Psychische Störungen im Kindes

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Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter
Jeder, der sich mit Fragen der Klassifikation psychischer Störungen befasst
(und wer tut das nicht, wenn er in den Bannkreis der Psychiatrie gerät),
befindet sich permanent in einem Spannungsfeld zwischen Norm und
Abweichung, Regel und Ausnahme, Klarheit und Zweifel. Denn ICD-10
und DSM IV stellen heute zwar wichtige Meilensteine im Prozess der
internationalen Verständigung der Psychiatrie dar, doch die Ziellinie der
Weisheit bzw. der Systematisierung markieren sie noch längst nicht.
Im Gegenteil: Die Zweifel mehren sich, ob mit diesen Klassifikationen
eigentlich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch sinnvoll gearbeitet
und geforscht werden kann. Dies gilt auch und gerade für den Bereich der
Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo die Aussagekraft von ICD-10 und
DSM IV äußerst begrenzt ist.
Weil das so ist, hat man schon vor Jahren ein ergänzendes multiaxiales Klassifikationsschema für
psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter entwickelt. Es trägt dem Gedanken Rechnung, dass den
rein deskriptiven Ansätzen in Bezug auf Störungen im Kindesalter einige weitere Dimensionen (z.B. die
Einteilung nach Leitsymptomen) folgen müssten, um dem Wesen psychischer Auffälligkeiten im Kindesund Jugendalter besser gerecht zu werden. So haben Helmut Remschmidt und Martin H. Schmidt im Jahr
2000 in dem Band „Psychiatrie der Gegenwart“ ihre Konzeption erstmals vorgestellt und 2003 in dem
Lehrbuch „Entwicklungspsychiatrie“ weiterentwickelt.
Doch auch dort wurde noch nicht so grundlegend der Entwicklungs- und Verlaufsaspekt berücksichtigt, der
hier zum strukturierenden Kriterium einer neuen Klassifikation erhoben wird. Insofern stellt dieses
Lehrbuch einen mutigen Schritt und eine unverzichtbare Grundlage kinder- und jugendpsychiatrischer
Diagnostik dar.
Es erläutert das klinische Bild und die mögliche Entwicklung jeder einzelnen Störung, ergänzt die
Ausführungen durch Fallvignetten, macht Vorschläge zur Behandlung, gibt rechtliche Hinweise und nennt
die weiterführende Literatur. Dies in systematischer und sehr gründlicher Form darzulegen, stellt eine
beeindruckende Leistung der einzelnen Mitglieder des Autorenteams und der Koordinatoren in
Wissenschaft und Verlag dar.
Natürlich hat solch ein umfangreiches Werk auch Schwächen; so ist es den Autorinnen und Autoren bei
aller Neueinteilung offenbar entgangen, dass ein Störungsbild sich in identischer Formulierung an zwei
Stellen des Buches wiederfindet (die generalisierte Angststörung im Kindesalter auf S. 195 ff. und 354 ff.).
Überhaupt braucht es eine Weile, um sich in der neuen Strukturierung zurechtzufinden und den Gewinn,
den man aus den einzelnen Kapiteln zieht, nicht in einer „neuen Unübersichtlichkeit“ wieder zu verlieren.
Auch der Preis des Buches gibt zu denken: Für die geleistete Arbeit der Autorinnen und Autoren und für das
Volumen an Informationen ist er sicher angemessen, doch leider werden sich das Werk nur wenige leisten
können. Schade – wo es doch so lesenswert ist.
Jens Clausen in Soziale Psychiatrie
©Psychiatrienetz
Letzte Aktualisierung:03.04.2017
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