Einleitung (1096a11-17): Notwendigkeit und - UK

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Wintersemester 2009/10
Hauptseminar „Aristoteles’ Auseinandersetzung mit Platons Ideenlehre“
Grundtext 5: Aristoteles’ Kritik an Platons Idee des Guten (Nik. Ethik I 4)
Dieses Kapitel enthält die zuvor angekündigte Kritik an Platons Theorie eines allgemeinen, abgetrennten
Guten, entwickelt in der Funktion, die menschliche Praxis und die Theorie darüber zu begründen (Nik. Eth. I
2, 1095a26: „Einige dagegen meinten, dass neben den vielen sichtbaren Gütern ein Gut an sich bestehe, das
auch für alle diesseitigen Güter die Ursache ihrer Güte sei“).
Einleitung (1096a11-17): Notwendigkeit und Rechtfertigung dieser Kritik
„Freilich fällt uns diese Untersuchung schwer, da befreundete Männer die Ideen eingeführt haben. Es
scheint aber vielleicht besser ja sogar Pflicht zu sein, zur Rettung der Wahrheit auch die eigenen Empfindungen nicht zu schonen, zumal wir Philosophen sind. Denn da beide uns lieb sind, ist es doch heilige
Pflicht, die Wahrheit höher zu achten“. Verkürzt zusammengefasst: „Plato amicus, magis amica veritas“.1
Argumente gegen die theoretische Annahme einer Idee des Guten
(a)
DAS ARGUMENT VON DER REIHUNG (1096a17-23)
„Diejenigen nun, welche diese Lehre aufgebracht haben, haben überall da keine Ideen angenommen, wo sie
von einem Früher und Später redeten, daher haben sie auch für die Gesamtheit der Zahlen keine Idee aufgestellt [vgl. auch Met. I 6]. Nun steht aber das Gute sowohl in der Kategorie der Ousia als auch in der Qualität
und der Relation. Das An-sich aber und [zwar] die Ousia ist von Natur aus früher als die Relation [hier rekurriert Aristoteles auf seine eigene Kategorienlehre von Substanz und Akzidens: Met. V 7, VII 1]. Also
kann für diese Kategorien eine gemeinsame Idee nicht bestehen.“
(b)
DAS „KATEGORIEN-ARGUMENT“ (1096a23-29)
„Da ferner das Gute in gleich vielen Bedeutungen mit dem Seienden ausgesagt wird (denn es steht in der
Kategorie der Substanz (Ousia), z.B. Gott, in der der Qualität: die Tugenden, der Quantität: das rechte Maß,
der Relation: das Brauchbare, der Zeit: der rechte Moment, des Ortes: der Erholungsaufenthalt etc.), so gibt
es offenbar kein Allgemeines, das gemeinsam und Eines wäre. Denn dann würde man von ihm nicht in
allen Kategorien, sondern nur in einer sprechen.“
(c)
Das ARGUMENT „AUS DEN WISSENSCHAFTEN“ (1096a29-34)
„Ferner, da es von dem zu einer Idee Gehörigen auch nur eine Wissenschaft gibt, so wäre auch nur eine
Wissenschaft von allem Guten. Nun aber sind ihrer viele, selbst von dem unter einer Kategorie Stehenden.
So ist die Wissenschaft des rechten Moments im Krieg die Feldherrenkunst, in der Krankheit die Heilkunst,
und die Wissenschaft des rechten Maßes bei der Nahrung die Heilkunst, bei den leiblichen Anstrengungen
die Gymnastik.“ Zudem ist das Gute für jedes Wesen seiner eigentümlichen Natur nach je verschieden (Nik.
Eth. X 7, 1178a5), daher geht es in der Ethik nur um das dem Menschen zukommende Gute (anthropinon
agathon, Nik. Eth. I 13, 1102a14f.).
(d)
Das ARGUMENT von der HYPOSTASIERUNG (1096a34-1096b3)
„Man könnte aber auch fragen, was sie mit jenem „An-sich“, das sie zu allem hinzusetzen, eigentlich meinen, da doch in dem Menschen an sich und dem Menschen ein und derselbe Begriff wiederkehrt, der des
Menschen. [Dies verweist auf das berühmte „Argument des Dritten Menschen, das Platon selbst im Parmenides (132a-133a) am Beispiel der Größe erörtert]. Insofern beide Mensch sind, können sie nicht unterschieden sein. Dann gilt aber das Gleiche für das Gute an sich und das Gute.“
1
Vgl. Platons Äußerung über Homer in Politeia X, 595b-c: „Ich muss mich wohl erklären, wiewohl eine Liebe und
Scheu, die ich von Kindheit an für den Homeros hege, mich hindern will zu reden. Denn er mag doch wohl von all diesen trefflichen Tragikern erster Lehrer und Anführer gewesen sein. Aber kein Mann soll doch über die Wahrheit gehen,
also muss ich wohl sagen, was ich denke.“
2
(e)
Das ARGUMENT von der EWIGKEIT (1096b3-5)
Auch wird jenes Gute an sich nicht etwa darum in höherem Sinne gut sein, weil es ewig ist [...]“. [Die Idee
des Guten unterscheide sich also nur durch ihre Ewigkeit von den an ihr teilhabenden guten Dingen. Aber
von ihr und von den vielen Dingen wird „gut“ ausgesagt. Darin unterscheiden sie sich nicht].
Einwände als Verteidigung von Platons Position und die Widerlegung
„ [...] Nun ist aber bei der Ehre, der Klugheit und der Lust als Gütern dieser Begriff [des Guten] jedesmal
anders und verschieden. Also ist das Gute nichts Gemeinsames, unter eine Idee Fallendes.“(1096b25)
Das Analogie-Argument (1096b26-31)
„Aber inwiefern spricht man nun doch von dem Guten? Das viele Gute scheint doch nicht zufällig denselben
Namen zu haben. Ist es also vielleicht darum, weil es von Einem herkommt [Paronymie] oder insgesamt auf
Eines hin (pros-hen-Relation) zielt [wie nämlich alles Seiende auf ein primär Seiendes, die Substanz, hingeordnet ist, vgl. Met. IV 2, 1003a33f.], oder heißt es vielmehr in analoger Weise gut? Nach dieser Weise ist ja
das, was für den Leib das Auge ist, für die Seele der Verstand [vgl. Sonnengleichnis!], und ähnliche Analogien [Proportionalitäts-Analogien] gibt es noch viele. Aber wir müssen diesen Punkt für jetzt fallenlassen,
da eine genauere Behandlung desselben in einen anderen Teil der Philosophie fällt [nämlich in die „Erste
Philosophie“, die oberste der theoretischen Wissenschaften, vgl. Met. VI 1]. Ebenso ist es nicht dieses Ortes,
die Ideenlehre weiter zu verfolgen [vgl. bes. in Met. I 9].
Kritik an der Anwendbarkeit der Platonischen Lehre
In der Ethik geht es nur um ein durch menschliche Praxis realisierbares Gut, unabhängig davon, ob in der
theoretischen Philosophie die Existenz einer Idee des Guten bewiesen wurde oder nicht, und orientiert sich
an der Praxis der Künste, die immer auf das Einzelne gehen (1096b32-1097a14).
„Wenn auch wirklich das gemeinsam ausgesagte Gute etwas Einzelnes und getrennt für sich Bestehendes
sein sollte [so die Idee des Guten aus Sicht des Aristoteles], so leuchtet doch ein, dass der Mensch es weder
in seinem Handeln verwirklichen noch es erwerben könnte. Um ein solches Gut handelt es sich aber gerade.
Nun könnte man ja denken, die Kenntnis jenes getrennten Gutes fördere einen in Bezug auf das Gute, das
man erwerben und tun kann, und wäre uns wie ein Muster (paradeigma), mit dessen Hilfe wir auch das für
uns Gute besser erkennen und erlangen könnten. […] So findet diese Erwägung doch an den Künsten ihre
Widerlegung. Denn während dieselben insgesamt nach einem Gut streben und das suchen, was daran noch
mangelt, lassen sie die Erkenntnis dieses Gutes außer Acht. [...] Auch wäre es sonderbar, was es einem Weber oder Zimmermann für sein Gewerbe nützen sollte, das Gute an sich zu kennen, oder wie einer ein besserer Arzt oder Stratege werden sollte, wenn er die Idee des Guten geschaut hat. Auch der Arzt fasst offenbar
nicht die Gesundheit an sich ins Auge, sondern [...] vielmehr die dieses Menschen in concreto. Denn er heilt
immer nur den und den.“
Resümee
Die Ablehnung einer Idee des Guten erfolgt nicht primär in einer Auseinandersetzung mit ontologischen
Grundprinzipien, sondern nach der Norm der Brauchbarkeit für das praktische Handeln; zudem wird die
Frage der Existenz eines Guten der Frage nach ihrer Prädizierbarkeit untergeordnet.
--------------Literaturhinweise
Rafael Ferber, Platos Idee des Guten, St. Augustin 1983,²1989, 220-236.
H.-G. Gadamer, Die Idee des Guten zwischen Plato und Aristoteles, Heidelberg 1978, 77-92.
H. Flashar, Die Kritik der platonischen Ideenlehre in der Ethik des Aristoteles, in: Synusia.
Festgabe für W. Schadewaldt, hgg. H. Flashar u. K. Gaiser, Pfullingen 1965, 223-246.
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