Merkmale der Sozialwissenschaften

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2
Merkmale der Sozialwissenschaften
Bevor ich den Vergleich als sozialwissenschaftliche Methode erläutern werde,
untersuche ich
die Kriterien,
mit
deren
Hilfe man
eine Methode als
sozialwissenschaftliche bestimmen kann.
In einem ersten Schritt untersuche ich, anhand welcher Kriterien sich Wissenschaften
von den Nicht-Wissenschaften unterscheiden. Mithilfe dieser Kriterien können
wissenschaftliche von nicht-wissenschaftlichen Vergleichen unterschieden werden.
In einem zweiten Schritt untersuche ich, anhand welcher Kriterien sich die
Sozialwissenschaften von den übrigen Wissenschaften unterscheiden. Mithilfe dieser
Kriterien
können
sozialwissenschaftliche
von
sonstigen
wissenschaftlichen
Vergleichen unterschieden werden.25
2.1
Merkmale der Wissenschaften
2.1.1
Definition des Begriffs >Wissenschaft<
Eine aktuelle und ausführliche Definition des Begriffs >Wissenschaft< stammt von
Wohlgenannt:
„Unter
„Wissenschaft“
verstehen
wir
einen
widerspruchsfreien
Zusammenhang
von
Satzfunktionen (Aussageformen) oder geschlossenen Satzformeln (Aussagen), die einer
bestimmten Reihe von Satzbildungsregeln entsprechen und den Satztransformationsregeln
(logischen Ableitungsregeln) genügen“26
Ich gehe die Bestimmungen der Definition Schritt für Schritt durch; dabei
beschränke ich mich auf Erläuterungen zu Aussagen, Satztransformationsregeln und
zur Widerspruchsfreiheit, da Erläuterungen zu Satzfunktionen und Satzbildungsregeln für das Verständnis der folgenden Kapitel nicht relevant sind. Außerdem
beschränke ich mich darauf, wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Aussagen
im Hinblick auf deren Anspruch zu vergleichen, nicht im Hinblick darauf, ob sie
diesem Anspruch gerecht werden.27
25
Bei beiden Untersuchungen ist zu bedenken, dass es zahlreiche - und meist umstrittene Ausnahmen gibt, da Nicht-Wissenschaften, Wissenschaften und Sozialwissenschaften jeweils sehr
heterogene Untersuchungsgegenstände sind. Auf die erforderlichen Differenzierungen verzichte ich,
da andernfalls die Erläuterungen zu umfangreich und unübersichtlich wären.
26
Wohlgenannt, R., Wissenschaft, 1969, S. 197.
27
Vgl. Homans, G. C., Sozialwissenschaft, 1972, S. 19. Unter „nicht-wissenschaftlichen Aussagen“
verstehe ich all die Aussagen, die den für die Wissenschaften geltenden Regeln nicht entsprechen
müssen. Dass diese Aussagen den Anforderungen entsprechen, ist allerdings möglich.
9
2.1.2
Aussage
In diesem Abschnitt werde ich zunächst die Elemente der Aussagen, die Begriffe,
danach die einfachen Aussagen und schließlich die komplexen Aussagen erläutern.
2.1.2.1
Begriff
Was ist ein Begriff? „Ein Begriff ist ein mit einem bestimmten Wort (bzw. einer
Wortkombination) bezeichneter Vorstellungsinhalt.“28 Beispiel: Wenn man die
Wörter „Haus“ oder „maison“ liest oder hört, dann denkt man an etwas, das auf dem
Erdboden steht, Außenwände hat, über ein Dach verfügt etc. Der Begriff ist die
Gesamtheit dieser gedachten Eigenschaften. Zwei Wörter („Haus“ und „maison“)
können ein und denselben Begriff (>Haus<) ausdrücken.
Neben dem Begriff >Haus< und dem sprachlichen Ausdruck „Haus“ gibt es als
Drittes den Objektbereich, nämlich die Gesamtheit aller Häuser. Die Bereiche stehen
in Beziehung zueinander:
Die Beziehung eines Begriffs zum sprachlichen Ausdruck kann auf einem
Kontinuum mit den Polen “eindeutig“ und „mehrdeutig“ verortet werden.29 Beispiel:
Das Wort „Tor“ ist mehrdeutig: man kann an einen Menschen (der Tor) oder an eine
Sache (das Tor) denken.
Die Beziehung eines Begriffs zum Objekt kann auf einem Kontinuum mit den Polen
„völlig vage“ und „völlig präzise“ verortet werden: „Bei einem völlig präzisen
Begriff läßt sich für jeden beliebigen Gegenstand entscheiden, ob er unter diesen
Begriff fällt oder nicht“30, bei einem völlig vagen Begriff ist das nicht möglich.
Beispiel: Selbst wenn das Wort „Tor“ nur die Bedeutung >verschließbare
Maueröffnung< hätte und somit eindeutig wäre, so könnte die Beziehung zwischen
Begriff und Objekt dennoch unpräzise sein, z. B. wenn schwer zu entscheiden ist, ob
eine bestimmte Maueröffnung unter den Begriff >Tor< oder >Fenster< fällt.
In Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft werden Begriffe verwendet; in der
Wissenschaft sollen präzisere Begriffe verwendet werden, denn präzise und
eindeutige Begriffe sind Voraussetzung für die empirische Überprüfbarkeit; in der
Alltagssprache begnügt man sich oft mit mehrdeutigen und vagen Begriffen. Eine
28
Mayntz, R./Holm, K./Hübner, P., Methoden, 1974, S. 9
Vgl. Wohlgenannt, R., Wissenschaft, 1969, S. 97.
30
Wohlgenannt, R., Wissenschaft, 1969, S. 102.
29
10
präzisere Bestimmung der Begriffe ist mithilfe von Definition, Begriffsanalyse oder
Explikation möglich.31
Die Gesamtheit der Begriffe kann eingeteilt werden in logische Begriffe, z. B.
>und<, >oder<, >nicht<, >wenn ..., dann ... .<, und nicht-logische Begriffe. Die
nicht-logischen Begriffe können eingeteilt werden in solche, deren Inhalt Einheiten
sind (z. B. Personen, Dinge, Ereignisse etc.), und solche, deren Inhalt
Merkmalsausprägungen sind (z. B. Alter, Größe etc.).32
Begriffe, deren Inhalt Einheiten sind, können eingeteilt werden in Individualbegriffe
(z. B. >Max Weber<) und Allgemeinbegriffe (z. B. >Mensch<).33
Begriffe, deren Inhalt Merkmalsausprägungen sind, können eingeteilt werden in
solche, deren Inhalt Individualmerkmale, und solche, deren Inhalt Gruppenmerkmale
sind.
Individual- und Gruppenmerkmale können zum einen unterteilt werden in einstellige
und mehrstellige Merkmale.34 Zu den einstelligen Merkmalen zählen solche, die
eine Einheit ohne Bezug auf eine andere Einheit bestimmen, z. B. >... ist 20 Jahre
alt.<, >... ist katholisch.< etc. Zu den mehrstelligen Merkmalen zählen solche, die
eine Einheit mithilfe (mindestens) einer weiteren Einheit bestimmen, z. B. > ... ist
mächtiger als ... .<, >... ist beliebter als ... .< etc.
Individual- und Gruppenmerkmale können zum anderen unterteilt werden nach dem
quantitativen
Gehalt
und
nach
den
Übergängen
zwischen
den
Merkmalsausprägungen. Der quantitative Gehalt ist die Menge der erlaubten
Aussagen: Qualitative Variablen, z. B. Geschlecht oder Erziehungsstil, erlauben nur
Aussagen über Gleichheit und Ungleichheit; ordinale Variablen, z. B. soziale
Schichten oder Noten, erlauben zusätzlich Aussagen über die Richtung (kleiner,
größer); metrische Variablen, z. B. Kinderzahl, erlauben zusätzlich Aussagen über
zahlenmäßige Verhältnisse (x- mal kleiner/größer).35
Die
Übergänge
zwischen
Merkmalsausprägungen
können
diskret
oder
kontinuierlich sein. Ein kontinuierlicher Übergang ist gekennzeichnet durch „die
31
Vgl. zur Explikation: Carnap, R./Stegmüller, W., Logik, 1959, S. 12-15; vgl. zur Definition:
Kutschera, F. von/Breitkopf, A., Logik, 1992, S. 139-149; vgl. u. a. zur operationalen Definition:
Mayntz, R./Holm, K./Hübner, P., Methoden, 1974, S. 14-22.
32
Vgl. Mayntz, R./Holm, K./Hübner, P, Methoden, 1974, S. 11-12.
33
Vgl. dagegen Carnap, R., Welt, 1998, S. 213-216; ihm zufolge kann „jeder Begriff ... als
Individualbegriff und auch als Allgemeinbegriff aufgefaßt werden.“ (ebd., S. 213, Kursiv nicht im
Original).
34
Vgl. Opp, K.-D., Methodologie, 1995, S. 20.
35
Vgl. Wolff, W., Statistik, 2000, S. 37-38.
11
Möglichkeit einer unendlichen Teilbarkeit in immer wieder Teilbares“36, bei einem
diskreten Übergang besteht eine solche Möglichkeit nicht.37
2.1.2.2
Einfache Aussagen
Begriffe können zu Aussagen verknüpft werden. Der sprachliche Ausdruck einer
Aussage ist ein Aussagesatz.38 Die Aussagesätze können unterteilt werden in
logische und faktische Aussagesätze.39
Logische Sätze sind entweder analytische oder kontradiktorische Sätze. Ein
analytischer Satz, z. B. „Der Kreis ist rund.“, kann nur wahr sein. Ein
kontradiktorischer Satz, z. B „Der Kreis ist eckig.“, kann nur falsch sein. Die
Wahrheit logischer Sätze ist durch eine Begriffsexplikation erkennbar.40
Faktische Aussagesätze sind synthetische Sätze. Ein synthetischer Satz kann wahr
oder falsch sein.41 Vertreter der Korrespondenztheorie der Wahrheit gehen davon
aus, dass die Wahrheit der synthetischen Sätze durch eine empirische Überprüfung
erkannt werden kann, indem untersucht wird, ob Objekt und Aussage
übereinstimmen (korrespondieren).42
Nach der Anzahl der Objekte, über die eine Aussage gemacht wird, unterteilt man
die Aussagesätze in singuläre und nicht-singuläre Aussagesätze.43 Durch singuläre
Aussagesätze wird einer Einheit ein Merkmal zugesprochen. Beispiel: „Max Weber
hat einen Vater.“ Durch nicht-singuläre (mit anderen Worten: generelle)
Aussagesätze wird mehreren oder allen Einheiten ein Merkmal zugesprochen.
Beispiel: „Alle Menschen haben einen Vater.“
Wenn man von Wohlgenannts Definition der „Wissenschaft“ ausgeht, dann enthalten
Wissenschaften - im Unterschied zu den Nicht-Wissenschaften - nur Aussagesätze.44
36
Herold, N., Kontinuum, 1976, Sp. 1045.
Vgl. Hume, D., Traktat, 1989, S. 44-49; Kant, I., Kritik, 1998, A523-527.
38
Laut Frege können Aussagen auch durch Fragesätze ausgedrückt werden; Frage- sowie Ausrufe-,
Befehls- und Bittsätze können weder falsch noch wahr sein; vgl. ders., Gedanke, 1976, S. 34-35.
39
Vgl. Wohlgenannt, R., Wissenschaften, 1969, S. 72.
40
Vgl. Opp, K.-D., Methodologie, 1995, S. 177-179.
41
Kant zufolge gibt es synthetische Sätze a priori, die nicht analytisch sind und nur wahr sein können
(vgl. Kant, I., Vernunft, 1998, A6-A13 und B10-B24); eine empirische Überprüfung ist nicht
erforderlich. Zweifel an der Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Sätzen äußert u.
a. Quine, W. V. O., Empiricism, 1951, S. 20-43.
42
Detaillierter vgl. Gloy, K., Wahrheitstheorien, 2004.
43
Vgl. Opp, K.-D., Methodologie, 1995, S. 31.
44
Vgl. dagegen Becher, E., Geisteswissenschaften, 1921, S. 6: Wissenschaft ist „ein gegenständlich
geordneter Zusammenhang von Fragen, ... Urteilen ... Untersuchungen und Begründungen“ (Kursiv
nicht im Original).
37
12
In Wissenschaften und Nicht-Wissenschaften werden sowohl analytische als auch
synthetische Sätze und sowohl singuläre als auch nicht-singuläre Sätze verwendet;
die Korrespondenztheorie ist die Wahrheitstheorie, die „sowohl unser alltägliches,
vorwissenschaftliches Denken wie auch unser wissenschaftliches beherrscht.“45
2.1.2.3
Komplexe Aussagen
Einfache Aussagen können zu komplexen Aussagen verknüpft werden. Man
unterscheidet:46 Disjunktionen (>... oder ... .<), Konjunktionen (>... und ... .<),
Negationen (>... nicht ... .<; >Kein ... .<), Implikationen (>Wenn ..., dann ... .<) und
Äquivalenzen (>Dann und nur dann ..., wenn ... .<).
In Wissenschaft und Nicht-Wissenschaften werden komplexe Aussagen verwendet.
2.1.3
Transformationsregeln (Logische Ableitungsregeln)
Aus einfachen und komplexen Aussagen können weitere Aussagen abgeleitet
werden. Ich beschränke mich auf die Darstellung eines Syllogismus, da dieser eine
sehr ähnliche Struktur - aber nicht die gleiche Funktion - wie eine Erklärung hat:47
1. Es gibt eine generelle Aussage; z. B.: „Je wertvoller für eine Person eine
Aktivitätseinheit ist, die sie von einer anderen Person erhält, desto häufiger wird
sie sich Aktivitäten zuwenden, die von der anderen Person mit dieser Aktivität
belohnt werden.“48
2. Es gibt wenigstens eine singuläre Aussage, in der die Bedingung genannt wird, z.
B.: „Die Beratung durch B ist für A sehr wertvoll.“
3. Explanandum: „A bezeugt B sehr oft Respekt.“
Wissenschaftliche Erklärungen müssen vier Adäquatheitsbedingungen erfüllen:49
„Das Explanandum muß im Explanans tatsächlich logisch enthalten sein ... . Das Explanans muß
(mindestens) ein allgemeines Gesetz enthalten. Das Explanans muß empirischen Gehalt besitzen,
45
Gloy, K., Wahrheitstheorien, 2004, S. 93. Vgl. dagegen Lamnek, S., Sozialforschung, S. 258: Ihm
zufolge findet die Korrespondenztheorie v. a. in der quantitativen, die Konsensus- und Diskurstheorie
v. a. in der qualitativen Forschung Geltung.
46
Vgl. u. a. Tugendhat, E./Wolf, U., Propädeutik, 1997, S. 104-126.
47
Vgl. zu diesem Beispiel: Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 222-223. Ich
greife dieses Beispiel einer deduktiv-nomologischen Erklärung in Kapitel 2.2.2 wieder auf. Vgl. zu
kausal-statistischen Erklärungen: Scriven, M., Explanation, 1975, S. 3-16; zu pragmatischen
Erklärungen: van Fraassens, B., Explanation, 1985, S. 639-651.
48
Homans, G. C., Elementarformen, 1972, S. 47.
49
Die erste Bedingung gilt nicht notwendigerweise für einen Syllogismus: ein Syllogismus kann auch
dann korrekt sein, wenn beide Prämissen falsch sind. Vgl. Lauth, B./Sareiter, J., Wissenschaftstheorie,
2002, S. 30-35.
13
d. h. Gesetz und Randbedingungen müssen empirisch prüfbar sein. Und schließlich: Die Aussagen
im Explanans müssen wahr sein.“50
Gegen die erste Bedingung kann man folgenden Einwand vorbringen:51
Angenommen, der Schluss sei: „Sokrates ist ein Lebewesen.“ Dies sei erklärbar
durch die Prämissen: „Jeder Mensch ist ein Lebewesen.“ und „Sokrates ist ein
Mensch.“ Entweder bedeutet die erste Prämisse, dass jeder bisherige Mensch ein
Lebewesen ist: dann ist das Explanans logisch nicht enthalten. Oder die Prämisse
bedeutet, dass jeder Mensch ein Lebewesen ist: dann muss man den Schluss bereits
kennen; man muss bereits wissen, dass u. a. Sokrates ein Lebewesen ist.52 Bezüglich
der vierten Bedingung steht man vor dem Problem, dass umstritten ist, was Wahrheit
ist. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist zwar am verbreitetsten, aber sie gilt
als „so vage und unpräzise, dass sich bei intensiverem Studium mit ihr nichts
anfangen lässt.“53
Sowohl in den Wissenschaften als auch in den Nicht-Wissenschaften sollen als
Antwort auf Warum-Fragen Erklärungen verwendet werden. In den Wissenschaften
sollen die formalen und inhaltlichen Anforderungen an Erklärungen vollständig
erfüllt sein. Ich finde es plausibel, dass offensichtliche Verstöße gegen diese
Anforderungen auch in den Nichtwissenschaften nicht erlaubt sind. Allerdings gibt
es Nichtwissenschaftler, die aufgrund mangelnder Begabung, Ausbildung oder
Ausrüstung subtilere Verstöße nicht erkennen.54 Außerdem „pflegt man im Alltag die
Anfangsbedingungen ebenso wie die Gesetzesaussagen zu unterdrücken oder
unvollständig zu lassen, weil man sie in einer gegebenen Situation für
selbstverständlich hält.“55 Ich halte es für plausibel, dass Attributionsfehler,
Unvollständigkeiten etc. allerdings auch im wissenschaftlichen Alltag vorkommen.56
50
Esser, H., Soziologie, 1996, S. 43.
Vgl. zu weiteren Einwänden Lambert, K./Brittan, G. G. jr., Wissenschaftsphilosophie, 1991, S. 2589. Ich verwende nicht das Beispiel Lindenbergs und Wipplers, da ich das klassische Beispiel für die
Erläuterung für geeigneter halte.
52
Descartes, R., nimmt an, „daß die Dialektiker mit ihrer Kunst keinen Syllogismus bilden können,
der etwas Wahres erschließt, wenn sie nicht zuvor seine Materie bewiesen haben, d. h. wenn sie nicht
dieselbe Wahrheit, die in ihm deduziert wird, schon vorher erkannt haben“ (Regeln, 1973, S. 67).
53
Gloy, K., Wahrheitstheorien, 2004, S. 93; vgl. dort auch die Kritik an sprachpragmatischen
Wahrheitstheorien, S. 191-226.
54
Vgl. zu Attributionsfehlern Herkner, W., Attribution, 1980, S. 33-43; S. 187-294.
55
Poser, H., Wissenschaftstheorie, 2001, S. 44.
56
Vgl. Esser, H., Soziologie, 1993, S. 62.
51
14
2.1.4
Widerspruchsfreier Zusammenhang
„Widerspruchsfreiheit“ meint wenigstens zweierlei: Zum einen darf ein Satz keinen
Widerspruch enthalten. Zum anderen dürfen zwei oder mehr Sätze einer
Wissenschaft einander nicht widersprechen. Diese Forderung wird u. a. damit
begründet, dass aus einem Widerspruch jeder beliebige Satz ableitbar sei.57 Ob ein
Zusammenhang von Aussagesätzen widerspruchsfrei ist, kann auf wenigstens zwei
Weisen überprüft werden:58 durch Konfrontation mehrerer Sätze innerhalb der
Wissenschaft
oder
durch
Konfrontation
mit
einem
Aussagesatz
anderer
Zusammenhänge.
Im
Unterschied
zu
nicht-empirischen
Wissenschaften
sind
empirische
Wissenschaften auch prüfbar durch Konfrontation mit Sätzen, die ein Faktum
beschreiben (Basissätze). Durch eine empirische Prüfung können Popper zufolge
generelle Aussagesätze nicht verifiziert, d. h. als wahr erkannt werden. Denn der
induktive Schluss von einer begrenzten Anzahl geprüfter Fakten auf die Wahrheit
des generellen Aussagesatzes sei nicht zulässig. Durch eine empirische Prüfung
könnten generelle Aussagesätze jedoch falsifiziert, d. h. als falsch erkannt werden.
Wenn durch mehrere Prüfungen ein genereller Aussagesatz nicht falsifizierbar sei,
gälte dieser als bewährt.59
Man kann drei Gütekriterien für eine empirische Überprüfung unterscheiden:
„Objektivität“ bezeichnet das Ausmaß, in dem mehrere Prüfer bei der Untersuchung
desselben Gegenstandes übereinstimmen.60 Meist schränkt man den Kreis der Prüfer
auf diejenigen ein, die „hinlänglich intelligent, ausgebildet und ausgerüstet“61 sind.
„Reliabilität“ bezeichnet das „Ausmaß ..., in dem wiederholte Messungen eines
Objektes mit einem Meßinstrument die gleichen Werte liefern.“62
„Validität“ bezeichnet wenigstens zweierlei: „Interne Validität“ bezeichnet das
Ausmaß, in dem Veränderungen der abhängigen Variable ausschließlich durch
Veränderungen der unabhängigen Variable bedingt sind; Störeinflüsse also
ausgeschlossen werden können.63 „Externe Validität“ bezeichnet das Ausmaß, in
57
Vgl. Popper, K. R., Logik, 1994, S. 58.
Vgl. Opp, K.-D., Methodologie, 1995, S. 184.
59
Vgl. Popper, K. R., Logik, 1994, S. 8.
60
Vgl. Häcker, H., Objektivität, 1998, S. 589.
61
Wohlgenannt, R., Wissenschaft, 1969, S. 112.
62
Schnell, R./Hill, P. B./Esser, E., Methoden, 1999, S. 145.
63
Vgl. Bay, R. H./Lück, H. E., Forschungspraxis, 1981, S. 50.
58
15
dem ein Ergebnis der Untersuchungssituation auch auf andere Situationen, „speziell
auf die Alltagsrealität übertragbar ist.“64
Sowohl in den Wissenschaften als auch in den Nicht-Wissenschaften sollen
Widersprüche vermieden werden. Das Ausmaß, in dem die Gütekriterien erfüllt sind,
ist sowohl in den Wissenschaften als auch in den Nicht-Wissenschaften relevant.65
2.1.5
Fazit
Es gibt Unterschiede zwischen den Anforderungen an wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Aussagen, aber erstens nicht sehr viele, zweitens sind die
Unterschiede eher graduell (Präzision, Eindeutigkeit) oder werden nicht von allen
geteilt. Folgende Tabelle fasst das Teilkapitel zusammen:
Kriterium
Nicht-wissenschaftliche
Wissenschaftliche
Aussagen
Aussagen
Verwendung logischer Begriffe erlaubt
ja
ja
Verwendung von Individual- und
ja
ja
Geforderte Eindeutigkeit der Begriffe
gering
hoch
Geforderte Präzision der Begriffe
gering
hoch
Verwendung von Aussagesätzen erlaubt
ja
ja
Verwendung von Befehls-, Frage- oder
ja
nein
ja
ja
ja
ja
ja
ja
Aussagen sollen widerspruchsfrei sein
ja
ja
Gütekriterien für empirische Überprüfung
ja
ja
Allgemeinbegriffen erlaubt
Wunschsätzen erlaubt
Korrespondenztheorie als bevorzugte
Wahrheitstheorie
Adäquatheitsbedingungen sollen
vollständig erfüllt sein
Zur Beantwortung von Warum-Fragen
werden Erklärungen gefordert
sollen erfüllt sein
Tabelle 1: Vergleich nicht-wissenschaftlicher und wissenschaftlicher Aussagen
64
Bay, R. H./Lück, H. E., Forschungspraxis, 1981, S. 50.
Vgl. Heider, F., Beziehungen, 1977; vgl. u. a. das ANOVA-Modell von: Kelley, H. H., attribution,
1973, S. 107-128: Die durch Person X vermutete Ursache des Handelns einer anderen Person P hängt
u. a. vom Ausmaß des wahrgenommenen Konsensus ab (Hoher Konsensus liegt vor, wenn bislang alle
Personen in einer ähnlichen Situation so handelten wie P). Hoher Konsensus liegt u. a. vor bei hoher
Objektivität (d. h. hoher Übereinstimmung im Urteil).
65
16
2.2
Merkmale der Sozialwissenschaften
Im vorangegangenen Abschnitt habe ich Unterschiede zwischen Wissenschaften und
Nichtwissenschaften untersucht. Im Folgenden untersuche ich, inwieweit sich die
Sozialwissenschaften von den übrigen Wissenschaften im Gegenstand und in der
Methode unterscheiden.66
Zu den Sozialwissenschaften zählen u. a. Psychologie, Wirtschaftswissenschaften,
Politologie, (Kunst-)Geschichte und Soziologie. Ich beschränke mich darauf, die
Soziologie
stellvertretend
für
alle
Sozialwissenschaften
mit
den
übrigen
Wissenschaften zu vergleichen.67 Die Soziologie ist am geeignetsten für eine solche
Stellvertreterfunktion, da sie als die allgemeinste der Sozialwissenschaften gilt.68
2.2.1
Gegenstand
Als Gegenstand der Sozialwissenschaften im allgemeinen und der Soziologie im
speziellen gilt Zweierlei: soziales Handeln (oder auch: soziales Verhalten) und
soziale Strukturen.69
2.2.1.1
Soziales Handeln
Soziales Handeln ist eine Art des Handelns. Ich werde zuerst das Handeln, dann das
soziale Handeln erläutern. Max Weber definiert „Handeln“ folgendermaßen:
„„Handeln“ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun,
Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen
subjektiven Sinn verbinden.“70
Folgende sozialwissenschaftliche Besonderheiten lassen sich ableiten:71
Handeln ist ein menschliches Verhalten. Dies ist Homans zufolge „der
augenscheinlichste Unterschied zwischen den Sozialwissenschaften und den übrigen
66
Zum Verhältnis zwischen Natur- und Sozialwissenschaften vgl. Topitsch, E., Verhältnis, 1966, S.
57-71; Kritik an Topitsch stammt von Habermas, J., Dualismus, 1982, S. 89-143; v. a. S. 118-121.
Zum Verhältnis zwischen nomothetischen Natur- und idiographischen Geisteswissenschaften vgl. u. a.
Windelband, W., Geschichte, 1924, S. 136-160.
67
Vgl. Esser, H., Anstöße, 2004, S. 7.
68
Vgl. Schimank, U., Handeln, 2000, S. 9.
69
Vgl. Wiswede, G., Soziologie, 1998, S. 22: „Soziologie sei die Lehre vom sozialen Verhalten
(sozialen Handeln) und den sozialen Strukturen (sozialen Gebilden).“
70
Weber, M., Grundbegriffe, 1984, S. 19.
71
Vgl. ähnlich Schmidt, G., Weber, 1987, S. 25.
17
Wissenschaften.“72 Nur Sozialwissenschaftler „untersuchen das Verhalten von
Dingen, die so sind wie sie selbst.“73
Zweitens wird der Gegenstandsbereich eingeschränkt auf sinnhaftes Verhalten - im
Unterschied zu nicht-sinnhaftem Verhalten. Damit ist ein zweiter Unterschied
zwischen Sozialwissenschaften und den übrigen Wissenschaften benannt: die
„Beachtung der Kategorie des „Sinns“, zu der es in den Naturwissenschaften in der
Tat kein Äquivalent gibt, und damit: des Aspektes des „Verstehens““74. Verstehen
meint „den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben
sind, ein Inneres erkennen“75. Das Handeln ist das äußere Zeichen, mit dessen Hilfe
man ein Inneres, z. B. eine Kognition, erkennt.76
Gegenstand der Sozialwissenschaften ist das soziale Handeln. Dies bedeutet eine
dritte Einschränkung des Gegenstandsbereiches. Weber definiert „Soziales Handeln“
als Handeln, „welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach
auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“77
Wenn man davon ausgeht, dass es nicht nur ein sozial handelndes Individuum gibt,
sondern mehrere, und wenn man das soziale Handeln dieser Individuen vergleicht,
dann kann man Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen. Den Soziologen
interessieren v. a. die Gemeinsamkeiten. „Und erst mit dieser Orientierung an den
von konkreten Menschen abstrahierenden, vereinfachenden und typisierenden
Mustern des Handelns und der sozialen Beziehungen wird die Soziologie zu einer
Sozial-Wissenschaft“78.
2.2.1.2
Struktur
Merkmale, „die als relativ fortdauernd oder beharrend angesehen werden“79,
bezeichnet man als „Strukturen“. Gesellschaftliche Strukturen gelten - im
Unterschied zu anderen Strukturen, z. B. der Chemie oder Physik - als weniger lange
andauernd und als räumlich begrenzt. Die Strukturen einer Gesellschaft können
72
Homans, G. C., Sozialwissenschaft, 1972, S. 69.
Homans, G. C., Sozialwissenschaft, 1972, S. 69. Vgl. u. a. Lamnek, S., Sozialforschung, Bd. 1, S.
14-15.
74
Esser, H., Anstöße, 2004, S. 8.
75
Dilthey, D., Hermeneutik,1924, S. 318.
76
Schütz, A., Wirklichkeit, 1971, S. 6, nennt die gedanklichen Konstruktionen der alltäglichen
Wirklichkeit „Konstruktionen ersten Grades“ und die Konstruktionen des Sozialwissenschaftlers
„Konstruktionen zweiten Grades“.
77
Weber, M., Grundbegriffe, 1984, S. 19. Kritisch hierzu vgl. Schütz, A., Aufbau, 1987, S. 24-27.
78
Esser, H., Soziologie, 1993, S. 419; Kursiv im Original; Fettdruck nicht im Original.
79
Wiswede, G., Soziologie, 1998, S. 24.
73
18
eingeteilt werden in Strukturen der Merkmalsverteilung und institutionelle
Strukturen:80
Die Strukturen der Merkmalsverteilung können weiter unterteilt werden;
entsprechend der Unterscheidung zwischen ein- und zweistelligen Merkmalen in
Abschnitt 2.1.2.1 unterscheidet Esser u. a. zwischen Verteilungsstrukturen und
Beziehungsstrukturen: Die Verteilungsstruktur ergibt sich aus der „Verteilung der
absoluten Merkmale der Einheiten einer Gesellschaft“81. Die Beziehungsstruktur
ergibt sich „aus den besonderen Mustern der relationalen Eigenschaften der
Einheiten der Gesellschaft“82. Beide Strukturarten sind raumzeitlich verortbar.
Die institutionelle Struktur „ist die Gesamtheit der formellen wie der informellen
Regeln und kulturellen Werte, die die Grundlage für die Handlungskoordination der
Akteure ... bilden.“83 Im Unterschied zu den beiden oben genannten Strukturarten
existiert die institutionelle Struktur insofern, „als sie sich in ... Praktiken realisiert
und als Erinnerungsspuren, die das Verhalten bewusst handelnder Subjekte
orientieren.“84
Einerseits bedingen die Strukturen einer Gesellschaft das soziale Handeln;
andererseits werden durch das soziale Handeln die institutionellen Strukturen
,verkörpert’ und solche Strukturen reproduziert, die wiederum das soziale Handeln
bedingen. Beispiel: Indem man einem gebrechlichen Menschen Hilfe anbietet, wird
sichtbar, dass man dem Gebot der Hilfsbereitschaft folgt; außerdem mag ein solches
Vorbild andere dazu bewegen, sich ebenfalls hilfsbereit zu verhalten. Eine solche
Reproduktion erfolgt meist routiniert. Die Folgen des sozialen Handelns können zum
einen vorhergesehen oder nicht vorhergesehen, zum anderen erwünscht oder nicht
erwünscht sein.85
80
Vgl. Esser, H., Soziologie, 1993, S. 419-467, dort statt „Strukturen der Merkmalsverteilung“
„soziale Strukturen“; dort auch Erläuterungen zur Infrastruktur und Super-Struktur.
81
Esser, H., Soziologie, 1993, S. 428, Kursiv im Original.
82
Esser, H., Soziologie, 1993, S. 431, Kursiv im Original.
83
Esser, H., Soziologie, 1993, S. 437.
84
Giddens, A., Konstitution, 1988, S. 69; vgl. auch Esser, H., der die beiden ersten Strukturarten als
„empirische Angelegenheiten“ (Soziologie, 1993, S. 436) bezeichnet, während die institutionelle
Struktur den „nicht direkt sichtbaren ... Hintergrund ... abgibt.“ (ebd., S. 437).
85
Vgl. Schimank, U., Weiterungen, 2002, S. 503. Zu weiteren Differenzierungen vgl. Kron, Th.,
Transintentionalität, 2002, S. 466-477.
19
2.2.2
Methode
Eine Methode ist „ein systematisches, geregeltes und planvolles Vorgehen, um ein
Ziel zu erreichen.“86 Im Abschnitt 2.1.3 wurde die Struktur einer (nomologischdeduktiven) Erklärungsmethode vorgestellt. Die Sozialwissenschaften bedienen sich
ebenfalls dieser Methode; eine Besonderheit der sozialwissenschaftlichen Erklärung
ergibt sich aus der Forderung nach der „Beachtung der Kategorie des „Sinns“ ... und
damit des Aspektes des „Verstehens““.87 Ein Beispiel einer soziologischen Erklärung
stammt von Lindenberg und Wippler.88 Beiden Autoren zufolge besteht eine
„Theorie kollektiver Tatbestände und Prozesse“ mindestens aus zwei Erklärungen,
„die in einer solchen Weise miteinander verbunden sind, daß das Explanandum der
ersten Erklärung ein Teil des Explanans der zweiten ist.“89
Die erste Erklärung enthält im Explanans zum einen „allgemeine Aussagen über
Verhalten, Kognitionen oder Motivationen“90; zum anderen wenigstens eine
Randbedingung. Während die Gültigkeit eines Naturgesetzes weder räumlich noch
zeitlich als eingeschränkt gilt, gilt die Gültigkeit sozialwissenschaftlicher
Gesetzesaussagen als eingeschränkt, da „mit der Veränderung der Randbedingungen,
auch diese „Gesetze“ ihren scheinbar ehernen Charakter verlieren.“91 Im
Explanandum der ersten Erklärung „stehen die individuellen Effekte, die aus den
Propositionen [gemeint sind die generellen Aussagen] und Anfangsbedingungen
abzuleiten sind.“92
Die zweite „Erklärung“ enthält im Explanans - im einfachsten Fall93 - zum einen
eine partielle Definition94, zum anderen wenigstens zwei Randbedingungen; eine
86
Lankenau, K./Zimmermann, G. E., Methoden, 2000, S. 216. Um ein Vorgehen als „Methode“ zu
bezeichnen, sind Vergleiche erforderlich, durch die das geforderte Vorgehen (systematisch, geregelt,
planvoll) mit dem tatsächlichen Vorgehen verglichen wird.
87
Esser, H. Soziologie, 1993, S. 8.
88
Ich verzichte auf die Darstellung Essers Modell der soziologischen Erklärung. Erstens, da ich
Lindenbergs und Wipplers Modell für auf weniger Zeilen darstellbar halte, zweitens schreibt Esser
selbst, sein „Modell folgt in seiner Grundstruktur einigen früheren Vorschlägen. insbesondere
Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler“ (Esser, H. Soziologie, 1993, S. 98, Fußnote 3.
Zeichensetzung wie im Original)
89
Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 225.
90
Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 222.
91
Esser, H., Anstöße, 2004, S. 21. Essers Aussage gilt auch für Naturgesetze, denn auch diese gelten
nur unter bestimmten Bedingungen. Vgl. zur Gültigkeit von Naturgesetzen: Poser, H.,
Wissenschaftstheorie, S. 65.
92
Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 223. Vgl. das Beispiel im
vorangegangenen Teilkapitel.
93
In einem komplexeren Fall enthielte das Explanans z. B. Implikationsaussagen; vgl. Lindenberg, S./
Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 224.
20
dieser Randbedingungen ist das Explanandum der ersten Erklärung. Im
Explanandum der zweiten Erklärung stehen die kollektiven Effekte. Beispiel: Die
partielle Definition lautet: „Wenn A B Respekt erzeugt und B sich durch A
respektiert fühlt und wenn A und B dies in gleicher Weise wahrnehmen, dann besteht
zwischen A und B eine Statusstruktur.“95 Die erste Randbedingung ist: A erzeugt B
Respekt. Die zweite Randbedingung ist: Die einseitige Respektbezeugung wird
durch A und B in gleicher Weise wahrgenommen.
Bei der zweiten „Erklärung“ handelt es sich allerdings nicht um eine Erklärung, da
im Explanans lediglich eine partielle Definition enthalten ist. Etwas kryptisch
schreiben Lindenberg und Wippler selbst: „Die zweite Erklärung erfüllt also nur
formal (d. h. in Bezug auf die Argumentationsstruktur) die Anforderungen des
„covering law model“ und lässt andere Erfordernisse unberücksichtigt.“96
2.2.3
Fazit
Gegenstand der Sozialwissenschaften sind soziales Handeln und gesellschaftliche
Strukturen, die sich wechselseitig bedingen. Soziales Handeln ist sinnhaft und eine
Tätigkeit eines - dem Forschersubjekt ähnlichen - Subjekts; gesellschaftliche
Strukturen sind raum-zeitlich begrenzt. Im Unterschied dazu ist der Gegenstand
anderer Wissenschaften weder sinnhaft noch dem Forschersubjekt ähnlich; nichtgesellschaftliche Strukturen gelten als raum-zeitlich weniger begrenzt.
Sozialwissenschaftliche Erklärungen bedürfen - im Unterschied zu Erklärungen
anderer Wissenschaften - zusätzlich der Methode des Verstehens.
94
Bei einer partiellen Definition wird das zu Definierende nur unter Bedingungen definiert; vgl.
Essler, W. K., Definition, 1970, S. 124-137. Beispiel: Eine partielle Definition des Begriffs
„wasserlöslich“ lautet: „Wenn etwas in Wasser gegeben wird und wenn es sich dann auflöst, nennen
wir es wasserlöslich.“ (Poser, H., Wissenschaftstheorie, 2001, 95-96).
95
Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 223.
96
Lindenberg, S./Wippler, R., Theorienvergleich, 1978, S. 225.
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