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Sew'jan Weinshtein
GEHEIMNISVOLLES TUWA
- Expeditionen in das Herz Asiens
Leseprobe:
Kapitel 10
KUNST, IN DER STEPPE GEBOREN
Und Oskül-ool begann zu singen. Aus seiner Kehle quollen die Stimmen aller Vögel… Der
Wind in der Taiga schien sich in den Wipfeln der alten Zedern zu verfangen. Die Elstern und
Krähen, die über dem Lager kreisten, verstummten. Die Frauen weinten, und die Männer
hatten Angst, sich zu bewegen. Der Chan und seine Frau glaubten zu träumen...
(Aus einem tuwinischen Märchen)
Das Wunder des Kehlgesangs
Es war ein merkwürdiges Konzert. Ein Duett ungewöhnlicher Musikinstrumente, doch
ausgeführt ohne Instrumente, von der Stimme eines einzigen Menschen in der einsamen
tuwinischen Steppe, von ihm dargeboten „für sich selbst”, vielleicht aber auch für mich mit.
Fast vierzig Jahre sind seitdem vergangen, doch diese Episode hat sich unter den vielen
Erinnerungen an meine Expeditionen in Tuwa besonders tief in meinem Gedächtnis
eingeprägt.
Es war an einem Sommerabend. Mein Führer Mongusch Aldyn-ool und ich ritten nach einem
anstrengenden Arbeitstag aus einem entlegenen Gebirgs-Ail ins Lager unserer Expedition
zurück, folgten dabei der alten, geheimnisvollen „Tschinggis-Chan-Straße”. Deren sich
deutlich über der Steppe abzeichnende Trasse, die mit feinem festgetretenem Schotter bedeckt
zu sein schien, verlor sich in der Ferne im leichten bläulichen Dunst der abendlichen
Landschaft. In der Steppe wurde es rasch dunkel, nur die von der untergehenden Sonne
angestrahlten Kämme des Sajan leuchteten fast feierlich und stolz am Horizont. Mein
Begleiter, der wie ich auch ein kleines zottiges Pferdchen der hiesigen Rasse ritt und für
gewöhnlich heiter und gesprächig war, schien heute ganz in Gedanken versunken zu sein.
Dachte er vielleicht noch an die von uns an diesem Tag aufgezeichnete Erzählung eines alten
Hirten über die schweren Jahre, die dieser durchgemacht hatte, oder stellte er sich in
Gedanken die Schlachten vor, die in längst vergangenen Zeiten hier getobt hatten, die Taten
der Helden, von denen wir am Vorabend aus dem Munde eines weisen, grauhaarigen
Märchenerzählers gehört hatten? Auch ich hing meinen Gedanken nach, vernahm das
gleichmäßige, gewohnte Trappeln der Pferdehufe schon lange nicht mehr. Wir wollten
möglichst noch vor Einbruch der Nacht am Ziel sein, trieben immer häufiger unsere Pferde
zum Galoppieren an.
Da hörte ich doch plötzlich Aldyn-ools Stimme. Im Takt des Galopps sang er ein tuwinisches
Lied, verstummte dann aber mit einem Mal – was war denn das?! Ganz deutlich vernahm ich,
wie zwei mir unbekannte Musikinstrumente gleichzeitig erklangen. Rasch drehte ich mich zu
meinem Begleiter um. Kein Zweifel! Was ich da hörte, war Kehlgesang, den ich bisher nur
aus den Erzählungen meiner tuwinischen Freunde kannte. In der Dämmerung wirkte Aldynools Gesicht konzentriert, der Mund war leicht geöffnet. Der Tiefe seiner Brust entströmten
seltsame Laute, und das Geheimnisvolle an ihnen schien durch die zauberhafte Landschaft um
uns noch verstärkt zu werden. Nur hin und wieder wurden diese Töne durch einen tiefen
Seufzer unterbrochen. Man hatte das Gefühl, die Töne verschmölzen mit den immer matter
werdenden violetten und dunkelorangenen Farben des Sajan, mit der sich zum Schlaf
anschickenden endlosen Steppe. Ja, das war Kehlgesang! Kein Gesang, wie wir ihn kennen.
Ganz deutlich konnte man die Klänge von zwei Instrumenten unterscheiden, mitunter glaubte
man sogar drei zu hören. In dem einen wollte man zuweilen den bezaubernden zarten Ton
einer Flöte erkennen, das andere Instrument erzeugte tiefe, erregende, drohende Töne, die fast
etwas metallisch und heiser erklangen. In der Musik dieses „Kehlorchesters” lag ein
gespannter Rhythmus, ein markantes dynamisches Pulsieren, das den Lauf unserer Pferde
synchron begleitete. Die Klänge dieses „Orchesters” verstärkten sich bald und erinnerten dann
an die einer Fanfare, bald wieder wurden sie leiser, doch ständig waren sie von den Rhythmen
eines dahingaloppierenden Reiters begleitet.
Während ich dem Gesang lauschte, sah ich mit irgendwie besonders geschärftem Blick auf
die nun schon in völlige Dunkelheit gehüllte Steppe, auf die hellen Sternhaufen am fast
schwarzen Himmel und die in der Ferne blinkenden gelblichen Lichter des kleinen Ail, hinter
dem sich unser Lager befand.
Der tuwinische Kehlgesang ist nicht nur im eigenen Land und weit über dessen Grenzen
hinaus bekannt, sondern auch, so möchte man fast sagen, sogar populär geworden. Seit
damals habe ich ihm öfter lauschen können, dargeboten sowohl von nicht mehr jungen Hirten
am Herd verräucherter Jurten als auch am Lagerfeuer auf dem Wind ausgesetzten
Bergweiden, auf Konzerten tuwinischer Künstler in Kysyl und auch in Moskau oder im
Rundfunk und im Fernsehen. Ich kann ihn auch bei mir zu Hause hören, brauche nur eine
entsprechende Schallplatte aufzulegen. Doch jedesmal, wenn ich einen Kehlgesang höre, muß
ich an jenes erste, nun schon so lange zurückliegende Konzert in der Steppe denken.
Bei den Tuwinern heißt der Kehlgesang Chomej (wahrscheinlich vom mongolischen
„Chöömi” = Kehle abgeleitet). Die Kunst des Kehlgesangs beherrschen gewöhnlich nur
Männer, und sie wird gewissermaßen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Das Erlernen
erfolgt bereits im Kindesalter. Wer diese Kunst beherrscht, der singt auf den stundenlangen
Ritten für sich selbst, an den langen Herbst- und Winterabenden für seine in der Jurte
versammelten Angehörigen und Nachbarn. Besonders geschätzt und beliebt sind bei den
Tuwinern virtuose Könner, aber nur ganz wenige Sänger beherrschen diese Kunst meisterhaft.
Schon Grumm-Grshimailo hat bemerkt, daß der Chomej in Tuwa „bei weitem keine
gewöhnliche Erscheinung ist; diese Art Gesang ist eine Spezialität von ausgesprochenen
Meistern ihres Fachs, die sich durch langjährige Praxis die Fähigkeit erarbeitet haben, das
Zwerchfell so zu steuern, daß es ihnen möglich wird, einen neuen Luftvorrat, wenn nicht bei
Beendigung der musikalischen Phrase (ein Ausdruck, der für diese Art ‘Lied ohne Worte’
nicht anwendbar ist) so doch nach ziemlich langer Zeit, in die Lunge einzuatmen. Alle
übrigen Tuwiner singen auf normale Weise, wobei das Schwergewicht des Liedes auf dem
Text liegt. Das musikalische wie auch das rhythmische Element ergänzen nur das Bild, das
der Text erstehen läßt.”
Die gewöhnlich weit über die Grenzen ihres Ail hinaus berühmten Meister des Kehlgesangs
lud man zu vielen Festlichkeiten ein. Sie nahmen an Wettbewerben teil, die nicht selten bis
tief in die Nacht hinein, manchmal sogar mehrere Tage und Nächte andauerten.
Welches sind nun die Hauptmerkmale des tuwinischen Kehlgesangs? Charakteristisch für ihn
sind das gleichzeitige Singen einer Melodie und sich ständig wiederholender Töne
unterschiedlicher Höhe und Timbres. Den melodischen Besonderheiten und der Darbietung
nach unterscheidet man vier Stilarten: „Kargyraa” gilt als düster und rauh. Der Sänger bemüht
sich, im für ihn tiefstmöglichen Register zu singen. Typisch ist dabei das Vorherrschen tiefer
Töne, die zeitweise an ein Röcheln erinnern, daher auch der Name („kargyraar” = röcheln).
Sie ähneln ihrem Timbre nach dem tiefen Register eines Waldhorns, werden bei halboffenem
Mund allein durch die Atmung erzeugt. Die Obertöne, die bei diesem Stil die Melodie
abgeben, erinnern an den „Klang einer Hirtenflöte”. – Der „Borbannadyr” verlangt vom
Sänger eine weichere, „samtene” Ausführung. Für diesen Stil charakteristisch ist die
Aufeinanderfolge von unterbrochener und nicht unterbrochener Atmung beim Singen. Die
Töne, die der Sänger bei fast geschlossenen Lippen von sich gibt, könnte man vielleicht mit
dem Klang einer Baßklarinette vergleichen. – Der „Sygyt” klingt am freudigsten, hellsten,
strahlendsten. Bei diesem Stil wechselt eine gewöhnliche liedhafte Melodie in tiefem Register
ab mit zweistimmigem Kehlgesang. Zusammen mit einem tiefen Gutturallaut gibt der Sänger
einen unterbrochenen hell pfeifenden Triller von sich, der an Flötenspiel erinnert. – Im
„Sengileer”-Stil („esengi” = Steigbügel) singt man gewöhnlich beim Reiten. In ihm sang
damals auch mein Begleiter Aldyn-ool. Interessant an ihm ist folgendes: Wenn man in diesem
Stil nicht beim Reiten, sondern bei einer anderen Gelegenheit singt, etwa in der Jurte,
begleitet der Sänger das eigenartige Pulsieren der Melodie mit rhythmischem Schwenken der
Arme, das den Rhythmus eines galoppierenden Pferdes nachahmen soll.
Der den Zuhörer durch seinen ungewöhnlich schönen Klang bezaubernde Kehlgesang ist für
viele bemerkenswert – für Ethnologen, Musikwissenschaftler, ja sogar für Anatomen und
Physiologen. Mit dieser geradezu phänomenalen Art der Vokalkunst sind zwei Geheimnisse
verknüpft. Erstens: Wie gelingt es einem Menschen, mit Hilfe seines Stimmapparats
gleichzeitig zwei verschiedene musikalische Partien auszuführen? Zweitens: Warum ist der
Kehlgesang nur bei solchen Völkern bekannt, die aus Gebirgen und Steppen Zentralasiens
stammen – bei Tuwinern (hier ist er am weitesten entwickelt), Altaiern, Baschkiren,
Mongolen und Tibetern?
Die Volksmusik der Tuwiner beruht wie auch die anderer Völker Asiens auf der Pentatonik,
also auf einem Tonsystem, das fünf Töne im Bereich einer Oktave enthält. Die
Instrumentalmusik ist zweistimmig („Igil”) oder einstimmig („Topschulur”, „Bysaantschi”
und andere). Außer diesen Instrumenten war bei den Tuwinern die Maultrommel „Chomus”
sehr verbreitet; beim Spiel auf ihr dient der Mund des Spielers als Resonanzkörper.
Alle Lieder der Tuwiner werden einstimmig gesungen und wie auch der Kehlgesang häufig
von Musikinstrumenten begleitet.
Ein tuwinischer Homer
Heute bin ich fast den ganzen Tag schon bei meinem alten Bekannten Kyssygbai zu Gast. Die
Jurte dieses Hirten steht an einem Flüßchen, das in den Chemtschik mündet. Draußen dunkelt
ein kalter Septemberabend, drinnen aber strahlt das eiserne Öfchen behagliche Wärme aus.
Zum ersten Male werde ich einem „Tooltschu”, einem Märchen- und Sagenerzähler, lauschen
können, der heute gleichfalls Kyssygbais Gast ist.
Duktug hat ein sehr ausdrucksvolles faltiges Gesicht, einen spärlichen grauen Kinnbart und
müde, ein wenig tränende Augen. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Ehrenplatz und
raucht schweigend seine lange Pfeife. Eine gleiche raucht auch der neben ihm sitzende
Hausherr. Wir Gäste, alles Männer, haben uns links auf kleinen Teppichen, Kyssygbais drei
Kleinste in der Frauenhälfte auf dem niedrigen Holzbett niedergelassen. Wir sind unser zwölf
in der Jurte, es ist etwas eng. Neben dem Öfchen liegt ein Bündel Brennholz, damit das Feuer
auch nicht für einen Augenblick ausgehen kann, während wir dem Erzähler lauschen – das
wäre ein schlechtes Vorzeichen für uns alle.
Schon ist das Abendessen, schmackhaftes Lammfleisch, verzehrt, wir trinken Tee, ebenfalls
ein unerläßliches Attribut der ganzen Zeremonie, und plaudern zwanglos.
„Schyjanam”, sagt schließlich der Hausherr leise, und einer der Gäste wiederholt ein wenig
lauter dieses Wort, das man etwa mit „nun also” oder „es war einmal” übersetzen kann.
„Schyjanam” spricht mit dumpfer Stimme nun auch Duktug und beginnt geruhsam seine
epische Erzählung von Möge Bajan-Toolai und dessen Sohn, einem Recken, vom Kampf
dieses Sohnes um Glück und eine schöne Braut.
Aufmerksam verfolge ich, wie die Intonation des Erzählers, seine Mimik, die Reaktion der
Zuhörer wechseln. Der Tooltschu trägt seine Erzählung in Form eines melodischen Rezitativs
vor, mit leiser Stimme, und obwohl seine Augen fast die ganze Zeit über geschlossen sind,
sein Körper sich nur rhythmisch im Takt seiner Rede hin und her wiegt, wirken Gesicht und
Intonation äußerst lebendig. Bald drücken sie Erstaunen des Helden aus, bald Zorn oder
leidenschaftlichen Haß, dann wieder geht die Stimme in sarkastisches Gelächter über oder
bekundet plötzlich Entsetzen und Furcht, schließlich aber Freude über den Sieg über den
tückischen, starken Feind. Die Gesichter der Zuhörer spiegeln gespannte Aufmerksamkeit
wider, Erregung und Miterleben werden immer stärker, je weiter die dramatische Handlung
abrollt. Von Zeit zu Zeit wird der Erzähler durch ein lautes „Tsche-ta! Kushur erni!”
unterbrochen (etwa „Sieh einer an! Was für ein toller Bursche!”).
Erst nach Mitternacht ist Duktug mit seiner Geschichte am Ende. Manche Tooltschu tragen
allerdings so lange Epen vor, daß sie mehrere Abende und Nächte dazu brauchen (bei Tage
darf man sie keinesfalls erzählen).
Ich habe noch mehrfach tuwinischen Rhapsoden lauschen können. ..
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