Die Pyramide - Grundschulmaterial online

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Die Pyramide
Auf dem Uferdamm stand Amenemheb, der Bauer. Er sah hinunter in das weite Niltal.
Träge floß das Wasser dahin. Kein Schiff blähte die Segel auf dem Fluß. Nur die Sonne
flimmerte auf den Wellen. Reglos stand das Schilf an den Ufern, und die gefiederten
Zweige der hohen Palmen waren dunkle Fächer vor dem blauen Himmel. Die Felder, die
um Amenemhebs Lehmhütte hinter dem Damm lagen, waren abgeerntet, und die Sonne
glühte das Erdreich aus. Rufe drangen durch die Stille. Es war Iramun, der Steinmetz,
der seinen Esel antrieb. Amenemheb winkte ihm zu. „Steig ab, Freund, und setz dich zu
mir unter den Feigenbaum. Klein sind die Schatten, wenn Re, der Sonnengott, herrscht!“
Iramun stieg ab und band seinen Esel am Baume fest. Amenemheb ging zum Haus,
holte einen Tonkrug mit Palmwein, dazu Brotfladen aus Weizenmehl. Die Männer
setzten sich unter den Feigenbaum, und Iramun trank den Wein in großen Zügen.
„Meine Kehle ist ausgedörrt wie das Land am Nil. Wann werden die Fluten endlich
kommen?“ „Der Nil wird wieder breit werden, hab Geduld, Iramun, denn Pharao, der
König, sorgt mit den Göttern für Leben und Fruchtbarkeit Ägyptens. Nicht lange wird es
dauern, bis der hellglänzende Siriusstern in der Morgenfrühe wieder aufleuchtet und uns
die Wende zum Guten anzeigt. Dann wird der Nil ein reißender Strom sein, und das
Wasser wird reichen von der Wüste bis zum Felsenrand. Über die Ufer wird er den
schwarzen Schlamm tragen, der unsere Felder wieder düngt, daß sie fruchtbar werden,
zwei- und dreimal im Jahr. Auf dem Nil werden die Lastkähne wieder fahren, beladen mit
Steinen für den Totenberg des Pharao, des großen Cheops.“ ,Ja, Amenemheb, aber
wenn die Felder unter Wasser liegen, wirst auch du dein Haus verlassen müssen. Deine
Frau wird drei Monde lang allein sein, wenn du dein Opfer bringst und mitbaust am
Grabmal des Pharao. Noch kannst du ruhen und Ausschau halten nach den Fluten, ich
aber muß weiter, weil wir Steinmetzen immer an dem Bau arbeiten. Steine muß ich
behauen und aufeinanderfügen, so dicht, daß man keine Nadel mehr in ihre Fugen
stecken kann.“ „Große Arbeit habt ihr getan, Iramun, doch vergiß nicht, dich zu stärken,
denn weit ist dein Weg noch nach Memphis, wo Cheops, der Herrscher über alle
Menschen, in seinem Palaste thront. Ob ich mich einmal vor ihm neigen darf?“
„Vielleicht wirst du ihn in Gizeh sehen, wenn er mit seinem Wesir und seinen Beamten
heraus in die Wüste kommt, um sein Totenmal zu besichtigen. Doch schau,
Amenemheb, die Schatten werden länger, ich kann nicht mehr verweilen. Hab Dank für
deine Gastfreundschaft. Leb wohl, in Gizeh sehen wir uns wieder!“ Iramun band den
Esel los, setzte sich darauf und ritt langsam flußabwärts, Und als der Nil über die Ufer
strömte, gehorchte Amenemheb dem Befehl des Pharao, der die Bauern nach Gizeh
rief. Auf großen Lastkähnen fuhren sie nilabwärts. Immer breiter wurde das Wasser,
immer mehr Schiffe schlossen sich ihnen an. Städte und Dörfer zogen vorüber. Auf den
Uferstraßen ritten und gingen Bauern und Sklaven, und alle strömten nach Gizeh zum
Bauplatz der Pyramide. An der Landestelle, nicht weit von der großen Stadt Memphis,
trafen alle zusammen. Die Schiffe legten an. Einige wurden noch bis zur Anhöhe geflößt,
auf der sich die Pyramide erhob. Da war ein Getümmel und ein Gedränge. Aus ganz
Ägypten waren Tausende gekommen. Und Sklaven waren da, dunkle und hellhäutige,
zusammengetrieben aus vielen Ländern. Über die galoppierte Felsenstraße, die sich
vom Nil her durch den gelben, glühenden Wüstensand schob, zogen und schoben die
Arbeitenden schreiend und singend die schweren Steinblöcke auf hölzernen Kufen. Er
sollte weiterleben im Totenreich. Sein Ka, sein Lebensgeist, blieb nur bei ihm, wenn der
Leib erhalten und dem Toten alles mitgegeben wurde, was ihm im Leben lieb war. Damit
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der Leib nicht zerstört wurde, balsamierten Priester und Hofbeamte den Toten ein und
verwandelten ihn in eine Mumie. Mit feiner Leinwand wurde der Leichnam umwickelt und
in einen hölzernen Sarg gelegt, der manchmal nach der Menschengestalt geformt war.
Dann wurde er in einen kunstvoll gearbeiteten steinernen gesetzt. Um ihn herum lagen
die Waffen, der Schmuck, Gold und Edelsteine und alle Dinge, die der tote Herrscher
auch im jenseitigen Leben brauchte, Die Grabkammern lagen tief innen in der Pyramide.
Die Zugänge wurden durch gewaltige Granitblöcke verschlossen. Uneinnehmbar mußte
das Grabmal sein, damit die Räuber nicht in die Ruhestätte eindringen konnten, um den
Toten zu bestehlen und seinen Frieden zu stören. Amenemheb stand inmitten der
Menschenmenge, die auf die Befehle der Aufseher wartete. Sein Blick ging von dem
Gewimmel fort und hinauf zum „Horizont des Cheops“, wie die Pyramide genannt wurde.
Schwere Kalksteine waren im Viereck aufeinandergefügt. Schon trafen sich die schrägen
Seiten des Bauwerks zu einer Spitze. Die meterhohen Steinwürfel stiegen treppenförmig
in die Höhe. Wollte der Bau in die Wolken wachsen ?
Die Stimme eines Aufsehers riß Amenemheb aus dem Staunen. Unter lauten Zurufen
sammelte der Aufseher einen Trupp Arbeiter und führte ihn die Anhöhe hinauf, wo die
großen Steinblöcke lagen.
„Hört zu“, sagte er, „ihr müßt die halben Schrägsteine, die glatten, roten Granitsteine
auf die Stufen der Kalkblöcke legen. Schlitten und Hebebäume sind genug da, und der
Gott wartet auf euren Eifer. Ehenufer, der Oberaufseher, wird euch einteilen!“
Und die Sonne glühte. Vom Nil her schallten die Rufe der Wachteln. Die Männer
stiegen über Steine, überquerten Gräben und machten anderen Platz, die auf Walzen
die Steine fortbewegten.
Oben auf der Anhöhe stand Ehenufer, der Mächtige, der der Vertraute des Pharao war
und den Riesenbau leitete. Und er sprach:
„Söhne der schwarzen Erde, Brot, Zwiebeln, Rettiche und Knoblauch zu eurer Nahrung
sind da; wollt ihr des Nachts auf weichem Stroh schlafen, müßt ihr am Tag in der Sonne
schwitzen! Darum kommt her und packt an!“ Die Arbeiter zogen die schweren Steine auf
Kippschlitten. Auf den Pyramidenstufen standen hölzerne Kräne. Feste Taue griffen
nach den Granitblöcken. Böcke aus Holz sicherten die Steine ab, und dicke Seile führten
die schwebenden Steine auf die Stufen. Da stöhnte mancher von den Männern unter der
Last. Doch Steinblock schob sich auf Steinblock, und die Pyramide wuchs. Als die Nacht
kam und die Kühle, fiel Amenemheb müde auf das Strohlager.
So ging es Tag für Tag. Eines Abends traf er Iramun, der etwas abseits vom Hauptbau
die Steine bearbeitete, Figuren und Schriftzeichen hineinmeißelte. Denn vor der
Pyramide entstanden Totentempel, in denen der königliche Erbauer nach seinem
Ableben verklärt und göttlich verehrt werden sollte. Die Freunde konnten nur wenige
Worte miteinander wechseln. Heimlich schob Iramun dem Freund einen kleinen Krug mit
Palmwein zu. Da war dann der Schlaf Amenemhebs tiefer, und die Sehnsucht nach
seiner Heimat versank in der Nacht.
Immer neue Schiffe legten an. Immer neue Steine türmten sich auf. Immer mehr
Menschen kamen zusammen.
Endlich, nach drei Monaten, durfte Amenemheb heimkehren. Langsam schwammen
die Schiffe nilaufwärts, vom Nordwind getrieben, der die rechteckigen weißen Segel
blähte. Nilpferde standen stumm im Schilfdickicht, und auf den Sandbänken lagen
Krokodile und warteten auf Beute. Schmäler wurde der Nil, und dann tauchte
Amenemhebs Heimat auf. Das Schiff legte an. Vom Uferdamm winkte Mar a, seine Frau.
Amenemheb stieg aus. Er war daheim. Nun konnte die Feldarbeit beginnen.
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Die Jahre verstrichen. Der Nil wurde schmal und wieder breit. Und die Pyramide stieg
an, die Totenstadt erhob sich. Und die Priester standen bereit, dem Pharao Opfer zu
bringen.
Und dann stand Amenemheb wieder auf dem Uferdamm. Die Zweige des
Feigenbaums waren dichter geworden und Amenemhebs Rücken gebeugter. Mara war
bei ihm und Iramun, der ihn auf dem Weg nach seinem ein paar Stunden nilaufwärts
gelegenen Heimatdorfe begleitete.
„Die Arbeit ist getan, Amenemheb, die Pyramide ist vollendet, und der große Cheops ist
tot. Ich sah es, wie er heimfuhr ins Totenreich. Am Ufer stand ich bei den klagenden
Männern und den weinenden Frauen, die sich in ihrer Trauer das Gesicht mit Erde
bewarfen. Und auf dem Nil schwamm langsam das Totenschiff. Der offene Schrein lag
prächtig geschmückt auf dem flachen Schiff. Die roten und weißen Trauerwimpel wehten
am Mast. Die Priester und die Hofbeamten trugen weiße Stirnbänder und Blumenkränze
um den Hals zum Zeichen der Trauer. Viele Boote folgten. Sie waren mit Schmuck,
Waffen und Edelsteinen beladen und trugen die Gaben, die in die Grabkammer gelegt
wurden. Von fern sah ich die Pyramide, den Totenberg. Jetzt wohnt er darin, der große
Cheops. Nur die Priester und der neue Pharao waren bei ihm, als er in die dunkle
Grabkammer gebracht wurde. Verschlossen sind nun die Gänge, und der Eingang wird
zugemauert, daß keiner mehr weiß, wo der König ruht. Aber die Pyramide ragt in den
Himmel und kündet den Ruhm des Cheops, und die Priester bringen ihm Opfer Jahr um
Jahr.“
Lange noch sprachen sie über den toten Pharao. Als der Abend kam, ritt Iramun heim
in sein Dorf. Amenemheb sag mit Mara unter dem Feigenbaum. Und Mutter Nut, die
Nacht, breitete ihre Flügel aus über Ägypten. Fünf Jahrhunderte später aber sang ein
blinder ägyptischer Harfner sein schmerzliches Lied:
„Die da bauten aus Granit, die eine Halle mauerten in die Pyramide, die da Schönes
leisteten in dieser schönen Arbeit, ihre Opfersteine sind ebenso leer wie die der Müden,
die auf dem Uferdamme sterben ohne einen Hinterbliebenen.“
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