Selbstreflexive Kognitionen als Indikatoren für Status und Verlauf

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Berichte aus der Psychologie
Dieter Wälte
Selbstreflexive Kognitionen als Indikatoren für
Status und Verlauf psychischer Störungen
Eine empirische Untersuchung zur
Attribution, Selbstwirksamkeit und Kontrolle
D 6 (Habil.-Schr. Universität Münster (Westfalen))
Shaker Verlag
Aachen 2010
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Zugl.: Münster (Westfalen), Univ., Habil.-Schr., 2004
Copyright Shaker Verlag 2010
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ISBN 978-3-8322-9403-8
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Abstract
Die vorliegende Arbeit läßt sich von dem Grundgedanken leiten, dass psychische Störungen
mit Prozessen der Selbstreferenz einhergehen. Dementsprechend müsste es möglich sein,
Indikatoren der Selbstreferentialität zu finden, die auf psychische Störungen hinweisen,
ähnlich wie Parameter im somatischen Bereich (z.B. Fieber, Blutdruck, Blutwerte).
Theoretisch lassen sich hauptsächlich drei Kandidaten unter den selbstreferentiellen
Kognitionen identifizieren, die als Indikatoren in Frage kommen: Krankheitsattribution auf
die eigene Person, Selbstwirksamkeit und internale Kontrolle. Sie spiegeln drei zentrale
Fragen der selbstreferentiellen Selbstregulation bei psychischen Störungen wider: 1. Liegt die
Ursache der Erkrankung bei mir? 2. Bin ich (noch) zur Handlung in der Lage? 3. Habe ich
Einfluss auf die Ergebnisse meiner Handlung?
Um die empirische Bedeutung der Selbstreferenz zu klären, werden Konzeption und
Ergebnisse einer Untersuchung vorgestellt, die drei Schritte umfasst: Die Untersuchung stützt
sich zunächst auf eine Erhebung von 764 Patienten, die in der Klinik für Psychosomatik und
Psychotherapeutische Medizin der RWTH Aachen eine repräsentative Stichprobe der
Inanspruchnahmepopulation bilden. Von diesen Patienten wurden zweitens im Längsschnitt
solche Patienten weiter untersucht, die sich einer stationären Psychotherapie unterzogen
haben. Das Design wurde so ausgewählt, dass Warte- und Therapiezeit einen gleichen
Zeitrahmen umfassen. Schließlich erlaubt eine Katamneseuntersuchung auch Aussagen über
den Verlauf selbstreferentieller Kognitionen nach einer Phase intensiver Psychotherapie. Die
Ergebnisse der Untersuchung lassen sich unter fünf Aspekten zusammenfassen: 1.
Differenzierung von Patienten mit psychischen Störungen und Referenzpopulationen:
Patienten mit psychischen Störungen haben ein ungünstigeres Ausmaß an selbstbezogener
Attribution, eine geringere Selbstwirksamkeit und eine schwächer ausgeprägte internale
Kontrolle als klinische Referenzpersonen. 2. Korrelation der Selbstreflexivität mit dem
Beschwerdebild: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Ausprägung der
Selbstreferenz und dem Grad einer psychischen Störung: Je höher die somato-psycho-soziale
Belastung ist, desto höher ist die selbstbezogene Krankheitsattribution und desto geringer ist
die generalisierte Selbstwirksamkeit. Die beiden selbstreflexiven Kognitionen vermögen
insgesamt 52% der Varianz somato-psycho-sozialer Belastung zum Zeitpunkt der
Statusuntersuchung aufzudecken. Kein klinisch bedeutsamer Zusammenhang besteht
allerdings zwischen der Ausprägung der internalen Kontrolle und der Ausprägung der
Erkrankung. 3. Veränderung der selbstreflexiven Kognitionen über die vier Messzeitpunkte:
‚Erstgespräch’, ‚Aufnahme’, ‚Entlassung’ und ‚Katamnese’: Über die ersten drei
Messzeitpunkte verändert sich sowohl die selbstbezogene Krankheitsattribution als auch die
generalisierte Selbstwirksamkeit, nicht jedoch die internale Kontrolle. Im Verlauf des
Katamnesezeitraumes bleiben selbstbezogene Krankheitsattribution und generalisierte
Selbstwirksamkeit mindestens auf dem während der Therapiezeit erreichten Level stehen. Bei
dem Konstrukt der internalen Kontrolle lassen sich im Katamnesezeitraum nur
Zufallsschwankungen feststellen. 4. Korrelation der Veränderungswerte der selbstreflexiven
Kognitionen und der Veränderungswerte des Beschwerdebildes: Die Reduktion des somatopsycho-sozialen Beschwerdeprofils eines Patienten, welche im Verlauf einer stationären
Psychotherapie erzielt wird, findet sowohl ein Abbild in der Optimierung der selbstbezogenen
Attribution als auch in der generalisierten Selbstwirksamkeit, weniger stark jedoch in der
internalen Kontrolle. Die Varianzaufklärung zwischen der Veränderung der Selbstreferenz
und der Veränderung der Belastung beträgt nach der vorliegenden Untersuchung 55%. 5.
Eigenständigkeit im Kontext der Selbstregulation: Sowohl bei der Statusmessung als auch bei
der Veränderungsmessung repräsentieren selbstbezogene Krankheitsattribution und
Selbstwirksamkeit zwei eigenständige Bereiche der Selbstreferenz, die internale Kontrolle
hat keine eigenständige Bedeutung.
In der Abschlussdiskussion kann gezeigt werden, dass die Ergebnisse dieser Studie sich
deutlich in neuere Modelle zur kognitiven Selbstregulation einfügen. Im Ausblick werden
Perspektiven für die zukünftige Forschung aufgezeigt: Selbstregulation und Neurobiologie,
störungsspezifische und störungsübergreifende Kognitionen, Selbstregulation oder
automatische Informationsverarbeitung und Kognition und Emotion.
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