Aus dem Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität zu Köln Direktor: Universitätsprofessor Dr. med. M. Krönke Epidemiologie von SCCmec-Typ IV MRSA an der Universitätsklinik Köln In den Jahren 1997 bis 2005 Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln Vorgelegt von Lucas Freiherr Heereman von Zuydtwyck aus Köln Promoviert am 13.10.2010 I Gedruckt mit Genehmigung der Universität Köln 2010 Druck: Hundt Druck GmbH, Zülpicher Straße 220, D-50937 Köln II Dekanin/Dekan: Universitätsprofessor Dr. med. J. Klosterkötter 1. Berichterstatterin/Berichterstatter: Universitätsprofessor Dr. med. H. Seifert 2. Berichterstatterin/Berichterstatter: Universitätsprofessor Dr. med. G. Fätkenheuer Erklärung Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit ohne unzulässige Hilfe Dritter und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe; die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht. Bei der Auswahl und Auswertung des Materials sowie bei der Herstellung des Manuskriptes habe ich Unterstützungsleistungen von Herrn Prof. Dr. med. Harald Seifert erhalten. Die Arbeit wurde von mir bisher weder im Inland noch im Ausland in gleicher oder ähnlicher Form einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und ist auch noch nicht veröffentlicht. Köln, den 27.04.2010 III Die dieser Arbeit zugrunde liegenden Krankengeschichten wurden von mir selbst ausgewertet. Die mikrobiologischen Daten wurden ohne meine Mitarbeit im Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität Köln ermittelt. IV Danksagungen Für die ausgezeichnete Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten danke ich Herrn. Prof. Dr. med. Harald Seifert. Für die Ermittlung der mikrobiologischen Daten danke ich Frau D. Stefanik. Für die engagierte Unterstützung bei der elektronischen Datenauswertung danke ich Herrn PD Dr. med. Hilmar Wisplinghoff. Des Weiteren gilt mein Dank den Mitarbeiterinnen des medizinischen Archivs der Universität zu Köln. Ferner danke ich für die bereitwillige Gewährung der Einsicht in die Krankenunterlagen Herrn Prof. Dr. G. K. Krieglstein, Herrn Prof. Dr. A. H. Hölscher, Herrn Prof. Dr. J. Brunkwall, Herrn Prof. Dr. P. Eysel, Herrn Prof. Dr. Thorsten Wahlers, Herrn Prof. Dr. T. Krieg, Herrn Prof. Dr. med. P. Mallmann, Herrn Prof. Dr. med. Dr. h. c. med. K. B. Hüttenbrink, Herrn Prof. Dr. E. Erdmann, Herrn Prof. Dr. med. M. Hallek, Herrn Prof. Dr. med. Krone, Herrn Prof. Dr. Th. Benzig, Herrn Prof. Dr. Michalk, Herrn Prof. Dr. Brockmeyer, Herrn Prof. Dr. R. Goldbrunner, Herrn Prof. Dr. G.R. Fink, Herrn Prof. Dr. med. J. Klosterkötter, Herrn Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. G. Lehmkuhl, Herrn Prof. Dr. med. U. Engelmann, Herrn Prof. Dr. R. Voltz, Herrn Prof. Dr. Dr. J. E. Zöller. V Meiner Familie in Liebe und Dankbarkeit VI Inhaltsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis XI 1. Einleitung 1 1.1. Geschichte und Mikrobiologie von Staphylococcus aureus 1 1.1.1. Geschichte 1 1.1.2. Mikrobiologie 2 1.1.2.1. Extrazelluläre Produkte 3 1.1.2.2. MSSA 5 1.1.2.3. MRSA 6 1.1.2.4. CA-MRSA 6 1.2. Epidemiologie 9 1.3. Klinische Bedeutung 11 1.3.1. Übertragungswege 11 1.3.2. Besiedelung von Haut und Schleimhaut 11 1.3.3. Infektionen 11 1.3.3.1. Haut und Weichteil- Infektionen 11 1.3.3.2. Wundinfektionen 12 1.3.3.3. Sonstige Infektionen 13 1.3.3.4. Bakteriämien 14 1.3.4. Prävention und Therapie 15 1.3.4.1. Prävention und Bekämpfungsmaßnahmen 15 1.3.4.2. Antibiotische Therapie 16 1.3.4.3. Infektionen bei Tieren 16 VII 1.4. Antibiotikaresistenz von Staphylococcus aureus 1.4.1. Resistenzmechanismen 16 16 1.4.1.1. Allgemeine Resistenzmechanismen der Staphylokokken 17 1.4.1.2. ß-Laktamase inaktivierende Enzyme 18 1.4.1.3. Methicillin-Resistenz 18 1.4.1.4. Vancomycin-Resistenz 19 1.4.1.5. Linezolid-Resistenz 19 1.4.2. Resistenzepidemiologie von MRSA innerhalb und außerhalb des Krankenhauses 20 1.4.2.1. Evolutionsmodelle 20 1.4.2.2. Nomenklatur 20 1.4.2.3. Ursprung des ersten MRSA 21 1.4.2.4. Resistenzepidemiologie in Europa 22 1.4.2.5. Resistenzepidemiologie in Deutschland 26 1.4.2.6. Resistenzepidemiologie von CA-MRSA (GSA) in Deutschland 26 1.5. Fragestellungen/Ziel der Arbeit 28 2. Material und Methoden 29 2.1. Mikrobiologische Diagnostik 29 2.1.1. Multilocussequenz-Typisierung 30 2.1.2. Spa (Sequenzbasierte Protein A) Typisierung 31 2.1.3. SCCmec Typisierung 32 2.1.4. GP PVL Typisierung 33 2.1.5. Resistenzbestimmung 33 VIII 2.2. Erfassung patientenbezogener, mikrobiologischer und klinischer Daten 34 2.2.1. Fragebogen zur Aktenauswertung CA-MRSA 35 2.2.2. Erläuterungen zum Fragebogen und Begriffsdefinitionen 36 3. Ergebnisse 38 3.1. Untersuchungsmaterial 38 3.2. Patientencharakteristika 40 3.2.1. Alters- und Geschlechtsverteilung 40 3.2.2. Häufigkeitsverteilung auf die einzelnen Fachrichtungen 41 3.3. Mikrobiologische Ergebnisse 43 3.3.1. Häufigkeitsverteilung der einzelnen MLST-Typen im Zeitraum 1997-2005 44 3.3.2. MLST-Typen und Antibiogramm-Muster 45 3.3.2.1. MLST 045 45 3.3.2.2. MLST 008 47 3.3.2.3. MLST 022 48 3.3.2.4. MLST 080 49 3.3.2.5. MLST 005 50 3.3.2.6. MLST 030 50 3.3.2.7. MLST 617 51 3.3.2.8. Weitere MLST-Typen 51 3.3.3. PVL (Panton Valentin Leukocidin) 54 3.4. Krankheitsbilder 57 3.4.1. Art der Infektionen 57 3.4.2. Einteilung nach Ursprung der Infektionen 59 3.5. Therapiemaßnahmen einschließlich Antibiotikatherapie 3.5.1. Mupirocin (Turixin®) Nasensalbe 63 63 IX 3.5.2. Systemische Antibiotikabehandlung 66 3.5.3. Adjuvante Therapiemaßnahmen 67 3.5.4. Eradikation 68 3.5.4.1. Erfolgreiche Eradikation 69 3.5.4.2. Nicht erfolgreiche Eradikation 70 4. Diskussion 71 5. Zusammenfassung 88 6. Literaturverzeichnis 91 7. Lebenslauf 104 X Abkürzungsverzeichnis °C Grad Celsius µl Mikroliter AWMF Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften BORSA Borderline resistenter Staphylococcus aureus bzw. beziehungsweise CA Community associated CC Clonal complex CDC Center for disease and Prevention CLSI Clinical and Laboratory Standards Institute DNA Desoxyribonukleinsäure EARRS European Antimicrobial Resistance Surveillance System et al. et alia GSA Gesundheitssystem-assoziiert h Stunde hMRSA Hospital onset IMMIH Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene l Liter mg Milligramm MHK Mittlere Hemmkonzentration ml Milliliter MLEE Multi Locus Enzym Elektrophorese MLST Multilocussequenztypisierung MRSA Methicillin resistenter Staphylococcus aureus MSSA Methicillin sensibler S. aureus XI ORSA Oxacillin resistenter Staphylococcus aureus PBP Penicillin bindendes Protein PCR Polymerase Kettenraktion PFGE Pulsfeld-Gelelektrophorese PVL Panton Valentin Leukozidin RKI Robert Koch Institut RNA Ribunukleinsäure S. Staphylococcus s. siehe SCC Staphylococcal chromosome cassette SSSS Staphylococcal-Scalded-Skin-Syndrome ST Sequence-type TSST-1 Toxic-Shock-Syndrome-Toxin-1 vgl. vergleiche VRSA Vancomycin resistenter Staphylococcus aureus ZVK Zentralvenenkatheter XII 1. Einleitung 1.1. Geschichte und Mikrobiologie von Staphylococcus aureus 1.1.1. Geschichte Die ersten Berichte von „Kugelmikroben“ in Eiter stammen aus dem Jahre 1874 von dem Chirurgen Theodor Billroth. Auch Robert Koch beobachtete im Jahre 1878 Ähnliches. Die erste Vermehrung in Nährlösung gelang Louis Pasteur im Jahre 1880, in welchem er auch seine Untersuchungsergebnisse über die Ätiologie von Furunkeln, Osteomyelitis und Puerperalfieber veröffentlichte. Den Namen Staphylococcus prägte der schottische Chirurg Alexander Ogston ebenfalls im Jahr 1880. Ogston wies traubenförmig angeordnete Mikroorganismen in typischen Eiterherden nach. F. J. Rosenbach klassifizierte 1881 zum ersten Mal Staphylokokken anhand ihres Pigmentverhaltens in Kolonien auf Agar Nährboden. Er unterschied eine gelb pigmentierte Art „Staphylococcus pyogenes aureus“ von einer weiß pigmentierten Art „Staphylococcus pyogenes albus“. Im Jahre 1885 fügte J. Passet die zitronengelb gefärbten Kolonien als „Staphylococcus citreus“ hinzu. J. v. Daranyi erkannte 1926 Zusammenhänge zwischen Plasmakoagulase-Aktivität von Staphylokokken und ihrer Pathogenität [57; 119]. Staphylococcus aureus war zu jener Zeit ein noch gefürchteterer Keim als heute, da die Konsequenz einer Wundinfektion vor dem Einzug des Penicillins zwar noch kein Todesurteil, jedoch eine großzügige Indikation für Chirurgen zu Amputation und Entfernung des infizierten Gewebes darstellte. Seit Anfang der 40er Jahre des 20sten Jahrhunderts wog man sich mit dem Wundermittel Penicillin zunächst in Sicherheit, dies änderte sich jedoch schneller als erwartet. So sind erste Resistenzen von S. aureus gegenüber Penicillin bereits im Jahr 1944 beschrieben, im Jahr 1950 waren bereits 50% der S. aureus Stämme gegen Penicillin resistent. Im Jahr 1959 kam in England das penicillinasefeste Penicillin Methicillin auf den Markt, 2 Jahre später wurden auch hier bereits erste Resistenzen beobachtet. Die Verbreitung dieser Methicillin-resistenten S. aureus Stämme stellt die Gesundheitssysteme vieler Länder vor große Probleme. Gegen alle ß-Lactam Antibiotika resistent, gibt es zwar noch Ausweichtherapeutika wie Vancomycin oder Linezolid, erste Vancomycin-resistente Stämme (VRSA) sind allerdings bereits seit dem Jahr 2002 bekannt [146]. 1 Geschichtlich gesehen hat das Bakterium S. aureus es also immer wieder verstanden, die vom Menschen entwickelten Antibiotika und deren Wirkung nach einiger Zeit der Adaptation zu umgehen und neue Resistenzen zu entwickeln. Die Therapie, Beherrschung, Eradikation und Eindämmung der Verbreitung dieses Erregers ist eine der großen medizinischen und mikrobiologischen Herausforderungen der heutigen Zeit. 1.1.2. Mikrobiologie S. aureus ist ein gram-positives Kugelbakterium, das sich in Haufen anordnet (Staphyle: griechisch Traube). S. aureus ist ein fakultativ anaerob wachsendes Bakterium, die Energiegewinnung ist fermentativ. Katalase- und Koagulase-Reaktion fallen bei S. aureus positiv aus. S. aureus bildet keine Sporen und ist unbeweglich. Der Erreger kann ohne Schwierigkeiten auf vielen künstlichen Nährböden angezüchtet werden. Er bildet runde, glänzende Kolonien von 1-2mm Durchmesser, die Pigmentierung reicht von weiss bis goldgelb. Die Pigmente gehören zu den Karotinoiden und wirken als Schutz gegen Licht und UV-Strahlung. Auf bluthaltigen Nährböden sind S. aureus Kolonien oft von einem Hämolysehof umgeben, in flüssiger Lösung kommt es zu Trübung. Die optimale Wachstumstemperatur liegt zwischen 30 und 37 °C, möglich ist Wachstum zwischen 10 und 45°C. S. aureus kann sich auch in Kochsalzkonzentrationen bis zu 10% vermehren. Es besteht eine relative Toleranz gegen UV-Licht, Austrocknung und einige Desinfektionsmittel. Die Zellwand besteht aus einer Peptidoglykanschicht, in welcher sich auch das zellwandständige Protein “Clumping Factor” befindet. “Clumping Factor” wirkt als Rezeptor für Fibrinogen in verletzten Geweben und auf Fremdoberflächen (Katheter u.a.), auf welchen sich vorher Fibrinogen abgelagert hat. Viele S. aureus Stämme bilden ausserdem Protein-A, welches sich, mit der Zellwand verbunden, an Fc-Stücke von IgG bindet und somit eine Opsonierung und Phagozytose verhindert. Auch eine Kapsel aus Polymeren der Glucosaminuronsäure oder Mannosaminuronsäure behindert bei einigen Stämmen die Phagozytose [57; 119]. 2 1.1.2.1. Extrazelluläre Produkte Verschiedene S. aureus Stämme sind in der Lage, extrazelluläre Stoffe zu bilden. Diese können toxisch wirken, helfen aber auch, sich im Gewebe festzusetzen, dort zu überleben, sich zu vermehren und in andere Gewebe zu streuen. Eines dieser Produkte ist die Plasmakoagulase, welche als Pathogenitätsfaktor die Elimination durch das körpereigene Immunsystem erschwert. Plasmakoagulase bindet an Prothrombin. Dieser Komplex wirkt proteolytisch und bewirkt die Umwandlung von Fibrinogen zu Fibrin. Auf diese Weise bewirkt die Plasmakoagulase als Virulenzfaktor die charakteristische Fibrinkapsel bei lokalisierten Läsionen, z.B. bei einem Abszess, und hilft so bei der Konstruktion eines Schutzwalles um das infizierte Gewebe. Eine Elimination der Erreger durch das körpereigene Immunsystem bzw. durch Antibiotika wird dadurch erschwert. Staphylokinase bewirkt die Umwandlung von Plasminogen zu Plasmin, welches die Fibrinkapsel lysiert und somit die Ausbreitung des Erregers in andere Gewebe ermöglicht. Plasmakoagulase und Staphylokinase wirken also gemeinsam: die Plasmakoagulase gewährt Schutz zur Vermehrung, während die Staphylokinase nach ausreichender Vermehrung die Invasion in andere Gewebe ermöglicht. Die thermostabile DNase spaltet RNA und DNA und erleichtert so die Streuung der Erreger. Hyaluronidase trägt ebenfalls zur Ausbreitung bei, da dieses Enzym die intrazelluläre Hyaluronsäure auflöst, welche als intrazelluläre Kittsubstanz wirkt. S. aureus bildet ausserdem Hämolysine, die zur Auflösung der Erythrozyten führen. Es sind vier Hämolysine bekannt (alpha, beta, gamma und delta), welche sich in ihrer Zytotoxizität unterscheiden. So zerstört das alpha-Hämolysin z.B. die Phagozyten, Thrombozyten, Endothelzellen und einige Epithelzellen und erschwert so u.a. die Phagozytose. Beta- und gamma-Hämolysine wirken hämolytisch und zytotoxisch, die Wirkung des delta-Hämolysins ist noch unklar. Leukozidin beeinträchtigt die Phagozytose durch Zerstörung von Makrophagen und polymorphkernigen Granulozyten. Staphylokokken-Enterotoxine wirken als Superantigene und verursachen Durchfälle und Erbrechen. Superantigene zeichnen sich durch eine hohe Potenz zur T-Zellstimulation aus. Enterotoxine werden durch Trypsin im Magen nur teilweise abgebaut und durch eine 30minütige Erhitzung auf 30 °C nicht sicher inaktiviert. Elf immunologische Varianten sind 3 bekannt, wobei der Wirkmechanismus der Enterotoxine noch nicht ganz geklärt ist. Eine Hypothese beschreibt einen Angriff auf die Nervenendigungen des N. vagus, eine andere beschreibt eine polyklonale T-Zell-Aktivierung und führt die Symptome auf die Freisetzung von Interleukin-2 zurück. Toxic-Shock-Syndrome-Toxin-1 (TSST-1) wird von einigen Stämmen besonders im aeroben Milieu gebildet und wirkt ebenfalls als Superantigen. Durch Freisetzung von TNF-alfa und IL1, bedingt durch eine CD-4-T-Zell-Aktivierung, kommt es zum Toxic Shock Syndrome. Auch das Staphylococcal-Scalded-Skin-Syndrome (SSSS) wird durch extrazelluläre Produkte, die Exfoliativ-Toxine A und B verursacht. Es handelt sich um Serinproteasen, welche sich an Zytoskelettproteine binden und die Desmosomen lockern. Es entstehen so die charakteristischen Blasen. Das Panton-Valentine Leukozidin (PVL) ist ein aus zwei Komponenten (lukF und lukS) bestehendes porenbildendes Toxin, das über das GM1-Gangliosid hochspezifisch an die Zellwand von polymorphkernigen Leukozyten und Makrophagen bindet. Vermehrte Freisetzung von chemotaktischen Faktoren führt zu Vasodilatation und zum Anlocken von Leukozyten in das betroffene Gewebe sowie zum Zelltod. Die hämolytische Wirkung ist im Gegensatz zu den eng verwandten Hämolysinen von S. aureus gering. Häufig werden PVLproduzierende S. aureus Stämme aus Gewebsnekrosen und Abszessen isoliert. Die Gene für das Toxin befinden sich auf verschiedenen Phagen von S. aureus, die für die Verbreitung des Toxins in den S. aureus Stämmen verantwortlich sind. S. aureus Stämme mit dem Pathogenitätsfaktor PVL sind besonders virulent, eine Assoziation zwischen bestimmten MRSA-Stämmen und PVL sind beschrieben. In der Vergangenheit wurde von einigen Autoren angenommen, PVL sei ein Marker für Gesundheitssystem-assoziierte MRSA Infektionen/Besiedelungen. Dies könnte in Zusammenhang mit dem vermehrten Vorkommen von PVL-positiven MRSA-Stämmen bei Wund- und Weichteilinfektionen stehen, welche häufiger als generalisierte Infektionen wie Bakteriämien oder Pneumonien u.a. ambulant vorkommen und therapiert werden. Heute weiss man, dass der Nachweis des PVLGens keine Schlüsse über die Herkunft oder den Infektionsweg (ambulant erworben, GSA (Gesundheitssystem-assoziiert) oder nosokomial erworben) eines MRSA-Stammes zulässt [74]. 4 Viele S.aureus Stämme sind ausserdem in der Lage, diverse Lipasen, Proteasen, Nukleasen sowie Bacteriocine zu bilden [57; 119]. 1.1.2.2. MSSA Unter Methicillin-sensiblen S. aureus (MSSA) versteht man alle S. aureus Stämme, die nicht Methicillin-resistent sind. Sie besitzen nicht das mecA Gen (vgl. 2.1.2.3.) und sind daher auch nicht gegen ß-Laktam Antibiotika resistent. MSSA finden sich häufig in Weichteil- und Wundinfektionen, allerdings werden auch bis zu 30% aller Sepsisfälle durch MSSA verursacht [57]. Bezüglich der Virulenz und des Epidemie-Potenzials lässt sich keine Abstufung gegenüber MRSA machen, da es in beiden Gruppen epidemisch unterschiedlich erfolgreiche Gruppen gibt. Die Krankheitsverläufe allerdings unterscheidet sich, was einigen Studien zufolge sowohl an dem höheren Alter der MRSA Patienten als auch an der eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten der multiresistenten S. aureus Stämme liegt [133]. 1.1.2.3. MRSA MRSA (Methicillin-resistenter S. aureus) zeichnet im Vergleich zu MSSA eine Resistenz gegen alle ß-Laktam Antibiotika aus. Die Resistenz rührt vom Erwerb des mecA Gens her, welches für ein besonderes Penicillin-Bindeprotein (PBP2a) kodiert. An dieses Bindeprotein können ß-Laktam Antibiotika nicht binden. Dieses mecA Gen befindet sich auf einer sogenannten SCCmec, der staphylococcal chromosome cassette. Es sind 5 SCCmec-Typen bekannt, welche sich u.a. durch Ihre Grösse unterscheiden [62]. Es gibt sehr viele verschiedene MRSAStämme, mit unterschiedlicher Genetik und verschiedenen Rekombinasen und AntibiotikaResistenz Genen u.a. Verschiedene Stämme sind in unterschiedlichen Regionen dieser Welt epidemiologisch erfolgreich. Ausserdem unterscheiden sich häufig die durch unterschiedliche Stämme hervorgerufenen Krankheitsbilder und Infektionsarten. SCCmec Typ IV MRSA findet sich beispielsweise häufig in Wund- und Weichteilinfektionen [127]. 5 1.1.2.4. CA-MRSA Generell versteht man unter CA-MRSA Methicillin-resistente S. aureus Stämme, welche in der „community“ (CA= community-aquired), d.h. ausserhalb des Krankenhauses, erworben werden und sich von den bekannten Krankenhaus MRSA-Stämmen unterscheiden. CA-MRSA unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den bisher bekannten MRSA Stämmen. Zum einen besitzen diese Stämme ein anderes Genom. Viele CA-MRSA Stämme beherbergen statt den SCCmec Kassetten I-III die SCC mec IV Kassette, welche kleiner ist und keine antibiotischen Resistenzgene aufweist. Allerdings reicht diese Beobachtung nicht aus, um SCC mec IV als pathognomonisch für CA-MRSA zu betrachten [26]. Mitlerweile ist ausserdem eine SCC mec V Kassette bekannt. CA-MRSA Stämme weisen eine erhöhte Antibiotikasensibilität als viele multiresistente nosokomiale MRSA Stämme auf [115]. Auffallend ist auch die unterschiedliche Zielpopulation von CA-MRSA und MRSA. CA-MRSA wird häufiger bereits bei jüngeren Patienten ohne Risikoprofil sowie bei Patienten ohne Kontakt zum Gesundheitssystem gefunden (Centers for Disease Control and Prevention). Ausserdem wird vermutet, dass CAMRSA seine Resistenzen nicht im Krankenhaus erwirbt, sondern in der freien Umwelt. Belegt wird diese Hypothese durch die Entdeckung eines bisher unbekannten Stammes, ST 75 MRSA mec Typ IV bei Aborigines in Australien [98], sowie bei kanadischen Eingeborenen [114], amerikanischen Indianern und Inselbewohnern am Pazifik (Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ). Einige Autoren benutzten in der Vergangenheit SCC mec IV als Marker für CA-MRSA. Da mitlerweile auch nosokomiale Stämme mit der SCC mec IV Kassette bekannt sind [25], stützen sich die meisten Autoren bei der Klassifizierung von CA-MRSA auf klinische Daten. In der englischsprachigen Literatur unterscheidet man generell zwischen “Community-acquired (CA)”, “Hospital-onset” (hMRSA) und “Healthcare-associated Community-onset” [83]. In Deutschland und deswegen auch in dieser Studie werden die Begriffe “ambulant erworben”, “GSA (Gesundheitssystem-assoziiert)” und “nosokomial erworben” verwendet. Zur Klassifizierung von CA-MRSA bzw. “ambulant erworben” dürfen bei dem Patienten keine Kriterien einer GSA Einstufung vorliegen. Diese sind: 6 1. Vorhandensein eines invasiven Zuganges wie Katheter u.a. zum Zeitpunkt der Aufnahme 2. Stattgehabte MRSA-Besiedelung oder Infektion in der Vergangenheit 3. Stattgehabte Operation, Krankenhausaufenthalt, Dialyse oder Unterbringung in einer Langzeitpflegeeinrichtung wie Altersheim oder Rehabilitationsklinik im letzten Jahr [11; 83] Mit der zunehmenden Einschleppung von CA-MRSA ins Krankenhaus und der Verbreitung nosokomialer MRSA-Stämme in der Bevölkerung außerhalb des Krankenhauses zeigt sich auch diese Klassifizierung als zunehmend problematisch [128]. CA-MRSA wurde außerdem mit PVL (Panton-Valentin Leukozidin) in Zusammenhang gebracht. Obwohl einige Stämme lukF und lukS Träger sind und somit in der Lage sind, PVL zu produzieren, ist nicht jeder CA-MRSA Stamm PVL-Produzent [127]. Schliesslich können sich auch die durch CA-MRSA und hMRSA verursachten Krankheitsbilder unterscheiden. Obwohl eine klare Abgrenzung nicht möglich ist, fanden sich in der Vergangenheit gehäuft CA-MRSA in Haut/Weichteil- und Wundinfektionen. Hospitaladaptierte MRSA Stämme hingegen verursachten vermehrt schwere nosokomiale Infektionen wie Pneumonien und Bakteriämien [81]. 7 Abb. 1: Klassifikation Klassifikation von von S. S. aureus aureus Abb.1: Staphylococcus aureus MSSA MRSA Nosokomial erworbene MRSA GSA-MRSA (hospital-onset) (Healthcare-associated community-onset) (Hospital-onset) 8 Ambulant erworbene MRSA (Community-acquired) 1.2. Epidemiologie von S. aureus Das natürliche Reservoir von S. aureus ist der Mensch und das Tier [57]. Eine Prädilektionsstelle der Besiedelung beim Menschen ist die Nasenschleimhaut. Desweiteren findet sich S. aureus auf der Haut, vor allem perineal und in den Achselhöhlen sowie den Ausführungsgängen der Brustdrüse [57]. Etwa 20% der Bevölkerung sind persistierende und 60% intermittierende S. aureus Träger, bei weiteren 20% kommt es nie zu einer Besiedelung [84]. Andere Quellen sagen, dass etwa 1/3 der Bevölkerung mit S.aureus nasal besiedelt ist [95]. Bei Klinikpersonal ist der Anteil der Besiedelung noch höher, auch eine Transmission von Mitarbeitern vom Krankenhaus in die privaten Haushalte ist beschrieben [43]. Die Kolonisation der Nase wird für den Träger als harmlos betrachtet. Bei Risikopatienten wird allerdings eine präoperative Eradikation zur Vermeidung von postoperativen Infektionen mit S. aureus diskutiert [147]. Als pathogenes Bakterium im Krankenhaus spielt S. aureus eine große Rolle, da es für eine große Anzahl von nosokomialen Infektionen verantwortlich gemacht wird [126]. Beispiele hierfür sind post-operative Wundinfektionen, Beatmungspneumonien [129] sowie Fremdkörper-assoziierte Infektionen bei Hämo- und Peritonealdialyse Patienten sowie bei Patienten mit zentralvenösen und anderen intravasalen Kathetern [156]. Auch dermatologische Krankheitsbilder [63] und das Toxic-Shock-Syndrom [121] sind durch S. aureus verursacht, wenngleich diese Krankheitsbilder häufiger ambulant erworben werden. Bemerkenswert ist nicht nur die Vielfältigkeit der S. aureus assoziierten Infektionen, sondern auch ihre Häufigkeit. So steht S. aureus auf der Liste der nosokomiale Infektionen auslösenden Erreger an Nummer eins [132]. Hahn et al. zufolge verursacht S. aureus 70-80% aller Wundinfektionen, 50-60% aller Osteomyelitiden, 15-40% aller Gefäßprotheseninfektionen, 10% aller Pneumonien und bis zu 30% aller Fälle von Sepsis und Endokarditis [57]. Durch S. aureus Träger im Krankenhauspersonal oder im Patientenkollektiv kann der Erreger aerogen, meist allerdings durch Schmierinfektion auf andere Patienten übertragen werden [17]. Eine andere Möglichkeit ist der endogene Infektionsweg vom patienteneigenen Reservoir ausgehend, beispielsweise vom Nasen-Rachenraum [143]. Studien beweisen, dass bei infektionsgefährdeten Patienten - z. B. Dialyse-Patienten - die Infektionsrate durch Anwendung einer bakteriziden Salbe (Mupirocin) im Nasenvorhof 9 gesenkt werden kann [59]. Aber auch gegen Mupirocin ist eine Resistenzentwicklung zu erwarten und wurde bereits z.T. beobachtet. Daher wird der Einsatz bereits kontrovers diskutiert [149]. S. aureus Infektionen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Dies liegt vor allem an der zunehmenden Resistenzentwicklung dieses Erregers [94]. Methicillinresistente S. aureus Stämme werden schon lange auf Verbreitung und Übertragungswege untersucht. Sie sind nicht nur gegen ß-Lactam-Antibiotika resistent, sondern entwickeln zusätzlich Resistenzen gegen viele andere Antibiotika. Der unkontrollierte Einsatz von Antibiotika fördert die Zunahme dieser Resistenzen. So sind bereits Fälle von Vancomycin- und Linezolid- Resistenz bekannt, 2 Substanzen, die lange Zeit Mittel der Wahl und Reservetherapiemöglichkeit in der Bekämpfung von MRSA-Infektionen waren [12]. 10 1.3. Klinische Bedeutung 1.3.1. Übertragungswege MRSA wir fast immer durch körperlichen Kontakt übertragen, vor allem über die Hände. Dies unterstreicht die Wichtigkeit von Hygienemaßnahmen in der Pflege der Betroffenen sowie die entsprechende Unterweisung der Familienangehörigen und Besucher in den besonderen Vorkehrungen. Eine Infektion über den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen ist ebenfalls möglich, weswegen eine tägliche Oberflächendesinfektion in den betroffenen Zimmern empfohlen wird. S. aureus kann ausserdem aerogen übertragen werden, allerdings geschieht dies seltener. 1.3.2. Besiedelung von Haut und Schleimhaut Etwa 1/3 der Bevölkerung ist mit S. aureus besiedelt. Der Mensch ist das natürliche Reservoir des Erregers und eine Besiedelung hat nicht notwendiger Weise eine Infektion zur Folge. Trotzdem wird die nasale Besiedelung bei Risikopatienten als Ausgangspunkt für Infektionen diskutiert [95]. 1.3.3. Infektionen Generell kann man bei S. aureus Infektionen zwischen Krankheitsbildern, welche durch Toxine verursacht sind und anderen, welche durch die Virulenzfaktoren der Erreger selbst hervorgerufen werden, unterscheiden [57; 119]. 1.3.3.1. Haut und Weichteil- Infektionen Häufig treten S. aureus Infektionen in Form von Pyodermien auf. Abszesse, Furunkel und Karbunkel in Nacken, Axilla, Gesäß, Oberlippe oder im Nasenbereich sind typisch. Auch die Impetigo contagiosa (Borkenflechte) wird in 20% der Fälle durch S. aureus versursacht. Infektionen der Hautanhangsorgane wie Mastitis puerperalis, Parotitis, Dakryozystitis oder Hordeolum sind fast immer durch S. aureus verursacht. Das SSSS (Staphylococcal scalded skin syndrome) ist ein das Säuglingsalter betreffendes Krankheitsbild. Exfoliatin, ein Toxin, bewirkt ein großflächiges Exanthem mit Blasenbildung, 11 in welchen S. aureus nachweisbar ist. Eine Sonderform stellt der Pemphigus Neonatorum dar. Hier kommt es zu einer Invasion der Haut mit S. aureus. Das Staphylokokken-TSS (Toxic Shock Syndrome) wird durch TSST-1 bildende S. aureus Stämme ausgelöst. Es handelt sich um ein schweres Krankheitsbild mit Fieber, diffusem Exanthem, Hypotonie sowie Beteiligung anderer Organsystheme. TSST-1 löst als Superantigen eine Kaskade von Zytokinproduktionen aus, welche das Krankheitsbild verursachen. Erstmals beschrieben wurde das TSS im Jahr 1978 bei jungen amerikanischen Frauen, welche einen neuartigen Tampon benutzten, der seltener gewechselt werden musste. Dadurch entstanden günstige Vorraussetzungen zur Vermehrung, Toxinproduktion und hämatogenen Streuung TSST-1 produzierender Stämme [57]. 1.3.3.2 Wundinfektionen S. aureus ist der häufigste Erreger von Wundinfektionen. Besonders häufig betroffen sind chirurgische Wunden, Brandwunden und chronische Wunden wie z.B. diabetische Fussulcera. Gerade bei chronischen Wunden stellen multiresistente S. aureus Stämme ein zunehmendes Problem dar, da eine Eradikation oft ohne Erfolg bleibt, und somit die Gefahr einer systemischen Infektion und die Mortalität deutlich erhöht sind. Vergleichbar mit der Gesamtinzidenz weltweit nimmt auch die Zahl der Infektionen von chronischen Wunden mit MRSA zu. Auch mit den üblichen Therapiemaßnahmen wie Silberauflagen und Alginaten sind chronische Wunden mit MRSA Infektion schwer zu beherrschen. Der Behandlung von chronischen Wunden sind damit neue Herausforderungen gestellt [33a]. 12 1.3.3.3. Sonstige Infektionen Ein Großteil an Nahrungsmittelvergiftungen ist durch toxinbildende S. aureus Stämme bedingt. Am häufigsten handelt es sich um Enterotoxin A bildende Stämme, welche in Milchprodukten, Soßen, Eiern oder Fleisch 4-6 h nach Nahrungsaufnahme die Symptome auslösen [57; 119]. Hämatogen bedingte Osteomyelitiden sind am häufigsten durch S. aureus bedingt. Typischerweise sind die Enden langer Röhrenknochen betroffen, da dort aussprossende Kapillaren die Absiedlung zirkulierender Erreger begünstigen. Es handelt sich meist um eine Erkrankung von Kindern und Jugendlichen [73]. Bei Kindern sind häufig die langen Knochen der unteren Extremitäten befallen, bei Erwachsenen eher die langen Röhrenknochen, Wirbelkörper und Bandscheiben, wie z.B. bei der hämatogenen Spondylodiszitis [57]. Endokarditis S. aureus zählt zu den häufigsten Erregern der infektiösen Endokarditis [46a]. Während eine durch MSSA verursachte Endokarditis bereits ein schweres Krankheitsbild ist, geht eine durch MRSA bedingte infektiöse Endokarditis mit einer noch höheren Mortalität, septischem Schock und persistierender Bakteriämie einher. Außerdem konnte belegt werden, dass MRSA bedingte Endokarditiden gehäuft Krankenhaus-assoziiert auftreten, wohingegen MSSA Endokarditiden eher ambulant erworben werden. Ein besonderes Risiko besteht bei Dialyse-Patienten [23]. Pneumonie S. aureus ist der häufigste Erreger beatmungsassoziierter Pneumonien im Krankenhaus. Die Letalität bei durch MRSA versursachten Pneumonien ist deutlich höher als bei den meisten anderen Erregern (RKI Bulletin 2005, Gastmeier et al). Die dadurch verursachten Kosten durch Behandlung und verlängerte Krankenhausverweildauer sind seit Jahren steigend. Eine Besonderheit ist die nekrotisierende Pneumonie, welche durch PVL-positive S. aureus verursacht wird und bereits bei immunkompetenten Jugendlichen tödlich verlaufen kann [122]. 13 Fremdkörperinfektion S. aureus besitzt auch eine Affinität für Plastik- und Metalloberflächen, der Mechanismus ist noch nicht ganz geklärt. Betroffen sind künstliche Herzklappen, Venenkatheter, Gelenk- und Gefässprothesen, Peritonealdialysekatheter, Harnwegskatheter u.a. Wenngleich S. aureus nicht so häufig wie S. epidermidis für Fremdkörperinfektionen verantwortlich ist, gehört er doch zu den häufigsten und ist auch in diesem Bereich für schwere Infektionen verantwortlich [103]. 1.3.3.4. Bakteriämien Die Anzahl der durch S. aureus verursachten Bakteriämien wird je nach Autor mit 15-20 % angegeben. Damit ist S. aureus auch bei diesem Krankheitsbild der häufigste Erreger. Bakteriämie ist gleichbedeutend mit dem Nachweis von Bakterien in Blutkulturen. Die häufigsten Ursachen einer S. aureus assoziierten Sepsis sind die hämatogene Streuung von Wunden und Fremdkörpern (Katheter u.a.), Pneumonien und Weichteilinfektionen. Als Risikofaktoren gelten vorherige Antibiotikagabe, nosokomialer Infektionsweg, Aufenthalt in einem Krankenhaus in den letzten 6 Monaten sowie das Vorhandensein eines Dekubitus. Durch MRSA verursachte Bakteriämien erhöhen die Letalität, die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus und die Gesundheitskosten. Im Vergleich zu MSSA ist eine durch MRSA bedingte Bakteriämie prognostisch ungünstiger, die Letalität etwa doppelt so hoch [28a]. 14 1.3.4. Prävention und Therapie 1.3.4.1. Prävention und Bekämpfungsmaßnahmen Neben der antibiotischen Therapie kommt der Prävention und Bekämpfung von MRSA in klinischen Einrichtungen eine entscheidende Bedeutung zu. Voraussetzung hierfür ist die Schulung des Personals, das Screening von Patienten (Screening und Surveillance gemäß §23 IfSG), Isolierung der Patienten sowie die genaue Befolgung der Hygienevorschriften wie die hygienische Händedesinfektion, das Tragen von Einmalkitteln, Mundschutz, Hauben und Einmalhandschuhen beim Betreten des Patientenzimmers. Unter Screening versteht man das „Herausfiltern“ von mit MRSA besiedelten/infizierten Patienten. Dies geschieht je nach Krankenhaus nach unterschiedlichen Hygienerichtlinien. In den meisten Fällen werden Abstriche von Patienten mit definierten Risikofaktoren, das sind Patienten aus Altenheimen, Patienten mit chronischen Wunden und Patienten, die bereits früher einen positiven MRSANachweis aufwiesen, abgenommen. Die Abstrichlokalisationen sowie die Anzahl der abgenommenen Abstriche variieren ebenfalls. Meist wird ein Abstrich aus der Nase genommen sowie ein oder mehrere Abstriche der folgenden Lokalisationen: axillär, Haaransatz, inguinal, perianal oder aus dem Rachen. Zusätzlich werden in einigen Krankenhäusern Patienten bis zum Erhalt des Abstrichergebnisses isoliert. Desweiteren sollten Antibiotika kontrolliert eingesetzt werden, um das Auftreten neuer Resistenzen zu verhindern und den Selektionsdruck zu vermindern. Ist der MRSA-Nachweis erfolgt, sollte ein Eradikationsversuch unternommen werden. Dies geschieht neben systemischen Antibiotika mit Mupirocin-Nasensalbe sowie mit geeigneten Lösungen zur Mundspülung und antiseptischen Bädern (www.RKI.de). 15 1.3.4.2. Antibiotische Therapie Grundsätzlich sollten bei einer Infektion mit MRSA keine ß-Laktamantibiotika verwendet werden. Die antibiotische Therapie richtet sich nach Resistogramm und Ort der Infektion/Besiedelung. Häufig verwendet werden Glykopeptide, oft in Kombination mit Rifampicin und Gentamicin. Des Weiteren stehen Fosfomycin und Fusidinsäure als Kombinationspartner zur Verfügung. Auch Linezolid ist ein mögliches wirksames Antibiotikum (RKI). 1.3.4.3. Infektionen bei Tieren MRSA spielt nicht nur bei Menschen eine Rolle. Auch bei Pferden, Hunden, Schweinen und Katzen u.a. sind Kolonisierung sowie Infektionen mit MRSA bekannt [145]. Neue Stämme, welche bisher als nur in der Tierwelt vorkommend galten, wurden z.B. in Holland bereits beim Menschen nachgewiesen (ST 398) [61]. Welche Stämme welche Wirtsspezies bevorzugen und wie die Ansteckungsgefahr für den Menschen ist, wird derzeit intensiv erforscht. Ein erhöhtes Risiko für Veterinärmediziner, mit MRSA besiedelt zu sein, wurde bereits nachgewiesen [153]. 1.4. Antibiotikaresistenz von S. aureus 1.4.1. Resistenzmechanismen Generell unterscheidet man zwischen 2 Formen der Resistenz, einer natürlichen primären und einer erworbenen sekundären. Die genetisch bedingte primäre Resistenz beruht auf einer Unempfindlichkeit der Erreger gegen ein Antibiotikum, welche immer vorhanden ist. Die sekundäre Resistenz ist Folge von Selektion resistenter Erreger unter Antibiotikagabe, sowie durch Mutation und Übertragung von Resistenzgenen. Genetisch handelt es sich bei den Mutationen um Punktmutationen sowie DNS Veränderungen wie Inversion, Duplikation, Insertion, Deletion oder Translokation. Die übertragene Resistenz besteht in der Aufnahme fremder DNS welche für eine Resistenz kodiert, Transformation, Transduktion und Konjugation sind hier die Möglichkeiten [57; 119]. 16 1.4.1.1. Allgemeine Antibiotika-Resistenzmechanismen von Staphylokokken Resistenzen gegen zahlreiche Antibiotika sind bei Staphylokokken weit verbreitet. Es wurde bereits eine Vielzahl von Determinanten entdeckt, die Resistenzen durch verschiedene biochemische Mechanismen vermitteln können. Diese Mechanismen können in die folgenden Klassen eingeteilt werden: Inaktivierende Mechanismen: Das antimikrobielle Agens wird durch chemische Modifikation mittels intra- oder extrazellulärer Enzyme strukturell verändert und dadurch inaktiviert. Ein Beispiel hierfür ist die Inaktivierung von Chloramphenicol mittels ChloramphenicolAcetyltransferase [128b]. Target Modifikationen: Hierbei kommt es zu einer strukturellen Veränderung des Angriffsziels (target) und einer dadurch verminderten Affinität zum Antibiotikum. Eine solche Target Modifikation liegt beispielsweise bei der Methicillin-Resistenz sowie der Resistenz gegen Makrolid- und Lincosamid Antibiotika vor [146a]. Bypass Mechanismen: Der Effekt des Antibiotikums wird dadurch umgangen, dass entweder ein alternativer Stoffwechselweg beschritten wird, oder auch nur die inhibierten Enzyme durch neue, wirkungsgleiche Enzyme mit fehlender Affinität zum Antibiotikum ersetzt werden. Als Beispiel kann die Resistenz gegen Trimethoprim mittels Synthese eines alternativen, Trimethoprim-unsensiblen Dihydrofolat-Reduktase Enzyms genannt werden [155a]. Sequestration: Die antimikrobielle Wirkung wird durch spezifische Bindung an ein zelluläres Protein blockiert. Ein Beispiel hierfür ist die Bindung und Sequestration von Bleomycin, einem Glycopeptid, welches jedoch wegen seiner auch auf eukaryotische Zellen wirkenden Toxizität nicht als Antibiotikum, sondern als Chemotherapeutikum eingesetzt wird [128a]. Efflux-Mechanismen: Das antimikrobielle Agens wird hierbei durch aktiven Transport mittels Efflux-Pumpen aus der Zelle befördert. Dies geschieht beispielsweise beim aktiven Transport von toxischen organischen Kationen die als Antiseptika in klinischem Gebrauch sind, aber auch von Antibiotika wie insbesondere Chinolonen [92a]. 17 1.4.1.2. ß-Laktamase-inaktivierende Enzyme Ein weiterer Resistenzmechanismus ist die Bildung von ß-Laktamasen (Penicillinasen), welche den ß-Laktamring hydrolytisch spalten und so seine Wirkung aufheben. Dieser ßLaktamasebildung wird therapeutisch mit dem Zusatz von ß-Laktamase-Inhibitoren wie Sulbactam oder Clavulansäure, bzw. einem ß-Laktamase-stabilen Antibiotikum wie Oxacillin, entgegengewirkt [57; 119]. Etwa 80-90 % aller S.aureus Stämme sind ß-Laktamase-Bildner und somit gegen Penicillin resistent [6]. 1.4.1.3. Methicillin-Resistenz Methicillin ist ein heute nicht mehr verwendetes Antibiotikum aus der Gruppe der penicillinasefesten Isoxazolylpenicilline. Ein vergleichbares heute eingesetztes Präparat ist Oxacillin. Beide gehören wie Cephalosporine, Carbapeneme, Monobaktame und Clavulansäurederivate der Gruppe der ß-Laktamantibiotika an und wirken bakterizid auf proliferierende Bakterien. Der Wirkmechanismus beruht auf der Reaktion des ßLaktamringes mit Transpeptidasen und Carboxypeptidasen (PBP, Penicillin bindendes Protein), welche für die Zellwandsynthese und die Verknüpfung der Zellwandbausteine verantwortlich sind und beim Menschen nicht vorkommen. ß-Laktamantibiotika imitieren einen solchen Baustein und verhindern bei fehlender Zellwandfunktionalität einen weiteren Aufbau der Zellwand. Diese Interaktion führt zu Zellwanddefekten und zur osmotisch bedingten Lyse der Bakterien. Die Methicillin-(Oxacillin-) Resistenz der MRSA Stämme beruht auf dem Erwerb des mecA Gens, welches die Expression eines veränderten PenicillinBindeproteins (PBP2a) bewirkt. Durch dieses veränderte Bindeprotein können ß- Laktamantibiotika nicht mehr an die Zellen binden und verlieren so ihre bakterizide Wirkung [6; 57]. Als BORSA (borderline resistenter S. aureus) werden diejenigen S. aureus Stämme bezeichnet, bei denen eine Überproduktion an ß-Laktamse vorliegt, welche aber Oxacillin MHK (minimale Hemmkonzentration) -Werte von 2-4 μg/ml anzeigen. BORSA Stämme haben kein mecA Gen und können wie ß-Lactamase-negative S. aureus Stämme antibiotisch 18 therapiert werden. Das Problem besteht in der Abgrenzung gegenüber Methicillinresistenten Stämmen [22]. 1.4.1.4. Vancomycin-Resistenz Vancomycin galt lange Zeit als das Mittel der Wahl gegen MRSA, allerdings gibt es bereits Studien über relative [50] und vollkommene [20] Vancomycin-Resistenzen bei MRSA Stämmen. Der genaue Resistenzmechanismus ist aktuell Focus intensiver Forschung. Man ging bisher davon aus, dass defekte Autolyse und ein Funktionsverlust des agr (acessory gene regulator) in engem Zusammenhang mit der Resistenzentwicklung stehen. Neuere Studien zeigen, dass bei der Resistenzentwicklung der Erwerb von VanA, einem ResistenzGen von Enterokokken die entscheidende Rolle spielt [107; 8]. 1.4.1.5. Linezolid-Resistenz Im Jahr 2006 erstmalig beschrieben, beruht diese Resistenz auf einer Punktmutation G2576T in der V Schleife der 23SrDNA. Hierbei waren 4 von 5 Allelen betroffen (RKI, Bulletin Feb06). 19 1.4.2. Resistenzepidemiologie von MRSA innerhalb und außerhalb des Krankenhauses 1.4.2.1. Evolutionsmodelle Kreiswirth et al. beschrieben in den frühen 90er Jahren ein Modell, nach welchem S. aureus seine Resistenz in Form des mecA Gens nur einmal erlangt hat. Seine Hypothese ging dahin, dass alle heute bekannten MRSA Stämme von diesem einen Prototyp abstammen [85]. Musser und Kapur wiederum beschrieben MRSA als poliklonal in einer Multilocus-EnzymElektrophorese (MLST) und schlossen so auf eine horizontale Weitergabe von Genen zwischen S. aureus Stämmen [112]. Die Existenz von modernen MRSA Linien, welche keine Ähnlichkeit mit dem ersten MRSA haben, unterstützen diese Theorie. Endgültig bewiesen wurde die horizontale Bewegung des mecA-Gens durch MLST [42]. Heute geht man vom mehrfachen voneinander unabhängigen Erwerb des mecA Genes von Koagulase-negativen Staphylokokken wie z.B. S. sciuri aus. 1.4.2.2. Nomenklatur 2002 wurde der Vorschlag von Enright et al. zur internationalen Festlegung einer einheitlichen Nomenklatur und Einteilung der verschiedenen MRSA Stämme von der International Union of Microbiology Societies in Tokio akzeptiert. Vorgeschlagen wurde, jeden MRSA nach seinem MLST- (ST-Sequence type) und seinem Phänotyp (MRSA, MSSA, VISA, VRSA) zu benennen. Ausserdem sollte der SCCmec-Typ (I, II, III, IV etc.) und das Vorhandensein des mecA Genes in den Namen miteinfliessen. Beispielsweise hieße der iberische Epidemiestamm dann ST247-MRSA-I. Hierdurch wurde vermieden, dass gleiche Klone in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bezeichnungen erhielten. Gleichzeitig wurden gleiche Klone, welche bereits unterschiedliche Namen hatten, zusammengeführt [42]. 20 1.4.2.3. Ursprung des ersten MRSA Zur Untersuchung des Ursprunges des ersten MRSA wurden Stämme verschiedener Länder mit einer Sammlung von MSSA Isolaten aus dem Jahre 1950 verglichen [29]. Die Studie zeigte, dass der erste MRSA zum Sequenztyp ST250 gehörte und der Vorläufer des iberischen Epidemiestammes war. Abb. 2 zeigt, wie es hypothetisch zum Auftauchen verbreiteter Klone wie ST 239-MRSA-III oder ST 247-MRSA-I kam [42]. Abb.2: Ursprünge des ersten MRSA Stammes. Pfeile bedeuten entweder das Erlangen von SCCmec oder einen Wechsel im Sequenz-Typ Andere MRSA Abkömmlinge von ST 250 (SCCmec I) ST 250MRSA-I (archaisch) ST 247MRSA-I (iberisch) Abb. 2 21 Eine Art Stammbaum bietet die Unterteilung der MRSA Klone in CC’s, sogenannte klonale Komplexe („clonal complexes“). Fitzgerald et al. fanden 5 genetisch divergente Gruppen, welche mit dem mecA Gen assoziiert waren [45]. Dies wurde durch Enright et al. In einer MLST-Studie belegt. Alle epidemischem MRSA-Stämme, welche in mehr als einem Land gefunden wurden, gehörten zu 5 CC’s. Ein klonaler Komplex ist so definiert, dass sich seine Mitglieder in mindestens 5 Allelen sogenannter „housekeeping“ Gene untereinander überschneiden. Benannt werden die CC’s nach dem ST ihres Ursprungsklons, CC 8 (archaisch), CC 5 (viele VISA Isolate), CC 30 (UK EMRSA-16 u.a.), CC 45 (Berliner Stamm u.a.) und CC 22. Die MLST-Studie half nicht nur, in 5 klonale Komplexe zu unterteilen, sondern machte auch deutlich, dass ökologisch erfolgreiche Erreger Methicillin Resistenz erwerben können, da der Ur-Genotyp jedes klonalen Komlexes ein MSSA war [42]. 1.4.2.4. Resistenzepidemiologie in Europa In Europa herrscht seit längerer Zeit bezüglich der MRSA-Prävalenz ein Nord-Süd-Gefälle. So gelingt es den skandinavischen Ländern seit Jahren, den MRSA-Anteil an allen S. aureus Isolaten bei ungefähr 1% zu halten. Mitteleuropäische Länder, welche lange Zeit einen MRSA-Anteil an allen S. aureus Isolaten von 10% aufwiesen, haben heute einen MRSA Anteil von ungefähr 25%. Im Mittelmeerraum ist die Prävalenz am größten mit Anteilen von 40 % und mehr. Generell gilt aber, dass die MRSA-Prävalenz in allen europäischen Ländern seit 1999 gestiegen ist, in manchen mehr, in anderen weniger. Allein Frankreich und Slowenien sowie zuletzt Grossbritannien (vgl. Abb. 3-6) haben es geschafft, seit 1999 ihre MRSAPrävalenz zu senken. Bei diesen statistischen, allgemeinen Angaben ist zu beachten, dass die Prävalenz in den einzelnen Ländern deutlichen Schwankungen unterlegen ist und oben genannte Prozentsätze nicht undifferenziert auf alle Regionen anwendbar sind (EARSS Annual Report 2007). 22 Abb. 3: Weltweites Vorkommen von MRSA [56a] Abb. 4 Nord-Süd Gefälle und Prävalenz von MRSA in den Jahren 1999-2005 in Europa 23 Abb. 5: Nord-Süd Gefälle und Prävalenz von MRSA in den Jahren 2006 und 2007 in Europa (EARSS report 2006 und 2007) 2006 2007 24 Abb. 5: MRSA Prävalenz europäischer Länder im Zeitraum 1999-2007 (EARSS report 2007) %MRSA 25 1.4.2.5. Resistenzepidemiologie in Deutschland Nach Berichten aus dem Robert Koch Institut (RKI) gibt es momentan 4 besonders epidemische, klonale MRSA Linien in Deutschland. Dazu gehört der Barnimer Epidemiestamm (ST 022) und der Berliner Epidemiestamm (ST 045), welche vor allem in Norddeutschland vorkommen. ST 005 und ST 225, zusammengefasst in der Gruppe „RheinHessen“, kommen mittlerweile in der gesamten Bundesrepublik vor. Vor einigen Jahren noch waren diese Stämme eher im Süd-Westen zu finden. Ein weiterer epidemischer Stamm ist der Süddeutsche Stamm (ST 228). Abb. 6: MRSA Situation in Deutschland 05/06 Barnim Berliner Rhein-Hessen Süddeutscher ST 022 ST 045 ST 005/ST225 ST 228 49,3 % 10,4% 33,6 % 7,2% Epidemiestamm Proz. Anteil Quelle: RKI, epidemiologisches Bulletin 06/2007 Interessant ist auch die Beobachtung, dass in den 90er Jahren sehr erfolgreiche Stämme wie die klonalen Linien ST 239, ST 247 und ST 254 in ihrer Prävalenz seit 2000 deutlich rückläufig sind. Der Berliner Epidemiestamm hat seinen Zenit im Jahr 2002 überschritten, und ist seither rückläufig. Die MRSA Epidemiestämme “Barnim” und “Rhein-Hessen” jedoch sind seither (bis zum Jahre 2008) in ihrer Verbreitung steigend (RKI, epid. Bulletin 06/2007 und 17/2009). 1.4.2.6. Resistenzepidemiologie von CA-MRSA (GSA) in Deutschland Der prozentuale Anteil von CA-MRSA (GSA) an den Einsendungen des RKI’s stieg von 2005 bis 2006 von 1,52 % auf 2,7 %. Siebenundsechzig Prozent gehörten der klonalen Linie ST 080 an, welche auch in den Vorjahren am häufigsten war. Weitere Stämme waren ST 001, ST 005, ST 008, ST 022, ST 030, ST 059, ST 152 sowie ST 617. Besonderes Augenmerk gilt hier dem pvlpositivem Stamm ST 008, auch bekannt als “USA 300”, welcher in den USA als Verursacher von tiefen Haut-Weichteilinfektionen weit verbreitet ist und resistent gegen Makrolide ist. Bei Infektionen mit ST 008 handelt es sich bisher um Einzelfälle, meistens bestand ein 26 Zusammenhang mit den USA wie Reiseanamnese, Armeeangehörigkeit, homosexuelle Kontakte etc. Allerdings ist anzumerken, dass dieser Stamm nun in Europa angekommen ist (RKI, Epidemiologisches Bulletin Nr. 6/07). Anzumerken ist, dass in dieser Studie lediglich pvlnegative ST 008 Stämme vorkamen, es sich also nicht um „USA 300“ handelt. 27 1.5. Fragestellungen/Ziel der Arbeit Ziel der vorliegenden Arbeit ist die epidemiologische Darstellung der SCCmec-Typ IV positiven MRSA-Infektionen am Universitätsklinikum Köln in den Jahren 1999 bis 2005. Eingeschlossen wurden alle MRSA Isolate, welche in der mec-Typisierung den SCCmec-Typ IV aufwiesen. Initial war man davon ausgegangen, dass der mec-Typ IV charakteristisch für alle CA-MRSA Stämme sei. Dann stellte sich aber heraus, dass es mec-Typ IV MRSA Stämme gibt, die mittlerweile Einzug ins Krankenhaus gehalten haben, dort übertragen werden und damit nosokomiale Stämme geworden sind. Wichtig ist daher der Vergleich mikrobiologischer Daten und der klinischen Einteilung in „ambulant erworben“, „Gesundheitssystem assoziiert“ und „nosokomial erworben“. Insbesondere soll geprüft werden, ob die Prävalenz in diesem Zeitraum zugenommen hat, welche Krankheitsbilder durch mec-Typ IV MRSA verursacht werden, und wie sich die Verteilung auf Weichteilinfektion, Wundinfektion und Besiedelungen darstellt. Außerdem wird die Antibiotikaresistenz dieses Erregers, sowie anhand der klinischen Unterlagen die Durchführung und Effektivität des jeweiligen Therapieregimes evaluiert. Ein besonderes Interesse liegt hier bei dem Einsatz von Mupirocin-Nasensalbe (Turixin®) und der Frage nach erfolgreicher Eradikation. Desweiteren soll der Erfolg von begleitenden Therapiemaßnahmen wie chirurgische Interventionen oder lokale Behandlungen begutachtet werden. Zuletzt soll der Zusammenhang von PVL-positiven MRSA Stämmen mit der Zugehörigkeit zu den Gruppen ambulant erworben, Gesundheitssystem-assoziiert oder nosokomial erworben untersucht, und die entsprechenden Krankheitsbilder bewertet werden. 28 2. Material und Methoden 2.1. Mikrobiologische Diagnostik Die mikrobiologischen Daten zu dieser Arbeit wurden ohne meine Mitarbeit im Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität Köln (IMMIH) erhoben. Bei den Daten handelt es sich um mikrobiologische Daten der MRSA Sammlung des IMMIH, welche ca. 2000 MRSA Isolate aus den Jahren 1984 - 2006 umfasst. Zu jedem Patienten sind in dieser Sammlung Name, Vorname, Geburtsdatum, Jahr, Station und Fachbereich des Aufenthaltes sowie zu den jeweiligen Isolaten MLST-, mec- und spa- Typ, Art des Probenmaterials, aus welchem der Nachweis erfolgte, und ein Antibiogramm erfaßt. Das IMMIH am Klinikum der Universität zu Köln führt die mikrobiologische Diagnostik für das Universitätsklinikum Köln sowie für zahlreiche umliegende Krankenhäuser im Großraum Köln durch. Das IMMIH ist nach DIN EN ISO 19025 akkreditiert. Alle verwendeten Methoden entsprechen den Richtlinien der DIN oder des Clinical and Laboratory Standards Institute (CLSI), vormals NCCLS. Alle aus den eingesandten Patientenmaterialien isolierten MRSA Stämme werden seit dem erstmaligen Auftreten von MRSA in Köln 1984 prospektiv gesammelt. Alle Erreger werden mit etablierten Routinemethoden angezüchtet, identifiziert und auf Resistenzen getestet. Für diese Studie wurden 102 Patienten ausgewählt, welche im Zeitraum 1999 bis 2005 ambulant oder stationär in der Universitätsklinik zu Köln behandelt wurden und bei denen ein MRSA–Stamm mit dem mec–Typ IV nachgewiesen wurde. Pro Patient wurde nur eine Probe berücksichtigt. Im IMMIH werden zur Identifikation von S. aureus ein Latex-Agglutinationstest (Pastorex Staph Plus; Bio-Rad Laboratories, München) und ein Röhrchen-Koagulase-Test (BBL Coagulase Plasma Rabbit; Becton Dickinson, Heidelberg) verwendet. Bei erstmaligem Nachweis wird die Identifikation von MRSA durch einen PBP2a-Latex-Agglutinationstest Q (MRSA-Screen Denka-Seiken, Tokio, Japan) sowie gegebenenfalls durch den Nachweis des mecA Gens mittels spezifischer PCR bestätigt. Alle MRSA-Isolate werden bei -80°C in Glycerin-Bouillon gelagert. 29 Folgende Diagnostik wurde im Vorfeld im molekular-epidemiologischen Labor des IMMIH ohne meine Mithilfe durchgeführt: 2.1.1. Multilocussequenz-Typisierung (MLST) MLST leitet sich von der phänotypischen Typisierungsmethode der Multi Locus Enzym Elektrophorese (MLEE) ab, bei der Proteine elektrophoretisch aufgetrennt und selektiv angefärbt werden. Die durch die unterschiedliche Mobilität bedingte Position einer Bande auf dem Gel steht für die Expression des Genotyps dieses Proteins. Somit lassen sich Allele eines Genes darstellen, da Proteine eines Genlocus zwei Banden in unterschiedlichen Positionen erzeugen. Problem der Methode ist die unterschiedliche Expression von Genen, die dadurch zu nicht eindeutigen Ergebnissen auf der Proteinebene führen kann. Mit der Entwicklung von MLST wurde dieses Problem umgangen und die Gene selbst wurden das zu analysierende Ziel [Maiden et al., 1998]. Die MLST basiert auf der Sequenzierung von sogenannten “housekeeping” Genen. Ungefähr 450-500bp große Fragmente werden je Gen genutzt und mittels automatischer DNA Sequenzer sequenziert. Dadurch entsteht für jedes Bakterienisolat ein eigenes Profil, der sequence type (ST) [29a]. Die Unterschiede in den Sequenzen werden hierbei nicht gewichtet, d.h. eine Punktmutation erzeugt ebenso einen neuen Alleltyp wie ein größerer Basenaustausch. Für S. aureus wird die Analyse der folgenden sieben Loci angewand: arcC (Carbamat Kinase), aroE (Shikimate Dehydrogenase), glpF (Glycerol Kinase), gmk (Guanylat Kinase), pta (Phosphate Acetyltransferase, tpi (Triosephosphat Isomerase) und yqiL (Acetyl coenzym A Acetyltransferase) [Enright et al., 2000]. Einschränkungen in der Anwendbarkeit entstehen auch bei dieser Methode durch den hohen Laboraufwand einhergehend mit hohen Kosten. Der große Vorteil der MLST ist die Vergleichbarkeit der Sequenz-Typen über Datenbanken im Internet. Enright et al. [2002] identifizierten elf MRSA-Hauptklone in fünf Gruppen verwandter Genotypen durch MLST Untersuchungen. Die Verwandtschaftsanalyse der MLST Sequenzdaten erfolgte dabei mittels eines speziellen Algorithmus: eBURST – (enhanced) Based Upon Related Sequence Types. Der Algorithmus identifiziert dabei zuerst sich gegenseitig ausschließende Gruppen verwandter Genotpyen und versucht dann den ursprünglichen Genotyp (ST – sequence type) jeder Gruppe zu ermitteln. Dann berechnet der Algorithmus die Abstammung vom 30 ermittelten ursprünglichen Genotyp und stellt diese als radiales Diagramm mit dem ursprünglichen Genotyp als Zentrum dar [http://eburst.mlst.net/]. 2.1.2. Spa (Sequenzbasierte Protein A) Typisierung Sequenz-basierte Typisierverfahren haben gegenüber „Fragment“-basierten Verfahren (z.B. SmaI-Makrorestriktionsmuster, Amplimer-Muster bei PCR-Typisiermethoden) den großen Vorteil der Vergleichbarkeit der Ergebnisse und der Klassifizierung mit einer eindeutigen Nomenklatur. Das spa-Gen von S. aureus kodiert für das der Zellwand dieses Bakteriums aufgelagerte Protein A. Der für die Typisierung genutzte Polymorphismus, mit dem einzelne Stämme innerhalb der Spezies unterschieden werden können, betrifft die so genannte XRegion des spa-Gens, die aus einer unterschiedlichen Anzahl von Repeats (2 – 16) von durchschnittlich 24 Basenpaaren besteht. Diese hypervariable X-Region des spa-Gens wird mittels PCR amplifiziert und anschließend sequenziert. Aus der Anordnung der spezifischen Wiederholungssequenzen ergibt sich der spa-Typ. Die Individualität für jeden Stamm ergibt sich sowohl aus der Nukleotidsequenz als auch aus der Folge der einzelnen Repeat-Einheiten. Ursachen für diesen Polymorphismus sind dabei sowohl Punktmutationen, die die Basenpaare der einzelnen Repeats betreffen, als auch Deletionen und Duplikationen als Folge intragenomischer Rekombinationsvorgänge. Sequenz-basierte Typisiermethoden haben den Vorteil der eindeutigen Klassifizierung von Typen und damit der absoluten Vergleichbarkeit der Ergebnisse unterschiedlicher Untersucher. So können Datenbanken erstellt werden, welche den internationalen Vergleich ermöglichen bzw. wesentlich vereinfachen. 31 2.1.3. SCCmec Typisierung SCCmec-Gene sind zwischen 21 und 67 kb groß und in das Chromosom von MRSA-Stämmen an einer einzigen bestimmten Stelle (attBSCC) eingebaut, die nahe des Replikationsursprungs (origin of replication) von S. aureus liegt [Hiramatsu et al., 2001]. Diese Sccmec Cassette enthält unter anderem das mecA Gen, welches für das PBP2a kodiert. PBP2a ist ein Penicillin-Bindeprotein, welches für die Methicillin-Resistenz von MRSA verantwortlich ist. Es gibt im Wesentlichen vier SCCmec-Typen, die seit geraumer Zeit bekannt sind. Die SCCmecTypen I – III kommen in vielen Krankenhaus-assoziierten MRSA Stämmen vor. Der SCCmecTyp IV hingegen wird vermehrt in Gesundheitssystem-assoziierten MRSA Stämmen gefunden und ist kleiner als die anderen SCCmec-Gen-Kasetten. Mittlerweile wurden auch weitere SCCmec Typen beschrieben (SCCmec V-VII). Zur Typisierung der SCCmec-Elemente haben sich in den letzten Jahren vor allem zwei PCRMethoden etabliert. Oliveira u. Lencastre [2002] entwickelten eine Multiplex-PCR basierte Methode zur SCCmec-Typisierung, die auf spezifische Elemente der J-Region abzielt. Die Primer binden dabei an folgende Loci: Locus A liegt downstream des pls-Genes und ist typisch für SCCmecI, Locus B innerhalb des kdp Operons ist spezifisch für SCCmecII, Locus C innerhalb des mecI-Genes kommt in SCCmecII und SCCmecIII vor, Locus D in der dcs Region kommt in SCCmecI, SCCmecII und SCCmecIII vor. Locus E liegt in der Region zwischen dem integrierten Plasmid pI258 und Tn554 bei SCCmecIII wie auch Locus F zwischen Tn554 und orfX, Locus G liegt im Bereich der left junction zwischen IS431 und pUB110 und Locus H zwischen IS431 und pT181. Okuma et al. [2002] entwickelten Primersets mit denen der ccrund der mec-Komplex erfasst werden kann und mittels PCR nachgewiesenen Loci der SCCmec-Typ identifiziert werden kann. Für die hier vorliegende Auswertung werden nur diejenigen Patienten berücksichtigt, deren MRSA-Stämme den SCCmec-Typ IV aufwiesen. 32 2.1.4. GP PVL Typisierung Das Panton-Valentine Leukozidin ist ein aus zwei Komponenten (lukF und lukS) bestehendes porenbildendes Toxin, das über das GM1-Gangliosid hochspezifisch an die Zellwand von polymorphkernigen Leukozyten und Makrophagen bindet. Es kommt über die vermehrte Freisetzung von chemotaktischen Faktoren zur Vasodilatation und zum vermehrten Einstrom von Leukozyten in das entzündete Gewebe; gleichzeitig jedoch zur Hemmung der Wasserstoffperoxid-Produktion und schliesslich zum Zelltod. Die hämolytische Wirkung ist im Gegensatz zu den eng verwandten Hämolysinen von S. aureus gering. Die häufig beobachtete Gewebsnekrose ist vermutlich Folge des Leukozytenzerfalls. Der Nachweis von PVL erfolgt molekulargenetisch mittels lukF/ lukS-Gen Nachweis durch die PolymeraseKettenreaktion (PCR). 2.1.5. Resistenzbestimmung Die Resistenztestung basiert auf einer quantitativen Reihenverdünnung (Mikrodilution), welche die geringste Antibiotikakonzentration bestimmt, bei der die Bakterien nicht mehr wachsen. Diese sog. minimale Hemmkonzentration (MHK) ist ein genaues Maß für die Empfindlichkeit des Erregers. Alternativ werden beim Agardiffusions-Test Antibiotikagetränkte Filterpapierplättchen auf eine Agarplatte gelegt, welche mit Bakterien beimpft ist. Nach der Bebrütung wird mit Hilfe einer grössennormierten Schablone der Resistenztyp anhand der kreisförmigen Hemmhöfe abgelesen. Man unterscheidet empfindlich (++), weniger empfindlich (+) und resistent (-). Das Verfahren beruht auf einem statistischen Zusammenhang zwischen der MHK und den Hemmhofdurchmessern. Mittlerweile stehen allerdings auch vollautomatische Systeme wie z.B. das Gerät VITEK 2 zur Verfügung. 33 2.2. Erfassung patientenbezogener, mikrobiologischer und klinischer Daten Als Grundlage der Datenerhebung dienten die Patienten-bezogenen Aufzeichnungen des IMMIH in Form von mikrobiologischen Kumulativbefunden sowie alle Aufzeichnungen der Krankenakten, welche während des ambulanten oder stationären Aufenthalts der 102 die Einschlußkriterien erfüllenden Patienten in den verschiedenen klinischen Abteilungen den jeweiligen Krankheitsverlauf dokumentierten und in Akten- oder Mikrofilmform in den jeweiligen Archiven der Universitätsklinik Köln abgelegt waren. Hierzu zählten insbesondere Arztbriefe des aktuellen und vergangener Aufenthalte in der Universitätsklinik Köln sowie in anderen Krankenhäusern, OP-Berichte, Arztberichte niedergelassener Ambulanzdaten, Kollegen, Pflegeberichte, Einweisungsdokumentationen, Konsilberichte anderer mikrobiologische Abteilungen, Befunde und die Ergebnisse bildgebender Diagnostik. Alle für die hier durchgeführte Auswertung erforderlichen Daten wurden für jeden Patienten individuell mit Hilfe des unten aufgeführten Fragebogens erfasst. Da es bei 10 Patienten nicht möglich war, die Akten einzusehen, bezog sich die Auswertung in einigen Fragestellungen auf lediglich 92 Patienten. Es handelte sich hierbei um fehlende Akten, die im Rahmen gerichtlicher Auseinandersetzungen oder im Zusammenhang Mikroverfilmung während der Datenerhebungsphase nicht verfügbar der waren. Bei Fragestellungen, zu welchen Daten dieser 10 Patienten vorlagen, wie z.B. Ergebnisse der mikrobiologischen Diagnostik, wurden diese in die entsprechende Auswertung miteinbezogen. Im Einzelnen waren dies die MLST und spa-Typisierungen, Resistogramme und das Jahr des Erregernachweises. Zur Differenzierung wurden in den jeweiligen Abschnitten die Anzahl der in die Auswertung eingegangenen Patienten mit “n= 92” oder “n=102” gekennzeichnet. 34 2.2.1. Fragebogen zur Aktenauswertung von Patienten mit SCCmecTyp IV MRSA 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 Geburtsdatum: Geschlecht : Ambulanter Patient ja/nein: Datum der stationären Aufnahme: Abteilung (bei Aufnahme): Station (bei Aufnahme): Hauptdiagnose 1: Hauptdiagnose 2: Hauptdiagnose 3: Datum des ersten MRSA-Nachweises: Ambulant erworben/Nosokomial erworben/Gesundheitssystem-assoziierte (GSA) Infektion/Besiedelung: War eine MRSA-Besiedelung bekannt: Wenn ja, seit wann: Antibiotische Vorbehandlung (wann und was): Entlassungsdatum bei letztem Krankenhausaufenthalt: Lokalisation des primären MRSA-Nachweises: Weitere Lokalisationen: (spätere) Bakteriämie (ja/nein): Andere Komplikationen: Art der Infektion: Beginn der Symptomatik: Haut/Weichteilinfektion vorhanden (ja/nein): Lokalisation der Haut/Weichteilinfektion: Anamnestisch Anhalt für chronische/rezidivierende Haut/Weichteilinfektion : Anhalt für familiär gehäufte Haut/Weichteilinfektion: Berufsanamnese: Sport-Anamnese: Reiseanamnese, ggf Herkunftsland (wenn nicht deutsch): Hinweise für nosokomiale Übertragung (Patient mit cMRSA, der in zeitlichem und räumlichen Zusammenhang mit anderem cMRSA Patienten stationär behandelt wurde): Antibiotische Therapie erfolgt: Verwendete Staphylokokken-wirksame Antibiotika: Weitere Therapie (Katheterentfernung, chirurgisch, lokal dermatologisch u.a.): Eradikationsbehandlung durchgeführt (Turixin-Salbe): Datum der Entlassung: Entlassung wohin (nach Hause/Altenheim): Verstorben (ja/nein): Untersuchung Eradikation ja/nein: Eradikation erfolgreich ja/nein: Sonstiges: 35 2.2.2. Erläuterungen zum Fragebogen und Begriffsdefinitionen: Zu 1-6: Für jeden Patienten wurde anhand der 41 Punkte des Fragebogens ein Profil erstellt. Es wurden Geburtsdatum und Geschlecht erfaßt. Des Weiteren wurde festgestellt, ob der Patient ambulant oder stationär war. Im Falle des stationären Aufenthaltes wurden die Daten der Aufnahme und der Entlassung des stationären Aufenthaltes ermittelt, sowie Abteilung und Station (z.B. Abteilung Dermatologie, Station 9B). Zu 7-9: Die 3 Hauptdiagnosen wurden erfasst. Bei Vorliegen von mehr als 3 Diagnosen wurden diejenigen bevorzugt, welche erstens in ihrem Schweregrad akut lebensgefährlich waren bzw. zur Einweisung geführt hatten, und zweitens solche, welche in direktem möglichen Zusammenhang mit einer MRSA-Infektion standen. Zu 10: Das Datum des ersten MRSA-Nachweises wurde, soweit möglich, ermittelt. Fand sich in den vorliegenden klinischen Daten kein Anhalt für eine Infektion oder Besiedelung mit MRSA in der Universitätsklinik zu Köln oder in einem anderen Krankenhaus während des jeweils aktuellen Aufenthaltes oder zu einem früheren Zeitpunkt, so wurde das Datum des ersten MRSA-Nachweises aus den jeweiligen Resistogrammen der IMMIH-Sammlung übernommen. Zu 11: Drei Infektionsarten wurden voneinander abgegrenzt, ambulant erworbene, Gesundheitssystem-assoziierte (health-care-associated) und nosokomial erworbene Infektionen. Als ambulant wurden jene Infektionen/Besiedelungen eingestuft, welche bei fehlenden Risikofaktoren (s.u.) des Patienten in den ersten 48 Stunden nach stationärer Aufnahme diagnostiziert wurden. Als Gesundheitssystem-assoziiert galt eine MRSA-Infektion/Besiedelung bei kulturellem Nachweis in den ersten 48 Stunden des Klinikaufenthaltes und dem Vorhandensein eines der folgenden Risikofaktoren: 1. Chirurgische Interventionen, Dialyse, Krankenhausaufenthalt sowie anderweitiger Kontakt zum Gesundheitswesen in den letzten 12 Monaten. Mit “Kontakt zum Gesundheitswesen” ist der Aufenthalt in einer Pflegeeinrichtung, einer Rehabilitationseinrichtung, die Inanspruchnahme von häuslichem Pflegedienst oder “Essen auf Rädern” sowie die Zugehörigkeit zu einer medizinischen Berufsgruppe gemeint. 2. MRSA-Historie im Sinne einer bekannten stattgehabten Infektion oder Besiedelung 36 3. Vorhandensein eines intravasalen Katheters wie Port oder ZVK bei Nachweis der Besiedelung/Infektion. Nosokomiale Infektionen waren jene, welche erst mehr als 48 Stunden nach Aufnahme im Krankenhaus oder später diagnostiziert wurden. Auch bei nosokomialen Infektionen können oben beschriebene Risikofaktoren vorhanden sein, entscheidend ist der Zeitpunkt der Diagnosesicherung[83]. Zu 18: Als Bakteriämie wurde der Nachweis von MRSA in einer Blutkultur angesehen. Zu 20: Hier wurde zwischen Infektion und Besiedelung unterschieden. Die Besiedelung wurde definiert als Nachweis von Erregern bei fehlenden klinischen Symptomen. Infektionen wurden unterteilt nach ihrer Lokalisation (Wundinfektionen, Weichteilinfektionen, Fremdmaterial-assoziierte Infektionen (Katheter u.a.), Abszesse, Impetigo, Atemwegsinfektion, Harnwegsinfektion, generalisierten Infektionen etc. Die Einstufung in die Gruppe der generalisierten Infektionen setzte den Erregernachweis aus einer Blutkultur voraus (vgl. Punkt 20, “Bakteriämie”) Zu 31: Nur die Staphylokokken-wirksamen Antibiotika wurden erfasst. Zu 32: Als “weitere Therapie” wurden folgende Behandlungen angesehen: Débridement, lokale Wundspülung mit Jod, H2O2 oder Octenisept, Entfernung oder Wechsel von Fremdmaterial wie Katheter oder Cerclagen, lokale Applikation von antibiotikahaltigen Salben, Augentropfen, Wundrevisionen, besonderes Wundmanagement (Silber u.a.), Einlage von Antibiotikaketten, Exzisionen, Amputation. Zu 33: Gesucht wurde nach Hinweisen auf eine erfolgte Therapie mit Mupirocin Nasensalbe. Zu 36: Geprüft wurde, ob das Versterben einzelner Patienten mit einer MRSA-Infektion in Verbindung zu bringen war. Zu 37: Eine Eradikation galt nach dreimaligem, negativen Abstrich von einer zuvor positiven Lokalisation als erforderlich. 37 3. Ergebnisse Das Patientenkollektiv bestand aus 102 Patienten, welche im Zeitraum von 1997 bis 2005 in ambulanter oder stationärer Behandlung an der Universitätsklinik Köln waren und bei denen ein MRSA-Stamm nachgewiesen wurde, der den SCCmec-Typ IV aufwies. Von diesem Patientenkollektiv konnten 10 nicht vollständig bearbeitet werden, da die Akten und Patienteninformationen nicht zugänglich oder nicht auffindbar waren. Von allen 102 Patienten lagen Daten der mikrobiologischen Diagnostik über MLST-Typ, PVL und spa-Typ vor, sowie Angaben zu Alter, Geschlecht, Abteilung und Station bei Aufnahme sowie Abstrich bzw. Nachweislokalisation von MRSA. Bei der Auswertung dieser Daten wurden alle 102 Patienten eingeschlossen. Bei fehlender Akteneinsicht konnten keine Daten zu Dauer des Klinikaufenthaltes, Frage nach stationärer oder ambulanter Behandlung, Therapie, Komplikationen, Krankheitsbildern, erfolgreicher Eradikation und Versterben dieser 10 Patienten erhoben werden. Bei Auswertungen zu diesen Punkten wurden daher nur 92 Patienten berücksichtigt. 3.1. Untersuchungsmaterial Bei den 102 Patienten wurden im Verlauf aus 266 Proben MRSA nachgewiesen (siehe Abb. 8). Hierzu gehörten 97 oberflächliche Hautabstriche, darunter Abstriche der unteren Extremität (19), Leiste (16), Axilla (14), Anus (13), der Kopf/Hals-Region (13), Damm (8), der Glutealregion (5), Rücken (3), der oberen Extremität (2), Penis (1) und der Vagina (1). Ein Hautabstrich hatte keine Lokalisationsangabe. Siebenundvierzig Proben waren Wundabstriche mit MRSA-Nachweis. Sie stammten aus Wunden des Sternums (6), des Beines (5), des Unterbauches (3), der Flanke (2), der oberen Extremität (2), der Glutealregion (2), der Leiste (1), des Beckens (1), intraabdominell (2) und anderen Wunden ohne Lokalisationsangabe (11), außerdem von Dekubital (4)- und anderen Ulcera (2), Abszessen (3), Knochen (1) und einer Nekrose. 38 Hinzu kamen Atemwegsmaterialien: Vierzig Nasenabstriche, 30 Rachen- und Mundabstriche sowie 20 Trachealsekrete und Sputumproben mit MRSA-Nachweis. Die 13 Nachweise von MRSA an Fremdkörpern setzten sich zusammen aus Proben von Tracheostoma (4), zentralen Venenkathetern (3), Drainagen (2), Urinkathetern (2), Shaldonkathetern (1) und Cerclagen (1). Weitere Materialien waren Blutkulturen (10), Urin (7), Bindehautabstriche (2) und epidurale Abstriche (2). Als „Sonstige“ wurden ein Nachweis eines Vollhauttransplants und eine Biopsie unbekannter Lokalisation zusammengefasst. Abb. 7: Abstrichlokalisationen (n=102) 39 3.2. Patientencharakteristika 3.2.1. Alters- und Geschlechtsverteilung Das Patientenkollektiv setzte sich zusammen aus 41 Frauen und 61 Männern. Dies entspricht einem Verhältnis von 1:1,48. Das Alter reichte von 9 bis 93 Jahre. Bei den Frauen lag der Altersgipfel im Bereich von 70–79 Jahren mit 9 Fällen, bei den Männern bei 60–69 Jahren mit 17 Fällen (Abb. 9). Männer waren in fast jeder Altersstufe häufiger vertreten. Lediglich im Bereich 80-90 Jahre sowie 0-9 Jahre gab es mehr positiv getestete Frauen. Abb. 8: Alterspyramide und Geschlechterverteilung (n=102) 40 3.2.2. Häufigkeitsverteilung auf die einzelnen Fachrichtungen Mit 43 Patienten war die Chirurgie die Abteilung mit den meisten SCCmec-Typ IV positiven MRSA Patienten (Abb. 10). Diese setzten sich zusammen aus Patienten der Neurochirurgie (14), der Kardiochirurgie (10), der Gefässchirurgie (9), der Visceralchirurgie (6), der Unfallchirurgie (3) sowie der Kieferchirurgie (1) (Abb. 11). Die Dermatologie folgte mit 24 Fällen als zweithäufigste Fachrichtung, die Innere Medizin war als dritthäufgste Fachrichtung mit 11 Patienten vertreten. Pädiatrie (6), Neurologie (5), Zahn- Mund- und Kieferheilkunde (4) und Orthopädie (3) wiesen weniger Fälle auf. Ganz vereinzelt wurde MRSA in den Fachbereichen HNO (2), Urologie (2), Gynäkologie (1) und Ophtalmologie (1) nachgewiesen. Abb. 9: Verteilung der SCCmec-Typ IV MRSA-Fälle auf unterschiedliche Fachabteilungen (n=102) 41 Abb. 10: Verteilung der SCCmec-Typ IV MRSA-Fälle auf einzelne chirurgische Fachabteilungen 42 3.3. Mikrobiologische Ergebnisse Der Einfachheit halber sind in diesem Kapitel die Begriffe Infektion und Infektionsmodus verwendet worden, auch wenn es sich in vielen Fällen um Besiedelungen und nicht um Infektionen handelte. Im Zeitraum 1997 bis 2005 wurde ein deutlicher und kontinuierlicher Zuwachs von Infektionen und Besiedelungen mit SCCmec-TypIV-MRSA an der Universitätsklinik Köln beobachtet (Abb. 12), im Jahr 1997 wurde nur ein positiver Nachweis erbracht, im Jahr 1999 erfolgte ein Anstieg auf 6 Fälle. Die Inzidenz hielt sich von 1999 bis 2002 mit 6 bis 8 Fällen pro Jahr relativ konstant. Im Jahr 2003 gab es einen deutlichen Anstieg auf 13 Fälle. 2004 wurde SCCmec-TypIV-MRSA 27 mal nachgewiesen, mit einer weiteren Steigerung auf 32 Fälle im Jahr 2005. Eine alleinige Zunahme von ambulant erworbenen, Gesundheitssystem-assoziierten oder nosokomialen Infektionen konnte nicht beobachtet werden. Vielmehr stieg das Vorkommen aller drei Infektionsarten gleichmäßig mit der Gesamtinzidenz der SCCmec-TypIV-MRSA Fälle am Universitätsklinikum Köln. Abb. 11 Inzidenzverteilung der SCCmec-Typ IV positiven MRSA Fälle auf die Jahre 19972005 (n=102) 43 3.3.1. Häufigkeitsverteilung der einzelnen MLST-Typen im Zeitraum 1997-2005 Abbildungen 13 und 14 spiegeln die Häufigkeitsverteilungen der unterschiedlichen MLSTTypen im Zeitraum der Jahre 1997 bis 2005 sowie die Infektionsmodi (ambulant erworbene, Gesundheitssystem-assoziierte und nosokomiale Infektion) der jeweiligen MLST-Typen wieder. Am häufigsten war der MLST-Typ 045 mit 36 Fällen, gefolgt vom MLST-Typ 008 mit 18 Fällen. Am dritthäufigsten wurde der MLST-Typ 022 (16 Fälle) nachgewiesen, gefolgt vom MLST-Typ 080 mit 11 Fällen. An fünfter Stelle war der MLST-Typ 005 mit 8 Fällen, an sechster Stelle MLST-Typ 030 mit 4 Fällen und an siebter Stelle MLST-Typ 617 mit 3 Fällen. Platz 8 und 9 teilten sich MLST-Typ 449 und MLST-Typ 001 mit je 2 Fällen. Die MLST-Typen 012 und 097 kamen je einmal vor. Als nicht bewertbar sind die MRSA-Nachweise der Patienten aufgeführt, bei denen eine Zuordnung zu einem Infektionsmodus wegen fehlender Unterlagen bzw. nicht zugänglichen Patientendaten nicht möglich war. Abb. 12: Häufigkeitsverteilung unterschiedlicher MLST Typen (n=102) 44 Abb. 13: MLST-Typen und ihre assoziierten Infektionsmodi G GSA: Gesundheitssystem-assoziiert 3.3.2. MLST-Typen und Antibiogramm-Muster Im Folgenden sind die verschiedenen Antibiogramme der einzelnen MLST-Typen beschrieben (n=102). Nicht aufgeführt sind die Antibiotika Penicillin, Ampicillin+Sulbactam sowie Oxacillin, gegen welche die hier untersuchten Bakterien per definitionem resistent sind. Auch Vancomycin ist nicht aufgeführt, da es bisher in Europa keine Vancomycinresistenten Staphylokokken gibt bzw. alle untersuchten Erreger Vancomycin-sensibel waren. Alle Resistenzbeschreibungen im Folgenden beziehen sich auf die in den Resistogrammen (Abb. 20) angegebenen Antibiotika. 3.3.2.1. MLST-Typ 045 Der mit 36 Fällen häufigste nachgewiesene Stamm war der MLST-Typ 045, auch Berliner Epidemie-Stamm genannt (RKI). Er kam ubiquitär in allen Fachbereichen vor. Eine lokale oder zeitliche Häufung von Infektionen im Sinne eines nosokomialen Zusammenhanges war aus den Daten nicht ersichtlich. Allerdings war von 1999 bis 2005 eine (relativ) stetige Zunahme zu beobachten (Abb. 15). Keine der dem MLST-Typ 045 zugehörigen Infektionen 45 wurde als ambulant erworben eingestuft. Es bestand ein über die Jahre relativ konstanter Anteil an nosokomialen Infektionen bei einem zunehmenden Anteil an Gesundheitssystemassoziierten Infektionen. Am häufigsten war als Resistenzphänotyp eine alleinige Resistenz gegen Ciprofloxacin (21 Fälle) zu beobachten. Der zweithäufigste Resistenzphänotyp war resistent gegen Ciprofloxacin, Erythromycin und Clindamycin (7 Fälle). Auffallend war hier die Verteilung über die Jahre mit einem Fall im Jahr 1999, 2 Fällen im Jahr 2004 und 4 Fällen im Jahr 2005. Der dritthäufigste Phänotyp zeigte sich resistent gegen Gentamicin, Ciprofloxacin, Erythromycin und Clindamycin (4 Fälle) mit 2 Fällen im Jahr 2002 und weiteren zwei Fällen im Jahr 2004. Abbildungen 15-19: Häufigkeitsverteilungen der 5 häufigsten MLST Typen im Zeitraum 1999-2005 und ihre assoziierten Infektionsmodi Abb. 14 46 3.3.2.2. MLST-Typ 008 Mit 18 Fällen war der MLST-Typ 008 der zweithäufigste MLST-Typ in dieser Untersuchung. Zu diesem MLST-Typ wird auch der Epidemiestamm USA 300 gerechnet (RKI), welcher allerdings PVL-positiv ist. Alle in dieser Studie untersuchten MLST-Typ 008 waren PVL negativ. Es konnte ein deutlicher Anstieg der Infektionen mit MLST-Typ 008 in den Jahren 2004 und 2005 beobachtet werden (Abb. 16). Dabei stiegen vor allem die als nosokomial und Gesundheitssystem-assoziiert eingestuften Fälle. Im Jahr 2005 wurden erstmals 2 Infektionen als ambulant erworben eingestuft. Sechs verschiedene Resistenzphänotypen wurden beobachtet. In 7 Fällen war eine Resistenz gegen Ciprofloxacin, Erythromycin und Clindamycin zu beobachten, bei einem Fall im Jahr 2000, bei 3 Fällen im Jahr 2004 und weiteren 3 Fällen im Jahr 2005. Der zweithäufigste Resistenz-Typ mit 6 Fällen war lediglich gegen Ciprofloxacin resistent. Die übrigen Resistenz-Phänotypen waren mit je einem Auftreten von untergeordneter Rolle. Abb. 15 47 3.3.2.3. MLST-Typ 022 Dieser Stamm wird auch als Barnim Epidemiestamm (RKI) bezeichnet und kam in dieser Untersuchung in 15 Fällen vor. Auch hier wurde ein signifikanter Anstieg der Infektionen in den Jahren 2004 und 2005 beobachtet (Abb. 17). Vor allem die Zahl der Gesundheitssystemassoziierten Infektionen stieg an. Im Jahr 2005 wurde keine Infektion als nosokomial eingestuft. Zwei verschiedene Resistenzphänotypen lagen vor. Der mit 10 Fällen häufigere Resistenzphänotyp war resistent gegen Ciprofloxacin, Erythromycin und Clindamycin. Dieses Resistenzprofil wurde lediglich einmal in den Jahren 2000 und 2001 nachgewiesen, die übrigen 8 Infektionen fielen auf die Jahre 2004 und 2005. Der zweite Resistenztyp wies lediglich eine Resistenz gegen Ciprofloxacin auf und war mit 5 Fällen seltener. Abb. 16 48 3.3.2.4. MLST-Typ 080 Elfmal wurde MLST-Typ 080 nachgewiesen mit 2 verschiedenen Resistenzphänotypen. In 7 Fällen wurde er als ambulant erworben eingestuft, dreimal als Gesundheitssystem-assoziiert und einmal als nosokomial erworben (Abb. 18). Nach einem Maximum von 5 Fällen im Jahr 2003 wurden im Jahr 2004 lediglich 2 Infektionen und im Jahr 2005 ebenfalls nur 2 Infektionen mit MLST-Typ 080 gefunden. In den Jahren 2004 und 2005 kamen lediglich ambulant erworbene Infektionen vor. In 10 Fällen zeigte sich eine Resistenz gegen Tetracyclin und in einem Fall gegen Tetracyclin, Erythromycin und Clindamycin. Alle MLST-Typ 080 MRSA-Stämme waren gegen Fusidinsäure resistent. Weitere Einzelheiten sind ebenfalls in Abschnitt 4.3.3. im Kapitel PVL (PantonValentin-Leucozidin) beschrieben. Abb. 17 49 3.3.2.5. MLST-Typ 005 Dieser auch als Rhein-Hessen Stamm bekannter MRSA-Epidemiestamm (RKI) kam 9 mal vor. Sechs verschiedene Resistenzphänotypen wurden beobachtet, ohne dass einer signifikant gehäuft aufgetreten war. In den Jahren 1997, 1998, 1999, 2001, 2002 und 2004 wurde je ein Fall beobachtet, 2005 waren es 3 Fälle. Es kamen sowohl ambulant erworbene als auch Gesundheitssystem-assoziierte und nosokomiale Infektionen vor (Abb. 19). Abb. 18 3.3.2.6. MLST-Typ 030 Im Untersuchungszeitraum wurde MLST-Typ 030 im Jahr 1998 einmal, im Jahr 2001 einmal und im Jahr 2004 zweimal nachgewiesen, es wurde lediglich ein Resistenztyp beobachtet. Ein Zusammenhang mit einem Fachgebiet bestand nicht. Eine Infektion wurde als ambulant erworben eingestuft, eine weitere als nosokomial. Bei 2 weiteren Infektionen gelang eine Zuordnung zu einem Infektionsmodus wegen mangelnder Daten nicht. Lediglich ein Resistenzphänotyp wurde nachgewiesen, die Stämme waren auf alle getesteten Antibiotika sensibel (vgl. Abb. 20). 50 3.3.2.7. MLST-Typ 617 Drei Fälle mit 2 verschiedenen Resistenztypen kamen vor, wobei MLST 617 der resistenteste von allen untersuchten Stämmen zu sein schien. Gegen Gentamicin, Ciprofloxacin und Tetracyclin waren alle 3 Stämme resistent, 2 Stämme zusätzlich gegen Erythromycin, Clindamycin und Fusidinsäure. Eine zeitliche Korrelation bestand nicht. Eine Infektion wurde als nosokomial erworben eingestuft, eine weitere als Gesundheitssystem-assoziiert. Bei der dritten Infektion mit MLST-Typ 617 war eine Zuordnung wegen fehlender Daten nicht möglich. 3.3.2.8. Weitere MLST Typen Der MLST-Typ 449 wurde zweimal nachgewiesen. Zwei verschiedene Resistenzphänotypen wurden beobachtet. Einmal lag eine Resistenz gegen Gemtamicin und Ciprofloxacin vor, die Infektionsart wurde als nosokomial eingestuft. Der zweite Stamm mit MLST-Typ 449 wies Resistenzen gegen Cotrimoxazol, Erythromycin, Clindamycin und Rifampicin auf und wurde als ambulant erworben klassifiziert. Der MLST-Typ 001 wurde ebenfalls 2 mal nachgewiesen, einmal als nosokomial und einmal als ambulant erworben. Der nosokomial erworbene Typ war resistent gegen Tetracyclin, Erythromycin und Clindamycin, der ambulant erworbene Typ wies keine Resistenzen gegen die getesteten Antibiotika auf. Der MLST-Typ 012 wurde ebenfalls einmal nachgewiesen und als Gesundheitssystemassoziiert eingestuft und wies keine Resistenzen gegen die getesteten Antibiotika auf. Wiederum einmal wurde der MLST-Typ 097 nachgewiesen. Es handelte sich um eine nosokomiale Infektion, Resistenzen gegen getestete Antibiotika bestanden keine. 51 Zusammenfassend lässt sich folgendes feststellen: MLST-Typ 045 verursachte nur nosokomiale und Gesundheitssystem-assoziierte Infektionen. Die Inzidenz der nosokomialen Infektionen war jedes Jahr annähernd gleich, die der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen nahm vor allem in den Jahren 2004 und 2005 zu. Die Inzidenz von MLST-Typ 008 nahm ebenfalls in den Jahren 2004 und 2005 signifikant zu. Vor allem die Anzahl der nosokomialen Infektionen stieg an (2003: 1; 2004: 4; 2005: 3). In den Jahren 2004 und 2005 traten erstmals Gesundheitssystem-assoziierte Infektionen mit MLST-Typ 008 auf, im Jahr 2005 erstmals auch ambulant erworbene. Die häufigsten durch MLST-Typ 022 verursachten Infektionen waren Gesundheitssystemassoziiert. In den Jahren 2004 und 2005 traten erstmals auch ambulant erworbene Infektionen auf. Die Anzahl der mit MLST-Typ 022 assoziierten Infektionen stieg in den Jahren 2004 und 2005 deutlich an, wobei der Anteil der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen am größten war. Der MLST-Typ 080 verursachte am häufigsten ambulant erworbene Infektionen, war aber insgesamt deutlich rückläufig. Mit einem Maximum von 5 Infektionen im Jahr 2003 wurden im Jahr 2004 lediglich 2 und im Jahr 2005 ebenfalls 2 MLST-Typ 080 assoziierte Infektionen nachgewiesen. Der Rhein-Hessen Epidemiestamm oder MLST-Typ 005 verursachte 3 ambulant erworbene Infektionen. Drei der 8 Fälle gehörten allerdings zu den Patienten, bei denen keine Krankenunterlagen sondern lediglich die mikrobiologischen Daten der Sammlung des IMMIH vorlagen. Aus diesem Grund ist eine Aussage bezüglich der Infektionsmodi und deren Zuoder Abnahme im Zeitraum 1999-2005 nicht möglich. 52 Abb. 19: Resistenzphänotypen aller untersuchten MLST-Typen MLST 001 005 008 012 022 030 045 080 Genta ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ Cipro ++ ++ + ++ ++ ++ + ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ Cotrim ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ Tetra ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ - Ery ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ - Clinda ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ - Rifa ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ Fosfo ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ Fus / ++ / / ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ / ++ + / ++ ++ ++ / / ++ / / / - ++ ++ - ++ ++ - ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ - ++ ++ + - ++ ++ - ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ ++ / / 097 449 617 Anzahl ++: empfindlich; +: intermediär empfindlich; -: resistent; /: nicht getestet Legende: Genta: Cipro: Cotrim: Fus: Gentamycin Ciprofloxacin Co-Trimoxazol Fusidinsäure Tetra: Ery: Clinda: Tatracyclin Erythromycin Clindamycin 53 Rifa: Fosfo: Netil: Rifampicin Fosfomycin Netilmicin 1 1 2 3 1 1 1 1 6 1 8 1 1 1 1 11 5 4 21 1 8 4 1 1 10 1 1 1 1 1 2 3.3.3. PVL (Panton-Valentin Leukozidin) Von allen 102 getesteten SCCmec-Typ IV-positiven MRSA Isolaten waren nur 11 PVL(Panton-Valentin Leukocidin) positiv, alle gehörten zu dem MLST-Typ 080 SCCmec Typ IV MRSA-Stamm. Fünf der 11 mit diesem Erreger infizierten Patienten waren in ambulanter dermatologischer Behandlung bei bestehender Haut/Weichteil Infektion, die Resistogramme waren identisch (vgl. Abb. 20, MLST-Typ 080). Im Einzelnen handelte es sich um 3 Folikulitiden, eine superinfizierte Psoriasis und eine Pyodermie. Drei der Infektionen wurden als ambulant erworben klassifiziert und 2 als Gesundheitssystem-assoziiert. Die Infektionen traten in den Jahren 1999 (1), 2000 (1) und 2003 (3) auf. Das Patientenalter lag zwischen 37 und 76 Jahren. Alle Patienten wurden lokal dermatologisch therapiert. Im Einzelnen wurde Refobacin-Salbe, Jodsalbe, Brillantgrün und Pyoctanin verwendet. Ein Patient wurde außerdem systemisch mit Tetracyclinen behandelt, wogegen der Erreger laut Antibiogramm allerdings resistent war. Bei 2 Patienten erfolgten keine Kontrollabstriche, da sie nicht wieder vorstellig wurden. Bei einer Patientin wurde MRSA in einem anderen Krankenhaus eradiziert, da es sich bei ihrer Vorstellung in der Dermatologie der Universität zu Köln lediglich um ein Konsil gehandelt hatte. Bei 2 weiteren Patienten wurden Kontrollabstriche abgenommen, welche positiv ausfielen. Zwei der Patienten waren tunesischer Abstammung, standen aber in keinem persönlichen Verhältnis zueinander. Ein Patient mit PVL positivem MLST-Typ 080 MRSA befand sich im Jahr 2004 in stationärer Behandlung der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, der Nachweis erfolgte aus einem Nasenabszess. Die Infektion wurde als ambulant erworben sowie als Wundinfektion eingestuft. Der Patient wurde mit Ciprofloxacin behandelt, der nachgewiesene MRSA-Stamm war sensibel. Ausserdem erfolgte eine Inzision sowie Abszessdrainage. Eine Verlaufskontrolle bzgl. einer Aussage über eine erfolgreiche Eradikation lag nicht vor. Bei einem anderen Patienten wurde im Jahr 2003 in der Herzchirurgie ein PVL-positiver MLST-Typ 080 in einer Sternumwunde sowie in der Nase nachgewiesen, die Therapie erfolgte mit Vancomycin und Levofloxacin antibiotisch sowie adjuvant mit Wundspülungen, Débridement und Reverdrahtung des Sternums sowie regelmässigen Drainagewechseln. Die Infektion wurde als nosokomial erworben sowie als Wundinfektion eingestuft. 54 Eine stationäre Patientin wies im Jahr 2005 in der Orthopädie oben genannten MRSA-Typ auf, es handelte sich um eine Besiedelung in der Nase. Die Patientin kam aus England und wurde zur Sanierung entlassen, nach Wiederaufnahme zur geplanten OP wurde kein erneuter Nasenabstrich durchgeführt, eine Therapie mit Mupirocin Nasensalbe hatte jedoch stattgefunden. Bezüglich der Eradikation liess sich in diesem Fall keine Aussage machen. Die Besiedelung wurde als ambulant erworben eingestuft. In der Poliklinik der Unfallchirurgie wurde 2005 bei einer Patientin ein PVL-positiver MLSTTyp 080 MRSA in einem Abszess am Oberschenkel nach Insektenstich nachgewiesen. Es erfolgte die Abszessspaltung, Spülung mit Lavasept sowie antibiotische Behandlung mit Clindamycin und Rifampicin. Die Eradikation war nach dreimaligem negativem Abstrich als erfolgreich zu betrachten. Es handelte sich um eine ambulant erworbene Wundinfektion. Im Jahr 2004 fand sich ein PVL-positiver MLST-Typ 080 Stamm bei einer Patientin in der Ambulanz der Zahnklinik. Der Nachweis erfolgte aus einem Abszess im Gesicht, therapiert wurde mit chirurgischer Abszessdrainage sowie nicht Resistogramm-gerechter Antibiotikatherapie. Eine Wiedervorstellung erfolgte nicht, eine Aussage bzgl. einer erfolgreichen Eradikation liess sich nicht treffen. Es handelte sich um eine ambulanterworbene Weichteilinfektion. In der Neurochirurgie wurde ein PVL-positives MLST-Typ 080 MRSA Isolat im Jahr 2003 nachgewiesen. Es handelte sich um eine 49 jährige Patientin mit subduralem Empyem. Das Resistogramm unterschied sich von denen der restlichen PVL-positiven SCCmec-TypIV MRSAStämme (vgl. Abb.20, MLST-Typ 080, 2. Spalte). Der Erregernachweis erfolgte intraoperativ aus einem epiduralen Abstrich. Die Patientin wurde aus einem anderen Krankenhaus übernommen, der erste MRSA Nachweis erfolgte einen Tag nach Aufnahme. Per definitionem galt diese Infektion somit als Gesundheitssystem-assoziiert, obwohl ein nosokomialer Infektionsweg während des vorherigen Krankenhausaufenthaltes nicht auszuschliessen war. Die Patientin wurde antibiotisch mit Vancomycin, Rifampicin und Linezolid behandelt. Ausserdem wurde ein Wunddébridement durchgeführt. Nach dreimaligen negativen Kontrollalbstrichen galt MRSA bei dieser Patientin als eradiziert. 55 Zusammenfassend lässt sich folgendes festhalten: Alle in dieser Studie nachgewiesenen PVL-positiven SCCmec-Typ IV MRSA-Isolate gehörten dem Stamm MLST-Typ 080 an. Zehn der 11 Nachweise wurden als Haut- Weichteil- oder als Wundinfektion und einer als Besiedelung eingestuft. Alle Isolate wiesen bis auf den Fall in der Neurochirurgie das gleiche Resistogramm auf. Eine Beurteilung der erfolgreichen Eradikation liess sich häufig nicht abgeben, da es sich in der Mehrzahl der Fälle um ambulante Vorstellungen ohne Kontrolluntersuchungen handelte. 56 3.4. Krankheitsbilder 3.4.1. Art der Infektionen Diese Klassifizierung wurde nur bei 92 Patienten durchgeführt, da bei den 10 restlichen Patienten dieser Untersuchung keine Patientenakten zur Verfügung standen und somit eine Beurteilung der Infektionsart nicht möglich war. Vierundzwanzig Patienten (26%) wurden als MRSA-besiedelt eingestuft, in diesen Fällen lagen keine klinischen Symptome vor. Die Abstriche stammten in dieser Gruppe vor allem aus der Nase, dem Rachenraum, der Axilla und der Leiste. Sechsunddreissig Fälle (39%) wurden als Wundinfektionen eingestuft. Dazu zählten insbesondere Wundheilungsstörungen von postoperativen Wunden, primäre Wunden im Sinne von Traumata sowie chronische Wunden wie Nekrosen oder Ulcera. Achtzehn Patienten (19 %) wurden in die Gruppe der Haut/Weichteilinfektionen eingestuft. Als Haut/Weichteilinfektion galten symptomatische Hautinfektionen sowie oberflächliche Weichteilverletzungen mit Superinfektion. Im Einzelnen waren dies Furunkel, Abszesse, Folikulitiden, Impetigo, Intertrigo, Kontaktexantheme, Pyodermien, Pilonidalzysten sowie superinfizierte Insektenstiche. Auch positive Abstriche des Auges wurden als Konjunktivitis hier zugeordnet. Als generalisierte Infektionen wurden 7 Fälle (8%) eingestuft. Einschlußkriterium war der positive MRSA-Nachweis aus einer Blutkultur. Sieben Patienten (8%) konnten keiner der oben aufgeführten Gruppen zugeordnet werden, diese Infektionen wurden als „andere Infektionen“ zusammengefaßt. Im Einzelnen handelte es sich um Pneumonien, Harnwegsinfekte, Sinusitiden sowie Katheterinfektionen. 57 Abb. 20: Verteilung von Besiedelung und Infektionslokalisation bei 92 Patienten mit Nachweis von SCCmec-Typ IV-MRSA H/W=Haut/Weichteil Infektion Abb. 21: Prozentuale Verteilung von ambulant erworbenen, GSA und nosokomialen SCCmec-Typ IV MRSA-Infektionen am Gesamtkollektiv GSA: Gesundheitssystem-assoziiert 58 3.4.2. Einteilung nach Ursprung der Infektion Dreiundvierzig Infektionen (47%) wurden als nosokomial eingestuft. Das heißt, dass der Erregernachweis mehr als 48 Stunden nach stationärer Aufnahme erfolgte. Dreiunddreißig Patienten (36%) gehörten zu der Gruppe der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen. Der Erregernachweis erfolgte innerhalb der ersten 48 Stunden des Klinikaufenthaltes bei bestehendem Kontakt zum Gesundheitssystem in Form von häuslichem Pflegedienst, Aufenthalt in einem Heim, Aufenthalt in einem anderen Krankenhaus u.a. Besuche beim niedergelassenen Arzt wurden nicht berücksichtigt. Als ambulant erworben wurden die Infektionen von 16 Patienten (17%) eingestuft. Bei ihnen erfolgte der Erregernachweis innerhalb der ersten 48 Stunden bei fehlendem vorherigem Kontakt mit dem Gesundheitswesen. Abbildung 23 zeigt die Jahresinzidenz von 1997 bis 2005 an ambulant erworbenen, Gesundheitssystem-assoziierten und nosokomialen Infektionen. Während die Anzahl der ambulant erworbenen Infektionen mit SCCmec-TypIV MRSA seit dem Jahr 2000 relativ gleichmäßig prozentual zu der Gesamtanzahl der am Universitätsklinikum Köln diagnostizierten SCCmec-TypIV MRSA Fälle stieg (im Jahr 2000 mit einem Fall 12%, im Jahr 2003 mit 2 Fällen 15,1%, im Jahr 2004 mit 5 Fällen 20,8% und im Jahr 2005 mit 6 Fällen 19,4%), ist ein deutlicher Anstieg der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen insbesondere im Jahr 2005 zu beobachten. Im Jahr 2003 betrug der Anteil der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen am Gesamtkollektiv mit 3 Fällen 23%, im Jahr 2004 mit 6 Fällen 25% und im Jahr 2005 mit 17 Fällen 54,8%. Der Anteil nosokomialer Infektionen an der jährlichen Gesamtzahl betrug 1999 60 %, 2000 62,5%. 2001 und 2002 50 %, 2003 61 %, 2004 54,2 % und 2005 25,8 % (Abb. 23). In Abbildung 24 sind die prozentualen Anteile der 3 Infektionsmodi noch einmal für jedes Jahr dargestellt. 59 Abb. 22: Jahresinzidenz ambulant erworbener, Gesundheitssystem-assoziierter (GSA) und nosokomialer Infektionen mit SCCmec-Typ IV MRSA Abb. 23: Prozentualer Anteil der 3 Infektionsmodi ambulant erworben, GSA und nosokomial erworben an der Gesamtinzidenz der einzelnen Jahre 60 Abbildungen 25, 26 und 27 spiegeln die prozentuale Verteilung der einzelnen MLST-Typen innerhalb der Gruppen „ambulant erworben“, „GSA“ und „nosokomial erworben“ wider. Auffallend ist, dass MLST-Typ 080 mit 44% den grössten Anteil an den ambulant erworbenen Infektionen hat, einen geringen Anteil an den GSA Infektionen (9%) und bei den nosokomialen Infektionen gar nicht vorzufinden ist. MLST-Typ 008 ist mit je 12% in den Gruppen ambulant erworben sowie GSA vertreten, hat jedoch sein Maximum mit 26% in der Gruppe der nosokomial erworbenen Infektionen. MLST-Typ 045 kommt bei den ambulant erworbenen Infektionen gar nicht vor, in den Gruppen GSA und nosokomial erworben mit 41% bzw. 48% jedoch annähernd gleich häufig. MLST-Typ 022 hat sein Maximum in der Gruppe der GSA Infektionen, MLST-Typ 005 bei den ambulant erworbenen Infektionen. Auf die übrigen MLST-Typen wurde wegen niedriger Fallzahlen an dieser Stelle nicht eingegangen. Zur Zuordnung der Infektionsarten zu den jeweiligen MLST-Typen vergleiche Abb. 14. Abb. 24: Prozentualer Anteil der MLST Typen an der Gesamtzahl der ambulanterworbenen Infektionen/Besiedelungen n=16 61 Abb. 25: Prozentualer Anteil der MLST Typen an der Gesamtzahl der Gesundheitssystemassoziierten Infektionen/Besiedelungen n=33 Abb. 26: Prozentualer Anteil der MLST Typen an der Gesamtzahl der nosokomialen Infektionen/Besiedelungen n=43 62 3.5. Therapiemaßnahmen einschließlich Antibiotikatherapie 3.5.1. Mupirocin (Turixin®) Nasensalbe Bei 37 von 92 untersuchten Patienten wurde MRSA in der Nase nachgewiesen. Lediglich vierunddreißig von 92 Patienten wurden mit Turixin-Nasensalbe behandelt. Von diesen 34 hatten 17 Patienten einen positiven Erregernachweis aus der Nase, die übrigen 17 wurden nach unseren Angaben ohne SCCmec-TypIV MRSA Nachweis in der Nase mit Mupirocin-Salbe behandelt. Zwanzig Patienten wurden trotz positivem Nasenabstrich nicht mit Mupirocin behandelt. Im Folgenden soll die Eradikation von SCCmec-TypIV-MRSA lediglich aus der Nase betrachtet werden. Andere Infektionslokalisationen, welche gleichzeitig bestanden, wurden außer Acht gelassen. Von den 17 in der Nase positiv getesteten und mit Mupirocin-Nasensalbe behandelten Patienten wurden in Folgekulturen aus Nasenabstrichen 11 Patienten dreimal, ein Patient zweimal und 2 Patienten einmal negativ getestet. Bei 3 Patienten blieben die Abstriche positiv. Anders formuliert heißt das, dass bei 14 von 17 Patienten nach einer Therapie mit Mupirocin-Nasensalbe mindestens ein Kontrollabstrich abgenommen wurde, in dem MRSA nicht mehr nachgewiesen wurde. Bei 4 Patienten war die Gesamteradikation inklusive der Nasenbesiedelung unter einer systemischen antibiotischen Therapie auch ohne Mupirocin-Anwendung erfolgreich. Abbildung 28 zeigt die Anzahl der Anwendungen mit Turixin Nasensalbe in den Jahren 1999 bis 2005. Es ist ein konstanter Anstieg zu beobachten. Im Vergleich mit Abb. 29 erklärt sich der scheinbare Einbruch aus dem Jahr 2002 und das Maximum aus dem Jahr 2004. Im Jahr 2002 wurde SCCmec-Typ IV-MRSA lediglich zweimal in der Nase nachgewiesen, im Jahr 2004 waren 14 Nasenabstriche positiv. Abbildung 18 zeigt die Anzahl der positiven Erregernachweise aus der Nase und den Anteil davon, welcher mit Turixin Nasensalbe behandelt wurde. In den Jahren 2002 und 2003 wurden 50 % behandelt, im Jahr 2004 57,1 % und im Jahr 2005 40 %. Von den 92 untersuchten Patienten wurden 34 mit Mupirocin-Nasensalbe behandelt. Von diesen 34 Patienten war bei 17 Patienten ein MRSA-Nachweis aus dem Nasenabstrich 63 gelungen. Bei 7 dieser Patienten war die Eradikation erfolgreich, bei weiteren 7 nicht. Drei der mit Mupirocin behandelten Patienten wurden nach den uns vorliegenden Daten offenbar nicht kontrolliert. Von den 7 Patienten, bei denen eine Eradikation von MRSA nicht gelang, waren die Nasenabstriche negativ, d.h. nur den Erfolg in der Nase betrachtend, war die Mupirocin Therapie in 11 von 17 Fällen erfolgreich. Zwei der nicht therapierten Patienten waren schwerstkrank und sind im Verlauf gestorben, was den Verzicht auf Mupirocin erklärt. Da 3 Patienten fehlen und auch die Applikation der Salbe nicht überprüft werden konnte, ist es schwierig, eine Aussage über den nachgewiesenen Nutzen von Mupirocin in dieser Studie zu treffen. Es läßt sich aber feststellen, daß die Behandlung mit Mupirocin im Zeitraum 1997 bis 2005 deutlich zunahm (siehe Abb. 28). 64 Abb. 27: Anzahl der mit Mupirocin behandelten Patienten mit SCCmecTyp IV-MRSA Nachweis in den Jahren 1999 bis 2005 Abb. 28: Anteil der mit Mupirocin-Nasensalbe behandelten Patienten, welche SCCmec-Typ IV MRSA- positiv in der Nase waren 65 3.5.2. Systemische Antibiotikabehandlung Von 92 Patienten wurden 55 mit einem MRSA-wirksamen Antibiotikum behandelt. Die verwendeten Antibiotika sind in Abbildung 30 aufgeführt. Abb. 29: Anzahl der mit MRSA-wirksamen Antibiotika behandelten Patienten Antibiotikum Anzahl behandelter Patienten Antibiotikum Vancomycin Rifampicin Chinolone Lincosamine Linezolid 32 19 10 7 8 Gentamicin Cotrimoxazol Tetracycline Fosfomycin Teicoplanin 2 2 2 1 1 Anzahl behandelter Patienten Bei 25 dieser 55 Patienten war die Eradikation von MRSA erfolgreich. Die im Rahmen einer erfolgreichen systemischen Therapie verwendeten Staphylokokkenantibiotika waren Vancomycin (17), Rifampicin (11), Chinolone (2), Linezolid (3), Cotrimoxazol (1), Gentamicin (1), Clindamycin (4), Teicoplanin (1) und Fosfomycin (1). In 16 Fällen wurden die Antibiotika in Kombiantion eingesetzt, am häufigsten Vancomycin mit Rifampicin (7). Bei 30 mit Antibiotika behandelten Patienten gab es keinen Nachweis einer erfolgreichen Eradikation. Dies lässt allerdings keinen Schluss über den Erfolg der Therapie zu. Gründe waren frühzeitige Entlassung, Verlegung mit Bitte um Weiterführung der Antibiotikatherapie, Versterben, Entlassung bei lediglich einem negativen Kontrollabstrich, unvollständige Eradikation u.a.. Abb. 30: Behandlungen mit Erythromycin und Clindamycin Antibiotikum Erythromycin Clindamycin Behandelte Patienten 0 7 66 Sieben Patienten wurden mit Clindamycin behandelt, keiner mit Erythromycin. Vier der 7 Patienten wurden nur mit Clindamycin behandelt. Die Resistogramme dieser 4 Patienten wiesen alle eine Clindamycin-Empfindlichkeit auf. Die Eradikation gelang nur in einem Fall. Drei der 7 Patienten wurden zusätzlich mit weiteren Antibiotika wie Ciprofloxacin (1) und Rifampicin (2) behandelt. Bei allen 3 Patienten war die Eradikation erfolgreich. Das Resistogramm des Patienten, der neben Clindamycin auch mit Ciprofloxacin behandelt wurde, wies eine Clindamycin-Resistenz auf. 3.5.3. Adjuvante Therapiemaßnahmen Siebenundfünfzig der 92 Patienten wurden außer mit Mupirocin-Salbe und oraler oder parenteraler Antibiotikatherapie zusätzlich mit adjuvanten Verfahren behandelt (Abb. 32). Am häufigsten (bei 29 Patienten) wurden Waschungen mit Octenisept, Lavasept, H 2O2 und Betaisodona angewendet. Bei 18 Patienten wurden Materialentfernungen wie Katheterwechsel, Cerclageentfernung, Schrittmacherersatz, Tracheostomaentfernungen und Drainagewechsel vorgenommen. Zwölf Patienten wurden zusätzlich chirurgisch im Sinne von Abszessspaltungen, Débridement, Amputationen, Wundrevisionen und der Einlage von Antibiotikaketten therapiert. Unter der Bezeichnung Lokaltherapie wurden Maßnahmen wie spezielle Wundauflagen Wundeinlagen wie und Verbände, Sulmycin-Celastan, antibiotikahaltige Cremes Vakuumverbände und wie Fucidine, antibiotikahaltige Augentropfen zusammengefaßt. Von den 35 Fällen, in welchen eine MRSA Eradikation erfolgreich war, erhielten 25 Patienten Therapiemaßnahmen. 67 eine der beschriebenen adjuvanten Abb. 31: Adjuvante Therapiemassnahmen 3.5.4. Eradikation Bei 58 von 92 Patienten wurden Abstriche zur Kontrolle einer erfolgreichen Therapie gemacht, welche bei 35 Patienten negativ ausfielen, also den Therapieerfolg dokumentierten. Bei 34 Patienten wurden keine Kontrollabstriche gemacht. Sechs dieser Patienten verstarben innerhalb von 2 Wochen, was den Verzicht auf Kontrollabstriche eventuell erklärt. Ein Patient verstarb 2 Monate nach Aufnahme und wurde nicht kontrolliert. Zu 2 Patienten gab es keine Daten zu Kontrollabstrichen, jedoch den Hinweis auf Erregerfreiheit. Zusammenfassend war bei 35 Patienten die Eradikation von MRSA erfolgreich, was bei einem Patientenkollektiv von 92 Patienten einer Erfolgsquote von 38 % entspricht. 68 Abb. 32: Therapiemaßnahmen bei 35 Patienten, bei denen die MRSA-Eradikation erfolgreich war Therapiemaßnahme Antibiotikatherapie Mupirocin-Salbe Adjuvante Therapie Behandelte Patienten 25 17 25 3.5.4.1. Erfolgreiche Eradikation Vierzehn der erfolgreich therapierten Patienten wurden nur antibiotisch und adjuvant behandelt. Bei 4 Patienten dieses Kollektivs gelang eine MRSA-Eradikation ohne MupirocinSalbe trotz positivem Nasenabstrich. Bei 5 Patienten war die Eradikation nach Anwendung aller drei Therapiemaßnahmen erfolgreich. Mit adjuvanter Therapie und Mupirocin-Nasensalbe gelang die MRSA-Eradikation bei 4 Patienten. Drei Patienten waren lediglich besiedelt und ein Patient hatte eine Wundinfektion bei nekrotischen Zehenzwischenräumen. Drei Patienten waren nach alleiniger Therapie mit Mupirocin-Nasensalbe erregerfrei. Alle 3 waren als besiedelt eingestuft, einer in der Nase, ein anderer im Rachen und ein weiterer in der Axilla. Bei weiteren 3 Patienten erfolgte die Eradikation mit systemischen Antibiotika und Mupirocin- Salbe. Eine Patientin war positiv getestet worden in Nase, Mittelstrahlurin und in einem Wundabstrich der Flanke. Die beiden anderen Patienten waren im Rachen und an der Leiste sowie in der Nase besiedelt. Die alleinige systemische Gabe von Antibiotika führte bei 2 Patienten zu erfolgreicher Eradikation. Ein Patient wies eine MRSA-positive Blutkultur auf. Die andere Patientin war an ihrem Tracheostoma positiv getestet worden. Bei einem Patient gelang eine Eradikation durch alleinige adjuvante Therapie. Die Infektion wurde bei positivem Erregernachweis aus einem Ulcus cruris als Wundinfektion eingestuft. Bei 3 Patienten gab es zwar Daten zu einer erfolgreichen Eradikation, jedoch keinen Hinweis auf eine erfolgte Therapie. Eine Patientin war an Stirn und Rachen besiedelt, die beiden anderen lediglich im Rachen. 69 3.5.4.2. Nicht erfolgreiche Eradikation Zu den Mißerfolgen bezüglich der Eradikation ist es schwierig, eine Aussage zu treffen, da die Daten die Absicht einer Eradikation nicht eindeutig widerspiegeln. Das Ansetzen eines Antibiotikums ist nicht gleichbedeutend mit der Absicht, eine MRSA-Eradikation bei dem Patienten durchzuführen. So fanden sich Hinweise in Arztbriefen, mit der Bitte um Eradikation an Pflegeheime und Rehabilitationskliniken. 70 4. Diskussion Methicillin-resistente S. aureus sind seit Jahren etablierte Erreger nosokomialer Infektionen in Krankenhäusern [57; 119]. Unterschieden werden verschiedene Stämme unter anderem anhand unterschiedlicher SCCmec-Typen (staphylococcal chromosome cassette). Es sind 5 SCCmec-Typen bekannt, sie unterscheiden sich anhand Ihrer Größe und beherbergen unter anderem das mecA Gen, welches für die Resistenz gegen alle ß-Lactam Antibiotika verantwortlich ist. Man war initial davon ausgegangen, dass das Vorhandensein der SCCmec Typ IV-Cassette pathognomonisch für ambulant erworbene MRSA-Stämme sei, d.h. MRSAStämme, welche Ihren Infektionsursprung nicht als nosokomiale Erreger im Krankenhaus haben, sondern außerhalb des Krankenhauses übertragen werden. Grund für diese Annahme war unter anderem der Nachweis von SCCmec-Typ IV MRSA-Stämmen bei Ureinwohnern in Australien und Kanada. Immer öfter wurden jedoch auch SCCmec-Typ IV MRSA Stämme im Krankenhaus isoliert, sodass der Verdacht naheliegt, dass eben diese Stämme mittlerweile auch als nosokomiale Erreger in Krankenhäusern verbreitet sind. In dieser Studie soll anhand von SCCmec-Typ IV MRSA-Stämmen durch Auswertung klinischer Daten ein Rückschluss auf den Infektionsursprung hinsichtlich Gesundheitssystemassoziierter, ambulanter oder nosokomialer Genese gemacht werden, sowie die Verbreitung im Krankenhaus und das gehäufte Auftreten einzelner Stämme in der Universitätsklinik Köln in den Jahren 1997 bis 2005 begutachtet werden. Die Isolate der 102 Patienten stammen aus dem Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität zu Köln. Am häufigsten wurde SCCmec-Typ IV MRSA von Hautabstrichen (97) und Wundabstrichen (47) gewonnen, gefolgt von Nasen- (40), Rachen- (24) und Trachealsekretabstrichen (14). Fremdkörper-assoziierte Infektionen (13), Erregernachweis aus Blutkulturen (10) sowie der Nachweis aus Sputum (6) und Urin (7) wurden seltender beobachtet. Nachweise aus dem Auge und dem Mund kamen nur sporadisch vor. Die hohe Anzahl der positiven Haut- und Nasenabstriche erklärt sich durch die typischen Lokalisationen der Screening Untersuchungen sowie durch das natürliche Reservoir von MRSA im Nasenvorhof. Zu beachten ist, dass die Daten der Haut und Nasenabstriche auch die lediglich besiedelten 71 Patienten miteinbeziehen, während die Wundabstriche in der Regel klinisch manifeste Infektionen wiederspiegeln. Diese Daten decken sich weitgehend mit denen des RKIs sowie mit anderen Studien [49; 30] und unterstreichen die Bedeutung und Häufigkeit von SCCmec Typ IV MRSA bei Haut und Weichteilinfektionen. Die am häufigsten betroffene Fachrichtung war mit 42% die Chirurgie, gefolgt von der Dermatologie (24%) und der Inneren Medizin (11 %). In vielen MRSA-Studien zeigt sich ein Vorherrschen der Fachabteilungen Chirurgie und Innere Medizin [32; 46]. Die hohen Fallzahlen in den chirurgischen Fachbereichen lassen sich durch die typischen MRSA Manifestationen wie Wund- und Weichteilinfektion erklären. Auffallend ist die höhere Fallzahl der dermatologischen Patienten gegenüber denen der Inneren Medizin. Diese Daten unterstreichen, wie Ergebnisse anderer Studien [30], das gehäufte Vorkommen von SCCmecTyp IV MRSA bei Haut- und Weichteilinfektionen, während MRSA generell bzw. MRSA Stämme mit anderen SCCmec-Typen öfter auf internistischen Stationen vorzufinden sind. Pädiatrie und Neurologie waren mit 6% und 5 % weniger häufig betroffen, jedoch ist zu berücksichtigen, dass es sich um nicht operative Fächer handelt, was die Daten wiederum auffällig erscheinen lässt. Weitere operative Fächer wie Gynäkologie, Orthopädie, Urologie, HNO, Augenheilkunde und Zahnheilkunde waren mit je 1-3% der Isolate nur sporadisch vertreten, was sich durch die geringeren Fallzahlen erklären lässt. Es ließ sich also in allen Fachrichtungen außer der Chirurgie, Dermatologie und Inneren Medizin bezüglich der Prävalenz kein Unterschied zu MRSA Studien anderer SCCmec-Typen finden. Männer waren in dieser Studie häufiger betroffen (60%: 40%), das Durchschnittsalter lag für Männer und Frauen annähernd gleich bei 55 Jahren. Vor einiger Zeit noch wurden ambulant erworbene MRSA Infektionen mit einem geringeren Alter und dem Fehlen von Risikofaktoren in Verbindung gebracht [15; 7; 139]. Neuere Studien zeigen jedoch, dass kein Altersunterschied mehr zwischen den mit verschiedenen SCCmec-Typen infizierten Patienten festzustellen ist [32; 50]. Lediglich Patienten mit dermatologischen Krankheitsbildern weisen ein geringeres Durchschnittsalter auf [100; 87; 32]. Das Durchschnittsalter der dermatologischen Patienten in dieser Studie 72 war mit 51 Jahren ebenfalls geringer als der Gesamtdurchschnitt und deckt sich somit mit den oben erwähnten Studien. Bezüglich der chirurgischen Fächer lässt sich festhalten, dass die Neurochirurgie mit 14 Fällen die meisten Patienten mit SCCmec-Typ IV MRSA aufwies, gefolgt von der Kardiochirurgie (10 Fälle), Gefäßchirurgie (9 Fälle), Viszeralchirurgie (6 Fälle), Unfallchirurgie (3 Fälle) und Kieferchirurgie (1 Fall). Die Prävalenz von SCCmec-Typ IV MRSA hat sich an der Universität zu Köln seit 1997 mit einem Fall auf 32 Fälle im Jahr 2005 deutlich gesteigert. Ähnliche Ergebnisse ergaben sich aus anderen Studien. Maree et al. beispielsweise fanden in Kanada eine Zunahme an SCCmec-Typ IV-MRSA von 17% im Jahr 1999 auf 56% im Jahr 2003 [96; 56; 130] Insgesamt stieg die Anzahl der SCCmec-Typ IV-MRSA Fälle an der Universitätsklinik Köln prozentual deutlicher als die Anzahl aller MRSA Fälle unabhängig ihres SCCmec-Typs in Deutschland, gemessen am EARSS Annual Report (European Antimicrobial Resistance Surveillance System (EARSS), Period of data collection: January 1999–December 2006, ISBN13: 978-90-6960-183-0). Daten zu der Prävalenz von SCCmec-Typ IV-MRSA deutschlandweit liegen dem Jahresbericht leider nicht bei. Der in Deutschland mit Multilocus Sequence Typing (MLST) am häufigsten nachgewiesene SCCmec-Typ IV MRSA war mit 36 Fällen der MLST-Typ 045, auch Berliner Epidemiestamm genannt. Es handelte sich hier ausschließlich um nosokomiale und Gesundheitssystemassoziierte Infektionen, wobei die Anzahl der GSA Fälle über die Jahre anstieg. Es wurde keine Zunahme der Resistenzen beobachtet, die beobachteten Resistenzen decken sich mit den Daten des RKI. Deutschlandweit ging die Häufigkeit von MLST-Typ 045 insgesamt seit 2000 zurück (RKI, epidemiologisches Bulletin 27/09). Einzelne Bundesländer betrachtend fällt jedoch auf, dass die meisten Einsendungen an das RKI aus Norddeutschland und NordrheinWestfalen kamen, d.h. die Inzidenz in diesen beiden Bundesländern offenbar zugenommen hat. Dies wiederum deckt sich mit den in dieser Studie beobachteten Daten. Es scheint sich hier also um eine regionale Häufung eines MLST-Typs zu handeln. Wie in dieser Studie, beschreibt auch das RKI den Berliner Epidemiestamm als häufigen Wundinfektionserreger (77% der Einsendungen), in dieser Studie wurden 44% der MLST-Typ 045 Nachweise als Wundinfektion eingestuft. Zu beachten ist, dass bei den Daten des RKI keine Besiedelungen 73 berücksichtigt wurden, in unserem Patientenkollektiv jedoch 7 Patienten als mit MLST-Typ 045 besiedelt eingestuft wurden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass SCCmec-Typ IV MRSA MLST-Typ 045 deutschlandweit an Häufigkeit abgenommen hat, in Nordrheinwestfalen und somit auch in Köln jedoch regional etabliert ist. Der MLST-Typ 008, in den USA als pvl-positiver Stamm auch USA-300 genannt, ist seit Jahren der häufigste GSA-MRSA Stamm in den Vereinigten Staaten und Verursacher von Wund- und Weichteil-infektionen. Fünfzig Prozent aller S. aureus Nachweise in nordamerikanischen Ambulanzen weisen den MLST-Typ 008 auf (RKI Bulletin 17/09). Moran et. al stellten im Jahr 2006 eine MRSA Prävalenz von 59% von allen in der Studie isolierten Erregern von Haut- und Weichteilinfektionen in 11 Ambulanzen amerikanischer Krankenhäuser fest. Hiervon wiederum gehörten 93% zum Typ USA-300 [104; 105]. Bis zum Jahr 2004 kamen MLST-Typ 008 Stämme in Deutschland nur sporadisch vor (RKI, epidemiologisches Bulletin 41/2005), sie gehörten jedoch im Grenzgebiet Holland/Deutschland bereits in den Jahren 1993 bis 2004 zu den 5 häufigsten nachgewiesenen MRSA Stämmen im Rahmen des Euregio Programmes [33]. In dieser Studie kam der MLST-Typ 008 in den Jahren 1999 bis 2003 mit je einem Fall ebenfalls nur sporadisch vor. Die Inzidenz stieg dann jedoch an mit 5 Fällen im Jahr 2004 und 8 Fällen im Jahr 2005. Es handelte sich um nosokomiale, ambulant erworbene und Gesundheitssystemassoziierte Infektionen. Anzumerken ist, dass alle in dieser Studie untersuchten MLST-Typ 008 Stämme pvl-negativ waren, und somit nicht dem USA 300 Stamm entsprechen. Untersuchungen des RKI aus den Jahren 2007 und 2008 zeigen einen prozentualen Anteil des MLST-Typ 008 an allen MRSA-Einsendungen von 39 % im Jahr 2007 und 13,6% im Jahr 2008 (RKI, epidemiologisches Bulletin Nr. 217/09). Dies lässt vermuten, dass dieser Stamm, obwohl bereits bis zum Jahr 2003 sporadisch nachgewiesen und im holländisch-deutschen Grenzgebiet etabliert, im Jahr 2004 endgültig in Deutschland (Köln) angekommen ist und sich zumindest in dieser Studie im Jahr 2005 weiter verbreiten konnte. Die abnehmende Inzidenz vom Jahr 2007 ins Jahr 2008 lässt aber auch den Gedanken zu, das der MLST-Typ 008 mittlerweile seinen Zenit überschritten hat und sein Erfolg in epidemiologischer Hinsicht nachlässt (RKI, epidemiologisches Bulletin Nr. 217/09). 74 Die beobachteten Resistenzen gegen Erythromycin, Clindamycin und Ciprofloxacin decken sich mit den Daten des RKIs, es wurde keine Resistenzzunahme beobachtet. Der dritthäufigste Stamm in dieser Studie war der MLST-Typ 022, in Deutschland auch Barnim-Epidemiestamm genannt. Es zeigte sich das sporadische Auftreten von je einem Fall in den Jahren 2000-2003. Im Jahr 2004 kam es zu einem Anstieg auf 6 Fälle, im Jahr 2005 wurden ebenfalls 6 Fälle beobachtet. Es handelte sich überwiegend um nosokomiale und GSA-Infektionen. Im deutschlandweiten Vergleich zeigt sich, dass der Barnim Stamm seit 1998 als Krankenhaus- Epidemiestamm kontinuierlich zunimmt, und bereits ab dem Jahr 2002 der häufigste aller an das RKI eingesandten Epidemiestämme im Krankenhaus war (RKI, epidemiologisches Bulletin Nr. 41/05). Im Jahr 2007 entsprachen 60% aller Einsendungen dem MLST-Typ 022. Es handelt sich demnach um einen in Deutschland sehr erfolgreichen Stamm, welcher mehr als jeder andere SCCmec-Typ IV MRSA den Eintritt ins Krankenhaus vollzogen, sich dort etabliert hat und bis heute in seiner Inzidenz eher zu- als abnimmt (RKI, epidemiologisches Bulletin Nr. 17/09). In unserer Studie wurde ein Anstieg der Nachweiszahlen erst im Jahr 2004 beobachtet, nach den Daten des RKI erfolgte der Anstieg bereits 2002. Eine Epidemie im eigentlichen Sinne mit horizontalem Übertragungsweg wurde in dieser Studie nicht beobachtet, die beobachteten Resistenzen decken sich mit den Daten des RKI. MLST-Typ 080 wurde elfmal nachgewiesen, es handelte sich um 10 Wundinfektionen und eine Besiedelung. Alle Isolate waren pvl-positiv. Das Inzidenzmaximum zeigte sich mit 5 Fällen im Jahr 2003, in den Jahren 2004 und 2005 gab es jeweils nur 2 Nachweise. Auch wenn anhand der geringen Fallzahl keine statistisch valide Aussage zu treffen ist, ist der MLST-Typ 080 im Zeitraum 1999 bis 2005 nach einem Maximum im Jahr 2003 eher rückläufig, ob seiner pvl-Positivität jedoch ein sehr virulenter Erreger von Wund- und Weichteilinfektionen. Im europaweiten Vergleich nahm dieser MLST-Typ in den Jahren 1993 bis 2004 zu [87]. In Deutschland und generell Europa galt der MLST-Typ 080 als einer der ersten verbreiteten CA-MRSA Stämme, die Anzahl der Nachweise ist aber laut RKI in Deutschland seit geraumer Zeit konstant rückläufig (RKI, epidemiologisches Bulletin 17/09). Der erste Gesundheitssystem-assoziierte Ausbruch wurde mit 6 Fällen im Jahr 2004 von Linde et al. 75 beschrieben. Witte et al. beschrieben 2005 im Rahmen der Einsendungen an das nationale Referenzzentrum die Verbreitung von pvl-positiven MLST-Typ 080 MRSA Stämmen. Es wurde ein Zusammenhang mit Gesundheitssystem-assoziierten Stämmen aus Frankreich und der Schweiz vermutet [151; 144]. Die beobachteten Resistenzphänotypen decken sich mit den Daten des RKI, bemerkenswert dabei ist die bei allen Erregern diesen MLST-Typs nachgewiesene Fusidinsäureresistenz. Auch bei diesem MLST-Typ wurde in dieser Studie weder eine Resistenzzunahme noch eine Krankenhaus-Epidemie beobachtet. Der MLST-Typ 005, in Deutschland auch Rhein-Hessen Stamm genannt, kam in dieser Studie nur sporadisch mit je einem Fall in den Jahren 1997, 1998, 1999, 2001 und 2004 vor. Im Jahr 2005 wurden 2 Fälle nachgewiesen, einer davon wurde als nosokomial erworben eingestuft. Alle anderen wurden als GSA oder ambulant erworben eingestuft. Ein epidemisches Auftreten wurde nicht beobachtet, es wurden 6 verschiedene Resistenzphänotypen beobachtet. Laut RKI stieg die Anzahl der Nachweise dieses Stammes seit 1994 bis 2007 stetig an und fiel dann 2008 geringfügig ab (RKI epidemiologische Bulletins 41/05 und 17/09). Die Karte der Nachweisorte betrachtend fällt auf, dass dieser MLST-Typ ubiquitär in ganz Deutschland gefunden wird. Mit 8 Fällen in dieser Studie liegt der prozentuale Anteil von MLST-Typ 005 an allen untersuchten Stämmen in dieser Studie unter 10%. Im Vergleich zu den Einsendungen an das RKI (26% im Jahr 2004 und 21% im Jahr 2005) wurde dieser MLST-Typ in dieser Studie also verhältnismäßig selten nachgewiesen. Dies deutet auf eine deutschlandweite Verbreitung, sowie eine relativ geringe Prävalenz an der Universität Köln hin. International spielt der MLST-Typ 005 keine große Rolle, er gehört eher zu den in geringer Zahl nachgewiesenen Stämmen. In direkter Nachbarschaft zu Deutschland jedoch, so in Holland und Belgien, ist MLST-Typ 005 durchaus nach wie vor etabliert [33]. Der MRSA MLST-Typ 030 wurde in dieser Studie 5mal nachgewiesen, es wurde lediglich ein Resistenzphänotyp beobachtet. Dieser MLST-Typ ist kein typischer in Deutschland vorkommender Klon, in einer Studie der EUREGIO wurde er lediglich in Holland nachgewiesen. Vielleicht erklärt die Nähe zu Holland und der qualitative Standard der Universitätsklinik Köln und der damit verbundene Krankenhaus-Tourismus den Nachweis von MLST-Typ 030 in Köln. Des Weiteren scheint der MLST-Typ 030 in England, Wales sowie in der Türkei und in Ägypten epidemiologisch erfolgreich zu sein. Neuere Daten zeigen 76 diesen MLST-Typ in den eben genannten Ländern auch in Verbindung mit PVL. Die in dieser Studie beobachteten Typen waren jedoch alle PVL-negativ [33; 37; 40; 80]. Die übrigen nachgewiesenen MLST-Typen sind nicht von epidemiologischer Bedeutung und wurden nur ganz vereinzelt nachgewiesen. Aus diesem Grund ist eine separate Evaluation der Ergebnisse zu diesen MLST-Typen nicht sinnvoll. In dieser Studie waren 11 SCCmec-Typ IV MRSA Isolate PVL-positiv, alle gehörten dem MLSTTyp 080 an. Bei 10 Patienten handelte es sich um Wundinfektionen/Abszesse, ein Patient war lediglich in der Nase besiedelt. Die Infektionsmodi wurden bei 10 Patienten als ambulant erworben oder GSA eingestuft, lediglich eine Infektion wurde als nosokomial erworben eingestuft. Das erhöhte Vorkommen von ambulant erworbenen Infektionen sowie GSA Infektionen lässt sich durch die zugrundeliegenden Krankheitsbilder erklären. Fünf der Patienten befanden sich in ambulanter, dermatologischer Behandlung, ein Patient hatte einen Nasenabszess, ein weiterer einen Abszess im Gesicht, ein anderer einen Abszess am Oberschenkel nach Insektenstich und bei 2 weiteren handelte es sich um postoperative Komplikationen im Rahmen von Wundinfektionen. Die Mehrzahl der Patienten befand sich also in ambulanter bzw. poststationärer Behandlung, was die Einstufung als ambulant-erworben bzw. GSA erklärt. Dies deckt sich mit anderen Studien, in welchen zum einen der Zusammenhang mit pvlpositiven S. aureus Stämmen mit Abszessen und Wundinfektionen festgestellt wurde, und zum anderen ein Zusammenhang zwischen pvl und dem MLST-Typ 080 Stamm nachgewiesen wurde. Witte et. al. fanden von 117 pvl-positiven MRSA-Isolaten 80 MLST-Typ 080 und 23 MLST-Typ 008. In dieser Studie wurde kein pvl-positiver MLST-Typ 008 Stamm - also auch kein USA 300 Stamm- gefunden. Alle pvl-positiven Isolate wiesen den MLST-Typ 080 auf. Vandenesch et al. fanden heraus, dass der MLST-Typ 080 besonders in Europa erfolgreich ist. Von den in der Studie enthaltenen europäischen Isolaten (Schweiz und Frankreich) wiesen 67% den MLST-Typ 080 auf, alle waren pvl-positiv. In den USA hingegen dominierten die MLST-Typen 1, 8 und 59, welche mit 75-100% pvl-positiv waren. In Ozeanien hingegen fand sich der MLST-Typ 30 zu 100% pvl-positiv [140; 64; 152]. 77 Es bleibt also festzuhalten, dass der MSLT-Typ 80 fast immer pvl-positiv ist, ambulant erworbene und GSA Infektionen verursacht und in Europa weit verbreitet ist, während auf anderen Kontinenten andere pvl-positiven MRSA-Stämme vorherrschen. In dieser Studie wurden 47% der Erregernachweise als nosokomial-erworben eingestuft. Seit 1998 machen an der Universitätsklinik zu Köln die nosokomial erworbenen SCCmec-Typ IV MRSA Stämme mit 40-60% an der Jahresinzidenz aller SCCmec-Typ IV MRSA Infektionen den größten Anteil aus. Lediglich im Jahr 2005 erfolgte ein Rückgang der als nosokomial eingestuften Infektionen auf 25%, zu Gunsten von GSA Fällen. Die Zahl der GSA Fälle betrug 36% am Gesamtkollektiv. Bis zum Jahr 2003 war eine relative Konstanz zu beobachten bei einem Anteil von bis zu 20 % an der Gesamtinzidenz. Diese stieg im Jahr 2004 auf 25 % und im Jahr 2005 auf 55 %. Der prozentuale Anteil an ambulant erworbenen Infektionen war im Zeitraum dieser Studie bei einer Variation von 12-20% relativ konstant. Insgesamt wurden 17 % der Infektionen als ambulant erworben klassifiziert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass eine deutliche Steigerung der Inzidenz von SCCmec-Typ IV MRSA Stämmen in allen drei Infektionsmodi ambulant erworben, Gesundheitssystem-assoziiert und nosokomial erworben festgestellt wurde. Die einzige Gruppe, welche ihren Anteil an der Jahresinzidenz vergrößerte, war die der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen. Abgesehen von der Zunahme der Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen spricht der kontinuierlich hohe Prozentsatz der als nosokomial eingestuften Infektionen für eine seit längerer Zeit bestehende Etablierung von SCCmec-Typ IV MRSA-Stämmen im Krankenhaus. Ähnliche Beobachtungen wurden in weiteren Studien weltweit gemacht [32; 94]. Anzumerken ist, dass diese Feststellung kritisch zu werten ist. Es ist nicht auszuschließen, dass eine Besiedelung der Patienten bereits vor Eintritt in das Krankenhaus bestand, der Erregernachweis jedoch erst nach 48 Stunden erfolgte. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass Daten, welche zu einer Einstufung in die Gruppe der Gesundheitssystemassoziierten Infektionen geführt hätten, wegen unvollständiger Krankenunterlagen und/oder Anamnese nicht erfasst wurden (Aufenthalt im Heim, Betreuung durch Pflegedienst u.a.). Außerdem gab es bei keinem der untersuchten Fälle einen Hinweis auf einen horizontalen 78 Infektionsweg. Stämme mit identischen Antibiogrammen unterschieden sich in ihrem zeitlichen Auftreten, es wurde kein Anhalt für einen Ausbruch im Sinne einer KrankenhausEpidemie mit mehreren Infektionen des gleichen SCCmec-Typ IV MRSA Stammes mit örtlichem und zeitlichem Zusammenhang gefunden. Prozentual zeigte sich nach Untersuchung aller Proben folgendes Bild: Neununddreissig Prozent wurden als Wundinfektion eingestuft, 19% als Haut/Weichteil-Infektionen, 8% als Bakteriämien und weitere 8 % wurden als „andere“ Infektionen (Katheterinfektionen, Harnwegsinfektionen, Pneumonien, Sinusitiden) zusammengefasst. Bei 26% aller untersuchten Proben wurde lediglich eine Besiedelung festgestellt. Mit 8% erscheint der prozentuale Anteil der in dieser Studie nachgewiesenen Bakteriämien hoch. Eine Studie von Kilic et al. beschreibt einen prozentualen Anteil der durch SCCmec-Typ IV MRSA verursachten Bakteriämien gemessen am Gesamtkollektiv der Studie von 4,7%. Untersucht wurden alle MRSA Isolate (1315) über einen Zeitraum von 12 Monaten in einem nordamerikanischen Krankenhaus. Davis et al. untersuchten CA-MRSA Isolate über einen Zeitraum von 24 Monaten an einem amerikanischen Krankenhaus, die Anzahl der Bakteriämien wurde mit 4% beschrieben. Der in dieser Studie im Vergleich hoch ausfallende Anteil an Bakteriämien bietet verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Zum einen unterscheiden sich die vorkommenden MLST-Typen in Nordamerika und in Deutschland. Verantwortlich für die Bakteriämien in dieser Studie waren die MLST-Typen 008 (1), 022 (1), 030 (1) und 045 (5), keiner dieser Stämme war PVL-positiv. In beiden oben beschriebenen Studien zeigte sich ein PVL-positiver Anteil der nachgewiesenen SCCmec-Typ IV MRSA Stämme von >90%, der Grossteil wurde aus Haut-, Wund- und Weichteilinfektionen isoliert. Der Vergleich ist also trotz Zugehörigkeit aller Stämme zu SCCmec-Typ IV MRSA aufgrund von unterschiedlichen MLST-Typen schwierig. Des Weiteren wäre auch ein durch das vergleichsweise kleine Patientenkollektiv in dieser Studie verfälscht dargestelltes Bild denkbar. Ausserdem ist ein Vergleich mit anderen Studien erschwert, da viele Autoren sich mit Bakteriämien generell und den daraus resultierenden prozentualen Anteilen von z.B. durch MRSA verursachte Bakteriämien gemessen an allen untersuchten Bakteriämien beschäftigen. Wenige Arbeiten befassen sich mit dem prozentualen Anteil von SCCmec-Typ 79 IV MRSA induzierten Bakteriämien gemessen an allen SCCmec-Typ IV MRSA Nachweisen in einem definierten Zeitraum [31; 36; 51; 79]. In den Studien von Kilic et al. sowie Davis et al. fanden sich Prozentsätze von 87% bzw. 80% an Haut-, Wund- und Weichteilinfektionen bei allen untersuchten SCCmec-Typ IV MRSA Isolaten. Bei beiden Studien wurden Besiedelungen nicht berücksichtigt, lediglich Daten von klinisch manifesten Infektionen flossen in die Auswertung mit ein. In unserer Studie fanden sich gemessen an allen Isolaten zusammengerechnet 58% Haut-, Wund- und Weichteilinfektionen, der Prozentsatz steigt auf 79%, wenn man wie in den zitierten Studien Besiedelungen ausser Acht lässt [31; 79]. Es ist schwierig, eine Aussage über die Anzahl der lediglich mit MRSA besiedelten Patienten zu machen. Ein Anteil von 26% aller Patienten mit MRSA Nachweis erscheint wenig. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass für genauere Daten zur Feststellung der Besiedelungsprävalenz aller Patienten mit SCCmec-Typ IV MRSA prospektiv jeder ins Krankenhaus aufgenommene Patient auf eine Besiedelung untersucht werden müsste. Der hierfür erforderliche Aufwand war bei retrospektivem Setting in dieser Studie nicht möglich. Die 26 Prozent beziehen sich also auf zufällig diagnostizierte Besiedelungen, ausgehend von der subjektiven Indikationsstellung des ärztlichen Personals. In dieser Studie wurde SCCmec-Typ IV MRSA 37 mal aus der Nase isoliert, vierunddreißig MRSA-Patienten wurden mit Mupirocin-Nasensalbe behandelt, von welchen jedoch nur 17 einen positiven Nasenabstrich aufwiesen. Das heißt, dass 20 in der Nase positiv getestete MRSA-Patienten nicht behandelt wurden, andererseits 17 Patienten mit Mupirocin Nasensalbe versorgt wurden, obwohl kein Erregernachweis aus der Nase vorlag. Die Erklärung scheint auf der Hand zu liegen. In dieser Studie befanden sich viele Patienten lediglich in ambulanter Behandlung, Verlaufskontrollen und Empfehlungen an den weiterbehandelnden Arzt waren nicht immer dokumentiert und/oder nachvollziehbar. Beispielsweise wurde eine englische Patientin, welche sich elektiv zu einer Operation in der Orthopädie vorstellte, nach positivem MRSA-Screening nach Hause entlassen mit der Bitte, eine präoperative MRSA-Sanierung durchzuführen. Die in England erfolgte Eradikation floss in diese Studie bei fehlender Akteneinsicht nicht ein, die Patientin stellte sich einige Wochen später erneut vor, die Abstriche waren negativ. In einem anderen Fall wurde eine Patientin 80 entlassen mit der Bitte an das Pflegeheim, die MRSA-Eradikation durchzuführen. Es ist also schwierig, eine Aussage zu der wirklich erfolgten Anwendung von Mupirocin Nasensalbe zu machen. Die Zahl der trotz negativen Nasenbastrichs mit Mupirocin-Salbe behandelten Patienten erklärt sich durch die Sanierungsprotokolle der Kliniken. Wird MRSA nachgewiesen, so erfolgt automatisch die Anwendung von antiseptischen Waschungen, Mupirocin Nasensalbe und ggf. systemischer Antibiotikatherapie bei klinisch manifester Infektion. Von den 17 in der Nase positiv getesteten und im Anschluss mit Mupirocinsalbe behandelten Patienten waren 14 Patienten nach Kontrollabstrichen MRSA-frei. Dies entspricht, allein den Eradikationserfolg in der Nase betrachtend, einer Erfolgsquote von 82,3 % bei einem negativen Abstrich und lediglich einer Erfolgsquote von 65%, wenn man nur die Patienten miteinbezieht, welche nach Eradikationsbehandlung 3 negative Nasenabstriche aufwiesen, wie es in den Leitlinien vorgegeben ist. Andere Studien zeigen einen Eradikationserfolg von 58% bis 90 %, [159; 160], es gibt allerdings auch Berichte mit einer Erfolgsquote von nur 6%. [161; 148; 34]. Zu beachten ist, dass in den meisten Studien der Eradikationserfolg insgesamt betrachtet wird, d.h. die Mupirocin-Nasensalbenbehandlung im Verbund mit antiseptischen Waschungen und systemischer Antibiotikagabe. Es liegen keine größeren Studien vor, welche den Eradikationserfolg von MRSA in der Nase mittels Mupirocin-Nasensalbe allein betrachten. In allen Studien wird auf die Wichtigkeit der Compliance der Patienten und die Schulung des Pflegepersonals hingewiesen. Die kürzeren Liegezeiten sowie die Überlastung des Pflegepersonals und die Compliance der Patienten scheinen der Grund für die relativ niedrige Erfolgsquote der MRSA-Eradikationen zu sein. Im Zeitraum dieser Studie stieg die Gesamtzahl der Mupirocin Anwendungen zusammen mit der Anzahl der SCCmec-Typ IV MRSA Nachweise in der Nase. Verwunderlich ist allerdings der prozentuale Anteil der Behandelten am Patientenkollektiv der in der Nase besiedelten Patienten. In den Jahren 2002 und 2003 wurden 50% der in der Nase besiedelten Patienten mit Mupirocinsalbe behandelt, im Jahr 2004 57,1% und im Jahr 2005 lediglich 40 %. Erklärungsmöglichkeiten gibt es viele. Zum einen ist die Anzahl der Patienten im Kollektiv zu gering, um statistisch valide Aussagen zu treffen. Zum anderen ist die Dauer des stationären 81 Aufenthaltes der Patienten ein Kriterium zur Entscheidung für eine Eradikationstherapie. Immer wieder fanden sich in den Patientenunterlagen Verweise mit der Bitte an Pflegeheime und Hausärzte, eine Eradikationstherapie zu initiieren. Denkbar ist auch die Unvollständigkeit der Dokumentationsunterlagen, welche dann retrospektiv ein falsches Bild widerspiegeln. Eine Aussage zu erhöhter Sensibilität des Krankenhauspersonals bezüglich der Thematik und Durchführung von Eradikationsmassnahmen ist daher in dieser Studie nicht möglich. Dennoch kommen wir anhand der vorliegenden Daten zu dem Schluss, dass Mupirocin-Nasensalbe ein effektives Mittel zur Eradikationsbehandlung bei MRSA Besiedelungen darstellt [3; 134; 117]. Insgesamt wurden 55 Patienten (50,5%) mit einem MRSA-wirksamen Antibiotikum systemisch behandelt. Bei den übrigen Patienten handelte es sich um Besiedelungen, welche lediglich mit lokalen Maßnahmen behandelt wurden, oder die mikrobiologischen Ergebnisse der Abstriche erreichten die Behandlungsverantwortlichen erst nach Entlassung. Von diesen 55 Patienten war bei 25 Patienten die Eradikation bedingt erfolgreich, d.h. in mindestens einem Abstrich ließ sich kein MRSA mehr nachweisen (nach Leitlinien sind 3 negative Abstriche an 3 aufeinander folgenden Tagen nötig). Auch hier ist die Interpretation schwierig, Gründe für mangelnde Information zu evtl. durchgeführten Therapiemaßnahmen gibt es viele. So wurden Patienten beispielsweise verlegt, sei es in andere Krankenhäuser oder in Pflegeeinrichtungen, mit der Bitte um Fortführung der Eradikation. Des Weiteren gab es eine Reihe von Patienten, die bereits nach einem negativen Kontrollabstrich entlassen wurden, was per definitionem nicht ausreicht, um von einer erfolgreichen Eradikation zusprechen. Weiter gab es einige Patienten, welche als schwerstkrank eingestuft waren, und im Verlauf zeitnah verstarben. Bei diesen Patienten wurden ebenfalls keine 3 Kontrollabstriche abgenommen. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Patienten systemisch therapiert wurden, jedoch bei fehlender Waschung mit antiseptischen Substanzen und nicht durchgeführter Mupirocin Therapie die Möglichkeit der endogenen Re-Infektion stets bestand. Die erfolgreiche systemische Eradikation eines Infektionsfokus mit konsekutiver, endogener Re-Infektion war leider im Rahmen dieser Studie nicht zu untersuchen. Sieben der mit systemischen Antibiotika therapierten Patienten wurden nicht Antibiogramm- gerecht behandelt. Bei diesen Patienten zeigt sich, dass es sich entweder nur 82 um Besiedelungen handelte, die Patienten kurze Zeit nach Abstrichabnahme verstarben und nur empirisch anbehandelt waren, oder sich die Patienten in ambulanter Behandlung befanden, und eine eventuelle Weiterbehandlung durch einen niedergelassenen Arzt nach telefonischer Mitteilung des Abstrichbefundes nicht mehr nachvollziehbar war. Das fehlende Umstellen der systemischen Antibiotikatherapie nach Kenntnis des Antibiogrammes war insgesamt nur zweimal zu vermuten. Auch hier muss die eventuelle Therapieumstellung bei fehlender Dokumentation berücksichtigt werden. Kontrollabstriche, welche eine Aussage zu einer erfolgreichen Therapie erst möglich machen, lagen bei 58 von 92 Patienten vor. D.h., dass bei 34 Patienten keine Kontrollabstriche vorlagen. Erklären lässt sich dies zum einen durch die hohe Anzahl der ambulanten Patienten im Kollektiv, bei denen keine Daten zum weiteren Krankheitsverlauf außerhalb der Uniklinik Köln vorlagen. Zum anderen verstarben 6 Patienten, bei welchen keine Kontrollabstriche vorlagen, innerhalb von 2 Wochen nach MRSA-Nachweis, was den Verzicht auf Kontrollabstriche bei schlechter Gesamtprognose ggf. erklärt. Von diesen 58 Patienten lag bei 35 Patienten mindestens ein negativer Kontrollabstrich vor. Auch wenn eigentlich 3 negative Abstriche zur Dokumentation einer erfolgreich verlaufenen Eradikation erforderlich sind, werden die folgenden Schlüsse auf die 35 Patienten bezogen. Bei diesen 35 Patienten wurden 25mal systemische Antibiotika, 17mal MupirocinNasensalbe und 25 mal adjuvante Maßnahmen (antiseptische Waschungen, Débridement u.a.) verwendet. Nach den Leitlinien der AWMF sollte eine Eradikation wie folgt geschehen: Isolierung der Patienten in Einbettzimmer mit Nasszelle, Verwenden von Einwegmaterial (Kittel, Handschuhe, Haube, Mundschutz), Minimierung des Kontaktes zu außenstehenden Personen, systemische Antibiotikatherapie (bei alleiniger Besiedelung Verzicht auf systemische Antibiotika), Applikation von Mupirocin Nasensalbe dreimal täglich über 5 Tage, tägliche Ganzkörperwäsche oder Ganzkörperbad für 15 Minuten mit Octenisept und anschließendem Wechsel der Bettwäsche und Kleidung, Desinfektion und Austausch täglicher Gebrauchsgegenstände, antiseptische Waschung der äußeren Gehörgänge sowie Mund-Rachen Antiseptik. Es besteht keine Eradikationspflicht, die Leitlinien sprechen von einem „rechtzeitigen Informieren der weiterbetreuenden Einrichtung, um Zeit für Vorkehrungen einzuräumen“. An dem enormen Aufwand, welcher mit einer MRSA-Eradikation einhergeht, wird klar, dass 83 eine MRSA-Eradikation in den meisten Krankenhäusern aus Sicht der verfügbaren Räumlichkeiten und des Stellenschlüssels bei der in Deutschland bestehenden Inzidenz von MRSA-positiven Patienten nicht immer durchführbar ist. Wenn man nun „leitliniengerecht“ die Eradikationsquote der in dieser Studie erfassten Patienten betrachtet, so lagen lediglich bei 17 Patienten 3 negative Kontrollabstriche nach Eradikationsbehandlung vor, bei den übrigen 18 Patienten lediglich ein oder zwei negative Abstriche. Hinzu kommt, dass Abstriche insgesamt gezählt wurden und nicht, wie in den Leitlinien vorgeschlagen, an drei aufeinander folgenden Tagen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Aussage zu durchgeführten Eradikationsbehandlungen sowie deren Erfolg bzw. Misserfolg in dieser Studie anhand der vorliegenden Daten kaum möglich war. Denkbar wäre eine Überprüfung dieses Sachverhaltes in einer prospektiven Studie oder mit bei Bekanntwerden des MRSA-Nachweises ausgehändigten Evaluationsbögen. Prinzipiell scheint das in Deutschland etablierte System der Eradikation, wenn fachgerecht durchgeführt, ausreichend und effektiv. Essentiell erscheint das frühzeitige Erkennen von MRSA sowie die sofortige Isolierung und Einleitung der leitliniengerechten Therapie. In vielen Krankenhäusern gibt es Hygienebeauftragte, das Personal scheint ausreichend informiert und geschult. Dennoch zeigen sich wenn überhaupt nur geringe Fortschritte in der Problematik. Anhand unserer Ergebnisse scheinen kurze Liegezeiten, ambulante Patienten sowie die mangelnde Nachsorge MRSA-positiver Patienten nach Entlassung im Hinblick auf eine komplette Datenerfassung in dieser retrospektiven Studie problematisch zu sein. Denkbar wäre wie in Holland eine Isolationsstation für alle aufzunehmenden Patienten, wo anhand von Screening- Untersuchungen bereits zu Beginn eines Krankenhausaufenthaltes MRSA positive Patienten identifiziert werden. Um diese Maßnahme auf Notfallpatienten zu beschränken, könnte man für elektive Eingriffe/Behandlungen im Krankenhaus aktuelle MRSA-Screening Unterlagen vom Hausarzt verlangen, als Voraussetzung für eine stationäre Behandlung. All dies ist mit einem enormen Mehrkostenaufwand verbunden und wäre bei dem Versuch der Durchführung mit einer Diskussion der Zuständigkeiten und Kostenträger Thema intensiver Verhandlungen und Diskussionen. Weiter scheint es nicht unproblematisch, stationäre Patienten nach erfolgter MRSA Eradikation in die nicht in eine Eradikation eingeschlossene häusliche Umgebung zu entlassen. Die Vermutung liegt nahe, dass es in diesem Fall häufiger zu Re-Infektionen oder -Besiedelungen kommen könnte. 84 Zumindest Alten- und Pflegeheime sollten Krankenhaus-ähnliche Standards bezüglich Screening, Isolation und Eradikation haben sowie den personellen Schlüssel zur ihrer Durchführung. Bezüglich der Therapie lässt sich nicht sehr viel verbessern, vorhandene Eradikationspläne und Therapie nach Resistogramm scheinen, wenn genau befolgt, sehr wirksam. Bezüglich der Dokumentation scheint die Digitalisierung von Patientendaten, Visiteneinträgen und Arztberichten vorteilhaft. Hat ein Patient eine digitale Akte, so sollte ein nicht zu übersehener Bereich der Frontseite für mikrobiologische Vorbefunde reserviert sein, ggf. farblich unterlegt. So könnte ein bereits im Vorfeld besiedelter Patient, falls er bereits einmal im Krankenhaus war, sofort identifiziert werden. Noch besser wäre eine Speicherung dieser Daten auf der Patientenchipkarte. Dann könnten auch fremde Patienten beim Erstkontakt im Krankenhaus, bei vorausgegangener MRSA Besiedelung oder Infektion, sofort erkannt werden. Das „nicht-erkennen“ von besiedelten/infizierten Patienten wird man natürlich nie ganz verhindern können, sollte ein Patient im Rahmen eines Notfalls eingeliefert werden, kann nicht zuerst eine Isolation mit Abstrichserien erfolgen. Die Anzahl dieser Patienten ist allerdings gering, sodass auf lange Sicht durch ein strafferes Management evtl. Kosten und Arbeitsaufwand gespart werden könnten. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass SCCmec-Typ IV MRSA-Stämme, wie in vielen anderen Krankenhäusern auch, in der Universitätsklinik Köln als Erreger nosokomialer Infektionen etabliert sind. Alte Beobachtungen und Vermutungen, welche einen Zusammenhang der SCCmec-Typ IV Kassette ausschließlich mit ambulant erworbenen MRSA-Stämmen vermuteten, sind somit nicht haltbar. Insgesamt erfolgte eine Zunahme von SCCmec-Typ IV MRSA im beobachteten Zeitraum, insbesondere der MLST-Typen 045, 008 und 022. Alle anderen MLST-Typen waren in ihrer Inzidenz eher rückläufig oder kamen nur sporadisch vor. Insgesamt lässt sich festhalten, dass auch in Köln eine Tendenz zur deutschlandweiten Zunahme von SCCmec-Typ IV MRSA feststellbar war. In den Jahren 1997 bis 2005 wurde keine Epidemie beobachtet, was auf ein gutes internes Hygiene-Management schließen lässt. Ebenso wenig konnte eine Resistenzzunahme beobachtet werden, alle Erreger zeigten Resistenzphänotypen. 85 die auch vom RKI beschriebenen Der Eradikationserfolg war anhand der vorliegenden Daten und aufgrund des retrospektiven Charakters der Studie eher schlecht zu beurteilen. Wenn man nach Leitlinien-Kriterien vorgehen würde, und lediglich jene Patienten mit 3 negativen Abstrichen als erfolgreich therapiert betrachten würde, käme man nur auf sehr geringe Erfolgsraten und würde der Effektivität eines Eradikationsregimes Unrecht tun. Ursächlich hierfür wäre hauptsächlich ein Mangel an Daten. Ein Patient, der nach nur einem negativen Abstrich entlassen würde, würde als nicht erfolgreich therapiert gelten. Für Evaluationen von Eradikationserfolgen wäre eine prospektive Studie sicher sinnvoller. Fest steht, dass Mupirocin Nasensalbe effektiv in der Therapie der Nasenbesiedelung mit MRSA ist. Wie erwartet wurden viele in dieser Studie untersuchten SCCmec-Typ IV MRSA Stämme als Verursacher von Wund- und Weichteilinfektionen eingestuft. Die Folge ist ein Vorwiegen von dermatologischen und chirurgischen Patienten am Patientenkollektiv. Insgesamt wurde SCCmec-Typ IV MRSA jedoch, wenn auch nur vereinzelt, in fast jeder Fachrichtung nachgewiesen. Bei retrospektiven Studien ergeben sich unweigerlich methodische Schwierigkeiten, welche die Verlässlichkeit sowie die Übertragbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse beeinflussen. Begutachtet wird ein abgeschlossener Sachverhalt, welcher nicht unter standardisierten Bedingungen entstanden ist. Außerdem muss bei retrospektiven Studien zwangsläufig auf Beobachtungen und Dokumentationen Dritter zurückgegriffen werden, welche ebenfalls nicht standardisiert sind, und auf deren Art und Umfang kein Einfluss genommen werden kann. Die dadurch entstehenden Unzulänglichkeiten müssen bei dieser Arbeit stets beachtet werden. Schwierigkeiten zeigen sich bereits in der Einteilung der MRSA Infektionen in ambulant erworben, Gesundheitssystem-assoziiert und nosokomial erworben. Ausschlaggebend ist der Zeitpunkt des Krankenhausaufenthaltes, zu welchem der Erregernachweis erfolgt. Ein Erregernachweis in den ersten 48 Stunden gilt per definitionem als ambulant erworben, soweit kein Kontakt mit dem Gesundheitssystem im Vorfeld bestand. Unter Kontakt mit dem Gesundheitssystem wird beispielsweise der Aufenthalt in einem Pflegeheim oder die Betreuung durch einen häuslichen Pflegedienst verstanden. Wäre ein Erregernachweis nun erst nach 48 Stunden erfolgt, wäre dies als nosokomial erworben einzustufen, würde der Patient in einem Pflegeheim wohnen, als Gesundheitssystem-assoziiert. Es bestehen also zum einen Abhängigkeiten bzgl. des 86 zeitlichen Erregernachweises, und zum anderen Abhängigkeiten von der Vollständigkeit der Dokumentation. Die Daten aus den Akten und Arztbriefen der Patienten waren nicht immer einheitlich und vollständig. Dies führt unweigerlich zu Einschränkungen in der Interpretation und Aussagekraft. Außerdem ist die mikrobiologische Befunderhebung je nach Station und Fachabteilung sehr unterschiedlich. Die Anordnung zu apparativer und mikrobiologischer Diagnostik erfolgt nach subjektiven, klinischen Kriterien und nicht standardisiert. So besteht besonders die Gefahr, inapparente Besiedelungen nicht zu erfassen, da bei fehlender Symptomatik kein Verdacht geäußert und somit keine Diagnostik zu einem möglichen Erregernachweis initiiert wurde. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich aus der Dokumentation der klinischen Verläufe. Häufig waren Patientenakten unvollständig, Arztbriefe oder Informationen zu vorangegangenen Klinikaufenthalten fehlten. Zeitliche Zusammenhänge zwischen Therapie und Therapieerfolg, evtl. bereits bestehende Infektionen seit dem letzten Krankenhausaufenthalt und häusliche Situation waren nicht immer einwandfrei beurteilbar. Hinzu kommt, dass Patienten immer wieder ohne Kontrollabstriche das Krankenhaus verließen, sei es auf persönlichen Wunsch oder aus organisatorischen Gründen (Bsp.: „Bitte um weitere Eradikation“ im Arztbrief an den Hausarzt). 87 5. Zusammenfassung Methicillin-resistente S. aureus (MRSA) sind seit Jahren als Problemerreger und Verursacher verschiedenster schwerer Infektionen bekannt. Die zunehmende Resistenzentwicklung auch gegenüber bisher wirksamen Reserveantibiotika stellt das Gesundheitssystem vor finanzielle und personelle Herausforderungen. Genetisch lassen sich MRSA u.a. anhand ihrer SCCmec Cassette unterscheiden. Diese enthält unter anderem das mecA Gen, welches für das PBP2a (Penicillin Bindeprotein, verantwortlich für die Methicillin Resistenz von MRSA) kodiert. Die SCCmec-Typen I-III sind seit längerem in Krankenhäusern als nosokomiale Erreger etabliert. Von dem SCCmec-Typ IV MRSA nahm man lange Zeit an, er sei für Infektionen ausserhalb des Krankenhauses, sprich für ambulant erworbene und GSA-Infektionen verantwortlich. Hintergrund hierfür war der Nachweis von SCCmec-Typ IV MRSA bei Eingeborenen in Australien und Kanada. Des Weiteren werden MRSA Stämme anhand ihres MLST (Multilocus Sequence Type) unterschieden. Die MLST basiert auf der Sequenzierung von sogenannten “housekeeping” Genen. Ungefähr 450-500bp große Fragmente werden je Gen genutzt und mittels automatischer DNA Sequenzer sequenziert. Dadurch entsteht für jedes Bakterienisolat ein eigenes Profil, der sequence type (ST). Obwohl teuer, eignet sich diese Methode hervorragend zum Vergleich verschiedener Stämme, da die gewonnenen Sequence Types unverwechselbar sind. Klinisch wiederum wird in drei Infektionsmodi unterschieden, ambulant erworben, GSA (Gesundheitsystem-assoziiert) und nosokomial erworben. Bei den beiden ersteren erfolgt der Nachweis innerhalb der ersten 48 Stunden des Krankenhausaufenthaltes, bei einer nosokomial erworbenen Infektion erfolgt der Nachweis per definitionem erst mehr als 48 Stunden nach Aufnahme ins Krankenhaus. Zur Einstufung als GSA-Infektion wird der Kontakt zum Gesundheitssystem in Form von Krankenhausaufenthalten, Pflegeheimen oder häuslichem Pflegedienst u.a. im letzten Jahr vorausgesetzt. In diese Arbeit wurden 102 SCCmec-Typ IV MRSA Isolate, welche in den Jahren 1997 bis 2005 konsekutiv im Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Universität zu Köln gesammelt wurden, eingeschlossen. Es sollte untersucht werden, ob ein Zusammenhang zwischen SCCmec-Typ IV MRSA und dem jeweiligen Infektionsursprung 88 ambulant erworben, GSA und nosokomial erworben besteht. Des Weiteren sollte überprüft werden, ob SCCmec-Typ IV MRSA-Stämme im genannten Zeitraum als nosokomiale Erreger in der Universitätsklinik Köln verbreitet und endemisch erfolgreich waren, sprich ein Wechsel zwischen Infektionsursprung vom ambulanten Umfeld ins Krankenhaus stattgefunden hat. Außerdem galt das Interesse pvl (Panton-Valentine Leukozidin) -positiven Stämmen. PVL ist ein porenbildendes Toxin, welches mit besonders schweren Wund- und Weichteilinfektionen in Verbindung gebracht wird. Zuletzt sollte, soweit möglich, eine Aussage zur Evaluation der verschiedenen Therapieregimes und den Resistenzen der jeweiligen Stämme getroffen werden. Wie bereits in großen Studien gezeigt wurde, sind SCCmec-Typ IV MRSA Stämme häufig verantwortlich für Wund- und Weichteilinfektionen. Nicht verwunderlich war daher das Überwiegen chirurgischer und dermatologischer Patienten im Patientenkollektiv. Es handelte sich häufig um postoperative Wundinfektionen und superinfizierte dermatologische Krankheitsbilder. Neununddreißig Prozent der Fälle wurden als Wundinfektion, 19% als Haut- Weichteilinfekiton eingestuft. Sechsundzwanzig Prozent der Patienten galten als besiedelt, in 8% der Fälle wurde eine Bakteriämie beobachtet. Die übrigen 8% wurden als „andere Infektionslokalisationen“ zusammengefasst, es handelte sich um Pneumonien, Sinusitiden, Harnwegsinfekte und Katheterinfektionen. Am häufigsten nachgewiesen wurde der MLST-Typ 045, gefolgt von den MLST-Typen 008 und 022. Des Weiteren kamen die MLST-Typen 080, 005, 030, 617, 449, 001, 012 und 97 (in absteigender Häufigkeit) vor. Ein Anstieg aller Infektionsmodi ambulant erworben, GSA und nosokomial erworben war zu beobachten, so wie ein Anstieg insgesamt an nachgewiesenen SCCmec-Typ IV MRSA im beobachteten Zeitraum. Dies legt den Schluss nahe, dass diese Stämme bereits seit geraumer Zeit im Krankenhaus etabliert sind. Die ursprüngliche These des ausschließlichen Zusammenhanges von SCCmec-Typ IV MRSA mit einem ambulanten Infektionsmodus ist daher nicht haltbar. Insgesamt wurden 47% der Isolate als nosokomial erworben eingestuft, 36% als GSA und 17% als ambulant erworben. Bezüglich der einzelnen MLST-Typen und Ihrer Infektionsmodi ist es schwierig, bei geringen Fallzahlen eine valide Aussage zu treffen. Beim MLST-Typ 045 war ein Vorherrschen von nosokomialen- und GSA Fällen zu beobachten, ambulant erworbene Infektionen wurden kaum beobachtet. Der MLST-Typ 080 wiederum erwies sich als vorwiegend für ambulant 89 erworbene Infektionen verantwortlich (s.u.). Bei allen übrigen MLST-Typen wurden alle drei Infektionsmodi mehr oder weniger in gleicher Häufigkeit nachgewiesen. Alle pvl-positiven Isolate wiesen den MLST-Typ 080 auf, alle waren Fusidinsäure resistent. Bei diesem MLST-Typ wurde ein Großteil der Isolate als ambulant erworben eingestuft, es handelte sich um Wund- und Weichteilinfektionen im Rahmen von dermatologischen Krankheitsbildern. Dies unterstreicht die Bedeutung von pvl-positiven MRSA-Stämmen bei Wund- und Weichteilinfektionen und die ausgeprägte toxische Wirkung des Panton Valentine Leukozidin (PVL). Eine Krankenhaus Epidemie im Sinne einer horizontalen Übertragung eines bestimmten MLST-Typs wurde nicht beobachtet. Dies spricht für die Effektivität der Isolations-, Therapieund Hygienemaßnahmen in der Universität zu Köln. Die in dieser Studie beobachteten Resistenz-Phänotypen unterschieden sich im Vergleich nicht von den Resistenzen gleicher MLST-Typen deutschlandweit. Bezüglich einer Evaluation des Therapie-Regimes zeigten sich bei retrospektivem Setting Schwierigkeiten. Fest steht, das bestehende Eradikationspläne mit antibiogrammgerechter Antibiotikagabe, den vorgegebenen Waschungen sowie Mupirocin Nasensalbe effektive Mittel zur Bekämpfung gegen MRSA darstellen. Bei nicht immer vollständiger Dokumentation und vielen ambulanten Patienten ohne weitere Information über den ambulanten Verlauf waren Aussagen bzgl. der Einhaltung von Eradikationsplänen sowie dem Eradikationserfolg nicht immer möglich. Nach den vorliegenden Unterlagen war eine Eradikation bei 35 Patienten nachweislich erfolgreich, d.h. es lag mindestens ein negativer Kontrollabstrich der zuvor positiven Lokalisation vor. Lediglich bei 17 Patienten lagen die nach Leitlinien geforderten 3 negativen Abstriche nach Eradikationstherapie vor. Wie bereits erwähnt, wäre eine prospektive Studie Eradikationstherapie sinnvoll. 90 zur Evaluation der Effektivität einer 6. Literaturverzeichnis 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. Aggett HC, Hennessy TW, Leman R, Hamlin C, Bruden D, Reasonover A, Martinez P, Butler JC. An outbreak of community-onset methicillin-resistant Staphylococcus aureus skin infections in southwestern Alaska. Infect Control Hosp Epidemiol. 2003; 24:397-402. Aires De Sousa M, Miragaia M, Sanches IS, Avila S, Adamson I, Casagrande ST, Brandileone MC, Palacio R, Dell'Acqua L, Hortal M, Camou T, Rossi A, VelazquezMeza ME, Echaniz-Aviles G, Solorzano-Santos F, Heitmann I, de Lencastre H. 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Heereman von Zuydtwyck Geburtsdatum 29.09.1981 Geburtsort Köln Familienstand verheiratet, 3 Kinder Staatsangehörigkeit deutsch Eltern Birgitta und Nikolaus Frhr. Heereman von Zuydtwyck Geschwister Johannes Frhr. Heereman von Zuydtwyck Schulbildung 1988-1992 Grundschule Geilenkirchnerstraße, Köln 1992-1998 Apostelgymnasium Köln 1998-2000 Rockwell College boarding school, Irland Studium 2002-2008 Aufnahme des Studiums der Humanmedizin an der Universität Köln 2004 Ärztliche Vorprüfung 2005-2006 Auslandsjahr mit dem ERASMUS Programm in Valencia, Spanien 2007-2008 Praktisches Jahr in den Krankenhäusern Holweide und Kinderklinik Amsterdamerstraße 2008 Staatsexamen an der Universität zu Köln Seit 08/08 Assistenzarzt der Inneren Medizin am EVK Weyertal, Köln Köln, den 27.04.2010 104