Klimawandel und Gesundheit - Gesellschaft für Pädiatrische

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Umweltmedizin
Klimawandel und Gesundheit
Thomas Lob-Corzilius, Kinderpneumologie, Allergologie, Umweltmedizin, Osnabrück
Am 1.11.2014 hat der Weltklimarat (IPCC) kurz vor dem Vorbereitungstreffen für den Weltklimagipfel in Lima seinen sog. Synthesebericht zur Bedrohung des Klimawandels veröffentlicht. Danach bleibt nur noch wenig Zeit, um die Chance zu nutzen, die
Erderwärmung auf < 2° C zu halten. Sollte der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen wie Kohlendioxid nicht drastisch reduziert
werden, drohe eine Erwärmung um bis zu 4° C. Zugleich machte der IPCC Mut, dass die Erderwärmung zu stoppen ist [1].
Sonne, Sturm,
Feinstaub und neue Allergene
Klimaveränderungen können direkte
Auswirkungen auf die Gesundheit des
Menschen haben. Extrembeispiele dafür
sind körperliche Verletzungen, unter
Umständen mit direkter Todesfolge, beispielsweise verursacht durch Stürme,
Überschwemmungen oder Hitzewellen.
Indirekte Gesundheitsbeeinträchtigungen, z. B. neue und verstärkt auftretende
Allergien oder durch die Einschleppung
neuer oder Ausbreitung bereits etablierter Krankheitsüberträger ausgelöste
Infektionskrankheiten, werden im Zusammenhang mit dem Klimawandel erAus diesem aktuellen Anlass soll im Fol-
thropogenen Emissionen treibhausgas-
forscht. Zu erwarten ist, dass sich die
genden kurz gefasst auf weitere Informa-
wirksamer Gase gehen die für Deutsch-
Folgen des Klimawandels zukünftig noch
tionsmöglichkeiten zum Thema Klima-
land ausgewerteten Klimaprojektionen
ausgeprägter auch auf die Gesundheit der
wandel und Gesundheit aufmerksam
von einer Erwärmung der durchschnitt-
Bevölkerung auswirken werden [3].
gemacht werden, die online im Rahmen
lichen Jahrestemperatur im Zeitraum
des „Aktionsprogramms Umwelt und Gesund-
2071-2100 um 2 bis 4,5° C gegenüber
Hitzewellen und Gebäudearchitektur
heit“ (APUG) allen Interessierten jederzeit
dem Referenzzeitraum 1961–1990 aus.
In der letzten Ausgabe 04 / 2014 der Pädi-
zur Verfügung stehen und handlungsrele-
Dabei werden sich der Klimawandel
atrischen Allergologie hat Armin Grübl
vant sind (www.apug.de/umwelteinflues-
regional und jahreszeitlich sehr unter-
als Mitglied der wissenschaftlichen AG
se/klimawandel/index.htm) [2].
schiedlich ausprägen und die Häufigkeit
Umweltmedizin der GPA über das For-
und Stärke von Extremwetterereignissen
schungsprojekt „Grün, natürlich, gesund:
erhöhen.
die Potenziale multifunktionaler städti-
Tropische Nächte in Deutschland
Die derzeit verfügbaren wissenschaft-
scher Räume“ referiert [4]. Darin wird
lichen Erkenntnisse prognostizieren
So wird es zukünftig zwar weniger kalte
auch die Bedeutung kommunaler Strate-
bei einer anhaltenden Klimaerwärmung
Tage geben, die Anzahl von Sommer-
gien hinsichtlich des schon stattfinden-
auch für Deutschland unter anderem
tagen (Tagesmaximum >25° C), heißen
den Klimawandels angesprochen.
eine Zunahme von Extremwetterereig-
Tagen (Tagesmaximum >30° C) und
nissen sowie durch sie ausgelöste akute
tropischen Nächten (Minimum nicht
Städte und städtische Ballungsräume
Gesundheitsgefährdungen. Abhängig
< 20° C) wird jedoch voraussichtlich
sind schon heute besonders von Hitze-
von der globalen Entwicklung der an-
deutlich zunehmen [3].
wellen betroffen, da dort viele Flächen
Pädiatrische Allergologie » 01 / 2015
versiegelt sind, Gebäude Wärme speichern und abstrahlen sowie oftmals
Schneisen für eine kühlende Luftzirkulation fehlen. Dadurch ist die Durchschnittstemperatur in Innenstädten
auch zumeist höher als im Umland. Es
besteht darüber hinaus eine Wechselwirkung zwischen der Außenlufttemperatur und der Luftschadstoffbelastung
(Feinstaub, Ozon). Bei Hitzewellen, wie
im Jahr 2003, fallen hohe Lufttemperaturen zumeist mit einer entsprechend
Krankheiten. Des Weiteren sind Links
in dem er sich mit der Globalisierung
hohen Ozon- und Feinstaubbelastung
zu Dokumenten und Websites sowie
von Allergen und Infektionserregern
zusammen [3].
Bild- und Kartenmaterial zusammen-
befasst [6].
gestellt. Die in Abbildung 1 gezeigten
Weiterführende Informationen
Grafiken führen zu den einzelnen The-
Auf den weiteren APUG-Webseiten [5]
menkomplexen.
lässt sich eine Auswahl weiterführender
Klimawandel erfordert
Handlungsempfehlungen
Die vom Robert-Koch-Institut (RKI) und
Informationen zu den Auswirkungen
Ergänzend zu diesen Informationsquel-
Umweltbundesamt (UBA) erarbeiteten
des Klimawandels auf die menschliche
len hat Stephan Böse-O‘Reilly als Pädia-
gesundheitsbezogenen Handlungs-
Gesundheit finden, die gegliedert sind
ter und Mitglied der wissenschaftlichen
empfehlungen zur Anpassung an den
nach nichtübertragbaren (aktinischer,
AG Umweltmedizin der GPA zu den
Klimawandel (2013) sind eine gemein-
lufthygienischer und thermischer
gesundheitlichen Folgen des Klimawan-
same Arbeitsgrundlage und bilden einen
Wirkungskomplex) und übertragbaren
dels einen Übersichtsartikel publiziert,
allgemeinen Rahmen für Behörden und
weitere Akteure in Deutschland für Aktivitäten und Maßnahmen [7]. Das Do-
Abbildung 1. Grafiken der APUG
zu gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels
kument identifiziert sechs Handlungsfelder, die jeweils Ziele und konkrete
Empfehlungen enthalten (Abb. 2). Diese
Handlungsfelder sollen für die bereits
eingetretenen oder sich abzeichnenden
gesundheitlichen Folgen des Klimawandels ein zeitnahes, abgestimmtes
Handeln von Bund, Ländern und Kommunen ermöglichen und erleichtern. Bei
dieser Darstellung handelt es sich um
eine Auswahl von Handlungsfeldern und
Zielen. Eine vollständige Übersicht über
die vom Umweltbundesamt und Robert
Koch-Institut identifizierten Handlungsfelder finden sich im Arbeitsdokument
„Klimawandel und Gesundheit“ [5].
Anpassungsstrategien, Aktionspläne
und Maßnahmenkataloge der Bundesländer und des Bundes
Auf einer weiteren Website mit entQuelle: www.apug.de/umwelteinfluesse/klimawandel/gesundheitliche_auswirkungen.htm; © Umweltbundesamt
sprechender Karte gelangt man zu einer
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Abbildung 2. Auswahl passender RKI-/UBA-Handlungsfelder und Ziele
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Dokumenten-Übersicht über die Anpassungsstrategien, Aktionspläne und
Maßnahmenkataloge der Bundesländer
und des Bundes. Die Abschnitte der Be-
Handlungsfeld 1:
Handlungsfeld 2:
Aufbau eines integrierten Gesund-
Klimawandelbezogene
lichen Auswirkungen des Klimawandels
heits- und Umweltmonitoringsystems
Gesundheitsforschung
thematisieren, sind mit Seitenzahlen
Ziel: Gesundheits- und Umweltmoni-
…
beziffert. Eine kurze Zusammenfas-
Allergien und
sung über den Inhalt der einzelnen
akute Atemwegserkrankungen
Anpassungsstrategien, Aktionspläne
Ziel: Methoden ausbauen und
und Maßnahmenkataloge ist ebenfalls
toring zusammenführen
Ziel: Vektorvermittelte Krankheitserreger, allergene Pflanzen und
gesundheitsgefährdende Tiere
beobachten und überwachen
Ziel: Erfassung von Indikatoren für
klimawandelassoziierte gesundheitliche Studien
entwickeln
richte, die die potenziellen gesundheit-
vorhanden [8].
Ziel: Epidemiologische Forschung
verbessern
Ziel: Vorhersage- und Prognosemodelle entwickeln
Publikationen des Weltklimarats – IPCC
Wer über die deutschsprachigen
Quellen hinaus weitere Informationen
zum Klimawandel sucht, wird unter
Handlungsfeld 3:
Handlungsfeld 4:
www.climatechange2013.org [9] eine
Prävention und Risikokommunikation
Gesundheitliche Versorgung
Fülle an Forschungsergebnissen und
Ziel: Evaluierung bestehender
Ziel: Bestehende Versorgungs-
-material finden, welche vom IPCC,
Maßnahmen durchführen und
verstetigen
Ziel: Zielgruppenspezifische themati-
angebote anpassen
Ziel: Optimale Bedingungen
gewährleisten
der letzten 25 Jahre zusammengetragen
mit dem Titel „Approved Summary for
Handlungsfeld 5:
Handlungsfeld 6:
Aus-, Fort- und Weiterbildung
Koordination und Kooperation
Ziel: Schulausbildung verbessern
Ziel: Kooperationen zwischen Bund
Fortbildung aufklären
change oder Weltklimarat, im Laufe
worden sind. Die letzte Publikation
sche Aufklärung
Ziel: Durch berufliche Weiter- und
dem Intergovernmental panel on climate
und Ländern etablieren
Policymakers, IPCC Fifth Assessment
Synthesis Report, CLIMATE CHANGE
2014 SYNTHESIS REPORT“ datiert vom
1. November 2014 [10].
Ziel: V
ernetzung der Behörden fördern
Ziel: Kooperation auf internationaler
Ebene etablieren
Ziel: Kommunikation und Vernetzung
zwischen beteiligten Akteuren
verbessern
Dr. med. Thomas Lob-Corzilius
Kinderpneumologie, Allergologie, Umweltmedizin
Christliches Kinderhospital
Johannisfreiheit 1
49074 Osnabrück
[email protected]
Quelle: www.apug.de/umwelteinfluesse/klimawandel/gesundheitliche_auswirkungen.htm; © Umweltbundesamt
Literatur
1www.ipcc.ch
2www.apug.de/umwelteinfluesse/klimawandel/
index.htm
3UBA. Themenblatt Hitze in der Stadt -ein kommunale
Gemeinschaftsaufgabe
4Grübl A. Grün, natürlich, gesund: die Potenziale multi-
5www.apug.de/umwelteinfluesse/klimawandel/
gesundheitliche_auswirkungen.htm
6Böse-O’Reilly S. Folgen des Klimawandels – Globalisierung
von Allergen und Infektionserregern. Themenheft „Gesunde
Umwelt“ des BVKJ 2014, 22–26
7UBA und RKI. Klimawandel und Gesundheit. Allgemeiner
funktionaler städtischer Räume. Pädiatrische Allergologie
Rahmen zu Handlungsempfehlungen für Behörden und
04/2014: 30-34
weitere Akteure in Deutschland Stand: März 2013
8www.apug.de/umwelteinfluesse/klimawandel/anpassungsstrategien_bundeslaender_bund.htm
9www.climatechange2013.org
10 www.ipcc.ch/pdf/assessment-report/ar5/syr/
SYR_AR5_SPM.pdf
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