„Ich bleibe im ,Lord von Barmbeck`“ Hamburg. Ohrenbetäubender

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„Ich bleibe im ,Lord von Barmbeck‘“
Hamburg. Ohrenbetäubender Lärm, dichte Staubwolken, Baugerüste und provisorische Holzstege:
Wer Harald Buss (58) in seinem Zuhause aufsucht, muss da durch. Seit mehreren Monaten geht das
bereits so. Der Hof und das Gebäude, in dessen Hinterhaus Buss lebt, sind eine Großbaustelle. Im
Haus selbst bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Für den Frührentner eine besonders belastende
Situation. Kaum vorstellbar, dass hier überhaupt noch jemand wohnt – und damit sogar zufrieden ist.
Dazu muss man wissen: Bis vor wenigen Monaten sah es ganz so aus, als würde das Gebäude an
der Bartholomäusstraße, Ecke Am Alten Schützenhof komplett abgerissen.
Einen rentablen Neubau hatte der Grundeigentümer geplant. „Schon lange gab es nur noch befristete
Mietverträge“, berichtet der gebürtige Barmbeker, der hier seit 1980 zweieinhalb Zimmer auf 48
Quadratmetern bewohnt.
Lange Leerstand
Nach und nach hätten immer mehr Wohnungen leer gestanden, eine bereits seit 2002. Doch die
restlichen vier Bewohner stellten sich quer. Sie mobilisierten den Denkmalschutz, die Bezirkspolitik
und die Geschichtswerkstatt Barmbek. Aus gutem Grund: Ihr Zuhause hat historische Bedeutung. Es
ist das älteste erhaltene Haus in Barmbek. Und es soll in den 1920er Jahren die Heimat des berühmtberüchtigten „Lord von Barmbeck“, des Einbrecherkönigs Julius Adolf Petersen (1882 - 1933)
gewesen sein, der in der Kneipe im Souterrain seine „Geschäfte“ abgewickelt haben soll. Dank ihrer
vereinten Kräfte konnten sie erreichen, dass das Haus im Jahr 2013 unter Denkmalschutz gestellt
wurde. Die Immobilie wechselte den Eigentümer: Die Vieths Projekt GmbH kaufte mit dem Plan, das
zum Teil stark baufällig gewordene Ensemble nach historischem Vorbild aufzubereiten.
Nach Original restauriert
Neben grundlegenden Modernisierungsmaßnahmen wie neuen Heizungen, Fenstern und Bädern wird
die Fassade jetzt aufwändig nach Originalvorbild wiederhergestellt, auch der nur noch bruchstückhaft
erhaltene Fassadenstuck wird entsprechend erneuert. „Grundsätzlich sind wir erfreut, dass Barmbeks
ältestes Zeugnis der Bautätigkeit bleibt“, betont Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt.
„Der Erhalt erfolgt um den Preis der Verteuerung“ Reinhard Otto, Geschichtswerkstatt
Allerdings gebe es auch ein weinendes Auge: „Der Erhalt erfolgt um den Preis der Verteuerung“, weist
er auf steigende Mieten im Viertel hin. Auch der Barmbeker Bürgerschaftsabgeordnete und
Historiker Sven Tode (SPD), der sich für das Gebäude eingesetzt hatte, sieht die Entwicklung
mit gemischten Gefühlen: „Die Gebäudegruppe von 1867 behält ihren Charakter durch das
Engagement vieler langjähriger Bewohner des Stadtteils. Ich persönlich hätte mir darüber
hinaus noch gewünscht, dass die zukünftigen Bewohner des Hauses im Sinne des
Namensgebers eine größere Vielfalt aufweisen würden.“
25 Eigentumswohnungen
Tatsache ist, dass die Mieter, die in den vier Wohnungen die Stellung gehalten haben, bald in der
Minderheit sein werden. Alle weiteren Wohnungen – insgesamt 25 sollen im historischen Bestand und
in einem benachbarten Neubau entstehen – gehen als Eigentum auf den Markt. 51 Quadratmeter im
Hinterhaus sind beispielsweise für
227.700 Euro zu haben (Weitere Informationen: lord-von-barmbeck.de). „Damit ist für Barmbek eine
preisliche Schallmauer durchbrochen“, sagt Reinhard Otto. Eine für das kommende Jahr geplante
Geschichtstafel soll vor Ort die fortschreitende Gentrifizierung im Stadtteil darstellen.
Auch Mieter Harald Buss muss jetzt raus aus seiner Wohnung. Sie wird umfassend modernisiert,
während er für einige Wochen ein Übergangsquartier bezieht. „Aber es wird preislich okay sein“, ist er
zuversichtlich. Außerdem freut er sich auf die neue Terrasse. Und darüber, dass er weiterhin ein
„Barmbeker Urgestein“ sein kann. (cb)
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