Evolution des freien Willens - Charles Darwin

Werbung
GERHARD ROTH
INSTITUT FÜR HIRNFORSCHUNG
UNIVERSITÄT BREMEN
DIE EVOLUTION DES FREIEN WILLENS
 G. Roth, 2009
DER „STARKE“ BEGRIFF VON WILLENSFREIHEIT
Mentale Verursachung: Meine materiellen Handlungen werden
verursacht durch meinen immateriellen Willen.
Indeterminismus: Dieser Wille unterliegt, zumindest als moralisches Handeln, nicht dem Determinismus bzw. der Kausalität der
Natur. Er ist „selbstverursacht“.
Alternativismus: Ich kann anders handeln bzw. hätte anders
handeln können, wenn ich nur (anders) will bzw. (anders) gewollt
hätte. Mein Wille selbst ist nicht determiniert, sondern frei.
Verantwortlichkeit: Ich bin für mein Tun moralisch verantwortlich
und damit auch schuldfähig.
GRÜNDE FÜR ZWEIFEL AN DER WILLENSFREIHEIT
• Es gibt keinerlei vernünftige Vorstellung davon, wie eine „Selbstverursachung“ möglich ist. Kant selbst gab zu, dies sei eine
hypothetisch-transzendente und empirisch nicht überprüfbare
Fähigkeit des Menschen.
• Auch menschliches Verhalten ist determiniert, wenngleich in komplexer Weise. Menschen handeln in ähnlichen Situation aufgrund
ähnlicher Motive ähnlich (Hume).
• Menschen fühlen sich frei, wenn sie ihren Willen verwirklichen
können. Die Bedingtheit des Willens wird dabei nicht empfunden
(Hume).
EIN ALTERNATIVER BEGRIFF VON WILLENSFREIHEIT
Ich fühle mich frei, wenn ich keineN äußeren und inneren
Zwängen (z.B. Zwangsstörungen) unterliege.
Ich fühle mich frei, wenn ich konkrete Handlungsoptionen
habe, zwischen denen ich abwägen kann.
Die Wahl zwischen diesen Optionen wird – vom Zufall abgesehen – determiniert durch die Weise, in der meine bewussten
und unbewussten Motive miteinander interagieren (MotivDeterminismus).
Die Motive wiederum werden determiniert durch Gene, Hirnentwicklung, frühkindliche Prägung und spätere Erfahrungen.
Zusammengenommen bildet dies meine Persönlichkeit.
AUSGANGSHYPOTHESE
Willensfreiheit in einem neu-definierten Sinne hängt entsprechend ab von folgenden Fähigkeiten:
 Erkennen von Entscheidungs- und Handlungsalternativen, insbesondere im sozialen Bereich
 Abwägen dieser Alternativen und ihrer Konsequenzen
 Flexible Verhaltensentscheidung und Steuerung
anhand dieser Abwägungen
 Bewertung der Ergebnisse des eigenen Handelns und
mögliche Verhaltenskorrektur
Diese Fähigkeiten haben sich im Laufe der Evolution der
Primaten zum Menschen hin stark entwickelt.
Fähigkeit zur Täuschung Anderer
(„Machiavellian
Intelligtence “).
Aus Byrne, 1996.
Diese Fähigkeit ist
unter Primaten und
einigen anderen
Säugern und
Vögeln verbreitet
und setzt eine
minimale „Theory
of Mind“ voraus.
Schimpanse vor einem
Spiegel (Photos von D.
Bierschwale, aus Byrne,
1996).
Außer bei Menschen ist nur
bei Schimpansen ist das
Erkennen im Spiegel verlässlich nachgewiesen. Es gibt
allerdings starke Hinweise,
dass auch andere Menschenaffen, Elefanten, Delfine,
Elstern und Papageien diese
Fähigkeit besitzen.
Schimpanse beim
Berücksichtigen des
Zusammenhangs von
Sehen und Wissen.
(Photos von D.
Bierschwale, aus Byrne,
1996).
Ist außer beim Menschen
nur bei Menschenaffen
(in Vorstufen) sicher
nachgewiesen, wird aber
auch bei einigen anderen
Primaten bzw. Säugern
und Vögeln vermutet.
Menschenaffen
(Orang, Gorilla) beim
Imitieren menschlichen Werkzeuggebrauchs.
Imitieren im großen
Umfang findet sich nur
bei Menschenaffen
und Menschen.
Der Gorilla
Koko beim
Gebrauch von
Zeichensprache.
Eine einfache,
nichtsyntaktische
Sprache findet
sich bei vielen
Tieren.
Eine syntaktischgrammatische
Sprache ist eindeutig nur beim
Menschen vorhanden
Schimpansin Julia beim
Meistern eines einfachen und eines komplizierten Labyrinths.
Aus B. Rensch, 1968.
Problemlösen durch
Nachdenken und
mentales Entscheiden
findet sich außer beim
Menschen eindeutig nur
bei Menschenaffen.
ZUSAMMENFASSUNG I
Viele Säugetiere, insbesondere Primaten, zeigen soziale
kognitive Leistungen, die denen des Menschen nahekommen.
Hierzu gehören u.a. Selbsterkennen im Spiegel, Theory of Mind,
Wissensattribution, Empathie, Imitation, geistiges Abwägen,
Sprache und Handlungsplanung.
Die größten Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren besteht im Besitz einer syntaktischgrammatikalischen Sprache, im Ausmaß des Imitationslernens,
des Selbsterkennens, der Theory of Mind, der Einsichtsfähigkeit,
der Handlungsplanung und der sprachlichen Kommunikation.
Worin sind diese Unterschiede begründet?
Säugetiergehirne
(im selben Maßstab)
Zahnwal
Mensch
Schimpanse
Hund
Hase
Spitzmaus
Gehirngewicht in Gramm
Pottwal
Elefant
Mensch
Gorilla
Pferd
Kuh
Schimpanse
Löwe
Rhesusaffe
Hund
Katze
Ratte
Maus
8,500
4,200
1,350
520
510
490
400
260
90
64
25
2
0.3
ZUSAMMENHANG VON „TAKTISCHER TÄUSCHUNG“ UND
GRÖSSE DER HIRNRINDE (R. Dunbar)
Hirnevolution bei Hominiden, Australopithecinen
und Menschenaffen
ENZEPHALIZATIONSQUOTIENT BEI SÄUGERN
MENSCH
7.8
KAMEL
1.2
DELFIN
5.3
HUND
1.2
KAPUZINERAFFE
4.8
EICHHÖRNCHEN
1.1
SCHIMPANSE
2.5
KATZE
1.0
RHESUSAFFE
2.1
PFERD
0.9
WAL
1.8
SCHAF
0.8
ELEFANT
1.3
MAUS
0.5
WALROSS
1.2
RATTE
0.4
Der EQ gibt an, um wieviel ein Gehirnvolumen im Vergleich zum Körpervolumen über oder unter dem Säugerdurchschnitt (Katze = 1) liegt.
ZAHL DER NEURONE IM CORTEX VON SÄUGETIEREN
(Roth und Dicke, 2005)
ART
ZAHL CORTEX-NEURONE
(MILLIONEN)
MENSCH
11.500
ELEFANT
11,000
WAL
10,500
SCHIMPANSE
6,200
DELFIN
5,800
RHESUSAFFE
480
KATZE
300
HUND
160
OPOSSUM
27
IGEL
24
RATTE
15
MAUS
4
Wernicke-Areal: Einfaches Wortverständnis, Lexikon
Broca-Areal: Syntax, Grammatik, komplexes Wort- und
Satzverständnis
FUNKTIONEN DER GROSSHIRNRINDE
• Detailwahrnehmung
• Verarbeitung großer, multimodaler
Datenmengen
• Semantisch tiefe Verarbeitung
• Schnelles Erfassen der Verhaltensrelevanz
von Sachverhalten
• Komplexe mittel-und langfristige Handlungsplanung
• Abwägen von Handlungsalternativen und
ihrer individuellen und sozialen Konsequenzen
EVOLUTION DES FRONTALHIRNS BEI SÄUGERN
(aus Wise, 2008)
Funktionale Gliederung der Großhirnrinde
BEWEGUNGSVORSTELLUNGEN
MOTORIK
SOMATOSENSORIK
KÖRPER
RAUM
SYMBOLE
DENKEN
PLANUNG
ENTSCHEIDUNG
ARBEITSGEDÄCHTNIS
SEHEN
SPRACHE
BEWERTUNG
SOZIALE
REGELN
AUTOBIOGRAPHIE
OBJEKTE
GESICHTER
SZENEN
HÖREN/SPRACHE
PET-Untersuchungen zum Nachweis einer „generellen
Intelligenz“ (Duncan et al., Science 289 (2000))
Allgemeine Intelligenz korreliert am besten mit der Effektivität des Arbeitsgedächtnisses.
Das Arbeitsgedächtnis besteht aus einem verbal-auditorischen und einem visuellen Teil. Es ist in seinen Ressourcen und seiner Geschwindigkeit hochgradig beschränkt und
stellt beim Problemlösen den kognitiven „Flaschenhals“ dar.
Untersuchungen zeigen, dass intelligente Menschen ein
effektiver arbeitendes Arbeitsgedächtnis haben als weniger
intelligente.
Arbeitsgedächtnis als Integrationszentrum von Wissensinhalten, die
über die gesamte Großhirnrinde verteilt sind.
Expertenwissen
Arbeitsgedächtnis
Je dicker die Myelinschicht, desto
schneller die Leitungsgeschwindigkeit
Eine Dendrogliazelle
umhüllt mehrere
Axone auf eine Länge
von 1-2 mm.
Durchmesser (µm)
1- 3
2- 5
10 - 20
Leitungsgeschwindigkeit
nicht myelinisiert myelinisiert
5 - 20
10 - 30
60 -120
Roland Grabner, Universität Graz, Aljoscha Neubauer,
Universität Graz, Elsbeth Stern, MPI Berlin/ETH Zürich
Vergleich der kortikalen Aktivierung von überdurch-schnittlich
und unterdurchschnittlich intelligenten Taxifahrern bei der
Bearbeitung von Aufgaben zum Taxifahren und beim Lösen
von Intelligenztestaufgaben
Grabner, R., Stern, E., & Neubauer, A. (2003). When intelligence
loses its impact: Neural efficiency during reasoning in a highly familiar
area. International Journal of Psychophysiology, 49, 89–98
IQ niedrig
IQ hoch
Taxifahrer-Aufgabe
(Berufsroutine)
Intelligenz-Aufgabe
Säugetiere und hier besonders Primaten besitzen
gegenüber den anderen Wirbeltieren eine schnelle
rückläufige Verbindung zwischen exekutiven und
motorischen Cortex und den Basalganglien (i.W.
Nucleus caudatus, Putamen, Globus pallidus) mit dem
Thalamus als Umschaltstation.
Entscheidungs- und Handlungsflexibilität des
Menschen ist wesentlich an eine Steigerung dieser
Verbindung gebunden.
Im menschlichen Gehirn finden sich vielfache parallele
„Schleifen“ zwischen Cortex, Basalganglien und
Thalamus.
BASAL
GANGLIA
QUERSCHNITT DURCH DAS MENSCHLICHE GEHIRN
AUF HÖHE DES CORPUS STRIATUM
Nucleus caudatus
Putamen
Globus pallidus
Verbindungen zwischen Cortex und Striatum bei
Säugern/Primaten und bei anderen Wirbeltieren
CORTICOSTRIATÄRE
BAHN IM
MENSCHLICHEN
GEHIRN
VIELFACHSCHLEIFEN DER WILLKÜRMOTORIK
DES MENSCHEN
FUNKTION DER BASALGANGLIEN
Die Basalganglien sind wesentlich an der Planung und der
Kontrolle „gewollter“ Bewegungen, an der bewussten
Verhaltensanpassung und am motorischen Lernen beteiligt.
Sie bilden eine Art Handlungsgedächtnis, d.h. sie speichern alle
Handlungen ab, die erfolgreich ausgeführt wurden.
Sie „enthemmen“ gezielt die gewünschten Bewegungen und
unterdrücken die nicht gewünschten Bewegungen.
Die Basalganglien sind wesentlich an der Entstehung des
„Bereitschaftspotenzials“ beteiligt, das jeder Willkürhandlung
vorhergeht und von dem Gefühl begleitet wird, die intendierte
Handlung gewollt zu haben.
BEREITSCHAFTSPOTENZIAL
WILLENTLICHE HANDLUNGSENTSCHEIDUNGEN
supplementärmotorisches Areal
primärer motorischer Cortex
somatosensorischer Cortex
posterior-parietaler Cortex
präfrontaler Cortex
THALAMUS
Nucleus ventralis
lateralis/anterior
Nucleus
mediodorsalis
Pyramidenbahn
Globus pallidus
Nucleus
centromedianus
LIMBISCHES
SYSTEM
HC, AMY, NACC, VTA
Nucleus
subthalamicus
BASALGANGLIEN
Ncl. caudatus
Putamen
Substantia
nigra
ZUSAMMENFASSUNG II
Das Gefühl, willensfrei zu handeln, ist an das Vorhandensein
realer Handlungsoptionen gebunden, zwischen denen man
aufgrund personaler Motive und mentalen Abwägens entscheiden
kann.
Dies setzt besondere Fähigkeiten wie Theory of Mind, Ich-Identität,
Wissensattribution, Empathie, Imitation, mentale Repräsentation
und geistiges Abwägen, Sprache und Handlungsplanung voraus.
Wichtigste Voraussetzungen sind hierfür ein effektives Arbeitsgedächtnis und eine flexible Interaktion zwischen der exekutivmotorischen Großhirnrinde und den Basalganglien. Hierdurch wird
auch eine „Abstimmung“ zwischen bewussten und unbewussten
Motiven erreicht.
All dies ist vereinbar mit der Vorstellung, dass das menschliche
Gehirn deterministisch arbeitet.
Herunterladen