Westfälische Wilhelms – Universität zu Münster Slavisch – Baltisches Seminar Hauptseminar: Die russische Syntax Leitung: HDoz Dr. Snježana Kordić Sommersemester 2003 Der Existenzsatz im Russischen Vorgelegt von: Martin Stadlbauer Grevener Str. 246 48159 Münster [email protected] Fachrichtung: Lehramt Sek II/I Russisch, Mathematik, Physik 7. Fachsemester 2 Inhalt I. Einleitung 3 II. Der russische Seinssatz 4 Copula- und Existenzsatz Klassifizierung der russischen Existenzsätze Ausblick III. Historische Entwicklung von „быть“ 10 Veränderung des altrussischen Verbsystems durch das Aufkommen des Aspekts als grammatische Kategorie Die Beziehung von Aspekt und Tempus Das altrussische Präsens und Futur Das Imperfekt und der Aorist Die Stellung des Verbums ‚быть’ im neurussischen Tempussystem IV. Die Realisierung von ‚быть‘ als ‚есть‘ bzw. Ø in der russischen 16 Sprache der Gegenwart – Folgerungen aus einer diachronen Betrachtung V. Die Realisierung von ‚быть‘ als ‚есть‘ bzw. Ø in der russischen 19 Sprache der Gegenwart – Eine synchrone Erklärung VI. Kommunikative Varianten 22 VII. Schlussbetrachtung 25 VIII. Literaturverzeichnis 26 3 I. Einleitung Sicherlich stellen die Seinssätze einen der wichtigsten Satztypen einer Sprache dar. Ihre Verwendung und ihre Merkmale unterscheiden sich gerade in der russischen Gegenwartssprache in vielerlei Hinsicht von anderen Satztypen. Üblicherweise bilden die Copula- und die Existenzsätze die beiden wichtigen Vertreter der Seinssätze. Dabei können die Existenzsätze nicht getrennt von den Copulasätzen betrachtet werden. Es wird sich zeigen, wie verschwommen sich dieser Grenzbereich gestaltet. Ein spezielles Phänomen des russischen Seinssatzes ist die Realisierung des Verbums ‚быть’ als ‚есть’ bzw. als Nullform. Eben dieses Phänomen stellt für eine Vielzahl von Sprachwissenschaftlern ein wichtiges Kriterium zur Klassifizierung der russischen Existenzsätze dar. Um dieses Phänomen erklären zu können, soll zunächst der sprachgeschichtliche Werdegang des Verbums ‚быть’ beschrieben werden. Durch das Aufkommen des Aspektes als grammatische Kategorie sollte das russische Verbalsystem stark ins Schwanken geraten, was sich natürlich auch auf das Verbum ‚быти’ auswirken sollte. Es sollte eine Umgestaltung des Tempussystems erfolgen, durch die eine Besonderheit des Russischen, und zwar die Verwendung der Nullvariante in Seinssätzen, erst ermöglicht wurde. Es bleibt die Frage nach welchen Kriterien sich die unterschiedliche Realisierung des Verbums ‚быть’ gestaltet. Eine mögliche Antwort ergibt sich aus der historischen Entwicklung dieses Verbums. Doch nicht nur diachron, sondern auch synchron kann der Fragestellung auf den Grund gegangen werden. Eine Betrachtung der verschiedenen sprachlichen Ebenen – z. B. der semantischen oder der kommunikativen Ebene – bietet Erklärungen für das unterschiedliche Verhalten des Verbums ‚быть’. Es ist in diesem Zusammenhang auch sinnvoll die verschiedenen kommunikativen Varianten des Existenzsatzes zu untersuchen und ihre charakteristischen Unterschiede zum neutralen Existenzsatz herauszuarbeiten. 4 II. Der russische Seinssatz Copula- und Existenzsatz Die Seinssätze sind in den meisten indogermanischen Sprachen durch das Prädikatsverbum ‚sein’ konstituiert und ausdrücklich als Seinssatzform gekennzeichnet. Das Verbum ‚sein’ tritt dabei entweder als selbständiges oder unselbständiges Prädikat auf. Ein Beispiel für die selbständige Form ist beispielsweise „Gott ist“. Das unselbständige Prädikat dagegen drückt das Befindlichsein des Subjekts in der vom Prädikatsnomen bezeichneten Befindlichkeit aus. A) Der Himmel Subjekt ist blau. B) Wir Menschen PVerb Prädikatsnomen Subjekt sind auf der Erde. PVerb Prädikatsnomen Im Falle eines unselbständigen Prädikats können zwei Fälle unterschieden werden. Entweder drückt dabei das Prädikatsnomen wie in A) ein Was- oder Wie sein aus, oder aber wie in B) eine Faktizität (Situation).1 Im Falle A) wird das Prädikatsverbum ‚sein’ gewöhnlich als Copula bezeichnet, im Falle B) als Existenzverbum. So kommt es also zu einer Unterteilung in Copulasätze und in Existenzsätze. Eine Möglichkeit der Abgrenzung der Copula- und Existenzsätze ist die diagnostische Transformation mittels Negierung2: В этой школе есть учитель польского языка. („An dieser Schule gibt es einen Polnischlehrer.“) EXS В этой школе нет учителя польского языка. („An dieser Schule gibt es keinen Polnischlehrer.“) Он учитель польского языка. („Er ist Polnischlehrer.“) Он не учитель польского языка, а русского. („Er ist nicht Polnischlehrer, sondern Russischlehrer.“) Copulasatz (Он учитель не польского языка, а русского.) Zunächst möchte ich erwähnen, das das Prädikatsverbum ‚быть’ im obigen Existenzsatz als ‚есть’ realisiert wird, im obigen Copulasatz dagegen scheinbar nicht auftaucht. Es handelt sich dabei aber um die sogenannte Nullform ( im Folgenden Ø ). Auf dieses Phänomen der Realisierung von ‚быть’ als ‚есть’ bzw. als Ø soll in einem späteren Kapitel genauer eingegangen werden. Diese unterschiedlichen Realisierungsformen haben aber zunächst nichts mit der Unterscheidung von ‚быть’ als Copula bzw. als Existenzverbum zu tun. Durch die Negierung wird der Unterschied des ‚sein’ in Copula- und Existenzsätzen deutlich: So scheint das Existenzverb ‚быть’ besonders die Existenz des Subjekts, des Referenten hervorzuheben, bei Negierung des Satzes wird dessen Existenz (jedenfalls im genannten Existenzbereich bzw. der genannten Situation) verneint. In Copulasätzen steht dagegen nicht die Existenz des Referenten im Vordergrund, sondern das Wieoder Was-Sein3 bzw. eine Klassifizierung und/oder Qualifizierung des Referenten: 1 2 Diese Klassifizierungskriterien finden sich bei Busch 1960 : 10. Eine Herausarbeitung der Unterschiede in negierten Copula- und Existenzsätzen findet sich bei Chvany 1975: 45-52. 5 „Zweitens stützt sich meine Annahme auf die Tatsache, daß in Kopulasätzen die Existenz des Referenten präsupponiert ist und damit aus semantischer Sicht eine Klassifizierung und/oder Qualifizierung des Referenten den Gegenstand der Aussage bilden.“4 So wird also bei der Negierung nicht die Existenz des Referenten in Frage gestellt, sondern beispielsweise hier seine Qualifizierung. Auffällig ist auch die Kontraktion von не есть zu нет, die aber nur im Existenzsatz, nicht jedoch im Copulasatz auftritt. „В предложении с экзистенциальным быть при отрицании им. пад. подлежащего заменяется род. пад., а форма настоящего времени есть образует с отрицательной частицей одно слово нет (В городе нет доктора); в предложении со связочным быть отрицание не добавляется к глаголу (Лингвистика не есть наука);“5 In vielen indogermanischen Sprachen ist ein Copulasatz daran zu erkennen, dass das Prädikatsnomen im Nominativ steht. Im Russischen (und in anderen slavischen Sprachen) allerdings kann das Wie- oder Was-Sein bezeichnende Prädikatsnomen aber auch im Instrumental stehen: Он был/будет хороший человек. . Он был/будет хорошим человеком. Der Nominativ wird benutzt, um das eigentliche (Was- oder Wie-)Sein zu beschreiben, der Instrumental beschreibt dagegen eine (Was- oder Wie-)Seinsweise.6 Auch wenn das Prädikatsnomen in Form eines Adjektivs auftritt, stellt das Russische die Bildung mittels Lang- oder Kurzform zur Verfügung: Она (была/будет) веселая. Она (была/будет) весела. Она была/будет веселой. Die Bildung der russischen Copulasätze ist also nicht einheitlich. Klassifizierung der russischen Existenzsätze Vor allem die Realisierung des ‚быть’ als ‚есть’ bzw. als stellt einen sehr interessanten Gesichtspunkt der Untersuchung des russischen Existenzsatzes aus. Dieser Punkt erlangte zu allen Zeiten solche Bedeutung, so dass die Klassifizierung der Seinssätze (und damit der Existenzsätze) stark von der Bewertung dieses Phänomens abhing. Eine einfache Klassifizierung (bezüglich der Seinssätze) findet sich in der Unterteilung in Nominalund Verbalsatz: 3 Busch 1960 : 10. Kantorczyk 1993 : 143. 5 Chvany 1977 : o.S. In Arutjunova 1983 : 26. 6 Busch 1960 : 195. 4 6 „Eine einzige Sprache hat den reinen Nominalsatz entwickelt, das Russische, wo es im Indikativ Präsens nicht das Verbum ‚sein’ gibt und wo das ehemalige ‚estь’, sofern es im Präsens erhalten ist, nur zur Existenzbezeichnung dient.“7 Diese Ansicht aus dem Jahre 1934 beruht vor allem auf der These, dass das Verbum ‚sein’ als Copula die Verbalität abgesprochen bekommt und statt dessen als Bindeglied fungiere, welches das „nominale Prädikat“ mit dem Subjekt „verbindet“. Je nach dem, ob die Nullform realisiert wird oder nicht, gilt der Satz dann als Nominal- oder Verbalsatz. Als Beispiel einer möglichen Klassifizierung in der neuesten Sprachwissenschaft möchte ich hier zunächst Dong8 aufgreifen: Dort wird der Existenzsatz in vier Strukturen aufgeteilt: Nominalsatz, elliptischer, vollständiger und Genitivsatz. Der Begriff des Nominalsatzes9 existiert also immer noch, doch sind damit in der Regel Existenzsätze gemeint, die nur aus einer Komponente, dem Nomen, bestehen. Aus kommunikativer Sichtweise enthalten diese nur das Rhema: Полночь. („(Es ist) Mitternacht.“) Dieser Satztyp wird im Deutschen meist mit Hilfe von „es“ übersetzt. Manchmal enthalten diese Sätze auch die Demonstrativpartikel вот („hier“) oder вон („dort“). Diese Sätze nennen sich dann demonstrative Nominalsätze: Вот и номер 271. Der elliptische Satz10 „Hier (ist) Zimmer Nr. 271.“ besteht aus zwei Komponenten: einer Adverbialphrase oder Präpositionalphrase, die den Ort oder die Zeit anzeigen und als Prädikat fungieren, einerseits und einer Nominalphrase, welche als Subjekt dient. Вдруг звонок. („Plötzlich klingelte es. / Plötzlich (läutete) die Klingel.“) Wie schwierig eine einheitliche Klassifizierung sein kann, macht folgendes Beispiel deutlich: A) Стой! Здесь контора и касса. („Stop! Hier (ist) ein Kontor und eine Kasse.“) B) Контора и касса здесь. („Kontor und Kasse (sind) hier“.) Während A) von Dong als elliptischer Existenzialsatz gewertet wird, gilt B) nicht einmal als Existenzsatz, sondern als Lokativsatz und damit als deskriptiver Satz, da dort das Prädikat die Lage des Subjekts beschreibt (lat. describere = „beschreiben“). Eben diese Lokativsätze werden aber z.B. 7 Meillet 1934 : 475. In Busch 1960 : 22. Dong 1996 : 197. 9 Dong 1996 : 197. 10 Dong 1996 : 199. 8 7 von Freeze zu den Existenzsätzen gezählt: „Locatives and Other Existentials“ heißt es dort schon in der Überschrift.11 У Василия новая машина. („Vasilij (hat) ein neues Auto.“) Diese besitzanzeigenden Sätze können im Russischen ganz sicher zu den Existenzsätzen gezählt werden, darin sind sich die meisten Sprachwissenschaftler einig. Dong behandelt übrigens dieses Beispiel als Spezialfall eines elliptischen Satzes. Meiner Meinung nach geht die Existenz der Possesivität voraus. Wird diese Existenz einem durch eine Person bezeichnetem Existenzbereich zugewiesen, so entsteht Possesivität. Ich halte also Possesivität für einen Spezialfall der Existenz, wobei die Festlegung des Existenzbereichs einem bestimmten Kriterium zu genügen hat. Der elliptische Satz unterscheidet sich vom Nominalsatz unter anderem durch folgende Kriterien: Nominalsatz ist eingliedrig und er besteht nur aus einem Rhema, der elliptische Satz hat zwei Konstituenten und besteht aus einem Thema, dem ein Rhema folgt. Im Nominalsatz „Вот контора.“ liegt der Satzakzent auf dem Partikel ‚Вот‘ und es wird die Intonationskonstruktion 2 verwendet. Im elliptischen Satz „Здесь контора.“ liegt der Satzakzent auf ‚контора‘ und die Intonationskonstruktion 1 wird verwendet. Außerdem sind elliptische Sätze meist in ganze Sätze trivial transformierbar, während dies bei Nominalsätzen nicht der Fall ist. Befindet sich zwischen der Adverbialphrase oder Präpositionalphrase und Nominalphrase anders als im elliptischen Satz das Existenzverb ‚быть‘, so wird diese Struktur von Dong als vollständiger Satz12 bezeichnet. В лесу есть ягоды. („Im Wald gibt es Beeren.“) Allein die Bezeichnungen „elliptischer Satz“ und „vollständiger Satz“ beschreiben den Standpunkt Dongs in Abgrenzung zu anderen, z.B. Busch, sehr gut. Während Dong einen Satz erst dann als vollständig (und damit doch als Normalfall?) wertet, wenn in ihm das ‚есть‘ vorhanden ist, betrachtet Busch eben die Nullvariante, die in Dongs elliptischen Sätzen auftritt, als Regelfall, das Auftreten von ‚есть‘ dagegen als Spezialfall. Buschs Standpunkt soll in den folgenden Kapiteln genauer begründet werden. Im Gegensatz zum elliptischen Satz besitzt der ganze Satz keine feste Wortfolge: В лесу есть ягоды. Ягоды в лесу есть. Ягоды есть в лесу. 11 12 Freeze 1992 : 553. Dong 1996 : 206. 8 Der Satzakzent liegt immer auf ‚есть‘. Kritisch sehe ich den Punkt, dass dem elliptischen Satz von Dongs Seite nur das Präsens als Tempus, dem ganzen Satz dagegen drei Tempora zugestanden werden: В городе есть / был / будет красивый парк. В городе красивый парк. Denn ich finde der Satz „В городе был красивый парк.“ kann je nach Kontext sowohl die präteritale Bedeutung des elliptischen Satzes „В городе красивый парк.“ als auch die präteritale Bedeutung des ganzen Satzes „В городе есть красивый парк.“ ausdrücken. Und schließlich ist es Dong selber, der den Unterschied des elliptischen und des vollständigen Satzes nicht nur formal, sondern auch semantisch begründet: „The full and elliptical structures also differ in meanings. The full structure emphasizes or confirms the fact that what we are talking about does exist, whereas the elliptical structure confirms the fact that some person or entity has something characterizing himself/herself/itself in some aspect.“ 13 Schließlich wird noch der Genitivsatz14 von Dong als möglicher Fall eines Existenzsatzes aufgeführt. Er besteht aus einer Nominalphrase im Genitiv und einer darauffolgenden Adverbialphrase oder Präpositionalphrase. Мама моя! Ну и книг у вас! („Meine Güte! Wie viele Bücher ihr (habt)!“) Man könnte meinen, dass hier nur das Wort ‚много‘ ausgelassen wurde, woraus sich zwangsläufig der Genitiv ergäbe. Doch hiergegen wehrt sich Dong: „This is not the correct analysis. In the genitive structure the quantitative meaning is indefinite, and no quantitative word, not even mnogo ‚many‘, can be used without destroying the shade of vague surplus.“ 15 Der Genitivsatz steht außerdem in der Intonationskonstruktion 6, dessen Funktion es ist, große Emotionen auszudrücken. Ausblick Es scheint also, dass die Klassifizierung der russischen Seinssätze nicht nur schwierig, sondern auch von den Sprachwissenschaftlern uneinheitlich gestaltet wird. Dies bezieht sich auf die Unterteilung in Copula- und Existenzsätze zum einen und die Klassifizierung der Existenzsätze zum anderen und im Besonderen. Diese Einteilungen können nicht nach richtig und falsch beurteilt werden, denn sie sind nur Modelle der Sprachwirklichkeit, die unterschiedliche Ziele verfolgen. Je nach Ziel haben die gewählten Modelle andere Stärken und Schwächen. 13 Dong 1996 : 208. Dong 1996 : 211. 15 Dong 1996 : 212. 14 9 Nachdem nun verschiedene Besonderheiten des russischen Existenzsatzes aufgezeigt wurden, möchte ich im Weiteren auf eine besondere Problematik hinausarbeiten: Die Realisierung des ‚быть‘ als ‚есть‘ bzw. als Ø. Eben dieses Phänomen ist ja ein beliebtes Klassifizierungskriterium: Es ermöglicht eine Unterteilung in Nominal- und Verbalsatz wie bei Meillet oder in elliptischen oder vollständigen Satz wie bei Dong. Gerade dieses Problem haben Busch und Kantorczyk in ihren Arbeiten thematisiert. Dabei haben sie sich übrigens nicht auf eine Klassifizierung eingelassen, dafür aber auch nur bestimmte Satztypen untersucht. Kantorczyk beispielsweise wählte den Satztyp „В городе (есть) университет / У Игоря (есть) машина“ und beschränkte sich damit auf elliptische und ganze Sätze. Doch zunächst soll die historische Entwicklung des Verbs ‚быть‘ genauer untersucht werden. 10 III. Die historische Entwicklung von „быть“ War im 19. Jahrhundert die Sprachwissenschaft noch rein diachron orientiert, so dass sie sich nur mit der historischen Entwicklung der Sprache beschäftigte, so wandelte sich dies, seit Ferdinand de Saussure den Beginn der modernen Linguistik einläutete. Er favorisierte eine synchrone Sprachbetrachtung, die er für systematischer hielt: „Nur auf der Achse der Gleichzeitigkeit lässt sich Sprache als System von Werten beschreiben, in dem der Wert des einzelnen Elements sich aus dem relationalen Kontext aller Werte ergibt.“16 Auch wenn es heißt, dass heute eine Kombination beider Richtungen aktuell ist, dass eine Systemuntersuchung immer auch historische Aspekte berücksichtigen muss bzw. eine historische Untersuchung immer auch den Systemcharakter der Sprache mit einbeziehen muss17, scheint meines Erachtens die Sprachwissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts fast rein synchron ausgerichtet zu sein. So sei es mir gestattet, unter anderem auch die Arbeit Buschs zurück zu greifen, in der eine weitestgehend diachrone Untersuchung des gegebenen Problems vorgestellt wird. Die historisch Entwicklung von „быть“ ist eng verknüpft mit Entwicklung des russischen Verbsystems an sich. Das Aufkommen des Aspektes als grammatische Kategorie sollte die bisherige Tempuskategorie grundlegend auf den Kopf stellen und so das russische Verbsystem ins Schwanken bringen. Das ursprüngliche „быти“ erlag einem Wechsel seines Wesens und seiner Funktion. Durch diesen Prozess lassen sich Phänomene der russischen Gegenwartssprache erst erklären, wie z.B. die Realisierung von „быть“ als „есть“ bzw. Nullvariante. Veränderung des altrussischen Verbsystems durch das Aufkommen des Aspekts als grammatische Kategorie Die Geschichte der Aspektkategorie kann wohl ungefähr folgendermaßen dargestellt werden: Zu aktionsartlich bestimmten (Tätigkeits-)Verben wurden aktionsartlich unbestimmte Verben der selben Wurzel und mit dem selben Präfix hinzugebildet. Zu den aktionsartlich bestimmten Verben ‚помочи (aus pomog-ti), убити, погрети (aus pogreb-ti)’ beispielsweise wurde mit Hilfe des aSuffixes die aktionsartlich unbestimmten präfigierten Verben ‚помогати, убияти, погрѣбати’ („helfen, erschlagen, beerdigen“) hinzugebildet. Einerseits durch das Präfix, andererseits durch das a-Suffix, das auch als Imperfekt-Formans fungierte, entwickelte sich die Bedeutung der Imperfektivität.18 16 Saussure 1967 : 93. Schunk 1997 : 37. 18 Busch 1960 : 50ff. 17 11 Die aktionsartlich bestimmten (Tätigkeits-)Verben standen zunächst in Opposition zu den neugebildeten imperfektivierten Verben und galten als nicht-imperfektiv. Schließlich aber bildete sich so eine perfektive Bedeutung heraus. Dies hatte dann auch Folgen für die nichtpräfigierten Verben: so wurden ‚даяти / давати, имати, падати’ („geben, nehmen, fallen“) imperfektiv und ‚дати, ѩти (aus im-ti), пасти (aus pad-ti)’ perfektiv. Die Beziehung von Aspekt und Tempus So gründete das Aufkommen der Aspektkategorie ein neues Verbsystem und formte die alte Tempuskategorie fast neu. Im Altrussischen hat zwar das Tempus im allgemeinen noch seine Selbständigkeit gegenüber dem Aspekt bewahrt, auch wenn das Vordringen des Aspekts sich schon in frühesten Sprachdenkmälern bemerkbar macht. Es entwickelte sich eine Abhängigkeit der Tempus- von der Aspektkategorie. Unter Berücksichtigung dieser Abhängigkeit stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist nach der Vorstellung der heutigen Sprachwissenschaft (z. B. Isačenko, Mulisch) den drei Extasen der Zeit (Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart) drei Tempuskategorien entgegenzusetzen, oder ob nicht die Einteilung in fünf Tempus-Aspektkategorien (imperfektes Präsens, perfektives Futur-Präsens, umschriebenes imperfektives Futur, imperfektives Präteritum, perfektives Präteritum) die bessere Lösung wäre.19 Wichtig ist dabei meines Erachtens nicht zu vergessen, dass es sich nur um Modelle der Sprachwirklichkeit handelt, die also daher nie richtig oder falsch sein können, sondern nur entsprechend widerspruchsfrei konstruiert sein sollen, um den gewünschten Zweck zu erfüllen, z. B. Phänomena zu erklären, oder didaktisch leicht handhabbare Erklärungen zur Verfügung zu stellen usw. Das altrussische Präsens und Futur Ein reines Präsens findet sich schon in den frühesten altrussischen (und auch altkirchenslavischen) Sprachdenkmälern nicht. Die Präsensformen sind entweder imperfektiv oder perfektiv. Die imperfektiven Formen thematisieren das „gerade in der Gegenwart (und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft) befindliche Befindlichsein selbst“ wogegen die perfektiven Formen sich „auf ein künftiges (zu bewirkende) Befindlichsein“ beziehen.20 Ein eigentliches Futur I, ein umschriebenes imperfektives Futur wie im Neurussischen, gibt es jedoch nicht. Statt dessen gibt es nur lexikalische Umschreibungen mit Hilfe einiger „modaler“ Verben: ’имѣти’ („haben“), ‚хотѣти’ („wollen“), ‚ почати / учати / начати’ („anfangen“), später auch ‚стати’ („werden“). Da die „modalen“ 19 Als andere Versuche die Tempuskategorie darzustellen lassen die Modelle der Strukturalisten nennen, die die Tempuskategorie als eine vom Aspekt unabhängige- zweigliedrige Kategorie darstellen: Das Präteritum als merkmalhaft, das Präsens als merkmallos. Oder bei Šachmatov 1952 : 198f. findet sich zusätzlich das Perfekt in Gestalt des prädikativen perfektiven n/t-Partizips 20 Busch 1960 : 56. 12 Verben aber nicht ihre eigene lexikalische Bedeutung verlieren, kann hier nicht von einem eigenen (zusammengesetzten) Tempus geredet werden. Сребромь и златом не имам налѣсти дружину, а дружною налѣзу сребро и злато, яко же дѣдъ мой и отець мой доискася дружиною злата и сребра.21 („Nicht werde ich / habe ich vor mit Silber und Gold ein Heer /zu/ erwerben, sondern mit einem Heer werde ich Silber und Gold erwerben, wie schon mein Vater und mein Großvater sich mit einem Heer Gold und Silber verschafft haben.“) Neben der lexikalischen Umschreibung des Futur I gibt es im Altrussischen eine eigene grammatisch-kategoriale Form des Futur II.22 Diese entsteht aus der Zusammensetzung der ‚буду’Formen mit dem imperfektiven und noch häufiger mit dem perfektiven l-Partizip (z. B. „будеть писаль’ („wird geschrieben haben“). Diese Form, die man wohl „präteritales Futur“ nennen kann, ist als eigenes Tempus anzusehen, die ‚ буду’-Formen verhalten sich dabei lexikalisch unauffällig und aspektisch indifferent. Аще по моемь ошествии свѣта сего, аще буду богу угодилъ и приялъ мя будеть богъ, то по моемь ошествии манастырь ся начнеть строити и прибывати в нем: то вѣжьте, яко приялъ мя есть богъ. Аще ли, по моей смерти, оскудѣвати манастырь черноризци и потребами манастырьсками, то начнеть вѣдуще будете, яко не угодилъ есмь богу.23 („Wenn ich nach meinem Abgang aus dieser Welt Gott wohlgefällig gewesen sein werde und wenn Gott mich angenommen haben wird, so wird nach meinem Abgang das Kloster gedeihen und sich füllen: daran sollt ihr erkennen, dass Gott mich angenommen hat. Wenn aber nach meinem Tode das Kloster an Mönchen und an allem, was zum Kloster gehört, verarmen wird, so werdet ihr gewiss sein, dass ich Gott nicht wohlgefällig war.“) Die Zusammensetzung des l-Partizips beschränkte sich aber nicht nur auf die Futurformen von „быти“, also „буду“, sondern vermochte auch mit den Präsensformen ‚есть’ das Perfekt und den Imperfekt- und Aoristformen ‚бяхъ’ und ‚бѣхъ’ das Plusquamperfekt zu bilden.24 Also sind die jeweiligen Tempusformen von ‚быти’ als (lexikalisch unauffällige und aspektisch indifferente) Hilfsverbformen anzusehen. Mit Hilfe der vordringenden Aspektkategorie wurde die spezifische Bedeutung des präteritalen Futurs wohl schließlich gegenüber ähnlichen futuristischen und präteritalen Bedeutungen, die sich Повесть временных лет, vom Jahre 986. Busch 1960 : 59. 23 Повесть временных лет, vom Jahre 1074. 24 Busch 1960 : 84. 21 22 13 aus der Stabilisierung der imperfektiven und perfektiven Verbformen ergab, immer unbedeutender. So konnte das präteritale Futur durch die (perfektiven) Präsens-Futurformen und die perfektiven Präteritumformen und im kontextlichen Zusammenhang mit den Ersatzbildungsformen für das „Futur I“ ausgedrückt werden. Die ‚буду’-Formen wurden also als Hilfsverben überflüssig. So kam es zu Verwandlung des l-Partizips in eine „finite“ Verbform, das imperfektive und perfektive Präteritum. Die ‚буду’-Formen waren so ihrer ursprünglichen Aufgabe als Hilfsverbformen beim l-Partizip entbunden und schlossen sich den „modalen“ Ersatzhilfsverben ‚имѣти, стати, почати / учати / начати’ an.25 Da sich die ‚буду’-Formen aber bereits im präteritalen Futur als echte, d.h. lexikalisch unauffällige und aspektisch indifferente, Hilfsverben bewährt hatten, fiel es ihnen leicht, die anderen modalen Ersatzhilfsverben aus der Verbindung mit imperfektiven Infinitiven zu drängen und so das imperfektive Futur als echtes Tempus zu gründen. Die regelmäßige Verbreitung dieser Formen begann im 17. Jahrhundert, war aber bei manchen Schriftstellern schon früher, im 16. Jahrhundert, verbreitet. Das Imperfekt und der Aorist Das Aufkommen des Aspekts als grammatische Kategorie kam es also alsbald zur Entstehung des imperfektiven und perfektiven Präteritums. Dieses stand aber in Konkurrenz zu den im Altrussischen noch vorhanden „aktionsartlich“-präteritalen Tempora, dem Imperfekt und dem Aorist. Diese ließen den Aspekt nicht voll zur Geltung kommen. So suchte der Aspekt diese widerspenstigen aktionsartlichen Tempora zunächst umzudeuten und schließlich, da eine vollkommene Umdeutung nicht möglich war, zu beseitigen. Er wählte das „Perfekt“ als Ausgangspunkt. Das Perfekt wurde durch die Zusammensetzung der Präsensformen von ‚быти’, den ‚есть’-Formen, und dem l-Partizip gebildet. Es war aktionsartlich indifferent, dafür konnte die Bedeutung des Aspektes sich hier voll entfalten.26 Als das imperfektive und perfektive Perfekt nun Imperfekt und Aorist zu ersetzen begannen, glich es sich allmählich diesen „einfachen“, nichtzusammengesetzten Tempora an: Es wurde selbst ein „einfaches“ Tempus, in dem es sich der Präsensformen von ‚быти’ als Hilfsverbformen entledigte. Das l-Partizip wurde so eine selbständige (finite) Prädikatsform, nämlich das imperfektive und perfektive Präteritum. Das Verschwinden von ‚быти’ lässt sich also damit erklären, dass es plötzlich nicht mehr dringend als Hilfsverb notwendig war. Die Präsensformen von ‚быти’ konnten bald in der selben 25 Busch 1960 : 62. 14 Seinssatzart einmal auftreten, an anderes Mal fehlen. Sie traten regelmäßig nur noch dort auf, wo sie das Subjekt eines Satzes als solches kenntlich machen sollten, also an Stelle oder an Seite von Personalpronomina, die damals noch nicht regelmäßig auftraten. Hinfällig war damit besonders die 3. Person, also ‚есть’ und ‚суть’, da die Person in der Regel durch das Subjektnomen oder das „Impersonale“ kenntlich ist. Die Formen der 1. und 2. Person waren zunächst aber – eben als Personalformen – unentbehrlich, solange sie nicht durch die Personalpronomina (‚я, ты, мы, вы’) ersetzt wurden. Als diese sich aber auch durchzusetzen begannen, stand der Beseitigung der Präsensformen von ‚быти’ als Hilfsverbformen bzw. Personalformen nichts mehr im Weg. Als Folge dessen kam es aber auch zum Verfall der Präsensformen von ‚быти’ als Copula- und Existenzverbformen. Auf diese Weise konnten die präsentischen Seinssätze im Russischen zur grammatisch-kategorialen „Nullvariante“ des Seinssatztyps werden. Zwar waren die Formen der 3. Person ‚есть’ und ‚суть’ besonders hinfällig in ihrer Funktion als Personalform, dennoch sind dies die einzigen Formen, die bis heute noch durchaus gebräuchlich sind. Das liegt daran, das die Formen der 1. und 2. Person noch länger als Hilfsverbformen bzw. Personalformen fungieren mussten, wogegen ‚есть’ und ‚суть’ dieses eben nicht mehr brauchten, doch dafür in der Funktion als echte Prädikatsverbformen in Copula- und Existenzsätzen besonders stark sein konnten. Durch den Bedeutungsverlust der Person (und damit des Numerus) von ‚есть’ und ‚суть’ kam es schließlich zum Zusammenfall dieser beiden Formen und dem Absterben des ‚суть’. So ist es eben ‚есть’, das heute noch sowohl als Copula als auch als Existenzverbum fungiert.27 Dass es im heutigen Russisch keine Nullvariante im Futur und Präteritum geben kann, liegt auf der Hand: Володимеръ нача размышлати, река: «Аще сяду на столѣ отца своего, то имам рать съ Святополоком взяти, яко есть столъ преже отца его былъ».28 („Vladimir begann nachzudenken und sagte sich: ‚Wenn ich mich auf den Sitz meines Vaters niederlasse, werde ich Krieg mit Svjatopolk haben, weil das ja früher der Sitz seines Vaters (gewesen) war.’ “) So ist im Präteritum beispielsweise das ‚есть’ weggefallen, so dass nur das ‚былъ’ übrig blieb. 26 Busch 1960 : 73f. Šachmatov 1925 : 168. In Busch 1960 : 91, ist der Ansicht, dass die Copula ‚быть’ „in der heutigen russischen Sprache überall im Präsens endgültig verdrängt“ sei; sie komme nur noch in einigen nordgroßrussischen Mundarten vor; in der Literatursprache gäbe es ‚есть’ als Copula noch in einigen künstlichen Redewendungen. 28 Повесть временных лет, vom Jahre 1093. 27 15 Die Stellung des Verbums ‚быть’ im neurussischen Tempussystem Als im 17. Jahrhundert ‚быть’ sich als normalerweise unselbständiges Prädikatsverbum zu konstituieren begann, traten die Partizipien und Prädikatsnomina stärker aus ihrer noch ziemlich selbständigen Prädikatsergänzungsstellung heraus und wirkten mehr auf das Prädikat ein: Die Seinssätze mit partizipialen Prädikatsergänzungen lösten sich auf und verwandelten sich entweder in Seinssätze mit „rein“ nominalen Prädikatsnomina (Substantiven oder Adjektiven) oder in Verbalsätze; die adjektivischen Prädikatsnomina beschränkten sich nicht mehr auf ihre Kurzformen sondern brachten auch ihre Langformen ins Prädikat; die substantivischen Prädikatsnomina erwarben sich den Instrumental als zweiten Prädikatskasus neben dem Nominativ; die impersonalen Prädikatsnomina vermehrten sich.29 Da ‚есть’ auch in der heutigen Sprache noch verwendet wird, fragt sich, welche Funktion es heute hat. Speziell das Präsens von ‚быть’ soll es sicher nicht ausdrücken, denn das macht ja schon die Nullform. Auch zum Ausdruck von Person und Numerus taugt es nicht mehr: Denn sofern nicht das Impersonale ausgedrückt werden soll, wird dies nun nicht mehr auf Prädikat- sondern auf Subjektseite, d.h. also als Subjektperson, kenntlich gemacht. Also muss ‚есть’ eine ganz besondere Bedeutung bekommen haben, nämlich der Bedeutung der ausdrücklichen Hervorhebung des präsentischen ‚verbalen Seins’. Die Nullform dagegen ist die sozusagen normale Präsensform des normalerweise unselbständigen Prädikatsverbums: sie lassen die Prädikatsnomina hervortreten. In neuester Zeit hat sich noch eine dritte Art des Präsens von ‚быть’ gebildet: die Distanzierung des Prädikatsnomens vom Subjektsnomen durch den Tiret (den Trennstrich) im Schriftlichen, der im Mündlichen durch eine entsprechende Intonation ausgedrückt wird. 29 Busch 1960 : 133f. 16 IV. Die Realisierung von ‚быть‘ als ‚есть‘ bzw. Ø in der russischen Sprache der Gegenwart – Folgerungen aus einer diachronen Betrachtung In Kapitel III ist bereits auf die Entwicklung des ‚быть’ in der russischen Sprache eingegangen worden, so dass nun daraus die Folgerungen für die heutige Sprache abzuleiten sind. Wie bereits erwähnt ist ‚есть’ kein Überbleibsel aus alter Zeit, sondern es ist ja gerade die Nullform () aus historischer Sicht als die normale Form anzusehen. Die ‚есть’-Form dagegen hat eine neue Bedeutung erlangt: die der „besonderen Hervorhebung des präsentischen verbalen Seins“. 30 Die Nullformen lassen die Prädikatsnomina hervortreten. Seinssätze mit ‚есть’ Als selbständiges Prädikatsverbum ist ‚есть’ als Copula, als auch als Existenzverbum unbedingt zu verwenden. И есть иль нет дорога сквозь гроба, Я был, Я есмь! Мне вечности не надо!31 („Ob nun einen Weg durch die Gräber gibt oder nicht, Ich war! Ich bin! Ich brauche keine Ewigkeit!“) Beim unselbständigen Prädikat dagegen muss fallweise unterschieden werden. Nur in der Verbindung mit „и“ kann ‚есть’ als Copula auf die 1. oder 2. Personbezogen werden. Вы и есть доктор? („Sie sind also wirklich (ein/der) Arzt?“) Sowohl als Copula als auch als Existenzverbum soll ‚есть’ das subjektisch Seiende in einer bestimmten Befindlichkeit oder Situation zu betonen. Dies gilt natürlich auch in der Stellung als unselbständiges Prädikatsverbum. In diesem Fall ist ‚есть’ zwar auslassbar, ohne den Satz zu zerstören, jedoch würde sich das Fehlen der Hervorhebung der Befindlichkeit, Faktizität bemerkbar machen. ...Наш мир – фатаморгана, Но правда есть и в призрачном оазе.32 („...Unsere Welt ist eine Fata Morgana, Aber Wahrheit ist auch in einer scheinbaren Oase.“) Любовь есть исключительное предпочтение одного или одной перед всеми остальными. 33 („Die Liebe ist [wahrhaftig nicht anderes als] die ausschließliche Bevorzugung eines oder einer vor allen übrigen.“) In Copulasätzen ist es möglich das ‚есть’ durch Tiret in Verbindung mit ‚это’ zu ersetzen, ohne die spezifische Hervorhebung und Betonung des Satzes aufzuheben, im Gegenteil: so kommt es gar zu einer stärkeren Betonung: Любовь - это исключительное предпочтение одного или одной перед всеми остальными. 30 Busch 1960 : 134. В. Брюсов, К счастливым. 32 В. Брюсов, Учёный. 33 Л. Толстой, Крейц. соната. 31 17 Seinssätze mit der Nullform Die Nullformen sind die normalen Präsensformen des normalerweise unselbständigen Prädikatsverbums ‚быть’. Diese wird verwendet, wenn es um das „gegenwärtig-befindliche Befindlichsein“ geht. Dieses ist daraus erkenntlich, das nur an ihrer Seite – und bloß ganz selten bei ‚есть’ oder beim Tiret gegenwärtigende Umstandswörter stehen, wie теперь, здесь, там usw. Eben die gegenwärtigende (aufzeigende) Bedeutung ist es ja auch, die die Pronomina normalerweise nur an der Seite der Nullformen und bloß ausnahmsweise bei ‚есть’ und beim Tiret auftreten lässt.34 Nullformen im Existenzsatz: Он (теперь) в Москве. („Er ist (jetzt) in Moskau“). Ты в гимназии, я – дома, у тебя ученье, у меня – хозяйство.35 („Du bist im Gymnasium, ich – zuhause, du hast dein Studium, ich – meinen Haushalt.“) Nullformen im Copulasatz: Абдул-Мурат теперь твой хозяин.36 („Abdul-Murat ist jetzt dein Hausherr.“) Что письмо? Письмо вздор. („Was ist ein Brief? Ein Brief ist Unsinn.“) 37 Seinssätze mit Tiret Der Tiret ist normalerweise die Vertretung der 3. Person Präsens des Copula ‚быть’. Hier kommt es zu einer besonderen Hervorhebung der Prädikatsnomina. Dies kann auch als Versuch gewertet werden, die Prädikatsnomina aus der Bindung an das Präsens herauszulösen und so das „gegenwärtig-befindliche Befindlichsein“ zu objektivieren und als zeitloses, von jeder (geschichtlichen) Person unabhängiges Faktum auszudrücken.38 So wird der Tiret zum rhetorischen Mittel: Вопрос: Верно ли, что язык есть надстройка над базисом? Ответ: Нет, неверно. Базис есть экономический строй общества на данном этапе его развития. Настройка – это политические, правовые, религиозные, художественные, философские взгляды общества и соответствующие им... учреждения.39 („Frage: Ist es richtig, dass die Sprache ein Überbau über der Basis ist? Antwort: Nein. Die Basis ist die ökonomische Gesellschaftsstruktur auf einer gegebenen Entwicklungsstufe. Der Überbau (, das) sind die politischen, rechtlichen, religiösen, künstlerischen, philosophischen Anschauungen der Gesellschaft und die ihnen entsprechenden ... Einrichtungen.“) 34 Busch 1960 : 156. А. Чехов, Три сестры. 36 Л. Толстой, Кавказский пленник. 37 Гоголь, Записки сумасшедшего. 38 Busch 1960 : 157. 39 И. Сталин, Марксизм и вопросы языкознания. 35 18 Durch den Tiret wird also ausgedrückt, dass der genannte Sachverhalt selbstverständlich ist, dass niemand etwas dagegen einzuwenden hat. So verwendet den Tiret natürlich nicht nur der Diktator, sondern jeder, der mit der allgemeingültigen Seinsfassung übereinstimmt. Толстой – национальная гордость великого русского народа.40 („Tolstoj ist der nationale Stolz des großen russischen Volkes.“) 40 С. Бычков, Л. Н. Толстой, Собр. соч. в 14 т. 19 V. Die Realisierung von ‚быть‘ als ‚есть‘ bzw. Ø in der russischen Sprache der Gegenwart - Eine synchrone Erklärung Auch wenn die diachrone Sichtweise das vorliegende Phänomen historisch erklären und begründen kann, so hat auch die synchrone Sichtweise ihre deutlichen Vorteile. Durch die Betrachtung der Beziehungen der verschiedenen Sprachelemente innerhalb des Systems zueinander zum heutigen Zeitpunkt ist es möglich ohne historisches Vorwissen Regeln für den Sachverhalt festzulegen. Und überhaupt ist das benötigte Vorwissen meist nicht so umfangreich und speziell, wie es bei einer diachronen Untersuchung sein müsste. So scheint mir diese Form beispielsweise geeigneter um didaktisch im Fremdsprachenunterricht eingesetzt zu werden. Copulasätze Мой брат учитель. Copulasätze werden in der Regel mit gebildet. Dort ist die Existenz des Referenten präsupponiert, die Qualifizierung bzw. Klassifizierung des Referenten steht im Mittelpunkt der Information. Лингвистика есть наука. Formen mit ‚есть’, wie ich sie schon im vorigen Kapitel gezeigt habe, sind eigentlich nicht der Regelfall. Hier dient ‚есть’ nicht zur Information über die Existenz des Gegenstandes Лингвистика. Es ist also kein Existenzverbum, sondern eine Copula und somit durch Synonyme substituierbar (являться, nicht aber durch иметься существовать)41. Meiner Meinung nach ist in diesen Formen ‚есть’ oft gut durch ‚- это’ ersetzbar. Existenzsätze Gegenstand der weiteren Untersuchung sollen Existenzsätze der Form „В городе (есть) университет / У Игоря (есть) машина“ sein. Diese können auf unterschiedlichen Ebenen untersucht werden42: Ebene В городе (есть) университет У Игоря (есть) машина Verb ‚быть’ Substantiv im Nominativ Prädikat Subjekt formal-grammatisch Präpositionalgruppe Advb loc / Objekt semantisch kommunikativ 41 42 Existenzbereich Thema Chvany 1975 : 45-52. In Kantorczyk 1993 : 142. Kantorczyk 1993 : 68. Existenzkennzeichen Existenzgegenstand Rhema 20 Wie bereits gezeigt war die diagnostische Transformation mittels Negierung schon bei der Trennung von Copula- und Existenzsätzen hilfreich. Aber auch um Bedeutungsunterschiede der Existenzsätze mit ‚есть’ bzw. herauszukristallisieren ist dies ein geeignetes Mittel. У меня есть словарь польского языка. EXS mit есть У меня нет словаря польского языка. EXS mit У меня словарь польского языка. У меня словарь не польского языка, а русского. Es scheint, dass bei der Verwendung von ‚есть’ die Existenz im Vordergrund der Aussage steht. Bei Negierung wird ja eben die Existenz verneint. Die Nullform dagegen qualifiziert den Referenten, dessen Existenz präsupponiert ist. Bei der Negierung wird somit nicht dessen Existenz, sondern dessen Qualifikation verneint (hier: nicht Qualifikation als Polnischwörterbuch, sondern Russischwörterbuch). Der Nullform können im Existenzsatz zwei Funktionen zugeordnet werden: zum einen steht sie für den morphologischen Ausdruck des Präsens und zum anderen signalisiert sie – und darin besteht die semantische Funktion dieser signifikanten Leerstelle – die präsupponierte Existenz des Existenzgegenstandes.43 Wenn die beiden obigen Beispielsätze ins Präteritum oder ins Futur gesetzt würden, so würden sie sich auf formal-grammatischer Ebene nicht mehr unterscheiden. Der Bedeutungsunterschied bliebe jedoch erhalten. So scheint es nützlich die kommunikative Ebene der Thema-Rhema-Gliederung genauer zu untersuchen: A 1 У неё есть интересные книги. A 2 У неё были интересные книги. A 3 У неё будут интересные книги. Thema Rhema B 1 У неё интересные книги. B 2 У неё были интересные книги. B 3 У неё будут интересные книги. Th1 Rhema Th2 In A wird die Existenzbedeutung neu in die Satzinformation eingebracht und ist somit ein Teil des Rhemas. In B dagegen ist die Einführung der Referenten nicht möglich und das Rhema muss sich mit der Qualifizierung begnügen. „Ich meine, dass der Nullausdruck, die Nullrealisierung den Zweck hat, den Existenzausdruck aus dem Rhema herauszunehmen und ihn in den präsupponierten Teil des Satzes unterzubringen. In den Mittelpunkt der 43 Kantorczyk 1993 : 143. 21 Information tritt nur die durch die Konstituente N1 ausgedrückte Klassifizierungsbedeutung (taxonomische Bedeutung).“44 Das Verhalten des Satzakzents ist in der Nullvariante und der ‚есть’-Variante unterschiedlich. So kann das Existenzverbum im obigen Beispiel A) in jedem Tempus den Satzakzent tragen, in B) ist das nicht möglich. Am wahrscheinlichsten ist die Setzung des Satzakzents auf dem attributiven Teil der Äußerung. Der Zusammenhang des Copula- und Existenzsatzes bei Folgende Transformationen stellen noch einmal die unterschiedliche Funktion des ‚есть’ bzw. heraus: Die neue bzw. zu erfragende Existenzinformation des ‚есть’ ist nicht „wegtransformierbar“. У неё есть интересные книги. -> Есть ли у неё интересные книги? У неё есть интересные книги. Nicht: Её книги интересные. У неё интересные книги. -> Её книги интересные. Dagegen ist die Existenzinformation im -Satz präsupponiert. Hauptfunktion ist die Qualifizierung bzw. Klassifizierung des Existenzgegenstandes. Da dies auch im Copulasatz der Fall ist, ist eine Transformation vom Existenzsatz in einen Copulasatz möglich. Die Grenze zwischen Existenz- und Copulasatz scheint zu verschwimmen.45 46 Nicht-exklusive und exklusive Funktion Die Beispiele В городе дома („In der Stadt gibt es Häuser.“). У Игоря волосы. („Igor’ hat Haare.“) sind ohne kommunikativen Wert.47 Erst durch eine Qualifizierung stellt sich ein Wert ein: У Игоря седые волосы. („Igor’ hat graues Haar.“) Im Existenzbereich Igorь gibt es bekanntlich Gegenstände, z. B. Haare; und die sind alle grau. In diem Fall bezieht sich die Information „grau“ auf den gesamten Existenzgegenstand „Haare“. Wenn nun ausgedrückt werde soll, dass nur ein Teil der Haare grau ist, also eine Auswahl, eine Exklusion, getroffen werden soll, wird ‚есть’ verwendet. У Игоря есть некоторые седые волосы. („Igor’ hat einige graue Haare“) У Игоря седые волосы. Он совсем седой. („Igor’ hat graues Haar. Er ist vollkommen grau.“) Exklusivfunktion wird also mittels ‚есть’ ausgedrückt: nur ein Teil einer Klasse wird so durch das Merkmal ausgezeichnet. Nicht-Exklusivfunktion dagegen wird mittels ausgedrückt: die Qualifizierung bezieht sich auf die gesamte Klasse. 44 Kantorczyk 1993 : 140. Kantorczyk 1993 : 145. 46 Arutjunova 1983 : 92. 47 Arutjunova 1983 : 70. 45 22 VI. Kommunikative Varianten Neben der Untersuchung des neutralen Existenzsatzes kann es interessant sein, dessen kommunikativen Varianten zu untersuchen. Hier sind Permutationen der Satzstellung und Setzung des Satzakzentes möglich. Außerdem ist die Realisierung von ‚быть’ als ‚есть’ bzw. teils eindeutig durch das Wesen der kommunikativen Variante festgelegt. Folgende 8 Variante lassen sich konstituieren: Frage /Antwort nach der Existenz eines Gegenstandes KF (EXV) / KA (EXV) Frage /Antwort nach dem Existenzgegenstand KF (EXG) / KA (EXG) Frage / Antwort nach dem Existenzbereich KF (EXB) / KA (EXB) Konstatierender Aussagesatz - Introduktivsatz K (Intr) Konstatierender Aussagesatz – Nullvariante K () Frage /Antwort nach der Existenz eines Gegenstandes KF (EXV) / KA (EXV) А есть ли разница между теми и другими, есть ли чёткий водораздел? Думаю, что есть, и граница очевидно. („Und gibt es denn eine Grenze zwischen diesen und den anderen, gibt es denn eine klare Scheide? Ich denke das es die gibt, und die Grenze ist offensichtlich.“) In der Antwort auf die Frage nach der Existenz eines Gegenstandes konzentriert sich die neue Information auf die Bestätigung oder Negierung der Existenzaussage. ‚Есть’ ist in KF(EXV) als auch KA(EXV) obligatorisch und trägt den Satzakzent. Es wird in diesem Fall meist mit ‚es gibt’ übersetzt. Frage /Antwort nach dem Existenzgegenstand KF (EXG) / KA (EXG) A) Что на втором этаже? - На втором этаже спортзал, библиотека и столовка. („Was befindet sich auf der zweiten Etage? Auf der zweiten Etage befinden sich eine Sporthalle, eine Bibliothek und die Mensa.“) B) У него ангина? – Нет, у него грипп. („Hat er eine Angina? – Nein, er hat eine Grippe“) Fragen nach dem Existenzgegenstand implizieren als Antworterwartung entweder eine Information über die Benennung/Klassifizierung eines Gegenstandes in dem angegebenen Existenzbereich (A), über seine qualitative/quantitative Charakterisierung, oder sie evozieren eine Bestätigung dessen, dass tatsächlich ein solcher Gegenstand in dem Existenzbereich vorkommt, der in der Frage benannt worden ist (B). Wie in (B) zu sehen ist, kann die Antwort auf Vergewisserungsfragen auch negativ ausfallen. So wird die Existenz eines Referenten zwar bestätigt, der aber ein anderer ist, als vom Fragesteller gemeint und daher in der Antwort erst noch benannt werden muss. 23 Bei Vergewisserungsfragen und den Antworten darauf wird das Substantiv in der Position N1 (das semantische Subjekt im Nominativ) Träger des Satzakzentes. In den anderen Fällen trägt in der Frage das Interrogativpronomen den Satzakzent, in der Antwort ebenfalls das Substantiv in der Position N1. Есть kann nicht den Satzakzent tragen. Es kann eine Pause gesetzt werden (mündlich, als auch schriftlich per Bindestrich); diese müsste in den KF/KA (EXG) nach dem EXV, in KF/KA(EXV) vor dem EXV platziert werden.48 У Вас // есть интересные книги? KF (EXV) У меня // есть интересные книги. KA (EXV) Какие // у Вас есть интересные книги? KF (EXG) У меня (есть/) // интересные книги. KA (EXG) У меня есть интересные книги. Neutraler EXS Frage / Antwort nach dem Existenzbereich KF (EXB) / KA (EXB) Mit der Frage nach dem Existenzbereich wird dem Informationsbedürfnis „Wo gibt es einen solchen Gegenstand“ entsprochen. Где здесь по близости есть телефон? - Здесь по близости есть два телефона: один за углом, другой на проспекте Бисмарка. („Wo ist hier in der Nähe ein Telefon? – Hier in der Nähe gibt es zwei Telefone: Eins an der Ecke, das andere auf der Bismarckallee.“) Где у тебя телефон? – Телефон рядом, в кухнии. („Wo ist bei dir das Telefon? – Das Telefon ist gerade durch, in der Küche.“) Es sind Realisierungen mit есть als auch mit möglich. Dies ist abhängig vom Wissen bzw. von der Vermutung des Sprechers über die Existenz des Existenzgegenstandes, in der Übersetzung kann sich das durch Verwendung des bestimmten oder unbestimmten Artikels äußern. Die Verwendung von есть in der Frage veranlasst den Hörer in der Antwort zunächst die Existenz des Referenten zu bestätigen. Dies kann der Hörer aber auch übergehen und direkt die Ergänzungsfrage beantworten, wobei er verwendet: Где здесь по близости есть телефон? - Один телефон за углом, другой на проспекте Бисмарка. („Wo ist hier in der Nähe ein Telefon? – Eins ist an der Ecke, das andere auf der Bismarckallee.“) Bei der Vergewisserungsfrage ist zu verwenden, da Kenntnis beim Sprecher anzunehmen ist. Извините, институт им. Чайковского на улице Мусоргского? – Нет, институт им. Чайковского конечно на улице Чайковского. („Entschuldigung, das Tschaikovskij-Institut (– das) ist (doch) auf der Musorgskijstraße? – Nein, das Tschaikovskij-Institut befindet sich natürlich auf der Tschaikovskijstraße.“) 48 Kantorczyk 1993 : 172. 24 In KF (EXB) mit Fragepronomen ist die Satzstruktur: PP - V (есть / ) – N1, in der Vergewisserungsfrage N1 – V (есть/) – PP. In beiden Fällen trägt die PP (Präpositionalphrase) den Satzakzent und bildet das Rhema. Der konstatierende Aussagesatz als Introduktivsatz K (Intr) Aufgabe des Introduktivsatzes ist es, Gegenstände in die Kommunikation einzuführen, deren Existenz im EXB nicht bekannt ist, oder bekannt, die aber noch einer Qualifizierung bedürfen. Есть у меня одна хорошая портниха. („Ich hab' (da) eine gute Schneiderin.“) Есть в Америке девять Одесс... („ (Also,) in Amerika, (da) gibt es neun Odessas...“) Die Stimmhebung am Satzende signalisiert die Unvollständigkeit des Satzes und drückt so aus, dass es einer Fortsetzung seitens des Sprechers bedarf. Der Introduktivsatz kann komplett rhematisch sein, der Folgesatz aber muss die Gegenstände aus dem Introduktivsatz wieder als Thema aufgreifen. Introduktivsätze werden nicht negiert. Die Wortfolge in Introduktivsätzen ist EXV(есть) – PP – N1, die Verwendung von ‚есть’ ist obligatorisch. 25 VII. Schlussbetrachtung Die Existenzsätze gehören zusammen mit den Copulasätzen zu der Gruppe der Seinssätze. Es gab viele Versuche die Existenzsätze zu klassifizieren, z. B. einfach in Verbal- und Nominalsatz oder aber in Nominal-, elliptischen, vollständigen und Genitivsatz. Ein wesentliches Kriterium bei einer solchen Klassifizierung ist die besondere Eigenschaft des Russischen, in Seinssätzen das ‚быть’ als ‚есть’ oder aber als Nullvariante zu realisieren. Um überhaupt die Möglichkeit einer solchen Nullvariante erklären zu können, muss die historische Entwicklung des Verbums ‚быть’ betrachtet werden. Die Aktivität des Aspekts als grammatische Kategorie, die dadurch bewirke Ersetzung des Imperfekts und des Aorist durch das Perfekt, die wiederum dadurch bewirkte Verwandlung des partizipialen Perfekts in eine einfache Prädikatsform, die damit verbundene Verwandlung der Präsensformen des Hilfsverbums ‚быти’ und infolge dessen auch der Präsensformen der Copula ‚быти’ und des Existenzverbums ‚быти’ in bloße Personalformen, die Ersetzung dieser verbalen Personalformen durch die pronominalen Personalformen, die daraus folgende Schwächung der verbale Personkategorie, die infolge dessen ermöglichte Vergrößerung des Impersonaltyps und manches andere – alle diese Erscheinungen hängen mehr oder weniger unmittelbar mit der Entstehung des russischen Seinssatztyps zusammen. Aus historischer Sicht muss die Nullvariante so als Normalfall betrachtet werden, der ‚есть’Realisierung muss dagegen eine neue Funktion zuteil geworden sein, nämlich die der besonderen Hervorhebung des präsentischen Verbalen Seins. Aber auch wenn die historische Entwicklung außer Betracht gelassen wird, können für das Auftreten von ‚быть’ entweder als ‚есть’ oder als Nullvariante systematische Regeln aufgestellt werden. Bezogen auf die kommunikative Ebene kann der Nullrealisierung der Zweck zugeteilt werden, den Existenzausdruck aus dem Rhema herauszunehmen und ihn in den präsupponierten Teil des Satzes unterzubringen. Außer des neutralen Existenzsatzes sind noch seine kommunikativen Varianten zu erwähnen. Hier zeigen sich unter anderem Unterschiede in der Realisierung des ‚быть’, der Wortfolge oder des Satzakzents. 26 VIII. Literaturverzeichnis ARUTJUNOVA 1983 Арутюнова, Н. Д., Ширяев, Е. Н., Русское предложение. Бытийный тип: структура и значение, Москва 1983. 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