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Wie Hans Jürgen Schmelzer in seiner Untersuchung richtig feststellt, sind die Frauengestalten
in Demian „noch schemenhafter geraten“1 als in vorangehenden Werken. Sein Rückschluss
den Protagonisten als Egozentriker darzustellen, greift allerdings an der wahren HesseIntention vorbei. Obwohl das Individuationsmotiv wie in allen Werken im Vordergrund steht,
ist Sinclair alles andere als der Individualist, der unabhängig von anderen Menschen ist, und
keine Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Während seiner Entwicklung zur eigenständigen
Persönlichkeit entwickelt sich zugleich eine bedingungslose Fixierung auf seinen „Führer“
Max Demian. Neben dieser Figur, die alles Streben und Handeln Sinclairs beeinflusst, die
selbst wenn sie nicht anwesend ist einen latenten Einfluss ausübt, verblassen alle anderen
Personen, und auch einem Mentor wie Pistorius gelingt es nicht, Sinclair an sich zu binden.
„Und in meinem Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen
mein Schicksal stand.“2
Diese Sehnsucht, das Verdrängen aller anderen Beziehungen ähnelt sehr stark einer
romantischen und erotischen Fixierung die sich bis zur Besessenheit steigert. Die erotische
Komponente, die sich entwickelt ist die einer Anhimmelung, einer Verehrung, wie sie in
dieser Form vor allem bei Menschen vorkommt, die zu anderen hinaufsehen. Demian wird
zum Herren hochstilisiert und Sinclair fügt sich in dieses fast schon sadomasochistische
Verhältnis. Demian ist einerseits in Sinclairs Nähe, wirkt andererseits allerdings immer weit
entfernt, unerreichbar und in sich selbst versunken. In seiner Person finden wir den markanten
Individualitätsgedanken Hesses verkörpert, während Sinclair eher den Sucher, den immer
noch Abhängigen darstellt. Durch die Vereinigung dieser beiden Personen kann der Suchende
sich vollends befreien, seine Individuation erreichen. Dadurch bekommt das Bild der Geburt
(„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“3) eine vollkommen neue Bedeutung. Nicht nur die
Zerstörung einer alten Welt, sondern auch der Sexualakt geht einer Geburt voraus. Dieser
wird nicht realistisch, geschweige denn pornografisch dargestellt, zieht sich aber als wichtiges
Moment durch die gesamte Erzählung, wird quasi zur Metapher, die in der vordergründigen
tiefenpsychologischen Metaphorik verborgen liegt. Demian als Über-Ich Sinclairs ist
notwendig, damit dieser sich selbst entdecken kann, ein Kontakt mit dieser fremden,
erschreckenden Welt ist unumgänglich um das alte, überholte Moralempfinden zu tilgen.
Übertragen wird dieser psychologische Gedanke in eine klare Bildersprache. Bereits in den
ersten Kapiteln wird Sinclairs Jungfräulichkeit und Unschuld zerstört, indem er in die dunkle
Welt des Max Kromers hinein gerät. Dieser Entjungferungsprozess ist schmerzhaft und stürzt
1
Schmelzer, S. 205
Demian S.133
3
vgl. Demian S. 95
2
ihn in eine tiefe Krise, kurz darauf wird er allerdings von Demian aus dieser befreit. Demian
ist niemand, der ihn ins Licht zurückführt. Einmal in Kontakt mit der dunklen Welt
gekommen kann Sinclair seine Unschuld nicht mehr zurückerlangen, aber er lernt durch
Demian, wie er mit dieser neuen Erfahrung umgehen soll, und in dieser Entwicklung findet
die Vereinigung zwischen den beiden statt, die sich über das gesamte folgende Geschehen auf
die Persönlichkeit Sinclairs auswirkt. Dabei wird deutlich, wie wenig Sinclair sich von seiner
ersten „Liebe“ lösen kann, selbst als er versucht die Frau zu malen, die ihn im Park fasziniert,
entsteht wieder das Gesicht seines alten Freundes.
Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein Mädchengesicht, das Haar war nicht
hellblond wie bei einem hübschen Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn
war stark und fest (...)
Als ich vor dem fertigen Blatt saß, machte es mir einen seltsamen Eindruck. Es schien eine
Art von Götterbild oder heiliger Maske zu sein, halb männlich, halb weiblich, ebenso
willenstark wie träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. (...)
Es war Demians Gesicht.“4
Die Beziehung der beiden ist omnipräsent und Sinclair ist es unmöglich sich von ihr zu lösen.
Dieser Akt der Entjungferung und zwischenmenschlichen Abhängigkeit findet seinen
Höhepunkt auf der letzten Seite mit der Vereinigung der beiden Gestalten, der durch einen
Kuss besiegelt wird.
„Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuss auf meinen Lippen, auf
denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie weniger werden wollte, und dann schlief
ich ein.“5
Wir haben hier sowohl den Kuss als auch das Blut, die als körperliche Metaphern eine
erotisierte Deutung zulassen. In dieser Bilderkonstellation wird von Hesse eine Parabel der
Entjungferung konzipiert, und in diesem Gleichnis der Entjungferung wird sowohl die
Entwicklung Sinclairs als auch die Hesses während der letzten Jahre vor der Fertigstellung
des Buches deutlich. Für den Schriftsteller bedeutete der erste Weltkrieg ein Verlust der
Unschuld, ebenso wie bei Sinclair ging dieser Verlust mit einem Neuanfang einher, der
durch Krisen und erfahrene Gewalt (wie z.B. die Schmähungen die ihn als „vaterlandsloser
Gesell“6 bezeichneten) ermöglicht wurde. Die Entjungferung die Sinclair durchmacht ist eine
persönliche, eine Vereinigung mit seinem Alter Ego, das ihn von überholten Vorstellungen
befreit, ihn zu sich selbst führt, und ihm durch die daraus entstehende Neugeburt ermöglicht,
ein individuelles Leben zu führen. Somit wird auch verständlich warum Demian im letzten
4
Demian S. 86 - 88
Demian, S. 168
6
Zitiert nach Böttger, S. 215
5
Kapitel verschwindet: Er hat sich nicht aufgelöst sondern sein Wesen ist in das Sinclairs
übergegangen: „Du musst dann in dich hineinhören, dann merkst du, dass ich in dir drinnen
bin.“7 Diese höchste Vereinigung wird bei Hesse nicht nur als psychologisches theoretisch,
abstraktes Modell vorgeführt sondern ganz reell als die Vereinigung, die Verschmelzung
zweier Personen zu einer einzigen, der höchste Grad, der an sexueller Verbindung erreicht
werden kann. Die letzte Verbindung, der Kuss und das Blut, sind physiologische Handlungen,
die die erotische Spannung des Buches in einem letzten Höhepunkt auflösen. Auch hier ist die
Erotik wieder funktionalisiert: Sie symbolisiert die Vereinigung der Ichs und die damit
einhergehende Individuation der Hauptfigur.
7
Demian S. 168
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