SHCHEDRIN STRAUSS BEETHOVEN

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SHCHEDRIN
2. Klavierkonzert
STRAUSS
»Till Eulenspiegels
lustige Streiche«
BEETHOVEN
3. Symphonie »Eroica«
GERGIEV, Dirigent
MATSUEV, Klavier
Dienstag
20_09_2016 20 Uhr
Mittwoch
21_09_2016 20 Uhr
Die ersten Veröffentlichungen
unseres neuen MPHIL Labels
Valery Gergiev
dirigiert Bruckner 4
& Mahler 2 zusammen
mit den Münchner
Philharmonikern
mphil.de
RODION SHCHEDRIN
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 (1966)
1. »Dialogues«: Tempo rubato – Allegro
2. »Improvisations«: Allegro
3. »Contrasts«: Andante – Allegro
RICHARD STRAUSS
»Till Eulenspiegels lustige Streiche«
Nach alter Schelmenweise – in Rondeauform –
für großes Orchester gesetzt op. 28
LUDWIG VAN BEETHOVEN
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55
»Eroica«
1. Allegro con brio
2. Marcia funebre: Adagio assai
3. Scherzo: Allegro vivace
4. Finale: Allegro molto
VALERY GERGIEV, Dirigent
DENIS MATSUEV, Klavier
Das Konzert am 20. September 2016 wird von
Medici TV per Livestream auf www.medici.tv übertragen und
im Anschluss in der Mediathek verfügbar sein.
119. Spielzeit seit der Gründung 1893
VALERY GERGIEV, Chefdirigent
PAUL MÜLLER, Intendant
2
Zwischen
Dodekaphonie
und Jazz
MARTIN DEMMLER
ENTSTEHUNG
RODION SHCHEDRIN
(geboren 1932)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2
(1966)
1. »Dialogues«: Tempo rubato – Allegro
2. »Improvisations«: Allegro
3. »Contrasts«: Andante – Allegro
Das 2. Klavierkonzert entstand während
weniger Monate im Sommer 1966, zwölf
Jahre nach Shchedrins Erstlingswerk für
diese Besetzung. Es markiert den Beginn
der intensiven Auseinandersetzung des
Komponisten mit der Zwölftontechnik.
WIDMUNG
»Dedicated to Maya Plisetskaya«; Shche­
drin widmete das Konzert seiner Frau Maja
Michailowna Plissezkaja (1925–2015), die
eine der wichtigsten sowjetischen Ballett-­
Tänzerinnen und langjährige Primaballeri­
na des Bolschoi-­Theaters war.
URAUFFÜHRUNG
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
Geboren am 16. Dezember 1932 in Moskau.
Am 5. Januar 1967 in Moskau (Radio-­
Symphonieorchester Moskau unter der
Leitung von Gennadij Roschdestwenskij;
Solist: Rodion Shchedrin). Im Anschluss an
die Moskauer Uraufführung ging Shche­­
drin mit seinem Werk auf eine ausgedehn­
te Europa-Tournee, auf der ihn die Lenin­
grader Philharmonie unter Jewgenij Mra­
winskij begleitete.
Rodion Shchedrin: 2. Klavierkonzert
3
Rodion Shchedrin (um 1970)
Rodion Shchedrin: 2. Klavierkonzert
4
»In der Kunst sollte man einen eigenen Weg
gehen. Er kann kurz, breit, lang oder eng
sein, aber er sollte ein eigener sein.« Der
russische Komponist Rodion Shchedrin hat
zeitlebens seinen eigenen Weg verfolgt. Er
führte ihn von der Ästhetik des sozialisti­
schen Realismus (Oratorium »Lenin lebt im
Herzen des Volkes« op. 44) und der inten­
siven Auseinandersetzung mit der Folklore
seiner Heimat bis in die Sphären einer
Avantgarde, die damals in der Sowjetunion
durchaus kritisch beäugt wurde. Ob Zwölf­
tontechnik oder Jazz – Shchedrin hat mit
allen Stilen und Ausdrucksformen experi­
mentiert und kam dabei immer zu höchst
originellen und individuellen musikalischen
Lösungen.
IM BANN DER VOLKSMUSIK
Geboren 1932 als Sohn eines Musikwissen­
schaftlers und einer leidenschaftlichen Mu­
sikliebhaberin, wurde er schon in frühen
Jahren in das Moskauer Konservatorium
aufgenommen, musste seine Ausbildung
jedoch bald darauf kriegsbedingt unter­
brechen. Aber seine schöpferische Bega­
bung war geweckt, und 1955 schloss er
sein Studium in den Fächern Klavier und
Komposition bei Jurij Schaporin und Jakow
Flier mit Auszeichnung ab. Zu dieser Zeit
hatte er bereits sein 1. Klavierkonzert vor­
gelegt, in dem Themen russischer Scherz­
lieder in einer Folge von Variationen verar­
beitet sind. Lange Zeit bildete die russi­
sche Volksmusik den Focus seines kom­
positorischen Denkens, und auf seine
Anregung hin müssen die Studenten des
Moskauer Konservatoriums bis zum heuti­
gen Tage Volkslieder sammeln und Werke
komponieren, in denen volksliedhafte Ele­
mente Verwendung finden.
AUF DEM WEG IN DIE
INTERNATIONALE MODERNE
Schon mit seinen frühen Arbeiten fand
Shchedrin in der Sowjetunion viel Anerken­
nung, und auch die üblichen politischen
Ehrungen blieben nicht aus; so erhielt
Shchedrin in rascher Folge den Staatspreis
der UdSSR, die Auszeichnung als sog.
Volkskünstler der UdSSR und noch 1984
den prominenten Lenin-Preis. Auch im
weltweit umstrittenen, aber fest im Sys­
tem verankerten sowjetischen Komponis­
tenverband bekleidete Shchedrin schon
bald eine wichtige Funktion. Trotzdem ging
er, immer auf Unabhängigkeit bedacht, in
der Folge bewusst eigene, neue Wege. Sei­
nen ganz persönlichen Stil entwickelte er
erstmals in der 1965 entstandenen 2. Sym­
phonie. Es ist ein Werk der Extreme, ge­
prägt von zwölftönigen Klangfeldern und
grellen Dissonanzen. Auch formal orien­
tiert sich Shchedrin hier nicht mehr an der
klassischen viersätzigen Form, sondern
fasste die Symphonie in eine Folge von 25
Präludien.
KRITISCHES VERHÄLTNIS ZUR
AVANTGARDE
Im Jahr darauf entstand sein 2. Klavier­
konzert, das der Klaviervirtuose Shchedrin
sich gewissermaßen auf den Leib schrieb.
Als glänzender Pianist hob er seine konzer­
tanten Werke stets selbst aus der Taufe
und reiste mit ihnen durch die Welt. Wie in
der 2. Symphonie, spielt auch hier die Aus­
einandersetzung mit der Zwölftontechnik
eine entscheidende Rolle. Dennoch hat sich
Shchedrin nie als Komponist verstanden,
der sich dem bloßen »Fortschritt« ver­
pflichtet fühlt: »Viele zeitgenössische
Komponisten haben den Kontakt zum Pub­
likum vollständig verloren. Sie komponie­
Rodion Shchedrin: 2. Klavierkonzert
5
ren für Komponisten, sozusagen für ein
Ghetto, für die kleinen Festivals, wo 50,
100 oder 200 Menschen zuhören.« Er
selbst habe »viel Avantgarde verdaut«,
aber sich von ihr »weder irre, noch kirre«
machen lassen...
von mächtigen Akkordsäulen, bevor der
präludierende Charakter des Beginns wie­
der aufgenommen wird und der Satz eher
leise und nachdenklich schließt.
DODEKAPHONIE UND JAZZ
Der zweite Satz, »Improvisations« über­
schrieben, beginnt mit einer durchlaufen­
den Bewegung, die an die »Perpetuum mo­
bile«-Abschnitte des Kopfsatzes erinnert.
Es entspinnt sich ein intensiver Dialog zwi­
schen Klavier und Orchester, höchst an­
spruchsvoll für den Solisten. Formal haben
wir es mit einer Folge von mehreren kur­
zen, vorwärts drängenden Abschnitten zu
tun, die sich im Charakter ziemlich ähnlich
sind und in einer groß angelegten Apotheo­
se kulminieren.
Das 2. Klavierkonzert ist eine Auseinander­
setzung mit zwei stilistischen Ebenen, die
in der damaligen Sowjetunion eher verpönt
waren: der Zwölftontechnik und dem Jazz.
Doch dank der fulminanten Klanglichkeit
und der hemmungslosen Virtuosität des
Soloparts blieb Shchedrin eine Auseinan­
dersetzung mit den Kulturfunktionären
erspart. Das Publikum liebte diese Musik,
wodurch eine Maßregelung des Komponis­
ten durch die Bürokratie sehr erschwert
wurde. Die Zwölftontechnik hielt Shchedrin
übrigens keineswegs davon ab, eine allge­
mein verständliche Musik zu schreiben.
Denn ihm ging es immer um Kommunikation
und nicht darum, »zu Hause herumzusitzen
und im eigenen, stillen Kämmerlein dode­
kaphone Musik zu schreiben«.
1. SATZ: »DIALOGUES«
Das dreisätzige Konzert beginnt mit einem
präludierenden Monolog des Soloinstru­
ments, der nur durch kurze dissonante Ein­
würfe des Orchesters unterbrochen wird.
Dieser erste, »Dialogues« überschriebene
Satz findet nach einiger Zeit zu einem ra­
scheren Tempo. Jetzt nehmen auch die
Interaktionen von Soloinstrument und Or­
chester zu, »Zwiesprache« entspinnt sich.
Eine durchlaufende Bewegung verdichtet
sich zu einer Art »Perpetuum mobile«,
bricht aber immer wieder ab und mündet in
rhythmisch zugespitzte Passagen. Das Ge­
schehen gipfelt schließlich in einer Folge
2. SATZ: »IMPROVISATIONS«
3. SATZ: »CONTRASTS«
Der »Contrasts« überschriebene Finalsatz
beginnt wie improvisierend, suchend, mit
Quinten und Quarten im Solopart. Eine sehr
ruhige, an Schostakowitsch erinnernde
melancholische Orchester-Introduktion
schließt sich an. Doch dann wandelt sich
der Charakter abrupt. Jazzklänge treten
in den Vordergrund: Getupfte Klavierpas­
sagen, charakteristischer Bässe und raf­
finierte Xylophon-Skalen. Immer wieder
ändert sich die stilistische Ebene: Eine
fugierte Passage führt schließlich zurück
zur Atmosphäre des Satzbeginns, und auch
die Jazzpassage taucht wieder auf. Die im
Titel des Satzes zitierten »Kontraste« rü­
cken immer mehr in den Vordergrund und
dominieren auch den Schluss.
Rodion Shchedrin: 2. Klavierkonzert
6
Mit Schelmenweisen
gegen die Philister
STEPHAN KOHLER
RICHARD STRAUSS
(1864–1949)
»Till Eulenspiegels lustige Streiche«, nach
alter Schelmenweise – in Rondeauform –
für großes Orchester gesetzt, op. 28
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
Geboren am 11. Juni 1864 in München; ge­
storben am 8. September 1949 in Gar­misch-­
­Partenkirchen.
ENTSTEHUNG
Noch während der Abschlussarbeiten an
seiner ersten Oper »Guntram« befasste
sich Strauss im Sommer 1893 in Italien mit
dem satirisch-komischen Einakter »Till
Eulenspiegel bei den Schildbürgern«, des­
sen fragmentarisches Libretto er im Früh­
jahr 1894 in Weimar zu Papier brachte. Der
nicht ausgeführte Opernplan mündete ein
Jahr später in die Komposition der sympho­
nischen Dichtung »Till Eulenspiegels lusti­
ge Streiche, nach alter Schelmenweise – in
Rondeauform – für großes Orchester ge­
setzt«, deren Reinschrift Strauss am 6.
Mai 1895 in München beendete.
WIDMUNG
»Seinem lieben Freunde Dr. Arthur Seidl
gewidmet«: Arthur Seidl (1863–1928),
Wortführer der »neudeutschen« Schule um
Wagner und Liszt, Mitarbeiter der »Bay­
reuther Blätter« und Verfasser vielgelese­
ner »Straussiana«, war Strauss seit seiner
Weimarer Kapellmeister-Zeit freundschaft­
lich verbunden. Er nahm regen Anteil an
der Entstehung des »Guntram« und der
geplanten »Till«-Oper, der er die »wertvol­
le Dedikation vielleicht noch lieber einge­
schrieben gesehen hätte« als der zuletzt
realisierten symphonischen Dichtung.
URAUFFÜHRUNG
Am 5. November 1895 in Köln im Rahmen
des 2. Abonnementkonzerts der Kölner
Konzert-Gesellschaft im Gürzenich-Saal
(Städtisches Gürzenich-Orchester unter
Leitung von Franz Wüllner).
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
7
VERKAPPTE
IDENTIFIKATION­S­FIGUR
Nach seiner ersten Oper »Guntram«, so
schrieb Strauss rückblickend in seinen
»Betrachtungen und Erinnerungen«, sei
der Weg frei gewesen für »unbehindert
selbstständiges Schaffen«; der »neue sub­
jektive Stil«, den er damals angestrebt
habe, manifestiere sich schon wenig später
in seiner zweiten Oper »Feuersnot«. Mit
gleichem Recht hätte Strauss an dieser
Stelle die noch vor »Feuersnot« entstan­
dene Tondichtung »Till Eulenspiegels lusti­
ge Streiche« nennen können, denn auch in
ihr spielt, um mit Strauss zu reden, »der
Mensch sichtbar in das Werk«. Wie sehr der
Komponist den Spötter und Spaßtreiber
Till als verkappte Identifikationsfigur emp­
fand, geht nicht nur aus Bemerkungen wie
dieser, sondern auch aus einem selbstver­
fassten Opernentwurf hervor, mit dem sich
Strauss nach »Guntram« beschäftigte und
der die mittelalterliche Sagenfigur des Till
Eulenspiegel als Protagonisten verwende­
te.
Vielleicht ließ er sich dabei von Cyrill Kist­
lers zweiaktiger Oper »Till Eulenspiegel«
inspirieren, die auf einem Text August von
Kotzebues basierte und im April 1889 in
Würzburg zur Uraufführung gekommen war
– Strauss kannte den heute völlig verges­
senen Komponisten und stand mit ihm im
Briefkontakt. Wahrscheinlicher ist aller­
dings, dass er die Till-Figur bereits als Kind
kennen gelernt hatte; denn 1878 – Strauss
war gerade 14 Jahre alt – erschien Carl
Simrocks moderne Nacherzählung des mit­
telalterlichen Volksbuchs und zählte bin­
nen kürzester Zeit zu den beliebtesten
Kinder- und Jugendbüchern der Gründer­
zeit. Für die Till-Renaissance dieser Jahre
spricht auch das Unternehmen des Hal­
le’schen Verlegers Knust, der 1885 den
ältesten Druck der Till-Legenden, erschie­
nen im Straßburg des Jahres 1515, neu
herausgab. Der historische Till Eulenspie­
gel soll übrigens zu Kneitlingen in der Nähe
Braunschweigs geboren und um 1350 in
Mölln bei Lauenburg gestorben sein – wo
noch heute sein im 17. Jahrhundert erneu­
erter Grabstein mit Eule und Spiegel ge­
zeigt wird: Ein klarer Fall von Volksetymo­
logie, da der Namensbestandteil »-spie­
gel« ursprünglich von französisch »espièg­
le« (= Schalk) herrührt.
SATIRISCHER OPERNPLAN
Das fragmentarische »Till«-Libretto, das
Strauss ausarbeitete, trägt den Titel »Till
Eulenspiegel bei den Schildbürgern«. Das
Thema des genialen Individualisten, des
»Weltverächters, der die Menschen miss­
achtet, weil er sie im Grunde liebt«, spie­
gelt des Komponisten eigene Situation in
den »Philisternestern« Weimar und Mün­
chen, wo er während der Beschäftigung mit
der Till-Figur für ihn höchst unerfreuliche
Engagements als Kapellmeister innehatte.
Strauss ist es in seinem dramatischen Ent­
wurf vor allem um die Darstellung des aus
seiner Sicht »ewigen«, folglich immer wie­
derkehrenden Kampfes des »Fortschritts«
gegen das »Ewig-Gestrige« zu tun, des
intellektuell begabten Künstlers gegen ein
Milieu, in dem der philiströse Mief domi­
niert: Schilda steht für Weimar und Mün­
chen, und in den Schildbürgern sind des
Komponisten Landsleute portraitiert, de­
ren bornierte Dummheit von Till Eulenspie­
gel satirisch bloßgestellt wird.
Strauss gefiel sich in der Rolle des boshaf­
ten Skeptikers und lachenden Philosophen,
der sich unter der Tarnkappe des »Narren«
erfolgreich zu verstecken wusste. Wenig
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
8
später sollte sich in »Feuersnot« die hier
angestrebte Dramaturgie in der Konfron­
tation des künstlerischen Outsiders Kun­
rad mit dem spießbürgerlichen »Munichen«
wiederholen: die Parallelen zwischen bei­
den Werken sind unübersehbar, zumal die
»Till«-Oper wie die spätere »Feuersnot«
als Einakter gedacht war, und die Protago­
nisten beider Opern, von ihren Mitbürgern
unerkannt, ihr streng gehütetes Inkognito
am Ende wie Wagners Lohengrin in einem
breit angelegten Enthüllungsmonolog preis­
geben.
RONDEAU, SCHERZO ODER
EINFACH »TANZ« ?
ist aber noch nichts über den tatsächlichen
Formverlauf gesagt, den der Komponist wie
so oft an eine sehr frei gehandhabte Sona­
tenhauptsatzform anlehnte. Um die Ver­
wirrung vollständig zu machen, sprach
Strauss auch öfters von einem »Scherzo«
– wie später Paul Dukas im Untertitel sei­
ner Tondichtung »Der Zauberlehrling«, die
überdeutlich in der Tradition des »Till
Eulenspiegel« steht und von Dukas kaum
anders als französische Hommage an
Richard Strauss gedacht sein konnte.
»VERFLUCHT KOMISCHES
PROGRAMM«
Möglicherweise war es die für Strauss be­
trübliche Einsicht, dass ihm letzten Endes
die Qualitäten eines Dichterkomponisten
vom Range Richard Wagners abgingen, die
ihn den etwas weitschweifigen Entwurf
seiner »Till«-Oper beiseite legen ließ. An die
Stelle des Komödienprojekts trat zu guter
Letzt eine symphonische Dichtung »in Ron­
deauform«, in die die wichtigsten Wesen­
züge der Till-Figur aus dem Opernentwurf
übernommen wurden. Die »Reigen«-Form,
die Strauss im Untertitel seiner Tondich­
tung nennt, hat aber nichts mit dem klas­
sischen Formideal eines »Rondo« zu tun,
wie wir es aus dem Finalsatz eines dreisät­
zigen Instrumentalkonzerts kennen: »Ron­
deau« ist hier metaphorisch gemeint und
betont das Tänzerische des Werks, das
nicht umsonst das am häufigsten choreo­
graphierte Orchesterwerk von Richard
Strauss wurde.
Wie die meisten Strauss’schen Tondichtun­
gen sind auch »Till Eulenspiegels lustige
Streiche« untrennbar mit dem Begriff
»Programm-Musik« verknüpft. Im Gegen­
satz zum weitverbreiteten Klischee von
programmatischer Musik als naiv deskrip­
tiver Bebilderung außermusikalischer In­
halte war Strauss der Meinung, Programm-­
Musik müsse auch stets Musik sein, »die
sich logisch aus sich selbst entwickle«, und
so schrieb er folgerichtig an den Dirigenten
der »Till«-Uraufführung Franz Wüllner, der
ihn um inhaltliche Aufschlüsse über die
Komposition des »Till Eulenspiegel« gebe­
ten hatte: »Es ist mir unmöglich, ein Pro­
gramm zu ›Eulenspiegel‹ zu geben: in Wor­
te gekleidet, was ich mir bei den einzelnen
Teilen gedacht habe, würde sich oft ver­
flucht komisch ausnehmen und viel Anstoß
erregen. Wollen wir diesmal die Leutchen
selber die Nüsse aufknacken lassen, die der
Schalk ihnen verabreicht.«
Den »Reigen« der zahlreichen »Till Eulen­
spiegel«-Ballette eröffnete niemand Gerin­
gerer als Vaclav Nijinsky, für den Strauss
später die Rolle des Joseph im Ballett »Jo­
sephs Legende« schuf. Mit »tänzerisch«
In die Partitur seines Komponisten-Kollegen
Wilhelm Mauke, der uns heute allenfalls
noch als Verfasser von bemühten Einfüh­
rungsschriften zu Orchesterwerken von
Richard Strauss bekannt ist, hat der Kom­
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
9
»Dem braven ›Till‹ zum 50. Geburtstag«: Späte Abschrift der Partitur durch den Komponisten
»für meine lieben Kinder und Enkel« (1944)
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
10
ponist des »Till« dann doch einige Erläute­
rungen, in gewisser Weise sogar »Überset­
zungen« seiner Musik ins verbale Medium
notiert, die der phantasiebegabte Hörer
aber nicht benötigt und allenfalls als re­
dundant empfindet.
SPÜRSINN FÜR DAS SZENISCHE
Romain Rolland war überzeugt, dass der
Komponist des »Till Eulenspiegel« früher
oder später komische Opern schreiben
würde und lobte an der Partitur, was er den
»sens scénique« nannte. Bühnenwirksam­
keit und Spürsinn für das Szenische sind
in der Tat Besonderheiten der Strauss’schen
»Schreibart« – eine Beobachtung, die sich
beim Blick in sein »Till«-Skizzenbuch be­
stätigt. Strauss gibt sich dort ein libretto­
ähnliches, bald nur skizziertes, bald aus­
formuliertes »Programm« vor, das er dann
mit Musik gleichsam »auffüllte«.
Er tat es offenbar sehr zur Unzufriedenheit
seiner Gattin Pauline, die sich auf vielen
Seiten des Skizzenbuchs mit drastischen
Bemerkungen zu Wort meldete. So heißt es
gleich auf der ersten Seite: »Entsetzliches
Componieren !« Daneben von der Hand des
lieben Ehemanns: »Anmerkungen der Frau
Gemahlin !« Dafür rächt sich Pauline wieder
auf der dritten Seite mit der Bemerkung
»Infam !«, auf später folgenden Seiten mit
»Verrückt !«, »Scheußlich !« und zuletzt
mit »Schlechtes Geschmier !« Doch auch
der Komponist ist nicht zimperlich: Gegen­
über der Eintragung seiner Frau, er sei
nicht ganz bei Sinnen, skizziert er seelen­
ruhig eine Passage für die Szene, in der Till
zum Tode verurteilt wird, und unterlegt sie
mit den Worten: »Die Zunge herausstre­
ckend lustig auf und davon...!«
»RAFFINIERTESTE DÉCADENCE«
Die unverwüstliche Keckheit und Kühnheit
der Partitur hat noch den alten Anton Bruck­
ner fasziniert, der der Wiener Erstauffüh­
rung des »Till Eulenspiegel« am 5. Januar
1896 in einem Abonnementkonzert der
Wiener Philharmoniker unter Leitung von
Hans Richter beiwohnte. Bruckner, der im
selben Konzert eine Aufführung seiner 4.
Symphonie (»Romantische«) erleben durf­
te, musste in einer Sänfte in den Saal ge­
tragen werden, da er bereits sehr leidend
war. Er ließ sich von Strauss’ Tondichtung
jedoch so sehr gefangen nehmen, dass er
sich eine weitere »Till«-­Aufführung am
29. März anhörte, um dem Wiener Musik­
gelehrten Theodor Helm anschließend zu
bekennen, die erste, flüchtige Bekannt­
schaft mit dem Werk hätte in ihm den
Wunsch geweckt, es beim zweiten Mal
noch besser zu verstehen, in seinen Kom­
positionsstil noch tiefer einzudringen.
Anders der erklärte Feind der »neudeut­
schen Schule« Eduard Hanslick, der schon
nach dem ersten Anhören zu wissen glaub­
te, an welchen Stellen die Partitur verbes­
serungsbedürftig und wo das Fehlen Schu­
mann’scher Stil- und Formideale besonders
auffällig, besonders schmerzlich zu bemer­
ken sei. Er verglich Strauss’ orchestrale
Komik mit dem Einbruch der Engländer in
Transvaal bzw. mit Italiens Kriegsführung
in Massanah und schreckte nicht davor zu­
rück, Strauss einen »glänzenden Virtuosen
der Mache«, sein »verrücktes Scherzo« ein
Produkt der »raffiniertesten Décadence«
zu nennen.
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
11
Erstaufführung des »Till Eulenspiegel« durch die Wiener Philharmoniker
unter Hans Richter (mit Anton Bruckner unter den begeisterten Zuhörern)
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
12
MUSIKALISCHE STURZFLÜGE
FÜR VERRÜCKTE
die alten Wiener Aristokraten, die selbst
mitspielen, zum Lachen bringt.«
Der schon von Pauline gebrauchte Begriff
der »Verrücktheit« taucht auch in Claude
Debussys spektakulärer Pariser Konzert­
kritik auf, in der just diejenigen Kennzei­
chen der Partitur, die einen Hanslick um
den Verstand brachten, zu Merkmalen von
Genialität erklärt wurden. Der Autor des
»Pelléas« hatte am 19. Mai 1901 eine Auf­
führung der Berliner Philharmoniker unter
Leitung Arthur Nikischs gehört, auf die er
in der Pariser Zeitschrift »Revue blanche«
mit einer höchst witzigen Glosse reagierte:
»Dieses Stück gleicht ›einer Stunde neuer
Musik bei den Verrückten‹. Die Klarinetten
vollführen wahnsinnige Sturzflüge, die
Trompeten sind immer verstopft, und die
Hörner, ihrem ständigen Niesreiz zuvor­
kommend, beei len sich, ihnen artig ›Wohl
bekomm’s !‹ zuzurufen; eine große Trom­
mel scheint mit ihrem Bum-Bum den Auf­
tritt von Clowns zu unterstreichen. Man
hat gute Lust, lauthals herauszulachen
oder todtraurig loszuheulen, und man wun­
dert sich, dass noch alles an seinem ge­
wohnten Platz ist; denn es wäre gar nicht
so verwunderlich, wenn die Kontrabässe
auf ihren Bögen bliesen, die Posaunen ihre
Schalltrichter mit imaginären Bögen stri­
chen und Herr Nikisch sich auf den Knien
einer Platzanweiserin niederließe.«
SCHERZ, SATIRE, IRONIE UND
TIEFERE BEDEUTUNG
Zeitlebens liebte es Strauss, sich als »Till«
oder »Eulenspiegel« zu bezeichnen. Nur zu
gern schlüpfte er in die Rolle des Schalks­
narren, um seine Ansichten ironisch zu ver­
schleiern. Als er 1918 den kabarettistischen
Liederzyklus »Krämerspiegel« schrieb, in
dem er die skrupellosen Geschäftemacher
unter den Musikverlegern satirisch bloß­
stellte, vertonte er Texte des berühmt­berüchtigten Berliner Theaterkritikers
Alfred Kerr, in denen Till Strauss alias Ri­
chard Eulenspiegel als Urheber aktuellster
Schelmenweisen auftritt: »O Schröpfer­
schwarm, o Händlerkreis, / wer schiebt dir
einen Riegel ? / Das tat mit neuer Schelmen­
weis’ / Till Eulenspiegel...!«
Im Gegensatz zu Debussy betonte Kompo­
nistenkollege Ferruccio Busoni weniger die
expressionistischen oder gar surrealisti­
schen Elemente des »Till«, sondern deute­
te ihn als Schlüsselwerk des sich anbah­
nenden Neoklassizismus: »Strauss’ ›Eulen­
spiegel‹ klang« – schrieb er 1910 an seine
Frau Gerda – »wie ein modernerer Papa
Haydn, der in seiner naivsten Laune ist und
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
13
»Wer zuletzt lacht, lacht am besten...«: Richard Strauss an seinem 80. Geburtstag (1944 )
Richard Strauss: »Till Eulenspiegels lustige Streiche«
14
»Sinfonia
eroica«
THOMAS LEIBNITZ
LUDWIG VAN BEETHOVEN
(1770–1827)
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55
»Eroica«
1. Allegro con brio
2. Marcia funebre: Adagio assai
3. Scherzo: Allegro vivace
4. Finale: Allegro molto
LEBENSDATEN DES KOMPONISTEN
Geburtsdatum unbekannt: geboren am 15.
oder 16. Dezember 1770 in Bonn, dort Ein­
tragung ins Taufregister am 17. Dezember
1770; gestorben am 26. März 1827 in Wien.
ENTSTEHUNG
Erste Anregungen zu einer Symphonie auf
Napoléon Bonaparte empfing Beethoven
möglicherweise schon 1798 von Général
Bernadotte, dem französischen Gesandten
in Wien; einzelne Skizzen gehen zwar auf
die Jahre 1801/02 zurück, aber der größte
Teil der Partitur entstand von Juni bis Ok­
tober 1803 in Baden und Oberdöbling bei
Wien; Anfang 1804 beendete Beethoven in
Wien die Partiturerstschrift, die angeblich
den später wieder zurückgenommenen Ti­
tel »Sinfonia grande, intitolata Bonaparte«
trug.
WIDMUNG
Als Beethoven das wohl ursprünglich Napo­
léon Bonaparte zugedachte Werk nach Pa­
ris senden wollte, traf ihn die Nachricht,
dass Napoléon am 18. Mai 1804 sich selbst
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
15
zum Kaiser gekrönt hatte – worauf Beetho­
ven nach nicht authentischen Augenzeugen-­
Berichten die angeblich bereits festste­
hende Widmung aus der Partitur tilgte; für
die Drucklegung im März 1806 im Wiener
Verlag »Bureau des Arts et d’Industrie« (=
Kunst- und Industrie-Comptoir) wählte er
jedenfalls den neuen Titel »Sinfonia eroica,
composta per festeggiare il sovvenire d’un
grand’ uomo« (= Heroische Symphonie,
komponiert um das Andenken eines großen
Mannes zu feiern); konkreter Widmungs­
träger wurde nun Fürst Franz Joseph Ma­
ximilian von Lobkowitz (1772–1816), einer
der reichsten und großzügigsten Förderer
Beethovens: »A sua altezza serenissima il
principe di Lobkowitz«.
URAUFFÜHRUNG
Erste öffentliche Aufführung: Am 7. April
1805 in Wien im Rahmen einer »Musikali­
schen Akademie« des Geigers Franz Cle­
ment, nachmaliger Widmungsträger von
Beethovens Violinkonzert, im »Theater an
der Wien« (Orchester des »Theaters an der
Wien« unter Leitung von Ludwig van Beet­
hoven). Interne Voraufführungen: Am 20.
Januar 1804 in Wien in einem »Sonntag-­
Vormittags-Konzert« der Bankiers Würth
und Fellner sowie am 9. Juni 1804 in Wien
in einem sog. »Subskriptionskonzert« des
Fürsten Lobkowitz in dessen Palais (jeweils
unter Leitung von Ludwig van Beet­hoven).
»IL SOVVENIRE D’UN
GRAND’ UOMO«
Für sehr viele Musikfreunde ist sie »die«
Beet­
h oven-Symphonie schlechthin, und
auch jene, die ihr diesen absoluten Sond­
erstatus nicht zubilligen, sehen sie als ein
Schlüsselwerk, sowohl im Schaffen Beetho­
vens als auch in der Gesamtgeschichte der
Symphonie: die »Eroica«. Wem sie heute
allerdings als der Inbegriff des Klassischen
gilt, der wird erstaunt feststellen, dass die
Zeitgenossen des Komponisten keineswegs
diese Auffassung vertraten, sondern eher
ratlos vor einem Werk standen, das rück­
sichtslos alle bisher gültigen Normen
sprengte. Und zwar nicht nur die rein for­
malen Gattungstraditionen, sondern auch
die Dimension des musikalischen Sprach­
charakters: Hier erklingt nicht mehr bloß
Musik im Rahmen ihrer Eigengesetzlich­
keit, sondern hier spricht ein Mensch auf
radikal persönliche und suggestive Weise.
Dem »Andenken eines großen Mannes« ist
die 3. Symphonie gewidmet, und wenn je­
mand über die »Eroica« auch so gut wie
nichts weiß, dann doch dies: Ursprünglich
sei sie Napoléon zugedacht gewesen, doch
hätte Beethoven bei der Nachricht von
Napoléons Kaiserkrönung wutentbrannt
»das Titelblatt zerrissen«. Dies geht auf
eine Schilderung des Beethoven-Schülers
Ferdinand Ries zurück, der die Szene – al­
lerdings erst 34 Jahre später – in folgender
Weise darstellte: »Ich war der erste, der ihm
die Nachricht brachte, Bonaparte hätte
sich zum Kaiser erklärt, worauf er in Wuth
gerieth und ausrief: ›Ist der auch nichts
anders wie ein gewöhnlicher Mensch ! Nun
wird er auch alle Menschenrechte mit Fü­
ßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen;
er wird sich nun höher wie alle Andern stel­
len, ein Tyrann werden !‹ Beethoven ging
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
16
Joseph Willibrord Mähler: Ludwig van Beethoven als »Orpheus« in arkadischer Landschaft (um 1805)
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
17
an den Tisch, faßte das Titelblatt oben an,
riß es ganz durch und warf es auf die Erde.
Die erste Seite wurde neu geschrieben, und
nun erst erhielt die Symphonie den Titel
›Sinfonia eroica‹.« Dieses Autograph ist
nicht erhalten; dem Titelblatt von Beetho­
vens Arbeitskopie – sie befindet sich im
Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde
in Wien – ist nur zu entnehmen, dass Bee­
thoven darauf einen Eintrag ausradierte,
dies allerdings so heftig, dass an der Stel­
le ein Loch im Papier entstand. Es wird wohl
der Name »Bonaparte« gewesen sein.
PROTOTYP DES »HELDISCHEN«
IN DER MUSIK
Da nun Napoléon als ideeller Widmungsträ­
ger ausfiel und nur noch ein anonymer, nicht
näher charakterisierter »grand’ uomo« üb­
rig blieb, blühten die Spekulationen, wer
hier gemeint sein könnte. Der große, heldi­
sche Mensch an sich als Idealtypus, oder
doch ein Zeitgenosse, den Beethoven bloß
nicht nennen wollte ? Oder gar – und dies
schien vielen plausibel – Beet­hoven selbst,
der 1802, bereits in der Kompositionspha­
se der »Eroica«, in seinem »Heiligenstäd­
ter Testament« eine erschütternde Offen­
barung seiner persönlichen Auseinander­
setzung mit seiner Ertaubung gegeben
hatte ? In jedem Fall lag das »Heldische«
geradezu in der Luft, man befand sich in
einem Zeitalter von Revolution, Krieg und
Umsturz, und auch Beethovens persönli­
cher Habitus war mehr auf Konfrontation
denn auf harmonische Einordnung in die
gesellschaftlichen Verhältnisse angelegt.
Das »Heldische« der »Eroica« gewann im
Verlauf des 19. Jahrhunderts immer mehr
an Eigenleben, und wurde von der deut­
schen Nationalbewegung okkupiert, die im
»Freiheitskampf« gegen Napoléon ihren
Anfang genommen hatte. Solche Indienst­
nahme des Werkes für nationales Pathos
erlebte ihren negativen Höhepunkt, als
1892 Hans von Bülow das zweite Finalthe­
ma mit einem Huldigungstext an Otto von
Bismarck versah: »Des Volkes Hort, Heil
Dir, o Held. Es schuf Dein Wort die neue
deutsche Welt !« 1927 stellte der national­
sozialistische »Chefideologe« Alfred Rosen­
berg pathetisch fest: »Wir leben heute in
der ›Eroica‹ des deutschen Volkes.« Im Ver­
gleich mit solchen Aussagen mutet die Mei­
nung des ebenfalls höchst »national« den­
kenden Richard Wagner über den Charak­
ter der »Eroica« geradezu zurückhaltend-­
objektiv an: »Denn – nochmals – die abso­
lute Musik kann nur Gefühle, Leidenschaf­
ten und Stimmungen in ihren Gegensätzen
und Steigerungen, nicht aber Verhältnisse
irgend welcher socialen oder politischen
Natur ausdrücken. Beethoven hat hiefür
einen herrlichen Instinct gehabt…«
1. SATZ: ALLEGRO CON BRIO
In ihren Dimensionen sprengt die »Eroica«
die Maße des Alt-Hergebrachten; sie steht
am Beginn einer Entwicklung, die die Sym­
phonie zur Königsdisziplin der Komponisten
machte, zum Forum höchst persönlicher
Auseinandersetzung, wobei der Bezugs­
punkt Beethoven auch in der Folgezeit im­
mer maßgeblich blieb. Zwei wuchtige Or­
chesterschläge in der Grundtonart Es-Dur
eröffnen das Werk: Der Charakter des La­
pidaren, Kämpferischen ist damit bereits
in den ersten Takten gegeben. Unmittelbar
daran schließt sich das Hauptthema an,
das im Es-Dur-Dreiklang auf- und absteigt,
aber nicht zu einem eindeutigen Abschluss
gelangt, sondern durch den überraschen­
den Abstieg in das Cis eine vorwärtsdrän­
gende Entwicklung einleitet. Bereitete
Beethoven bereits mit dieser Themenbe­
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
18
handlung seinen Zeitgenossen Schwierig­
keiten, so machte er es ihnen – was die nach­
vollziehbare formale Disposition des Satzes
betrifft – auch im Folgenden nicht leichter,
denn die Funktion des Seitenthemas, des
dialektischen Gegenpols zum Haupt­thema,
wird hier von einer ganzen Themengruppe
übernommen, die in den unterschiedlichs­
ten Färbungen erscheint. Zunächst tritt
ein einfaches, absteigendes Dreitonmotiv
(g-f-e) hervor, durchwandert die Instru­
mente und wird von einem zweiten thema­
tischen Komplex abgelöst, einem akkor­
disch pulsierenden Gesang in B-Dur, der
dem energetischen Kopfmotiv eine episo­
dische Ruhephase entgegensetzt.
In der Durchführung werden diese thema­
tischen Elemente in kühnen rhythmischen
Umakzentuierungen gegeneinander ge­
stellt; ohne Zweifel findet hier der »Kampf«
statt, den der Held der Symphonie zu be­
stehen hat. Das Geschehen wird dramati­
scher und strebt einem eindrucksvollen
Höhepunkt entgegen: Im Fortissimo des
Orchesters erklingt ein F-Dur-Akkord, dem
das scharf dissonante E beigefügt wird.
Diesem Aufschrei, dessen emotioneller Wir­
kung man sich kaum entziehen kann, folgt
unmittelbar ein neues, hier erstmals auf­
tretendes Gesangsthema in den Oboen. Es
ist, als ob auf den Verzweiflungsschrei eine
Friedens- und Trostbotschaft folgte – und
gleichzeitig entzieht sich Beethoven damit
allen Traditionen der Sonatenform, indem
er in der Durchführung ein neues Thema
exponiert. Von geradezu provokanter Ei­
genwilligkeit ist auch der Eintritt der Re­
prise, die Wiederkehr der Eingangsthema­
tik. Vor dem eigentlichen Auftritt des
Hauptthemas erfolgt ein Reprisenauftakt,
in dem Es-Dur und B-Dur, also Tonika und
Dominante des Werkes gleichzeitig erklin­
gen, während das Horn – bereits in der
Haupttonart – das Thema vorwegnimmt: eine
Kühnheit, die in der Folgezeit auch schlicht
als »falsche Stelle« bezeichnet wurde.
2. SATZ: MARCIA FUNEBRE –
ADAGIO ASSAI
Eine andere Welt des »Heldischen« er­
schließt der zweite Satz; er ist als Trauer­
marsch angelegt und folgt damit unmittel­
bar der thematischen Vorgabe der Sym­
phonie, der »Erinnerung an einen großen
Mann«. Gleich einem dumpfen Trommelwir­
bel bilden die Triolenvorschläge der tiefen
Streicher den Unterbau, auf dem sich die
Trauermarsch-Melodik der Violinen erhebt.
Ein Symphoniesatz als Trauermarsch: Da­
mit leitet Beethoven eine große Tradition
ein, die über Wagners Trauermusik in der
»Götterdämmerung« und Bruckners Ada­
gio der 7. Symphonie zu Mahlers sympho­
nischen Trauermusiken führt. Der Satz ent­
faltet sich in klar nachvollziehbarer Drei­
teiligkeit, wobei zwei Moll-Teilen in der Mitte ein visionärer Dur-Teil gegenübersteht.
C-Moll als Tonart der Trauer und Helden­
klage, C-Dur als Tonart der Verklärung und
Erhöhung – diese Antithetik wurde später
von Wagner und Bruckner mit unverkenn­
barem Bezug auf die »Eroica« übernom­
men. Nach fugierten Abschnitten in der
Reprise des Rahmenteils bringt die Coda,
der Schlussteil des Satzes, abermals Neu­
es und Zukunftsweisendes: Das Hauptthe­
ma löst sich vor dem Hörer gleichsam in
seine Bestandteile auf, es zerrinnt im
Nichts. Eindrucksvoller kann »Tod« in der
Musik nicht dargestellt werden.
3. SATZ: SCHERZO – ALLEGRO
VIVACE
Der dritte Satz darf als erstes der für
Beet­
h ovens Symphonien charakteristi­
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
19
schen großen Scherzi gelten. Zwar wurde
bereits in den ersten beiden Symphonien
die Tradition des alten, seine Abkunft vom
Tanz nicht verleugnenden »Menuetts« ver­
lassen, aber noch nicht so deutlich wie hier.
Drängende Motorik, geheimnisvolle, gera­
dezu unheimliche Klangfärbung, jähe Stim­
mungswechsel: Dies sind die Ingredienzien
des für Beethoven typischen Scherzos der
Folgezeit. Aus einem Streicherstaccato
wächst fast unmerklich das Hauptthema
heraus, das kurz darauf in ungebärdiger
Wildheit vom vollen Orchester wiederholt
wird. Diesem spukhaften Wechsel von Laut
und Leise, größtenteils über den pulsieren­
den Achteln der Einleitung, wird im Trio
eine andere Welt gegenüber gestellt, eine
Welt der beschaulichen Naturverbunden­
heit, symbolisiert durch drei Hörner, die
diesen Abschnitt fast allein bestreiten, nur
kurz unterbrochen von zurückhaltenden
Einwürfen des Orchesters.
4. SATZ: FINALE –
ALLEGRO MOLTO
Ungewöhnlich in Form und Struktur ist
auch der vierte und letzte Satz des Wer­
kes, ein groß angelegter Variationensatz
über zwei Themen, die gelegentlich kombi­
niert auftreten und durch fugierte Ab­
schnitte erweitert werden. Nach kurzer,
ungestümer Einleitung wird ein lapidares
Thema im Pizzicato der Streicher vorge­
stellt, ein Thema, das im Folgenden seine
Eignung als Bassthema kontrapunktischer
Gebilde erweist. Als Oberstimmenthema
erscheint bald darauf eine Melodie, der
man bei Beethoven auch an anderer Stelle
begegnet: Es spielt im Ballett »Die Ge­
schöpfe des Prometheus« eine prominente
Rolle. In fünf großen Variationskomplexen
wird nun diese Doppelthematik durchge­
führt, verändert, neu beleuchtet. Einen
Ruhepunkt bildet die fünfte Variation, in
der sich das Tempo zum »Poco andante«
verlangsamt und die fröhlich schwingende
Melodik des »Prometheus«-Themas zum
feierlichen Choral wird. Umso energeti­
scher wirkt der Presto-Abschluss des Sat­
zes, ein Ende in Jubel und Orchesterglanz.
ERSTE AUFFÜHRUNGEN
Mit der Widmung der 3. Symphonie an
Franz Joseph Maximilian Fürst von Lobko­
witz durch Beethoven war auch die Über­
tragung des Rechtes zur privaten Nutzung
verbunden – ein Recht, das dem Komponis­
ten durch Honorar abgegolten wurde. Fer­
dinand Ries berichtet in seinen Erinnerun­
gen von 1838, dass »der Fürst Lobkowitz
diese Composition von Beethoven zum Ge­
brauche auf einige Jahre« erworben habe,
»wo sie dann in dessen Palais mehrmals
gegeben wurde. Hier geschah es, dass
Beet­hoven, der selbst dirigierte, einmal im
zweiten Theile des ersten Allegros, wo es
so lange durch halbirte Noten gegen den
Tact geht, das ganze Orchester so heraus­
warf, dass wieder von vorn angefangen
werden mußte.« Wann nun wirklich die ers­
te Aufführung der »Eroica« im Palais Lob­
kowitz (dem heutigen Österreichischen
Theatermuseum) stattfand, kann nicht mit
Bestimmtheit gesagt werden; es muss um
den 9. Juni 1804 gewesen sein, wobei die­
ses Datum aufgrund zeitgenössischer Rech­
nungen für Kerzenlieferungen anlässlich
einer »neuen Symphonie« von Beethoven
nachweisbar ist.
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
20
August Friedrich Oelenhainz: Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz (um 1810)
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
21
Beethoven und
die Politik
EGON VOSS
Beethoven gilt als Anhänger der französi­
schen Revolution und damit als Verfechter
von Republik und Demokratie. Doch befragt
man die überlieferten Dokumente, so stellt
man fest, dass Beethoven gerade zu diesen
Themen, d.h. zu den großen politischen Fra­
gen seiner Zeit, nie eindeutig Stellung be­
zogen hat.
In seinen Briefen äußert er sich nur selten
zu politischen Ereignissen, und wenn er es
tut, dann versteckt er sich hinter einer Mas­
ke, die sein wahres Gesicht nicht erkennen
lässt. Als das von Wiener Studenten um den
Jakobiner Franz Hebenstreit im Juli 1794
geplante Attentat auf Kaiser Franz II. durch
die Verhaftung der Verschwörer vereitelt
wurde, schrieb Beethoven an einen Freund:
»Man sagt, es hätte eine Revolution aus­
brechen sollen – aber ich glaube, so lange
der österreicher noch Braun’s Bier und
würstel hat, revoltirt er nicht.« In diesem
Satz kommt zwar eine gehörige Portion
Verachtung für das sogenannte »Volk« zum
Ausdruck, doch Beethovens eigene politi­
sche Position bleibt unklar. Dass er den
Ge­schehnissen seiner Zeit mit Skepsis be­
gegnete, veranschaulicht die im gleichen
Brief verwendete Formulierung von »un­
sern demokratischen Zeiten«, die selbst­
verständlich ironisch gemeint war.
Viele noble Geister stimmten im Jahre 1801
in den allgemeinen Jubel über den Frieden
von Lunéville ein, so Friedrich Hölderlin mit
seiner Hymne »Versöhnender, der du nim­
mergeglaubt, nun da bist«. Beethoven da­
gegen stellte diesen Friedensschluss, noch
ehe er überhaupt gültig war, durch seine
Apostrophierung als »goldenen Frieden« in
Frage. Bedeutsam erscheint dies auch des­
halb, weil man allgemein Bonaparte, den
Ersten Konsul der französischen Republik,
als den Bringer dieses Friedens ansah.
Bonaparte, nach dem Beethoven seine 3.
Symphonie ursprünglich benannte, spielt
auch im folgenden Zitat eine interessante
Rolle. Im Jahre 1802 quittierte Beethoven
das an ihn herangetragene Ansinnen, eine
Sonate mit Bezug auf die Revolution zu
schreiben, mit den häufig zitierten Worten:
»Reit euch denn der Teufel insgesammt
meine Herren ? – mir Vorzuschlagen eine
Solche Sonate zu machen – zur Zeit des
Revoluzionsfieber’s nun da – wäre das so
was gewesen aber jezt, da sich alles wieder
in’s alte Gleiß zu schieben sucht, ›buona­
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
22
Erstausgabe von Beethovens »Eroica« (1806)
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
23
parte‹ mit dem Pabste das ›Concordat‹
geschlossen – so eine Sonate ? – wär’s noch
eine ›Missa pro sancta maria a tre vocis‹
oder eine ›Vesper etc‹ – nun da wollt ich
gleich den Pinsel in die hand nehmen – und
mit großen Pfundnoten ein ›Credo in unum‹
hinschreiben – aber du lieber Gott eine Sol­
che Sonate – zu diesen neuangehenden
christlichen Zeiten – hoho – da laßt mich
aus – da wird nichts draus«. Was sich hier
wiederum mehr als deutlich äußert, ist
Beethovens tiefe Skepsis gegenüber den
politischen Ereignissen seiner Zeit und de­
ren Wandel. Einen Blick auf die Haltung des
Schreibers dagegen gewährt der geradezu
polternde Sarkasmus nicht.
Da die persönlichen Äußerungen Beet­
hovens keinen eindeutig-verbindlichen
Schluss auf seine politische Haltung zulas­
sen, ist man versucht, diese von seinen
Kompositionen abzulesen. Auch sie aber
sind kein zuverlässiges Auskunftsmittel,
weil sie nur sehr selten Bezug auf die poli­
tischen Ereignisse der Zeit nehmen. Zudem
gibt es Widersprüche. Im Jahre 1803, als
gerade ein neuer Krieg zwischen England
und Frankreich ausgebrochen war, veröf­
fentlichte Beethoven Klaviervariationen
über die englischen Nationallieder »God
save the King« und »Rule Britannia«. Das
könnte als Parteinahme für die englische
Seite aufgefasst werden. Doch was hat
man davon zu halten, wenn nahezu zur glei­
chen Zeit die 3. Symphonie den Beinamen
»Bonaparte« erhielt bzw. Bonaparte ge­
widmet werden sollte ?
Als junger Mann in Bonn schrieb Beethoven
Kantaten auf den Tod Kaiser Josephs II.
und zur Inthronisierung von dessen Nach­
folger Leopold II. In beiden Werken rühmen
die Texte die Herrscher als weise und grund­
gütige Väter des Volkes im Sinne der Auf­
klärung. Das muss nicht heißen, dass Beet­
hoven die in den Texten geäußerten Über­
zeugungen vertreten hat. Immerhin aber
besteht eine eigenartige Verbindung von
der Kantate auf den Tod Josephs II. zum
»Fidelio«. Sie lässt daran zweifeln, ob die­
ses oft als »Freiheits«- und »Revolutions«-­
Oper verstandene Werk so prinzipiell gegen
Aristokratie und Absolutismus gerichtet
und ein Plädoyer für republikanische und
demokratische Verhältnisse ist, wie es
meist dargestellt wird. Beethoven zitiert
im Finale der Oper bei der Stelle »O Gott !
Welch ein Augenblick !« eine Melodie, auf
die in der Bonner Kantate gesungen wird:
»Da stiegen die Menschen ans Licht, da
drehte sich glücklicher die Erd’ um die Son­
ne, und die Sonne wärmte mit Strahlen der
Gottheit.« Das Zitat im »Fidelio« ruft also
den Text der Bonner Kantate herauf, der
unmissverständlich die Aufklärung preist
und als deren Repräsentanten Joseph II.,
einen aristokratischen Herrscher.
Im Jahre 1793 schrieb Beethoven in ein
Stammbuch die Zeilen: »Wohltuen, wo man
kann, Freyheit über alles lieben, Wahrheit
nie, auch sogar am Throne nicht, verleug­
nen.« Die humanistischen Ideale sind hier
offenkundig mit einem Weltbild verbunden,
in dem der »Thron« die höchste Instanz ist,
und es ist gewiss nicht zu viel vermutet,
wenn man darin nicht nur den jenseitigen
Thron Gottes, sondern auch den diesseiti­
gen des weltlichen Herrschers sieht. Er
scheint für Beethoven eine Selbstverständ­
lichkeit gewesen zu sein.
Konform mit dieser Einstellung geht Beet­
hovens lebenslange Nähe zur Aristokratie.
Er verkehrte in vielen Wiener Adelshäu­
sern, wohnte zeitweise sogar dort und war
mit so manchen Aristokraten befreundet.
Fürst Lichnowsky zahlte ihm zeitweise eine
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
24
Isidor Neugass: Ludwig van Beethoven (1806)
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
25
Apanage, und von Erzherzog Rudolph und
den Fürsten Lobkowitz und Kinsky erhielt
er ab 1809 eine Rente. Aufschlussreich ist
nicht zuletzt, dass die überwältigende
Mehrheit seiner Kompositionen Adelsper­
sonen gewidmet ist. Wohl nicht zufällig
fand sich in Beethovens Nachlass August
von Kotzebues Buch »Vom Adel«, eine Ab­
handlung, die bei allen kritischen Tönen
gegenüber dem Missbrauch ererbter Macht
doch ein Loblied auf den Adel darstellt.
Dessen Ideale galten Kotzebue als unver­
zichtbar für eine humane Gesellschaft. Da­
hinter steht die Idee einer gleichsam evo­
lutionären Verschmelzung von Adel der
Geburt mit Adel des Geistes und der Leis­
tung, eine Vorstellung, die um 1800 weit
verbreitet war.
ist in ihrer politischen Aussage falsch; denn
Beethoven nannte die 3. Symphonie auch
noch »Bonaparte«, als er längst wusste,
dass aus dem Konsul Bonaparte der Kaiser
Napoléon geworden war. Der Grund für die
Änderung von »Bonaparte« in »Sinfonia
eroica« war also nicht die Verteidigung der
konsularischen Republik gegen die Inthro­
nisierung eines Kaisers, das Eintreten für
demokratische gegenüber absolutistischen
Verhältnissen. Der Grund muss ein anderer
gewesen sein, auch wenn man diesen nicht
kennt. Gewiss ist aber, dass man den Be­
richt, so berühmt er ist, nicht als Beleg für
Beethovens republikanische und demokra­
tische Gesinnung nehmen kann.
Dass Beethoven dennoch allgemein als re­
volutionär gilt, hat seinen Grund wohl da­
rin, dass seine Musik nicht nur komposito­
risch neue, revolutionär anmutende Wege
ging, sondern zugleich einen Tonfall aus­
prägte, dessen Elan, dessen Brio, dessen
Explosivkraft an Revolution denken lassen.
Der Versuch allerdings, diese Qualität auf
die Musik der französischen Revolution zu­
rückzuführen, ist zum Scheitern verurteilt,
weil die französische Revolutionsmusik ge­
rade diese Qualität nicht besitzt, sich ne­
ben Beethoven vielmehr brav und geradezu
bieder ausnimmt.
Ähnlich wie mit Beethovens Verhältnis zur
französischen Revolution verhält es sich
mit der Beziehung der »Eroica« zur Politik.
Die berühmte Geschichte nämlich, dass
Beethoven Bonaparte hochgeschätzt habe,
solange dieser Konsul der französischen
Republik war, dann jedoch, als er von der
Erhebung Bonapartes zum Kaiser erfuhr,
angeblich das Titelblatt der nach Bonapar­
te benannten 3. Symphonie zerrissen habe,
Ludwig van Beethoven: 3. Symphonie
26
Valery
Gergiev
DIRIGENT
In Moskau geboren, studierte Valery Ger­
giev zunächst Dirigieren bei Ilya Musin am
Leningrader Konservatorium. Bereits als
Student war er Preisträger des Herbert-­
von-Karajan-Dirigierwettbewerbs in Berlin.
1978 wurde Valery Gergiev 24-jährig As­
sistent von Yuri Temirkanov am MariinskyOpernhaus, wo er mit Prokofjews Tolstoi-­
Vertonung »Krieg und Frieden« debütierte.
2003 dirigierte Gergiev als erster russi­
scher Dirigent seit Tschaikowsky das Sai­
soneröffnungskonzert der New Yorker Car­
negie Hall.
Valery Gergiev leitet seit mehr als zwei Jahr­
zehnten das legendäre Mariinsky-Theater
in St. Petersburg, das in dieser Zeit zu einer
der wichtigsten Pflegestätten der russi­
schen Opernkultur aufgestiegen ist. Darü­
ber hinaus ist er Leiter des 1995 von Sir
Georg Solti ins Leben gerufenen »World Or­
chestra for Peace«, mit dem er ebenso wie
mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters
regelmäßig Welttourneen unternimmt. Von
2007 an war Gergiev außerdem Chefdiri­
gent des London Symphony Orchestra, mit
dem er zahlreiche Aufnahmen für das haus­
eigene Label des Orchesters einspielte.
Valery Gergiev präsentierte mit seinem
Mariinsky-Ensemble weltweit Höhepunkte
des russischen Ballett-und Opernrepertoi­
res, Wagners »Ring« sowie sämtliche Sym­
phonien von Schostakowitsch und Prokof­
jew. Mit dem London Symphony Orchestra
trat er regelmäßig im Barbican Center Lon­
don, bei den Londoner Proms und beim Edin­
burgh Festival auf. Zahlreiche Auszeichnun­
gen begleiteten seine Dirigenten­karriere,
so z. B. der Polar Music Prize und der Preis
der All-Union Conductor’s Competition in
Moskau. Seit Beginn der Spielzeit 2015/16
ist Valery Gergiev Chefdirigent der Münch­
ner Philharmoniker.
Die Künstler
27
Denis
Matsuev
KLAVIER
Philharmonikern. Dabei tritt Denis Matsuev
unter der Stabführung von Dirigenten wie
Valery Gergiev, Zubin Mehta und Mariss Jan­
sons auf oder musiziert mit Paavo Järvi, Le­
onard Slatkin, Myung-Whun Chung, Antonio
Pappano, Semyon Bychkov, Jukka-Pekka
Saraste, James Conlon, Vladimir Spivakov,
Mikhail Pletnev und Vladimir Fedoseyev.
Seit er sich im Jahr 1998 triumphal den 1.
Preis beim Internationalen Tschaikowskij-­
Wettbewerb in Moskau erspielt hat, entwi­
ckelte sich der russische Ausnahmepianist
Denis Matsuev zu einem der angesehensten
Interpreten unserer Zeit, und dies keines­
wegs nur in Russland.
Matsuevs Einspielungen von Konzerten und
Solo-Werken von Franz Liszt, Sergej Rach­
maninow und Dmitrij Schostakowitsch stie­
ßen bei der internationalen Fachpresse auf
begeisterte Resonanz, so auch seine aktuel­
le Aufnahme der beiden Klavierkonzerte von
Dmitrij Schostakowitsch und des 5. Klavier­
konzerts von Rodion Shchedrin, bei der er
vom St. Petersburger Mariinskij-Orchester
unter Valery Gergiev begleitet wird.
Er arbeitet mit den renommiertesten Or­
chestern in Europa und Übersee zusammen,
wie z. B. mit dem New York Philharmonic Or­
chestra, dem Chicago Symphony Orchestra,
dem London Symphony Orchestra, dem Lon­
don Philharmonic Orchestra und den Berliner
Die Künstler
28
Münchner
Klangbilder
DIE KONZERTPLAKATE DER
SPIELZEIT 2016/17
Musik erzeugt Bilder in unseren Köpfen.
Für die Gestaltung von Plakaten hat das
Orchester der Stadt deshalb auch für die
Spielzeit 2016/17 die Künstler der Stadt
gebeten, ihre Bilder festzuhalten. Aus der
Musik und der Geschichte des Stückes wur­
den so neue Kunstwerke geschaffen: eine
besondere Zusammenarbeit zwischen der
gestalterischen und der musikalischen
Welt Münchens. Jeder Künstler hat dabei
seine eigene Sprache, um die Melodien und
Töne in Bilder zu übersetzen. Entstanden
sind Fotografien, Malereien, Installatio­
nen, Grafiken und Collagen mit einzigarti­
gem Charakter. Allesamt Plakate, die neu­
gierig machen auf ein ganz besonderes
Konzerterlebnis. Plakate, die zeigen, wie
vielfältig Musik ist und wie individuell sie
wahrgenommen werden kann.
TITELGESTALTUNG ZUM HEUTIGEN
KONZERTPROGRAMM
»Die Schellenglöckchen stehen für das
›Aufrütteln‹ und die ›Wahrheiten‹ des Till
Eulenspiegel bzw. von Strauss. Die ›lusti­
gen Streiche‹ ermöglichen sogar, so harm­
los sie erscheinen mögen, harten Fels zu
sprengen.« (Kerstin Schulmayer, 2016)
DIE KÜNSTLERIN
Kerstin Schulmayer, Grafik-Designerin und
Fotografin, lebt und arbeitet, seit 17 Jah­
ren in ihrer Wahlheimat München.
[email protected]
Alle bereits erschienenen Motive können
Sie online unter mphil.de/kalender/plakate
ansehen.
Kerstin Schulmayer
29
Samstag 24_09_2016 19 Uhr h4
Sonntag
25_09_2016 11 Uhr m
DMITRIJ SCHOSTAKOWITSCH
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1
a-Moll op. 77
ANTON BRUCKNER
Symphonie Nr. 6 A-Dur
VALERY GERGIEV
Dirigent
LEONIDAS KAVAKOS
Violine
Donnerstag 29_09_2016 20 Uhr b
Freitag 30_09_2016 20 Uhr c
Donnerstag
29_09_2016 10 Uhr
Öffentliche Generalprobe
Sonntag
09_10_2016 11 Uhr
1. KAMMERKONZERT
Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz
»MINIMAL MUSIC«
Steve Reich zum 80. Geburtstag
STEVE REICH
»Music for Pieces of Wood« (1973)
»Clapping Music« (1972)
»Drumming«, Part 1 (1970/71)
»Mallet Quartet« (2009)
»Marimba Phase« (1967)
»Pendulum Music« (1968)
DIE SCHLAGZEUGER DER
MÜNCHNER PHILHARMONIKER
GYÖRGY LIGETI
»Concert Românesc« für Orchester
BÉLA BARTÓK
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3
»Concerto for Orchestra«
PABLO HERAS-CASADO
Dirigent
JAVIER PERIANES
Klavier
Vorschau
30
Die Münchner
Philharmoniker
1. VIOLINEN
Sreten Krstič, Konzertmeister
Lorenz Nasturica-Herschcowici,
Konzertmeister
Julian Shevlin, Konzertmeister
Odette Couch, stv. Konzertmeisterin
Claudia Sutil
Philip Middleman
Nenad Daleore
Peter Becher
Regina Matthes
Wolfram Lohschütz
Martin Manz
Céline Vaudé
Yusi Chen
Iason Keramidis
Florentine Lenz
Vladimir Tolpygo
2. VIOLINEN
Simon Fordham, Stimmführer
Alexander Möck, Stimmführer
IIona Cudek, stv. Stimmführerin
Matthias Löhlein, Vorspieler
Katharina Reichstaller
Nils Schad
Clara Bergius-Bühl
Esther Merz
Katharina Schmitz
Ana Vladanovic-Lebedinski
Bernhard Metz
Namiko Fuse
Qi Zhou
Clément Courtin
Traudel Reich
Asami Yamada
BRATSCHEN
Jano Lisboa, Solo
Burkhard Sigl, stv. Solo
Max Spenger
Herbert Stoiber
Wolfgang Stingl
Gunter Pretzel
Wolfgang Berg
Beate Springorum
Konstantin Sellheim
Julio López
Valentin Eichler
VIOLONCELLI
Michael Hell, Konzertmeister
Floris Mijnders, Solo
Stephan Haack, stv. Solo
Thomas Ruge, stv. Solo
Herbert Heim
Veit Wenk-Wolff
Sissy Schmidhuber
Elke Funk-Hoever
Manuel von der Nahmer
Isolde Hayer
Sven Faulian
David Hausdorf
Joachim Wohlgemuth
Das Orchester
31
KONTRABÄSSE
Sławomir Grenda, Solo
Fora Baltacigil, Solo
Alexander Preuß, stv. Solo
Holger Herrmann
Stepan Kratochvil
Shengni Guo
Emilio Yepes Martinez
Ulrich Zeller
FLÖTEN
Alois Schlemer
Hubert Pilstl
Mia Aselmeyer
TROMPETEN
Guido Segers, Solo
Bernhard Peschl, stv. Solo
Franz Unterrainer
Markus Rainer
Florian Klingler
Michael Martin Kofler, Solo
Herman van Kogelenberg, Solo
Burkhard Jäckle, stv. Solo
Martin Belič
Gabriele Krötz, Piccoloflöte
POSAUNEN
OBOEN
PAUKEN
Ulrich Becker, Solo
Marie-Luise Modersohn, Solo
Lisa Outred
Bernhard Berwanger
Kai Rapsch, Englischhorn
Stefan Gagelmann, Solo
Guido Rückel, Solo
Michael Leopold, stv. Solo
KLARINETTEN
Alexandra Gruber, Solo
László Kuti, Solo
Annette Maucher, stv. Solo
Matthias Ambrosius
Albert Osterhammer, Bassklarinette
FAGOTTE
Dany Bonvin, Solo
Matthias Fischer, stv. Solo
Quirin Willert
Benjamin Appel, Bassposaune
SCHLAGZEUG
Sebastian Förschl, 1. Schlagzeuger
Jörg Hannabach
HARFE
Teresa Zimmermann, Solo
CHEFDIRIGENT
Valery Gergiev
Jürgen Popp
Johannes Hofbauer
Jörg Urbach, Kontrafagott
EHRENDIRIGENT
HÖRNER
Paul Müller
Jörg Brückner, Solo
Matias Piñeira, Solo
Ulrich Haider, stv. Solo
Maria Teiwes, stv. Solo
Robert Ross
Zubin Mehta
INTENDANT
ORCHESTERVORSTAND
Stephan Haack
Matthias Ambrosius
Konstantin Sellheim
Das Orchester
32
IMPRESSUM
TEXTNACHWEISE
BILDNACHWEISE
Herausgeber:
Direktion der Münchner
Philharmoniker
Paul Müller, Intendant
Kellerstraße 4
81667 München
Lektorat:
Stephan Kohler
Corporate Design:
HEYE GmbH
München
Graphik:
dm druckmedien gmbh
München
Druck:
Gebr. Geiselberger GmbH
Martin-Moser-Straße 23
84503 Altötting
Martin Demmler, Thomas
Leibnitz und Egon Voss
schrieben ihre Texte als
Originalbeiträge für die Pro­
grammhefte der Münchner
Philharmoniker. Stephan
Kohler stellte seine Texte
den Münchner Philharmo­
nikern zum Abdruck in die­
sem Programmheft zur
Verfügung; er verfasste
darüber hinaus die lexika­
lischen Werkangaben und
Kurzkommentare zu den
aufgeführ ten Werken.
Künstlerbiographien (Ger­
giev; Matsuev): Nach
Agenturvorlagen. Alle
Rechte bei den Autorinnen
und Autoren; jeder Nach­
druck ist seitens der Urhe­
ber genehmigungs- und
kostenpflichtig.
Abbildungen zu Rodion
Shche­
drin: Fa. Melodiya,
Moskau. Abbildungen zu
Richard Strauss: Strauss
Archiv München (SAM),
Sammlung Stephan Kohler.
Abbildungen zu Ludwig van
Beethoven: Joseph Schmidt­
Görg und Hans Schmidt
(Hrsg.), Ludwig van Beet­
hoven, Bonn 1969; H. C.
Robbins Landon, Beetho­
ven – A documentary stu­
dy, New York 1970. Künst­
lerphotographien: Marco
Borggreve (Gergiev), Pavel
Antonov (Matsuev).
Medienpartner:
Gedruckt auf holzfreiem und
FSC-Mix zertifiziertem Papier
der Sorte LuxoArt Samt
Impressum
In freundschaftlicher
Zusammenarbeit mit
DAS FESTIVAL
FÜR FAMILIEN
FAMILIENKONZERT
»Peter und der Wolf«
EDUCATION
TANZPROJEKT
»Romeo & Julia«
COMMUNITY
MUSIC
Performances
für Groß und Klein
Samstag
12_11_2016
—
GASTEIG
mphil.de
18 B
G JA IS
RA H
TI RE
S
’16
’17
DAS ORCHESTER DER STADT
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