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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Forum Buch
28.4.2013 /// 17.05 Uhr
Redaktion: Wolfram Wessels
Mit neuen Büchern von Udo Bermbach, Dieter Borchmeyer, Kerstin Decker, Martin Gregor Dellin, Enrik
Lauer/Regine Müller, Christian Thielemann,
Niklas Frank, Götz Aly, Benoît Peeters,Susanna Filbinger-Riggert
Wolfgang Schneider über Literatur zu Richard Wagners 200. Geburtstag:
Udo Bermbach: Mythos Wagner.
Rowohlt, 334 S., 19,95 Euro
Dieter Borchmeyer: Wagner. Werk-Leben-Zeit.
Reclam, 404 S., 22,95 Euro
Kerstin Decker: Nietzsche und Wagner. Geschichte einer Hassliebe.
Propyläen, Berlin. 412 S., 19,99 Euro
Kerstin Decker: Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet.
Berenberg, 196 S., 25,00 Euro
Martin Gregor Dellin: Richard Wagner. Sein Leben – sein Werk – sein Jahrhundert.
Gelesen von Ullrich Noethen.
Osterwold Audio, 15 CDs, 49,99 Euro
Enrik Lauer/Regine Müller: Der kleine Wagnerianer. Zehn Lektionen für Anfänger und
Fortgeschrittene.
C.H. Beck, 261 S., 17,95 Euro
Christian Thielemann: Mein Leben mit Wagner.
C. H. Beck, München. 319 S., 19,95 Euro
Richard Wagner: Tristan und Isolde.
Einspielung von Wilhelm Furtwängler, Kommentar Peter Wapnewski.
Hörverlag, 6 CDs, 16,99 Euro
Rezension: Wolfgang Schneider
Niklas Frank: Bruder Norman! "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn".
Verlag J. H. W. Dietz, 316 S., 22,00 Euro
Rezension: Stefan Berkholz
Götz Aly: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939 – 1945. Eine Gesellschaftsgeschichte.
S. Fischer, 348 S., 22,99 Euro
Rezension: Ulrich Teusch
Susanna Filbinger-Riggert: Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie
Campus, 283 S., 19,99 Euro
Rezension: Waltraut Worthmann von Rode
Benoît Peeters: Derrida. Eine Biographie
Aus dem Französischen von Horst Brühmann,
Suhrkamp Verlag, 935 S., 39,95 Euro
Rezension: Klaus Englert
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Wolfgang Schneider über Literatur zu Richard Wagners 200. Geburtstag:
Udo Bermbach: Mythos Wagner.
Dieter Borchmeyer: Wagner. Werk-Leben-Zeit.
Kerstin Decker: Nietzsche und Wagner. Geschichte einer Hassliebe.
Kerstin Decker: Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet.
Martin Gregor Dellin: Richard Wagner. Sein Leben – sein Werk – sein Jahrhundert.
Enrik Lauer/Regine Müller: Der kleine Wagnerianer. Zehn Lektionen für Anfänger und
Fortgeschrittene.
Christian Thielemann: Mein Leben mit Wagner.
Richard Wagner: Tristan und Isolde.
Von Wolfgang Schneider
MUSIK Walküre
Richard Wagner, seine betörende Musik, sein hybrider Anspruch, seine menschlichen
Verfehlungen – es ist eine unendliche Melodie. Sind die Deutschen im Wagner-Rausch? Eine
solche Buchfülle hat jedenfalls lange kein Jubiläum ausgelöst, die Büchertische biegen sich zum
200. Geburtstag unter Dutzenden Neuerscheinungen; die Magazine überbieten sich in
Sondernummern. Auf dem Titelbild dräuen dann meist im Hintergrund eine Hakenkreuzfahne
oder ein Hitlerkopf. Klare Botschaft: Wagner ist kein Komponist wie andere, er ist der Wotan
Wahnfried der deutschen Kulturgeschichte. Neben den Werken, die man hören kann, bietet er
nach wie vor viel Unerhörtes: Sprengstoff, Brisanz.
Schaut man sich die neuen Bücher dann genauer an, relativiert sich dieser Eindruck allerdings
schnell. Alles sehr gediegen und selten spektakulär. Neuigkeiten sind angesichts eines dermaßen
durchforschten Lebens und eines weltweit kanonisierten Werks auch kaum zu erwarten. Martin
Gregor-Dellins monumentale Wagner-Biographie aus dem Jahr 1980 wird von keiner
Neuerscheinung übertroffen. Umso erfreulicher, dass es sie jetzt als Hörbuch gibt, gekürzt, aber
immer noch fast zwanzig Stunden lang, gelesen von Ulrich Noethen, der seit seiner
Komplettdarbietung von Tolstois „Krieg und Frieden“ der Sonderbeauftragte für historisch
bedeutsame Epik ist. Auch Gregor-Dellins Biographie empfiehlt sich als Panorama des 19.
Jahrhunderts:
O-Ton 1: Das Leben Wagners verlief nicht neben der Geschichte her, sondern war von
Anfang an so sehr in sie verflochten, dass man die Wechselwirkungen genau verfolgen muss,
als sei Wagners Lebensdrama das Drama des Jahrhunderts… Von nichts verschont, in alles
verwickelt, wurde Richard Wagner zur umstrittensten Vielgenanntheit, verrätselt wie das
Jahrhundert, das die Voraussetzungen unserer eigenen Katastrophen enthält.
Wagners Leben erscheint als einzige Auftürmung widriger Umstände, mit einer
Katastrophendynamik, gegen die er jahrzehntelang andichtet und ankomponiert, bis er
schließlich seine Idee eines neuen Musiktheaters triumphal durchsetzt.
Die mythische Konzeption seiner Musikdramen war gegen die zeitgenössische Historien-Oper
gerichtet, denn der Mythos zielt auf das Archetypische, Überhistorische. UDO BERMBACH
widmet sich in „Mythos Wagner“, einem der besten Bücher zum Jubiläum, dem DichterKomponisten aber nicht nur als Schöpfer komplexer mythischer Welten, sondern auch als
Meister der Selbstmythisierung:
ZITAT 1: Kein Künstler vor ihm war so bedingungslos von sich und seiner Mission überzeugt,
war allen Selbstzweifeln zum Trotz von einem so unbeugsamen Willen geprägt, sich und seine
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Ideen durchzusetzen und ein Werk zu schaffen, das die sich zersplitternde Moderne noch
einmal zu einem Ganzen zusammenfügen, der Welt eine künstlerisch-moralische Erneuerung
bringen sollte.
MUSIK Götterdämmerung
Zwischen den vielen Neuerscheinungen fällt ein Buch mit originellem Titel auf: „Der kleine
Wagnerianer – Zehn Lektionen für Anfänger und Fortgeschrittene.“ Das Autorenduo ENRIK
LAUER und REGINE MÜLLER vermeidet das akademische Referieren aus den
Wissensbeständen. Frisch und ein bisschen frech werden wichtige Themenkomplexe verhandelt,
sehr gut zu lesen sind die Kapitel über die Musikdramen vom Lohengrin bis zum Parsifal, die
Geschehen, Musik und Deutung gewitzt präsentieren. Die Persönlichkeit Wagners wird umrissen
– mit ihrem außerordentlichen Charisma, aber auch ihren weiträumigen Schattenseiten und
bizarren Zügen. Ein schönes Kapitel handelt vom Pumpgenie:
ZITAT 3: Einen nicht unerheblichen Teil seiner Energien musste Wagner daher ins
Fundraising in eigener Sache stecken, meist zur Tilgung aufgelaufener Schulden. Dabei
verschonte er niemanden: Er pumpte alte Schulfreunde ebenso an wie ihm zugeneigte
Frauen, Bankiers und Verleger… Zu guter Letzt plünderte er gar einen leibhaftigen König
aus: Ludwig II. von Bayern; der Märchenkönig stürzte beinahe über die Krise, die seine allzu
großzügigen Subventionen des Musenfreundes ausgelöst hatten… Bestürzend und
faszinierend zugleich ist die Treffsicherheit, mit der Wagner seiner ungezählten Bettelbriefe
formulierte, ja regelrecht komponierte. Sie zeigen seine ganze Theater-Begabung…
Die künstlerische Produktivität wird von der ständig drohenden Pleite stimuliert. Wagner musste
offenbar den Ruin anregend vor Augen haben, der Teufelskreis von finanzieller Not und
rauschhafter Kreativität war sein Antriebsrad. Kapitalismuskritik und Luxusliebe gingen bei ihm
zusammen. Neben König Ludwig und dem Freund Franz Liszt waren es vor allem Frauen, die
Wagner immer von Neuem aus der Misere retteten. Frauen, meinte er einmal, hätten einfach
nicht so „verlederte Seelen“ wie die „staatsbürgerliche Männerwelt“.
Ein Kapitel widmet sich Wagner und der Psychoanalyse. Was all die Schwerter symbolisieren,
muss man nicht ausbuchstabieren. Wichtiger ist es, dass Wagner das Orchester als Kraftwerk des
Unbewussten einsetzt: hier brodeln die Energien, die die Figuren antreiben, ohne dass diese sich
darüber im Klaren wären. Um leitende Motive geht es im doppelten Sinn: als vielfach variierte
musikalische Formeln und psychologische Motivationen.
MUSIK Walküre
Der Germanist und Theaterwissenschaftler DIETER BORCHMEYER hat ein überaus
kenntnisreiches Buch vorgelegt: Der Titel „Richard Wagner: Leben-Werk-Zeit“ klingt etwas
trocken-handbuchhaft, aber eine konzentriertere Gesamtdarstellung ist auf 400 Seiten nicht zu
haben. Borchmeyer ist ein philologischer Verehrer, der sich am Biographismus vieler WagnerLiteratur stört und stattdessen detailliert die Einbettung der Werke in europäische
Kulturtraditionen aufzeigt. Er arbeitet den Beziehungsreichtum der Musik-Dichtungen heraus,
zum Beispiel die vielen Inspirationen, die Wagner Heinrich Heine verdankte, am wichtigsten die
Konzeption des „Fliegenden Holländers“. An diesem Punkt wird einmal mehr deutlich, wie
kompliziert das Thema Antisemitismus bei Wagner ist. Denn der rastlos umhergetriebene
Holländer ist eine Ahasver-Figur, der „Ewige Jude“ als Identifikationsgestalt:
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ZITAT 4: Ahasver wird im 19. Jahrhundert geradezu zum Existenzsymbol des modernen
Künstlers in seiner Unbehaustheit und seinem Leiden am Dasein. Die „Künstler“, die
„Genies“, so Nietzsche im „Fall Wagner“, „das sind ja die ‚ewigen Juden‘“. Auch Wagner
hat den Ahasver-Mythos auf sich selbst bezogen.
Schon zeitgenössischen Beobachtern fiel auf, dass Wagners Beschreibungen des Judentums oft
wie Selbstbeschreibungen wirken. „Im Sinn seiner Broschüre erscheint er selbst als der größte
Jude“, meinte der jüdische Autor Gustav Freytag. Wagner attackiert die jüdische
Modernisierungselite – und ist doch gewissermaßen selbst ein Repräsentant jüdischer
Modernität. Worin ein Grund dafür liegen könnte, dass seine Werke so viele jüdische Verehrer
fanden; auch in Wagners Freundeskreis gab es viele Juden. Borchmeyer zeigt die Ambivalenzen
in Wagners Antisemitismus, der im Übrigen keine singuläre Fehlleistung war. Auch Karl Marx –
um nur ihn zu nennen – fabulierte über die „Emanzipation der Menschheit vom Judentum“. Das
Problem besteht darin, dass die rassistischen Antisemiten später eben nicht bei Marx andockten,
sondern bei Wagners vergiftetem Traktat „Das Judenthum in der Musik“.
MUSIK Siegfried
Viele Jahre musste Wagner warten, bis er die eigenen Großwerke hören und auf der Bühne
erleben konnte. Als endlich 1876 die erste zyklische Aufführung des „Rings“ bei den ersten
Bayreuther Festspielen stattfand, hielt die Bühnen-Wirklichkeit seinen hohen Erwartungen nicht
stand. Peinlichkeiten und Pannen zuhauf. Borchmeyer schreibt:
ZITAT 5: So landete das Mittelteil des von Arnold Böcklin entworfenen und in London
hergestellten Drachens in Beirut statt in Bayreuth, was dem Ungetüm auf der Bühne ein
ungewollt gedrungenes Aussehen verlieh… Die Mängel der Bayreuther Ring-Uraufführung –
auch des Dirigats von Hans Richter, dessen Tempo-Unsicherheit ihn verstörte – hat Wagner
selbst deutlich empfunden. Er verfiel in eine Depression, die ihn sogar erwägen ließ, nach
Amerika auszuwandern. Die Festspiele endeten mit einem finanziellen Fiasko: einem Defizit
von rund 150.000 Mark.
Rausch und Humtata: so lautet ein gängiges Vorurteil über Wagner. Von der
„Überwältigungsmusik“ wird eine gerade Linie zur Überwältigungspolitik Hitlers gezogen.
Dabei setzt die Popmusik heute längst viel massivere Mittel der Betörung, Berauschung und
Überwältigung ein. Die „Götterdämmerung“ ist ein subtiles Kammerkonzert, verglichen mit dem
gigantesken Rambozambo-Budenzauber eines Rammstein-Auftritts, einem kilometerweit
wummernden Riesen-Rave oder einem stadionfüllenden Rock-Event, wo Zehntausende im
seligen Gleichklang ihre leuchtenden Handys schwenken.
Schon Nietzsche wusste es besser: Wagner bietet weniger Heldengesänge als facettenreiche
Seelenmusik für moderne, leidende Menschen, mit ihren Brüchen, psychischen Abgründen,
Gefühlsmischungen, Neurosen, Hysterien. Wenn man Wagners Heldinnen den heroischen Balg
abstreife, meinte er, sähen sie alle aus wie Madame Bovary. Es war eine der nachhaltigsten
Kollisionen der deutschen Kulturgeschichte, als der junge Nietzsche mit dem dreißig Jahre
älteren Komponisten ein Bündnis schloss, dann aber vom Verkünder der frohen WagnerBotschaft zum klügsten Kritiker des Wagnerkults wurde – Kerstin Decker hat dieser Hassliebe
nun eine minutiöse biographische Analyse gewidmet, die sich spannend wie ein Roman liest.
Schließlich sei noch ein ganz besonderes Hörbuch empfohlen: die „Tristan und Isolde“-Edition
im Hörverlag. Man genießt ungekürzt die legendäre Einspielung Wilhelm Furtwänglers aus dem
Jahr 1952. Die Musik wird regelmäßig unterbrochen für die mündlichen Kommentare Peter
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Wapnewskis. Der kürzlich verstorbene Altgermanist spricht mit unaufdringlich begeisterter,
sachdienlich einschmeichelnder Stimme: Ausführungen zur Entstehungsgeschichte und den
biographischen Hintergründen, Hinweise zur Handlung, Skizzen der Deutung, Details der
Instrumentierung:
O-TON 3: Tristan tritt nahe, also heran auf Akkorden von eherner Wucht: die Bläser, leise
erst im Unisono, dann im Crescendo abgelöst von den Streichern, die ungeheure Spannung
wird nur durch das Orchester vermittelt. Seinen Stimmen ist die Stimmung der von
sprengender Spannung vibrierenden Atmosphäre überlassen, in der das Ungeheuerliche sich
vorbereitet.
MUSIK Tristan und Isolde
Hier wird der besondere Reiz dieses Hörbuchs erkennbar: Die Musik erschließt sich durch den
Kommentar, der wiederum durch die Musik Konkretion und bessere Nachvollziehbarkeit
bekommt: Arbeit am Beispiel. Auch der Dirigent CHRISTIAN THIELEMANN hat in seinem
Buch „Mein Leben mit Wagner“ einiges über das Liebesdrama Tristan und Isoldes zu sagen:
ZITAT 6: Sein hochexplosives Material verlangt enormes Fingerspitzengefühl, wie beim
Knacken eines Safes. Entweder man löst frühzeitig die Alarmanlage aus oder man trifft die
richtige Zahlenkombination.
Der Dirigent als Panzerknacker – nicht nur an dieser Stelle erweist sich das Buch als
Dampfplauderei. Nach viereinhalb Stunden Wagner-Dirigieren, schreibt Thielemann, sei er „am
Ende, wie Wotan am Ende ist“. Der „Ring des Nibelungen“ – auch nur noch ein BurnoutMelodram?
Thielemanns Bekenntnisse gewinnen jedoch durch den sehr persönlichen, involviertfachmännischen Blick auf Wagner, der durchaus kein Pomp-Komponist mit Schmetter-Orchester
sei. Der Dirigent hebt vielmehr die Klarheit und Logik in den Partituren hervor, rühmt Wagners
„Vielschichtigkeit, Klugheit und Witz.“ In den Musikdramen stehe die Handlung oft ganz
undramatisch still; Erinnerungen und Gedanken gewinnen Raum. Im „Tristan“ und im zweiten
Akt der „Walküre“ werde „nur erzählt, reflektiert, geschwärmt, geklagt, geredet – vorzugsweise
aneinander vorbei.“ Das ist gut gesagt.
Vor allem polemisiert Thielemann gegen das politisierende Wagner-Unverständnis, den
notorischen Hitler-Bezug. Musik transportiere nichts Politisches; selbst die Deutung des „Rings“
als Welt-Mär von Macht, Geld/Gold und Liebe bleibe unterkomplex gegenüber den Finessen der
Komposition. Um Weltanschauung zu transportieren, bedürfe es nicht eines solch raffinierten
Klang-Laboratoriums. „Es-Dur bleibt immer Es-Dur“, schreibt Thielemann. Das ist doch mal
eine Einsicht.
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Niklas Frank: Bruder Norman! "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn".
Von Stefan Berkholz
Niklas Frank: Ich wollt ja nie die Trilogie schreiben. Aber überraschend habe ich sie jetzt
beendet. Und ich habe damit eine deutsche Familie nackt ausgezogen vor der
Öffentlichkeit. Und das mit gutem Grund. Wir haben so viele Millionen
jüdische, polnische und andere Familien sich nackt ausziehen lassen, bevor wir
sie ermordet haben.
Autor:
So kann man doch nicht über die deutsche Vergangenheit schreiben! So kann
man doch nicht seine eigene Familie bloß stellen! So darf man doch nicht wüten
und zürnen und geißeln, in aller Öffentlichkeit auch noch! Doch, man darf und
Niklas Frank hat es getan.
Niklas Frank: "Der Vater" war eine absolute Anklage mit Anrede: "Du". Die "Mutter" war der
epische, alles wissende Erzähler. Und beim Norman waren es ja die Dialoge. Die
hatten so'n typisch bayerisches Geschäftshaus mitten in Schliersee, und ich
wohnte oben drüber immer. Und da bin ich immer raufgegangen, hab sofort die
Erinnerungen mit unsern Dialogen aufgeschrieben. Weil er hasste das,
aufgenommen zu werden. (...) Und dann, wo ich den Laptop aufgeklappt hab
und gesagt hab, so, jetzt mog i net mehr, und dann hat er ja auch in gewisser
Weise mitgemacht.
Autor:
1987 veröffentlichte Niklas Frank die Abrechnung mit seinem Vater, der kühle,
schmucklose Titel: "Der Vater". Es war ein Paukenschlag. Anklage und später
Prozess gegen den Generalgouverneur im besetzten Polen, den als "Schlächter
von Polen" und "Judenschlächter von Krakau" in die Geschichte eingegangenen
Vater. Anklage und später Prozess gegen den toten, vom Militärgericht 1946 in
Nürnberg gehenkten Vater. Das Buch trug dem Sohn und STERN-Reporter
Niklas Frank anonyme Morddrohungen ein, Verrisse, Häme, blanke Ablehnung.
Niklas Frank: Als ich Bertelsmann den "Vater" abgab, da kam ein Manuskript zurück, da war
alles rausgestrichen, was persönlich war. Und es war plötzlich eine ungefähr nur
fünfzig Seiten kurze, ganz dämliche Biographie über meinen Vater. Wo nichts
drin war. Und dann hab ich gesagt, entweder so oder gar nicht. Und dann haben
sie es mühevoll geschluckt. (...) Der bürgerliche Geschmack mag so was nicht.
Die wollen über sechs Millionen Juden, über die Verbrechen der Deutschen in
einem ordentlichen, sachlichen Stil Berichte bekommen, der sie überhaupt nicht
stört.
Autor:
Doch Frank ließ sich nicht irre machen und wurde zum Störenfried wohlfeiler
Geschichtsschreibung. "Der Vater" war ein einziger Wutschrei, ohnmächtig,
abgründig, aufwühlend. Auch der Bericht über die Mutter, 2005 unter dem Titel
"Meine deutsche Mutter" herausgekommen, war der Kritik nicht geheuer und
auch nicht geschmackvoll genug, und man fragte sich pikiert, ob eine solche
Abrechnung mit der eigenen Mutter und dann auch noch in aller Öffentlichkeit
nötig sei. Nun also der dritte Band zur Familiengeschichte, der Titel: "Bruder
Norman!" und das Zitat von ihm: "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich
liebe ihn". Auch dieser Band enthält Passagen, die erneut größten Widerstand
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und hellste Empörung hervorrufen können.
Niklas Frank: Norman konnte sehr witzig sein. Der war immer hinterher, hinter einer wirklich
originalen Pointe. Er war kein Witzerzähler, obwohl er sich über Witze
manchmal freute, aber er wollte immer alles in ein Wort legen. Und er war der
größte Verdränger, dem ich je begegnet bin, muss ich schon sagen. Weil er aus
dieser Falle nicht raus kam. "Ich weiß, Vati war ein Naziverbrecher, aber ich
liebe ihn".
Autor:
In diesem Zwiespalt bewegt sich der Dialog zwischen den Brüdern. Niklas Frank
konfrontiert seinen Bruder mit den Dokumenten und entlarvt die lebenslangen
Widersprüche einer standhaften Verdrängung. Die Brüder ringen mit einander,
werfen sich gegenseitig Grobheiten an den Kopf, Lügen, Wahrheiten,
Beschimpfungen. Sie belauern sich, giften sich an, sind eifersüchtig aufeinander,
lieben sich, streiten sich, verletzen sich. Für beide ist diese Auseinandersetzung
sehr schmerzlich. Beide sind intelligent, schlagfertig, belesen. Der eine, Niklas,
ist gewappnet mit all seinen Vorkenntnissen und den Dokumenten aus grauer
Vorzeit, den Briefen der Familie, den Reden des Vaters, den Äußerungen von
Zeitgenossen. Der andere hört sich die Unerhörtheiten an, schluckt, glaubt es
nicht, nimmt eigene Irrtümer zur Kenntnis, eigene Verdrängungen, Lügen, die
Abgründe deutscher Geschichte. Das Drama nimmt seinen Lauf.
Niklas Frank: Ich würde sagen: Eine Hinrichtung verbindet. Wir haben beide denselben
Background, dass man uns den Vater mitten aus dem Leben heraus, kerngesund,
intellektuell sehr hoch stehend, moralisch sehr tief, einfach zum Galgen führt.
Der ist nicht an Krebs gestorben. Der hat sich nicht scheiden lassen. Der ist nicht
beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der wird richtig ganz bewusst und
der Familie mitgeteilt: Dieser Mann darf nicht weiter leben, weil er zu viel
Schuld auf sich geladen hat.
Autor:
Bruder Norman erinnert sich nicht an die SS-Kaserne neben seiner Schule in
Krakau, nicht an halb nackte Juden, die in bitterer Kälte Kohlensäcke abladen
mussten, nicht an die Peitschenhiebe, nicht an Quälereien aus purer Lust und auf
offener Straße. Der Bruder will sich nicht erinnern, er kann sich nicht erinnern.
Doch ein Schulfreund von Norman erinnert sich sehr wohl und schreibt es sogar
auf. Der Schulfreund hat ein Büchlein für seine Enkel gemacht, damit nichts
vergessen wird. Frühjahr 1944: Auf einem LKW sieht der Schulfreund von
Norman jämmerliche, abgemagerte, heruntergekommene Gestalten, hinten am
LKW steht der Zielort in großen Buchstaben: Auschwitz. Das Vernichtungslager
ist förmlich plakatiert. In langer Reihe hängen an Telefonmasten die Toten an
Galgen. Zur Abschreckung, vor aller Augen. Darüber konnte keiner hinweg
sehen. Wie konnte später gesagt werden, man habe nichts gewusst? Und die
Spottlieder und antisemitischen Witze? In aller Munde, herzhaft und gehässig
gebrüllt und selbstgefällig weitergetragen und hier, bei Niklas Frank,
nachzulesen. Der Autor macht all das plastisch, er kennt keine Tabus, reiht eine
Ungeheuerlichkeit an die andere. Und macht damit, stellvertretend für die
Deutschen, auch seinem geliebten Bruder den Prozess.
Niklas Frank: Es hat nichts mit Tapferkeit zu tun! Wir sind in einer wunderbaren Demokratie,
die trotz aller Fehler immer noch sensationell gut funktioniert. Da bedarf es
keinerlei Mutes, solche Bücher zu schreiben.
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Autor:
Niklas Frank blickt in die Abgründe einer deutschen Familie. Er enthüllt die
Tragik gespaltener Seelen. Drei Geschwister bleiben auch nach dem Tod des
Vaters national und faschistisch. Auch die Mutter rückt nicht ab vom alten
Herrenmenschendenken. Bruder Norman flüchtet sich in den Alkohol, erinnert
sich lieber an das Glück der Kindheit und die Abenteuer der Pubertät und will
alles andere vergessen. Ein paar Anekdoten aus großer Zeit sind ihm im
Gedächtnis geblieben: mit Roland Freisler, dem brüllenden "Blutrichter" Hitlers,
beim Frühstück: witzig war der, erinnert sich Norman. Als Fünfjähriger saß er
auch auf Hitlers Schoß: beißend ironisch denkt Norman daran zurück, mehr
nicht. Schön gefärbte Bilder eben. Damit kommen die Brüder der Wahrheit nicht
näher. Und doch erkennt Bruder Norman ab und an etwas - aber im nächsten
Moment widerruft er das schreckliche Erwachen. Niklas Frank, der Autor,
kommt sein Leben lang nicht los von seiner mörderischen Familie und der
Scham über die deutschen Verbrechen. Seit Jahrzehnten wühlt er im Urschlamm
und möchte verstehen, begreifen, wissen, warum. Eine Frage der Selbstachtung?
Eine Frage des Überlebens? Ein Ringen mit dem Trauma, ein Kampf gegen die
Verpanzerung. Niklas Frank wirkt heute alles andere als verbittert oder zynisch.
Im Gegenteil: Er ist dem Leben zugewandt und freut sich über die Kapriolen und
Widersprüche und Rätsel menschlichen Seins.
Niklas Frank: Das ist immer die Groteske des Lebens und wofür ich auch die Menschen liebe.
Das ist einfach toll: Wir könnens halt nicht! Wir können nicht der Wirklichkeit
konform leben. Da müsste ich auch sagen: Bin ein alter Mann und hab Arthrose
und jetzt leg dich doch hin und sterbe, es hat ja alles keinen Sinn. Aber ich
träume. Und freue mich über dies und jenes. Und denk, die Enkel werden mich
schon in drei Jahren für stinklangweilig erachten, weil sie ganz andere Interessen
haben. Und so geht das Leben dahin. Aber es ist schön.
Autor:
Niklas Frank hat ein tabuloses, ein tragisches und sehr schmerzhaftes Buch
geschrieben. Die Wucht der Worte ist überwältigend. Hier kommt keiner
ungeschoren davon, auch der Leser nicht. Ein umwerfendes Buch, bitter,
trostlos, verzehrend. Eine Entblößung, herausfordernd, selbst zerfleischend, klar
und einfach und packend geschrieben. Ein Lehrstück.
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Götz Aly: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939 – 1945. Eine Gesellschaftsgeschichte.
Von Ulrich Teusch
Autor:
In der NS-Zeit galten psychisch Kranke und Behinderte als „nutzlose Esser“, als
„Ballastexistenzen“, als „lebensunwertes Leben“. Mit ihnen kannte das Regime keine Gnade.
Seit Anfang 1934 wurden 400 000 Menschen zwangssterilisiert. Gegen Ende der 1930er Jahre
setzten dann die systematischen Kranken- und Behindertenmorde ein. Betrachtet man nicht
allein das deutsche Kernreich, sondern auch die im Krieg besetzten Gebiete, dann fielen diesen
Morden insgesamt bis zu 300 000 Menschen zum Opfer, darunter weit über Zehntausend Kinder.
Der Historiker und Sozialwissenschaftler Götz Aly befasst sich seit mehr drei Jahrzehnten mit
diesem Themenkomplex. Er hat zahlreiche, teils wegweisende Untersuchungen publiziert. Sein
jetzt vorgelegtes Buch zehrt zu großen Teilen von diesen älteren Studien. Aly will es als eine
umfassende Gesellschaftsgeschichte der NS-„Euthanasie“ verstanden wissen, die seine
bisherigen Forschungen bilanziert und aktualisiert. Auch wenn das Buch beim Leser viel
einschlägiges Wissen voraussetzt und sich daher nicht unbedingt als Einstiegslektüre eignet,
bietet es eine auf genauester Literaturkenntnis und akribischer Archivarbeit basierende
Gesamtdarstellung. Es ist ein Werk über die Opfer und für die Opfer, berührend und
erschütternd. Und es ist ein Buch über die Motive, Interessen und Mentalitäten der Täter – Täter,
denen Aly sehr nahe kommt und zu denen er doch eine verachtende Distanz zu wahren versteht.
Trotz all seiner Vorzüge hat das Buch Widerspruch und Kontroversen ausgelöst. Das war vom
Autor auch so beabsichtigt. Denn diesmal wartet Aly nicht mit grundlegend neuen
Forschungsergebnissen auf, sondern er trägt neue Interpretationen vor, die vieles in einem
anderen Licht erscheinen lassen.
Zitator:
„Es reicht nicht, auf der einen Seite die vielen Opfer zu beklagen und auf der anderen rund 500
Nazitäter als gewissenlose Ideologen, Bösewichte oder Mörder im weißen Kittel zu verteufeln.
Auf Dauer bedeutsam, vielleicht lehrreich bleibt die Frage nach den gesellschaftlichen
Verhältnissen, nach jener Vielzahl von Menschen, die zwischen den unmittelbaren Mördern und
den Ermordeten standen.“
Autor:
Welche Menschen sind da gemeint? Wer stand zwischen den Mördern und den Ermordeten? An
erster Stelle, so Aly, seien das die Angehörigen der Opfer gewesen, Eltern, Ehepartner,
Geschwister. Sodann waren da die mittelbar am Mordgeschehen Beteiligten, also Pfleger,
Schwestern, Verwaltungsangestellte. Und schließlich all jene, die wussten, was vor sich ging, es
aber widerspruchslos geschehen ließen. Alles in allem, sagt Aly, waren es Millionen Menschen,
die „dazwischen standen“, also irgendwie involviert waren. Die NS-„Euthanasie“ galt zwar als
geheime Reichssache, aber wirklich geheim im Sinne strenger Abschirmung war sie nicht.
Zitator:
„… das Verfahren … bestand in einem Angebot an das Volk, speziell an die Verwandten der
künftigen Opfer, diese staatliche Maßnahme nicht näher zu hinterfragen, sie mit einem
Schulterzucken in Kauf zu nehmen oder ihr stillschweigend zuzustimmen.“ „So konnten
Millionen Deutsche ein uneingestandenes, nirgends dokumentiertes und das Gewissen
erleichterndes Komplizentum eingehen.“
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Autor:
Für viele Behinderte und Kranke, so Aly, hatte dieses Komplizentum fatale Folgen. Denn es ließ
den Mördern freie Hand. Wenn sich die Angehörigen hingegen grundlegend anders verhielten,
sich also um ihren Pflegling kümmerten, guten Kontakt zu ihm hielten, sich für ihn einsetzten
und, falls erforderlich, für ihn kämpften, standen die Chancen gut, ihm das Leben zu retten.
Auch Kritiker Götz Alys würden kaum in Abrede stellen, dass es beides gegeben hat: das
Komplizentum einerseits, die Chance auf Rettung andererseits. Strittig ist: Wie ausgeprägt war
das Komplizentum, wie groß waren die Rettungschancen? Zu beiden Fragen gibt es nur wenig
gesicherte, verallgemeinerbare Erkenntnisse. So ist unklar, wie verbreitet das Wissen über den
Verbrechenskomplex „Euthanasie“ tatsächlich gewesen ist, es ist unklar, wer etwas wusste, was
man wusste und ab wann man es wusste. Auch die von Aly behaupteten Rettungsmöglichkeiten
werfen viele Fragen auf: Gab es diese Möglichkeiten während der gesamten sechsjährigen
„Euthanasie“-Phase gleichermaßen? Gab es sie sogar, wie der Autor in seiner wohl gewagtesten
These unterstellt, in der sogenannten Gasmordperiode, also zwischen Anfang 1940 und August
1941, als über 70 000 Menschen im Rahmen der Aktion T4 ermordet wurden? Oder gab es
nennenswerte Chancen erst danach, also in der dezentralen „Euthanasie“-Phase ab 1942? Und
wie steht es um die tausendfachen Morde in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“? Aly
bringt ein Beispiel aus Hamburg, das auf beträchtliche Eingriffschancen der Eltern schließen
lässt, doch er zögert selbst und aus gutem Grund, seine Befunde auf andere Kliniken zu
übertragen. Hier wie an weiteren Stellen gibt seine Studie wichtige Hinweise, ein abschließendes
Urteil lassen sie allerdings nicht zu.
Immerhin relativiert Aly gegen Ende seines Buches den Vorwurf des Komplizentums ein wenig,
indem er deutlich macht, wie schwierig es für die Angehörigen der Opfer gewesen ist, der
nazistischen Mordmaschinerie in die Speichen zu greifen. Denn da galt es nicht nur, das dichte
Gewebe aus Lug, Trug und Verschleierung zu zerreißen, man musste auch ein erhebliches Maß
an Zivilcourage aufbringen und auf Sanktionen eines diktatorischen Regimes gefasst sein.
Zudem konzediert Aly mehrfach, dass es im Kontext der „Euthanasie“-Verbrechen nicht nur
Komplizentum gegeben hat, sondern auch Menschen, die sich widersetzten. Wenn er von
generellem, öffentlichem Widerstand spricht, reduziert sich seine Darstellung jedoch fast ganz
auf die mutigen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens von Galen. Und auch hier
provoziert seine Deutung. Denn er bringt die Interventionen von Galens, die ja mitursächlich für
den von Hitler im August 1941 verfügten Stopp der Gasmorde waren, in eine überraschende
Verbindung zu seiner These von der Komplizenschaft.
Zitator:
„Galen verriet kein Staatsgeheimnis. Er brachte die Naziführer in Verlegenheit, gewiss, aber er
konfrontierte auch die Deutschen mit dem von so vielen verdrängten, so oft in aller Stille
ignorierten Ablauf der Morde. Das war neu. Das hatte vor ihm niemand getan. Galen rückte
Handlungs- und Verhaltensweisen ins Licht, die nur im Halbdunkeln erträglich bleiben konnten.
… Nach den Kanzelworten … konnten sich die Anverwandten der Pfleglinge … nicht länger
einreden: Wir wissen von nichts. Diesem für die Aktion T4 von Anfang an konstitutiven
Angebot, das so vielen Angehörigen zur kaum bemerkten Hilfe geworden war, hatte Galen mit
der Wucht seiner Worte die Grundlage entzogen.“
Autor:
Ist es tatsächlich so gewesen? Viel wahrscheinlicher ist, dass Galen nicht seine
Glaubensgenossen beschämen oder aufrütteln wollte, sondern vielmehr die in der Bevölkerung
längst kursierenden Gerüchte, auch die Empörung zahlreicher Menschen aufgegriffen und
öffentlich gemacht hat. Dazu brauchte es Mut, aber der Bischof durfte gewiss sein, dass er nicht
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allein stand, dass er im Namen vieler sprach und ihn dies vor dem Zugriff der Machthaber
schützen würde. Denn die wussten, dass die Bevölkerung, so sie denn über die Geschehnisse
halbwegs im Bilde war, keineswegs nur gleichgültig oder gar zustimmend reagierte, sondern
vielfach schockiert und entrüstet war. Auch andere kirchliche Würdenträger haben den Unmut
der Menschen, wenn auch weniger öffentlich als von Galen, gegenüber den NS-Führern klar und
deutlich zum Ausdruck gebracht, so etwa der Limburger Bischof Antonius Hilfrich, der nur
wenige Kilometer entfernt von der Mordanstalt Hadamar residierte.
Vielleicht ist dieses Buch ja nicht Götz Alys letztes Wort zur NS-„Euthanasie“. Vielleicht
gelingt es ihm in zukünftigen Arbeiten, seinen brisanten Vorwurf des Komplizentums breiter
Bevölkerungskreise besser zu fundieren und zugleich die andere Seite, die Widerstände gegen
die Behinderten- und Krankenmorde, systematisch zu würdigen. Denn auch ihn, den Widerstand,
hat es gegeben. So etwa in kirchlichen Pflegeheimen, die ihrerseits von intakten sozialen
Netzwerken getragen wurden. Beides, Komplizentum und Widerstand, fanden einen Nährboden.
Das Komplizentum insofern, als eugenische Ideologien damals nicht nur in Deutschland und
nicht nur unter Nazi-Parteigängern auf Resonanz stießen; manch einer glaubte oder redete sich
ein, dass der Tod schwer kranker und behinderter Menschen, wie es im NS-Jargon hieß, „nicht
die geringste Lücke reiße“, dass er für die Betroffenen wie für ihre Angehörigen sogar eine
„Erlösung“ bedeute. Doch die Morde bewirkten auch das Gegenteil. Denn die sogenannte
„Euthanasie“ richtete sich gegen die Schwächsten der Schwachen, gegen Menschen, die, wie
Götz Aly schreibt, „vollständig wehrlos, hilfs- und liebebedürftig“ waren. Das verstörte und
beunruhigte viele Zeitgenossen, und es setzte in ihnen die Kraft frei, helfend und schützend
einzugreifen.
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Susanna Filbinger-Riggert: Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie
Von Waltraut Worthmann von Rode
Autorin:
Juli 1978: Die Vorwürfe gegen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten häufen sich.
An diesem Abend wird der Fall Filbinger in der Sendung Panorama konkret: Der Moderator
Stefan Aust weist die Unterschrift des einstigen Marinerichters unter einem Todesurteil nach, das
auch vollstreckt wurde. Und das kurz vor Ende des Krieges. Vier Todesurteile waren es
insgesamt. Hans Filbinger verliert in den folgenden Wochen schnell den Rückhalt in der
Öffentlichkeit, bald auch in seiner Partei, der CDU. Am 7. August tritt der Ministerpräsident
zurück. „Es war mein Weltuntergang“, schreibt heute seine Tochter. Dieses Ereignis hat sie in
den letzten Jahren umgetrieben. Und nun, rund 35 Jahre später, setzt sich Susanna FilbingerRiggert hin und muss das alles loswerden.
Sprecherin / Zitat:
„Ich habe schon früh innerhalb meiner Familie eine bestimmte Rolle übernommen. Ich fühlte
eine Art Verantwortung, die ich für unsere Familie zu tragen hatte, als älteste von uns fünf
Geschwistern und dann auch noch als enge Vertraute meines Vater. All die Jahre habe ich diese
Rolle nie ganz ablegen können.“
Autorin:
Der Vater hat damals, als sein Name zum „Fall“ wurde, viel herumgedruckst oder gar in einem
Interview den Satz gesagt: „Was damals recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Die Tochter
möchte heute anders verfahren:
Sprecherin / Zitat:
„Ich bin die Aussprecherin. Eine, die den Dingen ins Auge schaut, sie anspricht, ausspricht. Das
ist der erste Schritt zu meiner Heilung.“
Autorin:
Doch die Fakten kann Susanna Filbinger-Riggert nicht verändern. Die Autorin steckt voll
berechtigter Zweifel, ob sie mit ihren Erinnerungen angemessen umgehen kann. Sie überlegt:
Würde sie Tatsachen und Emotionen trennen können? Geht das überhaupt? Wie ändert sich das
Bild, die Beurteilung durch die Zeitläufte? Zweifel, die auch mir beim Lesen berechtigt
vorkamen. Musste das nicht auf den Versuch einer Rehabilitierung des Vaters hinauslaufen, der
sich ja nicht nur 1978 in die politischen Nesseln gesetzt hatte? Dennoch habe ich diese VaterTochter-Biographie in einem Zug gelesen. Weil sie aus unterschiedlichen Gründen interessant
ist. Susanna Filbinger-Riggert schreibt einen lebendigen und leidenschaftlichen Stil. Das Buch
ermöglicht Einblick in das Familienleben eines prominenten und kritikwürdigen Politikers.
Darüber hinaus ist die Politikwissenschaftlerin intelligent genug, das politische Geschehen der
jüngsten Jahrzehnte in einigermaßen distanzierter Weise noch einmal Revue passieren zu lassen.
Der Grund für dieses Buch ist der überraschende Fund neuer Dokumente. Nach dem Tod der
Eltern entdeckt die Tochter im Haus ihrer Kindheit 60 Tagebücher des Vaters und glaubt, mit
Hilfe dieser persönlichen Notizen den Fall Filbinger neu bewerten zu können. Die Lektüre
ernüchtert und enttäuscht sie. Doch zitieren darf sie aus den Tagebüchern nicht. Die Publikation
des bereits fertigen Buchs scheitert an juristischen Fallstricken. Susanna Filbinger-Riggert muss
ihr Manuskript überarbeiten, darf nicht aus den Tagebüchern zitieren, noch auf den Inhalt Bezug
nehmen. So bleiben der Buchautorin nur ihre eigenen Erlebnisse und Wahrnehmungen. Etwa,
wie sie den Rücktritt ihres Vaters als Ministerpräsident erlebt hat:
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Sprecherin / Zitat:
„Ich erinnere mich nicht, wie ich wieder aus dem Raum kam, nur dass Vater plötzlich neben mir
war und auch Mutter, und merkwürdigerweise kann ich mich haargenau an die weiße
Raufasertapete erinnern, die ich streifte, als wir den Raum verließen, und an das Gesicht von
Gerhard Goll, dem Pressesprecher der Landesregierung, der gegen die Wand im Flur gelehnt
stand. Auf der Treppe sah ich meine Schwester weinend mit ihrem Freund Thomas stehen. Er
hatte tröstend die Arme um sie gelegt. Wir drückten uns an den Leuten vorbei, die uns anstarrten,
aber nicht berührten, sondern sogleich den Weg frei gaben.“
Autorin:
Die Buchautorin versucht, die seelischen Nöte des Vaters mehr in den Vordergrund zu rücken.
Er habe damals doch offenbar mit sich gerungen und in seine Abgründe geblickt. Nur sein
elender Stolz, die angeblich verletzte Ehre, habe ihn gehindert, auch öffentlich seinen Zwiespalt
zu äußern. De facto hat Filbinger auch viele Jahre später, als er sein Erinnerungsbuch „Die
geschmähte Generation“ schrieb, versucht seine Fall als einen von vielen hinzustellen. Von einer
seelischen Verarbeitung seiner Schuld als Marinerichter kann also nicht die Rede sein.
Susanna Filbinger-Riggert äußert sich ausführlich über die Zeit von Filbingers Rücktritt. Auch
die Selbstmorde der RAF-Terroristen in Stuttgart-Stammheim erwähnt sie. Andere kritische
Stationen im politischen Leben Filbingers bleiben ausgespart – er war Gegner der
Gesamtschulen, hat die renommierte Hochschule für Gestaltung in Ulm schließen lassen, wandte
1972 den Radikalenerlass energisch in Baden-Württemberg an, entschied sich gegen die
Reformvorschläge des Paragraphen 218 oder verweigerte nach dem Sturz von Salvador Allende
Flüchtlingen aus Chile das Asyl.
Wenn schon die politisch relevanten Phasen im Leben von Hans Filbinger nicht in einem neuen
Licht erscheinen, so bleibt die ausführliche Autobiographie der Autorin. Sie war Tochter einer
sehr streng katholischen Familie. Sie hat in jungen Jahren eine verbotene Liebe, später bekommt
sie ein uneheliches Kind. Eine examinierte Wissenschaftlerin, der nach dem Sturz des Vaters
eine Anstellung in London verweigert wird, schließlich heißt sie Filbinger. Eine rebellische Frau,
die Marx und Engels liest aber dennoch den Vater auf Auslandsreisen begleitet. Ein Dasein,
zerrissen zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit sowie der Sehnsucht danach:
Sprecherin / Zitat:
„…dass zuhause alles in Ordnung war, dass unser Fels in der Brandung, unser Vater, dass er
stand.“
Autorin:
Die Vater-Tochter-Geschichte wird in sehr verschiedenen Zeitebenen erzählt. Das ist der
geschickte Kunstgriff einer Frau, die Schreibkurse absolviert hat und weitere Bücher schreiben
möchte. Dass sie viele Namen von Politikern nennt, die heute noch im öffentlichen Leben eine
Rolle spielen, wird womöglich heftige Reaktionen auslösen. Ob sie der Erinnerung an ihren
Vater, ihren Angehörigen oder gar sich selbst wirklich einen Gefallen tut, den Fall Filbinger
erneut ins Gespräch, wenn nicht ins Gerede zu bringen, sei dahin gestellt. Und doch: Das Buch
wirkt wie das ehrliche Bekenntnis einer Tochter, die von ihrem Vater profitiert und an ihm und
der Öffentlichkeit schwer gelitten hat. Und es verweist damit auf Allgemeines: Die
Familienmitglieder eines prominenten Politikers müssen stets um Eigenständigkeit und Identität
kämpfen.
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Benoît Peeters: Derrida. Eine Biographie
Von Klaus Englert
AUTOR: Benoît Peeters ist bislang nicht als Derrida-Experte hervorgetreten. Dennoch meinte
der Pariser Verlag Flammarion, es fehle eine breitenwirksame Biographie über Jacques Derrida
und Benoît Peeters sei dafür der Richtige. Der üppige Vorschuß sollte Peeters die Aufgabe
versüßen, das gewaltige Derrida’sche Œuvre zu durchforsten, tausende schwerleserliche Briefe
des passionierten Vielschreibers zu lesen sowie Freunde, Kollegen und Verwandte in drei
Kontinenten aufzusuchen. Ein herkulisches Pensum für jemanden, der selbst eingestehen mußte,
Derridas Philosophie nicht sonderlich gut zu kennen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass das
Aufstöbern verloren geglaubter Dokumente und die zahllosen Interviews zu den Stärken des
Buches gehören. Denn sie machen mit einem wenig bekannten Jacques Derrida vertraut. Wie
schreibt man am besten eine Biographie über Jacques Derrida? Das hat sich völlig zu Recht auch
Benoît Peeters gefragt. Aufschlußreich ist eine Episode über einen Stegreif-Vortrag Derridas:
SPRECHER: „Sicher erinnern Sie sich an die Bemerkung Heideggers über Aristoteles: Wie sah
das Leben des Aristoteles aus? Nun, die Antwort beschränkt sich auf einen Satz: ‚Aristoteles
wurde geboren, arbeitete und starb.’ Alles andere ist bloße Anekdote.“
AUTOR: Derrida distanzierte sich von Heideggers Position. Zwar hätte er niemals eine
Biographie geschrieben. Dennoch pflegte er seit den siebziger Jahren einen Stil, der die
Gattungsgrenzen, auch die Grenzen zum Biographischen überschreitet.
Anders Benoît Peeters. Um seine recht traditionelle Biographie zu rechtfertigen, zitiert er ein
Interview, in dem Derrida gefragt wurde, was er in einem Dokumentarfilm über Kant, Hegel
oder Heidegger am liebsten erfahren würde:
SPRECHER: „Ich würde sie gerne über ihr Sexualleben sprechen hören. Wie sah das
Geschlechtsleben Hegels oder Heideggers aus? Weil das etwas ist, worüber sie nie reden. Ich
möchte sie über etwas sprechen hören, worüber sie sonst nie sprechen.“
AUTOR: Jacques Derrida interessierte sich immer für das, was ein bestimmter Diskurs
ausgrenzt. Deswegen seine Neugier auf etwas, was im gesamten Werk von Heidegger und Hegel
ungesagt bleibt. Benoît Peeters weiß natürlich, dass intime Berichte zu den wesentlichen
Ingredienzien von Biographien gehören. Weil er es sich nicht einfach machen wollte, befragte er
Derridas Kollegin Elisabeth Roudinesco, die eine Biographie über Lacan veröffentlicht hatte. Sie
bestärkte ihn darin, Privates nicht auszuklammern, auch Marguerite Derrida, mit der der
Philosoph fast fünfzig Jahre verheiratet war, unterstützte ihn. Nur Sylviane Agacinski, die mit
ihm eine langjährige liaison amoureuse eingegangen war, verweigerte jegliche Auskunft. Peeters
vermutet, dass Agacinski, seit 1994 mit dem Politiker Lionel Jospin verheiratet, von ihrem
Liebhaber etwa tausend Briefe erhielt, die bis auf weiteres unzugänglich bleiben.
Auch die politischen Debatten der achtziger Jahre kommen nicht zu kurz. Peeters dokumentiert
die lebhaft geführten Diskussionen um Heideggers und Paul de Mans NS-Verwicklung. Weil er
zahlreiche Kollegen und Freunde Derridas interviewte, gelang es ihm, diese Affären anschaulich
nachzuzeichnen. Allerdings sind auch Schwachstellen nicht zu übersehen. Peeters meint, Jürgen
Habermas’ Buch „Der philosophische Diskurs der Moderne“ habe seit 1985 Derridas Einfluß im
deutschsprachigen Raum stark beschnitten. Das Gegenteil ist richtig. Tatsächlich war Derrida an
den Universitäten und im Buchmarkt bis in die neunziger Jahre sehr präsent. Ein weiteres Manko
ist methodischer Art. Benoît Peeters schildert, wie Derrida wenige Jahre vor seinem Tod sogar
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an chinesischen Universitäten für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Verantwortung stritt. Das
war er offenbar seinem politisch-philosophischen Ethos schuldig. Eine gelungene Biographie
müsste sich allerdings auch der Frage stellen, wie Werk und Leben, Anspruch und Realität bei
einem Denker, der zwei Jahrzehnte lang eine absolut singuläre Gestalt in der Philosophie war,
zusammen passen. Aber immerhin konnte Benoît Peeters nachweisen, dass der brillante Pariser
Meisterdenker ein Mensch mit tiefen Widersprüchen war. Ecce homo - hätte Nietzsche treffend
kommentiert.
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