Herausforderung Ethik

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U N I N O VA
WISSENSCHAFTSMAGAZIN DER UNIVERSITÄT BASEL
90 – März 2002
Herausforderung
Ethik
Liebe Leserin, lieber Leser,
Ethik: Sie betreibt zwar ein ausgesprochen theoretisches Geschäft, doch
nimmt sie sich immer wieder ganz praktische Dinge vor. Seit langem ein Teilgebiet von Philosophie, Theologie und Recht, ist Ethik in ihrer angewandten
Form zu einem wichtigen interdisziplinären Fach geworden. Sie ist heute in
verschiedene Lebensbereiche eingedrungen. Ethik wird immer häufiger in
zentrale Entscheide in Gesellschaft und Politik mit einbezogen, und ihre
Fragen, Denkanstösse und Lösungsversuche sind mehr denn je gefragt. Das ist
etwa an den unzähligen Ethik-Kommissionen zu sehen, die sich in den letzten
Jahren gebildet haben. Auch die Schweizer Stimmberechtigten werden immer
wieder mit ethischen Themen konfrontiert – im kommenden Juni zum
Beispiel (erneut) zur Frage des Schwangerschaftsabbruchs. Umstritten ist,
ob Ethik tatsächlich allgemein verbindliche Normen und Werte vorlegen
kann und soll oder ob diese immer nur relativ, das heisst zeit- und kulturbedingt sind.
Die angewandte Ethik hat an der Universität Basel vor kurzem ein eigenes
Institut bekommen. Die Disziplin gehört, neben dem Programm MenschGesellschaft-Umwelt (MGU), den Gender Studies und der Wissenschaftsforschung, zu den vier Orientierungsfächern («Kleeblatt-Fächern»), welche die
Universität in den nächsten Jahren weiter fördern will. In dieser Ausgabe von
UNI NOVA soll Ethik aus verschiedenen Perspektiven vorgestellt werden.
Wenn dabei ein grosser Teil der Beiträge Themen aus Medizin und Biowissenschaften behandelt, so liegt das daran, dass sich gerade hier eine Reihe von
aktuellen Fragen an die Ethik stellen.
Übrigens: Das neue Konzept des Magazins hat bei Ihnen, den Leserinnen und
Lesern von UNI NOVA, zu einigen teils differenzierten Reaktionen geführt.
Sie sind weiterhin eingeladen, sich zum Heft oder zu einem der Beiträge zu
äussern – per Brief oder E-Mail. Und auch die Rubrik «Fragen Sie die Wissenschaft» steht weiterhin allen offen, die eine Frage von Fachleuten der Universität beantwortet haben möchten.
Christoph Dieffenbacher,
Redaktion UNI NOVA
Editorial UNI NOVA 90/2002
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Herausforderung Ethik
Für die modernen Biowissenschaften
und die medizinische Forschung stellt
Ethik eine grosse Herausforderung
dar. Gerade in der gesellschaftlichen
Debatte über Gentechnologie und
ihre Anwendungen – im Bild: DNAPrints im Basler Biozentrum – spielen
ethische Überlegungen eine wichtige
Rolle. Dabei sind möglichst differenzierte Analysen gefragt – einfache Lösungen gibt es nicht. (Bild: Dominik
Labhardt)
Ethik – ein gefordertes Fach
«Patientenwünsche wichtiger geworden»
W i e v i e l Wa h r h e i t i s t z u m u t b a r ?
Ethik in den Biowissenschaften
Ethik und Gentherapie
S t a m m z e l l e n u n d Tr a n s p l a n t a t i o n e n
«Gott spielen»?
Vo n L i e b e u n d G e r e c h t i g k e i t
Forschung
Zwischen Forschung und Naturschutz
Stadt und Land im früheren Serbien
Vo n d e n M u s k e l n u n d A u g e n d e r M e d u s e n
Signalstoffe im Achselschweiss
Sternen-Entdeckung
BILD: ANDREAS BALLY
Rubriken
Editorial
Kolumne «Publish or perish»
In Kürze
Bücher
M e i n We b - Ti p p
Fragen Sie die Wissenschaft, Briefe
Te r m i n e , I m p r e s s u m
Ti t e l b i l d
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Ethik in kritischen medizinischen
Situationen: Hilft die moderne Apparatemedizin dem Menschen wirklich?
Älterer Patient in einer Intensivstation, an dessen Körper Elektroden sowie
Geräte für Puls und Blutmessungen
befestigt sind. Der Monitor zeigt Werte
für Blutdruck, Herzschlag, Sauerstoffgehalt des Bluts und Atemfrequenz an.
In solchen Intensivstationen werden
Herzschlagpatienten, Patienten nach
grösseren Operationen oder mit
Bewusstlosigkeit überwacht. (Bild:
James King-Holmes/SPL/Keystone)
Inhalt UNI NOVA 90/2002
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Ethik –
ein gefordertes Fach
Christoph Dieffenbacher
Nicht nur Wissenschaft und Forschung, auch die Gesellschaft als
Ganzes ist immer wieder mit ethischen Fragen konfrontiert. (Bild:
Keystone)
E t h i k h a t s i c h n o c h n i e h i n t e r v e r s c h l o s s e n e n T ü r e n «Was soll ich tun?»: Diese Grundfrage der Ethik stellt sich
abgespielt. Doch gerade heute wird das Fach von
heute, da technisch vieles machbar ist, in zahlreichen Bereichen
v i e l e n S e i t e n b e a n s p r u c h t . I n B a s e l b e f a s s t s i c h e i n demokratischer Gesellschaften neu. Wenn Entscheidungen zun e u e s I n s t i t u t m i t a k t u e l l e n e t h i s c h e n P r o b l e m e n – nehmend schwieriger und die Voraussetzungen dazu immer
unter anderem mit den schwierigen Situationen, vor
komplexer werden, kommt offenbar ein allgemeines Bedürfnis
denen die Medizin immer wieder steht.
der Orientierung an ethischen Normen auf – in der Politik, in
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
den Medien, im Recht, in den Wissenschaften. Gerade in der Basel weiter. Ziel des Programms «Klinische Ethik» ist es, ein
Medizin hat das Bewusstsein um die Bedeutung theoretischen möglichst reales Bild der praktisch-ethischen Probleme aus der
und praktischen Wissens in Ethik zugenommen: Die therapeu- Perspektive von Helfenden, Kranken und Mitbetroffenen zu
tischen Möglichkeiten wachsen, das Durchschnittsalter der zeichnen und daraus mögliche Lösungsansätze zu entwickeln.
Bevölkerung steigt und chronische Krankheiten nehmen zu.
Viele Ärzte und Ärztinnen sehen sich täglich vor heikle Ent-
D a s n e u e I n s t i t u t Das Institut
schungsprojekte im Bereich der me-
scheidungen gestellt. Und auch die Bevölkerung ist in den letz-
für Angewandte Ethik und Medizin-
dizinischen Ethik sind im Gang. Die
ten Jahrzehnten gegenüber der Medizin sensibler und kritischer
ethik der Universität Basel ist mit Hil-
Reihe ANNE FRANK-Vorlesung für
geworden, stellt Ansprüche und äussert Ängste, die wiederum
fe einer Stiftung des ANNE FRANK-
Angewandte Ethik begann im De-
mit einer Verunsicherung über Werte und Normen zusammen-
Fonds 2001 gegründet worden. Ne-
zember 2001. Eine Aufgabe des Insti-
hängen.
ben seinem primären Auftrag, den
tuts ist es auch, zur Erinnerung an
« K o m p e t e n z e n a u f b a u e n » Als eine der ersten Hochschulen Diskurs der angewandten Ethik an Anne Frank (1929–1945) beizutra-
in der Schweiz hat die Universität Basel ein Institut geschaffen,
der ganzen Universität anzuregen, hat
gen, jenes jüdische Mädchen, das in
das sich eigens mit ethischen Fragen beschäftigt: das Institut für
es durch seine Integration in die Me-
seinem Amsterdamer Versteck ein Tage-
Angewandte Ethik und Medizinethik. «Uns ist es wichtig, ethi-
dizinische Fakultät einen weiteren
buch verfasste, das zu den eindring-
sche Kompetenzen im Dienst der Gesellschaft aufzubauen und
Schwerpunkt: Aufbau und Entwick-
lichsten Dokumenten der Verfolgung
sie unabhängig von kommerziellen und parteilichen Interessen
lung der Medizinethik in Forschung,
durch die Nazis gehört. Weitere In-
aufrechtzuerhalten», sagt Prof. Stella Reiter-Theil, die Leiterin
Lehre und Beratung. Mehrere For-
formationen: www.unibas.ch/aeme
des seit einem Jahr bestehenden Instituts. Zum einen ist sie in
der Lehre tätig, nämlich in der Ausbildung von angehenden E n t s c h e i d u n g e n a m L e b e n s e n d e Gleich mehrere ProjekÄrztinnen und Ärzten, aber auch durch ein Angebot in Ange- te des Programms sind dem humanen Umgang mit schwerst
wandter Ethik für Studierende aller anderen Fächer. Zum ande- kranken Menschen und der Sterbebegleitung gewidmet. Verren engagiert sie sich mit ihrem Team in mehreren internationa- längert die moderne Medizin das Leben in einer sinnvollen
len Forschungsprojekten. Diese sind interdisziplinär angelegt, Weise oder verzögert sie nur das Sterben? Ist die Ausschöpfung
beschäftigen sich vorwiegend mit Aspekten der Patientenbe- aller therapeutischen Mittel wirklich das Beste für eine schwer
treuung in Grenzsituationen und führen empirische, kasuisti- kranke Person? Oder ist es eher so, dass das Unterlassen techsche und analytische Methoden der Ethik zusammen. Gerade nisch möglicher Behandlungen unnötiges Leiden verhindern
in der Medizin bleiben ethische Fragen oft implizit und werden kann? Ist ein Sterben in Würde realisierbar? Wie steht es mit
nicht selten «aus dem Bauch heraus» angegangen. In der Hektik der Rolle der Angehörigen, wenn die Kranken nicht mehr andes Spitalalltags, auf der Intensivstation und am Krankenbett sprechbar sind? Die Studien zur Patientenbetreuung am Lebenskönnen sich die Beteiligten kaum über Ethik austauschen.
ende, zur Sterbebegleitung und zur passiven Sterbehilfe lassen
Von der Zulässigkeit der Verwendung von Stammzellen über anhand von derzeit 150 Fallstudien und Interviews mit Ärzten,
die Lebendorganspende bis zum humanen Umgang mit Ärztinnen und Pflegenden typische Schwierigkeiten erkennen.
Schwerkranken reichen die Projekte, die am Institut im Rah- An einem dieser Projekte arbeitet die Psychologin Sandra Barmen des Forschungsprogramms laufen. Die meisten davon hat tels: Sie ist mit der Projektgruppe derzeit dabei, ein FortbilReiter-Theil am Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin dungsprogramm zu den klinischen, ethischen und rechtlichen
an der Universität Freiburg i. Br. begonnen und führt sie nun in Dilemmata bei Entscheidungen am Lebensende zu entwickeln.
Herausforderung Ethik UNI NOVA 90/2002
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Grundlage dafür ist ein Programm aus den USA, das für den Schädigungen absehbar sind. In einer Studie hat Reiter-Theil
deutschen Sprachraum adaptiert und erweitert werden soll. zusammen mit der Ärztin Katharina Lindner die EntscheiDas Programm will das Spitalpersonal unterstützen und das dungsprozesse bei Therapiebegrenzung und Therapieabbruch
Problembewusstsein fördern, aber auch Möglichkeiten zeigen, bei 40 Kindern in neonatologischen Intensivstationen in Freiwie Patienten und Angehörige in den Entscheidungsprozess burg untersucht. In drei von vier Fällen ermittelte das Medizineingebunden werden können. Dafür bietet ein Fragebogen für personal die Wünsche der Eltern. Eines der Ergebnisse dieser
jedes Spital die Möglichkeit, das eigene Wissen, Einstellungen Studie ist, dass die Einbindung der Eltern in die Entscheidungsund Praktiken zu identifizieren. Ein Ziel des Programms ist findung präzisiert und unterstützt werden muss.
auch, institutionelle ethische Leitlinien zum Umgang mit S t a m m z e l l e n u n d O r g a n s p e n d e n Weitere umstrittene
schwierigen Situationen, etwa beim Abbruch lebenserhaltender Themen, mit denen sich die Ethik derzeit befasst, sind die
Massnahmen zu fördern.
Forschung an humanen embryonalen Stammzellen und die
Die Mehrzahl der Ärzte und Ärztinnen fühlt sich bei der Ster- Lebendorganspende (siehe auch Seite 15). Die Forschung mit
bebegleitung unsicher, wie eine frühere Studie des Forschungs- Stammzellen eröffnet zwar viel versprechende Möglichkeiten,
teams nachgewiesen hat. Nicht nur die Therapiebegrenzung bei wirft aber ebenso auch sensible ethische Fragen auf. StammzelSterbenden, also die Frage, welche Therapien und Interventionen len sind noch nicht spezialisierte Zellen, die sich etwa beim
möglich und sinnvoll sind, ist eine schwierige Sache. Auch der menschlichen Embryo in die rund 200 verschiedenen Zelltypen
Umgang mit den Angehörigen stellt die ärztlichen Begleiter immer entwickeln können. Damit könnten sie theoretisch zur Therawieder vor fast unlösbare Schwierigkeiten. Medizinisches Wis- pie von Krankheiten beim Erwachsenen eingesetzt werden. Die
sen allein reicht nicht aus. Gefragt sind zunehmend kommuni- Biologin Dr. Beatrix Rubin untersucht am Institut biomedizinikative und psychosoziale Fähigkeiten – und eben die Fähigkeit, sche und ethische Fragen, die sich aus der Gewinnung und Anmit ethischen Konflikten dort umzugehen, wo sie entstehen.
wendung von humanen embryonalen Stammzellen ergeben.
« A l t e r d a r f k e i n K r i t e r i u m s e i n » Soll die verantwortliche
Vor dem Hintergrund eines neuen schweizerischen Transplan-
Ärztin zum Beispiel die Therapiemassnahmen abbrechen, tationsgesetzes stellt auch der Umgang mit Organen die Gesellwenn auf dem Spitalbett oder in der Intensivstation ein sehr schaft vor etliche Fragen: Unter welchen Voraussetzungen darf
betagter Patient liegt? Die Frage ist brisant und wird auch kon- einer verstorbenen Person ein Organ für eine Transplantation
trovers diskutiert. Da müsse es aus der ethischen Richtung Ein- entnommen werden? Wer darf, im Fall von so genannten Lespruch geben, sagt Reiter-Theil: «Das Alter eines Patienten soll bendspenden, ein Organ an wen spenden, wer entscheidet dabei ärztlichen Entscheiden nur dann zum Kriterium gemacht rüber und wie lassen sich Missbräuche verhindern? Wie geht
werden, wenn dieses die Aussicht auf Therapieerfolg, Heilung das Medizinpersonal mit Ängsten und Bedenken der potenzieloder Linderung reduziert. Für sich genommen, darf das Alter len Spender um? Was, wenn nach der Spende einer Niere die
kein Kriterium für das Vorenthalten von medizinischen An- zweite einmal erkranken wird? Eine frühere Studie von Reitergeboten sein, denn das wäre genau so ungerecht wie etwa Theil und Mitarbeitern hat ergeben, dass sich keine Anhaltsdie gesellschaftliche Position als Kriterium.» Die Benachteili- punkte dafür finden, dass sich Lebendspender von Organen vor
gung von sozialen Gruppen, gleich welchen Alters, verstosse ihrem Entscheid unter Druck gesetzt gefühlt hätten.
aber gegen das Gleichbehandlungs- und Gerechtigkeitsprinzip.
Das Institut für Angewandte Ethik und Medizinethik ist neben
Ähnliche ethische Probleme stellen sich auch in der Intensivbe- Forschung und Lehre in zahlreichen konkreten Beratungen,
handlung von Neugeborenen, wenn schwere Krankheiten oder Projekten der Auftragsforschung und Begutachtungen aktiv.
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
«Patientenwünsche
wichtiger geworden»
Interview: Christoph Dieffenbacher
In Basel sind wir mit der Studienreform in der Medizin sehr
F r a u R e i t e r- T h e i l , w o f ü r b r a u c h t e s ü b e r h a u p t d a s
gut in der Lage, Ethik zu lehren und zu vermitteln – und zwar
Fach Ethik in der Medizin? Ärzte und Ärztinnen wären
durch die Kombination von Vorlesungen in sehr konzentrierter
doch eigentlich verpflichtet, ethisch zu handeln –
Form und aktiver Diskussion und Arbeit in Kleingruppen.
etwa durch den hippokratischen Eid.
Wichtig ist, dass den Studierenden ethische Probleme in praxisDer hippokratische Eid leistet relativ wenig für die aktuelle Be- nahen, echten Fallbeispielen zugänglich gemacht werden.
wältigung der ethischen Herausforderungen. Die ethischen und
Kann man Fallbeispiele überhaupt verallgemeinern?
rechtlichen Anforderungen haben sich verändert. So wird heute
Jeder Patient und jede Patientin ist doch in einer
gefordert, dass der Wille der Patienten und Patientinnen beim
ganz besonderen Situation.
Therapieentscheid stärker berücksichtigt wird. Ihre Wünsche,
das eigene Leben aktiv gestalten zu können, spielen bei uns eine Wenn man aus dem Studium und der Diskussion von Einzelviel grössere Rolle als früher. Dazu kommt, dass sich die Medi- fällen lernt, dass jeder Fall einzeln angeschaut werden muss, ist
zin ständig verändert: Sie hat in den letzten Jahren ungeheure bereits eine wichtige allgemeine Regel gewonnen. Doch zusätzlich
Fortschritte gemacht und neue Möglichkeiten in der Behand- müssen wir auf allgemeine Prinzipien der Ethik zurückgreifen
lung gewonnen, etwa darin, Menschen am Leben zu erhalten.
wie zum Beispiel auf den Respekt vor den Patienten als Menschen
und auf die Gerechtigkeit. Damit verbinden wir in der Ethik den
F ü h r e n n e u e m e d i z i n i s c h e Te c h n o l o g i e n z u n e u e n
Blick für das Besondere mit der Orientierung am Allgemeinen
ethischen Herausforderungen? Also: Je komplexer
– was übrigens auch andere wissenschaftliche Methoden tun.
die Medizin, desto mehr Ethik wird nötig?
Ja, denn mit den technischen Neuerungen entstehen Situationen,
die man früher gar nicht kannte. Mit der zunehmenden Komplexität ist die ethische Kompetenz stärker herausgefordert.
Diese wurde, im Vergleich zur wissenschaftlich-technischen
Kompetenz, in den letzten Jahrzehnten im Medizinstudium
eher vernachlässigt. Gleichzeitig sind aber unsere Gesellschaften für Menschen-, Bürger- und Patientenrechte sensibler geworden. Durch diese beiden Elemente hat Ethik in der Medizin
an Bedeutung gewonnen.
Wie lässt sich Ethik in der Medizin vermitteln?
Prof. Stella Reiter-Theil, geboren
1955, ist Vorsteherin des Instituts
für Angewandte Ethik und Medizinethik an der Medizinischen
Fakultät. Die Inhaberin der AnneFrank-Stiftungsprofessur absolvierte ein Doppelstudium der Philosophie und Psychologie in Tübingen
und forschte als Postdoc an der
Universität Wien. Für ihre Dissertation wurde sie mit dem HeinzMaier-Leibnitz-Preis ausgezeichnet.
1990–1995 war sie für den Aufbau
der Akademie für Ethik in der Medizin an der Universität Göttingen
verantwortlich und wechselte danach als Forschungsleiterin an das
neu gegründete Zentrum für Ethik
und Recht in der Medizin an der
Universität Freiburg/Br., wo sie
sich 1999 habilitierte. (Bild: Andreas
Zimmermann)
UNI NOVA 90/2002
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Wie viel Wahrheit
ist zumutbar?
Hansjakob Müller
Welche genetischen Informationen sollen den Patient-
Hans R. suchte wegen zunehmenden Konzentrationsschwierig-
Innen und ihren Angehörigen vermittelt werden?
keiten und Bewegungsstörungen den Neurologen auf. Der mo-
Jeder medizinische Test kann Resultate abwerfen, die Ärztinnen lekulargenetische Test bestätigte den klinischen Verdacht, dass
und Ärzte vor die schwierige Frage stellen, ob sie die untersuchte er, wie sein verstorbener Vater, an der autosomal-dominant
Person darüber vollumfänglich informieren müssen/sollen/ vererbten Chorea Huntington leidet. Verena R.-M. hat mitbedürfen. Solche «disclosure dilemmas» gehören bei der medizi- kommen, dass mit ihrem früheren Mann etwas nicht stimmt.
nisch-genetischen Diagnostik zu den grössten ethischen Heraus- Sie und der gemeinsame Sohn Emanuel sind mit ihm völlig
forderungen. Sie dürften beim raschen technologischen Fort- verstritten und haben jeden persönlichen Kontakt abgebroschritt mit immer effizienteren Analyseverfahren in den nächs- chen. Frau R. und Emanuel wollen nun erfahren, was bei Hans
ten Jahren noch zunehmen. Die Konfliktsituationen werden tatsächlich vorliegt und welche Konsequenzen dies für den
häufiger und komplexer. So gilt es, breit abgestützte Antworten Sohn hat. Unter welchen Voraussetzungen dürfen relevante geunter anderen zu folgenden Fragen zu finden: Welche medizi- netische Daten an nahe Verwandte weitervermittelt werden?
nisch-genetischen Daten und Fakten können Laien überhaupt Wie ist bei schwierigen familiären Verhältnissen vorzugehen?
zugemutet werden? Welche dieser Informationen müssen/dürfen Bei einer 37-jährigen Schwangeren, die bereits vier Töchter im
Angehörigen mitgeteilt werden? Gibt es auch moralische Res- Alter von 17, 15, 12 und 9 Jahren hat, ergab die pränatale Diatriktionen, die ein Weiterleiten von genetischen Daten verbieten?
gnostik, dass der Fetus wiederum weiblich ist. Darf ihr dieses
Suzanne G., Mutter von drei gesunden Kindern, ist – ungewollt Ergebnis bekannt gegeben werden, zumal die Vermutung be– schwanger. Der Screening-Test ergab in der 16. Schwanger- steht, dass vor neun Monaten bei einem gleichen Befund die
schaftswoche ein Risiko von 1:230, dass der Fetus eine Trisomie damalige Schwangerschaft abgebrochen wurde?
21 aufweisen könnte. Mittels Amniozentese wurde darauf eine An einer internationalen Konferenz mit Vertreterinnen/VertreFruchtwasserprobe entnommen und 28 Mitosen von gezüchte- tern aus Medizin, medizinischer Genetik, Philosophie, Recht,
ten Amnionzellen zytogenetisch analysiert; eine davon zeigte Psychologie und Soziologie wurde die Diskussion der Fragen
eine Trisomie 21. Grössere Studien belegen, dass es sich bei ei- um solche «disclosure dilemmas» aufgenommen. Sie wird
nem solchen Einzelbefund in der Regel um einen Pseudomo- weitergehen – und dabei die Anforderungen an ein geeignetes
saizismus handelt, der für den Fetus bedeutungslos ist. Darf Umfeld berücksichtigen, in dem genetische Informationen ehrman eine ohnehin schon verunsicherte Schwangere mit allen lich und offen zum Nutzen der Ratsuchenden vermittelt wergenetischen Befunden belasten? Soll man alle Zufalls- und Ne- den können.
benbefunde, die sich bei genetischen Untersuchungen ergeben,
mitteilen, um sich gegen den Vorwurf zu schützen, man habe
nicht alles gesagt, wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt?
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
Prof. Hansjakob Müller ist Extraordinarius für Medizinische Genetik, Leiter
der Abteilung für Medizinische Genetik UKBB des Departements für KlinischBiologische Wissenschaften und Mitglied der Nationalen Ethikkommission im
Bereich der Humanmedizin.
Ethik in den
Biowissenschaften
Christoph Rehmann-Sutter
B i o e t h i k s o l l z u r Q u a l i t ä t v o n E n t s c h e i d u n g s p r o z e s - sem Sinn ist Bioethik eine Dienstleistungsdisziplin. Sie hilft der
s e n i n d e r F o r s c h u n g u n d i n i h r e r A n w e n d u n g b e i - Gesellschaft, bei ihren Entscheidungen die nötigen Differenziet r a g e n – u n d d a b e i a u c h d i e b e t e i l i g t e n u n d b e t r o f - rungen zu finden. Und sie hilft BiowissenschaftlerInnen, die als
fenen Menschen nicht aus dem Blick verlieren.
Menschen moralische, weltanschauliche und politische Fragen
Es ist heute überflüssig, zu begründen, dass die biologischen an ihre eigene Praxis richten.
und biomedizinischen Wissenschaften von ethischem Bewusst- C h a n c e f ü r R e f l e x i o n Indem Verantwortung eine menschlisein begleitet sein müssen. Die Anwendung der Gentechnologie che Aufgabe ist, kommt Ethik aber nicht von aussen an die Wisin der Landwirtschaft oder die Forschung mit Stammzellen – senschaften heran. WissenschaftlerInnen selbst sind nicht ihre
um nur zwei Beispiele zu nennen – sind gesellschaftlich um- Objekte, sondern ihre Subjekte. Sie werden nicht «von Ethikern
stritten. Im Konflikt entsteht ein ethischer Klärungsbedarf. belehrt». Verantwortung lässt sich nämlich niemandem von
Weshalb sind diese umstrittenen Projekte denn überhaupt aussen aufoktroyieren. Man kann Verantwortung nicht delegieproblematisch? Gibt es Gründe? Wer ist wie betroffen und wie ren, denn sie ist eine ureigene Fähigkeit des Selbst. Allerdings
beteiligt? Es entsteht auch in der Wissenschaft das Bedürfnis, ist Verantwortung eine Komponente, die sich im gemeinsamen
die Gründe und die moralischen Intuitionen sowohl der Befür- Gespräch entwickeln lässt. Sie lässt sich schärfen, verfeinern,
worter wie auch der Kritiker zu benennen. Die Diskussion fundieren. Wenn BiologInnen und MedizinerInnen heute nicht
kann sachlich nur weiterkommen, wenn die Gründe offen ge- selten herausgefordert werden, über ihr Tun, über ihre Projekte
legt, überprüft und dann auch gegeneinander abgewogen wer- und Visionen, über die ihnen zugrunde liegenden Wertvorden. Ethik in den Biowissenschaften hat zur Aufgabe, mitzuhel- stellungen öffentlich Rechenschaft abzulegen, kann dies eine
fen in den Evaluations- und Entscheidungsprozessen, welche Chance sein für diese Reflexion. Ethik als Fach innerhalb der
sowohl im Betreiben der Forschung als auch im Anwenden ih- Biowissenschaften soll ein Ort sein, wo diese Reflexion Raum
rer Ergebnisse im Rahmen der Biotechnologie und der Medizin gewinnen kann, ein Ort, wo Reflexion methodisch geführt wird.
anfallen. Sowohl die Forschung als auch die Technologie und Die empirischen Wissenschaften selber entwickeln mit ihren
die gesellschaftliche Verarbeitung sind Praxisbereiche. In die- Methoden (Mess-, Experimentier- und Theoriebildungskunst)
«Bioethik als Dienstleistung für Gesellschaft und Forschende»: Biologe und Ethiker Christoph Rehmann-Sutter. (Bild: Claude Giger)
die Kompetenzen nicht, die benötigt werden, um ethische Aus- Verfahren. Verfahren müssen den Beteiligten und Betroffenen
einandersetzung fundiert und transparent zu führen. Dies ist gegenüber und auch der Sache gegenüber gerecht sein. Diese
kein Vorwurf, sondern Ausdruck einer nüchternen Analyse. Dimension erfordert als dritte Schlüsselkompetenz die KomDenn das entscheidende Element in einer Wertung ist gerade munikation.
ihr evaluativer und nicht ihr empirischer Anteil. Die Kenntnis Damit ist gesagt, welche Ziele Ethikkurse in den Wissenschaften
der relevanten Fakten ist zwar eine notwendige, aber keine hin- haben können. Die Schärfung der Fähigkeit zur moralischen
reichende Bedingung für eine haltbare Bewertung. Um die Wahrnehmung in Situationen, die Entwicklung der Fähigkeit,
Wertungen im Bereich wissenschaftlich-technologischer Praxis Gründe zu prüfen und die Entwicklung kommunikativer
kritisch diskutieren zu können, bedarf es genuin moralischer Kompetenz, also des Zuhörens und des Sich-Ausdrückens im
Kompetenzen.
Gespräch.
D r e i G r u n d d i m e n s i o n e n Ethik in den Wissenschaften ist Tr a n s d i s z i p l i n ä r e A u f g a b e Die Dimensionen des Ethi-
eine multidimensionale Aufgabe. Es wäre verkürzend, sie auf schen strukturieren aber auch die Forschungsaufgaben, welchen
das Setzen und Verteidigen von Grenzen für die Forschung zu die Bioethik gegenübersteht. Für konkrete Projekte – eben z.B.
reduzieren oder sie als die rationale Begründung des richtigen die Verwendung gentechnologischer Methoden in der LandHandelns zu definieren. Es wäre auch zu eng, sie ganz auf den wirtschaft oder die Forschung mit menschlichen embryonalen
Prozess- oder Verfahrensaspekt zu reduzieren. Die erste von Stammzellen – kann untersucht werden, was für die Beteiligten
drei Grunddimensionen, die zusammen das Feld des Ethischen und Betroffenen auf dem Spiel steht. Dies ist eine Aufgabe, die
aufspannen, ist die Verantwortung. Verantwortung bedeutet nicht durch Theorie allein gelöst werden kann, sondern erforwörtlich ein «Antworten»: auf das mögliche Wohl und Wehe dert auch, dass man hingeht, Beteiligte und verschiedenartig
der Betroffenen unseres Handelns. Es muss uns überhaupt et- Betroffene fragt und ihre Antworten systematisch auswertet.
was angehen. Und wir müssen die Handlung und die Folgen Die ethischen Fragen haben immer einen konkreten Kontext
uns selbst zurechnen. Beides bedeutet, selbst betroffen zu sein von Beziehungen und einen kulturellen Hintergrund. Zweitens
von dem, was wir tun. Die Kompetenz, die zu dieser ersten können für Lösungen verschiedene Begründungsgänge entwiDimension des Ethischen führt, ist die moralische Wahrneh- ckelt und vorgeschlagene Gründe kritisch analysiert werden.
mung. Antworten setzt Hören voraus.
Drittens sind die Verfahren der Entscheidfindung selbst Gegen-
Die zweite Grunddimension ist eröffnet durch den normativen stand einer systematischen Erforschung. Verschiedene MethoAspekt moralischer Aussagen. Wir streiten um konkrete Vor- den müssen daraufhin geprüft werden, wieweit sie den beteiligschriften, Empfehlungen, Regeln. Wenn Normen strittig sind, ten und betroffenen Personen und den Gegenständen gerecht
entsteht die Frage, welche moralischen Gründe für oder ge- werden können. Naturwissenschaftliche Kompetenz muss
gen die miteinander im Konflikt liegenden Normen sprechen. sich mit historisch-hermeneutischer Kompetenz und kritiDie klare Begründung ist eine zweite Schlüsselkompetenz der schen Komponenten verbinden. Dies ist notwendigerweise eine
Ethik. Oft entsteht gleichzeitig die Frage, wer eine Abwägung im eigentlichen Sinn transdisziplinäre Aufgabe: Sie erfordert
vornehmen soll und wie Entscheidungen vorbereitet werden nicht nur die problembezogene Kooperation verschiedener
müssen, um haltbar und vertrauenswürdig zu sein. Diese Fra- Disziplinen, sondern auch die Partizipation der Betroffenen
gen benennen die dritte Grunddimension der Ethik: den Dis- und Beteiligten.
kurs. Urteile werden in Prozessen der Abwägung und Abklärung gefunden, und darin gibt es die Frage nach den gerechten
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Prof. Dr. phil., dipl. biol. Christoph Rehmann-Sutter ist Assistenzprofessor,
Leiter der Arbeitsstelle für Ethik in den Biowissenschaften der Universität Basel
und Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin.
Ethik und
Gentherapie
Franziska Flückiger
Ethik und Gentherapie – wie stellt sich dieses Thema
verbunden. Krankheit und Behinderung können Begrenzung
a u s d e r S i c h t v o n B e t r o f f e n e n d a r ? D i e s e r s p a n n e n - der Lebenserwartung und/oder der Lebensqualität bedeuten.
d e n F r a g e s i n d J a c k i e L e a c h S c u l l y u n d C h r i s t o p h Scully, als Engländerin in Singapur geboren, hat in England
R e h m a n n - S u t t e r n a c h g e g a n g e n . S i e k a m e n d a b e i z u Biochemie studiert. Für ihre erste Postdoc-Stelle kam sie 1989
erstaunlichen Ergebnissen.
in die Schweiz, war in der Krebsforschung und später in Basel
«Wenn so vieles möglich wird; wie können wir bestimmen, was in der Neurobiologie tätig. Ethische Fragen haben sie schon
getan werden soll, aus dem, was getan werden kann?» Diese immer interessiert, und so ist sie heute wissenschaftliche MitFrage von Edmund Pellegrino aus dem Jahre 1979 stellen arbeiterin am Institut für Geschichte und Epistemologie der
Christoph Rehmann-Sutter und Jackie Leach Scully von der Medizin. Rehmann-Sutter ist Leiter der Arbeitsstelle für Ethik
Arbeitsstelle für Ethik in den Biowissenschaften an den Anfang in den Biowissenschaften und Präsident der Nationalen Ethikeines Aufsatzes. Und das ganz bewusst, denn die Frage hat kommission im Bereich der Humanmedizin (siehe Seite 11).
nichts von ihrer Aktualität verloren. Die beiden haben, zusam- E i n e F r a g e d e r I d e n t i t ä t Für die Studie wurden Gespräche
men mit einer Assistentin, von 1998 bis Ende 2001 ein Projekt mit Leuten geführt, die Kandidaten für eine Gentherapie wären
im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 37 «Soma- – sofern eine zur Verfügung stehen würde –, und auch mit Ärztische Gentherapie» bearbeitet. Es beschäftigte sich mit der ten, die an der Anwendung solcher Therapien interessiert sind.
Wahrnehmung der ethischen Problematik der Gentherapie in Die auf Tonband aufgenommenen Interviews wurden mit
der Sicht von Betroffenen und potenziellen PatientInnen.
qualitativer Methodik analysiert. Die Ergebnisse der Studie
Radikale Fragen stellt die Philosophie, sie stellt in Frage und haben Konsequenzen für eine kritische Neuinterpretierung der
hinterfragt, ist darum bemüht, das Selbstverständliche nicht Unterscheidungen zwischen Gentherapie und genetischer «Verselbstverständlich zu finden – weder die gängigen Meinungen besserung» einerseits sowie zwischen somatischer (Körper-)
über moralische Gemeinplätze noch darüber, was wahre Er- und Keimbahn-Gentherapie andererseits. Denn es zeigten sich
kenntnis, menschliches Glück oder ein gerechter Staat sei. Heute eklatante Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von
wird der Ethik – als einer der spezifischen Disziplinen der Phi- Betroffenen. Litten sie beispielsweise an einer fortschreitenden
losophie – nicht mehr zugetraut, die Menschen besser und die Krankheit wie multipler Sklerose, waren sie einer Gentherapie
Welt gerechter zu machen, aber technologische Entwicklungen eher zugänglich – wobei die Nebeneffekte einer solchen Theraund ökologische Probleme werfen neue ethische Fragen auf: Wie pie immer eine grosse Rolle spielen –, wogegen zum Beispiel
weit soll das technisch Machbare erlaubt sein, wie sind unter- kleinwüchsige Menschen einer solchen Therapie eher ablehschiedliche Werte und Rechtsansprüche in Einklang zu brin- nend gegenüberstehen, sehen sie doch ihren Zustand keinesfalls
gen? Das sind die entscheidenden Punkte. Besonders die medi- als Behinderung, sondern als Teil ihrer Identität. Gleiches kann
zinisch-genetische Diagnostik ist unweigerlich mit Wertfragen Scully aus der Behinderten-Bewegung in England bestätigen.
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Der Begriff der genetischen Verbesserung kann unter verschie- nicht verändern, eine Verbesserung würde diesen natürlichen
denen Umständen unterschiedliche Bedeutungen haben. Tritt Charakter aber verändern. Da stellt sich aber gleich die Frage:
beispielsweise eine Krankheit häufig auf, könnte man das Risi- Was heisst normal? Aus dem Gesagten lässt sich leicht herausko, dieses Leiden zu entwickeln, als normal betrachten, und lesen, dass die Definition des Menschlichen durch eine «Norentsprechend müsste man die Verkleinerung dieses Risikos malitätsnorm» sehr problematisch ist. Sie ist exklusiv, grenzt
als eine Art Verbesserung werten. Das ist aber irreführend. Die Menschen aus und stimmt mit den Wahrnehmungen BetroffeBedenken der Öffentlichkeit richten sich nicht gegen die Ver- ner nicht überein. Die Konsequenz daraus: Es gibt keinen neubesserung von Merkmalen zur Linderung von Krankheiten, tralen Standpunkt, um die Normalität von Körperzuständen
sondern gegen die Veränderung von Funktionen, die ohne Be- zu beurteilen.
handlung als vollkommen «normal» gelten. (Die sportlichen Und daraus ergibt sich aus der Studie von Scully und Rehmann
Fähigkeiten eines Laien auf das Niveau eines Profis zu steigern dieses Fazit: Aus der Sicht von Betroffenen oder potenziellen
– diese Art genetischer Verbesserung halten viele für inakzep- PatientInnen macht die Standardunterscheidung zwischen
tabel.)
somatischer Gentherapie und Keimbahntherapie wenig Sinn.
Eine andere wichtige Unterscheidung betrifft vererbbare und Und auch jene zwischen therapeutischen und verbessernden
nichtvererbbare genetische Veränderungen. Eine Genübertra- Massnahmen ist, denkt man ebenso konsequent aus der Pergung in einen jungen Embryo erlaubt es, die meisten Zellen des spektive von Betroffenen, fragwürdig. Andere Verfahren in der
Organismus zu verändern. Die genetischen Veränderungen er- ethischen Beurteilung der Gentherapie sind gefragt. Der Vorstrecken sich aber auch auf die Keimzellen und können somit schlag der Forschenden lautet: Es soll nicht «beachtet» werden,
weitervererbt werden. Um Missbrauch vorzubeugen, muss bei ob bei der Beurteilung der ethischen Vertretbarkeit einer Gender Diskussion zum Thema genetische Verbesserung unbe- Intervention diese auf der einen oder anderen Seite steht
dingt mit einbezogen werden, dass Veränderungen auch auf (Therapie/Prävention – Verbesserung), sondern vielmehr nach
Nachkommen übertragen werden.
dem Kriterium entschieden werden: Tut es den Betroffenen in
Können heisst nicht sollen: Eine Möglichkeit ist nicht deshalb ihrem persönlichen sozialen Kontext gesehen gut oder nicht?
gut, weil sie offen steht, so Scully und Rehmann. Wie können
hier aber Grenzen gezogen werden? Herkömmlicherweise sollen ethische Regeln dazu dienen, zu entscheiden, ob diese oder
eine andere Behandlung akzeptabel ist oder nicht; dabei nach
einem einfachen Schema zu urteilen, das kritisieren die beiden
Forscher. Denn immer müsse das gesamte Umfeld der Betroffenen beachtet und verstanden werden; in jedem Fall müsse neu
entschieden werden.
Wa s h e i s s t d e n n n o r m a l ? Für Gentherapie hat sich ein
Abgrenzungsschema eingebürgert: Ist sie somatisch und wirkt
heilend, ist sie prinzipiell erlaubt, doch wenn sie die Keimbahn
verändert und dann verbessernd wirkt, ist sie prinzipiell verboten. Therapie und Prävention können als Eingriffe verstanden
werden, die den natürlichen Charakter menschlicher Wesen
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
Dr. Franziska Flückiger ist Wissenschaftsjournalistin in Basel.
Stammzellen und
Transplantationen
Marion Morgner
B e i d e n B e g r i f f e n « S t a m m z e l l e n » u n d « Tr a n s p l a n t a - seiner Disziplin zu begreifen. Er selbst hat während eines intert i o n » d e n k e n w o h l v i e l e z u n ä c h s t a n F o r s c h u n g s e r - disziplinären Seminars sogar schon einmal bei einer Herzopef o l g e . D i e r a s a n t e n E n t w i c k l u n g e n i n d e r M e d i z i n ration zugesehen, um einen Eindruck von der Arbeitssituation
w e r f e n a b e r a u c h z a h l r e i c h e e t h i s c h e u n d j u r i s t i - eines Mediziners zu bekommen.
s c h e F r a g e n a u f . Z w e i i n t e r d i s z i p l i n ä r e P r o j e k t e S t a m m z e l l - P r o j e k t a u s g e w e i t e t Nachdem die Stammsind auf der Suche nach Antworten.
zellen durch neue wissenschaftliche Ergebnisse ins Zentrum
Wer Ulrike Kostka sucht, kann sie anpiepsen lassen. Ihr Büro des Interesses gerückt sind, haben die Verantwortlichen des
ist in der Basler Universitäts-Frauenklinik untergebracht, wo Stammzell-Projekts reagiert. Ursprünglich war das vom Natioviele einen Piepser auf sich tragen. Doch Kostka ist keine Ärztin, sondern promovierte Theologin. Sie befasst sich mit ethischen Fragen der Stammzellmedizin und der Transplantation.
Interdisziplinär zu sein: Dieses hohe Ziel haben viele Forschungsvorhaben, doch bei den beiden Projekten «Rechtsethische Probleme der Gewinnung, Lagerung und Verwendung von
Stammzellen aus Nabelschnurblut» und «Rechtliche und ethische Probleme der Transplantationsmedizin» wird die Interdisziplinarität im Alltag wirklich gelebt. Fachleute aus Recht,
Medizin, Ethik – die Kontakte innerhalb der beiden Projekte
des Nationalen Forschungsprogramms «Implantate und Transplantate» verlaufen kreuz und quer.
«Es gibt bei uns keine Berührungsängste», sagt auch Kostka,
und Prof. Wolfgang Holzgreve, Leiter der Frauenklinik, bestätigt: «Wir ringen alle gemeinsam um die bestmögliche
Lösung.» Für den Juristen Prof. Kurt Seelmann, Leiter des
Stammzell-Projekts, ist die Zusammenarbeit über das eigene
Fach hinaus nicht nur sinnvoll, sondern unerlässlich. «Ethisch
relevante Begriffe sind im Recht mittlerweile alltäglich», stellt
er fest. Entscheidend sei, dass man versuche, den anderen in
Entnahme von Blut aus der Nabelschnur eines Neugeborenen: Die darin enthaltenen Stammzellen bilden die verschiedenen Blutzellen des
Menschen. (Bild: Universitäts-Frauenklinik Basel)
Herausforderung Ethik UNI NOVA 90/2002
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nalfonds für vorerst drei Jahre geförderte Projekt auf Stamm- Behandlung genetischer Krankheiten. Die strikten Richtlinien,
zellen aus Nabelschnurblut beschränkt. Jetzt wird die gesamte nach denen mit den Stammzellen zu verfahren ist, werden in
Problematik dieses Themas einschliesslich der embryonalen der Schweiz von der Organisation «Swisscord» festgelegt, in deStammzellen mitberücksichtigt.
ren Kommission Surbek und Holzgreve aktiv sind. Dass das
Eine Informationsbroschüre, die für eine Stammzellen-Studie Potenzial der embryonalen Stammzellen enorm ist, dafür gibt
an der Frauenklinik verfasst wurde, vermittelt auf 18 Seiten es mittlerweile viele experimentelle Hinweise. «Der Druck,
grundlegende Fakten zum Thema. Dazu gehört ein Fragebogen, ethische und juristische Diskussionen über die Anwendung zu
in dem das Wissen über Stammzellen vor und nach dem Lesen führen, ist daher unvermeidbar», sagt Holzgreve.
der Broschüre abgefragt wird. Zudem sollen sich die Lesenden
zu ihrem persönlichen ethischen Empfinden und ihrer Beurtei-
Stammzelle ist nicht gleich Stammzelle
lung der Stammzellproblematik äussern. Bevor Broschüre und
S t a m m z e l l e : Zelle, die sich durch
6. Entwicklungstag des Embryos auf
Fragebogen ausgearbeitet worden waren, befragte die Frauen-
Zellteilung unbegrenzt vermehren
und können sich in alle Zell- und
klinik 300 werdende Mütter, ob sie überhaupt bereit wären,
kann und die Fähigkeit besitzt, spe-
Gewebetypen spezialisieren. Nabel-
Nabelschnurblut ihres Kinds zur Gewinnung von Stammzellen
zialisierte Nachkommenzellen zu bil-
schnurblut-Stammzellen: Kom-
zu spenden. «Die Akzeptanz der Nabelschnurblutspende hat
den. S o m a t i s c h e
Stammzel-
men im Blut von Nabelschnur und
uns selbst überrascht: 90 Prozent der Frauen äusserten sich po-
l e n : Stammzellen, die auch bei Er-
Plazenta vor und bilden die verschie-
sitiv», berichtet der Mediziner und Privatdozent Dr. Daniel
wachsenen in vielen Organen in
denen Blutzellen des Menschen; ge-
Surbek von der Universitäts-Frauenklinik, der die Supervision
kleiner Zahl auftreten. Sind für die
hören zu den somatischen Stamm-
des medizinisch-ethischen Teils der Studie sicherstellt.
Neubildung von Zellen und Ge-
zellen, sind aber noch weniger spezi-
« G e s e l l s c h a f t m u s s e n t s c h e i d e n » Die Bandbreite der weben
Gruppen, die zur Beantwortung des Fragebogens ausgewählt
zuständig.
Embryonale
S t a m m z e l l e n : Treten bereits am
alisiert als somatische Stammzellen
Erwachsener.
wurden, ist gross: Schwangere Frauen, die in der Frauenklinik
betreut werden, eine Kontrollgruppe von nicht schwangeren K n i f f l i g e R e c h t s f r a g e n Zurzeit sind in der Schweiz nur weFrauen, die Partner der Frauen, Eltern, Ärzte und Pflegende der nige Teilbereiche der Stammzellmedizin rechtlich normiert.
Gynäkologie und Hämatologie sowie Empfänger von Stamm- Allein mit rechtlichen Aspekten befassen sich daher zwei weitezelltherapien. «Es ist wichtig zu wissen, welche tendenziellen re Teilprojekte des Stammzell-Projekts. An jeder Frage hängen
Einstellungen die Leute haben und wie sich diese Einstellungen unzählige weitere Detailfragen: Wie unterscheiden sich die verändern, wenn sie selber direkt oder indirekt betroffen sind. schiedenen Stammzelltypen aus rechtlicher Sicht? Inwieweit
Denn letztlich muss die Gesellschaft entscheiden, ob sie die können therapeutische Hoffnungen Eingriffe in Embryonen zu
Forschung an embryonalen Stammzellen zulassen will oder Forschungs- und Therapiezwecken rechtfertigen? Kommt dem
nicht», meint Kostka.
Embryo Menschenwürde zu? «Es gibt Leute, die meinen, Juris-
Die Basler Frauenklinik ist ein optimaler Ort für eine solche ten machen alles komplizierter», meint Seelmann. «Doch wenn
Umfrage: Hier wird schon lange in der Stammzellforschung zum Beispiel Streit darüber entsteht, wem das Nabelschnurblut
gearbeitet, und hier wurde die erste Nabelschnurblutbank der gehört, dann ist es die Aufgabe des Juristen, diesen Fall entSchweiz aufgebaut – über 250 Proben sind bisher eingelagert. scheidbar zu machen.» Und das gehe nur, indem jedes Detail
Zudem läuft hier ein Forschungsprojekt über die vorgeburt- juristisch betrachtet werde, ohne dabei aber den Gesamtzuliche Transplantation von Stammzellen zum Fötus für die sammenhang aus dem Blick zu verlieren.
16
UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
In einer rechtsvergleichenden Studie über Stammzellen sollen Überschneidungen. Viele ethische und rechtliche Kriterien
die verschiedenen rechtlichen Problemstellungen mit ihren müssen sowohl bei der Gewinnung und Verwendung von
Hintergründen dargestellt werden. Die Forschenden wollen Stammzellen als auch in der Transplantationsmedizin gewahrt
dabei Fragen, welche die Problematik der Nabelschnurblut- werden. So gibt es für die Organtransplantation einen Artikel
spende auszeichnen, vertieft behandeln. Sie werden die Rechts- in der Bundesverfassung, in dem es heisst, die Menschenwürde
ordnungen anderer Staaten wie etwa Deutschland, Grossbri- müsse geschützt werden und es müsse eine gerechte Verteilung
tannien und USA miteinander vergleichen. Ein ganz wichtiger geben. Die gleichen Kriterien müssen auch für die StammzellPunkt, dem ein eigenes Projekt gewidmet ist, ist die Frage der therapie gelten. Parallelen ergeben sich auch bei der Frage der
Fremdbestimmung bei medizinischen Eingriffen. Oder anders Einwilligung.
gesagt: Wer muss beispielsweise bei der Entnahme von Nabel- Das Projekt ist stark an das neue Transplantationsgesetz geschnurblut gefragt werden? Das Neugeborene kommt ja nicht bunden, das im Entwurf vorhanden ist und jetzt im Parlament
in Frage, denn es verfügt nicht über die juristisch verlangte beraten wird. Projektleiter ist Prof. Alberto Bondolfi von der
Einsichtsfähigkeit. Wer aber dann? Die Mutter, der Vater oder Universität Zürich, doch alle Bearbeiter der Teilprojekte haben
beide?
Tr a n s p l a n t a t i o n
ihren Arbeitsplatz an der Universität Basel. Wichtige ethische
aus
neuem
B l i c k w i n k e l Mit dem
Fragen sind zum Beispiel, nach welchen Kriterien die Organ-
Stammzell-Projekt eng verknüpft ist das Projekt über die verteilung stattfinden soll und wie das Verhältnis zwischen Orrechtlichen und ethischen Probleme der Transplantationsme- ganhandel und Menschenwürde aussieht.
dizin. Auch hier ist die Liste der zu beantwortenden Fragen E m o t i o n a l e u n d e t h i s c h e K o n f l i k t e Die Forschenden
lang. Die beiden Projektgruppen «Stammzellen» und «Trans- betrachten neben ethischen Fragen, die den Patienten direkt
plantation» treffen sich vierteljährlich, denn es gibt zahlreiche betreffen, auch die Situation der Pflegenden. Was heisst es für
Die Niere eines Lebendspenders wird für die Transplantation an einen
Patienten vorbereitet. Viele Fragen rund um die Organspende sind
noch offen. (Bild: Antonia Reeve/SPL/Keystone)
sie, «lebende Tote» zu betreuen? «Der Kern ist, dass die Pflegenden ab dem Moment, in dem der Hirntod festgestellt wird,
eine Leiche pflegen – in dem Sinn, dass dieser Mensch nie
mehr zum Leben kommen wird», erläutert Kostka. Hier kann
es zu grossen emotionalen und ethischen Konflikten kommen,
die in dem Forschungsprojekt analysiert werden.
Ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang mit der Organtransplantation ist auch der Hirntod. Er ist ein internationales
Kriterium als Voraussetzung für die mögliche Entnahme eines
Organs. Der Status einer hirntoten Person ist aber schwierig zu
definieren. Der Doktorand, der sich dieses Themas angenommen hat – ein Jurist –, hat sich ebenfalls über seine eigene Disziplin hinausgewagt: Er war bei der Entnahme einer Niere bei
einem Lebendspender dabei. In seinem Forschungsbericht
steht schlicht: «Die Eindrücke, die ich dabei gewinnen konnte,
werden nicht ohne Wirkung auf meine zukünftige Arbeit sein.»
Dr. Marion Morgner ist Wissenschaftsjournalistin in Albbruck (D).
Herausforderung Ethik UNI NOVA 90/2002
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«Gott spielen»?
Georg Pfleiderer
Zur ethischen Problematik gentechnischer Manipu-
Formen per saldo identisch ist, um als pauschales Argument
lationen am Menschen.
gegen jedwede gentherapeutischen Eingriffe oder auch gegen
Seit der Entzifferung bzw. Sequenzierung des menschlichen alle Arten der Forschung an und mit menschlichen Embryonen
Genoms durch Craig Venter und sein «Institute for Genomic gebraucht werden zu können. Umgekehrt muss etwa die humaResearch» im Frühjahr 2000 hat die Debatte um die ethische nistische Tradition als eine so radikale und programmatische
Legitimität von Manipulationen am menschlichen Genom eine Verflüssigung des Menschenbildes, als kollektives Menschenneue Intensität erreicht. Kirchenleitungen und ein Teil der experiment, gedeutet werden, dass der Unterschied zwischen
theologischen Ethiker haben sich daran meist mit warnenden soziokultureller Menschen-Bildung und gentechnischer ZüchWorten beteiligt und auf die Gefahr hingewiesen, dass der tung von Menschen als ein bloss gradueller erscheint. So steht
Mensch «Gott spielen» könne. Das christliche Menschenbild, einer theologisch motivierten abstrakten biologistischen Natuder biblisch fundierte Glaube an die Gottebenbildlichkeit des ralisierung des Begriffs vom Menschen eine nicht minder abMenschen, verbiete jedwede Eingriffe in das menschliche Erb- strakte Kulturalisierung gegenüber.
gut, und zwar auch dann, wenn sie zur Behandlung von schwe- In ihrer Spiegelbildlichkeit lassen sich beide Positionen – freiren genetisch bedingten Krankheiten dienen sollten. Dieser lich durchaus in Spannung zu ihrer Selbstwahrnehmung – als
restriktiven Position gegenüber haben Philosophen wie etwa Aktualisierung der spezifisch neuzeitlichen Fassung des Streits
Peter Sloterdijk dazu aufgerufen, die neuen gentechnolo- um die Frage «Was ist der Mensch?» verstehen. Denn dieser
gischen Möglichkeiten inklusive etwaiger Eingriffe in die neuzeitliche Streit bewegt sich seit seinen Anfängen bei Pico
menschliche Keimbahn als eine – allerdings sehr neuartige – della Mirandola, Descartes oder dem Beginn der anatomischen
Fortsetzung der humanistischen, ja der abendländischen Bil- Erforschung des Menschen zwischen den radikalen Alternatidungskultur zu begreifen, der es im Grunde schon seit Platon ven einer empiristischen Reduktion des Menschen auf seine
auch um nichts anderes als um die «Züchtung» des Menschen «natürliche Substanz» auf der einen Seite und der entgegengegegangen sei.
setzten These, dass der Mensch sich in seiner Selbstverfügung
Z w e i Tr a d i t i o n e n Das formal Gemeinsame der einander
und Selbstbestimmung selbst entwerfe. Spielt der Mensch
widerstreitenden Positionen liegt darin, dass das Neue gewis- Gott, wenn er etwas unternimmt, was wider seine – biologische
sermassen mit den Bordmitteln der Tradition, nämlich der – Natur ist? (Aber wo beginnt das dann?) Oder ist der Mensch
christlich-jüdischen oder aber der humanistischen Tradition in Wahrheit dazu verpflichtet, Gott zu spielen, weil er sein Wedes Abendlandes, zu bearbeiten versucht wird. Freilich ist un- sen, auch etwa sein soziales, sein politisches Wesen nur darin
verkennbar, dass dies nur gelingt, wenn diese Traditionen dabei findet, dass er den «sterblichen Gott» (Thomas Hobbes) –
ihrerseits in bestimmter Weise bearbeitet und interpretiert nämlich den Staat – erzeugt – und sich darin zugleich selbst
werden. Das christliche Menschenbild muss als etwas Fest- domestiziert? (Aber wo endet das dann?)
stehendes, in sich selbst Eindeutiges gedacht werden und als Z u p a u s c h a l e A n t w o r t e n Beide Extrempositionen zeichbezogen auf eine menschliche Natur, die vom Augenblick der nen sich dadurch aus, dass die Antworten, die sie geben, zu
Zeugung an mit sich selbst in ihren höchsten, individuiertesten pauschal sind und den nötigen bioethischen Differenzierungen
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
Was ist der Mensch? Genforschung im Labor. (Bilder: Dominik
Labhardt)
– insbesondere etwa der Unterscheidung zwischen somati- griffen worden ist. Anders und mit Hannah Arendt gesagt:
schen Gentherapien und Eingriffen in die menschliche Keim- Handlungsfreiheit gedeiht nur auf dem Boden von Gebürtbahn – in der Regel nicht genügend Rechnung tragen. Dieser lichkeit, von Natalität. Ich-Bewusstsein als Wurzelgrund von
Mangel an Differenziertheit hat einen systematischen Grund. Handlungsfreiheit entsteht nämlich an der Wahrnehmung des
Er liegt in der einseitigen Vorordnung des Menschenbilds, der eigenen Körpers. Ich-Bewusstsein ist immer das Bewusstsein
Anthropologie, vor der Ethik. Denn wenn erstens erkannt ist, einer ursprünglichen Differenz-Einheit, es basiert auf der
dass es sich hier – gemäss den klassischen Positionen neuzeit- Erfahrung, dass ich mich nur habe, indem ich mich selbst als
licher Theoriebildung (insbesondere derjenigen von Imma- das «Andere» meiner selbst: als physisch-materiellen Körper
nuel Kant) – tatsächlich um ein Verhältnis wechselseitiger Ab- wahrnehme, der eben in dieser Wahrnehmung zu meinem Leib
hängigkeit handelt, und wenn zugleich zweitens erkannt ist, wird. Das kann er aber nur werden, wenn ich ihn als naturales
dass durch Eingriffe in das menschliche Erbgut dieses wechsel- Gegebenes und nicht als das intentionale Handlungsprodukt
seitige Abhängigkeitsverhältnis beeinträchtigt oder gar zerstört anderer Menschen wahrzunehmen vermag. Ethisch diskuswerden könnte, ist der Schlüssel zu einem prinzipiellen – und sionsfähig dürften allenfalls solche Eingriffe in die Genstruktur
in der Tat radikalen – Verständnis der von der Gentechnologie des Menschen sein, von denen erwartet werden kann, dass
gestellten ethischen Probleme entdeckt. So, und ich meine, nur ihnen sozusagen jeder vernünftige Mensch zugestimmt hätte,
so bekommt die Frage, ob es bei der Gentechnologie am Men- wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Das wären solche Einschen um die Frage geht, ob wir damit «Gott spielen», einen griffe, die auf die Ausschaltung der genetischen Veranlagung zu
präzisen Sinn.
schweren genetisch bedingten Krankheiten (wie z.B. Chorea
Genau so argumentiert in einem neuen Büchlein der Philo- Huntington) ausgerichtet sind.
soph Jürgen Habermas (Die Zukunft der menschlichen Natur. «Gott spielen» würden wir also dann, darin ist sich Jürgen HaAuf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Frankfurt a. M. bermas mit Ronald Dworkin einig, wenn wir die so beschrie2001). «Können wir die genetische Selbsttransformation der benen Natalitätsgrundlagen des Menschen zerstörten. Die
Gattung ...», so fragt Habermas hier, «... als Weg zur Steigerung Theologie hat, so meine ich, dem nur die Frage hinzuzufügen,
der Autonomie des Einzelnen betrachten – oder werden wir ob die naturale Kontingenz unseres gegebenen So-Seins wirkauf diesem Wege das normative Selbstverständnis von Perso- lich schon aus sich heraus dasjenige «Andere» ist, in Bezug auf
nen, die ihr eigenes Leben führen und sich gegenseitig die glei- welches sich unser Freiheitsbewusstsein aufzubauen vermag.
che Achtung entgegenbringen, unterminieren?» In eben dem Ist jenes Gegebensein nicht vielmehr zuhöchst zweideutig, und
Masse, wie Letzteres wahrscheinlich ist, würde die Gentechno- wäre es darum nicht geradeso gut als Grund meiner Unfreiheit
logie die Möglichkeitsgrundlage von Ethik selbst – und eben zu interpretieren? Ist nicht erst dann, wenn ich das partielle
damit zugleich ein humanes Bild des Menschen, die Men- Andere meines Leibes im Licht des «ganz Anderen» Gottes als
schenwürde – zerstören.
seines Schöpfers – und zugleich des Schöpfers der ganzen Welt
I c h - B e w u s s t s e i n d u r c h K ö r p e r w a h r n e h m u n g Um ein
– deute, das Freiheitsbewusstsein als Inbegriff und Grundlage
Bewusstsein von Autonomie und Freiheit entwickeln zu können, von Menschenwürde und Ethik sich selbst ganz durchsichtig?
brauchen wir die Gewissheit (oder wenigstens das Postulat)
eines ursprünglichen kontingenten Gewordenseins unserer
selbst, in das nicht von anderen Menschen intentional einge-
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UNI NOVA 90/2002 Herausforderung Ethik
Prof. Georg Pfleiderer ist Ordinarius für Systematische Theologie/Ethik an der
Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Von Liebe
und Gerechtigkeit
Angelika Krebs
S t e h t L i e b e j e n s e i t s v o n G e r e c h t i g k e i t ? Wa s i s t L i e - Moralische Gesichtspunkte, wie der des fairen Tausches, der
b e u n d w i e h a t m a n s i c h d a s Ve r h ä l t n i s v o n L i e b e
Kompensation von Mühe oder der Anerkennung besonderer
und Gerechtigkeit vorzustellen?
Leistungen, wären dann für den «Arbeitsaspekt» von Liebesbe-
Der Tugend der Freundschaft und Liebe widmete Aristoteles ziehungen direkt fruchtbar zu machen. Und das durchaus
zwei der zehn Bücher seiner «Nikomachischen Ethik». Die nicht nur unter den Liebenden selbst, sondern auch im Wechphilosophische Tradition ist ihm nicht gefolgt und hat das selspiel zwischen Liebenden und Gesellschaft. Amanda sollte
Thema Liebe nicht wichtig genommen. Seit einigen Jahren mit Beat (und gegebenenfalls mit der Allgemeinheit) auch
weht jedoch ein anderer Wind. Insbesondere in der angelsäch- noch «ganz normal» umgehen können und eine Gegenleistung
sischen Philosophie knüpft man heute wieder an die aristote- für ihre Arbeit einfordern dürfen. Dagegen hätten Gesichtslische Analyse des Liebesbegriffes an.
punkte des gerechten Gebens und Nehmens beim eigentlichen
Für Aristoteles war lieben «jemandem alles wünschen, was «Liebesaspekt» von Liebesbeziehungen nichts zu suchen.
man für gut hält, und zwar um jenes willen, nicht um seiner Es fragt sich aber weiter, ob denn wenigstens das, was Liebe
selbst willen, und dies auch nach Kräften in die Tat umsetzen». eigentlich ausmacht, über den aristotelischen Liebesbegriff
Der aristotelische Liebesbegriff betont das altruistische richtig bestimmt ist. Ist für Liebe nicht eher das geteilte MitMoment des Füreinander, des «um des anderen willen». Der einander konstitutiv denn das altruistische Füreinander, nicht
Liebende freue sich an der Freude des Geliebten, er leide an eher das Tätigsein mit dem anderen denn das Tätigsein für den
seinem Leid, und er tue, was er könne, um das gute Leben des anderen, nicht eher das Sich-Freuen mit dem anderen denn das
Geliebten auch tätig zu befördern. So einleuchtend diese Ana- Sich-Freuen an der Freude des anderen? Man lacht, man redet,
lyse zunächst auch klingen mag, sie ist nicht unproblematisch. man schläft, man tanzt miteinander. Man «tut zusammen eine
Das sieht man, wenn man die Frage nach dem Verhältnis von Reise». Etwas miteinander tun ist kein Unterfall von etwas fürLiebe und Gerechtigkeit aufwirft.
einander tun, sondern eine eigene Praxisform. Es tanzt nicht
A m a n d a u n d B e a t Amanda wird das Gefühl nicht los, dass
jeder für sich Walzer und tauscht dann (wie immer altruis-
sie mehr in die Beziehung mit Beat einbringt, als sie zurück- tisch) sein Walzertanzen mit dem Für-sich-Walzertanzen des
bekommt. Obwohl sie beide gleich viel ausser Hause arbeiten, anderen aus, sondern sie tanzen zusammen Walzer. In geteilter
ist es Amanda, die zuhause kocht und putzt, telefoniert und or- Sexualität tut und empfindet nicht jeder für sich etwas und
ganisiert, umsorgt und zuhört. Amanda ist unzufrieden. Liebt tauscht dies dann mit dem anderen aus. Der aristotelische
Amanda Beat nicht genug? Oder liebt Beat Amanda nicht Liebesbegriff wird dem Moment geteilter Praxis in der Liebe
genug? Oder sollte man so gar nicht fragen – und trennen nicht gerecht. Er ist ins Kurative verzerrt. Es bedarf eines andezwischen der Haus- und Familienarbeit einerseits und dem ren, dialogischen Begriffes, um den Kern von Liebe zu fassen.
liebenden Füreinander andererseits?
Prof. Angelika Krebs ist Ordinaria für Philosophie an der Universität Basel.
Herausforderung Ethik UNI NOVA 90/2002
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Über das Popularisieren mit Formeln
Dr. Jürg Niederhauser ist Sprachwissenschaftler mit journalistischem Einschlag. Er hat in Bern
und Hamburg studiert (Germanistische Linguistik und Physik)
und befasst sich unter anderem
mit Darstellungsformen von Wissenschaften und der Popularisierung von Wissenschaft. Seit
Oktober 2000 ist er als Oberassistent für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität
Basel tätig.
22
Wissenschaftliche Themen sind in erster Linie Gegenstand wissenschaftlicher
Publikationen. Deren Zahl nimmt beständig zu, wird doch in allen Wissenschaften eifrig publiziert. Zum einen, um neue Resultate mitzuteilen und
neue Beiträge an Fachdiskussionen zu liefern, zum anderen, weil von Leuten
im Wissenschaftsbetrieb erwartet wird, dass sie publizieren. Davon zeugen
Maximen wie «Publish or perish» oder «Wer schreibt, der bleibt». Dieser
Publikationsdruck betrifft fachinternes, wissenschaftliches Publizieren. Popularisierungen werden vom Wissenschaftsbetrieb nicht gross beachtet.
Wissenschaftliche Themen sind aber teilweise auch Gegenstand popularisierender Publikationen, die sich an ein breiteres Publikum oder gar an eine
allgemeine Öffentlichkeit richten.
Die Darstellungsformen wissenschaftlicher Publikation gelten ausserhalb
der Wissenschaften als abschreckend. Deshalb werden in populärwissenschaftlichen Publikationen typische Elemente wissenschaftlichen Darstellens
vermieden. Es entfallen in der Regel die für wissenschaftliche Texte so kennzeichnenden Fussnoten. Bei der Berichterstattung über physikalische und
andere naturwissenschaftliche Themen wird auch auf Formeln und Formalisierungen möglichst verzichtet. Eine Ausnahme bildet eine der bekanntesten
Formeln der Welt, Einsteins E = mc2. Sie wird auch ausserhalb der Physik
zitiert, durchaus auch von feinsinnigen Ästheten, die mit Formeln und
mathematischer Abstrahierung sonst nichts anzufangen wissen. Am Beispiel
dieser bekannten Formel und der dazugehörenden, berühmten Relativitätstheorie lässt sich die Grundsatzfrage streifen, wie weit Popularisierung
wissenschaftlicher Erkenntnisse überhaupt möglich sei. In populärwissenschaftlichen Darstellungen für ein breiteres Publikum kann kein ausgebauter
mathematischer Apparat verwendet werden. So stellt sich die Frage, ob sich
mathematisch formulierte wissenschaftliche Sachverhalte einigermassen angemessen in einer nichtmathematisierten Darstellungsform wiedergeben
lassen. Ein seit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften im 17.
Jahrhundert viel diskutierter Punkt.
Die zahlreichen populärwissenschaftlichen Darstellungen zur Relativitätstheorie – vom nüchternen Sachbuch alter Schule bis zum poppig aufgemachten Comic – unterscheiden sich gerade auch im Grad des Gebrauchs, der von
mathematischen Formalisierungen gemacht wird. Unter den Popularisierern
ist umstritten, wie viel Mathematik notwendig ist, um die Relativitätstheorie
einigermassen angemessen wiedergeben zu können. Bertrand Russell etwa ist
UNI NOVA 90/2002 Kolumne «Publish or perish»
überzeugt, auch ohne viel Mathematik die Grundzüge der Relativitätstheorie
vermitteln zu können: «Viele der neuen Ideen lassen sich in nichtmathematischer Sprache ausdrücken.» Auch Buchtitel wie «Einstein für Anfänger»
oder «La relatività con le quattro operazioni» versprechen ebenfalls gering
mathematisierte Darstellungen. Dagegen hält der Physiker Max Born im Vorwort seiner Popularisierung fest, viele der populärwissenschaftlichen Darstellungen der Relativitätstheorie seien dieser unangemessen, weil sie «die
Tatsachen und Gedanken in gewöhnlicher Sprache und ein wenig philosophischer Terminologie (beschreiben) – ein Verfahren, durch welches, meine
ich, nur eine äusserst oberflächliche Kenntnis der Relativitätstheorie vermittelt werden kann».
Albert Einstein hatte es lange abgelehnt, eine populäre Darstellung seiner Relativitätstheorie zu versuchen: «Ich kann mir nicht vorstellen, wie man diese
Sache weiteren Kreisen zugänglich machen kann. Es gehört eben zum Verständnis derselben eine gewisse Schulung im abstrakten Denken, die die
meisten Leute sich nicht aneignen, weil sie derselben nicht benötigen.» Trotz
seiner Bedenken hat er sich einige Jahre später doch dazu überreden lassen,
ein populärwissenschaftliches Büchlein zum Thema zu verfassen: «Über die
spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie (Gemeinverständlich)». Dieses 1916 zum ersten Mal erschienene Büchlein ist heute noch im Buchhandel
lieferbar. Es liegt in der 23. Auflage von 1988 vor. Der Titel hat im Laufe der
Jahre das etwas altväterische Adjektiv «gemeinverständlich» verloren. Das
ist ein stilistischer Entscheid des Verlags und nicht etwa Ausdruck davon,
dass die Relativitätstheorie im Pisa-Test-Zeitalter im Allgemeinen weniger
verstanden würde. Bildungs- und Wissenschaftspolitik wäre ohnehin kein
Thema für diese Kolumne, die sich mit dem Wissenschaftsbetrieb und
wissenschaftlichen Publikationen befasst. Dass Bildungs- und Wissenschaftspolitik viel mit Wissenschaftlichkeit zu tun haben, lässt sich wohl kaum
behaupten, weder mit Worten noch mit Formeln.
Publish or perish: Beim Stichwort
Wissenschaft denken die meisten zunächst mal an Labor,Experimente und
Computersimulationen. Wissenschaft
ist aber in erster Linie eine publizistische Veranstaltung. Ziel der Kolumne
«Publish or perish» ist es, einen linguistisch infizierten Seitenblick auf
Jürg Niederhauser
den Wissenschaftsbetrieb zu werfen.
Kolumne «Publish or perish» UNI NOVA 90/2002
23
Zwischen Forschung
und Naturschutz
Gregor Klaus
Als Naturschutzbiologe muss Bruno Baur GrundlaProf. Bruno Baur, geboren 1955,
ist seit 1995 Professor für Naturschutzbiologie und Leiter der Abteilung Biologie des Instituts für
Natur-, Landschafts- und Umweltschutz der Universität Basel.
Nach seinem Studium an der
Universität Zürich hatte er an der
Universität Uppsala in Schweden
habilitiert. Danach arbeitete er in
Basel zuerst als Assistent in Populationsbiologie und dann als
Dozent für Naturschutzbiologie.
(Bild: Esther Schreier)
genforschung, angewandte Forschung und Öffentlichkeitsarbeit unter einen Hut bringen. Mit einem
breiten Spektrum an Forschungsprojekten versucht
er die Balance zu halten.
Der Wissenschaftler im Elfenbeinturm – auf Bruno Baur, Professor am Institut für Natur-, Landschafts- und Umweltschutz
der Universität Basel, trifft dieses Klischee mit Sicherheit nicht
zu. Das liegt zunächst in der Natur der jungen und fachübergreifenden Wissenschaftsdisziplin: Die Naturschutzbiologie ist
ein Bindeglied zwischen biologischer Grundlagenforschung
und praktischem Naturschutz. Die Schwierigkeit für den einzelnen Naturschutzbiologen besteht nun allerdings darin, die
richtige Balance zu finden.
Ein Naturschutzbiologe muss folgendes Kunststück fertig-
bringen: Damit er auch von seinen Kollegen aus den anderen gonnen. An der Universität Uppsala in Schweden beschäftigte
Disziplinen als Wissenschaftler anerkannt wird, muss ein er sich mit dem Ei-Kannibalismus bei Schnecken. Bei gewissen
Naturschutzbiologe Grundlagenforschung von hohem Niveau Arten haben die Erstgeschlüpften die Angewohnheit, zuerst
betreiben und möglichst viele Publikationen in angesehenen ihre eigene Eischale und dann die noch ungeschlüpften Eier
Zeitschriften vorweisen können. Andererseits muss er Metho- des Geleges zu verspeisen. Falls sich die Mutter mit mehreren
den entwickeln, mit deren Hilfe Arten und Lebensgemein- Vätern verpaart hat, sind unter den Embryonen Vollgeschwisschaften erhalten werden können, und diese auch noch der ter und Halbgeschwister. Sehr zur Freude des bekannten PopuÖffentlichkeit kommunizieren. «Eine Professur in Natur- lationsgenetikers Bill Hamilton von der Universität Oxford
schutzbiologie ist eine Gratwanderung», sagt Baur. «Für die ei- konnte Baur nachweisen, dass vorwiegend Halbgeschwister
nen bin ich zu praxisorientiert, für die anderen zu theoretisch. dem Kannibalismus zum Opfer fallen – genau wie es HamilMan wird es nie allen recht machen können.» Baur versucht es tons Theorie der Verwandtenselektion vorausgesagt hatte. Die
trotzdem: Seine Forschung vereinigt Theorie, Grundlagenfor- Schnecke, die lediglich ihre Halbgeschwister frisst, zerstört
schung, angewandte Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.
weniger eigene Gene und erhält über die proteinreiche Kost
E i - K a n n i b a l i s m u s Das war nicht immer so: Wie alle Natur-
einen guten Start ins Leben – für Baur eine «optimale Form der
schutzbiologen hat Baur mit reiner Grundlagenforschung be- Brutpflege».
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UNI NOVA 90/2002 Forschung
Weil das Geld knapp war, musste Baur mit einfachsten Mitteln Verirrt sich doch ein Schmetterling in ein Fragment, bestäubt
forschen. Auf der Suche nach billigen und geeigneten Gefässen er nahe beieinander liegende Pflanzen. Inzucht mit all ihren
für die Schnecken machten Apfelmusgläser das Rennen. Das negativen Auswirkungen bedroht die kleinen Bestände. Gewirkte sich unweigerlich auf seinen Speiseplan aus: «Meine samthaft gesehen dürfte das Experiment wesentlich zum
Frau und ich assen wochenlang Apfelmus zum Frühstück», er- Kenntnisstand über Lebensraumfragmentierung beigetragen
innert sich Baur.
haben.
D a s F r a g m e n t i e r u n g s e x p e r i m e n t 1988 kehrte Baur nach
Die Datenberge, die sich bis zum Ende des Versuchs vor zwei
Basel zurück: Am Zoologischen Institut beschäftigte er sich zu- Jahren angehäuft haben, sind allerdings noch immer nicht abnächst mit populationsbiologischen Themen, aber immer häu- getragen. Baur erwartet noch zehn Publikationen in internatiofiger rückten Fragen des Naturschutzes in den Vordergrund. nal anerkannten Zeitschriften. Und dank der Medienpräsenz
Die Weichen in Richtung Naturschutzbiologie wurden 1992 des Projektes ist die Habitatfragmentierung zumindest in
gestellt: Zahlreiche Wissenschaftler der Universität Basel, da- Mitteleuropa zu einem Schlagwort geworden.
runter auch Baur, bewarben sich um das Integrierte Projekt A n g e w a n d t e F o r s c h u n g Seit Baur die Basler Professur für
Biodiversität, das im Rahmen des Schwerpunktprogramms Naturschutzbiologie übernommen hat, hat er ein breites SpekUmwelt des Schweizerischen Nationalfonds ausgeschrieben trum an Forschungsprojekten an Land gezogen. Es reicht von
war. Mit Erfolg: Basel erhielt den Zuspruch. Dass das Projekt reiner Grundlagenforschung zum Thema sexuelle Selektion bis
auch in der Öffentlichkeit für Aufsehen sorgte, lag nicht zuletzt hin zur Frage, wie sich das Freizeitverhalten des Menschen im
an den Freilandexperimenten von Baur.
Allschwiler Wald auf die biologische Vielfalt auswirkt. Baur
Strassen, Eisenbahnschienen und Siedlungen zerschneiden un- achtet streng darauf, dass die Resultate der angewandten Forsere Landschaft. Um die Auswirkungen dieser Fragmentierung schungsprojekte nicht nur in Fachzeitschriften erscheinen,
auf die biologische Vielfalt zu untersuchen, haben Baur und sondern auch leicht verständlich in deutscher Sprache präseine Forschungsgruppe auf drei Trockenwiesen in den Ge- sentiert werden. So hat er seine Forschungsresultate über den
meinden Nenzlingen, Movelier und Vicques durch wiederhol- Allschwiler Wald in Buchform publiziert. Das Buch ist mittlertes Mähen der Umgebung zahlreiche Trockenwieseninseln pro- weile in der Nordwestschweiz weit verbreitet. «Es ist wichtig,
duziert. «Die Unterhaltsarbeiten für das Experiment waren dass wir sichtbar in Erscheinung treten», sagt Baur. «Ähnlich
enorm zeitaufwändig», erzählt Baur. Oft hat er selbst Hand an- wie beim Biodiversitäts-Projekt geben wir den Leuten das Gegelegt, Pfähle eingeschlagen und Zäune gezogen, damit Kühe fühl, dass ihre Steuergelder gut angelegt sind.»
die Arbeit von Jahren nicht zunichte machten. Dennoch er-
Dr. Gregor Klaus ist Wissenschaftsjournalist im solothurnischen Aedermannsdorf.
innert sich Baur gerne an das Projekt: «Es herrschte unter den
Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen in Basel eine
richtige Aufbruchstimmung. Viele von uns träumen noch heute von dem Pioniergeist, der uns damals erfasst hat. Alle zogen
am gleichen Strick.»
Das Experiment hat zahlreiche, auf die Fragmentierung zurückzuführende Veränderungen verschiedener ökologischer
Prozesse offen gelegt. Beispielsweise meiden Schmetterlinge die
Trockenwieseninseln; Blumen werden nicht mehr bestäubt.
Forschung UNI NOVA 90/2002
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Stadt und Land
im früheren Serbien
Claudia Pantellini
D e n B e z i e h u n g e n z w i s c h e n S t a d t u n d L a n d i n d e n Mikro- und Makrogeschichte werden durch den Fokus der inR e g i o n e n B e l g r a d u n d Z a d a r z w i s c h e n 18 5 0 u n d dividuellen Lebensgeschichten der Zeitgenossinnen und Zeit1914 i s t e i n F o r s c h u n g s p r o j e k t a m H i s t o r i s c h e n S e - genossen verbunden und in Abhängigkeit von Geschlecht,
minar gewidmet. Die Archivarbeiten waren wegen
Religion, Ethnie, Familie und sozialer Gruppierung analysiert.
der kritischen Lage im früheren Jugoslawien nicht
Miskovic interessierte sich vor allem auch für die Geschlechter-
ganz einfach.
verhältnisse in der serbischen Gesellschaft der Jahrhundert-
Die Historikerin Natasa Miskovic, die ihre Dissertation im wende. Die Suche nach historischen Quellen in Form von
Rahmen des Nationalfonds-Projekts unter Leitung von Prof. Tagebüchern, Autobiographien oder Briefen gerade von Frauen
Heiko Haumann demnächst abschliessen wird, beleuchtet die erwies sich dabei als schwierig. 95 Prozent der serbischen Besozialen Lebenswelten in Belgrad, das bis 1878 formell zum völkerung konnte in jener Zeit weder lesen noch schreiben,
Osmanischen Reich gehörte. Ihr Kollege Martin Trancik, der und schriftliche Zeugnisse aus weiblicher Sicht sind entspreseine Arbeit bereits abgeschlossen hat, befasste sich mit den chend selten. Auch die Landbevölkerung hat nur wenig direkte
städtischen Eliten und der Landbevölkerung in der Hauptstadt Spuren hinterlassen. Neben umfangreicher ethnographischer
des Kronlandes Dalmatien, Zadar, das unter österreichischer Literatur boten sich da vor allem Polizeiakten als Quellen an.
Herrschaft stand. Die Führungsschichten in Belgrad und Zadar Neben der schwierigen Quellenlage wurde Miskovic während
unterschieden sich stark: In Belgrad formierte sich parallel ihrer Aufenthalte in Belgrad und seinen Archiven zwischen
zum Rückzug der osmanischen Feudalherren eine neue Ober- 1996 und 2000 mit ganz anderen Problemen konfrontiert: Die
schicht aus den Reihen der christlichen serbischen Bauern- schwierige politische und ökonomische Lage in Serbien ergesellschaft. Dagegen bestand die Oberschicht in Zadar aus schwerte das Studium der Akten erheblich. Zugang zu den
ursprünglich venezianischem Landadel und österreichischen Archiven in nützlicher Frist erlangte die 1966 geborene HistoBeamten. In beiden Regionen waren die Bedingungen für die rikerin nur dank ihres jugoslawischen Passes und ihrer Spracheinfache Landbevölkerung allerdings miserabel. Und sowohl kenntnisse. Deutsche Kollegen, sagt sie, hätten wegen des MissBelgrad als auch Zadar waren während des 19. Jahrhunderts trauens der örtlichen Behörden wochenlang auf eine Bewilligeprägt durch einen nationalen Aufbruch: Serbien löste sich gung gewartet. Das Kopieren der Akten erwies sich dabei ebenso
vom Osmanischen Reich, und Dalmatien grenzte sich von der als schwierig, da für ein Archiv nur ein Kopierapparat zur Verösterreichischen Herrschaft ab.
fügung stand, der zudem meist besetzt oder ausser Betrieb war.
« L e b e n s w e l t l i c h e r » A n s a t z Vor diesem Hintergrund be-
In diesen Fällen halfen entweder Bestechung oder die richtigen
schreiben Miskovic und Trancik jeweils das soziale Gefüge der Kontakte, wie Miskovic lachend erzählt. Sie habe über die entStadt- und Landgesellschaft und seine Verschiebungen. Beide sprechenden Kontakte verfügt und so erreicht, dass sie die Dokuarbeiten methodisch mit einem «lebensweltlichen» Ansatz: mente mitnehmen und ausserhalb der Archive kopieren durfte.
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UNI NOVA 90/2002 Forschung
Hochzeit auf Serbisch: Der Mann
mit der weissen Schärpe ist nicht
der Gatte, sondern der Trauzeuge
und in der Regel der beste Freund
des Mannes. Der «kum» geniesst
verwandtschaftlichen Status – eine
Heirat mit den Mitgliedern «seiner» Familie ist ausgeschlossen.
(Bild: Milan Jovanovic, Ausstellungskatalog der Galerie der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste [Hg. Goran
Malic], Belgrad 1997)
ten. Der Bodenbesitz gehörte kollektiv den männlichen Familienangehörigen, der Vater war das Familienoberhaupt. Die
Frauen erlangten nur Ansehen, wenn sie Söhne gebaren.
L a n d b e v ö l k e r u n g u n t e r d r ü c k t Mit der zunehmenden
Emanzipation vom osmanischen Oberherrscher vergrösserte
sich die Kluft zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Die serbische Stadtelite, die selbst ursprünglich vom Land stammte,
wollte eine neue Verwaltung durchsetzen und unterdrückte die
Landbevölkerung, die in ihren Augen ignorant und rückständig war. Im erwachten Bewusstsein einer serbischen Nation
sollte alles, was an die einstige türkische Herrschaft erinnerte,
getilgt werden. In Belgrad lockerten sich die traditionell engen
Familienbande, das Modell der Kernfamilie setzte sich durch;
viele junge Männer lebten alleine, was zuvor höchst unüblich
war. Väter wohlhabender und gebildeter städtischer Familien
F a m i l i e n k o r r e s p o n d e n z n u r b e i O b e r s c h i c h t Insge-
samt hat Miskovic 14 Wochen lang im Serbischen Staatsarchiv
sowie im Archiv der Serbischen Akademie der Wissenschaften
und Künste und in der Nationalbibliothek Quellen gesammelt.
Familienkorrespondenz fand sich einzig bei Angehörigen der
Oberschicht, und zwar ausschliesslich bei den politischen Führern jener Zeit. Die gesammelten Dokumente ordnete sie nach
gegensätzlichen Schlüsselbegriffen wie «christliche Rajah/Muslime», «städtische Elite/Bäuerinnen, Bauern», «Mann/Frau».
Die historischen Akteure und Akteurinnen gehörten alle einer
oder mehrerer dieser sozialen Schichten an. Indem sie deren
Äusserungen in Beziehung zu diesen Begriffspaaren setzte und
ihre Perspektive übernahm, konnte sie Ausschnitte aus vergangenen Lebenswelten rekonstruieren und damit neue Einsichten
in die Belgrader Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gewinnen.
Miskovic hat sich bereits in mehreren Aufsätzen mit der serbischen Familien- und Geschlechtergeschichte des 19. Jahrhunderts befasst. Die familiären Strukturen, so die Historikerin,
waren im westlichen Balkan durch den «Balkanfamilienhaushalt» bestimmt: Die Söhne blieben bei der Familie, die Töchter
verliessen ihre Verwandtschaft und gingen ins Heim des Gat-
legten Wert auf eine angemessene Ausbildung ihrer Töchter.
Viele der als Russinnen bezeichneten Studentinnen an der Zürcher Universität waren in Tat und Wahrheit Serbinnen, wie
Miskovic hervorhebt. Diese jungen Belgrader Frauen genossen
also Freiheiten, die der Landbevölkerung nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen verschlossen waren und ihr in ihrer traditionellen Haltung auch unverständlich blieben.
Neben den Geschlechter- und Familienverhältnissen wirft Miskovic auch ein Schlaglicht auf das multiethnische Belgrad, in
dem während der osmanischen Herrschaft Christen, Juden und
Muslime koexistierten. Nach Abzug der osmanischen Garnison
1867 änderte sich das Gesicht der Stadt drastisch: Die serbische
Regierung liess die orientalisch anmutende Altstadt abreissen
und Boulevards und Häuser im europäischen grossstädtischen
Stil errichten. Der Bogen spannt sich denn gewissermassen
zwischen «Basaren und Boulevards» – so der Titel der Dissertation von Miskovic. Sie zeichnet darin den sozialen Wandel
in seiner ganzen Vielschichtigkeit auf: von den individuellen
Lebenswelten zu den kollektiven Weltanschauungen, von der
grossen Geschichte zu den kleinen Geschichten der Einzelnen.
Claudia Pantellini ist Kulturjournalistin in Basel und Öffentlichkeitsbeauftragte am Kantonsmuseum Baselland.
Forschung UNI NOVA 90/2002
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Von den Muskeln und
Augen der Medusen
Michael Stierwald
Filigranes Wesen am Meeresgrund: Die Hydromeduse Cladonema radiatum hat acht dunkle,
radiär angeordnete Linsenaugen.
Rechts oben: Quergestreifte Muskelzellen der Meduse Philiadium,
mit Phalloidin gefärbt. (Bilder:
Zoologisches Institut)
Rechts unten: Das Auge der Meduse unter dem Elektronenmikroskop. (Bild: Christian Weber)
D i e Q u a l l e n , d i e z u 9 9 P r o z e n t a u s Wa s s e r b e s t e - Namen von den Nesselzellen, mit denen sie Beute fangen könh e n , g e h ö r e n z u d e n w o h l m e r k w ü r d i g s t e n Ti e r e n
nen. Sie sind stammesgeschichtlich sehr alte Organismen und
überhaupt. Und doch scheinen diese gallertartigen,
haben einen äusserst einfach strukturierten Körperbau. Allge-
sehr sensiblen Organismen einiges mit dem Men-
mein werden sie als Organismen mit nur zwei Keimblättern
schen gemeinsam zu haben.
beschrieben. Denn ihnen fehlt die wichtige dritte, embryonale
Viele Nesseltiere (Cnidaria), zu denen die Korallen, die See- Zellschicht (Mesoderm), aus der bei den übrigen Tieren zum
anemonen und auch die Quallen gehören, durchlaufen einen Beispiel Knochen, Muskeln oder Blutgefässe entstehen.
metagenetischen Generationswechsel. Das heisst, eine ge- E r s e t z b a r e K ö r p e r t e i l e Evolutionsgeschichtlich gesehen,
schlechtliche und eine ungeschlechtliche Generation wechseln tritt bei den Nesseltieren zum ersten Mal im Tierreich ein echsich in verschiedenen Formen ab. Der Generationswechsel der tes Nervensystem auf. Die Meduse ist dabei immer die LebensNesseltiere besteht meistens aus einer frei schwimmenden form mit dem komplizierteren Körperbau, aber sowohl der
Larve, einem am Meeresboden festsitzenden Polypen und einer Polyp als auch die Meduse haben beide ein ausgezeichnetes
frei beweglichen sexuellen Meduse. Die Nesseltiere haben ihren Regenerationsvermögen: Sie können verletzte oder verlorene
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UNI NOVA 90/2002 Forschung
wirklicht. Erstaunlicherweise zeigen Regenerationsversuche,
dass die Neubildung einer experimentell entfernten Linse bei
Medusen eine grosse Ähnlichkeit mit der Linsenregeneration
der Wirbeltiere aufweist. Obwohl manche Vertreter wie die
benthisch, also am Meeresgrund verankert lebende Hydromeduse Cladonema radiatum acht radiär angeordnete, einzelne Linsenaugen besitzen, bildet das diffuse Nervennetz kein
Gehirn aus.
Die Entwicklung der Augen von Wirbellosen und Wirbeltieren
wird durch ein Netzwerk von so genannt konservierten Transkriptionsfaktoren (DNS-bindende Proteine) reguliert. Man
schätzt, dass an der Augenentwicklung mehr als 2500 Strukturund Regulatorgene beteiligt sind.
W u r d e d a s A u g e n u r e i n m a l « e r f u n d e n » ? Forschende
am Zoologischen Institut der Universität Basel versuchen nun
herauszufinden, welche Schlüsselgene die Augenentwicklung in
einem so primitiven Organismus wie der Meduse steuern und
ob diese Gene den «Augengenen» bei den höheren Augentieren
ähnlich sind. Sollte dies der Fall sein, wäre dies ein weiterer
Hinweis auf die Monophylie der Augenevolution (siehe Porträt
über Prof. Walter Gehring, UNI NOVA 89), also darauf, dass
das Auge im Tierreich nur einmal «erfunden» wurde.
Daraus wäre zu schliessen, dass der letzte gemeinsame Vorfahre
der Medusen und der Bilaterier – viele Wirbellose und die WirKörperteile nämlich umgehend wieder ersetzen. Die Meduse beltiere – ebenfalls Augen gehabt hätte und nicht, wie bisher
ist im Besonderen sogar in der Lage, aus der quergestreiften allgemein angenommen, ein primitiver, augenloser Vielzeller
Schwimm-Muskulatur durch so genannte Transdifferenzierung war. Das Auge würde somit nicht nur ein überaus erfolgreiches,
alle für die Regeneration benötigten neuen Zelltypen herzu- sondern auch ein sehr altes Sinnesorgan darstellen. Die Erstellen – im Tierreich ein bisher einmaliger Vorgang. Aus einer gebnisse der laufenden Untersuchungen scheinen die Existenz
Muskelzelle kann so zum Beispiel eine Nervenzelle entstehen.
einiger dieser wichtigen Gene in der Meduse Cladonema ra-
Im Unterschied zu den Polypen besitzen die Medusen nicht diatum zu bestätigen. Die im Labor des Instituts erarbeiteten
nur eine quergestreifte Muskulatur, sondern oft auch ein Lage- molekularen Daten zur Entwicklung der quergestreiften MusSinnesorgan (Statocysten) und unterschiedlich gut entwickelte kulatur der Medusen beweisen ausserdem, dass diese gallertarLichtsinnesorgane. Diese reichen von einem einfachen Augen- tigen, filigranen Wesen mit dem Menschen mehr gemeinsam
fleck über Becheraugen bis hin zu einem hoch entwickelten haben, als bisher angenommen wurde.
Linsenauge. Damit sind bei den Medusen die wichtigsten
Michael Stierwald ist Doktorand in der Arbeitsgruppe von Prof.Volker Schmid
am Zoologischen Institut der Universität Basel.
Stufen der Augenevolution in einem einzigen Tierstamm ver-
Forschung UNI NOVA 90/2002
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Signalstoffe
im Achselschweiss
Michael Grafschmidt
Wie bilden sich bestimmte Signalstoffe, die Phero-
tenden Forschern, konnte Anfang der 90er-Jahre zeigen, dass
mone, in den Duftdrüsen der menschlichen Achsel-
das menschliche Vomeronasalorgan existiert und funktions-
h ö h l e ? D i e s e r F r a g e g e h e n F o r s c h e n d e a m A n a t o m i - tüchtig ist.
schen Institut nach.
Als Konstantin Beier vor 20 Jahren von der Anatomie der Wir-
Pheromone? Das Herder-Lexikon der Biologie gibt uns fol- beltiere zur Humananatomie wechselte, fiel ihm auf, dass sich
genden Hinweis: «Chemische Botenstoffe mit Signalcharakter kaum jemand für das Vomeronasal-Organ beim Menschen
innerhalb einer Gruppe von Individuen einer Art.» Zum Bei- interessierte. Er forschte damals jedoch hauptsächlich an der
spiel die «Königinnensubstanz» der Honigbienenkönigin, die Funktion und der Biogenese von Peroxisomen – Zellorganelunter anderem als Sexuallockstoff auf männliche Bienen wirkt. len, die eine wichtige Rolle in zahlreichen Stoffwechselwegen
Wir erinnern uns an die Pheromonfallen im Wald für Borken- der Zelle spielen –, sodass er sich nicht weiter mit dem Vomerokäfer und in den Weinbergen für Rebschädlinge. Und wie sieht nasal-Organ beschäftigte. Seit drei Jahren arbeitet Beier am
es beim Menschen aus? Haben wir auch Pheromone? Dazu Anatomischen Institut der Universität Basel und befasst sich
schweigt Herder. Er gibt uns auch keine Auskunft auf die dort seit zwei Jahren intensiv mit Pheromonen, den Stoffen, die
Fragen, ob der Mensch Pheromone – die eigenen oder fremde – vom Vomeronasal-Organ wahrgenommen werden.
«riechen» kann und ob er, wie viele Tiere, ein Vomeronasal- D u f t d r ü s e n m i t W i r k u n g Man weiss heute, dass Drüsenorgan (auch Jacobsonsches Organ) zur Erkennung von Phero- zellen an verschiedenen Stellen des menschlichen Körpers Stofmonen besitzt.
fe ausscheiden, die eine eindeutige psychische und auch
Dabei wurde dieses Organ bereits um 1703 zum ersten Mal physiologische Wirkung haben. Viele dieser Drüsen liegen in
beim Menschen beschrieben. Es handelt sich dabei um mit den Achselhöhlen. In einer interessanten Studie konnten die
blossem Auge sichtbare Grübchen, die beidseitig jeweils im amerikanischen Wissenschaftlerinnen Stern und McClintock
vorderen Drittel der Nasenscheidewand liegen. Die Grübchen 1998 nachweisen, dass das Sekret der Achseldrüsen, über die
sind bis zu 2 Millimeter gross und setzen sich als maximal 12 Nase aufgenommen, die Länge des Ovarialzyklus bei Frauen
Millimeter lange, blind endende Gänge nach hinten unter die verändern kann. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt im Zyklus
Nasenschleimhaut fort. In den 40er-Jahren hatten jedoch die das Sekret von der «Spenderin» produziert wurde, verlängerte
amerikanischen Wissenschaftlerinnen Crosby und Humphrey oder verkürzte es den Zyklus der «Empfängerin». Das chemidie Existenz und Funktionsfähigkeit dieses Organs beim Men- sche Signal von Pheromonen ist also für den bekannten Effekt
schen angezweifelt. Da sie ein weit verbreitetes Lehrbuch über verantwortlich, dass Frauen, die in enger Lebensgemeinschaft
das Nervensystem schrieben, wurde ihre Meinung im Lauf der leben (zum Beispiel in Nonnenklöstern), ihren Zyklus synchroniZeit zu gesichertem Wissen. Doch es gibt Hoffnung: Der US- sieren. Stern und McClintock äussern sich nicht näher über die
Amerikaner David Berliner, einer von mehreren daran arbei- Substanzen, die für diese Veränderungen verantwortlich sind.
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UNI NOVA 90/2002 Forschung
1A CAT 100 µm
1B CAT 50 µm
2A AOX 100 µm
2B AOX 50 µm
Gewebeschnitte der Achseldrüsen nach Immunfärbung mit Antikörpern gegen die peroxisomalen Enzyme Catalase (CAT) (1A und 1B) und
Acyl CoA Oxidase (AOX) (2A und 2B). Die Peroxisomen sind rot gefärbt.
Rechts jeweils ein Detail aus dem linken Bild. (Bild: Anatomisches Institut)
ehemaligen Forschungsgebiet, veranlasste Beier dazu, sich intensiver mit der Produktion von Pheromonen zu beschäftigen.
Gut beschrieben sind inzwischen die natürlichen menschlichen Er stellte sich die Frage, ob auch die Duftdrüsen der AchselhöhPheromone Androstenon und Androstenol. Beide sind Steroid- le Peroxisomen enthalten und ob sie damit in der Lage wären,
moleküle und gehören zur selben Familie wie das männliche Pheromone zu synthetisieren. In der wissenschaftlichen LiteraGeschlechtshormon Testosteron. Steroidhormone (Steroidphe- tur war darüber nichts zu lesen. Eine etwas überraschende Tatromone) werden im Körper aus Cholesterin hergestellt. Zur sache, da die Duftdrüsen an sich jedem Medizinstudenten gut
Synthese von Cholesterin wiederum benötigt die Zelle eine bekannt sind. Histologische Schnittpräparate dieser Drüsen
ganze Reihe von Enzymen. Einige dieser Enzyme sind in Pero- sind fester Bestandteil jedes histologischen Kurses. Die elektroxisomen lokalisiert. Zellen, die selber Cholesterin produzieren nenmikroskopischen Arbeiten zu diesem Thema stammten jekönnen, sollten demnach Peroxisomen enthalten. Natürlich doch zumeist aus einer Zeit, da über Peroxisomen und ihre
könnte Cholesterin auch aus dem Blut aufgenommen werden. Funktion noch wenig oder gar nichts bekannt war.
Im Allgemeinen scheinen jedoch Steroidhormon-produzieren- Beier untersuchte daraufhin mit seinen Laborantinnen und Lade Zellen das dafür benötigte Cholesterin selbst herzustellen, boranten die Duftdrüsen der Achselhöhle. Mit grundlegenden
jedenfalls enthalten etwa die Leydig’schen Zellen im Hoden Studien zeigte er, dass die Drüsenzellen Peroxisomen enthalten.
oder die Zellen der Nebennierenrinde zahlreiche Peroxisomen.
Zusätzlich konnte er mittels RT-PCR (Reverse Transcriptase-
Diese enge Beziehung der Pheromone zu Peroxisomen, seinem Polymerase Chain Reaction) das Vorhandensein von mRNA für
Forschung UNI NOVA 90/2002
31
peroxisomale Enzyme der Cholesterinbiosynthese nachweisen. sieren. Gelingt ihm dies, könnten die Duftdrüsen endgültig als
Ergo sollten die Achseldrüsen zumindest Cholesterin herstellen eigenständige Steroid-Produzenten etabliert werden, was ihnen
können. Interessant ist nun die Frage, ob aus diesem Cholesterin eine völlig neue Relevanz geben würde. Ebenfalls im Raum steauch wirklich Pheromone hergestellt werden. Die bislang in Ne- hen die Frage der Regulation der Pheromonsynthese und die
bennierenrinde und Gonaden gefundenen Enzyme, die an der Frage nach der individuellen Zusammensetzung des DrüsenseHerstellung von Steroidhormonen aus Cholesterin beteiligt sind, krets. In diesem Zusammenhang wurde ein Projekt entwickelt,
sollten jedoch bei der Synthese von Pheromonen in den Achsel- das sich bereits im Probestadium befindet: Wie oben beschriedrüsen ebenfalls eine Rolle spielen. Der Nachweis dieser Enzyme ben, wirken die im Achselschweiss befindlichen Pheromone als
ist gegenwärtig das wichtigste Ziel der Arbeit im Labor von Beier. chemisches Signal. Dieses Signal muss von einem Empfänger
M a h n s c h r e i b e n , G e m ü s e u n d P a r f ü m s Das wirtschaftli-
wahrgenommen werden und in ihm bestimmte Reaktionen
che Interesse an Pheromonen und auch am Vomeronasal-Organ auslösen. Dabei sollten unterschiedliche Empfänger entspreist gross. Die Parfümindustrie sieht bereits goldene Schimmer chend ihren Eigenschaften unterschiedlich auf das Signal reaam Horizont. Kommerzielle Anbieter haben angeblich mittler- gieren.
weile 50 verschiedene menschliche Pheromone nachgewiesen, Damit ein solcher Signal-Mechanismus biologisch sinnvoll ist,
und Pheromon-Cocktails werden weithin als Lockstoffe für das muss natürlich auch der Produzent (Sender) des Signals in Abjeweils andere Geschlecht angepriesen. Auch andere Anwen- hängigkeit von seinen Parametern unterschiedliche Signale
dungen für Pheromone scheinen interessant zu sein. So wurde aussenden können. Für die Existenz eines solchen Mechain den USA die Verwendung von Androstenon bei Mahnschrei- nismus sprechen die oben erwähnten Studien von Stern und
ben patentiert. Das männliche Pheromon Androstenon hinter- McClintock 1998. Die Wirkung verschiedener Substanzen auf
lässt beim «Riechenden» einen aggressiven, bedrohlichen Ein- einen Empfänger wurde vielfach untersucht, es gibt aber nur
druck. Dementsprechend wurden mit Androstenon besprühte sehr wenige Befunde über die Veränderung des Signals beim
Mahnschreiben angeblich öfter und schneller bezahlt.
Sender unter verschiedenen Bedingungen. Ist es möglich, Un-
Weitaus weniger reisserisch wirkt der biologische Sinn von terschiede im individuellen Pheromonmuster einzelner IndiviPheromonen: Wenn die Immunsysteme der Eltern verschieden duen nachzuweisen und zu charakterisieren, und wie veränsind, kann sich beim Kind ein neues Immunsystem entwickeln, dern sich solche Muster unter experimentellen Bedingungen?
das in der Lage ist, immer wieder neue Viren und Bakterien Das sind spannende Fragen, die momentan im Labor von Beier
abzuwehren. Das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 1997 angegangen werden.
zeigt, dass derjenige Partner, der ein zum eigenen sehr verschiedenes Immunsystem hat, sexuell attraktiver eingeschätzt wird
als ein Partner mit ähnlichem Immunsystem. Das Immunsystem des Menschen beeinflusst also über das Spektrum des eigenen Dufts auch die Einschätzung anderer Menschen. Pheromone wirken damit nicht nur als unspezifische Sexuallockstoffe,
sondern helfen vermutlich bei der Auswahl des biologisch passenden Partners.
S i g n a l - M e c h a n i s m u s Beier will jetzt alles daran setzen, die
Enzyme für die Cholesterinsynthese in den Drüsen zu lokali-
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UNI NOVA 90/2002 Forschung
Michael Grafschmidt ist Wissenschaftsjournalist aus Freiburg/Br.
Sternen-Entdeckung
Ortwin Gerhard und Alfonso Aguerri
«Das glühende Auge»: Planetarischer Nebel in unserer Milchstrasse, aufgenommen vom HubbleSpace-Teleskop. (Bild: Nasa)
E i n i n t e r n a t i o n a l e s Te a m m i t B a s l e r A s t r o n o m e n h a t
Eine spezielle Technik erlaubte es ihnen, unter den vielen Tau-
p l a n e t a r i s c h e N e b e l - S t e r n e z w i s c h e n d e n G a l a x i e n senden von blassen Sternen der Milchstrasse und weit entfernt
d e s Vi r g o - G a l a x i e n h a u f e n s e n t d e c k t .
liegenden Hintergrund-Galaxien eine kleine Anzahl von plane-
Sterne befinden sich normalerweise in Galaxien wie der Milch- tarischen Nebel-Sternen des Virgo-Haufens zu identifizieren.
strasse, zu der auch Sonne und Erde gehören. In den dichtesten Diese Sterne befinden sich in den letzten Phasen ihrer EntwickRegionen des Universums ballen sich Galaxien zu so genannten lung, wobei sie ihre äusseren Schichten etwa ein Lichtjahr weit
Galaxienhaufen zusammen. Der der Erde am nächsten gelegene verstreuen. Möglicherweise sind sie den Virgo-Galaxien bei hefsolche Haufen liegt in Richtung der Konstellation Virgo, rund tigen Wechselwirkungen vor Milliarden von Jahren verloren ge50 Millionen Lichtjahre entfernt. Galaxienhaufen haben sich gangen, als sich der Galaxienhaufen bildete. Die Entdeckung
vor einigen Milliarden Jahren durch die enorme Schwerkraft kann Aufschluss geben über die dreidimensionale Gestalt des
von Galaxien und dunkler Materie gebildet.
Virgo-Galaxiensystems. Mit weiteren Beobachtungen der Spek-
Die nun entdeckten Sterne im Virgo-Haufen wurden auf ex- tren dieser Sterne wird es möglich sein, ihre Geschwindigkeiten
trem tiefenscharfen elektronischen Bildern gefunden, welche zu bestimmen und so genauer zu verstehen, auf welche Weise
die Forschenden mit Kollegen aus Italien, Australien und den sie zwischen die Virgo-Galaxien gekommen sind.
USA mit dem ESO-Teleskop in La Silla (Chile) aufnahmen.
Prof. Ortwin Gerhard und Dr. Alfonso Aguerri arbeiten am Astronomischen
Institut der Universität Basel.
Forschung UNI NOVA 90/2002
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penleiter in einer Pharma-Abteilung
Antiochiens im späten 4. Jahrhundert.
rontologie in Zürich ausgezeichnet
bei Sandoz, mit Anthraxbazillen. 1951
Während die übrigen Reden in mehr
wurde. Giovanna Jenni und Dunja
konnte er bei einer bestimmten Vari-
als 100 Handschriften überliefert sind,
Nicca, die heute am Institut für Pfle-
ante davon zum ersten Mal den Aus-
war die zweite Rede bisher aus nur
gewissenschaft der Universität Basel
Nicht lang ists her, da war Anthrax in
tritt des Zytoplasmas in Kugelform aus
einem einzigen Manuskript bekannt
studieren, hatten dazu zwölf allein
allen Schlagzeilen. Die Milzbrand-
dem Zellkörper beobachten, also die
(Cod.graec.190 der Bayerischen Staats-
lebende Frauen zwischen 79 und 90
oder Anthraxbazillen gehören seit
Trennung von Zellwand und Zell-
bibliothek München). Dieses enthält
Jahren befragt, die gesundheitliche
Jahrzehnten zum eisernen Bestand
inhalt (Protoplast). Damals war noch
aber eine grosse Lücke von 16 Seiten:
Probleme haben und von Spitex-Or-
von Biologie-Waffenarsenalen. Sie
nicht klar, dass es bei Bakterien zwei
Der Gedankengang bricht abrupt ab
ganisationen betreut werden. «Im Lot
bilden als Dauerformen Sporen, die
trennbare,eigenständige Oberflächen-
und setzt unvermittelt wieder ein.Nun
bleiben» bedeutete für diese Frauen,
gegen Austrocknung und hohe Tem-
strukturen gibt: die Zellmembran, die
hat Wendy Pradels, die Hauptverant-
trotz altersbedingten Schwierigkeiten
peraturen resistent sind, verschickt
den Protoplasten umhüllt, und die
wortliche für die griechische Textedi-
ihr Gleichgewicht zu erhalten, um ein
werden und beim Empfänger eine
Zellwand, die dem Bakterium die
tion in Brändles Forschungsteam, im
möglichst «normales» Leben weiter-
tödliche Krankheit auslösen können.
Form gibt. 1952 konnte Stähelin bei
Kloster Leimonos auf der Insel Lesbos
zuführen. Dazu war es wichtig, Tätig-
Was kaum bekannt sein dürfte: Vor 50
Anthraxbazillen dann erstmals auch
ein zweites, diesmal vollständiges
keiten selber ausführen zu können
Jahren schlugen sich in Basel ein paar
die Fusion von Protoplasten beobach-
Manuskript gefunden. Das bisher
(«Selber können»), ein eigenes Zu-
Leute täglich mit Anthraxbazillen
ten – ein in der Bakteriengenetik
unbekannte griechische Textstück der
hause zu haben («Daheim sein») und
herum, und zwar in der damaligen
grundlegender Vorgang. Seine For-
zweiten Rede, begleitet von einer
in Beziehungen und der Aussenwelt
«Hygienischen Anstalt», dem heuti-
schungsgruppe bei Sandoz entdeckte
deutschen Übersetzung, ist in der
eingebunden zu sein («Den Bezug zur
gen Institut für Mikrobiologie. Das
später das bekannte Medikament
«Zeitschrift für antikes Christentum»
Welt haben»). Um sich von bedroh-
Hauptarbeitsgebiet des damaligen
«Sandimmun».
5, 2001, publiziert worden. Ein Bericht
lichen Ereignissen wie nachlassenden
über die näheren Umstände des Funds
Kräften, einem Sturz oder auch dem
sowie ein Aufsatz über die Bedeutung
Tod einer nahen Person nicht aus dem
In Kürze
Anthrax in Basel –
vor 50 Jahren
Ordinarius für Mikrobiologie, Prof.
Manuskriptfund auf Lesbos
Josef Tomcsik, waren die Struktur und
der chemische Aufbau der Kapseln –
Prof. Rudolf Brändle, Dr. Wendy Pra-
des Funds für die Datierung der Re-
Lot werfen zu lassen, leisten die Frau-
einer Art Schleimhülle – von Milz-
dels und Dr. Martin Heimgartner vom
den folgen im nächsten Heft derselben
en grosse praktische und emotionale
brand- und ähnlichen Bazillen. Un-
Theologischen Seminar arbeiten der-
Zeitschrift.
Arbeit («Vorwärts schauen», «Dran-
tersucht wurde eine Reihe von Varian-
zeit an einer neuen kritischen Edition
bleiben», «Nehmen, wie es ist» und
Altersforschung:
ten von Milzbranderregern, die sich
«Mit Hilfe umgehen»). Laut den Auto-
der «Acht Reden gegen Juden», die der
«Im Lot bleiben»
durch ihre Gefährlichkeit unterschie-
Kirchenvater Johannes Chrysostomus
den; zum Konservieren der Bazillen
in den Jahren 386/387 in der damali-
Für betagte Frauen heisst Selbststän-
der Studie den vorherrschenden ge-
dienten Sporen. Dabei hielten die For-
gen syrischen Hauptstadt Antiochien
digkeit nicht nur, die Aktivitäten des
sellschaftlichen Stereotypen, in denen
scher die üblichen Vorsichtsmassnah-
(heute Türkei) gehalten hat. Diese
Alltags ohne fremde Hilfe meistern zu
betagte Frauen als schwach,passiv und
men ein, doch im Vergleich zu heute
schwierigen Texte sind Dokumente
können. Existenziell wichtig ist es für
abhängig betrachtet werden. Stattdes-
waren sie damals relativ sorglos.
des problembeladenen Umgangs der
sie, «im Lot zu bleiben». Dies geht aus
sen zeigen diese Frauen, wie sie trotz
Als junger Assistent im Institut be-
Christen mit den Juden, geben zu-
einer Arbeit an der Fachhochschule
Schwierigkeiten aktiv und mit viel
fasste sich der Mediziner Hartmann
gleich aber auch interessante Einbli-
Aargau hervor, die kürzlich mit dem
Kraft ihre Selbstständigkeit erhalten.
F. Stähelin, später langjähriger Grup-
cke in die multikulturelle Gesellschaft
Vontobel-Preis des Zentrums für Ge-
Pflegende sollten ihre Arbeit daher
34
UNI NOVA 90/2002 In Kürze
rinnen widersprechen die Ergebnisse
anstalt in Basel, das Aufkommen von
Verlag Schwabe eine Neue Folge der
Fleischkonserven, die Entstehung von
Studien zur Geschichte der Wissen-
gen und unterstützen, ihre Leistungen
Grossbetrieben sowie die Industriali-
schaften (SGWB) in Basel.
zur Selbstständigkeit weiterhin zu er-
sierung der bäuerlichen Landwirt-
Der erste Band befasst sich mit Wil-
bringen.
schaft. Deutlich wird, dass die De-
helm Martin Leberecht de Wette
batten um die Unbedenklichkeit von
(1780–1849), der zu den bedeutends-
Fleischprodukten nicht erst seit dem
ten Theologen der Basler Universität
Rinderwahnsinn oder den Hormon-
im 19. Jahrhundert gehört. Von seiner
Wie soll das Senden einer Mitteilung
skandalen dazu geeignet sind, die
Ausbildung her war er Alttestament-
per SMS auf Deutsch bezeichnet wer-
Konsumentenschaft
aufzuwühlen.
ler, doch er steuerte zu allen Diszipli-
den? Der Schweizerische Verein für die
Fleisch war nie ein Nahrungsmittel wie
nen der Theologie mehrere gewichti-
deutsche Sprache (SVDS) hat dazu
jedes andere und sein Verzehr war stets
ge Werke bei. In Basel verfasste er
kürzlich eine Umfrage in der Deutsch-
von bedeutungsvollen Umständen
unter anderem Kommentare zu allen
begleitet. Das Buch des promovierten
Büchern des Neuen Testaments. Er ist
Historikers Peter Haenger ist auf An-
auch Autor zahlreicher namhafter Bei-
kein Begriff klar als mehrheitsfähig
Peter Haenger, Das Fleisch und die
Metzger. Fleischkonsum und Metzgerhandwerk in Basel seit der Mitte
des 19.Jahrhunderts.Chronos-Verlag,
Zürich 2001. 248 S., 30 Abb., Fr. 38.–
regung der Metzgern-Zunft Basel als
träge zur Dogmatik und edierte die
erwiesen – 62 verschiedene Ausdrücke
Der Umgang mit Nahrungsmitteln ist
Drittmittelprojekt am Historischen
Briefe Luthers. Der wissenschaftlich
wurden vorgeschlagen oder bereits als
einem tief greifenden historischen
Seminar entstanden.
erfolgreiche Forscher, zwischen den
üblich bezeichnet. Darunter kamen
Wandel ausgesetzt.Dies zeigt sich auch
weniger auf die Defizite älterer Frauen
Bücher
ausrichten, sondern sie dazu ermutiFleisch-Geschichte
Wa s h e i s s t « e i n e S M S
senden» auf Deutsch?
schweiz gestartet, doch in den genau
100 eingegangenen Antworten hat sich
theologischen Fronten stehend und
Basler Wissenschaftsgeschichte
am häufigsten vor: «texten» (6-mal),
stark umstritten, erwarb sich daneben
und gerade beim Fleisch: Vom gele-
«simsen», «smseln» (je 5-mal) und
gentlichen Verzehr gesalzenen oder
«simseln» (3-mal). Unter den vielen
getrockneten Fleischs in den agrari-
übrigen Vorschlägen gab es auch
schen Gesellschaften des europäi-
schweizerdeutsche Ausdrücke wie «es
schen Mittelalters geht die Entwick-
Tübli schicke» oder «schwätzle».
lung hin zu einem allzeit verfügbaren
Die Sprachauskunft des SVDS ist
Hans-Peter Mathys und Klaus Seybold
(Hg.), Wilhelm Martin Leberecht de
Wette. Ein Universaltheologe des 19.
Jahrhunderts. SGWB. Neue Folge 1.
Schwabe & Co. AG, Basel 2001. 153 S.
Fr. 48.–
Verdienste um die Universität, die
während der Wirren um die Trennung
von Basel-Stadt und -Landschaft existenziell bedroht war. Die in diesem
Konsumartikel, der heute einen der
Rudolf Wachter (Hg.), Die Sprachwissenschaft an der Universität Basel
1874–1999. SGWB. Neue Folge 2.
Schwabe & Co. AG, Basel 2001. 156 S.
Fr. 48.–
übrigens im Deutschen Seminar do-
Hauptbestandteile der sich global aus-
Zwischen 1955 und 1970 erschienen
schen Arbeit und auch seinem Wirken
miziliert.
breitenden «Fast-food»-Kultur bildet.
im Basler Verlag Helbing & Lichten-
als Romanautor.
Das Buch beschäftigt sich mit den
hahn 19 Bände der Studien zur Ge-
Die Geschichte der Sprachwissenschaft
wichtigsten Etappen auf dem Weg
schichte der Wissenschaften in Basel.
in Basel ist Thema des zweiten Bands.
zum Massenkonsum von Fleisch. Es
Die Reihe war im Hinblick auf das 500-
1874 wurde hier die erste sprachwis-
beschreibt unter anderem die vorin-
Jahr-Jubiläum der Universität Basel
senschaftliche Professur eingerichtet.
dustriellen Bedingungen der Verar-
ins Leben gerufen worden. Anknüp-
Die ersten Jahre standen ganz im Zei-
beitung, die gesellschaftlichen Aus-
fend an diese Tradition, aber konzep-
chen des Gegensatzes zwischen histo-
einandersetzungen um die Hygieni-
tionell breiter angelegt und offen für
risch-vergleichender (Jacob Wacker-
sierung des Schlachtens und um die
die vielfältigen wissenschaftlichen Be-
nagel) und typologisch-vergleichender
Errichtung einer zentralen Schlacht-
mühungen in Basel, erscheint nun im
Sprachwissenschaft (Franz Misteli).
Band versammelten Beiträge handeln
von seinem Leben, seiner theologi-
In Kürze / Bücher UNI NOVA 90/2002
35
Misteli, der Inhaber des neuen Lehr-
darüber geschrieben worden, ohne
stuhls, war ein höchst faszinierender
dass die Fragen über das Glück und
Wissenschaftler, stand jedoch im
dessen Realisierung an ein Ende ge-
Schatten Wackernagels und der da-
kommen wären. Ungezählt sind die
Dr. phil. II Daniel Küry (*1958) ist
mals vorherrschenden historischen
Wendungen, mit denen die Alltags-
Biologe und Lehrbeauftragter für
http://www.iksr.org
Sichtweise. Im Umkreis dieser Aus-
sprache das Phänomen zu erklären
Gewässerökologie am Institut für Na-
Die im Auftrag der Minister der
einandersetzung und zunehmend un-
sucht. Wir hören schon als Kind, dass
tur-, Landschafts- und Umweltschutz
Schweiz, Frankreichs, Deutschlands
abhängig von ihr wurde bis heute in
«Jeder seines Glückes Schmied» sei
(NLU).Von 1997 bis 1999 leitete er das
und der Niederlande arbeitende Or-
vielen weiteren Fächern an der Univer-
oder dass der «Tüchtige» Glück habe,
interdisziplinäre MGU-Forschungs-
ganisation veröffentlicht Daten zum
sität wichtige sprachwissenschaftliche
und wir lesen mit ungläubigem Staunen
projekt «Gesellschaftliche Wahrneh-
Zustand des Rheins. Ausserdem: Hin-
Forschung betrieben:Die einzelsprach-
die Geschichte vom «Hans im Glück».
mung und ökologische Auswirkungen
weise auf internationale Tagungen.
liche Linguistik und speziell die Neu-
Philosophen, Soziologen, Psycholo-
von Gewässerrevitalisierungen im Sied-
philologien haben stark expandiert
gen, Biochemiker und Literaten be-
lungsraum» und ist seit 1996 Teilha-
und überwiegen heute in der Ausstat-
schäftigen sich mit den Bedingungen
ber der ökologischen Beratungsfirma
tung die allgemeine und vergleichende
des Glücks, Frauenmagazine geben re-
Life Science AG. Er bearbeitet Aufträ-
http://www.buwal.ch
Sprachwissenschaft bei weitem.
gelmässig detaillierte Tipps, wo man
ge für kantonale und eidgenössische
Aktuelles zu allen Bereichen der Um-
das Ganze suchen soll. Annemarie
Verwaltungsstellen sowie internatio-
welt und Natur in der Schweiz. Eine ef-
Pieper schlägt einen anderen Weg ein:
nale Institutionen im Rahmen des
fiziente Suchmaschine ermöglicht das
Annemarie Pieper, Glückssache. Die
Kunst, gut zu leben. Hoffmann und
Campe, Hamburg 2001. 320 S., Fr. 36.10
Sie fragt nach den Entwürfen des gu-
Vollzugs von Gewässerschutz-, Natur-
rasche Auffinden aller verfügbaren
ten Lebens, die seit der Antike entwi-
schutz- und Umweltschutzgesetzen.
Informationen zu spezifischen Stich-
Wie gelingt es, gut zu leben? Wo liegen
ckelt wurden, und nach der Rolle, die
die Inseln der Seligen? Was ist das
das Glück in diesen spielt. So entsteht
Glück? Annemarie Piepers Buch ist
eine kleine Philosophie- und Kultur-
kein nassforscher Ratgeber «In 30 Ta-
geschichte des Glücks, die anhand
gen glücklich», sondern eine Anre-
von ausgewählten Texten und vielen
http://www.fischnetz.ch
gung, über das Glück und die Kunst
anschaulichen Beispielen vom sinn-
Website des koordinierten Projekts,
des guten Lebens nachzudenken, sich
lichen, vom kalkulierten, vom strate-
über die eigenen Lebensziele Klarheit
gisch herstellbaren, vom eudämonis-
M e i n We b - Ti p p
Internationale Kommission
Daniel Küry
zum Schutze des Rheins
(IKSR)
Bundesamt für Umwelt,
Wa l d u n d L a n d s c h a f t
Das Glück – immer da?
worten.
Netzwerk
Fischrückgang Schweiz
Daniel Küry, Biologe.
das die Ursachen des Fischrückgangs
in den schweizerischen Gewässern
Wo r l d C o n s e r v a t i o n
zu verschaffen: «Lerne nur das Glück
tischen, vom leidenschaftslosen und
untersucht.
Monitoring Center (WCMC)
ergreifen, / Denn das Glück ist immer
vom kontemplativen Glück erzählt.
da» (Goethe). Seit alters denken die
«Glückssache» ist eine Einladung,
http://www.unep-wcmc.org
Menschen darüber nach, was ein er-
nachzudenken über die Kunst, gut zu
Als Teil des Umweltprogramms der
fülltes, sinnvolles Leben ausmacht,
leben, und sich über seine eigenen
UNO (UNEP) erhebt das in England
http://www.rivernet.org
und immer wieder kreisen ihre Ge-
Lebensziele klarer zu werden. Anne-
beheimatete Institut Daten zum glo-
Mehrsprachiger Service, der aktuellste
danken um einen zentralen Begriff,
marie Pieper war ordentliche Profes-
balen Naturschutz.Aktuell: Schutz der
Informationen u. a. zu Revitalisie-
der alle Sehnsüchte zu bündeln
sorin für Philosophie an der Univer-
Binnengewässer und Verbreitung der
rungsprojekten an europäischen Flüs-
scheint: das Glück. Viele Bücher sind
sität Basel und ist heute emeritiert.
Korallenbänke.
sen anbietet.
European Rivers Network
(ERN)
36
UNI NOVA 90/2002 Bücher / Web-Tipp
Fragen Sie die Wissenschaft
Briefe
Wa r u m h ö r e n d i e Z a h l e n
«Gewöhnungsbedürftig»
eigentlich nie auf?
UNI NOVA 89 (Nov. 2001):
sich. Die zu enge Ausrichtung von Text
äussersten und obersten Rand ge-
und Bildern ist für das Auge unange-
drückt werden. (…) Das Zweite hängt
nehm, eine klare Gliederung des Texts
damit zusammen: Warum muss der
ist nicht auszumachen. Das neue
Text mit so ungewöhnlich weitem
Konzept der UNI NOVA ist fragwür-
Zeilenabstand gesetzt sein? (…) Ich
Neugestaltung
Die tägliche Erfahrung zeigt, dass jede
Zahl eine Nachfolgerin hat,die um eins
Ohne viele Worte: Herzliche Gratu-
dig. Die Öffnung nach aussen ist zu
würde die UNI NOVA viel lieber in der
grösser ist. Diese Eigenschaft wird in
lation zum sehr gelungenen UNI
begrüssen, doch bleibt offen, wie die
alten Form lesen. Muss ums Verrode
der Mathematik als Axiom (unbe-
NOVA!
Öffentlichkeit ihr Interesse an der Wis-
immer wieder etwas neu gemacht
weisbare Grundregel) zur Charakteri-
M. L., Basel
senschaft bekunden kann. (…)
werden, auf die Gefahr hin, dass es
Martin Traber, Basel
schlechter ist als das Alte?
sierung der Zahlen verwendet. Dieses
Uli W. Steinlin, Biel-Benken BL
Axiom ist sinnvoll, denn wenn es nicht
Eigentlich habe ich mich immer ge-
erfüllt wäre, gäbe es Konflikte mit der
freut, wenn ein neues UNI NOVA kam.
Vielen Dank für die Zusendung von
Arithmetik. Beispielsweise würde die
Ich schätzte die grosszügige, wie ich
UNI NOVA. Ich finde das Heft sehr in-
Vor einigen Tagen habe ich das neue
Regel, wenn A eine Zahl ist, dann ist
meine auch grösstenteils ästhetisch
formativ und von der Gestaltung her
UNI NOVA erhalten. Mit der neuen,
auch 2A eine Zahl, nicht mehr für
gelungene Gestaltung dieser Schrift.
auch sehr ansprechend.
modernen Gestaltung und dem ver-
alle Zahlen gelten.
(…) Ihre jüngste Ausgabe überrascht
Béatrice Roth, Lausanne
mittelnden Inhalt gelingt sicher der
Prof. Catherine Bandle, Mathematisches Institut der Universität Basel
mich nun in jeder Beziehung. Ich
Hier können Leserinnen und Leser
Fragen zu einem wissenschaftlichen
Gebiet stellen.Die Redaktion wird diese an Fachleute der Universität Basel
weiterleiten und Frage wie Antwort
veröffentlichen. Die Adresse für Ihre
Fragen finden Sie im Impressum.
Frühere Frage: Seit wann gibt es eigentlich Deodorants? (UNI NOVA 89)
so wichtige Brückenschlag zwischen
bin überwältigt, dass man mit soviel
Dass einer Zeitschrift gelegentlich ein
Wissenschaft und breiterer Öffent-
Macht die Texte so monotonisieren
«New look» verpasst wird, ist ver-
lichkeit. Ich gratuliere Ihnen für das
kann. Vermutlich soll es modern sein,
ständlich. Nun weiss man allerdings,
neue UNI NOVA und sende meine
das neue Produkt. Einmal anders. Gut
dass neue Besen nicht immer besser
besten Wünsche für diese anspruchs-
und schön, aber der Lesekomfort ist
wischen. Für UNI NOVA ist nach mei-
volle Aufgabe.
weg. Es ist sicher gewöhnungsbedürf-
ner Ansicht die neue Präsentation
David Marc Hoffmann, Aesch BL
tig, in diesen Seiten zu lesen, aber ich
jedenfalls alles andere als vorteilhaft.
bräuchte viel mehr Zeit dazu. (…)
Man hat den Eindruck, es müsse Pa-
Zu Ihrer UNI-NOVA-Nummer vom
Textblöcke dürfen nicht so sehr
pier gespart werden und die verschie-
November 2001 in der neuen, frischen
«künstlerisch gestaltet» werden, dass
denen Schrifttypen und -spalten sind
Aufmachung beglückwünsche ich Sie!
die Bereitschaft eines Lesers verloren
nicht eben leserfreundlich. (…)
Ruedi Bolzern, Bremgarten BE
geht, die eigentliche Botschaft auf-
Albert Salathé, Buchillon VD
und später vielleicht anzunehmen.
(…)
Sie stellen in der letzten Nummer der
Jürgen Gebhard, Basel
UNI NOVA das neue Design vor und
Briefe an die Redaktion – auch zu einzelnen Beiträgen – sind willkommen:
Adressen siehe Impressum.
erwarten sicher Kommentare dazu. Zu
Die neue Aufmachung der UNI NO-
Ihrem Leidwesen ist mein Eindruck
VA ist enttäuschend. Die veränderte
ein eher schlechter. Zwei Gründe da-
Gestaltung des Magazins bringt eine
zu: Erstens finde ich es gar nicht gut,
Einschränkung der Lesbarkeit mit
wie Text und vor allem Titel an den
Fragen / Briefe UNI NOVA 90/2002
37
Te r m i n e
Impressum
Orient und Okzident
Migration und Familie
ab 8. April
28. Mai
25. März
Ringvorlesung:«Orient» und «Okzident».
Migration und Familie
«Gründerzeit – Schweizer Juden auf
Kulturkontakte zwischen christlichen
und islamischen Gesellschaften seit
dem Mittelalter. Im Sommersemester
2002, jeweils Montag, 18–20 Uhr. Kollegiengebäude der Universität.
Vorträge von Alix Henley, Schriftstellerin, London/Basel, und Dr. Sibil
Tschudin, Universitäts-Frauenklinik
Basel. Veranstaltet von: Institut für
Pflegewissenschaft, Ev.-ref. Pfarramt
an der Universität, Universitätskliniken: Fachabteilung Klinische Pflegewissenschaften. 16.30–18 Uhr. Zentrum für Lehre und Forschung, Kleiner Hörsaal, Hebelstr. 20, Basel.
Schweizer Juden
dem Weg in den Bundesstaat 1848–
1938».
Vortrag von Prof. Jacques Picard vor
der Historischen und antiquarischen
Gesellschaft. 18.15 Uhr, Aula der Museen an der Augustinergasse, Augustinergasse 2, Basel.
Ackerbau-Anfänge
16. April
«Kleine Körnchen, grosse Wirkung:
Ius in bello
Nationalbank-Präsident
Die Anfänge des Ackerbaus und ihre
3. Juni
25. März
kulturgeschichtlichen Folgen».
Vortrag von Dr. Jean-Pierre Roth, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, Zürich, vor
der Statistisch-Volkswirtschaftlichen
Gesellschaft Basel. 18.15 Uhr.
Dia-Vortrag von Dr. Claudia Adrario,
Archäologin. 18 Uhr, Aula der Museen
an der Augustinergasse 2, Basel.
«Recht im bewaffneten Konflikt (ius in
kerrecht».
Freundschaft und Liebe
Archäologie und Recycling
16. April, 14. Mai und 2. Juli
26. März
«Not und Tugend: Spuren des Recyclings im archäologischen Befund».
Vortrag von Dr. Peter F. Tschudin vor
dem Basler Zirkel für Ur- und Frühgeschichte. 19.30 Uhr, Suva-Verwaltungsgebäude, grosser Saal, Eingang
Gartenstrasse 53, Basel.
Vorträge der Philosophischen Gesellschaft zum Rahmenthema «Freundschaft und Liebe». Jeweils um 18.15
Uhr. Grosser Saal des Schönen Hauses, Nadelberg 6–8, Basel.
6. Juni
chendes Verhalten? Eine Theorie des
17. April
Strafverfahrens».
«Was des Kaisers ist: Christentum auf
Vortrag von Prof. Margit Oswald, Universität Bern. 16.15 Uhr, Institut für
Psychologie, 2. Stock, Seminarraum,
Bernoullistrasse 16, Basel.
Vortrag von Dr. David Wigg, Frankfurt, vor dem Circulus Numismaticus
Basiliensis. 19.30 Uhr, Haus zum Hohen Dolder, St.Alban-Vorstadt 35, Basel.
choanalytische Psychotherapie – eine
Übersicht über aktuelle Konzepte.
Im Sommersemester 2002,jeweils Donnerstag, 18.15–19.15 Uhr. Kollegiengebäude der Universität, Hörsaal 15.
38
Strafverfahren
«Wie reagieren wir auf normabwei-
spätantiken Münzen».
Ringvorlesung: Psychohygiene: Psy-
Gastvortrag von Dr. iur. Hans-Peter
Gasser, Rechtsberater des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im
Ruhestand, Genf. 11.15 Uhr.
Münzen
Psychohygiene
ab 4. April
bello), insbesondere humanitäres Völ-
UNI NOVA 90/2002 Termine/ Impressum
In der Rubrik «Termine» ist eine
Auswahl von öffentlichen und für ein
breiteres Publikum bestimmten Veranstaltungen der Universität Basel
aufgeführt.
UNI NOVA, Wissenschaftsmagazin
der Universität Basel. Herausgegeben
von der Öffentlichkeitsarbeit
(Leitung: Maria Schoch Thomann).
UNI NOVA erscheint dreimal im
Jahr (März, Juli, November) und
kann in Einzelexemplaren kostenlos
abonniert werden.
Redaktion: Christoph Dieffenbacher
Adresse: UNI NOVA,
Öffentlichkeitsarbeit der Universität
Basel, Postfach, 4003 Basel.
Tel. 061 267 30 17, Fax: 061 267 30 13.
E-Mail: [email protected]
UNI NOVA im Internet:
http://www.zuv.unibas.ch/uni_nova
Gestaltungskonzept:
Marianne Diethelm, Lukas Zürcher
Mitarbeit an dieser Nummer:
Text: Franziska Flückiger, Ortwin
Gerhard/Alfonso Aguerri, Michael
Grafschmidt, Gregor Klaus,
Angelika Krebs, Daniel Küry, Marion
Morgner, Hansjakob Müller,
Jürg Niederhauser, Claudia Pantellini,
Georg Pfleiderer, Christoph
Rehmann-Sutter, Michael Stierwald.
Fotografie: Claude Giger, Dominik
Labhardt, Esther Schreier, Andreas
Zimmermann.
Gestaltung: Lukas Zürcher
Korrektorat: Sprachauskunft
der Universität Basel,
Postfach 646, 4003 Basel.
Druck: Reinhardt Druck AG, Basel.
Inserate: Go! Uni-Werbung AG,
Rosenheimstrasse 12, 9008 St. Gallen.
Auflage:12’500 Exemplare
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck nur mit Genehmigung
der Herausgeberin.
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