscheinlichkeit die Stabilität aushebeln können oder
sich zumindest nicht über die derzeit zu beobachtenden
Trends einfacher Steuerwirkungsversuche ins positive
wandeln lassen. Außer sogenannten Strohfeuern ist durch
solche Steuerungsmaßnahmen nichts zu erwarten. Nach
jeder „Reform“ spielt sich durch die Rückkopplung der alte Zustand wieder ein, wie seit Jahrzehnten zu beobachten
ist. Das wohl bekannteste Beispiel sind – wie erwähnt - die
vielen Gesundheitsreformen.
71
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.2.
Deregulierung
Das ist auch ein modernes Schlagwort aus dem Arsenal
des Neoliberalismus. Die Wirtschaftsordnung des Mittelalters hätte sicher nicht zu dem heutigen Wohlstand in Teilen der Welt geführt. Daraus schließt man messerscharf, je
weniger Regeln es in der Wirtschaft gibt, um so größer ist
der Wohlstand. Auch wenn das kein Wissenschaftler oder
Philosoph in vollem Ernst behauptet, so wird doch dieser
Glaube ständig verbreitet. Freiheit gegen einschränkende
Ordnung. Kultur ist Ordnung, das Gegenteil davon ist
Chaos. Auch die Natur ist Ordnung entsprechend den Naturgesetzen. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik
sagt, in einem abgeschlossenen System kann die Entropie
nur wachsen. Technisch besagt der Satz, man kann auf einem Ozean, der entsprechend seiner Temperatur beliebig
viel Energie enthält, kein Schiff von dieser Energie antreiben lassen. Man muss dem Schiff noch Brennstoff mitgeben. Auch die Umsetzung der Energie des Brennstoffes in
Bewegungsenergie des Schiffes gelingt wegen des zweiten
Hauptsatzes nicht 100-prozentig. Ein Teil der Energie wird
in ungeordnete Wärmeenergie verwandelt. Der Zweite
Hauptsatz der Wärmelehre führt auch zum Wärmetod des
Universums: Allmählich wird alle Energie in Wärme verwandelt, die ins Weltall abstrahlt und so im kompletten
Chaos endet.
Kultur ist Ordnung. Das Gegenteil von Ordnung ist Chaos.
Freiheit im positiven Sinn kann also nicht die Überwindung und Beseitigung der Ordnung sein, sondern nur das
72
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Ersetzen einer Ordnung durch eine bessere. Das Leben in
Deutschland ist sehr stark kultiviert, daher existiert hier
viel Ordnung. Nicht alles kann da erlaubt sein, angefangen
vom Diebstahl bis zum Bauen ohne Sicherheitsnormen.
Wenn man hier vernünftigerweise einen Ordnungspunkt
weglassen will, muss man zuvor sehr genau untersuchen,
ob inzwischen andere Ordnungen gelten oder eingeführt
werden müssen, um nicht um eine Kulturstufe zurückzufallen. Wenn Freiheit nur Ordnung zerstört, führt sie mehr
oder weniger schnell zum Chaos, auch wenn das eine Weile nicht auffällt, weil die alte Ordnung noch nachwirkt.
3.3.
Globalisierung
Das Endziel des freien Marktes ist seine vollständige Globalisierung. Gibt es nur einen einzigen freien Markt auf
der Welt, sorgt er für allgemeinen Wohlstand. Wenn der
freie Markt funktioniert, ist das auch so. Die Frage ist, ob
er funktionieren kann. Wie an anderer Stelle gezeigt wird,
kann er nur funktionieren, wenn es keine gravierenden
Machtunterschiede in dem Markt gibt. Davon kann heute
im Weltmarkt keine Rede sein. Will man die Machtunterschiede beseitigen, muss man die Unterschiede im Reichtum beseitigen. Will man das in einer absehbaren Zeit tun,
müssen die reichen Länder ihren Reichtum mit den Armen
teilen. Da die Armen in der Überzahl sind, wird von dem
Reichtum wenig übrigbleiben.
Es wird auch die These vertreten, schafft freien Handel,
dann wird der Markt alles regeln. Über sehr lange Zeit betrachtet ist diese Aussage auch nicht falsch, d.h. wenn es
73
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gelingt das System solange stabil zu halten. Eine ganz andere Frage ist, wie dieser Übergang sich vollzieht und ob
in diesem Übergang nicht das ganze System zerstört wird.
Ideal wäre, wenn das Wachstum des Reichtums sich in den
reichen Ländern verlangsamen würde und bei den armen
Ländern ein kräftiges Wachstum des Reichtums entstehen
würde. Damit könnten alle leben und das System bliebe
stabil. Es sieht aber nicht danach aus.
Die weitestgehende Globalisierung war die Freigabe des
Kapitalverkehrs. Der Kapitalmarkt soll hier für alle eine
vernünftige Chance bringen. Ausgerechnet der Kapitalmarkt ist, wie an anderer Stelle3 erwähnt, der einzige
Markt, der nicht nach echten Marktgesetzen funktioniert,
sondern eher dem Betrieb eines Spielkasinos gleicht. Da es
offensichtlich keine Marktkonstruktionen gibt, die den
Kapitalmarkt auf eine wirtschaftlich rationale Art arbeiten
lassen kann, scheint die Suche danach dieselbe zu sein,
wie die Suche nach dem Perpetuum Mobile über lange
Jahrhunderte in der Naturwissenschaft. Der Grund für den
Glauben an ein Perpetuum Mobile war auch da die Gewinnsucht, und der Glaube, die Natur könne man überlisten. Daher wird auch der Anstieg der Börsenkurse in viel
zu starken Maße statt als Inflation im Investitionsbereich
als Zeichen einer gesunden Wirtschaft gesehen.
Das Leben dürfte ein sinnvolles Vorbild für eine florierende Wirtschaft sein. Es ist auch ein positiv rückgekoppelter
Kreis, der zum Wachstum führt. Da ein positives Rückkopplungssystem wegen des Energieerhaltungssatzes
grundsätzlich zum Zusammenbruch führt, ist das Leben
3
siehe Kapitel 5.2
74
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
auch nicht ohne Tod möglich. Die alte Weisheit, dass die
Bäume nicht in den Himmel wachsen, hat das auf eine
kurze Formel gebracht. Da das Leben aber schon Hunderte
von Millionen Jahre existiert, muss es ein Prinzip geben,
das trotz Tod das Leben weiter gehen kann. Das ist das
Prinzip von der Umwelt relativ stark abgekapselten einzelnen Lebewesen. Diese Abkapselung einzelner Lebewesen erlaubt das Überleben eines Großteils der andern Lebewesen, auch wenn eine ganze Menge davon stirbt. Ausnahmen von diesem Fall waren in der Geschichte vor allem Seuchen. Bei den verheerenden Seuchen wurden
Krankheitskeime in viel zu großer Zahl von einem Individuum auf das andere übertragen. Die Abgrenzung der Individuen gegenseitig war nicht mehr ausreichend funktionsfähig. Es wäre also kein sinnvolles Lebenssystem, die
Abgrenzungen einzelner Lebewesen gegeneinander weitgehend zu beseitigen. Alles Leben wäre so in kurzer Zeit
zu Ende. Es ist also wohl auch völlig absurd, die Grenzen
einzelner Wirtschaftsysteme gegeneinander zu beseitigen.
Trotzdem gibt es einen Glauben daran, der zu immer größeren Zusammenschlüssen von Unternehmen und dem
Abbau von Handelsschranken führt. Die Zusammenschlüsse von Firmen funktionieren übrigens nur dann,
wenn sich ein Partner in Lebensgefahr sieht. Der Weltkonzern DaimlerChrysler ist da eines der neuesten Beispiele.
Die Überheblichkeit eines Starken führt dazu, dass er es
sich zutraut den kranken zu sanieren und damit in einem
gewaltigen Schub wachsen zu können. Das ist dieselbe
Gier, die auch die Finanzmärkte nicht echt funktionieren
lässt, die Suche nach dem Perpetuum Mobile über lange
75
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Zeit am Leben erhalten hat und schon manches Spielkasino die Ursache von Ruin und Selbstmord war. Spielkasinos und Lotterien haben natürlich auch einen Vorteil,
sonst wären sie schon lange ausgestorben. Menschen, die
keinen rationalen Weg mehr sehen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, haben hier die Chance doch noch an ihr
Glück zu glauben. Es scheint aber nicht sehr sinnvoll zu
sein, das Schicksal der Wirtschaft den Börsen und damit
einer Art Spielkasino zu überantworten.
Die Haut des Menschen ist sein größtes Organ – ist zu viel
Haut geschädigt, kann der Mensch nicht überleben. Die
Haut ist nicht völlig undurchlässig, aber sie regelt den
Austausch mit der Umwelt auf ein Maß, welches das Leben des Menschen erst ermöglicht. Völlig freier Warenund Geldverkehr über die Grenzen von Wirtschafträumen
hat dieselben Folge wie das Häuten von Menschen bei lebendigem Leib. Das ist noch nie von Gesundheitsaposteln
vorgeschlagen worden. Aber in der Wirtschaftspolitik
geistert das Beseitigen aller Abgrenzungen als Allheilmittel schon eine ganze Weile durch die Welt. Die Grenzen
der Wirtschaftsräume dürfen weder ganz offen noch ganz
geschlossen sein. Auch hier ist eine politisch unabhängige
Regelung nach Maßgabe des Erfolgs - aber beileibe keine
Planung - unter der Hoheit der Vereinten Nationen notwendig. Diese Regelung muss so sein, dass ein stetiger
Übergang des Reichtums der reichen Wirtschaftsräume
nach den armen Wirtschaftsräume hin erfolgt. Da die Armen in der heutigen Welt machtlos und ohne Einfluss
sind, kann ein freies Spiel der Kräfte nie zu einem Ausgleich führen, sondern muss im Sinne des Kapitalmarktes
76
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
die reichen reicher werden lassen und die armen ärmer, bis
das System schließlich zusammenbricht. Erst eine Katastrophe wird zwangsläufig eine neue Ordnung installieren
– wenn die Welt das überlebt.
3.3.1.
Konkurrenzfähigkeit in einer globalisierten Welt
Die oben vorgeschlagenen stabilisierenden Regelkreise
wären am sinnvollsten, wenn sie weltweit eingeführt werden würden. Da dazu aber in absehbarer Zeit keine Realisierungsmöglichkeit existieren wird und derzeit regionale
Probleme eher zu Unstabilitäten neigen, ist es notwendig
die negativen Rückkopplungskreise in irgendwie definierten Regionen einzuführen. Dabei muss aber sichergestellt
werden, dass diese Regionen fähig bleiben, global über
längere Zeit konkurrenzfähig zu sein.
Daher wird es notwendig sein, die Regelungseingriffe so
zu gestalten, dass sie im wesentlichen die regionale Binnenwirtschaft regelt und dem Außenhandel dieser Regionen die notwendigen Freiheiten lässt. Da gezahlte Umsatzsteuer beim Export auch heute rückerstattet wird, wird
wohl die Umsatzsteuer die geeignetste Stellgröße werden
können. Hier stellt sich eine Forschungsaufgabe, welche
die Möglichkeiten und Grenzen solcher auf „Binnenmärkte“ beschränkte Abgaben untersucht.
77
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.3.2.
Beschleunigung der Globalisierung
Die Erfindung der Produktionsautomaten macht die Industrie unabhängiger vom Vorhandensein von Facharbeitern. Man braucht nur noch ganz wenige und die wenigen
kann man praktisch überall finden oder notfalls hinlocken.
Daher ist es z.Zt. sogar möglich, in Billiglohnländern zu
produzieren und die dort erzeugten Waren nach Deutschland zu importieren. Das lässt wieder mehr Exporte zu,
meist an Maschinen, die dann den ganzen Prozess der
Globalisierung beschleunigen.
Nach neueren Untersuchungen kann der starre Blick auf
Lohnkosten aber auch zu falschen Resultaten führen. Am
bisherigen Standort hat auch die Arbeitskultur, Infrastruktur und die Vernetzung mit anderen Firmen einen großen
Anteil am Erfolg. Fehlen jedoch am neuen Standort –
meist notwendig – diese wichtigen Erfolgsfaktoren, so
sind die Ersparnisse bei den Lohnkosten schnell durch
Nachteile überkompensiert.
3.3.3.
Freier Welthandel wegen Macht des
Reichtums nicht möglich, höchstens im Sinne der
Freiheit des Mächtigen
Der gesamte Markt funktioniert nur, wenn der Markt zwischen zwei beliebigen Markteilnehmern auch funktioniert.
Betrachten wir den Handel zwischen einem sehr reichen
und einem sehr armen Marktteilnehmer. Der reiche Marktteilnehmer verfügt außer über viel Waren auch über die
Möglichkeit, sich beliebig große Information über den
Markt anzueignen. Der schwache Marktteilnehmer hat nur
eine für den reichen völlig unbedeutende Warenmenge und
78
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
praktisch kaum Information. Wie unter diesen Voraussetzungen ein freier Handel ohne starke Marktüberwachung
und mit Egoismus statt christlicher Nächstenliebe als Leitbild ausgehen wird, kann man sich leicht vorstellen. Die
Wirklichkeit der letzten 50 Jahre verspricht auch kein besseres Bild für die Zukunft.
3.3.4.
Globalisierung heutiger Prägung
schafft Instabilität der Gesellschaft in den reichen
und in den armen Ländern
Für die Bewohner der reichen Länder gibt es in dieser
Globalisierung noch einen anderen Aspekt. Die ohnehin
noch kaum gebrauchten Arbeitskräfte lassen sich leicht in
den armen Ländern rekrutieren. Die Globalisierung beschleunigt das Wachsen der Arbeitslosigkeit in den reichen Ländern. Die Kapitalbesitzer in den reichen Ländern
werden immer reicher und die Massen immer ärmer. In
den armen Ländern bildet sich eine reiche Schicht von wenigen Arbeitern, die auch immer reicher werden. Der Rest
der Gesellschaft verliert hier ähnlich wie früher in den reichen Ländern die bisherige nicht kapitalabhängige Arbeit
und verarmt immer mehr. Wenn aber die Kluft zwischen
reich und arm auf zu kleinem Raum zu groß wird, ist eine
solche Gesellschaft nicht mehr stabil und beseitigt die prägenden Strukturen. In den unterentwickelten Ländern hat
sich dieser Effekt schon einmal bei der Befreiung aus dem
Kolonialismus abgespielt. Bei später noch mehr verarmter
Intelligenz in den armen und den reichen Ländern werden
solche Eruptionen eher größer als kleiner. An Rekruten für
den Terrorismus kann es dadurch eigentlich nicht fehlen.
79
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.3.5.
Wirtschaft in verschieden schnellem
technischen Fortschritt
Will man beim Zimmerheizen wirklich Erfolg haben, ohne arm zu werden, muss man auch die
Lüftung entsprechend regeln. Erfolgreiche Wirtschaftspolitik braucht mehr als einen negativen
Rückkopplungskreis ( auch Gegenkopplungskreis
genannt)
Die Wirtschaft ist ein äußerst dynamisches System mit einer ganzen Menge nicht gut bekannter Kopplungen. In einer Welt ohne nennenswerten technischen Fortschritt, bildet sich in einem freien Markt ein fast gleichbleibendes
Gleichgewicht heraus. Alle technischen und wirtschaftlichen Änderungen in einem solche System sind sehr langsam. So war um 1900 die Technik weitgehend noch dieselbe wie im Mittelalter. Die sogenannte technische Revolution hatte nur die Dampfmaschine und die Eisenbahn
gebracht. Es gab also eine Energievermehrung und eine
größere Geschwindigkeit der Ortsveränderung. In diese
Zeit konnten noch (die schwach gestörten wirtschaftliche
Zustände) als Gleichgewichte betrachtet werden. Damit
haben sich z.B. gesetzliche Einrichtungen wie die gesetzlichen Versicherungen so ausgewirkt, dass die schon von
Marx gesehene Ratio-Arm-Spirale4 nicht voll zur Wirkung
kam.
4
Siehe auch Kapitel 3.5.
80
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die gesetzlichen Maßnamen nach der Katastrophe des ersten Weltkrieges konnten aber die große Inflation nicht
verhindern und die boomartige Erholung danach schwang
positiv rückgekoppelt in die Weltwirtschaftskrise von
1929. Die staatliche Arbeitsbeschaffung durch Aufrüstung
in Deutschland mündete dann in den 2. Weltkrieg.
3.4.
Ökologie kontra Konkurrenzfähigkeit
Die gängige Weisheit der Ökologiegegner ist relativ einfach. Die Schonung der Umwelt an einem Produktionsstandort ist teuer. Sie verteuert damit die Produktion. Der
Standort wird dadurch weniger konkurrenzfähig und die
Produktion wandert ab. Da weniger entwickelte Länder,
oder solche mit großem Flächenangebot mit weniger Ökologierücksichten glauben leben zu können, wird man daran
nicht viel ändern können. Die eigentliche Produktion von
Massengütern wird sich in Ländern mit hohem ökologischen Standort schwer halten lassen. Auf der anderen Seite
schwindet auch der Wert des „made in Germany“ oder anderer Herkunftsbezeichnungen zugunsten von vielleicht
„made by DaimlerChrysler“. Man wird da mit der Zeit nur
noch wenige hochwertige Teile in Deutschland fertigen.
Hier könnten aber in der Entwicklung und der Organisation neue Arbeitsplätze entstehen, die durch ökologische
Abgaben wenig belastet sind und auf dem deutschen
Markt durch personalkostenabhängige Umsatzsteuer eine
entsprechende Kompensation erfahren können. Wenn es
nicht mehr so rentabel ist, mit wenig Personal auszukom81
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
men, gibt das auch mehr Raum ökologisch besser verträglich Produkte und Produktionsmethoden zu entwickeln,
die sich auch auf dem Weltmarkt durchsetzen können.
Langfristig muss die deutsche Politik aber dafür sorgen,
dass überall auf der Welt die ökologischen Standards steigen, weil sonst ein Überleben gar nicht möglich ist.
3.5. Deutsches Sozialsystem - ein Solidarsystem nur der Arbeitnehmer
Das deutsche Sozialsystem ist ein Solidarsystem der Arbeitnehmer. Wenn die meisten Leute Arbeitnehmer sind,
macht das den Eindruck eines Solidarsystems des Volkes.
Wenn die Arbeitnehmer aber weniger werden und die,
welche die Arbeit verloren haben weiter von den Arbeitenden miterhalten werden müssen, so führt dies zu der
Rationalisierungs-Armuts-Spirale kurz „Ratio-ArmSpirale“. Die „Ratio-Arm-Spirale“ als Folge der technischen Entwicklung ist jedoch ein Paradox, könnte doch die
Weiterentwicklung der Technik zu mehr Reichtum führen.
Somit muss in unserem System ein gravierender Fehler
sein, der einen Segen in einen Unsegen verwandelt.
Wie an anderer Stelle gezeigt, könnte in einiger Zeit die
kapitalistisch marktwirtschaftliche Industrie in einem Reservat5 von etwa 10% der Bevölkerung betrieben werden
und dabei mit ihrer Produktion für stetig steigenden Wohl5
Siehe Kapitel 9.3.
82
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
stand sorgen. Sie muss dann aber auch gesellschaftlich eine bescheidene Rolle spielen, wie heute die Landwirtschaft. Die vom Handel zu erhebende Umsatzsteuer sollte
den nicht marktfähigen Teil des Lebens finanzieren ohne
durch positive Rückkopplungen über starre Strukturen das
Leben zu lähmen.
3.5.1.
Sozialsystem in Deutschland - positive Rückkopplung in die Arbeitslosigkeit
In Deutschland ist - wie gesagt - das Sozialsystem so geordnet, daß es zur Zeit nicht funktionieren kann. Im einzelnen sieht das etwa so aus: Der technische Fortschritt
macht, bei der derzeitigen Marktsättigung, einen Teil der
Arbeiter überflüssig. Es wächst die Arbeitslosigkeit. Da
die ganze Soziallast auf der Arbeit liegt, d.h. auf die Arbeiter und ihre Arbeitgeber entsprechend der Zahl der Beschäftigten umgelegt wird, wächst ständig die Soziallast
pro geleisteter Arbeitsstunde und fördert weitere Automation. Dies ist eine sich positiv verstärkende Rückkopplung
eines Effektes - nämlich des technischen Fortschrittes - der
aber von der Vollbeschäftigung ständig wegführt. Der hier
von liberaler Seite geforderte Abbau der Sozialleistungen
um die Arbeit billiger zu machen, führt aber zur Verkleinerung der Kaufkraft die den produzierten Waren gegenübersteht. Und das führt wieder zu einer vermehrten Arbeitslosigkeit. Praktisch alle geforderten Sparmaßnahmen
führen also noch mehr zu der weiter oben schon kurz beschriebenen „Ratio-Arm-Spirale“. Wenn die Geldmenge
ausgeweitet wird, steigen die Unternehmergewinne und
83
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
allenfalls die Löhne der arbeitenden. Die Gewerkschaften
haben schlechte Karten, denn höhere Löhne verstärken den
ganzen positiv rückgekoppelten Störeffekt weiter, d. h. die
„Ratio-Arm-Spirale“ dreht sich dann noch schneller, wenn
auch die Löhne steigen.
3.6. „Ratio-Arm-Spirale“ statt Lohn-PreisSpirale
Die Marktsättigung wird entsprechend der Arbeitslosigkeit, damit weniger steigenden Löhnen und der
überall wirkenden Sparmaßnahmen immer stärker spürbar.
Es verschwindet der in der Erhard´schen sozialen Marktwirtschaft funktionierende Effekt, daß die Marktsättigung
durch die steigenden Löhne immer wieder hinausgeschoben wurde. Vieles ist heute nicht mehr absetzbar. Das
führt über Produktionseinschränkung einerseits und preislich erzwungene Produktivitätssteigerung andererseits und
beides zu weiterer Arbeitslosigkeit. Diese Rationalisierungs-Arbeitslosigkeits-Spirale vielleicht kurz „RatioArm-Spirale“ zu nennen, dreht sich seit Jahren immer weiter und ist mit den bisher verwendeten Mitteln nicht aufzuhalten.
Die großen Wirtschaftskonzerne mit ihren relativ zu den
zu lösenden Problemen eher inkompetenten Führungskräften erinnern sich natürlich noch an die Erhard`schen Wirtschaftswundereffekte. Das Wort, man muss mit der Produktion zum Markt hin, stammt sinngemäß aus diesem Arsenal. Nur wenn es auf einem Markt auch Kaufkraft gibt,
kann man dort verkaufen. Die Waren müssen von den
84
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Leuten auch gekauft werden können. Wenn sie in einem
Hochlohnland produziert und in einem Niederlohnland
verkauft werden sollen, funktioniert das überhaupt nicht.
Man muss zumindest vor Ort billig produzieren, dann
kann man Umsatz machen und vielleicht einige Prozent
des Umsatzes als Rendite einstreichen. Auf dem niedrigen
Niveau ist das nicht sehr viel pro Kunde, aber es gibt dort
oft beliebig viele Menschen. Wesentlich besser wird der
Verdienst noch, wenn man die billig produzierten Waren
in Deutschland oder einem anderen Hochlohnland relativ
teuer verkaufen kann.
Die Produktion wird so in den Hochlohnländern schrumpfen und zu weiterer Arbeitslosigkeit führen.
Wenn man also keine neuen gegengekoppelten Regelkreise installiert, wird sich diese „Ratio-Arm-Spirale“ in
Deutschland und in großen Teilen Europas so lange drehen, bis die „Ratio-Reich-Spirale“ der Niedriglohnländer
und unsere „Ratio-Arm-Spirale“ in ferner Zukunft sich irgendwo treffen. Wenn die beiden Spiralen beieinander angekommen sind, kann sich vielleicht bei uns ein kleines
Erhard´sches Wirtschaftswunder wiederholen. Wenn dieses System wirklich so lange stabil bleibt! Aber auch danach sieht es nicht aus.
3.7.
Arbeitslosigkeit
Die Arbeitslosigkeit, die man heute in den reichen Ländern
beobachtet, ist nicht so sehr das Ergebnis konjunkturellen
Tiefstandes wie in früheren Jahrzehnten. Die Arbeitslosigkeit hat sich merklich von den Konjunkturphasen entkoppelt. Die Talfahrt der Konjunktur verstärkt zwar immer
85
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
noch die Arbeitslosigkeit. Beim Anziehen der Konjunktur
wird aber die Arbeitslosigkeit viel schwächer wieder abgebaut. Das ist einerseits eine Folge des technischen Fortschritts. Bei guter Konjunktur werden auch immer mehr
Arbeitskräfte wegen des technischen Fortschritts überflüssig. Sie werden aber nicht entlassen, da sie bezahlt werden
können und eine gewisse Kraftreserve darstellen. Bei rückläufiger Konjunktur kann man sich diese Reserven nicht
mehr leisten. Bei wieder ansteigender Konjunktur verzichtet man dann aber häufig auf neu aufzubauende Reserven.
Mit dem gleichen Aufwand lässt sich neu rationalisieren,
was wieder einen Puffer schafft.
Das liegt vor allem auch daran, dass freigesetzte hochqualifizierte Arbeitskräfte sofort vom Arbeitsmarkt aufgesaugt
werden. Man kann die entlassenen Leute nicht mehr einstellen. Man findet nur schlechter qualifizierte, wohingegen man ja jetzt besser qualifizierte benötigt. Das gibt
dann auch bei guter Konjunktur wieder einen weiteren Anreiz zu rationalisieren indem man Menschen durch Maschinen und Computer ersetzt. Dadurch wird mit jedem
Konjunkturzyklus, die „Ratio-Arm-Spirale“ kräftig weiter
gedreht.
3.7.1.
Arbeitslosigkeit 2
In unserer Marktwirtschaft gibt es wie wir weiter oben gesehen haben, eine ganze Reihe von natürlicherweise positiv rückgekoppelter Kreise, wie etwa die „Ratio-ArmSpirale“, die z. B. zu ständig wachsender Arbeitslosigkeit
führt. Die sogenannte Sozialreformen versuchen nun den
86
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Faktor Arbeit billiger zu machen z.B. durch ermäßigte
Versicherungstarife. Das hat zunächst vielleicht die Wirkung zusätzlicher Arbeit, da sie dann zunächst billiger
wird. Mit kurzer Verzögerung wird aber auch die Nachfrage geringer, weil die geringeren Versicherungsleistungen
die Kaufkraft entsprechend vermindert. Das führt aber
wieder zu weiterer Rationalisierung und damit höherer
Arbeitslosigkeit. Das ganze Manöver bringt nur, dass die
Armen ärmer werden. Irgendwohin wird der gesparte
Reichtum fliesen, nämlich auf die Konten der Reichen.
Wie auch immer solche „Reformen“ ausgehandelt werden,
der Erfolg ist immer der gleiche , nämlich eine Beschleunigung der Ratio-Arm-Spirale. Das ganze hat eine große
Ähnlichkeit mit einem Stochern in einem Schadensfeuer.
An irgend einer Stelle, wird es ein wenig verschüttet und
diese Stelle wird damit dunkler, dafür lodert es an einer
anderen Stelle um so mehr auf, und das Haus ist schneller
abgebrannt.
3.8. Arbeit der Menschen – Quelle des Wohlstandes
Die Urquelle des menschlichen Lebens ist wohl die Natur
selber. Die Beschaffenheit unserer Erde. Das Klima, das
Leben der Tier- und Pflanzenwelt. Diese ganzen Quellen
des Lebens des Menschen, sind aber nicht in der Art des
Schlaraffenlandes strukturiert, wo die gebratenen Tauben
den Leuten in den Mund fliegen. Damit der Mensch hier
leben kann, braucht es Tätigkeit des Menschen, zunächst
Früchte sammeln und Tiere jagen. Dann kam nach dem
87
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Jagdzauber eine weitere Kultur, die Agrikultur mit dem
Anbau von Pflanzen und dann auch Pflanzenzucht und
dem Halten von Vieh und dann auch Viehzucht. Diese
Kulturen beinhalten Tätigkeiten von Menschen, die wir als
Arbeit bezeichnen müssen. Ohne Arbeit des Menschen
gibt es kein Leben des Menschen und schon gar keinen
Wohlstand. Solange es noch notleidende Menschen gibt,
kann es keinen vernünftigen Grund geben, Arbeitslosigkeit
zu tolerieren. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist daher die wichtigste Aufgabe jeder menschlichen Gesellschaft. Das ist wohl auch der Grund, warum sich bei uns
die meisten Menschen über ihre Arbeit definieren. Arbeitslosigkeit, auch wenn sie bezahlt wird, ist ein Makel, der
das Selbstbewusstsein der Menschen untergräbt. Von hier
ist der Weg nicht weit vom Unterstützungsbetrug. Beim
Unterstützungsbetrug beruht ein Teil der Einkünfte wieder
auf eigener „Leistung“, und erscheint den Betroffenen daher auch als Kavaliersdelikt. „Die Gesellschaft hat kein
Recht mein Selbstbewusstsein zu beeinträchtigen, so darf
sie sich nicht wundern, wenn ich es mit den Mitteln, die
zur Verfügung stehen, es wieder aufzurichten versuche“,
wird hier wohl oft die Argumentation sein das Gewissen
zu beruhigen.
3.9. Grundrecht auf Arbeit und Möglichkeit zu
seiner Realisierung
In Deutschland gibt es noch kein Grundrecht auf Arbeit.
Das ist offenbar ein Konstruktionsfehler. Es gibt ein
Grundrecht auf Würde, ein Grundrecht auf Freiheit, ein
Grundrecht auf Eigentum. Freiheit gibt es in unserem Sys88
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
tem nicht ohne Eigentum. Eigentum bilden in Würde kann
man in unserem System nur mit eigener Arbeit. (Eigentum
vermehren geht manchmal auch allein.) Ohne Grundrecht
auf Arbeit sind die anderen Grundrechte offenbar Konjunkturabhängig. Bei schlechter Konjunktur kann man ohne Arbeit in Würde kein Eigentum bilden und damit auch
nicht frei sein. Die Arbeitslosenversicherung kann von ihrem Wesen her nur eine kleine Zahl von meist kurzzeitigen Arbeitslosen über die Versicherungsbeiträge versorgen. Sobald hier wie heute große Zuschüsse aus Steuermitteln notwendig sind ist die Arbeitslosenunterstützung eher
ein Almosen als die Rückzahlung von (Zwangs)Ersparnissen aus der Zeit der Arbeit.
Ein Grundrecht auf Arbeit verpflichtete dann den Staat,
seine Steuerstruktur so zu gestalten, dass eine negative
Rückkopplung entsteht, welche die Vollbeschäftigung
ebenso stabilisiert wie die Deutsche Bundesbank die
Geldwertstabilität über 50 Jahre – einzigartig in der Welt –
stabilisiert hat. Das kann etwa so aussehen:
Das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen verursacht der
Gesellschaft Kosten, welche die Nutznießer der Wegrationalisierung wieder erstatten müssen, denn sie sind die
Verursacher. Daher ist es praktisch unabdingbar die entsprechenden Produkte, deren Kosten vom Wegrationalisieren der Arbeitsplätze profitiert haben, mit einer höheren
Umsatzsteuer zu belasten, solange eine erhöhte Arbeitslosigkeit auftritt. Können die freigestellten Personen an andrer Stelle wieder eingesetzt werden muss diese steuerliche
Höherbelastung natürlich wieder verschwinden und der
Gewinn kann steigen und die Preise fallen. Bei Weiterbe89
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
schäftigung im eigenen Betrieb bleibt die personalkostenabhängige günstige Steuerklasse unmittelbar erhalten, bei
sinkender Arbeitslosigkeit gehen die Hebesätze für diese
Steuern zurück.
In einer freien Wirtschaft ist der Staat nicht in der Lage,
die Menschen genügend den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechend auszubilden oder umzuschulen. Das
gelingt schon deshalb nicht, weil eben das Charakteristikum des freien Marktes gerade darin besteht, dass sich
nichts nach zentralem staatlichen Plan entwickelt, sondern
jeder Hersteller nach eigenem Plan verfahren kann.
Dadurch ist auch nur er in der Lage, eine gewisse Zeit vorauszusehen, welches Wissen und Können seine Mitarbeiter benötigen werden. Er muss sich also solche suchen und
wenn er sie nicht findet, andere entsprechend aus- oder
weiterzubilden. Dadurch entstehende Personalkosten, sollten daher bei der personalkostenabhängigen Umsatzsteuer
besonders also eher überproportional berücksichtigt werden.
Personalkosten wegzurationalisieren und die Folgekosten
der Gesellschaft aufzubürden kann nicht geduldet werden.
Wenn man es trotzdem tut, ist es mit Steuerhinterziehung
gleichzusetzen und kann daher gar nicht legal sein. Solange die Arbeitslosigkeit kein ernstes Problem war, da eine
gewisse Arbeitslosigkeit Voraussetzung für eine gewisse
Mobilität der Arbeitnehmer darstellt, konnte man auf eine
thermostatartige Regelung der Vollbeschäftigung verzichten. Das ist aber heute nicht mehr möglich.
90
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.10. Ist Dienstleistung eine der Produktion
gleichwertige Arbeit
Bei der Dienstleistung kann man einige Arten der Dienstleistung unterscheiden. Die drei wesentlichsten Dienstleistungsarten sind Finanzdienstleitungen, produktionsnahe
Dienstleistung und personennahe Dienstleistung. Z. B.
Banken sind Finanzdienstleister, die Reinigung von Fabrikhallen ist z.B. eine produktionsnahe Dienstleitung,
Krankenpflege eine personennahe Dienstleistung.
Diesen drei Arten kommt sicher die Eigenschaft Arbeit im
obigen Sinn6 zu. Sie verbessern oder erhalten das Leben
und den Wohlstand. Insofern sind sie der Produktion
gleichzusetzen.
Eine andere Frage ist die, welche Kaufkraft steht diesen
Arten von Dienstleistungen gegenüber.
Die produktionsnahen Dienstleistungen hängen an der
Kaufkraft der Produzenten. Diese ist an sich relativ groß
aber konjunkturabhängig.
Diese produktionsnahen Dienstleistungen sind als solche
relativ neueren Datums. Sie entstanden im wesentlichen
zum Zwecke des Personalkostenabbaus. Die entsprechenden Arbeiten wurden früher durch das Personal der Produzenten vielfach auch noch nebenbei durchgeführt. Dadurch
war der Stundenlohn für die Produktion und die Reinigung
gleich, oder doch nicht sehr verschieden. Spezielle Reinigungsfirmen haben die Arbeit mit geringer bezahlten Leuten und besserer Arbeitsorganisation kostengünstiger angeboten.
6
Siehe Kapitel 3.7.
91
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die Kaufkraft, bzw. der Kaufwille, der den produktionsnahen Dienstleistungen gegenübersteht wird ständig unter
dem Willen, Personalkosten einsparen zu wollen, auch
überproportional kleiner, weil es z.B. auch keinen messbaren Schaden gibt, wenn die Qualität der Reinigung wegen
schlechter Bezahlung zwangsläufig abnimmt.
Personennahe Dienstleistung wie etwa Krankenpflege
stößt von Natur aus auf eine meist völlig unzureichende
Kaufkraft, wenn der Nutznießer der Pflege sie auch bezahlen muss. Die Krankenversicherung schafft hier erst den
Weg, diese Dienstleitung im nennenswerten Umfang bezahlen zu können. Hier ist notwendigerweise der freie
Markt nahezu ausgeschaltet. Die Praxis zeigt, dass die einfachen Pflegeberufe relativ schlecht bezahlt sind, manche
Ärzte und Apotheker sehr gut bezahlt sind, und die Pharmaindustrie derzeit relativ gut floriert, aber sie ist auch
keine Dienstleitung im eigentlichen Sinne sondern wieder
Produktion.
Die Finanzdienstleistung hat sich in den wirtschaftlich guten Zeiten sehr ausgebreitet und konnte daher viele Arbeitsplätze bereitstellen, die auch einigermaßen gut bezahlt
waren. Die Arbeit war dort von der Ausbildung, dem Auftreten und der Zuverlässigkeit her von hohem Anspruch.
Da sie aber vom logischen Ablauf außerordentlich gleichartig ist und wenig mechanische Kraftarbeit benötigt, wurde diese Arbeit als erstes ein Opfer der Computerisierung.
In Deutschland war aufgrund der Siedelungsstruktur Kundennähe ein eine sehr wirksame und erfolgreiche Strategie.
In Amerika war die in vergleichbaren Maße nie möglich
und der Personalersatz durch Computer war kaum ge92
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
hemmt. Das brachte deutsche Banken dann ins Hintertreffen.
Eine Frage ist es, ob Dienstleitung eigentlich Werte schafft
und deshalb irgendwie in der Lage ist, die aus der Produktion ausscheidenden Menschen adäquat zu beschäftigen.
Das kann man der Dienstleistung natürlich nicht absprechen. Wo die Dienstleistung sonst nicht ausrechendes
Know-how einbringt verbessert sie sicher der Struktur. Wo
sie nur zum Löhne drücken eingesetzt wird, vernichtet sie
Kaufkraft und schädigt die Gesamtwirtschaft.
3.11. Weiterbildung - ein großes Schlagwort
Rationalisierung ohne Ratio-Arm-Spirale verlangt echte
Mobilität der Arbeitskräfte. Dem stehen starke Kompetenzdefizite gegenüber. Um dem zu steuern wurden Ausbildungsmaßnahmen der Arbeitsämter gestartet. Ihr Erfolg
lässt offensichtlich sehr zu wünschen übrig. Das hängt vor
allem damit zusammen, dass die klassische Ausbildung im
Beruf heute nicht mehr adäquat und ausreichend ist. In der
durch den technischen Fortschritt sich ständig ändernden
Arbeitswelt, wird Können und Erfahrung ständig entwertet. Das in der Gesellschaft vorhandene Humankapital
wird also praktisch ständig vermindert. Nicht brauchbares
Wissen und Können ist wirtschaftlich nichts mehr wert.
Die Flexibilität der Wirtschaft zu Ehrhards Zeiten beruhte
im wesentlichen darauf, dass in jeder beruflichen Bildungsschicht horizontal eine nahezu unendliche Beweglichkeit für die Menschen vorhanden war, denn sie konnten an jedem neuen Arbeitsplatz das alte Wissen und Können, jetzt auf ein neues Ziel gerichtet, wieder anwenden.
93
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Heute muss vor der erfolgreichen Aufnahme einer neuen
Tätigkeit das durch den technischen Fortschritt entwertete
Wissen und Können durch neues Wissen, Können und Erfahrung ersetzt werden. Genau aber das ist außerhalb des
Betriebes kaum oder gar nicht möglich. Irgendwie im luftleeren Raum erfundene und für alle möglichen Leute
brauchbar sein sollende Weiterbildungskurse haben sich
keinesfalls bewährt. Solche Kurse können sich auch gar
nicht bewähren. Ihr Ausbildungsziel kann nur sehr
schwammig und nicht präzise sein. Unter anderem auch
dadurch bedingt, fehlt es dann auch an Lernmotivation. So
kann diese Art der Weiterbildung überhaupt nicht effektiv
sein. Im Gegenteil, sie verschlimmert zumindest insoweit
das Problem, weil es durch die unvermeidlichen Lernschwierigkeiten das Selbstwertbewusstsein schmälert ohne es durch sicher verwertbare Kompetenzen neu zu stärken.
Wenn man es etwas überspitzt formulieren will, kann eine
allgemein brauchbare Berufsausbildung nur ein tragfähiges
Fundament bilden, auf dem „on the jop“ weiter aufgebaut
werden kann. Ganz besonders ist die Lernfähigkeit in starkem Maße zu fördern. Das ist sehr schwierig, leider geht
ohne dem aber gar nichts.
Ein vernünftige Weiterbildung ist eigentlich nur im Betrieb möglich. Leute, die schon da sind, haben das richtige
Fundament, auf das man mit relativ wenig Aufwand, das
aufbauen kann, was gebraucht wird. So wie die Berufsausbildung im Betrieb angesiedelt ist, muss auch die Weiterbildung im Betrieb erfolgen. Je nach Organisationsmöglichkeit muss die Weiterbildung neben der vorhandenen
94
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Beschäftigung herlaufen, oder es muss eine längere Arbeitsfreistellung bei weiterer Betriebszugehörigkeit erfolgen. Die Ratio-Arm-Spirale wird durch die verbreitete
Weiterbildung nicht ernstlich gebremst. Wenn, wie oben
gefordert, Personalentlassungen zu höheren Umsatzsteuern
für die Unternehmen führen, dann gibt es auch mehr Anreiz, innerbetriebliche Weiterbildung vorzunehmen, was
wie gesagt viel effektiver ist. Heute kann man hierzulande
die Kosten abwälzen, erhält aber auch nicht adäquates.
3.12. Wirtschaftswachstum über neue Produkte
3.12.1.
Handy
Das wesentliche Problem ist heute aber die Marktsättigung. Diese kann jedoch in einer Überflussgesellschaft nur
durch neue Produkte behoben werden. Alles was in den
letzten 50 Jahren neu auf den Markt kam, kann man sich
wegdenken, und die Leute könnten trotzdem leben. In gewissem Sinne sind diese Produkte also überflüssig. Da
diese Produkte aber einen großen Teil des Wirtschaftslebens ausmachen, müssen Wirtschaftsprodukte offensichtlich nicht notwendig gebraucht werden, sondern sie müssen nur gekauft werden. Wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit und der Angst davor finden viele vielleicht auch
neue Güter keinen Absatz. Eine wesentliche Ausnahme ist
das Handy.
Es hat offenbar als neues Produkt ein altes menschliches
Bedürfnis befriedigt, das durch die Entwicklung der letzten 50 Jahre mehr und mehr nicht befriedigt werden konnte, nämlich die Zurufe in der Kleingesellschaft vornehm95
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
lich in der Familie. Der Ruf :“Karl wo bist Du? Ich geh in
die Stadt. Wie geht es bei Dir? Ist alles OK?“ Und die darauf folgende Antwort. „Ich bin noch zu hause! Gehe aber
gleich zur Arbeit! Alles ist OK!“ Dank des Handy und der
SMS ist diese lebenswichtige Kommunikation heute wieder möglich und hat den Boom der Handys verursacht.
Aber auch hier ist bereits eine weitgehende Marktsättigung
eingetreten. Eine ausreichende Menge erfolgreicher neuen
Produkte ist nicht in Sicht. Neue Geräte werden meistens
von Technikern erfunden. Dann muss man praktisch ein
ganzes Volk so umerziehen, dass es glaubt die neuen Geräte zu brauchen. Vielleicht wäre es sinnvoller und einfacher, von Gesellschaftswissenschaftlern und Psychologen
neue Geräte definieren zu lassen und dann Ingenieure beauftragen diese Geräte zu bauen.
Früher wurden die Ideen von den Märchen geliefert. Die
Siebenmeilenstiefel führten zu Motorrad und Auto, der
fliegende Teppich zum Flugzeug und Peterchens Mondfahrt schließlich zum Flug auf den Mond. Heute gibt es
aber kaum noch ein Märchen, das man noch ausbeuten
könnte.
3.12.2.
Das Internet
Das Internet ist nicht nur ein neues Produkt, sondern
gleich eine ganz neue Technologie. In der Technikgeschichte hat sich die Einführung einer neuen Technologie
immer ähnlich abgespielt: Zunächst große Skepsis, dann
übergroße Euphorie mit einer gewaltigen Spekulationsblase und bei deren Platzen eine anschließende Rezession.
Die weitere Entwicklung der neuen Technik führte dann
96
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
zu einer Verdrängung der vorherigen Technik. Das ist mit
massiver Vernichtung von investiertem Kapital und heutzutage auch viel Humankapital verbunden. Insgesamt hat
sie sich nur dann durchgesetzt, wenn sie die „Ratio-ArmSpirale“ etwas weiterdrehte.
Heute arbeitet das Internet in der Forschung, für die es erfunden wurde, sehr befriedigend. Große, weit verstreute
Forschergruppen können sich fast so unterhalten, als ob sie
im gleichen Labor säßen und nicht Tausende von Kilometern auseinander.
Eine weitere Gruppe von intensiven Internetnutzern sind
Jugendliche und auch schon Kinder. Das kann man leicht
am Niveau von offenen Internetforen beobachten. An solchen Foren ist ein ernsthaftes Mitdiskutieren aus diesem
Grunde kaum möglich. Im wesentlichen lässt sich das Albern auf dem Schulhof fortsetzen, der wegen des verstreuten Wohnens in der Freizeit nicht aufgesucht werden kann.
Der Handel im Internet schließt sich in seiner Funktion an
den Versandhandel an. Die Website ersetzt in etwa den
Katalog. Der Vorteil für den Kunden ist, dass er sehr
schnell an einen aktuellen Katalog herankommen kann.
Für den Versender ergeben sich Kosteneinsparungen gegenüber dem Papierkatalog.
Für die Freie Marktwirtschaft ist das ganze eher nachteilig,
da man im Internet zwar ziemlich rasch Preise vergleichen
kann - aber keineswegs nicht genormte Qualitäten. Die Sache läuft also dann gut, wenn die Bestellung nach DIN
möglich ist. Ansonsten wird hier die Rückkopplung „billiger weil schlechter“ mangels rascher Qualitätskontrolle
stark gefördert. Hier kann die Qualität erst nach Lieferung
97
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
geprüft aber sehr umständlich verglichen werden, weil
man verschiedene Bestellungen tätigen muss, die meist alle zunächst bezahlt werden müssen und die Retouren erst
stark zeitversetzt erstattet werden.
Das Bestellen und bei Nichtgefallen das Zurücksenden ist
auch ein wichtiges Glied der Ratio-Arm-Spirale, da hier
nicht nur wie im Supermarkt die Hälfte der Lagerarbeit auf
den Kunden abgewälzt wird, sondern er darf hier auch die
Kosten der Lagerhaltung übernehmen.
Eine Wirtschaftsbelebung findet hier allenfalls auf der
Straße statt, also eine Belebung des Autoverkehrs. Statt
dass ein Verkäufer mehrere Waren aus dem Regal holt und
auf der Theke ausbreitet und das nicht verkaufte wieder
zurücklegt, fahren die Waren mit zusätzlichem Verpackungsmaterial über weite Strecken. Am Ende kann das
aber nur durch Weiterdrehen der Ratio-Arm-Spirale finanziert werden. Qualitätsvergleich wird erschwert, was im
allgemeinen zu schlechtere Qualität führt. Dazu kommt
die Entlassung von Verkäufern. Letztere sind heute noch
Know-how-Träger in Bezug auf Qualität, die dann auch
aus der Wirtschaft wegrationalisiert werden. Selbst das Internet als Arbeitgeber bewirkt das Weiterdrehen der RatioArm-Spirale zumal auch viele mittlere und kleinere Firmen in diesem Wirtschaftsbereich verschwunden sind.
3.13. Konzentration / Fusionen
Die große Welle der Fusionen ist etwas abgeebbt. Das besagt jedoch nicht, dass die Konzentration nicht weiter
geht. Die Technik ist fast grundsätzlich so angelegt, dass
98
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
der technische Fortschritt neue Investitionen erzwingt.
Diese Investitionen amortisieren sich am ehesten, wenn
man zu größeren Serien übergeht. Das jedoch erfordert einen höheren Absatz und in einer Zeit der weitgehenden
Marktsättigung ist das nur über neue Kunden möglich.
Diese Kunden haben aber bereits einen Lieferanten. Es ist
nun viel billiger den Mitbewerber mitsamt den Kunden
aufzukaufen, als die Kunden abzuwerben. So führt das automatisch zu immer neuen Übernahmen und Fusionen.
Dies führt aber immer zu größeren Wirtschafteinheiten mit
immer mehr Marktmacht.
In diesem Prozess gibt es eine Bremse, das ist manchmal
die unterschiedliche Firmenstruktur, oder Nationalkultur.
Diese lassen die erwarteten Synergien und Einsparungen
nicht realisieren. So können abschreckende Beispiele entstehen. Prinzipiell werden größere Wirtschaftseinheiten
immer komplexer. Innerhalb dieser Wirtschaftseinheiten
gibt es meist keinen eigentlichen wirtschaftlichen Wettbewerb, sondern eher eine Art Planwirtschaft. Planwirtschaft
setzt aber Planbarkeit voraus. Da diese aber weitgehend
nicht existiert, nähert sich eine Wirtschaft mit sehr großen
Einheiten den Zuständen in der staatlichen Planwirtschaft.
Diese sind aber mangels genügend diversifiziert angelegter
Rückkopplungskreise über den Markt zusammengebrochen.
Konzentration wird durch nicht über den Markt rückgekoppelter Kosten-Nutzenrechnung, die dann eher spekulativ ist, positiv rückgekoppelt. Sie führt zu immer mehr Arbeitslosigkeit durch Rationalisierung aber auch zum Absatzrückgang durch Verschmälerung des Angebotes. Sie
99
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ist also ein besonders wirksames Glied der „Ratio-ArmSpirale“.
Große Einheiten sind durch ihre innere Struktur besonders
kollapsanfällig. Wachsender Absatz stimuliert wachsende
Investitionen. In großen Einheiten sind die Investitionsschritte nur günstig, wenn sie größeren Blöcken erfolgen.
Am Ende eines möglichen Wachstums sind oft noch besonders große und jetzt auch fremdfinanzierte Investitionsblöcke in der Verwirklichung, die nicht mehr gebraucht
werden und so die Liquidität vernichtet haben. Hier wird
auch die Versuchung groß, das noch vorhandenen Ansehen am Markt zu illegalen Rettungsaktionen zu missbrauchen, wie es in letzter Zeit öfter beobachtet werden kann.
3.13.1.
Große Konzerne werden eher planwirtschaftlich als marktwirtschaftlich geführt.
Es gibt eine Scherzfrage: Für eine bestimmte Arbeit
braucht ein Mann acht Stunden. Wie viel Stunden brauchen dann zwei Mann für diese Arbeit. Die Antwort lautet
sechzehn Stunden. Das Problem liegt dabei nicht bei fehlenden mathematischen Kenntnissen, sondern die beiden
streiten sich zunächst 12 Stunden, wie denn die Arbeit zu
bewältigen sei. Wenn sie sich geeinigt haben, brauchen sie
dann noch 4 Stunden. Da bei dieser Arbeitsweise eine
Firma schlecht Geld verdienen kann, sagt meist einer wie
gearbeitet wird und die andern machen das dann so. Da
das im kleinen sehr gut funktioniert, hat man aus diesem
Modell die Planwirtschaft entwickelt. Das war dann die
Wirtschaft in einem ganzen Staat. In einem Konzern liegt
die Entscheidung letztlich auch bei dem Chef. Besonders
100
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gut sollen Konzerne mit schlanker Struktur sein. Da landet
vieles bald beim Chef und zwischen dem Arbeiter und
dem Chef ist nicht allzu viel Sachverstand vorhanden. Bei
wachsendem Konzern wächst damit auch die Inkompetenz
der letztlich entscheidenden Instanz, ganz wie in der
Planwirtschaft.
In Deutschland gab es nach dem zweiten Weltkrieg zwei
sehr bedeutende Elektrokonzerne. Siemens und AEG. Die
AEG war ein kaufmännisch und hierarchisch straff geführter Konzern. Siemens war eher ein Konglomerat von Ingenieurbüros und von diesen beauftragten Fabriken und einer
Bank - also eine Art Marktwirtschaft innerhalb der Firma.
Die AEG ist verschwunden, Siemens existiert noch. Aber
auch Siemens ist es nicht gelungen, seine frühere Geltung
in der Welt zu erhalten. Die japanischen Firmen mit noch
viel mehr Kompetenzverlagerung nach unten haben Siemens überrundet und damit gezeigt, dass auch moderat geführte Konzerne noch zu nahe an der Planwirtschaft angesiedelt sind.
3.13.2.
Monopolisten wie Microsoft hemmen
den technischen Fortschritt ähnlich wie die Planwirtschaft, denn in Ihrem Marktbereich herrscht
sie dann praktisch.
Das Geschäftsgebaren von Microsoft ist die praktische
Einführung der Planwirtschaft in ihrem Geschäftsbereich.
Durch das hinter dem Verbessern ihres Produktes versteckte Zugabengeschäft wird alle Software in einem bestimmten Bereich verdrängt. Dann wird in diesem Bereich
wie in der Planwirtschaft geschaltet. Hier werden wie frü101
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
her in der Planwirtschaft Milliardenverluste in der Wirtschaft erzeugt – heute schon sichtbar in den Hacker- und
Würmererfolgen. Da sich in dem von Microsoft beschlagnahmten Bereich kein ernster Konkurrent aufbauen kann,
läuft die ganze Entwicklung wie bei Microsoft entschieden. Der Ostblock hatte dagegen den Nachteil, dass er der
amerikanischen Raumfahrtbehörde nicht so einfach das
Wasser abgraben konnte.
3.14. Aufbau Ost ein Misserfolg für 1250 Milliarden Euro
15 Jahre Aufbau Ost wurde anfangs 2004 von einer Regierungskommission untersucht. Es hat sich dabei gezeigt,
dass ein sehr großer Teil des Transfervolumens von weit
über 1000 Milliarden Euro in den Konsum gegangen ist,
und keine Leistungsfähige Wirtschaft in den neuen Ländern entstanden ist. Es wird jetzt der Ruf laut, das transferierte Geld mehr in eine aufbauende statt eine konsumierende Richtung zu lenken.
Der bisherige Misserfolg des Aufbaus Ost hat sicher mehrere Ursachen. Eine der Hauptursachen dürfte wohl die
hohe Produktivität der westdeutschen Wirtschaft sein. Fast
die gesamte alte Wirtschaft der Neuen Länder war auf dem
Weltmarkt und in Deutschland auf der DM-Basis nicht
konkurrenzfähig. Die Treuhand arbeitete praktisch als Insolvenzverwalter und hat so fast alle wirtschaftlichen
Strukturen eher abgewickelt als neu gestaltet. Die Investoren aus dem Westen fanden zunächst unzureichende Infra102
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
strukturen vor. Die Arbeitseffektivität war in der DDR
mangels echtem Anreiz auf ein Niveau abgesunken, das
weit unterhalb der im Westen lag. Die wirklich neuen Investitionen waren weitgehend auf dem neuesten technischen Stand, konnten also nur sehr wenige Menschen beschäftigen. Die heute auch im Westen und auch in Amerika laufende „Ratio-Arm-Spirale“ hat praktisch durch die
Wiedervereinigung in den neuen Ländern einen gewaltigen
Ruck nach vorwärts gemacht. In einer funktionierenden
Wirtschaft läuft diese Spirale langsamer, schon wegen der
Beharrungskräfte der Menschen. Die Wiedervereinigung
war auch ein lauter Ruf: „Bremsklötze weg – von der Ratio-Arm-Spirale!!“
3.15. Angebotswirtschaft – Nachfragewirtschaft
Die Marktwirtschaft westlicher Prägung ist eine Angebotswirtschaft. Ein wesentliches Charakteristikum der Angebotswirtschaft sind volle Schaufenster und Ladenregale.
Der Umsatz bei diesem Überangebot ist im wesentlichen
durch mangelnde Nachfrage begrenzt. In den früheren
Ostblockländern herrscht eine Nachfragewirtschaft. Dort
wurde gewissermaßen wissenschaftlich die echte Nachfrage erforscht und die Planwirtschaft hat danach ihr Angebot
formuliert und zu erreichen versucht, die echten Bedürfnisse zu erfüllen. Manchem Bürger z.B. in der Neuen Ländern zeigt sich der Unterschied heute so: Früher hatten wir
genügend Geld und konnten nichts kaufen, da die Regale
oft leer waren. Heute sind die Regale prall gefüllt. Man
kann aber auch nichts kaufen, da man kein Geld dafür hat.
Die Ersparnisse aus der Planwirtschaftszeit waren bald
103
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
aufgebraucht. Dazu kam vielfach der Verlust des Arbeitsplatzes überwiegend bei den Frauen. Auch im Westen bedarf der „Normwohlstand“ aber ein genügendes Einkommens des Lebenspartners.
In der freien Marktwirtschaft gibt es den alten Glaubenssatz: Jedes Angebot erzeugt seinen Markt selbst. Dieser
Satz geht direkt aus der positiven Rückkopplung hervor.
Ist das neue Angebot besser als das alte, wächst danach die
Nachfrage und verstärkt die Produktion. Das funktioniert
aber nur bei struktureller „Vollbeschäftigung“ und bei ausreichender Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Das neue Angebot gibt einen Anreiz mehr verdienen und mehr arbeiten
zu wollen, um es kaufen zu können. Das gelingt aber nur,
wenn Arbeit angeboten wird. Bei hoher Arbeitslosigkeit
gelingt das aber nicht, insbesondere, wenn das neue Angebot mit weniger Arbeitskosten auskommt. Das neue Angebot dreht dann nämlich die Ratio-Arm-Spirale kräftig weiter und die Wirtschaft geht dadurch zurück. Meist entstehen mit dem neuen Angebot auch neue Arbeitsplätze für
Arbeitskräfte mit höherer Kompetenz als die verdrängten
Vorgängerprodukte verlangten. Damit steigt dann die Arbeitslosigkeit und die Zahl der nicht besetzbaren Stellen
gleichzeitig. Jeder technische Fortschritt, der schneller
geht, als der Weitebildungserfolg der Arbeitskräfte dreht
unweigerlich die Ratio-Arm-Spirale. Es ist hier also wie
bei fast allen klassischen Sätzen der Wirtschaftswissenschaften, sie gelten wie alle anderen wissenschaftlichen
Sätze nur innerhalb bestimmter Randbedingungen. Sind
diese Randbedingungen nicht eingehalten, haben die Sätze
104
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
keine Gültigkeit und können sich bis in ihr Gegenteil verwandeln.
Ein typisches Beispiel für das längerfristige Versagen dieses Satzes, dass sich ein neues Angebot die notwendige
Nachfrage selbst erzeugt, war die Internetblase am neuen
Markt. Es waren hier die Analysten, die Banken, die Entwickler und die Kunden durch den technologischen Fortschritt total überfordert und so musste der Crash notwendigerweise erfolgen. Hier kam noch, wie in der Angebotswirtschaft tendenziell immer, ein Überangebot von unbeschäftigten Kapital hinzu. Tendenziell fördert die Angebotswirtschaft aber auch die Gier der Menschen nach
Geld, denn genügend Geld kann in einer solche Wirtschaft
nur ein Asket besitzen. Würde sich aber deren Zahl stark
vermehren, würde damit die Angebotswirtschaft zusammenbrechen.
Eine hohe Umsatzsteuer auf Waren mit geringen Personalkosten, kann den technischen Fortschritt so regeln, dass
es gelingen kann – auch durch die Einnahmen aus diesen
Steuern – die Weiterbildung der Arbeitskräfte so zu forcieren, dass sich auch auf dem Arbeitsmarkt Angebot und
Nachfrage, wie in der klassischen Wirtschaftstheorie vorausgesetzt, ausgleichen kann. Erst unter diesen Bedingungen kann sich der technischen Fortschritt in einen Segen verwandeln und muss nicht zwangsläufig die RatioArm-Spirale antreiben.
Der Misserfolg der Nachfragewirtschaft in dem alten Ostblock ging zum großen Teil auf einen dazu umgekehrten
Effekt zurück. Technischer Fortschritt ist grundsätzlich
nicht planbar und geht letztlich nur nach „Versuch und Irr105
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
tum“ vor sich. Die Freiheit dazu existiert aber nur in einer
Marktwirtschaft, nicht aber in einer Planwirtschaft.
3.16. Krise des Einzelhandels
Seit Jahren gehen die Umsätze des Einzelhandels zurück.
Man spricht von Kaufzurückhaltung. Das führt auch hier
zu steigender Arbeitslosigkeit. Ursächlich ist dafür auch
das Wegrationalisieren der wesentlichen Dienstleistung
des Handels, nämlich die Information der Kunden über die
Qualität der Waren.
3.16.1.
Der Handel könnte für Kundeninformation unabhängig vom Hersteller sorgen
Eine weitere Einschränkung der Regelung auf Binnenmärkte einer Region ist eine verstärkte Zielrichtung der
Regelung d.h. der regelnden Abgaben eher auf den Handel
als auf die Produktion. Das ist auch dadurch gerechtfertigt,
dass der Handel das eigentlich tragende Element eines
wirklich freien Marktes ist. Als Mittler zwischen dem Herstellen und dem Endabnehmer ist er es vornehmlich, der
die notwendigen Kundeninformationen geben kann. Da
das Wachstum in der Güternutzung und nicht nur der ökologisch bedenkliche schnelle Warenumlauf durch Neuanschaffung nur oberflächlich geänderter Waren und deren
schnelles wieder Wegwerfen gefördert werden sollte, muss
der Handel die dafür notwendigen Informationen an seine
Kunden geben können. Dies kann am Ende aber nur über
mehr persönliche Beratung des Kunden - unabhängig von
einem Hersteller - geschehen. Die wirksame Verbreitung
von Warenkunde ist die Voraussetzung für das Funktionie106
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ren des freien Marktes. Hier könnten sehr viele für einen
nützlichen freien Markt nützliche sinnvolle Arbeitsplätze
entstehen. Diese werden aber derzeit laufend abgebaut.
3.16.2.
Personalkostenabhängige Umsatzsteuer hauptsächlich vom Handel erhoben könnte den Handel wieder “handlungsfähig“ machen
Die an einer anderen Stelle dieser Schrift vorgeschlagenen
Umsatzteuerklassen entsprechend dem Personalkostenanteil7, sollten den Personaleinsatz im Handel besonders begünstigen. Diese Steuerunterschiede müssen bei hoher Arbeitslosigkeit ein Wegrationalisieren von Arbeitskräften
im Handel völlig unrentabel machen. Wenn die Arbeitskosten nicht eingespart werden können, müssen sich die
Handelshäuser überlegen, was sie sinnvoll mit den nicht
wegrationalisierbaren Arbeitskräften machen. Das wird sicher zu besserer Beratung führen, denn nur dadurch kann
man gegen die Konkurrenz punkten. Es wird also marktnotwendig das Ziel werden, die besten Verkäufer zu haben, im Gegensatz zu heute, wo das Ziel ist, die wenigsten
Verkäufer zu haben.
Die heutigen Umsatzrückgänge haben teilweise auch den
Grund: Es ist auf die Dauer relativ langweilig in einem riesengroßen Warenlager herumzuirren und allenfalls auf inkompetente Gesprächspartner über die Vor- und Nachteile
der Waren zu stoßen. Shopping wird heute immer langweiliger; da hilft auch keine Musikberieselung oder Kaf7
Siehe auch Kapitel 1.18.
107
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
feeecke und Kaufzurückhaltung ist ein neuer Begriff, der
damit wohl zusammenhängt.
4. Rückkopplung in der Technik und
Natur
4.1. In der Anfangszeit der Elektronik versuchte man auch positive Rückkopplung zu nutzen –
mit fragwürdigen Erfolg
Positive Rückkopplungen hat man in den Anfangszeiten
der elektronischen Verstärker auch sehr häufig benutzt um
mit wenig Verstärkerelementen hohe Verstärkungsgrade
zu erreichen. Man baute dabei oft ungewollt statt einen guten Verstärker einen lustig pfeifenden Schwingungsgenerator. Der verschwendete nur Energie, leistete aber gar
nichts. Das System wurde instabil und hat seine Funktion
nicht mehr erfüllt. Statt z. B. das Radiosignal zu verstärken, erzeugte das Gerät ungewollte Pfeiftöne. Wenn es
schon in der relativ leicht übersehbaren Technik nicht
leicht gelingt, Teufelskreise positiver Rückkopplung zu
beherrschen, ist das in der beliebig vieldimensionalen Welt
der Wirtschaft noch viel weniger möglich. Wie schon gesagt, die Elektronik begann erst ihren Siegeszug, als die
stabilisierende Gegenkopplung sich überall durchgesetzt
hatte.
108
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
4.2.
Sägezahnschwingungen
In der Technik und natürlich auch in der Natur gibt es eine
Unmenge von Rückkopplungskreisen. Man unterscheidet
positive Rückkopplung, bei dem sich ein Prozess durch
den Prozess selbst ständig intensiviert und dann am Ende
der Energienachlieferung abbricht. Das weit verbreitetste
Beispiel ist das Wachsen von Bäumen. Vereinfacht gesagt:
Wenn die Wurzeln wachsen, wachsen mehr Blätter, wachsen mehr Blätter, können die Wurzeln mehr wachsen. Und
so positiv rückgekoppelt geht es weiter. Irgendwann brechen dann die Bäume zusammen, auch wenn manche seltenen mehrere hundert Jahre alt werden. Der Lebensprozess der positiven Rückkopplung sieht etwa wie ein Sägezahn aus. Ein immer steiler werdender Anstieg des absoluten Zuwachses. Irgendwann stehen nicht mehr ausreichend
Nährstoffe zur Verfügung und bald stürzt der Baum um.
Etwas exakter kann man auch sagen, dass durch den Prozess die Energiezulieferung zu dem Prozess durch die positive Rückkopplung laufend verstärkt wird. Da aber die
Energiequellen im allgemeinen endlich sind, bricht der
Prozess gegen Ende der Energievorräte ab. Und das positiv
rückgekoppelte System bricht zusammen. Bei günstigen
Bedingungen beginnt das Wachstum von neuem - meist in
einem neuen Exemplar.
Ein einfaches mehr technisches Beispiel für eine solche
positive Rückkopplung ist das Anzünden eines Lagerfeuers. Im allgemeinen wird zunächst das Brennmaterial aufgeschichtet. Dann wird das Feuer angezündet. Klassisch
legt man unter den Holzstoß Reisig und Papier. Das Papier
kann man mit einem Streichholz anzünden. Das Papier
109
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
lässt sich mit einer kleinen Flamme so stark erhitzen, dass
es zu brennen beginnt. Das Papier erhitzt das Reisig wieder so stark, dass auch dieses brennen kann und das Reisig
erhitzt das gröbere Holz, so stark, dass auch dieses brennt.
Das Feuer bewirkt also immer mehr Feuer. Wenn alles
Holz kräftig brennt, verbrennt es zügig und vermindert
sich dabei. Wird kein neues Holz nachgelegt, geht das
Feuer nach einer Weile wieder aus – die Energie im Holz
ist verbraucht. Eine ähnliche Sache ist ein Strohfeuer. Hier
läuft der gesamte Vorgang schneller ab. Bei so schnell ablaufenden positiv rückgekoppelter Prozessen spricht man
daher von Strohfeuern. Es lässt sich auf einem Strohfeuer
kein Essen langsam kochen, obwohl das Stroh dazu eigentlich genug Energie enthält. Viel zu viel Energie wird
so schnell umgesetzt, dass die Wärme nicht genutzt werden kann, sondern ungenutzt in die Umgebung verschwindet. Eine kräftige positive Rückkopplung führt zu nicht gut
nutzbaren Prozessen. Diese Positive Rückkopplung ist
auch die Triebfeder von Schadensbränden. Am Ende des
2. Weltkrieges sind so ganze Städte verglüht.
4.3. Die Kerze, die schönste positive Rückkopplung
Die Kerze, ein schöner weißer runder Stab aus Wachs mit
einem Docht aus einer Art Schnur in seiner Mitte. Er liefert der Flamme am Docht in gleichmäßiger positiver
Rückkopplung den Brennstoff nach. Die Flamme macht
oben an der Kerze das Wachs flüssig. Das flüssige Wachs
wird vom Docht aufgesaugt und zur Flamme empor transportiert, dort verdampft und in der Flamme verbrannt. Bei
110
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
guten Kerzen verbrennt auch noch der überflüssige Teil
des Dochtes im heißesten Teil der Flamme. Das geht eigentlich wie bei jedem normalen Feuer. Wenn hier keinerlei Störung von außen erfolgt, brennt die Kerzenflamme
ruhig und regt zur Meditation an. Kommt ein seitlicher
Luftzug, wird die Flamme nach der Seite umgebogen, das
Wachs einseitig geschmolzen, die Kerze brennt schnell
herunter und geht früher aus. Wird der Luftzug noch stärker kann die Kerze mit ihrem hohen Schwerpunkt auch
umfallen und einen Brand verursachen. So kann die Meditation mit einer Kerze über ein kurzes Schläfchen auch
ziemlich direkt in den Feuertod führen. Der positive
Rückkopplungskreis der Kerze kann also mit viel Kenntnis
in wunderbarer Weise gestaltet werden. Gegen Störungen
ist es aber ohne starke Rückstellkräfte extrem anfällig, wie
jeder positive Rückkopplungskreis.
4.4. Der Segen Negativer Rückkopplung Thermostat
Heute heizt man vielfach mit Öl oder Gas. Wenn bei Gas
oder Ölheizungen das System auch (dauernd) mit positiver
Rückkopplung arbeiten würde, gäbe es viele Katastrophen
statt angenehmer Heizung oder gutes Brot.
In der modernen Heizung hat sich der Thermostat durchgesetzt. Er arbeitet mit negativer Rückkopplung auch Gegenkopplung genannt: Steigt die Temperatur, wird weniger
Brennstoff zugeführt. Sinkt aber die Temperatur, dann
wird mehr Brennstoff zugeführt. Also gerade umgekehrt
wie beim Lagerfeuer. Durch Verstellen der Umschlag- oder Vergleichstemperatur, lässt sich so eine vorgewählte
111
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Raumtemperatur oder Backofentemperatur halten. Ein
Thermostat ist also ein Gerät, das die Temperatur des
Raumes misst. Ist sie niedriger als gewollt, wird der Gashahn aufgedreht, ist sie höher, wird er (mehr) zugedreht. Je
schneller und sachter das geht, je weniger Abweichungen
von der am Thermostat eingestellten (Soll-)Temperatur
sind zu erwarten. Wenn die Einwirkungen auf den Gashahn jedoch kräftiger und langsamer sind, schwingt das
System mit sehr kräftigen Ausschlägen um die eingestellte
Temperatur. Es ist dann also immer zu warm oder zu kalt,
ähnlich wie bei einer Heizung von Hand. Solche starken
Schwingungen können manchmal auch katastrophal enden. Ein Thermostat muss also möglichst genau messen
und möglichst schnell reagieren können.
5. Wirtschaftswissenschaftliche Bemerkungen
5.1. Inflation – Thermostat frühere Deutsche
Bundesbank
Ein Prozess in der Wirtschaft mit positiver Rückkopplung
ist die Inflation. Die führt natürlicherweise zur Lohn-PreisSpirale. Jedes Einholenwollen der höheren Preise durch
höherer Löhne führt positiv rückgekoppelt zu noch höheren Preisen. Das ist eine gute Methode, hohe Staatschulden
und die Geldvermögen wertlos zu machen. Die gesetzliche
Ausstattung der früheren deutschen Bundesbank hat auf
diesem Gebiet eine Art Thermostat zur Geldwertstabilisierung über negative Rückkopplung geschaffen. Die Bundesbank hat ständig sehr genau den Geldwert und Geldum112
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
lauf gemessen und bei einer Preissteigerung sofort letztlich
entsprechende Kredite verteuert. Dadurch ging die Nachfrage zurück und damit auch die Preise. Fielen aber die
Preise zu weit bzw. war der Geldumlauf zu gering, wurde
der Kredit wieder verbilligt und damit die Nachfrage gesteigert, damit zogen auch die Preise wieder an. Ganz wesentlich war hier, dass die Leitung der Bundesbank sehr
schnell und unabhängig reagieren konnte. Müssten z. B.
die Kreditkosten durch Gesetz geändert werden, wie heute
die Beiträge der gesetzlichen Versicherungen, kämen die
Maßnahmen der Bundesbank immer zu spät und die Inflation käme in immer größere Schwingungen bis sie davon
galoppierte.
5.1.1.
Monetarismus
Eine Wirtschaftspolitik, die als einzigen negativen, stabilisierende Rückkopplungskreis die Geldwertstabilisierung
über Preise und Geldmengen enthält, nennt man auch Monetarismus. Der Neoliberalismus glaubt, dies sein die einzig erlaubte Beeinflussung des alles sonst regelnden Marktes von Seiten des Staates. Frau Thatcher hat diese Politik
am meisten verfolgt. Dieser Regelkreis wirkt aber bezüglich der Arbeitslosigkeit wie eine Thermostatheizung in
einem Zimmer mit offenem Fenster. Möglicherweise kann
man damit die Temperatur auf 21 Grad halten, aber man
wird arm dabei. In England waren das weniger die Reichen
sondern eher die Armen. Wenn man durch die Geldmenge
in die Wirtschaft eingreifen will, ist das wie die Geschwindigkeitsregelung eines Autos mit der Ölkanne. Man
kann sich neben das Getriebe setzen. Soll das Auto schnel113
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ler fahren leert man mehr Öl ins Getriebe. Zum Bremsen
verweigert man mehr Schmieröl und die wachsende Reibung im Getriebe bremst das Auto. Ob diese Fahrweise
schon patentiert ist, das ist nicht bekannt.
5.2. Finanzmärkte scheinen keine echten
Märkte zu sein – positive Rückkopplung über zu
viel Optimismus
Die Finanzmärkte scheinen keinen funktionierenden
Märkte wie Warenmärkte zu sein. Im Spektrum der Wissenschaft vom Mai 2004 schreibt Bernard Ruffeux, Professor für Volkswirtschaftslehre, einen Artikel über
„Märkte im Labor“. In diesem Artikel schreibt er, dass reale Warenmärkte fast unter allen Bedingungen auch im Labor funktionieren, z. B. noch mit vier Teilnehmern und
ähnlich schlechten Bedingungen. Finanzmärkte, so optimal, man sie auch gestaltet, würden aber im Labor nie
funktionieren. Die Ursache vermutet er im Bereich der
Psychologie, da sich alle Menschen bezüglich ihres Geschickes und ihres Glückes überschätzen, zumindest solche, die in einer schon laufenden Hausse ihre Papiere halten, oder noch neue zukaufen. Es gibt immer Blasen, die
dann aus irgendeinem Grunde zusammenbrechen, weil der
Markt Panikverkäufe nicht aufnehmen will und so die
Kurse einbrechen. Ein wesentlicher Unterschied zu einem
Warenmarkt besteht schon darin, dass es keinen Endverbraucher gibt und fast immer eine Hoffnung und nicht ein
realer Wert gekauft wird, denn selbst wenn der heute bekannt ist, z.B. als bezahlte Dividende, so kann er doch
morgen schon anders sein.
114
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wenn dem wirklich so ist, erscheinen die freien Finanzmärkte nicht geeignet zu sein, ihre wirtschaftliche Aufgabe
ausreichend zu erfüllen. Die Politik, die Finanzmärkte
immer regelloser zu gestalten, ist daher wohl höchst kontraproduktiv, denn seine Eigenschaft, Zusammenbrüche
notwendigerweise zu produzieren, wird mit kleinen Pausen zu immer größeren Blasen führen.
Die Blasenbildung ist eine typische positive Rückkopplung, ähnlich wie die Lohn-Preis-Spirale und die RatioArm-Spirale. Auch hier ist es notwendig, ein System ähnlich der früheren Deutschen Bundesbank zu etablieren, das
den Preis von größeren Fonds in der Nähe eines vernünftigen Preis zu Ertragverhältnisses regelnd zu stabilisieren.
Auch hier kann es nicht um Festsetzungen gehen, sondern
eher darum, regelnd variierende Spekulationskosten zu erzeugen, welche die Spekulation in einem notwendigen
Maß halten, ähnlich wie über lange Zeit die deutsche Inflation, denn ganz ohne spekulativen Anreiz wird wohl niemand sein Geld in eine riskante Investition stecken.
Momentan sollen die Analysten diesen Part übernehmen,
diese sind aber, wenn sie genügend technische und, wirtschaftliche und psychologische Kompetenz besitzen würden, aber nicht unabhängig genug, und auch nicht genügend darauf verpflichtet, Spekulationsblasen so weit als
wirtschaftlich zu vertreten zu verhindern.
Hier zu glauben, der Markt würde das schaffen, dürfte
nach dem Stand der Wissenschaft eher grob fahrlässig
sein.
115
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
5.3.
Das deutsche Wirtschaftswunder
Die Wirtschaftswunderzeit war eine vollständige wirtschaftliche Sonderlage. In Europa war der Markt für alle
Dinge beliebig aufnahmefähig. Jeder technische Fortschritt
führte über höhere Löhne oder niedrigere Preise zu mehr
Umsatz und Gewinn. Es war eine Zeit in der die liberale
Wirtschaftstheorie - mit dem positiven Rückkopplungskreis über das Preis/Nutzenverhältnis und die Anfänge der
regelnden Bundesbank - auch in der Praxis funktionierte.
Marktsättigungen traten nur in einzelnen Sparten auf.
Freigesetzte Arbeitskräfte konnten anderweitig wieder Arbeit finden. Wie oben schon erwähnt war der Arbeitsmarkt
horizontal völlig durchlässig. Der erlernte Beruf konnte in
sehr verschiedener Produktion weitgehend weiterverwendet werden. Der technische Fortschritt war noch so langsam, dass er nicht große Teile des Humankapitals vernichtet hat, wie das heute zwangsläufig ist. Im Gegensatz zu
Entwicklungsländern war das notwendige Humankapital
in dem weitgehend vernichteten Land, praktisch sofort
einsetzbar. In einem Entwicklungsland fehlen praktisch
hundert Jahre Arbeitskulturentwicklung, die auch nicht
verkürzt nachgeholt werden können, weil schon oft die
klimatischen Bedingungen der Lebensführung völlig verschieden von den europäischen sind. Aus Europa importierte Arbeitskultur lässt sich auch nicht überall einpflanzen, insbesondere nicht ohne Zwang. Amerika, insbesondere Nordamerika kann hier schon deshalb nicht als gelungenes Beispiel gelten, weil dort das Leben von den
Einwanderern geprägt ist und die Urbevölkerung, bzw. deren Nachkommen schon zahlenmäßig eine sehr kleine Rol116
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
le spielen. Außerdem hat das deutsche Wirtschaftswunder
nicht in einer globalisierten Welt stattgefunden und der politisch festgelegte Wechselkurs zum Dollar hat über viele
Jahre billige Importe z.B. aus Amerika verhindert und somit die deutsche Produktion geschützt. Erst weiteres
Wachstum, das nur bei gesteigerten Export möglich erschien, hat mit der Einsetzenden Liberalisierung der
Wechselkurse zum Ende des Florierens beigetragen. Die
Aufnahme von Gastarbeitern für geringer bezahlte Arbeiten, hat auch an vielen Stellen früher vorhandene Bescheidenheit beseitigt.
5.4.
dert
Gleichgewichte im 18. und 19. Jahrhun-
Die sehr langsame technische Entwicklung im 18. und 19.
Jahrhundert führte dazu, dass man in den Wirtschaftswissenschaften praktisch nur Gleichgewichtszustände betrachten musste. Die wirtschaftlichen Aktivitäten der einzelnen
Akteure waren um Größenordnungen schneller als die
technischen Änderungen in der Praxis (nicht in der Theorie). Damit waren solche Gleichgewichtsbetrachtungen
sinnvoll und oft auch erfolgreich. Aus dieser Zeit stammt
auch die Forderung nach einem freien internationalen
Markt, wobei der Handel zwischen einigermaßen gleichberechtigten Partnern gemeint war.
5.5.
Überfluss- und Wegwerfgesellschaft
Gegen Ende der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab
es in der westlichen Welt eine weitgehende Marktsättigung
für lebensnotwendige Güter. Es bestand praktisch eine
117
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Eine solche Gesellschaft lässt sich aber ökologisch nicht halten oder gar noch
steigern, denn sie ist an sich eine Art Leerlauf und kann
nur durch intensive Werbung am laufen gehalten werden.
Wirkliche Neuigkeiten gab es außer dem Handy nicht
mehr. Das führte auch zu dem Kreislaufwirtschaftsgesetz
in Deutschland, das den Verbrauch von Materialressourcen
und die Produktion von Abfall eindämmen soll.
5.6.
Schwer erkennbare Warenqualität
Prinzipiell wäre bei gleichbleibenden Gerätearten ein
Trend zu immer höheren Qualität möglich und ist in der
Wirtschaftstheorie auch so vorgesehen. Für den Endverbraucher ist die höhere Qualität aber nicht mehr gut erkennbar, da sie nicht mehr sofort ins Auge fällt. Das PreisLeistungsverhältnis, das den Wirtschaftsfortschritt weitertreiben könnte und sollte, ist im Bereich der Konsumgüter
zu einer reinen Preisbetrachtung verkommen. Das begann
schon sehr früh bei den Waschmittelmarken. Die Qualitätsunterschiede der einzelnen Waschmittel konnte der
Verbraucher nicht mehr erkennen. Dafür versuchten die
Marken mit psychologischen Mitteln Pseudoqualitäten zu
erfinden. Das ging aber nur so lange gut, als die Verbraucher das noch nicht merkten. Für den Verbraucher ist dieser Markt nur noch insofern ein Markt, als sich die Preise
noch etwas unterscheiden. Es kommt also nur noch darauf
an, dass man einen Markenartikel irgendwo – in einem
Discountgeschäft - billiger bekommen kann.
Diese Entwicklung zum Discounter hin, vernichtete aber
nicht nur Arbeitsplätze in der Produktion über größerer
118
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Maschinendurchsätze, sondern insbesondere die als Ausweg gedachten Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich,
den man als neuen Nachfrager nach Arbeitskräften gesehen hat. Die Discountidee führte zur kontinuierlichen Verdrängung der Dienstleistungen durch Selbstdienstleistung.
Das fing beim Verschwinden der „Tante-Emma-Läden“ an
und ist nun schon beim Homebanking angelangt.
Dieses Wegrationalisieren der Dienstleistungen führt aber
auch zum Wegfall der Kundenberatung. Dabei könnte nur
eine qualifizierte Kundenberatung das Erkennen eines
Preis-Leistungs-Verhältnisses aufrecht halten, oder wie es
notwendig wäre, steigern.
Das Qualitätserkennen und das Berücksichtigen des PreisLeistungs-Verhältnisses funktioniert nur noch in der Investitionsgüterindustrie in einigermaßen ausreichendem Maße. Das führt aber hier zu weiterem technischen Fortschritt
und damit zu mehr Arbeitslosigkeit auch in diesem Bereich. Das einzige Ventil ist hier noch der Export. Steigende Exporterfolge führen aber wieder zu mehr kaum noch
absetzbarem Billiggüterimport, was im Inland zu weiterer
Arbeitslosigkeit führt.
5.7. Die Leute wollen nicht zu wenig oder uneffektiv arbeiten, sondern können nichts mehr interessantes kaufen
Wenn man die Wirtschaft sieht, wie sie heute dasteht, leidet sie nicht an zu wenig effektiver Arbeit, sondern zu wenig Absatzmöglichkeit. Das legt den Schluss nahe: wenn
die Waren billiger würden, könnte mehr gekauft werden.
Das ist aber nur der Fall, wenn die Kaufkraft erhalten
119
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
bleibt und wenn der Optimismus ebenfalls erhalten bleibt.
Jede Rationalisierung führt aber in der jetzigen weitgehenden Marktsättigung zu Arbeitslosigkeit und daher zu
Kaufkraftschwund. Wachsende Arbeitslosigkeit zerstört
aber auch den Optimismus und damit werden nicht notwendige Waren noch weniger gekauft. Die Wirtschaft wie
sie heute ist, die Dinge produziert welche nicht unbedingt
zum Leben gebraucht werden, kann also nicht wachsen,
sondern muss daher zwangsweise schrumpfen.
5.8. Derzeitig diskutierte Sozialreformen und
Steuererformen - Förderer der Arbeitslosigkeit
Dieselben Effekte haben aber auch die derzeitigen Sozialreformen. Sie führen zu weniger Geld im Geldbeutel und
die Steuerreform, soweit sie nicht durch Kredite finanziert
ist, führt auch direkt zur Arbeitslosigkeit, denn der Staat
gibt dann weniger Geld aus. Denn was der Staat ausgibt,
wird in Arbeit oder Konsum gesteckt. Gibt er nichts aus,
entfällt diese Arbeit und über den ausfallenden Konsum
entfällt dann ebenfalls weitere Arbeit. Das alles mindert
nur die Kaufkraft und den Optimismus. Das kann also keinesfalls zu Wirtschaftswachstum führen, sondern fördert
kräftig die Arbeitslosigkeit.
5.9.
Rentenreform
Dass das momentane Rentensystem nicht mehr funktioniert ist nicht verwunderlich. Die hier vorhandene Solidarität ist nur auf die immer weniger werdenden Arbeitnehmer beschränkt. Die Umlage kann also die Renten nicht
finanzieren. Und die Menschen werden immer älter und
120
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gehen dafür früher in Rente. Wollte man das über Ersparnisse finanzieren müsste die gesamte Versorgung trotzdem
von der laufenden Produktion abgezweigt werden. Das dafür notwendige stünde dann den Arbeitenden auch nicht
zur Verfügung. Für den Kaiser war es seiner Zeit einigermaßen einfacher eine funktionierende Rentenversicherung
zu installieren. Das Rentenalter war bei 65 Jahren, die Lebenserwartung aber eher bei 64 Jahren in den betroffenen
Kreisen
5.10. Weitere Wirtschaftliche Regelkreise sind
notwendig
Der Rückkopplungskreis im freien Markt – praktisch nur
noch über den Preis - ist also ähnlich wie eine Heizung
ohne Thermostat, in der derzeitigen Globalisierung mit
vielen dauernd offenen Fenstern. Hier kann sich keine vernünftige Raumtemperatur einstellen. Erst wenn hier die
Lüftung vernünftig geregelt ist, gibt es dafür auch im Winter eine vernünftige Chance.
Wie einleitend bemerkt muss eine thermostatähnliche Regelung für weitere Wirtschaftsgrößen installiert werden,
das sind mindestens:
1.
Eine die Gesellschaft stabilisierende Verteilung
der durch die Marktwirtschaft erzeugten Güter bzw. des
Reichtums
2.
Eine nachhaltig ökologisch verträgliche Verwendung der Ressourcen.
121
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
3.
Eine gesellschaftlich verträgliche und damit
stabilisierend wirkende Verteilung der noch verbliebenen
Arbeit
4.
Das Stoppen des Auseinanderdriftens von Kinderwunsch und Erfüllen des Kinderwunsches in weiten
Teilen Europas und damit die Stabilerhaltung der Rentensysteme
5.
Eine Erhaltung der kulturellen Werte auf dieser
Erde
Die erste Aufgabe ist wohl die schwerste, alle bisher verwendeten Mittel haben das nicht erreicht. Wahrscheinlich
ist diese Aufgabe aber nicht die dringlichste, jedenfalls um
sie direkt lösen zu wollen. Viel wahrscheinlicher ist es,
dass sich die weitere Steigerung der Ungleichverteilung
mildert, wenn man die Ungleichverteilung oder das Wegfallenlassen der Arbeit und die Verschwendung der Ressourcen bekämpft.
5.11. Politik der Grünen – mehr Beachtung der
Ökologie
Die ökologisch ausgerichtete Politik z.B. der Grünen in
Deutschland glaubt, dass „mehr Ökologie“ automatisch zu
mehr Arbeit führt – Stichworte Recycling, Reparatur,
Energiesparen, sind einleuchtende Beispiele. Recycling erfordert wirtschaftliche Aktivitäten auf allen Gebieten, ohne dass über die Werbung ein neuer Markt erschlossen
werden muss, oder neue Güter auf dem Markt durchgesetzt
werden müssen. Staatliche Randwerte und eine ausreichend starke Ökosteuer bewirken hier Stellkräfte auf mehr
122
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Arbeitsnachfrage und damit auch gleichzeitig auf eine weitere Verbreiterung der Kaufkraft und besserer Verteilung
des Geldes auf die Menschen. Ein zu einem bestimmten
Preis nachgefragtes Produkt lässt ohne ökologische Zwänge höhere Gewinne der Besitzenden zu. Entstehen hier
weniger Gewinne und mehr Lohnkosten ist dies auch eine
Verbesserung der Reichtumsverteilung.
Die Reparierbarkeit von Produkten vermindert ebenfalls
bei nachfragebedingtem Preis die Gewinne und erhöht die
Löhne. Dazu kommen die lohnintensiven Reparaturen mit
einem gleichgerichteten Effekt. Energiesparen hat die gleichen Effekte.
Dagegen könnte man einwenden, ohne Ökologie könnte
man alles billiger haben. Darin liegt natürlich der Denkfehler. Neue Produkte in der Überflussgesellschaft sind natürlich auch überflüssig, sie würden aber die Wirtschaft
beleben. Mehr Wirtschaft bringt mehr Geld in Umlauf und
mehr Arbeit. Ohne die Produktion unnötiger Sachen kann
man das Leben auch billiger haben. Mehr Ökologie bringt
aber mehr Lebensqualität, mindestens für nachfolgende
Generationen. Hier würden also echte Werte geschaffen –
vielleicht unter Verzicht auf derzeitige Bequemlichkeiten.
Aber diese Werte müssen ja nicht durch Askese der Menschen bezahlt werden, sondern durch Beseitigen des ständigen Hinauswerfens von Menschen aus einem lebenswerten Leben in menschlicher Würde.
Wenn man das so betrachtet, sind diese Nebenregelkreise
in dem Freien Markt nötig um die heutige Wirtschaftsstagnation zu überwinden. In der klassisch denkenden Wirtschaftstheorie ist das natürlich Unsinn, denn es entstehen
123
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
unnötige Kosten, die den zu erarbeitenden Reichtum
schmälern. Nimmt man jedoch dieses Argument ernst, so
verkommt das menschliche Leben ja die Erde zu einem
Sklaven der Wirtschaft und diese dient nur dem Reicherwerden der schon reichen und eben dem Ärmerwerden der
schon armen und sie zerstört die Grundlagen den menschlichen Lebens.
5.12. Ansätze für Wege aus der Krise
Ludwig Erhard hat in Deutschland die soziale Marktwirtschaft erfunden, die Konkurrenz des Ostblocks hat sie über
viele Jahre konserviert. In der Überflussgesellschaft der
reichen Länder muss eine soziale Marktwirtschaft durch
stabilisierende Regelkreise vor ihrer Entartung oder dem
Zusammenbruch geschützt werden.
Alle unvermeidbaren Soziallasten müssen wahrscheinlich
über Steuern finanziert werden. Die Einseitige Belastung
der Arbeitskosten mit den Soziallasten ist mangels Arbeit
nicht mehr sinnvoll und dreht die Ratio-Arm-Spirale weiter.
Eine ökologische und auch eine kulturelle Leitschiene für
die Wirtschaft muss diese vor dem Absturz durch Instabilitäten bewahren. Der rechtliche Halt oder Rahmen der
Wirtschaft darf sich nicht auf die Garantie der Bezahlung
beschränken, sondern muss auch das Leben und die Würde
des Menschen und seiner irdischen Ressourcen mit beinhalten. Das hat überhaupt nichts mit Planwirtschaft zu tun.
Diese würde versuchen, solche Ziele durch Steuerungsversuche ohne Rückkopplung zu erreichen. Das ist wie eine
geplante Heizung. Am Vormittag ein Liter Öl am Nach124
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
mittag ein halber Liter Öl oder auch etwas feiner nach Jahreszeiten oder noch feiner nach Wetterbericht. In der heutigen Zeit ist aber nur eine rückgekoppelte Regelung sinnvoll, welche die Abweichung von den Sollzuständen misst
und eine rasche Öffnung des Ölhahns bewirkt, wenn es zu
kalt wird und ungekehrt das Öl automatisch drosselt, wenn
es zu warm ist. Mit der Wertstabilisierung der DM hat eine
solche Thermostatfunktion über 50 Jahre sehr gut funktioniert und sie scheint für den Euro ebenfalls gut zu funktionieren. Diese anderen Regelkreise müssten natürlich ebenfalls mindestens auf europäischer Ebene installiert werden
und bei Erfolg müssten sie auf die ganze Welt entsprechend übertragen werden, denn eine Insel der Reichen in
einer verarmten Welt hat keine ernsthafte Überlebenschance.
6. Generelle Betrachtung von Wirtschaftssystemen und ihrer Theorien
Allgemein üblich wird zwischen 2 Wirtschaftsprinzipien
unterschieden einem marktwirtschaftlichem mit dezentraler Planung und Eigeninteresse als Antrieb und einem sozialen planwirtschaftlichen mit zentraler Planung und dem
Wohl der Allgemeinheit als Antriebskraft. In Wirklichkeit
gibt es und gab es beide nie in Reinkultur. Das hat vor allem darin seinen Grund, dass beide Systeme in Reinkultur
gar nicht lebensfähig sind. Beide Systeme verlangen Eigenschaften der in ihnen lebenden Menschen, die in notwendigen Maße nicht vorhanden sind und der Erfahrung
nach auch nicht erreicht werden können.
125
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die einst real existierenden sozialistischen Systeme sind
an diesen nicht genügend vorhandenen aber für das System
notwendigen Eigenschaften der Menschen bereits weitgehend gescheitert. Die zentrale Planung der Wirtschaft
übersteigt schon die wissenschaftlichen Fähigkeiten der
zentralen Planer. Die Pläne lassen sich daher prinzipiell
nicht optimal gestalten. Ihre vernünftige Umsetzung scheitert schon an ihren Unzulänglichkeiten. Erkenntnis des
Machbaren wird durch Durchsetzungsdruck für unmögliches ersetzt. Der Mensch kann darauf nur mit Passivität
und sich Durchmogeln reagieren. Es fehlt an einer ausreichenden positiven Rückkopplung des Markerfolges auf die
entsprechenden Wirtschaftseinheiten. Die Zentralsteuerung als Grundstruktur fördert naturgemäß große Wirtschafts-Kombinate, welche die positive Rückkopplung aus
dem Markt zusätzlich schwächen und das Gehen von Irrwegen über längere Zeiträume nicht erkennen lassen. Um
das System irgendwie am Leben zu erhalten, wird die
Freiheit des einzelnen möglichst stark beschnitten und die
Angst vor Sabotage führt auch zu einem entsprechend umfangreichen Spitzelsystem. Ein wichtiges Grundprinzip
wäre, wenn der Mensch die Wohlfahrt der Gemeinschaft
wesentlich höher bewerten würde als seine eigene Wohlfahrt.
Genau diese Eigenschaft verlangt der freie Markt nicht. In
einem freien Markt schließen zwei Wirtschaftseinheiten
nur dann einen Vertrag, wenn beide Seiten davon einen
Vorteil haben. Durch die Addition dieser Vorteile, ergibt
sich für die Gesellschaft eine ständige Verbesserung der
Gesamtwohlfahrt. Diese Eigenschaft des freien Marktes ist
126
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
seine Legitimation. Damit die Sache funktioniert bedarf es
also nicht die Zurückstellung der eigenen Interessen, sondern gerade deren Verfolgung ist der Antrieb ständiger
Wohlstandssteigerung.
Die Frage erhebt sich, welche Eigenschaften braucht der
Mensch in einem freien Markt außer seinem angeborenen
Egoismus. Zunächst muss er grundsätzlich damit einverstanden sein, dass es eine ganze Menge Leute gibt, denen
es weitaus besser als ihm geht.
Diese momentane Ungleichheit im Ergehen, darf er aber
nicht als ungerecht ansehen, denn nicht die gleichen Lebensumstände muss ihm die Gerechtigkeit bringen sondern
nur die gleichen Chancen, bei entsprechendem eigenen
Einsatz zu diesen besseren Lebensumständen zu kommen.
Diese Sicht wird für ihn noch günstiger, wenn er genügend
egoistisch fühlt, um nichts dabei zu finden, wenn er für
sich ein so gutes Leben erreichen kann, das für alle gleichverteilt überhaupt nicht zu erreichen wäre. Diese anderen
Menschen brauchen ja auch nicht den Wohlstand, sondern
nur die Chance dazu.
Diese Gedanken führen zur sogenannten Leistungsgesellschaft. In der Wirtschaft geht es gerecht zu, wenn jeder
entsprechend seiner Leistung belohnt wird. Hat er die gleiche Chance die gleiche Leistung zu erbringen, so braucht
er das nur freiwillig auch zu tun, um zu gleichem Wohlstand zu kommen. Diese Vorstellung von Gerechtigkeit
findet in Amerika wahrscheinlich mehr Anhänger als in
Europa.
Die Leistung wird in der Wirtschaft mit dem Erfolg am
Markt gleichgesetzt. Es wird dabei in Kauf genommen,
127
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dass der leistungsgerechte Erfolg gar nicht ausbleiben
kann, da der Erfolg ja die Leistung misst. Für den einzelnen wäre aber eher interessant, was er für die in eine Sache
eingebrachte menschliche Energie eine Belohnung erhält.
Ein Straßenkehrer steckt fünf Stunden seine ganze Energie
in seine Arbeit und der Besitzer eine gut gehenden Ladens
steckt fünf Stunden seiner ganzen Energie in sein Geschäft. Die dabei erreichte Belohnung für die eingebrachte
menschliche Energie kann beliebig voneinander abweichen. Die vielleicht denkbare Ungerechtigkeit dabei ist
leicht unwirklich zu machen: Der Straßenfeger hat einfach
seine Chance nicht genutzt, erfolgreicher Kaufmann zu
werden. Kein Gesetz hat ihm das verwehrt.
Eine Eigenschaft eines freien Marktes muss offensichtlich
auch sein, dass eine wirtschaftliche Einheit im Falle eines
Bedarfes mehrere Anbieter findet, die versprechen, diesen
Bedarf zu decken. Die Freiheit besteht also darin, sich das
beste Angebot auszusuchen und sich für dieses zu entscheiden mit dem Maßstab Preis für Nutzen. Soll dies
Freiheit wirklich einen Vorteil bringen, muss der Nutzen
sowie der Preis eingesehen werden. Das war vielleicht zu
Zeiten von Adam Smith noch einigermaßen meist gegeben. Heute ist meistens nur noch der Preis zu sehen und
der nicht immer z.B. bei Kreditgeschäften. Das Vorwissen
der Marktteilnehmer ist nicht gegeben. Vieles ist zu kompliziert um den Nutzen abschätzen zu können. Die Werbung hilft hier nicht, sondern erschwert eher den klaren
Blick. Im Falle der Berufswahl wird weder der Beruf richtig gesehen, noch die realen Möglichkeiten ihn erfolgreich
zu lernen. Fremdbestimmtheit oder Glückspiel ist hier eher
128
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
maßgebend als das rationale Ergreifen einer wirklich gesehenen Chance.
Leistung im Maßstab Erfolg am Markt setzt sich also aus
zwei Anteilen zusammen: In die Sache eingebrachte Energie und Glück im Leben – zurückreichend bist zur Geburt.
Als weiteres Problem kommt hier hinzu, dass Erfolg am
Markt die Haupttriebfeder ist, weitere Energie in die Arbeit zu stecken. Also auch hier der positive Rückkopplungskreis, der aber dann zum Teufelskreis wird, wenn der
Erfolg relativ zu Vergleichspersonen negativ beurteilt
wird.
Funktionierende sozialistische Systeme erfordern also
Menschen mit einem relativ großen Gemeinsinn und wenig Egoismus und eine ausreichende Menge sehr genialer
Planer.
Funktionierende freie Märkte kommen mit egoistischeren
Menschen aus, dafür müssen diese aber ziemlich wissend
sein. Die Planer dürfen etwas weniger genial sein, entsprechend der Größe der wirtschaftlichen Einheiten.
Beide Wirtschaftssysteme sind also für reale Menschen
nicht brauchbar und das um so weniger, je näher sie an ihrem Ideal konstruiert sind. Beide System haben auch große
Machtverlockungen, da die Steigerung von Macht die
mächtigen immer erfolgreicher macht. Die Macht ist also
in beiden Systemen eine positiv rückgekoppelte Größe, die
aber bei genügender Größe jeweils das System in sich kollabieren lässt.
Die Wirtschaftspolitik hat heute die Aufgabe, inhärende
oder angeborene Fehler des herrschenden Wirtschaftsystems durch wirtschaftpolitische Maßnahmen zu korrigie129
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ren. Eine Möglichkeit dazu wird darin gesehen, gewisse
Bestandteile des anderen Systems zu integrieren. Prinzipiell hat dieses Verfahren die große Schwierigkeit, dass man
über das Maß solcher Beimischungen öffentlich nicht rational diskutieren kann. Da man immer etwas dem bösen
System zugestehen müsste, was man ja nicht darf. Es
kommt hier eher auf Macht als Vernunft hinaus. Ein dauerhaftes Gleichgewicht lässt sich prinzipiell nicht finden,
da der technische Fortschritt ständig alle Parameter verändert und meistens das, was gestern richtig war, heute
falsch sein lässt.
Da Wirtschaft ist - wie gesehen – immer von positiven
Rückkopplungen durchzogen. Daher bestünde die Aufgabe
einer vernünftigen Wirtschaftspolitik und einer dazu hilfreichen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaft, nicht
darin, ständig an Symptomen herumzudoktern. Das geschieht mit allen Förderungsgesetzen. Schon wegen der
sofort einsetzenden Kompensation durch aufgespürte
Schlupflöcher und den langen Reaktionszeiten des Gesetzgebers sind sie wirkungslos. Im Gegenteil, es wäre notwendig, wenn möglich zusätzliche Rückkopplungen einzubauen, die wünschenswerte Tendenzen verstärken und
nicht wünschenswerte zurückdrängen. Einige Größen,
hauptsächlich aber die Vollbeschäftigung, müssten durch
dem Thermostat ähnliche Regegelkreise stabilisiert werden, ohne dass Zahlen in politische Streitigkeiten geraten.
130
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
6.1. Wirtschaftspolitik hat etwas von dem
Steuern eines Schiffes über den Atlantik
Aus dem Stand der Sterne haben die Kapitäne Jahrhunderte lang abgelesen wie sie ihr Schiff über den Atlantik steuern mussten. Zunächst hatten da die Astrologen da noch
ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Ihre Aussagen sind
aber bei genauerer Betrachtung wegen zu vieler Falschvorhersagen aus der Mode gekommen. Dafür wurde der
Sixthand bemüht. Mit ihm wurde der Genaue Ort des
Schiffes auf der Seekarte bestimmt und dann der weitere
Kurs bestimmt.
6.2. Die Möglichkeit, Form und Grenzen der
neuen Regelkreise muss erforscht werden
Diese kurze Betrachtung kann die anstehenden Probleme
nicht durch ins einzelne gehende Vorschläge einer baldigen Lösung näher bringen. Es sollten sich aber genügend
Wirtschaftswissenschaftler finden, die ihre Forschung auf
diese Zielrichtung einstellen. So müssten sich in relativ
kurzer Zeit Konzepte für solche Regelkreise finden.
Wichtig sind:
1.
Die Schaffung rascher Beobachtungsmöglichkeiten für aussagefähige Zustandsgrößen.
2.
Gesetzliche Mittel zum Eingreifen in Form von
Hebesatzänderung z.B. einer Umsatzsteuer, welche die
Waren mit Steuerklassen nach ihrer ökologischen Qualität
– auch z. B. in Richtung Reparierbarkeit bewertete.
Die Hebesätze sollten veränderbar sein, ähnlich wie heute
bei der Gewerbesteuer.
131
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die Steuerklassen müssen im Einklang mit dem technischen Fortschritt durch intensive Untersuchungen gestützt
für längere Fristen festgeschrieben werden.
Die Steuerklassen müssen auch einen Parameter enthalten,
der höhere Personalkosten begünstigt
Die Hebesätze müssten jedoch von einer Art „Ökobank“
und einer „Arbeitsbank“ entsprechend den anstehenden
Messwerten sehr kurzfristig und genügend stark zu ändern
sein.
Da das ganze als Regelsystem funktioniert, sind die Größen der Parameter ziemlich unwichtig. Die Eingriffswirkung muss nur stark genug gemacht werden. Bei laufender
rascher Beobachtung der Werte, lässt sich bei zu geringer
Wirkung noch zulegen, bei zu großer Wirkung wieder abschwächen. Und das natürlich ohne lange Diskussionen in
einem Parlament oder gar einer ganzen Reihe von Parlamenten.
Damit sind Fehlentwicklungen im Gegensatz zu starren
Vorschriften erst gar nicht möglich, denn sie werden schon
in ihren Ansätzen von der „Ökobank“ und der „Arbeitsbank“ über die feinen Messwerte schnell erkannt und
durch sofortige Änderung der Hebesätze korrigiert.
Der Alltag zeigt, dass der Thermostat funktioniert. Die
DM hat 50 Jahre gezeigt, dass so ein wirtschaftlicher Regelkreis ebenfalls funktioniert. Und das in einem Land, das
die Inflation von 1923 erlebt hat. Wichtig bei einem Regelkreis sind eigentlich nur zwei Dinge, dass die Einwirkungsrichtung meistens stimmt und vor allen Dingen
schnell genug erfolgen kann. Hätte eine relevante Zins132
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
satzänderung der Bundesbank erst vom Parlament oder
auch nur der weitgehend fachfremden Regierung beschlossen werden müssen, so hätte die Stabilisierungspolitik für
die DM nie Erfolg haben können.
6.3. Moral in der Wirtschaft und Staat ─ zu einem Interview mit dem Präsidenten des deutschen Bundesverfassungsgerichts, Hans Jürgen
Papier
In der Zeitschrift „Stern“ Nr. 20 vom 12. 5. 2005 ist ein
Interview mit dem Präsidenten des deutschen Bundesverfassungsgerichts, Hans Jürgen Papier, abgedruckt unter der
Überschrift: „Politiker seid mutiger!
Im Zusammenhang mit der momentanen Kapitalismusdiskussion wird er befragt zu den Themen Gerechtigkeit,
Globalisierung und wozu Eigentum verpflichtet.
Aus den Antworten geht in etwa hervor, dass im Rahmen
des Grundgesetzes die Wirtschaft sehr viel freien Gestaltungsraum besitzt. Das ist auch historisch zu verstehen, da
zur Zeit der Abfassung des Grundgesetzes die spätere soziale Marktwirtschaft noch nicht sehr ausgeprägt war und
die vorgesehene soziale Bindung des Eigentums unter diesem Grundgesetz entweder über mehr Marktwirtschaft oder über mehr Planwirtschaft gestaltbar sein sollte. Nach
Papier hat das Bundesverfassungsgericht schon in den 50er
Jahren festgestellt „das Menschenbild des Grundgesetzes
sei nicht der eines isolierten souveränen Individuums.
133
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Freiheit ohne Bindung, Freiheit ohne Verantwortung ist
nicht vorstellbar.“
Diese Vorstellung beruht irgendwo auf der Christlichen
Nächstenliebe. Diese Vorstellung kann man auch mit dem
Kant’schen Imperativ verbinden. Hier weniger als ein göttliches Gebot, sondern mehr in der Erkenntnis, dass auch
andere sich so verhalten könnten wie ich. Will ich das
nicht, so sollte ich es auch bleiben lassen. Wenn diese Idee
sich durchsetzt, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass zu
schlimmes Verhalten unterbleibt.
Das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ hat sich durch die
Kraft der Religion oder kraft der Kant’schen Philosophie
nicht ausreichend durchgesetzt. Daher gibt es entsprechende Strafgesetze und ihre juristischen Anwendungen. Um
das Eigentum als Voraussetzung des Geldwirtschaftssystem zu sichern sind solche Gesetze notwendig.
Ein Politiker kann zwar in seiner Funktion als Publizist
ethische Forderungen aufstellen. Neues kann er aber wohl
nicht vorbringen, sondern nur altes wiederholen. Als Abgeordneter z.B. des Bundestages ist er aber laut Hans Jürgen Papier, befugt und verpflichtet - im Rahmen des
Grundgesetzes - für Gesetze zu sorgen, die geeignet sind,
ethisch nicht vertretbares zu verbieten. Das ist seine Aufgabe als gewählter Politiker. Im Bereich des Steuerrechtes
und des Sozialrechtes hat er viel Spielraum und muss ihn
nutzen. Allgemeine Erörterungen kann er Publizisten,
Journalisten, Wissenschaftlern und Philosophen überlas134
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
sen. Bei Ärzten ist auch das Gesundbeten weitgehend aus
der Mode gekommen.
Papier sagt da auch: “Man kann nicht erwarten, dass eine
Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum basiert, von
den Bürgern dauerhaft akzeptiert wird, wenn der ganz
überwiegende Teil der Bevölkerung von dieser Eigentumsordnung ausgeschlossen ist.“
Auch Papier sieht die Arbeitslosigkeit und die Verarmung
als ein Felsenufer im Fahrwasser der Wirtschaft, an dem
sie mit größtem Bedacht vorbeigeleitet werden muss. Hier
ist Kybernetik gefragt. Hier ist die Wissenschaft aufgefordert Wege zu finden, durch neue Steuer- und Sozialgesetze
in Anwendung von Kybernetik die drohende Instabilität
der Gesellschaft zu umschiffen.
Die Globalisierung führt in der Tendenz dazu, jede Art der
Wirkung von Grenzen zu beseitigen. Die Globalisierung
kommt aber nicht vom Himmel, sondern sie wird geschaffen von Staatsverträgen, welche die Politiker nicht einfach
durchwinken dürfen sondern aktiv mit gestalten oder
durch Veto verhindern müssen. Hier ist deshalb ein
Schwerpunkt, weil sich die Weltwirtschaft als ganzes sich
kybernetisch nicht steuern lässt. Die Umschiffung tödlicher Klippen und Eisberge in einem Staat lassen sich aber
nur kybernetisch umschiffen. Zu weit geöffnete Grenzen
verhindern dies aber. Das Maß für eine erträgliche Globalisierung lässt sich aber nicht aus der Zahlungsbilanz eines
Staates ableiten. Die Globalisierung ist nicht schon deshalb noch in vernünftigen Grenzen, wenn momentan mehr
135
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Waren exportiert werden als man importiert. Es kommt
darauf an, ob man in naher und mittlerer Zukunft die Klippen und plötzlich auftauchende Eisberge umschiffen kann.
Globalisierung hat genau gesehen zwei Komponenten. Die
Nachrichtenübermittlung auf der einen Seite und die Beweglichkeit von Geld, Waren und Menschen. Die Nachrichtenübermittlung ist heute fast beliebig rasch und durch
Grenzen kaum aufzuhalten. Funk und Internet sind sehr
schwer an Grenzen zu hindern. Waren sind leichter zu erkennen, Menschen können an Grenzen ─ teilweise unter
unmenschlichen Bedingungen ─ aufgehalten werden. Zahlungen werden schließlich vom Staat erzwungen, ohne
seine Mitwirkung geht hier fast nichts. Es dürfte wohl ein
Irrtum sein, wenn der Staat die Globalisierung nicht beeinflussen könnte, sie beruht praktisch vollständig auf Staatsverträgen.
136
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
im Blickwinkel der Systemtheorie von
Luhmann
6.4. Kurzcharakteristik des Systems Wirtschaft
bei Luhmann
Nach Luhmann8 ist die Wirtschaft ein Untersystem des
Systems Gesellschaft. Bei Luhmann ist ein System definiert durch eine Unterscheidung von System und Umwelt.
Jedes System wird durch eine Aktion beschrieben. Beim
System Wirtschaft ist diese Aktion die Zahlung. Jede Zahlung ermöglicht eine neue Zahlung und ist von anderen
Zahlungen abhängig. Die entscheidende Größe, ob eine
Zahlung stattfindet oder nicht, ist der Preis. Liegt er im
Rahmen der Bereitschaft zur Zahlung, wird die Zahlung
getätigt, ist der Preis zu hoch, unterbleibt die Zahlung. Die
Zahlungen erzeugen so immer neue Zahlungen. Das System Wirtschaft erhält sich also selbst und ist in gewisser
Weise abgeschlossen.
Dieses System muss aber gleichzeitig auch offen sein,
denn der konkrete Anlass einer Zahlung liegt nicht in diesem System Wirtschaft, da nicht alle Zahlungen, die durch
vorhergehende Zahlungen möglich sind, ausgeführt werden, sondern nur relativ wenige ausgesuchte, deren Aus8
Niklas Luhmann, die Wirtschaft der Gesellschaft 1. Auflage 1994,
Frankfurt a.M. Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft,
1152); ISBN 3-518-28752-4
137
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
wahl nur aus der Umwelt dieses Systems Wirtschaft
stammen kann.
Die Tatsache, dass ein Zahlungsakt den nächsten erzeugt
und diese Zahlungsakte ihren Anlass aber in der Umwelt
haben, bedingt, dass die Wirtschaft im allgemeinen ein positiv rückgekoppeltes System ist. Nur Erfolg, veranlasst
durch ein Urteil in der Umwelt, kann auch weiteren Erfolg
bringen, das heißt weitere Zahlungseingänge verursachen.
Misserfolg bringt zwangsläufig weiteren Misserfolg. Es
sind dann nur weniger Zahlungen möglich, die weitere
Zahlungen nach sich ziehen können.
Wenn man das sehr verallgemeinernd sieht, erscheint in
dieser Hinsicht Wirtschaft etwas überraschend als eine Art
Lebensbremse. (Das Wort Bebensbremse kommt bei
Luhmann nicht vor.) Die Wirtschaft schränkt die Möglichkeiten des praktischen Lebens gegenüber der sich in der
Umwelt anbietenden Lebensmöglichkeiten auf eine verschwindend geringe Auswahl ein. Gegenüber den denkbaren Lebensakten sind die wirtschaftlich möglichen Lebensakte von sehr kleiner Anzahl. Es herrscht also prinzipiell immer ein Mangel an Zahlungsmitteln. Daher strebt
jeder Teilnehmer an der Wirtschaft nach einer größeren
Menge ihm zu Verfügung stehender Zahlungsmittel. Das
ganze wird noch dadurch verstärkt, dass man Zahlungsmittel auch aufbewahren und zur Bezahlung späterer Lebensakte verwenden kann. Es gibt also grundsätzlich keine
obere Grenze, die das Streben nach noch mehr eigenen
Zahlungsmitteln beschränken würde.
138
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wenn dieses Wirtschaftssystem in die reale Welt eingefügt
wird, ergibt sich schon aus dem Energieerhaltungssatz ein
wahrscheinlicher innerer Wiederspruch, da die Energie
fast immer endlich ist, die Zahlungsmittel mindestens
nicht dieselbe Grenze haben müssen.
Da der die Zahlung leistende aus der Wirtschaft nur die
Preise entnehmen kann, alle Informationen, die ihn zum
Zahlen bewegen können, aber aus der Umwelt der Wirtschaft entnehmen muss, ist die Wirtschaft nie sich selbst
überlassen, und hat ohne die Umwelt weder Antrieb noch
Sinn.
In dieser Abhängigkeit von der Umwelt, kann die Wirtschaft eigentlich nie frei sein, sie ist immer fremd bestimmt. Es ist also eher so, wie oben schon bemerkt, dass
die Wirtschaft selbst eine wesentliche Schranke der freien
Lebensgestaltung ist. Diese Beschränkung wird aber nach
Luhmann in der derzeitigen Gesellschaft akzeptiert, wohl
deshalb, weil sie eine gewisse Freiheit des Handelns zumindest ohne Lebensgefahr und wie Luhmann betont auch
ohne Dankbarkeitspflicht ermöglicht. Die Schuld ist durch
die Zahlung beglichen.
6.5. Eigentum – Fundament der Wirtschaft –
Staat unerlässlicher Stützpfeiler
Die Wirtschaft braucht außer den Zahlungen als momentane kurzzeitige, sich immer neu ermöglichenden Akte noch
139
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Zustände von einer gewissen Dauer, nämlich das Eigentum in seinen verschiedenen Ausformungen, angefangen
von Grund und Boden über Sacheigentum bis zum Urheberrecht. Offiziell gehört die Leibeigenschaft nicht mehr
dazu, aber die persönliche Freiheit ist durch Abhängigkeiten verschiedener Abstufungen vom Geschäftspartner über
Arbeitnehmer bis zur Insassin eines Freudenhauses fast
kontinuierlich abgestuft und mehr Freiheit muss auch im
persönlichen Bereich durch Zahlung oder Nichtzahlung
erkauft werden. Man kann also auch sagen ─ was Luhmann nicht explizit aussagt ─ Eigentum ist heute die wesentliche Quelle von Unfreiheit. Die Wirtschaft ist eine
Möglichkeit damit umzugehen. Luhmann erwähnt auch,
dass die Sklaverei erst nach einer gewissen Selbstversklavung der Menschen abgeschafft wurde, die sich selber
zwingen, mehr oder weniger unangenehme Arbeit zu verrichten, um diese dann verkaufen zu können. Der professionelle Sklavenhalter konnte damit eingespart werden.
Damit vereinbarte Zahlungen überhaupt stattfinden,
braucht man aber noch die „Tugend“ der Vertragstreue. Da
man heute auch ohne Tugend leben kann, oder doch zu
können glaubt, braucht es hier den Staat und zwar auch
seine Gewalt zumindest als Gerichtsvollzieher, wenn auch
nicht mehr als Betreiber eines Schuldturms. Aber die Justiz lebt heute weitgehend von Eigentumsdelikten, die deshalb verfolgt werden, weil man Störungen von dem System der Zahlungen fernhalten will und muss. Ebenfalls
braucht man den Staat, um das Zahlungsmittel (Geld) zur
Verfügung zu stellen ─ in der richtigen Menge und ausrei140
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
chender Fälschungssicherheit. Auch muss der Staat die
Form von Zahlungsversprechen und von bargeldlosen Zahlungsformen festlegen und sichern.
Insofern ist das System Wirtschaft ohne das System Staat
und Politik gar nicht lebensfähig. Wenn die Wirtschaft
jetzt die Forderung erhebt, dass sich der Staat nicht in die
Wirtschaft einmischen darf, so ist das von den Systemabgrenzungen her vielleicht eine denkbare Forderung. Sollte
der Staat aber ernsthaft dieser Forderung nachgeben, wäre
die Wirtschaft sehr schnell nicht mehr vorhanden, denn es
gäbe bald keine geordneten, der Zeit angepassten Zahlungen mehr.
Man kann aber auch feststellen, je weiter man das Privateigentum ausdehnt, um so mehr Handlungsfreiheit des
Menschen geht verloren. Das Ausdehnen der Freizeitindustrie ist dafür ein sehr deutliches Indiz. Es gibt beinahe
nur noch Restbereiche der Freizeit, die außerhalb der Unfreiheit durch wirtschaftliche Zwänge lebbar sind. Ganz
markant ist dazu ein Vorschlag aus der Regierung Berlusconi, die italienischen Strände zu privatisieren. In
Deutschland gibt es eine ähnliche Diskussion über die
Nutzung von Waldwegen, da der Wald hier auch vielfach
Privateigentum ist. Öffentliche Plätze und Gehwege werden mehr und mehr gastronomisch „bewirtschaftet“, das
Ausruhen auf einem Sitzplatz praktisch mit einer Stuhlmiete belastet, für die als Zugabe etwas ess- und drinkbares vorgesehen ist.
141
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
6.6. Positiv rückgekoppelte Schleifen ─ Teufelskreise
Nach den gängigen Forderungen der Wirtschaft, sollte der
Staat nur die Rahmenbedingungen der Wirtschaft festlegen. Will er die Freiheit der Wirtschaft, was immer das
auch sei, erhalten, muss er damit diese Rahmenbedingungen so gestalten, dass diese Freiheit nachhaltig erhalten
werden kann. Es dürfen also keine Rückkopplungsschleifen entstehen, welche die Wirtschaft zerstören. Als positiv
rückgekoppeltes System verstärkt die Wirtschaft jeden
Systemfehler in einem Untersystem so lange, bis das Untersystem zerstört ist oder beizeiten entscheidend geändert
wird. Als Untersysteme sind alle Einrichtungen und Organisationen von der Einzelperson über Firmen bis zu Staaten gemeint. (Die gefährlichste Rückkopplungsschleife in
Deutschland im 20. Jahrhundert war die Inflation von
1923, als die Lohn-Preis-Spirale nicht zu bremsen war.)
Für größere Untersysteme wie z.B. Staaten wäre das vorausschauende Vermeiden solcher Systemfehler grundsätzlich denkbar in einer strengen Planwirtschaft, denn da
könnte man ─ zumindest theoretisch ─ die Strukturen so
planen, dass solche Schleifen ausgeschlossen sind. Ob reale Planwirtschaften das je geschafft haben, ist aber fragwürdig.
Freie Marktwirtschaft in der gewachsenen Form kann das
keinesfalls schaffen, da freie Marktwirtschaft im Grunde
ein positiv Rückgekoppeltes System darstellt. Wirtschaftlicher Erfolg ─ wie gesagt ─ fördert weiteren wirtschaftli142
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
chen Erfolg. Das ist ja der erlebte Erfolg der freien
Marktwirtschaft. Wirtschaftlicher Misserfolg ─ das müssen wir im Auge behalten ─ führt aber zu weiterem wirtschaftlichen Misserfolg. Letztlich ist das auch die Ursache
des von den meisten beteiligten empfundene Gefühl des
Zwangs zu ständigem Wachstum. Ist Wachstum nicht
mehr zu schaffen, folgt unweigerlich der Ruin.
Nach dem ersten Weltkrieg gab es z.B. in Deutschland zunächst eine ungebändigte Inflation und dann später über
die Börsenblase (Inflation nicht für Waren sondern für
Wertpapiere) die Weltwirtschaftskrise als extreme Folgen
dieser positiven Rückkopplung. (An der Börse wird die
positive Rückkopplung noch verstärkt, da die Akteure in
diesem Bereich der Wirtschaft als Beobachter wenig
Durchblick haben und hauptsächlich nur sich ändernde
Börsenkurse beobachten, die sie selbst erzeugen. Die
Gründe für die Zahlungsakte stammen dann noch weit weniger als normal aus der realen Umwelt sondern weitgehend aus unreflektierten psychologisch verursachten Gefühlen oder Pseudotheorien.)
In Deutschland ist es gelungen in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts die Inflation auf ein nützliches Maß zu
bändigen durch den vom Staat erzwungenen Einbau einer
negativen Rückkopplungsschleife über eine weitgehend
unabhängige Deutsche Bundesbank. Also über den wirksamen Einsatz von Kybernetik mit der Deutschen Bundesbank als Steuermann.
143
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Der freie Markt neigt dazu ─ wie gesagt ─ als positiv
rückgekoppeltes System bei jeder Gelegenheit, sogenannte
Teufelskreise wie die Inflation zu bilden. Heute tut er das
hauptsächlich mit einer RationalisierungsArbeitslosenspirale, die sich praktisch als Rationalisierungs-Armutsspirale (Ratio-Arm-Spirale) auswirkt. Rationalisierung setzt Arbeitskräfte frei. Die Kaufkraft der Konsumenten geht zurück. Schwindender Gewinn erzwingt
neue Rationalisierung und so immer fort. Da man auch in
Zukunft überleben will, wird auch bei hohen Gewinnen
panisch weiter rationalisiert und freigesetzt, wie derzeit
der Skandal um die Deutsche Bank zeigt9. Deshalb muss
der Staat auch an anderen Erscheinungen solche negativen
Rückkopplungen (kybernetische Konstrukte) einbauen,
sonst zerstört sich das Wirtschaftssystem durch für die Gesellschaft unerträgliche Folgen selbst. Der Markt kann solche Dinge grundsätzlich nicht regeln, eben weil er selbst
positiv rückgekoppelt ist.
9
Die früher vorhandene relative Beweglichkeit der Arbeitskräfte ist
heute zu klein, nicht nur wegen der relativ hohen Sesshaftigkeit der
Menschen, sondern vor allem auch wegen des gescheuten Aufwandes
zur Erringung und Vermittlung neuer fachlicher Kompetenzen. Die
verschiedenen Ansätze zur Weiterbildung waren und sind nicht erfolgreich genug. Die schon vorgeschlagene Absenkung von Löhnen würde
die Kaufkraft ebenso schmälern und diese Spirale weiter in Gang halten.
144
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
6.7. Kybernetik ─ Leistung und Grenzen in der
Wirtschaft, Evolution, Globalisierung
Luhmann sieht die Kybernetik10 außerstande, die Wirtschaft ─ als Ganzes ─ zu steuern. Nach seiner Systemtheorie ist die Wirtschaft – wie fast alle Systeme in seinem
Sinn mit positiver Rückkopplung – durch einen Steuermann nicht steuerbar, da die Kybernetik (negative Rückkopplung), nur Abweichungen von einer vorgegebenen
Richtung verkleinern kann. Die Wirtschaft ist aber ein
System, das durch seine Struktur (der positiver Rückkopplung) ─ wie auch das Leben in der Biologie ─ der Evolution11 unterliegt. Evolution ist aber durch positiv rückgekoppelt verstärkte zufälliger kleiner Abweichungen vom
alten Zustand bestimmt und daher grundsätzlich nicht
vorhersehbar. Kein Kapitän sagt hier dem Steuermann,
wohin er fahren sollte, das könnte nur Gott tun. Der Steuermann könnte natürlich aus eigenem Antrieb sich ein
sinnvolles Ziel aussuchen und das mit Hilfe der Kybernetik ansteuern. Das aber versucht jeder Teilnehmer am
Wirtschaftsleben. Welche Richtung könnte z.B. ein solcher „Firmen-Steuermann“ einschlagen? Er beobachtet
seine Umwelt, analysiert seine Chancen möglichst rational
10
Aus dem griechischen Abgeleitete Begriff etwa Kunst des Steuermanns, aus der Datenverarbeitung stammend, seit den 50er Jahre des
20.Jahrhunderts Grundlage der Regelungstechnik, verbreitetstes Anwendungsbeispiel: Thermostat
11
Monika S. Friedrich-Nishio, Einfluss verhaltensbasierter Faktoren
auf die Innovationsleistung: Eine evolutionsökonomische Betrachtung
am Beispiel von IT-Unternehmen in Japan und Deutschland: Universität Karlsruhe, Fak. f. Wirtschaftswissenschaften, Diss. v. 15. 02 2005
145
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
und schlägt dann die Beste Richtung ein. Die Präferenzen,
die er vergleicht sind wohl aber nicht alle rational sondern
nur teilrational. Er wird zwar nicht sagen, das haben wir
schon immer so gemacht, das machen wir deshalb weiter
so. Genau genommen übernimmt er wohl aus seiner Historie eine Reihe von Vorurteilen, die er als solche nicht erkennt. Es sind das für ihn bewährte Erfolgsrezepte, die
bisher wirksam waren. Er wird sie daher nur ablegen,
wenn er wirklich erkennt, dass sie jetzt nicht mehr wirksam sind. Wegen seiner endlichen Erkenntnisfähigkeit
werden unweigerlich einige der alten Urteile jetzt in der
neuen Situation als Vorurteile überleben. Für einige Zeit
kybernetischen Steuerns in die als richtig eingeschatzte
Richtung bleibt das so. Irgendwann lässt die weitere Entwicklung die Vorurteile als solche erkennen und Korrekturen werden vorgenommen. Jedoch die Kräfte der Evolution wachsen häufig lange unbeschränkt an und überholen
auch das gut gesteuerte Unternehmen. So endet faktisch
jedes Unternehmen früher oder später im Ruin. Je größer
eine wirtschaftliche Organisation ist, um so länger kann
sie das aushalten. Das führt auch dazu, dass größere Organisationen die kleinen von der Evolution überholten übernehmen oder zumindest überleben können. Man kann das
auch so sehen (Luhmann), dass größere Unternehmen sich
mehr Fehler im Einzelnen erlauben können, ohne ihre Liquidität einzubüßen. Kleinere Unternehmen müssen bei
gleich hohen (absoluten) Verlusten zum Konkursrichter.
Die wirtschaftlichen Fehler liegen aber oft nicht daran,
dass die kybernetischen Werkzeuge falsch oder schlampig
eingesetzt wurden, sondern dass die Evolution eine andere
146
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Richtung einschlug als die Firmenleitung als Steuermann
einzuschlagen versuchte. So ist letztlich auch der frühere
sehr große Ostblock wirtschaftlich gescheitert.
Luhmann sagt, man könne die Konjunktur der Weltwirtschaft auch deshalb nicht kybernetisch regeln wie die
Zimmertemperatur mit einem Thermostat im Ofen, da eine
leicht änderbare Größe, welche die Konjunktur sicher und
merklich in eine gewünschte Richtung verändern könnte,
nicht bekannt ist. Der Thermostat muss auch nicht das
Weltall heizen, sondern nur ein mehr oder weniger zugfreies Zimmer.
Man muss also die Wirtschaft ihrer eigenen Evolution
überlassen ist daher Luhmanns Ansicht.
Dieser Schluss aus der Unmöglichkeit, das Weltall mit einem Thermostat geregelt zu heizen, gilt aber nur für die
Gesamtwirtschaft, d.h. der Weltwirtschaft. So sieht das
auch Luhmann. Mehr oder weniger abgeschlossene Teilsysteme lassen sich durchaus mit kybernetischen Mitteln
verbessern, ganz ähnlich wie die Geldwirtschaft in der
Bundesrepublik Deutschland in der 2. Hälfe des 20. Jahrhunderts. Eigentlich funktioniert das in Grenzen in jeder
Firma, sonst würde die moderne Wirtschaft gar nicht existieren. Firmen sind aber keine Gebilde ohne Grenzen. Auf
die Gestaltung der Grenzen kommt es wesentlich an. Ganz
abgeschlossen funktioniert das nicht, ganz offen aber genau so wenig. Hierher gehört die Diskussion der Globalisierung. Sie darf keinesfalls so weit getrieben werden, dass
147
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
notwenige kybernetische Steuerungen nicht mehr möglich
sind.
Wären die Menschen nicht mit Haut und Haaren von der
Wirtschaft abhängig und wäre durch die Evolution zumindest ihr Überleben gesichert ─ dass es nicht zu menschlichen größeren Katastrophen kommt ─ könnte man auch
guten Gewissens von der doch nicht alles regelnden Kybernetik die Finger lassen.
6.8.
Geldwirtschaft als Friedensstifter
Luhmann hat auch beschrieben, dass die funktionierende
Geldwirtschaft die Menschen weitgehend zu friedlichen
Zuschauern des Wirtschaftsgeschehens gemacht hat. Das
hat m. E. wohl darin seinen Grund, dass die Geldwirtschaft
schon wegen der notwendigen Zurschaustellung des Angebotes weitgehend öffentlich ist, und sie so für alle Menschen einen sehr beträchtlichen Unterhaltungswert hat, der
ihr Verhalten relativ weit domestiziert. Das Beobachten
der Versuchung zum Kaufen und das Drama über Kaufen
und Nichtkaufen kann die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, da die Zuschauer sich mit einer ausreichenden Anzahlt von Akteuren so weit identifizieren können, dass die
Aktionen der anderen die eigenen Aktionen – ähnlich wie
in einem spannenden Film - ersetzen können. (Da übernehmen die Konsumtempel die Rolle der Filmpaläste ─
auch als späte Nachfahren der Zirkusbauten im alten
Rom).
148
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Die bei diesem Schauspiel notwendige Identifikation darf
aber nicht verschwinden, sonst stellt sich das Schauspiel
als großer Betrug dar: Die Bühne wird dann nicht mehr
beklatscht, sondern gestürmt und in Brand gesetzt, wenn
das Polizeiaufgebot nicht groß genug ist.
Was ist nun die Bedingung für die Identifikation der Zuschauer mit den Zahlern. Der Zuschauer muss sich vorstellen, dass er das auch tun könnte, sich frei entscheiden, ob
er zahlen, d.h. kaufen will oder nicht. Hat der Zuschauer
aber immer nur so viel Geld als er zum bloßen Leben
braucht, oder noch ein bisschen weniger, dann kann er mit
der Zeit diese Identifikation nicht mehr leisten. Das wird
dann zur Ursache von Depression oder offener bzw. heimlicher Rebellion, letzteres in der Erscheinungsform steigender Kriminalität.
6.9. Wirtschaft als Schiff „Wellness“ ─ Klippen,
Riffe und Eisberge im Fahrwasser fordern Steuermann zu ihrer Umschiffung
Man kann sich die Wirtschaft auch als ein Schiff vorstellen in dem die Gesellschaft durch den Ozean der Zeit segelt. Die Gesellschaft des reicheren Teils der Welt hat sich
in das Schiff „Wellness“ gesetzt. Der Kapitän gibt dem
Steuermann die Richtung vor: „Fahre in schönes Wetter“.
Auf dem Mast wird die See nach schönem Wetter abgesucht, die Richtung bestimmt und mit voller Kraft oder
vollen Segeln voraus gefahren. So lange man sich auf hoher See im gemäßigten Klima mit moderaten Segelflächen
149
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
oder gemächlichem Motor bewegt, ist das die Ideale Fahrerei. Ein späterer Logbuchleser stellt fest, das war eine
ideale Evolution ─ und Evolution ohne Kybernetik ist offensichtlich die sinnvollste Fahrweise: Weiter so!
Aber die Gesellschaft auf dem Schiff langweilt sich. Sie
baut sich ein schwimmendes Dock namens wissenschaftlich fundierte Technik, setzt gelegentlich das Schiff in dieses Dock und verbessert es. Dabei wird es nicht nur massiger und bequemer sondern vor allem auch schneller. Unverhofft tauchen Riffe und Eisberge auf. Man kann eigentlich immer noch hinfahren wo man will, sogar sehr viel
schneller. Aber eines darf man nicht. Man darf nicht auf
diese tödlichen Hindernisse fahren. Man muss jetzt weiter
blicken und mit Hilfe der Kybernetik also mit der Kunst
des Steuermanns ─ und wenn möglich auch mit Hilfe eines Lotsen ─ sich von diesen tödlichen Hindernissen fernhalten. Allerdings mit der Erschwernis, dass in der Nähe
dieser tödlichen Hindernisse die Strömung jedes Schiff auf
dieses Hindernis zutreibt und ähnlich wie die Loreley
wirkt, die Schiffe mit Mann und Maus im Rhein versinken
ließ. Im Übrigen kann man sich weiterhin dem Ziel Wellness überlassen.
Was sind heute in der Wirtschaft diese tödlichen Hindernisse. In Deutschland früh erkannt die Inflation. Nach dem
zweiten Weltkrieg wurde hier die Kybernetik ─ praktisch
im Vorgriff auf ihre Verbreitung in der Technik ─ durch
das Gesetz für die Deutsche Bundesbank eingeführt. Sie
hat die deutsche Wirtschaft immer ausreichend von der Inflation ferngehalten ─ über 50 Jahre und besser als in allen
150
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
vergleichbaren Ländern. Daher wurde der Vertrag über die
Europäische Zentralbank in Frankfurt, entsprechend diesem bewährten Muster gestaltet.
Zu den tödlichen Hindernissen gehört auch ─ schon länger
erkannt ─ die Problematik der Ökologie und ganz sicher
auch die Arbeitslosigkeit. Das beides sind in der Bundesrepublik Deutschland natürlich neuere Zustände. Die katastrophal wirkende positive Rückkopplung von Störungen
des ökologischen Gleichgewichtes sind früher nicht so
aufgefallen, da erst der technische Fortschritt die Wirtschaftstätigkeit so angeheizt hat, dass deren Nebenwirkungen als gefährlich aufgefallen sind.
Dazu gehört ─ wie gesagt ─ neuerdings auch durch den
technischen Fortschritt die Arbeitslosigkeit. Früher
brauchte die Wirtschaft die menschliche Arbeitskraft unbedingt. Die Menschen werden zur Produktion in der
Wirtschaft heute jedoch täglich weniger gebraucht. Um eine auch ökologisch vertretbare endliche Produktionsmenge
mit der heute möglichen Technologie zu verwirklichen,
werden nur noch relativ wenig Menschen gebraucht und
täglich weniger. Gebraucht werden die Menschen aber
nach wie vor und sogar noch viel mehr als Konsumenten.
Dann müssten sie aber zahlen können. Sie erhalten aber
aus wirtschaftlichen Gründen keine Zahlungen mehr, da
ihre Arbeitskraft unverkäuflich ist.
Zwischenzeitlich kam die Hoffnung auf, die freigesetzten
Produktionskräfte könnten in den Dienstleistungen beschäftigt werden. Die Entwicklung der Computer hat hier
151
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
aber die menschliche Arbeit noch radikaler unrentabel gemacht.
Im Sinne eines nachhaltig funktionierenden Systems nach
Luhmann ist die Wirtschaft in Deutschland heute schon
nicht mehr vorhanden. Die notwendige Kaufkraft wird
nicht mehr solide in der Wirtschaft entstehen lassen, sondern hier in Deutschland von der öffentlichen Hand über
eigentlich nicht mehr funktionierende veraltete Systeme
und über wachsende Schulden in immer weniger ausreichendem Maße bereitgestellt.
Die Rettung des Staatshaushaltes könnte man im Absenken der Ausgaben sehen. In positiver Rückkopplung wäre
das ein noch schnellerer nicht aufzuhaltender Ruin der
Wirtschaft in Deutschland. Das aber wäre auch das Ende
der Stabilität der Gesellschaft. Da das niemand wagt, geschieht fast nichts.
6.10. Weitere Notwendigkeit von Kybernetik in
der Wirtschaft ─ Gesetzgeber gefordert
Wenn man aus dieser Situation herauskommen will,
braucht man außer der Geldwertstabilisierung weitere negative Rückkopplungskreise, ähnlich wie sie hochentwickelte Lebewesen auch benutzen, um im an sich auch positiv rückgekoppelten Leben, eine längere Lebensdauer zu
erreichen. Dazu gehören dort z.B. die Körpertemperatur
der Warmblütler über eine Art Thermostat, der PH-Wert
des Blutes und der Zuckergehalt des Blutes. Wachstum
152
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ohne Bremse gibt es beim Menschen auch: Das ist der
Krebs.
6.11. Gefahr der Spaltung in einen realen und
einen eher virtuellen Geldkreislauf
Die Luhmann’sche Systemtheorie der Wirtschaft suggeriert durch ihre Struktur, in der jede Zahlung eine Zahlung
voraussetzt und neue ermöglicht, dass das Geld nicht aus
der Wirtschaft verschwinden kann, und wenn die Notenbanken die richtige Geldmengen zur Verfügung stellen,
die Wirtschaft auch sicher funktioniert. Wenn aber im
Armuts- bzw. Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung Jahr für Jahr festgestellt wird, dass die Reichen
immer reicher, die Armen aber immer ärmer werden und
dabei die Wirtschaft und damit das Steueraufkommen eher
notleiden als florieren, scheint Luhmann einen Effekt nicht
beachtet zu haben. Außer dem „realen“ Teil der Wirtschaft
mit Waren und Dienstleistungen gibt es auch einen mehr
virtuellen Teil mit Wertpapieren aller Art und besonders
deren Derivaten, deren Deckung im realen Teil nicht eigentlich messbar ist und an den eher spielbankähnlichen
Börsen bestimmt wird. So ist es möglich, dass das Geld
der Reichen nicht mehr in den realen Kreislauf gelangt, da
es einerseits den Reichen immer weniger möglich ist, ihren Reichtum in der realen Wirtschaft direkt zu nutzen. Es
gibt für sie andererseits keine überzeugende Begründung
mehr, in diesen langsamen und auch nicht unspekulativen
Bereich von Arbeit schaffenden Produktionsanlagen eine
Zahlung zu leisten. So zirkuliert eine große Menge des
153
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Geldes in diesem virtuellen Bereich der Wirtschaft und
kommt nicht mehr in den reellen Bereich zurück. Dies ist
aber gleichbedeutend mit einer Deflation im reellen Bereich der Wirtschaft mit ihren Folgen und zusätzlich einer
Inflation im Bereich der Wertpapiere. Das Geld, das zu
viel im virtuellen Bereich der Wirtschaft eingeschlossen
ist, hat so nicht mehr die Eigenschaft von Kaufkraft, sondern eher die Eigenschaft von Macht, die wenn sie die
Macht des Staates infrage stellt, illegal ist. Mit anderen
Worten, die Besitzer dieser virtuellen Werte unterliegen
mit Ihren Handlungen nicht mehr den Regeln der im Realen wirkenden Geldwirtschaft. Auch das ist ein auftauchender Eisberg, von dem wohl erst eine kleine Spitze zu
sehen ist. Auch er kann nur kybernetisch umschifft werden, was wohl eine starke Rücknahme der Globalisierung
voraussetzt. Wenn behauptet wird, das ginge nicht mehr,
dann ist das entweder falsch, oder die Wirtschaft muss
nach Luhmann zusammenbrechen, da sie von der Änderbarkeit der Politik lebt.
Die Geldwirtschaft, und das sieht Luhmann als selbstverständlich an, braucht aber auch Beschränkungen aus ethischen Gründen. Das beginnt bei käuflicher Liebe über
Menschenhandel bis zur Bestechlichkeit. In diesen Zusammenhang gehört auch die Diskussion über Nebeneinnahmen von Abgeordneten.
Das Verbot von Betrug ist auch eine notwendige Randbedingung für die Wirtschaft. Betrug ist wohl auch das Zustandekommen einer Zahlung aufgrund falscher Angaben
des Anbieters. In diesen Bereich fallen auch Teile der
154
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Werbung. Für ihn offensichtlich falsche Angaben der
Werbung waren für den Bundesgerichtshof kein Betrug, da
die Falschheit der Behauptung erkennbar war. Der Gerichtshof war aber nicht der Betrogene. Er hätte sich fragen
müssen, warum die falsche Angabe gemacht wurde. Zumindest war doch vorgesehen, dass diese Werbung den
Absatz fördert. Wenn auch in solchen Fällen der Erfolg
nicht nachweisbar ist, so handelt es sich doch mindestens
um einen Betrugsversuch. Hier der Kreativität der Werbung völlig freien Lauf zu lassen, dürfte im Sinne von
mehr Mut für die Politik, nicht das Optimum sein. Wenn –
wie Papier12 wohl richtig feststellt - nur das nicht erlaubt
ist, was verboten ist, so muss wohl auch hier eine gesetzliche Grenze gezogen werden. Man kann natürlich auch darauf warten, bis die Werbung ihre Wirkung selbst zerstört
hat. Schon auffallende Erscheinungen in dieser Richtung
sind aber kein Motor für den stagnierenden Konsum.
In einem im ganzen positiv rückgekoppelten System lassen
sich mit Vorschriften und Gesetzen, die mit festgesetzten
Zahlen, z.B. fixen Steuersätzen und Gebühren arbeiten,
keine wirksamen Rahmenbedingungen schaffen. Die in
diesem System herrschende Evolution wird solche „Baken“ in kürzester Zeit obsolet erscheinen lassen. Auf diesen Baken stehen quasi Rudereinstellungen. Welchen Effekt die machen, lässt sich nicht voraussehen. Nur eine
Beobachtung und sehr rasche Verstellung des Ruders im
Sinne der Kybernetik, setzt wirksame Rahmenbedingungen. Es bedarf dafür eine Unabhängigkeit von Weisungen
12
Siehe Kapitel 6.3.
155
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
über die Rudereinstellungen. Nur die möglichen Einstellmaßnahmen und das Ziel kann und muss vom Gesetz vorgegeben werden, genau wie bei der Geldwertstabilisierung
durch die Deutsche Bundesbank und die Europäische
Zentralbank in Frankfurt.
Luhmann meint die Wirtschaft ließe sich kybernetisch
nicht steuern, die Gründe sind das unbekannte Ziel und die
fehlende Heizquelle für die Konjunktur. Luhmann sieht
jedoch auch, dass sich einzelne wirtschaftliche Größen kybernetisch regeln lassen, wie z. B die Geldwertstabilität
der DM. Die Arbeitslosigkeit scheint im wesentlichen von
der Konjunktur abzuhängen. Das ist aber heute nicht mehr
streng gekoppelt, denn die Konjunkturanstiege der letzten
Jahre haben die Arbeitslosenanstiege der Konjunkturabstiege fast gar nicht korrigiert. Die Firmen konnten ihren
Umsatz mit mehr Rationalisierung erhöhen.
Wenn es durch lohnkostenabhängige Umsatzsteuer gelingt, weitere oder schnellere Rationalisierung unrentabel
zu machen, wird sie unterbleiben und die Leute werden
wieder eingestellt. Dazu müssen diese aber beweglich genug sein, d.h. erfolgreich weitergebildet werden, was wohl
nur in den Firmen möglich ist. Auch diese Weiterbildung
muss also von der Umsatzsteuer gefördert werden
In der Elektrotechnik und insbesondere in der Elektronik
war es keinesfalls der Thermostat, der den großen Fortschritt durch negative Rückkopplung ermöglicht hat, sondern die spannungskonstanten Netzgeräte. Alle elektronischen Geräte wurden mit einer (oder mehreren) konstanten
Betriebsspannung ausgerüstet. Das bedeutet, dass bei höherem Strombedarf die Betriebsspannung nicht nachgibt
156
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
und bei weniger Strombedarf die entsprechende Betriebspannung auch immer konstant ist. Dies garantiert ein optimales Funktionieren der Elektronik.
Da die menschliche Arbeit sowohl für den Menschen wie
auch für die Wirtschaft die Grundlage der Existenz ist,
entspricht die Vollbeschäftigung sehr weitgehend der Versorgungsspannung der elektronischen Geräte.
Arbeitslosigkeit ist weitgehend dadurch definiert, dass
Menschen, die in Abhängigkeit arbeiten wollen, eine Arbeit finden oder nicht. Die Zahl dieser Menschen wird
wohl im Laufe der Zeit zurückgehen und die selbständig
arbeitenden werden zunahmen. Das ist aber ein Prozess,
der noch jahrzehnte andauern kann.
Da nach Luhmann die freie Wirtschaft im wesentlichen ein
System von einander bedingenden Bezahlungen ist, gibt es
auch nur den Weg über den künstlichen (staatlich erzwungenen) Preisanstieg des Wegfallenlassens von Arbeitskräften. Andere Wege Arbeit zu schaffen, kann es in einem
solchen System nicht geben. Das Problem entsteht aus der
Langsamkeit des menschlichen Lebens. Der Mensch
braucht 20 Jahre, bis er produktiv ist. Dann will er noch 50
Jahre produktiv sein und noch weiter 10 Jahre leben. Eine
sich schnell ändernde Wirtschaft kann also gar nicht für
den Menschen taugen. Daher ist eine kybernetische Regelung der Steuer, die das Rauswerfen der Menschen unrentabel macht, die freiheitlichste Lösung dieses lebensentscheidenden Problems. Jede Firma kann sich beliebige
Wege aussuchen ihre Leute besser zu beschäftigen, oder
aber so gut zu werden, dass sie die höhere Umsatzsteuer
bezahlen kann.
157
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
7. Weitere Anregungen zur Abschaffung der Teufelskreise
7.1. Solidarsystem der gesamten Gesellschaft
- Weg aus der Ratio-Arm-Spirale
Folgender Denkansatz würde das System wahrscheinlich
stabilisieren:
Alle Soziallasten werden staatlich finanziert, dazu gehören
Alters- und Invalidenrenten, das Gesundheitswesen und
alle Dinge, deren Kosten vom Schicksal abhängen. Personennahe Dienstleistungen dürfen nicht teuer sein, sonst
haben sie am Markt keine Chancen, weil man sie sich
nicht leisten kann. Hier findet naturgemäß wenig technischer Fortschritt statt. Er kann sinnvoller weise von kleinen Betrieben geleistet werden. In diesem Bereich gehören
alle direkten Steuern und Abgaben abgeschafft. Damit erledigt sich das Problem der sowieso nicht zu verhindernden Schwarzarbeit. Jede Arbeit gegen gute oder schlechtere Bezahlung ist legal. Wo bekommt nun der Staat seine
Mittel her?
7.2. Umsatzsteuer personalkostenabhängig finanziert die Sozialkosten
Wie oben schon erwähnt, sollte sich der Staat mehr von
der Umsatzsteuer finanzieren, die beim Handel erhoben
wird, wobei an den Endverbraucher liefernde Hersteller
158
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
über eine bestimmte Betriebsgröße - in der Gegend von
100 Mitarbeitern - als Handelsbetrieb mit gelten. Diese
Umsatzsteuer könnte in ca. 10 Steuerklassen eingeteilt sein
und etwa von 10% bis 200 % reichen, in Abhängigkeit davon, wie viel Personalkosten in den Preisen stecken und
wie gut die Ökobilanz der Waren oder Dienstleistungen
ist. Man könnte meinen, das wäre kompliziert, ist aber nur
eine Frage der Pflege der Computerprogramme. Die Bezahlungen erfolgen jetzt schon vielfach unbar meistens mit
Scannerkassen. Dabei sind mit dem europäischen Barcode
die Waren einzeln ohne Probleme zu identifizieren und in
die verschiedenen Umsatzsteuerklassen einzuordnen.
Man kann jetzt den Markt beobachten und ständig - ähnlich wie heute die Bundesbankzinsen - die Steuersätze
(Hebesätze) leicht anheben oder absenken, so daß die
Staatsquote sich den notwendigen Staatsaufgaben automatisch anpasst. Das würde wie an anderer Stelle schon gezeigt wird, selbst für den Extremfall von 90% Staatsquote
die kapitalistische Marktwirtschaft der Industriegüter nicht
berühren. Bei so einer hohen Staatsquote wären ja auch
nur noch wenige Menschen in der Industrie beschäftigt.
Auch in der Landwirtschaft sind heute nur noch wenige
Menschen beschäftigt, obwohl für eine schlechtere Versorgung wie heute vor 150 Jahren noch 80% der Leute in
der Landwirtschaft arbeiteten. Und das heutige Problem ist
ja das dauernde Schrumpfen der industriellen Arbeit. Der
Anteil dieser Güter im Wirtschaftsgeschehen würde dann
auch 10 % betragen. Die Arbeiter können dann bei entsprechender Rationalisierung genügend hoch bezahlt werden, da der Personalanteil dieser Güter ziemlich klein ist.
159
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Da die exportierten Güter ohne Mehrwertsteuer verkauft
werden, ist ein Ansteigen der Mehrwertsteuer dabei nicht
sehr schädlich. Es könnten also auch Volkswirtschaften
existieren, bei denen der Anteil der in der kapitalistischen
Industrie beschäftigten Menschen sehr verschiedene Höhen hat.
7.3. Personalkostenabhängige Umsatzsteuer
verlangsamt den technischen Fortschritt – Ist das
für den Wirtschaftstandort gefährlich oder eher
günstig?
Zunächst ist noch einmal zu betrachten, warum der technische Fortschritt in den 50er und 60er Jahren nicht so massiv die Arbeitslosigkeit gefördert hat wie er es heute tut.
Damals hat auch eine Produktionsweise die andere abgelöst, aber die Arbeitnehmer waren so beweglich, um in den
neu aufkommenden Produktionen Fuß zu fassen. Ausländisches Kapital ließ in Deutschland produzieren. Betriebsverlagerungen nach Asien oder Afrika oder auch nur Südeuropa gab es praktisch nicht. Also fast das genaue Gegenteil von heute, obwohl der heutige Sozialstaat, die Tarifautonomie und fast alles was heute als Wachstumshemmnis
angesehen wird, damals schon vorhanden waren. Man
sagt, diese Dinge hätten sich so vermehrt, dass sie heute
stark abgebaut werden müssen. Das deutsche System galt
damals als vorbildlich, weil es ein viel stabileres soziales
Netz hatte und daher von großen Streikwellen und sonstigen Unstabilitäten frei war. Die Sozialpolitiker glaubten
das System noch verbessern zu können, denn es gab im160
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
mer noch starke Ungerechtigkeiten, die zu beseitigen waren.
Fast von den meisten Bürgern und noch mehr von den Politikern wurden die technischen Fortschritte kaum als
Problem erkannt, da sie diese im einzelnen nicht verstanden und aus diesem Grunde ihre Folgen nicht im geringsten ahnen konnten.
Was hat der technische Fortschritt denn so verändert? Die
Mobilität der Arbeitnehmer ist geschrumpft, da die von
diesen ausgeübten erlernten und beherrschten Berufe nicht
mehr ausreichten, die neuen technischen Anforderungen
zu erfüllen. Gleichzeitig hat die elektronische Datenverarbeitung eine immer weitergehende Automation erlaubt, die
am Markt nicht vorhandenen Arbeitskräfte mit neuen Fähigkeiten mit erschwinglichen Investitionen ersetzen konnten.
Diese beiden Dinge geschahen sowohl in der Produktion
als auch im Handel. Die einfachen elektronischen Hilfen
in der Produktion konnten die handwerklich ausgebildeten
Arbeitnehmer nicht optimal einsetzen und so entstand ein
Sog nach weiteren elektronischen Steuerungen. Und dies
machte dann einen großen Teil der Arbeitsplätze überflüssig. Der Freihandel, also die Ausfuhr hochwertiger Investitionsgüter und die Einfuhr billiger Massenware vernichtete
darüber hinaus ganze Wirtschaftszweige. Dazu kam die
Einfuhr billiger japanischer Imitate z.B. im Photobereich,
welche die deutschen Traditionsbetriebe so schwächte,
dass sie auch technologisch von den Japanern schließlich
überholt werden konnten.
161
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Viele Wirtschaftswissenschaftler schließen daraus, dass
die Deutschen eben wieder so bescheiden werden sollten,
dass sie auch für niedrigere weltmarktgerechte Löhne und
auch Arbeiten unter ihrer Qualifikation annehmen sollten.
Eine Förderung personalintensiver Produkte werde die
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte weiter schmälern. Man glaubt hier an immer mehr Export hochwertiger
Güter und den Import billiger Massenwaren.
Das führt aber schließlich dazu, dass etwa 2/3 der Deutschen ohne sinnvollen Arbeitsplatz im heutigen Sinne sein
werden. Wenn das arbeitende eine Drittel bereit ist, die übrigen an ihrem Leben teilnehmen zu lassen, könnte das gehen, wobei aber die Arbeit nicht mehr allein dazu taugt,
das Selbstbewusstsein der Menschen zu begründen oder zu
stützen. Arbeit muss dann eher als Hobby angesehen werden und andere Lebensformen müssten ohne Arbeit ein erfülltes Leben ermöglichen.
Das ist natürlich nicht unmöglich. Früher waren ein sehr
großer Teil der Frauen Hausfrauen und nicht irgendwie in
einen kommerziellen Prozess eingebunden. Ob man das
wieder erreichen kann, erscheint allerdings fragwürdig.
Eine andere Richtung informeller Arbeit ist heute dagegen
im Wachsen, die sogenannte Schwarzarbeit. Diese zu entkriminalisieren und in vernünftige Bahnen zu lenken erscheint eher möglich und sinnvoll.
Die Hauptursache der geschilderten relativen Unbeweglichkeit der Arbeitnehmer im heutigen Deutschland die einen sozialen Abstieg verhindern soll, liegt aber nach der
einen Seite, in der Tatsache, dass die Anforderungen an
die berufliche Kompetenz der arbeitssuchenden schneller
162
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
steigt, als diese sie erringen. Ausreichende berufliche Weiterbildung und entsprechende Verlangsamung der technischen Entwicklung sind die einzigen Wege, die dies Mobilität in ausreichendem Maße ermöglichen. Letzteres zu erreichen, sollte durch eine thermostatähnliche Regelung einer vernünftigen Annäherung an Vollbeschäftigung möglich sein.
Eine solche beinahe Vollbeschäftigung wäre nämlich auch
eine äußerst notwendige Voraussetzung für eine ausreichende Motivation sich berufliche neue Kompetenzen anzueignen. Die bisherigen Maßnahmen in dieser Richtung
haben diese Motivation nicht gefördert. Niemand wusste,
warum er das lernen sollte. Und wenn er es halbwegs gelernt hatte, bekam er auch keine damit zu bewältigende
Stelle. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, muss wohl
die berufliche Weiterbildung in den Firmen geschehen, in
denen die Leute später arbeiten sollen. Erstens sehen sie da
täglich, für was das zu lernende gut sein soll. Zweitens,
und das ist mindestens genau so wichtig, wird hier nicht
eine praxisferne mehr allgemeine Bildungsmaßnahme eingesetzt, sondern eine zielstrebige Vermittlung des Wissens
und Könnens, das auch wirklich gebraucht wird. Jedenfalls
ist Erfolg nur so möglich und nur das sollte daher gefördert werden. Da dies die Personalkosten erhöht, senkt es
dann überproportional eine lohkostenabhängige Umsatzsteuer.
Diese Eigenweiterbildung in den Firmen schafft auch so
viel Kompetenz am oberen Rand des notwendigen, dass
hier die eigenen Leute den technischen Fortschritt weiter
treiben und man nicht von auswärtigen Unternehmensbe163
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ratern abhängig wird, die den Betrieb nie so gut kennen,
dass ihre Vorschläge optimal sein könnten. Die Abhängigkeit von solchen Beratern drängt gerade in Entscheidungen, welche die eigenen Leute übermäßig inkompetent
werden lässt, sodass sie ihre Kompetenzlücke nicht mehr
auffüllen können. Neue und entsprechen motivierte Leute
zu finden, wird dann schwer. Dieser dann nicht sinnvoll
gewachsenen technische Fortschritt mit teuren Investitionen führt dann auch nicht selten in den Ruin. Zudem kann
es auch der Firmenleitung schwer fallen, ihre eigene Kompetenz ausreichend hoch zu halten.
Im Bereich des Handels hat die Rationalisierung durch
Einführung von Technik eine doppelte negative Seite. Einerseits gilt auch hier das oben gesagte. Auf der anderen
Seite wird durch die Personaleinsparung auch die für die
Marktwirtschaft überhaupt wichtige Warenkunde bei den
Verbrauchern weitgehend zu Verschwinden gebracht, so
dass hier die Preise allein regieren und die Qualität der absetzbaren Waren immer weiter sinkt. Importwaren aus den
billigsten Niedriglohnländern verdrängen anspruchvollere
Waren, mit denen die Wirtschaft wachsen könnte, völlig
aus dem Markt. Eine personalkostenabhängige Umsatzsteuer könnte auch diesen Arm der Ratio-Arm-Spirale entscheidend hemmen.
Das Ziel einer erfolgreiche Wirtschaftspolitik muss also
sein, die Steuergesetze so zu gestalten, dass durch die
Kräfte des Marktes in diesen Randbedingungen bei Arbeitslosigkeit kein wirtschaftliches Gleichgewicht entstehen kann, sondern dieses immer nahe der Vollbeschäftigung liegt. Erfolgreiche firmeninterne Weiterbildung sollte
164
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
also überproportionale Steuertarifvergünstigung bewirken.
Dann und nur dann, wenn berufliche Weiterbildung und
technischer Fortschritt genügend synchron verlaufen, kann
die Wirtschaft und damit auch die Gesellschaft stabil bleiben.
7.4. Ist eine Verlangsamung des technischen
Fortschritts nicht gerade tödlich für eine Volkswirtschaft?
Diese Behauptung wird auch sehr gerne aufgestellt.
Deutschland hat angeblich viel mehr technisches Knowhow als hier eingesetzt wird. Vor Jahren gab es mal eine
Untersuchung, warum japanische Firmen z.B. in der optischen Industrie, die deutschen überholt hatten. Dabei war
in etwa herausgekommen, dass japanische Firmen den
Fortschritt in viel selteneren und aber längeren Schritten
vollzögen als die deutschen. Wie weiter oben gesagt macht
jeder ausgeführte Fortschrittsschritt vorhandenes Gerät
sowie Wissen und Können der Mitarbeiter weitgehend
wertlos. Je häufiger also solche Schritte ausgeführt werden, je häufiger wird also das vorhandene materielle und
menschliche Kapital entwertet. Wenn der Markt zwingt,
Preise zu senken, kann man nach einer solchen Umstellung nicht etwas schneller arbeiten, sondern hat neue Anlaufschwierigkeiten. Auf der anderen Seite haben lange
Entwicklungszeiten bis zur Produktionsumstellung - und
möglichst auf ein viel besseres Produkt hin - haben aber
zur Folge, dass dieses Produkt dann am Markt zu einem
viel höheren Preis abgesetzt werden kann, als ein nur wenig verbessertes. Etwa die gleichen Umstellungskosten fal165
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
len seltener an und die Marktpreise liegen länger über dem
üblichen. Die Entwicklungskosten sind ungefähr gleich
hoch, denn in beiden Fällen wird dauernd weiterentwickelt. Das Verfahren seltenerer und längerer Entwicklungsschritte spart also Kosten und führt zu höheren Einnahmen.
Das heute in Deutschland vielfach vorhandene Desinteresse der Arbeitnehmer an der Firma liegt auch vornehmlich
daran, dass die Mitarbeiter sich nicht mehr als die Firma
betrachten, sondern davon überzeugt sind, dass die Interessen der Eigner weit über denen der Mitarbeiter eingestuft
werden. Shareholder Value ist das zugehörige Schlagwort.
Es spricht sich jetzt erst langsam wieder herum, dass ohne
ausreichende Motivation der Mitarbeiter eine Firma nicht
florieren kann.
7.5.
Personalkosten im Handel
Eine Möglichkeit bei personalkostenoptimierter Fertigung,
die auch preisgünstig exportiert werden kann, lässt sich die
hier vorgeschlagenen Umsatzsteuer für den Handel
dadurch in eine günstige Steuerstufe bringen, dass der
Handel sein bisheriges Konzept, seine eigenen Personalkosten beliebig klein zu halten wieder aufgibt. Wenn die
großen Handelsgesellschaften heute nur noch eine sehr
niedrige Umsatzrendite erwirtschaften, liegt das vor allem
darin, dass sie die eigentliche Aufgabe des Einzelhandels,
nämlich das intensive Kundengespräch, das ihre wichtigste
Aufgabe wäre, sukzessive wegrationalisieren und dafür Erlebniseinkaufen propagieren, was zwar auch Geld kostest
166
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
aber eigentlich meist sinnlos ist. Der moderne Mensch
wird mit Unterhaltung, Werbung, Musik von den Medien
ausreichend versorgt. Die Medien bieten darüber hinaus
auch noch eine sehr weitgehende Auswahlmöglichkeit an.
Musiklärm, Geruchsbelästigung, Lagerhausatmosphäre ist
sicherlich nicht das, was der moderne Mensch erleben
will. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch, wobei der
Partner aus dem Handel ein kompetenter Berater und kein
Werbeplapperer ist, das würden sich die meisten Menschen wünschen. Da sie aber auch schauen, wo sie etwas
billig bekommen können, würden sie sich gerne in einem
Fachgeschäft beraten lassen, aber dann beim Discounter
kaufen. Diese Möglichkeit hat meist zum Ende der Fachgeschäfte geführt. In der Zeit des Wirtschaftswunders haben Hersteller von anspruchsvollen Waren diese nur an
fachlich ausgewählte Fachgeschäfte geliefert. Die Liberalisierung mit dem Verbot des Nichtlieferns hat schließlich
zum Tode des Fachgeschäftes geführt und den Kunden zu
dem geschilderten Verhalten verleitet. Die klare Folge dieses Verlusts des Gesprächs mit einem kompetenten Partner, ist aber auch eine wichtige Ursache der heute zu beobachtenden Kaufzurückhaltung. Die heute meist eher alberne als aufklärende Werbung kann technischen Fortschritt bei den angebotenen Gütern nicht vermitteln. Da
wird ein Gerät nach der Farbe gekauft und schlimmstenfalls nach der Verpackung. Dann kommt hier noch dazu,
dass es immer noch Geräte gibt, die man falsch bedienen
kann. Der Kauf führt dann immer weniger zu einer Begeisterung über den neuen Besitz sondern eher zu einer Frustration. Auch wird so auch oft das billigste Gerät gekauft,
167
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
das die durch die Werbung versprochene Leistung gar
nicht erfüllen kann und so zu weiterer Unlust führt. Bisher
macht die Autoindustrie in Deutschland noch einigermaßen gute Geschäfte, aber das wird hier auch bald zu Ende
gehen, denn Autos wird es auch bald beim Aldi geben.
Wenn der Einzelhandel aus seiner Krise finden will, muss
er wieder echte Leistung für den Kunden bieten. Das ist
zunächst vom Hersteller unabhängige Beratung. Diese
muss sachlich und fachlich kompetent sein. Insbesondere
müssen die Qualitätsunterschiede dem Kunden klar werden, sodass er auch die Preisunterschiede würdigen kann.
Weiter muss er so in die Benutzung des gekauften Produktes eingewiesen werden, dass die versprochenen Eigenschaften vom Käufer auch erlebt werden können. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders waren diese Dinge noch einfacher, so dass in einzelnen Fällen auch sinnvoll darauf verzichtet werden konnte. Heute bei dem vielfältigen und viel
komplizierten Angebot, geht dieser Service des Einzelhandels statt wegen der größeren Notwendigkeit zu steigen, aber sukzessive zurück und der Einzelhandel wundert
sich über fallende Umsätze. In dieser Situation, in die er
sich gebracht hat, müsste er sich eher wundern, dass der
Umsatz nicht noch weiter gefallen ist.
Man redet vom Kaufen als Erlebnis. Da aus den genannten
Gründen dieses Erlebnis meist in einer Enttäuschung endet, statt in einem Erfolgserlebnis, kann mit einem anhaltenden Konjunkturaufschwung kaum gerechnet werden.
Die von der weiteren Personalfreisetzung im notleidenden
Einzelhandel zu erwartenden neuen Arbeitslosen und die
168
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gesteigerten Angst vor Arbeitslosigkeit drehen die RatioArm-Spirale kräftig weiter.
7.6.
Beweglichkeit der Arbeitssuchenden
Wie allgemein bekannt, hat die betriebsfremde Weiterbildung z.B. von Arbeitslosen bei weitem nicht den erwarteten Erfolg gehabt. Bildungserfolge hängen in erste Linie
von der Motivation der zu bildenden Menschen ab. Motivation zur beruflichen Weiterbildung kann nur die Erwartung von irgendwie befriedigender Arbeit in naher Zukunft
sein. Je größer diese Erwartung ist, je höhere Bildungshindernisse können überwunden werden. Momentan steigen
die Bildungshindernisse schon durch die höher werdenden
Ziele und die Hoffnung auf die Arbeit sinkt mit wachsender Arbeitslosigkeit. Aus diesen Gründen ist nicht anzunehmen, dass in Zukunft der Erfolg dieser Bildungsmaßnahmen steigt, sondern er wird ohne ernstliche Umgestaltung weiter sinken. Das führt zu weiterer Hoffnungsminderung und dreht ganz real die Ratio-Arm-Spirale weiter.
Eine ausreichende Motivation ist um Größenordnungen
eher bei einer innerbetrieblichen Weiterbildung zu erreichen. Als nicht arbeitsloser hat man ein wesentlich besseres Selbstbewusstsein und hofft eher den weitgehend bekannten Arbeitsplatz behalten zu können als einen völlig
ungekannten zu erringen. Man kann auch echt erfahren,
dass man das zu lernende auch brauchen wird. Das ist einer der entscheidenden Punkte für eine Motivation. Hier
ist das Motiv klar zu sehen und nicht nur nebulös. Leute,
die aus purer Freude am Lernen lernen, für die braucht
man keine Weiterbildung, denn die sind die Pioniere, die
169
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
z.B. die Technik weitertreiben und so eher die Ursache
sind, dass die anderen weitergebildet werden müssen.
Außerbetriebliche Weiterbildung mit dem Ziel höherer
Beweglichkeit, kann kein klares Ausbildungsziel haben.
Wenn es für unbekannte spätere Arbeit richtig sein soll,
muss es dafür genügend breit angelegt sein. Diese Tatsache führt aber dazu, dass relativ viel gelernt werden muss,
was man später gar nicht braucht. Außer dass hier zu viel
Kosten entstehen, spricht sich diese Tatsache noch herum,
was die Motivation stark sinken lässt.
Will man den Lehrstoff aber entsprechend beschränken,
läuft das unter diesen Umständen darauf hinaus, einiges
vordergründige zu lehren und vielleicht zu lernen. Das
führt aber keineswegs zur Fähigkeit einer neuen Arbeit erfolgreich auszuführen. Eine Arbeit ist immer mit unvorhergesehen Schwierigkeiten verbunden, die ein richtig
ausgebildeter eigenständig überwinden kann. Je flacher
aber sein Wissen und können ist, umso weniger wird er
sich so in den Arbeitsprozess einfügen können, dass er
nicht dauernd die Ursache von Störungen ist.
Die normale Ausbildung hat eine Pyramidenform, sehr
breite Grundlage und eine schmale Spitze. Wenn die vorhandene breite Grundlage, nicht bis kurz unter die benötigte Spitze reicht, hängt die aufgesetzte Spitze bildlich gesehen in der Luft. Der Mitarbeiter ist zu eigenem Denken
nicht fähig und muss ständig versagen.
Bei innerbetrieblichen Ausbildung lässt sich, da die Anforderungen weitgehend bekannt sind, unter der aufzusetzenden Spitze mit erschwinglichem Aufwand eine viel
schmälere aber tragfähige Plattform bauen, die das neue
170
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wissen und Können mit der vorhandenen Bildung fest
verankert, sodass auch in dem neuen Bereich die normal
übliche denkende Verhaltensweise möglich ist und unwillkürlich stattfindet.
Bei der innerbetriebliche Weiterbildung hat man auch die
Chancen entsprechende Know-how-Träger zu finden, die
das notwendige Wissen und Können auch liefern können.
Bei irgendwelchen Schulungsunternehmen ist das eher
unwahrscheinlich. Das heißt die fachliche Kompetenz der
Lehrenden ist dann nicht optimal.
Bei einer nach Personalkosten gestaffelten Umsatzsteuer
bei welcher der Aus- und Weiterbildung besonderes Gewicht beigelegt wird, lassen sich auch mindestens ausreichende Anreize schaffen, die Ausbildung wirklich zu betreiben.
Volkswirtschaftlich gesehen, werden durch eine solche optimierte Weiterbildung bedeutende Kosten eingespart und
die Maßnahmen um Größenordnungen effektiver. Eine
solche Förderung der Weiterbildung über die personalkostenabhängige Umsatzsteuer beseitigt auch schädliche
Hemmnisse beim technischen Fortschritt. Insbesondere
kann man den Anteil an Weiterbildungskosten an den gesamten Personalkosten auch überproportional bei der Festlegung der Umsatzsteuerstufen berücksichtigen und damit
vermeiden, dass veraltete Produktionsweisen sich staatlich
gefördert gesamtwirtschaftlich betrachtet zu lange halten
und vielleicht ganze Zweige dauerhaft subventioniert werden müssen.
Es muss hier das Regelziel Vollbeschäftigung mit der Nebenbedingung größter Beweglichkeit der Arbeitskräfte im
171
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Regelprozess gekoppelt werden. Ohne Vollbeschäftigung
mit einer kleinen Arbeitslosenquote und ausreichender
Beweglichkeit der Arbeitskräfte ist keine gesunde Marktwirtschaft möglich. Die Beweglichkeit ist aber nicht durch
zu große Arbeitslosigkeit zu vermehren sondern sie sinkt
wie oben gezeigt dadurch noch weiter ab. Gesunde Marktkräfte können nicht mehr wirken und der Teufelskreis Ratio-Arm-Spirale dreht sich bis zur Instabilität des Systems
weiter.
7.7. Gibt es eine Chance z.B. über Umsatzsteuerformen sich sozial vom Weltmarkt abzukoppeln
Die klassische Form einer Abkopplung vom Weltmarkt
sind Zölle. Aufgrund verschiedener Handelsabkommen
werden diese immer mehr verschwinden. Deutschland
wehrt sich auch deshalb nicht dagegen, da es zumindest
Rohstoffe einführen muss und deshalb Export benötigt.
Wenn man wie bisher die Soziallasten dem Faktor Arbeit
auflastet, gefährdet dies den Export. Mit diesem Argument
versucht man die Soziallasten zurückzufahren. Da grundsätzlich zumindest einfachere Arbeiten im Exportbereich
wegen des technischen Fortschritts immer weniger benötigt werden, muss wie oben gezeigt die Bevölkerung in
Europa wegen der Ratio-Arm-Spirale immer ärmer werden. Die Sozialsysteme werden also nicht überflüssiger
sondern notwendiger.
Wenn man nun zur Verbesserung der Gesundheitswesens
die Mehrwertsteuer erhöht, zum Beispiel um eine Milliarde, dann wird diese Milliarde nicht für anderes ausgegeben
172
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
werden können. Die Staatquote wird um diese Milliarde
erhöht, die neoliberale Wirtschafttheorie hält dies für
schlecht. Wenn man das aber näher betrachten will, muss
man sich überlegen, was mit dieser Milliarde geschehen
wäre, wenn sie nicht in das Gesundheitswesen fließt.
Ein Teil davon wäre in Konsumgüter geflossen, ein anderer Teil auf Sparkonten aller Art. Wenn diese zusätzliche
Umsatzsteuer aus den unteren Einkommensschichten
kommt, wäre der konsumierte Anteil sehr groß gewesen,
bei den sogenannten Besserverdienenden wäre jedoch ein
großer Teil auf die Sparkonten geflossen. Dieser Teil geht
nun in das Gesundheitswesen. Die Frage ist, was geschieht
dort damit. Werden die Arzthonorare höher, wandert das
Geld auf andere Sparkonten, Steigt der Umsatz der Apotheken geht ein Großteil an amerikanische Pharmakonzerne. Wird das untere Krankenhauspersonal besser bezahlt,
fließt dieses Mehrgeld in den Konsum und belebt die
Wirtschaft. Wird mehr Pflegepersonal eingestellt, geht
auch die Arbeitslosigkeit zurück.
Wenn man hier aber den heutigen freien Markt wirken
lässt, ergibt sich wohl folgendes Ergebnis:
1.
Der Pharmaumsatz steigt
2.
Die Arzthonorare steigen
3.
Das Pflegepersonal kommt weiter ins Abseits
und wird teilweise entlassen
4.
Das Geld kommt also von den Sparkonten der
einen besserverdienenden Gruppe auf die einer anderen
und gelangt zu einem beträchtlichen Teil zu amerikanischen Aktionären.
5.
Die deutsche Wirtschaft geht damit zurück.
173
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Es scheint also nicht möglich, über eine solche Maßnahme
dem Niedergang des Sozialsystems zu steuern, sondern
diese staatliche Maßnahme ist wie die klassische Wirtschaftslehre sagt, nur negativ.
Diese Überlegung zeigt aber auch, dass in einem Freien
Markt staatlich Maßnahmen grundsätzlich unterlaufen
werden, wenn sie nicht wie eine Thermostatregelung gestaltet sind.
Diese ganzen Probleme mit dem Gesundheitswesen entstehen natürlich nur deshalb, weil man es nicht dem freien
Markt überlassen kann, da sich Krankheiten nicht nach
dem Einkommen richten und das Gesundheitswesen so eine der wichtigsten staatlichen Aufgaben darstellt. Es gibt
aber auch Länder, da ist das Gesundheitswesen weitgehend
verstaatlicht und auf der anderen Seite z.B. in Amerika ist
das öffentliche Gesundheitswesen sehr viel weniger entwickelt als hier.
Im Gesundheitswesen scheint es folgende Probleme zu geben:
1.
Die Krankheiten fragen nicht nach dem Einkommen der Kranken
2.
Die Therapie- und Heilungskosten können
leicht die Zahlungsfähigkeit der unteren Einkommen übersteigen
3.
Das Verhältnis Arzt Patient ist Vertrauenssache, daher der Ruf nach freier Arztwahl
4.
Nicht jeder Arzt kann alles behandeln
5.
Bei Neuerkrankungen kennen die Patienten oft
nicht den geeignetsten Arzt
6.
Die Medizin macht laufend Fortschritte
174
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
7.
Das führt zu im Mittel längerem Kranksein da
vollständige Heilungen seltener sind als Verzögerungen
des gesundheitlichen Abstiegs
8.
Das führt auch zu höheren Behandlungskosten
weil die Behandlung meist komplexer wird
9.
Der Fortschritt im pharmazeutischen Bereich
verursacht hohe Forschungskosten
10.
Ärzte und Apotheker sind an relativ hohe Einkommen gewöhnt
11.
Einfaches Pflegepersonal ist immer noch relativ schlecht bezahlt
12.
Es ist leichter austauschbar
13.
Es leidet - oder zumindest noch – an vorhandenen Nachwirkungen der jetzt allerdings schwindenden
Konkurrenz z.B. durch Nonnen, die eher für Gotteslohn
arbeiten als für mehr Geld
14.
Der Fortschritte im apparativen Bereich führt
zu hohen Investitionskosten
15.
Das steigert die Behandlungskosten
16.
Das zwingt zur Auslastung der Geräte
Daraus ergibt sich folgendes Dilemma:
Wenn hier nicht die Menschenwürde und die Ethik den
Anspruch jedes Menschen auf bestmögliche Gesundheit
begründen würde, wäre dieser Bereich ebenso wie andere
Lebensbereiche ein klassisches Feld für den Freien Markt.
Mit dem Ergebnis, wer arm ist, wird früher sterben und relativ größerer Teile seines Lebens im Leid verbringen.
In einer Gesellschaft, die sehr stark von der Nächstenliebe
geprägt ist und weniger vom Egoismus, könnten durch Bescheidenheit aller beteiligten die Kosten für das Gesund175
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
heitssystem auch in einem bescheidenen Rahmen bleiben,
was immer das zahlenmäßig auch bedeuten mag.
Die Problematik des Gesundheitswesens liegt nun darin
dass der 1. Weg nicht gangbar ist und für den 2. Weg die
Voraussetzungen fehlen.
Eine komplette Verstaatlichung des Gesundheitswesens
führt in diesem Bereich zu einer staatlichen Planwirtschaft,
was wie auch sonst die Planer überfordert und einem relativ schlechten System führt.
Praktisch bleibt also nur eine Mischung aus staatlichen
Vorgaben und Regelkreisen und freier Entwicklung sinnvoll. Eine sehr schwierige Frage ist hier die Gestaltung
von sinnvollen Regelkreisen.
7.8.
Regelkreise im Gesundheitswesen
Der einzige zur Zeit funktionierende Regelkreis in der
Wirtschaft ist der Geldwertstabilisierung durch die Notenbanken insbesondere die ehemalige Deutsche Bundesbank.
Man muss also untersuchen, welche Größen im Gesundheitswesen durch eine Regelung stabilisiert werden sollten, um eine vernünftige Entwicklung zu erzielen.
Diese Ziele sollten gelten:
1.
Nicht den wissenschaftlichen Fortschritt blockieren,
2.
Die meisten Menschen davon profitieren lassen
3.
Die Gesamtkosten in einem bezahlbaren Rahmen halten
4.
Es gibt da in etwa 3 Anbietergruppen, die miteinander konkurrieren:
a.
Die Ärzte
176
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
b.
Die Pharmazeuten
c.
Die Krankenhäuser
5.
Die drei Gruppen agieren aber nicht selbständig
nebeneinander sondern sind auf vielfältige weise miteinander verschränkt:
Der Patient ist großteils unmündig und hat den Arzt an
seiner Seite: Dieses Team trifft letztlich die meisten Entscheidungen z. B. über Medikamente oder Krankenhausbehandlungen.
Die Pharmazie wird von den Pharmazeuten weiterentwickelt, von ihnen muss der Arzt lernen, welche Möglichkeiten er überhaupt hat.
Die Krankenhäuser sind als Team dem Arzt in ärztlicher
Hinsicht überlegen aber auch weniger beweglich und teurer.
Um dieses System einigermaßen zu entwirren und staatlich
zu regeln und gewisse Sicherheiten zu gewährleisten , gibt
es heute:
1.
Die Approbation von Ärzten
2.
Die Auskunftspflicht der Arzte über Risiken
von Behandlungen
3.
Die strafrechtliche Ahndung von Kunstfehlern
der Ärzte
4.
Die Zulassung von Arzneimitteln
5.
Die Apothekenpflichtigkeit von Arzneimitteln
6.
Die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln
7.
Approbation von Apothekern
8.
Die Beipackzettel für Medikamente
9.
Staatliche Zulassung von Krankenhäusern bzw.
die Gewährung staatlicher Zuschüsse
177
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
10.
Die Bauartzulassung von medizinischen Geräten
11.
Und noch eine ganze Reihe von Erlaubnissen
und Überwachungen z.B. Strahlenschutzvorschriften und
dergleichen.
12.
Wichtig ist auch die Einschränkung der Werbefreiheit für Ärzte und für pharmazeutische Produkte
13.
Auf der Seite der freien Entwicklung gibt es
aber auch eine weitgehende Behandlungsfreiheit der Ärzte.
Im Gesundheitssystem sind also bereits eine ganze Reihe
von Regelkreisen eingebaut, welche die freie Entwicklung
in vernünftige Bahnen lenkt und den Patienten schützen.
Die diversen Gesundheitsreformen waren die verschiedenen Versuche dieses System über das vorhandene System
der Krankenversicherungen bezahlbar zu halten. In dem
oben kurz erwähnten Konglomerat von sich widersprechender Interessen und miteinander konkurrierender Behandlungsmöglichkeiten gibt es zunächst nur die gemeinsame Tendenz laufender Kostensteigerungen und endlicher
Zahlungsmöglichkeiten der Patienten. Hier gab es schon
die verschiedensten Lösungsvorschläge und Gesetzesänderungen, ohne dass das Problem bisher befriedigend gelöst
erden konnte.
Aus rein philosophischer Sicht kann man hier wohl sagen:
Da die weitgehende Wiederherstellung der Gesundheit
kranker Menschen eine ethische Aufgabe der Gesellschaft
ist, lässt sie sich nur einigermaßen vernünftig lösen, wenn
in diesem staatlich geförderten Bereich nur Menschen frei
agieren dürfen, die ein Mindestmaß ethischer Gesinnung
besitzen. Deshalb sind vor allem solche Menschen von
178
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
diesem System fernzuhalten, deren Streben im wesentlichen auf Wohlstand und Reichtum gerichtet ist. Hier kann
im Gegensatz zu weiten Teilen der Wirtschaft der (materielle) Egoismus nicht zu Vorteilen führen, da sich nie Handelspartner mit gleichen Chancen gegenüber stehen. Der
Arzt soll die beste Behandlungsart vorschlagen dürfen.
Der Patient ist in Not und ihm fehlt zunächst meist die eigene Einsicht.
Eine Sache könnte Egoisten weitgehend fernhalten. Die
erzielbaren Einkommen müssten deutlich sichtbar unter
denen anderer Bereiche liegen. Damit würden Egoisten
von Heilberufen fern bleiben. Die Einkommen müssten jedoch so hoch sein, dass eine Art standesgemäßes Leben
möglich ist. Die erzielbaren Einkommen müssten also eine
geregelte Obergrenze und eine geregelte Untergrenze haben. Das Maß hier festzulegen, dürfte nicht ganz einfach
sein. Ganz ohne solche Grenzen wird man vom derzeitigen
Zustand nicht ganz frei kommen. Also auch hier wird man
wieder mit negativer Rückkopplung auf ein vernünftiges
Ergebnis hin regen müssen.
Medizin und medizinischer Fortschritt kann nur gedeihlich
sein, wenn nicht der persönliche Wohlstand, Einkommen
oder sonstiger Vorteil Triebfeder allen Handelns ist, sondern der Wille Menschen zu heilen. (Der Heilwunsch kann
aber in seltenen Fällen auch krankhaft übersteigert sein.
Auch solche Kranken sind natürlich möglichst aus diese
Berufen fern zu halten.)
Wie man Einkommensgrenzen irgendwie durchsetzen
kann, ist sicher nicht einfach. Krankenkassen dürften jedenfalls nur beschränkte Honorare zahlen, die auch nicht
179
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
durch eine übergroße Zahl von Patienten wachsen dürfen.
Frei ausgehandelte Honorare mit Privatpatienten ohne
Kontrollmöglichkeit durch irgend eine Versicherung müssten wohl via Finanzamt ebenso beschränkt werden, begründet als Erstattung für das medizinisches Wissen, das
ja die Gesellschaft erst ermöglicht hat und nicht allein vom
Mediziner oder Pharmazeuten geschaffen wurde.
Die pharmazeutische Industrie ist hier ein besonders interessanter Sonderfall. Sie ist heute weitgehend privatwirtschaftlich organisiert. Die Aufsicht des Staates beschränkt
sich eher auf die Sicherheitsseite - z.B. die Zulassungspflicht von Arzneimitteln. Die Forschung ist außerordentlich teuer. Auf dem freien Markt kann man nur an genügend Gelder kommen, wenn ein genügend hoher Gewinn möglich scheint. Hier wird es als unabdinglich hingestellt, dass die Gewinne der Pharmafirmen so hoch sein
dürfen, wie es irgendwie geht. Da das Wachstum der
Pharmafirmen eigentlich wohl keinerlei Grenzen hat, denn
es gibt immer neue Krankheiten und potentielle Möglichkeiten besserer Heilung, kann hier wohl nur eine Deckelung helfen, deren Lage mit dem Wohlstand sich heben
darf. Sie muss aber irgendwie willkürlich gesetzt sein.
Deshalb kann man darum immer streiten. Hier sollte sich
im Rahmen der strengen Obergrenze jeweils das beste
durchsetzen. In diesem Sinne könnte dieser Markt auch
funktionieren, da in den Ärzten einigermaßen kompetente
Partner dieser Industrie gegenüber stehen. Auch hier
braucht man wohl eine starke Behörde, die Gesamtausgaben für Medikamente beschränken kann. Das dürfte in der
Praxis nicht leicht sein. Diese Deckelung müsste zwischen
180
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Staat und Pharmaindustrie ständig neu ausgehandelt werden. Das erlaubt einen bezahlbaren Fortschritt.
7.9. Regionale Märkte und Entwicklungsausgleich – Internationale Treuhänder
Die Theorie vom Erfolg freier Märkte beruht auf der Tatsache, dass wenn zwei Partner frei miteinander einen Vertrag aushandeln, niemand abschließen muss, wenn er nicht
einen Vorteil hat. Es kann also bei vielen Abschlüssen nur
alles immer besser werden. Das ist aber nur dann möglich,
wenn beide genügend gute Informationen über die Waren
und über den Markt haben. Sind die Partner nicht in etwa
gleich mächtig, wird es bei dem schwächeren Partner an
Information mangeln, sodass er nur glaubt, einen Vorteil
zu haben in Wirklichkeit aber einen Nachteil hinnehmen
muss. Von Notlagen des schwächeren Partners ganz zu
schweigen.
Nach dem Vorstehenden können regionale Märkte eher
funktionieren, da die Unterschiede der wirtschaftlichen
Macht innerhalb der Teilmärkte jedenfalls kleiner sind.
Wenn man die Märkte allerdings streng voneinander abgrenzt, werden sie sich nur sehr langsam einander nähern.
Eine strenge Abgrenzung wäre allerdings auch für die reichen Länder und die armen Länder sehr unangenehm, da
die reichen Länder vielfach auf Rohstoffe der armen Länder angewiesen sind und letztere oft immer noch nicht viel
mehr als Rohstoffe haben.
Wahrscheinlich hilft hier nur ein Markt über internationale Treuhänder, die versuchen nach objektiven Kriterien die Unterschiede in der Marktmacht so zu dämpfen,
181
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
daß der freie Markt in einem sinnvollen Warenbereich
stattfinden kann und Handelsabschlüsse, die voraussehbar
über längere Perioden für den einen Partner zu unverhältnismäßigen Nachteilen führen werden, unterbunden werden. Die Treuhänder müssen natürlich den armen und
den reichen Ländern verpflichtet sein.
Ein auf längerfristige Wirkungen hin moderierter freie
Markt kann nicht wegen kurzsichtig vermeintlicher Vorteile zu externen Spannungen führen. Langfristig bleibt die
positive Wirkung des freien Marktes aber erhalten. (Man
fährt auch selten Auto ohne Federung und Stoßdämpfer.
Man braucht deshalb wegen holpriger Straßen nicht das
Auto stillzulegen.)
Eine Wirkung solchen moderierten Welthandels müsste
sein, Massengütern den Weg über die Regionalgrenzen
weitgehend zu versperren. Bei ihrer Lieferung aus den reichen Ländern wird die Entwicklung der ärmeren Regionen
gebremst oder verhindert. Bei ihrer Lieferung aus den armen Regionen in die reichen Länder werden die Arbeitskräfte der armen Länder ausgebeutet und die der reichen
Regionen arbeitslos gemacht. Diese Arbeitslosigkeit
schließt auch große Teile der Menschen als Markteilnehmer aus und behindert so das Wirtschaftsleben insgesamt,
bei den Armen und den Reichen.
182
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
8. Warum eigentlich Geldwertstabilisierung
8.1.
Geld, Geldwert, Konjunktur
Geld lässt jeweils eine geeignete Anzahl von Wirtschaftspartnern zu und überbrückt Zeiten. Wenn das Geld längere
Zeiten überbrücken soll, ist auch die Stabilität seiner
Kaufkraft wichtig. Letztere ist nur dann gegeben, wenn es
nicht zu viel oder zu wenig Geld gibt. Die Aufgabe der
Notenbanken ist es, die für die richtige Menge von Geld
zu sorgen.
Die Wirtschaft kann nur dann optimal funktionieren, wenn
auf Seiten der Abnehmer genügend Geld vorhanden ist.
Nur was verkauft werden kann, wird (sinnvoller weise)
produziert. Man kann behaupten, daß bei nicht ausgelasteter Produktionskapazität auf Seiten der Abnehmer zu wenig Geld oder kein entsprechender Bedarf vorhanden ist.
Ist mehr Geld bei den Abnehmern als Waren produziert
werden können, steigen allgemein die Preise, der Geldwert
nimmt also ab. Wirtschaftswachstum und Inflation liegen
also nahe beieinander, Geldwertstabilität und Arbeitslosigkeit ebenso.
Eine Politik, die den Geldwert stabil hält aber Arbeitslosigkeit erzeugt hat genau so versagt, wie eine Politik die
Vollbeschäftigung und Inflation hervorbringt. (Manchmal
tut die Politik auch beides, sie fördert die Arbeitslosigkeit
und die Inflation.)
Um die Wirtschaft in Schwung zu halten, braucht man
immer etwas mehr Geld als wirklich gebraucht wird, damit
ist es schwer, den Geldwert stabil zu halten.
183
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Es erhebt sich die Frage, warum und vor allem wie weit
die Geldwertstabilität ein wichtiges Ziel ist. Eine Geldabwertung von effektiv 1 oder 2 Prozent pro Jahr geht meist
in der Ungenauigkeit der Buchhaltung gegenüber der sachlichen Realität verloren. Die Inflation ist nur über lange
Zeiten und bei hohen Raten katastrophal. Die Frage ergibt
sich, ob es überhaupt sinnvoll ist, Geld über längere Zeit
aufzubewahren.
Geld auf dem Sparkonto ist sehr inflationsgefährdet. Dieses Geld wird als Zahl dort aufgeschrieben und dann von
der Bank wieder gewinnbringend angelegt. Der Unternehmer, der das Geld leiht, macht dafür Investitionen und
macht zu einem späteren Zeitpunkt seine Gewinne. Er
verdient bei Inflation nun nominell mehr - entsprechend
der inzwischen eingetretenen Teuerung, muss aber nur den
alten Nominalwert zurückbezahlen. Der Sparer hat Geld
verloren, der Unternehmer hat Geld gewonnen. Bei konstantem Geldwert wäre das nicht passiert. Hätte der Sparer
statt das Geld auf die Sparkasse zu bringen eine gute Aktienmischung gekauft, hätte er an der Inflation verdient.
Das ganze Problem der Inflation wird also nur ernst, wenn
man Geld über lange Zeit aufbewahren will. Es ist sehr die
Frage, ob es notwendig ist, Geld sehr lange aufzuheben.
Die Altersversorgung auf gespartem Geld zu begründen,
ist wahrscheinlich keine gute Idee, auch die ursprüngliche
deutsche Rentenversicherung ist an diesem Problem schon
gescheitert (endgültig 1945).
Bei den Kapitallebensversicherungen gibt es über die Versicherungssumme hinaus noch eine Gewinnbeteiligung.
Hier wird zumindest ein Teil auch des Inflationsgewinns
184
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
der Versicherungsgesellschaft an die Versicherten ausgeschüttet. Ein größerer Teil des Inflationsgewinnes bleibt
natürlich bei den Firmen, die ihr Geld von der Versicherung geliehen haben. Dieser Gewinnmechanismus für
fremdfinanzierte Unternehmen in der Inflation verführt
auch leichter zu Preisanhebungen, da diese Firmen bei der
Inflation nur gewinnen aber nicht verlieren können. Das
wird wohl auch mit ein Grund sein, warum eine kleine Inflationsrate mit Arbeitslosigkeit gekoppelt ist und Vollbeschäftigung mit einer höheren Inflationsrate. Das Kreditwesen an fixe Geldwerte statt an Warenkorbwerte zu koppeln, könnte hier ein entscheidender Konstruktionsfehler
sein. Man kann hier einwenden, der freie Kapitalmarkt reguliert über die Zinsanpassung diesen Effekt aber ein gewisser Rest dieser Gesetzmäßigkeit bleibt erhalten. Dem
Sparer kommt sie selten zugute.
Wenn eine Wirtschaft sehr lange Zeit mit konstanter
Technologie betrieben wird, gibt es kein Wirtschaftswachstum und bei Gerechtigkeit auch kein Reichtumswachstum nachdem das System ins Gleichgewicht
gekommen ist. Wenn z.B. eine bestimmte Menge Gold als
Geld vorhanden ist, spielen sich auch die mittleren Preise
ein und man kann Geld auch über lange Zeit aufheben also
z.B. während des Arbeitslebens sparen und im Alter ausgeben. Sobald aber ein Technologie-Änderung auftritt,
funktioniert dieses System nicht mehr wie vorher.
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
8.2.
Warum Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
Auf die Dauer ist in der Industrie nur noch für wenig Menschen Arbeit möglich. Da sich viele sogenannten Dienstleistungen durch Computer und Roboter ersetzen lassen,
werden im Laufe der Zeit auch hier nur noch wenig Menschen zu beschäftigen sein. Die Frage bleibt, wie können
80% der Menschen leben.
Man kann sich mal den Extremfall vorstellen, sie täten gar
nichts. Von den restlichen 20% können in diesem Modell
alle notwendigen Arbeiten ausgeführt werden. Es bleibt
dann nur noch die Frage, wie werden die Güter und
Dienstleistungen gerecht verteilt. Die derzeitige Praxis
zeigt, daß in der heutigen Gesellschaft eine Geldverteilung
à la Sozialhilfe nicht funktioniert. Wenn das Geld ohne
Anstrengung eingenommen wird, gibt es kein Maß beim
Ausgeben, d.h. es kann keinerlei Zufriedenheit auftreten.
Eine solche Gesellschaft wäre nicht stabil. Das legt den
Schluss nahe, man sollte die noch vorhandenen Arbeit auf
möglichst viele Personen verteilen – was noch besser wäre, neue nützliche Arbeit erfinden, statt ständig welche
wegzurationalisieren.
8.3. Welche rationalen Wege könnte es langfristig aus der derzeitigen Situation geben?
Reservat für die kapitalistische Industrie
Vielleicht kann man untersuchen, wie aus dem landwirtschaftlich geprägten System unter Feudalherrschaft die
zweihundert Jahre funktionierende Industriegesellschaft
entstand, die man auch die „Dampf(maschinen)zeit“ nen186
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
nen könnte. Die Ablösung der menschlichen Muskelkräfte
durch den Dampf und seine Derivate wie die elektrische
Energie brachte für die Industrievölker einen bis dahin
nicht gekannten Wohlstand. Der zuvor mächtige Großgrundbesitzer hat als solcher seine überragende Bedeutung
verloren, wobei auch heute viele Nachkommen dieser Leute nicht ganz arm sind. Die Bauern und Landarbeiter machen statt 80% heute nur noch einen marginalen Prozentsatz der Gesellschaft aus und wirtschaften fast nirgends
auf der Welt nach der rein kapitalistischen
Marktwirtschaft, insbesondere nicht in Europa. Nichts desto weniger gibt es in Europa keine aus der Landwirtschaft
stammenden Ernährungsprobleme im Sinne von Hunger.
Die alte Landwirtschaft ist also verbessert durch die Errungenschaften der Industriegesellschaft in einer Art Reservat weiter sehr gut gediehen und stellt die Ernährung in
den Industrieländern sicher.
Wenn man in naher Zukunft keine Arbeitermassen mehr in
der Industrie braucht, kann die sehr erfolgreiche kapitalistische Marktwirtschaft ebenfalls in einem Reservat prächtig weiter gedeihen, ohne daß die Kapitalisten einen übermäßigen Einfluss in Gesellschaft und Politik haben müssten - ähnlich wie heute die alten Feudalherren.
187
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
9. Grundsätze einer Wirtschaftsordnung mit freiem Markt.
9.1. Ein freier Markt muss durch eine starke
Marktordnung geschützt werden.
Da man die Entwicklung eines freien Marktes nicht voraussehen kann, ja sogar die Nichtvoraussehbarkeit die eigentlich nützliche Eigenschaft des freien Marktes ist und
ihn einer noch so guten Planwirtschaft überlegen macht,
darf die Markt- oder Wirtschaftsordnung nicht starr sein.
Sie muss so formuliert werden, daß bei allen möglichen
Entwicklungen die Regelungen so greifen, daß der Markt
bei jeder seine Struktur gefährdeten Entwicklungen bzw.
die seine Struktur gefährdenden Erscheinungen im Sinne
eines Regelkreises wieder selbsttätig eliminiert.
Ein Beispiel wäre, dass sich durch eine gute Marktstruktur
durch einen eingebauten Regelkreis die Marktmacht einzelner Marktteilnehmer auf eine dem freien Markt maximal zuträgliche Konzentration von Marktmacht halten
ließe. Denkbar wäre zum Beispiel, zu umsatzstarke Marktteilnehmer zwangsläufig in einer Art Zellteilung in zwei
unabhängige zu zerteilen. Dass so etwas gut funktionieren
kann, hat die Zerschlagung des amerikanischen Ölmonopols anfangs des 20.Jahrhunderts und die Zerschlagung
der deutschen IG-Garben nach 1945 gezeigt. Die Nachfolgefirmen florierten gut und machten einander Konkurrenz.
Das heißt, man muss den Umsatz eines einzelnen Marktteilnehmers über eine Art Zellteilung so begrenzen, daß
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
seine Macht nicht auf die Freiheit des Marktes störend
wirken kann.
Die Einfachste Regelung wäre die Beschränkung von
Wirtschaftsunternehmen auf schmälere Geschäftsbereiche
und auf einen Bruchteil des in diesem Wirtschaftsbereich
in einer Region .z.B. Europa umgesetzt wird. Verschachtelungen dieser geteilten Unternehmen müssen untersagt
sein. Wirtschaftliches Eigentum einer einzelnen natürlichen oder juristischen Person darf einen festen Bruchteil
des Vermögens einer Region nicht überschreiten.
Höheres Vermögen ist z. B. wegzusteuern oder vom Eigentümer einer Kulturstiftung zu übertragen, die er selbst
leiten kann, in der eine aber anerkannte Kulturinstitution
ein Vetorecht über geplante Aktivitäten hat. (Im Streitfall
ist das Veto zunächst vor einem unabhängigen Schiedsgericht zu begründen. Eine Zulässigkeit des Vetos kann auch
von einem Gericht überprüft werden.) Solche Regelungen
beugen unabhängig von allen denkbaren Marktentwicklungen unbeschränkten krebsartigen Machtentwicklungen
vor. Nur solche automatischen Regelkreise nach dem
Grundprinzip des Thermostaten die Gesellschaften der
Staaten und der Welt stabilisieren.
Andere flankierende Bestimmungen sind ebenso zu formulieren, daß sie sich den jeweiligen Marktentwicklungen in
ihrer Wirkung anpassen.
Wenn Kernkraftwerke nicht nach solchen die Prozesse regelnden Prinzipien konstruiert wären, hätte schon lange in
jedem ein GAU stattgefunden. solange die heutige Markwirtschaft kaum ihre Existenz erhaltenden Regeleinrichtungen kennt, besteht keine Chance einer erfolgreichen
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wirtschaftspolitik, da diese mit viel zu langsamen und
kaum richtig zu dosierenden Instrumenten an auffälligen
Symptomen zerrt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß
dabei jeder Steuerungsversuch misslingt und die Situation
verschlimmbessert.
9.2. Arbeitslosigkeit ist vom Kapital zu finanzieren, denn es verdient fast alleine an ihr
Eine geradezu kontraproduktiv arbeitende Rückkopplung
ist zum Beispiel die Versorgung der Arbeitslosen. Die
heutige Arbeitslosenversicherung bzw. -Versorgung belastet nur die noch vorhandenen Arbeitsverhältnisse und
macht sie immer unsicherer. Diese Regelung geht davon
aus, daß es zwei Sorten von Menschen gibt, Arbeitgeber
und Arbeitnehmer, wobei jede Sorte nur für sich selbst solidarisch zu sein braucht.
Es ist aber so, daß die Gesellschaft durch die Wirtschaftsgesetze den Arbeitgebern erlaubt, mit ihren technischen
Methoden einen Teil des vorhandenen Marktes frei zu bedienen. Da die Arbeitgeber auch die Freiheit eingeräumt
bekommen, mehr oder weniger Menschen zu beschäftigen,
müssen sie gerechterweise auch für den Unterhalt der nicht
beschäftigten aufkommen, denn diese Freiheit der Arbeitgeber ist die Ursache für Arbeitslosigkeit. Sie müssten also
in Umlage ähnlich, wie bei den Unfallversicherungen (Berufsgenossenschaften) die Arbeitslosen bezahlen und zwar
so, daß sie menschenwürdig und entsprechend ihrer möglichen Leistung für die Volkswirtschaft leben können - mit
einem Abschlag, der einen Anreiz zur Arbeitssuche darstellt. Durch diese Unterstützung legitimiert, und um das
190
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Marktsystem in seinem Funktionsbereich zu halten, muss
für die Arbeitnehmer die Verpflichtung bestehen, einen
zumutbaren Arbeitsplatz zu übernehmen. Auch Formeln
für die Arbeitslosenumlage der Betriebe müssen in der
Marktordnung enthalten sein. Die Formeln müssen aber
auch so beschaffen sein, daß im Falle der Vollbeschäftigung sich die Freistellung von Arbeitnehmern recht gut
lohnt, mit steigender Arbeitslosigkeit immer weniger interessant wird und bei einer bestimmten Arbeitslosigkeit, die
Umlage so hoch wird, daß der Staat Beschäftigungsgesellschaften ohne Schwierigkeit in großem Ausmaß bezahlen
kann.
9.3. Arbeit statt Arbeitslosengeld für länger arbeitslose
Grundsätzlich sollte bei längerer Arbeitslosigkeit anstelle
der Arbeitslosenunterstützung eine Anstellung in einer Beschäftigungsgesellschaft erfolgen. Wird dies verweigert,
kann die Unterstützung auf das menschenwürdige Existenzminimum abgesenkt werden. Gesetzliche Mindestlöhne oder Lohnzuschläge über negative Steuer müssen so
bemessen sein, daß ein echter Anreiz zur Arbeit besteht,
diese Arbeit also ein Leben in genügenden Abstand von
einem menschenwürdigen Existenzminimum erreichen
lässt. Das ganze Formelwerk muss so beschaffen sein, daß
nicht jedes Jahr der Streit ausbricht, wie niedrig muss ich
das Existenzminimum setzen, daß der Anreiz entsteht,
sondern die Parameter der Formel müssen sich aufgrund
der Messung freiwilliger Arbeitsübernahme automatisch
entsprechend einstellen. Die Gesetze sind entsprechend zu
191
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
gestalten. Sie dürfen wie überall bei der Regelung keine
Zahlen enthalten sondern Handlungsanweisungen, störende Ausschläge wieder zurückzuregeln.
9.4.
Regelkreise und Recht
Das derzeitige Recht musste bisher solche das System erhaltende Regelkreise selten unterstützen. Die demokratische Legitimation des Rechtes ging bei quantitativen Bestimmungen lieber von festen Zahlen als von komplizierten
Formeln aus. Das hat schon darin seinen Grund, daß Regelsysteme schwerer zu überschauen sind als Steuerungssysteme. Aber gerade das Betriebsunfallrecht und ebenso
das lange funktionierende Rentensystem zeigen, daß Umlagen nach einer vernünftigen Formel über lange Zeit
funktionieren können und demokratisch legitimierbar sind.
Die obengenannte Umlage zur Finanzierung der Arbeitslosenversorgung ist von den Produzenten mit einen Hebesatz
ansteigend mit dem Umsatz pro beschäftigtem Arbeiter zu
tragen ist, und nicht wie heute proportional der Zahl der
Beschäftigten, da die Arbeitslosenversorgung eigentlich
hauptsächlich eine Versicherung der Produzenten gegen
Absatzschwund und gegen Revolution - also Enteignung ist.
Das Rentensystem läuft zur Zeit auch hauptsächlich deshalb aus dem Ruder, weil die Umlage an die Löhne gekoppelt sind. Unter der Randbedingung der Vollbeschäftigung kann das funktionieren und hat auch funktioniert. Bei
struktureller Arbeitslosigkeit müssen die alten Formeln
versagen. Da die strukturelle Arbeitslosigkeit jedoch ihre
tiefe Ursache im technischen Fortschritt hat und dieser in
192
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
einer kultivierten Gesellschaft nicht zu steuern ist, darf die
Rentenumlage nicht an die Löhne gekoppelt bleiben. Eine
Vernünftiger Quelle für Rentenzahlungen ist sicher eine
Art Umsatzsteuer. Das erlaubt den vorhandenen Wohlstand, der eigentlich vom Prinzip her immer langsam
wachsen kann, menschenwürdig zu verteilen. Die heutigen
sogenannten Leistungsbringer sind in erste Linie auch
Glückspilze, denn sie waren durch ihr persönliches Glück
dazu in der Lage, aus der Kultur der Gesellschaft die
Grundlagen ihrer Leistungsfähigkeit zu schöpfen. Ohne
dieses Schöpfen aus der Kultur der Gesellschaft könnten
sie auch keine heute bezahlte Leistung erbringen. Ihre eigene Leistung besteht also nicht so sehr in der Lieferung
von nützlichem, sondern viel mehr in der optimalen Nutzung der ihnen von der Gesellschaft gegebenen Ressourcen zur Erzeugung dieses nützlichen. Nicht das abgelieferte Gut sondern die darauf verwendete Mühe ist ein Maß
für die Leistung des einzelnen.
9.5. Private Altersversorgung und „Generationenvertrag“
Die heute diskutierte dritte Säule der Altersversorgung,
nämlich die private Vorsorge löst z.T. auch das Problem
der ungleichmäßigen Verteilung des Eigentums an Produktionsmitteln. Die Renten sind dann ein Teil der Kapitalerträge der Wirtschaft, die dann nicht mehr den bisherigen Kapitaleignern sondern den derzeitigen Arbeitnehmern zufallen. Daher ist es erstaunlich, daß die Arbeitgeber die private Vorsorge durchsetzen wollen und die Arbeitnehmer diese verhindern wollen.
193
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Was eine private Vorsorge nicht leisten kann, obwohl sie
dafür immer als notwendig angepriesen wird, ist die Lösung der Folgen der stark verzerrten Alterspyramide. Beide Systeme sind notwendigerweise so strukturiert, daß die
arbeitenden Menschen für die nicht arbeitenden produzieren müssen. Denn diese beiden Gruppen leben gleichzeitig
und den täglichen Bedarf kann man nicht über Jahrzehnte
lagern. Im Falle der Rentenversicherung erfolgt dies über
die Umlage, im Falle der Privatvorsorge gehören die Alten
(Rentner) praktisch zu den Arbeitgebern und leben von
Gewinnanteilen der Firmen, die dann nicht als Löhne ausbezahlt werden können. Der Lohnabzug bleibt also im wesentlichen praktisch gleich - nur auf verschiedener Rechtsgrundlage.
Es gibt hier auch die vorgetragenen Erklärung eher aber
Ausrede, das Kapital der sparenden Arbeitnehmer müsse
im Ausland angelegt werden, dann müssen Ausländer für
die deutschen Rentner arbeiten. Es scheint aber außerordentlich fragwürdig, ob das auf Dauer funktioniert. Wer
könnte das sein, die Amerikaner, die Asiaten, die Afrikaner oder die neuen Beitrittsländer zur EU.
9.6.
Schwarzarbeit
Das Problem der Schwarzarbeit besteht im wesentlichen
darin, daß sie nicht verhindert werden kann. Der Aufwand,
sie wirklich zu verhindern, hat prinzipiell keine Obergrenze und führt zum totalen Überwachungsstaat. Der einzige
Weg, sie zu beseitigen, ist sie teilweise zu legalisieren.
Das bedeutet die Sozialabgaben und die Steuern für Tätigkeiten in Firmen unter einer bestimmten Größe und weni194
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ger Personen (Handwerksbetriebe) nicht direkt sondern indirekt einzutreiben. Dazu eignet sich z.B. die Umsatzsteuer auf Industriegüter. Dabei wird nicht die Arbeit sondern
der Materialverbrauch besteuert. Streicht z. B. jemand ein
Zimmer, braucht er dazu Farbe. Wenn dafür die Umsatzsteuer entsprechend hoch ist, ist der Vorgang als solcher
versteuert. Macht das ein schlechter Handwerker oder ein
unkundiger, verbraucht er übermäßig viel Material und
zahlt dafür höhere Steuer. Handwerker könnten zudem
noch einen niedrigeren Steuersatz zahlen müssen als ein
nicht eingetragener also ein heutiger Schwarzarbeiter
(Steuerrückvergütung). So wird der Schwarzarbeiter steuerlich höher belastet als der Handwerker und kann nicht
mehr billiger sein. Es sind jedenfalls die Randbedingungen
so zu gestalten, daß man nicht nach der Schwarzarbeit suchen muss, sondern daß sie sich in einem freien Markt
nicht lohnt.
10. Einfaches Modell einer Minimalgesellschaft bei wachsender technologischer Effizienz - ein Gesellschaftsmärchen
Die „Gesellschaft“ besteht aus fünf Personen, einem König, einem Know-How-Besitzer für Getreideanbau, einem
Know-How-Besitzer für Gemüseanbau und zwei Arbeitern.
Jeder Know-How-Besitzer stellt einen Knecht an, der etwas mehr arbeiten muss als er selbst, und dem er weniger
195
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
zuteilt als er selbst verbraucht. Da man zum Leben aber
Korn und Gemüse braucht, entsteht zwischen den Landwirten ein Tauschhandel. Da jeder den gerechten Zustand
dann als erreicht ansieht, wenn er selbst die meisten Vorteile hat und die wenigsten Nachteile, könnte diese Gesellschaft ohne den König nicht existieren. Einer muss einen
Istzustand als gerecht definieren, dem alle - wenn auch ungern - zustimmen können. Da diese Ordnung aus dem gesagten heraus nicht stabil ist, sondern ein sehr labiles
Gleichgewicht darstellt, muss der König sie jeden Tag verteidigen. Es ist für ihn eine große Arbeitserleichterung,
wenn es ihm gelingt eine Staatsreligion einzuführen, die
einen sehr mächtigen Gott enthält, dessen irdischer Sachwalter er ist und der selbst die notwendigen Ordnungsgebote erlassen hat. Schon das tägliche Dankgebet für das
tägliche Brot erinnert, daß es auch Missernten geben kann.
Man bleibt sich der Abhängigkeit von Gott bewusst und
toleriert königliche Vorratshaltung, auch wenn davon große Teile für das Wohlleben des Königs abgezweigt werden. Bleiben die technologischen Möglichkeiten konstant,
dann kann der König mit mehr oder weniger Gewalt dieses
System in dem labilen Gleichgewicht balancieren.
Setzt nun technologischer Fortschritt ein, so geht es allen
Mitgliedern der Gesellschaft besser und jedes Mitglied
kann sich ein kleines Polster zur Existenzsicherung zulegen. Damit wird aber das tägliche Gebet um das tägliche
Brot mit der Zeit immer weniger inbrünstig. Zunächst bei
der königlichen Hofhaltung und dann auch bei den Knowhow-Besitzern wächst der Luxus. Es verschwindet auch
das Gefühl der gegenseitigen Abhängigkeit und daher
196
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
werden die Arbeiter weniger schützenswert und werden
ärmer als sie früher waren. König und Gott schützt die Arbeiter offensichtlich nicht, also könnte man diese beiden
nach Ansicht der Arbeiter auch abschaffen. Aber auch die
Know-How-Besitzer finden es lästig, diesen weitgehend
unnötigen König so üppig zu ernähren. Alle vier gemeinsam stellen den König vor die Wahl, entweder geköpft zu
werden, da er nur ein Schmarotzer sei, oder aber die Rolle
eines Nacht-, und eventuell eines Marktwächters anzunehmen. Der König wollte natürlich sein Leben retten und
übernahm diese Dienstleistungsrolle.
Der technische Fortschritt geht aber munter weiter. Die
Know-How-Träger können es sich jetzt erlauben, selbst
nicht mehr in der Produktion zu arbeiten und alle diese
Arbeit den Knechten zu überlassen und sich selbst nur
noch mit der Weiterentwicklung des Know-how zu beschäftigen. Damit wurden sie aber plötzlich wieder von ihren Arbeitsknechten abhängig und erpressbar. Sie schlossen sich daher zu einem Arbeitgeberverband zusammen
und gaben dem ehemaligen König und jetzt Nachwächter
Anweisung, wie er die Arbeiter in Schach zu halten hätte.
Irgendwie kamen aber auch die Arbeiter auf den Gedanken
den Zusammenschluss nachzumachen und bildeten eine
Gewerkschaft, denn sie hatten jetzt gemerkt, daß wenn sie
alle nichts arbeiten und nur von ihren wenigen Vorräten
eine weile lebten, die Know-How-Besitzer größere Verluste als sie selbst erleiden würden. So etwas traf die KnowHow-Besitzer auch noch besonders hart, weil sie sich ein
hartes Leben wie früher mit weniger Luxus schon gar nicht
mehr vorstellen konnten. Damit bildete sich ein neues
197
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Gleichgewicht heraus, bei dem der Zugewinn durch den
technischen Fortschritt gerecht verteilt wurde, das meiste
bekamen die Know-How-Besitzer, die anderen 3 weniger,
aber alle konnten ganz gut leben, und jeder spielte einmal
den starken Mann aber man vertrug sich, denn jedem ging
es jedes Jahr immer besser.
Aber der technische Fortschritt ging immer weiter und ein
Sieg nach dem anderen über die Natur wurde gefeiert,
wenn es dabei auch größere Unfälle mit ernsthaften Wunden gab. Im Verhältnis zu den frühen Zeiten, an die man
sich noch kaum erinnern konnte, lebte man wie im Paradies.
Nun kam der technische Fortschritt aber an einen kritischen Punkt. Man hatte solche Roboter erfunden, daß
ihnen die Arbeiter den halben Tag im Wege standen. Jeder
Know-How-Träger brauchte nur noch einen halben Arbeiter. Da kamen sie auf die Idee, sie könnte auf den einen
überzähligen Arbeiter verzichten und den anderen nur
noch in Teilzeit beschäftigen. Da sich der Arbeiter, der
noch arbeiten durfte, wusste, daß es hätte auch ihn treffen
können, teilte nun sein Einkommen eine Zeit lang mit dem
anderen Arbeiter. Aber als er merkte, daß auch für ihn weniger Arbeit und nur noch weniger Lohn vorhanden war,
wurde ihm der andere Arbeiter sehr lästig. Es gab kein
Druckmittel gegen die Know-How-Besitzer mehr, die
konnten aber immer damit drohen, den einen Arbeiter gegen den anderen auszuwechseln. So zerfiel die Gewerkschaft, sie hatte keine Macht mehr. Es bildete sich ein neues Gleichgewicht, die Know-How-Besitzer wurden langsam immer reicher, der arbeitslose Arbeiter wurde aufs
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Lebensminimum gesetzt und der noch arbeitende - machtlos wie er war - immer ärmer.
Bald war die Zeit gekommen, da war auch der zweite Arbeiter überflüssig. Er wurde auch entlassen und auf das
Lebensminimum gesetzt.
Nun überschritt der technische Fortschritt wieder eine
Schwelle. Dem Gemüseproduzent gelang es, die Kohlenhydrate und das Eiweiß gentechnisch auch in seinen Spargel wachsen zu lassen. Damit war aber auch der Kornproduzent in dieser Gesellschaft völlig überflüssig und er sah
das Schicksal der Arbeiter auf sich zukommen. Da er aber
des Denkens in hohem Maße selber mächtig war, erinnerte
er sich daran, daß man früher den despotisch gewordenen
König seiner übermäßigen Macht beraubt hatte. Zu viert
müsste man es doch durchsetzen, daß der Besitz des
Know-Hows, nicht so konzentriert ist, sondern daß dieser
Zuwachs gleichmäßig auf alle fünf verteilt wird.
Daraus entwickelte sich ein Neues Gleichgewicht, nämlich
eine freie Marktwirtschaft, in der alle Marktteilnehmer
weitgehend gleiche Chancen hatten und der alte König im
wesentlichen die Aufgabe übernehmen musste, daß am
Markt niemand eine störende Macht erlangen kann. Man
einigte sich darauf, immer wenn ein zu großes Machtpotential erarbeitet wurde, das zugehörige Know-How teilweise zu verkaufen. Übermäßig viel Geld aber in Kunst
anzulegen ist und deren Verwaltung dem König zu überlassen, so daß ihr Machtmissbrauch gedämpft ist. Wichtig
ist, daß nun auch die Demokratie zum Funktionieren gebracht wurde, die ja auch darauf beruht, daß sich nirgends
zu viel Macht ansammelt.
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
11. Grundprinzipien eines freien
Marktes
Ein freier Markt hat nur Chancen auf sein Funktionieren,
wenn die Marktregeln nicht an geschichtlich bedingten
Strukturen festgemacht werden, sondern so formuliert
sind, daß Strukturveränderungen in einem freien Markt,
der sie ja gerade fördern und nicht hindern soll, das richtige Funktionieren des Marktes nicht außer Funktion setzen.
Es gibt nur wenige Prinzipien, die in einem freien Markt
eingehalten werden müssen: Es muss folgendes verhindert
werden:
1.
Anwachsen der Marktmacht einzelner Teilnehmer über ein erträgliches Maß,
2.
Absinken der Information über das Angebot
unter ein Maß, das richtiges Marktverhalten eher unwahrscheinlich macht
3.
Ordnungsstrukturen, die nicht überwacht werden können
4.
Teilsolidaritäten, die so konstruiert sind, daß
durch Marktentwicklungen in Bedrängnis geratene Gruppen, durch ihre auf sie beschränkte Solidarität weiter in
tiefere Bedrängnis geraten (Beispiel heutige Arbeitslosenversicherung).
5.
Keine Wirtschafts- und Geldpolitik, die an irgendwelchen Fetischs ( z.B. „keine Inflation!!“) festhält
und sich auf Mittel beschränkt, die dem natürlichen Zeitverhalten des zu regelnden Wirtschaftskreislaufs nicht
adäquat ist.
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Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Für letzteres muss ein Reservoir von Maßnahmen geschaffen werden, das jedem Zeitbedarf gerecht wird. Untersuchungen der Wirtschaftspolitik der westlichen Staaten
der letzten 50 bis 100 Jahre zeigen, daß die meisten Aktionen zur Marktstabilisierung (im Sinne von Keynes) deshalb nicht wirksam waren, weil die Schwingungszeit der
Wirtschaft und das Einschwingen der Maßnahmen zu solchen Unter- oder Überschwingern führte, daß die Erfolge
der Maßnahmen sehr bescheiden blieben. Wenn man auf
diese Art technische Prozesse regeln wollte, würde ein
GAU nach dem anderen stattfinden.
11.1. Gegen Schwingungsneigung des Marktes
bei positiver Rückkopplung
Es sind also solche Marktordnungen zu schaffen, die nicht
zu extremen Schwingungen neigen und bei denen schädliche Entwicklungen sich selbst zurückführen und sich nicht
über positive Rückkopplungen selbst verstärken. Auf der
anderen Seite sind Instrumente zu entwickeln, deren Zeitverhalten weitgehend variabel gestaltet werden kann. Eine
Marktmaßnahme muss und kann heute mit Lichtgeschwindigkeit erfolgen. Sie darf nicht erst beliebig lang im
Parlament beraten werden. Bis sie dann beschlossen wird,
ist sie bereits wirkungslos oder gar kontraproduktiv. Der
Wirtschaftspolitik muss für jede Abweichung in Richtung
weg von erträglichen Lebensbedingungen ein Arsenal von
Maßnahmen augenblicklich zur Verfügung stehen, wenn
ein bestimmter Zustand erreicht ist oder erkennbar erreicht
werden wird. Die Dosierung muss ebenso variabel sein,
damit auch auf jede Reaktion des Marktes durch Verstär201
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ken oder Zurücknehmen der Maßnahme reagiert werden
kann. Jeder private Marktteilnehmer muss sich so verhalten, also muss es auch der Wirtschaftsminister oder viel
besser eine unabhängige Behörde ähnlich der ehemaligen
Deutschen Bundesbank. Die parlamentarischen Beschlüsse
müssen lange im Voraus so formuliert sein, daß staatliches
Geld nur für staatlich sinnvolle Aufgaben ausgegeben
werden kann, aber in marktnotwendiger Höhe und im
marktnotwendigen Zeitpunkt, so daß Spekulanten auch
hier nicht jede beliebige Chance haben, auf den Verlust
des staatlichen Marktmitspielers zu setzen. Falsch eingesetzte Mittel oder Nichtstun muss für die zuständigen Minister und Beamten mindestens ähnliche Folgen haben,
wie für einen freien Unternehmer.
Spekulation gegen die Wirtschaftspolitik. Von einzelnen ist diese Spekulation bei Beschränkung der Wirtschaftsmacht wie oben beschrieben nicht mehr zu bewerkstelligen. Glücksspiel ist auch in anderen Bereichen verboten. Wenn die Ergebnisse solcher spekulativer Wetten auffällig sind, kann man sie auch als Strafe oder Wettsteuer
einziehen.
11.2. Private Marktmacht darf nie vergleichbar
mit der Macht des Staates werden.
Auch im wirtschaftlichen Bereich darf die Freiheit
des einzelnen oder der Gesellschaft wesentlich beschränkende Macht nur beim Staate liegen
Bei allen Problemen des Marktes, muss es wie im sonstigen Leben sein. Die Macht im Markt über das notwendige
Maß seiner dynamischen Lebendigkeit hinaus muss beim
202
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Staate liegen, ähnlich wie das Gewaltmonopol. So wenig
wie der Staat bewaffnete Räuberbanden zulassen darf, darf
er wirtschaftliche Gebilde zulassen, die den freien Markt
des fairen Austausches stören können. Übermäßige Wirtschaftsmacht verführt leicht zu einer Art legalem Piratentum, das nur noch schwer bekämpft werden kann.
12.
Einige Bemerkungen am Schluss
Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß der nicht aufzuhaltende technische Fortschritt und der damit verbundene
starke Schwund der Bedeutung des räumlichen Abstandes
auf unserer Erde die Gültigkeitsbereiche vieler Aussagen,
auf denen unser tägliches Leben aufgebaut ist, sehr genau
betrachtet werden müssen, wenn aus bisher Sinnvollem
nicht völlig Unsinniges werden soll.
Der soziale Markt ist nach wie vor ein sehr erfolgreiches
Wirtschaftssystem und es ist noch kein besseres formuliert
worden. Der real existierende Freie Markt hat sich aber
durch den technischen Fortschritt und die Weiterentwicklung vieler nützlicher Marktinstrumente in einen sehr gestörten freien Markt verwandelt, der teilweise genau das
Gegenteil von dem erreicht, was er soll.
Ein funktionierender freier Markt ist ein sehr störanfälliges
hoch komplexes System, das durch eine starke Staatsmacht vor Marktstörern, z.B. dem organisierten Verbrechen, geschützt werden muss.
Marktstörer sind aber nicht nur Kriminelle, sondern auch
zu starke und zu schwache Marktteilnehmer und eine
Werbung, bei der das Marktgeschrei jede sachliche Infor203
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
mation, auf der jeder freie Marktakt beruht, so weit übertönt, dass sie unhörbar wird und durch völlig unsinnige
Aussagen, wie das Versprechen von Glück, Schönheit und
Liebe ersetzt wird. Das Stichwort, sollte hier nicht Deregulierung sondern Neuregulierung lauten.
Der landläufige Glaube an ein einfaches Kausalitätsprinzip
und die Unmöglichkeit in die Zukunft zu schauen führen
des weiteren zu vielen unsinnigen Strukturen in unserem
Staatsleben.
Die Politik ist prinzipiell auf ein zu erreichendes Ziel hin
gerichtet. Das Erreichen des Zieles wird meistens mit Hilfe
einer Steuerungsmaßnahme versucht, die dann öfter völlig
unerwartetes oder das schiere Gegenteil des erhofften erreicht. Das ist das selbe Verfahren, wie wenn ein Steuermann auf einem Ozeandampfer einen Rudereinschlag einstellt, festbindet und erst nach vielen Tagen wieder eine
Ortsbestimmung macht.
Eine löbliche Ausnahme war hier die Inflationsbekämpfung durch die deutsche Bundesbank. Sie war von Interessenvertretern weitgehend unabhängig und besaß ein Arsenal von möglichen genau dosierbaren Maßnahmen, die
praktisch nach Beobachtung ihrer Wirkung jederzeit korrigiert werden konnten. Sie verhielt sich also nicht wie ein
unfähiger Steuermann sondern eher wie ein Thermostat also wie ein sehr guter Regelkreis.
Ein Rückkopplungssystem, das wie hier Fehlentwicklungen und Störungen von außen weitgehend herausregelt, ist
im öffentlichen Leben sehr selten. Es gibt an anderen Stellen zwar häufig ebenfalls Rückkopplungen, die aber gerade umgekehrt jede Störung des System verstärken, das
204
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
System schließlich zerstören oder zu unerträglichen
Schwingungen bringen. In der Technik hat man das in den
letzten 50 Jahren erkannt. Im Rechts- und Staatsdenken
hat sich die Sichtweise auf die immer vorhandene Multikausalität und damit grundsätzliche Unmöglichkeit mit
zeitlich zu starren Maßnahmen ein angepeiltes Ziel zu erreichen, noch sehr wenig durchgesetzt. Dafür ist es aber
jetzt höchste Zeit, denn die Globalisierung verstärkt diese
Multikausalität täglich.
Es scheint aber die „wachsende Ohnmacht der Politik“
rührt in viele Fällen davon her, das der Glaube an die einfache Steuerbarkeit der komplexen Dinge noch viel zu
weit verbreitet ist. Es besteht hier sehr viel Nachholbedarf
im Bewusstsein der Menschen. Im täglichen Leben verhält
sich der Mensch meist unterbewusst regelnd. Niemand
stellt im Auto das Lenkrad fest und fährt mit verschlossenen Augen über die Landstraße. Es ist vielmehr so: Eine
sehr subtil ablaufende Regelung über alle Sinne hält den
Wagen immer exakt auf Kurs, es sei denn, die Sinne werden abgeschaltet, das System wird durch Alkohol beeinträchtigt oder die Reaktion auf das Hindernis ist unmöglich, weil die Nachrichtenübermittlung über die Nervenbahnen zu langsam gegenüber dem Auftauchen des Hindernisses ist.
Im Staatsleben wird aber beispielsweise das Steuer oder
die Steuer nach bestem Wissen oder nach größtem Einfluss irgendwie eingestellt und festgezurrt. Nach einiger
Zeit wundert man sich dann, wo man gelandet ist.
Es ist eigenartigerweise so, daß man bei der Umverteilung
durch den Staat immer das sieht, was er den reicheren Leu205
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
ten wegsteuert und den ärmeren Leuten gibt. Da bei uns
heute aber der Staat der Wahrer und Übermittler der Kultur ist z.B. in Schulen und Hochschulen, und der Erfolgreiche viel mehr der Kultur verdankt als der weniger erfolgreiche, so ist das soziale Netz etwas für diejenigen, die
bei der Erstausteilung zu kurz gekommen sind. Da die Erfolgreichen zum gesamten Staatsaufkommen aber trotz
hoher Steuersätze absolut relativ wenig beitragen, ist die
ganze Staatsaktivität doch eher eine Verteilung von unten
nach oben als eine Verteilung von oben nach unten. Dessen sollte man sich immer bewusst sein.
13.
Zusammenfassung
In dieser Schrift wird die Wirtschaft als ein System beschrieben, in dem die Rückkopplungen die wesentlichen
Elemente sind. Einfachstes Beispiel einer solchen Rückkopplung ist: In einem freien Markt erweist sich ein Produkt als günstig im Verhältnis von Kundennutzen zum
Preis. Rückgekoppelt erhöht der gute Absatz das Angebot.
Im umgekehrten Fall verschwindet das Produkt wieder.
Das ist eine positive Rückkopplung, Wachstum führt zu
weiterem Wachstum, Rückgang zu weiterem Rückgang.
Diese positive Rückkopplung geht in der freien Wirtschaft
über einen sehr großen Teil der Gesellschaft, nämlich über
alle, die am Markt teilnehmen. Dies Rückkopplung ist aber
nur erfolgreich, wenn sie über das tatsächliche Preis-zuKundennutzen-Verhältnis läuft und nicht z.B. von irreführender Werbung oder durch Unwissen verfälscht ist.
206
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
In der Planwirtschaft ist die Rückkopplung über den Markt
um ein vielfaches schwächer dafür mehr über die staatlichen Organe geführt– sicher ein wesentlicher Grund ihrer
Unterlegenheit.
Ein ähnliches Rückkopplungsdefizit besteht auch an den
Finanzmärkten an der Börse. Die relativ wenigen Teilnehmer beobachten dabei weniger die realen Werte hinter
den Wertpapieren sondern mehr den Börsenkurs, den sie
selbst erzeugen.
Eine negative Rückkopplung findet man in der Technik
z. B. bei der Thermostatheizung. Ist die Temperatur aus
beliebigem Grund zu niedrig, wird der Ölhahn mehr geöffnet, wird die Temperatur größer als gewollt, drosselt
der Thermostat die Ölzufuhr. Heute wird praktisch jede
Heizung von einem Thermostat geregelt. Bei einer Heizung mit Thermostat ist es völlig unerheblich woher die
nicht gewünschte Temperaturänderung kommt. Unabhängig von ihrer Ursache wird sie vom Thermostat ausgeregelt. Hier entfällt weitgehend das Suchen nach Ursachen
und der unnütze Streit darüber.
In der Wirtschaft war die Tätigkeit der Deutschen Bundesbank in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Art
Thermostatregelung für den Kaufwert der DM. Über 50
Jahre konnte in Deutschland die Inflation besser in Griff
behalten werden als sonst wo in der Welt. Das lag daran,
dass die Deutsche Bundesbank eine unabhängige Instanz
war, die im Grunde die Geldmenge und den Geldpreis so
regelte, dass Geld bei steigenden Warenpreisen teurer
wurde und damit die preistreibende Nachfrage dämpfte
und umgekehrt geliehenes Geld in der Gefahr fallender
207
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Preise billiger wurde. Um die Ursachen von Schwankungen brauchte sich die Bundesbank wenig zu kümmern oder
zu streiten, sie hatte die Mittel die Schwankungen auszuregeln.
In einem freien Wirtschaftssystem gibt es aber eine ganze
Reihe positiver Rückkopplungen zusätzlich zu der die
freie Wirtschaft tragenden positiven Rückkopplung über
Qualität und Preis.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die gefährlichste positive Rückkopplung, die Rückkopplung zwischen Lohn und Preis. Steigende Preise erzwangen höhere
Löhne und diese wieder drückten die Preise nach oben.
Die deutsche Inflation von 1923 hat gezeigt, dass diese
Rückkopplung zu keinem Vernünftigen Gleichgewicht
zwischen Löhnen und Preise führen kann. Der Preis für einen Laib Brot erreichte Billionen Mark. Nur die Einführung von ganz neuem Geld, damals der Rentenmark,
machte diesem Teufelskreis ein Ende. Dieses Erlebnis und
der Misserfolg der üblichen Bekämpfung von Inflationen
in aller Welt führte zur Einrichtung der deutschen Bundesbank anfangs der fünfziger Jahre als eine Art regelnder
Thermostat für die deutsche Währung. Diese Regelung hat
sich bisher über ein halbes Jahrhundert bewährt und wurde
deshalb als Vorbild für die neue Europabank in Frankfurt.
Die heute problematischste positive Rückkopplung in der
Wirtschaft ist die zwischen technischen Fortschritt und
wachsender Arbeitslosigkeit. In einer Gesellschaft in der
Wirtschaft im wesentlichen notwendiges erzeugt, kann es
diese Rückkopplung gar nicht geben. Technischer Fortschritt führt hier hauptsächlich zu höherem Reichtum.
208
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Zwar ungleichmäßig auf Kapitaleigner und Werktätige
verteilt, aber fast nirgendwo verschlechtert sich die Situation ernstlich.
Heute in der Überflussgesellschaft, in der Absatz über die
Werbung künstlich über die normale Nachfrage gesteigert
werden muss um die Produktion aufrecht halten zu können, verlangt die Marktsättigung für eine weitere Absatzmöglichkeit, neue Produkte und niedrigere Preise und daher eine schnelle Umsetzung neuer technischer Möglichkeiten sowohl in der Produktion, als auch in der als Beschäftigungsausweg erhofften Dienstleistung. Um hier im
bisherigen Sinn wirtschaftlichen Erfolg produzieren zu
können, müssten letztlich die Menschen auf neue Tätigkeiten umgesetzt werden. Der technische Fortschritt vernichtet in diesem Fall einer Überflussgesellschaft nicht nur den
Wert materieller Investitionen, die auf den Schrottwert reduziert werden, sondern in immer verstärkteren Masse das
vorhandene Humankapital. Aus Werte schaffenden hoch
leistungsfähigen Menschen werden unvermittelbare Langzeitarbeitslose. Diese Wertvernichtung wird in keiner offiziellen Statistik ausgewiesen, sondern kann nur indirekt
aus den Zahlen des Arbeitsamtes abgeleitet werden.
Das früher wertvolle Humankapital besteht aus den Berufskenntnissen der Menschen, aber auch aus ihrer Allgemeinbildung und aus ihrer gesamten Lebenserfahrung.
Der rasch umgesetzte technische Fortschritt vernichtet alle
drei Bestandteile dieses Humankapitals, da es nicht mehr
wirtschaftlich genutzt werden kann. Aus der Sicht der Gesamtwirtschaft und natürlich auch der von dieser lebenden
209
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Gesellschaft ist das ein gewaltiger Verlust, der nicht genügend erkannt ist.
Der technische Fortschritt als Wissen ist aber nicht das eigentliche Problem. Er ist auch gar nicht aufzuhalten. Und
wenn mehr Wissen bei den Menschen ankommen würde,
würde das Humankapital auch dauernd steigen. Das Problem besteht genau genommen darin, dass die Umsetzung
von technischem Fortschritt schneller erfolgt als die weitere Verbreitung technischen Wissens. Das technische Wissen zu verbreiten ist aber deutlich aufwendiger als eine
Produktion auf eine neue Technik umzustellen. Hierzu
reicht das Wissen des Erfinders der neuen Technik und
seine Überredungsgabe gegenüber den Entscheidern, deren
Sachkenntnis mit der Größe der wirtschaftlichen Einheiten
relativ schrumpft.
Im heutigen Zustand der Gesellschaft und der Wirtschaft
gibt es hier die positive Rückkopplung zwischen technischen Fortschritt und Freisetzung von Arbeitskräften. Das
führt zur Verarmung und damit zu Nachfragerückgang, der
dann durch niedrigere Preise verhindert werden soll. Das
zwingt zu neuer technischer Rationalisierung und diese
wieder zu weiterer Arbeitslosigkeit. Nach Überwindung
der Lohn-Preis-Spirale beherrscht heute die Spirale: Technische Rationalisierung steigert Armut durch Arbeitslosigkeit, die weitere technische Rationalisierung stimuliert.
Kurz gesagt ist die heutige Wirtschaftslage durch die „Ratio-Arm-Spirale“ gekennzeichnet. Die Globalisierung verstärkt diesen ganzen Effekt, da man die restlichen Arbeiten
in ärmere Länder verlegen kann.
210
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Will man diese Ratio-Arm-Spirale bekämpfen, nützt es
wenig, irgendwie die Wirtschaft steuern zu wollen durch
herumreisen irgendwelcher Steuerungsgrößen, die heute
als Sozialreformen verkauft werden. Diese Steuerungsmaßnahmen sind so wenig wirksam wie früher Lohn- oder
Preisstops. Sie sind auch so wenig wirksam wie die Steuerungsmaßnamen in der Planwirtschaft des früheren Ostblocks.
Hier kann nur eine Regeleinrichtung nach dem Vorbild der
Deutschen Bundesbank das ganze einem Crash zusteuernde System sanieren, welches das Freistellen von Arbeitskräften durch Abgaben z.B. über eine variable Umsatzsteuer im Falle steigender Arbeitslosigkeit unrentabler
macht aber rentabler bei steigender Vollbeschäftigung.
Wenn es billiger wird, im Betrieb vorhandene Arbeitskräfte entsprechend neuer Anforderungen weiterzubilden als
sie freizusetzen wird das Humankapital vermehrt statt vernichtet. Dabei wächst entsprechend auch die Entwicklung
neuer absetzbarer Angebote. Es wird also ein langsames
nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum geben. Hierher
gehört auch die Weiterentwicklung des Umweltschutzes.
Nicht nur ein besserer Kopfhörer, sondern auch bessere
Luft verbessern die Lebensqualität.
In der Natur ist die positive Rückkopplung das wesentlichste Lebensprinzip. Wachsen die Wurzeln eines Baumes, wachsen auch neue Blätter und mit neuen Blättern
können auch die Wurzeln weiter wachsen. Am Ende seines Lebens bricht der Baum zusammen. Für höhere Lebewesen und deren längeres Leben verwendet auch das Leben negative Rückkopplung zu Regelung bestimmter
211
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
messbarer Werte. Beispiele sind die Körpertemperatur der
Warmblüter der Druck und der Zuckergehalt des Blutes.
Der Mensch hat im Urwald nur eine kleine Nische für ein
kärgliches Leben. Als sehr frühe Kultur entwickelte er die
Agrikultur. Sie ist eigentlich die erste Einführung einer
negativen Rückkopplung durch den Menschen: Hat eine
Rebe wenig Kraft, wird sie durch Hacken und Düngen
zum Wachstum angeregt. Entwickelt der Rebstock zu viele
Triebe, werden sie zurückgeschnitten. Nur so kann man
viele gute Trauben für einen guten Wein ernten. Kultur ist
negative Rückkopplung, welche die Auswüchse der positiven Rückkopplung in der Natur zur Verbesserung des
menschlichen Lebens beseitigt.
15 Thesen
1.
Die soziale Marktwirtschaft ist allen anderen
Wirtschaftsformen weit überlegen
2.
In der Planwirtschaft sind die Planungseinheiten zu groß und die Rückkopplung über den Verbraucher
zu schwach, sie hat große Ähnlichkeiten mit einer Naturwissenschaft ohne Experimente
3.
Eine Marktwirtschaft ist nur sozial, wenn sie
eine Vollbeschäftigung herstellt, also etwa maximal 2 %
Arbeitslosigkeit nicht überschreitet. Auch nur dann ist sie
wirtschaftlich gesehen sinnvoll, da sie nur dann alle möglichen Ressourcen nutzt und nicht gar wertvolle vernichtet
4.
Eine Marktwirtschaft ist nur sozial, wenn nicht
leistungsfähige Menschen durch die Solidarität der ganzen
Gesellschaft sicher vor Armut geschützt sind. Auch nur
212
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
dann ist sie auch wirtschaftlich sinnvoll, weil sonst dem
Bruttosozialprodukt ein ansehnlicher Teil fehlt
5.
Die Marktwirtschaft eignet sich über die positive Rückkopplung über den Verbraucher um Mangel zu beseitigen oder zu bekämpfen. Eine Überflussgesellschaft ist
nicht primär durch Mangel, sondern durch Überfluss gekennzeichnet. In einer Überflussgesellschaft können deshalb sehr viele oder die meisten Marktprozesse umgekehrte Wirkung haben als im klassischen Markt. Denn dessen
Gesetze und Regeln sind nur innerhalb bestimmter Randbedingungen gültig, die in einer Überflussgesellschaft
meist anders oder gar konträr gegenüber dem klassischen
Markt beschaffen sind
6.
Die klassischen Marktgesetze führen nicht zur
Vollbeschäftigung und erhalten diese auch nicht. Deshalb
bedarf es dafür eines thermostatähnlichen Regelprozesses ähnlich dem der Geldwertstabilisierung durch die frühere
Deutsche Bundesbank
7.
Insbesondere dürfen Personalkosteneinsparungen bei Arbeitslosigkeit nicht sehr wahrscheinlich zur
Gewinnsteigerungen führen. Entsprechende Abgaben müssen dies verhindern. Nur bei Vollbeschäftigung dürfen und
müssen Personalkosteneinsparungen durch technologischen Fortschritt mehr Gewinn bringen.
8.
Indirekte Steuern auf bestimmte Warengruppen
entsprechend den Personalkosten von der Entwicklung der
Waren bis zum Endverbraucher eignen sich für Regelungsvorgänge in der Wirtschaft und sind mit dem Grundgesetz Deutschlands vereinbar, wie das Beispiel Ökosteuer
zeigt.
213
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
9.
Ähnlich wie die heutige Umsatzsteuer verteuert
eine richtig gestaltete personalkostenabhängige indirekte
Steuer nicht den Export und ist auch unabhängig vom Ursprungsland der Waren. (Z.B. kann bei Importen ein gemittelter Personalkostenanteil angesetzt werden.)
10.
Personalkosten sollten hauptsächlich im Handel entstehen, insbesondere um die Marktkenntnisse der
Verbraucher zu stärken
11.
Eine besonders steuermindernde Wirkung müssen Personalkosten haben, die durch Forschung und Ausund Weiterbildung entstehen.
12.
Eine Unabhängige Behörde ähnlich der früheren Deutschen Bundesbank muss die Regelung der Vollbeschäftigung übernehmen - durch Veränderung von Hebesätzen der oben genannten personalkostenabhängigen indirekten Steuern.
13.
Eine Marktwirtschaft kann nur ausreichend
funktionieren, wenn keine zu starken und keine zu schwachen Marktteilnehmer vorhanden sind. Koalitionen schwacher Marktteilnehmer sind also zu fördern. Zu starke
Marktteilnehmer müssen sich ähnlich einer biologischen
Zellteilung in einzelne voll gegeneinander konkurrierende
Einzelteilnehmer zerlegen. Die derzeitigen Kartellgesetze
sind zu wirkungslos
14.
Der Kapitalmarkt ist entsprechend der Erfahrung und neueren experimentellen Untersuchungen kein
echter Markt, da dessen Teilnehmer als übermäßig gewinnsuchende Menschen prinzipiell nicht in der Lage zu
sein scheinen, genügend rational an diesen Märkten teilzunehmen. Börsen z.B. haben größere Ähnlichkeit mit Spiel214
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
kasinos als mit Markthallen. Auch hier ist eine unabhängige Behörde notwendig, die regelnd wie die frühere Deutsche Bundesbank die Kurse näher am Realwert (real zu
erwartender Ertrag in vernünftiger Nähe zum bisherigen
Ertrag) hält, und somit größere Kursblasen und damit
Crashs nach Möglichkeit zu verhindern sucht. Übermäßige
Kurssteigerung ist Inflation der Wertpapiere
15.
Leben ist grundsätzlich in Zellen organisiert. In
der Wirtschaft ist das ebenso. Zellwände sind schützende
Abgrenzungen gegen andere Zellen und die Umwelt, sie
müssen aber eine gewisse Durchlässigkeit haben, sonst
sind die Zellen nicht lebensfähig. Globalisierung braucht
ähnliche Bedingungen, die Durchlässigkeit der Zellwände
(Handelsgrenzen) muss Not vermeiden ebenso die Überschwemmung oder die Austrocknung.
Anhang A
A 1. Ansätze zu einigen Steuerklassen
und Hebesätzen die sich zur Regelung
eignen
A 1.1.
Personalkostenabhängige Steuersätze für den Handel
Bemessungsgrundlagen sind:
1.
Für die mittlere Bemessungszahl die dann
durch die einzelnen Steuerklassen angehoben oder gesenkt
werden
215
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
2.
Jährlich festsgestellter mittlerer Anteil der Personalkosten von Handelsfirmen in Prozent vom Umsatz,
wenn sinnvoll, abhängig von Wirtschaftszweigen
3.
Notwendiges Steueraufkommen bei Vereinfachung der Einkommensteuer und Verlagerung der Sozialkosten, die nicht auf Privatkosten umgestellt werden können, da sie nicht durch revidierbare persönliche Entscheidung sondern durch Schicksal bestimmt sind. (Wichtiges
Beispiel: echte Krankheitskosten ohne besonderen Komfort)
Für die einzelnen personalkostenabhängigen Steuerklassen):
1.
Personalkosten weniger als ein Achtel des Mittelwertes, der 8-fache Steuersatz des Mittelwertes
2.
Personalkosten weniger als ein Viertel des Mittelwertes, der 4-fache Steuersatz des Mittelwertes
3.
Personalkosten weniger als die Hälfe des Mittelwertes, der 2-fache Steuersatz des Mittelwertes
4.
Personalkosten gleich dem Mittelwert, der 1fache Steuersatz des Mittelwertes
5.
Personalkosten mehr als das Doppelte des Mittelwertes, der 1/2 Steuersatz des Mittelwertes
6.
Personalkosten mehr als das 4-fache des Mittelwertes, der 1/4 Steuersatz des Mittelwertes
7.
Personalkosten mehr als das 8-fache des Mittelwertes, der 1/8 Steuersatz des Mittelwertes
Da die Folgen eines gleichen Hebesatzes für alle Steuerklassen nicht abzusehen sind, müssen die Hebesätze so
ständig neu bemessen werden, dass die Arbeitslosigkeit
216
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
soweit als sinnvoll verschwindet und Umsatz ökologisch
hochwertiger Waren steigt. Die Hebesätze müssen dann so
festgelegt werden, dass sie auch wirken, d.h. Personalsparen nicht per se günstig ist. In der Anfangszeit ist hier sehr
viel Fingerspitzengefühl notwendig. Man wird so beginnen
müssen, dass sich in der Gesamtsteuerlast kaum etwas ändert, sondern nur die Ursachen. Das wird eine Verhaltensänderung in Richtung auf weniger Arbeitslose bewirken,
schon in der Hoffnung, dass sich die Lasten günstig verschieben.
Wenn sich die Wirtschaft in Richtung Vollbeschäftigung
bewegt, werden die Sozialleistungen, die zur Erhaltung der
Würde des Menschen notwendig sind und also über die
Umsatzsteuer zu finanzieren sind, bei wachsendem Wohlstand her laufend verringern.
Im Gesundheitsbereich werden die Kosten aber wegen des
medizinischen Fortschritts immer weiter steigen.
A 1.2.
Ansätze zu einer Luxussteuer
Um eine bessere soziale Komponente in die Umsatzsteuer
zu bringen, könnten drei Steuerklassen genügen:
Basisklasse
Hochwertklasse
Luxusklasse
Die drei Klassen könnten in etwa so voneinander unterschieden werden.
Die Basisklasse beinhaltet alle Waren des normalen Bedarfs, die normale Ansprüche erfüllen. Sie sollen im Endeffekt eher billiger werden, als sie derzeit auf dem Markt
217
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
sind. Sie werden sich in einer unteren Preisklasse bewegen
müssen aber ihre Aufgabe voll erfüllen.
Die Hochwertklasse liegt preislich über der Basisklasse
und verfügt über Merkmale, die besondere Ansprüche erfüllen. Also z. B. technische Daten haben, einen echten
Mehrnutzen gegenüber den normalen Ansprüchen erfüllen.
Die Luxusklasse bezieht sich auf die höchste Qualität,
insbesondere solche die vielleicht ein höheres Prestige
bringen aber deren verkaufter Nutzwert schon über eine
vernünftige Qualitätsverbesserung hinausgeht, also im wesentlichen Luxus beinhaltet
A 1.3.
Altersversorgung
Eine Grundrente, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, ist über die Umsatzsteuer zu finanzieren. Ob es sinnvoll ist, eine Besserversicherung verpflichtend zu gestalten, hängt stark von der Höhe der Grundrente ab. Darüber
hinaus muss es das Ziel eines Regelkreises sein, die Höhe
der Rente in der Nähe der letzten normalen Einkünfte zu
halten, ohne z.B. die Arbeitslosigkeit zu fördern, wie es
bei dem derzeitigen System der Fall ist, da nur der Faktor
Arbeit durch die Rentenfinanzierung belastet ist.
Die Möglichkeit, statt die Rente über eine Umlage zu bezahlen aus einem Kapitalstock zu finanzieren bringt nicht
unbedingt Vorteil bei rückläufiger Bevölkerungsentwicklung. Wird die Rente aus der Umlage bezahlt, müssen die
Jungen diese bezahlen. Werden die Renten aus den Zinsen
der Guthaben der Alten bezahlt, müssen die Jungen diese
Guthaben verzinsen. Das ist nur technisch verschieden,
aber der Effekt ist derselbe, wenn man nicht glaubt die
218
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Amerikaner oder die Afrikaner zahlen die deutschen Renten.
Auch hier können nur Regelkreise helfen. Eine entsprechende Steuerentlastung bzw. negative Steuer muss für
Gerechtigkeit bezüglich der Kosten für die Kinder sorgen
und ein Regelkreis muss für entsprechende Einwanderung
sorgen. Aber auch in diesem Bereich kann man nicht mit
starren Zahlen arbeiten, sondern braucht eine Behörde, die
entsprechend ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Ziele und
ihre gesetzlich vorgeschriebenen Eingriffsmöglichkeit
auch dieses System ähnlich wie ein Thermostat in vernünftigem Bereich regelt. Wird das nicht so gestaltet, bauen
sich nach kurzer Zeit wieder Teufelskreise auf, die das
ganze System zum Einsturz bringen können.
Anhang B
B 1. zum Thema Kultur
In einer kultivierten Gesellschaft kann Eigentum nur
dadurch entstehen, daß der Eigentum bildende Mensch aus
der Kultur schöpft, indem er Möglichkeiten, die diese Kultur bietet, ausnützt. Die Leistung eines Eigentumsbildners
besteht zum aller größten Teil darin, daß er in der Lage ist,
große Teile der Errungenschaften der Kultur zu nutzen.
Ein einzelner Mensch kann relativ zu den Schätzen der
Natur nur sehr wenig zu deren Vergrößerung aus eigener
Kraft beitragen. Aus diesem Grund geht jede Eigentumsbildung auf Kosten der Gesellschaft. Ein gerechter Anteil
ist nicht zu ermitteln, da Erfolg der Bemühungen von
Menschen nicht nur von deren Handlungen abhängen,
219
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
sondern weitgehend auch von ihrem Glück. Das Lebensrecht aller Mitglieder der Gesellschaft verlangt am Glück
gescheiterte zu unterstützen, ebenso erfordert es, das
Glück der Erfolgreichen nach oben hin zu beschränken.
B 1.1.
Kultur und Marktidee
Die Vermarktung der Kultur, wie sie über das durch Werbung finanzierte Fernsehen oder über sich selbst tragende
Kulturveranstaltungen versucht wird, funktioniert nicht in
dem Sinne, daß sich am Markt das Beste durchsetzt, sondern eher das, was mit der geringsten Vorleistung Unterhaltungswert hat. Da aber für den Lebenserhalt einer Gesellschaft eher die Teile der Kultur notwendig sind, deren
Unterhaltungswert sich erst nach ausreichenden und nicht
immer kleinen Vorleistungen erschließt, bringt die unsichtbare Hand des Marktes die Kultur auf die Dauer zum
Verschwinden, wenn man sie dieser Hand überlässt. Da
also die Eroberung der Kultur mit Mühe verbunden ist,
scheint es vom Markstandpunkt eher sinnvoll, wenn das
sich Aneignen der Kultur wie jede andere Arbeit „marktgerecht“ bezahlt wird. Das Erringen einer genügenden
Kultur - oder Bildungsstufe der Einzelnen ist für die heutige Gesellschaft genau so wichtig, wie die Arbeit bei der
arbeitsteiligen Herstellung eines Gebrauchsgegenstandes.
Im Prinzip ist das auch schon heute so, daß z.B. ein Akademiker mehr verdient als ein Arbeiter. Die Zeitspanne
zwischen der Arbeit des Lernens und dem darauf beruhenden Verdienst ist aber heute schon über 20 Jahre. Da in einer so schnelllebigen Zeit wie heute niemand die geringste
Ahnung hat, was er in 20 Jahren seinen „Kulturreservoir“
220
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
entnehmen muss, um ein erträgliches oder besser gutes
Leben zu haben, kann man schwerlich erwarten, daß man
so hochspekulativ in eine ferne Zukunft investiert.
In den Schulen wird immer der fehlende Praxisbezug des
Unterrichtes beklagt. Der lässt sich aber schon wegen der
heutigen Breite der notwendigen Bildung nur noch relativ
sparsam einbringen. Dass die vorhandenen Beispiele auch
noch zufällig in den Interessen- und Erfahrungsbereich eines einzelnen Kindes passen, ist wegen der heutigen Vielfältigkeit des Lebens rein zufällig und außerordentlich unwahrscheinlich. Das nicht durchschaute Beispiel macht die
Sache noch schwerer als die reine Theorie. Damit ergibt
sich für alle Schüler und alle Lehrstoffe von vornherein die
Vermutung, daß der entsprechende Lehrstoff im Leben
nicht gebraucht wird. Eine Gesellschaft, in der Freiheit ein
konstituierender Begriff ist, braucht sich dann nicht zu
wundern, wenn das Interesse an der Schule parallel mit
dem fallenden Unterhaltungswert der Schule gegenüber
den sonstigen Unterhaltungsmöglichkeiten sinkt.
B 2. Effektivere Schulstruktur
Das Angebot der Schule, könnte auch so gestaltet werden,
daß man verschiedene Interessenfelder von Kindern ermittelt und sozusagen Klassen bildet, in denen die Interessenfelder der Kinder und Jugendlichen nahe beieinander liegen. Diese Klassen sollten auch nicht streng nach Jahrgängen getrennt sein. In einer solchen Klasse sollte ein bestimmtes Projekt bearbeitet werden, bei dem jeder seine
Teilaufgabe hat und bei dem jeder entsprechend seiner
Leistung bezahlt wird, und zwar entsprechend seiner Ar221
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
beitsleistung, die sich aus dem Verhältnis Leistungsfähigkeit zur erbrachten Leistung ergibt. Hier könnten dann
Marktkräfte von Tag zu Tag wirken und nicht mit einer
Spekulationsfrist von 20 Jahren. Da für praktisch jeden
Lebensbereich immer in etwa der gleiche Sockel an „theoretischer“ Bildung notwendig ist, lernt man in allen Klassen weitgehend die gleiche grundlegende Theorie und erhält so die Einheit der Kultur. Aber für jede Klasse bleibt
die „Anwendung“ interessens- und lebensnah. Wenn das
Lernen in diesen Klassen dann so vor sich geht, daß immer
zuerst aus der Praxis sich die Notwendigkeit eines theoretischen Wissens ergibt, entfällt die Frage, wofür das gut
sein soll von vorn herein. Dass eine solche Art der Schule
aufwendiger ist als der heutige Unterricht, kann schon
sein, müsste sich aber in der Praxis erst erweisen. In einer
Überflussgesellschaft dürfte dies aber nicht die ausschlaggebende Rolle spielen.
B 2.1.
Schule ist Kinderarbeit - sie sollte
auch so bezahlt werden
Das Bezahlen der Schüler ist aber wieder die Einführung
der Kinderarbeit. Sie war aber über Jahrhunderte in der
Landwirtschaft in der Weise üblich, daß die Kinder hier
langsam vom Spielen zur ernsten Arbeit überwechselten.
In der Schule konnten die dann benutzen Beispiele aus
dem gelebten Leben genommen werden, das in etwa für
alle gleich war. Da dieses System noch fast bis in die Mitte
des 20. Jahrhunderts irgendwie vorhanden war, kann es
nicht so schlecht gewesen sein, denn die Menschen aus
222
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
diesen Generationen haben die Voraussetzungen des heutigen Wohlstandes geschaffen.
Auf diese Weise ließe sich auch die Familienpolitik erträglich gestalten. Kinder würden den Eltern nur noch bis zu 6
oder 7 Jahren voll auf der Tasche liegen. Danach könnten
sie selbst immer mehr zum gemeinsamen Haushalt beitragen und würden so langsam für sich selbst verantwortlich
und stünden ab etwa 14 Jahren auf eigenen finanziellen
Füßen. Da diese bezahlte „Kinderarbeit“ kindgerecht gestaltet werden kann, sind darin keine Nachteile zu sehen.
Die leidige Frage, wer soll das bezahlen, ist in einer Gesellschaft, in der die Arbeit ausgeht, eher in die Frage zu
verwandeln, wie muss ein „Markt“ gestaltet bzw. strukturiert werden, daß er die Verteilung der Wirtschaftsgüter
und die Aneignung der kulturellen Fähigkeit deren Herstellung regelt. Der Markt muss durch seine Kräfte auch
dazu führen, daß jeder die Fähigkeit erlangt, sich Unterhaltung zu verschaffen, die auch ohne destruktive Wirkungen
nicht langweilt. Da - wie der derzeitige „Großversuch“
zeigt - die Nachfrage nach Wirtschaftsgütern sich irgendwie selbst unterhält, lässt sich hier eine Umsatzsteuer erheben, die mehrere „Luxusstufen“ enthalten sollte. Desgleichen ließe sich auf seichte Unterhaltung eine Art Vergnügungssteuer erheben. Mit den oben genannten Wirtschaftsmechanismen, d.h. einer sehr flexiblen Beteiligung
des Staates am Markt, lässt sich auch ein solches System
in ein dynamisches Gleichgewicht bringen.
223
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
B 3. Weitere Regelkreise
B 3.1.
Das Produktionssystem von Toyota
Das Produktionssystem von Toyota ist anerkannt sehr gut
und wird offenbar mit relativ wenig Erfolg in Teilen vielfach kopiert. Das System lässt sich innerhalb der hier im
Westen bei immer noch im klassischen hierarchischen Betriebsaufbau, bei dem weitgehend ohne ernste Rückkopplung wie in der Planwirtschaft nach von oben vorgegebenen Arbeitsplänen gearbeitet wird, auch nicht effektvoll
annähern. Wegen der endlichen Kompetenz der Ingenieure
und insbesondere der Entscheider können solche Arbeitsverfahren nur mit sehr großen Fehlern behaftet sein, die zu
relativ schlechter Qualität und unnötigen Kosten führen
muss. In der Weihnachtsausgabe der Stern Heft 53 2004
findet sich ein ausführlicher Artikel von FRANK
JANSSEN, JAN BORIS WINTZENBURG und SAMUEL
ZUDER (FOTOS); MITARBEIT: KARSTEN LEMM,
MIRIAM MÜLLER
über das Produktionssystem von Toyota. Vom Standpunkt
der Betrachtung von Rückkopplungen aus ist dieses System völlig im Gegensatz zu den westlichen Systemen mit
sehr wesentlichen negativen Rückkopplungssystemen ausgestattet.
Jede Planung und jeder tatsächliche Ablauf wird ständig
darauf „vermessen“ ob es irgendwo Überflüssiges gibt, also ob das vorhandene auch wirklich nötig ist. Wenn Überflüssiges entdeckt wird, wird quasi der Hahn „Grips einschalten zur Beseitigung des Überflüssigen“ umgelegt und
224
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
erst wieder ausgeschaltet, wenn der Überfluss minimiert
ist. Das führt zu Kostenminderungen. Das berühmteste
Beispiel ist das Liefern von Zubehör „just in time“. Wie in
dem Sternartikel steht, lässt sich das so weit treiben, dass
beim Lackieren der Karosse die Sitze bestellt werden, die
dann automatisch vom LKW abgeladen dem einbauenden
Mitarbeiter direkt vor die Arme fährt, der sie dann noch an
ihren genauen Platz steuert und festschraubt.
Die ganze Produktion wird offensichtlich in ihrem Endergebnis genau beschriebene Teilarbeiten zerlegt. Jede Teilarbeit wird dann betmöglichst geplant, eingerichtet und
ausgeführt. Damit ist jederzeit das Ergebnis der Teilarbeit
„messbar“. Gibt es Abweichungen, ist also ein Fehler aufgetreten, werden sofort zwei „Hähne“ aufgedreht: Die Untersuchung ist an der Arbeitsplanung etwas falsch? Und ist
der Mitarbeiter ausreichend ausgebildet worden? Diese
Hähne werden erst wieder zugedreht, wenn die Ursache
des Fehlers festgestellt und er endgültig beseitigt ist. Diese
negative Rückkopplung bringt den Arbeitsgang immer
wieder auf seinen Sollwert zurück, wie der Thermostat die
Solltemperatur wieder herstellt.
Damit das ganze funktionieren kann, werden mehrere
Teilarbeiten zusammengefasst und von einer Mitarbeitergruppe von rund 20 Personen mit einem Gruppenleiter
ausgeführt. Dem Gruppenleiter muss als erstem der Fehler
gemeldet werden. Er leitet dann sofort die Maßnahmen zur
Beseitigung des Fehlers im obigen Sinn ein. Er ist auch
verantwortlich für die genügende Ausbildung der Mitarbeiter. „Kommt ein Mitarbeiter mit seiner Arbeit nicht zurecht, so gibt es dafür nur zwei Gründe: Entweder ist die
225
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Arbeit falsch geplant, oder der Gruppenleiter hat den Mitarbeiter nicht genügend geschult.“ Beides muss so schnell
als möglich beseitigt werden.
Die Mitarbeiterschulung ist also ganz bedeutend. Bei
Toyota wird ein Neuling anfangs ca. 380 Stunden geschult.
In Europa sind im vergleichbaren Fall 180 Stunden üblich
in Amerika unter 50. So ist es auch möglich dass im Mittel
jeder Mitarbeiter pro Jahr 10 Verbesserungsvorschläge
einreicht. Die Verbesserungen und Weitertentwicklungen
werden also nicht weit von der Produktion geplant und
entschieden sondern in direkter Beteiligung also Rückkopplung mit den betroffenen Mitarbeitern. Die westliche
Produktionsweise ähnelt also sehr stark der Planwirtschaft.
Die Produktion von Toyota enthält eine optimale Rückkopplung wie eine optimierte Marktwirtschaft mit entsprechenden negativen Rückkopplungen.
Entsprechend ein vernünftiger freier Markt zufriedene
Kunden schaffen kann, so werden hier auch zufriedenere
Mitarbeiter vorhanden sein, denn sie optimieren ihre Arbeit weitgehend selbst und können auch ein sinnvolles Arbeitsziel erkennen, hinter dem sie auch stehen.
B 3.2.
Regelkreise in der Kerntechnik
Die Kerntechnik wird von Insidern als die Technik gesehen, die den höchsten Sicherheitsstandard erreicht hat.
Von Kernkraftgegnern wird sie als die gefährlichste gesehen. Beides hat zunächst einmal denselben Grund. Eine
Atombombe ist wohl die Waffe mit den schlimmsten Folgen für die betroffene Bevölkerung. Unkontrollierte Kettenreaktion von Uran setzt außerordentlich große Ener226
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
giemengen und für den Menschen giftig wirkende Stoffe
frei. Deshalb war von Anfang die Sicherheit ein wesentlich
viel stärker beachteter Bereich als z.B. in der Automobilindustrie. Tatsache ist, dass seit der Einführung der Kernenergie in Deutschland nur sehr wenige Mensche zu Tode
gekommen sind, sodass sie in keiner Statistik nennenswert
erscheinen. Das Auto wird dagegen als relativ ungefährlich
angesehen, fordert aber in Deutschland auch heute noch
über 6 000 Tode pro Jahr und es waren schon 14 000. Dies
zeigt jedenfalls, dass sich prinzipiell gefährliche Dinge
durch ausgefeilte Sicherheitstechnik auch über Jahrzehnte
unter Kontrolle halten lassen. Der relativ glimpfliche Unfall von Harrisbourg und der verheerende in Tschernobyl
sind beide nicht durch falsche Sicherheitstechnik, sondern
durch Fehlverhalten von Menschen verursacht worden, die
weit über dem möglichen Fehlverhalten von Autofahrern
liegen, und besonders im Falle von Tschernobyl sehr
schwer verständlich sind.
Wie funktioniert nun ein Kernreaktor. Trifft ein elektrisch
neutrales Atomkernteilchen, ein Neutron, auf einen Kern
des Urans 235 (eine bestimmte Uransorte), so wird dieser
Atomkern gespalten. Es entstehen dabei zwei schwere,
schnell davonfliegende Trümmer (andere Atomkerne) und
2 bis 3 Neutronen. Jedes dieser 2 bis 3 Neutronen kann
nun wieder einen Uranatomkern spalten, wobei wieder
dasselbe geschieht. Eine Kernspaltung verursacht also
mindesten 2 weitere Spaltungen und diese dann wieder
jeweils zwei also insgesamt mindestens vier Spaltungen.
Da von Spaltvorgang zu Spaltvorgang sehr kleine Bruchteile von Sekunden vergehen, ergibt sich über diese Ket227
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
tenreaktion in kürzester Zeit eine atombombenartige Explosion.
Wenn man nun einen Atomkernreaktor bauen will, muss
man dafür sorgen, dass keine Explosion entsteht sondern
ein sehr langsames genau regelbares Feuer. Theoretisch ist
das relativ einfach zu bewerkstelligen. Man braucht bei jeder Atomkernspaltung nur einen Teil der bei der Spaltung
entstehenden Neutronen wegzufangen, so dass von jeder
Spaltung nur ein einziges Neutron übrigbleibt, das eine
neue Spaltung verursacht. Wenn also z. B. 1000 Kerne gespalten werden, entstehen im richtig konstruierten Kernreaktor 1000 Neutronen, diese 1000 Neutronen können nun
wieder 1000 Urankerne spalten. Das Uranfeuer unterhält
sich also durch die Kettenreaktion von selbst und wird
weder weniger noch mehr. So kann man mit einer bestimmten Ladung mit Uran ein Kernkraftwerk ein ganzes
Jahr Strom erzeugen lassen, ohne neuen Brennstoff nachladen zu müssen.
Die technische Frage für das wirkliche Betreiben von
Kernreaktoren ist nur, wie kann man immer so genau die
richtige Menge von Neutronen wegfangen, so dass bei jeder Spaltung von den entstehenden 2 bis 3 Neutronen nur
ein einziges für eine weiter Spaltung übrig bleibt.
Das funktioniert praktisch auf keinen Fall so, dass man
von Hand sogenannte Steuerstäbe mehr oder weniger in
den Reaktor hineinfährt, die aus Material bestehen, das
Neutronen einfangen kann. Wie schon erwähnt vergehen
von einer Spaltung zur nächsten Spaltung nur sehr kleine
Bruchteile von Sekunden, so dass man mit dem Steuerstabschieben nie nachkäme. Hier hätten wir also denselben
228
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Fall, wie in der üblichen Wirtschaftspolitik , nämlich dass
die Wirkung dieser Steuerung viel zu spät käme und der
Reaktor in kurzer Zeit zerstört wäre.
Die wirklich laufende Reaktoren sind nun so konstruiert,
dass sie sich weitgehend selbst regeln. Der Reaktor ist in
seiner Konstruktion und der Reaktorkern – also das uranhaltige Innere des Reaktors – so aufgebaut, dass beim
wärmer werden des Reaktors mehr Neutronen eingefangen
werden und beim kühler werden des Reaktors weniger
Neutronen eingefangen werden. Ein solcher Reaktor verhält sich also wie ein thermostatgeregelter Ofen, ohne dass
jemand etwas daran machen müsste. Bei sogenannten
Druckwasserreaktoren wird der Druck im Reaktorkessel
durch einen relativ einfach konstruierte Druckhalter konstant gehalten. In diesem Fall kann man verschieden viel
Strom aus dem über den Reaktor angetriebenen Stromgenerator (Dynamomaschine) entnehmen - ganz entsprechend dem Stromverbrauch. Durch diese Konstruktion regelt der thermostatartige Kernreaktor sich entsprechend
selbsttätig rauf oder runter. Es muss also auch dann niemand nachstellen, wenn mehr oder weniger Strom von den
Verbrauchern entnommen wird.
Für uns wichtig ist hier nur, dass es den Ingenieuren gelungen ist, einen Reaktor zu konstruieren, bei dem naturgesetzliches Verhalten von Material und Konstruktionen,
das man in keiner Weise verändern kann, so kunstvoll so
miteinander zu kombinieren, dass das ganze System sich
dem willkürlichen Verhalten von ganz realen Verbrauchern augenblicklich und ohne das geringste Zutun eines
Heizers oder eines Computers anpasst. Und das Jahrzehnte
229
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
lang. Das funktioniert auch ohne Unfall, wenn nicht im
Reaktorbetrieb für grobe Eingriffe z. B. zum Brennstoffwechsel dafür völlig ungeeignete Menschen eingesetzt
werden. Reaktorunfälle lassen sich auf ähnliche Weise erzeugen wie man auch Kriege oder ähnliches beginnen
kann.
B 3.3.
Kreditsicherung für Unternehmen
Im Mittelalter war wegen des Überwiegens der Landwirtschaft und der Notwendigkeit eines Handels- oder Handwerkshauses für eine wirtschaftliche Tätigkeit, Absicherung eines Kredites durch Verpfänden von Grundstücken
sehr sinnvoll. Bei ordentlicher Geschäftsführung war die
wirtschaftliche Kraft der Größe, Lage und Nutzung dieser
Grundstücke proportional. Bei nicht zu hohem Beleihungssatz, war ein solcher Pfandbrief sehr sicher. Im Regelfall konnte er bedient werden und wenn nicht, konnte
man einen Käufer finden, der die Sache erfolgreich übernehmen konnte. Der Hauptvorteil einer Immobilie für einen Gläubiger, nämlich ihre Immobilität kam voll zum
tragen, sie konnte nicht wie jede bewegliche Sache abhanden kommen.
Aus dieser Zeit stammt noch die relativ hohe Kreditwürdigkeit von Grundstücken. Im heutigen Wirtschaftsleben
ist nur noch in sehr wenigen Fällen die wirtschaftliche
Kraft eines Unternehmens mit einer Immobile gekoppelt.
Da ein gewisser Wert und die Immobilität - heute gekoppelt mit einen kleinflächigen Grundbuch - aber bei den
Immobilien auch heute noch vorhanden sind, haben sie
wohl vor allem wegen der scheinbaren Einfachheit heute
230
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
noch eine große Bedeutung im Kreditwesen. In einer
wachsenden Wirtschaft, in welcher der wirtschaftliche Ertrag eines Unternehmens pro notwendigem Quadratmeter
nicht konstant ist und sehr verschieden sein kann, ist die
Pfandtauglichkeit von Immobilien problematisch geworden. Um immer mehr Kredit absichern zu können mit einer wenig wachsenden Zahl infrage kommender Immobilien, werden diese immer höher bewertet. Das führt auf der
einen Seite zu Spekulationsgewinnen verteuert aber dafür
die Sache für den aktiven Nutzer. Die Folge sind notwendig höhere Löhne und Preise, d.h. Inflation. Man gibt also
erspartes zur Bank, die leiht es an Unternehmen aus, die es
mit Immobilien absichern müssen. Die Spekulationsgewinne bei den dabei ablaufenden Immobiliengeschäften
erzeugen Inflation und entwerten so das Ersparte. In einer
wirtschaftlichen Krisensituation verlieren die Immobilien
ihren Wert und die Absicherung ist auch nicht mehr gegeben. Inwieweit die Immobilie heute noch ein sinnvolles
Kreditpfand für Wirtschaftskredite darstellt ist somit sehr
fraglich. Die Kreditsicherung ist hier mehr optischer als
reeller Natur. Wenn dieses Spiel keine gravierenden Nachteile für die Gesellschaft hätte, könnte man es die Illusion
des Geldwertes stützen lassen, die kurzfristige Schwingungen des Geldwertes dämpft.
Die nicht sehr sachgerechte Kreditabsicherung durch Immobilien verteuert aber das lebensnotwendige Wohnen des
Menschen völlig unnötig. So ist für viele Familien eine
vernünftige Wohnfläche nicht mehr zu bezahlen und es
wird nach dem Sozialstaat gefragt. Mit diesen staatlichen
Hilfen wird auch die Bodenspekulation bezahlt. Bei diesen
231
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Staatsausgaben handelt es sich eher um Spekulantenhilfe
als um soziale Hilfe, obwohl sie im Staatshaushalt unter
Sozialkosten firmieren. Der staatliche Finanztransfer, wird
mit sozialen Verpflichtungen der Gesellschaft gegen ihre
schwachen Glieder begründet, ist aber weitgehend ein
staatlicher Geldtransfer von unten nach oben.
Ein junges Unternehmen hat Kreditbedarf. Kredit kann
häufig nur in der Höhe von 80% des in einer Immobile
steckenden Eigenkapitals gegeben werden. Das war früher
bei einem Landwirtschaftsbetrieb eine kräftige Starthilfe.
Für ein modernes High-Tech-Unternehmen ist ein solcher
Kredit völlig nutzlos. Da eine Immobilie nicht gebraucht
wird - es genügt die berühmte Garage oder das Wohnzimmer - muss mehr Eigenkapital in die Immobilie gesteckt
werden als der Kredit ausmacht.
Viel interessanter für die Kreditsicherung wäre da ein
Pfand auf eine ausgearbeitete von vereidigten und zur Geheimhaltung verpflichteten Sachverständigen geprüften
aber gegen unbefugtes Benutzen abgesicherte Geschäftsidee und ein Zweijahresvertrag für die Arbeit in einem
Zeitarbeits-Unternehmen mit einen Gehalt, das auch bei
Abtretungen noch zum Leben ausreicht. So könnte das Eigenkapital und ein bis 2 hunderttausend Euro in das zu
gründende Unternehmen gesteckt werden. Ist die Sache
spekulativ aber vielversprechend könnte auch Risikokapital vermittelt werden.
Dies würde allerdings bei den Kreditinstituten einigen
Sachverstand erfordern, der allerdings auch dort wieder
vernünftige Arbeitsplätze schaffen könnte.
232
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Basel 2 ist wohl ein Schritt in die richtige Richtung, da
hier die Bonität der Kreditnehmer eher an deren Ertragskraft ausgerichtet ist. Da auf die neuen Regeln die Betroffenen noch nicht genügend eingestellt sind und es sehr
unwahrscheinlich ist, dass die Institutionen die das hier
notwendige Ranking durchführen mit genügend Sachkenntnis und Erfahrung ausgestattet sind, wird es hier zu
sehr viel Reibungsverlusten kommen. Die Blase des neuen
Marktes hat gezeigt, dass die oft selbsternannten Analysten bei weitem nicht die technische Situation und die Situation am Markt zutreffend beurteilen können. Die dazu
notwendigen Fachleute müssen erst im Laufe der Zeit entstehen. Bei dem geringen technischen Background der
Volks- und Betriebswirte und den geringen wirtschaftlichen Background der Ingenieure kann das eine ganze
Weile dauern.
B 3.4.
Fußballmannschaft ein Modell für
eine Vernetzte Gesellschaft
Ein bekannter Mann hat einmal gesagt, das Verfolgen eines Fußballspieles wäre deshalb so interessant, weil man
beobachten kann, wie 11 relativ weit verteilte Menschen
jeweils aus einer unvorhersehbaren Situation heraus sinnvoll so zusammenspielen, dass nach einer ganzen Reihe
sinnvoller Operationen, der Ball schließlich im gegnerischen Tor landet. Er meinte, so ähnlich müsste auch die
Wirtschaft funktionieren. Der gravierende Unterschied besteht aber gegenüber dem Fußballspiel darin: In der freien
Wirtschaft wären dann 22 Männer auf dem Spielfeld. Je233
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
der spielt gegen Jeden. Und das Tor ist wohl hinter der gesamten Auslinie.
B 3.5.
schritt
Rolle der Kapitalisten für den Fort-
Die Rolle der Kapitalisten im technischen Fortschritt, der
den heutigen Wohlstand gebracht hat, wird ständig überbewertet. Der Kapitalist ist heute weniger ein Förderer des
Fortschrittes als vielmehr eine träge Masse, die den Fortschritt moderiert. Ein gewisser Moderator des Fortschrittes
ist allerdings notwendig, da sonst ein Tohuwabohu entstünde. Bei der heute existierenden Masse von Ingenieuren
ist der Neuerungsdrang eher zu bremsen als zu fördern.
Völliger Unsinn ist es daher, die Kapitalisten zu hätscheln
um den Fortschritt zu sichern. Träge Massen finden sich
auch anderswo. Heute ist es Schicksal der meisten Ingenieuraktivitäten, daß sie abgewürgt werden, ehe sie auch nur
auf dem so heiligen Markt erschienen wären. Oder sie
werden eingesetzt um ein Produkt zu verbilligen und zwar
sehr zu lasten seiner Qualität. So etwas nützt aber nur dem
gerade handelnden Kapitalisten kurzfristig selbst und
bringt keinen echten nachhaltigen wirtschaftlichen Vorteil.
Die Rolle der Kapitalisten ist eher mit der Rolle des Früheren Adels zu vergleichen, dessen Macht und Einfluss die
Kapitalisten übernommen haben. Das Zusammenleben mit
solchen Gruppen ist für die Menschen eine Art von Symbiose mit Schmarotzern. Der Mensch kann ohne Darmflora nicht leben. Diese Bakterien wollen aber nicht dem
Menschen nützen sondern sich selbst ernähren. Dem Menschen bleibt nur der Abfall, aber das reicht ihm zum Leben
234
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
aus. Es wird wohl immer eine Schmarotzergruppe Leben
in die Menschen bringen müssen. Wenn der Schaden mit
der Zeit größer als der Nutzen ist, muss man die Gruppe
wieder austauschen, was wegen der positiven Rückkopplung meist in einem Gewaltakt geschieht: Revolution oder
Krieg. Auch hier helfen ohne solche Exzesse nur gegengekoppelte Dämpfungsmechanismen mit Strukturen ähnlich
der deutschen Bundesbank.
Eine wesentliche Voraussetzung des Fortschrittes ist die
Freiheit und das Nichtvorhandenseins von detaillierten
Plänen, denn diese können im statistischen Mittel nur
falsch sein. Diese Regel gilt immer.
B 3.6.
Wertschöpfungen mancher Manager
sind eher heiße Luft
Es gibt auch Manager, die zwar eine Aktiengesellschaft
leiten und damit Teilfunktionen eines Unternehmers ausüben. Ihr Risiko ist aber um Größenordnungen kleiner als
die eines echten Unternehmers. Es liegt eher in der Art des
Risikos eines Angestellten. Die Regressmöglichkeiten der
Firmen sind auch gegenüber den Managern sehr beschränkt. Wenn solche Leute überhöhte Vergütungen erhalten, wird das auch oft damit begründet, dass sie große
Werte schaffen. Ein krasses Beispiel war die Abfindung
des Herrn Esser im Zusammenhang mit der Zerschlagung
von Mannesmann. Hier wurde behauptet, Herr Esser hätte
Wertsteigerungen von Hunderten von Millionen wenn
nicht gar Milliarden bewirkt. In Wirklichkeit wurden entsprechende Werte vernichtet, da ganze Werke schließen
mussten, Maschinen nur noch Schrottwert hatten und viel
235
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Know-how unwiederbringlich verloren ging. Irgendwelche
Wertsteigerungen bei Aktienkursen, die während dieser
„Übernahmeschlacht“ aufgetreten sind, waren ja nur Illusionen, die einen späteren hohen Verdienst erwartet haben.
Nur Spieler, die rechtzeitig eingestiegen und wieder ausgestiegen sind, haben gewonnen also auch eine Art
Schmarotzer. Die nächste Krise im Telekomgeschäft
kommt bestimmt und damit sind die Papierwerte wieder
verschwunden.
B 3.7.
Zum Schlagwort der Staatsquote
Unter der Annahme, die kapitalistische Marktwirtschaft
löst alle Aufgaben besser als der Staat, muss man den Anteil des Staates am Geldkreislauf möglichst klein halten.
Das gilt aber nur unter dieser Voraussetzung. Für manche
Bereiche ist diese Voraussetzung erfüllt, für manche Bereiche nicht. Der Bereich in dem sie sicher erfüllt ist, ist
der industrielle Bereich. Gar nicht erfüllt ist diese Voraussetzung z.B. in der Ökologie, im Gesundheitswesen und in
bestimmten kulturellen Bereichen.
Eine Randbedingung für die Richtigkeit der Behauptung,
die Staatsquote sei klein zu halten, ist, daß die kapitalistische Privatwirtschaft alle vorhandenen Menschen sinnvoller beschäftigen kann als z.B. der Staat oder andere nicht
kommerzielle Bereiche. Diese Randbedingung ist bei der
heutigen Arbeitslosigkeit offensichtlich nicht erfüllt.
Eine Beschäftigung, welche die betroffenen Menschen in
eine (relative) Armut bringen, kann nicht als sinnvolle Beschäftigung angesehen werden.
236
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Nehmen wir einmal um die Verhältnisse schlaglichtartig
zu beleuchten zwei Extreme Situationen an, nämlich die
Staatsquote wäre nur 10% oder aber die kapitalistische Industriequote wäre nur 10%. Da heute der Gesundheitsbereich etwa 10% des Geldkreislaufes ausmacht und der Gesundheitsbereich marktwirtschaftlich nicht funktionieren
kann, da Krankheiten nicht nach dem Einkommen fragen,
bliebe bei nur 10% Staatsquote z.B. für die Verkehrsinfrastruktur nichts mehr übrig. Es ist leicht einzusehen, daß
das nicht funktioniert.
Den Medizinbereich zu privatisieren würde eine Menge
privater Versicherungen bedeuten, die versuchen würden,
die Gesunden zu versichern und die Kranken möglichst los
zu werden. Sollte dieser Effekt nicht eintreten, müssten die
privaten Versicherungen nach den gleichen Prinzipien betrieben werden wie die öffentlichen. Privatwirtschaftliche
Effektivität könnten hierbei nur den Bereich der Gebäudereinigung und den Computerservice der Versicherungen
erzielen.
Bei einer Industriequote von 10%, die dann sinnvoll wäre,
wenn der Anteil der benötigten Menschen in der Industrie
auf 10% abgefallen ist, kann es zwei Grenzsituationen geben. Der Staat verhilft allen Menschen zu einer Kaufkraft,
die etwas niedriger als die der in der Industrie beschäftigten ist. Damit sind alle Menschen in der Lage, etwa die
gleiche Menge Industriegüter zu kaufen, wie die in der
Wirtschaft beschäftigten. Damit kann der Umsatz der Industrie 10 mal höher liegen, als in dem Fall, daß der Staat
die nicht in der Industrie beschäftigten arm hält. Da die
Kapitalisten ihre Umsatzrendite in einem freien Markt
237
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
nicht willkürlich nach oben schrauben können, ist das Einkommen der Kapitalisten stark umsatzabhängig und steigt
in diesem Falle mit der Staatsquote an. Die kapitalistische
Industrie lebt bekanntlich vom Markt. Bei armen Menschen ist aber kein Markt.
B 3.8.
Einige Bemerkungen zum Geld
Geld bringt man zur Bank. Die Bank leiht es z.B. an Siemens aus. Siemens produziert Waren und macht davon
Gewinn. Einen Teil des Gewinns verwendet Siemens um
die Zinsen an die Bank zu zahlen und den Kredit zurückzuzahlen. Einen Teil der Zinsen bekommt man für sein
Geld von der Bank. Die Bank sorgt dafür, daß man sein
Geld zurück haben kann, ohne daß im gleichen Moment
Siemens den Kredit zurückzahlen muss. Die Bank bekommt nämlich gerade von einem anderen Kunden neues
Geld, so daß die Bank an Siemens langfristige Kredite geben kann. Für den Privatmann hat die Bank den Vorteil,
daß er über sie Geld an die gut verdienende Firma Siemens
geben kann, ohne sich auf lange Laufzeiten einstellen zu
müssen.
Leider ist nun Siemens eine Firma, die in ihrer Kasse viel
mehr Geld hat, als sie zum Herstellen der Waren braucht.
Da sie damit aus der Produktion nichts verdienen kann,
macht sie damit Geldgeschäfte und verdient damit auch
Geld. Nun ist es bei Siemens oft so, daß die Gewinne aus
dem Geldgeschäft höher sind als die Gewinne aus der Produktion.
Der Wert des Geldes bemisst sich an dem, was man dafür
kaufen kann. Es muss also für alles Geld ein Gegenwert
238
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
existieren. Nach einem Krieg z.B. war das nicht der Fall.
Alle Bankkonten werden während eines Krieges ständig so
weitergeführt als ob nichts passiert wäre. Auf dem Papier
haben also alle Leute viel Geld. Die Fabriken, an die das
Geld ausgeliehen war, sind weitgehend zerstört oder wie
nach dem ersten Weltkrieg in Waffenfabriken umgebaut,
die nicht mehr produzieren dürfen. (Hinzu kommt die Lastenverlagerung vom Sieger auf den Besiegten.) Die Fabriken und auch die Regierung können keine Zinsen mehr
zahlen und auch die Kredite nicht mehr zurückzahlen. Das
ganze Geld auf der Bank kann also nichts mehr wert sein.
Wenn man es abholt und etwas kaufen will, ist nichts da,
was man kaufen könnte - also steigen die Preise. Nach
dem ersten Weltkrieg in Deutschland so extrem, daß ein
Laib Brot am Ende etwa eine Billion Mark kostete. Der
Bäcker hatte es gut, der bekam für sein Brot eine Billion
Mark und konnte, wenn er schnell war, dafür wieder Mehl
kaufen und am nächsten Tag sein Brot für zwei Billionen
verkaufen. Aber von dem Geld, das jemand für sein Alter
gespart hatte, war bald nicht einmal mehr der winzigste
Rest übrig.
Nach dem zweiten Weltkrieg wollte man die Sache gerechter lösen und hat die Preise gesetzlich festgehalten. Da
war nichts mit Marktwirtschaft. Um diese wieder in Gang
zu bringen, wurde die Währungsreform durchgeführt. Man
hat abgeschätzt, daß 90% aller Fabriken zerstört waren.
Diese konnten also keine Zinsen zahlen oder die Kredite
zurückzahlen. Um das zu berücksichtigen, hat man alle
Konten 10 zu 1 abgewertet. Jede Mark Guthaben war nur
noch 10 Pfennig wert. Diese kleineren Guthaben konnten
239
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
jetzt wieder mit Zinsen und Rückzahlungen bedient werden.
B 3.9.
Geldstabilität
Dieser Abschnitt stammt noch von 1999
Die Stabilität des Geldes hängt auch davon ab, ob hinter
den von den Banken ausgegebenen Krediten ein reeller,
d.h. heißt zinsenzahlender und rückzahlungsfähiger Kreditnehmer steht. Garant dafür ist die Bank. Das ist ihre
Hauptaufgabe. Wie das ausgebildet ist, kann man sehr
schnell erfahren, wenn man von einer Bank 10 000 Euro
ausleihen will. Da wird man danach gefragt, welchen Beruf man hat, was man verdient, wie groß die Familie ist,
wie viel Schulden man hat, wie viel Guthaben man langfristig angelegt hat, ob man eigene Grundstücke hat usw. natürlich auch, wofür man das Geld braucht. Da nun jeder
Bankangestellte auch einen eigenen Haushalt hat, kann er
aus diesen Angaben sehr kompetent abschätzen, ob der
Kreditsucher die Zinsen und die Rückzahlung leisten kann.
So kann er kompetent darüber befinden, ob es vernünftig
ist, den Kredit zu geben. Die Zahl der faulen Kredite hält
sich dadurch in Grenzen, den noch möglichen Verlust
kann die Bank aus ihrem Rohverdienst tragen.
Wenn die Situation komplizierter wird, wie z.B. im Falle
Schneider, ist es mit der Kompetenz der Kreditvergeber
nicht mehr weit her, und die Bank kann mit einfachen
Tricks reingelegt werden.
Man bekommt als Normalbürger heute schon sehr häufig
am Telefon Wertpapiere angeboten, die sehr spekulativ
sind. Z.B. Warenterminpapiere - also eine Art Wettscheine
240
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
über den Preis irgendwelcher Waren zu einem bestimmten
Zeitpunkt. Für Laien ein reines Glücksspiel. Für Fachleute
hochriskant und für Insider manchmal narrensicher und
daher verboten. Diese Papiere werden gegen reelles Geld
oder mit Krediten mit entsprechenden Sicherheiten gehandelt und müssen also zu einem bestimmten Schätzwert
(Nennwert abzüglich Risikorücklage) in den Bilanzen z.B.
der anlegenden Firmen auftauchen. Diese Bilanzen stehen
wieder für die Sicherheit von Bankkrediten. Diese Art Derivatpapiere gibt es in vielfältiger Verschachtelung. Damit
werden aber auch die Bilanzen der Kredit nehmenden
Firmen in einem weit höheren Maße und auf weitgehend
undurchsichtigere Art spekulativ als sie es normalerweise
sind. Sicher ist kein Papier, da man die Zukunft eines Kreditnehmers nicht voraussehen kann. Die Bank wirkt hier
(Z. B. über Aktienfonds) ausgleichend und im Mittel sind
so die Einlagen sicher. Soweit die übliche Theorie.
Vor einiger Zeit hat ein Autor behauptet, die Wirtschaftskraft der westlichen Welt wäre in den letzten 10 Jahren
etwa um den Wert 1,6 angestiegen. Die diesen Wert repräsentierenden Papiere in Form von Aktien und allen anderen Wertpapieren habe sich aber nominell um den Faktor
10 und noch mehr erhöht. Sollte dies tatsächlich zutreffen,
so müssen wohl eine ganze Menge Papiere stark überbewertet sein und auch allgemein eine Art Wertpapierinflation vorhanden sein, von der man aber nicht redet. Viel
mehr wird der Anstieg der Börsenindices lautstark gefeiert, obwohl es auch da Stimmen gibt, die vor einem möglichen bösen Erwachen aus einem süßen Traum warnen. Der
heute so stark propagierte Einstieg in den Aktienkauf ist
241
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
also sicher mit Vorsicht zu genießen. Manche Firmen haben sicher ein großes geschäftliches Wachstum vor sich.
Die oben genannte Diskrepanz deutet aber sehr stark darauf hin, daß der Optimismus der Analysten im Mittel
stark übertrieben zu sein scheint. Es wird für den Anleger
also sehr darauf ankommen, welchen Anlageberater er sich
aussucht. Vor allem die Asienkrise hat gezeigt, daß manches vom Weitem sehr viel solider aussieht, als es in
Wirklichkeit ist. Und die Russlandkrise lässt ahnen, daß
auch mafiose Strukturen am Geldwert rütteln können.
242
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Literaturverzeichnis
Dieses Verzeichnis ist nicht vollständig, es enthält aber die
wichtigsten Bücher, deren Studium in den Texten seine
Früchte trug. Stehen heute alle in meinem Bücherregal.
Afheld, Horst
Wohlstand für niemand?
Büchergilde Gutenberg
1994, Verlag Anty Kunstmann München
ISBN 3-7632-4392-5
Binswanger, Hans Christoph
Geld und Magie – Deutung und Kritik der modernen Witschaft
1985, Weitbrecht Verlag in K. Tienemanns Verlag Stuttgart Wien
ISBN 3-522-70140-2
Buchheim, Lothar Günter
Die Festung – Roman
Hoffmann und Campe Hamburg
ISBN 3-455-00733-3
Cannetti, Elias
Die Blendung – Roman
1935, 1965, 1995, S. Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt
a.M.
ISBN 3-596-20696-0
Csikszentmihalyi, Mihaly
Psychologieprofessor in Chicago
Flow – Das Geheimnis des Glücks
1992, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart
243
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Ekeland Ivar
Zufall, Glück und Chaos – Mathematische Expeditionen
1992, Carl Hanser Verlag München Wien
ISBN 3- 446-17014-6
Everett Susanne
Geschichte der Sklaverei
1998, Weltbild Verlag, Augsburg
ISBN 3-8289-0320-7
Feynman, Richard P.
Sie belieben wohl zu scherzen Mr. Feynman
1985, 1991, R. Piper GmbH München
ISBN 9-783492-113472
Forrester Vivian
Der Terror der Ökonomie
1997, Paul Zsolnay Verlag Wien
ISBN 3-552-04849-9
Hankel, Wilhelm
Gegenkurs – Von der Schuldenkrise zur Vollbeschäftigung
1984 Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin
ISBN 3-88680-114-4
Hengsbach, Friedhelm SJ.
Prof. für christliche Sozialwissenschaft, Philosophisch
Theologische Hochschule St. Georgen Frankfurt a.M.
Abschied von der Konkurrenzgesellschaft – Für eine neue
Ethik in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
1995, Droemer´sche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.,
München
ISBN 3- 426- 80073-X
244
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Kath, Joachim
Ums Eck denken macht klüger
Weltbild Verlag
ISBN 3-89350-163-0
Martin, Hans-Peter und Schuhmann, Harald
Die Globalisierungsfalle – Der Angriff auf Demokratie
und Wohlstand
1996, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg
ISBN 3-498-04381-1
Perler, Dominik
René Descartes
C. H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung, München
ISBN 3-406-41942-9
Ratzinger, Joseph Kardinal
Salz der Erde – Christentum und Katholische Kirche an
der Jahrtausendwende
1996, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
ISBN 3-421-05046-5
Riemann, Fritz
Grundformen der Angst – Eine tiefenpsychologische Studie
1987 Ernst Reinhardt Verlag, München Basel
ISBN 3-497-00749-8
Rühmkorf, Peter
Bleib erschütterbar und widersteh!
Rowohlt Verlag Hamburg
Rühmkorf, Peter
Die Jahre, die Ihr all kennt – Anfälle und Erinnerungen
1972, Rowohlt Taschenbuchverlag, Einbeck bei Hamburg
IBBN 3-499-15804-3
245
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Schabedoth Hans Joachim
Zukunft ohne Arbeit
1994, Droemer´sche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
München
ISBN 3-426-80057-8
Schwarzer, Alice
Krieg - Was Männerwahn anrichtet und wie Frauen Widerstand leisten
1992, Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt a.M.
ISBN 3-596-11135-8
Ulrich Peter
o. Professor der Wirtschaftsethik Universität St. Gallen
Transformation der ökonomischen Vernunft –
Fortschrittsperspektiven der modernen Industriegesellschaft
1993 Verlag Paul Haupt, Bern – Stuttgart – Wien
ISBN 3-258-04752-9
Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftpolitik 5. Auflage Band 1 und 2
1992 Verlag Franz Vahlen, München
ISBN 3-80006 1676 –9 und 3-80006-1680-7
Watzlawick Paul
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? – Wahn, Täuschung,
Verstehen
1976 R Pieper & Co. München
ISBN 3-492-10174-7
Wolf, Fred Alan
Körper, Geist und neue Physik –Eine Synthese der neuesten Erkenntnisse von Medizin und moderner Naturwissenschaft
246
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Insel Taschenbuch, Insel Verlag Frankfurt a.M. Leipzig
ISBN 3-458-33197-2
247
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Stichwortverzeichnis
Aktienfonds 239
Aldi 166
Alterspyramide 192
Altersversorgung 183,
192
Angst vor
Arbeitslosigkeit 167
Apothekenpflichtigkeit
von Arzneimitteln 176
Approbation von
Apothekern 176
Approbation von Ärzten
176
Arbeit 82, 83, 157, 184,
190, 193, 196, 197,
219, 221, 231
Arbeitnehmer 81, 189,
192
Arbeitslosenquote 170
Arbeitslosigkeit 1, 3, 18,
19, 25, 28, 30, 40, 43,
44, 58, 59, 60, 79, 82,
83, 84, 85, 86, 87, 89,
90, 94, 99, 103, 106,
113, 118, 119, 134,
150, 155, 156, 159,
163, 168, 170, 172,
181, 182, 184, 188,
189, 190, 191, 207,
209, 210, 211, 212,
215, 217, 235
Asien oder Afrika 159
Asienkrise 240
ästhetische Qualität 41
Aufgabe des
Einzelhandels 165
Autoindustrie 166
Automation 83
Bank 183, 229, 236,
237, 238, 239
Bauartzulassung von
medizinischen Geräten
176
Bedürfnis 37, 42, 95
beruflichen
Weiterbildung 168
Betriebsverlagerungen
159
Beweglichkeit der
Arbeitskräfte 103, 170
Beweglichkeit der
Arbeitssuchenden 167
Bildung 169, 219, 220
Bildungserfolge 168
Bildungshindernisse 168
248
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Bildungsmaßnahmen
168
Börsenindex 240
Börsenkursen 47, 53
Chancen 69, 126, 157,
169, 177, 198
Dankgebet 195
Derivate 185
Derivatpapiere 239
Designer 40
Desinteresse der
Arbeitnehmer an der
Firma 165
deutsche Bundesbank
53, 57, 203
Egoismus 78, 126, 128,
174, 177
Eigenfrequenzen 46
Eigenkapital 230
Eigentum 88, 187, 218
Einzelhandel 167
Endverbraucher 39, 114,
117, 157, 212
Energieerhaltungssatz
46, 49, 138
Enttäuschung 167
Entwicklungszeiten 164
Erfahrungsbereich 219
Erhard 83, 85, 123
Erhardsche
Wirtschaftswundereffe
kte. 84
Erlebnis 42, 167, 207
Erlebniseinkaufen 165
Erstausteilung 204
Ethik 174
Europa 186, 187
Exekutive 16
Existensminimum 190
Fabriken 237, 238
Fachgeschäft 166
Familienpolitik 221
Fernsehen 218
Fortschritt 82, 157, 191,
195, 196, 197, 202,
232
Freien Markt 123, 172,
174
freier Markt 56, 225
Freier Welthandel 78
Freiheit 78, 187, 189,
201, 220, 233
Friedmann 17, 61, 63
GAU 188, 200
Geld 181, 182, 183, 184,
185, 198, 200, 236,
237, 238, 239
Geld borgen 44
249
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Geld, Geldwert,
Konjunktur 181
Geldmenge 83
Geldpolitik 199
Geldwertstabilisierung
der deutschen
Bundesbank 5
Geldwertstabilität 182
Generationenvertrag 192
Gerechtigkeit 126, 127,
184, 217
Geruchsbelästigung 165
Gesellschaft 78, 79, 157,
185, 186, 189, 191,
194, 195, 197, 201,
218, 219, 220, 221,
230
Gespräch von Mensch zu
Mensch 166
Gesundheitswesen 157,
175, 235
Gewaltmonopol 201
Gewerkschaft 83, 196,
197
Gleichgewichten 4, 53
Globalisierung 18, 35,
68, 73, 77, 78, 81, 120,
132, 134, 144, 146,
153, 204, 209, 214
Glück 202, 218
Gold 184
Gott 195
Grundbuch 229
Handel 73, 78, 82, 157
Handwerker 193
Hebesatzänderung 131
High-Tech-Unternehmen
230
Hochlohnland 84
Hoffnung 114, 168, 216
Homo Ludens 42
Homo Ökonomikus 40,
41, 42
Immobiliengeschäft 229
Industrie 77, 82, 159,
184, 186, 236
Industriegüter 158, 193,
236
Industriequote 235, 236
Inflation 182, 183, 199,
229
Inflationrate 184
Information 78, 199, 202
Instabilität 78, 171
japanische Firmen 164
just in time 223
Kapital 27, 28, 30, 43,
44, 96, 104, 159, 188,
193
Kapitalist 186, 232, 236
250
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Kapitallebensversicherun
gen 183
Kapitalmarkt 43, 73, 213
Kaptalmarkt 184
Kaufkraft 26, 29, 31, 40,
43, 44, 60, 61, 62, 83,
84, 86, 90, 91, 92, 119,
120, 122, 143, 151,
153, 182, 236
Kaufzurückhaltung 107,
166
Kernkraftwerke 188
Kerze 110
Keynes 16
Knecht 194
Know-How-Besitzer
194, 195, 196, 197
Kompetenz 239
König 194, 195, 196,
198
Konjunkturausgaben 17
Konjunkturschwankunge
n 16
Konsumenten 38, 40, 44,
69, 70, 143, 150
Kopplungsstärke 47
Kreditpfand 230
Kreditsicherung 228,
230
Kreditwürdigkeit 229
Krieg 237
Kultur 204, 218, 220
Kulturstiftung 187
Ladenöffnungszeiten 4
Lagerhausatmosphäre
165
Landwirtschaft 82, 186,
221, 228
Lehrstoffe 220
Leistung 87, 127, 128,
166, 167, 189, 191,
218, 220
Leistung für den Kunden
167
Leistungsgesellschaft
127
Liberalisierung 4, 116,
166
Liebe 202
Löhne 83, 191, 192, 229
Lohn-Preis-Spirale 83
Macht 39, 78, 129, 180,
187, 193, 197, 198,
201, 233
manipuliert 41
Markt 73, 78, 84, 157,
158, 180, 186, 194,
198, 199, 201, 202,
218, 222, 232, 236
Marktinstrumente 202
251
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Marktmacht 36, 39, 98,
180, 187, 199, 201
marktnotwendigen 200
Marktordnung 186, 189
Marktstörer 202
Marktteilnehmer* 187
Marktwirtschaft 158,
186, 198, 234, 238
Maschinen 77
Massen 79, 232
Medizinbereich 235
Mehrwertsteuer 158
Mensch 204, 218
Menschen 84, 159, 181,
184, 188, 192, 204,
218, 221, 230, 235,
236
Menschenwürde 174
menschliche Kapital 164
Minimalgesellschaft 194
Mitarbeiterschulung 224
Mittelalter 228
Motivation 58, 162, 165,
168, 169
Musiklärm 165
Nächstenliebe 78, 174
Natur 196, 218, 230
Nebenbedingung 170
negative
Rückkopplungen 5,
23, 143, 225
neoklassischen
Wirtschaftstheorien 4
Nichtvoraussehbarkeit
186
Niederlohnland 84
Ökologie 80, 122, 235
Optimismus der
Analysten 240
optischen Industrie 164
Ordnungsstrukturen 199
Ozeandampfer 203
Personalfreisetzung 167
Personalkosten im
Handel 165
Personalkostenabhängige
Umsatzsteuer 159
Pfandtauglichkeit 229
Photo 41
Planwirtschaft 4, 33, 34,
52, 98, 100, 101, 103,
105, 124, 175, 186,
209, 211, 222, 224
positive Rückkopplung
5, 17, 19, 36, 51, 108,
125, 142, 150, 205
Praxisbezug des
Unterrichtes 219
252
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Produktion 82, 84, 196,
237
Produktionssystem 222,
223
Produktionsumstellung
164
Qualität 37, 39, 41, 91,
97, 117, 131, 163, 207,
216, 222, 233
Qualitätskenntnis 39
Qualitätsunterschiede
118, 167
Rahmenbedingungen 5,
16, 141, 154
Ratio-Arm-Spirale 62,
80, 82, 83, 84, 86, 92,
94, 96, 97, 99, 102,
103, 105, 114, 124,
157, 163, 167, 168,
171, 209
Ratio-Reich-Spirale 85
Recht 190
Reformen 4, 5, 20, 23,
35, 50, 64, 86
Regelkreis 187, 203
Regelkreise 24, 33, 34,
35, 51, 52, 54, 65, 67,
76, 84, 120, 123, 124,
130, 175, 188, 190,
217, 225
Regelung 187, 188, 204
Regelziel
Vollbeschäftigung
170
Region 187
Regionale Märkte 180
Rendite 43, 44, 84
Rentenversicherung 183,
192
Reservat 82, 185, 186
Reservat für die
kapitalistische
Industrie 185
Roboter 184, 197
Rückkopplung 4, 16, 18,
19, 22, 23, 24, 32, 34,
36, 37, 38, 40, 43, 47,
48, 49, 51, 53, 54, 59,
60, 64, 70, 82, 83, 88,
97, 103, 107, 108, 109,
110, 111, 112, 113,
114, 124, 125, 178,
188, 200, 205, 207,
209, 210, 211, 222,
224, 233, 257
Rückkopplungen 4
Rückkopplungskreis 32,
34, 51, 79, 110, 113,
115, 120, 128
253
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Rückkopplungssystem
74, 203
Rudereinschlag 203
Rußlandkrise 240
Schlussverkäufe 43
Schönheit 202
Schule ist Kinderarbeit
221
Schulen 219
Schulstruktur 220
schwache
Marktteilnehmer 78,
202
Schwarzarbeit 157, 193
Schwingungsneigung
200
Service des
Einzelhandels 167
Shareholder Value 165
Shopping 42, 43, 107
Siemens 236, 237
Solidarsystem 81, 157
soziale Netz 204
soziales Netz 159
Sozialkosten 157, 230
Sozialpolitiker 159
Sozialstaat 159, 230
Sozialsystem 81, 82
Sozialsystem in
Deutschland 82
Sparer 183, 184
Spekulationsgewinn 229
Staat 16, 17, 30, 65, 70,
88, 89, 100, 119, 132,
135, 138, 139, 140,
141, 142, 143, 157,
179, 189, 201, 204,
234, 235, 236
Staatsaufgaben 158
Staatsquote 158, 234,
235, 236
Stern Heft 53 2004 223
Steuermann 203
Streikwellen 159
Strukturen 79, 82, 198,
203, 240
Südeuropa 159
Supermarkt 38, 39, 40,
97
Tarifautonomie 159
Tauschhandel 194
technische Entwicklung
18, 44, 82, 116, 161
technische Fortschritt 4,
50, 98, 104, 115, 129,
159, 160, 163, 208
Technologie 44, 96, 150,
184
Technologie-Änderung
184
254
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Teilsolidaritäten 199
Teufelskreis 1, 3, 23, 40,
44, 128, 171, 207
Thermostat 1, 3, 5, 19,
22, 23, 24, 45, 64, 110,
111, 112, 130, 132,
203, 206, 207, 218,
224
Toyota 222, 223, 224
Überflussgesellschaft
94, 122, 123, 207, 211
Überflußgesellschaft 221
Überflüssiges 223
Umlage 189, 191, 192
Umsatzrendite 165, 236
Umsatzsteuer 82, 157,
193, 222
Umsatzsteuer für den
Handel 165
Umsatzsteuerformen
171
Umsatzsteuerklassen
158
Umverteilung durch den
Staat 204
unabhängige Beratung
167
Unterhaltung 222
Unterhaltungswert 219,
220
Verlangsamung des
technischen
Fortschritts 164
Verpackung 40, 41, 166
Verstärker 48, 107
Vollbeschäftigung 58,
83, 88, 90, 103, 130,
162, 163, 170, 182,
184, 189, 191, 210,
211, 212, 213, 216
wachsende Ohnmacht der
Politik 204
Wahrscheinlichkeit 18,
42, 57, 71, 133, 255
Warenangebot 42
Warenqualität 40
Warenterminpapiere 239
wegrationalisieren 165
Weltkrieg 16, 25, 80,
100, 237, 238
Weltwirtschaft 16, 134,
146
Werbefotos 40
Werbung 47, 61, 117,
122, 128, 165, 202,
207, 218
Wertpapiere 239
Wertpapieren 240
Wertpapierinflation 240
255
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wirtschaft 1, 3, 4, 5, 16,
17, 18, 19, 20, 22, 24,
25, 26, 30, 31, 33, 34,
35, 43, 45, 46, 49, 51,
52, 56, 57, 58, 60, 61,
70, 71, 74, 79, 89, 93,
97, 98, 100, 101, 102,
103, 104, 108, 112,
113, 119, 122, 123,
124, 125, 127, 129,
132, 134, 136, 137,
138, 140, 141, 142,
144, 146, 147, 148,
149, 150, 151, 152,
153, 156, 163, 172,
175, 177, 182, 184,
192, 199, 205, 207,
209, 212, 214, 216,
229, 232, 236, 242,
257
Wirtschaftskonzerne 84
Wirtschaftskraft 239
Wirtschaftskrise 16
Wirtschaftsliberalismus
16
Wirtschaftsmacht 201
Wirtschaftsminister 200
Wirtschaftsordnung 16,
71, 186
Wirtschaftspolitik 16,
69, 76, 79, 113, 129,
130, 163, 188, 199,
200, 201, 227, 257
Wirtschaftssystem 60,
202, 206
Wirtschaftswachstum
44, 60, 62, 120, 182,
184
Wirtschaftswunders 166,
167
Wissensfortschritt 18
Wohlfahrtswachstum 44
Wohlstand 18, 32, 34,
43, 71, 73, 82, 87, 90,
127, 177, 178, 179,
185, 191, 216, 232
Wohnen 230
Wohnfläche 230
Zeitkonstante 47
Zeitkonstanten 17
Zellteilung 187, 213
Zulassung von
Arzneimitteln 176
Zustandsgrößen 131
Zyklus 48
256
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Der Autor
Erich Neuburger, geboren 1929 in Freiburg im Breisgau war
nicht mehr Soldat und hat als Flüchtling aus dem Elsass, den
Untergang der Stadt und das Kriegsende in Bruchsal erlebt. Mit
entsprechend vielen Zeitlücken in seiner Schulzeit einschließlich 8 Monate Tätigkeit als Hilfslandwirt und auch als Unterprimaner Nachhilfeunterricht für Oberprimaner machte er 1949
das Abitur am Realgymnasium in Durlach. Von 1951 bis 1959
studierte er Physik an der technischen Hochschule Karlsruhe.
Finanziert hat er das Studium zu einem großen Teil als Werkstudent z. B. als Hilfsarbeiter, Mustermacher, in der Nachkalkulation und als Werbefilmproduzent. Die nächsten 10 Jahre arbeitete er im Kernforschungszentrum Karlsruhe. Das von ihm
mit aufgebaute „Labor für Elektronik und Messtechnik“ war
eine Dienstleistungsstelle für das ganze Forschungszentrum.
Als Mitarbeiter in der Leitung dieser Einrichtung oblag ihm die
technische Koordination zwischen den Elektronikingenieuren
als Entwickler von Messgeräten und den Wissenschaftlern der
verschiedensten Institute des Zentrums als deren Auftraggeber.
Eine Hauptaufgabe war dabei das Dolmetschen zwischen den
verschiedensten technischen Fachsprachen z.B. von den Elektronikingenieuren zu Kernphysikern, Radiochemikern, Strahlenbiologen, Strahlenmedizinern und wieder zurück. Für größere
Aufträge vermittelte er auch zwischen den Wissenschaftlern
und der Messtechnikindustrie, die langsam in die entsprechende
Gerätetechnik hineinwuchs.
1969 gewann er den ersten Preis eines Kulturpreisausschreibens des Westdeutschen Rundfunks und der Max-PlankGesellschaft für eine wissenschaftliche Hörfunksendung mit
dem Titel „Koinzidenz - Zufall und Wahrscheinlichkeit“. Einige weiteren Sendungen wurden auch vom Westdeutschen
Rundfunk ausgestrahlt, z.B. zum Thema Kernreaktorstandorte
257
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
und zum Datenschutz. Wesentlich dabei war die Verständlichkeit auch für Laien, jedoch ohne unzulässige Vereinfachungen.
Es ergab sich daraus auch eine zeitweilige Mitarbeit in der Redaktion des Schulfernsehens für Mathematik des Südwestfunks.
Das Verständlichmachen sehr komplexer wissenschaftlicher
und technischer Zusammenhänge wurde dann im eigenen Ingenieurbüro für technische Dokumentation zu einem neuen Arbeitmittelpunkt. Es entstanden da Bedienungsanleitungen und
Betriebshandbücher für die kleinsten bis zu den größten Geräten z. B. einem Minirechner von Philipps und einem Schaufelradbagger von Krupp. Hier kam es darauf an, die Fragen der
Anwender zu ahnen und die Antworten schnell auffindbar und
klar verständlich für den Anwender in dessen Sprache darzustellen.
In diesem Zusammenhang ergab sich eine sehr interessante und
wichtige Aufgabe. Zum Reinigen wurde in deutschen Kernkraftwerken billige Hilfskräfte eingesetzt, die z. B. ohne ausreichende intensive Schulung in gefährlichen Bereichen arbeiten
mussten, was zu einem Skandalbericht im Spiegel führte.
Die Aufgabe, Hilfsarbeitern Kernphysik, Kerntechnik und
Strahlenschutz so weit verständlich zu machen, dass diese sich
relativ frei in einer kerntechnischen Anlage bewegen können
ohne durch Unkenntnis mehr als nicht vermeidbar radioaktiv
bestrahlt zu werden, führten zu entsprechenden Kursen und der
Gründung einer Privaten Schule unter seiner Leitung durch ein
befreundetes Unternehmen. Heute ist die „Fachkraft Dekontamination“ ein Fortbildungsberuf der IHK Aachen, der sich aus
diesen Aktivitäten entwickelt hat.
258
Erich Neuburger, Rückkopplungskreise in der Wirtschaft
Wenn also Erich Neuburger im Laufe seines Lebens eines gelernt hat, so ist es das Lesen und verstehen, was er gelesen hat.
Er musste alles sehr genau lesen und aber auch verbinden mit
dem Berührenden aus allen Wissens- und Lebensbereichen.
Daher hat er sich auch in den 90er Jahren intensiver mit Wirtschaft und Wirtschaftspolitik befasst, nachdem hier immer widersprüchlichere Rezepte zur Besserung der Lage angeboten
wurden. Als langjähriger Besucher der philosophischen Erörterungen des Karlsruher Kolloquium Fundamentale unter dem
Philosophen Prof. Dr. Simon Moser hatte er sich angewöhnt,
allen Fragen auch auf den philosophischen Grund zu gehen.
Daraus entstand eine unveröffentlichte Schrift mit dem Titel
„Gedanken um die Wende zum 21. Jahrhundert“.
In den darin betrachteten wirtschaftlichen Problemen, ergab
sich eine große Ähnlichkeit marktwirtschaftlicher Phänomene
mit den Rückkopplungserscheinungen in der Technik, vor allem in der Elektronik. Von einigen Lesern der entsprechenden
Abschnitte wurde der Autor ermuntert, diese Aspekte der
Rückkopplung in einer deutlich verbreiterten Form darzustellen. Das Ergebnis seiner bisherigen Bemühungen dazu ist in
dem Vorliegenden Bändchen dargestellt.
259
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