Wer hat Angst vor dem Volk?

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Wer hat Angst vor dem Volk ?
Vom Nutzen der
Direkten Demokratie (DD)
Denk- und Diskussionsanstösse und andere
Ermutigungen zur Rettung des Hamburger
Volksentscheids
von Andreas Gross (Zürich)
Politikwissenschafter/Lehrbeauftragter
Leiter ADD/National- und Europarat
Patriotische Gesellschaft von 1765
Hamburg, den 20. Februar 2007
www.andigross.ch [email protected]
Gliederung:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
Weshalb heute mehr DD ?
Zur Geschichte der DD
Eckpunkte der DD
Das Leistungs- und Anspruchsprofil der DD
Entscheidend dafür: Das Design der DD
Missverständnisse
Reformpotenziale der DD in der CH
Thesen zur Titelfrage:

1949 mögen Ängste “vor dem Volk” berechtigt gewesen
sein - heute wären sie m.E, auch in D unberechtigt und
viel mehr Ausdruck einer politisch gefährlichen elitären
Selbstüberhebung

Statt dem Motto“Die Sache des Volkes ist zu wichtig als
dass sie dem Volk überlassen werden darf” - sollten wir
JW.Goethe folgen: “Die beste Regierung ist jene, die das
Volk lehrt, sich selber zu regieren.”

Möglicherweise sind solche Ängste aber vorgeschoben.
Es geht vielmehr um den fehlenden Willen, Macht zu teilen,
und um ein Verkennen des Wesens der Demokratie und
der Menschen. Demokratie ist vielmehr als eine
Technologie der Macht.

Und es geht um das zweifelhafte „Privileg, nicht lernen zu
müssen“, beziehungsweise nicht lernen zu wollen.
I. Wir sollten die Banalisierung von
Demokratie und Freiheit überwinden



Demokratie ist ein Menschenrecht: Zur Würde des
Menschen gehört, dass er auf die Entscheidungen
einwirken kann, deren Folgen ihn betreffen.
Freiheit , bedeutet mit anderen zusammen auf
unsere Lebensgrundlagen so einzuwirken können,
dass das Leben kein Schicksal ist, die Zukunft
keine Fatalität
Demokratie ermöglicht die mit Freiheit
natürlicherweise verbundenen Konflikte gewaltfrei
auszutragen
Die repräsentative Demokratie ist ein
integraler Bestandteil der DD.
Die Delegation von Macht ist ein Anfang,
nicht das einzige oder gar das Ende der Demokratie.
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Die indirekte Demokratie erlaubt unsere
Repräsentanten zu wählen. Die DD gestattet
und zusätzlich, diese punktuell, in wichtigen
Sachfragen zu korrigieren, ihnen Anregungen
zu vermitteln, nachzufragen.
Die Direkte Demokratie macht die
repräsentative Demokratie repräsentativer als
diese in der bloss indirekten Demokratie ist.
Eine der Ursachen
der gegenwärtigen Krise
der Demokratie:
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Die Demokratie braucht mehr Zuwendung. Viele
BürgerInnen wären dazu bereit - doch die institutionelle Ausgestaltung der Demokratie weist sie
ab.
Die Deutungs- und Handlungskompetenzen vieler
BürgerInnen sind heute in vielen europäischen
Staaten grösser als ihnen institutionell zugestanden
wird. Dieser gesellschaftl.Überschuss liegt brach.
Dies ist individuell frustrierend und lähmend und
gesellschaftlich eine riesige Verschwendung von
Energie, kollektiver Intelligenz und Kreativität.
II. Die DD ist keine Erfindung der Schweiz sie wurde dort erstmals erkämpft und
umfassend angewendet
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Die alte Schweiz war eher
eine Oligarchie als eine Demokratie
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Die Versammlungsdemokratie war und ist
eine vormoderne Form der Demokratie
Die ersten Verfassungsreferenden gab es
im 17.Jh in den Neuenglandstaaten
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Das Gesetzesreferendum erfand 1793 Condorcet
Die Volksinitiative ist ein Gemeindschaftsprodukt
von französischen und rheinländischen
Demokraten
Die DD war erst in der CH und später in den
USA ein Werk von oppositionellen
Volksbewegungen
„Alles durch das Volk,
mit dem Volk und für das Volk“
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Der Schweiz geland 1848 der Aufbau eine der ersten
repräsentativen Demokratien mit oblig Verf’ref
Die Schöpfer der modernen Schweiz
war liberal und elitär
Viele aus dem Volk fühlten sich durch sie schlecht
verrteten
Deshalb verlangten sie nach “dem letzten Wort” in
wesentlichen Fragen
Überall dort, wo BügerInnen die DD erkämpften,
sind die Verfahren bürgerfreundlich ausgestaltet
III. Die 5 Eckpunkte der DD
1.
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3.
4.
5.
Geheime Sachabstimmung
per Post, per Mail oder an der Urne; keine
Versammlungs- (“Basis”)Demokratie
Ein Teil/ Minderheit der BürgerInnen entscheidet, ob
alle BürgerInnen entscheiden sollen, kein Plebiszit
Wer teilnimmt, entscheidet; wer nicht teilnimmt,
überlässt die Entscheidungen den Teilnehmenden
Es geht immer um Sachabstimmungen
Es gibt keine qualifizierte (Volks-) Mehrheiten
Die DD ist ein Ensemble verschiedener
entscheidender partizipativer
BürgerInnenrechte
Jede Ebene wählt daraus das passende Set
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Oblig. Verfassungsreferendum (1848)
Fakultatives Gesetzesreferendum (1874)
Verfassungsinitiative (1891)
Staatsvertragsreferendum (1918 ff)
Gesetzesinitiative
Finanzreferenden
Konstruktives Referendum
Einzelinitiative
Volksmotion
IV. Das Leistungs- und
Anspruchsprofil der DD
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Diskussions- und Deliberations- Anstösse schaffen
Lernprozesse ermöglichen
Politik öffnen, anregen, besser verankern
Legitimation und Identifikation ermöglichen
Verschiedene Menschen integrieren: Integration
durch Partizipation
Zynismus und Apathie abbauen: Ausschliessen
hiesse Gewalt und Gewaltträchtigkeit schaffen
Zum Handeln motivieren
Vertrauen und Selbstvertrauen erneuern
V. Das Design entscheidet
über die Güte der DD
Die Ausgestaltung der DD ist
entscheidend dafür, ob die DD leisten
kann, was sie verspricht oder was wir
uns von ihr erhoffen.
Gutes Design (I):
Freie Unterschriftensammlung
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Es erlaubt allen, Fremde anzusprechen
Es vervielfachen sich überraschende Diskussionen
und substanzielle Begegnungen
Menschen lernen voneinander - korrigieren
vielfache und gegenseitige Vorurteile
Interkulturelle Grenzüberschreitungen
Anonymität wird gewahrt
Effizient und unbürokratisch
Jeder und jede kann aktiv werden
Gutes Design (II):
Ein geringer Unterschriften-%-Satz ist
ausreichend zur Eröffnung eines
kommunikativen Prozesses
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Die DD ist gedacht als demokratisches Instrument
jener ohne grosse Macht
Die DD ist eine Unterstützung für Minderheiten und
für neue Fragestellungen und Alternativen
Der Feuermelder funktioniert mit Plexiglas nicht
Nur so kann die DD Frühwarnsystem und
integrierend sein sowie der Gesellschaft ihr
Gesichtsfeld erweitern
So werden ungelöste Probleme, übersehene
Ungerechtigkeiten thematisiert
Gutes Design (III):
Keine qualitativen
Mehrheitserfordernisse („ Quoren “)
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Die Verfahren müssen zielführend
ausgestaltet werden
Wer sich systemfremd benimmt,
darf nicht belohnt werden
Wer gewinnen will, muss überzeugen und
darf sich nicht verweigern
Wer teilnimmt, entscheidet
Keiner muss teilnehmen, aber jene, die nicht wollen,
dürfen jene, die wollen, nicht behindern
Gutes Design (IV):
Mit dem Parlament,
nicht an ihm vorbei
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DD und ID sind komplementär
Kooperativ, nicht antagonistisch
Nur so entstehen Abfallprodukte, Kompromisse,
Alternativen
Gegenvorschläge erweitern die Optionen für die
Bürgerinnen und Bürger
Verhandlungen erhöhen die institutionellen
Lernchancen und Responsivität
VI. Was die DD nicht ist

Kein Quick fix, kein Fastfood
 eigener Zeitbegriff
 Beitrag zum Abbau ,
nicht der Stärkung von Herrschaft
 Weder Umfrage, noch Meinungsbild
 Deliberatives Ergebnis
 E-Demokratie hilft, ist aber noch keine DD
Die DD verändert die politische
Kultur in der Demokratie
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Es wird von mehr Menschen an mehr Orten mehr
politisch nachgedacht und diskutiert
Es wird sachspezifischer und differenzierterer
diskutiert
Es geht weniger um Personen und mehr um immer
auch komplizierte Sachfragen
In dem die Menschen sich als Teil der Entscheidenden angesprochen fühlen, entwickeln sie mehr Gemeinsinn und Verantwortung, sehen, hören und
lernen mehr und integrieren sich besser
VII. Wie die DD in der Schweiz
verbessert werden könnte
 Öffentliche Parteienfinanzierung
Professionelleres Parlament
 Transparentere und fairere Abstimmungskampagnen
 Kommunale Demokratiehäuser
 Demokratiegerechtere Öffentlichkeiten
 Transnationalisierung der Demokratie: Integration in eine
demokratisch und föderalistisch verfasste EU

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