Prävention psychischer Störungen - zentrales Element in

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Stellungnahme
Nr. 3
01.02.2013
Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
Prävention psychischer Störungen - zentrales Element in der Nationalen
Präventionsstrategie
Anlass der Stellungnahme
Zur Diskussion steht ein aktueller Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums
(BMG) für ein "Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention im
Gesundheitswesen", kurz Gesundheitsförderungs- und Präventionsstärkungsgesetz.
Hiermit sollen den besonderen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen sowie von
älteren Menschen und von Menschen mit starken beruflichen oder familiären
Belastungssituationen Rechnung getragen werden. Ebenso soll betriebliche
Gesundheitsförderung verstärkt in den Fokus rücken und die Krankenkassen sich
intensiver für die Gesundheitsförderung engagieren. Als Richtwert ist eine Ausgabenhöhe
von jährlich sechs Euro pro Versichertem pro Jahr für primäre Prävention vorgesehen.
Stärker als bisher sollen die Krankenkassen in die Pflicht genommen werden, ärztliche
Präventionsempfehlungen zu berücksichtigen. Weitere Ziele des Gesetzes: Der GKVSpitzenverband soll konkrete Präventionsziele und Kriterien für die Zertifizierung von
Präventionsangeboten
der
Krankenkassen
festlegen.
Eine
"Ständige
Präventionskonferenz", die alle Akteure des Feldes vereint, soll alle vier Jahre über die
Entwicklung dieser Präventionsziele und deren Umsetzung berichten (Entwurf eines
Gesetzes zur Förderung der Prävention des BMG, Stand 01/2013).
Grundpositionen der DGPPN
1. Psychische Gesundheit muss wichtiges Ziel einer Präventionsstrategie sein
Psychische Störungen sind häufig und folgenschwer. Aktuelle Zahlen zur Verbreitung
psychischer Störungen bei erwachsenen Menschen zwischen 18 und 79 Jahren in
Deutschland im Rahmen des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Institutes (RKI)
zeigen, dass nahezu jede vierte männliche und jede dritte weibliche erwachsene Person
im Erhebungsjahr zumindest zeitweilig unter voll ausgeprägten psychischen Störungen
gelitten hat. Am häufigsten sind Angststörungen (16.2%) und Störungen in
Zusammenhang mit einem Alkoholmissbrauch (11.2%), gefolgt von depressiven
Störungen (8.2%) (Kurth B.M. 2012, Wittchen H.U. & Jakobi F. 2012).
Die Konsequenzen psychischer Störungen für den Einzelnen, aber auch für die
Solidargemeinschaft sind schwerwiegend. Die Gesundheitsberichte verschiedener
gesetzlicher Krankenkassen in Deutschland verzeichnen einen kontinuierlichen Anstieg an
Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund psychischer Störungen, der dem allgemeinen Trend
einer Abnahme der Arbeitsunfähigkeitstage bei den meisten anderen Krankheitsgruppen
entgegen gerichtet ist. Unter den Gesundheitsstörungen, die zu einer Erwerbs- und
Berufsunfähigkeit führen, haben psychische Erkrankungen mittlerweile die Spitzenposition
bezogen (Albus M. 2008). Basierend auf den Berechnungen der Krankheitskosten durch
das Statistische Bundesamt aus dem Jahre 2008 verursachen psychische Störungen etwa
28 Mrd. Euro direkte und 26 Mrd. Euro indirekte Kosten (Produktionsausfall durch
Arbeitsunfähigkeit, Invalidität und vorzeitigen Tod infolge einer Erkrankung). Damit
verursachen psychische Störungen ca. 11% der jährlichen direkten
Krankheitskosten und ca. 18% aller verlorenen Erwerbsjahre (Friedrichs M. 2012).
Die „Global Burden of Disease Study 2010“ (GBD 2010, veröffentlicht am 13.12.12,
Lancet) ist der umfassendste Ansatz seit der GBD 1990, Lebenserwartungen, individuelle
Krankheitslasten und Risikofaktoren weltweit zu schätzen. Weltweit gesehen zeigt sich der
Studie zufolge eine steigende Lebenserwartung. Von chronischen Krankheiten betroffene
Menschen leiden länger unter krankheitsbedingten Beeinträchtigungen und
Behinderungen, was zu einer größeren Krankheitslast in der Bevölkerung führt.
Psychische Erkrankungen haben vor allem im mittleren Lebensalter (20-60 Jahre) häufige
negative soziale und private Folgen. Speziell in Westeuropa werden bis zu 40% der
individuellen Krankheitslasten (Altersgruppe 20-24 Jahre; über alle Altersgruppen hinweg
liegt der Wert bei 21%), sogenannte YLDs („years lived with disability“), von psychischen
Erkrankungen verursacht. Nur Skelettmuskelerkrankungen bedingen ein vergleichbares
Maß an Beeinträchtigung. Konkret heißt das, dass sich unter den 25 größten
Ursachen
chronischer
Beeinträchtigung
sieben
psychische
oder
Verhaltensstörungen befinden, Depression alleine bedingt dabei 9,1% aller YLDs.
Die andere führende Ursache chronischer Beeinträchtigung, chronische Rücken- und
Nackenschmerzen, geht zudem mit einer erhöhten Prävalenz psychischer Störungen
einher.
In unserer durch zunehmende Überalterung geforderten Gesellschaft ist der Erhalt von
Gesundheit und von Leistungs- und Erwerbsfähigkeit bei Menschen, die an der
Wertschöpfung teilnehmen, ganz besonders dringlich. Das betrifft insbesondere
Menschen des mittleren Lebensalters. Die GBD-Studie zeigt, dass für dieses akute
gesamtgesellschaftliche Ziel die Prävention und die Therapie psychischer
Erkrankungen von zentraler Bedeutung sind – denn schon heute stellt diese
Krankheitsgruppe die führende Ursache für vorzeitige Erwerbsunfähigkeit in
Deutschland dar.
Allgemeine Präventionsprogramme, die an die Allgemeinbevölkerung adressiert sind,
waren in der Vergangenheit nur in Einzelfällen (z.B. Rauchen) erfolgreich. Besondere
Chancen für eine Krankheitsprävention ergeben sich heute aber v. a. durch
personenbezogene Interventionen bei Menschen mit erhöhtem Risiko. Die medizinische
Forschung hat v. a. auch bei psychischen Störungen Risikokonstellationen aufdecken und
durch Frühintervention Krankheitsprozesse vor einer Erstdiagnose stoppen können. So
konnten für spezifische Risikogruppen (z. B. bei erhöhtem Psychoserisiko)
evidenzbasierte
wirksame
und
nebenwirkungsarme
personenbezogene
Präventionsstrategien entwickelt werden.
Die Prävention psychischer Störungen muss eine zentrale Rolle in der
Gesamtstrategie der Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention in
Deutschland spielen.
Zur Prävention arbeitsplatzassoziierter psychischer Störungen gehören Maßnahmen des
Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM), die Stigmatisierung psychischer
Beschwerden und der Mangel an evidenzbasierten Präventionsstrategien. Bislang nicht
ausreichend geklärte Zuständigkeiten zwischen den Akteuren stellen relevante
Hindernisse bei der Implementierung sowie der Inanspruchnahme von auf psychische
Störungen ausgerichtete Maßnahmen des BGMs dar.
2. Prävention ist ärztliche Aufgabe
Die Prävention durchzieht alle Bereiche medizinischen Handelns und ist genuin ärztliche
Aufgabe. Das trifft für die primäre Prävention (Krankheitsvorbeugung, Prophylaxe), die
sekundäre Prävention (Frühintervention und Frühbehandlung) und tertiäre Prävention
(Rehabilitation, Verhinderung von Folgeschäden) zu. Die Begriffe Primärprävention und
Gesundheitsförderung werden oft in einem Atemzug genannt. Beide Begriffe stellen
unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Ziel dar, nämlich Erkrankungen vorzubeugen.
Prävention betont dabei die Reduktion von Risikoverhalten und Risikofaktoren in Person
und Umwelt, Gesundheitsförderung hebt auf die Stärkung von Ressourcen und
gesundheitsunterstützende Umwelten ab.
Ärzte verfügen über eine umfassende Expertise hinsichtlich Risikofaktoren und
Risikoprofilen für spezifische Erkrankungen; sie sind damit erster Ansprechpartner
für Prävention. Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und
Nervenheilkunde sind Experten für die Prävention psychischer Störungen, arbeiten
multiprofessionell mit anderen an der Versorgung psychisch Kranker beteiligten
Professionen wie Psychologen, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten,
Gestaltungstherapeuten u. a. zusammen und nehmen eine Schlüsselrolle für die
Aktivitäten in diesem Bereich ein.
Dieser Auftrag ist nicht neu. Die Enquête zur Lage der Psychiatrie (1975) hat die
Versorgung psychisch Kranker grundlegend reformiert und verbessert und war der
Grundstein unseres heutigen flächendeckenden gemeindenahen Versorgungssystems.
Schon in der Enquête wurde die Primärprävention psychischer Störung eigens adressiert
und diesem Aktionsfeld ein ganzes Kapitel eingeräumt (Deutscher Bundestag 1975). Die
vorgeschlagene nationale Präventionsstrategie kann nun neue Rahmenbedingungen für
die Umsetzung dieses Auftrages bieten.
Wie steht die Bevölkerung zur Prävention psychischer Störungen und in welcher Rolle
sieht sie die Ärzte? Dazu liegen nur wenige Daten vor. Eine repräsentative Erhebung in
der deutschen Allgemeinbevölkerung zu Einstellungen zur Prävention depressiver
Erkrankungen konnte eine große Offenheit für dieses Thema konstatieren. Ärzte werden
dabei nach wie vor als Hauptquelle für Informationen zur Prävention gesehen (Schomerus
G. et al. 2008).
3. Präventionsstrategien sind verfügbar
Modellvorstellungen zu den Ursachen von psychischen Störungen machen prinzipiell
präventive Einflussnahmemöglichkeiten deutlich. Im Rahmen von Vulnerabilitäts-StressModellen wird angenommen, dass sich die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken,
aus dem Verhältnis von angeborener Vulnerabilität und äußeren Stressoren auf der einen
Seite – protektiven oder schützenden Faktoren (Kompetenzen und förderliche
Umweltbedingungen) auf der anderen Seite ergibt (Becker P. 1997). Wenngleich
genetische Faktoren nicht veränderbar sind, können Stressoren reduziert oder
Ressourcen und Kompetenzen des Individuums gestärkt werden.
Als präventiv wird dabei jede Intervention bezeichnet, die das neue Auftreten einer
psychischen Störung bei Personen verhindert (Institute of Medicine, Committee on
Prevention of Mental Disorders, Division of Biobehavorial Science and Mental Disorders
1994). Prävention kann dabei auf die gesamte Bevölkerung (universelle Prävention), auf
bestimmte Risikogruppen (selektive Prävention) oder auf Menschen mit subsyndromaler
Symptomatik (indizierte Prävention) gerichtet sein. Prävention kann zudem gezielt zur
Verhaltensmodifikation (Verhaltensprävention) oder zur Veränderung von räumlichen,
sozialen, kulturellen oder gesetzlichen Umweltfaktoren (Verhältnisprävention) eingesetzt
werden. Gerade in der Suchtprävention spielen verhältnispräventive Ansätze, z.B. durch
Gesetze, eine zentrale Rolle (z. B. Gesetz über die Erhebung einer Sondersteuer auf
alkoholhaltige Süßgetränke (Alkopops) von 2004, die als Einstieg in den Alkoholkonsum
bei Jugendlichen gelten).
Hinsichtlich der Zielformulierungen lassen sich spezifische Ansätze zur Verhinderung
psychischer Störungen von unspezifischen Ansätzen zur allgemeinen Verbesserung der
biopsychosozialen Lebensbedingungen unterscheiden (z.B. Anti-Armuts-Interventionen).
Es existiert eine umfassende internationale Literatur, welche die Effektivität von
Präventionsprogrammen im Bereich der psychischen Gesundheit bei Kindern,
Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen zeigt (z. B. Durlak JA 1998, RiedelHeller 2006, van 't Veer-Tazelaar PJ et al. 2011, Cuijpers P et al 2005, Anderson P et al.
2011). Dabei eröffnet sich ein enormes Handlungsfeld mit den verschiedensten
verhaltens- und verhältnispräventiven Ansätzen in verschiedenen Settings.
Die DGPPN sieht eine klare Botschaft und einen dringenden ärztlichen Handlungsauftrag,
der besonders von sehr klaren Ergebnissen selektiver und indizierter Präventionsansätze
für psychische Störungen ausgeht. Beispielhaft seien hier die Prävention von depressiven
Störungen und Psychosen ausgewählt.
Mehr als 30 randomisierte kontrollierte Studien zeigten (selektive und indizierte
Prävention), dass sich Neuerkrankungen einer Depression (Major Depression) um
20 % bis zu 50 % reduzieren lassen (Munoz R.F. et al. 2010). Effektivität wurde dabei
für edukative, psychotherapeutische und lebensstilmodifizierende Interventionen
nachgewiesen. Es konnte gezeigt werden, dass sich die Effektivität im Vergleich mit
etablierten Maßnahmen für kardiovaskuläre Erkrankungen (z. B. Einsatz von Statinen zur
Verhütung eines erneuten Herzinfarktes) sehr gut abschneidet (Munoz R.F. et al. 2010,
Therapeutics Initiative, University of British Columbia 2003). Prävention ist kosteneffektiv
aber nicht umsonst (Smit F. 2006).
Ähnlich intensiv beforscht ist das Feld der Psychoseprävention. Verschiedene
Arbeitsgruppen haben Kriterien für ein klinisch erhöhtes Psychoserisiko entwickelt, welche
unterschwellige psychotische Symptome oder selbstwahrnehmbare Denk- oder
Wahrnehmungsstörungen umfassen. Bei Hochrisiko-Personen wurden substanzielle
Übergangsraten in eine Psychose von 18 % nach 6 Monaten und bis zu 36 % nach 3
Jahren gefunden (Fusar-Poli P et al 2012). Gegenwärtig liegen 8 abgeschlossene
randomisiert-kontrollierte Studien vor, die medikamentöse und psychotherapeutische
präventive Interventionen bei dieser Risikogruppe evaluiert haben (Bechdolf 2013). Es
konnte gezeigt werden, dass diese ganz überwiegend mit einem günstigeren
Symptomverlauf, einer besseren sozialen Anpassung und weniger Übergängen in die
Psychose verbunden waren (Preti A & Cella M 2010). Die präventiven Effekte sind z. T.
auch hier wesentlich stärker ausgeprägt als dies z. B. für die Prävention von
Schlaganfällen durch ein Antihypertensivum bei Patienten mit arterieller Hypertonie
bekannt ist (Müller H et al. 2012). Es gibt ebenfalls Hinweise auf eine Kosteneffektivität
der Interventionen (Phillips LJ et al. 2009).
Im Folgenden werden einige weitere dringende Handlungsfelder
risikogruppenbezogene (selektive und indizierte) Prävention aufgeführt:
für
eine
Kinder psychisch Kranker
Kinder von psychisch kranken Eltern sind nicht nur besonderen Belastungen im
Entwicklungsverlauf ausgesetzt, sondern haben darüber hinaus ein deutlich erhöhtes
Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln und bilden damit eine besondere
psychiatrische
Risikogruppe
(Lenz
A.,
2010).
Untersuchungen
von
»Erwachsenenpopulationen« weisen auf einen Anteil psychisch kranker Eltern mit Kindern
bis zu 61 % hin (Jungbauer J., 2010, Lenz A., 2009). Schätzungen zufolge leben in
Deutschland etwa 2 bis 3 Millionen Kinder mit mindestens einem psychisch erkrankten
Elternteil. Es ist davon auszugehen, dass gut 500.000 Kinder davon bei Eltern mit
schweren psychischen Störungen aufwachsen (Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und
Jugendhilfe AGJ 2010). Eine Untersuchung innerhalb eines stationären kinder- und
jugendpsychiatrischen Settings deutete darauf hin, dass etwa 50 % der dort behandelten
Kinder und Jugendlichen bei einem psychisch kranken Elternteil leben
(Bundespsychotherapeutenkammer 2007). Studien konnten zeigen, dass das Risiko für
Kinder, selbst eine affektive Störung zu entwickeln, bei elterlicher depressiver Erkrankung
2- bis 6-mal erhöht ist; leiden beide Eltern an einer Depression, steigt das Risiko weiter an
(Downey G. et al. 1990).
Psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz und Risikokonstellation Burn-out
Die Risikokonstellation Burn-out ist eine der häufigsten Ursachen arbeitsbedingter
psychischer Gesundheitsprobleme (DGPPN Positionspapier zum Thema Burnout 2012,
Riedel-Heller et al. 2013). Betroffene geben ein hohes Maß an körperlichen und
psychosomatischen Beschwerden an. Folgen sind u. a. Leistungsabfall und Erschöpfung,
die in einer manifesten psychischen Störung münden können. Burn-out – als ein
stressassoziierter pathogenetischer Prozess verstanden – führt zu krankheitsbedingten
Fehlzeiten und möglicherweise zum vorzeitigen Berufsausstieg. Als besondere
Risikogruppen zählen Lehrer im Schuldienst sowie Pflegekräfte und Ärzte (Bauer J. et al.
2002, Nienhaus A. et al. 2012). Untersuchungen durch das RKI in Deutschland ergaben,
dass von einer Prävalenzrate des Burn-out-Syndroms von 4,2 % auszugehen ist (Kurth
B.-M. 2012).
Menschen mit Migrationshintergrund
Laut Migrationsbericht 2009 belief sich der Anteil der im Jahre 2009 in Deutschland
lebenden Personen mit Migrationshintergrund auf 19,2 % der Gesamtbevölkerung (15,703
Millionen, Migrationsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge); hiervon betrug
der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund 10,4 %, der Ausländeranteil 8,8 %. Es
gibt zunehmende Evidenz für einen beträchtlichen Einfluss psychosozialer Aspekte – wie
beispielsweise migrationsspezifischer Stressoren – auf Manifestation und Verlauf
seelischer Erkrankungen bei Migranten (Selten J.P. et al. 2007, Cantor-Graae E. et al.
2005). Hinsichtlich der Prävalenz psychischer Störungen bei Menschen mit
Migrationshintergrund in Deutschland muss davon ausgegangen werden, dass für die
Häufigkeit psychischer Störungen insbesondere unter besonderen Bedingungen
(Asylverfahren, Vertreibung, Isolation, soziale Brennpunkte, Bildungsferne, Armut, Ethnic
Density) und für bestimmte Störungen (akute Belastungsstörungen, posttraumatische
Belastungsstörungen, Diskriminierungserfahrungen, Somatisierungsstörungen) (z. B. Igel
U. et al. 2010, Gül V. et al. 2008, Tagay S. et al. 2008) sowie bei Subgruppen (z. B.
Alkoholabhängigkeit bei Migranten aus der ehemaligen UdSSR) (Koch E. et al. 2008,
Schouler-Ocak M. und Haasen C. 2008) offensichtlich ein höheres Erkrankungsrisiko
besteht.
Evidenzbasierte und kosteneffektive Präventionsstrategien sind bereits vorhanden.
Die DGPPN fordert die Gesetzgeber auf, bestehende Strategien zur Prävention
psychischer Erkrankungen in einen entsprechenden Aktionsplan Prävention
psychischer Erkrankungen aufzunehmen. Als besondere Handlungsfelder für eine
risikogruppenbezogene Prävention werden Kinder psychisch Kranker und
Menschen mit erhöhtem Psychosesrisiko, Menschen mit psychosoziale
Belastungen am Arbeitsplatz und daraus resultierenden Risikokonstellationen (z. B.
Burnout) und Menschen mit Migrationshintergrund identifiziert.
Fazit und Forderungen
Die
DGPPN
unterstützt
die
Neuausrichtung
der
nationalen
Präventionsstrategie. Vor allem begrüßt die DGPPN die vorgesehen „Stärkung
der medizinischen Vorsorgeleistungen“ und die „Praxisorientierte Fortentwicklung
der Leistungen zur Früherkennung von Krankheiten bei Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen“. Auch die Verständigung auf gemeinsame Gesundheitsförderungsund Präventionsziele ist sehr zu begrüßen, wenn dabei hinlänglicher
medizinwissenschaftlicher Sachverstand hinzugezogen wird und die Regeln der
evidenzbasierten Medizin beachtet werden. Die Prävention psychischer Störungen
muss dabei eine zentrale Rolle spielen und sollte in einem Aktionsplan Prävention
psychischer Erkrankungen manifestiert werden.
Primärprävention muss zentral im medizinischen Versorgungssystem
angesiedelt werden. Die Wissensfortschritte bei der Aufdeckung von Krankenund Risikofaktoren können und müssen für medizinische Früherkennungs- und
Interventionsprogramme zur Vorbeugung von Krankheit und ihren Folgen genutzt
werden. Solche evidenzbasierte personenbezogene Präventionsangebote dürfen
der Bevölkerung nicht vorenthalten werden.
Eine leistungsgerechte Finanzierung medizinischer Leistungen zur
Prävention durch die Krankenkassen muss im Interesse der Bevölkerung
sichergestellt werden. Dabei sollten die bereits jetzt für Prävention
veranschlagten Mittel in gezielte personenbezogene Präventionsmaßnahmen
überführt werden. Obwohl Prävention Kosten verursacht, ist langfristig eine
Reduktion von Krankheits- und Krankheitsfolgekosten zu erwarten.
Fachärzte
für
Psychiatrie,
Psychotherapie,
Psychosomatik
und
Nervenheilkunde sind die Experten für die Prävention psychischer
Störungen. Für die häufigen psychischen Störungen müssen fachspezifische
Experten einbezogen werden, um die Implementierung evidenzbasierter
Präventionsstrategien zu gewährleisten. Die Evidenz, insbesondere für
risikogruppenbezogene Interventionen zur Prävention psychischer Störungen,
bedarf einer dringenden Umsetzung. Zur nachhaltigen Entwicklung und
Implementierung von psychiatrischer Prävention im Rahmen von BGM ist das
Zusammenwirken zwischen Fachärzten für Psychiatrie, Psychotherapie,
Psychosomatik
und
Nervenheilkunde,
Arbeitgebern,
Arbeitnehmern,
Betriebsärzten, Politik und Sozialpartnern erforderlich. Eine Vertretung von
Fachärzten
für
die
großen
Volkserkrankungen
in
der
Ständigen
Präventionskonferenz beim BMG ist daher unerlässlich.
Der personenbezogene Ausbau bereits vorhandener gemeindenaher
Versorgungsstrukturen ist für eine fachlich fundierte und wirkungsvolle
selektive und indizierte Prävention
notwendig. Dieser Ausbau soll die
Etablierung von Präventiv- und Früherkennungszentren für psychische Störungen
beinhalten, die ein niederschwelliges und überwiegend ambulant konzipiertes
Angebot darstellen und Betroffenen bereits im Vorstadium einer psychischen
Erkrankung die Möglichkeit geben, sich beraten, untersuchen und gegebenenfalls
auch behandeln zu lassen.
Die Gründung eines Deutschen Zentrums für psychische Erkrankung ist
dringend notwendig, um wirksame Präventionsstrategien für psychische
Störungen zu entwickeln. Trotz der hohen Relevanz dieser Erkrankungsgruppe
wurden weder für psychische Störungen noch für Muskelskeletterkrankungen
dauerhafte Forschungs- und Entwicklungszentren eingerichtet. Die Erarbeitung
neuer Präventions- und Therapiestrategien erfolgt in diesen besonders wichtigen
Krankheitsbereichen auch weiterhin lediglich auf der schmalen Basis befristeter
Projektförderung.
Autoren: S. Riedel-Heller (Leipzig), U. Gühne (Leipzig), I. Hauth (Berlin), A. Heinz
(Berlin), P. Falkai (München), W. Maier (Bonn)
Für den Vorstand der DGPPN
Prof. Dr. med. Wolfgang Maier
Präsident DGPPN
Direktor der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn
Tel.: 022828715723
Fax: 0228-287-16097
E-Mail: wolfgang.maier@ukb.uni-bonn.de
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