yarchen, die stadt der 7000 nonnen

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YARCHEN
FOTOS VON BORIS JOSEPH
TEXT VON RAPHAELLE PIENNE
Die Stadt der
7000 Nonnen
Yarchen und seine Meditationshütten. In einen Arm des Flusses Jinsha geschmiegt,
taucht die Stadt förmlich auf dem Nichts auf. Sie wurde mit recycelten Materialien erbaut
und überrascht durch ihre Ausdehnung und ihr Erscheinungsbild.
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Eine Nonne, die älter scheint als
die andern, meditiert auf dem Berg.
Mit ihrer grösseren Hütte, ihrer
Gebetsmühle und dem verhüllten
Gesicht, scheint sie eine besondere
Stellung einzunehmen.
Trotz der kargen, von Entsagung
geprägten Lebensbedingungen,
bewahren diese Frauen ihr Lächeln.
Den künstlichen Blumenstrauss
wird diese Nonne ins Kloster
bringen.
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Jede dieser von den Nonnen aus wiederverwertbaren Materialien gebauten
Hütten ist anders. Obwohl sie dazu kaum Mittel haben, versuchen die jungen
Frauen ihre winzigen Häuschen auch zu schmücken.
Zu Tausenden sind sie ins Klosterlager Yarchen im Nordwesten Sichuans (China) gekommen. Unter
schwierigen Lebensbedingungen
beten und meditieren sie, um das
buddhistische Ideal der Loslösung
von der Welt zu verwirklichen.
Nach fünf Stunden Fahrt auf einer schlechten Strasse klart
der Himmel plötzlich auf und lässt eine von den schwarzen
Tupfern der Yaks gesprenkelte Weidelandschaft zum Vorschein
kommen. Hoch oben kreisen Geier. Die buddhistische Siedlung
Yarchen, oder Yarchen Gar, liegt in der gegenwärtigen chinesischen Provinz Sichuan auf über 4000 m Höhe ins gebirgige
Herz der tibetischen Region Kham eingebettet. Mit über 10 000
Bewohnern gilt sie als der grösste Versammlungsort buddhistischer Mönche und Nonnen weltweit. Nichts Grandioses,
nichts Demonstratives indes am Eingang von Yarchen: Ein
ungeteerter Weg führt an einer Reihe Gebetsmühlen entlang,
die von tibetischen Pilgerfamilien in einem unermüdlichen
Reigen am Drehen gehalten werden. Auf der anderen Strassenseite eine Ansammlung einstöckiger Holzhäuser, das Wohnquartier der Mönche. Es ist ruhig, nur ein paar Hunde dösen da
und dort, mit von Raureif glitzernden Fellen. Sie heben kaum
den Kopf, als wir vorbeifahren. Etwa fünfzig Meter weiter hält
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Dieses Mädchen soll einmal Nonne werden. Bei unserem Anblick sucht
es furchtsam in den Rockfalten der Nonne Zuflucht, die es begleitet.
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Eine Nonne zeigt stolz ein Foto der Reinkarnation des Lamas
Achuk Rinpoche, der 1927 Yarchen gegründet hat.
Seinetwegen und für seine Unterweisung sind sie
alle in diese Abgeschiedenheit gekommen.
der Wagen vor zwei grossen Gebäuden mit geschwungenen
Dächern an.
Eines davon, das ältere, so sieht es aus, mit seinen ockerfarbenen
Lehmmauern, ist der Wohnsitz von Achuk Rinpoche, Jahrgang
1927, dem Gründer von Yarchen. Der hohe Würdenträger aus der
Schule der Nyingmapa (der älteste der vier Zweige des tibetischen Buddhismus) hat den Rang eines lebendigen Buddhas
erlangt. 1985 als Chinas Einstellung zum Buddhismus toleranter wurde, beschloss er, dieses Kloster zu gründen, das dem
Unterricht und der Meditation gewidmet sein sollte. Blickt
man ins Tal hinunter, das sich unter den Füssen des heiligen
Mannes ausbreitet, ermisst man den Erfolg seines Appells. Die
Halbinsel, die von einer Schlaufe des Flusses Jinsha gebildet
wird, ist von einem unglaublichen Gewirr ineinander verschachtelter Dächer bedeckt. Auf dieser Landzunge, zu der die
Mönche keinen Zutritt haben, wohnen über 7000 Nonnen.
ZERBRECHLICHE KARGHEIT
FRAUEN IM TIBETISCHEN BUDDHISMUS
Das von Achuk Rinpoche gegründete Zentrum ist
einer der wenigen Orte in Tibet, an denen Frauen
eine buddhistische Unterweisung erhalten können.
Der tibetische Buddhismus erlaubt keine Ordination
der Frauen, so dass sie nie über den Rang der Novizin
hinaus kommen. Weniger zahlreich als die Mönche,
sind die tibetischen Nonnen auch weniger geachtet
und werden von den Gläubigen auch mit sehr viel
weniger Gaben bedacht.
Über zwei schmale Brücken gelangt man in die zerbrechliche
Stadt aus Brettern und Planen, die die Ordensschwestern hier
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Vor dem Klostereingang folgen diese Nonnen der Unterweisung eines grossen Lamas. Das Hauptgebäude kann sie nicht alle
aufnehmen, und ihre Zahl wächst ständig. In allen tibetischen Klöstern beschränken die chinesischen Behörden drastisch
die Anzahl der Mönche und Nonnen. Wie lange werden sie einen so grossen Zustrom noch dulden?
gebaut haben. Das Wort Lager wäre angemessener für dieses
Barackengewirr, durch das sich ein paar matschige Wege ziehen. „Die Neuankömmlinge bauen selber ihr Haus oder kaufen
einer anderen Nonne eins ab“, erzählt uns die 22-jährige Nima,
die vor einem Jahr aus Lhasa hierher gekommen ist. Auf den
einstöckigen Gebäuden, zu denen ein kleiner Hof gehört, steht
eine kleine Kabine, in der eine einzige Person zum Sitzen Platz
hat, „zum Meditieren“, erklärt Nima.
Es braucht fast eine Stunde für einen Rundgang im Quartier
der Nonnen. Sehr schnell fällt dem Besucher auf, in welch armseligen Lebensbedingungen diese Tausende von Frauen leben.
Auf der Halbinsel gibt es weder Elektrizität noch fliessendes
Wasser. Die Nonnen von Yarchen haben nur kleine Öfen, in
denen sie Yakmist verbrennen, um ihre mit Stoffbahnen und
Plastik isolierten Hütten zu heizen, während die Temperaturen
im Tal in den Winternächten regelmässig auf minus 20 Grad
absinken. Auch die Sanitäreinrichtungen sind völlig ungenügend. Man hat über dem Fluss ein Dutzend auf Pfählen stehender Hütten gebaut, doch die meisten Bewohnerinnen gehen
auf die Böschung.
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EINE STÄTTE DER ZUFLUCHT
Trotz dieser schwierigen Lebensbedingungen zieht Yarchen
weiterhin Frauen aus ganz Tibet an. Oft sehr jung, haben sie
beschlossen, das Purpurgewand der Nonnen überzuziehen
und ihre Familien zu verlassen, um hierher zu kommen. „Es
war mein eigener Entschluss, Nonne zu werden, niemand hat
mich gezwungen“, erklärt Nima spontan, dann fügt sie, leicht
zögernd hinzu: „Das Leben war auch ein bisschen schwer.“
Schamhaft wird sie ein paar Worte darüber verlieren, dass ihre
Eltern, Geschäftsleute, finanzielle Schwierigkeiten hatten.
Viele dieser aus einfachen Verhältnissen stammenden Frauen,
die nur sehr kurz oder gar nicht zur Schule gegangen sind,
sahen in dem Entscheid, Nonne zu werden, ein Mittel, ihren
Angehörigen Erleichterung zu verschaffen. Im Fall einer
Katastrophe wurde das Phänomen noch verstärkt. „Nach dem
Erdbeben vom letzten Jahr sind viele Mädchen aus Yushu nach
Yarchen gekommen“, erklärt eine Nonne aus dieser Gegend.
Das Beben, das am 14. April im tibetischen Distrikt Yushu
stattfand, hat 2000 Todesopfer gefordert, und 5 Millionen
Diese Nonnen kehren nach dem
Gebet in ihre Hütten zurück. Trotz
der schwierigen Lebensbedingungen
und der grossen Isolation, geht eine
grosse Freude von ihnen aus.
Jeden Tag waschen sie ihre Wäsche
im Fluss Jinsha, auch wenn das
Wasser eisig ist.
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Eine Nonne kommt vom Brunnen zurück, wo sie ihre Wasserkanister abgefüllt hat.
Nach der Meditation nehmen vor allem die Alltagspflichten Zeit in Anspruch.
Menschen obdachlos gemacht.
Yarchen hat auch fast 200 Han-Chinesen, die hier den tibetischen Buddhismus studieren wollen, als Mönche und
Nonnen aufgenommen. So Yiling, die seit drei Jahren hier lebt
und aus der mehrere tausend Kilometer südöstlich liegenden
Provinz Fujian stammt. „Ich spreche nicht Tibetisch, aber die
Unterweisungen der Lamas werden oft übersetzt, und es gibt
Mädchen, die Chinesisch sprechen“, erklärt sie. Yiling hat
rund um ihre Hütte eine behelfsmässige Trennwand aus alten
Regenschirmüberzügen gebastelt, ein buntes Patchwork. „Ich
hatte nicht genug Geld, darum nahm ich einfach, was ich
fand“, sagt sie mit strahlendem Lächeln.
LEBEN IM GEBET UND IN MEDITATION
Das vergangene oder das gegenwärtige Elend geht in der Stadt
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der Nonnen merkwürdig vergessen. Selbst der kalte Wind
scheint überall eine Atmosphäre ruhiger Freude hinzutragen.
Am Abend und am frühen Nachmittag, wenn der Lautsprecher
die Nonnen auffordert, dem von den Lamas gegebenen
Unterricht beizuwohnen, steigen sie in scherzenden lachenden
Grüppchen zu dem grossen purpurfarbenen Gebäude hinauf.
Vor dem Betreten des grossen Saals ziehen sie die Schuhe aus,
dann folgen sie höchst konzentriert mehrere Stunden lang den
Unterweisungen, die nur ab und zu von Gebeten unterbrochen
werden.
Diese Kurse sollen sie insbesondere mit der Meditation
vertraut machen, einer Praxis, die in der Tradition der
Nyingmapa fundamentale Bedeutung hat. Der Höhepunkt der
Meditation besteht in Yarchen in einer 100 Tage dauernden
„Einkapselung“, die auf die kältesten Wintermonate angesetzt
ist. Dieser Übung dienen die Tausende winziger Kabinen, die
Diese Nonnen stehen an, um zu telefonieren. Einige besitzen zwar ein Handy, die meisten
müssen aber jene der Läden benützen, die Yarchen mit Lebensmitteln beliefern.
auf den Hügeln um die Klosterstadt verstreut sind. Die Nonnen
beziehen sie im frühen Morgengrauen und verlassen sie erst
wieder bei Sonnenuntergang. Aus den kleinen Segeltuchzellen
dringt dann der berückende Singsang der betenden und singenden Nonnen, deren Stimmen der Wind zum Himmel hinaufträgt.
Die Nonnen von Yarchen bleiben mehrere Jahre, vielleicht
sogar ein Leben lang in diesem abgeschiedenen Tal. Dieses
Leben der Entsagung soll ihnen ermöglichen, das buddhistische Ideal der Loslösung von der Welt zu verwirklichen. Das
erklärt auch, weshalb sich Tausende von Gläubigen in Yarchen
einfinden. Der Ort steht allen offen, Reichen oder Armen,
Männern oder Frauen, die sich auf den schwierigen Weg der
Erlösung vom unendlichen Zyklus der Wiedergeburten begeben wollen, um sich von dieser Welt, von ihren Zwängen und
Leiden zu befreien.
CHINA UND DIE TOLERANZ
Die chinesischen Behörden scheinen Yarchen gegenwärtig
eine gewisse Toleranz entgegenzubringen. Wie bei allen
religiösen Zentren in Tibet, ist die Studentenzahl begrenzt,
doch Yarchen hat die bewilligte Quote längst überschritten.
2001 hatte der Distrikt unter diesem Vorwand über 800
Hütten zerstört und deren Bewohner zum Verlassen des Tals
aufgefordert. Ein Zeichen, dass Yarchens Schicksal unsicher
bleibt. Das Kloster ist übrigens noch immer nicht auf chinesischen Karten zu finden, trotz seiner über 25-jährigen Existenz.
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