Kurzpapier Sprachen - Verband der Volkshochschulen von

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Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e. V.
POSITIONSPAPIER
Alphabetisierung und Grundbildung an Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz
Chancengleichheit wahren
Die im Jahr 2011 veröffentlichte, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
geförderte Studie "Leo. Level one" (Grotlüschen / Riekmann; 2011; Universität Hamburg)
legte erstmals repräsentative Aussagen zur Zahl der Menschen vor, die von funktionalem
Analphabetismus betroffen sind. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland
mehr als vierzehn Prozent der Erwerbsfähigen, also etwa 7,5 Millionen Erwachsene, funktionale Analphabeten sind. Die Betroffenen können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben,
jedoch keine zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Fehlerhaftes Schreiben trotz gebräuchlichen Wortschatzes zeigt sich bei weiteren fünfundzwanzig Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Das entspricht über 13 Millionen Menschen. 57% der funktionalen Analphabeten in Deutschland geben an, erwerbstätig zu sein (Quelle: leo – Presseheft).
Funktionalen Analphabeten droht ohne Unterstützungsangebote auf Dauer gesellschaftlicher
Ausschluss. Durch die Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote der Volkshochschulen bauen Teilnehmer/innen Zugangsschwellen und Ängste ab. Sie gehen den wichtigen
„ersten Schritt“ mit dem Ziel, endlich besser lesen, schreiben und rechnen zu können, um
einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, um den Arbeitsplatz nicht zu verlieren oder
um unabhängig von der Hilfe anderer zu sein. Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit
an Volkshochschulen stellt eine wichtige gesellschaftliche und bildungspolitische Aufgabe
dar, denn hier entstehen für die Betroffenen erfolgreiche Anschlusssituationen, welche dazu
beitragen, Chancengleichheit zu erreichen.
Gelungenes Lernen ermöglichen
Vom funktionalen Analphabetismus betroffene Personen bringen in der Regel sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen mit. Zudem findet der Lernprozess vor dem Hintergrund
einer Erfahrung schulischen Misserfolgs, einer als gescheitert empfundenen Lerngeschichte
und häufig einer Lernblockade statt. Gelungenes Lernen in Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten heißt daher für die Volkshochschulen, dass jeder einzelne Teilnehmende
nach den individuellen Voraussetzungen und nach der persönlichen Lebenssituation im jeweiligen Lernprozess unterstützt wird. Die Kursarbeit an Volkshochschulen richtet sich nicht
nur auf das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern vor allem auch darauf,
Teilnehmende zu ermutigen sowie zu befähigen, noch begrenzte Kenntnisse im Alltag adäquat anwenden zu können. Hierbei hat Beratung einen hohen Stellenwert. Vorbereitende
Gespräche, Kurseinstiegsberatungen und unterrichtsbegleitende Beratungen der Teilnehmer/innen sind fester Bestandteil des Dienstleistungsangebots „Alphabetisierung / Grundbildung“ der Volkshochschulen.
Qualifiziert beraten und unterrichten
Die Beratenden und Lehrenden in den Alphabetisierungs- und Grundbildungskursen sind in
der Regel neben- oder freiberufliche Kursleitende. Sie weisen eine fachbezogene Ausbildung
nach, z. B. der Grundschulpädagogik, Sozialpädagogik o.ä. Zusätzlich qualifizieren sich
Kursleitende in Fortbildungsveranstaltungen für die Arbeit im Alphabetisierungsbereich bzw.
bilden sich regelmäßig weiter. Der Besuch mindestens eines Einführungsseminars ist innerhalb der „Leitlinien für Alphabetisierungsmaßnahmen in Rheinland-Pfalz“ für alle Kursleitenden obligatorisch. Nach Möglichkeit schließen sich die Kursleitenden regionalen Arbeits-
gruppen an. Sie begleiten und unterrichten Teilnehmende in kleinen Gruppen und gestalten
erwachsenengerechte Lernprozesse.
Erfahrung nutzen und innovative Angebote machen
Die Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz machen seit den Anfängen der Alphabetisierung
vor 30 Jahren Angebote zur Alphabetisierung und Grundbildung. Anknüpfend an diese Erfahrung entwickelten der Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. und die
staatlich anerkannten Träger der Weiterbildung gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung,
Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur im Jahr 2007 die „Leitlinien für Alphabetisierungsmaßnahmen in Rheinland-Pfalz“ mit dem Ziel, ein qualitativ hochwertiges und flächendeckendes Angebot von Maßnahmen zur Vermittlung der Schreib- und Lesefähigkeit sicher zu
stellen.
Bereits seit Ende der 1990er Jahre setzten die Volkshochschulen innovative methodische
Ansätze im Alphabetisierungsunterricht um (Leseclub, Einsatz von neuen Medien). Seit 2004
steht Lernenden mit dem Lernportal ich-will-lernen.de des Deutschen VolkshochschulVerbandes e.V. Deutschlands größtes offenes Lernportal mit kostenlosen Übungen zur Alphabetisierung und Grundbildung sowie zur Förderung der Abschluss- und Beschäftigungsfähigkeit zur Verfügung. Innerhalb des Projektes AlBi – Alphabetisierung und Bildung (2008 –
2011) wurden an den Volkshochschulen innovative Kursangebote entwickelt, z.B. ein spezieller Computerkurs oder ein Brückenkurs Alphabetisierung – Hauptschulabschluss.
Im Jahr 2003 gründete sich an der Volkshochschule Ludwigshafen die erste Selbsthilfegruppe für Analphabeten in Deutschland. Hieraus ist eine Expertengruppe hervorgegangen, die
im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit sowie innerhalb von Informations- und Sensibilisierungsveranstaltungen von ihren Erfahrungen berichtet und notwendige Unterstützungs-, Beratungs- und Lernangebote im Lebens- und Berufsumfeld der Betroffenen aufzeigt.
Um betroffene funktionale Analphabeten zu ermutigen und sie für Angebote zu gewinnen,
die ihre Anschluss- und Beschäftigungsfähigkeit gezielt fördern, vernetzen sich Volkshochschulen vor Ort mit potenziellen Multiplikatoren wie etwa kirchlichen und kommunalen Beratungsstellen, Bibliotheken, JobCentern/Arbeitsagenturen, Betrieben oder Behörden.
Das Spektrum des Angebotes der Volkshochschulen wird sich künftig erweitern. Denn aktuelle Forschungen zeigen, dass in der Alphabetisierung/Grundbildung auch Angebote für Personen mit fortgeschrittenen Lese- und Schreibkenntnissen auf den Alpha-Levels 3 und 4
(vgl. leo.-Studie der Universität Hamburg) benötigt werden. Für diese Gruppen werden zur
Zeit innerhalb des Projektes „Rahmencurriculum“ des Deutschen Volkshochschul-Verbandes
e.V. neue Kursformate entwickelt, die neben den bewährten Formen der Alphabetisierungsarbeit eine andere Zielorientierung aufweisen, etwa in berufsvorbereitenden Maßnahmen
oder in Grundbildungsangeboten zur branchenbezogenen Beschäftigung und Qualifizierung.
Zahlen, Daten, Fakten
Jährlich nehmen etwa 800 Teilnehmende an insgesamt rund 120 Alphabetisierungs/Grundbildungskursen in 30 rheinland-pfälzischen Volkshochschulen teil.
Stand: 1. Januar 2014
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