Nur Lernen macht glücklich

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Nur Lernen macht glücklich
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suedkurier.de - 05.07.2007
Nur Lernen macht glücklich
Alles ganz einfach: Hirnforschung mit Manfred Spitzer
VON BEATE SCHIERLE
Ein Baby lernt laufen. Es zieht sich am Sofa hoch, fällt hin. Es zieht sich am
Stuhl hoch, fällt wieder hin. "So geht das monatelang. Jeder Erwachsene hätte
schon längst aufgegeben. Aber das Baby macht weiter - und irgendwann kann
es laufen. Wir lernen nämlich von Fall zu Fall." Der Ulmer Hirnforscher und
Psychiater Manfred Spitzer liebt es anschaulich. Das menschliche Gehirn ist
sein Thema. Wie es funktioniert, wie wir lernen, wie wir ihm schaden, das treibt
ihn um - und seine Zuhörer zur Begeisterung.
Spitzers Vorträge sind stets gut besucht, und das landauf, landab. Beim 32.
VS-Forum unserer Zeitung in Villingen saßen etliche der 900 Zuhörer auf dem
Boden. Das Gehirn, das Organ, das wir am meisten mit unserer Persönlichkeit
verbinden, fasziniert die Menschen. Spitzer hat sich einen Namen gemacht,
weil er komplizierte Vorgänge einfach erklären kann. Seine
populärwissenschaftlichen Bücher über Lernen, Medienkonsum ("Vorsicht,
Bildschirm!") oder Musik ("Musik im Kopf") verkaufen sich bestens.
Wenn der 49-Jährige erläutert, wie das menschliche Gehirn Neues abspeichert,
nennt er die Synapsen, die Knoten- und Verbindungspunkte der Nervenzellen,
einfach "Knubbel". Wenn Nervenimpulse dort häufiger aufliefen, vergrößerten
sich diese "Knubbel". "Da können Sie zugucken", sagt er. Zum Lernen braucht
es also die Wiederholung - und es hinterlässt Spuren im Gehirn.
Spitzer ist nicht nur Wissenschaftler und ärztlicher Direktor der psychiatrischen
Uniklinik in Ulm, sondern auch ein guter Unterhalter. "Frauen haben 19
Milliarden Gehirnzellen und Männer 23. Beide Geschlechter sind aber gleich
intelligent. Die Frage ist, was die Männer mit ihren zusätzlichen vier Milliarden
machen." Vergnügt wippt er mit den Füßen und seine Augen blitzen, als die
Villinger Zuhörer schallend lachen.
Spitzer macht es aber auch nichts aus, kräftig anzuecken. Er ist einer der
bekanntesten Warner vor zu frühem Fernseh- und Computerkonsum von
kleinen Kindern. Mit seiner These "Fernsehen macht dick, dumm und
gewalttätig" zog er heftige Kritik von Medienwissenschaftlern auf sich. Michael
Kunczik von der Universität Frankfurt kritisierte Spitzers These als zu wenig
differenziert. Die Mediennutzung sei nur ein Faktor von vielen bei Jugendlichen
mit problematischem Verhalten. Medienpädagogen, die Kindern bewussten
Umgang mit modernen Medien beibringen wollen, sehen sich von ihm ins
Abseits gestellt.
"Es stimmt aber trotzdem", sagt Spitzer, für dessen fünf Kinder es zuhause
kein Fernsehen gibt, kampfeslustig. Auch gewalttätige Inhalte in Fernsehen und
Computer hinterließen Spuren im Gehirn. Bis zum Alter von 18 Jahren habe
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jeder Jugendliche 200000 Gewalttaten gesehen, bei denen die Täter oft
ungestraft davonkämen. Spitzer geht so weit zu sagen: "Wenn Sie Ihren
Zwölfjährigen mögen, kaufen Sie ihm keinen Computer."
Die Stärke unseres Gehirns liege nicht im Auswendiglernen von Fakten. "Die
schlechte Nachricht lautet: Das Gehirn ist kein Kassettenrekorder und keine
Festplatte. Die gute Nachricht ist: Es ist viel besser". Die Stärke des
Oberstübchens sei es, aus dem vielen Neuen das Allgemeine herauszufiltern,
was wir für unseren Alltag brauchen. Dafür müsse man nicht einmal viel tun,
denn einen Großteil dieser Arbeit leiste das Gehirn unbewusst: "Das Hirn hat's
drauf", sagt Spitzer und streckt begeistert seine Hände nach vorn.
Richtig Spaß mache es unserer Leitzentrale, etwas Neues zu lernen. Die
Hirnforschung mit ihren Möglichkeiten könne das heute im Scanner regelrecht
sichtbar machen. Dann leuchtet ein Areal im Gehirn auf, der "Nucleus
accumbens", zu deutsch Belohnungszentrum genannt.
Und dann begibt sich Spitzer fast auf philosophische Ebenen, nämlich zur
Frage, was Menschen glücklich macht. Gehirnphysiologisch gesehen ist das
ganz einfach: Glück empfinden Menschen dann, wenn sie etwas Neues,
Positives lernen, was sie nicht erwartet hatten. Das mache glücklicher als
Einkaufsorgien oder alle drei Jahre ein neues Auto. Solche konsumskeptischen
Äußerungen lassen manchen vielleicht kurz zusammenzucken, aber die
Villinger hängen 80 Minuten begeistert an Spitzer, der frei und ohne Manuskript
900 Menschen mit vergnüglichem Wissen füttert.
Spitzer plädiert dafür, die riesigen Fähigkeiten des Gehirns mit eigenen
Erfahrungen und nicht mit Konsumierten aus zweiter Hand zu fordern, um im
Gehirn neue Spuren zu legen. Lernen und Neues erfahren könne man das
ganze Leben lang. "Lernen und Glück sind tief im Kopf dasselbe."
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