Morphologie aus Syntax - natürlich. Zur Flexion der

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Anthony R Rowley
Morphologie aus Syntax - natürlich.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter
in nordostbayerischen Dialekten
1.0 Einleitung
In einem Beitrag zur Enklise in den ostoberdeutschen Dialekten schließt
Otmar Werner: "Im ganzen darf man wohl sagen, daß wir noch weit entfernt
sind von einer Erfassung, Systematik und Erklärung der Zusammenhänge, in
deren Zentrum die Enklise steht. Mundarten wie die bair[isch]-ostfränk[ische]
... müßten für die aufgeworfenen Fragen ein ausgezeichnetes Beobachtungsfeld bieten - die Mundartvarianten als Experimentierlabor der Sprache ... die
allgemeine deutsche Dialektologie hat auch von den bisherigen Erkenntnissen
und Problemstellungen noch kaum Notiz genommen ...,,1
-, Im folgenden gehe ich auf zwei Bereiche ein, in denen Enklise in ostfränkischen (ostfränk.) und nordbairischen (nordbair.) Dialekten festzustellen
ist: auf die Klitisierung der Subjektpronomina am Verb und auf die Flexion
der Nebensatzeinleiter. Diese letzte Erscheinung ist in jüngster Zeit mehrfach
behandelt worden.i Die Mundarten Nordostbayerns zwischen Bamberg, Coburg, Hof, Regensburg und Nürnberg sind hier besonders aufschlußreich, weil
unter den deutschen Dialektlandschaften wohl sie am ausgeprägtesten die
"Flexion der Nebensatzeinleiter" systematisiert haben.3 In morphologischer
Hinsicht weisen die bairischen und ostfränkischen Dialekte dieser Region
1 Otmar Werner, "Mundartliche Enklisen bei Schmeller und heute," Iohann Andreas
Schmeller und der Beginn der Germanistik, Hrsg. Ludwig M. Eichinger, Bernd Naumann
(München, 1988), 127-47, hier S. 145.
2 Hans Altmann, "Das System der enklitischen Personalpronomina in einer mittelbairisehen Mundart," Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 51 (1984), 191-211; Rüdiger
Harnisch, "Die sogenannte 'sogenannte Flexion der Konjunktionen'. Ein Paradigma aus der
Bavaria thuringica," Bayerisch-osterreichische Dialektforschung. Hrsg. Erwin Koller, Werner
Wegstein, Norbert Richard Wolf (Würzburg, 1989), 283-90; Herbert L. Kufner, "The Case
of Conjugating Conjunctions," Orbis 31 (1985), 87-100; Helmut Richter, "Personmarkierte
Einleitung von Nebensätzen in deutschen Mundarten und als umgangssprachliches
Randphänomen," Die Partikeln der deutschen Sprache, Hrsg. Harald Weydt (Berlia/New
York,
1979), 528-39.
3 So schon Heinrich Gradl, "Zur kunde deutscher mundarten. Beiträge zum pronomen,"
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 20 (1872), 192-201, hier S. 198, und Oskar Weise,
"Die sogenannte Flexion der Konjunktionen," Zeitschrift für Deutsche Mundarten 2 (1907),
199-205, hier S. 204.
ZDL-Beiheft 76: Verhandlungen des Internationalen DiaJektologenkongresses Bamberg 1990.
Band 3. Wolfgang Viereck (Hrsg.). © 1994 by Franz Steiner Verlag Stuttgart.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter in nordostbayerischen Dialekten
~ungefähre
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Abgrenzung des Untersuchungsgebietas
große Ähnlichkeiten auf.4 Morphosyntaktische Erscheinungen sind aus der
Warte der "natürlichen" Morphologie, wie sie etwa Willi Mayerthaler, Morphologische Natürlichkeit (Wiesbaden, 1981), entworfen hat, von großem In4 Dies zu beweisen war eine Zielsetzung meiner Habilitationsschrift
Anthony R.
Rowley, Morphologische Systeme der nordostbayerischen Mundarten in ihrer sprachgeographischen Verflechtung (Habilitationsschrift
Bayreuth, 1988).
490
Anthony R Rowley
teresse. Im weiteren Bereich der Formenbildung des Verbs läßt sich tatsächlich in den Mundarten quasi wie in einem "linguistischen Laboratorium"
das gesamte Kontinuum zwischen betonten, eigenständigen Pronomina, unbetonten klitischen Pronomina und Flexionsendungen des Verbs als "functionalsynchronie and diachronie cline,,5 überblicken. Wir verfolgen das Entstehen
von "Morphologie aus Syntax" - von neuen morphologischen Mitteln aus Syntagmen - nicht wie bei Talmy Giv6n6 im diachronen, sondern im synchronen
Vergleich benachbarter, eng verwandter Sprachformen.
Im bereits genannten Aufsatz von Otmar Werner thematisiert der Autor
nach einer Diskussion der Verbalenklise die Schwierigkeit, "den logisch-funktionalen Zusammenhang bei den anderen Enklisevorkommen jeweils zu begründen: Was haben Konjunktionen, die übergeordnete Einleitung eines
Nebensatzes oder Relativpronomina zu Beginn eines Nebensatzes und einzelne pronominale Subjekte, Objekte dieser Nebensätze miteinander zu tun?"
(S. 144). Mein Ziel war es, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
2.0 Wie können Personalpronomina
zu Suffixen werden?
Flexionsformen des Verbs werden in den deutschen Dialekten mit wenigen Ausnahmen (vor allem bezüglich des Präfixes ge- des Partizips Prät.) mittels interner Starnmodifikation und/oder Suffigierung gebildet. Im folgenden beschäftige ich mich nur mit dem für die Mundarten charakteristischen
Bereich der Suffigierung. Wie können Pronomina zu Suffixen werden? Der
Satzbauplan des Hauptsatzes in oberdeutschen Dialekten sieht für den finiten
Teil der Verbalphrase wie in der Standardsprache Zweitstellung vor. Das
Satzvorfeld allerdings wird nicht selten für die Topikalisierung von Objekten
und vor allem für Temporalbestimmungen in Anspruch genommen/ - in den
Tonaufnahmen des "Deutschen Spracharchivs" aus Nordostbayern zum Beispiel8 ist das Vorfeld überaus häufig mit dem Temporaladverb [na], [nou]
5 Talmy Givön, Syntax. A functional-typological introduction, Vol. 1 (Amsterdam/Philadelphia, 1984), S. 353.
6 Vor allem in "Historical Syntax and Synchronie Morphology: An Archaeologist's
Field Trip," Papers from the 7th regional meeting, Chicago Linguistic Society (Chicago, 1971),
394-415.
7 Für die Standardsprache vgl. Ludwig M. Eichinger, "Gedanken über das Subjekt. Zu
einer praktischen Grammatik des Deutschen," Festschrift zum 60. Geburtstag von Carl F.
Hoffmann, Hrsg. Franz Rottland (Hamburg, 1986), 109-26, hier S.118f; Duk-ho Lee,Aspekte
der deutschen Syntax. Untersuchungen zur deutschen Syntax, mit besonderer Berücksichtigung der
Wortstellung (München, 1979), S. 85.
8 Für die Dialektaufnahmen
des in den 1950er Jahren entstandenen
sogenannten
"Zwirner-Korpus" des Instituts für deutsche Sprache (Deutsches Spracharchiv), Mannheirn,
wurden an der Universität Bayreuth hochdeutsche Wort-für-Wort-Übertragungen
angefertigt.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter in nordostbayerischen Dialekten
491
u.ä. besetzt, dessen Gehalt mit 'die Geschichte geht weiter' angegeben werden
könnte.
So kommen die anaphorischen und unbetonten Subjektpronomina, die
"prototypischen" Themaexponenten (Giv6n, Syntax, S. 360f.) häufig hinter den
finiten Teil der Verbalphrase zu stehen. Hier erleiden sie die von Altmann (S.
198f.) für einen mittelbairischen Dialekt geschilderten phonologischen Abschleifungen, die grob gesagt dazu führen, daß sie sich zwar phonologisch wie
Affixe, aber syntaktisch noch als Satzglieder verhalten. Verschiedene phonologische Veränderungen der Pronomina (so die "falsche Trennung" bei wir
> [min], ihr > [disj) sind ebenfalls aus der häufigen Stellung nach dem Verb
zu erklären. Auch die Entwicklung mhd. s, Z > [3] nach r gilt in ostfränkischen
Dialekten nur innerhalb des Wortes, mancherorts aber auch im Falle der
klitischen Pronomina Isl 'es', Isi<;1 'sich', Isal 'sie'; die Assimilation von [<;,
x] an folgenden Nasal gilt in vielen Mundarten auch in Fällen wie (ostfränk.,
Bayreuth) [310:IJa] < [3lo:g] + [na] 'schlag ihn!,.9
Auch in Interrogativ- und Imperativsätzen mit Verberststellung stehen die
Subjektpronomina meist unmittelbar nach dem Verb. Die Folge ... finites
Verb - anaphorisches Subjektpronomen ... kommt also in den Mundarten
überaus häufig vor.
2.1 "Umkehrformen" der Verbalflexion
Dies hat erstens in allen Mundarten Nordostbayerns dazu tteführt, daß für
diese syntaktische Option vereinzelt eigene "Umkehrformen"
vor allem der
frequenteren Verben entstanden sind, die formal anders sind als die Umkehrung der Folge Pronomen - Verb:
1. Sing. Präs.
recte
Umkehrform
nordbair. (Eschenbach)
"gehen"
"tun"
"haben"
[i ge.i]
[i do:u]
[i ho:]
[ge.iwi]
[do:uwi]
[ho:wi]
nordbair. (Tirschenreuth)
"können"
"sehen"
[i:j khö.e]
[i:j zi.n]
[khö.sri]
[zi.nri]
9 Johann Andreas Schmeller, Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt (München,
1821), § 685 Anm.; Viktor Schirmunski, Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und
Formenlehre der deutschen Mundarten (Berlin, 1962), S. 453,455. Vgl. auch Otto Eichhorn,
Die südegerländerische Mundart (Lautlehre) (Reichenberg, 1928), S. 86f.
10 So Eberhard
Wagner, Das fränkische Dialektbuch (München,
1987), S. 71.
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1. Plur. Präs.
nordbair. (Cbam)
"gehen"
"tunt!
"sein"
"sagen"
[min gena]
[mia dsns]
[mie han, hand]
[mi'B z:>Ij]
[gerne]
[dsme]
[harne]
[zonre]
Für einige Dialekte lassen sich sogar ganze "Umkehrparadigmen"
ansetzen:
"gehen" im Ostfränk. (Bayreuther Raum):
1. Sing. Präs.
2. Sing.
3. Sing.
1. Plur.
2. Plur.
3. Plur.
recte
Umkehrform
[ij gi]
[du gizd]
[E: gid]
[mie gene]
[ia gsd]
[zi gerje]
[gini]
[gizd]
[gids]
[gerne]
[geda]
[gerjez]
Hier könnte man zwar noch einzelne Formen phonologisch als Realisierungsprodukte aus der inversen Abfolge interpretieren; aber gerade in der 1. Sing.,
1. Plur. verschmilzt das Flexionssuffix mit dem klitischen Pronomen zu einer
Einheit, die als Vorbild für die Übertragung bei einer ganzen Reihe hochfrequenter Verben analog produktiv geworden ist - man vergleiche etwa
Formen wie (Bayreuther Raum) [3dini] "stehe ich", [muni] "muß ich" (recte
[ij muz] u.a.). Syntaktisch allerdings verhalten sich die inversen Formen in der
Regel wie Satzgliedfolgen von Verb und Pronomen.
2.2 Besonderheiten
der 2. Person
Die Formen der 2. Sing. und 2. Plur. des Verbs weisen in den meisten
Mundarten Nordostbayerns (außer in einem nördlichen Randstreifen, etwa im
Coburger Raum, hier in "Umkehrformen" Suffix [zdaj) die Besonderheit auf,
daß sie - vor allem bei inverser Stellung, aber nach Ausweis der Tonaufnahmen des "Deutschen Spracharchivs" durchaus auch in gerader Wortfolge
- ohne sichtbares Exponat des Pronomens auskommen+! nordbair. [du
ge.izd] bzw. ostfränk. [du gizd] 'du gehst', "Umkehrform" [ge.izd] bzw. [gizd];
nordbair. [enks, dints geits] 'ihr geht', "Umkehrform" [geits]. Neben rein
11 Vgl. etwa Werner, S. 134; fürs Mittelbair. Altmann, S. 207.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter in nordostbayerischen Dialekten
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innersprachlichen Faktoren+ ist hier auch an die Pragmatik des Zwiegesprächs als Bedingung zu denken, da etwa durch Körperhaltung und Art der
Gesprächsführung der sprachliche Bezug zum Gesprächspartner auch ohne
Personalpronomina eindeutig ist. Gerade in der 2. Person zumindest erscheint
Tilgung unbetonter Pronomina nicht nur im Deutschen üblich zu sein.13
2.3 Übertragung der "Umkehrformen" in gerade Wortfolge
Der - diachron gesehen - nächste Schritt auf dem Wege der Klitisierung
ist die Übertragung der Enklitika in das Paradigma der Verbsuffixe auch bei
gerader Wortfolge (vgl. Altmann, S. 202). Das Klitikum verliert damit den
Satzgliedstatus. Dies ist bekanntlich die Entwicklung, die vom Althochdeutschen her erst zum Suffix mittelhochdeutsch -est der 2. Sing. des Verbs geführt
hat.14 Die mittel- und nordbair. Flexionsendung [ts] (vgl. oben) der 2. Plur.
des Verbs ist ebenfalls eine Übertragung des alten Pronomens Dualis in die
Verbflexion (Schmeller, § 910). Auch das klitische Pronomen der 1. Plur. hat
sich in Teilen des Mittel- und südlichen Nordbairischen zum Flexiv entwickelt:
(Cham) [mie home] 'wir haben' usw.15
2.3.1 Hauptsatzbindung der Übertragungen
In morphologischer Hinsicht ist noch von Bedeutung, daß solche Formen
nur im Hauptsatz Verwendung finden:16
[mis zenms] 'wir sehen', aber: [ßama ne:d zen] 'weil wir nicht sehen' (nach
Kollmer).
Nach Pfalz (S. 18) galt Hauptsatzbindung auch für die mit [s] erweiterten
Formen der 2. Plur. des Verbs in der nordbair. Mundart von Sangerberg
(Prameny) in Westböhmen.
12 Vgl. dazu Anton Pfalz, "Suffigierung der Personalpronomina im Donaubairischen,"
Beiträge zur Kunde der bayensch-osterreichischen Mundarten I (Wien, 1918), 1-21, vor allem S.
3ff.
13 Karl-Hermann
Körner, "Deutsche Dialekte und fremde Sprachen. Teil III: Pronominale Subjektenklise,'
Sprache und Text. Akten des 18. Linguistischen Kolloquiums Linz
1983, Hrsg. Herwig Krenn, Jürgen Niemeyer, Ulrich Eberhardt (Tübingen, 1984), Bd. 1,
35-44, hier S. 41.
14 Vgl. Weise a.a.O. - unterstützt
übliche Form du bist.
sicherlich durch die bereits in althochdeutscher
Zeit
15 Schmeller § 909; Peter Wiesinger, Die Flexionsmorphologie des Verbums im Bairischen
(Wien, 1989), Karte 8.
16 Altmann, S. 203; Michael Kollrner, Wesenszüge des Bairischen, nachgewiesen an der
Mundart Niederbayems und der südlichen Oberpfalz (Prackenbach, 1985), S. 90f.
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3.0 Klitika aus Personalpronomina
im Nebensatz
Im eingeleiteten Nebensatz gilt in allen Mundarten Nordostbayerns
Spätstellung des finiten Teils der Verbalphrase. Hier können schwachtonige,
anaphorische Subjektpronomina niemals die Stelle nach dem Verb einnehmen; vielmehr stehen sie meist an erster Satzgliedstelle nach dem Nebensatzeinleiter. Dies führt ebenfalls zur Klitisierung, wie in den Formen: mittelbair., Regensburg [ßh~z] 'wie es = ihr', [ßh~m"E]'wie wir'P
3.1 Grammatikalisierung
der Verbalendungen an Nebensatzeinleitern
Wie allerdings Pfalz ausführt, kommen als Klitika beim Nebensatzeinleiter
in manchen Dialekten nicht schwachtonige Formen der Personalpronomina
zur Anwendung, sondern es erscheinen Folgen von Flexionsendung und
Klitikum, wie sie bereits bei den inversen Verbalformen grammatikalisiert
wurden.18 In deutschen Mundarten weit verbreitet ist diese Erscheinung in
der 2. Sing., wo das Klitikum -[st] oder -[zd] lautet (Richter, S. 535): nordbair.
(Tirschenreuth) [ßo.uzd bi:zd] 'wo du bist', ostfränk. (Bayreuth) [ßuzd bizd];
im Coburger Raum und im nördlichen Frankenwald lautet das Klitikum
{zde], wie in den inversen Verbformen (vgl. oben 2.2): Coburger Raum
[ßu.zda bizd]. Für die 2. Plur. ist im gesamten Nordbair. außer dem Bairischen Wald (um Falkenstein Lkr. Cham) beim Nebensatzeinleiter ebenfalls
das Klitikum -[ts] der Verbflexion belecft: nordbair. (Roding) [ßeits ß~1ts] 'wie
ihr wollt', [ßouts hats] 'wo ihr seid'," gegenüber Rettenbach (Lkr. Cham)
[ßeis ß~1ts], die nach Altmann (S. 202) im Mittelbair. übliche Bildung. Wie
eingangs erläutert, hat Nordostbayern unter den deutschen Dialektlandschaften am ausgeprägtesten die "Flexion der Nebensatzeinleiter" systematisiert.
Auch in der 3. Plur. wird im nördlichen Nordbair. und im östlichen Ostfränk.
die Verbalendung auf den Nebensatzeinleiter übertragen: Erkersreuth Lkr.
Wunsiedel (Deutsches Spracharchiv, Aufnahme I/3531) [dez ß:>un :>n~H"E
vo'dein moustn] 'das, was andere verdienen mußten', Kastl Lkr. Tirschenreuth
(Spracharehiv I/2038) [ß:>n ZB ß~ln] 'was sie wollen', Weißenstadt Lkr.
Wunsiedel [ßin Z"EZEll]'wie sie sind'. Grad! (S. 198) weist ferner darauf hin,
daß die "härte der konsonanz" (und - davon abhängig - die Kürze des
Vokals/") in (Egerländisch) [Beima] 'wie wir', [ßouma] 'wo wir' auf zu-
17 Vgl. Pfalz, S. 13; Kufner, S. 91; Michael Kollmer, Die schöne Waldlersprach von
Wegscheid bis Waldmünchen. von Passau bis Regensburg, Bd. 1, Lautliche und grammatische
Beschreibung der Waldlersprache (Pracken bach, 1987), S. 360ff.
18 So bereits Schmeller, § 722; Weise, S. 200, vgl. auch Altmann, S. 203; Kufner, S. 91.
19 Vgl. Gradl, S. 199f.; Rudolf Kubitschek, Die Mundarten des Bohmerwaldes (Pilsen,
o.J.), S. 64 Anm.
20 Dazu auch Robert Hinderling, "Lenis und Fortis im Bairischen. Versuch einer
morphophonematischen
Interpretation," Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 47 (1980),
25-51, hier S. 26.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter in nordostbayerischen Dialekten
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grunde liegende Mehrfachkonsonanz hindeutet, also auf Ißei-n mal, Iß:m-n
mal, vgl. Harnisch, S. 288. Wie beim Verb, so läßt sich auch hier beobachten,
daß die 2. Sing., im Nordbair. auch die 2. Plur., ohne Exponat des Personalpronomens auskommt,21 während in den 1., 3. Sing., 3. Plur. stets eine
nebentonige Pronominalform heraussegmentiert werden kann.22
In der 1. Plur. scheint das [ma] der 1. Plur. im südlichen Nordbair. auf dem
Wege zum vollen Suffix zu sein; hier kann das Pronomen fakultativ wiederholt
werden.
3.2 Paradigmen
Es lassen sich auch beim Nebensatzeinleiter
2. Sing.
1. Plur.
2. Plur.
3. Plur.
Paradigmen bilden:23
Coburg
Sechsämter
wailst-dä
weilst (du)
weiln mer
weilts diets
weiln si
wailn me
wailt-e
wailn-sa
Die Formen der 1. und 3. Sing. erscheinen ohne Suffix. Harnisch interpretiert
diese Formen als Entsprechung zum Endungssatz der Modalverben vom Typ
können. Im Bamberger Raum läßt sich bei vokalisch auslautenden Nebensatzeinleitern sogar folgendes Paradigma erstellen:
1. Sing.
2. Sing.
3. Sing.
1. Plur.
2. Plur.
3. Plur.
[ßini]
[ßizd]
[ßino ]
[ßimo]
[ßid.,]
[ßinz-e]
'wie
'wie
'wie
'wie
'wie
'wie
ich'
du'
er'
wir'
ihr'
sie'.
21 V gI. auch Christian Wirth, "Laut- und Flexionslehre der sechsämterischen Mundart,"
Archiv für Geschichte und Altertumskunde von Oberfranken 20 (1897), 147-232, S. 224 Anm.
22 Harnisch, S. 284 vertritt die Auffassung,
daß in der 2. Sing. ebenfalls eine
Schwachtonform
/d/ des Pronomens enthalten ist Zumindest fürs Nordbair. sprechen die
Formen gegen diese Annahme. Nordbair. [ß:l:uzdj 'wo du', [ße:izd] 'wie du' u.a. weisen
Langvokal und Lenis auf; die von Harnisch postulierte zugrunde liegende Form Konjunktion + /zd/ (Flexionssuffix)
+ /d/ (Personalpronomen)
muß zur Fortissilbe mit
Kurzvokal führen, vgl. Hinderling, "Lenis und Fortis".
23 Hier nach Eduard
§ 70.
Hermann, Die Coburger Mundart (Co burg 1957), S. 188f.; Wirth,
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Anthony R Rowley
Man vergleiche das "Umkehrparadigma"
zu 'gehen' aus dem Bayreuther
(oben 2.1). Bis auf die 3. Sing. sind es die gleichen Affixe.24
Raum
3.3 Entstehungswege
Synchron gesehen wird also in den behandelten Dialekten die Flexion der
Umkehrformen
des Verbs mitsamt Personalklitika
(mit den genannten Einschränkungen
bezüglich der 2. Person) auch für die Nebensatzeinleiter
verwendet. Inhaltlich Gleiches wird auch formal gleich ausgedruckt. Kernbereich dieser Erscheinung
ist, wie Harnisch (S. 289) richtig bemerkt, die 2.
Sing., die areal am weitesten verbreitete Form, deren Vorbild wohl auch zur
Übertragung
auf die anderen Personen Anlaß gegeben haben wird. Gestützt
wurde die Ubernahme
der Verbalendungen
in der 2. Sing. beim Nebensatzeinleiter, so Pfalz (S. 10), Altmann (S. 200), durch die Konjunktionen
'als',
'bis', 'daß' sowie durch 'was', da diese mit [z] auslauten. In den von Pfalz
beschriebenen
Mundarten wie im Nordbair. gilt hier Lenissilbe (Zinzenzell
[ßo:zd] 'was du,25), was die Interpretation
als 'was', 'daß' usw. + /d/ (also
'du') nahelegt. Eine Folge 'was' + /zd/ (Verbalsuffix)
müßte Fortissilbe
ergeben. Fortissilbe gilt tatsächlich z.B. in der von Altmann beschriebenen
mittelbair.
Mundart.
Die Annahme
einer Resegmentierung
gerade im
hochfrequenten
Falle 'daß' + 'du' wird durch das Verhalten der Konjunktion
'daß' in Teilen des Nordbair. (Bayer. Wald, Egerland) bestätigt; hier gelten
folgende Formen:26
1. Sing.
2. Sing.
3. Sing.
1. Plur.
2. Plur.
3. Plur.
[dani] [dari] [dasi]
[dazd] [dast]
(Mask.) [dara] [dazu] , (Fern., Neutr.)
[das]
[dams]
[dats]
[danz]
Die Resegmentierung
gilt also nicht nur in der 2. Sing.; auch bei anderen
Personen ist ein Stamm /da-/ 'daß' ~eschaffen worden, vgl. auch nordbair.
[douts ßots ßeits] 'tut, was ihr wollt'?
vgl. [ßo:z] 'was'.
24 Die abweichenden Formen aus Bayreuth lauten: [ßill] 'wie er' bzw. [ßidll], [ßirll]
'wie der'.
25 Robert Hinderling, "Zinzenzell Kr. Bogen", Phonai. Lautbibliothek der deutschen
Sprache, Monographien 19 (Tübingen, 1987), 147-365,hier S. 288.
26 Vgl. Kollmer, Wesenszüge" S. 117f.; Adolf Gütter, Asch, Westsudentenland, Lautbibliothek der deutschen Mundarten 27 (Göttin gen, 1962), S. 25 Anm. 62; derselbe,
Schönbach, Kr. Eger, Westsudetenland, Lautbibliothek der deutschen Mundarten 28 (Göttingen, 1962),S. 23f., Anm. 72 und 76; Josef Schiepek, Der Satzbau der Egerländer Mundart,
Bd. 1 (Prag, 1899),94.
27 Bayer. Wald nach Kollmer, Wesenszüge, S. 119.
Zur Flexion der Nebensatzeinleiter in nordostbayerischen Dialekten
Die diachrone Entwicklung ließe sich folgendermaßen
darstellen:28
497
als Proportion
'daß' / 'daß' + 'du' (2. Sing.) (bis, was ...) [daz) [dazd)
'wie' / 'wie' + 'du' (2. Sing.)
[ßei)
X
wo X = [ßeizd], zurnal [zd) bereits von der Verbalflexion her als '2. Sing.' zu
lesen ist.
Die oben für den Bamberger Raum angegebenen Formen wären dann entsprechend folgendermaßen darzustellen:
'gehen' + 2. Sing. / 'gehen' + 1.,3. Sing... ('stehen', ...)
'wie' + 2. Sing.
[gizd)
[gini), [gidu]
[ßizd]
X
wo X = [ßini], [ßide].
28 Darstellung nach dem Vorbild
Analogy," Lingua 26 (1970), 1-24.
von Richard
L. Leed, "Distinctive
Features
and
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