Infantiles psychoorganisches Syndrom (IPOS)

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Schule für Soziale Arbeit
Zürich-Stettbach
Berufsbegleitende Ausbildung BSA
Fach: Dissozialität als soziales Problem
Dozent: Charles Suter
Arbeitspapier zu ____________________
INFANTILES PSYCHOORGANISCHES SYNDROM (IPOS)
1.
Begriff
Im Rahmen der psychiatrischen Krankheitslehre wird der Begriff Infantiles psychoorganisches Syndrom (IPOS) verwendet zur Umschreibung eines Erscheinungsbildes, das
auf eine dauerhafte, meist diffuse frühkindliche Hirnschädigung zurückgeführt wird. Als
Hauptsymptome gelten im körperlichen Bereich leichte motorische Auffälligkeiten, im psychischen Bereich umschriebene Beeinträchtigungen der Erfassung und Verarbeitung von
Umweltinformationen (Teilleistungsstörungen). Als diagnostische Kategorie kommt das
IPOS vor allem bei Kindern und Jugendlichen zur Anwendung.
Die organisch bedingten Spezifika der Wahrnehmungsorganisation und Motorik können je nach den Bedingungen des Sozialisationsumfeldes (vor allem Primärgruppe und Schule) - den Aufbau des psychischen Systems und dessen Funktionsfähigkeit beeinträchtigen
bzw. die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von psychischen Störungen und auffälligen
Verhaltensmustern erhöhen (z.B. Neurosen, Dissozialität, Psychosen).
Die folgenden Begriffe bezeichnen in etwa dasselbe Zustands- bzw. Krankheitsbild: "frühkindliches exogenes Psychosyndrom", "minimal brain dysfunction".
Der Begriff frühkindliche Hirnschädigung umschreibt verschiedenste pränatale, perinatale und postnatale Schädigungen, die das Hirn in der Phase der Markscheidenreifung
vom sechsten Schwangerschaftsmonat bis zum zweiten Lebensjahr treffen können. Diese
Phase unterscheidet sich in ihrer Antwort auf schädigende Einflüsse aus der Umwelt von
der Zeit vorher und der Zeit nachher. Lempp (1981) unterscheidet drei Gruppen von Folgen frühkindlicher Hirnschädigung:
- Zerebrale Kinderlähmung: schwere motorische Schädigungen, die z.T. auch mit Intelligenzdefekten verbunden sein können
- Frühkindliche erworbene Schwachsinnsformen: schwerere intellektuelle Schädigungen,
bei denen die motorische Beeinträchtigung auch verhältnismässig geringfügig sein
kann
- Frühkindliches exogenes Psychosyndrom (= IPOS): leichtgradige Hirnschädigung mit
verhältnismässig geringfügigen intellektuellen Teilleistungsschwächen und motorischen
Störungen, aber mit typischen psychopathologischen Merkmalen.
Beim infantilen psychoorganischen Syndrom ist die Hirnschädigung anatomisch und neurologisch kaum nachweisbar. Die Diagnose wird aufgrund der Symptomatologie und der
Anamnese gestellt.
2.
Erscheinungsbild (Symptomatologie)
Die Darstellung des Erscheinungsbildes ist aus verschiedenen Gründen schwierig:
- Die Umschreibung der Symptome dieses auf frühkindliche Hirnschädigung zurückgeführten Krankheitsbildes sind von Autor zu Autor verschieden.
- Viele der als charakteristisch für das IPOS geltenden Symptome sind mehrwertig, d.h.
sie kommen auch bei anderen Zustands- und Krankheitsbildern vor, oder sie können
auch in einem anderen Zusammenhang erklärt werden.
- Die Folgen einer derartigen leichtgradigen Hirnschädigung (sog. primäre Symptome)
sind kaum als solche zu erfassen. Sie stellen einzig einen Faktor im komplexen Zusammenspiel dar, das das psychophysische System eines Menschen im Verlauf seiner
Sozialisation bestimmt bzw. seine Verhaltensmuster determiniert.
Es soll im folgenden trotzdem versucht werden, das Erscheinungsbild zu umreissen, das
als charakteristisch gilt für Heranwachsende, deren Sozialisationsverlauf durch die Folgen
einer frühkindlichen Hirnschädigung mitbestimmt worden ist. Wir unterscheiden dabei zwischen:
- Primären Symptomen: "Psychoorganisches Syndrom" i.e.S. als direkte Folge der
frühkindlichen Hirnschädigung
- Sekundären Symptomen: Charakteristika der Persönlichkeitsstruktur von Individuen,
deren Sozialisationsverlauf mitdefiniert worden ist durch ein "Psychoorganisches Syndrom" i.e.S.
2.1
Primäre Symptome: Psychoorganisches Syndrom i.e.S.
2.1.1
Körperliche Symptome
a) Vegetative Symptome
Im Vordergrund stehen Störungen im Bereich der Ernährung und des Wach-Schlaf-Rhythmus in den ersten Lebensmonaten. Derartige vegetative Symptome belasten häufig das
Zusammenspiel des Säuglings mit seinen primären Bezugspersonen. Die Pflegeleistungen können massiv erschwert sein (z.B. Trinkschwäche, anhaltendes Weinen/Schreien,
Schlafstörungen), die Ressourcen der Bezugspersonen werden massiv belastet.
b) Motorische Symptome
Kinder mit einem IPOS werden oft geschildert als in ihren Bewegungsabläufen unkoordiniert, plump oder "schusselig" und unbeholfen. Das Zusammenspiel der Bewegungen ist
sowohl im grobmotorischen als auch im feinmotorischen Bereich beeinträchtigt. Es kommt
zu unwillkürlichen, teils verkrampften, teils ausfahrenden Mitbewegungen (sog. "associated movements") von Beinen, Händen, Fingern und der Zunge. Die beeinträchtigte Grobmotorik manifestiert sich beispielsweise als mangelndes Geschick bei motorischen Spielen
(z.B. Ballspielen, Hüpfen, Trampolin). Die Kinder haben oftmals einen auffälligen Gang,
fallen häufiger um, produzieren Missgeschicke und Unfälle. Die beeinträchtigte Feinmotorik zeigt sich beim ersten Greifen, bei manuellen Geschicklichkeitsspielen, beim Basteln,
Schreiben etc. Anamnestisch fällt auf, dass die Kinder verspätet sitzen, stehen, gehen.
Die motorischen Funktionsstörungen können sich auch in der Sprache bemerkbar machen. Die Sprachentwicklung ist oft verzögert und mit Komplikationen verbunden: z.B. anhaltend schlechte Artikulation, Stammeln, Stottern etc.
c) Sensorische Symptome:
In gewissen Fällen ist mit sensorischen Störungen des Sehens (z.B. Schielen, Nystagmus,
partielle Gesichtsfeldeinschränkungen), des Gehörs (Einschränkung der Skala), des Tast-,
Temperatur-, Schmerz- und Raum-/Lage-Sinnes zu rechnen.
Die dargestellten körperlichen Symptome erscheinen als leichtgradige Ausprägung der
schweren motorischen Schädigungen bei der "Zerebralen Kinderlähmung". Sie sind allerdings kein essentielles Symptom des IPOS.
2.1.2 Psychische Symptome
2
a) Wahrnehmungsstörungen/Teilleistungschwächen
Wahrnehmungsstörungen gelten bei den meisten Autoren als Hauptsymptome des "Psychoorganischen Syndroms". Sie gehen davon aus, dass sich von dieser psychischen
Grundstörung die meisten anderen primären und sekundären Symptome ableiten lassen.
Die für das IPOS charakteristischen Störungen werden beschrieben als Schwierigkeit,
komplexe Wirklichkeitszusammenhänge angemessen zu interpretieren und Handlungsabläufe zu planen bzw. durchzuführen. Diese Probleme werden erklärt als Folgeerscheinungen von partiellen Beeinträchtigungen der zentralnervösen Wahrnehmungs- und Handlungsorganisation. Zur Bezeichnung derartiger partieller Beeinträchtigungen wird der Begriff Teilleistungsschwäche oder Teilleistungsstörung verwendet. Teilleistungsschwächen können einerseits direkte Folge von frühkindlichen Hirnschädigungen sein, anderseits wird davon ausgegangen, dass sie erblich bedingt sein können. Das Konzept der
Teilleistungsschwäche wird nicht nur verwendet zur Erklärung des IPOS, es hat auch Bedeutung im Rahmen der Diskussion um die Genese schizophrener Symptome.
Teilleistungsschwächen werden nach Graichen definiert als "Leistungsschwächen für einzelne Faktoren oder Glieder innerhalb eines grösseren Systems, das zur Bewältigung einer bestimmten komplexen Anpassungsaufgabe erforderlich ist". Beim IPOS stehen Teilleistungsschwächen der Wahrnehmungsorganisation im Vordergrund. Beschrieben werden verschiedenste Störungen der Erfassung, Aufnahme, Analyse, Kombination, Interpretation, Selektion und Speicherung von Umweltreizen. Zur Diskussion stehen aber auch
Teilleistungsstörungen im Bereich der Handlungsplanung und -realisierung. Lempp bringt
vor allem die folgenden Teilleistungsstörungen in Zusammenhang mit dem IPOS:
- Auditive Teilleistungsstörung:
Gehörtes wird mangelhaft aufgenommen, differenziert und behalten. Die Störung ist
fassbar als verzögerte und/oder beeinträchtigte Sprachentwicklung, häufiges Missverstehen und Rückfragen etc.
- Visuelle Teilleistungsstörung:
Die optische Umwelt wird mangelhaft erfasst. Symptome sind sensomotorische Auffälligkeiten (z.B. Abzeichnen von Figuren), Fehlinterpretation von mimischem und gestischem Ausdrucksverhalten etc.
- Raum-Lage-Labilität:
Die Verortung des eigenen Körpers im Raum bzw. die räumliche Orientierung kann beeinträchtigt sein. Die Störung ist z.B. fassbar als Rechts-links-Unsicherheit.
- Programmsteuerungsschwäche:
Von besonderer Bedeutung ist nach Lempp die Programmsteuerungsschwäche, "die es
dem Kind schwer macht, Handlungsprogramme aufzustellen und soweit festzuhalten,
als der Ablauf des Programms wichtiger ist als event. neu hinzutretende Informationen,
es aber instandsetzt, den Ablauf des Programms dann zu unterbrechen, wenn eine
neue relevante Situation entstanden ist. Es wird deutlich, dass neben der Programmsteuerung auch die funktionale Teilleistungsfähigkeit der Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig eine wesentliche Rolle spielt" (Lempp,1981,112f).
Die Gestaltpsychologie rückt die Störung der Gestaltwahrnehmung, speziell der sog. Figur-Hintergrund-Erfassung ins Zentrum ihrer Darstellung der Wahrnehmungsprobleme von
Individuen mit einem IPOS. Nach Wewetzer ist besonders die Leistungsfähigkeit beim Erfassen von Figuren auf diffusem Grund, beim Zusammenfügen von Bruchstücken zu einem Ganzen (Synthese) und bei der Differenzierung von Teilgestalten (Analyse) deutlich
beeinträchtigt. "Beim hirngeschädigten Kind seien die Grundfunktionen, d.h. die bei dem
Gestaltungsprozess wirksame Plastizität und Flexibilität, die Fähigkeit, komplizierte Gege 3
benheiten und Gestalten zu erfassen, und die Raschheit und Geschwindigkeit bei der
Wahrnehmung, verändert." (Lempp, l981,109).
b) Reizüberempfindlichkeit
Reizüberempfindlichkeit kann interpretiert werden als Folgeerscheinung der oben beschriebenen Wahrnehmungsstörung oder als eigenständiges Symptom des IPOS bzw.
als direkte Auswirkung der frühkindlichen Hirnschädigung auf das psychische System.
Die im folgenden zitierten Autoren gehen von der letzteren Auffassung aus:
"Reizüberempfindlichkeit ist mit Wahrscheinlichkeit das Resultat einer Filterschwäche. Das
Kind ist nicht oder in eingeschränktem Masse in der Lage, die auf es einwirkenden Reize
aus der Umwelt abzuschirmen und frühzeitig zu selektionieren je nachdem, ob der Reiz für
seine gegenwärtige Situation von Bedeutung ist oder nicht. Diese Reizüberempfindlichkeit
und Filterschwäche entspricht einer allgemein herabgesetzten Funktion der Formatio reticularis im Bereich des Stammhirns, das für die Aufmerksamkeit und Vigilanz, für die
Wachheit des Menschen mit verantwortlich ist. Die reizüberempfindlichen Kinder stehen
damit unter einer erheblichen psychischen Dauerbelastung, der sie oft nicht gewachsen
sind ohne sich in Ueberreaktion zu erschöpfen oder sich in ein allgemeines NichtReagieren zurückzuziehen" (Lempp,l981,110).
"Man nimmt an, dass infolge einer Senkung des Aktivitätszustandes der Hirnrinde die selektive Aufmerksamkeit nicht mehr funktioniert, der es im gesunden Fall zu verdanken ist,
dass einströmende Reize gefiltert und als 'wesentlich' oder 'unwesentlich' erkannt und abgelegt werden. Beim wahrnehmungsbehinderten Kind kommt es zu einem Wiederauftreten
der unwillkürlichen Aufmerksamkeit, wie Sie es beim Kleinkind beobachten können: Jeder
neue Reiz lenkt ab und jede neue Wahrnehmung fesselt. Die flüchtige Aufmerksamkeit
hinterlässt kaum Erinnerungsspuren, da ständig neue Sinneseindrücke eindringen." (Hirner F.;l978)
c) Hyperaktivität/Hypermotorik
Die Hyperaktivität von Kindern mit einem IPOS wird entweder beschrieben als eigenständiges direktes Symptom der Hirnschädigung oder als Folge der Wahrnehmungsstörungen
und Reizfiltermängel. Hirner interpretiert sie als Störung des Verhältnisses von Orientierung und Habituation, dies aufgefasst als weitere Teilleistungsstörung. Eine gestörte Orientierungsreaktion imponiert als sensorische und/oder motorische Hyperaktivität. Es ist die
Unfähigkeit, Reize, die eine Reaktion hervorrufen könnten, zu ignorieren. Eine gestörte
Habituation beinhaltet, dass sich ein Kind auf unwesentliche Reize einstellt. Derartige Kinder haben also Schwierigkeiten, sich gezielt und systematisch auf die Umwelt einzustellen,
das Wesentliche zu erfassen, das Unwesentliche auszufiltern. Z.T. fehlen Orientierungsreaktionen dort wo sie notwendig wären, z.T. können Orientierungsreaktionen nicht länger
aufrechterhalten bleiben, z.T. sind die Kinder unfähig, sich an gewisse Reize zu gewöhnen. Es ist evident, dass derartige Teilleistungsstörungen die Realitätsprüfung generell
und das (schulische) Lernverhalten speziell beeinträchtigen.
d) Weitere primäre Symptome
Je nach Autor werden weitere Merkmale des psychischen Systems als direkte Folge der
frühkindlichen Hirnschädigung aufgeführt. Die meisten dieser Symptome sind aber in noch
viel höherem Masse als die bisher genannten auch in anderem Zusammenhang interpretierbar und/oder können als von den bereits genannten Symptomen ableitbar aufgefasst
werden. Einige Beispiele sollen deshalb genügen: Konzentrationsschwäche, beeinträchtigtes Sozialgefühl, Fehlen von Angst/mangelhafte Registrierung von Gefahr, Affektabilität
etc.
4
2.2
Sekundäre Symptome: Charakteristika der Persönlichkeitsstruktur von Individuen,
deren Sozialisation mitdefiniert worden ist durch ein IPOS
Ich gehe davon aus, dass das dargestellte "Psychoorganische Syndrom" eine der (biologischen, psychischen, sozialen, kulturellen) Variablen ist, die den Sozialisationsverlauf eines
Individuums bestimmen bzw. die relativ konstanten Merkmale seiner Persönlichkeit determinieren. Je nach spezieller Konfiguration dieser Einflussgrössen kann der Faktor, den wir
kennengelernt haben als frühkindliche Hirnschädigung, eine andere Bedeutung gewinnen.
Es kann deshalb keine Persönlichkeitsstruktur beschrieben werden, die spezifisch wäre für
Individuen, deren Sozialisationsverlauf durch eine frühkindliche Hirnschädigung mitbestimmt wurde.
Wir gehen davon aus, dass die primären Symptome des IPOS - das beschriebene "Psychoorganische Syndrom" - aufgefasst werden können als eine ererbte oder erworbene
Disposition zu bestimmten psychischen (und eventuell auch körperlichen) Funktionsweisen bzw. Funktionsdefiziten. Im Verlauf der Sozialisation wird diese Disposition durch andere biologische, psychische, soziale und kulturelle Faktoren moduliert, kompensiert, verstärkt oder unterdrückt:
- Es sind Verläufe des Ineinandergreifens von ererbten und erworbenen Faktoren im Verlauf der Sozialisation denkbar, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das Individuum
als auffällig problematisiert wird. Die primären Funktionsdefizite können nicht kompensiert werden - sie beeinträchtigen die Wahrnehmungs- und Handlungsorganisation
auch des erwachsenen Menschen. Selbst in diesem Fall ist die Art der "Verhaltensauffälligkeit" aber nur indirekt durch die primären Symptome des IPOS bestimmt.
Es werden die unterschiedlichsten psychischen Störungen beschrieben, deren Genese
unter anderem mit einem IPOS erklärt wird: Neurosenstrukturen (z.B. Individuen mit
formalistisch-zwangshaft wirkenden Verhaltensmustern), präödipal gestörte Persönlichkeiten (z.B. Ich- und Ueber-Ich-Störungen bei eher hyperaktiv-agierend wirkenden Individuen), schizophrene Störungen. In Vulnerabilitäts-Stress-Modellen der Erklärung von
psychischen Störungen, insbesondere von Schizophrenie, erklärt das IPOS somit einzig eine erhöhte psychische Vulnerabilität.
- In einem für das Individuum günstigen Sozialisationsumfeld können die primären Funktionsdefizite zwar nicht behoben, wohl aber durch entsprechende Wahrnehmungs- und
Handlungsstrategien umgangen oder kompensiert werden. Lempp schreibt, "dass die
mit dem frühkindlichen exogenen Psychosyndrom verbundene Ueberempfindlichkeit bei
sonst günstigen Verhältnissen der Persönlichkeit auch zu einer besonderen Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt und zu einer besonderen Fähigkeit führen kann, die feinen Schwingungen in der Sphäre der Umgebung zu registrieren und aufzunehmen. So
können aus der Gruppe der leicht frühkindlich-hirngeschädigten Kinder oft besonders
differenzierte, feinfühlige und dann auf einzelnen Gebieten besonders leistungsfähige
und schöpferische Menschen heranwachsen (Lempp,1981, 121).
Es wäre nun theoretisch möglich, systematisch die Bedeutung der dargestellten primären
Symptome (= Psychoorganisches Syndrom) in ihrer Wechselwirkung mit den verschiedensten Kombinationen anderer sozialisationsrelevanter Faktoren darzustellen. Die
Komplexität dieser Aufgabe kann in diesem Rahmen nicht bewältigt werden. Einige Hinweise zum Entwicklungsverlauf auf den ersten drei Organisationsebenen müssen genügen:
5
a) Primäre Organisationsebene (ca. 1. Lebensjahr)
Das "Psychoorganische Syndrom" manifestiert sich bereits auf der primären Organisationsebene als Spezifikum des Austauschs des Individuums mit seiner Mit- und Umwelt.
So stellt ein Säugling mit dieser Disposition spezielle Anforderungen an die Pflege- und
Betreuungsleistungen der primären Bezugspersonen im Bereich der Regulation der vegetativen Homöostase. Es fällt oftmals schwer, die psychophysischen Bedürfnisspannungen zu regulieren, das Kind unter Berücksichtigung der gegebenen Ressourcen
ausreichend zu befriedigen. Missglückt dieses "Versagungs-/Befriedigungsmanagement", werden die Kinder bereits in dieser ersten Lebensphase "auffällig": sie sind
nicht zu befriedigen, weinen und schreien viel, haben oft Essstörungen und einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus.
Das familiale Milieu müsste in der Lage sein, die Spezifika der Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen des Säuglings/Kleinkindes mit einem IPOS zu erkennen und die Pflege- und Betreuungssituation dementsprechend zu strukturieren. Dies überfordert in vielen Fällen die materiellen und symbolischen Ressourcen von Primärgruppen. Oftmals
sind die Eltern verunsichert, enttäuscht, können sich zu wenig auf die Spezifika ihres
Kindes einstellen. Sie reagieren mit inkonsistentem Pflege- und Erziehungsverhalten,
pendeln zwischen Ablehnung, Vernachlässigung einerseits und ängstlicher Ueberversorgung anderseits. Diese frühen Erfahrungen mit der Mit- und Umwelt schlagen sich in
entsprechenden Selbst- und Objektrepräsentanzen nieder und prägen die grundlegenden affektiv-kognitiven Modi der Selbst- und Weltbegegnung des Individuums.
b) Sekundäre Organisationsebene (ca. 2./3. Lebensjahr)
Von Bedeutung ist das "Psychoorganische Syndrom" natürlich auch für die Art der Bewältigung der Loslösungs- und Individuationsaufgabe der sekundären Organisationsebene. Eine allgemeine Retardierung (z.B. verzögertes Gehen und Sprechen) und die
speziellen Defizite im Bereich der Wahrnehmungs- und Handlungsorganisation erschweren es dem Kind, sich zu verselbständigen und von den primären Bezugspersonen zu lösen. In einem eher "überbesorgten", "überbehütenden" Milieu besteht die Gefahr, dass die Funktionsdefizite überbewertet werden, das Kind in seiner Funktionslust
und in seinem Autonomiestreben eingeschränkt wird. Unter anderen familialen Bedingungen werden die Eigenarten des Kindes zu wenig erfasst bzw. bei der Strukturierung
des Sozialisationsumfeldes zu wenig berücksichtigt - das Kind wird überfordert.
c) Tertiäre Organisationsebene (ca. 4./5. Lebensjahr)
In dieser Entwicklungsphase ist damit zu rechnen, dass das "Psychoorganische Syndrom" durch den bisherigen Sozialisationsverlauf bereits stark moduliert, verstärkt oder
kompensiert wurde. IPOS-Kinder begegnen uns in diesem Alter schon als "neurotisierte", "verwahrloste" oder "sensibel-begabte" Kinder. Die zentrale Thematik dieser Organisationsebene - die Ueber-Ich-Entwicklung - wird deshalb unter verschiedenen Vorzeichen angegangen. Der Verlauf dieser Phase steht nurmehr in sehr indirektem Zusammenhang mit den "primären Symptomen" des IPOS.
Es ist anzunehmen, dass negative Sozialisationsverläufe auf der Basis eines IPOS in der
Regel in der Primärgruppe nicht problematisiert werden. Eltern und Kind entwickeln Interaktions- und Arbeitsformen, die den Spezifika der durch das "Psychoorganische Syndrom"
geschaffenen Situation in irgendeiner Art und Weise Rechnung tragen. Mit einer Problematisierung spezifischer Wahrnehmungs- und Handlungsmuster eines IPOS-Kindes ist allenfalls beim Eintritt in ausserfamiliäre Sozialisationsfelder (Krippe, Hort, Kindergarten,
Schule) zu rechnen. Bezogen auf schulische Sozialisationsfelder werden Lern- und Interaktionsmuster beschrieben, die als typisch gelten für "IPOS-Kinder". Gemäss Wolfensberger stehen dabei die folgenden Merkmale im Vordergrund:
6
- IPOS-Kinder können sich nicht konzentrieren, werden durch jeden Vorgang, jede Veränderung in ihrer Umgebung abgelenkt.
- Es besteht eine ausgesprochene Inkongruenz der Schulleistungen in der Zweier-Beziehung bzw. im Gruppenverband.
- Die Kinder sind in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit a) schwankend, inkonstant, stark
wetter- und emotionsabhängig und b) rasch ermüdbar.
- Die Kinder sind motorisch unruhig, können nicht stillsitzen, müssen ihre Körperstellung
immer wieder ändern. Dadurch stören sie den Unterricht. Im Freien rasen sie meist
hemmungslos herum; heftige Bewegungsformen und Bewegungsspiele wie Fussball,
Trottinett- und Velofahren sind beliebt.
- Störung der motorischen Feinkoordination: verkrampfte Haltung des Schreibgerätes, zu
starker Schreibdruck, ausfahrende und zitterige Schrift. Unsorgfältiges Ausmalen, Mühe
bis Unmöglichkeit, exakt auf die Zeilen zu schreiben, langsames Schreiben.
- Legasthenie.
Mit diesen Merkmalen wird nicht das IPOS-Kind beschrieben, sondern ein für eine bestimmte Gruppe von Kindern charakteristisches Muster der Alltagsbewältigung in regulären Lebensfeldern. Es wird davon ausgegangen, dass der Sozialisationsverlauf diese Kinder durch ein "Psychoorganisches Syndrom" mitbestimmt sei. Der Umkehrschluss ist nicht
zulässig - d.h. nicht jedes mit einem "Psychoorganisches Syndrom" belastete Kind muss
diese Auffälligkeiten im schulischen Kontext zeigen.
3.
Ursachen (Aetiologie)
Wie unter Punkt 1 erwähnt, wird das IPOS definiert als eine der möglichen Folgen von
frühkindlichen Hirnschädigungen. Unter frühkindlichen Hirnschädigungen werden pränatale, perinatale und postnatale Schädigungen zusammengefasst, die das Hirn in der Phase
der Markscheidenreifung vom sechsten Schwangerschaftsmonat bis zum zweiten Lebensjahr treffen können. Diese Phase unterscheidet sich in ihrer Antwort auf schädigende Einflüsse aus der Umwelt von der Zeit vorher und der Zeit nachher.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und (medizinische) Ausgefeiltheit soll ein knapper
Ueberblick über die in diesem Zusammenhang relevanten Schädigungsmöglichkeiten gegeben werden:
3.1
3.1.1
3.1.2
3.2
3.2.1
3.2.2
Pränatale Schädigungen
Virale, bakterielle und parasitäre Infektionskrankheiten der Mutter: z.B. Mumps,
Gelbsucht, Röteln, Masern, Kinderlähmung
Medikamentös behandeltes Schwangerschaftserbrechen
Perinatale Schädigungen
Mechanische Geburtstraumata:
Cerebrale Blutungen als Folge der Wehenkontraktionen, der Druckunterschiede
während des Geburtsvorgangs, der Zange etc.
Sauerstoffmangel (Hypoxie):
Die Ursachen des Sauerstoffmangels können sehr verschieden sein:
a) im mütterlichen Organismus: starke Blutungen, Blutdruckabfall während der Geburt
b) in der Plazenta: Plazentarinsuffizienz, übertragene Geburt
c) in Nabelschnurkomplikationen: Nabelschnurumschlingungen
d im Kind selbst: z.B. Frühgeburt
Für Frühgeborene muss die perinatale Phase als besonders gefährlich angesehen
werden, da die Blutungsneigung und generelle Anfälligkeit dieser Kinder besonders
7
gross ist. Auch die übertragenen Geburten sind bezüglich Hirnschädigung gefährdet - von der 40. Woche an setzt eine Hypoxie ein.
3.3
3.3.1
3.3.2
3.3.3
Postnatale Schädigung
Alimentäre Intoxikation:
Statistisch konnte nachgewiesen werden, dass bei Säuglingsdystrophien (Ernährungsstörungen) Ventrikelerweiterungen auftreten, die irreparabel sind. An Säuglingen, die durch Intoxikation gestorben sind, konnten Hirnödeme festgestellt werden, welche im Falle des Ueberlebens Dauerschäden verursacht hätten.
Infektionskrankheiten: Infolge erhöhter Permeabilität der Menigen kommt es in dieser Phase viel rascher und häufiger zu einer Mitreaktion des Hirns bei einer allgemeinen Erkrankung des Kindes: Scharlach, Mumps, Masern, Grippe, Lungenentzündung, Keuchhusten. Daraus können sich Dauerschäden ergeben.
Säuglingskrämpfe: Es wird darauf hingewiesen, dass Säuglingskrämpfe in jedem
Fall ein Symptom akut gestörter Hirntätigkeit sind - eine Abklärung ist in jedem Fall
angezeigt.
In vielen Fällen lässt sich nicht mit Sicherheit eine umschriebene Noxe aus der pränatalen,
perinatalen oder postnatalen Phase als verantwortliche Schädigung eruieren. Man findet
häufig eine Summierung von Schädigungsmöglichkeiten. Es kommt auch häufig zur
Ueberlagerung erblicher und erworbener Schädigungen. "Es kann kein Zweifel sein, dass
es Teilleistungsschwächen und darüber hinaus das Bild des frühkindlichen exogenen Psychosyndroms auch anlagebedingt gibt. Man kann durch sorgfältiger Befragung der Eltern
eines solchen Kindes immer wieder hören, dass eines der Elternteile, und zwar meistens
die Väter, ähnlich umschriebene Lernschwierigkeiten und Teilleistungsschwächen in ihrer
Kindheit gehabt haben. Ob es sich dabei tatsächlich um genetisch fixierte Teilleistungsschwächen handelt oder ob eine anlagebedingte relativ schwache Organfunktion auch einer normalen Geburtsbelastung nicht gewachsen ist und es im Sinne einer Dekompensation auch bei scheinbar leerer frühkindlicher Anamnese zu einer leichtgradigen frühkindlichen Hirnschädigung gekommen ist, wird sich kaum unterscheiden lassen (Lempp,
198l,116).
Literaturnachweis:
- Hirner, Alfred: Wahrnehmungsbehinderung, 1978, Arbeitspapier SSAZ/BSA
- Lempp, Reinhart: Eine Pathologie der psychischen Entwicklung; 198l; Bern, Stuttgart,
Wien
CS
Ipos.doc
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