Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über Ernährung und

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Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über Ernährung und
Bewegung
Empfehlungen aus Sicht der Ernährungsmedizin und
Ernährungswissenschaft
Helmut Heseker, Paderborn
Übergewicht, Adipositas und Folgekrankheiten sind nicht nur im Erwachsenenalter
weit verbreitet, sondern nehmen auch im Kindes- und Jugendalter deutlich zu. Bewegungsmangel und eine an den verringerten Energieverbrauch nicht angepasste
Ernährung wurden als Hauptursachen dieser Besorgnis erregenden Entwicklung identifiziert. Sich ändernde gesellschaftliche Bedingungen und veränderte Lebensbedingungen beeinflussen das Ernährungs- und Bewegungsverhalten in ganz erheblichem Maße und machen es immer schwieriger, dauerhaft eine ausgeglichene Energiebilanz zu erreichen. Dieser Trend ist weltweit festzustellen, so dass die WHO bereits von der ersten globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts spricht und die Ursachen in den vorherrschenden adipogenen Umweltbedingungen sieht.
Prävalenz der Adipositas
Repräsentative Querschnittsstudien belegen eindeutig, dass die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter zunehmen (1). In Deutschland sind je nach untersuchter Altersgruppe 10-20 % aller Schulkinder und Jugendlichen übergewichtig und sogar 2,5-8,0 % als adipös zu bezeichnen. Die kontinuierliche Zunahme ist z. B. auch bei Schuleingangsuntersuchungen zu festzustellen.
Gleichzeitig ist zu beobachten, dass das Ausmaß der Adipositas und damit die Anzahl extrem Adipöser deutlich ansteigt.
Besonders besorgniserregend ist, dass bei adipösen Kindern und Jugendlichen auch
schwerwiegende Folgeerkrankungen der Adipositas auftreten. So wurde in der Murnauer Komorbiditätsstudie bei 6 % der adipösen Kinder und Jugendlichen bereits
eine Störung im Glukosestoffwechsel, bei 1 % ein Typ 2-Diabetes mellitus, bei über
30 % ein metabolisches Syndrom (Hypertonie, Hyperlipidämien, Hyperurikämie) und
bei 35 % orthopädische Folgestörungen festgestellt. Außerdem wurden erhebliche
Störungen der psychosozialen Entwicklung und der Lebensqualität beobachtet (1, 2).
Es hat den Anschein, dass Kinder anstelle der früher üblichen Kinderkrankheiten
heute an den typischen Erkrankungen des Erwachsenenalters erkranken (3).
Aus den an großen Bevölkerungsstichproben (N~380.000) gewonnenen Mikrozensus-Daten des Stat. Bundesamtes (4) geht hervor, dass Übergewicht und Adipositas
in der erwachsenen Bevölkerung weit verbreitet sind und offenbar von Jahr zu Jahr
noch weiter zunehmen. Männer und Frauen nehmen pro Jahr im Durchschnitt 1-2 kg
Körpergewicht zu, so dass in Deutschland normalgewichtige Frauen ab dem 55. und
Männer bereits ab dem 40. Lebensjahr in der Minderheit sind. Es zeigt sich, dass
zwischen den Jahren 1999 und 2009 eine weitere Zunahme der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas stattgefunden hat. Der kontinuierliche Anstieg der Adipositasprävalenz führt dazu, dass bei der Pensionierung jede 5. Person von einer Adipositas betroffen ist.
Ursachen der Adipositas
Oft wird übersehen, dass (fast) alle Menschen die Fähigkeit haben, Energiedepots in
Form von Fettgewebe zu bilden. In der langen Evolutionsgeschichte hat sich die Fähigkeit, bei ausreichendem Energieangebot neue Fettzellen bilden und schnell mit
Fett füllen zu können, als wichtiger Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil herausge-
stellt. Die Gene des Menschen und der dadurch gesteuerte Stoffwechsel sind daher
gut darauf eingerichtet, Situationen des Hungers und des Mangels, nicht aber solche
der Überernährung zu meistern. Daher ist die Ausbildung von Übergewicht und Adipositas in Zeiten des Nahrungsüberflusses und des Bewegungsmangels (fast) als ein
Normalzustand anzusehen, wenn nicht bewusst gegen gesteuert wird. Adipositas ist
als eine natürliche, physiologische Reaktion auf eine chronisch-positive Energiebilanz anzusehen. In früheren Jahrhunderten, in denen für große Teile der Bevölkerung Nahrungsmittel eher knapp und intensive körperliche Aktivitäten an der Tagesordnung waren, war Adipositas eher ein „Privileg“ der Oberschicht.
Adipositas als Folge adipogener Umweltbedingungen
Die Weltgesundheitsbehörde (5) sieht die Ursachen für die weltweit zu beobachtende, epidemische Zunahme von Übergewicht und Adipositas in den drastisch veränderten Lebens- und Umweltbedingungen der Industriegesellschaft und spricht von
adipogenen Umweltbedingungen ("obesogenic environment"). Einerseits hat sich der
Energiebedarf durch die Abnahme der körperlichen Aktivität in Beruf und Freizeit,
durch eine überwiegend sitzende Lebensweise, durch den zunehmenden Medienkonsum, durch wenig bewegungsfreundliche Städte (6, 7, 8) und durch besser wärmeisolierte Wohnungen erheblich reduziert. So weisen Kinder, die bereits im Vorschulalter über einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer verfügen, bei Einschulungsuntersuchungen ein signifikant höheres mittleres Körpergewicht auf.
Anderseits sind grundlegende Veränderungen im Essverhalten und der Esskultur zu
beobachten (1, 9). Hierzu zählen der vermehrte Verzehr von raffinierten fett- und zuckerreichen Lebensmittel mit hoher Energiedichte (10, 11) und hohem glykämischen
Index (12), steigender Fast-Food-Verzehr (8, 13) sowie zunehmende Portionsgrößen
von Lebensmitteln und Mahlzeiten (14, 15). Auch vermehrter Außer-Haus-Verzehr ist
oft mit dem Verzehr größerer Portionsmengen verbunden (16).
Die Energiedichte ist definiert als der Energiegehalt (in kcal) pro Gewichtseinheit
(zumeist 100 g). Während unverarbeitete Grundlebensmittel zumeist weniger als 100
kcal/100g aufweisen, liegt in den meisten verarbeiteten, zusammengesetzten Lebensmitteln eine Energiedichte von deutlich über 100 kcal/100 g und nicht selten von
über 300 kcal/100 g vor (17). Energiedichte Lebensmittel (z. B. Kartoffelchips, belegte Brote, Schokolade, Eiscreme, viele sogenannte Kinderlebensmittel) liefern reichlich Kalorien und bewirken aber nur eine geringe oder mäßige Magendehnung. Eine
gute Magenfüllung bzw. -dehnung ist aber erforderlich, um wirksam Sättigungssignale auszulösen. Bei Verzehr von wasser- und ballaststoffreichen Salaten, Gemüsen
oder Obst ist die Gefahr einer überhöhten Energieaufnahme daher relativ gering.
Ganz besonders ungünstig sind zuckerreiche Softdrinks (sowie Säfte), die kaum Sättigungssignale generieren und häufig in relativ großen Mengen getrunken werden
(18, 19).
Hinzu kommt, dass die Ernährung von Kindern und Jugendlichen in erheblichem Umfang durch die Werbung für (Kinder-)Lebensmittel beeinflusst wird (20, 21). Fernsehwerbung fördert beispielsweise bei Kindern besonders den Verzehr kalorienreicher Lebensmittel und Getränke. Insgesamt ist eine erhebliche Diskrepanz festzustellen, zwischen den Lebensmittelgruppen, die besonders intensiv und mit hohen
Werbeetats beworben werden (z. B. Limonaden, Süßigkeiten, Schokoladen, Snacks)
und den Lebensmittelgruppen, deren Verzehr von Fachgesellschaften empfohlen
werden (z. B. Obst, Gemüse, Salat, Vollkornprodukte).
Schätzungen zufolge verringerte sich der tägliche Energieverbrauch in den letzten 25
Jahren um durchschnittlich ca. 800 kcal/Tag, während die mittlere Energiezufuhr
„nur“ um 750 kcal zurückging (22). Selbst eine geringe tägliche positive Energiebilanz von nur 20 kcal kann in einem Zeitraum von 20 Jahren zu einem Übergewicht
von 20 kg führen (23). Trotz aller bisher unternommenen Anstrengungen und obwohl
sich die Gesamtenergiezufuhr der Nahrung in den letzten Jahren teilweise sogar verringert hat, nimmt die Anzahl adipöser Personen weltweit weiter zu (24). Dieses vordergründige Paradoxon wird mit dem starken Rückgang der körperlichen Aktivität in
Beruf und Freizeit erklärt. Da beim Fernsehen die Energieverbrennung herabgesetzt
ist, stellen die Reduktion der täglichen Mediennutzung und die Motivation zu körperlicher Aktivität wichtige Ansatzpunkte zur Prävention von kindlichem Übergewicht dar.
Außerdem scheint das ständige Essen zwischendurch die Menschen von sportlichen
Aktivitäten eher abzuhalten („ein voller Bauch läuft nicht gern“).
Auch das familiäre Umfeld hat eine Bedeutung für die Verbreitung von Adipositas bei
Kindern. Einzelkinder tendieren dazu, dicker zu werden als Kinder mit mehreren Geschwistern. Auch Kinder mit berufstätigen Müttern sind häufiger übergewichtig. Die
steigenden Prävalenzzahlen der kindlichen Adipositas sind insofern bedenklich, da
40 % der im Alter von 7 Jahren übergewichtigen Kinder und sogar 80 % der übergewichtigen und adipösen 10-13-jährigen auch im Erwachsenenalter eine Adipositas
aufweisen (25).
Folgen einer Adipositas
Neben den akuten gesundheitlichen bzw. ernährungsmedizinische Konsequenzen
(verminderte körperliche Leistungsfähigkeit, orthopädische, neurologische, pulmonale, metabolische sowie endokrine Störungen), hat eine Adipositas in jungen Jahren
erhebliche ökonomische und psychosoziale Folgen (7). Demnach verlassen übergewichtige Mädchen die Schule früher, sind seltener verheiratet und haben ein um 40
% niedrigeres Einkommen als normalgewichtige Frauen. Somit führt die Adipositas
im Jugendalter nicht nur zu einem negativen Selbstbild und Unzufriedenheit; sie hat
auch ungünstige soziale Auswirkungen in der Schule, bei der Ausbildung, im Beruf
und bei der Partnersuche. Die Lebenserwartung von adipösen Menschen ist nicht
nur durch kardiovaskuläre Erkrankungen sondern auch durch Krebserkrankungen
deutlich reduziert.
Empfehlungen
•
Eine geeignete Kombination und angemessene Menge nährstoffreicher und energieärmerer Lebensmittel wählen:
- eine pflanzenbetonte Kost bevorzugen; 5 Portionen Obst&Gemüse am Tag,
- eine abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl treffen,
- beim Lebensmittelkauf besonders auf die Energiedichte achten,
- kalorienarme oder kalorienfreie Getränke als Durstlöscher bevorzugen,
- bewusste Auswahl der Lebensmittel und Speisen (auch bei Snacks zwischendurch).
•
Zu PC und TV gehört die Mitgliedschaft in einem TUS oder FC.
•
Stärkung der Ernährungsbildung in Kindergarten und allen Schulenformen.
•
Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards zur Schulverpflegung.
Schlussbetrachtung
Da sich unsere „steinzeitlichen“ Gene nicht kurzfristig ändern lassen, ist es besonders wichtig, so früh wie möglich mit der Ernährungsbildung anzusetzen und zu mehr
Bewegung und Sport zu motivieren. Kinder und Jugendliche stellen eine Bevölkerungsgruppe dar, bei der gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen entscheidend
geprägt werden und der Aufbau von Gesundheitsressourcen für das spätere Gesundheits- und Krankheitsverhalten eine wichtige Rolle spielt. Die Herausbildung gesundheitsfördernder bzw. -riskanter Verhaltensweisen beginnt frühzeitig in der Kindheit und Jugend. Die Entscheidung, was gegessen wird und wie die Freizeit organisiert wird, hängt entscheidend ab vom Angebot an Nahrungsmitteln und Sport- und
Bewegungsmöglichkeiten, den familiären Gewohnheiten, den kulturellen Bedingungen und dem ständig wachsenden Wissen um eine gesunde Ernährung und Lebensführung. Hierzu brauchen wir eine gut vernetzte Präventionsstrategie, die sowohl die
Bewegung als auch die Ernährung umfasst. Wir brauchen eine Kooperation aller, die
Verantwortung für eine gesunde Entwicklung der jungen Generation tragen.
Literaturverzeichnis
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3. Kromeyer-Hauschild, K. (2005). Definition, Anthropometrie und deutsche Referenzwerte für BMI. S. 3-15. In: M. Wabitsch, K. Zwiauer, J. Hebebrand, W. Kiess
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Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Helmut Heseker
Institut für Ernährung, Konsum & Gesundheit
Universität Paderborn
D-33095 Paderborn
E-Mail: [email protected]
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