Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?

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Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
Thomas Schnura, 17.10.2015, 0900 - 1230
WAS WÄRE EIN SELBSTBESTIMMTES LEBEN?
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KEINE ÄUßERE TYRANNEI
INNERE SELBSTSTÄNDIGKEIT
SICH SELBST ZUM THEMA WERDEN
SICH IN SICH AUSKENNEN
SICH ZUR SPRACHE BRINGEN
ERZÄHLTE ZEIT
LITERATUR ALS MÄCHTIGE VERBÜNDETE
DIE ANDEREN: MORALISCHE INTIMITÄT
DER BLICK DES ANDEREN
DAS DREIECK
ÜBERLEITUNG ZU TEIL II WORKSHOP
WARUM IST SELBSTERKENNTNIS WICHTIG?
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TEIL II: WORKSHOP
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DIE RELATION
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DIE REISE ZUR PERSONIFIZIERTEN WEISHEIT
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I. INDUKTION
II. BEGINN DER INNEREN REISE UND ENTFERNUNG VOM NORMALEN ALLTAG
III. BEGEGNUNG MIT DER WEISEN FRAU / DEM WEISEN MANN
IV. WICHTIGE FRAGE STELLEN
V. WECHSEL DER POSITIONEN UND IDENTIFIKATION MIT DER WEISEN PERSON
VI. VERABSCHIEDUNG UND GESCHENK
VII. RÜCKREISE UND REORIENTIERUNG
WO LIEGT DIE AUTORITÄT
URLAUBSTAG-ÜBUNG:
MERKMALE DES UNBEWUSSTEN:
TRANCEARBEIT:
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Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
Aufbruch zum Durchbruch: was könnte das für unsere
Klienten heißen? Was der Durchbruch ist, ist für jeden
Menschen anders. Es ist jedenfalls ein Prozess, der eine
Veränderung im Lebensverlauf zur Folge hat: eine Veränderung zum subjektiv Besseren.
Selbstbestimmtheit: ich entscheide im Rahmen der
Möglichkeiten, den aber auch immer noch ich abstecke,





was ich tu,
wie ich mein Leben gestalte,
mit wem ich kommuniziere,
wie meine Prioritäten sind
und welches mein Rhythmus ist.
Seit jeher treibt uns der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit um: an der einen, der Wahrheit,
haben wir aus sinnesphysiologischen Gründen keinen
Anteil, die andere, die Wirklichkeit scheint uns zu trügerisch, um sie als Grundlage therapeutischen Handelns zu verwenden. Wir bestehen gegen besseres
Wissen auf Wahrheit, auch wenn dieses Bestreben
nicht mehr beweist als unsere eigene Orientierungslosigkeit in uns selbst.
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Keine äußere Tyrannei
Wir wollen in Einklang mit unseren eigenen Gedanken,
Gefühlen und Wünschen leben. Wir wollen nicht, dass
uns jemand sagt, was wir zu sagen, zu denken und zu
tun haben. Also keine Tyrannei, keine Erpressung, aber
auch nicht Krankheit, Hindernis und Armut, die uns
verbauen, was wir erleben und tun möchten.
Das heißt nicht, ohne Rücksicht auf andere die eigenen
Interessen durchzusetzen, sondern es ist ein selbstständiges Leben in einer Gemeinschaft.
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Innere Selbstständigkeit
Die zweite Lesart der Selbstbestimmtheit ist viel komplizierter und undurchsichtiger. Es geht nicht mehr um
die Unabhängigkeit den Anderen gegenüber, sondern
um die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen. Es
geht darum, Subjekt und Autor meines Lebens zu werden, indem ich Einfluss auf meine Innenwelt nehme,
auf die Dimension meines Denkens, Wollens und Erlebens, aus der heraus sich meine Handlungen ergeben.
Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind,
als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine
Lebensgeschichte gebettet und durch sie bedingt sein,
und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als
Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte,
die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte
von Vorbedingungen.
Auch wenn meine Innenwelt aufs engste verflochten ist
mit dem Rest der Welt, so gibt es doch einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Leben, in dem sich
jemand so um sein Denken, Fühlen und Wollen kümmert, dass er in einem emphatischen Sinne sein Autor
und sein Subjekt ist, und einem anderen Leben, das der
Person nur zustößt und von dessen Erleben sie wehrlos überwältigt wird, so dass statt von einem Subjekt
nur von einem Schauplatz des Erlebens die Rede sein
kann. Selbstbestimmung zu verstehen, heißt, diesen
Unterschied auf den Begriff bringen.
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Sich selbst zum Thema werden
Wir können nicht nur blind vor uns hin leben und uns
treiben lassen, sondern wir können in unserem Erleben zum Thema werden und uns um uns selbst kümmern. Das ist die Fähigkeit, einen Schritt hinter sich zurückzutreten und einen inneren Abstand zum eigenen
Erleben aufzubauen. Daraus ergeben sich Erkennen
und Verstehen: was ist es eigentlich, was ich denke,
fühle und will? Und wie ist es zu diesen Gedanken, Gefühlen und Wünschen gekommen? Selbstbestimmt ist
unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und außen
im Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es
uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen
der zu sein, der wir sein möchten. Und umgekehrt: Die
Selbstbestimmung gerät an ihre Grenzen oder scheitert
ganz, wenn zwischen Selbstbild und Wirklichkeit eine
Kluft bleibt.
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Sich in sich auskennen
Wie kommen wir zu einem Selbstbild? Wie sieht dieser
Prozess aus, durch den ich mit mir selbst zur Deckung
komme und mich mit dem Drama meiner Innenwelt
identifizieren kann?
Der innere Umbau geschieht nicht von einem außenstehenden Standpunkt aus. Der Standpunkt, von dem
aus ich mich selbst beurteile, ist ein Teil meiner selbst.
Es ist ein Prozess, im Zustand der ständigen Veränderung. Das Ganze ist ein Kampf gegen die innere Monotonie, gegen eine Starrheit des Erlebens und Wollens.
Die beste Chance, diesen Kampf zu gewinnen, liegt in
der Selbsterkenntnis.
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Sich zur Sprache bringen
Selbsterkenntnis hat viel mit kritischer Distanz auch
gegenüber den eigenen sprachlichen Gewohnheiten zu
tun. Vieles, was wir zu denken und zu wissen meinen,
ist dadurch entstanden, dass wir die Muttersprache
nachgeplappert haben: es sind Dinge, die man eben so
sagt. Im Denken selbstständiger, mündiger zu werden,
bedeutet auch, wacher zu werden gegenüber blinden
sprachliches Gewohnheiten, die uns nur vorgaukeln,
dass wir etwas denken.
Zwei Fragen bringen die Wachheit zum Ausdruck:
Was genau bedeutet das?
Woher eigentlich weiß ich das?
Über sich selbst zu bestimmen, heißt, unnachgiebig
und leidenschaftlich zu sein in der Suche nach Klarheit
und gedanklicher Übersicht.
In den meisten Fällen beeinflusst das, was wir über eine Sache sagen, diese Sache nicht. Anders verhält es
sich, wenn wir uns selbst zu erkennen und zu verstehen versuchen, indem wir das Erleben in Worte fassen.
Indem wir Gefühle und Wünsche identifizieren, beschreiben und von anderen unterscheiden lernen,
wandeln sie sich zu etwas, das genauere Erlebniskonturen hat als vorher. Aus Gefühlschaos etwa kann
durch sprachliche Artikulation emotionale Bestimmt-
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heit werden. Wir arbeiten durch Selbstbeschreibung an
unserer persönlichen Identität.
Das tun wir auch, wenn wir Unbewusstes in Bewusstes
überführen, indem wir es zur Sprache bringen. Es ist
möglich, zu erkennen, dass es nicht nur Neid ist, was
wir empfinden, sondern Missgunst, und wir können zu
der Einsicht kommen, dass die missgünstige Empfindung in einer Kränkung begründet sein muss, die wir
weggeschoben und in den Untergrund verbannt hatten
– eine Demütigung vielleicht, die einen verleugneten
Hass hatte entstehen lassen. Und dann kann die Einsicht eine kausale Kraft entfalten, die Macht der Zensur
brechen und uns helfen, das verleugnete Gefühl zu vollem Umfang und voller Klarheit zu erleben.
Das also sind zwei Weisen, in denen wir durch sprachliche Artikulation Einfluss auf unsere Affekte nehmen
und den Radius der Selbstbestimmung nach innen
ausweiten können: Differenzierung von bewusstem Erleben auf der einen Seite, Erschließen von Unbewusstem auf der anderen. Beide Prozesse tragen dazu bei,
ein realistisches Selbstbild zu entwickeln, von dem aus
wir zu unseren Empfindungen stehen und sie in unsere
affektive Identität integrieren können. Und eine solche
Integration ist, wie mir scheint, das einzige, was
Selbstbestimmung hier heißen kann. Denn Affekte
können weder ein- und ausgeschaltet noch einfach abgeschafft werden, und gegen den Versuch, sie durch
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stoischen Gleichmut außer Kraft zu setzen, spricht dieses: Wir wollen sie ja leben, die Affekte, nicht zuletzt
deshalb, weil sie uns darüber belehren, was uns wichtig ist. Worauf es ankommt, ist, nicht ihr ohnmächtiger
Spielball zu sein und sich nicht als Kräfte erleben zu
müssen, die fremd in uns toben, sondern als bejahten
Teil unserer seelischen Identität.
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Erzählte Zeit
Ein Selbst, könnte man sagen, ist ein Zentrum erzählerischer Schwerkraft: ich bin derjenige, um den sich all
meine Erzählungen der erlebten Vergangenheit drehen. Solche Erzählungen sind nie die getreue, neutrale
Abbildung eines Erinnerungsfilms. Sie sind selektiv,
bewertend und darauf aus, die Vergangenheit so aussehen zu lassen, dass sie um eigenen Selbstbild passt.
Daher enthält jeder Erinnerungsbericht auch Elemente
des Fabulierens, die eingefügt werden, um die erwünschte Stimmigkeit zu erreichen.
So kompliziert, umwegig und manchmal trügerisch
dieser Prozess des Fabulierens auch ist: er ist ein wichtiges Element der Selbstbestimmung, denn er erlaubt
uns, die Zeit nicht nur verstreichen zu lassen und zu
erdulden, sondern in einem emphatischen Sinne zur
Zeit unseres Lebens zu machen. Erinnerungen können
ein Kerker sein, wenn sie uns gegen unseren Willen
immer wieder überwältigen oder wenn sie, als verdrängte und abgespaltene Vergangenheit, unser Erleben und Handeln aus tückischem Dunkel heraus einschnüren. Wir können ihre Tyrannei nur brechen,
wenn wir sie zu Wort kommen lassen. Als erzählte Erinnerungen werden sie zu verständlichen Erinnerungen, denen wir nicht länger als wehrlose Opfer ausgeliefert sind. Erinnerungen sind nicht frei verfügbar: wir
können ihr Entstehen nicht verhindern und sie nicht
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nach Belieben löschen. In diesem Sinne sind wir als erinnernde Wesen keine selbstbestimmten Wesen.
Selbstbestimmt werden wir erst durch die Position des
Verstehens: Indem wir ihre Wucht und Aufdringlichkeit als Ausdruck unserer seelischen Identität sehen
lernen, verlieren die Erinnerungen den Geschmack der
inneren Fremdbestimmung und hören auf, uns als
Gegner zu belagern.
Das erzählerische Selbstbild, das dabei entsteht, lässt
sich dann in die Zukunft hinein fortschreiben. Um nicht
nur von Tag zu Tag in die Zukunft hineinzustolpern,
sondern die Zukunft als etwas zu erleben, dem wir mit
einem selbstbestimmten Entwurf begegnen, brauchen
wir ein Bild von dem, was wir sind und was wir werden wollen – ein Bild, das in einem stimmigen Zusammenhang mit der Vergangenheit stehen muss, wie wir
sie uns erzählen.
Und auch die Erfahrung der Gegenwart wird dadurch
eine andere. Manchmal wollen wir uns von einer Gegenwart einfach überwältigen lassen – ohne Einfluss,
ohne Kontrolle und auch ohne Worte. Doch als befreiend können wir das nur erleben, wenn es ein Selbstbild
gibt, das er vermeintlich unmittelbaren, sprachlosen
Gegenwart ihre Bedeutung und ihr Gewicht gibt. Unverstandene Gegenwart kann mächtig sein, doch ihre
Macht wird als bedrohlich und entfremdend empfunden, weil sie uns nicht zu Wort kommen lässt. Intensi12/39
ve Gegenwart, die etwas mit uns selbst zu tun hat, ist
verstandene, artikulierte Gegenwart.
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Literatur als mächtige Verbündete
Was wir in literarischen Texten lesen, Tom Sawyer,
Winnetou, Harry Potter, Gandalf, Hanny und Nanny,
Pipi Langstrumpf, aber vor allem die großen Figuren
von Dostojewski, Mark Twain, Thomas Mann, auch Dr.
Faust, Shakespeare, die alle große Psychologen waren,
all das eröffnet gedanklich ein Spektrum an Möglichkeiten: wir erfahren, wie unterschiedlich es sein kann,
ein menschliches Leben zu leben. Das hätten wir vorher nicht gedacht, und nun ist der Radius unserer
Phantasie größer geworden.
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Die Anderen: moralische Intimität
Selbstbestimmt zu leben kann nicht heißen, von Anderen überhaupt nicht beeinflusst zu werden. Wir teilen
eine Sprache und eine Lebensform, wir werden unterrichtet und verlassen uns auf Autoritäten. Wir sind
keine Inseln, auch als Fühlende und Wünschende nicht.
Gefühle und Wünsche gelten oft den Anderen. Wie
können wir unterscheiden zwischen einem Einfluss,
der uns an der Selbstbestimmung hindert, und einem,
der sie fördert? Es gibt nicht viele Fragen, die für das
menschliche Zusammenleben so wichtig sind wie diese.
Wir erwarten voneinander manchmal Verzicht auf die
Erfüllung von Wünschen. Das ist der Kern moralischer
Achtung und Rücksichtnahme: dass die Interessen Anderer für uns Gründe sind, etwas zu tun oder zu lassen.
Dann bestimmen fremde Bedürfnisse. Ist das nicht der
Verlust an Selbstbestimmung?
Das wäre so, wenn der Grund Angst vor der Strafe einer äußeren Autorität. Dann wären wir Knechte. Nicht
viel anders wäre es, wenn die Angst eine Angst vor einer verinnerlichten Autorität wäre. Dann wären wir
Knechte durch uns selbst und vor uns selbst.
Das Eigeninteresse sieht anders aus: Es geht uns allen
besser, wenn wir uns an moralische Spielregeln halten,
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denn dadurch wird der übrige Spielraum der Selbstbestimmung größer als in einem feindseligen Chaos.
Es gibt zwischen Menschen eine Art der Begegnung,
die wir als in sich wertvoll erleben und die man moralische Intimität nennen könnte. Hier sind komplexe
und tiefe moralische Empfindungen und Unterscheidungen möglich. Dazu gehören Empörung und Groll,
moralische Scham und Reue, aber auch das Gefühl der
Loyalität und der Bewunderung für menschliche Größe. Dadurch werden wir füreinander wichtig, aber
auch für uns selbst. Denn es stellt sich die Frage, wer
wir sein möchten. Moralische Intimität ist deshalb
nichts, was die Selbstbestimmung gefährdet und zähneknirschend ertragen werden muss. Sie ist vielmehr
der natürliche Ausdruck dieser Selbstbestimmt.
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Der Blick des Anderen
Doch die Anderen können durchaus auch eine Gefahr
für ein selbstbestimmtes Leben sein. Wir leben die
meiste Zeit unter dem Blick der Anderen, und dieser
Blick kann uns wegführen von uns selbst und hinein in
ein entfremdetes Leben, das nicht mehr durch unsere
Bedürfnisse definiert wird, sondern durch die Erwartungen der Anderen.
„Wir suchen dann unser Glück außerhalb von uns
selbst, noch dazu im Urteil der Menschen, die wir doch
als kriecherisch kennen und als wenig aufrichtig, als
Menschen ohne Sinn für Gerechtigkeit, voller Missgunst, Launen und Vorurteile: was für eine Verrücktheit.“ (Jean de la Bruyère, 1645 - 1696)
Das Bedürfnis nach Anerkennung, der Wunsch, geschätzt und bestätigt zu werden, gesehen zu werden in
dem, was wir sind und tun. Es ist ein gefährliches, verführerisches Bedürfnis, und mancher wird durch frühes Lob zu einem Leben verleitet, in dem er eines Tages mit dem Gefühl aufwacht, sich selbst verpasst zu
haben. Manchmal tut es nur weh, wenn die Anerkennung ausbleibt, es kann aber auch vernichtend sein,
besonders dann, wenn zur Missachtung noch die Verachtung hinzukommt. Ideale, Kritik und Urteile im System entstehen so und sind Auslöser für viele Probleme.
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Das Dreieck
Ich
Ich
Andere
Umwelt
Kommunikation mit mir selbst, den Anderen und der Umwelt
Ich
1
3
Ich
Andere
2
Umwelt
Der äußere Kommunikationsbereich beschrieben:
1. Ich gehe mit anderen so um, weil ich auch mit mir selbst
so umgehe (links außen, 1: Du sollst so ordentlich sein
wie ich es bin; nimm Dir ein Beispiel an mir, auch wenn
ich kaputt gehe...);
2. weil ich mich den moralischen Ansprüchen meine Gesellschaft gegenüber so verhalte, wirke ich auf meine
Mitmenschen so (unten, 2: die Anderen respektieren
mich für mein pflichtbewusstes Verhalten; was sollen
die Nachbarn denken... );
3. weil ich über mich so denke, gehe ich auch so mit den
Ansprüchen meiner Umwelt um (rechts außen, 3: die
Gesellschaft muss sich meinen Ansprüchen beugen; die
anderen stellen genau solche Forderungen wie mein Vater...).
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Sich selbstbestimmt zu entwickeln kann nur heißen,
dem Blick der anderen zu begegnen und ihm standzuhalten. Am einfachsten wäre das, wenn wir allen Blicken mit einer unabhängigen seelischen Identität entgegentreten könnten. Doch eine Identität, die in ihrem
Entstehen und ihrer Gültigkeit ganz von den Anderen
unabhängig wäre, gibt es nicht. Und so kann eine
selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem fremden Blick nur darin bestehen, sich selbst stets von neuem zu vergewissern, wer man ist.
Das fremde Urteil erfragt: was an mir sehen die Anderen, was ich nicht sehe? Was für Selbsttäuschungen
deckt der fremde Blick auf? Aber vergessen wir nicht,
dass die Anderen wirklich Andere sind und dass ihr Urteil über uns durch tausend Dinge verzerrt und verdunkelt ist, die allein mit ihnen zu tun haben und nicht
mit uns. Selbstbestimmt zu leben heißt auch, diese
Fremdheit auszuhalten.
Kritischer Abstand zu sich selbst; das Ausbilden differenzierter Selbstbilder und der schwierige, nie abgeschlossene Prozess ihrer Fortschreibung und Revision;
wachsende Selbsterkenntnis; die Aneignung des eigenen Denkens, Fühlens und Erinnerns; das wache
Durchschauen und Abwehren von Manipulation, wie
unauffällig auf immer; die Suche nach der eigenen
Stimme: All das ist nicht so gegenwärtig und selbstverständlich, wie es sein sollte. Zu laut ist die Rhetorik von
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Erfolg und Misserfolg, von Sieg und Niederlage, von
Ranglisten und Wettbewerben – und das auch dort, wo
sie nichts zu suchen hat.
Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere
Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, zu seiner
eigenen Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen
als das; alles andere müsste warten.
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Überleitung zu Teil II Workshop
Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
Wir können keinen Schritt tun, ohne zu wissen, warum.
Wenn wir den Grund vergessen haben, bleiben wir
stehen. Erst wenn wir wieder wissen, was wir wollten,
gehen wir weiter. Wir müssen, um handeln zu können,
verstehen, was wir wollen und tun.
Das gilt nicht nur für den Gang ins Kino oder die Fahrt
ins Büro. Es gilt auch für längere Folgen von Handlungen, die einen Lebensabschnitt prägen: Studium, Familie, Firma, Arbeit an einem großen Projekt. Längerfristig handeln können wir nur, wenn wir eine Ahnung von
der Richtung unseres Lebens haben, eine Vorstellung
davon, wer wir sind.
[Besonders problematisch ist dieses Verhältnis vom
Handeln und seinem Grund bei Kindern und Jugendlichen, die oft nicht wissen, wozu sie überhaupt in die
Schule gehen sollen. Die Erwachsenen haben sich unglaubwürdig gemacht, die Lehrer motivieren sie nicht,
und die Vorstellung, von jetzt ab wahlweise 12 oder 13
Jahre in eine Schulbank mehr oder weniger still sitzen
zu müssen vor Erwachsenen, die auch nicht wissen,
was sie da tun, ist für die Schulpflichtigen eine Qual
ohne absehbares Ende. Ein gesundes Kind führt in der
Stunde etwa 2000 Bewegungen durch. Das ist Dünger
für das Gehirn.]
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Wenn das gewohnte Selbstverständnis nicht mehr
trägt, kann das Bedürfnis entstehen, einen Schritt hinter das Bisherige zurückzutreten und sich grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie bin ich eigentlich hierher gelangt? Warum passen meine gegenwärtigen Gedanken,
Gefühle und Wünsche nicht mehr zu der Art, wie ich
mein Leben bisher gelebt habe? Wie sind sie überhaupt
beschaffen, diese Gedanken, Gefühle und Wünsche?
Haben sie sich verändert oder habe ich mich schon
immer darüber getäuscht?
José Ortega y Gasset, 1952, Geschichte als System
„Der Mensch hat nicht Natur, sondern er hat Geschichte. Der Mensch ist kein Ding, sondern ein Drama. Aber
der Mensch muss nicht nur sich selbst schaffen, sondern das Schwierigste, was er tun muss, ist entscheiden, was er will. Ob als Original oder Plagiator, der
Mensch ist der Romandichter seiner selbst. Unter diesen Möglichkeiten hat er die Wahl. Infolgedessen ist er
frei. Aber wohlverstanden, er ist frei aus Zwang, ob er
will oder nicht.“
Es sollte klar sein, dass äußere Tyrannei dieses Grundgesetz weitgehend außer Kraft setzt.
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Teil II: Workshop
Jetzt machen wir uns auf die Suche nach Selbsterkenntnis in einem empathischen Sinne. Wir können
durch Steigerung von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit lernen, genauer zu spüren, wie uns zumute ist. Auf
diese Weise kann Vieles deutlicher werden: körperliches Empfinden, Emotionen und Stimmungen, die Einzelheiten von Erinnerungen, die Drift unserer Tagträume und Phantasien.
Wir müssen eine Vorstellung von den Gründen haben,
die uns in Gang setzen: von den leitenden Überzeugungen, Gefühlen und Wünschen: wofür wir etwas tun und
wofür es sich lohnt. Und da gibt es große Unterschiede
im Grad der Einsicht. Nicht beim Gang zum Kühlschrank oder zum Supermarkt; aber bei der Frage, warum wir einen Brief nicht beantworten, warum wir ein
Versprechen brechen, warum wir etwas tun, das ein
Studium oder ein Karriere beendet. So etwas kann man
oberflächlich und kurzatmig verstehen, oder man kann
ihm eine Bedeutung von größerem Umfang und größerer Tiefe geben.
Es kann erstaunlich schwierig sein, zu wissen, was man
sich, längerfristig gesehen, wünscht, was man anstrebt
und hofft, wovor man sich fürchtet. Und oft ist der beste und einzige Weg, sich das vergangene Muster seines
Tuns zu vergegenwärtigen und es hypothetisch in die
Zukunft hinein fortzuschreiben.
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Die Relation
Bewusstsein
15 mm
Unterbewusstsein
vs. 11.000.000 mm
substantia grisea vs. Oberflächenrezeptoren
Präsenzanalyse
vs. verfügbare und akti
vierbare Informationen
Bewusstsein
vs. inneres Archiv
eins zu
vs. 1 Million.
D.h.: Von allem, was uns in unseren Wünschen und
Handlungen bewegt, ist uns im Moment des kognitiven
oder materiellen Handelns bestenfalls ein Millionstel
bewusst.
Das ist so weit wie von hier bis
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






Oberschleißheim,
Karlsfeld,
fast Germering,
Pullach,
Unterhaching,
Neuperlach,
Riem,
Unterflohring
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Die Reise zur personifizierten Weisheit
I. Induktion
Machen Sie es sich bequem, so dass Sie sich wohl
und behaglich fühlen, so wie man es sich auf einer
Reise bequem macht. Nehmen Sie sich Ihren Raum
und Ihre Zeit, und spüren Sie Ihren Körper, wie er
von der Unterlage gehalten wird, so dass Sie nichts
zu tun brauchen. Einfach nur spüren wie der Atem
fließt, wie er kommt und geht, der sein eigenes Tempo findet und seinen eigenen Rhythmus, ganz allmählich, wie von selbst. Denn so wie Sie sich erlauben können, sich ganz auf sich zu konzentrieren,
können Sie beginnen, sich mehr und mehr wichtig zu
nehmen, einfach indem Sie sich selbst alle Aufmerksamkeit schenken. Und in dem Moment, in dem wir
unsere äußeren Augen schließen, öffnen wir unsere
inneren Augen. Und dann ein klein wenig langsamer
in diesen besonderen Zustand zu gehen, als es von
selbst geht. Erlauben Sie sich, das Tempo zu verlangsamen, wie bei einer Reise nach Innen. Und jeder ist schon einmal gereist und hat dabei wichtige
Dinge erlebt, vielleicht eine wichtige Erkenntnis bekommen oder ein Problem gelöst, ohne es zu merken.
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II. Beginn der inneren Reise und Entfernung vom
normalen Alltag
Denn es ist so angenehm, sich weiter und weiter zu
entfernen von all dem Alltäglichen, von all dem Gewöhnlichen, von all dem Uninteressanten hin zu dem
Besonderen, zu den Dingen, die einen wirklich faszinieren, die einem etwas bedeuten und die einen weiter bringen. Denn während man spürbar oder unbemerkt tiefer und tiefer geht, entfernt man sich von allem, lässt alles hinter sich auf dieser Reise nach Innen.
Und ich möchte Sie einladen zu einer ganz besonderen Reise. Auf einen Weg einen Berg hinauf in einer
schönen, warmen Sommernacht, wo der Mond
scheint und wo man den Weg, den man geht, gut erkennen kann. Und sich zu erlauben, den Weg in einem angenehmen Tempo zu gehen. Und Sie kommen in Ihr eigenes Tempo und ihren eigenen
Rhythmus. Die eigenen Schritte zu hören und die
angenehme Luft zu spüren.
Und wie man den Weg höher und höher geht, alles
andere mehr und mehr unter sich und hinter sich
lässt, sich mehr und mehr entfernt von all dem,
kommt man irgendwann zu einem kleineren Weg,
der noch höher hinaufführt, und der zu einer kleinen
Hütte führt, wo eine weise Person wohnt, die schon
weiß, dass man kommt.
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III. Begegnung mit der weisen Frau / dem weisen
Mann
Und von weitem kann man ein Feuer sehen, das vor
dieser Hütte brennt, wo diese weise Person, die
schon weiß, dass man kommt, auf einen wartet. Und
wie man höher und höher geht, kommt man der Hütte näher und näher.
Bis man dann schließlich angekommen ist und sich
der weisen Person gegenüber hinsetzt. Und sie sich
erst einmal anzuschauen, wie sie aussieht und wie
sie einen anschaut, denn Blicke können so viel ausdrücken. Und man weiß, dass sie einen erwartet hat
und schon wusste, dass man kommen würde.
IV. Wichtige Frage stellen
Und du kannst dieser Person jetzt gleich ... eine
wichtige Frage stellen, eine Frage, die dich wirklich
bewegt, die dich beschäftigt und die für dich wichtig
ist. Und erlaube dir, dir Zeit zu nehmen, diese Frage
zu formulieren, ... so dass es eine gute Formulierung
ist, die man dann gefunden hat. Du kannst diese
Frage auch ohne Worte stellen.
Und die Frage dann zu stellen und zu schauen, wie
die weise Person antwortet, denn sie kann auf so unterschiedliche Weise antworten. Vielleicht indem sie
etwas sagt, oder indem sie in einer bestimmten Weise schaut oder mit einer Geste oder in einem Gefühl
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oder einer Bewegung. Oder alles zusammen. Und
was für eine Antwort bekommt man, und wie ist die
Antwort, die man bekommt?
Sich für die Antwort, wenn man sie bekommen hat,
zu bedanken. Sie auf sich wirken zu lassen und zu
schauen, was man da jetzt schon versteht. Und dann
vielleicht noch eine Frage zu stellen, und auch da
neugierig zu sein, auf welche besondere Art die Antwort kommt.
V. Wechsel der Positionen und Identifikation mit
der weisen Person
Und während man sich die weise Person anschaut,
kann man sich erinnern, dass Menschen die Fähigkeit haben, sich in andere hineinzudenken, sich einzufühlen in andere Personen und in deren Haut hineinzuschlüpfen wie in einen Mantel oder einen Umhang oder eine Decke. Sich zu erinnern an die vielen
Male, wo man das als Kind gemacht hat, sich einzufühlen, vielleicht um etwas zu lernen.
Sich nun zu erlauben, sich in die weise Person einzufühlen und durch deren Augen sich selbst zu sehen. Sich dabei zu fragen: Was ist das für ein
Mensch, der mich da besucht und der diese Fragen
stellt? Was ist mit ihm los, was braucht er, was kann
ihm helfen? Mit den Augen der weisen Person. Und
neugierig sein, welche Antworten man findet.
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VI. Verabschiedung und Geschenk
Und irgendwann kommt der Moment, wo man sich
wieder verabschiedet, wie man sich von einer Person verabschiedet, zu der man wieder hingehen
kann, die wir wieder aufsuchen können, bewusst oder unbewusst, in einer inneren Reise oder Nachts in
unseren Träumen.
So wie sie uns innerlich begleiten kann, ohne dass
wir das merken. Und es ist so viel einfacher, sich von
jemandem zu verabschieden, den wir jederzeit wieder aufsuchen können. In dem Moment, wo man sich
verabschiedet, zieht die weise Person aus einem alten Beutel ein Geschenk hervor, das speziell für einen selbst gemacht ist. Sich dieses anschauen, es
genau zu betasten, und vielleicht zu hören, welchen
Klang es entstehen lässt. Sich dann dafür zu bedanken und es gut verwahrt auf die Rückreise mitzunehmen.
VII. Rückreise und Reorientierung
Und den Weg wieder zurück zu gehen. Erst den kleinen Weg bis zu dem großen Weg, Schritt für Schritt
wieder zurück. Und der Mond ist inzwischen weiter
gegangen und der Weg ist gut zu sehen.
Und das Geschenk die ganze Zeit mitzunehmen,
mitzunehmen zurück hier in diesen Raum. Und es
sich hier noch einmal genau anzuschauen. Was ist
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es für ein Geschenk? Was bedeutet es? Und wie
man sich in eine Person einfühlen kann, kann man
sich in dieses Geschenk einfühlen und sich fragen:
Was bin ich für ein Geschenk, und wofür bin ich
nützlich? Was bedeute ich und warum bin ich gerade
dieser Person geschenkt worden? Und wieder neugierig zu sein, welche Antwort entsteht.
Denn dann, wenn man das weiß, kann man sich all
die Zeit nehmen und dann langsam und allmählich,
in einem angenehmen Tempo wieder ganz hierher
zurück kommen. Zurück hier in diesen Raum und
dabei wacher und wacher werden. Und es ist angenehm zurückzukommen mit einem angenehmen
Atemzug und sich zu strecken, die Augen irgendwann zu öffnen und neugierig zu sein, wie man sich
auf gute Weise erholt hat.
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Wo liegt die Autorität
Wenn der Blick auf die Außenwelt nötig ist, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, dann sind wir
für uns selbst nur in begrenztem Umfang eine Autorität. Jeder verbringt mit sich selbst am meisten Zeit und
widmet sich selbst die meiste Aufmerksamkeit. Deshalb weiß er über sich oft besser Bescheid als andere.
Und es gibt entsprechende Erfahrungen wie Tagträume, von denen nur er weiß. Doch das bedeutet nicht,
dass es keine Irrtümer gibt, keine begründeten Zweifel
und keine Notwendigkeit, sich in seinem Selbstbild zu
korrigieren.
Wir können uns darin irren, was wir glauben. Wir hielten uns für jemanden mit einem liberalen, weltoffenen
Denken und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, und dann, wenn es darauf ankommt, stellen wir
erschrocken fest, dass wir chauvinistische Neigungen
haben und an unseren Privilegien kleben. [Die Ereignisse mit den Flüchtlingen (06 bis 09 2015) bieten uns
Gelegenheit, uns in dieser Richtung zu überprüfen.]
Diese Art von Irrtum hat viel damit zu tun, dass wir
sprechende Tiere sind: wir reden und reden und halten
diese rhetorischen Gebilde am Ende für unsere Überzeugungen – bis es ans Handeln geht. Auch bei Emotionen und Wünschen kann es eine solche Kluft zwischen
Rhetorik und Wirklichkeit geben. Es kann sein, dass
man sich schämt und weglaufen möchte, dass die Rhe31/39
torik von Wut und Angriff aber besser zur Situation
und den Erwartungen der Anderen passt – und dann
hält man sich für wütend und angriffslustig, bis die Situation sich ändert und man sich das wahre Empfinden
eingestehen kann, manchmal mit einer Verzögerung
von Jahren. Wie wir das Opfer unserer eigenen Rhetorik werden - darüber müsste man ein Buch schreiben.
Der Blick des Anderen kann die Korrekturinstanz sein.
Aus ihm können wir lernen, dass wir vielleicht gar
nicht das glauben, fühlen und wollen, was wir dachten.
Die Kluft zwischen der Einsicht der Anderen und unserem Selbstbild kann groß sein, weil Selbstbilder anfällig sind für Selbsttäuschungen. Eine Selbsttäuschung ist
ein interessegeleiteter Irrtum über uns selbst: Wir
möchten einfach gerne einer sein, der so denkt,
wünscht und fühlt – und dann porträtieren wir uns
auch so. Hier lügen wir oft nicht nur vor den Anderen,
sondern auch vor uns selbst, und wir leisten erbitterten Widerstand, wenn uns ein Anderer zu erraten
droht.
Sich selber zu erkennen ist auch eine Form, über sich
selbst zu bestimmen. Selbsterkenntnis ist eng verwoben mit Selbstbestimmung.
Was wir brauchen, ist nun eine begriffliche Differenzierung. Ist die Beklommenheit, die uns bedrängt,
Angst oder eher Ärger und Wut? Ist es Lampenfieber,
die Angst vor dem Versagen oder die Angst vor unter32/39
drückten Emotionen, die zum Ausbruch drängen? Und
wenn es gar nicht wirklich Angst ist, sondern Ärger
und Wut: Gegen wen oder was genau sind sie gerichtet? Und dieser Drang, der mich seit Jahren durchs Lebens hetzt: ist es einfache Geltungssucht, der Wunsch
nach Glitter und Glamour, oder zeigt sich darin eine
tiefere Sehnsucht nach Anerkennung? Ist es vielleicht
der unablässige, überhitzte Wunsch, einem Versagen
und einer Entlarvung wegen Hochstapelei zuvorzukommen?
In dem Maße, in dem das innere Drama begrifflich
transparenter wird und das lebensgeschichtliche Verstehen großer, müssen wir uns das Erleben und Wollen
nicht länger verschleiern, sondern können es anerkennen als das, was es ist. Es kann dann seine Dynamik
entfalten, sich auf neue Weise mit anderen Provinzen
des Erlebens verbinden, und wir können es nun in
neue Muster des Handelns einbinden. Es findet eine
seelische Entwicklung statt, die bisherige Strukturen
auflöst und neue Formen des Erlebens und Wollens
möglich macht. Auch hier greift das Erkennen in das
Erkannte ein, und Selbsterkenntnis wird zu Selbstbestimmung.
Hierhin gehört die Unterscheidung zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Die Erweiterung von Selbsterkenntnis kann man als einen Prozess betrachten, in
dem Unbewusstes in Bewusstes überführt wird.
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[Das ist eine Transformation von fast unüberschaubaren Ausmaßen. Die Relation
15 mm
vs. 15.000.000 mm
substantia grisea vs. Oberflächenrezeptoren
Präsenzanalyse
vs. verfügbare und aktivierbare
Informationen
Bewusstsein
vs. inneres Archiv
eins zu
vs. 1 Million.
D.h.: Von allem, was uns in unseren Wünschen und
Handlungen bewegt, ist uns im Moment des kognitiven
oder materiellen Handelns bestenfalls ein Millionstel
bewusst.]
Man kann etwas deutlicher spüren, ohne es damit
schon besser klassifizieren zu können. Wenn eine neue
begriffliche Identifikation dazukommt und wir nun
beispielsweise wissen, dass es nicht Angst ist, was wir
spüren, sondern Scham oder der Verlust von Selbstachtung, ist ein neuer Grad an Bewusstheit erreicht. Er
kann zu einem wachsenden Verstehen der inneren Lebensgeschichte führen: wir erfahren zum ersten Mal,
was für Verfehlungen wir uns ankreiden, die so unerträglich erscheinen, dass wir sie vor und selbst verbergen und in den seelischen Untergrund schicken mussten. Jetzt, wo wir die Macht der Zensur durchschauen
lernen, können wir gegen sie arbeiten.
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 [Doppelte Zeitprogression:
1. wenn sich nichts ändert...
2. welche Kleinigkeit kann sich heute schon ändern...
 Reparenting
1. Was fehlt deiner Mutter, deinem Vater
2. Wie wäre dein Leben verlaufen, wenn er oder
sie das, was ihm zusteht, bekommen hätte?
3. Wie würdest du dich dann heute fühlen?
4. Was würdest du anders machen?
5. Was davon kannst du schon heute anders machen?
Peter Bieri, Wie wollen wir leben, 2011
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Urlaubstag-Übung:
(10 Minuten)
Erinnere dich an einen beliebigen Urlaubstag, dort eine beliebige Situation, die dir spontan einfällt. Lass dich einmal überraschen, erlaube dir, dich für eine zu entscheiden, wenn dir
mehrere einfallen. Es ist vollkommen unwichtig, wo das ist.
 sehen: Meer, Berge, Straße, Zimmer
 hören
 auf der Haut fühlen = VAKOG
 riechen
 emotions & sensations
 360° in deinem Tempo und in deinem Rhythmus
 der Hinweg
 der Rückweg
 meine Stimme begleitet dich überall hin
 wie komme ich in diesem Bild vor?
 Arme fest,
 Atem tief,
 Augen auf.
Merkmale des Unbewussten:
 Überraschungen durch Erinnerungsinhalte;
 1:1.000.000; 15 mm vs. 11 km
 Wirksamkeit Hunger – Einkaufen;
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 Wiederholung von Lebensereignissen mit verschiedenen
Partnern.
Kontakt: VAKOG und sensations & emotions
Denken in Bildern
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Trancearbeit:
1. Zeitprogression „Das Ergebnis deiner Ausbildung“
 Praxis
 Berufserweiterung
 Wann wirst du da sein?
 Erlaube einmal deinem Unbewussten, sich in diese Situation hinein zu versetzen
 Vorraum
o Symbol
o Tafel mit Arbeitszeiten
 Raum
 Inhalt der Arbeitszeiten
o Was machst du da?
o Mit wem machst du das?
o Wie oft machst du das?
o Wie erfolgreich machst du das?
o Kriterien des Erfolges ...
 Welche Menschen sind in den Räumen
 Wie sieht ein typischer Tag aus?
 Wie sieht eine typische Woche aus?
 Was hat sich gegenüber heute verändert?
 Was ist besser geworden?
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2. Zeichnung davon
3. Vorstellung der Zeitprogression vor der Gruppe
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