Röm.15,7 Nehmt einander an

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31. Dezember 2014 „Nehmt einander an“
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Pfarrer Bernhard Botschen
Röm.15,7 Nehmt einander an
1. … wie auch Christus uns angenommen hat
Einmal erzählt Jesus eine Geschichte. Ein Sohn geht zu seinem Vater und verlangt
von ihm sein ganzes Erbe. Im damaligen Israel wurde das Erbe von Generation zu
Generation sorgsam weitergegeben. Aber der Sohn nimmt alles Geld und zieht ins
Ausland. Er macht aus dem Leben eine einzige Party. Er zieht nächtelang durch
Wirtshäuser, er geht ins Puff – bis das Geld aufgebraucht ist. Es geht immer weiter
mit ihm bergab, bis er in seiner Not nur noch einen Ausweg sieht: Zurück nach
Hause. Den Vater um Vergebung bitten und vielleicht wenigstens als Diener bei ihm
arbeiten können. Jesus erzählt: „Er stand auf und ging zurück zu seinem Vater. Der
erkannte ihn schon von weitem. Voller Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den
Hals und küsste ihn.“ (Lukas 15,20).
Die Aussage von Jesus ist klar: Wir sind wie dieser Sohn. Uns gelingt bei weitem
nicht alles im Leben. Vielleicht denkt ihr im Rückblick auf das letzte Jahr: Wie oft war
ich zu träge, um Gutes zu tun. Wie oft kam Gott bei mir zu kurz. Oft habe ich mein
Leben nicht so gestaltet, wie ich mir das vorstelle. Schon gar nicht so, wie Gott sich
das vorstellt.
Der Vater steht für Gott. Eine normale Reaktion von ihm würde so aussehen: Der
Vater sieht seinen Sohn kommen. Er wendet sich ab. Als der Sohn geknickt vor ihm
steht und seine Entschuldigung stammelt, dreht er sich voll Zorn zu ihm um und fährt
ihn an: „Was soll das? Du hast ein Vermögen versoffen und mit Huren verschleudert!
Was hast du dir dabei gedacht? Und jetzt? Jetzt soll ich so tun, als ob nichts
gewesen wäre?“
Aber Jesus beschreibt es so: „Der Vater erkannte ihn schon von weitem. Voller
Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ So wie dieser
Vater nimmt Gott und nimmt Christus uns an. Ohne noch lange Vorwürfe zu machen.
Aus ganzem Herzen. Wenn wir zu ihm umkehren, läuft er uns entgegen. Trotz all
unserer Fehler fällt er uns um den Hals. Der Jahreswechsel ist auch eine Gelegenheit, mit den Fehlern des letzten Jahres zum Vater im Himmel umzukehren. Er wartet
nur darauf!
2. Nehmt einander an
Diese Reaktion des Vaters ist unser Vorbild. Denn es heisst im Bibeltext: „Nehmt
einander an, wie auch Christus uns angenommen hat.“ So, wie Gott und Christus uns
annehmen, so sollen auch wir einander annehmen. Das Theater hat beschrieben,
wie das im Alltag aussehen könnte. Manchmal leidet man nur schon aneinander, weil
man ein anderer Persönlichkeitstyp ist. Im Beispiel ging es um Kollegen. Aber oft
erleben wir das auch mit unserem Partner. Wenn man sich verliebt, ziehen sich
manchmal genau diese Gegensätze an.
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Pfarrer Bernhard Botschen
So sieht das dann aus: Um halb fünf will man zum Silvestergottesdienst aufbrechen.
Der Mann steht – wie immer - schon drei Minuten früher beim Ausgang und schaut
nervös auf die Uhr. Er hört, wie seine Frau noch dies und das im Haus erledigt. Er
versucht es geduldig: „Schatz, es ist fast halb!“ „Ja, ja“, tönt es von irgendwo oben
und er hört, dass sie gerade im Badezimmer angelangt ist und dort herumwerkt.
Inzwischen ist es halb fünf und er wird so richtig nervös. … Ich kann das recht gut
beschreiben, weil das meine Rolle ist. Wenn ich mit meiner Frau einen Treffpunkt
abmache, bin ich immer schon zu früh dort. Nicht pünktlich. Zu früh!
So Beispiele gibt es unendlich viele: Vielleicht habt ihr einen sehr vorsichtigen
Kollegen bei der Arbeit. Als erstes sagt er immer: „Ja, aber sollten wir nicht zuerst
überlegen… Ich würde hier nicht so schnell vorwärts gehen …“. Ihr dagegen seid
der Visionär. Es drängt euch nach vorne. Innerlich kocht ihr und denkt euch: „Nie
geht es vorwärts!“ Es gibt viele dieser Reibungsflächen: Ordentlich („Wir haben
morgen Besuch. Die Wohnung soll ordentlich sein.“) und chaotisch („2015 ist eine
ungerade Zahl, da muss ich die Fenster nicht putzen“), pünktlich („In einer Viertelstunde fährt der Bus, ich gehe jetzt los.“) und entspannt mit der Zeit („Um Gottes
willen, der Bus fährt in zwei Minuten!“), beziehungsorientiert und sachorientiert, auf
das Detail bedacht und visionär.
Oft ist das Problem noch schwerwiegender: Manchmal sind Menschen innerlich
verletzt und das wirkt sich im Zusammenleben mit ihnen aus. Sie verhalten sich so,
dass es für andere fast nicht zu ertragen ist. Manchmal sind wir selber so eine
Person, mit der es wirklich nicht einfach ist.
Sicher gibt es auch den Moment, in dem man andere auf solche Fehler ansprechen
kann und soll. So sagt es Jesus im Lesungstext mit dem Splitter im Auge des
anderen. Vielleicht gibt es auch sehr weit draussen einen Punkt, an dem man sagt:
„Diese Situation macht mich kaputt! Ich versuche, meinen Chef, meine Verwandte,
meinen Partner anzunehmen, muss mich aber aus dieser Situation zurückziehen.“
Aber heute geht es nur darum: „Nehmt einander an“! Fünf Stichwörter dazu:
1. Man darf mit der Annahme nicht warten, bis sich der andere entschuldigt. Das
wären ja die Sternstunden zwischen den Arbeitskollegen im Theater, wenn der eine
am Ende der Sitzung sagt: „Es tut mir leid. Ich bekomme das mit meiner Unpünktlichkeit nicht in den Griff. Das ist für euch wirklich unangenehm.“ Und der andere
lacht und sagt: „Für dich muss das ja auch nicht einfach sein, wenn du so gute Ideen
hast, und ich finde immer zuerst die Kleinigkeiten, die nicht stimmen. Sei mir bitte
nicht böse. Ich kann irgendwie nicht aus meiner Haut!“ Ich habe schon oft erlebt, wie
jemand so etwas gesagt hat. Es verändert die ganze Situation. Aber wir dürfen unser
Annehmen nicht davon abhängig machen.
Ich weiss nicht, wo ihr dieses „Nehmt einander an“ als die grösste Herausforderung
erlebt. Ist es beim Nachbarn? Beim Chef? Bei der Schwiegertochter? Bei den Eltern?
Wartet ihr noch auf eine Entschuldigung? Der andere soll wenigstens einsehen, wie
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schlecht er sich manchmal verhält? Erst dann verändert dieses „Nehmt einander an“
die Welt, wenn wir nicht immer zuerst auf eine Entschuldigung warten!
2. Manchmal nehmen wir andere nicht an, weil wir uns denken: „So Fehler sollte man
doch in den Griff bekommen.“ Das sieht dann so aus: „Mein Chef ist immerhin ein
erwachsener Mann. Das darf ich von ihm erwarten, dass er seine Zornausbrüche in
den Griff bekommt!“ Oder: „Das mit der Pünktlichkeit sollte doch möglich sein.“ Wer
so denkt, setzt Bedingungen für seine Annahme: Wenn meine Frau mir nicht mehr so
viele Vorwürfe macht, wenn mein Mann mir mehr seine Liebe zeigt, dann nehme ich
ihn an. Aber Jesus sagt auch nicht: „Zuerst musst du deine Probleme in den Griff
bekommen, dann nehme ich dich an.“ Gott liebt mich mit all meinen Schwächen, mit
meinen Fehlern, mit meinen Verletzungen. Beim „Nehmt einander an“ geht es darum,
andere mitsamt ihren Fehlern anzunehmen.
3. Es bekommt etwas Göttliches, wenn es uns gelingt, gerade schwierige Menschen
anzunehmen. Jesus sagt einmal: „Seine Freunde lieben ist nichts Besonderes!“
Ausgeglichene und freundliche Menschen lieben, das kann jeder. Jesus fordert uns
heraus: „Liebe deine Feinde!“ (Matth.5,44-48) Für unser Thema übersetzt, heisst es:
Nimm auch die schwierigen und komplizierten Menschen an! Die, mit denen man fast
nicht zusammen arbeiten kann. Die, die einen immer wieder verletzen. Die, die sich
nie ändern.
4. Es hilft uns, dieses Ziel vor Augen zu haben. Dann fällt uns selber auf, wenn wir
immer wieder negativ über andere reden. Manchmal hilft es schon weiter, wenn wir
dann merken: „Jetzt ist meine Liebe und Güte gefragt.“ Es ist, wie wenn man dann im
Kopf einen Schalter umlegt und versucht, die Person mit Gottes Augen zu sehen.
5. Manchmal kommt man so nicht weiter. Der Ärger sitzt zu tief. Wenn ihr wirklich
wollt, dass Gottes Kraft euch dabei hilft, andere anzunehmen, kenne ich nur eine
Möglichkeit: Für diese Person beten. Gott für diesen Menschen danken. Sich
bewusst machen, wie lieb er diesen Menschen hat. Gott für alles danken, was diese
Person trotz mancher Fehler gut macht.
Der Jahreswechsel ist ein guter Moment, um das anzugehen. Vielleicht stand euch
während der ganzen Predigt schon eine Person vor Augen, die euch Mühe macht.
Beginnt doch mit dem 1.Januar, so lange für diese Person zu beten, bis ihr beginnt,
sie mit gütigen Augen anzusehen. Seid nicht zufrieden, wenn sich der grösste Ärger
in euch gelegt hat. Geht noch einen Schritt weiter. Betet so lange, bis in euch die
Liebe für diese Person zu wachsen beginnt. Vielleicht dauert das ein paar Wochen.
Wahrscheinlich gibt diese Person euch immer wieder neu Anlass, euch über sie zu
ärgern. Bleibt täglich dran. Keiner hat gesagt, dass es leicht ist, schwierige Kollegen
oder Familienmitglieder anzunehmen. Lass das Ziel nicht aus den Augen: „Nehmt
einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ AMEN.
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