28-31 Winterstuerme

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Stürmische Zuku
Im Winterhalbjahr wird das Wetter oft von schnell
vorbeiziehenden, stark ausgeprägten Tiefdruckwirbeln beherrscht. Dabei werden Windgeschwindigkeiten bis 200 Kilometer pro Stunde gemessen.
In Zukunft dürfte die Windstärke noch zunehmen.
Text und Fotos: Andreas Walker
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ie kälteste Jahreszeit ist bei uns
gleichzeitig die Zeit der starken
Winde. Die Winterstürme werden
angetrieben durch kräftige Tiefdruckwirbel, die infolge grosser Temperaturunterschiede entstehen. Mit dem astronomischen Herbst beginnt am Nordpol die
Polarnacht – für die nächsten sechs Monate
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scheint dort keine Sonne mehr am Himmel.
Deshalb kühlen mit dem herannahenden
Winter die polaren nördlichen Breiten
immer mehr ab, während am Äquator die
Temperaturen mehr oder weniger gleich
bleiben. Damit wird der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator im
Winter viel grösser als im Sommer.
Luftdruckgefälle
erzeugt Sturm
Die Erdatmosphäre arbeitet wie eine
Wärme-Kraft-Maschine. Sie produziert
Bewegungsenergie aus Temperaturunterschieden. Je grösser der Temperaturunterschied zwischen verschiedenen Luftmassen ist, desto mehr Bewegungsenergie
wird frei und desto stärker fallen die
Winde aus. Deshalb wird im Winterhalbjahr die Grosswetterlage oft beherrscht
von ausgeprägten Sturmtiefs, die sich
über dem Atlantik zusammenbrauen und
Winde von über 200 Kilometern pro
Stunde produzieren können.
Mit dem Winterbeginn werden jedoch
auch weite Gebiete Osteuropas mit einer
Schneedecke überzogen. Die Luft über
diesen verschneiten Landmassen kühlt sich
ab, wird dadurch dichter und schwerer – es
entsteht ein kräftiges Hochdruckgebiet,
welches sich von Nordrussland langsam
Reportage NATUR
Übergangszone zwischen Hoch und Tief,
wo der Druckunterschied und damit die
Windgeschwindigkeit am grössten ist.
Seit Ende der 80er-Jahre hat sich in
den Niederungen der Winter nach und
nach zurückgezogen. In dieser Zeit
wurde der Durchschnittswert der Schneebedeckung des 20. Jahrhunderts nie
mehr erreicht (eine Ausnahme bildete
der Lawinenwinter 1999). Diese aussergewöhnliche Serie von warmen Wintern
stellt diesbezüglich für die letzten 700
Jahre alles in den Schatten.
Für die Entwicklung von Winterstürmen hat das folgende Bedeutung: Wenn
eine geschlossene Schneedecke liegt, wie
dies in früheren Wintern normal war, so
bildet sich darüber Kaltluft, die eine
blockierende Wirkung hat. Wenn jedoch
diese blockierende Wirkung fehlt, stossen die atlantischen Stürme auf südlicheren Bahnen nach Mitteleuropa vor und
sie können ungehindert mit grosser
Stärke weit ins Landesinnere vordringen.
Warme Meere
treiben die Winde an
Einen wichtigen Einfluss übt das Meer auf
das Wettergeschehen aus. Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte der überdurchschnittlich warme Winter 1989/90,
Oft verursachen Winterstürme grosse Schäden an Wäldern. Das Bild wurde anfangs März 1990 aufgenommen, nachdem die Orkane Vivian und Wiebke unzählige Bäume gefällt hatten. Wald ob Linthal GL.
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in Richtung Mitteleuropa ausdehnt. Zwischen dem kräftigen atlantischen Tiefdruckwirbel und dem gut ausgeprägten
osteuropäischen Hochdruckgebiet entsteht ein grosses Luftdruckgefälle, welches starke Winde erzeugt.
Kältehoch als Sturmblockade
Stösst dieses winterliche Kältehoch in
Richtung Europa vor, fliesst ausgekühlte
Luft von Nordosten zu uns, die zum Teil
eine Wanderschaft von Sibirien bis in unser
Land hinter sich hat. Solche Wetterlagen
bringen bei uns stabile winterliche Verhältnisse. Gleichzeitig jedoch hält dieses Kältehoch uns auch die Winterstürme vom Leib,
weil es sich wie ein Schutzwall zwischen
Europa und den Atlantik schiebt und damit
die von Westen kommenden Luftmassen
und die Sturmtiefs blockiert und ablenkt.
Wenn sich jedoch dieses Hoch zurückzieht, befinden wir uns plötzlich in einer
Chronik der stärksten Winterstürme
2. bis 4. Januar 1976
Der so genannte Capella-Wintersturm zieht einen
drei Millionen Quadratkilometer grossen Pfad der
Verwüstung durch ganz Westeuropa. Allein in
Deutschland müssen 10 000 Menschen evakuiert
werden, mehr als 600 werden obdachlos. Die
Windböen von bis zu 180 Stundenkilometern und
eine Sturmflut mit 17 Metern hohen Wellen lassen
20 Deiche brechen, zerstören Strassen und Hafenanlagen und beschädigen mehr als 45 000 Gebäude.
25. bis 26. Januar 1990
Wintersturm Daria eröffnet eine ganze Serie von
Orkantiefs, die Europa im Winter 1990 heimsuchen. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu
180 Stundenkilometern und Starkregen lässt er
Flüsse über die Ufer treten, Deiche brechen und
zerstört zahlreiche Gebäude. Er gehört bis heute
zu den teuersten Stürmen Deutschlands.
der in unseren Breiten für ungewöhnlich
warme Temperaturen sorgte. Als Folge
davon entwickelte sich ein aussergewöhnliches Sturmtief, welches am 1. März 1990
den Orkan Wiebke verursachte, der mit
ungewöhnlicher Stärke über West- und
Mitteleuropa hinwegbrauste. So wurde auf
dem Feldberg im Schwarzwald erstmals
seit Beobachtung eine Windgeschwindigkeit von 200,1 Kilometern in der Stunde
gemessen – danach wurde das Messgerät
vom Blitz zerstört.
Meistens folgt den winterlichen Stürmen ein starker Kaltlufteinbruch. Wenn
auf der Rückseite des Sturmtiefs polare
Luft einfliesst, ist kaltes Wetter und
manchmal sogar der Einbruch des Winters zu erwarten.
Auf der Südhalbkugel ist das Temperaturgefälle zwischen Äquator und Südpol noch grösser und die Winde dementsprechend extremer. Diese Verhältnisse
sorgen dafür, dass dort die Westwinde
noch viel stärker ausgeprägt sind als auf
der Nordhalbkugel. So entstanden über
verschiedenen Breitengraden verschiedene Namen, übereinstimmend mit den
blasenden Winden in diesen Gebieten:
«Roaring Fourties» (Brüllende Vierziger),
«Furious Fifties» (Wütende Fünfziger)
und «Shrieking Sixties» (Kreischende
Sechziger).
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27. Februar bis 1. März 1990
Die Stürme Vivian und Wiebke suchen Europa
heim. Starke Regenfälle lassen Flüsse über die
Ufer treten, die bis zu 150 Stundenkilometer
schnellen Winde hinterlassen vor allem in Süddeutschland mehr als 10 Millionen Kubikmeter
Bruchholz. 300 000 Haushalte sind betroffen.
4. bis 5. November 1995
Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern löst der Wintersturm Grace an der
deutschen Ostseeküste die schwerste Sturmflut
seit 40 Jahren aus.
3. bis 4. Dezember 1999
Wintersturm Anatol rast mit Böen bis zu 200 Stundenkilometern über Nordeuropa hinweg und löst
Sturmfluten an Nord- und Ostsee aus.
In Dänemark gilt er als Jahrhundertsturm,
20 Menschen sterben.
26. Dezember 1999
Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wird
Westeuropa von einem starken Tiefdruckgebiet
heimgesucht. Mit Windböen von über 200 Stundenkilometern rast der Sturm Lothar durch weite
Teile Frankreichs, Spaniens und auch über Gebiete
in Deutschland und der Schweiz. In Frankreich sind
Hunderttausende von Haushalten noch Wochen
später ohne Strom, stellenweise sind 40 Prozent
des Baumbestands zerstört.
27./28. Oktober 2002
Orkan Jeanette fegt mit Winden von bis zu 150
Kilometern pro Stunde über Grossbritannien
und Deutschland hinweg. 24 Menschen sterben.
8. Januar 2005
Sturm Erwin fegte mit bis zu 180 Stundenkilometern über Nordosteuropa hinweg. In Grossbritannien, Dänemark und Schweden kostete er
mindestens 14 Menschen das Leben und hunderttausende von Haushalten waren tagelang ohne
Strom.
Winterstürme und Wärme
gehen Hand in Hand
Oft treten gleich mehrere Winterstürme
nacheinander auf. Im Jahr 1990 richteten
die Stürme Daria, Vivian und Wiebke
europaweit riesige Schäden an. Im Dezember 1999 schien sich die Geschichte zu wiederholen. Am 3. Dezember 1999 bildete
Anatol den Auftakt zu einer Serie von Winterstürmen, die am 26. und 27. Dezember
mit Lothar und Martin einen neuen Schadensrekord verursachten. Auffällig ist, dass
beide Sturmjahre – 1990 und 1999 – ungewöhnlich warm waren. Im Vergleich zur
Zeitspanne von 1960 bis 1990 lag die Jahresdurchschnittstemperatur um über ein
Grad höher. Die Meteorologen rechnen die
beiden Jahre zu den drittwärmsten des letzten Jahrhunderts in Europa. In den Niederungen herrschte ein mildes und schneefreies Klima bis in den Dezember vor.
Am 25. Dezember 1999 hatte sich über
dem Nordostatlantik ein Tiefdruckgebiet
gebildet mit einem Kerndruck von 995
Hektopascal – ein für die Winterzeit absolut harmloses Gebilde. Innerhalb von nur
Mit Böenspitzen von über 200 Kilometern pro Stunde
rast der Sturm Lothar durch weite Teile Frankreichs,
Spaniens und auch über Gebiete in Deutschland und
der Schweiz und hinterlässt eine Spur der Zerstörung.
Abgeknickter Betonmast bei Stans NW.
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drei Stunden registrierten die überraschten Meteorologen der Wetterstation Caen
an der französischen Kanalküste einen
extremen Druckabfall von 28 Hektopascal. In Europa hatte es einen vergleichbaren Absturz des Luftdrucks seit 30 Jahren nicht mehr gegeben. Die Meteorologen hatten die Zeichen des Sturms zu
spät erkannt und deshalb blieb eine
Sturmwarnung bis auf wenige Ausnahmen
aus, während der Sturm Lothar bereits
mit elementarer Wucht ins Zentrum von
Europa brauste.
Am Pariser Flughafen Orly wurden
Windgeschwindigkeiten von bis zu 173
Stundenkilometern registriert. Auf dem
Feldberg im Schwarzwald erreichten die
Böen 212 Kilometer pro Stunde, auf dem
Wendelstein sogar 259 Stundenkilometer
und auf dem Üetliberg bei Zürich 240
Stundenkilometer. Die Folgen waren dramatisch. 122 Menschen starben durch
herabstürzende Baumteile oder Gebäude-
trümmer. In Westfrankreich mussten
Hunderttausende mitten im Winter wochenlang ohne Strom und Telefon auskommen. Im Pariser Bois de Bologne
knickte Lothar mehr als 140 000 Bäume
um wie Streichhölzer und rasierte im
Schwarzwald ganze Hänge kahl. Der
Sturm hinterliess in Europa Schäden in
der Höhe von rund 10 Milliarden Franken. Lothar fällte gesamtschweizerisch
gesehen etwa 5 Jahresernten an Wald. Als
Folge brach der Holzpreis dramatisch ein.
Noch heute sind die Schneisen in den
Wäldern deutlich zu sehen.
Immer mehr Energie und
immer grössere Aktivitäten
In den letzten 100 Jahren ist die globale
Temperatur um 0,7 Grad gestiegen. Als
Folge davon verdunstet mehr Wasser als
bisher und der Wasserdampfgehalt der
Atmosphäre steigt. Eine höhere Verduns-
tung und deshalb ein höherer Wasserdampfgehalt führten auch zu einem
grösseren Energietransport.
Der Bonner Meteorologe Hermann
Flohn zeigte, dass vor allem über den
Ozeanen der Nordhalbkugel in den letzten
Jahrzehnten eine Zunahme der Häufigkeit
von Sturmtiefs sowie eine Verstärkung der
atmosphärischen Zirkulation beobachtet
werden konnten. Sie konzentrierte sich vor
allem auf das Winterhalbjahr. Als Folgen
der globalen Erwärmung könnten deshalb
die Hoch- und Tiefdruckzellen stärker ausgeprägt sein als heute, was zu noch grösseren Druckunterschieden führt. Dies würde
bedeuten, dass die Stärke der Winde weiter
zunimmt.
Für die Zukunft erwarten die Klimaforscher, dass in Bodennähe eine Wärmezunahme und ein Abbau der Temperaturunterschiede stattfinden. Da jedoch auch
die mittleren Breiten stärker erwärmt
werden, wird von der aufsteigenden
Warmluft mehr Wasserdampf in die oberen Atmosphärenschichten transportiert.
Deshalb könnte sich die globale Erwärmung in einer Höhe von 8 bis 10 Kilometern bemerkbar machen.
Mehr starke Winterstürme
Der Jetstream – ein Starkwindband in der
hohen Atmosphäre mit einer Geschwindigkeit von bis zu 600 Stundenkilometern, welches sich um den ganzen Globus
spannt – könnte noch schneller werden.
Mit einem verstärkten Jetstream rechnen
die Forscher zwar mit insgesamt weniger
Winterstürmen, doch die verbleibenden
Stürme dürften dafür stärker ausfallen.
Wissenschaftler des britischen Hadley
Center haben das Klima der nahen Zukunft
simuliert unter der Annahme, dass die
Treibhausgase (ab 1990) jedes Jahr um ein
Prozent zunehmen. Nach dieser Simulation
würde uns Folgendes erwarten: Die Gesamtzahl der Winterstürme nimmt bis
Ende dieses Jahrhunderts von 165 auf 153
ab. Gleichzeitig jedoch nimmt die Zahl der
starken Stürme von heute durchschnittlich
21 bis auf 28 pro Jahr gegen Ende des Jahrhunderts zu. Zudem weisen neue Klimamodelle darauf hin, dass sich die Zugbahnen der Stürme immer weiter Richtung
Osten, also näher zum europäischen Festland verlagern. Sollten diese Voraussagen
zutreffen, können wir uns auf eine stürmische Zukunft gefasst machen.
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