Kant, Kritik der reinen Vernunft Antworten auf die

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Technische Universität Dortmund, Sommersemester 2008
Institut für Philosophie, C. Beisbart
Kant, Kritik der reinen Vernunft
Antworten auf die Vorbereitungsfragen zum 20.5.2008
1. Wie kennzeichnet Kant in der ersten Textstelle das Verhältnis von Sinnlichkeit
und Verstand?
Für Kant sind sowohl Sinnlichkeit als auch Verstand notwendig für die Gewinnung von
Erkenntnis. Weder die Sinnlichkeit allein noch der Verstand allein können uns Erkenntnis geben. Kant schreibt:
Nur daraus, daß sie [Sinnlichkeit und Verstand] sich vereinigen, kann Er”
kenntnis entspringen“ (A51/B75–6/130).
Da uns die Sinnlichkeit Anschauungen liefert und der Verstand Begriffe zur Verfügung
stellt, kann man auch sagen, dass weder Anschauungen noch Begriffe allein (welthaltige)
Erkenntnis liefern. Daher prägt Kant auch die Formel
Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“
”
(A51/B75/130).
Dieses Zitat macht darüber hinaus deutlich, daß Sinnlichkeit und Verstand verschiedene
Rollen bei der Erkenntnisgewinnung spielen – was die Sinnlichkeit leistet, kann der
Verstand nicht leisten, und umgekehrt (ib.). Die beiden Erkenntnisstämme haben also je
ihre charakteristische Funktion. Insgesamt kann man daher sagen, dass sich Sinnlichkeit
und Verstand ergänzen müssen, damit Erkenntnis entsteht.
Für Kants Vorgehen, innerhalb dessen Sinnlichkeit und Verstand isoliert werden,
heißt dies folgendes: Sinnlichkeit und Verstand lassen sich hinsichtlich der Erkenntnis
nicht real trennen; Kants Isolationsverfahren ist eine nachträgliche Abstraktion (vgl.
etwa Mohr 2004, 99).
2. Beschreiben Sie im Anschluss an Kant genauer, warum eine transzendentale Dialektik erforderlich ist (dritte Textstelle).
Die transzendentale Dialektik ist ein Teil der transzendentalen Logik. In der transzendentalen Logik geht es um die Regeln des richtigen Denkens, sofern dieses rein a priori
ist, also unabhängig von aller Erfahrung erfolgt (A57/B81–82/135). Die transzendentale Dialektik steht der transzendentalen Analytik gegenüber. In der letzteren geht es
um die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis“ und die Prinzipien, ohne welche
”
”
überall kein Gegenstand gedacht werden kann“ (A62/B87/140).
Kant zufolge besteht nun aber die Gefahr, dass wir die Regeln oder Prinzipien, die für
Gegenstandsbezug notwendig sind, als hinreichende Bedingung für Erkenntnis auffassen
und anwenden. Wir versuchen also nach Kant, Welterkenntnis zu gewinnen, indem
wir bloß von den genannten formalen Regeln ausgehen. Dabei unterstellen wir, dass
formale Regeln inhaltliche Welterkenntnis ermöglichen (A63–4/B87–8/140–1). Diese
Unterstellung ist nach Kant jedoch falsch.
Insbesondere neigen wir auch dazu, mit den formalen Regeln des Denkens die Grenzen aller möglichen Erfahrung übersteigen zu wollen. Dahingehende Versuche sind nach
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Kant aber zum Scheitern verurteilt. Kant spricht in diesem Zusammenhang auch von einem dialektischen Schein[...]“, der entstehe (A63/B88/140). Aufgabe der transzenden”
talen Dialektik ist es, diesen Schein als solchen zu entlarven. Die transzendentale Dialektik hat daher eine genuin kritische Funktion: Sie soll verhindern, dass die Regeln der
Analytik missbraucht werden (A63–4/B88/140–1).
3. Wie unterscheidet sich die Analytik der Begriffe von einer Begriffsanalyse (vierte
Textstelle)?
In einer Begriffsanalyse geht es darum, die Bedeutung oder den Gehalt eines Begriffes darzulegen. Die sokratische Frage Was ist Tapferkeit/Frömmigkeit/Gerechtigkeit?“
”
kann man als eine Aufforderung zu einer Begriffsanalyse ansehen. Sie zielt auf eine
Definition oder Begriffserklärung, die explizit macht, was wir unter dem Begriff der
Tapferkeit etc. denken.
Kant geht es dagegen in der transzendentalen Analytik nicht um eine Begriffsanalyse eines bestimmten Begriffs. Stattdessen interessiert ihn dort, wie Begriffe allgemein
funktionieren. Dabei konzentriert sich die transzendentale Analytik auf Begriffe a priori
und deren Möglichkeit. Begriffe a priori sind die Gegenstücke der reinen Anschauungen Raum und Zeit. Um die Möglichkeit von apriorischen Begriffen zu untersuchen,
will Kant ihren Ursprung zurückverfolgen. Dazu verspricht er den Verstand zergliedern.
Von diesem Zergliedern“ leitet sich wohl auch die Bezeichnung Analytik“ her (alles
”
”
A65–6/B90–1/143).
4. Was heißt es nach Kant, einen Begriff zu benützen (fünfte Textstelle)?
Von Begriffen können wir nach Kant nur Gebrauch machen, indem wir ein Urteil
fällen (A68/B93/145). Dabei fungieren die Begriffe als Prädikate – Kant nennt Begriffe Prädikate möglicher Urteile“ (A69/B94/146). Wenn ich etwa das Urteil fälle,
”
dass dies hier grün ist, dann lege ich das Prädikat, den Begriff grün“ demjenigen Ge”
genstand bei, auf den ich mich mit dies“ beziehe.
”
Begriffe assoziiert Kant mit Funktionen (A68/B93/145). Dabei versteht Kant unter einer Funktion die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer
”
gemeinschaftlichen zu ordnen (ib.). Die gemeinschaftliche Vorstellung“ ist dabei der
”
”
Begriff. Unter ihn fallen viele Gegenstände, die uns etwa qua Gegenständen von Anschauungen gegeben sein können. Indem wir also Begriffe verwenden, schaffen wir Einheit in unseren Vorstellungen.
5. Was stellt die Urteilstafel dar (fünfte Textstelle)?
In der Urteilstafel geht es nach Kant um die Funktionen des Denkens“ (A69/B94/147;
”
ähnlich A70/B95/147). In moderner Sprache können wir vielleicht sagen: Es geht um
Handlungstypen, in denen sich das Denken des Verstandes manifestiert.
Die Urteilstafel ensteht, indem Kant Urteile betrachtet und von deren konkretem
Inhalt absieht. Nach dieser Abstraktion bleibe noch eine Verstandesform“ bestehen
”
(A70/B95/ 147). Diese hat mehrere Aspekte, die in der Urteilstafel in vier verschiedenen Titeln erfasst werden. Einer der Aspekte heißt etwa Quantität – bei im geht es
um die Menge von Dingen, von denen in einem Urteil etwas ausgesagt wird. Die Momente unter einem Titel geben an, wie ein Formaspekt jeweils realisiert werden kann.
Hinsichtlich der Quantität kann ein Urteil etwa nach Kant allgemein, besonders oder
einzeln sein (alles A70/B95/147).
6. Was ist nach Kant eine Synthesis? Wann ist eine Synthesis rein (sechste Textstelle)?
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Die Synthesis ist eine Handlung, in deren Rahmen unterschiedliche Vorstellungen zusammengefügt werden. Die Handlung besteht nach Kant auch darin, die Mannigfal”
tigkeit [der Vorstellungen] zu begreifen“ (A77/B103/154). Die Handlung der Synthesis
wird von der Einbildungskraft ausgeführt (A78/B103/154). Eine Synthesis ist rein, wenn
ihre Basis – die Vorstellungen, die zusammengefügt werden – rein ist. Kant exemplifiziert das anhand von Raum und Zeit (ib.). Leitend dabei ist nicht die Idee, dass Raumund Zeitbegriff zusammengefügt werden, sondern dass etwa unterschiedliche Teilaspekte
unserer Raumvorstellung zusammengefügt werden.
7. Worauf baut eine Synthesis auf und für was ist sie ihrerseits Basis (sechste Textstelle)?
Mit Kant konzentrieren wir uns hier auf die reine Synthesis. Diese Synthesis braucht
als Basis mehrere Vorstellungen oder ein Mannigfaltiges (siehe A77–A79/B103–4/154–
5). Eine Synthesis auf dieser Basis resultiert dann in einer Vorform von Erkenntnis
(Kant: Die Synthesis [...] bringt [...] eine Erkenntis hervor, die zwar anfänglich noch
”
roh und verworren sein kann“, A77/B103/154; aus A78/B103/154 wird klar, dass die
Erkenntnis, die durch die Synthesis entsteht, nur uneigentlich ist). Richtige Erkenntnis
von Gegenständen entsteht erst dann, wenn die Synthesis auf den Begriff gebraucht wird
(A79/B104/154). Die Synthesis ist also die Basis für Erkenntnis im vollen Sinn.
Kant will nun die reine Synthesis selbst auf Begriffe bringen (A78/B103/154). Die
resultierenden Begriffe sollen Einheitsmomente der reinen Synthesis darstellen. Sie werden in der Kategorientafel aufgeführt.
Literatur
Mohr, G., Immanuel Kant. Theoretische Philosophie. Texte und Kommentar. Band III,
Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2004.
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